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        <title type="volume" n="vol-11">Die Theologie Schleiermachers 1923/1924</title>
        <title type="content">Der christliche Glaube</title>
        <title type="citation_line_1">Der christliche Glaube, in: Die Theologie Schleiermachers 1923/1924, 1923 – 1924</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/11010 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Die Theologie Schleiermachers 1923/1924 (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1978, S. 328–434.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Die Theologie Schleiermachers 1923/1924</title>
          <title type="text">Der christliche Glaube</title>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1978</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 328-434</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe II.11, Die Theologie Schleiermachers 1923/1924, section 06</title>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <date type="creation" from="1923" to="1924">1923 – 1924</date>
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      <head>
                <milestone xml:id="m29.I.24" unit="line"/> DER CHRISTLICHE GLAUBE</head>
      <div>
        <p>Wir kommen, durch den bisherigen Verlauf unserer Vorlesung hoffentlich einigermaßen vorbereitet auf die Dinge, die unser warten, zu <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> theologischem <hi rend="italic">Hauptwerk</hi>, dem Buch, auf dem sich wohlverdienter Maßen <hi rend="italic">vor</hi> allen übrigen Leistungen seines reichen Geistes sein Ruhm und sein entscheidender Einfluß auf Theologie und Kirche des 19. Jahrhunderts begründet hat. Habe ich Sie im Bisherigen im ganzen absichtlich über mehr abgelegene, verhältnismäßig wenig zitierte und bearbeitete Triften seines Lebenswerks geführt, auf denen wir unseren Mann sozusagen in aller Stille beobachten und kennen lernen konnten, so betreten wir nun ein von allen möglichen tief und weniger tief grabenden Spaten aufgewühltes Gelände, wo wir, wenn wir nun nach allen Seiten hören wollten auf das, was seit hundert Jahren referierend, kommentierend, zustimmend und ablehnend über dieses Buch als Ganzes und über seine einzelnen Teile geschrieben worden ist, nur schon mit der Exegese der ersten zehn Paragraphen den Rest unseres Semesters vollauf zubringen könnten. Ich möchte nun aber unserem bisherigen Verfahren, <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nicht nur selbst <hi rend="italic">reden</hi>, sondern auch sich selbst <hi rend="italic">erklären</hi> und sich selbst <hi rend="italic">kritisieren</hi> zu lassen, auch hier treu bleiben, weil ich glaube, daß auch hier für die Sache, für das Verstehen des Mannes am meisten dabei herauskommt und daß wir uns im Bisherigen an die kirchliche wie an die wissenschaftliche Seite seiner Theologie so weit herangearbeitet haben, um uns nun, wo wir vor seinem Meisterstück stehen, im wesentlichen auf unsere eigenen Augen verlassen zu dürfen. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst hat darüber einmal (Sendschreiben an <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.52"><persName ref="kbga-actors-2066">Lücke</persName> 52</ref>) gesagt, er habe das Buch so geschrieben, daß es durch sich selbst verständlich sein müsse, einer Erläuterung durch Fremdes oder Eigenes mit Ausnahme seiner Enzyklopädie <hi rend="italic">nicht</hi> bedürfe<note xml:id="n01">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2148"><hi rend="italic">Schleiermachers Sendschreiben über seine Glaubenslehre an Lücke</hi>, neu hrsg. von H. Mulert (= <hi rend="italic">Studien zur Geschichte des neueren Protestantismus</hi>, 2. Quellenheft), Gießen 
                        1908, S. 52</bibl>: «Das Buch muß wenigstens so durch sich selbst verständlich sein, wie jetzt. Lächeln Sie mir nur nicht zu, das sei herzlich wenig gesagt; ich meine auch nur so, daß nicht, damit das Gesagte deutlich werde, auf etwas außer dem Buche müsse verwiesen werden, weder Fremdes noch Eigenes. Natürlich nehme ich hierbei meine Enzyklopädie aus, aber auch nur, was den Vorhof des Buches betrifft …»</note>.</p>
        <pb xml:id="p329" ed="pga"/>
        <p>Als Dreiundfünfzigjähriger, 1821 und 1822, hat er das zweibändige Werk herausgegeben, neun Jahre später, 1830 und 1831, in der für seinen geschichtlichen Einfluß maßgebenden zweiten Auflage (Theologische Werke, <persName ref="kbga-actors-2593">Reimer</persName>, Hendel, Bibliothek theologischer Klassiker<note xml:id="n02">Über die Ausgabe in den <bibl corresp="kbga-bibls-7836"><hi rend="italic">Sämmtlichen Werken</hi> (Verlag G. Reimer, Berlin) vgl. oben S. 12, Anm. 24</bibl>; bei <persName ref="kbga-actors-2593">G. Reimer</persName> sind auch die Originalausgaben der 1. und 2. Auflage erschienen; weitere Ausgaben in: Hendels Bibliothek der Gesamtliteratur, Bd. 1027-1038, Halle 1897, und in: Bibliothek theologischer Klassiker, Bd. 13-16, Gotha 1889.</note>). Unentbehrlich zum Verständnis dürfte trotz jener Erklärung <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> die kleine Schrift selbst sein, aus der ich sie zitiert habe. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat sie 1829, als er sich anschickte, die zweite Auflage der Glaubenslehre vorzubereiten, veröffentlicht unter dem Titel «Dr. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Sendschreiben über seine Glaubenslehre an Dr. Lücke». Lücke war mit <persName ref="kbga-actors-2563">Gaß</persName>, <persName ref="kbga-actors-2428">Jonas</persName>, <persName ref="kbga-actors-2614">Sydow</persName> und einigen Anderen einer der intimsten theologischen Freunde <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName>, damals Professor für systematische Theologie hier in Göttingen und Redaktor der 1828 gegründeten «Studien und Kritiken», in deren zweitem Jahrgang [1829], Heft 2 [und 3], Sie die Sendschreiben finden, außerdem im zweiten Band der Theologischen Werke<note xml:id="n03">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7844"><hi rend="italic">Über seine Glaubenslehre, an Herrn Dr. Lücke</hi> (Erstes und zweites Sendschreiben) in: <hi rend="italic">Schleiermachers Sämmtliche Werke</hi>, 1. Abth., Zur Theologie, Bd. II, Berlin 
                        1836, S. 575ff.</bibl>
