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        <title type="volume" n="vol-11">Die Theologie Schleiermachers 1923/1924</title>
        <title type="content">Vorrede</title>
        <title type="citation_line_1">Vorrede, in: Die Theologie Schleiermachers 1923/1924, kein Datum</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/11002 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Die Theologie Schleiermachers 1923/1924 (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1978, S. 1–12.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Die Theologie Schleiermachers 1923/1924</title>
          <title type="text">Vorrede</title>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1978</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 1-12</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe II.11, Die Theologie Schleiermachers 1923/1924, vorrede</title>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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      <head>Diese Vorlesung bedarf einer klienen <milestone xml:id="m1.XI.23" unit="line"/>
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      <head>Vorrede</head>
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        <p>Zwar 1. über die Wichtigkeit unseres Gegenstandes und das gute Recht, ihm ein ganzes Semester zu widmen, sind viele Worte kaum nötig. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> würde eine genaue historische Betrachtung und Kenntnisnahme nur schon darum verdienen, weil er derjenige Mann gewesen ist, in dem sich die Auseinandersetzung des Christentums mit den Bestrebungen und Errungenschaften der großen Wendezeit des deutschen Geistes von 1750-1830, in deren Licht oder Schatten wir bis heute stehen, in einer Weise vollzogen hat, die uns denkwürdig sein müßte, auch wenn er uns im übrigen ein Toter und seine theologische Arbeit für uns überwunden wäre. Keiner seiner Zeitgenossen, mit Ausnahme <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-167">Hegel</persName></hi>s vielleicht, hat jene Auseinandersetzung in so umfassender und beteiligter Weise in Angriff genommen, keiner unter den <hi rend="italic">Theologen</hi> jener Zeit jedenfalls kann ihm an repräsentativer Bedeutung für das, was damals geschehen ist, auch nur von ferne an die Seite gestellt werden. Aber <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ist uns kein Toter, und seine theologische Arbeit ist für uns nicht überwunden. Wenn irgendeiner heute mitredet in der protestantischen Theologie, als ob er mitten unter uns stünde, so ist es <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>. <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName> und die Reformatoren <hi rend="italic">Studiert</hi> man, mit den Augen <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> aber <hi rend="italic">sicht</hi> man, und in seinen Bahnen <hi rend="italic">denkt</hi> man. Das gilt auch da, wo man den wichtigsten seiner Theologumena oder gar ihrer Gesamtheit kritisch oder ablehnend gegenübersteht. Schleiermachersche Methode, Schleiermachersche Voraussetzungen sind heute bewußt oder unbewußt, gewollt oder ungewollt das charakteristische Ferment so ziemlich aller theologischen Arbeit; ich brauche nur an den grundlegenden, vor lauter Selbstverständlichkeit kaum mehr ausgesprochenen Satz zu erinnern, daß der primäre Gegenstand dieser Arbeit in historischer wie in systematischer Beziehung die <pb xml:id="p002" ed="pga"/> 
               <hi rend="italic">Religion</hi>, die Frömmigkeit, das christliche Selbstbewußtsein sei. Wer ist etwa darin mit <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> <hi rend="italic">nicht</hi> einig? Im Jahre 1859 schrieb der Bremenser Prediger <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2581">Fr. L. Mallet</persName></hi> von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>: «Es schien einmal (also schon damals!)<note xml:id="n01">In Klammern gesetzte Bemerkung im Zitat hier und im folgenden, wenn nicht anders vermerkt, von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>.</note>, als sei es aus mit ihm, als habe er seine Dienste getan … Aber mit <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> geht es nicht wie mit dem Erfinder des Denkglaubens (<persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName> in <placeName ref="kbga-places-31">Heidelberg</placeName>): er hat ein zähes Leben, und auf einmal wird an ihn wieder in einer Weise und von einer Seite zur Überraschung seiner Verehrer und Verächter erinnert, die nicht kann übersehen und überhört werden» (Biogr.<note xml:id="n02">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7819"><persName ref="kbga-actors-2582">W. H. Meurer</persName>, <hi rend="italic">Zur Erinnerung an Friedrich Ludwig <persName ref="kbga-actors-2581">Mallet</persName>, weiland Dr. theol. und Pastor prim. an St. Stephani zu Bremen. Eine biographische Charakteristik des Verstorbenen aus dessen hinterlassenen Briefen und Schriften</hi>, Bremen
                            1866.</bibl>
