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        <title type="volume" n="vol-11">Die Theologie Schleiermachers 1923/1924</title>
        <title type="content">Die Hausstandspredigten von 1818</title>
        <title type="citation_line_1">Die Hausstandspredigten von 1818, in: Die Theologie Schleiermachers 1923/1924, 1923 – 1924</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/11005 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Die Theologie Schleiermachers 1923/1924 (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1978, S. 197–243.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Die Theologie Schleiermachers 1923/1924</title>
          <title type="text">Die Hausstandspredigten von 1818</title>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1978</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 197-243</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe II.11, Die Theologie Schleiermachers 1923/1924, section 03</title>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <p>Es handelt sich um die mit Recht berühmte, 1820 in erster, 1825 in zweiter Auflage erschienene Serie von neun Predigten, von denen zwei von der <hi rend="italic">Ehe</hi>, drei von der <hi rend="italic">Kindererziehung</hi>, zwei vom <hi rend="italic">Hausgesinde</hi>, eine von der <hi rend="italic">Gastfreundschaft</hi> und eine von der <hi rend="italic">Wohltätigkeit</hi> handelt: I 567-692.<note xml:id="n01">Randnotiz im Mskr.: «Separat im 3. Bd. der <persName ref="kbga-actors-2545">Braun</persName>’schen Ausgabe (<date when="1910">1910</date> ed. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2536">Joh. Bauer</persName></hi>, S. 181–398)». Gemeint ist: <bibl corresp="kbga-bibls-7800">Fr. <persName ref="kbga-actors-360">D. E. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Werke. Auswahl in vier Bänden</hi></bibl>. Mit einem Bildnis <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> und einem Geleitwort von <persName ref="kbga-actors-1551">Prof. D. Dr. Aug. Dorner</persName> hrsg. und eingeleitet von Dr. Otto <persName ref="kbga-actors-2545">Braun</persName> und Prof. D. <persName ref="kbga-actors-2536">Joh. Bauer</persName>, Fritz Eckardt Verlag (Bd. 1, 3, 4) bzw. Verlag von Felix Meiner (Bd. 2), Leipzig <date from="1910" to="1913">1910–1913</date>. Dort in Bd. 3 (<date when="1910">1910</date>), S. 181–398: <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Der christliche Hausstand. Predigten von Schleiermacher</hi>, neu herausgegeben von <publisher>Johannes <persName ref="kbga-actors-2536">Bauer</persName></publisher>. — <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitiert nach: <hi rend="italic">Friedrich Schleiermacher’s sämmtliche Werke</hi>. 2. Abth.: <hi rend="italic">Predigten</hi>, Bd. I, Berlin 
                        1834, S. 567–692 (Vierte Sammlung).</bibl>
               </note> — Ich ziehe sie als <hi rend="italic">Gegenstück</hi> zum vorhergehenden Paragraphen, in dem wir uns mit der Zentralanschauung der Schleiermacherschen <hi rend="italic">Dogmatik</hi> befaßt haben, heran, um uns ein, wie ich glaube, ebenso zentral gewähltes Beispiel aus seiner <hi rend="italic">Ethik</hi> zu verschaffen, um nun nach dem Schleiermacherschen <hi rend="italic">Christus</hi> auch noch den Schleiermacherschen <hi rend="italic">Menschen</hi> etwas mehr aus der Nähe kennen zu lernen. Das Leben in der Welt, hat <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in der Einleitung zur ersten dieser Predigten gesagt (I 571f.), kann uns darum nicht von der Gemeinschaft mit Gott und mit dem Erlöser abziehen, weil es in nichts Anderem besteht als in den vom Herrn selbst begründeten Verhältnissen, weil es (das Leben!) «<hi rend="italic">sein heiliger Leib ist, der von seiner Lebenskraft durchdrungen sein soll</hi>». Das mag betr. der Verknüpfung der beiden Gesichtspunkte in Anbetracht des Vielen, was wir schon darüber gehört, für den Augenblick genügen. Hätten wir mehr Zeit, so würde ich dieses Thema, da es sich hier zweifellos um <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> <hi rend="italic">stärkste</hi> Seite handelt, gerne von zwei Seiten behandelt und außer diesen Familienpredigten in einem weiteren Paragraphen auch noch die <hi rend="italic">politischen</hi> Predigten <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> besprochen haben. Ich muß Sie hier auf eigenes Studium verweisen und auf das Buch von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2536">Joh. Bauer</persName></hi>, <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> als patriotischer Prediger, Gießen 1908, das <pb xml:id="p198" ed="pga"/> diese Seite der Schleiermacherschen Verkündigung wenigstens in bezug auf ihr Verhältnis zu den Befreiungskriegen, <hi rend="italic">weniger</hi> in bezug auf die merkwürdigen Jahrzehnte nachher, erschöpfend behandelt und, obwohl Spezialstudie, überhaupt das Eingehendste und Umfassendste darstellt, was über <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> als Prediger bis jetzt geschrieben worden ist. Man findet in ihm zahlreiche wertvolle Nachweise und Notizen auch zu den übrigen Schleiermacherschen Predigten. Ich brauche kaum zu sagen, daß sowohl die theologische als vermutlich auch die politische Beleuchtung der Sache bei mir etwas anders ausfallen würde als bei Bauer und daß ich besonders ihrer politischen Seite aus verschiedenen Gründen nicht ganz ungern aus dem Weg gehe. Sind die politischen Predigten materiell interessanter, so sind diese Familienpredigten, und darauf kommt es uns hier an, für <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> noch <hi rend="italic">bezeichnender, typischer</hi>. Wie man ihm als Menschen am nächsten kommt, wenn man ihn als Virtuosen des familiären Lebens im weitesten Sinn, der Gemeinschaftspflege mit den ihm durch Schicksal oder Wahl. Verwandten versteht, dafür zeugen, um nur Einiges zu nennen, seine Korrespondenz mit der Schwester <hi rend="italic">Charlotte</hi>, der treuen Herrenhuterin<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2228"><hi rend="italic">Br.</hi> I</bibl>, passim.</note>, aber auch die mit seiner Braut<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2228"><hi rend="italic">Br.</hi> II</bibl>, passim.</note>, und vielleicht am meisten die überlegene Art, wie er sich in späteren Jahren zu den ziemlich unerfreulichen Verhältnissen in seinem eigenen Hause gestellt hat<note xml:id="n04">Gemeint ist der starke Einfluß, den Frau <persName ref="kbga-actors-2555">Karoline Fischer</persName> (vgl. oben S. 84) auf <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Frau und Kinder ausübte. Sein Stiefsohn <persName ref="kbga-actors-2625">E. v. Willich</persName> urteilt rückblickend: «Wie hätte es anders sein können, als daß ein Verhältnis wie das der <persName ref="kbga-actors-2555">Fischer</persName> zu meiner Mutter die tiefgreifendsten Einwirkungen auf unser Familienleben, auf ihr Verhältnis zu ihren Kindern, zu ihren Freunden, ja auch zu meinem Vater selbst ausüben mußte … Aber die Störung für ihr <hi rend="italic">innerstes persönliches</hi> Verhältnis? Das war wohl das <hi rend="italic">Schwerste</hi>, was meinem Vater zugemutet werden konnte, und vor der Art und Weise, wie er auch <hi rend="italic">das</hi> überwand, stehe ich noch jetzt im Rückblick voll staunender Bewunderung … Kurz, mein Vater mußte das Vertrauen meiner Mutter mit der <persName ref="kbga-actors-2555">Fischer</persName> teilen, und der größere Teil war bei der letzteren. Aber auch darunter litt die <hi rend="italic">Liebe</hi> nicht, und die zärtlichste Hingebung meines Vaters (wie auch die meiner Mutter an ihn) blieb dieselbe bis ans Ende seines Lebens» (<bibl corresp="kbga-bibls-2094"><hi rend="italic">Aus Schleiermachers Hause. Jugenderinnerungen seines Stiefsohnes Ehrenfried v. <persName ref="kbga-actors-2625">Willich</persName></hi>, Berlin
                            1909, S. 59f.</bibl>).</note>. Wie <pb xml:id="p199" ed="pga"/> er gerade in dieser Beziehung sicher ein Lebenskünstler gewesen ist, dem es nicht so bald jemand nachtun wird, so haben wir in der <hi rend="italic">Familie</hi> auch den engsten, intimsten und wichtigsten Kreis innerhalb des sein christlich-ethisches Denken beherrschenden Begriffs der <hi rend="italic">Gemeinde</hi> zu erkennen, und hier am konkretesten kann uns anschaulich werden, wie er sich die große Korrelation von Geist und Natur oder, theologisch ausgedrückt: von Christus und Gemeinde, von der Seite des tätigen Lebens betrachtet, vorgestellt hat. Gewiß schlägt sein Herz nicht weniger stark, wenn er von Christus redet, oder auf dem Feld der Ethik, wenn seine Sorgen und seine Begeisterung sich den Angelegenheiten von Volk und Vaterland zuwenden. Aber unverkennbar ist es, daß er sich hier auf seinem eigensten, sichersten Boden befindet, daß wir ihn hier von seiner doch vielleicht besten, glänzendsten Seite kennen lernen.</p>
        <p>Lassen wir also dieses Familien-Ideal als Probe Schleiermacherscher Lebenskunde und Lebenskunst an uns vorüberziehen in den fünf Variationen, in denen er selbst es vorgetragen hat. An Spezialliteratur zu diesem Paragraphen wüßte ich Ihnen nur zu nennen: <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-329">Martin Rade</persName></hi>, Die Stellung des Christentums zum Geschlechtsleben, 
                        <title level="m">R.V.B.</title>, Tübingen 1910, wo sich neben Jesus, <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName>, Augustin, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> (eine etwas mißliche Aneinanderreihung übrigens) auch eine ziemlich eingehende Darstellung der Ansichten <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> auf diesem Gebiet findet.</p>
        <p>
                    <hi rend="italic">1. Die Ehe</hi><note xml:id="n05">Das Folgende nach <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 571ff.</bibl>: «Über die Ehe. Erste Predigt» (2. Sonntag nach Trinitatis <date when="1818">1818</date>; Text: <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.22 Eph.5.31">Eph. 5,22–31</ref>).</note>. Sie ist die erste Stiftung Gottes. Aus ihr entwickeln sich alle anderen menschlichen Verhältnisse. Auf ihr ruht das christliche Hauswesen, aus christlichen Hauswesen bestehen dann wieder die christlichen Gemeinden. Auf der Ehe beruht die Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts und mithin (hört! hört!) auch die Fortpflanzung des göttlichen Wortes von einem Geschlecht auf das andere. <hi rend="italic">Nichts</hi> soll in ihr sein, was uns von Christo, dem Herrn, abziehen könnte, vielmehr sollen wir <hi rend="italic">alles</hi> in ihr auf das große Verhältnis unseres Herzens zum Erlöser beziehen. Es ist der berühmte <pb xml:id="p200" ed="pga"/> Absatz <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.22 Eph.5.31">Eph. 5,22–31</ref>, auf den <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> diese entscheidenden Gleichungen zwischen Natur- und Gnadenordnung und das, was er daran anknüpfen will, meint biblisch begründen zu können. Es gibt ein Irdisches und ein Himmlisches in der Ehe, sagt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>. Beide sind ganz und gar eins und nicht voneinander zu trennen. Das <hi rend="italic">Irdische</hi> («zwei werden ein Fleisch sein» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.5">Mt. 19,5</ref>]) besteht nach ihm in einer Liebe, in der Sonderwünsche und Bestrebungen des einen oder anderen Teils nicht nur nicht mehr sich geltend machen, sondern überhaupt zu existieren aufgehört haben. Drei Gestalten der Ehe werden geschildert, die diesem Ideal mehr oder weniger schwer widersprechen, für alle zukünftigen Ehemänner und Ehefrauen gewiß nützlich zu hören. Die Ehe in ihrer <hi rend="italic">gräßlichen</hi> Gestalt besteht darin, daß man so ergrimmt gegeneinander ist, daß man den Streit miteinander nicht nur nicht vermeidet, sondern absichtlich aufsucht. Die Ehe in ihrer <hi rend="italic">ängstlichen</hi> Gestalt ist dann gegeben, wenn Mann und Frau ohne freudige Überzeugung von ihrer Zusammengehörigkeit durch Zuvorkommenheit, Nachgiebigkeit, Entsagung den Streit zu vermeiden und durch sorgfältig gehaltenen Vertrag die wahre Liebe zu ersetzen suchen. Die Ehe in ihrer <hi rend="italic">widrigen</hi> Gestalt tritt dann ein, wenn man einträchtig und ruhig nebeneinander lebt, so wenig als möglich Ansprüche aneinander stellt und jeder seine Befriedigung in anderen Lebensverhältnissen und Beziehungen sucht und findet. Aber überhaupt <hi rend="italic">überall</hi>, wo noch jeder seine eigene Lust und sein eigenes Leid hat, mag er auch immerhin mehr auf das sehen, was des anderen ist, als auf das eigene, überall, wo es noch nötig ist, daß jeder einzelne Teil sich selbst ermahnen muß, das Weib sich zur Stille, der Mann sich zur Rücksicht, und wenn diese Ermahnungen aufs sorgfältigste berücksichtigt würden, <hi rend="italic">überall</hi>, wo es noch etwas auszugleichen gibt, und wenn diese Ausgleichungen auf die feinste Weise geschähen — da sind die zwei noch nicht ein Fleisch, da thront nicht und hat noch nie gethront die wahrhaft eins machende Liebe. Man sicht auf den ersten Blick, daß es sich in diesem Schleiermacherschen Ideal einer fugenlosen Ehe um eine Anwendung seiner Lehre vom Frieden, von der Neutralisierung, ja Indifferenzierung, ja Aufhebung aller Kontraste <pb xml:id="p201" ed="pga"/> handelt, wie wir ihr auf den sämtlichen Gipfeln seiner Welt- und Lebensanschauung zu begegnen nun schon gewohnt sind. </p>
        <p>Aber hören wir weiter. Diese irdische Vollkommenheit der Ehe ist, wo sie wirklich vorhanden ist, notwendig eins mit einer höheren, <hi rend="italic">himmlischen</hi>. Aus dem äußeren Leben allein kann sich jene enge Gemeinsamkeit nicht nähren, sondern nur daraus, daß eins das andere heilige und von ihm sich heiligen lasse. Die Ehe kann nicht nur ein wohlklingendes Spiel natürlicher Kräfte sein, christliche Ehe ist sie, sofern beide Teile durch einander immer mehr erregt werden im Geist, daß das Wider-Geistige in der Natur des Einen durch den Anderen gebändigt werde, «jeder sich in dem Auge des Anderen reiner spiegle, um zu sehen, wie er gestaltet ist in bezug auf die Gemeinschaft mit Gott»<note xml:id="n06">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 576.</bibl>
                    </note>, so daß in vereinter Kraft beide mit verdoppelten Schritten dem gemeinsamen Ziel der Heiligung sich nähern. Solche Ehen sind dann im Himmel geschlossen. Wo dies fehlt, fehlt die rechte Treue und Zuverlässigkeit, der rechte Gehalt des ehelichen Lebens. </p>