                    </note> und in kritischer Ausgabe mit Vorrede und Anmerkungen in den «Studien zur Geschichte des neueren Protestantismus» von-<persName ref="kbga-actors-613">Hoffmann</persName> und <persName ref="kbga-actors-2631">Zscharnack</persName>, herausgegeben von <persName ref="kbga-actors-290">Herm. Mulert</persName>, Gießen 1908. Es handelt sich um eine eingehende Auseinandersetzung mit einer stattlichen Schar von Rezensenten und anderen literarischen Freunden und Gegnern der ersten Auflage, mit der <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> das Buch selbst nicht belasten wollte und die ihm doch, wie er selber sagte, eine «Herzenserleichterung»<note xml:id="n04">Ausgabe <persName ref="kbga-actors-290">Mulert</persName>, S. 36.</note> war. Unter den auf dem Umweg über Lücke angeredeten Gesprächspartnern <pb xml:id="p330" ed="pga"/> finden wir <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-34">F. Chr. Baur</persName></hi>, damals noch am Anfang seiner glänzenden Laufbahn, <hi rend="italic">Karl Imm. <persName ref="kbga-actors-2464">Nitzsch</persName>, <persName ref="kbga-actors-2562">Jak. Fr. Fries</persName></hi>, den Philosophen, als besonders lebhaften, wenn auch persönlich befreundeten Gegner <hi rend="italic">Ferdinand Delbrück</hi>, Philosophieprofessor in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName>, <hi rend="italic">Karl Heinrich</hi> 
               <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2599">Sack</persName></hi>, Theologen in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName>, Verfasser einer Apologetik und Polemik, die berühmten Häupter des Rationalismus <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2546">Bretschneider</persName></hi> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2595">Röhr</persName></hi>, den Supranaturalisten <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2612">Steudel</persName></hi> in <placeName ref="kbga-places-61">Tübingen</placeName> und den zwischen Rationalismus und Supranaturalismus schwankenden <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2617">Tzschirner</persName></hi> in <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName>, den spekulativ orientierten <hi rend="italic">Braniß</hi> in <placeName ref="kbga-places-179">Breslau</placeName> und einige Andere. </p>
        <p>Sie sehen aus diesem Widerhall von allen Seiten, welchen Eindruck das Buch im Unterschied zur Enzyklopädie sofort gemacht hatte. Jetzt sah man, wo es hinauswollte, was offenbar vorher, wo man nur den Runenzeichen der Enzyklopädie sich gegenübersah, noch nicht der Fall war. An Widerspruch hat es der Glaubenslehre von Anfang an nicht gefehlt. Man kann nicht sagen, daß die zeitgenössische Theologie etwa auf das Werk hereingefallen wäre; im Gegenteil: wie von Bremsen umschwärmt sehen wir <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> sich in den Sendschreiben sein Herz erleichtern. Aber der Ton des Triumphes und der Sicherheit ist in seiner Antwort nicht zu verkennen: eine überlegene, kraftvolle Kritik, die ihm ernstlich zu denken gegeben hätte, ist ihm sichtlich <hi rend="italic">nicht</hi> entgegengetreten. Er steht in den Sendschreiben da als ein Mann, der eben mißverstanden, nicht in der Eigenart und Totalität seines Wollens gesehen ist, wie er ist, der auch in Einzelheiten gerne mit sich reden läßt und in mehr als einem Punkt erklärt, daß er auch anders könnte, der sich aber bewußt ist, in der Hauptsache recht und wenn nicht die Gegenwart, so doch die Zukunft für sich zu haben. Auf alle Fälle ist das Buch von Vielen (wenn auch von Vielen nur blätternd) <hi rend="italic">gelesen</hi> worden. Man wundert sich eigentlich über die lange Zeitspanne zwischen der ersten und zweiten Auflage, doch ist zu berücksichtigen, daß neben dem legitimen Druck auch zwei Nachdrucke, einer in <placeName ref="kbga-places-391">Reutlingen</placeName> und einer in Halle erstellt, umliefen. In <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-358">Württemberg</placeName></hi> scheint die Glaubenslehre <hi rend="italic">besonders</hi> fleißig studiert worden zu sein. Übrigens ist die Reihe der zwischen 1822 und 1830 zur Sache sich Äußernden mit den in den Sendschreiben Erwähnten etwa lange nicht erschöpft, <pb xml:id="p331" ed="pga"/> sei es, weil <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, wie er selbst sagt, nicht Alles kannte, sei es, weil er auf gewisse Äußerungen lieber mit Schweigen reagierte. Dahin gehört wohl der heftigste und bösartigste Angriff, der damals auf die Glaubenslehre gemacht worden ist und dessen Urheber kein Anderer war als <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Berliner Kollege <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-167">Hegel</persName></hi>, der sich 1822, offenbar frisch von der Lektüre kommend, Sätze wie die folgenden leistete: In dieser Philosophie sei der <hi rend="italic">Geist</hi>, im ungeheuersten Gegensatz gegen die Religion, die das Heil und die Ehre des Menschen darein setze, Gott zu erkennen, <hi rend="italic">verkommen</hi> zu der Bescheidenheit des <hi rend="italic">Viehs</hi>, nur daß er unseliger Weise den Vorzug besitze, noch das Bewußtsein dieser seiner Unwissenheit zu haben. Solle das <hi rend="italic">Gefühl</hi> die Grundbestimmung des Menschen ausmachen, wo dem Geist das Substantielle begegne, das Ewige an ihn komme, so sei er dem <hi rend="italic">Tiere</hi> gleichgesetzt. Folgerichtig sei es dann, die Religion im Gefühl der Abhängigkeit zu suchen, und «so wäre <hi rend="italic">der Hund der beste</hi> Christ, denn er trägt dieses am stärksten in sich … Auch Erlösungsgefühle hat der Hund, wenn seinem Hunger durch einen Knochen Befriedigung wird.»<note xml:id="n05">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7811"><persName ref="kbga-actors-167">G. W. F. Hegel</persName>, <hi rend="italic">Vorrede zu Hinrichs’ Religionsphilosophie</hi></bibl> [<bibl corresp="kbga-bibls-7812"><persName ref="kbga-actors-2572">H. F. W. Hinrichs</persName>, <hi rend="italic">Die Religion im inneren Verhältnisse zur Wissenschaft</hi>, 1822</bibl>], in: ders., <bibl corresp="kbga-bibls-7811"><hi rend="italic">Sämmtliche Werke</hi>, hrsg. v. H. Glockner, Bd. 20, Stuttgart
                            1930, S. 19.</bibl>
               </note> «Was ist eine Theologie ohne Erkenntnis Gottes? … Ein tönend Erz und eine klingende Schelle!»<note xml:id="n06">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7811">A.a.O., S. 26f.</bibl>
                    </note> Daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> auf solche Töne nicht antworten mochte, wird man menschlich begreiflich finden. Sachlich hätte freilich, wenn irgendeine, dann gerade diese grobianische Kritik <persName ref="kbga-actors-167">Hegels</persName> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> zu denken geben müssen und vielleicht auch tatsächlich gegeben. <hi rend="italic">Ganz</hi> vermißt man unter den Rezensenten und Gegnern einen Vertreter des damals so mächtig wachsenden und zwanzig Jahre später auf der ganzen Linie siegreichen <hi rend="italic">pietistischen</hi> Lagers, mit einziger Ausnahme des bekannten Liederdichters <hi rend="italic">Alben <persName ref="kbga-actors-643">Knapp</persName></hi>, der, dem <persName ref="kbga-actors-612">Hofacker</persName>-Kreis angehörig, 1828 eine Schrift gegen <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> schrieb<note xml:id="n07">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7816"><persName ref="kbga-actors-643">A. Knapp</persName>, <hi rend="italic">Ist die Verschiedenheit der dogmatischen Systeme kein Hindernis des Zwecks der Kirche?</hi>, in: <hi rend="italic">Studien der evangelischen Geistlichkeit Wirtemhergs</hi>, hrsg. von C. B. Klaiber, Stuttgart