                    </note>, 16). 1870 erschien zuerst das grundlegende Werk von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-96">W. Dilthey</persName></hi> (Neuausgabe von <persName ref="kbga-actors-290">Herm. Mulert</persName> 1922)<note xml:id="n03">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2478"><persName ref="kbga-actors-96">W. Dilthey</persName>, <hi rend="italic">Leben Schleiermachers</hi>, 1. Bd., Berlin
                            1870; <edition>2. Aufl</edition>. hrsg. von <persName ref="kbga-actors-290">H. Mulert</persName>, Berlin 1922; <edition>3. Aufl.</edition> auf Grund des Textes der <edition>1. Aufl.</edition> von 1870 und der Zusätze aus dem Nachlaß, hrsg. von M. Redeker, 1. Halbband (1768–1802), Göttingen 1970.</bibl>
                    </note>, und seither haben die <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>-Renaissancen nicht aufgehört. Die historisch merkwürdigste besteht wohl darin, daß sich die von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-339">A. Ritschl</persName></hi> ausgehende theologische Bewegung, zurückkommend von der ablehnenden Haltung ihres Meisters, nach kurzem Zaudern fast auf der ganzen Linie mit neuer Wärme <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, und zwar ausgerechnet dem <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> der Reden, die <persName ref="kbga-actors-339">Ritschl</persName> 1874 besonders aufs Korn genommen hatte<note xml:id="n04">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7824"><persName ref="kbga-actors-339">A. Ritschl</persName>, <hi rend="italic">Schleiermachers Reden über die Religion und ihre Nachwirkungen auf die evangelische Kirche Deutschlands</hi>, Bonn
                            1874.</bibl>
                    </note>, zugewandt hat; die beiden markantesten Erscheinungen dieser Gruppe, <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName></hi> auf dem einen und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName></hi> auf dem anderen Flügel, wären tatsächlich leichter ohne Ritschi als ohne <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> denkbar. Daß auch die heute im Vordergrund des Interesses stehende <hi rend="italic">religionspsychologische</hi> Schule «zu <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> zurück und von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> aus vorwärts» will (<persName ref="kbga-actors-429">Wobbermin</persName><note xml:id="n05">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-1895"><persName ref="kbga-actors-429">G. Wobbermin</persName>, <hi rend="italic">
                                <hi rend="italic">Systematische Theologie nach religionspsychologischer Methode</hi>, Bd. 2: <hi rend="italic">Das Wesen der Religion</hi></hi>, Leipzig
                            1921, S. VI</bibl>: «Die von mir in den Begriff der religionspsychologischen Methode gefaßte Parole lautet ausschließlich: zurück zu <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>! und: von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> aus vorwärts!» Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1895">A.a.O., S. 133.</bibl>
               </note>), das darf <pb xml:id="p003" ed="pga"/> ich in <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName> als bekannt voraussetzen<note xml:id="n06">Georg Wobbermin (<date from="1869" to="1943">1869–1943</date>) war in <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName> <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Kollege (Prof. für System. Theologie dortselbst <date from="1922" to="1935">1922–1935</date>).</note>. Aber <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat solche Renaissancen jedenfalls nicht darum nötig, weil er etwa vergessen und übersehen worden wäre. Es ist mir schwer begreiflich, wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-706">Fr. Naumann</persName></hi> 1910 schreiben konnte: «Der Abfall vom Protestantismus würde nicht so groß geworden sein, wenn der Protestantismus mehr vom Brote <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> gegessen hätte» (<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> der Philosoph des Glaubens<note xml:id="n07">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2195"><persName ref="kbga-actors-706">F. Naumann</persName>, <hi rend="italic">Zur Einführung</hi>, in: <hi rend="italic">Schleiermacher der Philosoph des Glaubens. Sechs Aufsätze</hi> (von E. Trocltsch, <persName ref="kbga-actors-808">A. Titius</persName>, <persName ref="kbga-actors-293">P. Natorp</persName>, <persName ref="kbga-actors-2570">P. Hensel</persName>, <persName ref="kbga-actors-533">S. Eck</persName>, <persName ref="kbga-actors-329">M. Rade</persName>), Berlin-Schöneberg 
                        1910.</bibl>