        <p>Und nun die <hi rend="italic">dritte</hi> Bestimmung: dieses Himmlische kann wiederum nicht sein ohne das Irdische, ohne die innigste <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> der Freuden und Leiden, der Sorgen und Werke dieser <hi rend="italic">Welt</hi>. So wenig wie der einzelne Christ darf sich ein christliches Ehepaar von der Welt zurückziehen, um sich selbst genug zu sein. Die Liebe kann nur solche Menschen segnen, die einen Beruf ganz erfüllen, ihrer Bestimmung sich in keiner Weise entziehen. Nur insofern<note xml:id="n07">Mskr.: «dann». Änderung vom Hrsg. (nach Schl., <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 577</bibl>: «insofern»).</note> können zwei Menschen sich gegenseitig genug sein, als sie in einem tätigen Leben stehen, mit Versuchungen und Prüfungen zu schaffen, sich gegenseitig zu helfen haben; auch der geliebtesten Seele können wir uns nur freuen, wenn wir sie in ihrer natürlichen Tätigkeit erblicken. In bezug auf dieses gemeinsame Stehen in der tätigen Welt, auf die notwendige Verflechtung jedes christlichen Hauswesens in eine größere Ordnung der menschlichen Dinge gilt nun das: «Ihr Weiber, seid untertan euren Männern!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.18">Kol 3,18</ref>], sofern der Mann <pb xml:id="p202" ed="pga"/> das Hauswesen nach außen zu vertreten hat, während die Frau an der bürgerlichen Gesellschaft nur mittelbar Anteil hat. Jenes Gebot wird erläutert durch die Erinnerung, daß der Mann im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen [soll], die Frau aber bestimmt ist, mit Schmerzen Kinder zu gebären. Nicht als ein Werk der Not also soll man das alles ansehen, sondern als göttliche Ordnung, durch die wir erst zum rechten Bewußtsein der Gaben kommen, welche der göttliche Geist in jedem Geschlecht besonders wirkt. Eine störende <hi rend="italic">Ungleichheit</hi> ist damit nicht gesetzt, vielmehr löst sich Alles, was als solche erscheinen möchte, auf in die vollkommenste <hi rend="italic">Gleichheit</hi>. Heißt es doch: «der Mann wird Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.24">Gen. 2,24</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.31">Eph. 5,31</ref>]. Damit ist hingewiesen auf eine <hi rend="italic">Kraft</hi>, welche von dem <hi rend="italic">weiblichen</hi> Gemüt <hi rend="italic">ausgeht</hi> und sich des <hi rend="italic">männlichen bemächtigt</hi>. Erst wenn er diese trennende und festhaltende Kraft verspürt, soll sich der Mann bei seiner Wahl auf sicherem Wege wissen. Und «wenn das Weib das Ja ausspricht, wodurch der Mann ihr Haupt wird, ein frei (aus)gesprochenes Ja …, so fühle sie, daß er nach Gottes allgemeiner Ordnung und besonderem Rate ihr Haupt geworden ist durch eine unbewußte und unwillkürliche Wirkung dieser in ihr ruhenden Kraft», von deren Fortwirkung es abhängt, ob die Ehe ist und bleibt, was sie sein soll, «<hi rend="italic">ein selbst ewiges Werk der ewigen Liebe</hi> … würdig, dem heiligsten und größten Werke derselben verglichen zu werden»<note xml:id="n08">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 581.</bibl>
                    </note>. Indem der Mann, zurückkehrend aus den größeren Lebensverbindungen, in denen er ohne des Weibes Zutun dem Hause Freude und Ehre, auch Leid und Sorge schafft und insofern ihr Haupt ist, dem sie untertan, immer wieder sich zurückwendet zu dem Weibe, das ihm Gott gegeben, so fühlt sie ihrerseits «in Allem, was er tut, ordnet und schafft, <hi rend="italic">ihre</hi> Kraft und <hi rend="italic">ihren</hi> Segen», und so stehen sie immer beide «gleich vor Gott und in ihrem eigenen Bewußtsein da, wie in dem Augenblick, wo beide durch das gleich freie Ja der Mann des Weibes Haupt [erst] wurde und sie ihm untertan»<note xml:id="n09">Ebd.</note>. Nicht darin also wird das Verhältnis des Weibes zum Manne von <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName> dem <pb xml:id="p203" ed="pga"/> 
               <hi rend="italic">Verhältnis der Gemeinde zu Christus</hi> gleichgestellt, daß Christus Alles ist und wir nichts, und also auch das Weib in ihrer Verbindung mit dem Manne immer nur der passive, abhängige Teil sein könne, sondern darin, daß Christus sich hingegeben hat für die Gemeinde, daß er sie heiligte. Diese hingebende, befreiende Liebe soll sich der Mann zum Vorbild nehmen darin, daß er die Frau immer mehr befreie innerlich und äußerlich von jeder Dienstbarkeit, der sich dieses Geschlecht so leicht hingibt, «daß er alle Beschränkung von ihr tue, damit die Kraft des gemeinsamen Lebens ungehindert in ihr walte»<note xml:id="n10">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 583.</bibl>
                    </note>. <hi rend="italic">Immer schneller</hi> soll an der Frau in Erfüllung gehen, was der Gemeinde in ihrem Verhältnis zu Christo nur in der weiten Ferne des ewigen Lebens verheißen ist, daß, wenn vollkommen erschienen ist, was wir sein werden, so werden wir ihm gleich sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.2">1.Joh. 3,2</ref>], d.h. sie wird, wiewohl in ihrem stillen, bescheidenen Kreise bleibend, immer mehr dem Manne gleich werden, weil sie ihn in all seinem Tun und Sein versteht und durchdringt, <hi rend="italic">wie ja die tägliche Erfahrung aufs erfreulichste lehrt</hi>, daß «unsere Frauen an Allem, was ihre Männer in den verschiedenen Kreisen des öffentlichen Lebens so wie der menschlichen Kunst und Wissenschaft verrichten oder bezwecken, ihr billiges Teil auch wirklich genießen und sich dessen erfreuen»<note xml:id="n11">Ebd.</note>.</p>
        <p>Wir stehen also hier vor der in der Tat erfreulichen Tatsache, daß, im Rahmen der parabolischen Methode betrachtet, das Abbild nicht nur in immer schnellerer Angleichung an das Urbild begriffen ist, sondern dasselbe sogar vorläufig in der in Berlin 1818 täglich gemachten Erfahrung weit überholt und hinter sich gelassen hat; es dürfte wohl gerade an diesem Punkte klar sein, daß bei der Sache mindestens exegetisch etwas nicht in Ordnung sein kann. Denn so günstig gerade diese paulinische Stelle auf den ersten Blick jener Methode zu sein scheint, das dürfte doch wohl klar sein, daß <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName> an <hi rend="italic">diese</hi> Deutung des Verhältnisses von Christus und Gemeinde schwerlich gedacht haben kann. Wie dem auch sei, so also verschwindet nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> jeder Schein der Ungleichheit in <pb xml:id="p204" ed="pga"/> dem schöneren und höheren Gefühl einer vollkommenen Gemeinsamkeit des Lebens, wie — fügt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hinzu, wozu wir unsererseits wieder ein kleines Fragezeichen setzen — wie auch dem Apostel die himmlischen und herrlichen Bilder verschwinden in dem einen Gedanken, daß zweie eins werden — denn das fragt sich eben, ob, und dann würde Einiges vielleicht etwas anderes aussehen, das Himmlische bei <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName> auch nur zur Illustration des Irdischen dient oder umgekehrt — und es ist wirklich nicht ganz dasselbe, ob man es umgekehrt sagt: das Irdische zur Illustration des Himmlischen. Also: in reiner geistiger <hi rend="italic">Einheit</hi>, worin das herrliche Bild der alles beseligenden und zur Gemeinschaft mit Gott erhebenden Liebe des Erlösers angeschaut wird, in erhöhter <hi rend="italic">Kraft, gereinigten Herzens</hi> sich zu einem wirksamen Leben getrieben fühlen, um das Werk Gottes zu schaffen, das ist die Vollendung der Ehe, welche der Grundstein der Gemeinde des Erlösers ist. Innigste Vereinigung nicht nur der beiden Gatten, sondern des Irdischen und Himmlischen in der Ehe, das heißt dann auch der Hebräerbrief [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.4">3,4</ref>] die <hi rend="italic">Ehe ehrlich halten</hi>. «Es kann nur geschehen, wenn beide Teile unseren Herrn und Meister in ihr Herz aufgenommen haben und er der dritte ist in dem durch die Liebe zu ihm geheiligten Bunde.»<note xml:id="n12">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 584.</bibl>
                    </note>
            </p>
        <p>Halten wir einen Augenblick inne. Das alles ist so schön, daß man wirklich gar nichts dagegen einzuwenden vermag, und vielleicht ist das der einzig mögliche Einwand, den man hier erheben kann, daß das alles so schön, <hi rend="italic">viel zu</hi> schön ist. Ich will alles das, was an den Gedanken, die wir eben hörten, zu bewundern und zu rühmen ist, bei Seite lassen. Hoffentlich hat es auch in meiner Darstellung für sich selbst gesprochen. Aber über das «zu Schöne» dieser Gedanken müssen ein paar Worte gesagt, ein paar Fragen gestellt sein. Daß es <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> an psychologischem Scharfblick gefehlt habe, wird man besonders angesichts des ersten Teils der Predigt nicht sagen können. Aber er ist ein Musterbeispiel dafür, daß man ein großer Psychologe sein und von der realen Dialektik des Lebens, auch der der Ehe, die dann auch die der Bibel und gerade des Ab <pb xml:id="p205" ed="pga"/> Schnitts <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.22 Eph.5.33">Eph. 5,22ff.</ref> ist, keine Ahnung haben kann. Wie konnte der kluge Mann vorbeisehen an der Tatsache, daß unmittelbar <hi rend="italic">vor</hi> seinem Text, von ihm allerdings weggelassen, das Wort steht: «Seid einander Untertan in der <hi rend="italic">Furcht</hi> Christi» [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.21">Eph. 5,21</ref>], daß <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName> gerade nicht von Ein-<hi rend="italic">Geist</hi>-, sondern Ein-<hi rend="italic">Fleisch</hi>-Werden von Mann und Frau redet, daß der Abstand, auf dessen direkte Aufhebung seine ganze Anweisung hinausläuft, bei <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName> bis zur letzten Zeile: «Die Frau aber fürchte den Mann!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.33">Eph. 5,33</ref>] aufrechterhalten wird, daß von einem Ehehimmel mit Christus als dem Dritten im Bunde (!), von einem «ewigen Werk der ewigen Liebe» bei <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName> gerade <hi rend="italic">nicht</hi> die Rede ist, sondern von einer ernst und nüchtern bei ihrem irdischen Namen genannten irdischen Wirklichkeit, von einem wohl zu deutenden, aber darum seinen Charakter als solches nicht verlierenden <hi rend="italic">Geheimnis</hi>. Wo hat der kluge Mann seine Augen gehabt, daß er nicht gesehen zu haben scheint, daß in der Ehe, auch in der christlichen Ehe, doch Einer vor Allem des Anderen Fragezeichen, wenn nicht Prüfung, wenn nicht Purgatorium, wenn nicht Kreuz ist, und daß allein auf diesem Umwege und wahrlich nicht mit diesem direkten Zugriff der Mann mit Christus, die Frau mit der Gemeinde verglichen werden, die Vereinigung des Himmlischen und Irdischen ausgerechnet in der Ehe, diesem Übungs- und Kampfplatz sondergleichen, behauptet werden dürfte? Was kann das für eine Ethik sein, deren Forderungen sich offenbar gar nicht an den abgefallenen, sondern vermöge seiner naturhaften Verbundenheit mit Christus schon im wenigstens keimhaften Sein des Guten <hi rend="italic">stehenden</hi> Menschen richten? Sind ihre Forderungen dann Ausdruck eines Sollens? Wenn nicht, sind sie dann Forderungen zu nennen? Wenn nicht, ist Ethik dann nicht Beschreibung eines höheren Naturvorganges? Wenn ja, mit welchem Recht ist das Ethik zu nennen?</p>
        <p>
                    <milestone xml:id="m17.XII.23" unit="line"/> Aber hören wir zunächst weiter. Die zweite Predigt<note xml:id="n13">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 585ff.</bibl>: «Über die Ehe. Zweite Predigt» (Text: <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.8">Mt. 19,8</ref>).</note> ist einem Spezialthema, der Frage der <hi rend="italic">Ehescheidung</hi>, gewidmet. Ich will mich hier kürzer fassen. Die wahre christliche Ehe, beginnt der Prediger, müßte anderweitigen Schwierigkeiten und Leiden, die die Menschen <pb xml:id="p206" ed="pga"/> treffen, als Quell wahrer Lebensfreude die Gewalt nehmen. Stattdessen ist weithin die Ehe selbst Quelle der Unzufriedenheit. Die überhand nehmenden Scheidungen sind des Zeugnis. Was ist von dieser Möglichkeit zu halten? <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> kommt, um dies gleich vorwegzunehmen, zu einer fast vorbehaltlosen <hi rend="italic">Ablehnung</hi>. Die Sache ist biographisch merkwürdig darum, weil es 13 Jahre früher, 1805, drauf und dran gewesen war, daß die Frau eines Berliner Predigers, <persName ref="kbga-actors-2566">Eleonore Grunow</persName>, sich um seinetwillen von ihrem übrigens unerfreulichen Manne hätte scheiden lassen, um <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Gattin zu werden. Die Sache scheiterte im letzten Augenblick durchaus nicht an <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, sondern an Frau <persName ref="kbga-actors-2566">Grunow</persName>, die von «ihrer alten ängstlichen Gewissenhaftigkeit» ergriffen (Brief an <persName ref="kbga-actors-2563">Gaß</persName><note xml:id="n14">Vgl. oben S. 3, Anm. 8.</note>, S. 38) zu ihrem Manne zurückkehrte. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-329">Rade</persName></hi> wird recht haben, wenn er sagt: «Soweit es auf <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ankam, war die Tat innerlich fertig und getan.»<note xml:id="n15">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7822"><persName ref="kbga-actors-329">M. Rade</persName>, <hi rend="italic">Die Stellung des Christentums zum Geschlechtsleben</hi>, (= <hi rend="italic">Religionsgeschichtliche Volksbücher</hi>, hrsg. von F. M. Schiele, 5. Reihe, Heft 7/8), Tübingen
                            1910, S. 64.</bibl>
                    </note> Als <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> der Frau <persName ref="kbga-actors-2566">Grunow</persName> viele Jahre später in einer Gesellschaft wieder begegnete, soll er zu ihr gesagt haben: Liebe Eleonore, «Gott hat es doch gut mit uns gemacht»<note xml:id="n16">Zitiert bei <bibl corresp="kbga-bibls-7822"><persName ref="kbga-actors-329">Rade</persName>, A.a.O., S. 63.</bibl>
               </note>. Ich kann das zusammen mit der Ehescheidungspredigt von 1818 nicht anders deuten, als daß wir es hier mit einem der wenigen Punkte in diesem sonst fast völlig harmonischen Leben zu tun haben, wo ein gewisser Bruch, ein deutliches Vorher und Nachher erkennbar ist. 1805 hätte <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> die Predigt von 1818 noch nicht halten, und 1818 hätte er nicht mehr tun können, was er 1805 tun wollte. Ob man es, wie <persName ref="kbga-actors-329">Rade</persName> dies tut, «im Interesse einer strengeren Durcharbeitung des Problems innerhalb der evangelischen Kirche und Theologie»<note xml:id="n17">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7822"><persName ref="kbga-actors-329">Rade</persName>, A.a.O., S. 64.</bibl>
                    </note> geradezu bedauern darf, daß der Fall damals nicht akut wurde, ist eine andere Frage. Genug, <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> rührte an eine eigene, nicht allzu alte Wunde, wenn er 1818 an Hand von <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.8">Matth. 19,8</ref>: «Moses hat euch erlaubt zu scheiden von euren Weibern von eures Herzens Härtigkeit wegen; von Anbeginn aber <pb xml:id="p207" ed="pga"/> ist es nicht also gewesen», dieses Spezialthema aufgriff. Wer sich willkürlich von seinem Volk trennt oder von seinen Eltern oder also auch von seinem Gatten, der kann das nur tun in <hi rend="italic">Herzenshärtigkeit</hi>, hebt er an. Die Sendung Christi aber geschah gerade dazu, diese Härtigkeit zu erweichen. In Ehe und Beruf zusammengenommen soll eben der Mensch seine <hi rend="italic">volle Befriedigung</hi> finden. Geschieht dies nicht, wird ihm der Beruf zur Last oder das häusliche Leben zu eng, dann liegt Herzenshärtigkeit vor. Es müssen entartete, d.h. aber schon unrichtig geschlossene Ehen sein, in denen es so weit kommt, daß man auseinandergehen zu müssen meint. Aber auch eine solche unrichtig geschlossene Ehe muß nur dann wirklich auseinandergehen, wenn eine <hi rend="italic">neue</hi> Herzenshärtigkeit <hi rend="italic">hinzu</hi>kommt: der Wille zur Scheidung. Die gemeinsame Teilnahme der Ehegatten am <hi rend="italic">kirchlichen Leben</hi> müßte diesen Willen unbedingt brechen, sie einander wieder nahebringen. Man sage nicht, es gebe Fälle, wo es nicht Lieblosigkeit, sondern Liebe sei, Liebe zum anderen, leidenden Teil, welche den Wunsch, eine unerträglich gewordene Ehe aufzulösen, rechtfertige. Das sind unverzeihliche Täuschungen oder heuchlerische Vorwände. Nur mit verhärtetem Herzen kann man ja übersehen, daß die höhere, <hi rend="italic">christliche</hi>, nicht die falsche, auf die Glückseligkeit des Anderen gerichtete Liebe ihn, statt ihn seines Weges ziehen zu lassen, sehr wohl pflegen und heilen könnte und müßte. Aus Liebe zu <hi rend="italic">Christus</hi> gar eine unwürdige Ehe auflösen zu wollen, ist ein Sophismus: Wie könnte man durch eine lieblose Trennung denjenigen ehren, der das geknickte Rohr <hi rend="italic">nicht</hi> zerbrechen und den glimmenden Docht <hi rend="italic">nicht</hi> auslöschen will? Also: Christus hat uns die Befugnis zur Ehescheidung <hi rend="italic">nicht</hi> gegeben. Wird sie nun doch gewollt und durch den Spruch der staatlichen Behörde vollzogen, so müssen wir geschehen lassen, was <hi rend="italic">wider des Herrn Willen</hi> geschieht, und mit wenig Vertrauen auf einen glücklichen Erfolg werden wir abwarten und zusehen, ob wohl der leidende Teil gesunden und sich erholen werde, wenn er aus dem Zusammenhang mit dem anderen befreit ist. Aber sooft das geschieht — gegen des Herrn Willen —, werden wir uns <hi rend="italic">schämen</hi> über den unvollkommenen Zustand unseres christlichen Gemeinwesens und uns vornehmen, <pb xml:id="p208" ed="pga"/> Solchem, vor Allem bei der Jugend, für die Zukunft vorzubauen. <hi rend="italic">Nicht</hi> die Kirche, sondern die <hi rend="italic">weltliche</hi> Gewalt ist es, die, unter der <hi rend="italic">Trauer</hi> der Kirche, Ehen scheidet. Indem die evangelische Kirche nun freilich, im Gegensatz zur katholischen, neue Ehen Geschiedener einsegnet, gehorcht sie doch nur der Obrigkeit, und ein Anderes ist gehorchen, ein Anderes ist billigen. Sie gehorcht also, immerhin nicht ohne Einsicht und Gründe: 1. um nämlich nicht Einzelne zu hart zu strafen, die es vielleicht weniger verdienen als Andere, 2. um nicht durch Verweigerung einer zweiten Trauung zum Konkubinat zu verführen, 3. um die rechten christlichen Ehen [vor einer Gefährdung] durch die nach Grund 2 drohenden unwürdigen Umgebungen zu schützen. In seiner Vorlesung über die «Christliche Sitte»<note xml:id="n18">Vgl. oben S. 61, Anm. 88.</note> hat <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> als vierten Grund noch hinzugefügt: «weil die Ehe keine ausschließlich kirchliche, sondern ebensowohl eine bürgerliche<note xml:id="n19">Schl.: «politische»</note> Angelegenheit ist» und weil die evangelische Kirche sich «keine Superiorität über den Staat kann schaffen wollen, wie sie die katholische Kirche sich angemaßt hat» (S. 351). Aber niemand rühme sich dessen als einer «edlen Freiheit» unserer Kirche. Die Freudigkeit ihrer Diener bei solchen Trauungen und die Zuversicht, mit der sie «das Ja aus einem Munde hören, der es schon einmal in Nein verkehrt hat»<note xml:id="n20">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 595.</bibl>