                            1828, S. 35–151.</bibl>
                    </note>, die aber von diesem in den Sendschreiben nicht beachtet <pb xml:id="p332" ed="pga"/> worden ist. Daß die Evangelische Kirchenzeitung <hi rend="italic">Hengstenbergs</hi> es einfach unterließ, sich mit <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> auseinanderzusetzen, gereicht diesem einflußreichen Organ der Partei und der geistigen Kapazität und Schlagfertigkeit ihrer Führer nicht gerade zur Ehre und ist doch wohl symptomatisch dafür, daß die so anspruchsvoll auftretende Erweckungsbewegung das lösende Wort auch nicht hatte, das das überhandnehmende theologische Elend des 19. Jahrhunderts etwa hätte wenden können. <hi rend="italic">Dieses</hi> Schweigen war weder Silber noch Gold. Zum Schluß dieser Notizen über die Aufnahme der ersten Auflage der Glaubenslehre etwas Poetisches. Einer der ehemaligen Romantikerfreunde <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName>, <title level="m">Aug. Wilh. Schlegel</title>, des Lucinde-Schlegels älterer Bruder, «verfenigte» unter dem Titel «Bedeutsamer Name» folgende Verse: <q rend="block">
                        <lg>
                            <l xml:space="preserve">Der nackten Wahrheit Schleier machen, </l>
                            <l xml:space="preserve">ist kluger Theologen Amt, </l>
                            <l xml:space="preserve">und <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> sind bei so bewandten Sachen</l>
                            <l xml:space="preserve">die Meister der Dogmatik insgesamt.<note xml:id="n08"><bibl corresp="kbga-bibls-7830"><persName ref="kbga-actors-1220">A. W. von Schlegel</persName>, <hi rend="italic">Sämmtliche Werke</hi>, hrsg. von Ed. Böcking, Leipzig 1846/47, Bd. 2, S. 233.</bibl></note></l>
                        </lg>
                    </q> Sie finden diese und ähnliche Dinge gesammelt in zwei Aufsätzen von Herm. <persName ref="kbga-actors-290">Mulert</persName> «Die Aufnahme der Glaubenslehre <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName>», <bibl corresp="kbga-bibls-7820"><hi rend="italic">Z.Th.K.</hi> 1908, S. 107ff.</bibl>; 1909, S. 243ff. Doch zur Sache!</p>
        <p>«Der christliche Glaube», so habe ich in der Überschrift unseres Paragraphen den Titel des Schleiermacherschen Werkes zitiert. Nicht «Glaubenslehre», wie man fast immer hört, wie auch <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> sich selber zitiert hat und wie es allerdings praktischer ist. Man muß sich bei diesem abgekürzten Zitieren jedenfalls beständig vor Augen halten, wieviel komplizierter und vielsagender der eigentliche Titel ist. Er lautet vollständig: «Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhang dargestellt». Wer weiß, was in dem Buche steht, und wer die Sendschreiben an <persName ref="kbga-actors-2066">Lücke</persName> kennt, ist im Stande, fast an jedes Wort dieses Titels Betrachtungen anzuknüpfen. Es wird nicht unnütz sein, wenn wir es gleich versuchen.»<bibl corresp="kbga-bibls-448"><hi rend="italic">Der christliche Glaube</hi></bibl>» — also nicht Dogmatik? Nein, <pb xml:id="p333" ed="pga"/> ganz bewußt nicht, obwohl das Buch zweifellos genau an den Ort in der theologischen Enzyklopädie gehört, wo «Dogmatik» vorgesehen ist, und obwohl im Buch selber jedenfalls dem Wort «dogmatisch» durchaus nicht etwa pedantisch ausgewichen wird. Der «<hi rend="italic">christliche Glaube</hi>», damit ist die Metamorphose programmatisch bezeichnet, die wir in der «Kurzen Darstellung» inhaltlich bereits vollzogen sahen und auf die wir schon nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Predigten gefaßt sein mußten. Nicht die Offenbarung spiegelt sich im Dogma und ist in dieser Brechung Gegenstand der Dogmatik. Sondern der <hi rend="italic">christliche Glaube</hi>, eine bestimmte Form des frommen Selbstbewußtseins, spiegelt sich in den <hi rend="italic">Grundsätzen</hi> einer bestimmten christlichen Kirche, hier der evangelischen, und <hi rend="italic">diese</hi> Brechung ist der Gegenstand nun sachgemäß nicht einer Dogmatik, sondern einer Darstellung des christlichen Glaubens nach den Grundsätzen usf. Das ist die große, die kopernikanische Umkehrung, mit der <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> aus der Geschichte der protestantischen Theologie seit der Reformation das zweifellos richtige und unvermeidliche Fazit gezogen und mit der er trotz alles Wider-den-Stachel-Löckens der sogenannten Positiven bis auf diesen Tag Schule gemacht hat und noch macht. Solange und sofern diese Umkehrung nicht grundsätzlich als Irrtum durchschaut und grundsätzlich rückgängig gemacht wird, solange die Meinung ungebrochen besteht, damit eben habe <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> 1. das wahre Erbe <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName></hi> in der Theologie zu Ehren gebracht, 2. der Theologie auf dem Boden der Kantischen kritischen Philosophie ihr Heimatrecht gegeben (einer Philosophie, von der <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> zeitlebens nur mit souveräner <hi rend="italic">Verachtung</hi> geredet hat!), solange wir den Titel des Schleiermacherschen Buches immer noch auf den ersten Blick als richtig und nicht als unrichtig empfinden (und wem ginge es zunächst anders?), solange ist <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> tatsächlich der Meister, mit nicht weniger Autorität, als es für das 16. und 17. Jahrhundert <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName></hi> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName></hi> gewesen sind. Ich lege nicht ein, sondern aus, «komparativ» und «divinatorisch» nach bester Schleiermacherscher Hermeneutik, wenn ich sofort auf diesen Titel dieses Gewicht lege. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst läßt in den Sendschreiben gar keinen Zweifel daran, daß [er in] eben diese[r] Umkehrung von der <pb xml:id="p334" ed="pga"/> Dogmatik zur Analyse des frommen Selbstbewußtseins das Entscheidende und Charakteristische seines Werkes gesehen hat. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> wehrt sich in den Sendschreiben u.A. <hi rend="italic">einerseits</hi> gegen Solche, die ihm vorwerfen, seine Theologie sei spekulativ, er setze an Stelle der christlichen Wahrheit eine durch transzendental-kritische Abstraktion gewonnene apriorische Gotteserkenntnis, <hi rend="italic">andererseits</hi> gegen Solche, die wie <persName ref="kbga-actors-167">Hegel</persName> eben dies, die spekulative Begründung, bei seiner Theologie vermißten. Er antwortet den Tadlern zur Rechten und zur Linken mit gleicher Entschiedenheit: Eben gerade das <hi rend="italic">nicht!