                    </note>, S. 8). Von was hat er sich denn genährt, wenn nicht «vom Brote <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName>», und zwar, wie <persName ref="kbga-actors-339">Ritschl</persName> 1874 sicher richtig gesehen hat: auf dem orthodox-pietistischen Flügel so gut wie auf dem liberalen? Daß seine Anregungen noch lange nicht erschöpft und verarbeitet sind, daß es unzählige Theologen gegeben hat und gibt, die sich über die eigentliche Tragweite der Gedanken <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> nie ganz klar geworden, obwohl sie <hi rend="italic">in</hi> ihnen und <hi rend="italic">von</hi> ihnen leben, das ist allerdings zuzugeben. Aber von welchen Großen in der Geschichte würde das <hi rend="italic">nicht</hi> gelten? Daß es sich für <hi rend="italic">unsere</hi> Generation in <hi rend="italic">unserer</hi> Zeit darum handelt, <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> aufs neue und erst recht zu verstehen, das ändert nichts daran, daß ihn die zwei oder drei Generationen vor uns in <hi rend="italic">ihrer</hi> Zeit ebenfalls sehr nachhaltig gehört und verstanden haben. Selten mag eine Prophetie so gründlich in Erfüllung gegangen sein wie die Worte, die der ältere <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2563">Gaß</persName></hi> 1822 unter dem Eindruck der ersten Auflage der Glaubenslehre aus <placeName ref="kbga-places-179">Breslau</placeName> an <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> schrieb: «Das aber soll mir auch niemand abstreiten, daß mit deiner Dogmatik eine neue Epoche nicht nur in dieser Disziplin, sondern im ganzen theologischen Studium beginnen wird» (Briefwechsel<note xml:id="n08">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2230"><hi rend="italic">Friedrich Schleiermacher’s Briefwechsel mit <persName ref="kbga-actors-2563">J. Chr. Gaß</persName></hi>. Mit einer biographischen Vorrede hrsg. von Dr. <persName ref="kbga-actors-2399">W. Gaß</persName>, Berlin
                            1852.</bibl>
                    </note> 195), aber auch die noch weitergreifenden Worte, die <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2585">Aug. Neander</persName></hi> am Tage nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Tod an seine Studenten gerichtet hat: «Von ihm wird einst eine neue <pb xml:id="p004" ed="pga"/> Periode der Kirchengeschichte anheben.»<note xml:id="n09">
                        <bibl><persName ref="kbga-actors-2585">A. Neander</persName>, in: <hi rend="italic">Theologische Studien und Kritiken</hi>, 1834, S. 750.</bibl>
                    </note> Sie <hi rend="italic">hat</hi> tatsächlich angehoben, wie eine vorangegangene in ihm zusammengefaßt und zum Abschluß gekommen ist. Sehen Sie sich einmal an, wie wenig auch solche Darstellungen der neueren Theologiegeschichte, wie etwa die von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2392">Frank</persName></hi><note xml:id="n10">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2196">Fr. H. R. v. <persName ref="kbga-actors-2392">Frank</persName>, <hi rend="italic">Geschichte und Kritik der neueren Theologie, insbesondere der systematischen, seit Schleiermacher</hi>. Aus dem Nachlaß des Verfassers hrsg. von P. Schaarschmidt, Erlangen/Leipzig 
                        1895<hi rend="sup">2</hi>. Dort Kap. I: <hi rend="italic">Die Theologie Schleiermacher’s</hi>, S. 54–131.</bibl>
                    </note> oder die neueste von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-105">Elert</persName></hi><note xml:id="n11">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7806"><persName ref="kbga-actors-105">W. Elert</persName>, <hi rend="italic">Der Kampf um das Christentum. Geschichte der Beziehungen zwischem dem evangelischen Christentum in Deutschland und dem allgemeinen Denken seit Schleiermacher und Hegel</hi>, München
                            1921. Dort Kap. III: <hi rend="italic">Schleiermacher</hi>, S. 36–74.</bibl>
                    </note>, die es gerne anders haben möchten, an <hi rend="italic">der</hi> Stellung <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> vorbeikommen, die <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2580">Lülmann</persName></hi> ihm in seiner Schrift «<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> <hi rend="italic">der Kirchenvater</hi> des 19. Jahrhunderts», Tübingen 1907, zugewiesen hat: «der <hi rend="italic">Genius</hi> des 19. Jahrhunderts auf religiösem, kirchlichem und theologischem Gebiet»<note xml:id="n12">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2149">Chr. <persName ref="kbga-actors-2580">Lülmann</persName>, <hi rend="italic">Schleiermacher der Kirchenvater des 19. Jahrhunderts</hi>, in: <hi rend="italic">Sammlung gemeinverständlicher Vorträge und Schriften aus dem Gebiet der Theologie und Religionsgeschichte</hi>, 48, Tübingen
                            1907, S. 1.</bibl>