                    </note>, kann nicht eben groß sein. Die Zeit, wo die öffentliche Meinung sich lauer und gleichgültiger über diesen Gegenstand zu äußern schien, war die Zeit kirchlicher Lauheit überhaupt. Jetzt, wo diese Stagnation des kirchlichen Lebens überwunden ist, kann es nicht anders sein, als daß sich unser frommer Sinn «in den <hi rend="italic">meisten</hi> Fällen»<note xml:id="n21">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 596.</bibl>
                    </note> solcher Ereignisse schämt, sie nur als eine Sache der Not ansieht.</p>
        <p>Ich füge noch Folgendes hinzu: in seiner «philosophischen Sittenlehre»<note xml:id="n22">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2157">Fr. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Entwurf eines Systems der Sittenlehre</hi>, Aus <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> handschriftlichem Nachlasse hrsg. und erläutert von J. H. v. Kirchmann, Berlin 
                        1870 (= <hi rend="italic">Sämmtliche Werke</hi>, 3. Abth., Zur Philosophie, Bd. V</bibl>).</note> hat <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> noch allgemeiner den Satz aufgestellt: <pb xml:id="p209" ed="pga"/> «<hi rend="italic">Die sittliche Ehe ist unauflöslich</hi>, da sogar problematisch ist, ob nach deren Auflösung eine zweite möglich sei» (§ 259). Man beachte, daß hier von Auflösung und Unauflöslichkeit ganz <hi rend="italic">allgemein</hi> die Rede ist. Und in der «Christlichen Sitte» hat er dann ausdrücklich gesagt, daß streng genommen nicht nur die Wiederverheiratung von Geschiedenen, sondern auch die von Verwitweten («Deuterogamie») ausgeschlossen sein sollte. Das kirchliche Leben könnte so gestaltet sein, daß der überlebende Teil alle Hilfe findet, deren er bedarf, ohne eine zweite Ehe zu schließen. Die Deuterogamie werde von selbst aufhören, wenn universell und individuell sittlich alle so durchgebildet sein werden, daß es gleich unmöglich sein wird, nach dem Tode des Ehegatten Ersatz zu suchen <hi rend="italic">und</hi> zu finden<note xml:id="n23">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-1756"><hi rend="italic">Die christliche Sitte …</hi>, S. 352.</bibl>
                    </note>.</p>
        <p>Man wird den hohen sittlichen Schwung, ja Ernst dieser Gedanken nicht übersehen können, ja man möchte geneigt sein, hier von einem fast alt-christlichen Rigorismus zu reden, der da auf einmal bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> sichtbar werde. Hat er etwas Anderes getan, möchte man besonders in bezug auf die Predigt fragen, als eben gesagt, was nach <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.8 Mt.19.12">Matth. 19 [8f.]</ref> 
               <hi rend="italic">Jesus selbst</hi> gesagt hat: «Mose hat euch erlaubt, zu scheiden … von eures Herzens Härtigkeit wegen; von Anbeginn aber ist’s nicht also gewesen. Ich sage aber euch: Wer sich von seinem Weibe scheidet … und freiet eine andere, der bricht die Ehe, und wer die Abgeschiedene freiet, der bricht auch die Ehe»? Einige Unterschiede wollen zu Würdigung des Sachverhalts trotzdem beachtet sein. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> verteidigt, daran kann gar kein Zweifel sein, mit seiner Ablehnung der Ehescheidung das Heiligtum der Ehe als eines der höchsten menschlichen Lebensgüter, als eine besondere Stätte der Vereinigung des Himmlischen und Irdischen, als «ein ewiges Werk der ewigen Liebe»<note xml:id="n24">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 581</bibl>; vgl. oben S. 202.</note>. Auf diesem Hintergrunde muß sein Rigorismus in bezug auf die Ehescheidung verstanden werden. Was das Positive ist, das durch sein strenges Verbot geschützt werden soll, das hat er selbst verraten, wenn es hier einer ausdrücklichen Nennung der Sache bei ihrem Namen noch bedürfte, indem er in seiner «Philosophischen Sittenlehre» <pb xml:id="p210" ed="pga"/> (§ 260) «<hi rend="italic">absolute Einzigkeit</hi>» das «<hi rend="italic">Ideal der romantischen Liebe</hi>» genannt hat. Wenn er von der Ehe redet, dann redet er eben ganz eindeutig und vorbehaltlos von der Ehe, von der Gemeinschaft von Mann und Weib, die in der <hi rend="italic">unbedingten</hi> Gemeinschaft <hi rend="italic">eines</hi> Mannes mit <hi rend="italic">einem</hi> Weib ihre Erfüllung findet. Redet er dabei <hi rend="italic">auch</hi> vom «Willen des <hi rend="italic">Herrn</hi>», so erschöpft sich bei ihm doch auch diese Größe in einer endgültigen, ewigen Bejahung und Bestätigung dieses Eheideals, seiner Wahrheit und Dignität. Was Gott will, ist nach ihm eben das romantische Liebesideal. «Herzenshärtigkeit» ist nach ihm die Verschlossenheit für dieses Ideal und ihre durch Christus bewirkte Erweichung die neue Erschließung des Menschen dafür, die christliche Kirche der Ort, wo u. a.  auch dieses Heiligtum bewahrt und gehütet und verkündigt wird. Das alles dürfte nun in <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.3 Mt.19.12">Matth. 19 [3ff.]</ref> doch ein wenig ein anderes Gesicht haben, obwohl die Negation, in der jene Worte Jesu gipfeln: <hi rend="italic">Keine</hi> Ehescheidung!, mit derjenigen <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> genau zusammentrifft. Die Dignität, die Jesus mit dieser Negation schützen will, das Positive, was hinter seinem Verbot steht, ist offenbar nicht die Ehe, und am allerwenigsten in Form des romantischen Liebesideals, sondern das auf die Ehe bezügliche Gebot <hi rend="italic">Gottes</hi> als solches, als <hi rend="italic">Gottes</hi>gebot. Für die Ehe als solche, als menschlichen Lebenswert oder gar als eine Stätte, wo Himmel und Erde eins werden, fällt im ganzen Abschnitt, aus dem <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> seinen Text genommen, kein positives Wort, wohl aber wird zu ihr, wenigstens in der Relation des Matthäus, zum Schluß in dem Spruch über die Verschnittenen (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.12">v 12</ref>) ein dreifaches, wirklich nicht unerhebliches Fragezeichen gesetzt: Es gibt nach diesem Spruch Notwendigkeiten, und unter diesen kann die höchste Notwendigkeit des Himmelreichs sein, die jedenfalls die Universalität eines allfälligen Liebes- und Eheideals unmöglich machen. Es gibt für Jesus, auch wenn er von der Ehe redet, noch etwas Höheres als die Ehe, und wenn man genau zusieht, wird man sogar sagen müssen: auch da, gerade da, wo er ausdrücklich von der Ehe redet, redet er in Wirklichkeit nicht von der Ehe und <hi rend="italic">ihrem</hi> Heiligtum, sondern, und das ist etwas Anderes, von dem Heiligtum der göttlichen, von Anbeginn bestehenden <hi rend="italic">Ordnung</hi>. <hi rend="italic">Diese</hi> und <pb xml:id="p211" ed="pga"/> nicht die Ehe ist ja in Frage gestellt durch die kasuistische Frage der Pharisäer, die jenes ganze Gespräch veranlaßt. Den Mangel an Ehrfurcht vor <hi rend="italic">dieser</hi> und nicht den Mangel an sexualmoralischer Durchbildung bezeichnet Jesus als Herzenshärtigkeit. Um <hi rend="italic">diese</hi> wieder aufzurichten und nicht um ein positives Liebes- und Eheideal zu verkündigen, verwirft Jesus die Ehescheidung. Die Monogamie ist hier wie im Neuen Testament überhaupt das gegenüber der menschlichen Lizenz-Willkür aufgerichtete Zeichen der Buße, des Gehorsams, ein Gleichnis der Einzigartigkeit Gottes gegenüber der Pluralität der biotischen Weltkräfte. Als menschliches Ideal betrachtet dürfte der Monogamie ein <hi rend="italic">christlicher</hi> Vorzug vor der Polygamie kaum zuzuschreiben sein. Ihr <hi rend="italic">christlicher</hi> Vorzug besteht darin, daß mit ihr der Schatten des <hi rend="italic">Kreuzes</hi> auch auf das sexuelle Gebiet fällt. Darum erweckt ihre Verkündigung Furcht und Zittern: «Da sprachen die Jünger zu ihm: Stehet die Sache eines Mannes mit seinem Weibe also, <hi rend="italic">so ist’s nicht gut, ehelich werden</hi>» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.10">Mt. 19,10</ref>]. Diese Jünger haben verstanden, um was es geht: nicht um eine weitere Vertiefung, Bereicherung, Verfeinerung, Vergeistigung der Ehe, sondern, kritisch gegenüber der menschlichen Triebhaftigkeit, die in der Ehe bestenfalls geordnet, eingedämmt, an allzu flagranten Ausbrüchen gehindert ist, die Geltendmachung des <hi rend="italic">göttlichen</hi> Rechtes an den <hi rend="italic">ganzen</hi> Menschen. Und wer sich nun etwa fragen sollte, ob der hier aufgezeigte prinzipielle Unterschied nicht etwa doch bloß ein Unterschied der <hi rend="italic">Worte</hi> sein möchte, der vergegenwärtige sich folgende aus diesem Prinzipiellen nach beiden Seiten sich ergebenden <hi rend="italic">Konsequenzen</hi>.</p>
        <p>1. Das Scheidungsverbot <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.3 Mt.19.12">Matth. 19 [3ff.]</ref> ist, in Form einer materialen Forderung, allerdings ein <hi rend="italic">kategorischer Imperativ</hi>, eben weil sein Inhalt das Gebot Gottes ist und nichts sonst. Auf Gott selber werden die Pharisäer mit ihrer Frage, ob Ehescheidung recht sei, verwiesen, und mit Berufung auf Gott selbst und nichts sonst wird geantwortet, daß sie <hi rend="italic">nicht</hi> recht sei. Kraft dieses seines eigentlichen Inhalts, demgegenüber das ganze Eheproblem eben nur Anlaß ist, ist das Verbot Jesu — wer es wagt, der behaupte das Gegenteil! — begründet in der Autonomie Gottes und darum allgemeingültig, <pb xml:id="p212" ed="pga"/> für alle Zeiten und unter allen Umständen gleich gültig. Es ist ein erstes und letztes Wort in dieser Sache. Das Schleiermachersche Verbot dagegen ist unzweideutig ein auf ein <hi rend="italic">materiales</hi> Prinzip begründeter, also <hi rend="italic">kein</hi> kategorischer Imperativ. Es setzt noch etwas Anderes voraus als Gott selber, nämlich den höchsten Lebenswert, das Gut der Ehe. Darum kann es nun aber auch nicht gelingen, obwohl <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> dies sichtlich gerne möchte, seine Allgemeingültigkeit auch nur zu behaupten. Wie sollte auch ein noch so hohes <hi rend="italic">Ideal</hi>, das eben als <hi rend="italic">ein</hi> Ideal nicht in Gott, sondern in einem Gut begründet ist, dazu kommen, allgemeingültig zu sein? Es gilt in der christlich-kirchlichen Gemeinschaft. In ihr ist ja, und zwar nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in der erhöhten Stimmung nach den Befreiungskriegen <hi rend="italic">mehr</hi> als in der betrüblichen Zeit kirchlicher Lauigkeit vorher, jene von Christus herrührende Kraft wirksam, die der Herzenshärtigkeit entgegenwirkt, die sexualmoralische Durchbildung der west- und mitteleuropäischen Menschheit fördert. Von dem jeweiligen Stand des kirchlichen Barometers ist nun offenbar wenn nicht die Gültigkeit, so doch jedenfalls die Geltendmachung des christlichen Scheidungsverbotes abhängig. Dem <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> von 1805 war es offenbar noch nicht so am Herzen gelegen wie dem inzwischen weiter durchgebildeten <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> von 1818. Heute kann erst das Scheidungsverbot, später im weiteren Verlauf dieses Fortschritts der christlichen Gemeinschaft muß eventuell auch das Verbot der Deuterogamie aufgerichtet werden, und wer weiß, was für Raffiniertheiten dem mehr und mehr zum sittlichen Übermenschen sich verklärenden Christen der Zukunft dann noch beikommen mögen. Die Frage erhebt sich, was denn eigentlich die Gültigkeit der christlichen Wahrheit, der Wahrheit überhaupt mit solchen Wachstumsprozessen zu tun haben möchte? Sollte sie davon abhängig sein, daß entweder ein einzelner <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> oder die preußische Landeskirche als solche zwischen 1805 und 1818 einen Fortschritt gemacht hat und weitere hoffentlich noch machen wird? Mit welcher Autorität wird heute diese, morgen jene Forderung aufgestellt und auf übermorgen eine weitere wenigstens in Aussicht [genommen]? Ist das die Autorität des Geistes oder die der Natur? Würde sich <hi rend="italic">wirkliche</hi> 
               <pb xml:id="p213" ed="pga"/> pneumatische Autorität delegieren lassen an ein so relatives, fließendes Gebilde, wie es die christlich-kirchliche Gemeinschaft ist? Oder anders gefragt: Ist diese mit der Zeit gehende, in der Zeit wachsende und sich verbessernde christlich-kirchliche Gemeinschaft die christliche Kirche, der Ort, wo die wirkliche pneumatische Autorität geltend gemacht wird?</p>
        <p>2. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.3 Mt.19.12">Matth. 19 [3ff.]</ref> ist das Scheidungsverbot zweifellos als lückenlos geltende Regel aufgestellt. Wer sie überspringt, der mag sehen, wie er mit Gott ins Reine kommt. Die mosaische Ausnahme von der Regel ist ihre Bestätigung: wo Herzenshärtigkeit, Widerstand gegen Gott vorausgesetzt werden muß, da mag der Scheidebrief zu einer Möglichkeit werden, aber nur da, also nur da, wo das christlich betrachtet Ausgeschlossene vorauszusetzen ist. Das Schleiermachersche Verbot dagegen wird wohl sehr lebhaft gegen allerlei Ausreden sichergestellt, aber zum Schluß heißt es doch nur: in den <hi rend="italic">meisten Fällen</hi> müßten wir uns als Christen einer unter uns eintretenden Scheidung schämen. Warum nur in den <hi rend="italic">meisten</hi> Fällen? Der Prediger scheint seiner Sache zwar sicher, aber doch nicht <hi rend="italic">ganz</hi> sicher zu sein, wie es offenbar der Fall sein müßte, wenn ein «Gut» und Gott etwa dasselbe sein sollten. Wer wird nun darüber bestimmen, inwiefern etwa in concreto nicht einer von jenen meisten, sondern einer von den übrigen möglichen Fällen gegeben sein möchte? In seiner «Christlichen Sitte»<note xml:id="n25">Vgl. oben S. 61, Arnn. 88.</note> hat sich <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> über die Ausdehnung, in der sein Verbot gelten soll, noch zurückhaltender geäußert als in der Predigt: «Die Kirche müßte doch erst einen größeren Einfluß gewinnen auf die <hi rend="italic">Schließung</hi> der Ehen, ehe sie es für an der Zeit halten könnte, alle bestehenden Ehen für unauflöslich zu erklären.» Bis dahin müßte man es für sehr bedenklich halten, die Ehescheidung aus Purismus gänzlich zu negieren (S. 351). «An der Zeit»? Bis dahin? Was dazu zu bemerken ist, ist bereits gesagt. Der Sinn der Rede ist offenbar der: es gibt Ausnahmen, und es wird noch einige Zeit Ausnahmen geben. Aber ist eine Forderung, die Ausnahmen zuläßt, eine wirkliche Forderung, d.h. ein Wunsch, der Gebot, <pb xml:id="p214" ed="pga"/> der Autorität ist? Ist sie es nicht, mit welchem Recht wagt es dann die Kirche, das Publikum mit solchen Forderungen zu behelligen, mit Forderungen, [über] deren Recht und Wahrheit sie nur sicher, aber nicht <hi rend="italic">ganz</hi> sicher ist? Sollten <hi rend="italic">solche</hi> Forderungen nicht doch etwa nur Sätze aus einer höheren Naturkunde des Menschengeschlechts sein?</p>