</hi> Man solle ihm doch glauben, schreibt er fast beschwörend, daß die in seiner Glaubenslehre aufgestellte Analyse des Selbstbewußtseins nichts Anderes sein wolle als «<hi rend="italic">ganz einfach und ehrlich nur empirisch</hi>», daß er, wo er von Bewußtsein der Sünde rede, «von Erlösungsbedürftigkeit, von der Befriedigung, welche wir bei Christo finden, … wirkliche erfahrungsmäßige Tatsachen meine und nicht etwa vor der Erfahrung hergehende <title level="m">Tatsachen des Bewußtseins</title>» ([Sendschr., Ausg. <persName ref="kbga-actors-290">Mulert</persName>] 21). Der eigentliche Zweck des Buches sei wahrhaft und wirklich «die Darstellung des eigentümlich christlichen Bewußtseins» (33). Immer wieder wolle er in seinem Buch «das Bewußtsein hervorrufen, daß die Sätze nur das <hi rend="italic">Abgeleitete</hi>» seien «und der <hi rend="italic">innere Gemütszustand</hi> das Ursprüngliche. Ich hätte gewünscht, es so einzurichten, daß den Lesern möglichst auf jedem Punkt hätte deutlich werden müssen, daß <hi rend="italic">der Spruch</hi> 
               <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref> der Grundtext der ganzen Dogmatik ist» (34). Seine Dogmatik sei nach Form und Inhalt «ganz und gar bedingt durch die Voraussetzung, daß der in ihr zu entwickelnde Gottesgedanke <hi rend="italic">nicht ursprünglich</hi> (= apriorisch) …, sondern nur <hi rend="italic">geworden</hi> (sei) in der <hi rend="italic">Reflexion</hi> über jenes höhere Selbstbewußtsein» (64). Die <hi rend="italic">Wahrheitsfrage</hi> aber, die solchen Reflexionen gegenüber aufgeworfen werden könnte, wird einfach niedergeschlagen. Es genügt, daß sie wirklich sind. Er will versuchen, den Menschen «ohne Beweis und Ideen, mittelst des alten <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">λόγος ἀναπόδεικτος</foreign>, ihre Frömmigkeit klarzumachen und zu befestigen» (18). «Für die christliche Glaubenslehre ist die Darstellung zugleich die Begründung; denn Alles in derselben läßt sich nur dadurch begründen, daß es als richtige Aussage des christlichen <pb xml:id="p335" ed="pga"/> Selbstbewußtseins dargestellt wird. Wer aber dasselbe in seinem Selbstbewußtsein nicht findet, für den ist auch keine Begründung möglich» (56). Auch über den historischen Zusammenhang dieser seiner Lehre mit dem älteren Pietismus, von dem er ja selbst herkam, ist er sich durchaus klar gewesen. Frömmigkeit als Bestimmtheit des Selbstbewußtseins ist <hi rend="italic">vor</hi> den frommen Ideen. Religion ist <hi rend="italic">nicht</hi> Tochter der Theologie! «Diesen Widerspruch lege nun auch ich ein und tue damit — wenngleich meine Sprache nicht immer die ihrige ist — <hi rend="italic">nichts Anderes, als was eine zahlreiche Schule seit mehr als einem Jahrhundert immer getan hat</hi>» (15f.). Es ist bezeichnend, nicht für <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, aber für die Lage der Theologie zur Zeit seines Auftretens, daß er das alles nur in Abwehr des Verdachts von oder des Vorwurfs des Mangels an — <hi rend="italic">spekulativer</hi> Theologie sagen mußte. Daß der Einwand <persName ref="kbga-actors-167">Hegels</persName>: die Ehre und das Heil des Menschen liege darin, daß er <hi rend="italic">Gott</hi> erkenne, bei dem jeder Kundige unwillkürlich an den Anfang des calvinischen Katechismus<note xml:id="n09">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7802"><hi rend="italic">Catechismus ecclesiae Genevensis</hi> (1545)</bibl>: «Minister: Quis humanae vitae praecipuus est finis? — Puer: Ut Deum, a quo conditi sunt homines, ipsi noverint.» <bibl corresp="kbga-bibls-17">
                            <persName ref="kbga-actors-283">E. F. K. Müller</persName> (Hrsg.), <hi rend="italic">Die Bekenntnisschriften der reformierten Kirche</hi>, Leipzig 
                        1903, S. 117, Z. 7f.</bibl>
               </note> denkt, auch als <hi rend="italic">der christliche</hi> Einwand auftreten könnte, daß es ein «Ursprüngliches» geben könnte, das nicht Apriori, sondern <hi rend="italic">Offenbarung</hi> wäre, aber darum durchaus etwas Anderes als die Bewußtseinstatsache, die <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref> hineingelesen hat und in deren Manifestationen er den Stoff seiner Dogmatik findet, <hi rend="italic">diese</hi> Möglichkeit lag ebenso außerhalb seines wie seiner Kritiker Gesichtskreises. Die Diskussion in den Sendschreiben bewegt sich eintönig um die Pole: hie Religionspsychologie! hie metaphysische Spekulation!, und innerhalb <hi rend="italic">dieses</hi> Gegensatzes hatte <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> seinen Standort gewählt.</p>
        <p>Man muß außer diesem Hauptpunkt im Titel des Buches noch auf zwei andere Dinge achten, wenn man verstehen will: <hi rend="italic">erstens</hi> auf den Ausdruck: «im <hi rend="italic">Zusammenhang</hi> dargestellt». Auch das ist nicht Phrase, sondern Absicht. Zusammenhang weist auf System. Warum muß die Schleiermachersche Dogmatik <hi rend="italic">System</hi> sein? Den Kommentar dazu gibt wieder <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst, wenn er sagt, <pb xml:id="p336" ed="pga"/> er habe sich «die Aufgabe so gestellt, das in der christlichen Kirche entwickelte Gottesbewußtsein, wie wir es alle in uns tragen, in allen seinen Äußerungen so darzustellen …, daß die einzelnen Bestimmungen, die auf diese Weise entstehen, sich auch <hi rend="italic">zusammenschauen</hi> lassen und ebenso zu einem streben, <hi rend="italic">wie das Gefühl selbst doch immer dasselbe ist</hi>», ob es sich nun mit dem Bewußtsein unserer Willensfreiheit oder unseres Naturzusammenhangs oder mit dem der geschichtlichen Entwicklung verbinde (28), oder an anderer Stelle: seine systematische Kunst habe mit Prinzipien und Deduktionen gar nichts zu tun, sondern bestehe nur in dem «Geschick, solche Teilungsformeln aufzufinden, daß man dadurch eine Überzeugung von der Vollständigkeit der Darstellung gewinne und [daß man] wenn nicht unmittelbar, (so) doch mittelbar von jedem dogmatischen Satz <hi rend="italic">auf das durch ihn repräsentierte unmittelbare Selbstbewußtsein</hi> zurückgeführt» werde (47). Man muß also die Worte «im Zusammenhang» in dialektische Beziehung setzen zu den Worten «nach den Grundsätzen», so daß die letzteren gleichsam das <hi rend="italic">Aus</hi>atmen, den Ausgang aus der religiösen Unmittelbarkeit in die Reflexion, die ersteren das <hi rend="italic">Ein</hi>atmen, die Rückkehr vom Gedanken ins reine Gefühl bezeichnen, um das Ganze des Lebensvorgangs zu überschauen, den <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in seinem Titel bezeichnen will. Darum also muß die Dogmatik System sein, [um] damit das durch das Vorhandensein von <hi rend="italic">Grundsätzen</hi> des christlichen Glaubens vorübergehend gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen. </p>