                    </note>, als <hi rend="italic">Seins</hi>urteil m.E. eine nicht umzustoßende Bezeichnung. Eben um diesen theologischen Genius des 19. Jahrhunderts kennen zu lernen und darzustellen, möchte ich mit Ihnen <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> studieren. Wenn wir <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> kennen lernen, so lernen wir uns selbst kennen, die prinzipiellen Züge unserer heutigen theologischen Lage. Es hat allerdings im 19. Jahrhundert auch eine <hi rend="italic">Oppositionstheologie</hi> gegeben, die entschieden weder von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ausgegangen noch zu ihm zurückgekehrt ist: Von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-685">Gottfried Menken</persName></hi> wäre hier zu reden und von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-35">J. T. Beck</persName></hi>, von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName></hi> und von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-48">Blumhardt</persName></hi> d. Ä., von dem lutherischen Outsider <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-413">Vilmar</persName></hi> und von dem reformierten <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-647">Kohlbrügge</persName></hi>, von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2220">Lagarde</persName></hi> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName></hi>, von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-47">Blumhardt</persName></hi> d. J. und von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-240">Hermann Kutter</persName></hi>, und es würde sich lohnen, diese siebentausend, die ihre Knie nicht gebeugt haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.19.18">1.Kön. 19,18</ref>], einmal zum Gegenstand einer besonderen Vorlesung zu machen. Aber auf den Gang der theologischen Entwicklung und auf die Gestalt der heutigen Lage haben sie einen bestimmenden Einfluß <pb xml:id="p005" ed="pga"/> bis jetzt nicht oder kaum gehabt, gehörten sie doch in der Mehrzahl, um mit <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName></hi> zu reden, mehr zu den Objekten als zu den Subjekten wissenschaftlicher theologischer Forschung<note xml:id="n13">Anspielung auf eine mündliche Äußerung <persName ref="kbga-actors-155">A. v. Harnacks</persName> zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, er, <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, werde einst mehr zu den Objekten als zu den Subjekten theologischer Forschung gehören.</note>. Der «Genius» der theologischen <hi rend="italic">Groß</hi>kirche ist zweifellos der Genius <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName></hi>. In ihm vereinigen sich als in einem Bildungszentrum sondergleichen die sozusagen offiziellen Anliegen und Errungenschaften der Jahrhunderte seit der Reformation: Orthodoxie, Pietismus, Aufklärung, von ihm emanieren wiederum strahlenförmig die offiziellen Tendenzen der christlichen Neuzeit: Kirchlichkeit, Erlebnisfrömmigkeit, Historismus, Psychologismus und Ethizismus. Mag es auf sich beruhen, inwiefern er persönlich und direkt oder nur als Exponent der romantisch-idealistischen Zeitbewegung überhaupt dieses Bildungszentrum war, inwiefern also die Fäden, die das Vorher mit dem Nachher verbinden, auch an ihm vorbeilaufen. Genug, daß sie fast alle auch über ihn laufen, daß man sich an ihn als Typus für das, was damals für ein Jahrhundert bestimmend geworden ist, mit gutem Gewissen <hi rend="italic">halten</hi> darf, daß man ihn als genialsten Repräsentanten nicht nur einer theologischen Vergangenheit, sondern der theologischen Gegenwart kennen <hi rend="italic">muß</hi>.</p>
        <p>2. Eine zweite Vorbemerkung ist nötig in bezug auf meine <hi rend="italic">persönliche Stellung</hi> zu unserem Gegenstand. Einige von Ihnen erinnern sich vielleicht gewisser Stellen aus meinen Schriften oder aus früheren Vorlesungen, in denen ich meiner <hi rend="italic">bedenklichen</hi> Stimmung gegenüber <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> und dem Schleiermacherschen Genius beiläufig, aber ziemlich unzweideutig Ausdruck gegeben habe.<note xml:id="n14">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-48"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Der Römerbrief</hi>, <edition>2. Aufl.</edition> in neuer Bearbeitung, München 
                        1922, S. 209 und 242 (in allen späteren Ausgaben S. 207 bzw. 240)</bibl>; vor allem: ders., <bibl corresp="kbga-bibls-928"><hi rend="italic">Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie</hi> (Vortrag vom 3.10.1922) in: <hi rend="italic">Die christliche Welt</hi>, Jg. 36 (1922), Sp. 863f., wieder abgedruckt in: <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Das Wort Gottes und die Theologie</hi>, München 
                        1924, S. 164f., und bei <persName ref="kbga-actors-695">J. Moltmann</persName> (Hrsg.), <hi rend="italic">Anfänge der dialektischen Theologie</hi> (<hi rend="italic">ThB</hi> 17, Teil 1), München 
                        1966<hi rend="sup">2</hi>, S. 205f.</bibl>; ferner: <bibl corresp="kbga-bibls-1881"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Reformierte Lehre, ihr Wesen und ihre Aufgabe</hi> (Vortrag vom 17.9.1923) in: <hi rend="italic">ZdZ</hi>, Heft V, München 
                        1924, S. 25, wieder abgedruckt in: <hi rend="italic">Das Wort Gottes und die Theologie</hi>, S. 197.</bibl>
