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        <title type="volume" n="vol-11">Die Theologie Schleiermachers 1923/1924</title>
        <title type="content">Die Sonntagspredigt der letzten Jahre</title>
        <title type="citation_line_1">Die Sonntagspredigt der letzten Jahre, in: Die Theologie Schleiermachers 1923/1924, 1923 – 1924</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/11003 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Die Theologie Schleiermachers 1923/1924 (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1978, S. 13–94.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Die Theologie Schleiermachers 1923/1924</title>
          <title type="text">Die Sonntagspredigt der letzten Jahre</title>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1978</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 13-94</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe II.11, Die Theologie Schleiermachers 1923/1924, section 01</title>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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      <head>DIE SONNTAGSPREDIGT DER LETZTEN JAHRE</head>
      <div>
        <p>«Durch das Anschauen seiner selbst gewinnt der Mensch, daß sich ihm nicht nähern darf
               Mutlosigkeit und Schwäche: denn dem Bewußtsein der inneren Freiheit und ihres
               Handelns entsprießt ewige Jugend und Freude. Dies habe ich ergriffen und lasse es
               nimmer, und so seh ich lächelnd schwinden der Augen Licht und keimen das weiße Haar
               zwischen den blonden Locken. Nichts, was geschehen kann, mag mir das Herz beklemmen;
               frisch bleibt der Puls des inneren Lebens bis an den Tod» (<persName ref="kbga-actors-2491">Schiele</persName> 94<note xml:id="n01">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-495">Fr. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Monologen. Eine
                           Neujahrsgabe</hi> (Originalausgabe
                        1800). Kritische Ausgabe von <persName ref="kbga-actors-2491">F. M. Schiele</persName>, Leipzig
                           1902; 2. durchgesehene Ausgabe von <persName ref="kbga-actors-290">H. Mulert</persName>, Leipzig
                           1914</bibl>; beide: Phil. Bibl. Bd. 84.</note>). Das waren die Schlußworte der
               Monologen, mit denen einst der einunddreißigjährige <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> das neue Jahr und
               Jahrhundert begrüßt hatte. Was er hier gewünscht oder vielmehr kühn behauptet in
               bezug auf sein Altern und Sterben, das ist in seinen letzten Lebensjahren, soweit es
               überhaupt möglich war, in Erfüllung gegangen. «Das letzte Mal dürfte es wohl sein in
               diesem irdischen Leben», schreibt er im August 1833, im Begriff, eine Reise nach
               Schweden anzutreten, an seinen Jugendfreund <persName ref="kbga-actors-2547">Brinckmann</persName>, den er dort zu treffen
               hoffte. «Laß dich nur bei leidlicher Gesundheit finden von deinem ganz weißköpfigen
               aber doch frischen und unveränderlichen Freund» (Br. IV 408). Diesen Worten
               entsprechen die Züge <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> auf den verschiedenen aus dieser Zeit stammenden
               Porträts. Sie haben alle kaum etwas Greisenhaftes. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ist nicht nur nicht
               als Emeritus, sondern nach Allem, was man weiß, auch nicht als<note xml:id="n02">Mskr.: «nur». Änderung vom Hrsg.</note> Ermüdeter und Abgekämpfter, sondern <pb xml:id="p014" ed="pga"/> mitten in den Sielen gestorben. Sonntag 26. Januar 1834
               hielt er seine letzte Hauptpredigt, Sonntag 2. Februar seine letzte Frühpredigt,
               Donnerstag 6. Februar seine letzten Vorlesungen, Freitag 7. Februar brach die
               Krankheit aus, am folgenden Mittwoch 12. Februar 1834 starb er. «Er lehrte, er
               predigte, bis die Stimme ihm versagte», sagte der Philosoph <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-789">Steffens</persName></hi> bei der Beerdigung<note xml:id="n03">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7804">Fr. Strauß, <persName ref="kbga-actors-2591">F. A. Pischon</persName>, <persName ref="kbga-actors-789">H.
                           Steffens</persName>, <hi rend="italic">Drei Reden am Tage der Bestattung des
                           weiland Professors der Theologie und Predigers Herrn Dr. Schleiermacher
                           am 15ten Februar 1834</hi>, Berlin
                            1834, S. 35.</bibl>
                    </note> Das alles scheint mir das Recht zu begründen, von den Predigten der letzten
               Jahre als den wenn auch vielleicht nicht lebendigsten, so doch reifsten Produkten
               seiner Kanzeltätigkeit, und zwar — da ich die Festpredigten für sich nehmen möchte —
               zunächst von den gewöhnlichen Sonntags-(Haupt- und Früh-)predigten der Jahre 1831-34,
               den Ausgang zu nehmen.</p>
        <p>
                    <milestone xml:id="m5.XI.23" unit="line"/> Um in die charakteristischen Bahnen des
               Schleiermacherschen christlichen Denkens und Redens hineinzukommen (wobei uns
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst auf seine Spur bringen muß), tun wir am besten, zunächst eine
               kleine Folge seiner Predigten in kurzen <hi rend="italic">Analysen</hi> ihres wichtigsten
               Inhaltes, einfach wie sie sind, an uns vorüberziehen zu lassen. Ich wähle dazu — es
               kommt nicht viel darauf an, aber es bietet auch äußerlich ein gewisses Interesse —
               die Predigten von Neujahr bis Sonntag Sexagesimae (2. Februar) 1834, also die <hi rend="italic">sechs letzten Predigten</hi>, die <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> überhaupt gehalten hat
               (3 Hauptpredigten <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III 752ff</bibl>.<note xml:id="n04">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Friedrich Schleiermacher’s sämmtliche Werke</hi>. 2.
                        Abth.: <hi rend="italic">Predigten</hi>. 10 Bände, hier: III,
                           Berlin 1834ff. Zitiert als: <hi rend="italic">Pr.</hi></bibl>
                    </note>, 2 Frühpredigten <title level="m">Pr.</title> VI 164ff.<note xml:id="n05">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2176"><persName ref="kbga-actors-360">Fr. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Predigten über das Evangelium Marci
                           und den Brief Pauli an die Kolosser</hi>, hrsg. von Fr.
                           Zabel, 2 Bde., Berlin
                        1835 (= <hi rend="italic">Sämmtliche Werke</hi>, 2. Abth.,
                        Predigten Bde. V und VI).</bibl>
                    </note>, letzte Frühpredigt, ed. <persName ref="kbga-actors-2536">Joh. Bauer</persName>, Marburg 1905<note xml:id="n06">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7798"><hi rend="italic">Schleiermachers letzte Predigt</hi>. Mit einer
                        Einleitung neu herausgegeben von D. Johannes <persName ref="kbga-actors-2536">Bauer</persName>,
                           Marburg
                            1905</bibl>
                    </note>).</p>
        <p>Die <hi rend="italic">Neujahrspredigt</hi><note xml:id="n07">«Am Neujahrstage <date when="1834">1834</date>», <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 752–764.</bibl>
               </note> hat zum Text das Wort: «<hi rend="italic">Friede</hi> sei mit euch!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.20.19">Joh. 20,19</ref>] Der Prediger will
               den Inhalt dieses Grußes des Erlösers entwickeln an Hand einer «Betrachtung des
               ganzen mannig <pb xml:id="p015" ed="pga"/> faltigen <hi rend="italic">Lebens</hi>, welches
               sich gleichsam heute vor unseren Augen [wieder] aufrollt»<note xml:id="n08">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 753.</bibl> Hervorhebung im Zitat hier und im folgenden fast immer von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>.</note>.
               Friede den <hi rend="italic">Völkern</hi> zuerst. Eine lange Kriegsperiode (Revolution und
               napoleonische Kriege) liegt zum Glück nun <hi rend="italic">hinter</hi> uns. Die Weisen
               brauchen sich nicht mehr abzumühen, «um zu enträtseln, auf welche Weise und in
               welchem Sinn der blutige Krieg doch auch eine Wohltat sein könne»<note xml:id="n09">Ebd.</note>. Die Einsicht und der Wille zur Verständigung haben überhandgenommen.
               Freuen wir uns dessen. Möge jedes Volk seinen eigenen Weg gehen, selbständig in
               seiner Art, aber ohne Widerwillen gegen andere, der letztlich doch nur auf Irrtum
               beruhen kann; möchten die noch bestehenden Schranken zwischen den Völkern immer mehr
               fallen durch die kräftige Hand des Wohlwollens und der Bruderliebe, daß alle ihre
               Kräfte miteinander vereinigen zu den großen und edlen Zwecken des menschlichen
               Geschlechts auf Erden. Möchten die Völker aber auch den inneren Frieden finden! Er
               ist nicht unbedroht (Nachwehen der Julirevolution!). Das in der Natur wie im
               Christentum begründete edle Streben nach Gleichheit darf nicht ausgerottet werden.
               Aber eine mechanische eintönige Gleichheit wäre weder möglich noch wünschenswert.
               Streben wir also nach einer höheren Gleichheit eben vermittelst der Ungleichheit, die
               in unseren Verhältnissen, recht geleitet, nur segensreich wirken kann. Friede
               zweitens mit den christlichen <hi rend="italic">Gemeinden</hi>, wie sie auch heißen mögen.
               Ihre Mannigfaltigkeit ist zum großen Teil nicht in der Sache begründet.
               Vereinigungsversuche dürfen zwar nicht mit Gewalt herbeigeführt werden, auch nicht
               durch Aufrichtung von gemeinsamen Bekenntnissen, die doch nur Buchstaben sein können
               — «nichts anders als eine aus vielen anderen Erklärungen über dies oder jenes im
               göttlichen Worte oder in dem inneren Bewußtsein der Christen»<note xml:id="n10">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 756.</bibl>
                    </note> — «was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten?» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.24.5">Lk. 24,5</ref>] (Anspielungen auf Vorgänge bei
               der Durchführung der preußischen Union) —, wohl aber durch liebevolle Freude an der
               Eigentümlichkeit jeder besonderen Gemeinschaft, die ja doch nur <pb xml:id="p016" ed="pga"/> ihre besondere Gabe ist, dargebracht dem gern von allen verehrten
               Haupt. «Es kann nicht fehlen, daß nicht doch die Liebe zu dem Erlöser bei Allen der
               tiefste Grund davon sein sollte; denn warum würden sie sonst seinen Namen bekennen
                  …?»<note xml:id="n11">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 757</bibl>; Schl.: «… der innerste Grund …»</note> Aber auch innerhalb der einzelnen
               Gemeinschaften kann der Friede nicht dadurch gesucht werden, daß die Gleichgesinnten
               sich unter sich zusammenschließen. Absonderung bringt keinen Frieden, führt vielmehr
               zu immer neuen Trennungen (man wird bei dieser Polemik an den Berliner Pietismus
               denken müssen, der sich seit den Befreiungskriegen unter <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Augen
               ausbreitete). «Laßt uns den Segen erkennen, der darin liegt, daß wir einem so weit
               verbreiteten kirchlichen Verbande angehören, wie unsere deutsche evangelische Kirche
               ihn darstellt.»<note xml:id="n12">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 759.</bibl>
                    </note> Möge in diesem «großen Verein» jeder nach der Gestalt, zu der Gott ihn
               erschaffen, sein Bestes tun, aber ebenso auch jede andere Gestalt des christlichen
               Lebens mit Liebe und Freude betrachten und nicht bloß betrachten, sondern auch nach
               Vermögen sich aneignen, damit Jedem Alles eigen und Allen Alles sei. Friede drittens
               den <hi rend="italic">Universitäten</hi>. Hier geht es darum, sowohl das gute Alte zu
               überliefern und zu erhalten als auch den Söhnen die Freiheit zu geben, besser zu
               werden als die Väter. Also kein sich Vordrängen der einzelnen Persönlichkeit, keine
               unstete Neuerungssucht, kein Parteitreiben der älteren und jüngeren Richtungen,
               sondern treue Vereinigung der Kräfte. Friede endlich viertens den <hi rend="italic">christlichen Häusern</hi>. Werden nicht immer noch zu viele Prozesse geführt?
               Sollte die staatliche Zivilgerichtsbarkeit in einem christlichen Volk nicht eines
               Tages überflüssig werden? Um wie manche neubegründete Ehe muß man bange sein, sie
               möchte keine Stätte des Friedens werden! Woher sollte der Friede kommen in «dieses
               große verwickelte Treiben der Menschen in einer Stadt wie die unsrige und unter einem
               großen weit verbreiteten Volk wie das unsrige …, wenn in den Häusern nicht die Kraft
               der Gottesfurcht in dem schönen echten Sinne des Wortes waltet»<note xml:id="n13">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 763.</bibl>
                    </note>? Dazu sind wir, schließt der Prediger, hier versammelt gewesen, daß <pb xml:id="p017" ed="pga"/> der Erlöser in unsere Mitte trete. Er ist nicht gekommen,
               die Welt zu richten — denn es gibt nichts mehr zu richten, wo sein Friede waltet —,
               sondern die Welt selig zu machen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.17">Joh. 3,17</ref>]. «In dem Frieden des Herrn (sind) alle Güter
               eingeschlossen, die uns entgegenglänzen als Gegenstände unseres Bestrebens sowohl in
               dem geistigen und inneren als in dem äußeren und öffentlichen Leben. Sei also sein
               Friede mit uns!»<note xml:id="n14">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 764.</bibl>
                    </note>
            </p>
        <p>Am <hi rend="italic">Sonntag nach Neujahr</hi> hielt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> [die] <hi rend="italic">Frühpredigt</hi><note xml:id="n15">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7794"><hi rend="italic">Pr.</hi> VI, S. 164–178.</bibl>
                    </note> über <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.13 Mk.12.27">Mr. 12,13–27</ref> (Zinsgroschen und Sadduzäerfrage). <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat diesen
                  Frühpredigten<note xml:id="n16">Mskr. irrtümlich: «… für diese Frühpredigten …»
                  Änderung vom Hrsg.</note> die Form von eng an einen fortlaufenden Text
               anschließenden Homilien gegeben. Historisch-exegetische Belehrungen nehmen darum hier
               einen breiteren Raum ein, ein einheitliches Thema schält sich in der Regel nicht
               heraus, und die einzelnen dem Text abgewonnenen Gedanken sind weniger streng und
               reich durchgeführt als in den in der Regel synthetischen Hauptpredigten. Anfang 1834
               stand <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> am Ende einer Serie über das Markusevangelium. Er hatte die
               Absicht, in der Passionszeit die Leidensgeschichte zu behandeln (Letzte Predigt<note xml:id="n17">Vgl. oben S. 14, Anm. 6.</note> S. 1), und predigte darum über
               größere Abschnitte, als er sonst [zu tun] pflegte. Die Lehre, die <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in
               Jesu Wort vom Zinsgroschen («Gebet dem Kaiser …») enthalten sicht, ist das Postulat
               der Trennung von Kirche und Staat. «Gott, was Gottes ist» bezieht sich ja zunächst
               auf die Tempelmünze, die die Juden neben der römischen hatten: «Seid dankbar, daß die
               ungerechte Gewalt, welche auf euch ruht, wenigstens eure Religionsübung ungehindert
                  läßt.»<note xml:id="n18">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7794"><hi rend="italic">Pr.</hi> VI, S. 169.</bibl>
                    </note> Sie sollten lernen, bürgerliche und göttliche Ordnung zu scheiden. «Diese
               Trennung war in der Lehre des Erlösers absichtlich enthalten. Das Reich, das er bauen
               wollte, sollte ein ganz abgesondertes sein von dem bürgerlichen Verein der Menschen,
               und dazu wollte er sie vorbereiten.»<note xml:id="n19">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7794"><hi rend="italic">Pr.</hi> VI, S. 171.</bibl>
                    </note>
               <pb xml:id="p018" ed="pga"/> An der Beantwortung der Sadduzäerfrage (über die
               Auferstehung) ist <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, abgesehen von einigen historischen Erläuterungen,
               ganz vorbeigegangen. Ihn interessiert hier etwas Anderes als das Gespräch selbst. Der
               Unglaube der Sadduzäer an die Auferstehung ist nämlich nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Ansicht
               darin begründet, «daß sie nichts annehmen wollten als Wahrheit und Offenbarung als
               das, was in den heiligen Büchern stand»<note xml:id="n20">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7794"><hi rend="italic">Pr.</hi> VI, S. 172</bibl>; Schl.: «… in diesen heiligen Büchern …»</note>. «Sie waren also
                  Schriftgläubige.»<note xml:id="n21">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7794"><hi rend="italic">Pr.</hi> VI, S. 174.</bibl>
                    </note> Wogegen sich die Pharisäer außerdem auch an die Menschensatzungen der älteren
               Schriftausleger hielten. Darin findet der Prediger «eine große Ähnlichkeit … mit
               unserem gegenwärtigen Zustande»<note xml:id="n22">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7794"><hi rend="italic">Pr.</hi> VI, S. 175.</bibl>
                    </note>. Die schriftgläubigen, aber in manchen Stücken für ungläubig gehaltenen
               Sadduzäer sind offenbar — die Rationalisten, die ängstlichen Pharisäer mit ihrem
               «Eifer für die Auslegungen der Schrift, wie sie seit langer Zeit von einzelnen
               Männern Gottes gegeben sind und in den christlichen Glauben übergegangen» — natürlich
               die pietistischen Orthodoxen (ich nenne der Kürze halber die Namen, <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>
               umschreibt sie natürlich), «und wie damals nimmt auch jetzt das ganze Volk Teil an
               dem Streit, und namentlich in der evangelischen Kirche, ungeachtet das Volk diese
               Streitigkeiten nicht versteht»<note xml:id="n23">Ebd.</note>. «Der Erlöser hielt es
               mit keiner von beiden Schulen, sondern er stand über beiden.»<note xml:id="n24">Ebd.</note> «Er ging seinen eigenen Weg. Das sollen die Christen auch tun.»<note xml:id="n25">Ebd.</note> Aber wohlgemerkt: Der Erlöser «warnte vor der
               Scheinheiligkeit der Pharisäer, aber gegen den Unglauben der Sadduzäer hat er sie
               nicht gewarnt»<note xml:id="n26">Ebd.</note>. Er hat niemand aufgefordert, sich von
               jenen abzusondern, z.B. kein Opfer zu bringen, wenn ein Sadduzäer Priester war. «So
               handeln denn also die Christen [auch] nicht in seinem Sinn, welche sagen, sie könnten
               sich nicht erbauen an den Belehrungen solcher Schriftgelehrten, welche nicht ihrer
               Meinung seien.»<note xml:id="n27">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7794"><hi rend="italic">Pr.</hi> VI, S. 176.</bibl>
                    </note>
               <pb xml:id="p019" ed="pga"/> Er ließ einen jeden seinen eigenen Weg der Erforschung
               der Wahrheit gehen, er dachte aber nicht an solche Trennungen, wie wir sie heute
               sehen. «So laßt uns denn auch darin ihm nachtrachten, jeden zu belehren, aber so wie
               der Erlöser» von keiner Partei ablassen, sondern mit den Sadduzäern <hi rend="italic">und</hi> mit den vom Erlöser schärfer getadelten Pharisäern uns «abgeben», ohne
               daß «die wahre christliche Bruderliebe» gestört wird. «Dazu möge auch diese
               Betrachtung uns alle immer mehr wecken und uns das Eine Notwendige bei aller
               sonstigen Verschiedenheit erkennen lassen. Amen.»<note xml:id="n28">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7794"><hi rend="italic">Pr.</hi> VI, S. 178.</bibl>
                    </note>
            </p>
        <p>Von da ab folgen sich nun — <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> wollte offenbar die Frühpredigtenserie zu
               Ende führen — die Markustexte in ununterbrochener Folge durch Haupt- und
               Frühpredigten. Also <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Hauptpredigt am 1. Sonntag nach Epiphanias</hi></bibl><note xml:id="n29">«Am 1. Sonntage nach Epiphanias <date when="1834">1834</date>», <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 765–778.</bibl>
               </note>
               <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.28 Mk.12.34">Mr. 12,28–34</ref> (Frage
               nach dem vornehmsten Gebot). Das Problem, das den Prediger bei diesem Text bewegt,
               ist das Verhältnis zwischen den beiden hier aufgestellten Geboten der Liebe zu Gott
               und der Liebe zum Nächsten. «Lasset uns sehen, wie es in dieser Beziehung mit unserem
               eigenen inneren Bewußtsein steht, ob wir darin auch die Meinung des Erlösers
               auffinden können.»<note xml:id="n30">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 766.</bibl>
                    </note> Wie kann der Mensch beiden Geboten zu gleicher Zeit genügen? — geschieden und
               doch eins, wie der Erlöser sie aufgestellt und damit uns zwischen beide
               hineingestellt hat? Sicher ist, daß es keine Liebe zu Gott gibt bei Haß oder
               Gleichgültigkeit gegen die Menschen, ohne Verbindung mit ihrem Wohl. Nicht so
               selbstverständlich ist das Andere, daß es keine Liebe zu den Menschen gibt ohne Liebe
               zu Gott. «Es gibt ja, wir wissen es nicht nur aus den Geschichten älterer Zeiten,
               sondern wir vernehmen nicht selten noch hier und da, daß laut [genug] darüber geklagt
               wird, es gebe Menschen, welche unglücklich genug sind, den Glauben an Gott nicht in
               ihrem Herzen zu tragen.»<note xml:id="n31">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 771.</bibl>
                    </note> Gegenstand unseres Bedauerns! Aber vielleicht ist ihr Unglaube unverschuldet
               («Willkürlich ist ja doch einmal nichts in dem Glauben oder Unglauben»<note xml:id="n32">Ebd.</note>). Und wenn wir nun ihre Wohl <pb xml:id="p020" ed="pga"/>
               tätigkeit, Liebe und Freundlichkeit rühmen hören, sollten wir ihnen dann die Liebe
               zum Nächsten und, wenn diese nicht, die Liebe zu Gott abzusprechen wagen, alles für
               Schein erklären? «Ich wenigstens denke» — ihr Unglaube «wird wohl nichts Anderes
               sein, als daß gewisse Vorstellungen von Gott, seinem Wesen und seinen Eigenschaften,
               die sie am meisten in dem Munde der Menschen vernehmen, bei ihnen nicht einheimisch
               werden wollen.»<note xml:id="n33">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 772</bibl>; Schl.: «… wird wohl nichts weiter sein …»</note> Sollte der letzte Grund
               von Allem ihnen, die doch gleich organisiert sind wie wir, darum fehlen? Wie könnten
               wir, die im Christentum leben, anders urteilen als: «wo die Liebe ist, da ist auch
               Gott»? Wer die Liebe hat, der hat auch das Wesen des Glaubens, welchen wir selbst
               haben, und an dieses sein Wesen soll er sich halten und sich aller «bestimmten
               Meinungen (darüber) lieber entschlagen»<note xml:id="n34">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 773.</bibl>
                    </note>. «Wo Liebe zum Nächsten ist, da ist auch, wie unzureichend es auch sein möge,
               ja selbst wie unbewußt es dem Menschen sein könne, dennoch gewiß auch Liebe zu
                  Gott.»<note xml:id="n35">Ebd.</note> Aber Gottes- und Menschenliebe sind nicht nur
               stets beieinander, sondern immer auch das eine nur durch und vermittelst des anderen.
               Liebe zu Gott ist etwas Anderes als eine an Staunen und Erstaunen grenzende
               Bewunderung, ein sich Verirren an die Grenze unseres Bewußtseins, wie die Naturwelt
               es in uns veranlassen kann, in der wir doch auch die zerstörenden Gewalten nicht
               unbeachtet lassen können. «Wenn von der Liebe zu Gott die Rede ist: wo sollen wir die
               hernehmen, wenn wir nicht achten auf die menschliche Welt?»<note xml:id="n36">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 774.</bibl>
                    </note> Indem wir «die Offenbarung Gottes in dem Menschen betrachten», «indem wir
               liebend unter den Menschen leben und wirken, tritt auch die Liebe Gottes in unserem
               Inneren hervor»<note xml:id="n37">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 775</bibl>; Schl.: «… die Liebe zu Gott …»</note>. Und ebenso liegt das Kriterium der
               Menschenliebe darin, daß wir Gott lieben, d.h. für uns wie für unseren Nächsten nicht
               das Nichtige und Vergängliche, sondern das «Geistige» suchen, daß wir «ihn nicht nur
               zum Diener, sondern zum Mitgenossen an den geistigen Gaben haben <pb xml:id="p021" ed="pga"/> und wünschen» und ihn immer mehr dazu machen. Das heißt dann: ihn
               lieben wie uns selbst, und «das ist ganz dasselbe mit der Liebe zu Gott; denn es ist
               ja eben dieses, daß wir uns seines Werkes und Wesens in uns bewußt sind»<note xml:id="n38">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 776</bibl>; Schl.: «… ihn nicht nur zum Diener, sondern zum Mitgenossen an diesen
                  geistigen Gaben haben und wünschen, und ihn immer mehr dazu zu machen suchen, wenn
                  wir ihn so lieben als uns selbst: das ist ganz dasselbe mit der Liebe zu Gott;
                  denn es ist ja eben dieses, daß wir uns seines Werkes und Wesens in uns bewußt
                  sind.»</note>. Diese doppelte Liebe, die doch eine ist, ist dann endlich auch
               «eins mit unserer Liebe zu Christo unserem Herrn»<note xml:id="n39">Ebd.</note>, in
               dem wir den Vater lieben, aber auch alle Menschen. «Und es durfte ihn niemand weiter
               fragen», schließt der Text. Warum? Weil es nichts mehr zu fragen gibt nach der
               Eröffnung des Geheimnisses, daß die Liebe zu Gott und dem Nächsten eins und dasselbe
               ist. «Darauf allein ruhet die geistige Welt, dadurch allein kann das Reich Gottes
               gegründet werden, und nie kann es eine andere Seligkeit geben als diese.»<note xml:id="n40">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 778.</bibl>
                    </note>
            </p>
        <p>Die <hi rend="italic">Frühpredigt am 2. Sonntag nach Epiphanias</hi><note xml:id="n41">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7794"><hi rend="italic">Pr.</hi> VI, S. 179–190.</bibl>
                    </note> hatte den Text <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.35 Mk.13.13">Mr.
                  12,35-13,13</ref> (Christus Davids Sohn und Herr, Warnung vor den
               Schriftgelehrten, Scherflein der Witwe, die Hälfte des eschatologischen Kapitels 13).
               Mit dem Wort über David wollte der Erlöser die Schriftgelehrten aufmerksam machen auf
               den Widerspruch und das Unzusammenhängende in ihrer Denkungsart. Christus ist Davids
               Herr als der, der bestimmt ist, ein geistiges Reich zu stiften, mächtiger und größer
               als sein irdisches. «Wir, m[eine] Th[euren], sind über diese Betrachtungen hinaus.
               Das wahre Reich, das er gestiftet, liegt nicht nur vor unseren Augen da, sondern wir
               leben, weben und sind in ihm, seine Herrschaft ist fest gegründet [unter uns] und
               soll auch uns überall regieren.»<note xml:id="n42">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7794"><hi rend="italic">Pr.</hi> VI, S. 183.</bibl>
                    </note> In dem Wort über das Scherflein der Witwe findet der Prediger die Lehre, daß
               es zwar löblich sei, wenn der Einzelne sich von seinem Eigentum entäußert um der
               großen allgemeinen Angelegenheiten willen, um das Ganze in Ordnung zu halten, daß <pb xml:id="p022" ed="pga"/> man aber bei solchem Tun «gar nichts nach dem Äußeren,
               sondern nach dem Inneren beurteilen solle«<note xml:id="n43">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7794"><hi rend="italic">Pr.</hi> VI, S. 184.</bibl>
                    </note>. Auch aus dem Wort über das Abbrechen des Tempels ergibt sich ihm die
               ähnliche Lehre, «daß alles Äußerliche in der Gemeinschaft der Christen eben nichts
               ist und sein kann und darf, als eine Schale, als die Bekleidung, in der das Geistige
               heraustritt und wirkt, aber ohne daß ihm an und für sich der mindeste Wert
                  zukäme»<note xml:id="n44">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7794"><hi rend="italic">Pr.</hi> VI, S. 186f.</bibl>
                    </note>. Wenn nun die Geschichte lehrt, daß auch im Christentum die Verwechslung des
               Äußeren mit dem Inneren nur zu oft sich ereignet hat, so kann uns das zur Versuchung
               werden, daraus zu folgern, daß in Christus nicht die ganze göttliche Kraft vorhanden
               sei zur Beseligung und Beglückung der Menschen, daß die Menschen noch eines Anderen
               bedürften, «was ihnen nicht kommen kann von außerhalb, sondern tief aus ihrem
               [eigenen] Innern»<note xml:id="n45">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7794"><hi rend="italic">Pr.</hi> VI, S. 188.</bibl>
                    </note>. Da heiße es dann: «Sehet euch vor, daß euch nicht jemand verführe!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.13.5">Mk. 13,5</ref>]. Der rechte Glaube an
               den Erlöser unterscheidet ihn immer wieder von dem Wahn, der sich an die einfache
               Wahrheit des Glaubens angeschlossen hat, und ist im Blick auf das in ihm erschienene
               göttliche Wort gewiß, daß er und sein Reich besteht. Die Kraft des göttlichen Geistes
               ist etwas Gegenwärtiges, das sich in jedem Augenblick gestaltet zu dem, was wir
               bedürfen, zum Rechten uns hinführt. Sonst freilich wäre Christus nicht der, auf den
               wir unsere Hoffnung setzen.</p>
        <p>In der <hi rend="italic">Hauptpredigt am Sonntag Septuagesimae</hi><note xml:id="n46">«Am Sonntage Septuagesimä <date when="1834">1834</date>», <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 779–789.</bibl>
               </note> behandelt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.13.14 Mk.13.37">Mr. 13,14–37</ref> (also die zweite Hälfte der
               eschatologischen Rede). Er findet darin einerseits Dinge, die sich schon in diesem
               Leben wirklich so ereignet haben und immer wieder ereignen. Den «Greuel der
               Verwüstung im Heiligtum» findet er z.B. darin, daß in großen Notzeiten der Sinn der
               Menschen die Aussicht auf das Ewige ganz verliert und «sie sich hoffnungslos von Gott
               abwenden, als seien doch keine edleren Gaben von oben zu erwarten». Und wenn sie
               andererseits umgekehrt in den Stürmen der Verwüstung göttliche <pb xml:id="p023" ed="pga"/> Offenbarungen zu vernehmen glauben, wenn sie wähnen, «nun breche eine
               ganz neue Zeit herein, welche alles Vergangene weit hinter sich lassen werde, und der
               Geist der Zerstörung hauche noch unerhörte Segnungen aus»<note xml:id="n47">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 780.</bibl>
                    </note> (<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> mag hier an schwärmerische Erwartungen gedacht haben, die
               sich an die französische Revolution knüpften), dann wird damit auch die Rede: «siehe
               hier ist Christus, siehe da ist er!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.13.21">Mk. 13,21</ref>] wieder aktuell. Aber andererseits erweckt
               dieses Kapitel doch unvermeidlich die Frage nach der Zukunft: «Wird dieses irdische
               Dasein immer so bleiben, wie es ist, kehrt Alles so immer wieder, wie es gewesen ist
               von den Zeiten der Väter her, oder wird das buchstäblich in Erfüllung gehen, daß die
               Welten werden zusammengerollt werden und vergehen und der menschlichen Dinge auf
               Erden ein Ende sein?»<note xml:id="n48">Ebd.</note> So läßt sich der Prediger durch
               diesen Text anregen zu einer «Ermahnung … in Beziehung auf die Richtung des
               menschlichen Geistes auf die uns verborgene Zukunft»<note xml:id="n49">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 780f.</bibl>; Schl.: «… auf diese natürliche Richtung …»</note>. Was sind die «Zeichen
               der Zeit», auf die der Herr uns merken heißt? Wie das Bild von den Blättern des
               Feigenbaums zeigt, an denen das Nahen des Sommers erkannt werden soll, offenbar
               einfach «die wirklichen Anfänge der Dinge»<note xml:id="n50">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 781.</bibl>
                    </note> in ihrem natürlichen Zusammenhang mit ihrer Vollendung. Auf sie muß unsere
               Aufmerksamkeit gerichtet sein, wenn wir die Gegenwart freudig genießen, kräftig auf
               sie einwirken wollen. Es gilt also zu beobachten die neueren Bestrebungen der
               Menschen, die Kräfte, die sich in den menschlichen Geistern regen, die neuen
               Aufgaben, die da gestellt werden, um «richtig zu schätzen, ob es in dem Kreise, in
               welchem wir leben, in der Tat an der Zeit ist, große Veränderungen in den
               menschlichen Dingen zu erwarten, oder ob wir uns eines ruhigen, sanften
               Fortschreitens auf dem eingeschlagenen Wege werden erfreuen können»<note xml:id="n51">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 782.</bibl>
                    </note>, und um dann je nachdem unserem eigenen Handeln diese oder jene Richtung zu
               geben. Also nur keine törichte <pb xml:id="p024" ed="pga"/> Neugierde in bezug auf
               die Zukunft! Aufmerksamkeit auf die menschlichen Dinge, nicht Abwendung von ihnen,
               keine Übungen der Gottseligkeit, ohne auf dem von Gott angewiesenen Weg der Tätigkeit
               zu bleiben! Pflichterfüllung in der Gegenwart, die ja doch durch den Blick in die
               Zukunft nicht modifiziert wird! Nur nichts für die Zukunft statt für die Gegenwart
               tun wollen! Zur Gegenwart gehören auch die «Zeichen der Zeit» und das Achten darauf.