        <p>Noch ein <hi rend="italic">zweites</hi> Wort des Titels bedarf und ist fähig einer exegetischen Behandlung, «nach den Grundsätzen der <hi rend="italic">evangelischen Kirche</hi>». Was heißt «evangelische Kirche»? Das heißt, wie wir dem Vorwort der zweiten Auflage entnehmen, die nicht mehr lutherische oder reformierte, sondern <hi rend="italic">unierte</hi> Kirche. Und <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> bemerkt dazu: «Da es als die Grundbedingung der in hiesigen Landen vollzogenen Vereinigung anzusehen» sei, «daß es einer dogmatischen Ausgleichung zwischen beiden Teilen gar nicht (mehr) bedürfe und noch viel weniger eines neuen Symbols», so habe ihm, <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, ganz eigentlich obgelegen, «nicht nur von dieser Voraussetzung auszugehen, sondern sie auch als einen feststehenden Grund <pb xml:id="p337" ed="pga"/> satz nach seinen besten Kräften durch eine freie und versöhnende Behandlung» der betreffenden Bekenntnisschriften «zu realisieren»<note xml:id="n10">Ausgabe <persName ref="kbga-actors-334">Redeker</persName> (vgl. oben S. 12, Anm. 24), Bd. I, S. 4f.</note>. M.a.W.: Nachdem der Streit zwischen Lutheranern und Reformierten infolge von Gegenstandslosigkeit obsolet geworden und eingeschlafen ist, ist es meine Aufgabe, die Gegenstandslosigkeit beider nun mühelos zu einer einzigen vereinigten Kirchenlehren zum feststehenden Grundsatz zu erheben und eben in diesem Grundsatz der Indifferenz aller Dogmatik, so weit gehend, daß nicht einmal ein Ausgleich vonnöten ist, den Frieden der neuen, der evangelischen Kirche bestätigend einzusegnen. Es ist ein frühlingshafter Ausblick, der sich uns also schon auf dem Titel unseres Werkes nach allen Seiten eröffnet.</p>
        <p>
                    <hi rend="italic">1. Übersicht</hi>. (Ich empfehle Ihnen hier und überhaupt die Zusam- 31.I.24 menstellung von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-329">M. Rade</persName></hi> «Die Leitsätze der ersten und [der] zweiten Auflage von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Glaubenslehre», <placeName ref="kbga-places-61">Tübingen</placeName> [und <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName>] 1904, in Krügers Kirchen- und dogmengeschichtlichen Quellenschriften, 2. Reihe, 5. Heft, mit dem man sich aber die Lektüre des ganzen Werkes nicht ersparen darf.) Die unbestreitbare Größe der Schleiermacherschen Glaubenslehre besteht zu einem guten Teil darin, daß sie trotz ihres Umfangs von über tausend Seiten ein wirklich übersichtliches, weil durchdisponiertes, und durchdisponiertes, weil in der Entwicklung eines einzigen Gedankens bestehendes Buch ist. Ältere dogmatische Werke wie Augustins Enchiridion, das Breviloquium des <persName ref="kbga-actors-920">Bonaventura</persName>, die Summa des <persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName>, <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> Institutio oder <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Commentarius de vera et falsa religione, um von <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthons</persName> Loci nicht zu reden, können darin einen Vergleich mit ihm von ferne nicht aushalten. Immer wieder sprengt dort der Stoff wie mit unsichtbarer Gewalt die Linien des Systems, wie es ihren Urhebern wohl ebenfalls als Ideal vorgeschwebt haben mag, erscheint die angenommene Ordnung, auch wenn sie, wie bei den Scholastikern, noch so kunstvoll durchgeführt ist, als mehr oder weniger zufällig, geschweige denn, daß dem Leser die Notwendigkeit gerade dieser und dieser Stoffe als solcher einleuch <pb xml:id="p338" ed="pga"/> tend gemacht würde. Am ehesten noch dürfte der Glaubenslehre in dieser Hinsicht ein kleines berühmtes Werk aus der Reformationszeit zu vergleichen sein, ich meine den Heidelberger Katechismus mit seiner Dreiteilung: Von des Menschen Elend, Erlösung und Dankbarkeit, aber die in diesen drei Schemata mit mehr oder weniger Begründung unverändert und unzerteilt untergebrachten vier katechetischen Hauptstücke sorgen dafür, daß es auch dort zu dem, was man ein System nennen könnte, tatsächlich nicht kommt. Bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> aber <hi rend="italic">kommt</hi> es dazu, in fast <hi rend="italic">verdächtig</hi> glänzender Weise, möchte man sagen, wenn man dieses Ei des Kolumbus neben die mißlungenen Versuche der alten Meister hält. Ja, bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> <hi rend="italic">ist</hi> der Stoff bezwungen, nun <hi rend="italic">weiß</hi> man, warum in der Dogmatik gerade davon, davon und davon die Rede sein muß und warum gerade in <hi rend="italic">diesem</hi> Zusammenhang; das ist das Bezaubernde, das von diesem Werk immer wieder ausgeht. <hi rend="italic">Dahin</hi> das Zufällige, Fremdartige, Unverdauliche der biblischen Sätze und der kirchlichen Satzungen. Auf der mit erratischen Blöcken besäten Wiese hat sich, aus denselben, aber nun behauenen und geordneten Steinen errichtet, ein wohnlich-geräumiges Haus im Biedermeierstil erhoben. Der Geist hat die Natur durchschaut, durchdrungen, überwunden, in seine Botmäßigkeit gebracht. Aber sollte nicht das gerade verdächtig sein, daß das so restlos (oder fast restlos) gelingen konnte? Sind die biblischen und kirchlichen Sätze denn <hi rend="italic">Natur</hi>, die wie der Dampf und die Elektrizität nur auf das forschende Sehen und Nachdenken, auf die ordnende Hand des Menschen gewartet hat, um endlich und endlich ihrer Bestimmung, nämlich ihm, dem Menschen, dienstbar zu werden? Sollte dieser Triumph möglich sein ohne die mannigfaltigsten Umdeutungen, Verkürzungen, Verbiegungen und Eskamotierungen? Sollte die wachsartige Geschmeidigkeit, die jene in der Hand der Alten so spröden Sätze nun auf einmal angenommen haben, nicht darauf hindeuten, daß sie vielleicht, ohne daß ihr Wortlaut allzusehr tangiert ist, in der Substanz eine Veränderung durchgemacht haben, durch die sie tatsächlich etwas ganz Anderes geworden sind, als sie waren? Sollte jenes Mißlingen bei den Systemen der Alten nur ein Zeichen ihres dialektischen Ungeschicks und nicht <pb xml:id="p339" ed="pga"/> vielleicht ein Zeichen ihrer höheren Sachlichkeit dem Stoff gegenüber gewesen sein? Genug, das Verhältnis ist das, daß man bei jenen den Inhalt ihrer Dogmatiken nur kennen lernen kann, indem man über allerlei Klüfte und reißende Bäche bergauf und -ab mit ihnen <hi rend="italic">wandert</hi> wie durch einen Urwald oder durch eine Gebirgslandschaft, während man bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> wie in einem Panorama nur um die eigene Achse «<hi rend="italic">an Ort»</hi> zu gehen braucht, um leider vorläufig noch <hi rend="italic">hinter</hi>einander — er deutet aber gelegentlich an, daß es schließlich noch dazu kommen müßte: mit einem einzigen, Alles umfassenden <hi rend="italic">Zentral</hi>blick — das <hi rend="italic">Ganze</hi> zu übersehen.</p>