        <p>3. Was <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.3 Mt.19.12">Matth. 19 [3ff.]</ref> gesagt <hi rend="italic">ist</hi>, das ist gesagt. Die christliche Kirche ist diejenige Gemeinschaft, in der man sich das, was Christus nach dem Zeugnis der Apostel gesagt hat, <hi rend="italic">gesagt sein läßt</hi>. Selbstverständlich besteht jederzeit die Möglichkeit, an der Autorität der Apostel und an der Autorität Christi vorbei oder gegen sie an die Autorität Gottes selbst zu appellieren. Aber was heißt hier «vorbei» und «gegen», wo die Glaubensforderung der Apostel uns auf <hi rend="italic">Christus</hi> und die Glaubensforderung Christi uns auf <hi rend="italic">Gott</hi> und <hi rend="italic">sein</hi> Gebot verweist, wo der Sinn der ganzen Offenbarung eben dieser Verweis auf die letzte Instanz ist? In was könnte die christliche Kirche etwa ihren eigenen Sinn entdecken, wenn nicht darin, diesen Verweis, so wie er nun einmal durch Christus nach dem Zeugnis der Apostel gegeben ist, entgegenzunehmen und geltend zu machen, und zwar selbstverständlich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln geltend zu machen? Die Ausnahme von der Regel, das Sich-<hi rend="italic">nicht</hi>-Gesagtsein-lassen und Nicht-Sagen-wollen könnte offenbar wiederum nur ihre Bestätigung sein, die dann darin bestehen würde, daß die Kirche in der Beziehung, in welcher sie sich jenem Verweis auf Gott entziehen zu können meint, mögen ihre Gründe dafür sein, welche sie wollen, <hi rend="italic">nicht</hi> die christliche Kirche ist. Es leuchtet nun allerdings ein, daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> unmöglich dafür eintreten konnte, ein Verbot, um dessen Gültigkeit und Autorität es so steht, wie sub 1 und 2 gezeigt, unbedingt, rücksichtslos und mit allen Mitteln ausgesprochen, von Christus ausgesprochen sein zu lassen und dem entsprechend geltend zu machen. Daher seine ganz fatale Apologie der evangelischen Ehescheidungspraxis gegenüber der katholischen, aus der m.E. nichts Anderes hervorgeht, als daß die katholische Kirche in diesem Punkt christliche Kirche <hi rend="italic">ist</hi>, die evangelische aber rebus sic stantibus <hi rend="italic">nicht</hi> ist, indem sie sich der Aufgabe, jenen Verweis auf <pb xml:id="p215" ed="pga"/> Gott anzunehmen und geltend zu machen, am entscheidenden Punkt <hi rend="italic">entzieht</hi>. Ist es Ihnen nicht auch aufgefallen, wie glänzend <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> argumentiert, solange er, das romantische Liebesideal im Hintergrund, die Ehescheidung und ihre sophistischen Rechtfertigungen in abstracto zu bekämpfen hat, wie dürftig aber die vier Gründe sind, mit denen er sich gegen rechts verteidigt, gegen die Forderung, die Kirche müßte ihrerseits die Trauung Geschiedener verweigern? Hier <hi rend="italic">ist</hi> eben auch nichts zu verteidigen. Ist die Kirche ihrer Sache sicher, daß Ehescheidung nicht sein soll — und in der Predigt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> sicht es wenigstens zunächst so aus, als ob sie dessen sicher wäre —, dann darf sie das offenbar nicht nur am Sonntag predigen und am Montag in der Konfirmandenstunde der hoffnungsvollen Jugend einprägen, damit in künftigen Jahren die Wahrheit vielleicht dereinst doch noch zu Ehren komme, um am Dienstag eine Ehe von Geschiedenen doch und nach demselben Ritus wie eine andere einzusegnen. Welch eine Sentimentalität zu sagen: die evangelische Kirche trauert, ihre Diener hören mit wenig Freudigkeit das Ja aus einem Munde, der es schon einmal in Nein verkehrt hat, sie billigt nicht, aber sie gehorcht, gehorcht dem Staate, um dann ihn, den bösen Staat, als den hinzustellen, der es so haben will, während man doch selber auf seinem eigensten Boden es auch nicht anders haben will, sondern im Namen Gottes Ja dazu sagt! Was hat die Rücksicht auf etwaige fatale Folgen, was hat die weinerliche Furcht, die sich keine Superiorität vor dem Staat anmaßen will, als ob diese Superiorität nicht selbstverständlich wäre — was hat die Feinfühligkeit, die keine Unschuldigen strafen will, als ob es sich hier um eine Strafe handelte —, was hat das alles mit der am Sonntag verkündigten Wahrheit zu tun, wenn man sie nämlich mit Bestimmtheit für die Wahrheit hält, wenn man sich im Klaren ist darüber, daß das Scheidungsverbot ein Verweis auf Gott und nicht bloß ein Verweis auf ein «Gut» ist? Nicht trauern soll die Kirche, nicht ernste, mißliche Gesichter schneiden [sollen] ihre Diener, wenn das zutrifft, sondern ihre Pflicht erfüllen, das Scheidungsverbot verkündigen als einen unveräußerlichen Bestandteil der Offenbarung, und zwar dann <hi rend="italic">ganz</hi> verkündigen, d.h. nicht nur durch Worte, das <pb xml:id="p216" ed="pga"/> auch, sondern mit der das hier notwendige Nein erst unzweideutig machenden Tat, d.h. mit der <hi rend="italic">Verweigerung</hi> der Trauung Geschiedener, wie sie in der katholischen Kirche mit vollem Recht die Regel ist. Umso schlimmer, wenn man sich ihr auch dort gelegentlich mit kasuistischen Ränken und Schwänken zu entziehen weiß, aber sie ist dort doch die Regel, während bei uns das Gegenteil die Regel ist. Oder sollte die evangelische oder sagen wir die Schleiermachersche Kirche mit diesem Widerspruch zwischen Wort und Tat etwa zugeben, daß sie auch ihr <hi rend="italic">Wort</hi>, ihr ohnehin nicht unbedingt, nicht lückenlos geltend gemachtes Verbot selber nicht recht ernst nimmt? Daß sie — und das allein würde ja diesen Mangel an Konsequenz erklären — in aller Stille weiß, daß <hi rend="italic">ihr</hi> Scheidungsverbot, das im Sinne <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> gemeinte und mit dem romantischen Liebesideal begründete Scheidungsverbot gar nicht christliche Wahrheit, überhaupt gar nicht Wahrheit ist?</p>
        <p>
                    <milestone xml:id="m18.XII" unit="line"/> Es bleibt uns nun noch übrig, diejenige positive Größe kennen zu lernen, die in <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Lehre von der Ehe an der Stelle steht, wo sich in seinen Predigttexten <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.22 Eph.5.31">Eph. 5 [22-31]</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.8">Matth. 19 [8]</ref> der Begriff der göttlichen Ordnung findet, nämlich das, was wir im bisherigen mit seinen eigenen Worten das <hi rend="italic">romantische Ideal der Liebe</hi> genannt haben. Wir tun das in dem angekündigten Exkurs über seine berühmten «<bibl corresp="kbga-bibls-2165"><hi rend="italic">Vertrauten Briefe über Friedrich Schlegels Lucinde</hi></bibl>» von 1800 unter Heranziehung einiger Stellen aus den im gleichen Jahr erschienen <bibl corresp="kbga-bibls-495"><hi rend="italic">Monologen</hi></bibl>. [<bibl corresp="kbga-bibls-2165"><hi rend="italic">
                            <hi rend="italic">Lucindebriefe</hi>: Philosophische Werke</hi> I 421-506, ed. <persName ref="kbga-actors-2567">Gutzkow</persName> 1835, ed. <persName ref="kbga-actors-2559">Fränkel</persName> 1907 (Diederichs), Reclam</bibl><note xml:id="n26">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2165"><persName ref="kbga-actors-360">Fr. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Vertraute Briefe über Friedrich Schlegels Lucinde</hi>, in: <hi rend="italic">Sämmtliche Werke</hi>, 3. Abth., Zur Philosophie, Bd. I, Berlin 
                        1846, S. 421–506</bibl>; Ausgabe von <persName ref="kbga-actors-2567">K. F. Gutzkow</persName>, <date when="1835">1835</date>; Ausgabe <persName ref="kbga-actors-2559">J. Fränkel</persName>, <placeName ref="kbga-places-36">Jena</placeName>/Leipzig <date when="1907">1907</date>; Reclam-Ausgabe Leipzig o.J.</note>. <bibl corresp="kbga-bibls-495"><hi rend="italic">
                            <hi rend="italic">Monologen</hi>: Philosophische Werke</hi> I 345-420, Reclam, Philosophische Bibliothek 1902 ed. <persName ref="kbga-actors-2491">Schiele</persName> (Band 84)</bibl><note xml:id="n27">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7842">Fr. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Monologen. Eine Neujahrsgabe</hi>, in: <hi rend="italic">Sämmtliche Werke</hi>, 3. Abth., Zur Philosophie, Bd. I. Berlin 
                        1846, S. 345–420</bibl>; Reclam-Ausgabe Leipzig o.J.; Ausgabe von <persName ref="kbga-actors-2491">Schiele</persName> [Mulert] vgl. oben S. 13, Anm. 1. Neuausgabe Darmstadt <date when="1953">1953</date> (= «Libelli» Bd. X).</note>. Schlegels <bibl corresp="kbga-bibls-7831"><hi rend="italic">Lucinde</hi></bibl>: <pb xml:id="p217" ed="pga"/> Reclam, Diederichs.<note xml:id="n28">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7831"><persName ref="kbga-actors-2492">Fr. Schlegel</persName>, <hi rend="italic">Lucinde. Ein Roman</hi>, Reclam-Ausgabe Leipzig o.J.</bibl>; Ausgabe Diederichs von <persName ref="kbga-actors-2559">J. Fränkel</persName>, Jena <date when="1907">1907</date>. Gemeinsame Ausgaben von <persName ref="kbga-actors-2492">Schlegels</persName> Roman und <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> «Briefen»: Stuttgart <date when="1835">1835</date>; Leipzig <date when="1907">1907</date> (eingeleitet von R. Frank); Insel-Bücherei 759, Frankfurt <date when="1964">1964</date>.</note>]<note xml:id="n29">Eckige Klammern hier und im folgenden von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>.</note> Die <bibl corresp="kbga-bibls-2165"><hi rend="italic">Briefe über die Lucinde</hi></bibl> sind eine Schutzschrift <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> für den von fast allgemeinem Protest des Publikums begrüßten gleichnamigen Roman seines damals besten Freundes. Die geistesgeschichtlichen, literarischen, biographischen und psychologischen Fragen, die durch das Schlegelsche Buch, die Schleiermachersche Apologie und besonders ihr Verhältnis zueinander aufgeworfen sind, berühren uns hier nicht. [Ausführliche Darstellungen bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-96">Dilthey</persName></hi>, Leben <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName><hi rend="sup">2</hi>, S. 530ff.<note xml:id="n30">Vgl. oben S. 2, Anm. 3.</note>. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2569">R. Haym</persName></hi>, Die romantische Schule<hi rend="sup">2</hi>, S. 493ff.<note xml:id="n31">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7810"><persName ref="kbga-actors-2569">R. Haym</persName>, <hi rend="italic">Die romantische Schule</hi>, Berlin
                            1906<hi rend="sup">2</hi></bibl>; unveränderter photomechanischer Nachdruck der ersten Auflage (Berlin <date when="1870">1870</date>): Darmstadt <date when="1961">1961</date>.</note>.] Ich fasse das Nötigste kurz zusammen. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2492">Friedrich Schlegel</persName></hi>, ein hochbegabter, aber in jeder Beziehung undisziplinierter Literat reinsten Wassers, hält es für angebracht, der Zeitgenossenschaft sein Bekenntnis zu einem geistnatürlichen oder naturgeistigen Chaos, das er für eine neue Moral hält, vorzulegen, passender Weise in Form einer nichts als seine eigene Halt- und Kritiklosigkeit offenbarenden und in jeder Beziehung im Sand und in dem, was weniger reinlich ist als der Sand, verlaufenden Verherrlichung des Eros Pantokrator, wenn nicht geradezu der Venus multivaga. Die sachliche Unbeträchtlichkeit dieses Unternehmens wird auch durch keine <hi rend="italic">ästhetischen</hi> Vorzüge seines Buches aufgewogen, da auch von dieser Seite nur weniger als nichts dazu zu bemerken wäre. Der damalige Berliner Charitéprediger <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName></hi> aber sicht sich veranlaßt, anonym zuerst, aber sofort erkannt, diesem Buch beizuspringen. Er redet, trotz freimütig geäußerter formaler und inhaltlicher Bedenken, von der immer wieder zu genießenden «hohen Schönheit und Poesie des vortrefflichen und einzigen Werkes» (<bibl corresp="kbga-bibls-2165"><hi rend="italic">Phil. Werke</hi> I 506</bibl>), von der «Unendlichkeit» der Lucinde (496), von den tausend Ausdrücken der Achtung und Liebe (424), die er für «das göttliche Buch» (491) habe, von diesem «Werk, <pb xml:id="p218" ed="pga"/> welches wie eine Erscheinung aus einer künftigen, Gott weiß wie weit noch entfernten Welt dasteht» (423, cf. 466), von der «riesenhaften und ungeheuren Moral», auf der es als auf seinem «ewigen Fundamente» ruhe (491). Er erklärt sich, so stark es nur geschehen konnte, mit Schlegel <hi rend="italic">solidarisch</hi>. Daß der Klassiker des Christentums im Zeitalter <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> in dieser Tatsache zum mindesten einen klaffenden Mangel an <hi rend="italic">ästhetischem</hi> Takt und Geschmack verrät, darüber sind sich auch die begeistertsten neueren Anhänger <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> unter Schmerzen einig. Er ist da, ganz abgesehen von allem Anderen, auf eine Sache <hi rend="italic">hereingefallen</hi>, die von den kompetenten Weltkindern, von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-764">Friedrich Schiller</persName></hi> z.B., sofort und unverhohlen als Kitsch, als «hohles Geschwätz», das einem übel mache (Haym 518), signalisiert worden ist. Seine selbstlose <hi rend="italic">Ritterlichkeit</hi>, mit der er den kompromittierten Freund nicht im Stiche lassen wollte, erklärt Einiges, aber nicht Alles und nicht die Hauptsache, dazu sind die Briefe mit viel zu viel eigenster Beteiligung geschrieben. Ebenso steht es mit der Lebensproblematik seines gerade damals akuten Verhältnisses zu <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2566">Eleonore Grunow</persName></hi>, die ihn zu einer Aussprache über diesen Gegenstand veranlassen mochte. Denn warum hätte das nicht ebensogut oder besser in selbständiger Form geschehen können? Man darf sich auch nicht berufen auf <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> glückliche Fähigkeit, <hi rend="italic">überall das Große</hi>, Schöne, Edle, Wahre zu finden und zu anerkennen, auch unter widriger Gestalt: «wie ich scheu und bedächtig und ehrerbietig mit Allem umgehe, was sich mir als ein eigen gebildetes Wesen ankündigt, sei es ein Mensch oder ein Gedanke oder ein gebildetes Werk» (423). So ist <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> mit <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName></hi> z.B., als dessen theologischer Geschäftsträger und Testamentsvollstrecker er doch heute gepriesen wird<note xml:id="n32">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2195"><persName ref="kbga-actors-808">A. Titius</persName>, <hi rend="italic">Schleiermacher und <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName>, in: Schleiermacher der Philosoph des Glaubens</hi> (vgl. oben S. 3, Anm. 7), S. 36–56</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1895"><persName ref="kbga-actors-429">G. Wobbermin</persName>, A.a.O. (s. oben S. 2, Anm. 5), S. 4f.</bibl>
               </note>, nicht umgegangen, sondern jedes Wort müßte hier in umgekehrtem Sinn verwendet werden. Warum dann ausgerechnet mit einem Gesellen wie <persName ref="kbga-actors-2492">Friedrich Schlegel</persName>? Und wenn man<note xml:id="n33">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7810">R. Haym, A.a.O., S. 523f. und 530.</bibl>