               Dann wird von selbst Alles getan sein, worauf die Zukunft, wie ernst und bedeutend
               sie auch sei, einen veränderten Anspruch hat. Wachet! ruft uns der Erlöser zu, und
               zwar nicht nur Einigen, sondern Allen. Dieses Wachet! bezieht sich offenbar auf die
               im Dunkeln liegenden, d.h. im Verborgenen der menschlichen Gemüter stattfindenden
               Anfange der menschlichen Dinge, damit die Stunde des Handelns uns bereit finde.
               Wachen sollen wir im Vertrauen auf den, der Alles leitet und bestimmt von Ewigkeit,
               wachen in der Liebe und nicht in der Furcht, wachen, damit immer und überall das
               Rechte geschehe, daß wir das Böse überwinden durch das Gute [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.21">Röm. 12,21</ref>]. Durch nichts gestört in der
               Gleichmütigkeit der Liebe, werden wir in solcher Tätigkeit, die Einer für den Anderen
               übt, dem Auftrag unseres Erlösers in Beziehung auf Alles, was uns bevorstehen mag,
               vollkommen genügen.</p>
        <p>Und nun noch <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> letzte Predigt, die <title level="m">Frühpredigt vom
                  Sonntag Sexagesimae</title><note xml:id="n52">Vgl. oben S. 14, Anm. 6.</note> über <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.1 Mk.14.26">Mr. 14,1–26</ref> (Salbung in
               Bethanien, die Anordnung des Passamahles, die Feier und Einsetzung des Abendmahls).
               Den Anfang bildet eine Erwägung des Verhältnisses von Jesus und Judas. Durch Judas
               wird «in der ganzen Art zu sein» des Erlösers «gar nichts gestört: seine Freude am
               Leben, seine Teilnahme an Anderen, der ganze Blick auf sein Werk und das, was ihm
               bevorstand, ist nicht getrübt»<note xml:id="n53">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7798">J. Bauer, A.a.O. (vgl. Anm. 6), S. 2.</bibl>
                    </note>. Wir sollen das nicht «aus den Augen lassen, damit nicht durch das, was im
               Gemüt Anderer Dunkles ist, auch unser eigenes Leben getrübt und unsere Kraft
               geschwächt wird»<note xml:id="n54">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7798">A.a.O., S. 3.</bibl>
                    </note>. Zur Salbung in <placeName ref="kbga-places-1140">Bethanien</placeName> wird bemerkt: «was sich als Ausdruck frommer
               Verehrung bewährt, das hat der Erlöser durch seinen Ausspruch ge <pb xml:id="p025" ed="pga"/> billigt und geheiligt»<note xml:id="n55">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7798">A.a.O., S. 4.</bibl>
                    </note>, wobei übrigens vorauszusetzen ist, daß, wenn der von den Jüngern als
               Verschwendung getadelte Aufwand nicht in einem richtigen Verhältnis gewesen wäre mit
               dem Vermögen derjenigen, welche ihn machte, der Erlöser ihn nicht so gerechtfertigt
               haben würde. An die Erwägung, daß wir hier den Erlöser von seinem bevorstehenden Ende
               reden hören mitten unter der wohl andächtigen, aber auch heiteren Geselligkeit des
               Mahles, schließt sich die Mahnung: «Der Gedanke an den Tod, auf welche Weise auch
               herbeigeführt, er ist uns allen etwas so Gewisses, daß er keinen Augenblick unseres
               Lebens stören soll; er kann uns in jedem Augenblick gegenwärtig sein, ohne uns weder
               in der frohen Tätigkeit des Lebens zu stören noch in der Heiterkeit der
                  Stimmung.»<note xml:id="n56">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7798">A.a.O., S. 5.</bibl>
                    </note> Das Passamahl war nicht ein Fest der israelitischen Kirche, sondern des
               israelitischen Volkes zur Erinnerung an seine Stiftung zu einem eigenen freien
               Dasein. Unmittelbar vor seinem Tod war es also dem Erlöser nicht zu gering, sich mit
               den Angelegenheiten seines Volkes zu beschäftigen, eine Mahnung für die vielen
               Christen, die nur auf religiöse Gemeinschaft Wert legen und andere menschliche
               Verbindungen nur als ein Werk der Not ansehen. Die Einsetzung des Abendmahls aber war
               nicht nur die Verbindung der Jünger in der Gemeinschaft seines Lebens und der
               Bruderliebe untereinander, sondern auch die ganze volle Stiftung der christlichen
               Kirche als der brüderlichen Vereinigung, sich in bezug auf das geistige Leben
               einander mitzuteilen, jeden als sich selbst zu behandeln und zu lieben, aber auch als
               des dadurch vermittelten Umlaufs und der Mitteilung seiner geistigen Kraft, der Fülle
               von Gnade und Wahrheit, die sie an ihm haben und die uns immer aufs neue von ihm
               zuströmt. «Von welcher Einfalt des Gemüts war er, von welcher Ungetrübtheit der
               Seele! Wie wenig wurde er durch Alles, was sich ereignet hatte, und durch das, was er
               vorhersah, in der Liebe zu seinem Volke gestört, und wie war er in dem engen Kreis
               der Seinigen ganz auf das geistige Leben mit Gott gerichtet!» So sehen wir ihn in
               allen seinen irdischen Verhältnissen, «aber in ihnen zugleich den, in welchem alles
               beschlossen ist, und welcher, <pb xml:id="p026" ed="pga"/> indem er diesen geistigen
               Verein der Menschen stiftete, welcher sich auf ihn gründet, eben darin die Kraft
               bewährt, die ihm innewohnt. Das ist also die Quelle, aus welcher wir zu schöpfen
               haben, das ist es, was wir uns in allen Lebensverhältnissen aneignen sollen: dann
               werden auch wir solche Ausdrücke der Verehrung gegen ihn haben wie Maria, aber auch
               würdig sein, in dem engen Kreis derer zu leben, die ihn ganz erkennen und in ihm und
               durch ihn und für ihn leben.»<note xml:id="n57">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7798">A.a.O., S. 10.</bibl>
                    </note> Das waren <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName>, des Predigers, letzte Worte.</p>
        <p>Wir wenden uns nun der Aufgabe zu, uns mit <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> über den Sinn und
               Zusammenhang dessen, was wir eben gehört, etwas näher zu verständigen. Wir tun das,
               indem wir nacheinander einige der auffallendsten Fäden in dem Gewebe der mitgeteilten
               Predigten schärfer ins Auge fassen und ihnen an Hand nun seiner ganzen <hi rend="italic">übrigen</hi> Predigtproduktion von 1831-34 so weit als möglich nachzugehen und
               sie in ihrer Zusammengehörigkeit zu verstehen versuchen. Das Ergebnis schon unseres
               ersten Paragraphen soll also ein kleines Ganzes der Schleiermacherschen Theologie
               sein, ergänzungs-, präzisierungs und korrekturbedürftig selbstverständlich durch
               unsere später anzustellenden Untersuchungen. Die Quellen für das Folgende sind die
               Bände III, V und VI der Abteilung Predigten in der Gesamtausgabe.</p>
        <p>1. Man darf wohl sagen, daß das Textwort jener letzten Neujahrspredigt: «<hi rend="italic">Friede</hi> sei mit euch!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.20.19">Joh. 20,19</ref>] bezeichnend ist für das Ganze der Lehre, die <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in
               jenen (und vielleicht nicht nur in jenen!) Jahren vorgetragen hat. Weniger für die
                  <hi rend="italic">Stimmung</hi> des Predigers, denn die ist auf weite Strecken,
               besonders in den Frühpredigten, kritisch-polemisch bis zur Grenze einer gewissen
               Gereiztheit, als für die <hi rend="italic">Absicht</hi> und den gedanklichen <hi rend="italic">Gehalt</hi> dieser Verkündigung. Zusammensein des Entzweiten, Ausgleich des
               Widerstrebenden, Gemeinschaft zwischen den Verschiedenen, das ist (Alles zunächst im
               allgemeinsten Sinn verstanden) das Anliegen, das ihn <pb xml:id="p027" ed="pga"/>
               letztlich zu bewegen scheint. Denken Sie außer der Neujahrspredigt an die über das
               Doppelgebot der Liebe, weniger im Blick auf die Liebe als im Blick auf die <hi rend="italic">Einheit</hi> der beiden Gebote, die dort den Nerv von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName>
               Mitteilung bildet. Denken Sie an das Wort von der «Einfalt» des Gemütes Jesu am
               Schluß der letzten Predigt. Wie kommt er gerade darauf? <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> sagt (6.
               Sonntag p. Trin. 1831, III 22) in bezug auf den Gegensatz von Freude und Schmerz
               Folgendes: «Das höchste Wesen selbst hat <hi rend="italic">weder</hi> an dem einen <hi rend="italic">noch</hi> an dem anderen Teil; es ist über allen Wechsel <hi rend="italic">erhaben</hi>, und Freude und Schmerz sind doch nur in dem Wechsel eines sich
               [seiner] selbst bewußten Lebens. Je größer also unsere Teilnahme an dem <hi rend="italic">göttlichen</hi> Wesen, je inniger unsere Gemeinschaft ist mit dem, der <hi rend="italic">ohne</hi> allen Wechsel immer und ewig <hi rend="italic">derselbe</hi> ist: um
               desto mehr sollten auch wir über beides <hi rend="italic">hinaus</hi>gerückt sein und uns
               immer mehr nähern einem solchen stillen Frieden, einer solchen gänzlichen <title level="m">Ruhe der Seele in Gott</title>, wobei uns weder Freude noch Schmerz in
               der gewohnten Stärke treffen können.»<note xml:id="n58">Schi.: «… treffen
                  könnte.»</note> Und (Frühpredigten 13, V 165): «In der Tat gibt es [auch] keinen
               anderen wesentlichen Unterschied zwischen dem Guten und Bösen, als daß <hi rend="italic">das Gute Eins</hi> ist, das Böse aber ein Mannigfaltiges, ein sich einander
               Entgegengesetztes.» Und (2. Sonntag p. Epiph. 1832, III 167): Der Ausdruck <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.51">Joh. 1,51</ref>: «Ihr werdet den
               Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren auf des Menschen
               Sohn» «deutet auf die <hi rend="italic">Verbindung</hi> zwischen Himmel und Erde …, daß
               nicht mehr jedes von beiden ein <hi rend="italic">besonderes</hi> sein sollte, nicht mehr
                  <hi rend="italic">getrennt</hi> das eine von dem anderen, sondern eine <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> zwischen beiden eröffnet, die nun nicht mehr aufhören durfte»,
               die ursprünglich nur in Christus war, «von anderen zunächst nur angeschaut wurde,
               aber sich [doch] hernach durch diese immer mehr <hi rend="italic">verbreitete</hi> … Was
               ist das anders, m[eine] g[eliebten], als der vollste Ausdruck von der vollkommensten
               und seligsten Erfahrung eines gläubigen Gemüts?» Also weil nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in
               Christus, in Gott selbst diese Einheit ist, weil sie identisch ist mit dem Guten,
               darum offenbar hat seine Lehre diesen Skopus.</p>
        <pb xml:id="p028" ed="pga"/>
        <p>
                    <milestone xml:id="m6.XI.23" unit="line"/> Zu dem Text: «Meinen Frieden lasse ich
               euch» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.27">Joh. 14,27</ref>] führt er
               (2. Sonntag p. Trin. 1831, III 2ff.) aus: Der Friede des Erlösers war die Einheit
               seines Willens mit dem Willen Gottes, der Wille Gottes aber ist seine Liebe zu der
               sündigen Welt, so ist der Friede Christi das <hi rend="italic">Mitgefühl</hi> des
               Sündlosen mit den Sündern, und von diesem «Frieden» gilt: «es gibt kein größeres Gut
               für die menschliche Seele, und kein befriedigenderer Zustand des Menschen läßt sich
               denken, als wenn er sagen kann, daß der Herr ihm <hi rend="italic">seinen</hi> Frieden
               gibt und läßt»<note xml:id="n59">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 6.</bibl>
                    </note> Also auch hier: die <hi rend="italic">Synthese</hi> als der Wille <hi rend="italic">Gottes</hi> und <hi rend="italic">Christi</hi> und darum als das eigentliche <hi rend="italic">Heilsgut</hi>. Und nun ist und soll sein jedes einzelne gläubige Gemüt
               «eine Offenbarung, eine sichtbare, unverkennbare Darstellung von dem Frieden, der
               durch die Gemeinschaft mit dem Erlöser der Welt in die menschliche Seele kommt» (2.
               Pfingsttag 1833, III 597). Es kulminiert darum die Schleiermachersche Auslegung des
               Wortes «Freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.15">Röm. 12,15</ref>] (6. Sonntag p. Trin. 1831,
               III 27) in der Verheißung: «Je mehr alle unsere inneren Bewegungen sich in einem
               reinen Mitgefühl nicht nur spiegeln, sondern auch läutern: um desto mehr werden wir
               dann uns <hi rend="italic">jenem</hi> Zustande nähern können, daß der <hi rend="italic">Wechsel</hi> entgegengesetzter Empfindungen in unserem Gemüt immer <hi rend="italic">schwächer</hi> wird und wir immer <hi rend="italic">weniger</hi> jenem Auf- und
               Absteigen zwischen Hoffnung und Furcht, zwischen Fröhlichkeit und Schwermut
               ausgesetzt sind. Denn beides, Erhöhung der Kraft <hi rend="italic">und</hi> Mäßigung ihres
               Erregtseins wird durch das Bewußtsein des Mitgefühls in unsere Seele hineingeleitet;
               es bildet sich <hi rend="italic">ein ausgleichender gemeinsamer Ton</hi> derselben in
               denen, die auf ursprüngliche Weise bewegt sind in ihrem Inneren, " <hi rend="italic">und</hi> in denen, die in der Kraft der Liebe diese Bewegung teilen. Ja wir
               dürfen sagen, <hi rend="italic">erst in diesem gemeinsamen Gefühl ist die rechte
                  Wahrheit</hi>.» Und ausdrücklich wird dieses «Stillwerden» im «Mitgefühl» die
               Bereitung genannt zum Eingang in «das Heiligtum des <hi rend="italic">Friedens</hi>»<note xml:id="n60">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 30.</bibl>
                    </note> Vgl. dazu (19. Sonntag p. Trin. 1832, III 410, wo aus Anlaß der Geschichte
               vom Tode des Herodes [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.12.19 Act.12.23">Act. 12,19–23</ref>] der Gegensatz zwischen einem <hi rend="italic">hochmütig</hi>
               dem Volk sich <pb xml:id="p029" ed="pga"/>
               <hi rend="italic">fernhaltenden</hi> und einem <hi rend="italic">schmeichlerisch</hi> ihm <hi rend="italic">nachlaufenden</hi> Fürsten zur Diskussion steht): «Notwendiger Weise muß
               die <hi rend="italic">Wahrheit</hi>, die <hi rend="italic">Gott</hi> will, muß diejenige
               Gestaltung dieses Verhältnisses, in der <hi rend="italic">sein</hi> Wille erfüllt werden
               kann, <hi rend="italic">in der Mitte</hi> liegen zwischen beiden.» Es ist immer dasselbe:
               Friede heißt Aufhebung von Kontrasten in einem höheren <hi rend="italic">Dritten</hi>,
               Gewinnung eines <hi rend="italic">Indifferenzpunktes</hi> zwischen den beiden Armen der
               großen Lebenswaage. Nach den verschiedensten Richtungen wird das geltend gemacht (6.
               Sonntag p. Trin. 1831, III 29): in den großen «<hi rend="italic">Kämpfen</hi> um die
               wichtigsten Güter des Lebens», auch in denen, in denen wir selbst Partei sind, auch
               in denen des Reiches Gottes soll doch «unser Mitgefühl sich <hi rend="italic">beiden</hi>
               Teilen zuwenden». (16. Sonntag p. Trin. 1831, III 89): Genossen <hi rend="italic">derselben</hi> Schwachheit und <hi rend="italic">derselben</hi> Kraft sind wir
               Menschen. Was sagt alle <hi rend="italic">äußere</hi> oder auch <hi rend="italic">geistige
                  Ungleichheit</hi> gegenüber dieser doppelten <hi rend="italic">Gleichheit?</hi>
               (Neujahrspredigt 1832, III 143f.): Vor Gott selbst gibt es keinen Unterschied
               zwischen <hi rend="italic">groß</hi> und <hi rend="italic">klein</hi>. «In dem Maße, als wir,
               durch den Geist Gottes erleuchtet, die menschlichen Dinge sehen, <hi rend="italic">verschwindet</hi> dieser Unterschied auch für uns.» Oder in derselben Predigt S.
               148: Das ist das Geheimnis der göttlichen Weisheit, «daß das Beste des <hi rend="italic">Einzelnen</hi> und das Wohl des <hi rend="italic">Ganzen</hi> darin auf
               unzertrennliche Weise verbunden sind». Streit <hi rend="italic">gibt</hi> es hier nicht.
               (12. Sonntag p. Trin. 1831, III 67): Der Gipfel des Gebets besteht darin, daß «<hi rend="italic">Bitte</hi> und <hi rend="italic">Dank</hi> ineinanderfließen, weil die
               Gewährung immer schon da ist und daher ein <hi rend="italic">Friede</hi> ohne Wechsel und
               Störung», und darin sicht <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> das unaussprechliche Seufzen des göttlichen
               Geistes, der uns vertritt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.26">Röm. 8,26</ref>]. (14. Sonntag p. Trin. 1831, III 68f., in Auslegung des Wortes
               «Die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.4.8">1.Tim. 4,8</ref>]): «Da in dem höchsten Wesen Alles ungetrennt
               eins und dasselbe ist» — also auch Seligkeit und Macht —, «wie sollte dann nicht
               durch diese Seligkeit in Gott auch die göttliche <hi rend="italic">Macht</hi> sich über
               den Menschen ausgießen, so daß ihm durch die Kraft der Gottseligkeit möglich wird,
               was ihm sonst nicht möglich war?» (20. Sonntag p. Trin. 1831, III 99): «Der Gegensatz
               zwischen <hi rend="italic">Tätigkeit</hi> oder Pflichterfüllung und <hi rend="italic">Genuß</hi>, der uns im Irdischen so verwirrt, ist im Reiche Gottes aufgehoben;
               jedes <hi rend="italic">Werk</hi>, das wir <pb xml:id="p030" ed="pga"/> vollbringen, ist
               der gottgeweihten Seele Nahrung und Genuß. Aber nichts ist [auch] für sie Genuß, was
               nicht zugleich Tätigkeit wäre.» In ähnlicher Richtung (Frühpredigt 5, V 66f.): Jeder
               Tag soll «auf gleiche Weise ein <title level="m">Tag der Arbeit und
               Tätigkeit</title>», der wirksamen <hi rend="italic">Liebe</hi> sein, «aber deswegen auch
               ein <title level="m">Tag der Ruhe und des Sabbaths</title>, des Bewußtseins unseres
                  <hi rend="italic">eigenen</hi> Verhältnisses zu dem Erlöser», … «und … je mehr unser
               Leben <hi rend="italic">nicht</hi> auf diese oder jene Weise <hi rend="italic">geteilt</hi>
               ist, um desto mehr stellt sich das Bild des Erlösers in uns dar». Oder endlich
               (Frühpredigt 26, V 339 — die Predigt handelt von der Speisung der Fünftausend):
               «Trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes, so wird euch <hi rend="italic">alles</hi> Andere
               von selbst zufallen, — nicht auf eine zufällige Weise, sondern weil es von selbst aus
               diesem Trachten nach dem Reiche Gottes sich entwickelt, weil ihr nicht nötig habt,
                  <hi rend="italic">zweierlei</hi> Wünsche zu hegen, <hi rend="italic">zweierlei</hi> Gesetz
               zu folgen, sondern aus <hi rend="italic">Einem</hi> und <hi rend="italic">demselben</hi> geht
               Alles hervor, das <hi rend="italic">geistige Wohl</hi> und das <hi rend="italic">leibliche
                  Wohl</hi>, es ist nur <hi rend="italic">Eins</hi> und <hi rend="italic">dasselbe</hi>, es
               kann nur aus einer Quelle sich entwickeln.» Eine ganz merkwürdige Stelle, die hierher
               gehört (3. Sonntag p. Trin. 1833, III 624f.): «Was ist doch unser natürliches
               leibliches Leben? wodurch besteht es? Wir atmen die Luft ein und geben sie wieder von
               uns, um sie aufs neue einzuatmen. Ist das ein Verhältnis zu irgend etwas Bestimmten
                  <hi rend="italic">außer uns?</hi> ist es ein bestimmtes Wissen um <hi rend="italic">uns
                  selbst</hi> …? Nein! es ist das allgemeine Verhältnis des lebendigen Daseins zu
               dem ganzen unermeßlichen Raume, der unserer Erde angehört; aus diesem atmen wir ein,
               in diesen atmen wir wieder aus. So ist die Liebe! der Geist suchet den Geist, weil er
               ihm angehört; und überall, wo er ihn findet, öffnet sich das Herz gegen menschliches
               Leben und Sein nach allen Seiten hin ohne Unterschied. Es fühlt sich befriedigt, wenn
               es in sich einzieht die Kenntnis von allem, was Schönes, was Gottgefälliges da ist;
               aber es gibt sein Leben auch wieder heraus, um sich kund zu geben und durch seine
               Mitteilung anderes Leben zu stärken … So soll unsere Liebe sein, dann ist sie wie die
               Liebe Gottes.» Der Kontrast, der hier überwunden werden soll, ist also der von <hi rend="italic">Innen</hi>- und <hi rend="italic">Außen</hi>welt. Oder noch eine ebenfalls
               merkwürdige Stelle (7. Sonntag p. Trin. 1832, III 332): «Ist das nicht das schöne und
               große Ziel, dem wir alle entgegen gehen, daß der Geist <pb xml:id="p031" ed="pga"/>
               Gottes auf solche Weise einheimisch werde in uns, daß wir den <hi rend="italic">Trieb
                  unseres eigenen Gemüts</hi> und die <hi rend="italic">Eingebung und das Werk des
                  heiligen</hi><note xml:id="n61">Schl.: «göttlichen»</note>
               <hi rend="italic">Geistes</hi> in unserer Seele <hi rend="italic">nicht mehr zu
                  unterscheiden</hi> vermögen? Solange noch beides in uns so weit auseinandergeht,
               daß wir es deutlich zu unterscheiden wissen: so lange muß es noch etwas in uns geben,
               das dem göttlichen Geist widerspricht … Wo aber das nicht ist; wenn uns nichts
               entgegentritt in unserem leisesten Gefühl, was wir gegenüber dem Antriebe des Geistes
               als menschliches und verderbliches erkennen müssen in einer Bewegung unseres Herzens:
               … da mögen wir glauben, daß das, was uns bewegt, in Wahrheit ein Zug und Werk des
               heiligen Geistes ist» (vgl. Frühpredigt 24 V 305). Ich denke, das genügt vorläufig.
               Das ist das höchst Prinzipielle, an das <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> bei dem» <hi rend="italic">Friede</hi> sei mit euch!» gedacht hat, und er hatte (in seinem Zusammenhang
               gesehen) wohl recht, wenn er sich (3. Sonntag p. Epiph. 1833, III 467f.) dagegen
               verwahrte, als ob «Friede mit Gott» etwa etwas Geringeres sei als der göttliche
               Geist, die lebendige Gemeinschaft mit Gott, die der Grund unseres Lebens ist. «Ist es
               möglich, daß wir mit dem lebendigen Gott<note xml:id="n62">Schl.: «… daß wir mit
                  Gott, mit dem lebendigen Gott …»</note> Frieden haben, wir die auch lebendigen,
               nachdem einmal durch diese Predigt von dem Frieden das geistige Leben in uns erwacht
               ist, ohne daß sich dieselbe selige Gemeinschaft mit Gott (wie in Christus)
               ausbildete? … <hi rend="italic">in dem einen Wort</hi> [von dem] <hi rend="italic">Frieden
                  liegt in der Tat Alles</hi>, wir können uns nicht das eine von dem anderen
               getrennt denken.»<note xml:id="n63">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 468.</bibl>
                    </note> «Die <hi rend="italic">Predigt</hi> unseres Lebens ist nichts Anderes als die
               Erhaltung und Verbreitung des <hi rend="italic">Friedens</hi>, den der Erlöser geschaffen
                  hat.»<note xml:id="n64">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 469.</bibl>
                    </note> Der letzte Satz führt uns weiter:</p>
        <p>2. Der die Menschen mit dem Gruß des Friedens grüßt, ist Christus, «<hi rend="italic">der
                  Erlöser</hi>», wie <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in der Regel sagt. Wir können gleich mit den
               Worten der zuletzt zitierten Predigt fortfahren: «<hi rend="italic">Christus</hi> ist
               [aber] unser Friede; er ist es, der aus allem, was getrennt <pb xml:id="p032" ed="pga"/> war, Eins macht, aus den Menschen, die voneinander getrennt waren, aus
               dem Geschöpf und dem Schöpfer, die voneinander getrennt waren; <hi rend="italic">er</hi>
               bringt den Frieden hervor.»<note xml:id="n65">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 468.</bibl>
                    </note> Er ist «das Fleisch gewordene Wort, und das Wort Gottes, was ist es anders
               als jedesmal ein gebietendes, ein hervorbringendes, ein schaffendes».<note xml:id="n66">Ebd.</note> Denn Verkündigung und Mitteilung, Verkündigung und
               Erfüllung, sie sind im neuen Bund eins und dasselbe. Wir werden in unserem <ref type="pub" target="../volume/11/p095#p095">§ 2</ref> (Festpredigten) Gelegenheit bekommen,
               den christologischen Gedanken <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> im engeren Sinn näher zu treten. In den
               Sonntagspredigten über freie Texte und Themen steht Christus einfach überall mit
               sozusagen naturhafter Selbstverständlichkeit im Hintergrund als die geschichtliche
               Urkunde und <hi rend="italic">Autorität</hi>, durch die die vorgetragene Wahrheit
               beglaubigt wird, als die <hi rend="italic">Quelle</hi>, aus der das Leben, der Geist, die
               Kraft, von denen in diesen Predigten so viel die Rede ist, fließt, als der <hi rend="italic">Anfänger</hi> des «Reiches Gottes», wie <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> den immer
               wachsenden Bezirk jenes Friedens gerne nennt. Diese Autorität, diese Quelle, dieser
               Anfänger, der Erlöser ist eine geschichtlich gegebene und wirksame Größe wie irgend
               eine andere, nur daß wir Christen in unserem Glauben nun einmal von ihr leben, nur
               daß unsere Predigt nun einmal auf sie bezogen ist, weil das in dieser Größe Gegebene
               nicht mehr und nicht weniger als die vollkommene sündlose Einheit eines menschlichen
               mit dem göttlichen Willen, die Inkarnation dessen, was <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> «Frieden»
               nennt, ist. Es gab eine Zeit, wo diese Größe nicht gegeben, nicht wirksam war. Da war
               Alles, was wir jetzt wissen, haben, leben, nur Ahnung, Sehnsucht, Hoffnung, und es
               ist kaum zu verkennen, daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> den Zustand der unter dem bloßen Gesetz
               Schmachtenden eher noch trüber zu beurteilen geneigt ist als die Verworrenheit der
               Heiden. Diese niedere Stufe der religiösen Entwicklung ist nun nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>
               überwunden durch eine höhere. Das Auftreten des Erlösers bedeutet für ihn vor Allem
               die Aufhebung des Gesetzes in dem ganz historischkonkreten Sinn, daß vom Jahre 30 ab
               ein Gottesverhältnis das normale wird, in dem das Gesetz, d.h. die gegenseitige <hi rend="italic">Exklusivität</hi>, die Ent <pb xml:id="p033" ed="pga"/> gegensetzung von
               Gott und Mensch keinen Raum mehr hat, in dem Geist, Leben, Liebe, Frieden, <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> mit Gott Alles ist. In diesem neuen Gottesverhältnis
               stand Christus, in ihm sollen, können, dürfen wir auch stehen. Das ist der
               wesentliche Inhalt des Evangeliums, dieses verhältnismäßig Einfache ist es, was die
               christliche Verkündigung in den Kategorien Offenbarung, Erlösung, Versöhnung,
               Vergebung, Geistesmitteilung usf. darzustellen, klarzumachen, anzubieten hat. Das
               Normalschema der Schleiermacherschen Predigt, das in den Homilien noch deutlicher
               hervortritt als in den Themapredigten, verläuft darum so: <hi rend="italic">1. Teil:
                  Christus</hi>, seine Art, sein Wollen und Wesen in irgend einer speziellen
               Bestimmtheit. <hi rend="italic">2. Teil: Wir</hi>, in denen sich diese Art, dieses Wollen
               und Wesen nun immer mehr nachzubilden hat. Typisch sind folgende Sätze (Sonntag
               Sexagesimae 1832, III 205f.): «So m[eine] a[ndächtigen] Fr[eunde] ist er immer
               derselbe gewesen. Dieses war nun auf dem letzten Wege in die Hauptstadt seines
               Volkes, sein Leiden stand nahe bevor …; aber wir finden ihn unverändert denselben …
               Alles, was ihm … bevorstand, brachte keine Veränderung in seiner Lebensweise hervor;
               dieselbe Liebe und Freundlichkeit, wie sie in seinem ganzen Leben verbreitet war,
               derselbe Zug des Wohlwollens zu denen, welche Gebrauch davon zu machen fähig waren,
               derselbe Gleichmut, dieselbe unerschütterliche Ruhe in allen Verhältnissen, wie wir
               sie immer gefunden! <hi rend="italic">Und so allein vermag auch der Mensch</hi> alle
               Aufgaben des Lebens zu lösen, jede Zeit glücklich und tapfer zu bestehen, niemals
               müde zu werden, niemals zu wanken auf seinem Wege, keine Gelegenheit vorübergehen zu
               lassen, wo er wirken kann, um mit seinem Pfunde zu schaffen, was seine Kräfte
               vermögen für den großen gemeinsamen Beruf aller.» Man wird sich angesichts dieser
               Bedeutung des Erlösers als des großen Paradigmas des wahren Gottesverhältnisses, in
               dem wir schon stehen und in das wir immer mehr hineinwachsen, als des Prinzips des
               großen, die Menschheit und mit der Menschheit auch uns durchwaltenden göttlichen
               Lebensprozesses — man wird sich angesichts dieser Bedeutung des «Erlösers» nicht
               wundern dürfen, daß diese Figur gelegentlich etwas Formelhaftes, Abstraktes, allzu
               Selbstverständliches bekommt, so daß die Frage sich nahelegt, ob <pb xml:id="p034" ed="pga"/> nicht ganz dasselbe, was der Prediger sagen will, eventuell auch ohne
               Zuhilfenahme dieses Paradigmas, dieser urbildlichen Figur gesagt werden könnte; und
               wir werden noch hören, daß das eine Frage war, die dem Prediger in der Tat mehr als
               einmal zu denken und zu reden gegeben hat. Und man wird sich andererseits angesichts
               der engen Korrelation zwischen dem, was in Christus ist, und dem, was in uns werden
               soll und wird, nicht wundern dürfen, wenn dieses Christusbild da, wo es einigermaßen
               konkret und farbig wird (und das geschieht durchaus nicht selten), in der Regel die
               Züge des mit Gott im Frieden lebenden christlichen Normalmenschen trägt, wie er vor
               dem geistigen Auge des Predigers steht. Wir hörten schon in jener Homilie über das
               Verhältnis Jesu zu Pharisäern und Sadduzäern: «Der Erlöser <hi rend="italic">hielt es mit
                  keiner von beiden Schulen</hi>, sondern er stand über ihnen beiden … Er ging
               seinen eigenen Weg»<note xml:id="n67">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7794"><hi rend="italic">Pr.</hi> VI, S. 175; vgl. oben S. 18.</bibl>
                    </note> — in auffallender Ähnlichkeit mit <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> eigener theologischer
               Haltung, wird man sagen dürfen. Daß Jesus hinaufzog nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, das war
               (Frühpredigt 36, V 442) <hi rend="italic">Ausübung seines Berufes</hi>: «er hätte nicht
               können so rein sein und frei und ein so vollkommenes Gewissen haben als [ein] Glied
               seines Volkes», wenn er das nicht getan hätte. Daß Jesus sich an die Samariterin
               wandte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.1 Joh.4.42">Joh. 4,1–42</ref>] (4. Sonntag p. Epiph. 1832, III 172), das geschah nicht, weil er von
               dieser Frau etwas erwartet hätte, denn das war nicht der Fall, «aber er hätte ja <hi rend="italic">einen Augenblick versäumen müssen</hi>, wo er tätig sein konnte in seinem
               Beruf, wenn er dieses nicht getan hätte». Aber in derselben Predigt (S. 176) wird uns
               auch versichert, daß er «<hi rend="italic">die irdischen Dinge auch irdisch behandelt</hi>
               und nicht in alle alltäglichen geselligen Verhältnisse die Angelegenheit seines
               Berufes erzwungenerweise und gleichsam gewaltsam eingemischt» habe. Weiter wird
               (Sonntag Sexagesimae 1832, III 200) an ihm gerühmt, was er geredet und getan habe
               ausdrücklich als Lehrer des Volkes einerseits, im geselligen Leben andererseits,
               «beides war <hi rend="italic">immer in demselbigen Geiste</hi>, überall dieselbe Richtung
               auf das Reich Gottes, überall dieselbe Liebe zu den Menschen». (19. Sonntag p. Trin.