        <p>Ich versuche es zunächst, Ihnen über die Gliederung des Werkes in gedrängtester Kürze zu referieren. Eine <hi rend="italic">Einleitung</hi> von 31 Paragraphen erklärt zunächst in der nach der Enzyklopädie und, wie wir das letzte Mal hörten, nach der Überschrift des Ganzen zu erwartenden Weise den Begriff und die Methode der Dogmatik. Ergebnis: es handelt sich in der Dogmatik um die höchstmöglich bestimmte und zusammenhängende <hi rend="italic">Darstellung</hi> der in der jeweiligen Gegenwart in einer bestimmten (hier also der evangelischen) Kirche gültigen <hi rend="italic">Lehre</hi>, d.h. des Inbegriffs der in <hi rend="italic">Rede</hi> übersetzten frommen (hier also christlich-frommen) <hi rend="italic">Gemütszustände</hi> (vgl. § 15-16, 18-19). Faßt man nun die spezifisch christliche Bestimmtheit des frommen Bewußtseins zusammen im Begriff der <hi rend="italic">Erlösung</hi>, so ergibt sich offenbar diese Bestimmtheit als <hi rend="italic">Gegensätzlichkeit: Sünde</hi> einerseits, <hi rend="italic">Gnade</hi> andererseits sind die es bestimmenden Faktoren bzw. die Namen, die die religiöse oder dogmatische Rede diesen Faktoren gibt. In diesem christlich frommen Selbstbewußtsein ist nun aber <hi rend="italic">vorausgesetzt</hi> und mitenthalten ein <hi rend="italic">allgemeines frommes Bewußtsein</hi>. Aus dieser Unterscheidung «im Begriff der Erlösung vorausgesetzt und mitenthalten» und «durch den Begriff der Erlösung bestimmt» gewinnt nun <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> seine Hauptteilung (§ 29): Der Glaubenslehre 1. und 2. Teil, der 2. Teil zerfallend in die beiden Gegensätze Sünden- und Gnadenbewußtsein<note xml:id="n11">Barth bezieht sich auf die Überschriften der Hauptteile. Erster Teil: «Entwicklung des frommen Selbstbewußtseins, wie es in jeder christlich frommen Gemütserregung immer schon vorausgesetzt wird, aber auch immer mit enthalten ist» (Ausg. <persName ref="kbga-actors-334">Redeker</persName> Bd. I, S. 171); Zweiter Teil: «Entwicklung der Tatsachen des frommen Selbstbewußtseins, wie sie durch den Gegensatz bestimmt sind» (<bibl corresp="kbga-bibls-17">A.a.O., S. 341</bibl>). Der 2. Teil zerfällt in die Unterteile: «Des Gegensatzes erste Seite. Entwicklung des Bewußtseins der Sünde» (<bibl corresp="kbga-bibls-17">A.a.O., S. 353</bibl>); «Des Gegensatzes andere Seite. Entwicklung des Bewußtseins der Gnade» (Bd. II, S. 11).</note>. Diese Teilung wird nun aber <pb xml:id="p340" ed="pga"/> Sünde Gnade gekreuzt durch eine <hi rend="italic">zweite:</hi> Die durch die christliche Glaubenslehre aufzustellenden Sätze können nämlich aufgefaßt werden <hi rend="italic">entweder</hi> als Beschreibungen von Lebenszuständen des <hi rend="italic">Menschen oder</hi> als Begriffe von Eigenschaften und Handlungsweisen <hi rend="italic">Gottes oder</hi> als Aussagen von Beschaffenheiten der <hi rend="italic">Welt</hi> [§ 30]. Aus dieser zweiten Unterscheidung, die also ein Dreifaches vorsieht, gewinnt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> die hintereinander im ersten Teil, dann in den beiden Gegensätzen des zweiten Teiles durchzuführende Unterteilung: Zustand des Menschen, Beschaffenheit der Welt, Eigenschaften Gottes bezüglich jenes allgemeinen frommen Bewußtseins (1. Teil), bezüglich des Sünden- (1. Gegensatz) und bezüglich des Gnadenbewußtseins (2. Gegensatz des 2. Teils). Wobei aber zu beachten ist, daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst die Aussagen über Gott und Welt als «Nebenformen» bezeichnet (Näheres darüber wird gleich noch zu sagen sein) und in der ersten Form der Aussage über den Menschen das eigentliche Corpus der Lehre sicht. Es entsteht also folgendes graphische Bild: <figure xml:id="Ges11-p340">
                        <graphic xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0" url="http://www.reltech.org/PBP/Ges11-sec06-f340.tif"/>
                    </figure>
            </p>
        <pb xml:id="p341" ed="pga"/>
        <p>In concreto ist nun der Gang der Handlung folgender. Es wird im <hi rend="italic">1. Teil</hi> unter dem Titel des in der christlichen Gegensatzerfahrung immer schon vorausgesetzten und mitenthaltenen allgemeinen frommen Bewußtseins 1. als Beschreibung dieses <hi rend="italic">Bewußtseins selbst</hi> gehandelt von der Schöpfung (mit Anhang über Engel und Teufel) und von der Erhaltung; 2. als <hi rend="italic">göttliche Eigenschaften</hi> [werden] besprochen Ewigkeit, Allgegenwart, Allmacht, Allwissenheit, 3. als <hi rend="italic">Beschaffenheit der Welt</hi>, wie sie in diesem allgemeinen religiösen Bewußtsein angedeutet sei, [wird] behauptet die ursprüngliche Vollkommenheit der Welt sowohl wie des Menschen. Es wird im <hi rend="italic">2. Teil, erster Gegensatz</hi> (Sündenbewußtsein), 1. die Sünde als <hi rend="italic">Zustand des Menschen</hi> beschrieben als Erbsünde und wirkliche (aktuelle) Sünde, 2. als <hi rend="italic">Beschaffenheit der Welt</hi> unter diesem Gesichtspunkt das Übel namhaft gemacht, 3. als <hi rend="italic">göttliche Eigenschaften</hi> die Heiligkeit und Gerechtigkeit [behandelt]. Im <hi rend="italic">zweiten Gegensatz des 2. Teils</hi> (Gnadenbewußtsein) kommt es zu Komplikationen, die aber die Übersichtlichkeit kaum stören. Unter dem Titel <hi rend="italic">1</hi>. «vom <hi rend="italic">Zustand des Christen»</hi> muß hier nämlich in einem ersten Hauptstück die ganze Christologie: von Christi Person und Geschäft, untergebracht werden, dann in einem zweiten das, was man früher Soteriologie nannte, nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> zu disponieren in die Lehren von Wiedergeburt und Heiligung. Noch geräumiger gestaltet sich hier der <hi rend="italic">2</hi>. Abschnitt: «von der <hi rend="italic">Beschaffenheit der Welt»</hi>, der 270 Seiten stark von der Kirche, und zwar 1. von ihrem Entstehen (natürlich prinzipiell, nicht historisch im engeren Sinn), 2. von ihrem Bestehen und 3. von ihrer Vollendung handelt. Unter dem Gesichtspunkt «<hi rend="italic">Entstehen»</hi> finden die Lehre von der Erwählung und von der Mitteilung des heiligen Geistes ihren Platz, unter dem Gesichtspunkt «<hi rend="italic">Bestehen»</hi> als Lehre vom Unveränderlichen der Kirche die Sätze über die Schrift, die Sakramente und das Amt der Schlüssel, als Lehre von ihrem Veränderlichen die Sätze über sichtbare und unsichtbare Kirche, unter dem Titel «<hi rend="italic">Vollendung»</hi> der Kirche endlich nicht mehr und nicht weniger als die ganze Eschatologie, sofern bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> etwas davon übrig bleibt. Und nun bleibt nur noch übrig als die auf die Gnade sich beziehenden <hi rend="italic">göttlichen Eigenschaften 3</hi>. die Liebe <pb xml:id="p342" ed="pga"/> und die Weisheit darzustellen und (man weiß nicht recht, ist es ein Einfall der Verlegenheit, der Genialität oder des auf die Spitze getriebenen systematischen Scharfsinns) die ganze Entwicklung des Gnadenbewußtseins zu krönen mit einer allerdings etwas wortkargen Darlegung über die <hi rend="italic">Trinität</hi>, in der <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> aber nicht eine eigentliche Aussage des christlichen Bewußtseins, sondern eine Verknüpfung mehrerer solcher findet, sofern in dieser Lehre ausgesprochen sei, daß nichts Geringeres als das <hi rend="italic">göttliche Wesen</hi> selbst in <hi rend="italic">Christo</hi> war und der Kirche durch ihren <hi rend="italic">Gemeingeist</hi> einwohnt (II 528<note xml:id="n12">§ 170, 1; Ausgabe Redeker Bd. II, S. 458f.