               </note> Ich habe nun keinen <pb xml:id="p006" ed="pga"/> Anlaß zu verschweigen, daß ich <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> und dem Ganzen, was wesentlich durch <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> aus der protestantischen Theologie geworden ist, mit persönlichem <hi rend="italic">Mißtrauen</hi> gegenüberstehe, daß ich die in jener geistig-kulturell so bedeutsamen Zeit in Sachen des Christentums gefallene Entscheidung <hi rend="italic">nicht</hi> für eine glückliche Entscheidung halte, daß der Ertrag meiner bisherigen Beschäftigung mit <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> sich zusammenfassen läßt in jenes Goethewort: «Sieh, es ruft sein Geist dir aus der Höhle: Sei ein Mann und folge mir <hi rend="italic">nicht</hi> nach!»<note xml:id="n15">Schlußzeilen aus <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> Gedicht <bibl corresp="kbga-bibls-2360"><hi rend="italic">Zu den Leiden des jungen Werthers</hi></bibl>: <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">Sieh, dir winkt sein Geist aus seiner Höhle:</l>
                                <l xml:space="preserve">Sei ein Mann, und folge mir nicht nach.</l>
                            </lg>
                        </q>
               </note> und daß ich nicht versprechen kann, daß die Sache im Laufe der Vorlesung ein anderes Gesicht bekommen wird. Aber ich möchte das nur um der Ehrlichkeit willen ausgesprochen haben und wünschte, Sie könnten es nun sofort wieder vergessen; denn der Zweck meiner Vorlesung ist nicht der, Sie gegen den allverehrten <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> scharf zu machen, sondern ihn mit Ihnen sehen, kennen und verstehen zu lernen, nicht, Sie zu der Anmaßung anzuleiten, fertig mit ihm zu sein, sondern bescheiden mit ihm «anzufangen», überhaupt nicht über ihn abzuurteilen, sondern ihn zu begreifen, wie er nun einmal war und offenbar sein mußte. Man kann sich ja unmöglich mit <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> beschäftigen, ohne einen starken Eindruck zu bekommen nicht nur von dem großen Ernst seiner sittlichen und wissenschaftlichen <hi rend="italic">Persönlichkeit</hi>, nicht nur von der dialektisch-systematischen <hi rend="italic">Kunst</hi>, die in allen seinen Darbietungen fast bis auf die letzte Sonntagspredigt entfaltet ist, sondern auch von der Größe der <hi rend="italic">Aufgabe</hi>, die er sich gestellt, und von der männlichen <hi rend="italic">Beharrlichkeit</hi>, mit der er seinen einmal betretenen Weg tapfer zu Ende gegangen ist. Kein Wunder wahrhaftig der in der Geschichte der Theologie seit der Reformation fast unvergleichliche Einfluß, der von ihm ausgegangen ist. Wir haben es mit einem <hi rend="italic">Klassiker</hi> zu tun. Wer von dem <hi rend="italic">Glanz</hi> dieser Erscheinung, von dem Zauber, der von ihr ausgegangen ist und noch ausgeht, nichts gemerkt hätte, ja, ich möchte fast sagen, wer ihm nie erlegen wäre, der dürfte hier auf keinen Fall wider den Stachel löcken [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.5">Act. 9,5</ref>]. Sie dürfen also <pb xml:id="p007" ed="pga"/> von mir zwar nicht erwarten, daß ich mit der Überschwenglichkeit <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2580">Lülmanns</persName></hi> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> eine «gigantische Persönlichkeit» nenne, «Priester und Prophet zugleich und ein König im Reiche der Geister» (<bibl corresp="kbga-bibls-2360">A.a.O. S. 12</bibl>) — die Lehre vom dreifachen Amt würde doch wahrscheinlich besser der Christologie vorbehalten; es soll aber auch keine Götzenzertrümmerung sein, was Sie hier zu erwarten haben, sondern schlicht und ruhig Beobachtungen und Feststellungen. Ergänzen Sie <hi rend="italic">meine</hi> Beobachtungen und Feststellungen durch eigene Mitarbeit! Die Literatur von und über <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ist ein weites Meer, wo vieles zu sehen ist, was ich vielleicht auch nicht gesehen habe und was Ihnen zur Ergänzung und Berichtigung meiner Darstellungen dienen kann. Benützen Sie diese Möglichkeit, Ihrerseits zu kontrollieren, ob es bei der <hi rend="italic">immanenten</hi> Auseinandersetzung mit unserem Helden, die natürlich auch bei dem vorwiegend deskriptiv-statistischen Verfahren, das ich mir vorgenommen, unvermeidlich ist, mit rechten Dingen zugeht.</p>
        <p>Eine umfassende, von der ersten Zeile an <hi rend="italic">kritische</hi>, ausdrücklich als systematische Auseinandersetzung gemeinte Darstellung <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> haben wir im Laufe dieses Winters zu erwarten aus der Feder von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-63">Emil Brunner</persName></hi> («Die Mystik und das Wort» bei Siebeck, <placeName ref="kbga-places-61">Tübingen</placeName>)<note xml:id="n16">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-1464"><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, <hi rend="italic">Die Mystik und das Wort. Der Gegensatz zwischen moderner Religionsauffassung und christlichem Glauben dargestellt an der Theologie Schleiermachers</hi>, Tübingen
                            1924.</bibl> Vgl. dazu: <bibl corresp="kbga-bibls-1465"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Brunners Schleiermacherbuch</hi>, in: <hi rend="italic">ZdZ</hi> Heft VIII, 1924, S. 49–64.</bibl>