               1832, III 406f.): Das Wort <pb xml:id="p035" ed="pga"/> «Gehet hin und saget
               demselben Fuchs Herodes …» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.13.32">Lk. 13,32</ref>] gibt Anlaß zu der Feststellung: er mußte «sich um diesen Fürsten
               bekümmert haben; denn wie hätte er ihm sonst einen solchen Namen beilegen können …»
               Der Erlöser hatte eben «selbst <hi rend="italic">über die öffentlichen Personen ein
                  Urteil</hi>, die [auch] ganz außer seinem Bereiche lebten». Es wäre ein Leichtes,
               einen vollständigen Tugendspiegel des Schleiermacherschen <hi rend="italic">Menschen</hi>
               zusammenzustellen aus den Eigenschaften, die der Prediger an seinem <hi rend="italic">Christus</hi> findet, um sie dann, neu bestärkt durch diesen Anblick in seinen
               eigensten Idealen, aufs neue dem in seinem Sinne christlichen <hi rend="italic">Menschen</hi> ans Herz zu legen.</p>
        <p>Die entscheidenden Antworten auf die Christusfrage werden wir uns, wie gesagt, für
               die Besprechung der Festpredigten aufheben müssen. Wenden wir uns hier noch einigen
               mit dem christozentrischen Charakter der Schleiermacherschen Predigt
               zusammenhängenden und von ihm selbst kenntlich gemachten <hi rend="italic">Schwierigkeiten</hi> zu.</p>
        <p>3. Die erste Schwierigkeit, an die ich hier denke, ist für <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> offenkundig
               damit gegeben, daß die Anknüpfung seiner Verkündigung an die «Erlöser»figur
               unvermeidlicherweise zugleich die Anknüpfung an die Bibel bedeutete. Es war zum
               vornherein klar: es konnte sich auch für <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nicht von selbst verstehen,
               daß er in der Bibel, wie sie nun einmal ist, ausgerechnet diesen seinen Christus, den
               Christus der Synthese vorfand. Wohl war er so glücklich, in der Bibel dem <hi rend="italic">Johannesevangelium</hi> zu begegnen, das er sich oder dem er sich mit
               seiner Botschaft als kongenial empfand. Er hat vier Jahre lang, 1823-26, Homilien
               darüber gehalten<note xml:id="n68">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7838"><persName ref="kbga-actors-360">Fr. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Homilien über das Evangelium des
                           Johannes, in den Jahren 1823 und 1824</hi> (bzw. 1825
                        <hi rend="italic">und</hi>
                        1826) <hi rend="italic">gesprochen</hi>. Aus wortgetreuen
                        Nachschriften hrsg. von A. Sydow,
                           Berlin
                        1837/1847 (= <hi rend="italic">Sämmtliche Werke</hi>, 2.
                        Abth., Predigten, Bde. VIII und IX).</bibl>
                    </note> und ist auch nachher wie vorher immer wieder auf johanneische Texte
               zurückgekommen. Aber, wie es auch mit seiner Johannes-Deutung stehen mag, auch
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> konnte nicht <hi rend="italic">nur</hi> über Johannes predigen. Wie ein
               Felsblock lag da vor Allem das ganze Alte Testament. Die Lösung, die <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>
               hier gefunden hat, ist so radikal wie nur <pb xml:id="p036" ed="pga"/> möglich. Er
               hat nämlich in all den Jahren, die uns jetzt beschäftigen, überhaupt nie über einen
               alttestamentlichen Text gepredigt, und ein Blick in seine Vorlesungen über praktische
               Theologie (S. 238f.), deren gedruckte Fassung<note xml:id="n69">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7843"><hi rend="italic">Die praktische Theologie nach den Grundsätzen der
                           evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt</hi> von Dr.
                           <persName ref="kbga-actors-360">Friedrich Schleiermacher</persName>. Aus <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> handschriftlichem
                        Nachlasse und nachgeschriebenen Vorlesungen hrsg. von J.
                           Frerichs, Berlin
                        1850 (= <hi rend="italic">Sämmtliche Werke</hi>, 1. Abth.,
                        Zur Theologie, Bd. XIII).</bibl>
                    </note> aus derselben Zeit stammt, lehrt uns, daß das nicht etwa Zufall, sondern
               Prinzip und Absicht war: «Leite ich den Text aus dem Alten Testament her: so stelle
               ich mich und die Zuhörer auf einen historischen Standpunkt und gebe ihnen ein fremdes
               Bewußtsein und errege eine Gedankenverbindung, die nicht im Zusammenhange steht mit
               dem, was ich aus dem Text ableiten soll, wenn ich christlich reden will … Wir müssen
               die Zuhörer als Christen aufnehmen und nicht als solche, die es erst werden sollen
               und durch die Ängstlichkeit des Gesetzes hindurchgeführt werden müssen.» Ich kann
               mich denn auch nicht erinnern, in diesen Predigten einer Stelle begegnet zu sein, wo
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> vom alttestamentlichen Menschen und seinem Gottesverhältnis anders als
               von etwas jetzt und für uns völlig Überwundenem reden würde, bedauernd, oft fast
               entrüstet, jedenfalls immer eilig daran vorübereilend, als hätte er etwas Häßliches
               gesehen. Aber es ist klar, daß auch das Neue Testament sich jedenfalls nicht ohne
               weiteres in den Schematismus der Schleiermacherschen Lehre fügte. Gar Vieles an dem
               Verhalten Jesu und der Apostel, gar Vieles an dem Wortlaut der biblischen Texte
               scheint ja in ganz andere Richtungen zu weisen, als hier erwünscht war, einen ganz
               anderen Genius zu atmen als den Schleiermacherschen. Der Gesamteindruck von dem
               Verhältnis des Predigers zu den Texten ist der eines gewaltigen Ringens, bei dem man
               nicht weiß, was man mehr bewundern soll: den Ernst, mit dem er sich, daran kann kein
               Zweifel sein, darum bemüht, den Text wirklich zu Worte kommen zu lassen
               (<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Predigten sind jedenfalls in dieser Zeit durchweg keine Motto-,
               sondern wirkliche Textpredigten, Auslegungen, bei denen er ungern irgendeine Wendung
               des <pb xml:id="p037" ed="pga"/> Textes unerklärt bei Seite läßt), <hi rend="italic">oder</hi> die exegetische Gründlichkeit, mit der er oft seiten- und seitenlang
               die Geduld des Lesers mit allerhand scharfsinnigen historischen Explikationen auf die
               Probe stellt, mit denen er sich an das, was er sagen will, heranarbeitet, <hi rend="italic">oder</hi> endlich die dialektische Kunst, mit der er es versteht, die
               durch die Exegese geschaffene glückliche Situation für seine Belehrungen und
               Ermahnungen auszunutzen. </p>
        <p>
                    <milestone xml:id="m8.XI.23" unit="line"/> Ich will Ihnen ein paar Proben dieses
               Ringens mit der Bibel geben. Wir haben schon gesehen, wie sich <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> mit
               einem Abschnitt wie <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.13">Mr. 13</ref>
               auseinandersetzte und wie sich ihm die Sadduzäer unter der Hand zu «Schriftgläubigen»
               verwandeln, die mit den traditionsgläubigen Pharisäern kontrastieren. Bei der
               Geschichte vom Kämmerer aus dem Mohrenland [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.8.26 Act.8.40">Act. 8,26–40</ref>] (7. Sonntag p. Trin. 1832, III
               326ff.) bewegt den Prediger zuerst sehr lebhaft der Gedanke, «als ob dies (nämlich
               das ganze Verfahren des Philippus) eine Art und Weise wäre, das Evangelium zu
               verbreiten, welche keine vernünftige Auslegung zuließe»<note xml:id="n70">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 327</bibl>; Schl.: «das Evangelium, diese größte Gnadenwohltat Gottes in der Welt zu
                  verbreiten.»</note>. Mit der befremdlichen Tatsache, daß dieser Christ sich auf
               Geheiß eines Engels auf der Straße von Jerusalem nach <placeName ref="kbga-places-1012">Gaza</placeName> befindet, statt sich mit
               der stillen Wirksamkeit des regelmäßigen und ruhigen Lehrens in der Gemeinde zu
               begnügen, versöhnt ihn dann aber die Erwägung, daß ihm sein Gang doch schließlich
               durch die äußeren menschlichen Verhältnisse (d.h. durch die Verfolgung in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>)
               vorgezeichnet war, so daß er der göttlichen Ordnung nicht ungehorsam war, wenn er dem
               Engel resp. dem «inneren Zug des Gemütes»<note xml:id="n71">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 329.</bibl>
                    </note> folgte. Und über die bedenklich rasche Taufe des Kämmerers tröstet die
               Feststellung, daß Philippus eben nicht auf die Erfüllung des <hi rend="italic">Buchstabens</hi>, auf die volle Annahme der Lehre durch den Täufling gewartet,
               sondern, wie es recht war, auf dessen «ergriffenes <hi rend="italic">Gemüt</hi>»<note xml:id="n72">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 336.</bibl>
                    </note> geachtet habe. Warum steht die doch ganz weltlich-historische Geschichte vom
               Tod des Herodes in der Apostelgeschichte [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.12.19 Act.12.23">Act. 12,19–23</ref>]? (19. Sonntag p. Trin. 1832,
               III <pb xml:id="p038" ed="pga"/> 400ff.) Damit sie durch ihr bloßes Dasein diejenigen
               Christen beschäme und widerlege, «welche sich auch jetzt noch, wo sie es nur irgend
               vermögen, von aller Teilnahme an den größeren Beziehungen des gesellschaftlichen
               Lebens in der christlichen Welt zurückziehen wollen»<note xml:id="n73">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 404</bibl>; Schl.: «… so viel sie es … vermögen …»</note>. Das Wort: «Es ist genug,
               daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.34">Mt. 6,34</ref>] wird (4. Sonntag p. Trin. 1831, III 11ff.)
               umexegisiert in die Belehrung, daß ein Christ als solcher das, was man Plage nennt,
               überhaupt nicht kenne. Über den grimmigen Text «Ihr sollt das Heiligtum nicht den
               Hunden geben» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.6">Mt. 7,6</ref>] hält
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> (10. Sonntag p. Trin. 1831, III 44ff.) eine wirklich warmherzige und
               kräftige Predigt des Inhalts, die höheren Stände müßten sich ihrer sozialen Schuld
               und Verantwortlichkeit viel mehr bewußt werden. Ausgerechnet die Bekehrung des Saulus
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.1 Act.9.19">Act. 9,1–19</ref>]
               erscheint <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> (9. Sonntag p. Trin. 1832, III 338ff.) als das beredte
               Beispiel einer Bekehrung, die sich nicht auf dem Weg eines inneren Kampfes, einer
               Verzweiflung und Zerknirschung vollzogen habe, sondern auf dem einer ganz ruhigen
               Betrachtung und Durcharbeitung. Wir «lassen alle Gründe auf uns wirken: und was sich
               dann auch ergebe, in dem sind wir nun fest und beginnen von neuem … In diesem Zustand
               war der Apostel, so fand ihn jenes Licht, und in diesem Zustand konnte die Stimme von
               oben herab auf ihn wirken und den letzten Ausschlag geben.»<note xml:id="n74">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 342.</bibl>
                    </note> Das Gebot Jesu «Liebet eure Feinde!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.44">Mt. 5,44</ref>] wird immer wieder (III 320, 465, 617) dahin
               verbessert, daß man als Christ überhaupt keine Feinde haben solle. Zu der Frage:
               «Wenn ihr euren Wohltätern wohltut, was Dank habt ihr davon?» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.6.33">Lk. 6,33</ref>] wird (3. Sonntag p. Trin. 1833,
               III 621) bemerkt, daß bei der heutigen Gesellschaftsordnung die Reichen der Armen und
               die Armen der Reichen Wohltäter sind, so daß für eine Liebe außerhalb dieser
               Gegenseitigkeit kein Raum mehr ist. Von dem geheilten Gadarener [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.5.1 Mk.5.20">Mk. 5,1–20</ref>] heißt es (Frühpredigt
               19, V 241f.), daß Jesus ihm darum nicht gestattet habe, mit ihm zu gehen, weil in
               seiner Umgebung «so viel Ungewöhnliches, Außerordent <pb xml:id="p039" ed="pga"/>
               liches vorfiel, das leicht wieder den Zustand der Ordnung in seinem Gemüte hätte
               stören können», und als er nun trotz des Verbotes Jesu hingeht und die Wohltat Jesu
               ausruft in den zehn Städten, da wird er vom Prediger ernstlich getadelt: die gute
               Absicht des Erlösers an ihm sei schwerlich erreicht worden. «Je regelmäßiger und
               einfacher das Leben würde gewesen sein, was er begonnen hätte: um desto schneller
               gewiß, kräftiger und sichtbarer würde die gehörige Ordnung in sein Gemüt
               zurückgekehrt sein.» Der Sinn der Verklärungsgeschichte [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.9.2 Mk.9.13">Mk. 9,2–13</ref>] soll (Frühpredigt 37,
               VI 9) in der Gleichzeitigkeit der göttlichen Stimme mit<note xml:id="n75">Mskr.:
                  «und». Änderung vom Hrsg.</note> dem Verschwinden des Mose und Elia bestehen. Das
               schwierige Wort aus der Geschichte vom Mondsüchtigen: «Diese Art kann nicht ausfahren
               denn durch Beten und Fasten» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.9.29">Mk. 9,29</ref>] soll so gemeint sein: «ihr habt das nicht vermocht, weil ihr in solchem
               aufgeregten Zustande wäret; das konntet ihr nur, wenn ihr in ruhiger Fassung des
               Gemüts gewesen wäret» (Frühpredigt 38, VI 21). Der etwas gewaltsame Akt der
               Tempelreinigung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.11.15 Mk.11.17">Mk.
                  11,15–17</ref>] wird gemildert und gerechtfertigt durch die Überlegung: «Wir
               werden uns vorstellen müssen, daß die, welche die Aufsicht. über die Ordnung im
               Tempel hatten, vielleicht ein wenig zu viel nachsahen, daß sich dies äußere Gewühl zu
               sehr in das Innere des Tempels hineindrängte; der Erlöser aber nahm es strenger
               damit» (Frühpredigt 48, VI 144). Soviel über die biblische Schwierigkeit im
               allgemeinen und die Art, wie <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ihrer durch energische <hi rend="italic">Deutung</hi> des für ihn mißlichen Wortlautes, die man ja wohl da und dort als
                  <hi rend="italic">Um</hi>deutung wird bezeichnen müssen, Herr zu werden suchte.</p>
        <p>4. Ernsthafter gestaltet sich der Kampf unseres Predigers mit einer <hi rend="italic">zweiten</hi> Schwierigkeit, auf die er immer wieder stößt, je mehr er mit der
               Ableitung seiner Botschaft von Christus Ernst macht. Es ist das <hi rend="italic">Wunder</hi>, von dem er diese historische Größe auf Schritt und Tritt umgeben
               sicht. Unerhörte Stimmen, Gesichte und Ereignisse, von denen die Quellen erzählen,
               scheinen darauf hinweisen zu wollen, <pb xml:id="p040" ed="pga"/> die Göttlichkeit
               dieser Größe müsse jedenfalls <hi rend="italic">auch</hi> als eine qualitative
               Andersartigkeit gegenüber allem sonstigen Sein und Werden verstanden werden. Eben
               diesen Hinweis will nun <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> gerade <hi rend="italic">nicht</hi> gelten lassen.
               Wir verstehen ihn jetzt bereits so weit, um einzusehen, <hi rend="italic">warum</hi>
               nicht: Es soll ja, wie wir sahen und noch weiter sehen werden, zwischen Christus und
               den Menschen in ihrem Sein und Werden in der Welt vielmehr gerade Kontinuität
               bestehen, so gewiß er die Inkarnation des <hi rend="italic">Friedens</hi> zwischen Himmel
               und Erde ist. Zwischen ihm und uns und unserer Welt ist das Verhältnis des
               Ursprünglichen zum Abgeleiteten, des Anfangs zur Fortsetzung, der Quelle zum Ausfluß,
               des Vollkommenen zum Unvollkommenen, aber doch nicht etwa das einer prinzipiellen
               Überlegenheit, wie sie im Gedanken des Wunders ausgesprochen scheint. Der allgemeine
               Eindruck von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Haltung kann kein anderer sein als der: die Tatsache des
               wunderbaren Charakters der historischen «Erlöser»figur ist ihm eine höchst <hi rend="italic">leidige</hi> Tatsache, mit der er sich, so gut es geht, auseinandersetzt,
               die er aber sichtlich wegwünscht. Die Wunder «stehen nun einmal da (1. Sonntag p.
               Epiph. 1833, III 456), wiewohl wir erkennen, daß wir ihrer nicht bedürfen, um an ihn
               zu glauben». <hi rend="italic">Er</hi> würde die Evangelien <hi rend="italic">anders</hi>
               geschrieben haben, allen Nachdruck auf das Geistige, Innerliche, Persönliche der
               Erscheinung Christi legend, d.h. aber, und darauf kommt es an: auf das, worin sich
               die Kontinuität zwischen ihm und uns, der Friede zwischen Gott und Welt ungebrochen,
               ungestört durch das Dazwischentreten jenes fremden Faktors nachweisen läßt. Aber die
               Evangelien und die Apostelgeschichte (über die er 1832 in serie predigte) waren nun
               einmal auch für ihn so geschrieben. Zwei Möglichkeiten der Abhilfe kamen für einen so
               vornehmen und geschmackvollen Mann wie <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> zum vornherein <hi rend="italic">nicht</hi> in Betracht: einmal die zur Zeit des Rationalismus beliebte Umdeutung
               des Wunderbaren in natürliche Vorgänge, zweitens die ein Jahr nach seinem Tod von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-398">D. Fr. Strauß</persName></hi> in die Welt hinausgeschrieene These, daß die
               Wundergerchichten Mythen seien<note xml:id="n76">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-152"><persName ref="kbga-actors-398">D. F. Strauß</persName>, <hi rend="italic">Das Leben Jesu, kritisch
                           bearbeitet</hi>, 2 Bde., Tübingen
                            1835/1836.</bibl>
                    </note>. Er wählt zwei andere Möglichkeiten, <pb xml:id="p041" ed="pga"/> die er
               entweder kombiniert oder je nach seiner Entscheidung von Fall zu Fall auch einzeln
               vorträgt. Er läßt nämlich in allen den Fällen, wo eben handgreiflicherweise nichts zu
               erklären ist, wie etwa bei Totenerweckungen und dergleichen — er nennt sie
               «unmittelbare» Wunder —, die Wundererzählung stehen, wie sie ist, legt aber stärksten
               Nachdruck darauf, daß die Offenbarung Jesu sich nicht etwa in dem Wunder als solchem
               vollzogen habe, sondern irgendwie in seiner dabei an den Tag gelegten
               Gemütsverfassung, und daß eben darauf und wiederum nicht etwa auf das Wunder als
               solches auch unser Glaube sich stützen müsse. Oder er läßt, wo sich das tun läßt, wie
               etwa bei der Heilung der Schwiegermutter des Petrus [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.29 Mk.1.31">Mk. 1,29–31</ref>], die nach ihm ein «mittelbares»
               Wunder ist, das Wunder bestehen in der unerhörten Wirkung des Geistes auf die Natur,
               die sich in Jesus offenbart habe. So erreicht er bald auf diesem, bald auf jenem Wege
               den erwünschten Anschluß an seine Gesamtauffassung von dem kontinuierlichen direkten
               Verhältnis zwischen Offenbarung und Welt, zwischen Christus und uns. Aber lassen wir
               ihn selber reden und sich im einzelnen noch deutlicher aussprechen: Was bedeuten die
               Wunder Jesu? Sie sind, heißt es an der zuletzt zitierten Stelle (III 456f.),
               «freudige Zeichen von dem Wohlgefallen Gottes an ihm». «Darum legte Gott [eben] diese
               Kräfte in des Erlösers irdische Erscheinung, auf daß er … dadurch bewiese den Geist,
               der in ihm wohnete.» Denn: «Der Erlöser, dessen Geschäft auf der Erde<note xml:id="n77">Schl.: «Welt»</note> rein geistiger Natur war, der nicht haben konnte
               irgend einen anderen äußeren Beruf: wie konnte es anders sein, als daß er auf irgend
               eine Weise mit dem wirklichen Leben der Menschen zusammenhängen mußte, daß er sich
               ihnen auch in den Forderungen des gewöhnlichen Lebens zeigen mußte als den, den der
               Vater gesandt hatte?» Man beachte die Einschränkung, die im Anfang dieses Satzes
               enthalten ist. Die Wunder hängen mit dem eigentlichen Beruf des Erlösers nur indirekt
               zusammen. «Jede solche Tat des Erlösers bringt uns die Liebe, mit welcher er sich
               aller Menschen in ihrem <hi rend="italic">geistigen</hi> Elend angenommen hat, zu immer
               neuem Bewußtsein und erfüllt unser Gemüt immer aufs neue mit der Dankbarkeit nicht
               sowohl für das, was er damals <pb xml:id="p042" ed="pga"/>
               <hi rend="italic">leiblich</hi> geleistet, als eben für diesen ihm innewohnenden Geist der
               Liebe.» (Frühpredigt 6, V 77): «Niemals hat er sich dieses zum Hauptgeschäft gemacht,
               sondern immer den Beruf im Auge behalten, daß er gekommen sei, zu predigen [die
               Botschaft] vom Reiche Gottes.» (Frühpredigt 7, V 84): Das Wunder am Gichtbrüchigen
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.1 Mk.2.12">Mk. 2,1–12</ref>] hat
               Jesus «nicht eigentlich seinetwegen getan, sondern in Beziehung auf die Anderen,
               welche da zugegen waren». Der Gichtbrüchige «selbst hatte schon genug an diesem einen
               Wort des Erlösers (Dir sind deine Sünden vergeben!), dadurch war <hi rend="italic">in ihm
                  der Grund gelegt</hi> zur Entwicklung eines heiteren und fröhlichen Glaubens an
               den, welchen Gott gesandt hatte, und an das geistige Reich Gottes, welches er durch
               sein Leben und Dasein stiftete». (Frühpredigt 18, V 225): «Schweig und verstumme!»,
               sagt Jesus zu Wind und Meer [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.39">Mk. 4,39</ref>]. «Auch das ist nun etwas ganz Menschliches; nicht zu dem Meer, nicht zu
               den Stürmen hat er gesprochen, sondern er hat, ohnerachtet er sie anredete, doch
               eigentlich zu den Anwesenden gesprochen; denen wollte er dadurch <hi rend="italic">seinen
                  Willen kundgeben</hi>, damit sie das, was geschah, auch als die Folge seines
               Willens anerkennen könnten.» </p>
        <p>Sehr wichtig sind <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> dann, wie schon erwähnt, alle diejenigen Stellen, in
               denen ihm das Wesen des Wunders als eine <hi rend="italic">außerordentliche Wirkung</hi>
               der Psyche auf die Physis <hi rend="italic">anschaulich</hi> zu werden scheint, so daß
               Natürliches und Wunderbares ineinander übergehen. Die Geschichte von der
               Schwiegermutter des Petrus [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.29 Mk.1.31">Mk. 1,29–31</ref>] ist (nach Frühpredigt 5, V 55) «ein schönes und erweckliches
               Beispiel von der Kraft des Willens und besonders der Kraft der Liebe über die
               körperlichen Zustände des Menschen». Es war «das Zusammentreffen ihrer geistigen
               Empfänglichkeit mit seiner übermenschlichen geistigen Kraft, welches solche Wirkungen
               hervorbrachte» (S. 58). Der Grund zu der Heilung des Gadareners [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.5.1 Mk.5.20">Mk. 5,1–20</ref>] war (nach Frühpredigt
               19, V 243) in seinem Gemüte gelegt, «unabhängig von der wunderbaren Wirkung des
               Erlösers durch<note xml:id="n78">Schl.: «als»</note> die unmittelbare Wirkung seiner
               auf bestimmte Weise wahr <pb xml:id="p043" ed="pga"/> genommenen Nähe». In der
               Erzählung von Jesu Wandeln auf dem Meer [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.6.45 Mk.6.52">Mk. 6,45–52</ref>] ist (nach Frühpredigt 27, V 344) ein
               kaum lösbares Gemisch von Natürlichem und Wunderbarem und darum ein Beispiel dafür zu
               finden, wie sich das Wunderbare im Leben des Erlösers so nahe als möglich an das
               Natürliche hielt «und wie wir darin nie etwas ganz und gar gegen den natürlichen Lauf
               der Dinge Streitendes und gleichsam Abenteuerliches antreffen». In der Heilung des
               Blinden in Bethsaida [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.22 Mk.8.26">Mk. 8,22–26</ref>] endlich, den Jesus mit seinem Speichel berührt und der erst
               nach und nach völlig sehend wird, erscheint (nach Frühpredigt 35, V 427) «das, was
               sonst ein unmittelbarer Ausfluß der göttlichen Kraft des Erlösers war, [hier] als
               etwas Mitgeteiltes, erst allmählich zu Stande Kommendes». Aber ob dieser Zusammenhang
               mehr oder weniger anschaulich ist, <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> bleibt dabei: «Daß durch ihn
               mittelbare <hi rend="italic">oder</hi> unmittelbare Wunder geschahen, das war an und für
               sich selbst, für den eigentlichen Zweck seiner Sendung, von keiner Bedeutung; es war
               ein Erweis seiner Kraft über die Natur, aber das Heil der Menschen mußte gegründet
               werden durch seine Macht über die <hi rend="italic">Gemüter</hi>, <hi rend="italic">geistig</hi> mußte auf sie gewirkt werden durch ihn» (Frühpredigt 39, VI 37). Er
               unterscheidet gelegentlich auch (21. Sonntag p. Trin. 1832, III 419) zwischen den
               Wundertaten und dem «Wunder Christus selbst», dem «Wunder, daß das Wort Fleisch ward,
               … daß die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes strahlte in einem menschlichen Antlitz
               und in einer menschlichen Gestalt», und erklärt dann, nur das letztere sei «<hi rend="italic">das</hi> Wunder, worauf wir uns alle <hi rend="italic">gründen</hi>, das
               Wunder, was unzertrennlich ist von unserem Glauben als der eigentliche [tiefste] und
               innerste Grund desselben». Immer wieder wird das eingeschärft: Der an dem Erweis der
               Allwissenheit Jesu entstandene Glaube des <hi rend="italic">Nathanael</hi>
               <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.47 Joh.1.51">Joh. 1,47f.</ref> ist ein «<hi rend="italic">unvollkommen</hi> begründeter Glaube» (so 2. Sonntag p. Epiph. 1832, III
               165). Nicht die Lichterscheinung vom Himmel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.3">Act. 9,3</ref>] war die den Saulus zum <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName> bekehrende Macht,
               sondern der Inhalt der <hi rend="italic">Worte</hi>, die er vernahm und deren Wirkung
               schon auf mancherlei Weise vorbereitet war in seinem Gemüt (so 9. Sonntag p. Trin.