</note>). Damit ist der Rundblick auf die Aussagen des christlichen Bewußtseins beendigt. Ich möchte nicht versäumen, Sie schon an Hand dieser tabellarischen Übersicht auf einige Merkwürdigkeiten des Schleiermacherschen Systems wenigstens aufmerksam zu machen, deren nähere Würdigung wir uns freilich auf später vorbehalten müssen. Ich meine besonders drei Punkte: 1. die Stellung der Lehre von der <hi rend="italic">Schöpfung</hi> und Erhaltung unter dem Titel: «Beschreibung unseres frommen Selbstbewußtseins»<note xml:id="n13">1. Teil, 1. Abschnitt, Überschrift: «Beschreibung unseres frommen Selbstbewußtseins, sofern sich darin das Verhältnis zwischen der Welt und Gott ausdrückt» (Ausg. <persName ref="kbga-actors-334">Redeker</persName>, Bd. I, S. 185).</note>, 2. die Koordinierung von <hi rend="italic">Christologie</hi> und Soteriologie unter dem Titel: «Von dem Zustande des Christen, sofern er sich der göttlichen Gnade bewußt ist»<note xml:id="n14">2. Teil, des Gegensatzes andere Seite, 1. Abschnitt, Überschrift (Ausg. <persName ref="kbga-actors-334">Redeker</persName>, Bd. II, S. 29).</note>, 3. die Unterbringung der <hi rend="italic">Eschatologie</hi> unter dem Titel: «Von der Beschaffenheit der Welt in bezug auf die Erlösung»<note xml:id="n15">2. Teil, des Gegensatzes andere Seite, 2. Abschnitt, Überschrift: «Von der Beschaffenheit der Welt bezüglich auf die Erlösung» (Ausg. <persName ref="kbga-actors-334">Redeker</persName>, Bd. II, S. 207); die Eschatologie dort im 3. Hauptstück «Von der Vollendung der Kirche», S. 408ff.</note> und im Besonderen als Annex der Lehre von der <hi rend="italic">Kirche</hi>. Wie in diesem Buch mit jenen erratischen Blöcken, von denen vorhin die Rede war, umgesprungen wird, davon geben schon diese Einteilungen eine gewisse Ahnung.</p>
        <p>Aber wir müssen, bevor wir uns dem Einzelnen zuwenden, einigen <pb xml:id="p343" ed="pga"/> durch diese Übersicht gestellten <hi rend="italic">allgemeinen Problemen</hi> unsere Aufmerksamkeit schenken, ebenfalls noch nicht, um sie zu beantworten, aber um sie bei unseren weiteren Untersuchungen zu kennen. Es sind dies folgende:</p>
        <p>
                    <hi rend="italic">a) Das Verhältnis der Einleitung zum Ganzen</hi>. Die Einleitung hat von jeher, schon von der ersten Auflage an, das Interesse der Leserschaft in ganz unverhältnismäßiger Weise in Anspruch genommen. Man beachtete wohl auch noch die Einleitungsparagraphen des ersten Teils, man beschäftigte sich eingehend mit der Christologie, einzelne Untersuchungen sind natürlich gelegentlich allen Teilen des Gebäudes gewidmet worden; im ganzen aber kann man wohl sagen: was nach § 31 kommt, ist von Vielen pflichtmäßig studiert, von noch Mehreren mehr oder weniger aufmerksam durchgesehen, von den Meisten aber überhaupt nicht gelesen worden. Was die Leute an <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Glaubenslehre interessiert hat, das war und ist immer wieder die <hi rend="italic">Einleitung</hi>, in der man fand und findet — ja was? eine Begründung des Christentums mit einem Wort, eine philosophische Ableitung seiner Wahrheit aus der allgemeingültigwissenschaftlichen Wahrheit, eine Demonstration a priori, auf deren sicherem Grund es sich nachher gemächlich a posteriori dogmatisieren lasse, kurz: einen Ersatz für die verlorengegangenen Gottesbeweise und anderen Beweise für die Möglichkeit und Richtigkeit der biblischen und kirchlichen Sätze. Es war und ist unvermeidlich, daß wir Kinder eines Zeitalters, dessen Theologie an chronischer Gegenstandslosigkeit leidet, die nicht weiß, wovon sie redet, wenn sie von Gott redet, und doch immer noch und immer wieder von Gott reden <hi rend="italic">möchte</hi> — daß wir von der Frage nicht loskommen, ob nicht doch etwa in solchen Begründungen, Ableitungen und Beweisen etwas zu machen sein sollte, was uns, besonders uns Theologen, das gute Gewissen wiedergeben würde, ohne uns doch zu nötigen, mit jener realistischen Objektivität an Gott zu glauben und dann auch von Gott zu wissen wie das Mittelalter und die Reformationszeit. Diese Frage, die Verlegenheitsfrage: wie kann man ein moderner Mensch und doch ein Christ sein? ist es, die die Einleitung der Glau <pb xml:id="p344" ed="pga"/> benslehre immer wieder interessant gemacht hat, weil man in ihr hartnäckig so etwas wie eine Antwort darauf zu wittern meinte. </p>
        <p><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst hat nun freilich solchen Lesern seiner Einleitung mit allen Gebärden des Entsetzens abgewinkt. Er ist ordentlich ärgerlich darüber, daß man in ihr die «Hauptsache», den «Kern des Ganzen» habe finden wollen (Sendschreiben an <persName ref="kbga-actors-2066">Lücke</persName> 31), wo sie doch nichts sein solle als eine «vorläufige Orientierung», die genau genommen ganz außerhalb der Disziplin selbst liege. Ihm habe es sich nur darum gehandelt, dem Christentum unter den verschiedenen Modifikationen des gemeinsamen frommen Bewußtseins seine eigentümliche Stelle zu bestimmen (54) und die Formel aufzustellen «für das in allen Modifikationen des christlichen Selbstbewußtseins Gültige, außer demselben aber nicht Vorhandene», um den Offenbarungsbegriff, wie er mehreren oder allen Religionen gemeinsam sei, zunächst, und dann um die Beziehung dieses Offenbarungsbegriffs auf Christus mit der Fragestellung: das, die Beziehung dieses Allgemeinen auf die durch Jesum von Nazareth vollbrachte Erlösung, das ist, rein konstatierend gesagt, das Christentum (57). Ferne aber sei es ihm gelegen, mit diesen einleitenden Untersuchungen über Religion, Religionen und christliche Religion eine Begründung der letzteren geben zu wollen oder gar eine Demonstration a priori (56, 55). Für die christliche Glaubenslehre sei, wie wir schon letztes Mal gehört<note xml:id="n16">Vgl. oben S. 334f.</note>, nur die Darstellung die Begründung (56). Auf diesem Hintergrund muß verstanden werden, was § 1<hi rend="sup">2</hi><note xml:id="n17">Die hochgestellte Ziffer bezeichnet hier und im folgenden die jeweilige Auflage der Glaubenslehre.</note> sagt: «Diese Einleitung hat keinen anderen Zweck, als teils die dem Werke selbst zu Grunde liegende <title level="m">Erklärung der Dogmatik</title> (lies: des Begriffes der Dogmatik) aufzustellen, teils die in demselben befolgte Methode und Anordnung zu bevorworten», und was nachher in der Ausführung zu lesen steht: was der Erklärung einer Wissenschaft vorausgehe, könne nicht zu ihr selbst gehören. Alle Sätze, welche hier vorkämen, seien nicht selbst auch dogmatische, m.a.W. es könne gerade von jener Antwort, nach der schon damals die Hungrigen <pb xml:id="p345" ed="pga"/> schnappten, der Antwort auf die Wahrheitsfrage, in dieser Einleitung nicht die Rede sein.</p>