                    </note> mit Recht darauf hinweist, daß Schleier <pb xml:id="p219" ed="pga"/> macher <hi rend="italic">seine eigene ethische Ansicht</hi> von der Liebe in den Schlegelschen Roman doch nur <hi rend="italic">hinein</hi>getragen und dann nach bewährter Methode wieder daraus herausexegesiert hat, so bezeichnet man ja damit nur das Rätsel, das offenbar darin besteht, wie es möglich war, daß der nachmalige scharfsinnige Kritiker aller bisherigen Sittenlehre den himmelweiten Unterschied zwischen seiner und der Schlegelschen Ethik gar nicht bemerkt, sondern arglos das Schlegelsche Thema schleiermacherisch variiert haben soll. Kann man sich nach der <hi rend="italic">ästhetischen</hi> Seite damit beruhigen, daß man das Vorhandensein eines blinden Flecks an dieser Stelle bei dem großen Mann konstatiert, so wird man von dem <hi rend="italic">Ethiker, Philosophen, Theologen</hi> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> sagen müssen, daß er den unversöhnlichen Gegensatz zwischen ihm und Schlegel unbedingt bemerkt haben <hi rend="italic">müßte</hi>, wenn er eben — vorhanden gewesen wäre. Nun aber steht es nach der erhaltenen Korrespondenz so, daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> 1799 erschienene «Reden über die Religion» und der Schlegelsche Roman von den beiden Verfassern, trotz allerlei Bedenklichkeiten von beiden Seiten, gegenseitig als eine Art Zwillingserzeugnisse betrachtet und besprochen wurden, daß der Eine in dem Werk des Anderen, und zwar <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in dem Schlegels noch mehr als umgekehrt, mit Begeisterung seinen eigenen Genius wiedererkannte<note xml:id="n34">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2228"><hi rend="italic">Br.</hi> I, S. 237ff., 286f., 289f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2228"><hi rend="italic">Br.</hi> III, S. 105.</bibl>
               </note>, nur daß eben der Eine von den Mysterien der Religion, der Andere von denen der Liebe kündete. Aber <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> war ja, wie figura zeigt, auch im Stande, die Liebesbotschaft des Anderen wenigstens religiös zu kommentieren, und der Andere trug sich damals — ein Glück, daß der Bummler nicht dazu gekommen ist — ernstlich mit dem Plan, eine mit der Botschaft der Lucinde harmonisierende neue «Bibel» zu schreiben (<persName ref="kbga-actors-2569">Haym</persName> 495). So unversöhnlich wie die spätere <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>-Forschung haben die beiden Beteiligten, denen hier doch die erste Stimme zukommen muß, den Gegensatz eben <hi rend="italic">nicht</hi> gesehen. Er <hi rend="italic">war</hi>, wie sich in dem späteren Bruch dieser Freundschaft zeigte, unversöhnlich in bezug auf die beiderseitigen Charaktere, Persönlichkeiten, Lebenshaltungen und Lebensführungen. Aber das beweist <pb xml:id="p220" ed="pga"/> nichts dagegen, daß die Botschaft des Einen <hi rend="italic">und</hi> des Anderen, wie sie es selber empfanden, dachten und aussprachen, Erzeugnisse <hi rend="italic">derselben</hi> Küche waren, Äpfel von <hi rend="italic">einem</hi> Baum. Das belastet <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> persönlich nicht im geringsten, im Gegenteil, aber es <hi rend="italic">beleuchtet</hi> allerdings seine Lehre von der <hi rend="italic">Religion</hi> ebensowohl wie seine nunmehr ohne weitere Rücksicht auf <persName ref="kbga-actors-2492">Schlegel</persName> und seinen Roman zu besprechende <hi rend="italic">Lehre von der Liebe</hi>.</p>
        <p>Es war eben wirklich, in den Hausstandspredigten von 1818 sowohl wie in den Schriften von 1800, die Lehre von der <hi rend="italic">romantischen</hi> Liebe, wenn auch Einiges, was 1800 gesagt wurde, 1818 <hi rend="italic">nicht</hi> mehr, anderes, wie vor Allem die Betonung der Einehe, <hi rend="italic">bestimmter</hi> und Alles christlich-<hi rend="italic">kirchlicher</hi> gesagt wurde. Freigeistige Tadler <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> irren sich ebenso wie theologische Apologeten, wenn sie von einem zwischen den beiden Daten eingetretenen Zurückweichen und Anderswerden <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> reden. Wer nicht versteht, daß der alte <hi rend="italic">und</hi> der junge <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> als Christ <hi rend="italic">Romantiker</hi> sein will und als Romantiker Christ, der versteht ihn gar nicht. «<hi rend="italic">Die Liebe soll auferstehen!</hi>» (<bibl corresp="kbga-bibls-2165"><hi rend="italic">Phil. Werke</hi> I 428</bibl>) verkündigt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, und der Ausdruck erinnert uns sofort daran, wie auch die Predigten von 1818 gipfeln in einer Art sexueller Eschatologie, in einem Ausblick auf eine an Intensität und Dauerhaftigkeit den gegenwärtigen Stand der Dinge weit überbietende Ehe. Was heißt das: die Liebe soll auferstehen? <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> fährt fort: «Ihre zerstückten Glieder soll ein neues Leben <hi rend="italic">vereinigen</hi> und beseelen, daß sie froh und frei <hi rend="italic">herrsche</hi> im <hi rend="italic">Gemüt</hi> der Menschen <hi rend="italic">und</hi> in ihren <hi rend="italic">Werken</hi>» (428). Vereinigen, herrschen im Gemüt <hi rend="italic">und</hi> in den Werken, und das froh und frei — darauf kommt es an. Was ist hier zu <hi rend="italic">vereinigen</hi>? Die Sinnlichkeit und das Geistige in der Liebe, antwortet <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>. (Wir erinnern uns aus den Predigten: die Ehe eine Vereinigung des Irdischen und Himmlischen.<note xml:id="n35">Vgl. oben S. 204.</note>) Es darf nicht sein, daß die sinnliche «Lust als (ein) Instinkt erscheint, der nicht weiß, was er will, oder als Begierde, die auf die unmittelbare Empfindung gerichtet ist» (447), «daß man aus der Sinnlichkeit nichts zu machen <pb xml:id="p221" ed="pga"/> weiß als ein notwendiges Übel» (430). «Die Liebe als Fülle der Lebenskraft» darf ihrem «intellektuellen, mystischen Bestandteil» nicht fernerhin entgegengesetzt werden (481) «als das abgesonderte Werk einer eigenen gewaltigen Gottheit» (482). Die Freude an dem <hi rend="italic">Sinnlichen</hi> in der Liebe kann nicht laut genug sein, aber sie muß auch immer auf das «Verschmelzen mit dem <hi rend="italic">Geistigen</hi> bezogen werden; sobald ihr diese Beziehung<note xml:id="n36">Schl.: «Begleitung»</note> fehlt und sie allein dasteht, ist mir jeder Ton zuwider<note xml:id="n37">Schl.: «zu laut»</note>» (446). Es darf in der Liebe keine Wollust geben «ohne Begeisterung», ohne Enthusiasmus (= in Gott sein), ohne das Mystische, welches daraus entsteht, daß «<hi rend="italic">der Gott</hi>» <hi rend="italic">in den Liebenden</hi> ist, «ihre Umarmung» also «eigentlich <hi rend="italic">seine</hi> Umschließung, die sie in demselben Augenblick gemeinschaftlich fühlen und hernach auch wollen» (447). Und ebensowenig soll <hi rend="italic">der</hi> «<hi rend="italic">geistige Bestandteil</hi>» in der Liebe isoliert bleiben und gepflegt werden, eine Größe, mit der man dann <hi rend="italic">auch</hi> nicht weiß, wohin, und angesichts deren man sich nur fragen kann, warum sich die Leute «am Ende in eine ordentliche, fruchtbare Ehe retten und nicht der Konsequenz zu Liebe das Heldenstück beginnen, in ihrer sublimen geistigen Gemeinschaft nebeneinander weg zu leben, ohne an etwas zu denken, wozu sie ihrer Versicherung nach in ihrem Gefühl gar keine Veranlassung finden» (430). Es ist «Engländerei» (435, 439, 441), auch für eine Frau, ja gerade für eine Frau, sich nicht zur «Liebe in der Wirklichkeit» (437) zu bekennen. Die <hi rend="italic">Schamhaftigkeit</hi> im echten Sinn besteht nicht darin, daß man es vermeidet, sich und Anderen gewisse Vorstellungen zum Bewußtsein zu bringen, sondern zunächst viel allgemeiner darin, daß man den Gemütszustand eines Anderen achtet, ihn nicht gewaltsam unterbricht (450f., 456), seine Freiheit dort, wo sie unbefestigt und verwundbar ist, schont (457). Schamlos kann es also auch sein, den Zustand des Genusses und der herrschenden Sinnlichkeit, der auch sein Heiliges hat, gewaltsam zu unterbrechen (458) durch trockene Objektivierung des Animalischen, Physiologischen in der Liebe (460). Eine auf dieser Unterbrechung beruhende Schamhaftigkeit (d.h. die Schamhaftigkeit im gewöhn <pb xml:id="p222" ed="pga"/> lichen Sinn des Wortes) «hat ihren Grund nur in dem Bewußtsein einer großen und allgemeinen Verkehrtheit und eines tiefen Verderbens» (462). Es gilt, durch vollendete Bildung zur <hi rend="italic">Unschuld</hi> zurückzukehren, und das ist dann das Ende nicht nur der falschen, sondern auch der wahren Schamhaftigkeit, sofern sie sich hier verliert in jener allgemeinen Gesinnung, in der sie inbegriffen ist (463). Aufgabe der <hi rend="italic">Frauen</hi> insbesondere ist es, «in denen jede Verbindung zwischen dem Inneren und Äußeren so viel zarter und feiner ist» (463), den Weg wieder zu öffnen zu dieser unschuldigen Freiheit für «das Zarteste und Schönste … in der Lebenskunst» (463f.). — Gegenüber allen Einseitigkeiten haben wir die Sehnsucht — und in <persName ref="kbga-actors-2492">Schlegels</persName> Lucinde ist sie erfüllt —, die «Liebe einmal ganz in ihrer vollständigen Gestalt abgebildet zu sehen und nicht in abgerissenen Blüten und Blättern (430f.). «Hier hast du die Liebe ganz und aus einem Stück, das <hi rend="italic">Geistigste</hi> und das <hi rend="italic">Sinnlichste</hi> nicht nur in demselben Werk und denselben Personen neben einander, sondern in jeder Äußerung und in jedem Zuge <hi rend="italic">aufs innigste verbunden</hi>» (431). <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nennt es einen Frevel, angesichts dieser Dichtung die Bestandteile der Liebe abgesondert auch nur zu <hi rend="italic">nennen</hi>, und bittet ihren Genius um Verzeihung, es einen Augenblick doch getan zu haben (431). «Nichts Göttliches kann ohne Entweihung in seine Elemente von Geist und Fleisch, Willkür und Natur zerlegt werden» (447). Gerade in der Liebe darf man nicht beim Gegensatz stehen bleiben, gerade hier müssen «die Ideen, welche aus der neuen Entwicklung der Menschheit hervorgegangen sind» (<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> meint offenbar die Parolen der damaligen Zeitphilosophie), zur Anwendung, muß eine «Fortschreitung» zu Stande kommen. «Soll man nicht verlangen, daß die Menschen sie hier auch machen können sollen, in dieser einfachen Sache? Sie wissen ja doch von <hi rend="italic">Leib und Geist und der Identität beider</hi>, und das ist doch das ganze Geheimnis» (481f.). Eben das ist nun das Außerordentliche der Schlegelschen Lucinde, daß sie die beiden sonst zu Unrecht entgegengesetzten Elemente der Liebe in «chemischer Vereinigung» vorführt (442).</p>
        <p>In den <bibl corresp="kbga-bibls-495"><hi rend="italic">Monologen</hi></bibl>, die hier zur Ergänzung heranzuziehen sind (III «Weltansicht», IV «Aussicht»), hat <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> weniger das <pb xml:id="p223" ed="pga"/> Moment der Einheit von Geist und Natur als das der Vereinigung von Mann und Weib, <hi rend="italic">eines</hi> Mannes und <hi rend="italic">eines</hi> Weibes betont. Es [ist] die <hi rend="italic">zweite</hi> der beiden Ehestandspredigten von 1818<note xml:id="n38">Vgl. oben S. 205ff.</note>, die von hier aus verständlich wird. Mann und Frau — «aus ihrer Naturen Harmonie» soll <hi rend="italic">ein neuer gemeinschaftlicher Wille</hi> sich erzeugen, wie eigene Wesen aus ihrer Liebe Schoß hervorgehen (57)<note xml:id="n39">Die Seitenangaben in diesem Absatz beziehen sich auf die oben S. 13, Anm. 1 genannte Ausgabe von <persName ref="kbga-actors-2491">F. M. Schiele</persName>.</note>. Jedes Haus sollte «der schöne Leib, das schöne Werk von einer eigenen Seele sein und eigene Gestalt und Züge haben … Macht sie ihn glücklich, lebt sie ganz für ihn? Macht er sie glücklich, ist er ganz Gefälligkeit? Macht beide nichts so glücklich, als wo einer dem Anderen sich aufopfern kann?» (58) «Ich sehne mich nach einer <hi rend="italic">neuen Welt</hi>», ruft der Monologisierende und nennt als Erstes und Wichtigstes von den Dingen, an die er dabei denkt: «Noch [aber] muß die heiligste Verbindung auf eine neue Stufe des Lebens mich erheben, verschmelzen muß ich mich zu einem Wesen mit einer geliebten Seele, daß auch <hi rend="italic">auf die schönste Weise meine Menschheit auf Menschheit wirke</hi>; daß ich wisse, wie das verklärte höhere Leben nach der Auferstehung der Freiheit sich in mir bildet, wie der alte Mensch die neue Welt beginnt» [74f.]. Nun scheinen sich freilich der Erfüllung dieser Sehnsucht das Schicksal, fremde Freiheit, der Lauf der Welt, die Mysterien der Natur als jedenfalls mögliche Hindernisse in den Weg zu stellen. «Wo mag sie wohnen, mit der das Band des Lebens zu knüpfen mir ziemt? Wer mag mir sagen, wohin ich wandern muß, um sie zu suchen? … Und wenn ich sie nun finde unter fremdem Gesetz, das sie mir weigert; werd ich sie erlösen können?» [75] (eine den Freunden natürlich wohl verständliche Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-2566">Eleonore Grunow</persName>). Aber wenn Alles unmöglich sein sollte, der Monologisierende wird sich nicht für vom Schicksal besiegt halten. «<hi rend="italic">Es hindert nicht der äußeren Tat Unmöglichkeit das innere Handeln</hi>; und mehr als mich und sie würde ich die <hi rend="italic">Welt</hi> bedauern …, die wohl ein schönes und seltenes Beispiel dann verlöre, eine <hi rend="italic">Erscheinung aus der besseren Zukunft</hi> hieher verirrt, an <pb xml:id="p224" ed="pga"/> der sie ihre toten Begriffe erwärmen und beieben könnte. <hi rend="italic">Uns, so gewiß einander wir gehören, trägt doch auch unbekannt in unser schönes Paradies die Fantasie</hi>. Nicht vergeblich hab ich mancherlei Gestalten des weiblichen Gemütes gesehen und ihres stillen Lebens schöne Weisen mir bekannt gemacht. Je weiter ich noch selbst von seinen Grenzen stand, desto sorgsamer nur hab ich der Ehe heiliges Gebiet erforscht: ich weiß, was Recht dort ist, was nicht; und alle möglichen Gestalten des Schicklichen hab ich mir ausgebildet, <hi rend="italic">wie erst die späte, freie Zukunft sie zeigen wird</hi>, und welche darunter mir geziemt, weiß ich genau. So <hi rend="italic">kenn ich die auch unbekannt</hi>, mit der ich mich fürs Leben aufs innigste vereinigen könnte, und in dem schönen Leben, das wir führen würden, bin ich eingewohnt. Wie ich jetzt trauernd in öder Einsamkeit mir manches einrichten und beginnen, verschweigen, versagen und in mich verschließen muß im Kleinen und Großen: es schwebt mir doch immer lebendig dabei vor, wie das in <hi rend="italic">jenem</hi> Leben anders und besser würde sein. So <hi rend="italic">ist’s gewiß auch ihr, wo sie auch sein mag</hi>, die so geartet ist, daß sie mich lieben, daß ich ihr genügen könnte; gleiche Sehnsucht, die mehr als (ein) leeres Verlangen ist, enthebt auch sie wie mich der öden Wirklichkeit, für die sie nicht gemacht ist, und wenn ein Zauberschlag uns plötzlich zusammenführte, würde nichts uns fremd sein; als wären wir alter, süßer Gewohnheit verpflichtet, so anmutig und leicht würden wir in der neuen Lebensweise wandeln. So fehlt uns also nicht, auch ohne jenen Zauberschlag, in uns das höhere Dasein; für dieses Leben [und durch dasselbe] sind wir doch gebildet, und nur die äußere Darstellung entgeht der Welt. O wüßten doch die Menschen diese Götterkraft der Fantasie zu brauchen …!» (76f.)- </p>