               1832, III 341). Nicht das Gesicht von dem Tuch mit den unreinen Tieren war die
               bewegende Kraft, die den Petrus vom Uni <pb xml:id="p044" ed="pga"/> versalismus des
               Christentums überzeugte, sondern die nachher an ihn ergehende <hi rend="italic">Aufforderung</hi>, auf die das Gesicht sein Gemüt diesmal <hi rend="italic">vorzubereiten</hi> hatte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.10.9 Act.10.23">Act. 10,9–23</ref>] (im Fall des Saulus ist seine
               Wirkung eine nachträgliche) (so 13. Sonntag p. Trin. 1832, III 369). Und richtiger
               war es (nach Frühpredigt 4, V 49), wenn sich das Volk über je Jesu <hi rend="italic">Lehre</hi> entsetzte als darüber, daß er mit Gewalt den unsauberen Geistern
               gebietet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.21 Mk.1.28">Mk. 1,21–28</ref>], und sie gehorchten ihm. </p>
        <p>Fragen wir <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nach der Begründung dieses Urteils, so antwortet er uns:
               weil der Schluß unzulässig ist vom Kleineren auf das Größere, vom Leiblichen auf das
               Geistige, vom Reich der Natur auf das Reich der Gnade, weil der Anblick der Wunder an
               sich kein Weg ist zur Erkenntnis des Erlösers, zur Stillung und Befriedigung der
               Seele (so 1. Sonntag p. Epiph. 1833, III 450f.). Oder er antwortet uns (in derselben
                  <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Predigt</hi> S. 453</bibl>) damit, daß er uns darauf aufmerksam macht, daß wir ja gar kein Kriterium
               haben, um festzustellen, was denn ein Wunder ist, da wir die Grenze der Natur nicht
               ausgemessen haben (vgl. III 188, V. 50). Oder er antwortet uns (Frühpredigt 4, V 50)
               im Anschluß an diesen letzten Gedanken von der Unerkennbarkeit des Wunders bedeutsam
               damit, daß er das Wunder «etwas Fremdes» nennt, eine Bedingung, der unser Glaube
               nicht gewachsen ist (<persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName>: das «total Unverständliche»<note xml:id="n79">A. v.
                  <persName ref="kbga-actors-155">Harnacks</persName> Formulierung «total unverständlich» bezieht sich bei ihm nicht primär auf
                  Wunder (vgl. doch <bibl corresp="kbga-bibls-1310"><hi rend="italic">Das Wesen des Christentums</hi>,
                           Leipzig
                            1900, S. 16–19, z. B.:«Trotz jener Erzählungen, ja zum Teil
                        auch in ihnen tritt uns hier eine Wirklichkeit entgegen, die auf unsere
                        Teilnahme Anspruch erhebt. Studieren Sie sie und lassen Sie sich nicht
                        abschrecken durch diese oder jene Wundergeschichte, die Sie fremd und
                        frostig berührt. Was Ihnen hier unverständlich ist, das schieben Sie ruhig
                        beiseite … vielleicht geht es Ihnen später in einer ungeahnten Bedeutung
                        auf.» S. 19</bibl>). Hingegen nannte <persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName> im Briefwechsel mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> (in <bibl corresp="kbga-bibls-2026"><hi rend="italic">Die Christliche Welt</hi>, 1923, abgedr. in
                           <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Theologische Fragen und Antworten</hi>, Ges. Vorträge, 3. Band,
                           Zürich
                        1957, S. 7–31</bibl>) dessen Antwort auf seine 1.These «total unverständlich» (S. 14). Der
                  Ausdruck spielt in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Rückantwort über mehrere Seiten (S. 21ff.) eine Rolle:
                  «Aber hier setzt nun Ihre kategorische Erklärung ein, daß Ihnen mein ‹Begriff der
                  Offenbarung› ‹total› (von Ihnen gesperrt!) ‹unverständlich› sei». <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> weitet (S.
                  24) die Bedeutung des Harnackschen Dictums auf die Auferstehung aus.</note>). Oder
               er begnügt sich (Frühpredigt 11, V 144f.), den Glauben, der sich auf etwas zwar mit
                  <pb xml:id="p045" ed="pga"/> Christus Verbundenes, aber aus der Ordnung der
               menschlichen Dinge Herausgerissenes und [ihr] Entgegengesetztes begründe, einen
               scheinbaren, nicht heilbringenden Glauben zu nennen und uns zu versichern, das
               einzige Zeugnis, das Christus begehre, sei das der «inneren Wahrheit», d.h. der
               «Wirkung, welche er auf die Seele ausübt». Kann man danach von einer positiven
               Bedeutung der biblischen Wunder für <hi rend="italic">uns</hi> überhaupt reden? Er findet
               sie (1. Sonntag p. Epiph. 1833, III 457f.; vgl. V 58, 273, 347f.) darin, daß sie uns
               eine «anspornende Weissagung in bezug auf unser eigenes Tun» sein können. Es heißt
               ja: «Wer an mich glaubt, der wird dieselben Werke tun und noch größere als diese»
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.12">Joh. 14,12</ref>]. Was ist
               damit gemeint? Ihr sollt die Erde «beherrschen durch den göttlichen Geist der Liebe.
               Der soll und wird euch immer mehr das Auge des Geistes erleuchten; er wird euch
               tiefer und tiefer eindringen lehren in alle Geheimnisse der Natur; ihr werdet durch
               ihn neue Kräfte in ihrem Innern aufregen, welche geschlafen haben, und in dem
               gemeinsamen Leben des Geistes und der Natur wird die Macht des ersten sich von einem
               Geschlecht zum andern erweitern, ohne daß ihr ein Ende absehen könnt: bis diese ganze
               Welt, wie sie dem Menschen übergeben ist, auch durchsichtig für ihn geworden sein
               wird und dem göttlichen Geiste in ihm dient. … <hi rend="italic">Und sehet da, alles, was
                  der menschliche Verstand geleitet vom Geist fortschreitend vollbringen wird, ist
                  die Fortsetzung der Wunder des Herrn</hi><note xml:id="n80">Schl.: «… ist die Fortsetzung der Zeichen und Wunder des Herrn
                  …»</note>;<hi rend="italic">und wir sind berufen, nicht nur an sie zu glauben, nicht
                  nur sie zu verkündigen, sondern sie zu tun</hi>.» Wo das geschieht in «dem innigen
               Glauben an das Eine große Werk Gottes», da «werden sich immer mehr die herrlichsten
               menschlichen Kräfte entfalten», da «werden wir immer mächtiger [werden], alles zu tun
               und zu erreichen in seinem Namen»<note xml:id="n81">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 458.</bibl>
                    </note>. M.e.W.: Die biblischen Wunder [sind] eine frohe Weissagung auf die in
               unendlichem Fortschritt die Natur immer mehr erkennende und überwindende <hi rend="italic">Kultur</hi>. Und wie sollte diese Weissagung nicht längst in Erfüllung gegangen
               sein? «Ob die Berge versetzt werden, das kann uns gleichgültig sein; aber wir
               schreiten <pb xml:id="p046" ed="pga"/> darüber, als wenn sie nicht da wären», wird
               uns großzügig versichert (III 420). «Wo sind wohl mehr Kräfte in Bewegung, um die
               ursprüngliche Bestimmung des Menschen, daß er Herr sein soll über Alles, was auf
               Erden ist, in einem höheren Maße zu erreichen, wo sind wohl mehr solcher Kräfte in
               Bewegung als in der christlichen Welt?», fragt der Prediger einmal geradezu
               jauchzend. «Das Werk des Erlösers gestaltet sich immer noch ebenso wie damals, nur
               daß jene hilfreichen Kräfte, wie sie doch schon damals so nah als möglich der Natur
               geblieben sind, nur noch mehr in die Grenzen derselben zurückgewichen sind» (V
               348f.). Aber <hi rend="italic">diese</hi> positive Bedeutung des biblischen Wunders
               schneidet nun nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, für uns jedenfalls, die Möglichkeit jeder anderen
                  <hi rend="italic">radikal</hi> ab. In der tröstlichen Versicherung, daß das Wunder sich
               heute auch noch, wenn auch in Form der Kultur, ereigne, verbirgt sich die Spitze, daß
               es sich durchaus <hi rend="italic">nur</hi> noch in Form der Kultur ereignet und ereignen
                  <hi rend="italic">darf</hi>. Gott tut (5. Sonntag p. Trin. 1833, III 637) jedenfalls
               heute nichts, «so daß er selbst hervortrete». In diesem Sinne ist das Reich Gottes
               nicht mehr das Reich des Übernatürlichen und Wunderbaren. «Wir finden im Gegenteil,
               daß das einzelne Wunderbare aufhört, sobald das Reich Gottes einmal seine Gründung
               auf Erden gefunden hat, und zwar nicht nur das äußere, sondern auch das innere»
               Wunderbare. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> meint, sich auf die reformatorische Lehre von der
               Genugsamkeit des Wortes berufen zu dürfen für die These: «Was von Gott kommt, das
               kann nur durch Menschen von Gott kommen; was Gott tun muß, um dieses oder jenes
               hervorzubringen, das tut er nur durch den Dienst derer, welche seinen Willen
               vernehmen.» «Das Wunderbare, das Übernatürliche ist nun verschwunden», heißt es
               (Frühpredigt 5, V 58); mit der Entfernung des Erlösers von der Erde mußte es «<hi rend="italic">nach der Gnade Gottes in das Gebiet der Natur einkehren</hi>». Und diese
               Feststellung ist nun für <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> zugleich ein Dekret. Er zieht aus der
               Geschichte von der weissagenden Magd zu Philippi <ref type="can" subtype="bible" target="Act.16.16 Act.16.18">Apg. 16 [16-18]</ref> (21. Sonntag p. Trin. 1832, III
               425) die Nutzanwendung: «Wir sollen es gebieten in Namen Christi, daß Keiner sich
               herausnehme, wahrzusagen und Wunder zu tun … <hi rend="italic">Jetzt (ist) kein anderes
                  Wunder mehr … als jenes große <pb xml:id="p047" ed="pga"/> Wunder Gottes, daß wir
                  alles Andere begreifen sollen als in dem großen Gesetz der Natur geordnet und in
                  der Führung Gottes begründet</hi>.» Je mehr wir das einsehen, «um desto mehr
               werden wir uns den Weg ebnen zum freudigen <hi rend="italic">Genuß</hi> der Wohltaten
               Gottes und zu jedem ihm [wohl]gefälligen <hi rend="italic">Fortschritt</hi> in der
               richtigen <hi rend="italic">Kenntnis</hi> und dem richtigen <hi rend="italic">Gebrauch</hi> der
                  <title level="m">Kräfte der Natur</title>, über welche er uns gesetzt hat, daß wir
               über sie herrschen sollen»<note xml:id="n82">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 426.</bibl>
                    </note>. Soweit <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Auseinandersetzung mit dem biblischen Wunder. Die
               Frage liegt nahe, ob sich wohl mit dieser energischen Negation des <hi rend="italic">un</hi>mittelbaren Wunders für die <hi rend="italic">Gegenwart</hi> seine Behauptung
               desselben für die <hi rend="italic">Vergangenheit</hi> vereinigen läßt? Ob <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>
               im Ernst daran dachte, das unmittelbare Wunder auch nur für die Vergangenheit zu
               behaupten? Und wenn — diese Frage richtet sich gegen die positiven Aussagen unseres
               Meisters: wenn das wirkliche Wunder Gottes in der <hi rend="italic">Gegenwart</hi> die <hi rend="italic">Kultur</hi> ist, wer ist und was ist dann <hi rend="italic">Christus</hi>, der
               in jener <hi rend="italic">Vergangenheit</hi> als das wirkliche Wunder Gottes bezeichnet
               wird? Wäre es nicht vielleicht zweckmäßiger, den Begriff des «Wunders» hier wie dort
               ganz fallen zu lassen und dem, was hier als Anfang, dort als Fortsetzung in
               kontinuierlichem Zusammenhang unter sich beschrieben wird, einen anderen Namen zu
               geben? Aber lassen wir das Fragen und hören wir weiter zu.</p>
        <p>5. Die <hi rend="italic">dritte</hi> Schwierigkeit, von der die Schleiermachersche
               Christologie bedrückt ist. Sie ist offenbar von allen die prinzipiellste; denn sie
               besteht in nichts Anderem als in der dem Prediger unaufhaltsam immer wieder
               aufsteigenden Frage: <hi rend="italic">Warum gerade Christus</hi> als Inkarnation des
               Friedens mit Gott, als der vollkommene Träger und Bringer dieses Heilsgutes? Ist er’s
               wirklich? Geht es nicht vielleicht auch ohne ihn? Könnte uns nicht vielleicht einmal
               ein Anderer das werden, was uns jetzt Christus ist? Es ist das Problem der <hi rend="italic">Absolutheit</hi> des Christentums, das durchaus nicht nur den Gelehrten,
               sondern auch den Prediger <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> bis in seine letzten Jahre sehr lebhaft
               beschäftigt hat. Hören wir zunächst, in welcher <hi rend="italic">Form</hi> es sich <pb xml:id="p048" ed="pga"/> ihm hier stellt. Wir hörten bereits<note xml:id="n83">Vgl. oben S. 22.</note> in jener vorletzten Frühpredigt (2. Sonntag p. Epiph.
               1834, VI 188): Wir können «leicht in Versuchung kommen zu sagen, das Licht ist doch
               nicht das rechte gewesen, die Menschen bedürfen noch eines anderen, was ihnen nicht
               kommen kann von außerhalb, sondern tief aus ihrem eigenen Innern». Hier haben wir es
               offenbar mit dem <hi rend="italic">mystischen</hi> Einwand gegen die absolute Bedeutung
               der Erscheinung Christi zu tun. Ein anderes Mal (Frühpredigt 17, V 211), bei
               Besprechung des Gleichnisses vom Senfkorn [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.30 Mk.4.32">Mk. 4,30–32</ref>], ist es der Blick auf die <hi rend="italic">anderen Religionen</hi> und ihre zahlreichen Bekenner, der Anlaß gibt zu
               der Frage, «ob wohl auch die von Christo begründete Gemeinschaft ausreichen werde bis
               an das Ende der Tage, ob nicht doch eine Zeit kommen werde, wo die Menschen etwas
               Anderes bedürfen und ihnen Christus nicht mehr genügen würde». Wieder ein anderes Mal
               (Frühpredigt 18, V 229) scheinen es mehr allgemeine <hi rend="italic">geschichtsphilosophische</hi> Überlegungen zu sein, die dem Problem rufen: «<hi rend="italic">Ist</hi> es wohl auch so, wie wir glauben, daß dieser Bund mit dem
               Erlöser <hi rend="italic">dauern</hi> soll bis an das Ende der Tage, ist nicht das auch
               nur eine vorübergehende <hi rend="italic">Anstalt</hi> gewesen für einen besonderen <hi rend="italic">Zeitraum</hi> der <hi rend="italic">Entwicklung</hi> des menschlichen Geistes,
               sollte nicht eine <hi rend="italic">andere Zeit</hi> bevorstehen …, wo der Glaube an den
               Erlöser <hi rend="italic">überflüssig</hi> wäre und wo die Menschen sich <hi rend="italic">auf
                  sich selbst</hi> verlassen könnten, jeder für sich und Alle in Gemeinschaft mit
               einander, aber ohne den Erlöser, ihren <hi rend="italic">eigenen</hi> Weg gehen und so in
               geistiger Selbständigkeit zu einer <hi rend="italic">noch</hi> unmittelbareren
               Gemeinschaft mit Gott kommen?» Und im Sinne eines besonnenen <hi rend="italic">Fortschrittsglaubens</hi> ist es offenbar geredet, was (nach 7. Sonntag p. Trin.
               1833, III 652) Einer sagen konnte: «er suche zwar allerdings die Menschen zusammen zu
               halten unter Christo, weil das <hi rend="italic">für jetzt</hi> das Beste sei
               (<persName ref="kbga-actors-410">Troeltsch</persName>!), aber ihm selbst gelte es nur als ein vorübergehender Zustand. Es werde
               noch ein helleres Licht aufgehen, es werden noch Andere kommen nach diesem Jesus von
               Nazareth und die Menschheit weiterführen; darum wolle er selbst sich <hi rend="italic">so</hi> halten, daß er dann durch kein Vorurteil <hi rend="italic">so</hi> gebunden
                  <pb xml:id="p049" ed="pga"/> sei, daß er dem späteren nicht den Vorzug geben könne
               vor dem früheren.» <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat nun allerdings diese Ansicht nicht etwa als
               seine eigene angeführt, sondern immer nur als die «einiger» oder auch «vieler»
               Zeitgenossen, von der er ausdrücklich Abstand nimmt. Er hat sie einen «Wahn» (III
               298) und eine «Fabel» (III 10) genannt. Aber wie sehr sie ihn beschäftigt, das geht
               nur schon daraus hervor, daß er immer wieder auf sie zurückkommt. Er stellt ihre
               Vertreter, wenn auch etwas zögernd, unter den Schutz des Wortes: «Wer nicht wider
               mich ist, der ist für mich» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.30">Mt.
                  12,30</ref>] (III 653). Und er hat sich jedenfalls mit großem Verständnis in ihre
                  <hi rend="italic">Begründung</hi> hineingedacht. Hören wir, was nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName>
               Darlegungen dafür vorgebracht werden kann: Die betreffenden Zeitgenossen verweisen
               (VI 188f.) auf die bis auf die ältesten Zeiten zurückgehenden <hi rend="italic">Unvollkommenheiten</hi> der christlichen Kirche und geben sie ihrem Wesen schuld.
               Sie sagen (Frühpredigt 24, V 312), daß unter den christlichen Völkern dieselben
               Frevel begangen wurden und werden wie früher. Sie sagen (4. Advent 1833, III 735):
               «der Sinn dieses Jesus von Nazareth sei freilich rein gewesen und sein Bestreben
               göttlich, aber natürlich habe ihm zu seiner Zeit und bei der Beschränkung auf die
               Einsichten seines Volkes doch <hi rend="italic">das rechte klare Bewußtsein fehlen</hi>
               müssen, welches sich erst in einer späteren Zeit hervorarbeiten könne, die mithin
               auch ihm erst seinen rechten Ort anweisen werde». Oder sie sagen (2. Sonntag p. Trin.
               1831, III 10): Sei es Christi «Ernst gewesen, daß er die Welt wolle <hi rend="italic">ganz
                  frei machen</hi>, so müsse es auch sein Wille gewesen sein, sie frei zu machen von
               sich, damit Gott sei Alles in Allen. Dann würden die Menschen nicht nur erkennen, daß
               sie Kraft genug, den göttlichen Willen zu erfüllen, in sich selbst haben; sondern
               auch in der richtigen Erkenntnis desselben würden sie über sein Maß hinausgehen
               können, wenn sie nur wollen. Ja, erst wenn der christliche Name werde vergessen sein,
               dann werde ein allgemeines Reich der Wahrheit und Liebe entstehen, in welchem kein
               Keim der Feindschaft (zwischen Christen und Nichtchristen) mehr liege.» </p>
        <p>
                    <milestone xml:id="m12.XI.23" unit="line"/> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat diese Ansicht und ihre
               Begründungen abgelehnt. Nicht mit unbedingter Parrhesie freilich. Er gibt zu (Früh
                  <pb xml:id="p050" ed="pga"/> predigt 18, V 230): «Es gibt Zeiten, wo es scheint,
               als ob die, welche sich zu solchem Glauben hinneigen, Recht hätten, wo es scheint,
               als ob alle die Einwendungen, welche von Zeit zu Zeit gemacht werden gegen den
               hinreichenden Grund des Glaubens an den Erlöser, sich zusammendrängten, so daß Alles,
               was zur Beschwichtigung derselben gesagt werden könnte, doch nicht hinreicht», und er
               hat ferner zugegeben (ebendas. S. 229): wenn man bei diesen Fragen an die göttliche
               Weisheit und Liebe glaube, so könne man sich eine solche nachchristliche Ära «nur
               noch herrlicher» denken. Aber hören wir seine <hi rend="italic">Gegenargumente</hi>.
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat sich freilich gelegentlich begnügt, seine Ablehnung einfach durch
               Beteuerung seiner entgegengesetzten Überzeugung zu begründen, so 2. Sonntag p. Trin.
               1831, III 10, wo er einfach erklärt: «sie wird nicht wahr werden, diese Fabel!» Zu
               tief sei das Bild des Erlösers dem menschlichen Geschlecht eingeprägt, und [er]
               schließt mit der Novalis-Strophe: «Wenn alle untreu werden …», wobei aber das fatale
               «so bleib ich dir doch treu» korrigiert wird in:» <hi rend="italic">erhalte mich</hi> dir
                  treu!»<note xml:id="n84">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 10.</bibl> — <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> irrt in der Annahme, daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hier den Text von <persName ref="kbga-actors-1161">Novalis</persName>
                  ad hoc korrigiere. Vielmehr findet sich der veränderte Text so, wie <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>
                  ihn zitiert, im <bibl corresp="kbga-bibls-7808"><hi rend="italic">Gesangbuch zum gottesdienstlichen Gebrauch für evangelische
                           Gemeinen</hi>, Berlin o.J. (1829),
                           unterNr. 557</bibl>. Das schließt freilich eine eventuelle Miturheberschaft <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> an
                  der Textänderung nicht aus. Denn er war laut der Vorrede (<bibl corresp="kbga-bibls-7808">A.a.O., S. III-VI</bibl>) Mitglied der seit 1817 im Auftrag der Berliner Kreis-Synode an der
                  Vorbereitung des Gesangbuchs arbeitenden Kommission; und der Synodalauftrag schloß
                  (ebd. S. V) die Freiheit zu Änderungen an Liedtexten ausdrücklich ein.</note>. Die
               Regel ist doch, daß er mit Gründen antwortet. Die Unvollkommenheit der Kirche darf
               eben nicht Christus zur Last gelegt werden (VI 188). Dem Bösen, das auch noch in der
               Christenheit geschieht, steht ein anderes «inneres Gefühl» des Menschen gegenüber: es
               wird doch nicht mehr gelobt und geduldet (V 312). Die Gegner merken nicht, wie die
               gesamte Entwicklung des menschlichen Geistes und Lebens mit dem Samenkorn des
               göttlichen Wortes zusammenhängt, wie sie durch dieses bedingt ist (V 212). Sie
               übersehen, daß das allgemeine Freiheitsbewußtsein, in dem wir Heutigen leben und das
               sie gegen Christus geltend machen, gerade Christus zuzuschreiben ist, und verkennen,
                  <pb xml:id="p051" ed="pga"/> daß wir uns «einer viel größeren Seligkeit» erfreuen,
               «wenn wir zugleich dabei das Bewußtsein Gottes haben» durch die Vermittlung Christi
               (V 304). Sie sollten sich durch die «Erfahrungen der ganzen Weltgeschichte» sagen
               lassen, daß «Alles, was sich je Herrliches, Gottähnliches in den Menschen entfalten
               kann, doch nur … ein Abglanz und Widerschein von ihm» sein kann (V 230). Ihnen wird
               zugerufen: «<hi rend="italic">Das Bild einer stets mit Gott einigen Seele, wo hätten wir
                  es her? Die Spitze unseres Bewußtseins fehlte uns, wenn er nicht gewesen
                  wäre!</hi> … Nein, ohne diese Fülle von Lebenskraft und Freude, die uns das Dasein
               des Erlösers gibt, möchte ich nicht leben.» (III 9).</p>
        <p><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat einmal (6. Sonntag p. Epiph. 1832, III 193f.) gesagt, auch
               weitgehende Verschiedenheiten der Ansicht von Christus könnten und müßten ertragen
               werden, wenn nur das feststehe, daß er allein und kein Anderer mit ihm, neben ihm,
               nach ihm das Licht der Welt sei — anders freilich könne die christliche Gemeinschaft
               nicht bestehen mit Fug und Recht, und wer hier etwas anderes vertrete, der gehöre
               doch nur mit halbem Herzen und vorläufig zu ihr. Es kann keine Frage sein, daß
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> <hi rend="italic">nichts</hi> anderes vertreten wollte, daß seine Wahl
               getroffen war. Aber ob man die Gründe, die er seinem zweifelnden Zeitalter und doch
               auch wohl sich selbst in dieser Sache entgegenhielt, durchschlagend nennen will, ob
               unter den Gegenargumenten, die er vorbrachte, eines ist, das dem ultimativen
               Charakter dieser Angelegenheit durch ebenso ultimativen Ernst gewachsen ist, ob seine
               Ablehnung des Zweifels an der Absolutheit des Christentums nicht nur Gewicht, sondern
                  <hi rend="italic">spezifisches</hi> Gewicht besitzt, <hi rend="italic">diese</hi> Frage muß
               auch — wenigstens angemeldet und für unsere späteren Untersuchungen notiert
                  werden<note xml:id="n85">Randnotiz im Mskr.: «vgl. auch III 741f., III
                  128f.».</note>. Gehen wir zunächst weiter:</p>
        <p>6. Wir wenden uns zurück zu dem «Friede sei mit euch!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.20.19">Joh. 20,19</ref>], in dem wir das Geheimnis
               des Schleiermacherschen Genius vorläufig zu fassen versuchten. Von einer <hi rend="italic">Gabe</hi> an die Menschen <pb xml:id="p052" ed="pga"/> scheint da die Rede zu
               sein, und in der Tat sehen wir nun, daß das Begabtsein mit dieser Gabe eines der
               hervorstechendsten Merkmale des Schleiermacherschen <hi rend="italic">Menschen</hi> ist.
               Von <hi rend="italic">ihm</hi> und zunächst eben von diesem seinem <hi rend="italic">Begabtsein</hi> muß nun geredet werden. Der Schleiermachersche Christ ist ein
               beatus possidens in jeder Beziehung. Ihm wird ja von Christus überhaupt nie anders
               geredet als mit der nachdrücklichsten Verheißung: was in Christus war, das kann, das
               soll, das wird auch in dir sein, auch das Höchste, was in Christus war, nicht
               ausgeschlossen, ja, dieses am allerwenigsten. Und das <hi rend="italic">wird</hi> nicht
               nur sein, nein, das ist schon in dir, wenn du nur dich selber in dem Besten, was du
               bist, richtig verstehen, darin zuzunehmen dich nicht weigern willst. Eine der
               bezeichnendsten und häufigsten Wendungen in <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Predigten ist die Figur
                  «<hi rend="italic">immer mehr</hi>»: Immer mehr soll das göttliche Leben sich in uns
               verherrlichen, immer mehr sollen wir uns hineinleben in seine Gemeinschaft, immer
               deutlicher, immer herrlicher, immer höher usf. Daß er sich in dieser anfangs- und
               endlosen Aufwärtsbewegung schon befinde und nur darin zu verharren habe, das ist’s
               vor Allem, was dem Schleiermacherschen Christen gesagt wird. Das Wort Gottes in
               Christus ist ja, wie wir bereits hörten, ein gebietendes, schaffendes,
               hervorbringendes Wort, Verkündigung im neuen Bund ist Mitteilung, ist Erfüllung (III
               468f.). In diesem Sinn redet <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> darum von dem «in der Seele schlafenden
               Christus», auf den wir nur sehen, den wir nur «immer aufs neue in unserem Herzen
               erwecken» müssen, auf daß er in uns lebe; dann schauen auch wir das Bild seines
               Friedens und nehmen dieses in unser Herz auf (2. Sonntag p. Trin. 1831, III 4f.).
               Unsere Aufgabe den Mitmenschen gegenüber besteht darin, ihnen «an uns selbst» die
               Seligkeit zu zeigen, zu der sie berufen sind (20. Sonntag p. Trin. 1831, III 97). Wie
               kommt Christus dazu, in unserer Seele zu schlafen, möchten wir fragen. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>
               antwortet: Christus hat uns ja als «innersten heiligsten Grund unseres Friedens» die
                  <hi rend="italic">Erinnerung</hi> an ihn zurückgelassen, nicht im Buchstaben, sondern
               in der Kraft des <hi rend="italic">Geistes</hi>. Der Geist aber hat (und hätte auch ohne
               den Buchstaben) das <hi rend="italic">Wort</hi> hervorgerufen, welches sein Bild durch
               alle Zeiten getragen hat. Also das Wort ist Geist, und <pb xml:id="p053" ed="pga"/>
               Geist ist Erinnerung. «In dieser Erinnerung ist uns der Friede gegeben: je mehr sein
               Bild unsere Seele erfüllt, desto mehr nähern wir uns seinem Frieden, je mehr sein
               Leben unser Leben durchdringt, desto mehr fühlen wir uns hingezogen in dieselbe
               Einigkeit mit Gott», die in ihm war (III 4). Und so gilt es denn für den Menschen,
               nur festzuhalten, was ihm aus der Kraft des göttlichen Wortes, aus dem Zusammenhang
               mit der Stimme Gottes, <hi rend="italic">der göttlichen Offenbarung in unserem
                  Inneren</hi> (d.h. eben in jenem Erfülltwerden der Seele von seinem Bild, in jenem
               Durchdrungenwerden von seinem Leben) <hi rend="italic">gegeben</hi> ist. Und es handelt
               sich bei dem <hi rend="italic">Resultat</hi> dieses Prozesses um das wirkliche
               Vorhandensein eines vielleicht bescheidenen, aber wachstumsfähigen Quantums
               christusartigen Wesens im Menschen. «<hi rend="italic">Der Glaube an (Jesum) Christum, den
                  Sohn des lebendigen Gottes, … (ist eben) die Offenbarung Gottes selbst in dem
                  menschlichen Gemüt</hi>» (1. Sonntag p. Trin. 1833, III 601). Darin besteht die
                  <hi rend="italic">Vergebung</hi> der Sünden: daß «der Widerstand gegen das Reich Gottes
               sich vermindert, … die uneinig gewesenen Gemüter (sich) immer mehr versammeln, um bei
               derselben Quelle das Heil zu suchen, … das Auge des Geistes immer heller wird, um
               Wahres von Falschem zu unterscheiden und sich dem himmlischen Lichte zuzuwenden» (5.