               </note> Ich habe sie im Manuskript wenigstens teilweise zur Kenntnis nehmen können. <persName ref="kbga-actors-63">Brunners</persName> Ziel ist nicht das, <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> kennen zu lehren, sondern Solchen, die ihn schon kennen, klar zu machen, was gegen ihn zu erinnern ist, ähnlich wie <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst in seinen «Grundlinien einer Kritik aller bisherigen Sittenlehre»<note xml:id="n17">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2153">Fr. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre, Sämmtliche Werke</hi>, 3. Abth. Bd. 1, Berlin
                            1846.</bibl>
                    </note> die Geschichte der Ethik von Plato bis zu <persName ref="kbga-actors-551">Fichte</persName> nicht sowohl bekannt machen als die bekannte dialektisch kritisieren wollte. <hi rend="italic">Mein</hi> Ziel in dieser Vorlesung ist, obwohl ich mit der Brunnerschen Kritik, soweit ich sehe, einig gehe, das erste, das Bekanntwerden und Bekanntmachen, also, wenn Sie so wollen, die Bereitstellung von einigem <pb xml:id="p008" ed="pga"/> Material zum Verständnis des Brunnerschen Buches, das wohl nicht nur in den Kreisen der <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>-Spezialforschung ernstlich zu reden geben wird.</p>
        <p>3. Eine dritte Bemerkung muß endlich gemacht werden über die Art des <hi rend="italic">Vorgehens</hi>, das ich mir vorgenommen habe. Der übliche und scheinbar selbstverständliche Weg, sich mit der historischen Erscheinung <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> bekannt zu machen, wäre natürlich der <hi rend="italic">genetische</hi> eines Aufweises, wie die Schleiermachersche Theologie, <hi rend="italic">geboren</hi> aus dem «mütterlichen Leib» der Brüdergemeine, auf den er in der ersten Rede über die Religion<note xml:id="n18">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-212">Fr. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern</hi>, Berlin
                            1799</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitiert nach der Neuausgabe von <persName ref="kbga-actors-311">R. Otto</persName>, Göttingen <date when="1906">1906</date>, S. 10. Seine Seitenangabe bezieht sich auf die Paginierung der Originalausgabe von <date when="1799">1799</date>, die bei <persName ref="kbga-actors-311">Otto</persName> mit angegeben ist, ebenso wie in der neuesten Ausgabe von <persName ref="kbga-actors-2596">H.-J. Rothert</persName>, Hamburg <date when="1958">1958</date>/<date when="1970">1970</date> (Philosophische Bibliothek Bd. 255).</note> (S. 14) anspielt, dann eingebettet in das Geistesleben der abklingenden Aufklärung, der aufstrebenden Romantik, des kantisch-fichteschen Idealismus, als etwas Eigenes <hi rend="italic">wurde</hi> und endlich nach allen Seiten sich <hi rend="italic">entfaltete</hi>. Ich sehe die Berechtigung und Nützlichkeit dieser Methode, der ich in meinen früheren Vorlesungen über <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName><note xml:id="n19">Barth las in <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName> im Sommersemester <date when="1922">1922</date> über «Die Theologie <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName>», im Wintersemester <date when="1922">1922</date>/<date>23</date> über «Die Theologie <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>».</note> ebenfalls folgte, durchaus ein, aber ich habe mir sagen müssen, daß gerade bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> und der eigentümlichen Lage, in der ich mich ihm gegenüber befinde, dieser Weg nicht mein Weg sein könne. Die Anwendung der genetischen Methode setzt voraus, daß man die betreffende Erscheinung offen oder heimlich in eine bestimmte <hi rend="italic">Gesamtgeschichtsbetrachtung</hi> eingeordnet hat. Diese Einordnung ihrerseits aber hat zur Voraussetzung ein bestimmtes Urteil, ein <hi rend="italic">historisches Werturteil</hi> über die betreffende Erscheinung, ein Vorzeichen (vorwiegend positiv oder vorwiegend negativ), das man ihr (wiederum offen oder heimlich) vom eigenen systematischen Standpunkt aus gegeben hat. Man wird nun, besonders dann, wenn das Vorzeichen, das jemand einer Erscheinung gibt, vorwiegend <hi rend="italic">negativ</hi> ist, Anlaß haben, <hi rend="italic">mißtrauisch</hi> zu sein gegenüber der historischen Einordnung, aber auch gegenüber <pb xml:id="p009" ed="pga"/> der genetischen Schilderung, die er ihr zuteil werden läßt. Ein Historiker, der z.B. aus einer ganz bestimmten Auffassung des reformatorischen Christentums heraus <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> im wesentlichen ablehnend gegenübersteht, wird ihm wahrscheinlich in seinem Gesamtbild von der Reformation eine Stelle irgendwo in der Mitte des fatalen Dreiecks von mittelalterlichem Reformkatholizismus, Humanismus und Schwärmertum anweisen, und es wird ihm ein Leichtes sein, in seiner genetischen Darstellung die entsprechenden Belege dafür vorzubringen; aber ob er damit <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> wirklich gerecht geworden ist, ihn richtig gesehen hat, das hängt dann doch letztlich an dem