        <p>Ich habe Ihnen diese berühmte Stelle in extenso mitgeteilt, weil sie zeigt, daß das scheinbar so kirchlich-rigoristische Scheidungsverbot, wie Schleiertnacher es 1800 noch nicht, aber 1818 ausgesprochen hat, in dem Liebesideal der Zeitströmung, von der er als junger Mann getragen war, begründet und offenbar <hi rend="italic">nur</hi> in diesem begründet war. Der Monologisierende von 1800 glaubt, wie wir hörten, an eine <hi rend="italic">unsichtbare</hi>, abgesehen von ihrer Verwirklichung oder Nichtverwirklichung tatsächlich (später wird er sagen: im <pb xml:id="p225" ed="pga"/> Himmel!) <hi rend="italic">geschlossene</hi> Ehe. Zwei Menschen <hi rend="italic">gehören einander</hi>, was auch zwischen ihnen liegen mag, und indem <hi rend="italic">sie sich finden</hi>, — aber wenn sie sich <hi rend="italic">nicht finden</hi>, dann eben, dem Schicksal zum Trotz, innerlich, durch die Gotteskraft der Phantasie: — <hi rend="italic">erfüllt</hi> sich ihre Prädestination. Was Wunder, wenn ein so geschlossener Bund als unauflöslich proklamiert werden muß. Man wird wohl sagen dürfen: <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hätte dies tun müssen, auch wenn er <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.3 Mt.19.12">Matth. 19 [3ff.]</ref> nicht in seinem Neuen Testament gefunden hätte. Der konstatierte Bruch in der Entwicklung des Mannes, der 1805 «eine Abgeschiedene freien» wollte, um 1818 zu erklären, daß dies «wider den Willen des Herrn» sei, kann also ein prinzipieller nicht gewesen sein. Beachten Sie nebenbei auch in diesen Stellen aus den Monologen die quasi-<hi rend="italic">eschatologische</hi> Bedeutung, die <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> seinem Liebesideal, das doch schon gegenwärtige Wirklichkeit ist, zumißt. Als Fremdling «der Denkart und dem Leben des jetzigen Geschlechts», als «ein prophetischer Bürger einer späteren Welt» hat er sich auch in dieser Beziehung gefühlt, «zu ihr durch lebendige Fantasie und starken Glauben hingezogen, ihr angehörig jede Tat und jeglicher Gedanke» (61). Aus diesen jetzt noch sehr individualistisch klingenden Hinweisen auf eine bessere Zukunft wird dann später jene Lehre von der höher zu entwickelnden kirchlichen Gemeinschaft als Trägerin einer reineren Sexualmoral werden.</p>
        <p>Wenden wir uns noch einmal zurück zu den Lucinde-Briefen. Das Bezeichnendste an der Schleiermacherschen Lehre von der Liebe ist noch nicht genannt: es ist dies die <hi rend="italic">religiöse</hi> Verklärung, von der nach ihm die in der Ehe stattfindende Vereinigung von Mann und Weib einerseits, Natur und Geist andererseits umgeben ist — wir hörten ja schon: der Gott muß in den Liebenden sein und ihre Umarmung eigentlich seine Umschließung (<bibl corresp="kbga-bibls-2165"><hi rend="italic">Phil. Werke</hi> I 447</bibl>) — und die sogar dem Schlegelschen <hi rend="italic">Buch</hi> über die Liebe zu Gute kommt. «Es ist ja Alles menschlich <hi rend="italic">und</hi> göttlich darin, <hi rend="italic">ein magischer Duft von Heiligkeit</hi> kommt aus der innersten Tiefe desselben hervor und durchweht den ganzen Tempel und weiht jeden ein, dessen Organ nicht in Verknöcherung übergegangen ist» (483). «Ich kann dir nicht beschreiben, wie mir zu Mute ist», sagt eine der fingierten Brief <pb xml:id="p226" ed="pga"/> stellerinnen, nachdem sie die Lucinde gelesen: «ich fühle in mir selbst die Allgewalt der Liebe, <hi rend="italic">die Gottheit des Menschen</hi> und die Schönheit des Lebens … ‹Dem Rhythmus der Geselligkeit und Freundschaft folgen und keine Harmonie der Liebe stören›, gibt es eine höhere Weisheit und <hi rend="italic">eine tiefere Religion?</hi>» (495). Es soll sich handeln um die Wiederkehr der antiken Auffassung von der «<hi rend="italic">Heiligkeit der Natur und Sinnlichkeit</hi>»: «die alte Lust und Freude und die Vermischung der Körper und des Lebens» soll eins werden «mit dem tiefsten und heiligsten Gefühl, mit der Verschmelzung und Vereinigung der Hälfte der Menschheit (sc. mit der anderen) zu einem mystischen Ganzen. Wer nicht so <hi rend="italic">in das Innere der Gottheit und der Menschheit</hi> hineinschauen und die Mysterien dieser Religion nicht fassen kann, der ist nicht würdig, Bürger einer neuen Welt zu sein»<note xml:id="n40">Schl.: «… ein Bürger der neuen Welt …»</note> [482]. Ob es wohl zu viel gesagt wäre, wenn man von der <hi rend="italic">Verblendung</hi> reden würde, mit der schließlich der eine <persName ref="kbga-actors-360">Friedrich</persName> dem anderen verbis expressis die Würde eines «Priesters und Liturgen dieser Religion» zuspricht (482)? Es wundert uns nun jedenfalls nicht mehr, den Liebhaber von der «<hi rend="italic">heiligsten Anbetung der Menschheit und des Universums in der Geliebten</hi>» reden zu hören (431) und aus der Feder seiner Gegenspielerin, die ihn mit «du Unendlicher!» anredet (487), folgende Tirade zu lesen: «Wenn du, an meine Brust gelehnt, alle deine Freude an mir und alle deine Sehnsucht nach dem schönen Leben, das wir im Auge haben, in der unmittelbaren Nähe meines Herzens aushauchst: dann fühlen wir doch beide am tiefsten, wie einig wir sind durch und durch, und mich durchzückt, wie ein göttlicher Blitz, der mich fast verzehrt, eine unendliche zusammenhängende Reihe von gleichen Gedanken und Gefühlen, die vom höchsten Himmel bis in den Mittelpunkt der Erde reicht und mir Vergangenheit und Zukunft und Dich und mich und alles erleuchtet und (v)erklärt» (489). Dieselbe Dame leistet sich unmittelbar vorher eine <hi rend="italic">noch</hi> deutlichere Paraphrasierung der Identitätslehre, die ich Ihnen und mir ersparen will. Ich denke, das Gesagte genügt. Das also ist das «romantische Ideal der Liebe». </p>
        <pb xml:id="p227" ed="pga"/>
        <p>Einige zum Teil viel beachtete Nebenlehren, die sich aus diesem Grundgedanken ergeben, will ich der Vollständigkeit halber wenigstens erwähnen. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> fordert wie in den Predigten, so auch hier in leiser, aber bestimmter Kritik an <persName ref="kbga-actors-2492">Schlegel</persName>, daß das Korrelat der Liebe der <hi rend="italic">Beruf</hi> des Mannes im <hi rend="italic">bürgerlichen Leben</hi> sein müßte. «So einiges von dem Ritter sollte der Leichtfertige doch an sich haben» und dem Herkules auch in seinen Taten gleichen. «Wer nicht das Seinige verrichten kann in der <hi rend="italic">Welt</hi>, der soll auch nicht <hi rend="italic">lieben</hi>», und eine Darstellung der Liebe ohne diese Beziehung sei ihm, <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, «ebenso zuwider, als es unserem seligen Vater war, wenn vom Glauben ohne die Werke geredet wurde» (444, cf. 503). Das war ein deutlicher Wink an den anderen <persName ref="kbga-actors-2492">Friedrich</persName>, den Lobredner des geistreichen Müßiggangs, und u. a.  an diesem Gegensatz ist später die Freundschaft der Beiden in die Brüche gegangen. </p>
        <p>Eine andere Nebenlehre der Schrift ist die von der <hi rend="italic">Absichtslosigkeit</hi> der wahren Liebe. Auch der Gedanke an die künftige Elternschaft gehört nicht zu ihrem Ursprünglichen, bezeichnet vielmehr das Wiederaufmerkenmüssen auf die äußere <hi rend="italic">Welt</hi>, die den Liebenden als solchen zunächst wie versunken ist, das Auftauchen der <hi rend="italic">Sorge</hi>, von der die erste Freude der Liebe nichts weiß, in der sie sich vielmehr «in ihrer göttlichen Unverletzlichkeit und Unsterblichkeit» anschauen (494). </p>
        <p>Viel Widerspruch und Tadel (u. a.  auch von Seiten <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-96">Diltheys</persName></hi><note xml:id="n41">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2172"><persName ref="kbga-actors-96">W. Dilthey</persName>, A.a.O., S. 544–546.</bibl>
               </note>) hat <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> wegen einer dritten derartigen Nebenlehre gefunden, wegen einer Stelle, wo er ausführt, die <hi rend="italic">Liebe sei eine Kunst</hi>, die gelernt sein müsse wie Essen und Trinken. «Auch in der Liebe» müsse es also «<hi rend="italic">vorläufige Versuche</hi> geben, aus denen nichts Bleibendes» entstehe, die Möglichkeit zufälliger Mißgriffe in bezug auf den <hi rend="italic">Gegenstand</hi> des Gefühls, die doch nur dazu beitragen könnte, dieses selbst «bestimmter und die Aussicht auf die Liebe größer und herrlicher zu machen». «Hier <hi rend="italic">Treue</hi> fordern und ein fortdauerndes Verhältnis stiften wollen», wäre dann «eine ebenso schädliche als leere Einbildung». Es gelte vielmehr nur, mit heiliger Scheu zu unter <pb xml:id="p228" ed="pga"/> scheiden zwischen Verhältnissen, die nur leere Versuche seien, zu solchen, [die] «der Anfang eines schönen und gediegenen Lebens werden» können (473–475). Ich könnte in die Verurteilung gerade dieser Stelle nicht einstimmen, finde sie vielmehr, als seelsorgerlichen Rat betrachtet, ganz einsichtig und vernünftig. Man kann sich, wenn man will, von hier aus zurechtlegen, wie etwa der <hi rend="italic">jüngere</hi> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> eine Ehescheidung theoretisch gerechtfertigt haben würde, als Beendigung eines solchen mißlungenen Versuchs vermutlich. Aber von derselben Stelle aus kann man auch verstehen, wie der <hi rend="italic">ältere</hi> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> dazu kommen konnte, die Scheidung zu verwerfen: mit dem Eintritt in die Ehe als endgültiger Erkenntnis des Für-einander-Bestimmtseins soll eben das Stadium solcher Versuche prinzipiell überwunden und unbedingte Treue nun die einzige Möglichkeit sein.</p>
        <p>Es gibt m.E. nur einen <hi rend="italic">einzigen</hi> Einwand, den man gegen die Lucinde-Briefe im Ernst erheben kann. Alles, was man gegen Einzelnes darin sagen kann und gesagt hat, hat nur Sinn, wenn man sicht, daß es in diesem einen Einzigen zusammengefaßt ist. Weil das aber meistens und aus wohlbegreiflichen Gründen <hi rend="italic">nicht</hi> gesehen wird, ist es gefährlich, sich unter die Kritiker dieses Büchleins zu begeben. Allzu leicht geschieht es dabei, daß man nichts Anderes scheint und auch wohl ist als ein grollender Spießbürger und Moralist, der den Mann nicht versteht, ihm nicht gerecht wird und von seiner Logik geschlagen ist, bevor er den Mund aufgetan hat, und zwar darum, weil er sich mit ihm auf denselben Boden gestellt hat, auf den Boden einer bei allem Scharfsinn betrüblich unkritischen Lebensbejahung, des heimlichen Quidproquos, daß wir Menschen Götter seien, das Gute eine in uns wirkende Naturkraft und das denkbar Höchste im Diesseits der Anbruch des Jenseits im Diesseits. Wer in dieser Grundkonzeption mit <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> einig ist, wer hier nicht <hi rend="italic">ganz</hi> klar etwas Anderes weiß, der wird seiner Lehre von Liebe und Ehe nicht widersprechen können, <hi rend="italic">weder</hi> der seiner Predigten <hi rend="italic">noch</hi> der der Lucinde-Briefe, — und die Lehre beider ist <hi rend="italic">eine</hi> Lehre.</p>
        <pb xml:id="p229" ed="pga"/>
        <p>
                    <milestone xml:id="m20.XII.23" unit="line"/> 2. <hi rend="italic">Die Kinderzucht</hi>. Nicht allein das wichtigste Geschäft christlicher Eltern ist in ihr zu erblicken. Allen Gliedern der christlichen Kirche muß sie am Herzen liegen. Das gesamte junge Geschlecht wird ja auch erzogen von dem gesamten älteren. Es gibt welche, die meinen, sie könnten mit Erziehung an den Kindern Alles erreichen, und es gibt Andere, die von aller Erziehung gar nichts erwarten. Beide werden sich sagen lassen müssen, daß es eben auch im Verhältnis zu den Kindern darauf ankommt, auf den Willen Gottes zu achten und ihn zu treffen. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat sich in den drei Predigten von 1818, die er über diesen Gegenstand gehalten hat, an die bekannten Stellen aus den paulinischen Haustafeln <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.20 Kol.4.1">Kol. 3 [20f.]</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.6.1 Eph.6.4">Eph. 6 [1-4]</ref> angeschlossen.</p>
        <p>Zunächst interessiert ihn das: «Ihr Väter, <hi rend="italic">erbitten</hi> eure Kinder nicht», <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">μὴ ἐρεθίζετε</foreign> (I 598ff.<note xml:id="n42">«Über die christliche Kinderzucht. Erste Predigt»; Text: <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.21">Kol. 3,21</ref>.</note>). Es ist gerade schon genug daran, daß die in den Kindern schlummernden fatalen Anlagen der Eltern durch das Leben mit diesen und ihr Vorbild zum Vorschein gebracht werden, daß die alte Sünde die junge hervorlockt, manchmal auch neue, eigene in den Kindern in Tätigkeit setzt durch den Widerspruch und Gegensatz zu der der Eltern. Das alles ist bedauerlich und demütigend — <hi rend="italic">unnatürlich</hi> aber ist es, wenn die Kinder in eine <hi rend="italic">feindselige</hi> Bewegung gegen die Eltern versetzt werden, sie, die ihnen doch näher verwandt sind als die Ehegatten untereinander, sie, die sich mit ihnen von Gottes und der Natur wegen im innigsten, ungestörtesten Heiligtum der Liebe befinden müßten. Dasselbe gilt aber auch von der Abneigung der Kinder gegen die ihnen von ihren Eltern gegebenen Erzieher, die mit in den heiligen Naturkreis hineingehören, dessen Unterbrechung durch Auslöschen der Liebe Unnatur ist. Aber nicht nur das, sondern auch <hi rend="italic">verderblich</hi> ist solche Verbitterung: Der Kampf gegen die Fehler der Kinder erfordert, daß sie sich uns zur Heilung hingeben, daß wir an ihrem ehrfurchtsvollen Vertrauen einen Bundesgenossen dort finden, wo der Feind steht. An was aber sollen wir anknüpfen, wenn dort vielmehr bitteres, feindseliges Wesen ist? <hi rend="italic">Dieser</hi> Feind, der Argwohn, muß durch <pb xml:id="p230" ed="pga"/> Nahrungsentziehung ausgehungert werden, durch unerschöpfliche Geduld, durch völlige Selbstbeherrschung, durch reinste Selbstverleugnung. Ein gefährlicher Weg ist dagegen der rauhe Weg der Gewalt, dessen Betreten ja nur zeigt, daß wir Vernunft und Liebe, durch die der Mensch zu leiten wäre, <hi rend="italic">nicht</hi> in uns tragen oder nicht anzuwenden verstehen. In sein Inneres dringt man damit jedenfalls nicht ein, und resigniert und besiegt kommt man gewöhnlich davon zurück, um dann die Kinder sich selbst und der göttlichen Erziehung überlassen zu müssen. Also: wird nur dieses verhütet, daß die Kinder nicht scheu werden, so ist alles Andere leicht gut zu machen; ist aber dieses Unglück geschehen, so ist auch alles Andere zugleich verdorben und verloren. Ferner ist zu bedenken: wir Erwachsenen bedürfen der Jugend nicht weniger als sie unser: Wohin soll sich der Fromme vom ewig bewegten Schauplatz der verworrenen Weltverhältnisse, aus den Irrsalen der Geschäftigkeit, aus der Mannigfaltigkeit von Vorbauungsmitteln und Entwürfen, aus dem störenden Verkehr mit allen eitlen und selbstsüchtigen Gemütsbewegungen der irdisch gesinnten Menge [zurückziehen], wohin, wenn nicht jeder zunächst in den engen Kreis seines eigenen Hauses? Und wo soll uns da die notwendige Vergessenheit der Welt zuteil werden, die ursprüngliche, ruhige Gestalt des Lebens uns entgegentreten, wenn nicht in der sorglosen, heiteren Jugend, die, wenn wir zurückkehren in den häuslichen Kreis, nichts an uns sicht als unsere Freude, wieder da zu sein, und selbst nichts fühlt, als daß sie uns entbehrte und nun wieder hat. Selig ist, wer dies täglich erfährt! Aber wehe dem, dessen Kinder durch seine egoistische Gleichgültigkeit oder Launenhaftigkeit, durch die Kälte und Ungleichheit, die er von draußen hereinbringt, selber schon Teilnehmer weltlicher Sorge und Vorsicht geworden sind, in ängstlicher Erwartung ihm gegenüberstehen, allerlei vor ihm zu verheimlichen haben mit Rücksicht auf seine Stimmungen, der so die Unwürdigkeiten des weiteren Lebenskreises in seinem Hause sich fortsetzen sicht durch seine eigene Schuld! Wie können wir ferner über die Unvollkommenheiten der Gesellschaft hinweg an ein <hi rend="italic">Vollkommenes glauben</hi>, ohne etwas davon auch schon zu <hi rend="italic">schauen</hi>, und wo und wie könnten wir es schauen als <pb xml:id="p231" ed="pga"/> in unseren Kindern? Schauen möchten wir in ihnen nicht nur unsere eigenen Fehler, sondern auch etwas von einer hoffnungsvollen Zukunft: «daß die Söhne besser sein werden, und weil besser sein, es auch besser haben als ihre Väter»<note xml:id="n43">Dieses und die folgenden Zitate: <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 609.</bibl>