               Sonntag p. Trin. 1832, III 323). </p>
        <p>Der Begriff der <hi rend="italic">Gabe</hi> darf also, wenn man sich veranschaulichen
               will, was <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> sich hier denkt, auf keinen Fall etwa überspannt, d.h. allzu
               wörtlich genommen werden. Genau genommen und nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> ausdrücklichsten
               Erklärungen ist nämlich das so entstehende «neue» Leben im Menschen vielmehr das
               Ergebnis eines <hi rend="italic">Zusammenwirkens</hi> zwischen einem Göttlichen außer ihm
               und einem Göttlichen in ihm. Christus setzt bei den Menschen Empfänglichkeit und
               Liebe zur Wahrheit voraus, danach müssen wir unsere Vorstellungen von dem Verderben
               der menschlichen Natur einrichten (2. Sonntag p. Epiph. 1832, III 161). Und danach
               werden sie nun in der Tat eingerichtet. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> zitiert zwar nicht selten:
               «Wir sind allzumal Sünder …» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.23">Röm.
                  3,23</ref>: z.B. III 330, 358, 624), aber der Nachdruck seiner Anthropologie
               fällt doch ganz und gar auf den Nachweis eines» <hi rend="italic">Verlangens</hi> der
               menschlichen Seele» in der «Rich <pb xml:id="p054" ed="pga"/> tung nach dem Ewigen
               hin» (11. Sonntag p. Trin. 1832, III 358). Das <hi rend="italic">Gebet</hi> ist darum
               wichtig, weil Gott auf nichts größeren Wert legt als darauf, daß «sich das tiefste,
               innerste Gemüt des Menschen über das Vergängliche und Nichtige, das ihn von allen
               Seiten umgibt …, erhebt und er sich so [ganz] sammelt, <hi rend="italic">daß er auch sich
                  selbst nun erst vollkommen findet, indem er den Höchsten findet in sich, um sich
                  und über sich</hi>», gleichviel, ob dies in Form eines «gleichsam ruhenden
               Bewußtseins» geschieht, das den «Weg zur Seligkeit» schon hinter sich hat, oder in
               Form «tiefer Sehnsucht» danach (ebendas. 355). Die Jünger Jesu, von denen er sagt:
               «Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.11">Mk. 4,11</ref>], sind, was sie sind, «nicht durch eine allein
               von ihm ausgegangene Wahl, wodurch er die Anderen ausgeschlossen hätte, sondern weil
               sie <hi rend="italic">ein Bedürfnis in sich fühlten</hi>, sich zu ihm zu halten und ihn zu
               fragen» (also eine Art Umkehrung: «Nicht <hi rend="italic">ich</hi> habe <hi rend="italic">euch</hi> erwählet …» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.15.16">Joh. 15,16</ref>]) (Frühpredigt 16, V 200f.). Denn «der göttliche Geist ist
               freilich an und für sich eine unendliche Kraft, … aber <hi rend="italic">er wirkt</hi>
               doch in der christlichen Kirche überall und in jeder [einzelnen] Seele nur <hi rend="italic">als eine dem Gesetz der Natur unterworfene Kraft</hi>» (4. Sonntag p.
               Epiph. 1832, III 179). «Mit einer göttlichen Kraft wirkte der Erlöser, aber nur nach
               dem natürlichen Gesetz der menschlichen Dinge, nach dem Maß, in welchem jeder fähig
               war, seine Mitteilung aufzunehmen, nach dem Maß der <hi rend="italic">Bereitwilligkeit</hi>, die jeder ihm entgegenbrachte, nach dem Maß der <hi rend="italic">Vorbereitung</hi> und <hi rend="italic">Vorarbeit</hi>, die schon mit dem
               Boden einer jeden menschlichen Seele vorgegangen war» (Sexagesimae 1832, III 198f.).
               Denn «gewiß wird niemand sagen wollen, wie leichtsinnig auch ein Mensch gelebt und
               die Stimme seines Gewissens übertäubt habe, um den Gelüsten seines Fleisches zu
               frönen, daß dennoch ebenso gut wie in jeder anderen auch in einer solchen Seele ohne
               weiteres ein wahrhaftes Verlangen nach dem Erlöser entstehen könne» (ebendas. 204).
               Man versteht <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Meinung am besten, wenn man etwa <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName></hi> Begriff von der iustificatio impii daneben hält. Weder gibt es für
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> eine iustificatio als freie, in sich selber begründete Gottestat, noch
               gibt es für ihn einen impius, einen wirklich verlorenen Menschen. An ihre Stelle
               tritt bei ihm ein <pb xml:id="p055" ed="pga"/> nach dem «Gesetz der Natur» sich
               abspielender Prozeß, in dem Gott <hi rend="italic">und</hi> der Mensch wirkend <hi rend="italic">und</hi> handelnd gleich beteiligt sind. Wieder drängt sich Frage um
               Frage auf: Was ist das für ein Gott? was ist das für eine Gnade? was ist das für ein
               Geist, von dem da die Rede ist? was ist das für ein Verhältnis, in dem sich der
               Mensch da befindet? was ist das für ein Heilsgut, das ihm in diesem Verhältnis
               vermittelt wird? Aber schweig still und laß das Fragen sein!<note xml:id="n86">Die
                  Herkunft dieser — vermutlich zitierten — Wendung konnte nicht ermittelt
                  werden.</note>
            </p>
        <p>7. Sehen wir zu, <hi rend="italic">was aus dem Besitz</hi> wird, der dem Menschen in der
               geschilderten Weise durch Christus vermittelt ist! Davon kann keine Rede sein, daß
               der bewußte Prozeß etwa damit, daß das Heilsgut, der Friede, seinen menschlichen
               Empfänger gefunden [hat] resp. von seinem Empfänger in seiner Bedeutung erkannt ist,
               seinen Abschluß gefunden hätte. Der einzelne Mensch soll sich ja nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>
               nur als «Teil des lebendigen Ganzen, dem wir angehören», als «Werkzeug des göttlichen
               Geistes» fühlen (4. Sonntag p. Trin. 1831, III 18), er soll «geöffnet» sein (6.
               Sonntag p. Trin. 1831, III 22), er soll sich bewußt sein, sich in einem
               «Zusammenhang», in einer «Ordnung», in einem «Reich» zu befinden (Frühpredigt 13, V
               166). Das Böse ist für <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> (ebendas.) identisch wie mit der
               Mannigfaltigkeit, so mit der <hi rend="italic">Selbstsucht</hi>. Das Gegenteil von
               Selbstsucht ist aber nach ihm nicht etwa der Altruismus (er lobt einmal «das reine
               schlichte Auge dessen, der weder an sich selbst <hi rend="italic">noch</hi> [<hi rend="italic">an</hi>] <hi rend="italic">Andere</hi> denkt», III 18), sondern die <title level="m">Hingabe an die Bewegung des</title> in mir wie im Anderen lebendigen <hi rend="italic">Geistes</hi>, eine Bewegung, die man sich im Sinne <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> wohl am besten
               etwa nach Art des alle Organe durchflutenden und belebenden Blutumlaufs im tierischen
               Körper vorstellt. Vom «Guten» wird einmal folgende Definition gegeben: «Wir sollen
               immer nur das <hi rend="italic">Gute</hi> im Sinn haben in Beziehung auf das <hi rend="italic">Ganze</hi>. Was dies weiterbringt, was dies in einer herrlichen, gottgefälligen,
               das Bild des Erlösers immer reiner abspiegelnden Gestalt darstellt in unserem Kreise,
               was diesen geistigen Tempel Gottes <pb xml:id="p056" ed="pga"/> fördert, daß er sich
               höher aufbaut bis an den Himmel hinan, das, m[eine] g[eliebten] F[reunde], das ist
               das Gute» (12. Sonntag p. Trin. 1831, III 64). Die Einsicht, die die Bekehrung des
               Saulus bewirkt hat, ist nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> neben der des Universalismus der Gnade
               die bisher von ihm nicht gekannte Verbindung «zwischen dem eigenen Besitz der
               himmlischen Güter und dem unwiderstehlichen Drange, sie mitzuteilen» (9. Sonntag p.
               Trin. 1832, III 346). Uns freuen mit den Fröhlichen und weinen mit den Weinenden
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.15">Röm. 12,15</ref>] sollen wir
               mit dem Zweck, «das innerste schlummernde Bewußtsein des höheren Berufs» in ihnen zu
               erwecken (6. Sonntag p. Trin. 1831, III 28). Statt zu richten, sollen wir «in der
               Kraft der Liebe überall eingreifend, helfend, abwehrend, selbst schöpfend aus der
               Kraft Anderer auf der <hi rend="italic">einen</hi>, mitteilend aus dem Unsrigen auf der
                  <hi rend="italic">anderen</hi> Seite, jede menschliche Handlung auf ihr Verhältnis zum
               Reiche Gottes ansehen und sie demgemäß in unser Leben verweben» (8. Sonntag p. Trin.
               1831, III 41). Daß es Menschen gibt, die wider Christum sind, das wird von
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> uns, denen, die für ihn sind, ins Gewissen geschoben als unsere
               Schuld: «Wenn wir ihm nachfolgten auf die rechte Weise, so würden wir auch alle um
               uns her so lange reizen, bis sie sich entscheiden müßten» (7. Sonntag p. Trin. 1833,
               III 653). In diesem Sinn kann man sagen, daß der Heilsbesitz des Einzelnen bei
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> eigentlich nur <hi rend="italic">Mittel</hi> ist zu dem größeren <hi rend="italic">Zweck</hi> der <hi rend="italic">Zirkulation</hi> dieses Heilsbesitzes in der
                  <hi rend="italic">Gesamtheit</hi>. «Denen Gott einen Vorzug gibt, die begnadigt er
               nicht um ihrer selbst willen, nicht als diese und jene einzelne, sondern nur deshalb,
               weil nach dieser Ordnung sein Reich am meisten gefördert wird» (11. Sonntag p. Trin.
               1832, III 362). Das ist der Kanon, der z.B. auf das Gespräch Jesu mit der Samariterin
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.1 Joh.4.42">Joh. 4,1–42</ref>]
               (III 176), auf die Einkehr Jesu bei Zachäus [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.1 Lk.19.10">Lk. 19,1–10</ref>] (III 199), auf die Taufe des
               Kämmerers aus Mohrenland [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.8.26 Act.8.40">Act. 8,26–40</ref>] (III 331) und auf die des Hauptmanns Cornelius [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.10.1 Act.10.48">Act. 10,1–48</ref>] (III
               359) ausdrücklich angewandt wird, beim Hauptmann Cornelius <ref type="can" subtype="bible" target="Act.10">Apg. 10</ref> z.B. mit der Argumentation: es hätte
               ja nie eine bleibende Ruhe geben können für den Glauben, wenn nicht die Zahl seiner
               Anhänger unter dem römischen Volke und besonders unter dem römischen Heere so groß
                  <pb xml:id="p057" ed="pga"/> geworden wäre, daß die Sache nicht mehr zu dämpfen
               war. Und irgendwo mußte doch hierzu der Anfang gemacht werden (III 361). Auffallend
               schneidig spricht <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> sich aus über die Geringfügigkeit, ja Nichtigkeit
               des <hi rend="italic">einzelnen Menschen als solchen</hi> gegenüber der ihm gestellten
               Aufgabe im Dienste des das Ganze durchflutenden Lebensgeistes. Ebenfalls in der
               Corneliuspredigt heißt es (III 360): «Laßt uns versuchen, unser Auge nicht auf den
               Einzelnen, weil wir <hi rend="italic">an dem ja nichts</hi> finden, sondern auf das Ganze
               zu richten.» Ein anderes Mal (14. Sonntag p. Trin. 1831, III 78): «Wie sollte Einer …
               jemals dazu kommen, sich selbst für unentbehrlich zu halten in diesem Leben! … <hi rend="italic">Was kann an irgend einer einzelnen Erscheinung des menschlichen Geistes
                  gelegen sein</hi>! … Das Leben des Menschen ist vergänglich, aber nicht so, daß es
               dem Herrn jemals könne an Dienern zur Vollendung seines Werkes fehlen! Der Geist
               bildet unaufhörlich, seine Werkstatt ist nicht zu verwüsten, wie sehr auch die
               Krankheiten, die Kriege und alle Widerwärtigkeiten des Lebens die Menschen aufreiben;
               denn die Pforten der Hölle sollen nicht vermögen, das Reich Christi zu überwältigen.»
               Und noch ein anderes Mal (4. Sonntag p. Epiph. 1833, III 481) geradezu: «Wie <hi rend="italic">verschwindet</hi> der Einzelne, wie muß er verschwinden, wenn der Blick
               des Herrn auf das ganze menschliche Geschlecht gerichtet ist … Geist und Leben sollen
               die Worte des ewigen Lebens sein und bleiben, die wir reden, die wir einander
               mitteilen, durch die wir einander dienen … Und wenn sie Geist und Leben geworden
               sind, dann soll auch jeder gern hingehen, das Zeitliche verlassen und wissen, auch
                  <hi rend="italic">sein Leben ist dazu gewesen</hi>, damit die Worte des ewigen Lebens
               Geist und Leben wirken und immer mehr in dem menschlichen Geschlecht den
               verherrlichen, der das Leben wiedergebracht hat.» </p>
        <p>Ein doppeltes Fragezeichen wird auch hier zu setzen sein. Was ist der Mensch, wenn
               seine Menschlichkeit geradezu in ihrem prinzipiellsten Sinn, nämlich als <hi rend="italic">Einzelnheit,</hi> keine andere als diese <hi rend="italic">funktionelle</hi>
               Bedeutung haben soll? Und mit dieser Frage hängt die andere sehr nahe zusammen: was
               ist das «Leben», was ist der «Geist», der seine Diener und Werkzeuge zunichte macht,
               verschwinden läßt, nachdem er sie als Mittel für seine eigenen Zwecke gebraucht hat?
                  <pb xml:id="p058" ed="pga"/> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> meint doch, wenn er vom Menschen
               redet, den von Gott und nach seinem Ebenbild geschaffenen Menschen, er meint doch das
               Leben, den Geist, das Reich <hi rend="italic">Gottes</hi>? Aber würde jene Schilderung
               nicht besser zutreffen, wenn er den Menschen als Partikelchen des Naturganzen und bei
               den Worten «Geist» usf. eben dieses Naturganze resp. seinen ewigen Gehalt oder dergl.
               meinen würde? Oder sollte die Indifferenzierung der Einzelnheit des <hi rend="italic">Menschen</hi> einen Schluß zulassen auf eine hier noch nicht, aber vielleicht
               anderweitig vollzogene Indifferenzierung auch der Einzelnheit <hi rend="italic">Gottes</hi>? Es kann ja ein Zufall sein, aber ich möchte es dann einen nicht
               zufälligen Zufall nennen, daß der doch sonst nicht flüchtig exegesierende
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in seiner Homilie über <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.31 Mk.8.38">Mr. 8,31–38</ref> (Frühpredigt [36], V 444) ausgerechnet
               die <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.36">Verse 36</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.37">37</ref> «Was hülfe es dem Menschen …?» mit tiefem Stillschweigen übergangen hat. Notieren wir uns auch diesen Fall für
               spätere Aufklärung. Nur darum möchte ich jetzt schon bitten, die Schleiermachersche
               Indifferenzierung des Einzelnen gegenüber den Zwecken des sogenannten Ganzen <hi rend="italic">nicht</hi> etwa zu verwechseln mit der <hi rend="italic">calvinischen</hi>
               Bestimmung des Lebenszweckes als glorificatio Dei. Wenn zwei dasselbe zu sagen <hi rend="italic">scheinen</hi>, so ist es darum noch nicht dasselbe.</p>
        <p>8. Die qualifizierte Trägerin der vom Erlöser ausgehenden Geistesoder Lebensbewegung
               ist nun die <hi rend="italic">christliche Gemeinde</hi>. «Was [er] (der Erlöser) uns
               geworden ist, (konnte er) uns nicht allein durch seine Lehre werden, sondern es
               gehörte dazu zugleich die Gemeinschaft der Gläubigen, welche er stiftete, so daß sich
               das eine von dem anderen nicht trennen läßt» (4. Sonntag p. Epiph. 1833, III 470).
               Die Schleiermachersche Kirche ist eine freie Vereinigung Gleichgesinnter, begründet
               auf die gemeinsame Liebe zu Christus mit dem Zwecke gemeinsamen Betrachtens,
               Fruchtbarmachens und Ausbreitens der von Christus empfangenen Anregung.
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ist ein entschiedener Vertreter der Idee einer <hi rend="italic">freien</hi> Kirche, frei nicht nur vom Staate freilich (das auch, wie wir schon
               gelegentlich hörten), sondern auch frei von jeder inneren Bindung außer derjenigen,
               die durch die <title level="m">Gemeinsamkeit des subjektiven Erlebnisses</title> in
               seiner ganzen, durch <pb xml:id="p059" ed="pga"/> keinen Bekenntnisbuchstaben zu
               fassenden, durch keine äußere Autorität zu normierenden Unmittelbarkeit [entsteht].
                  <hi rend="italic">Das</hi> ist gemeint bei Sätzen wie etwa die folgenden: «Ihr wißt es
               recht wohl, das ist nicht meine Meinung, daß wir hier zusammenkommen, ich um euch zu
               erbauen, und ihr um durch mich erbaut zu werden: sondern daß ich nichts Anderes will
               als mich selbst mit euch und an euch erbauen durch das göttliche Wort des Herrn und
               Meisters, das wir uns gemeinsam ans Herz legen» (20. Sonntag p. Trin. 1831, III
               102f.). Der Geist hat seinen Sitz in der <title level="m">Gemeinde als
                  solcher</title>. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nennt es «eine klare und richtige Voraussicht»,
               die die Apostel hatten, indem sie «die erste große Angelegenheit, welche in Frage
               kam, in die Hand der Gemeinde legten». «Das, wovon sie bestimmt erwarteten, es werde
               sich immer kräftiger [und allgemeiner] geltend machen, das suchten sie (so) selbst
               ins Leben zu rufen» (Sonntag vor Pfingsten 1833, III 584). In der Gemeinde allein
               haben die kirchlichen <hi rend="italic">Ämter</hi> ihren Ursprung. Sie steht immer <hi rend="italic">über</hi> denen, die ihre Diener sind. Kein Einzelner, der ein solches
               Amt versieht, ist darum in besonderer Weise ein Sitz des Geistes (6. Sonntag nach
               Ostern 1832, III 288). Die Apostel wollen sich von den übrigen Christen ihrer Zeit,
               aber auch von uns durch keine besondere Dignität unterscheiden (13. Sonntag p. Trin.
               1832, III 366). Ein prinzipieller Unterschied zwischen Spendern und Empfängern der
               geistigen Güter würde das Wesen des Evangeliums verdunkeln, uns von dem unmittelbaren
               Zusammenhang mit Gott, in dem wir alle stehen sollen, wieder zum Vertrauen auf
               Menschen zurückführen. Im «Auftrage der Gemeine» nur geschieht aller besondere Dienst
               des göttlichen Wortes (17. Sonntag p. Trin. 1832, III 396; vgl. auch Frühpredigt 12,
               V 153). Ich möchte auch hier bitten, die Aufstellungen <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> mit denen der
                  <hi rend="italic">reformierten</hi> Lehre von Kirche und Amt vorläufig unverworren zu
               lassen, so ähnlich sie einander sehen mögen und so sicher es ist, daß wir es hier wie
               in dem vorher berührten Punkt mit einer Modifikation reformierter Überlieferung, von
               der <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ja herkam, zu tun haben.</p>
        <p>
                    <milestone xml:id="m13.xi.23" unit="line"/> Zwei auffallende Merkmale des
               Schleiermacherschen Gemeindegedankens möchte ich vorläufig festhalten. Das erste: Wie
               der Schleier <pb xml:id="p060" ed="pga"/> machersche Christ im einzelnen ein beatus
               possidens, so ist die Schleiermachersche Kirche im ganzen eine <hi rend="italic">ecclesia
                  possidens</hi>. In der Gemeinde «erkennen wir <hi rend="italic">die volle Offenbarung
                  des höchsten Wesens in dieser Welt</hi>», heißt es (2. Pfingsttag 1833, III 591).
               Gebrochene, unvollkommene Strahlen des ewigen Lichts sind freilich die einzelnen
               Kirchen als solche. «Aber wenn wir die Christenheit in ihrem ganzen Sein betrachten,
               wenn wir für einen Augenblick das Auge des Geistes so erleuchten können und das Feuer
               der Liebe in dem Inneren zu solcher Glut erwärmen, daß diese Verschiedenheiten uns
               nicht mehr abstoßend berühren, dann finden wir <hi rend="italic">in ihnen
                  zusammengenommen</hi> nicht nur <hi rend="italic">den ganzen Christus</hi>, sowie <hi rend="italic">den ganzen ungeteilten Geist</hi> Gottes, sondern wir schauen darin auch
               den <hi rend="italic">Vater</hi> an, der sich in dem Sohn offenbart hat, und übersehen es,
               wie aus einem Mittelpunkte alle jene verschieden gebrochenen Strahlen des göttlichen
               Lichtes ausgehen» (III 590). Ich erinnere an die schon zitierte Stelle (Frühpredigt
               51, VI 183): «Das wahre Reich, das [er] (Christus) gestiftet, liegt nicht nur vor
               unseren Augen da, sondern wir leben, weben und sind in ihm» und an jene Stelle aus
               der Praktischen Theologie<note xml:id="n87">Vgl. oben S. 36, Anm. 69.</note> über die
               Abrogation des Alten Testamentes: «Wir müssen die Zuhörer als Christen aufnehmen und
               nicht als solche, die es erst werden sollen» (S. 239). Die Predigt über die Einladung
               zum großen Abendmahl <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.14.15 Lk.14.24">Lk.
                  14 [15-24]</ref> (20. Sonntag p. Trin. 1831, III 93f.) geht aus von der
               Supposition, daß «wir, die wir uns hier vereinigen, um gemeinschaftlich dessen zu
               gedenken, der uns in das Reich Gottes berufen hat», nicht sowohl zu denen gehören,
               die im Gleichnis erst eingeladen werden, sondern zu den Dienern, die die Einladung
               auszurichten, weiterzugeben haben, nachdem wir selbst sie angenommen. Die
               apostolische Mahnung, daß ein jeder sich also stellen soll, daß er seinem Nächsten
               gefalle [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.15.2">Röm. 15,2</ref>], wäre
               (nach der Neujahrspredigt 1833, III 445) nur dann unbegreiflich, wenn wir es in
               unseren Nächsten «mit Menschen zu tun hätten, die <hi rend="italic">außer</hi> unserer auf
               Christus gegründeten Gemeinschaft mit Gott stehen … ; aber in dem Falle befinden wir
               uns <hi rend="italic">nicht!</hi>» Ein besonders starkes Stück leistet sich <pb xml:id="p061" ed="pga"/> der Meister bei der Auslegung des Wortes: «Ich bin
               gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten» <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.17">Mr. 2 [17b]</ref> (Frühpredigt 8, V 105f.): «<hi rend="italic">Das (ist) nun nicht so zu verstehen, als ob alle die, welche in der
                  christlichen Kirche gehoren und erzogen sind</hi>, und von Jugend auf in den
               Wahrheiten des Heils unterrichtet, <hi rend="italic">auf dieselbe Weise wie die
                  Zeitgenossen des Erlösers erst müßten umkehren und ihren Sinn ändern</hi> — denn
               dieser Sinn, welchen sich jene mit gänzlicher Aufgebung ihres Früheren erst aneignen
               mußten, wird uns ja von Jugend auf eingeprägt …» M.a.W.: die Buße, die Jesus fordert,
               erübrigt sich heutzutage für den Einzelnen im Blick auf die durch seine christliche
               Erziehung ihm zukommende Generalbuße der christlichen Gemeinde, der christlichen
               Geschichte als solcher, die so wenig wie das Vorhandensein des Geistes, des Lebens,
               der Gemeinschaft mit Gott usf. etwa in Frage steht, sondern als mit dem Dasein des
               Christentums (wohlverstanden nicht etwa als Ausfluß der Taufgnade, nicht etwa als
               direkte Wirkung des Todes Christi oder des heiligen Geistes, sondern als mit dem
               historischen, von Geschlecht zu Geschlecht sich übertragenden und fortsetzenden
               Dasein des Christentums) <hi rend="italic">gegeben vorausgesetzt</hi> wird. Die Frage nach
               dem der Sache entsprechenden reinigenden, verbreitenden und darstellenden <hi rend="italic">Handeln</hi> auf Grund dieser Voraussetzung muß und wird durch eine
               christliche Ethik zur Sprache gebracht werden.<note xml:id="n88">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-1756">Anspielung auf die Grundbegriffe von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> theologischer Ethik:
                           <hi rend="italic">Die christliche Sitte nach den Grundsätzen der
                           evangelischen Kirche im Zusammenhang dargestellt</hi> von Dr.
                        <persName ref="kbga-actors-360">Friedrich Schleiermacher</persName>. Aus <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>’s handschriftlichem Nachlasse
                        und nachgeschriebenen Vorlesungen hrsg. von L. Jonas,
                           Berlin
                        1834 (= <hi rend="italic">Sämmtliche Werke</hi>, 1. Abth.,
                        Zur Theologie, Bd. XII). Dort ist der 1. Teil («Das wirksame Handeln»)
                        unterteilt in die Abteilungen «Das reinigende oder wiederherstellende
                        Handeln» und «Das verbreitende Handeln». Der 2. Teil ist überschrieben: «Das
                        darstellende Handeln».</bibl>
                    </note> Die Frage nach einem ursprünglichen <hi rend="italic">Werden</hi> der Gemeinde,
               nach einem <hi rend="italic">Empfangen</hi> ihres Besitzes im strengen Sinn, sie ist in
               der Gemeinde und <hi rend="italic">für</hi> die Gemeinde <hi rend="italic">keine</hi> Frage.
               Umso mehr aber für uns, die wir uns über die hier gemachte Supposition jedenfalls
               noch weitere Aufklärungen werden erbitten müssen.</p>
        <p>Und nun noch das Andere: Wer ist nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> <hi rend="italic">Glied der <pb xml:id="p062" ed="pga"/> christlichen
                        Gemeinde?</hi> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> kann sich gelegentlich sehr bestimmt darüber aussprechen:
               «Immer und ewig wird es wesentlich auf diese zwei Dinge ankommen: auf die <hi rend="italic">Klarheit des Bewußtseins</hi> von dem göttlichen Ratschluß in Christo, der Würde, die Gott ihm mitgeteilt,
               der Herrlichkeit, die Gott ihm gegeben, und auf eine <hi rend="italic">Treue in seiner
                  Nachfolge</hi>, die durch nichts kann abgeschreckt und abwendig gemacht werden»
               (6. Sonntag nach Ostern 1832, III 282). Aber daß das Kriterium für jene Klarheit und
               für diese Treue doch im subjektiven Erlebnis liegt, das verrät sich in dem Triumph,
               mit dem <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> am Anfang derselben Predigt (über die Apostelwahl des Matthias
                  <ref type="can" subtype="bible" target="Act.1.21 Act.1.26">Apg. 1 [21f.]</ref>) feststellt,
               daß diese wichtige Entscheidung <hi rend="italic">vor</hi> der Ausgießung des heiligen
               Geistes stattgefunden habe, woraus für ihn folgt, daß diese Ausgießung doch nur zu
               den wechselnden äußeren Dingen gehört, nur im Empfang eines <hi rend="italic">höheren
                  Maßes</hi>, einer <hi rend="italic">stärkeren Regung</hi> jener göttlichen Kraft
               bestanden habe, während der Geist in der Gemeinde des Herrn immer derselbe bleibe, so
               daß zu der Frage, ob jemand wiedergeboren sei aus dem Geiste, kein Anlaß vorliege
               (III 277f.). Ist aber der Geist, der den Christen zum Christen macht, einmal
               identisch mit der subjektiven Erregung, nicht in Frage gestellt durch die
               Möglichkeit, daß er wehen könnte, wo <hi rend="italic">er</hi> will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.8">Joh. 3,8</ref>], so ist es nicht zu verwundern,
               wenn die Abgrenzung der Christen von den Nichtchristen trotz jener bestimmten
               Erklärung eine <hi rend="italic">fließende</hi> wird (wohlverstanden nicht etwa unter
               Berufung auf das Geheimnis Gottes, des Herrn, der allein die Seinen kennt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.2.19">2.Tim. 2,19</ref>], sondern unter
               Berufung auf das Geheimnis des <hi rend="italic">menschlichen Herzens</hi>, in das wir uns
               nicht richtend eindrängen sollen, 8. Sonntag p. Trin. 1831, III 36). <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>
               rechnet, wie wir in der Predigt über das Doppelgebot der Liebe [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.28 Mk.12.34">Mk. 12,28–34</ref>] (1. Sonntag p.
               Epiph. 1834, III 773) hörten, nicht etwa mit einer zuvorkommenden, auch die
               Ungläubigen umfassenden Liebe Gottes zum Menschen, wohl aber mit einer nicht nur
               unzureichenden, sondern <hi rend="italic">unbewußten</hi> und doch wirklichen Liebe des
                  <hi rend="italic">Menschen</hi> zu <hi rend="italic">Gott</hi>. Er meint (Frühpredigt 8, V
               104f.), es gebe heutzutage in Vielen gar mancherlei, was sie auf den rechten Weg des
               Lebens führt und was auch tatsächlich von Christo herrührt, was sie aber für ihr
               Eigenes halten. Ja, es gebe <pb xml:id="p063" ed="pga"/> «in der Tat Keinen, welcher
               nicht von Anfang an die Hilfe des Erlösers erführe und sich in seiner reinigenden,
               stärkenden Behandlung befände». Solchen fehle dann eigentlich nur die rechte
               Erkenntnis über den Ursprung dessen, was sie ohnehin sind und haben, eine Erkenntnis,
               bei der sie sich immerhin «besser befinden» würden, «weil sie dann immer mehr
               Veranlassung haben würden, zur Quelle zurückzukehren und unmittelbar aus ihr zu
               schöpfen». Es ist begreiflich, und eben in diesem Zusammenhang wird es denn auch
               ausgesprochen: daß die Buße des Einzelnen nach dieser Lehre von der Kirche keine
               Forderung ist, die sich ein Glied der christlichen Gemeinde etwa stellen lassen <hi rend="italic">müßte</hi>, ja daß schon die <hi rend="italic">Frage</hi>: Habt ihr auch den
               heiligen Geist empfangen? in der christlichen Kirche eine unerlaubte Frage ist. Es
               scheint aber kaum zu vermeiden, daß dann auch jene Doppelforderung klaren Bewußtseins
               von der Herrlichkeit Jesu und treuer Nachfolge ihm gegenüber herabsinkt zur
               Beschreibung einer nur quantitativ verschiedenen höheren Stufe jener
               selbstverständlich, naturhaft gegebenen Zugehörigkeit zu Christus, die prinzipiell
               ebensowohl eine unbewußte wie eine bewußte sein kann. Das Primäre, was den Christen
               zum Christen macht, was die Kirche begründet, ist eben nicht und soll nicht sein eine
               ursprüngliche Begegnung Gottes mit dem Menschen, sondern die Mittelbarkeit einer
               angeblich christlichen Geschichte, das Kontinuum der diese Geschichte durchflutenden
               religiösen Erregung, der der Mensch (und darin hat <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nur <hi rend="italic">zu</hi> recht!) ohne prinzipielle Gefahr <hi rend="italic">mehr oder weniger</hi>
               beteiligt gegenüberstehen kann. Ob dieser Latitudinarismus das letzte Wort in der
               Kirchenfrage sein könnte, wenn etwa Gott wirklich Gott und Geist wirklich Geist und
               nicht Lebensstrom sein sollte, das ist eine andere Frage.</p>
        <p>9. Wir haben (1.) <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Anschauung vom <hi rend="italic">Heilsgut</hi> kennen
               gelernt, dann (2.-5.) seine Anschauung von <hi rend="italic">Christus</hi> als dessen
               Vermittler, (6.-7.) die Lehre von dessen <hi rend="italic">Auswirkung</hi> und <hi rend="italic">Fortpflanzung</hi> in der Menschheit, (8.) die Lehre von der <hi rend="italic">Gemeinde</hi> als der Trägerin dieser Bewegung, und haben uns nun des Näheren
               nach dem spezifischen <hi rend="italic">Inhalt</hi> dieser letzteren, man könnte auch
               sagen <pb xml:id="p064" ed="pga"/> nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Lehre vom <hi rend="italic">christlichen Leben</hi> zu erkundigen. Wenn ich nicht sehr irre, bekommen wir es
               hier mit dem eigentlichen Nerv der Schleiermacherschen Verkündigung zu tun, mit <hi rend="italic">den</hi> Gedanken, die zusammen mit der zuerst genannten Anschauung vom
               Frieden vielleicht das eigentlichste Anliegen waren, das ihn auf die Kanzel führte.