dünnen Faden seiner eigenen systematischen Stellungnahme. Grundsätzlich das Gleiche gilt natürlich auch dann, wenn das Vorzeichen, das man einer Erscheinung gibt, vorwiegend <hi rend="italic">positiv</hi> ist. Aber ich möchte doch die <hi rend="italic">Wahrscheinlichkeit</hi> einer gerechten, d.h. richtigen Einordnung und genetischen Würdigung in diesem Fall als <hi rend="italic">größer</hi> einschätzen, weil Liebe, wo man lieben <hi rend="italic">kann</hi>, sicher auch in der Geschichte a priori der verhältnismäßig sicherere Weg zur Erkenntnis ist als Fremdheit oder Abneigung. Da ich nun <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> gegenüber leider <hi rend="italic">nicht</hi> in dieser glücklichen Lage bin wie etwa seinerzeit <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> gegenüber, da ich aber andererseits jedenfalls den Willen habe, ihm <hi rend="italic">gerecht</hi> zu werden, d.h. ihn richtig zu sehen, so möchte ich auf das genetische Verfahren, das unter diesen Umständen notwendig und mit Recht jenem Mißtrauen ausgesetzt sein müßte, verzichten und einen Ausblick auf seine Entwicklung und auf die historischen Zusammenhänge bestenfalls zum Schluß wagen. Der gewiesene Weg wird dann der sein, daß wir <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, statt ihn von irgendeinem offen oder heimlich herzugebrachten Schema aus einzuordnen und zu deuten, <hi rend="italic">für sich selber</hi> reden lassen und anhören, und zwar so, wie er <hi rend="italic">sich</hi> 
               <hi rend="italic">selbst gegeben hat</hi> oder vielmehr geben <hi rend="italic">wollte</hi>, also <hi rend="italic">ausgehend</hi> (gerade <hi rend="italic">nicht</hi> von seinen für die genetische Betrachtung freilich interessanteren, aber von ihm selbst doch als bloß vorläufig oder nebensächlich überholten und zurückgestellten, sondern) immer von seinen <hi rend="italic">reifsten</hi> und <hi rend="italic">entscheidendsten</hi> Äußerungen. Er muß, gerade in unserem Fall, vor Allem Gelegenheit haben, sich von seiner besten und ihm selbst wichtigsten Seite zu zeigen, in dem, was er gesagt hat, nicht in dem, <pb xml:id="p010" ed="pga"/> wie er nach unserer Kombination dazu gekommen sein möchte, es zu sagen, in dem, was er schließlich unzweideutig war und wollte, nicht in der Zweideutigkeit seines Werdens. Nur zur Erklärung des sonst vielleicht stellenweise unverständlichen Bildes möchte ich also, wo es nötig ist, auf den Gang seiner Entwicklung, auf die Einflüsse, die auf ihn gewirkt haben, zu reden kommen, in der Hauptsache aber einfach eine Art Bestandsaufnahme vorzunehmen suchen, den Mann sich selber beleuchten lassen, als ob ich mich als sein Zeitgenosse unter seine Kanzel oder vor sein Katheder setzen könnte, mit brennendem Interesse nicht sowohl auf seine äußere oder innere Biographie als vielmehr auf die Mitteilungen gerichtet, die er uns zu machen haben wird und — um in dem vorher gesteckten Rahmen unserer Betrachtung zu bleiben — nur mit der <hi rend="italic">einen</hi> Frage, wie das, was er uns sagt, gemeint sein könnte, nur mit dem <hi rend="italic">einen</hi> Wunsch, immer noch <hi rend="italic">mehr</hi> von ihm zu hören zur besseren Erklärung seiner wahren Meinung.</p>
        <p>Und nun habe ich mir die Sache so zurechtgelegt: <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ist 1. Pfarrer gewesen, 2. Theologieprofessor, 3. Philosoph. Danach hätten wir 1. von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> <hi rend="italic">Predigten</hi> zu reden. Wir können nicht besser in <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> eigenem Sinn und Interesse handeln, als indem wir <hi rend="italic">sie</hi> an den Anfang stellen. Sein «eigenes Amt» hat <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> schon 1805 in Halle das Predigtamt genannt (Br. II 16<note xml:id="n20">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2228"><hi rend="italic">Aus Schleiermacher’s Leben</hi> in <hi rend="italic">Briefen</hi>, 4 Bde., Berlin 
                        1858-1863. Von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im folgenden abgekürzt: Br.</bibl>
                    </note>), und alle seine Briefe aus jener Zeit bezeugen einen förmlichen Drang zur Kanzel, seinen «Enthusiasmus für die Kanzel», wie <hi rend="italic">Spalding</hi> d.Ä. ihm 1804 schrieb (Br. III 376<note xml:id="n21">Der Brief (vom <date when="1804-01-16">16.1.1804</date>) stammt von <persName ref="kbga-actors-2611">G. L. Spalding</persName>, Professor am Kölnischen Gymnasium, dem <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> befreundeten Sohn von <persName ref="kbga-actors-2610">J. J. Spalding</persName> («dem Älteren», <date from="1714" to="1804">1714–1804</date>).