               </note>. Nichts Erhebenderes gegenüber den Widrigkeiten des Lebens als wie Jakob, der seine Söhne segnet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.49.1 Gen.49.28">Gen. 49,1–28</ref>], «jedem unter den Seinigen seine besondere Stelle anzuweisen … in den Geschäften des Reiches Gottes und seinen eigentümlichen Genuß an den Gütern desselben».» Allein wie diese prophetische Anschauung bei Jakob nicht allein die Frucht seines Glaubens an das feste göttliche Wort war», sondern auch der genauen Kenntnis von allen Eigenschaften der Seinigen, so braucht es dazu auch bei uns eines Aufgeschlossenseins des Inneren unserer Kinder, eines Eindringens in die Tiefen ihres Gemüts, eines Durchschauen s aller Falten ihres Herzens. Sind sie aber durch Erbitterung scheu geworden gegen uns, dann sind sie uns sicher verschlossen, dann sind wir eben damit dieser Freude beraubt. Also um der Kinder und unser selbst willen: vor Allem hingebende Liebe. Wenn dann auch vielleicht in einzelnen Augenblicken unser Verhalten die Kinder erbittern möchte, so gibt es eine göttliche Vergebung. Gott hat ja die menschliche Seele mit der Gabe der <hi rend="italic">Vergeßlichkeit</hi> einerseits, der <hi rend="italic">Ahnung</hi> andererseits ausgerüstet. Über Einzelnes wird sich die Jugend leicht hinwegsetzen und andererseits unterscheiden lernen zwischen vorübergehenden Bewegungen und der feststehenden Richtung, dem herrschenden Sinn unseres Lebens. Daß also nur das Ganze unseres Lebens und das Innerste unseres Herzens rein sei vor Gott und vor den Kindern!</p>
        <p>In der zweiten Predigt (I 612ff.<note xml:id="n44">«Über die christliche Kinderzucht. Zweite Predigt»; Text: <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.6.4">Eph. 6,4</ref>.</note>) hat sich <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> dem <hi rend="italic">positiven</hi> Ziel der Erziehung zugewendet. Es handelt sich um die richtige und gottgefällige <hi rend="italic">Entwicklung der geistigen Kräfte</hi> der Kinder. Sie soll sein und ist ein Gegenstand der Wirksamkeit des göttlichen Geistes; das Vertrauen, daß dem so ist, bekunden wir durch das Sakrament der <hi rend="italic">Taufe</hi>. So sind wir Erwachsenen also nichts Anderes als Werkzeuge dieses göttlichen Geistes, die im Glauben <pb xml:id="p232" ed="pga"/> an einen Fortschritt in Allem, was die eigentliche Würde des Menschen ausmacht, nur zur Ehre <hi rend="italic">Gottes</hi> Erzieher sein wollen. Wesen aller christlichen Kinderzucht ist, die Kinder fähig zu machen, das Bild des Erlösers aufzunehmen. Es ist das Textwort: «Ziehet sie auf in der Zucht und Vermahnung zum Herrn» [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.6.4">Eph. 6,4</ref>], auf das jetzt der Nachdruck fällt. <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName> bezeichnet damit nicht dies oder jenes aus dem Vielerlei der Bildung und Erziehung, sondern ihr <hi rend="italic">Ganzes</hi>. Von der <hi rend="italic">Zucht</hi> soll zuerst die Rede sein, d.h. von der sittlichen Erziehung. <hi rend="italic">Zucht</hi> ist nicht dasselbe wie <hi rend="italic">Strafe</hi>; sie setzt vielmehr den Gehorsam schon voraus, sie gibt nicht zu leiden, sondern zu tun, sie legt dem Kind eine Anstrengung auf, au der von selbst eine innere Freude hervorgeht. Sie ist die Liebe, die alle Furcht austreibt und das Herz zum Guten hinneigt. Sie bewirkt eine heilsame Erkenntnis von der Kraft des Willens und eine Ahnung von Freiheit und innerer Ordnung. Die rechte Zucht muß die Strafe überflüssig machen. Damit ist sie aber auch das Gegenteil jener <hi rend="italic">Untätigkeit</hi>, die der freien Entwicklung der Kinder nur <hi rend="italic">zusehen</hi> will, «als könne eine Wirksamkeit des göttlichen Geistes auf (sie) [die Kinder] beginnen, ohne daß Gott sich dazu der Eltern und Anderer als seiner Werkzeuge bediene, … als könne das Gute geweckt werden und sich entwickeln von Natur ohne jenen Geist, der in der Gemeinde der Christen lebt»<note xml:id="n45">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 616.</bibl>
                    </note>. Gegen diese Weisung, Zucht zu üben, verfehlt sich ebenso, wer seine Kinder gedankenlos, bloß der allgemeinen Sitte und Ordnung folgend erzieht, wie wer sie mit Gewalt auf den eigenen, besonderen Lebensweg drängen will, um sie sich selbst möglichst ähnlich zu machen, oder wie wer als Ziel der Erziehung das Erreichen gewisser äußerer, irdischer Aussichten ansieht, wie wer aus Eitelkeit ihre Kräfte künstlich überanstrengt. Unter dem Gesichtspunkt der Zucht muß auch der <hi rend="italic">Umgang</hi> der Kinder mit Anderen beaufsichtigt und geleitet werden: «damit sie lernen Gemeinschaft halten auch mit solchen Gemütern, die von ihnen sehr verschieden sind, und, indem jeder hilfreich ist und nachgiebig, sich ein fröhliches Leben selbst hervorrufen, störende und feindselige <pb xml:id="p233" ed="pga"/> Gemütsbewegungen aber bändigen lernen»<note xml:id="n46">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 619.</bibl>
                    </note>. Ebenso auch ihre <hi rend="italic">Spiele</hi>: «daß sie in denselben lernen alle die Kräfte gebrauchen und beherrschen, die in ihren Arbeiten am wenigsten in Anspruch genommen werden»<note xml:id="n47">Ebd.</note>, daß also die Lust nicht bloß das Gegenteil von Anstrengung für sie ist und Vergnügungssucht keine Gefahr mehr. Aber — und nun kommt der Prediger auf die <hi rend="italic">religiöse</hi> Erziehung — es genügt nicht die Zähmung des Fleisches, es muß die <hi rend="italic">Freudigkeit</hi> des <hi rend="italic">Geistes</hi> in den Kindern erwachen. Die aufgeregten und geübten Kräfte müssen an ihren rechten Herrn kommen. Über die Zucht hinaus bedarf es also der «Vermahnung zum Herrn». Wohl heißt es: der Geist weht, wo er will, aber auf die er kam, denen hat er den Mund geöffnet, die großen Taten Gottes zu preisen. «Nämlich vor allen die an der menschlichen Seele, denn größere gibt es nicht.»<note xml:id="n48">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 621.</bibl>
                    </note> Man sage nicht, man dürfe der Jugend nicht zu früh von göttlichen Dingen reden. Ungöttliches Wesen aller Art umgibt uns, droht von allen Seiten, naht sich schmeichelnd auch den jungen Gemütern. Da ziemt es sich, «der verirrenden Seele das Bedürfnis eines höheren Beistandes fühlbar zu machen, ihr Gott nahe zu bringen»<note xml:id="n49">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 622.</bibl>
                    </note>. Man sagt, die Jugend könne <hi rend="italic">noch nicht verstehen</hi>, was wir ihr sagen können von Gott und dem Erlöser. «Allein laßt uns doch fragen, begreifen <hi rend="italic">wir</hi> denn Gott? vermögen <hi rend="italic">wir</hi> denn, den Erlöser zu umspannen und zu (er)messen?»<note xml:id="n50">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 623.</bibl>
                    </note> Und versagen wir uns, weil wir seinen Einfluß auf uns nicht in bestimmten, allgemein gültigen und verständlichen Ausdrücken zu fassen vermögen, die Beschäftigung mit ihm? Sind den Kindern etwa die Dinge dieser Welt begreiflicher als der Ewige? Ist nicht auch dort, in ihrer kindlichen Art zu verstehen, der Keim der Wahrheit schon enthalten, der sich hernach immer kräftiger entfaltet und die kindische Hülle abwirft? Daß frühe Lehre von <hi rend="italic">Gott</hi> und göttlichen Dingen den Kindern nicht zum <hi rend="italic">toten Buchstaben</hi> werde, das liegt bei uns; sehen wir zu, daß wir sie an <pb xml:id="p234" ed="pga"/> knüpfen an die Realitäten ihres eigenen Lebens. Was göttliches und ungöttliches Wesen ist, Abhängigkeit von Gott und Seligkeit im Tun seines Willens, das <hi rend="italic">können</hi> sie verstehen, sobald sie nur etwas wissen von Verpflichtungen, nur etwas von den Verwicklungen des Lebens. Aber auch von <hi rend="italic">Christus</hi> zu hören, Gott in dem Bilde zu erkennen, an welches er uns selbst gewiesen, ist die Jugend durchaus fähig. «Sobald sie aufmerksam werden auf uns und unser ganzes Leben und anfangen, das Innere und Geistige desselben zu bemerken», muß ja die Frage in ihnen aufsteigen: <hi rend="italic">woher ist das?</hi> und die ist dann gleichbedeutend mit: wer ist der? Wie könnten wir ihnen dann «den verleugnen, dessen Leben in uns alles das ist, was sie an uns ehren und lieben? hieße es nicht, die Ehre an uns reißen wollen, die ihm gebührt, wenn wir sie nicht, um dasselbige zu werden, zu dem hinweisen, der sich selbst gegeben hat …?»<note xml:id="n51">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 625.</bibl>
                    </note> (vgl. Karfreitagspredigt von Landsberg 1794!<note xml:id="n52">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7795"><hi rend="italic">Pr.</hi> VII, S. 205ff.; vgl. oben S. 147f.</bibl>
                    </note>) Und diese Vermahnung kann sich nicht bloß auf die religiöse Belehrung beschränken: <hi rend="italic">alle</hi> Vermahnung muß eine Vermahnung zum Herrn sein, und mehr als alle Worte muß unser ganzes <hi rend="italic">Leben</hi> ihnen zu dieser Vermahnung werden, so daß ihnen unsere Liebe zu einem wenn auch schwachen, so doch nicht allzu trüben und nie ganz unkenntlichen Abglanz der ewigen Liebe wird. Auch hier heißt es letztlich eben reinen Herzens zu sein.</p>
        <p>In der dritten Predigt hat <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> endlich vom <hi rend="italic">Erfolg</hi> der Erziehung geredet (I 628ff.<note xml:id="n53">«Über die christliche Kinderzucht. Dritte Predigt»; Text: <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.6.1 Eph.6.3">Eph. 6,1–3</ref>.</note>), und hier ist es nun das «Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern» [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.6.1">Eph. 6,1</ref>], das in den Mittelpunkt tritt. Zu den Eltern, nicht zu den Kindern selbst will er auch hier reden, um ihnen zu zeigen, in was die Einwirkung des in der christlichen Gemeinde sich verherrlichenden Geistes auf die Kinder bestehe und bestehen müsse. Daß die Kinder gehorchen, das sei uns das Kriterium, ob es mit unserer Zucht und Ermahnung richtig steht. Wieder gilt es hier als falsche Extreme zu meiden eine Strenge, die nur knechtische Furcht erweckt, und eine Gelindigkeit, die gar nicht Gehorsam zu fordern, ja zum Ungehorsam zu reizen scheint. Der <pb xml:id="p235" ed="pga"/> Apostel beruft sich auf «jenes alte göttliche Gebot»<note xml:id="n54">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, 5. 631.</bibl>
                    </note>, also auf das natürliche Verhältnis zwischen Kindern und Eltern, Jungen und Alten überhaupt. Dieser Gehorsam darf nicht durch Aussicht auf Belohnung oder Strafe geweckt werden. Ebenso darf es bei einem richtigen Gehorchen kein Räsonieren und Disputieren geben, als wäre die Überzeugung und der Verstand der Kinder und nicht <hi rend="italic">Ehrerbietung</hi> seine eigentliche Quelle, als gäbe es zwischen Eltern und Kindern Gründe und Gegengründe. Die erste Grundlage zu einem solchen auf reiner Ehrerbietung beruhenden Gehorsam ist in allen Kindern gegeben mit dem Gefühl der Abhängigkeit ihres Daseins in allem Äußeren. Dieses Gefühl vollendet sich in der <hi rend="italic">Zucht</hi>, die ihnen das höhere Menschliche, das das Niedere beherrschen soll, vor Augen stellt, und durch die <hi rend="italic">Vermahnung</hi> zum Herrn, die das Höchste und Heiligste, was der Mensch hat, in ihnen aufregt. Warum wird Gehorsam gefordert? <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName> verweist auf die mosaische Verheißung dieses Gebots: «auf daß dir’s wohl gehe und du lange lebest auf Erden!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.6.3">Eph. 6,3</ref>]. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> deutet dies dahin: Wir können unserem großen Beruf auf Erden, unseren Gemeinbesitz für das Reich Gottes zu bauen und zu beherrschen, nicht anders genügen als in einem mannigfaltig gestalteten Wechsel von Befehlen und Gehorchen. Willkür ist der Feind alles Guten. Um der künftigen Ehrerbietung gegen das Gemeinwesen willen muß der Mensch es beizeiten lernen zu gehorchen, um dann vielleicht teilweise dereinst auch mit Autorität befehlen zu können. Der zweite Grund des <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName> lautet einfach: «denn das ist billig» [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.6.1">Eph. 6,1</ref>]. Das Billige definiert <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> im Gegensatz zum Gerechten als die Entscheidung aus dem inneren Gefühl und der richtigen Schätzung der Verhältnisse, ohne Buchstaben (Grundtext: <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">τοῦτο γάρ ἐστιν δίκαιον</foreign>!). Es kommt eine Zeit, da die Kinder, ihre eigene Stelle in der Gesellschaft einnehmend, <hi rend="italic">selber verantwortlich</hi> werden für ihr Tun, da alles elterliche Ansehen sich in väterliche und mütterliche <hi rend="italic">Freundschaft</hi> verwandelt. Diese Veränderung tritt aber nach und nach ein und vielleicht auch unter Konflikten. Die geforderte <pb xml:id="p236" ed="pga"/> Billigkeit besteht darin, daß die Kinder die Entscheidung der Eltern ehren über das Maß des bei diesem Übergang von ihnen geforderten Gehorsams. Dieselbe Billigkeit werden sie später nötig haben, wenn sie, nun selber befehlend, uneigennützig und treu das Wohl der Gesamtheit fördern sollen. Zum Schluß noch einmal: die Kinder sollen <hi rend="italic">besser</hi> werden, als die Eltern waren, und so ein jedes heranwachsende Geschlecht das, von welchem es erzogen wird, <hi rend="italic">überragen</hi> zu seiner Zeit. Denn so nur kann das Reich Gottes gebaut werden. Und «wenn nicht immer (etwas) Großes entwickelt werden kann von einem Geschlecht zum anderen, so soll doch irgend etwas Menschliches immer besser werden in jedem Menschenalter»<note xml:id="n55">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 639.</bibl>
                    </note>.</p>
        <p>
                    <hi rend="italic">3. Das Hausgesinde</hi> (I 640ff.<note xml:id="n56">«Über das christliche Hausgesinde. Erste Predigt»; Text: <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.7.20 1.Kor.7.23">1.Kor. 7,20–23</ref>.</note>). <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> weiß, wie problematisch der Gegenstand ist, den er hier berührt. Durch die mildernde Kraft des Christentums ist zwar die Sklaverei beseitigt, aber nicht die berechtigten unzufriedenen Klagen der Herren <hi rend="italic">und</hi> der Dienenden, nur zu begreiflich überall da, wo die Dienenden endgültig nichts sind als das, nicht wie auf dem Lande die Hoffnung haben, später selbständig zu werden. Ein neuer, vollkommener Vertrag muß geschlossen werden zwischen Herren und Dienenden; aber nur aus dem Worte Gottes kann das geschehen. Vor Allem ist zuzugeben, daß das ganze Verhältnis, sofern es eben nicht ein vorübergehendes ist, als <hi rend="italic">notwendiges Übel</hi> aufzufassen ist, und zwar für beide Teile: fremde Menschen im Hause haben zu müssen, immer wieder andere mit anderen Gewohnheiten, der Einfluß auf die Erziehung der Kinder, der Einblick, den sie in die Schwachheiten der Familie bekommen, die Verlegenheit, sich um Lohn allerlei äußere Dienste leisten lassen zu müssen, das ist auch für die Herrschaft keine Freude. Freuen wir uns, daß die Zahl der eigentlichen Dienstboten durch das Aufkommen von allerlei selbständigen Gewerben sich allgemein verringert hat, daß Viele heute frei sind, die ehedem Knechte sein mußten, einfach durch den allgemeinen Gang der Welt <pb xml:id="p237" ed="pga"/> begebenheiten. Aber wohl begreiflich ist der Wunsch so vieler Herrschaften und Dienstboten, von einander loszukommen, und das Bestreben, durch häufigen Wechsel einen Ersatz zu suchen für das Unerfreuliche des Verhältnisses überhaupt, wodurch freilich das Üble noch übler wird. Es gilt, dies Verhältnis aufzufassen als eine <hi rend="italic">Ungleichheit</hi>, die <hi rend="italic">ausgeglichen</hi> werden soll. Das geschieht (<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat den Text <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.7.20 1.Kor.7.24">1.Kor. 7,20ff.</ref> vor sich), indem die Herren sich als Knechte <hi rend="italic">Christi</hi> fühlen und ihr Verhältnis zu den Dienstboten als Teil ihres christlichen Berufes ansehen. Diese sind ihnen, losgerissen von ihrer eigenen Familie, zugewiesen, damit sie ihnen einen Ersatz dafür schaffen sollen. Sie sollen in ihrem Hause berührt werden von dem milderen Geist eines gesitteten und gebildeten Lebens; sie sollen daselbst Vorbilder christlicher Lebensweise und christlicher Tugenden finden. Und dann soll es geschehen, daß sie in solcher Gemeinschaft das Gefühl des Zwanges und der Dienstbarkeit verlieren: «denn wenn ein Dienender des gedenkt, daß jedes Hauswesen eine Pflanzstätte ist für die christliche Kirche und eine feste Burg gegen alle Verwirrungen des äußeren Lebens: so muß er sich geehrt fühlen und erhoben wie ein aus der Knechtschaft Freigelassener durch den Beruf einem solchen (Hause) dienstbar zu sein»<note xml:id="n57">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 648</bibl>; Schl.: «… einem solchen hülfreich zu sein.»</note>. Das Bewußtsein, <hi rend="italic">dem gemeinsamen Herrn zu dienen</hi>, solle beide Teile miteinander befreunden. Das ist das <hi rend="italic">neue Leben</hi>, das aus diesem Verhältnis entstehen müßte. Häuslicher Gottesdienst oder, wenn dies nicht mehr zurückzurufen ist, gemeinsame Teilnahme am öffentlichen Gottesdienst müßte die Ansicht beiden Teilen möglich und natürlich machen.</p>