               Ich glaube ihn hier am besten und gerechtesten zu verstehen, wenn ich ausgehe von
               seinen Äußerungen über das <hi rend="italic">Gebet</hi>, «dieses so unentbehrliche, das
               Wesen der Frömmigkeit darstellende und doch so geheimnisvolle Verhältnis», wie er es
               einmal genannt hat (21. Sonntag p. Trin. 1833, III 677). <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat zwischen
               1831 und 1834, wenn ich recht sehe, zweimal diesem Thema eine ganze Predigt gewidmet
               (a.a.O. und 12. Sonntag p. Trin. 1831, III 56ff.). Nicht der äußere, aber der innere
               Gang beider Predigten ist durchaus derselbe. Beide Male bildet das Gebet als
               einzelner Akt der an Gott gerichteten Bitte um einzelne Dinge den in Frage gestellten
               Ausgangspunkt. Beidemal stehen wir am Ende der Predigt vor dem Ergebnis, daß der
               kritisch herausgeschälte Sinn des Gebets weder ein einzelner Akt noch ein Wunsch nach
               einzelnen Dingen sein kann, sondern eine allgemeine und anhaltende Situation des
               Menschen Gott gegenüber, die nach der Predigt von 1831 in der ungestörten Synthese
               von Bitte und Dank, nach der Predigt von 1833 in der ebenso vollkommenen Identität
               von ungestümem Anhalten und innerem tätigem Drang des Herzens besteht. Aber dieser
               Unterschied ist nur eine Tonverlegung; auch die erste Predigt sagt im Sinn der
               zweiten, daß nur denen gegeben werde, die selber auch geben, d.h. tätig sein wollen
               für das Reich Gottes, und auch die zweite Predigt sagt im Sinn der ersten, daß das
               rechte Bitten in der Bitte um das Geschehen des Willens Gottes zum Schweigen kommen
               müsse. Die beiden Predigten klingen genau zusammen und ergänzen sich auf das
               vortrefflichste. Es ist das christliche Lebensideal <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> in nuce, was wir
               hier vor uns haben. Es handelt sich um eine in Form eines Kreises verlaufende
               Bewegung, anhebend mit einer durch die zerstreuende Mannigfaltigkeit des tätigen
               Lebens gebotenen inneren <hi rend="italic">Sammlung</hi> des Menschen vor Gott bzw. in
               sich selbst, aufsteigend in der Erkenntnis, daß solche Sammlung kein für sich allein
               sich vollziehendes <pb xml:id="p065" ed="pga"/> Tun sein kann, sondern weil auf Gott
               bzw. auf den im Innersten des Menschen selbst gegebenen Indifferenzpunkt der <hi rend="italic">Vollkommenheit</hi> sich beziehend, doch nur als vergeistigende Sammlung
               des ganzen Lebens gemeint sein kann, und also von jenem Höhepunkt wieder
               herabsteigend zur nunmehr verklärten und immer mehr zu verklärenden <hi rend="italic">Tätigkeit</hi>, um dann von da aus zu neuer Sammlung und Verinnerlichung als
               etwas Einzelnem, für sich Geschehendem zurückzukehren. Der Nachdruck der
               Schleiermacherschen Darlegungen liegt aber nicht auf dem Nachweis der Notwendigkeit
               dieser <hi rend="italic">Rückkehr</hi> von der Tätigkeit zur <hi rend="italic">Sammlung</hi>,
               sondern auf dem der Notwendigkeit des <hi rend="italic">Ausgehens</hi> von der Sammlung
               zur <hi rend="italic">Tätigkeit</hi>. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Grundrichtung ist die <hi rend="italic">ethische</hi>; auch darin verrät sich seine <hi rend="italic">reformierte</hi>
               Herkunft und Schulung, wobei ich immerhin Schule und Schüler auch hier zu
               unterscheiden bitte. Suchen wir uns nun den charakteristisch Schleiermacherschen Weg
               aus der Enge in die Weite, aus der Stille in die Welt, vom Beter zum Arbeiter im
               einzelnen anschaulich zu machen. «Das <hi rend="italic">Gebet</hi> ist Sache unseres
               geistigen Lebens, die Unterhaltung unserer Gemeinschaft mit Gott, das lebendige
               sichere Gefühl, daß, wie weit das menschliche Leben auch noch in Beziehung auf den
               allmählichen Emporstieg des Menschen zur Herrschaft über die Erde durch Arbeit zurück
               sein möge, doch schon jetzt das große Wunder Gottes an Allen in Erfüllung gehen
                  kann»<note xml:id="n89">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 424</bibl>; Schl.: «Dazu ist uns die Not auf der Erde gegeben, damit wir um uns
                  schauen und wach werden, wo uns die Hilfe herkomme; und so lange sollen wir der
                  Not dienen, bis unsere Kräfte so weit entwickelt sind, daß sie uns überall zur
                  Hilfe gereichen; und auf diesem Wege soll der Mensch allmählich emporsteigen zur
                  Herrschaft über die Erde durch Arbeit. Das Gebet ist Sache unseres geistigen
                  Lebens; es ist die Unterhaltung unserer Gemeinschaft mit Gott; es ist das
                  lebendige und sichere Gefühl, daß, wie weit das menschliche Leben auch noch in
                  jener Beziehung zurück sei, doch schon jetzt das große Wunder Gottes an allen in
                  Erfüllung gehen kann …»</note> (21. Sonntag p. Trin. 1832, III 424). In dieser
               Definition von Gebet ist der Anfang und das Ziel dieses Schleiermacherschen Weges in
               klassischer Weise zusammengefaßt. «Unterhaltung der Gemeinschaft mit Gott» zunächst
               und an sich, dann aber und als solche Antizipation des Wunders Gottes, d. h. der
               vollendeten Kultur im lebendigen, sicheren Gefühl.</p>
        <pb xml:id="p066" ed="pga"/>
        <p>Am <hi rend="italic">Anfang</hi> steht «der natürliche Ausdruck … von dem Verlangen des
               Menschen nach dem Ewigen» (auch das eine Schleiermachersche Definition des Gebetes,
               11. Sonntag p. Trin. 1832, III 357). Dieses Verlangen erscheint nun zunächst als
               etwas Besonderes, Isoliertes, von den übrigen Lebensfunktionen des Menschen
               Unterschiedenes. Es handelt sich, wie <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> überall, wo er auf das Gebet zu
               sprechen kommt, einzuschärfen sich sehr beeilt, um «die immer sich erneuernden
               täglichen Bedürfnisse des Herzens zur Erhaltung des <hi rend="italic">geistigen</hi>
               Lebens» (12. Sonntag p. Trin. 1831, III 59), nicht zu vermischen (III 424) mit den
               anderen und andersartig, nämlich durch Arbeit zu befriedigenden Lebensinteressen. So
               möchte man in dem, was <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> «Geist» oder das «Geistige» nennt, zunächst
               wirklich eine der Natur, dem Nicht-Geistigen überhaupt gegenüber wirklich überlegene
               Größe zu finden vermuten. Und in der Tat: es «ertönt überall die Kunde vom Erlöser
               und das Zeugnis von ihm nicht aus der Mitte des geschäftigen und vielfach bewegten
               menschlichen Lebens», sondern <hi rend="italic">sie</hi> «<hi rend="italic">zieht</hi>
               diejenigen, … welche begierig sind, das Zeugnis von dem Herrn zu vernehmen, … auf
               eine Zeitlang <hi rend="italic">hinweg</hi> von der unmittelbaren Teilnahme an dem
               geschäftigen Treiben und von dem eigenen Bewegtsein durch die Dinge dieser Welt,
               damit von nichts unterbrochen, durch nichts gestört (sei) dieses … Wort, daß der
               Erlöser da sei … Und so sucht sich allerdings das Zeugnis des Herrn auch in jedem
               Gemüte erst die tiefe Stille des Inwendigen<note xml:id="n90">Schl.: «Innern»</note>
               auf, um in dieser sich zu verschließen und da erst zu einem eigenen neuen Leben zu
               keimen» (4. Advent 1833, III 727). Im Anschluß an Jesu Seepredigt [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.3.9">Mk. 3,9</ref>] empfiehlt uns <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>,
               «immer auch uns das Schifflein bereit (zu) halten, auf welches wir uns …
               zurückziehen», nämlich um «<hi rend="italic">dem Geistigen für sich Raum</hi> (zu) geben,
               … uns den Dingen dieser Welt nie so ganz hin(zu)geben, daß wir den geistigen
               Zusammenhang mit den Gleichgesinnten … uns ganz entzögen» (Frühpredigt 11, V 140f.).
               Es dürfen über aller gottgewollten Kulturarbeit doch die innerlichen Bedürfnisse des
               Menschen nicht vernachlässigt werden: «Wie augenscheinlich auch sei die <pb xml:id="p067" ed="pga"/> große Fülle der äußeren Güter, die durch Christum in die
               menschliche Gesellschaft gekommen ist, nicht daraus, sondern <hi rend="italic">nur aus dem
                  Bedürfnis eines jeden einzelnen Gemütes</hi> in Beziehung auf sein Verhältnis zu
               Gott, nur daraus, wenn in dieser Beziehung ein jeder Christum als den Erlöser
               erblickt, <hi rend="italic">kann der wahre seligmachende Glaube in dem Gemüte des Menschen
                  erwachsen</hi>. Und darum müssen wir auch auf alle Weise diese Rückkehr in die
               Stille des Gemütes aus dem Gedränge der Welt begünstigen» (Frühpredigt 21, V 271f.).
               Man darf, wie einmal parabolisch ausgeführt wird<note xml:id="n91">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 594f.</bibl>; Schl.: «Wenn der, welcher in einen Tempel eintrat, etwa ausschließlich
                  verweilte bei den dort aufgestellten dankbaren Gaben und Weihgeschenken; wenn er
                  daran sei es die menschliche Kunst bewunderte oder sich in das Gedächtnis rief,
                  was die Inschriften ihm sagen von der Geschichte der Menschen: dann gelangte er
                  nicht zu dem inneren Heiligtum, und die Zeit, die er der Betrachtung der
                  göttlichen Dinge widmen wollte, verging ihm nur über diesen äußeren Nebendingen.
                  Darum lasset uns diese der Gemeine erteilten Ehrengaben wohl bewahren, aber nicht
                  dabei verweilen!»</note>, nicht verweilen bei der Betrachtung der dankbaren Gaben
               und Weihegeschenke, die, der christlichen Gemeinde dargebracht, in ihrem Tempel
               aufgestellt sind (verwiesen wird z.B. auf die Tätigkeit des Staates für Ordnung und
               Wohlfahrt), sondern soll eindringen in ihr inneres Heiligtum (2. Pfingsttag 1833, III
               594f.). Es gilt also insofern nicht nur von dem Verhältnis der Kirche zum Staat,
               sondern auch prinzipiell, was wir schon honen: «Das Reich, das [er] (der Erlöser)
               bauen wollte, sollte ein ganz abgesondertes sein von dem bürgerlichen Verein»
               (Frühpredigt 50, VI 171).</p>
        <p>Aber dieser Anfang der Lebensbewegung muß nun eben doch überwunden werden. «Ist
               [aber] das Wort erst aufgenommen in die Tiefen des menschlichen Herzens und keimt
               daselbst, … o dann ist auch unser Leben nicht mehr nur wie das Zeugnis des Johannes
               eine Stimme in der Wüste.» Das Leben Christi, welches nun in uns ist, soll
               heraustreten aus der Wüste in die Welt, «und es soll dann keinen Unterschied mehr
               geben zwischen der <hi rend="italic">Wüste</hi> und <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName></hi>, keinen
               Unterschied mehr zwischen <hi rend="italic">solchen Augenblicken</hi> der sich erneuernden
               Sammlung in der Stille der Zurückgezogenheit (wiewohl sie uns immer teuer bleiben und
               wert und wir ihrer auch bedürfen der mensch <pb xml:id="p068" ed="pga"/> lichen
               Schwachheit wegen) und <hi rend="italic">unserem tätigen Leben selbst»</hi><note xml:id="n92">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 728</bibl>; Schl.: «Es soll dann keinen Unterschied mehr geben zwischen der Wüste und
                  <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, keinen Unterschied mehr zwischen solchen Augenblicken, wiewohl sie uns
                  immer teuer bleiben und wert, und wir ihrer bedürfen der menschlichen Schwachheit
                  wegen, aber ihrem eigentlichen Wesen nach soll es dann keinen Unterschied mehr
                  geben zwischen unserem tätigen Leben selbst und diesen Augenblicken der sich
                  erneuernden Sammlung in der Stille der Zurückgezogenheit.»</note> (4. Advent 1833,
               III 728; vgl. auch Frühpredigt 25, V 319f.). Die Speisung der Fünftausend [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.6.30 Mk.6.44">Mk. 6,30–44</ref>] hatte den
               Zweck, zu zeigen, daß der Erlöser «nicht wollte, daß die Verbindung der Menschen mit
               ihm um des geistigen Lebens willen, welches er unter ihnen stiften wollte, … ihrem
               äußeren Leben auf irgend eine Weise nachteilig werden (sollte)» (Frühpredigt 26, V
               334). Den Beruf in der menschlichen Gesellschaft und den Beruf im Reiche Gottes
               sollen wir <hi rend="italic">nicht</hi> voneinander scheiden, heißt es nun ausdrücklich.
               Wir müssen «alles, wozu jeder in der Gesellschaft verpflichtet sein kann, auch mit
               aufnehmen in seine Verpflichtung für das Reich Gottes; ja wir müssen dies gleichsam
               ansehen als den festen Platz, der jedem angewiesen ist bei jenem großen Mahl» (20.
               Sonntag p. Trin. 1831, III 100). Wie kommt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> zu dieser Wendung? Die
               beiden Predigten über das Gebet geben auf diese Frage die klare Antwort: indem der
               Mensch im Gebet <hi rend="italic">Gott</hi> sucht und findet, findet er den <hi rend="italic">Indifferenzpunkt jenseits</hi> des Gegensatzes von Ruhe und Bewegung,
               Empfänglichkeit und Selbsttätigkeit: Gebet kann nach Jesu Vorbild nur das Ende aller
               eigenen Wünsche (III 66), nur die Richtung auf den <hi rend="italic">Willen Gottes</hi>
               sein, also ist Gebet nicht als etwas Besonderes neben der Gemeinschaft mit Gott <hi rend="italic">überhaupt</hi> zu unterscheiden, also auch nicht von jeder ihm
               wohlgefälligen <hi rend="italic">Tätigkeit</hi> in seinem Reich (so besonders 21. Sonntag
               p. Trin. 1833, III 682-687). Unaufhaltsam kommt es, nachdem diese Schleuse einmal
               geöffnet ist, zur unauflöslichen und vollständigen Amalgamierung zwischen
               christlichem und kulturellem Leben. Der Schleiermachersche Christ entpuppt sich (wir
               werden uns nach dem, was wir bereits über das Wunder und über das allgemeine Ziel der
               von Christus ausgehenden Lebensbewegung gehört haben, nicht darüber wundern), indem
               er aus dem Sanktuarium der <pb xml:id="p069" ed="pga"/> innerlichen Sammlung nach
               kurzem Aufenthalt neu gestärkt heraustritt, als der wirklich ideale Kulturmensch, der
               sich von Anderen seinesgleichen nur dadurch unterscheidet, daß er weiß, was er mit
               seiner Kulturarbeit will, nämlich die gottgewollte Beherrschung der Natur durch den
               Geist, der aber eben darum freudiger, ungehemmter, freier, geradliniger als jeder
               Andere seinesgleichen bekennen darf: homo sum, nihil humani a me alienum puto<note xml:id="n93">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2770">Terenz, <hi rend="italic">Heautontimorumenos</hi> I, 1,
                        25</bibl>: «Homo sum; humani nil a me alienum puto.»</note>. Sie erinnern sich jenes
               Schlusses der letzten Neujahrspredigt: «In dem Frieden des Herrn (sind) alle Güter
               eingeschlossen, die uns entgegenglänzen als Gegenstände unseres Bestrebens sowohl in
               dem geistigen und inneren als in dem äußeren und öffentlichen Leben» (III 764). «<hi rend="italic">Alles</hi>, was wir tun vermöge der geistigen Kraft, mit welcher Gott das
               menschliche Geschlecht ausgerüstet hat, (ist) ein Werk Gottes …, von dem die Gabe
               kommt» (6. Sonntag p. Epiph. 1832, III 184). «<hi rend="italic">Alles</hi>, was das wahre
               Wohl der Menschen betrifft in <hi rend="italic">allen</hi> ihren Angelegenheiten, (steht)
               in einem nahen Zusammenhang mit dem Reiche Gottes» (5. Sonntag p. Trin. 1832, III
               317). «Von <hi rend="italic">allem</hi> Großen und Guten werden wir wissen, daß es von ihm
               ausgeht, daß es sein Segen ist und daß sein Wert<note xml:id="n94">Schl.: «der Wert
                  desselben»</note> darauf beruht, daß es gebraucht wird zu seinem Preise und (zu)
               seiner Verherrlichung» (1. Sonntag p. Epiph. 1833, III 458). Es kann sich — wir
               bekommen bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> bereits so ziemlich alle bezeichnenden Termini des in
               seinen Bahnen wandelnden modernen Christentums zu hören — nur darum handeln, daß die
               Gottseligkeit Alles <hi rend="italic">veredle</hi>, indem «sie Alles auf das geistige
               Leben bezieht» (14. Sonntag p. Trin. 1831, III 74), daß die neutestamentlichen
               «weisen Sprüche» des Herrn <hi rend="italic">angewendet</hi> werden auf das Leben (2.
               Pfingsttag 1833, III 596), daß wir alle Verhältnisse des menschlichen Lebens <hi rend="italic">durchdringen</hi> mit dem Leben, welches Christus gebracht hat (4. Advent
               1833, III 728). Und diese Anweisungen finden ihre objektive Sicherung in einer
               ungehemmt vollzogenen Zusammenschau der über dem tatsächlichen allgemeinen Gang der
               menschlichen Dinge waltenden <hi rend="italic">Vorsehung</hi> mit den Zwecken des
               geistigen <hi rend="italic">Reiches Gottes</hi>, in der <pb xml:id="p070" ed="pga"/>
               Beteuerung, «daß alle Fügungen auf das Reich Gottes sich beziehen» (Frühpredigt 27, V
               346), daß die «göttlichen Ordnungen in dem gesamten Gebiet der menschlichen Dinge
               ganz und gar auf Christum gestellt sind, auf dieses Heil, welches Gott durch ihn den
                  Menschen<note xml:id="n95">Schl.: «Gott den Menschen durch ihn …»</note> gegeben
               hat» (Neujahr 1832, III 144). «<bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Es geschieht Alles so, wie es geschieht, zur Förderung des
                        Reiches Christi</hi>» (S. 147)</bibl>. Die Säkularisierung des christlichen Lebens wird also sozusagen auch in den
               Himmel projiziert. Daß es bei dem allem ohne interessante Umdeutungen der biblischen
               Texte auch hier nicht abgehen kann, das dürfte begreiflich sein. «<hi rend="italic">Seine
                  Sorge auf den Herrn werfen</hi>» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.5.7">1.Petr. 5,7</ref>] bedeutet z.B. «zunächst vertrauen auf die
               gemeinsame Kraft derer, welche zu dem Guten verbunden sind, vertrauen auf die von der
               Frömmigkeit unterstützte Weisheit derer, welche das Ganze vermöge einer göttlichen
               Anordnung leiten», dann freilich auch, aber man sicht nun nicht mehr, mit welchem
               inneren Recht, auf den Herrn selber (4. Sonntag p. Trin. 1831, III 19). «<hi rend="italic">Nicht wider den Stachel löcken</hi>» [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.5">Act. 9,5</ref>] wie <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName>, bedeutet «mit der verborgenen
               treibenden Gewalt» gehen, d.h. «Recht, Licht und Ordnung … festzustellen und geltend
               zu machen» suchen (9. Sonntag p. Trin, 1832, III 348). Der «<hi rend="italic">Glaube, der
                  Berge versetzt</hi>» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.11.23">Mk.
                  11,23</ref>], besteht darin, «daß wir frisch fortschreiten sollen auf dem Wege,
               der uns angewiesen ist zu gehen, und frisch Alles tun, was uns vorhanden kommt zu
               tun, und uns immer geschickter machen zu jedem Werk, was von dem Menschen Gottes
               gefordert werden kann»; also: «Wenn ihr Glauben hättet, sagt er zu seinen Jüngern, so
               würdet ihr in eurem Beruf alle Schwierigkeiten überwinden, alle Hindernisse aus dem
               Wege räumen» (9. Sonntag p. Trin. 1833, III 663, 656).</p>
        <p>Vier Begriffe sind es vornehmlich, die für die in diesen Predigten als Erscheinung
               christlichen Lebens dargestellte Kultur bezeichnend sind. Alle sind uns schon öfter
               begegnet und bedürfen nur noch kurzer Beleuchtung. Einmal der Gedanke des <hi rend="italic">Fortschritts</hi>. Erinnern Sie sich an das typische «Immer mehr» und an
               den «bis an den Himmel hinaus» sich aufbauenden Tempel des Guten<note xml:id="n96">Vgl. oben S. 52, 55f.</note>. Es versteht sich für <pb xml:id="p071" ed="pga"/>
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> von selbst, daß auch Christus seine Jünger «nicht … auf einmal aus der
               Finsternis in das vollste Licht, in den hellsten Glanz der Wahrheit» versetzt,
               sondern sie schrittweise vorwärts geführt, allmählich dem Ziele näher gebracht habe
               (13. Sonntag p. Trin. 1832, III 366). Ist einmal das Göttliche einem geschichtlichen
               Kontinuum gleichgesetzt, wie es bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> der Fall ist, so ist es nur zu
               wohlverständlich, daß sich alle Parrhesie, alles Pathos der Verkündigung gerade auf
               diesen Begriff stürzen, daß gerade in ihm der anderweitig nicht ganz zu seinem Recht
               kommende Glaube an die unsichtbaren Dinge seinen Ausdruck suchen und finden muß. Aber
               es bleibt doch eine denkwürdige Sache, daß am Neujahrstag 1833 nicht etwa von der
               Rednertribüne eines schweizerischen Schützenfestes, sondern von der Kanzel des ersten
               Theologen des Jahrhunderts Worte wie die folgenden zu vernehmen waren: «Sind wir
               nicht ein glückliches, ein wohlbehaltenes Volk, wir mögen uns ansehen aus dem einen
               oder aus dem anderen Gesichtspunkt? Wohnt nicht das Wort Gottes reichlich unter uns;
               hat sich nicht das Gefühl für die Segnungen desselben aus einem fast erstorbenen
               Zustande wieder sowohl stärker hervorgehoben als auch weiter verbreitet? … Müssen wir
               es nicht gestehen, daß der christliche Glaube, daß die auf das Bild des Erlösers
               gegründete und an ihm haltende Frömmigkeit edler, freier von dem Joche des
               Buchstabens erstanden ist, als sie es vorher unter uns war? Müssen wir nicht dasselbe
               sagen, wenn wir auf unseren bürgerlichen Zustand sehen? … Ist nicht ein lebendigeres
               Bewußtsein von unserer Zusammengehörigkeit in uns? … <hi rend="italic">So sind wir denn
                  solche, die nichts anderes brauchen in unserem kirchlichen sowohl als bürgerlichen
                  Leben als nur, daß uns Gott erhalte auf der Bahn, auf der wir wandeln, so daß wir
                  uns eines ungestörten Fortgangs erfreuen können</hi>» (III 437).</p>
        <p>Der zweite bezeichnende Kulturbegriff in diesen Predigten ist der der <hi rend="italic">Tätigkeit</hi> oder des <hi rend="italic">Berufes</hi>. Hier ist einer von den
               Punkten, wo <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> und <hi rend="italic">Ritschi</hi> sich die Hand reichen.
               «Jeden Augenblick mit Besonnenheit um sich schauen können, um nichts zu verabsäumen
               von dem, was zu den Arbeiten des Berufs, was zu den Aufgaben des Augenblicks gehört»
               (14. Sonntag p. Trin. 1831, III 76). Das ist <pb xml:id="p072" ed="pga"/>
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, wie er leibt und lebt. Im Reiche Gottes ist der Gegensatz von
               Plichterfüllung und Genuß aufgehoben. Jedes Werk ist der gottgeweihten Seele auch
               Genuß, nichts ist für sie Genuß, was nicht auch Tätigkeit wäre (20. Sonntag p. Trin.
               1831, III 99, vgl. Neujahr 1832, III 152). Der Blindgeborene <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.9.1 Joh.9.41">Joh. 9 [1-41]</ref> wird gelobt: er
               wollte nicht mehr von der Mildtätigkeit Anderer leben, er «war ein solcher, der gern
               mit seinen Kräften den Beruf des Menschen auf der Erde erfüllen wollte» (6. Sonntag
               p. Epiph. 1832, III 189). Wogegen in der Erzählung von der Berufung des Levi [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.13 Mk.2.17">Mk. 2,13–17</ref>] Jesus in
               Schutz genommen werden muß gegen den schrecklichen Verdacht, daß er durch sein «Folge
               mir nach!» dem Zöllner Veranlassung gegeben habe, «ein ihm anvertrautes Geschäft zu
               seinem und der allgemeinen Sache Schaden zu vernachlässigen. Das kann der Erlöser
               niemals gewollt haben» (Frühpredigt 8, V 98). Über das Verhältnis des heiligen
               Geistes zu diesem Kulturbegriff wird in der mehrfach zitierten Philippuspredigt
               gesagt: das sei die Natur der menschlichen Dinge: «Alles Neue und gleichsam (!)
               Ursprüngliche kann nur durch solche lebhafte Erregung des Menschen in seinem Inneren,
               durch solchen oft unbegreiflichen Zug des Gemüts beginnen; aber dieses darf immer nur
               der Anfang sein von einer regelmäßigen und zusammenhängenden Tätigkeit, von einem
               wohlgeordneten Werk, das in die gesamte gottgefällige Tätigkeit Aller eingreift» (III
               334).</p>
        <p>
                    <milestone xml:id="m5.XI.23a" unit="line"/> Der dritte beherrschende Gedanke, der mir
               hier aufgefallen ist, ist der der <hi rend="italic">Ordnung</hi>. Die ersten Worte des
               Textes, die in der Predigt über die Speisung der Fünftausend [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.6.30 Mk.6.44">Mk. 6,30–44</ref>] zur Erörterung
               kommen, sind merkwürdigerweise die: «Und sie setzten sich nach Schichten, je hundert
               und hundert, fünfzig und fünfzig.» «Die Ordnung (machte der Erlöser) zu der Bedingung
               …, unter der allein er vermochte, sich auf solche Weise in die äußeren Verhältnisse
               des irdischen Lebens einzumischen», sie «ist die Bedingung, unter der allein das
               Geistige und das Leibliche miteinander bestehen können, … unter der nicht das
               Geistige über dem Leiblichen untergeht» (Frühpredigt 26, V 329-330). «Die
               Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des
               zukünftigen Lebens» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.4.8">1.Tim. 4,8</ref>], wird ein anderes Mal gepredigt. Ihre erste Verheißung <pb xml:id="p073" ed="pga"/> ist die, daß sie die ganze irdische Erscheinung des Menschen «zu einem
               Gegenstand des Wohlgefallens» macht. Was aber ist zu diesem Wohlgefallen das
               Wesentlichste und Unentbehrlichste, die Grundlage? «Keine andere als Sauberkeit und
               Reinheit, Ordnung und Ebenmaß. Wo wir diese … finden: da fühlen wir uns angenehm
               befriedigt, denn wir merken das Walten des Geistes» (14. Sonntag p. Trin. 1831, III
               70f.). Und daß es bei Gott möglich ist, daß ein Reicher in das Reich Gottes kommt
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.27">Mk. 10,27</ref>], das wird
               kühn dahin gedeutet, daß in einer an Erfindungen und Fortschritten so reichen Zeit
               wie der unsrigen das Nötige geschehen müsse, um in rechter Weise «die Herrschaft der
               Ordnung, der Sitte und der Zucht in allen menschlichen Dingen an die Stelle der
               Laune, der Willkür, der Eigenmacht zu setzen» (5. Sonntag p. Trin. 1833, III 639). In
               diesen Zusammenhang gehört auch <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> öfterer Hinweis auf den <hi rend="italic">Staat</hi>, dessen Zweck er nicht nur in der Aufrechterhaltung von Ruhe und
               Sicherheit sicht, sondern in der Organisation der Kräfte zur zweckmäßigen und
               vollständigen Durchführung der Kulturarbeit (Frühpredigt 50, VI 170). Er verlangt,
               obwohl sein Ideal die staatsfreie Kirche ist, «daß sich der Geist des christlichen
               Lebens auch im bürgerlichen Leben abspiegele und darin erkannt werde». Christliche
               Völker sollen sich von anderen Völkern unterscheiden in der Verwaltung der Gesetze
               und der öffentlichen Ordnung (Frühpredigt 30, V 375). Daß er dieses Postulat im
               preußischen Staate von dazumal in hohem Maße schon <hi rend="italic">erfüllt</hi> gefunden
               hat, haben wir bereits gehört<note xml:id="n97">Vgl. oben S. 71.</note>. Darum konnte
               er im Frühsommer 1831, als die Cholera sich <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> näherte, seiner Gemeinde
               zusprechen, sie möchte alles Sorgen für die Zukunft denen überlassen, die dazu
               bestellt seien. «Alles dasjenige, was zu irgend einer bestimmten Kunst der Berechnung
               menschlicher und natürlicher Dinge gehört, das ist auch unter uns überall [die] Sache
               eines besonderen Berufes», in diesem Fall der öffentlichen schützenden Gewalt, d.h.
               der königlichen Sanitätsbehörde, die nun nur durch die «allgemeine Stimmung»,
               nötigenfalls durch das «Gericht der Öffentlichkeit» in ihrem heilsamen Tun
               unterstützt werden müsse (4. Sonn <pb xml:id="p074" ed="pga"/> tag p. Trin. 1831, III
               14, 17f.). Darum konnte er im Sommer desselben Jahres, als mit der Julirevolution
               zusammenhängende öffentliche Unruhen viel von sich reden machten, dringend dazu
               auffordern, sich nicht neutral zu verhalten, sondern sich mit den Bemühungen der
               Behörden zur Aufrechterhaltung der Ordnung kräftig zu vereinigen (10. Sonntag p.