</note>), der ihn damals erfüllte, und auch der Tenor seiner späteren Äußerungen weist dahin, daß wir hier nach seiner eigenen Meinung den Schwerpunkt seiner Tätigkeit zu suchen haben. Dieser Eindruck wird bestätigt durch das Urteil seiner besten Kenner. So sein ältester Schüler <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2615">K. Thiel</persName></hi>: «Vor der Gemeine in der Predigt auszuströmen zur Erweckung des Glaubens, das war bei weitem die süßeste Lust seines schönen Lebens, <pb xml:id="p011" ed="pga"/> das ist, was seinem Leben weit über die Zeit hinaus, in der er sprach, eine wahrhaft apostolische Bedeutung für alle Zukunft gegeben hat» («<persName ref="kbga-actors-360">Friedrich Schleiermacher</persName>», Berlin 1835, S. 64). So <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2399">Gaß</persName></hi> d.J.: «Sein erstes Amt war ein Predigtamt; der Kanzel blieb er bis zum Tode treu … Die akademische Lehrtätigkeit trat wie eine zweite, von ihm nicht erstrebte Laufbahn hinzu, die er fast wider Willen bis ans Ende verfolgen mußte … Man könnte sein Leben als Einkehr in die christliche Frömmigkeit an der Hand des Predigtamts bezeichnen, oder ihm sogar, indem man seiner Erziehung gedenkt, den Sinn einer Rückkehr beilegen» (Briefwechsel<note xml:id="n22">Vgl. oben Anm. 8.</note> XI). Und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-96">Dilthey</persName></hi>: «Die höchsten Wirkungen seines Genies waren von der Kanzel» (S. 76)<note xml:id="n23">Vgl. oben Anm. 3.</note>. Schon dieses erste Kapitel wird uns hoffentlich ein annähernd vollständiges, wenn auch noch nicht systematisch geordnetes Bild von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Theologie, d.h. von dem, was er als christliche Lehre vorgetragen hat, bieten. Den zum Verständnis nötigen wissenschaftlichen Zusammenhang lassen wir uns dann wieder von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst bieten, indem wir uns 2. seinen <hi rend="italic">theologischen Werken</hi> im engeren Sinn, der «Kurzen Darstellung des theologischen Studiums» und den großen Arbeiten «Der christliche Glaube» und «Die christliche Sitte» vor Allem, zuwenden. Haben wir es in den Predigten mit dem fast unmittelbaren, nur flüchtig vorbereiteten Erguß dessen zu tun, was als Christentum in <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> lebte — und für unseren Zweck muß uns das gerade als solches wichtig sein —, so in dieser zweiten, akademischen Schicht des Schleiermacherschen Lebenswerkes mit den wohlüberlegten, zusammenhängenden und als endgültig anzusprechenden Formulierungen derselben Erkenntnis im Blick auf jene große Auseinandersetzung zwischen Christentum und neuzeitlicher Kultur, die man wohl als das eigentliche Thema seines Lebens bezeichnen darf. Ich gedenke aber in diesem zweiten Kapitel nur das System, den wissenschaftlichen Zusammenhang der christlichen Gedanken <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> als solchen und in sich zur Sprache zu bringen, um mich dann 3. der Schleiermacherschen <hi rend="italic">Philosophie</hi>, soweit sie uns eben zum Verständnis seiner Theologie angeht, d.h. den <pb xml:id="p012" ed="pga"/> vorwiegend philosophischen Teilen der theologischen Schriften (Einleitung zur Glaubenslehre!<note xml:id="n24">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-448">Fr. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhang dargestellt</hi>, 1821, 1830</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-7836">
                            <edition>3. unveränderte Aufl.</edition>, Berlin
                            1835/36 (= <hi rend="italic">Sämmtliche Werke</hi>, 1. Abth., Bd. III und IV)</bibl>; 7. Aufl. auf Grund der 2. Aufl. und kritischer Prüfung der Texte neu hrsg. von M. Redeker, Berlin <date when="1960">1960</date>, Bd. I, S. 8ff.</note>), seiner Dialektik, philosophischen Ethik, Psychologie usf. zuzuwenden, aber auch seinen Reden über die Religion, die ja nach Form und Inhalt entschieden in diesen Zusammenhang gehören. Hier werden wir es dann, wenn nicht mit seiner <hi rend="italic">Begründung</hi> der Theologie oder gar der Religion, so doch mit seinem wissenschaftlichen Nachweis der <hi rend="italic">Möglichkeit</hi> dieser Größen zu tun bekommen. Also 1. was predigt er? 2. wie sicht das wissenschaftliche Ganze dieses Predigtinhaltes aus? 3. woher und wohin die Predigt und der Predigtinhalt? Wenn wir auf diese drei Fragen einigermaßen deutliche Antworten bekommen, so werden wir sagen dürfen, <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, wie wir uns auch zu ihm stellen mögen, gesehen und verstanden zu haben. Daß ich diese Dreiteilung nicht aus der Luft greife, kann Ihnen ein Blick in <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> «Kurze Darstellung» zeigen, in der Sie den theologischen Stoff von ihm selbst genau nach diesem Schema unter den Titeln «philosophische», «historische», «praktische» Theologie disponiert finden. Die Abweichung, die ich mir erlaube, besteht also nur in der Umkehrung der Reihenfolge, mit der ich mich aber, wie gezeigt, ebenso auf <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst berufen kann. Bleibt uns die Zeit dazu, so mag dann zum Schluß als viertes Kapitel, wenn <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst ungebrochen zu Worte gekommen ist — und darauf kommt es mir an —, auch noch ganz vorsichtig und zurückhaltend der Versuch einer historischen Einordnung gewagt werden.</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