        <p><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> zweite Predigt über diese Sache<note xml:id="n58">«Über das christliche Hausgesinde. Zweite Predigt»; Text: <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.22 Kol.3.23">Kol. 3,22f.</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.4.1">4,1</ref>.</note> setzt unmittelbar an diesem Punkt neu ein (I 652ff.): Also der Unterschied von Pflicht und Neigung, zwischen Wichtigem und Unwichtigem hat zu verschwinden in einem <hi rend="italic">andächtigen Gefühl von der Heiligkeit des ganzen Lebens</hi>. Aber damit beginnt erst der Streit von Geist und Fleisch: zu einer geordneten Einsicht in den ganzen Zusammenhang <pb xml:id="p238" ed="pga"/> der Sache muß es nun erst kommen. Es haben die Dienstboten sich zu hüten vor dem <hi rend="italic">Mißmut</hi>, der nichts von Herzen tut («Es gibt nichts Beklemmenderes als den beständigen Anblick eines verdrossenen Menschen, dem nichts von Herzen geht und also auch nichts zu Herzen»<note xml:id="n59">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 657.</bibl>
                    </note>), andererseits vor der <hi rend="italic">Schmeichelei</hi>, die keine eigene Überzeugung, aber auch keine Treue kennt, die den Menschen als Knecht charakterisiert, wie hoch er auch stehen möge, den man mit Recht verachtet, weil es ihm ja doch in keinem Sinn Ernst ist. Die Herrschaften aber haben sich in Acht zu nehmen vor unsachlicher <hi rend="italic">Willkür</hi> und vor dem <hi rend="italic">Großtun</hi> mit ihrer Überlegenheit, wissend, daß alle Überlegenheit von dem Gott der Liebe kommt und also auch nur um der Liebe willen verliehen ist, damit, wo es Not tut, in Liebe erbaut und gebessert werde. Wird das alles bedacht, dann werden nicht mehr die Fehler der einen Seite denen der anderen rufen und umgekehrt, dann wird sich auch in diesem Verhältnis anstelle individueller Besonderheiten wieder eine feste allgemeine Sitte und Ordnung bilden, dann wird auch in dieses Verhältnis Wahrheit und Offenheit und damit Sicherheit und Zuverlässigkeit zurückkehren. Die menschliche Gesellschaft kann eben nicht anders bestehen, als wenn uns aus ihr das Bild von dem ganzen Verhältnis der Menschen zu Gott entgegentritt.</p>
        <p>
                    <hi rend="italic">4. Die Gastfreundschaft</hi> (8. Predigt = I 665ff.<note xml:id="n60">«Über die christliche Gastfreundschaft»; Text: <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.2">Hebr. 13,2</ref>.</note>). Über die «<hi rend="italic">Geselligkeit</hi>’» würde wohl <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nach unserem heutigen Sprachgebrauch die Predigt überschrieben haben. Über das, was in bezug auf Einladungen und mondänen Verkehr überhaupt Christliches zu bemerken ist, will er reden. Wie der einzelne Christ, so soll auch das christliche Hauswesen sich nicht verbergen, sondern als ein Teil der Gottesstadt auf dem heiligen Berge im Gefühl des Reichtums der göttlichen Gnade bereit sein, sie auch anderen darzureichen. Text: <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.2">Hebr. 13,2</ref>: «Gastfrei zu sein vergesset nicht, denn durch dasselbe haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt.» Es ist das «Wesen des Christentums, alles <hi rend="italic">Leibliche</hi> zu vergeistigen»<note xml:id="n61">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 667.</bibl>
                    </note>. Auch <pb xml:id="p239" ed="pga"/> die Gastfreundschaft hat einen <hi rend="italic">leiblichen</hi> Anfang, heute freilich, «wenn christliche Hausväter, die auf irgend eine Weise in näherer Verbindung stehen, gegenseitig [auch] sich und die Ihrigen in ihr Haus aufnehmen», weniger im Sinn einer eigentlichen Bedürfnisbefriedigung als einst, aber ganz fehlen kann und darf dieses Moment nicht: «Denn die Gemütsstimmung würde unterdrückt oder gedämpft, aus der allein sich der freieste und heiterste geistige Genuß im geselligen Zusammensein zu entwickeln pflegt.»<note xml:id="n62">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 668.</bibl>
                    </note> Freilich: Leibliches und Geistiges muß ins rechte Verhältnis kommen, und es wird «unserem Volke nachgesagt, daß in allen Erweisungen der Gastfreundschaft das Leibliche mehr als nötig sei hervorstehe»<note xml:id="n63">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 669.</bibl>
                    </note>. Aber diese Gefahr hat Jesus nicht verhindert, an der Hochzeit zu Kana teilzunehmen und überhaupt gerade da, wo es reichlich zuging, «belehrend zu reden und auf die Gemüter zu wirken»<note xml:id="n64">Ebd.</note>. Er hat den Überfluß nie getadelt. Nur wo die Absicht auf den geistigen Genuß fehlt, da ist von vornherein der einzig würdige Zweck aller Geselligkeit verfehlt. Wo das Geistige vom Leiblichen unterdrückt wird, da wären gewiß auch die Engel des Herrn nicht eingekehrt und jedenfalls nicht mit Worten der Verheißung auf den Lippen. Geistlose Zeittötung befleckt das Gewissen des wahren Christen, und so muß alle Sitte allmählich dahin gebeugt werden, daß sie mit unserem geistigen Leben übereinstimme und ihm zur Beförderung diene. Die zweite Regel, die zu beachten ist, ist die, daß in der Geselligkeit ein gegenseitiges geistiges <hi rend="italic">Geben und Empfangen</hi> stattfinde. Zunächst ein <hi rend="italic">Geben</hi>. Jedes christliche Hauswesen soll die Gnade Gottes auf eine ihm eigentümliche Weise verkörpern und so etwas Besonderes darzureichen haben. Man darf Heiterkeit und Freudigkeit nicht von seinen Gästen erwarten, wenn man sie nicht schon im Hause hat, einen größeren Kreis sich nicht etwa darum schaffen wollen, weil man in dem kleineren keine Befriedigung findet; steht es so, dann ist’s besser, sich still zu halten und von innen heraus durch Buße sich zu heilen. Man muß den göttlichen Frieden und <pb xml:id="p240" ed="pga"/> die Glückseligkeit der Kinder Gottes den Gästen schon zu <hi rend="italic">zeigen</hi> haben. Dann kann es auch zum <hi rend="italic">Empfangen</hi> kommen, und Nehmen ist im Geistigen so selig wie Geben. Verheißung und Warnung sollen auch wir uns, wie die Väter von den Engeln, durch gleichgesinnte Gäste, die sich mit uns am Guten und Schönen erquicken wollen, ins Haus tragen lassen. Und so können und sollen wir denn auch wieder als Engel Gottes zu den Anderen gehen, sie trösten, belehren, erheben, auch in ihren leichteren Augenblicken geselliger Ruhe und Freude, durch ein treffendes Wort eine Verwirrung des <hi rend="italic">Gefühls</hi> oder des <hi rend="italic">Urteils auflösen</hi>, durch eine leichte, aber sichere Wendung den <hi rend="italic">Scherz</hi> von der Grenze des Sträflichen zurückziehen, der <hi rend="italic">Fröhlichkeit</hi> die Gemeinschaft mit dem höheren Gehalt des Lebens bewahren und im schuldlosen <hi rend="italic">Genuß</hi> die geistige Sehnsucht rege erhalten. Dann — wenn das allgemein christliche Übung wird — wird sich die alte Geschichte vom Turmbau zu Babel umkehren und von den kleinen geselligen Kreisen der Christen aus ein schönes Verständnis der Geister, ein freier, hilfreicher Verkehr sich immer mehr ausbreiten. «Alle werden <hi rend="italic">dieselben</hi> Zeichen verstehend, <hi rend="italic">dieselbe</hi> Sprache redend, mit vereinten Kräften an <hi rend="italic">dem(selben)</hi> gemeinsamen Werk arbeiten und jeder dem Anderen kommend und gehend, freundlich gebend und empfangend, in den heiteren und doch bedeutenden Augenblicken des Lebens als Engel des Herrn begegnen. Amen.»<note xml:id="n65">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 676.</bibl>
                    </note>
            </p>
        <p>
                    <hi rend="italic">5. Die Wohltätigkeit</hi>. Von ihr handelt die letzte Hausstandspredigt (I 677ff.<note xml:id="n66">«Über die christliche Wohltätigkeit»; Text: <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.28">Eph. 4,28</ref>.</note>). <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat, wie wir schon in <ref type="pub" target="../volume/11/p013#p013">§ 1</ref> feststellten<note xml:id="n67">Vgl. oben S. 74ff.</note>, das Auftauchen der modernen sozialen Frage <hi rend="italic">gesehen</hi>. Wohltätigkeit ist ein Problem des christlichen Hauswesens, weil jedes solche im modernen Verkehr drinsteht, der, je lebhafter er wird, umso größere Ungleichheit erzeugt und damit die Notwendigkeit des Wohltuns. Ohne die modernen soziologischen Verwicklungen hätten wir den größten Teil der Annehmlichkeiten unseres <pb xml:id="p241" ed="pga"/> Lebens nicht. Also verdanken wir sie indirekt der Tatsache, daß so viele unserer Brüder zu wenig haben. Das Bestreben nach Ausgleich und Hilfe ist also einfach eine Sache der <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi>. Das Nachdenken dieses von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> sehr lebhaft gedachten Gedankengangs hätte dem Protestantismus viel Schuld und Strafe ersparen können. Warum hat man den Meister gerade hier <hi rend="italic">nicht</hi> gehört? Sein Text ist hier <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.28">Eph. 4,28</ref>: «Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit den Händen etwas Gutes, auf daß er habe zu geben dem Dürftigen.» Diebstahl ist aber jede Erwerbungsart, die nicht in jener wahren, höheren Gesetzmäßigkeit begründet ist, welche fordert, daß Alles, was jeder für seinen eigenen Vorteil tut, mit dem gemeinen Wohl und dem Wohl aller Einzelnen, die dabei betroffen sind, zusammenstimme. Gott hat freilich den Armen neben dem Reichen gemacht, und gänzliche Gleichheit ist ein wohlmeinender Traum, der sich nicht verwirklichen kann und soll. Aber wenn der Eine zu seiner Bereicherung den Anderen immer tiefer in die Dürftigkeit versinken läßt, dann <hi rend="italic">bestiehlt</hi> er ihn um «den edelsten Teil seines Daseins»<note xml:id="n68">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 681.</bibl>
                    </note>, auch wenn er alles Gute, das jener dann offenbar nicht mehr tun kann, auf sich nimmt, ja <hi rend="italic">gerade damit! «Ehe ihr dran denkt, wohltätig zu sein und die Dürftigen zu unterstützen, seid zuvor gerecht</hi>, leget alle, auch die geheimste Ungerechtigkeit ab, welche eben am meisten Dürftige macht … Einer Gesellschaft, aus welcher noch nicht alles Unrecht dieser Art verbannt ist, gereicht auch die freigebigste Wohltätigkeit nicht zur Ehre, sondern zur Schmach. Denn was sind solche Wohltätige anders als … übertünchte Gräber?»<note xml:id="n69">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 682.</bibl>
                    </note> Ganz [davon] abgesehen, daß auch die glänzendsten milden Gaben im Vergleich mit dem ungerecht erworbenen Reichtum ein kaum zu nennender Teil desselben sind. Gar nicht annehmen sollten wohltätige Unternehmungen Opfer, die aus solcher Quelle stammen!! Freilich bedarf es der Arbeit, der Kultur zur Wohltätigkeit, aber eben die Kultur ist’s, die durch den überhandnehmenden Pauperismus bedroht wird. Wohltätigkeit kann nach dem allen nicht ein beson <pb xml:id="p242" ed="pga"/> derer Ruhm sein, sondern nur eine dankbare Bescheinigung darüber, daß Gott uns wenigstens auf dieser Stufe erhalten hat. Sie bleibt ein <title level="m">Werk der</title> Not und gewissermaßen der Scham, wovon so wenig Aufhebens gemacht werden soll, als irgend die Sache gestattet. Und durch Werke der Not wird man nicht gerecht vor Gott. Und endlich beachte man, daß es nicht heißt: daß er gebe dem Dürftigen, sondern: daß er <hi rend="italic">habe</hi> zu geben. Das weist nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> darauf hin, daß nicht der Einzelne direkt geben soll, sondern die <hi rend="italic">Gemeinde</hi>. «Wer mehr erwirbt in seinem Gewerbe, als er bedarf in seinem Hausstande, der gebe es der Gemeinde, und die Gemeinde verteile.»<note xml:id="n70">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2164"><hi rend="italic">Pr.</hi> I, S. 687.</bibl>
                    </note> Von ihr, [von] der ja jedermann das Geistige empfängt, auch das Leibliche zu empfangen, kann dann auch, eine Schattenseite aller privaten Wohltätigkeit, für die Armen nicht drückend sein. Der <hi rend="italic">Staat</hi> hat sich hier, weil die <hi rend="italic">Kirche</hi> als frisches, lebendiges Wesen nicht auf dem Plan war, einer Sache annehmen müssen, die durchaus in die Hände der Kirche gehörte und wieder in ihre Hände zurückkehren muß. Wir sind berufen, diese Schuld eines früheren Geschlechts gutzumachen. Die Reorganisation der Kirchgemeinden muß auch eine solche des kirchlichen Armenwesens in dem genannten Sinne nach sich ziehen.</p>
        <p>Ich bin froh, gerade mit dieser Predigt und überhaupt mit dem, was wir heute gehört, diesen Paragraphen, unseren Querschnitt durch <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Kanzelwort und das alte Jahr schließen zu können. Es wäre im Einzelnen auch hier allerlei zu bemerken. Aber Sie werden nun wissen, was ich meinte, wenn ich am Anfang sagte, wir würden <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hier von seiner <hi rend="italic">besten</hi> Seite kennen lernen. Seine beste Seite ist eben dieses Durchdenken <hi rend="italic">des</hi> Problems und <hi rend="italic">der</hi> Probleme der Ethik unter der Voraussetzung, daß das Christentum eine vorhandene wirksame, und zwar nicht pneumatisch, sondern geschichtlich-natürlich vorhandene Kraft sei. Gibt man ihm diese Voraussetzung zu oder drückt man einen Augenblick die <hi rend="italic">Augen dazu</hi> zu, daß es mit dieser Voraussetzung, vom Himmel wie von der Erde aus betrachtet, nicht aufs beste bestellt sein könnte, dann <pb xml:id="p243" ed="pga"/> kann man sich an der in ihrer Art glänzenden Arbeit, die hier getan ist, nur freuen. Man kann und soll wirklich vor ihr <hi rend="italic">Respekt</hi> haben, auch wenn man ihm oft, jener Voraussetzung wegen, vor Ungeduld fast nicht mehr zuhören kann. Abgesehen von jener Voraussetzung besteht <hi rend="italic">das</hi> Problem und bestehen <hi rend="italic">die</hi> Probleme der Ethik. Als ernstlichen und scharfsichtigen <hi rend="italic">Hinweis</hi> darauf mindestens werden wir uns den Schleiermacherschen Menschen, was wir auch im übrigen von ihm halten mögen, gefallen lassen. Predigten über den christlichen Hausstand müßten in der Tat das letzte (aber eben das <hi rend="italic">letzte</hi>, ein etwas gewichtigeres <hi rend="italic">erstes</hi> voraussetzende) Wort der christlichen Theologie sein.</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