               Trin. 1831, III 50f.):<note xml:id="n98">Randbemerkung mit Bleistift im Mskr.: «Um
                     <hi rend="italic">welche</hi> Ereignisse handelt es sich hier?»</note> Ich möchte
               gerade diese Revolutionspredigt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName>, die in einem ausgezeichnet ruhigen
               und sachlichen Geist auf die Dinge eingeht, für eine seiner besten aus dieser Zeit
               halten, nur daß leider die ganz verfehlte exegetische Grundlage einen auch hier zu
               keiner rechten Freude kommen läßt.</p>
        <p>Diese Predigt führt mich nun übrigens auf das <hi rend="italic">vierte</hi> von den
               Prinzipien, in deren Proklamierung die Schleiermachersche Predigt praktisch ausläuft.
               Man wird hier nicht anders als mit großem Repekt von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Einsicht und
               Weitsicht reden können; denn dieses vierte Prinzip ist kein anderes als das des <hi rend="italic">sozialen Ausgleichs</hi>. Es ist das, wie die Frage der Absolutheit des
               Christentums, eines von den Themen, die in diesen Predigten immer wieder anklingen
               und erörtert werden, m. W. ohne daß diese Seite der Schleiermacherschen Ethik schon
               einmal im Zusammenhang untersucht und dargestellt worden wäre. Auch in einem
               Spezialwerk wie <hi rend="italic">Uhlhoms</hi> Geschichte der christlichen
                  Liebestätigkeit<note xml:id="n99">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2180"><persName ref="kbga-actors-2618">G. Uhlhorn</persName>, <hi rend="italic">Die christliche
                           Liebesthätigkeit</hi>, 3 Bde., Stuttgart
                            1882<hi rend="sup">2</hi>, 1884, 1890.</bibl>
                    </note> ist sie merkwürdigerweise unerwähnt geblieben. Es wird sich schon im Hinblick
               auf das aktuelle Interesse der Sache lohnen, kurz darauf einzutreten. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>
               begnügt sich in jener Revolutionspredigt nicht damit, zur Aufrechterhaltung der
               staatlichen Ordnung aufzufordern, sondern kehrt ziemlich überraschend den Spieß um
               mit der Anklage gegen die höheren Klassen der Gesellschaft, daß solche Ausbrüche auf
               eine «<hi rend="italic">große gemeinsame Schuld</hi>» hinwiesen. Was haben wir getan, um
               die Folgen der durch die materiellen Verhältnisse bedingten großen geistigen
               Ungleichheit unter den Menschen gutzumachen? Könnte dieser ge <pb xml:id="p075" ed="pga"/> drückte Teil unserer Brüder so tief sinken, wenn wir uns nicht so oft
               von ihm gesondert, ihn immer nur als Objekt gewaltsamer Bändigung angesehen hätten?
               Das muß <hi rend="italic">anders werden</hi>, und zwar am wenigsten durch Wohltätigkeit,
               wohl aber durch Aufrichtung geistiger Gemeinschaft mit jenen, durch die
               verpflichtende Einsicht, daß wir unsere geistigen Vorzüge auf Grund dieser äußeren
               Ungleichheit der Menschen besitzen und dadurch aufgefordert sind, um so mehr unsere
               Gleichheit vor Gott mit ihnen zu betätigen. Möchte man sich besonders der
               heranwachsenden <hi rend="italic">Jugend</hi> dieses Teils der Gesellschaft annehmen,
               möchte aber jeder in seinem Kreise das Seinige tun, anzuklopfen an den Herzen unserer
               Brüder, aber nicht, um uns gegen sie zu <hi rend="italic">schützen</hi>, sondern so, daß
               es ihnen unabweisbar klar wird, daß es wahre Liebe ist, welche sich in uns regt gegen
               sie (S. 52–55). Noch im selben Sommer tut dann aber <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> offenkundig noch
               einen <hi rend="italic">weiteren</hi> Schritt. Hatte er in jener Predigt noch gemeint, in
               bezug auf die <hi rend="italic">äußere</hi> Ungleichheit in der Gesellschaft werde wohl
               nichts zu tun sein, so erklärt er im Herbst ausdrücklich, angesichts der Tatsache,
               daß die drückenden Sorgen für das äußere Leben vielen Menschen keine Kraft übrig
               lasse für den geistigen Genuß, müsse es das Ziel unserer gemeinsamen Tätigkeit am
               Reiche Gottes sein, «daß diese zu <hi rend="italic">große Verschiedenheit der äußeren Lage
                  immer mehr ausgeglichen werde</hi>» (20. Sonntag p. Trin. 1831, III 103).
               Interessant ist es festzustellen, daß er sich inzwischen (16. Sonntag p. Trin. 1831,
               III 84) — ein Lichtblick in seinem sonst etwas trüben Verhältnis zur Bibel — darüber
               klar geworden ist, daß ein Wort Jesu wie das: «Alles, was ihr wollt …» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.12">Mt. 7,12</ref>] in «<hi rend="italic">das
                  ganze Gebäude eines solchen menschlichen Daseins wie das unsrige</hi>» gar nicht
               passe, sondern eine Gleichheit voraussetze, «<hi rend="italic">die gar nicht vorhanden
                  ist</hi>». Einig gehen mit der «verborgenen heilenden Gewalt», das heißt ihm im
               folgenden Sommer (9. Sonntag p. Trin. 1832, III 348) u. a.  «<hi rend="italic">nicht dem
                  Voteil von diesem oder jenem Teil der Gesellschaft dienen</hi>, sondern einer
               solchen Einrichtung der menschlichen Dinge nachtrachten, wodurch am sichersten der
               Gewalt des Bösen gesteuert und es den Menschen erleichtert wird, in den göttlichen
               Willen einzugehen». Und gleich in der folgenden Predigt führt er aus, wenn die
               gottgewollte Kultur <pb xml:id="p076" ed="pga"/> einerseits der Anlaß zu der großen
               äußeren Ungleichheit unter den Menschen geworden sei, so sei andererseits ebenso
               notwendig die Einsicht, daß Gott den Armen und den Reichen nicht nur <hi rend="italic">neben</hi>einander, sondern für einander gemacht habe, daß jener äußeren <hi rend="italic">Ungleichheit</hi> kräftig <hi rend="italic">entgegengewirkt</hi> werden müsse.
               Früher oder später müsse es dahin kommen, daß das Almosengeben nicht mehr nötig sei.
               Mangel und Elend dürften in einem christlichen und gebildeten Volk einfach nicht <hi rend="italic">vorkommen</hi> (11. Sonntag p. Trin. 1832, III 352-355). Die soziale <hi rend="italic">Ungleichheit</hi>, beruhend auf einer falschen Folge der Kultur, <hi rend="italic">also</hi> die soziale <hi rend="italic">Fürsorge</hi> [sei] eine Sache des <hi rend="italic">Rechtes</hi>, heißt es auch (17. Sonntag p. Trin. 1832, III 390f.), und
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat es nicht verschmäht, hier ein längeres Votum für das <hi rend="italic">Versicherungswesen</hi> einzulegen («jenes löbliche Bestreben, welches darauf
               ausgeht, daß wir uns im voraus so viel als möglich unter einander Gewähr leisten
               sollen für alle Unfälle, welche uns im geselligen Leben treffen können», S. 392); und
               wieder wird im Frühsommer 1833 (3. Sonntag p. Trin. III 620f.) im Vorbeigehen
               eingeschärft: Die bestehende Ungleichheit ruft nach <hi rend="italic">Gegenseitigkeit</hi>. «Die <hi rend="italic">Mächtigen</hi> und <hi rend="italic">Reichen
                  leben</hi> von den Anstrengungen der <hi rend="italic">Niedrigen</hi> und <hi rend="italic">Dürftigen</hi>, indem sich diese gefallen lassen, in solcher Ordnung der Dinge zu
               bleiben.» Sie sind «Wohltäter» der Reichen so gut wie umgekehrt. Man beachte ferner
               Frühpredigt 10, V 127f., wo von der <hi rend="italic">Sonntagsheiligung</hi> die Rede ist:
               die Tatsache, daß so Viele nicht anders können als auch sonntags zu arbeiten, soll
               nicht wie in <placeName ref="kbga-places-18">England</placeName> zu rigorosen Maßnahmen dagegen veranlassen, die, solange die
               Ungleichheit einmal herrscht, sinnlos sind, wohl aber dazu, uns dieser «gemeinsamen
               Unvollkommenheit» zu <hi rend="italic">schämen</hi> und zu «schaffen, daß es damit <hi rend="italic">besser</hi> werde». Und Frühpredigt 33, V 407, wo eine Verkürzung der <hi rend="italic">Arbeitszeit</hi> für alle körperlich Arbeitenden verlangt wird, teils als
               Voraussetzung der Pflege des geistigen Lebens, teils als ihre notwendige Folge. Und
               noch in jener letzten Neujahrspredigt von 1834 (III 754f.) ist <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> auf die
               unter den verschiedenen «Ständen und Abteilungen der Gesellschaft» bestehende
               feindselige Eifersucht zu reden gekommen, auf die neuen, allmählich sich
               vorbereitenden, plötzlich sich entwickelnden Gärungen, «von denen <pb xml:id="p077" ed="pga"/> wir niemals wissen können, wieviel Verderben sie noch herbeiführen
               werden, wie weit sie sich fortwälzen können», und hat, da völlige Gleichheit nach
               vielfältiger Erfahrung nur in kleinen Kreisen durchzuführen sei, einer <hi rend="italic">höheren</hi> Gleichheit unter Voraussetzung der bestehenden Ungleichheit: wenn
               ich recht verstehe, einem edlen <hi rend="italic">Sozialliberalismus</hi> das Wort
               geredet.</p>
        <p>Wenn man bedenkt, daß das alles zu einer Zeit gesagt ist, in der erst die <hi rend="italic">Vorläufer</hi> der sozialen Bewegung und des Sozialismus auf dem Plan
               waren [die französischen Utopisten <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2489">St. Simon</persName></hi> (1760–1825) — 1832
               eine Schrift von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2546">Bretschneider</persName></hi> «Der St. Simonismus und das
                  Christentum»<note xml:id="n100">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7801"><persName ref="kbga-actors-2546">K. G. Bretschneider</persName>, <hi rend="italic">Der Simonismus und
                           das Christentum</hi>, Leipzig
                            1832.</bibl>
                    </note> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2556">Charles Fourier</persName></hi> (1772–1837) und der Engländer <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2588">Robert Owen</persName></hi> (1771–1858)]<note xml:id="n101">Eckige Klammer von
                  Barth.</note>, und wenn man ferner bedenkt, wie vergeblich man etwa in den
               gleichzeitigen pietistischen Predigten, bei einem <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-612">L. Hofacker</persName></hi> z.B.,
               nach aufrüttelnden Tönen in dieser Richtung suchen würde, so kann man nicht umhin
               festzustellen, daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hier <hi rend="italic">trotz</hi> oder <hi rend="italic">mit</hi> oder <hi rend="italic">wegen</hi> seiner Kulturtheologie mit Offenheit des
               Blicks und kräftigem Wort ein Wächteramt versehen hat, das sonst und nachher sehr
               verhängnisvoller Weise in der evangelischen Kirche solange vernachlässigt wurde, bis
               es zu spät war. Ob die Schleiermachersche soziale Botschaft von der höheren
               Gleichheit in der notwendigen, aber milderungsbedürftigen und milderungsfähigen
               Ungleichheit in der Gesellschaft <hi rend="italic">genügt</hi> hätte, den nahenden Sturm
               gegen Gesellschaft und Kirche zu beschwören, auch wenn sie durchgedrungen und von der
               übrigen Kirche aufgenommen worden wäre, ob die Schleiermachersche Parole von der
               christlichen Durchdringung der Verhältnisse, wie sie mehr als ein halbes Jahrhundert
               später, nicht in elfter Stunde, sondern als die zwölfte schon verhängnisschwer
               geschlagen hatte, der moderne Protestantismus wieder aufgenommen hat, ohne sich in
               diesem Fall seines Kirchenvaters zu erinnern<note xml:id="n102">Gemeint ist die
                  christlich-soziale und die daraus hervorgegangene evangelisch-soziale Bewegung
                     (<date when="1890">1890</date> Gründung des Evangelisch-sozialen Kongresses) um <persName ref="kbga-actors-396">A.
                  Stoecker</persName>, <persName ref="kbga-actors-706">F. Naumann</persName> u. a. </note> — ob diese Parole den anstürmenden Ele <pb xml:id="p078" ed="pga"/> mentargewalten Kapital und Proletariat gegenüber nicht
               zum vornherein <hi rend="italic">aussichtslos</hi> war, das sind Fragen für sich; aber daß
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> das Problem gesehen, und zwar trotz seines auch hier triumphierenden
               Fortschrittsoptimismus gemessen an dem, was damals überhaupt zu sehen war, nicht
               unscharf gesehen, seine Bedeutsamkeit für das Christentum erkannt und laut und
               warnend zu der christlichen Gemeinde davon geredet hat, das sollte ihm nicht
               vergessen werden.</p>
        <p>10. Ich möchte nun die Schleiermachersche Sonntagspredigt der letzten Jahre noch
               unter einem letzten Gesichtspunkt mit Ihnen durchgehen, nämlich, nachdem wir uns im
               Bisherigen ganz an das Positive gehalten haben, mit der Frage: was will er <hi rend="italic">nicht?</hi> was <hi rend="italic">lehnt</hi> er <hi rend="italic">ab</hi> und wovor
                  <hi rend="italic">warnt</hi> er? Ich deutete schon einmal an: es wird in diesen
               Predigten nicht wenig <hi rend="italic">polemisiert</hi>. Sie werden sehen, daß uns der
               Versuch, die allgemeine Richtung dieser <hi rend="italic">Polemik</hi> festzustellen,
               nicht nur eine wichtige Bestätigung und Ergänzung unseres bisherigen Befundes,
               sondern sogar für sich ein abgerundetes kleines Bild des ganzen Mannes einbringen
               wird.</p>
        <p>Sie werden sich mit mir an dem Paradoxon nicht stoßen, wenn hier zunächst allgemein
               zu sagen ist: <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> streitet <hi rend="italic">gegen allen Streit</hi>, gegen
               alles, was <hi rend="italic">aus</hi> dem Streit <hi rend="italic">kommt</hi> und <hi rend="italic">zum</hi> Streit <hi rend="italic">führen</hi> könnte, er wird böse gegen Jeden, der
               sich erlaubt, böse zu werden, scharf gegen alle und jede Schärfe, er kämpft und
               eifert um Frieden und Harmonie, er ist erfüllt von der Leidenschaft der Vermittlung,
               des Ausgleichs, der Abdämpfung aller Leidenschaft. Damit ist das Bild des
               Christentums gezeichnet, das <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, vertreten durch Kollegen oder in der
               Literatur oder unter den Laien selbst, sich gegenübersah und vor dem oder vor dessen
               Gefahren er die Gemeinde warnen und zurückhalten wollte. Wollen wir die Sache bei
               ihrem historischen Namen nennen, so wird man sagen müssen: es ist die neue <hi rend="italic">pietistische Orthodoxie</hi>, im damaligen <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> vor Allem vertreten
               durch den reisigen Alttestamentler und Kirchenzeitungsredakteur <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-604">Hengstenberg</persName></hi>, die <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, wenn er Nein sagte, im Auge hatte. Der
               Widerpart dieser Richtung, der in unaufhaltsamem Niedergang begriffene Rationalismus,
               ist es <hi rend="italic">darum</hi> nicht, weil er in dem damaligen <pb xml:id="p079" ed="pga"/> Streit der Parteien in der Hauptsache der leidende, der angegriffene
               Teil war und durch Starrheit, Engherzigkeit, Streitlust usf. dem Schleiermacherschen
               Genius, so fremd er ihm sonst war, keine Angriffsflächen bot. Er wird darum links
               liegen gelassen, nur gelegentlich als <hi rend="italic">auch</hi> eine innerhalb des
               großen Friedens berechtigte Möglichkeit anerkannt und in Schutz genommen, und an ihm
               vorbei richtet sich der Schleiermachersche Angriff (bzw. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Angriff
               gegen alle Angriffe) gegen <hi rend="italic">rechts</hi> und <hi rend="italic">nur</hi> gegen
               rechts. Rationalistisch eingestellte Zuhörer konnten sich in <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Predigt
               jedenfalls <hi rend="italic">direkt</hi> kaum in ihren Belangen gestört und angefochten
               fühlen; verirrte sich dagegen ein Angehöriger eines der pietistischen Cercles, wie
               sie das damalige <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> kannte, oder ein studienreisender Candidat aus der
               süddeutschen Erweckungsbewegung wie mein Namensvetter <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2535">Chr. G. Barth</persName></hi>
               in die Dreifaltigkeitskirche<note xml:id="n103">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4071"><persName ref="kbga-actors-2622">K. Werner</persName>, <hi rend="italic">Christian Gottlob <persName ref="kbga-actors-2535">Barth</persName>, Doktor
                           der Theologie, nach seinem Leben und Wirken</hi>, Bd. 1,
                           Calw/Stuttgart
                            1865, S. 320–322.</bibl>
               </note>, so mußte er bald merken, was die Glocke geschlagen hatte, und an dem nötigen
               Befremden und Kopfschütteln von dieser Seite hat es denn auch wirklich nicht
               gefehlt.</p>
        <p>Ich will die Reihe der Schleiermacherschen Negationen der Übersichtlichkeit halber in
               drei Gruppen einteilen, die im einzelnen natürlich überall ineinander übergehen und
               tatsächlich nur verschiedene Etappen derselben Abwehr- bzw. Angriffsbewegung sind.
               Die erste ist die <hi rend="italic">auffallendste</hi>, die zweite ist die <hi rend="italic">bezeichnendste</hi>, die dritte die eigentlich <hi rend="italic">entscheidende</hi>.</p>
        <p>1) Also das Auffallendste zuerst: <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ist ein Gegner aller scharfen <hi rend="italic">Gegensätze und Trennungen</hi> in der christlichen Gemeinde. Er versäumt
               kaum eine Gelegenheit, darauf hinzuweisen, daß alle Kanten und Ecken, durch die sich
               die einen Christen etwa von den anderen abheben könnten, nur sichtbar werden dürfen,
               um sofort wieder unsichtbar zu werden, hinzuweisen auf «die großartige Milde des
               Erlösers, welche die Christen nicht genug beherzigen können; sie ist weit entfernt
               von jener<note xml:id="n104">Schi.: «… weit entgegen jener …»</note> ausschließenden
               Art, in die <pb xml:id="p080" ed="pga"/> wir gar leicht verfallen, wenn wir gewahren,
               daß Andere nicht mit uns in jedem Satz und jedem Worte übereinstimmen, nicht ebenso
               urteilen über Alles wie wir … Darum laßt uns von Allem der Art, was noch die Spur
               solches ausschließenden Wesens an sich trägt, gänzlich uns frei machen, laßt uns dies
               immer mehr als das allein Heilsame erkennen und es uns tief in das Herz einprägen,
               daß wir in seiner milden, seiner schonenden, seiner liebevollen Gesinnung sein Reich
               zu fördern suchen» (Frühpredigt 39, VI 39f.). Sie erinnern sich<note xml:id="n105">Vgl. oben S. 18f.</note> (Frühpredigt 50, VI 177), wie, exegetisch etwas
               unglücklich, an dem Gegensatz von Pharisäern und Sadduzäern zu zeigen versucht wird,
               daß «jeder seinen eigenen Weg der Erforschung gehen, aber jeder im Geist der Liebe
               sich aussprechen und keiner von den Anderen sich trennen soll»<note xml:id="n106">Schi.: «… jeder seinen eigenen Weg der Erforschung geht, aber sich ausspricht im
                  Geist der Liebe und keiner sich von den Andern trennt».</note>. Ähnliche
               Betrachtungen werden angestellt über den Streit der Griechen und Hebräer in der
               jerusalemischen Gemeinde, <ref type="can" subtype="bible" target="Act.6.1">Apg. 6
                  [1]</ref> (3. Sonntag p. Trin. 1832, III 309) und über das Verhältnis der Starken
               und Schwachen in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName>, <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.1 Röm.14.23">Röm. 14
                  [1ff.]</ref> (Neujahr 1833, III 440<note xml:id="n107">Text: <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.15.1 Röm.15.3">Röm. 15,1–3</ref>.</note>). Das
               Wort vom «Sich freuen mit den Fröhlichen …» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.15">Röm. 12,15</ref>] wird (6. Sonntag p. Trin. 1831, III 29f.)
               auch so angewendet: auch der Kampf in Angelegenheiten des Reiches Gottes soll uns
               nicht hindern, ein Mitgefühl immer mit beiden Teilen zu haben, «ein Mitgefühl … auch
               für die Schmerzen, welche Andere über <hi rend="italic">uns</hi> empfinden, weil wir auf
               andere Weise, als sie es für recht halten, den Menschen zu helfen kommen». Es gibt
               (Frühpredigt 13, V 162f.) nichts Verkehrteres für alle diejenigen, «denen in der Tat
               das Heil der Menschen am Herzen liegt», als — blinden Eifer. Man soll «auch in dem,
               was wir für falsch und verkehrt halten, die Spuren der Wahrheit aufsuchen, und nur
               indem wir diese hervorsuchen und beleuchten, können wir einen rechten und
               aufrichtigen Streit führen gegen das Falsche, was sich damit vermischt». Oder (20.
               Sonntag p. Trin. 1831, III 105): «Die eine und selbige Kraft der Erde bringt tausend
               verschiedene Gewächse hervor; <pb xml:id="p081" ed="pga"/> aber seht auf die schönste
               Pracht des Gartens, geht zu den unscheinbarsten Blumen des Feldes: die Biene summet
               und dreht sich hinein in <hi rend="italic">diese</hi> wie in <hi rend="italic">jene</hi>, und
               aus <hi rend="italic">allen</hi> trägt sie denselben köstlichen Honig zusammen. Möchten
               wir uns als solche Bienen vor unseren Brüdern zeigen, die gelernt haben, den Honig
               aus Allem zu ziehen, worin sich etwas findet von der einen geistigen Lebenskraft!» An
               den Text «Wenn sie euch aber nicht aufnehmen noch hören, da gehet von dannen heraus
               …» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.6.11">Mk. 6,11</ref>] wird
               (Frühpredigt 23, V 298f.) fast flehentlich die Ermahnung geknüpft, nicht so lieblos
               zu sein, sich nicht einmal anzuhören: Wenn Andere «uns dazu wählen, um uns
               vorzutragen, was sie für heilsam erachten, ist nicht das schon ein Zug der Liebe? …
               Urteilen wir aber im voraus ab …, so vermögen wir ja auch nicht, <hi rend="italic">unsere</hi> Wahrheit ihnen anzupreisen und sie geltend zu machen. … Keiner hat
               ein Recht, von sich zu glauben, daß seine Ansicht, seine Überzeugung ganz das Werk
               des christlichen Geistes sei, daß darin auch <hi rend="italic">nichts</hi> Menschliches
               und Irriges sei.» Umgekehrt ist der Geist Christi in Allem, was sich «mit dem ewigen
               lebendigen Wort beschäftigt». Wo diese Erkenntnis nicht ist, «da kann es keine
               Verbesserung der Einsicht, des Lebens geben, da können die menschlichen Dinge nicht
               fortschreiten». Das in diese Richtung sich jedenfalls nicht ohne weiteres fügende
               Wort: «Wer ist meine Mutter und meine Brüder?» <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.3.33">Mr. 3 [33]</ref> wird (Frühpredigt 14, V 175) dahin ausgelegt,
               wir könnten eigentlich nie in die Lage kommen, diese Regel des Erlösers anzuwenden,
               da der Zwiespalt zwischen den «natürlichen Verhältnissen» und dem Glauben unter uns
               kaum mehr vorhanden sei. «Solche Störungen, wenn sie in unseren Tagen vorfallen,
               (beruhen) doch weit mehr auf der Einbildung …, als daß sie einen wahren Grund
               hätten.» Wir dürfen nur Solche kennen, mit denen wir uns verständigt <hi rend="italic">haben</hi>, und Solche, mit denen wir uns verständigen <hi rend="italic">müssen</hi>.
               «Ist hier irgend eine Gelegenheit und Veranlassung zum Streit? kann hier ein
               wohlgeordnetes Gemüt eine Aufforderung (emp)finden, ein natürliches Band zu
                  zerreißen?»<note xml:id="n108">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2176"><hi rend="italic">Pr.</hi> V, S. 177.</bibl>
                    </note> Und ebenso eindringlich wird (3. Sonntag p. Epiph. 1833, III 465f.) das
               gleichfalls <pb xml:id="p082" ed="pga"/> etwas widerspenstige Wort: «Ich bin nicht
               gekommen, den Frieden …» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.34">Mt. 10,34</ref>] dahin modifiziert: «Wenn die Zwietracht in der christlichen Kirche
               selbst entbrennet; wenn das, was ein gemeinschaftliches Suchen und Forschen nach der
               Wahrheit sein sollte, in einen Streit ausartet, der, wenn er auch nicht mehr blutig
               sein darf, doch alle Zeichen einer leidenschaftlichen Gemütsbewegung an sich trägt,
               in welcher Liebe und Wohlwollen nicht mehr zu spüren sind, das ist … nicht die
               Wirkung von der Predigt des Friedens und hat auch seinen Grund nicht in derselben.»
               Und eben darum (Neujahr 1834, III 759): Nur kein sich Abschließen Gleichgesinnter von
               den Übrigen. Denn «der Geist der Absonderung wird sich immer wieder aufs neue
               entwickeln und auch diejenigen nur zu bald wieder unter sich veruneinigen und um noch
               Geringeres voneinander trennen, welche auf das genaueste zusammenzuhalten gemeint
               waren».</p>
        <p>2) Weniger auffallend, aber charakteristischer ist eine zweite Linie der
               Schleiermacherschen Kanzelpolemik: <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ist ein ausgesprochener Feind aller
                  <hi rend="italic">Aufregung</hi>, alles Jähen, Plötzlichen, Unvermittelten im
               christlichen Leben. Er kann nicht genug warnen vor allen Möglichkeiten, die etwa ein
               Entweder-Oder, einen Bruch, eine unumkehrbare Wendung bedeuten könnten. In solchen
               überraschenden Eingriffen <hi rend="italic">höherer</hi> Mächte, in solchen Erfahrungen
                  <hi rend="italic">besonderer</hi> Dinge sicht er sichtlich jedenfalls den einen
               Hauptgrund der ihm so widerwärtigen Entzweiungen unter den Christen. Wir haben
               bereits gehört, mit welcher Umsicht er allfällige Anregungen des heiligen Geistes
               schleunigst in die Form geordneter Berufstätigkeit zu kanalisieren empfiehlt<note xml:id="n109">Vgl. oben S. 72.</note>. Geradezu amüsant kommt diese ernstlich
               besorgte Haltung zum Ausdruck in der Frühpredigt 1, V 6ff.<note xml:id="n110">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2176"><hi rend="italic">Pr.</hi> V, S. 6–15</bibl>; die folgenden Zitate auf S. 9.</note>, über Johannes den Täufer, eine
               Gestalt, für die er überhaupt und aus den verschiedensten Gründen nicht eben viel
               übrig hat. Nach Zeiten «allgemeiner weit verbreiteter Erschlaffung in Beziehung auf
               die großen Angelegenheiten des Reiches Gottes», heißt es da unter aus <pb xml:id="p083" ed="pga"/> drücklichem Hinweis auf die Gegenwart, pflege es dann
               öfters zu einer «weit sich verbreitenden Aufregung der Gemüter in Beziehung auf die
               großen Angelegenheiten des Heils» zu kommen «im scharfen Gegensatz gegen die, die
               noch im Zustande der Erschlaffung fortleben, und die etwas Großes zu sein scheint und
               große Erwartungen erregt». Aber «je mehr solche Erregungen ein gewaltsames,
               stürmisches Ansehen haben, je mehr die Menschen sich plötzlich auf einen Punkt
               hindrängen, plötzlich etwas ändern wollen, plötzlich meinen, zu etwas Anderem zu
               gelangen: um desto weniger finden wir das Werk des Friedens, um desto mehr zeigen
               sich solche Bewegungen, die erst müssen wieder gestillt werden, und erst wenn sie
               gestillt worden, wenn erst der leidenschaftliche Charakter sich wieder verloren hat,
               erst dann finden wir, daß das eigentliche Leben anfängt sich zu entwickeln, von dem
               jenes nur eine Vorbedingung gewesen»<note xml:id="n111">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2176"><hi rend="italic">Pr.</hi> V, S. 8f.</bibl>; Schi.: «… nur eine Vorbereitung gewesen.»</note>. In diesem Lichte nun
               sicht <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> den Täufer und die von ihm ausgehende Bewegung. Sie war eine
               äußerliche «gesetzliche Erregung». «Wo wir wieder solche äußere Weise finden wie die
               des Johannes», heißt es dann unmißverständlich weiter, «im Gegensatz gegen die Art
               und Weise Christi, wo wir eine Predigt finden, die <hi rend="italic">nur auf die
               Buße</hi>, auf die <title level="m">Erkennung der Sünde</title> geht: da können wir
               sicher sein, daß daraus nicht in dem Maß etwas Gutes hervorgeht, sondern daß das nur
               die Veranlassung sein kann, aus welcher sich … ganz im Einzelnen und Stillen das
               rechte Verhältnis zu Gott erheben kann»<note xml:id="n112">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2176"><hi rend="italic">Pr.</hi> V, S. 12.</bibl>
                    </note>. «<hi rend="italic">Festhalten</hi>» (!) müsse man an der «<hi rend="italic">inneren
                  Erweckung der Gemüter</hi>», tätig zu sein nach Anleitung des göttlichen Willens
               ein jeder an seinem Ort, dann könne man solchen Erregungen «<hi rend="italic">ruhig
                  zusehen</hi>» und werde sich nicht «von irgend einem falschen Schein fortreißen
                  lassen»<note xml:id="n113">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2176"><hi rend="italic">Pr.</hi> V. S. 14.</bibl>
               </note>. Auf derselben Linie wird (Frühpredigt 4, V 52) gewarnt vor <hi rend="italic">einem solchen</hi> «<hi rend="italic">Preisen des Erlösers</hi>», das wie das des
               Besessenen in der Synagoge [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.24">Mk.
                  1,24</ref>] hervorgehe aus «ungesundem und zerrüttetem Gemüt», wie das gerade in
               Zeiten wahrer Anerkennung des Erlösers vorkomme, oder <pb xml:id="p084" ed="pga"/>
               (21. Sonntag p. Trin. 1832, III 415f.) vor abergläubischem oder okkultistischem <hi rend="italic">Wunderwesen</hi> (eine Angelegenheit, in der <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> Anlaß hatte,
               scharf zu machen, stand doch seine eigene Frau und mehr oder weniger seine ganze
               engere Familie seit 1819 unter dem Alles dominierenden Einfluß einer frommen
               Somnambule, der Frau <persName ref="kbga-actors-2555">Karoline Fischer</persName> geb. Lommatsch (vgl. <persName ref="kbga-actors-2625">Ehrenfried v. Willich</persName>, Aus
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Hause, Berlin 1909, S. 42 [ff.]), weiter vor einer allzu <hi rend="italic">exklusiven Religiosität</hi>, die alle freie Zeit neben dem Beruf «nur einem
               Gegenstande, dem vertrauten Gespräch mit gleichgesinnten Seelen über die inneren
               Erfahrungen und Angelegenheiten des einzelnen Gemütes» widmen will. «Wer sollte das
               wohl an sich tadeln? … nur sollen sie uns zugeben, daß das nicht Alles ist» (19.
               Sonntag p. Trin. 1832, III 405), bedeuten doch die berühmten Vögel, die nach <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.32">Mr. 4 [32]</ref> unter dem Schatten
               der Senfstaude wohnen, daß man nicht «wie jene besorgten und ängstlichen Christen …
               überall Vogelscheuchen aufstellen» solle, als ob nicht auch die «anderen Teile des
               Lebens» im Zusammenhang des Reiches Gottes ihr Recht hätten (Frühpredigt 17, V
               213).</p>
        <p>
                    <milestone xml:id="m19.XI.23" unit="line"/> Wie <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, wenn er <hi rend="italic">eschatologische</hi> Texte zu behandeln hatte, kaum etwas Anderes damit
               anzufangen wußte, als vor allem Enthusiasmus dringend zu warnen, dessen erinnern Sie
               sich wohl aus den ausführlich mitgeteilten letzten Frühpredigten<note xml:id="n114">Vgl. oben S. 22ff., wo Barth <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> letzte <hi rend="italic">Haupt</hi>predigt referiert.</note>. Vor Allem aber verwahrt er sich — wir haben
               das Prinzipielle darüber bereits gehört — gegen eine allzu strenge, düstere und
               radikale Auffassung von <hi rend="italic">Buße und Bekehrung</hi>. Er macht manchmal
               Miene, nicht nur den pietistischen Mißbrauch, sondern den Begriff und die Sache
               selbst am liebsten als unchristlich zu beseitigen. Nicht nur von der pietistischen
               Buße, sondern von dem <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">μετανοεῖτε</foreign> Jesu
               selbst <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.17">Mt. 4 [17]</ref> kann er
               sagen: «Dieses Bußetun, wie weit ist es entfernt davon, ein Zustand des Friedens zu
               sein; und also auch die Aufforderung dazu, wie ist sie ganz etwas anderes als eine
               Predigt von dem Frieden!» (3. Sonntag p. Epiph. 1833, III 460). Und sofern er sich
               positiv darauf einläßt, so besteht Buße nach ihm darin, «daß die Menschen sich <pb xml:id="p085" ed="pga"/> wegwenden sollten von dem äußeren Dienst und <hi rend="italic">das Geistige suchen</hi>, sich <hi rend="italic">dem</hi> entgegenstrecken und von der
               inneren Ruhe, von dem inneren Frieden, den der Erlöser verkündigte, von jener
               lebendigen Gemeinschaft mit Gott, wozu er die Menschen führen wollte, erfüllt<note xml:id="n115">Schi.: «… in ihrem Inneren erfüllt …»</note> sein, als dem Gut,
               welchem sie nachtrachten sollten» (Frühpredigt 3, V 33). <hi rend="italic">Ja nicht</hi>
               aber dürfe [man] den Menschen bei dem «Tut Buße!» «<hi rend="italic">zuerst einen Tod
                  vorhalten</hi>, durch den sie hindurchgehen müssen, ihnen eine Seelenqual
               ankündigen über ihren bisherigen Zustand, … ein Vernichtungsgefühl von ihnen
               fordern». Denn so sei der Mensch, «und das ist nicht in ihm zu ändern»: zeige man ihm
               das Größte und Herrlichste in der Ferne, in der Nähe aber nichts als Kampf, Mühe,
               Schmerz, Tränen, Aufopferung und Selbstvernichtung, so halte er sich zurück und wolle
               nicht durch dieses alles hindurch zu jenem — Grund genug offenbar, ihm und sich
               selbst solche Todesbotschaft zu ersparen (20. Sonntag p. Trin. 1831, III 96).
               Zerknirschung bis zur Selbstvernichtung habe Christus keineswegs von Allen verlangt.
               Denn wie die «Liebe zur Wahrheit ein allgemeines Eigentum des Geistes ist …, so daß
               das ganze Leben in allen seinen Verzweigungen darauf ruht: ebenso ist es … auch mit
               dem Bewußtsein der Schuld und Sünde … Heftigerer Ausbrüche dieses letzteren bedarf es
                  <hi rend="italic">nicht</hi>, damit der Christ sich seines Heils bewußt werde» (2.
               Sonntag p. Epiph. 1832, III 164). Ein bis zum Rande der Verzweiflung niedergedrücktes
               Gemüt ist jedenfalls nicht der <hi rend="italic">einzige</hi> Weg Gottes, heißt es ein
               anderes Mal (9. Sonntag p. Trin. 1832, III 348f.), und keinesfalls der des
               Christentums im ganzen als der Gewalt, «welche die menschlichen Dinge im Großen
               leitet und bewegt»<note xml:id="n116">Schi.: «… leitet und treibt.»</note>. </p>
        <p>In diesem seinem Kampf gegen die religiöse Aufregung, gegen alles Entweder-Oder geht
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> endlich zu einer Bestreitung aller wirklichen <hi rend="italic">Spannungen</hi>, aller <hi rend="italic">Krisis</hi> über. Wer von Christo zeugt (4.
               Advent 1833, III 729), der redet nicht in der Wüste, wo ihn niemand vernimmt. Nein,
               wenn der Ort, wo das geschieht, also zunächst die Kirche, nicht gleichsam das
               wiedergewonnene Paradies <pb xml:id="p086" ed="pga"/> ist, so <hi rend="italic">ist</hi>
               das, was da geschieht, gar kein Zeugnis von Christo, und nirgends kann es denn auch
               daran fehlen, daß es <hi rend="italic">gehört</hi> wird und irgendwelche <hi rend="italic">Früchte</hi> trägt. In der Frühpredigt 15, V 194f. über das Gleichnis vom
               viererlei Acker [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.1 Mk.4.9">Mk. 4,1–9</ref>] wird gesagt, wir müßten «fest überzeugt» sein, «daß es keine Macht
               gibt, welche einen bösen Willen in sich tragen könnte gegen das Fortwirken des
               göttlichen Heils, sondern daß alle Hindernisse ihren Grund haben in der
               Beschaffenheit der menschlichen Natur (nachher! autem). Da gibt es nichts, was wir
               zerstören müßten, was ein Gegenstand der Feindschaft bleiben sollte; sondern alles
               soll … ein Werkzeug werden für den <hi rend="italic">göttlichen Geist, der seinen
                  geistigen Leib durchdringt</hi>». Wir müssen glauben, daß Christi «göttliche Kraft
               immer mehr Alles sich unterordnen und die ganze menschliche Natur dienstbar machen
               werde seinem Werke und sie erfüllen mit dem Frieden und dem unmittelbaren Bewußtsein
               Gottes und seiner lebendigen Nähe, in welchem er gelebt hat». Zu dem Worte: «Wer mir
               will nachfolgen …»[<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.24">Mt. 16,24</ref>] führt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> (1. Sonntag p. Trin. 1833, III 603f.) aus, es könnte
               doch ein ängstliches und um sein Heil besorgtes Gemüt geben, das aber «in jener sonst
               so wünschenswerten ruhigen Lage, ebenso fern von großen Glücksfällen, als von tief
               greifenden Schmerzen» sich befinde und <hi rend="italic">also gar keine bestimmte
                  Veranlassung habe</hi>, «sich zu verleugnen, irgend etwas, was in den gewohnten
               Kreis seines Lebens hineingehört, sich zu versagen». Angenommen ferner, ein Mensch
               habe die Richtung nach dem Höheren «schon gewonnen, die Erkenntnis von dem Reiche
               Gottes auf Erden sei ihm schon aufgegangen, er sei in die Gemeinschaft mit dem
               Erlöser schon aufgenommen» (und wir wissen, daß das für <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> eine letzten
               Grundes allgemein zu machende Annahme ist) — «was ist denn wohl die günstigste
               Witterung des Lebens, um den Keim der himmlischen Liebe und alles Guten in der Seele
               … zu pflegen?»<note xml:id="n117">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2175"><hi rend="italic">Pr.</hi> III, S. 604f.</bibl>
                    </note>, ist sie nicht zu finden in einem solchen mittleren Maße ohne besondere
               Widerwärtigkeiten und Trübsale des Lebens wie ohne besondere Fülle irdischer Güter?
               Und ist eine solche nicht das <pb xml:id="p087" ed="pga"/> Ziel aller Weisheit und
               allen Fortschritts? Welche Verwirrung dem gegenüber, die zeitgeschichtlich bedingte
               Forderung Christi, sich selbst zu verleugnen, zu einer allgemeinen machen zu wollen!
               Welche Gefahr, daß man sich künstlich in die Kampfstellung der ersten Christen
               hineinempfindet und dann ganz irrtümlicherweise glaubt, in dieser oder jener Sache
               das Kreuz zu tragen, um Christi willen zu leiden, wobei man die höhere christliche
               Weisheit in der Lebensführung <hi rend="italic">Anderer verkennt</hi>, die ohne solchen
               «blinden Eifer», und darum auch nicht den entsprechenden Verwicklungen ausgesetzt,
               ruhig und still den Weg der christlichen Gottseligkeit dahinwandeln. Fragt man sich
               nun, ob denn, wenn nicht durch das bedeutungsschwere Wort <hi rend="italic">Kreuz</hi>, so
               doch vielleicht durch das Wort <hi rend="italic">Sünde</hi> dem, was hier als eitel
               religiöse Aufgeregtheit perhorresziert wird, ein gewisses Recht vindiziert sein
               sollte, so antwortet uns <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> einerseits: der Erlöser habe das menschliche
               Gemüt nie so angesehen, als ob in ihm eine besondere Feindschaft gegen das göttliche
               Wort wäre (Frühpredigt 15, V 194), andererseits: die Wirklichkeit der Sünde sei
               wenigstens negativ, als Objekt des Kampfes und der Überwindung, die unentbehrliche
               Bedingung für Kunst, Wissenschaft und alles Gute. Wie reizlos und kampflos wäre ein
               Leben ohne sie: «Ist einmal die Sünde in unserer Natur angelegt: so hängt sie auch
               mit allem Anderen so genau zusammen, daß unser Bewußtsein nicht eher vollkommen sein
               kann, als bis auch sie wirklich zur Erscheinung gekommen ist» (2. Sonntag p. Trin.
               1831, III 8; vgl. 3. Sonntag p. Trin. 1832, III 304f.: «<title level="m">Haben wir
                  ein Bewußtsein von uns selbst</title> in bezug auf die Angelegenheiten unseres
               Heils, <hi rend="italic">welches sich nicht auf dies beides zurückführen ließe, auf die
                  Sünde und auf die Erlösung?</hi>» Vgl. Chr. Gl. II!<note xml:id="n118">Vgl. oben
                  S. 12, Anm. 24; unten S. 347ff.</note>). Und eben im Blick auf diese letztlich
               harmonische, wenn auch dialektisch gespannte Vereinigung von Sünde und Erlösung im
               christlichen Bewußtsein kann <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> dann sagen (2. Sonntag p. Epiph. 1832,
               III 164): Wie die «Liebe zur Wahrheit ein allgemeines Eigentum des Geistes ist …,
               ebenso ist es auch … mit dem Bewußtsein der Schuld und Sünde … <hi rend="italic">Aber
                  heftigerer Ausbrüche dieses letzteren bedarf es nicht</hi>, damit der Christ sich
               seines <pb xml:id="p088" ed="pga"/> Heils bewußt werde, damit er in ein sicheres und
               festes Verhältnis zu dem Erlöser trete».</p>
        <p>3) Wir wenden uns endlich noch zu der <hi rend="italic">dritten</hi> Linie der
               Schleiermacherschen Kritik, die ich die eigentlich entscheidende genannt habe, sofern
               in ihr der <hi rend="italic">Grund</hi> sichtbar wird für seine Abneigung gegen alle
               Gegensätzlichkeit sowohl wie für seinen Kampf gegen alle Aufregung, alle Tragik im
               Christentum. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> streitet nämlich drittens — ich möchte es so formulieren:
               — gegen die Meinung, als ob es <hi rend="italic">im Gottesverhältnis wahre Worte</hi>
               [gäbe]. Aus dem Glauben an bestimmte Worte, die naiv als wahr genommen werden, so wie
               sie lauten, entsteht ja der religiöse Zank der Parteien, aus dem naiven Ernstnehmen
               bestimmter Worte, als ob sie wirklich und praktisch bedeuten könnten, was sie zu
               sagen scheinen, also der Worte Buße, Kreuz, Sünde z.B., entsteht die religiöse
               Aufregung und Tragik. Es gilt einzusehen, daß sich Streit und Aufregung darum nicht
               lohnen, weil sie gegenstandslos sind. Es gibt für uns in bezug auf Gott keine wahren
               Worte. Die Wahrheit ist nicht in den Worten, sondern — wir werden gleich sehen: wo?
               Diese Negation jedenfalls ist es, die <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> seiner Gemeinde unermüdlich
               eingeschärft hat; sie war, wenn nicht Alles täuscht, sein eigentliches theologisches
               Gravamen gegen die <persName ref="kbga-actors-604">Hengstenberg</persName>-Leute. Es handelt sich bei dem, was darüber noch
               mitzuteilen ist, um Gedanken, die <hi rend="italic">uns</hi>, die ganz in der von
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> wesentlich bestimmten modern-christlichen Welt aufgewachsen sind, so
               in Fleisch und Blut übergegangen, so sehr <hi rend="italic">selbstverständliche</hi>,
               nicht nur theologische, sondern allgemein-christliche <hi rend="italic">opinio
                  communis</hi> geworden sind, daß Ihnen die Sätze, die ich Ihnen nun anführen
               werde, vielleicht fast wie <hi rend="italic">Banalitäten</hi> vorkommen. Aber es kann sich
               doch lohnen, auch Banalitäten einmal unmittelbar aus ihrer Quelle entgegenzunehmen.
               Sie waren damals, als sie neu waren, ob sie nun wirkliche Banalitäten waren oder
               nicht, den Gebildeten<note xml:id="n119">Nach «Gebildeten» im Mskr. folgender von
                  <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gestrichener Relativsatz: «… die das nur zu gerne hörten, weil sie es von
                  Goethe längst gehört hatten»</note> Balsam und Evangelium. Wir haben (Frühpredigt
               7, V 85f.) «in der <pb xml:id="p089" ed="pga"/> großen und Alles in sich schließenden
               Gabe Gottes zweierlei zu unterscheiden … : das <hi rend="italic">Eine</hi>, was gar keine
               Größe und gar kein Maß hat, sondern immer Eines und dasselbe ist, und ein <hi rend="italic">Anderes</hi>, welches freilich dem Gesetz der Zeit unterworfen, in der
               Zeit auseinander geht, sich schöner entwickelt und entfaltet und dann auch wieder
               sich zusammenzieht. <hi rend="italic">Das Erste</hi> ist das Bewußtsein von dem
               wiederhergestellten Verhältnis, in welchem wir zu Gott stehen, von dem Frieden, mit
               welchem das Bewußtsein des ewigen Wesens in unserer Seele ruht, in derselben herrscht
               und treibt, so daß ein ganz neues Leben allmählich aus diesem Keim hervorgeht».
               Leider ist der Gedanke ein Anakoluth geblieben und hat <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> eine nähere
               Bestimmung über das Zweite hier nicht gegeben. Es kann aber gar kein Zweifel sein,
               was er hier als das Zweite, in der Zeit sich Entfaltende und wieder Zusammenziehende
               im Gegensatz zu dem, was gar keine Größe und gar kein Maß hat, sondern immer Eins und
               dasselbe ist, zu jenem im Inneren der Seele ruhenden und sich bewegenden Bewußtsein
               des Friedens nennen wollte: Dieses Zweite, Sekundäre ist nun eben das <hi rend="italic">bestimmte</hi>, mit dem Anspruch der <hi rend="italic">Wahrheit</hi> auftretende
               äußere <hi rend="italic">Wort</hi>, in dem jenes Innere zum <hi rend="italic">Ausdruck</hi>
               kommt. Und der Vorwurf, den <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> seinen Gegnern zur Rechten macht, besteht
               darin, daß sie auf diese Bestimmtheit, auf diesen Wahrheitsanspruch des Wortes
               sozusagen «einschnappen» und es so, indem sie ihm seine Vieldeutigkeit und
               Beweglichkeit und verhältnismäßige Irrelevanz nehmen, indem sie sich daran halten und
               es geltend machen, zur «Äußerlichkeit», zur «Lehre», zum «Buchstaben» erstarren
               lassen. Und eben vom «Buchstaben» wollte <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nichts wissen. Er war ein
               entschiedener Gegner der alten und einer allfälligen neuen <hi rend="italic">Bekenntniskirche</hi>, er hat aber dieselbe Betrachtungsweise selbstverständlich
               auch auf die Worte oder denn also Buchstaben der <hi rend="italic">Bibel</hi> angewendet.
               Daß der Buchstabe <hi rend="italic">töte</hi>, der <hi rend="italic">Geist</hi> aber lebendig
               mache, dieses Pauluswort (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.3.6">2.Kor.
                  3,6</ref>) hat er (unter exegetischem Mißbrauch übrigens wie die Unzähligen, die
               sich seither in dieser Meinung darüber gefreut haben!) immer wieder (z.B. III 582,
                  Weihnachts-Feier<hi rend="sup">2</hi><note xml:id="n120">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2166"><hi rend="italic">Friedrich Schleiermachers Weihnachtsfeier. Kritische
                           Ausgabe</hi>. Mit Ein-leitung und Register von <persName ref="kbga-actors-290">Hermann Mulert</persName>, Phil.
                        Bibl. Bd. 117, Leipzig
                            1908. Neuausgabe Darmstadt 1953 (= <hi rend="italic">Libelli</hi> Bd. XI) Am Schluß der «Vorerinnerung zur
                        zweiten Ausgabe» sagt Schi.: «Und so mag das Büchlein noch einmal versuchen,
                        eine günstige Aufnahme und eine das Gute fördernde Wirksamkeit zu finden,
                        indem es auf seine Weise daran erinnert, daß der Buchstabe tötet und nur der
                        Geist lebendig macht» (S. 58).</bibl>
                    </note> Vorwort) zur biblischen Begründung <pb xml:id="p090" ed="pga"/> seiner
               Theorie von dem sekundären Charakter des Wortes in Anspruch genommen. Wir nähern uns
               Christus, wir sind umso bessere Christen, sagt er (Frühpredigt 5, V 61) ausdrücklich,
               «je mehr wir eine solche Gewalt des toten Buchstabens aufheben». Und umgekehrt: «Wer
               etwas dazu beiträgt, solche Vorstellungen in den Gemütern der Menschen zu befestigen,
               daß es Gott um etwas Äußerliches dieser Art zu tun sei, der lenkt sie dadurch von der
               wahren Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit ab» (Frühpredigt 29, V 365).
               Denn: läßt sich ein natürlicher Zusammenhang solcher äußeren Vorschriften «denken mit
               der Vorstellung von einer geistigen Allmacht, welche Alles in der Welt ordnet, von
               einem Wesen, das der Urquell des Guten ist und dessen Wesen in der Liebe besteht, vor
               dem kein Unterschied ist zwischen dem Inneren und Äußeren, sondern welchem überall
               Alles gegenwärtig ist und nahe vor ihm?» (S. 366). Darum (1. Sonntag p. Trin. 1832,
               III 300, Predigt über Gamaliel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.5.34 Act.5.42">Act. 5,34ff.</ref>], eine Gestalt, die im Gegensatz zu Johannes
               dem Täufer <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> vollsten Beifall hat!) «möge keiner sich anmaßen, weder
               allein noch in Gemeinschaft mit anderen, daß er im Stande sei, bestimmt und mit
               Sicherheit zu unterscheiden, auch wenn sich jemand wegen seiner Behauptungen oder
               Bestrebungen auf Christum beruft und für dieselben in der Ordnung Gottes, in der
               christlichen Kirche seinen Schutz und seine Verteidigung sucht, was davon Gottes Werk
               sei und was verderbliches Menschenwerk, <hi rend="italic">außer nur für sich</hi> (<hi rend="italic">selbst</hi>), <hi rend="italic">wie er es an sich selbst erfährt</hi>. Gegen
               jede Entscheidung im voraus muß uns die ganze Geschichte der Kirche warnen.» «Auf das
               Reich Gottes, auf das Verhältnis der Menschen zu diesem Reich Gottes, auf die <hi rend="italic">rechte Richtung des ganzen Lebens</hi> und Wesens, auf die Gemeinschaft
               mit Gott lasset uns sehen, aber nicht auf die einzelnen Worte, nicht auf die
               einzelnen Vorschriften, nicht auf die einzelnen Tatsachen in <pb xml:id="p091" ed="pga"/> ihrer Erklärung und Deutung» (Frühpredigt 3, V 41). Wir bedürfen nicht
               mehr «bald dieser, bald jener jetzt so, jetzt anders gestalteten Ermahnung, sondern
               immer derselben, <hi rend="italic">die Liebe kund zu geben</hi> in unserem Leben und
               dadurch zu verkündigen, daß die Liebe Gottes in unsere Herzen ausgegossen ist» (16.
               Sonntag p. Trin. 1831, III 90). Die Apostel waren (nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Vorstellung
               von ihnen) «am weitesten … entfernt von irgend einem Vertrauen auf einen Buchstaben,
               von einer Bedenklichkeit in Beziehung auf die Gedanken, in welchen sich die neue
               Lehre in den Gemütern gestaltete, sondern nur auf den Eindruck sehend und ihm
               folgend, den dieselbe <hi rend="italic">auf die Gemüter</hi> gemacht» (7. Sonntag p. Trin.
               1832, III 336). Freilich muß sich der Geist kundgeben durch Buchstaben, wird einmal
               zugegeben, «aber es gibt in manchen Zeitpunkten Regungen des Geistes, während deren
               das innere Leben sich ganz anders gestaltet; es entfalten sich Flügel, die unter der
               bisherigen Decke nicht wirken können, sondern sie erst sprengen müssen; dann muß der
               Buchstabe wanken. Darum darf nichts von dieser Art angesehen werden, als solle, ja
               auch nur als dürfe es ewig bleiben» (Sonntag vor Pfingsten 1833, III 582). Die Kraft
               der göttlichen Wahrheit bedarf «wenig oder keiner äußeren Hilfe»; wer das noch meint,
               dem mangelt es im Grund an Zuversicht zu ihr (Frühpredigt 28, V 357f.). Nur die Liebe
               gilt in der christlichen Kirche, weder menschliche Satzungen, noch ein Bekenntnis,
               noch diese oder jene Gebräuche. «Und wenn man euch entgegnet, auf diese Weise würde
               ja die christliche Kirche etwas sein, was man bei nichts anfassen, bei nichts halten
               könne, man würde nicht wissen, wo sie wäre, wo sie anfinge, wo sie aufhöre, so
               entgegnet: Also ist jeder, der aus dem Geist geboren ist; ihr wisset nicht, von
               wannen er kommt, noch wohin er fährt, aber ihr höret sein Sausen» (4. Sonntag p.
               Epiph. 1833, III 481f.).</p>
        <p>Brechen wir hier ab, um mit einem kurzen Rückblick auf den zurückgelegten Weg unseren
               Paragraphen zu schließen. Ich habe nicht ganz alle Sonntagspredigten <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName>
               aus dieser Zeit herangezogen. Es besteht also die Möglichkeit, daß mir da und dort
               ein bezeichnender Zug entgangen ist. Aber besonders die Serien, auf <pb xml:id="p092" ed="pga"/> die es mir besonders ankam, sind fast ohne Lücke verwertet, und ich
               glaube nicht, daß in dem entworfenen Bild ein wichtiger Punkt in der Verkündigung des
               Mannes uns fehlt. Ich bin, wie Sie wohl bemerkt haben, wohl geordnet, aber
               absichtlich nicht streng systematisch vorgegangen, sondern habe mich von Punkt zu
               Punkt führen lassen, so wie mir die vorgetragenen Dinge eben einzeln und in ihrem
               Zusammenhang untereinander in die Augen fielen, ohne dabei weder an <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName>
               theologisches System noch auch an ein System von Fragen zu denken, die ich etwa
               aufzuwerfen hätte. Ich hoffe, wir haben ihn nun trotzdem oder gerade darum schon ein
               wenig kennen gelernt, wie er leibte und lebte, und damit für das Folgende einen
               nützlichen Grund gelegt, und ich wundere mich eigentlich, daß die Predigten
               <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> zum Verständnis seiner Theologie noch nicht mehr in ähnlicher Weise
               nutzbar gemacht worden sind.</p>
        <p>Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Grundzüge des bisher Erarbeiteten: In der
               Mitte als das eigentliche Heilsgut die große Synthese aller Gegensätze, Liebe oder
               noch bezeichnender schleiermacherisch: Friede. Das ist durch Christus als Leben,
               Geist, Kraft in die Geschichte eingetreten, ein neues, das allein reale
               Gottesverhältnis, durch das alle gesetzliche Trennung zwischen Gott und Mensch ins
               Unrecht gesetzt und überwunden ist. Darum muß das Alte Testament in den Hintergrund
               treten, im Neuen Testament Alles in dieser Richtung gedeutet werden. Das Wunder, das
               Christus umgibt, ist ja nicht so aufzufassen, als ob zwischen Gottes Welt und der
               unseren doch wieder ein Gegensatz wäre, im Gegenteil nur als die Betätigung jener
               Gott und die Welt, Geist und Natur versöhnenden Friedensmacht. Ob Christus die
               einzige und letzte wirksame Verkörperung dieser Friedensmacht sein wird, ist eine
               Frage, die wohl aufzuwerfen ist, für gläubige Christen aber nicht in Betracht kommt.
               In den gläubigen Christen setzt sich ja das Leben des Erlösers in gerader Linie fort
               in der Geschichte: Wie der Mensch fähig ist, den Christusgeist bereitwillig
               aufzunehmen, so ist er auch fähig, sein adäquates Gefäß, sein Träger und Verkündiger
               zu werden, den Urtypus Christus in sich zu realisieren bei aller bleibenden
               Unvollkommenheit. Seine Lebensaufgabe ist aber nur zu realisieren in der <pb xml:id="p093" ed="pga"/> Gemeinschaft; bewegt durch das sie durchflutende Leben
               wird er selber zu seinem Träger und Fortbeweger, zu seinem Boten an immer neue
               Menschen. Er hat seinen Lebenszweck erfüllt, wenn er ein Kanal dieses Stromes
               geworden und gewesen ist. Die eigentliche Verkörperung Christi in der Geschichte ist
               ja nicht er, sondern die Gemeinde als Ganzes. Diese aber unterscheidet sich als
               solche doch nur durch ihre religiöse Funktion von der in ihrem erfreulichen
               Kulturzustand wesentlich durch Christus bestimmten modernen Gesellschaft überhaupt.
               Und wie die Dialektik des Gebets den einzelnen Menschen immer wieder in die Stille
               ruft, aber auch auf das tätige Leben hinweist, so muß das Christentum als Ganzes wohl
               etwas Besonderes sein in der Welt, um sie dann doch sofort auch wieder aufzusuchen
               und zu durchdringen als Prinzip des Fortschritts, der geregelten Berufsarbeit, der
               Ordnung, des sozialen Ausgleichs, und muß sich, um das zu sein und zu leisten, hüten
               vor allem Streit der Meinungen, vor aller Exaltation, vor allem Wahrheitsanspruch,
               der ja doch nur seinem Geistes- oder Gemütsgehalt, nicht aber den einzelnen Gedanken,
               in denen sich dieser äußert, mit Recht zukommen kann.</p>
        <p>Das ist <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Theologie unter dem Aspekt der Kanzeltätigkeit seiner
               Reifezeit. Ich lasse sie für und gegen sich selbst sprechen und ebenso die Worte
               seines begeisterten Schülers, des Predigers <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2614">Sydow</persName></hi>, in denen dieser
               zwei Jahre nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Tode seine Eindrücke von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> als Prediger
               wiedergibt: «Abgesehen von der Erbaulichkeit, mit welcher er die <hi rend="italic">Überzeugungen und Erfahrungen eines von dem Erlöser ganz ergriffenen Gemüts
                  ausdeutete</hi> und für das Leben fruchtbar zu machen verstand, gewährte er auch
               als Redner dem empfänglichen Sinne noch einen anderen, heutiges Tages so seltenen
               geistigen Genuß, nämlich <hi rend="italic">die Anschauung einer hoch begabten, durch und
                  durch gebildeten Individualität in den Momenten ihrer edelsten
               Lebensäußerung</hi>. Seine Rede war lebendige Tat, in dieser Tat der ganze Mann, und
               in dem Manne <hi rend="italic">Alles zu Bewußtsein und Sprache gekommen, was irgend ein
                  würdiger Gegenstand menschlicher Pflege, Liebe und Begeisterung sein kann</hi>.
               Seine Predigten waren nicht isolierte Kunstwerke der Rede: <hi rend="italic">aus der
                  unmittelbaren Einheit mit der Gemeinde im großartigsten Sinne des Wortes</hi>
               <pb xml:id="p094" ed="pga"/> quollen sie hervor, sie waren vernehmliche kräftigere
               Pulsschläge ihres [eigenen] innersten Lebens»<note xml:id="n121">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7795">Fr. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Sämmtliche
                           Werke</hi>, literarischer Nachlaß 2. Abth., Predigten, Bd. VII, hrsg.
                        v. A. Sydow, Berlin
                        1836, Einleitung S. VIII.</bibl>
                    </note>
            </p>
        <p>Dazu wäre Vieles zu bemerken, aber lassen wir es.</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