        <p>Wenn wir das, was <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in der Enzyklopädie über die Philosophische Theologie gesagt hat<note xml:id="n18">Vgl. oben S. 265–271 und besonders S. 262–265.</note>, verstanden haben, so kann es uns nicht eben schwer fallen, ihn auch in dieser Abwehr zu verstehen. Und ein oberflächlicher Blick auf die Einleitung, das vor Allem in Betracht kommende erste Kapitel derselben zunächst, bestätigt uns: <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat nichts Anderes getan als <hi rend="italic">Lehnsätze</hi> aufgestellt, aus der <hi rend="italic">Ethik</hi> zunächst über das Wesen des frommen Selbstbewußtseins im allgemeinen, aus der <hi rend="italic">Religionsphilosophie</hi> über die Stufenleiter der verschiedenen Religionen, aus der <hi rend="italic">Apologetik</hi> zur Charakterisierung des Christentums, zuletzt eine in bezug auf die vorliegende Frage ganz harmlose Darstellung über das Verhältnis von Dogma und Frömmigkeit. Hat er nicht das Recht gehabt, allen apologetisch Interessierten abzuwinken und sie auf die Darstellung selbst als auf die wahre Begründung zu verweisen? Tragisches Geschick, das ihm widerfahren ist, wird man dann sagen müssen, wenn die als Begründung gemeinten 840 letzten Seiten so wenig als solche gewirkt haben, daß man hartnäckig immer wieder zu den 160, genau genommen sogar nur 100 ersten<note xml:id="n19">Gemeint ist mit «160 Seiten» die Einleitung, mit «100 Seiten» die Einleitung abzüglich des Abschnitts IV («Vom Verhältnis der Dogmatik zur christlichen Frömmigkeit») in ihrem ersten Kapitel und ihres zweiten Kapitels.</note> zurückkehrte, um da den Stein der Weisen zu suchen, wo er nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> eigenen Beschwörungen doch gar nicht zu finden war. Aber kann man dies Schauspiel wirklich unbegreiflich finden? Man bedenke, daß gleich in § 3 das Wort «<hi rend="italic">unmittelbares</hi> Selbstbewußtsein» fällt, daß es in § 4 heißt, daß wir uns in der Frömmigkeit «unser selbst als <hi rend="italic">schlechthin abhängig»</hi> oder, was dasselbe sagen wolle, «als in Beziehung mit Gott bewußt» seien. § 6 nennt das fromme Selbstbewußtsein ein «<hi rend="italic">wesentliches</hi> Element der menschlichen Natur». In § 8 wird unverkennbar die Klasse von Religionen, zu denen das Christentum gehört, die monotheistische, auf die <hi rend="italic">Spitze</hi> der religionsgeschichtlichen Stufenleiter erhoben. Das alles schmeckt nun einmal merkwürdig nach <pb xml:id="p346" ed="pga"/> Wahrheit, nach fast oder ganz absoluten Dingen. Unmittelbar, schlechthin abhängig, Beziehung mit Gott, wesentliches Element der menschlichen Natur, höchste Religionsstufe — was auch damit gemeint sein mag, sind das bloß deskriptive Feststellungen? Sind da nicht schon letzte Entscheidungen gefallen? Darf man, darf <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> es dem verängstigten Theologen verargen, wenn er da Morgenluft, sicheren Grund wittert? Wie formal die Abweisung, diese Sätze gehörten gar nicht in die Dogmatik, seien nur Lehnsätze aus anderen, sogar weltlichen Wissenschaften! Einerlei, wo sie her sind, der Mann, der sie ausstößt, scheint jedenfalls um ihre Wahrheit zu wissen. Umso besser sogar, wenn sie aus einer weltlichen Wissenschaft, heiße sie nun Ethik oder wie immer, stammen, umso sicherer, daß uns hier jener Ersatz winkt, daß uns hier die bittere Wahl zwischen der Skylla der modernen Skepsis und der Charybdis der mittelalterlichen Objektivität erspart bleibt. Weist das alles nicht darauf hin, daß auch <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst zweifellos noch eine <hi rend="italic">andere</hi> Begründung seines Gebäudes kennt außer der Darstellung selbst, auf die er seine Leser so ungeduldig verweist und mit der sich seltsamerweise niemand will abspeisen lassen, daß er selbst von dieser anderen Begründung herkommt und daß dort hinter der Szene verschiedene nicht ganz gleichgültige Dinge schon abgemacht worden sind, z.B. daß Frömmigkeit «weder ein Wissen noch ein Tun, sondern eine Bestimmtheit des Gefühls» sei (§ 3), daß es so etwas wie schlechthinige Abhängigkeit gebe und daß das im Handkehrum dasselbe sei wie Beziehung mit <hi rend="italic">Gott</hi> (§ 4), aber doch ein wesentliches Element der <hi rend="italic">menschlichen Natur</hi> (§ 6), ferner so interessante Dinge wie (§ 13): «Die Erscheinung des Erlösers in der Geschichte ist als göttliche Offenbarung weder etwas schlechthin Übernatürliches noch etwas schlechthin Übervernünftiges»? Man bedenke, was das sagen will, daß das alles, noch bevor die eigentliche Dogmatik anfängt, ausdrücklich unter Berufung auf eine <hi rend="italic">anderweitig</hi> feststehende Wahrheit, schon <hi rend="italic">erledigt</hi> ist. Ist es nicht klar, daß unter diesen Umständen der Ort so gewaltiger Ereignisse keineswegs eine bloße Ouvertüre ist, die man allenfalls auch versäumen kann, sondern vielleicht interessanter als die ganze Oper, die nachher gespielt wird? Nein, <pb xml:id="p347" ed="pga"/> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> darf sich nicht beklagen, wenn auch wir neugierig vor Allem an diese einunddreißig Paragraphen uns halten. Ethik und Religionsphilosophie hin und her: <hi rend="italic">hier</hi> wird offenbar die Katze in den Sack gesteckt, die wir nachher kaufen sollen, <hi rend="italic">hier</hi> wird die Suppe gekocht, die wir nachher essen sollen, <hi rend="italic">hier</hi> entscheidet es sich, was mit diesem christlich-frommen Bewußtsein eigentlich los ist, was es nachher sagen und nicht sagen darf. Hier wollen wir also jedenfalls — der Vorsicht halber — dabei sein, bevor wir uns auf das Ganze, das hier so harmlos «eingeleitet» wird, einlassen.</p>
        <p>
                    <milestone xml:id="m4.II.24" unit="line"/>
                    <hi rend="italic">b) Der sogenannte «Gegensatz» des zweiten Hauptteils</hi>. Der Hebel, den <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> zu seiner Hauptteilung des dogmatischen Stoffs in Bewegung gesetzt hat, ist der Begriff des <hi rend="italic">Gegensatzes</hi>, nämlich zwischen Sünde und Gnade. Mittelst dieser zwei «Seiten» des Gegensatzes disponiert er seinen zweiten Hauptteil, von dem sich der erste abhebt als das durch diesen Gegensatz nicht sowohl <hi rend="italic">bestimmte</hi> als <hi rend="italic">vorausgesetzte</hi> und in dem durch den Gegensatz bestimmten auch immer <hi rend="italic">mitenthaltene</hi> fromme Selbstbewußtsein. Vgl. dazu die Überschriften der beiden Hauptteile<note xml:id="n20">Vgl. oben S. 339f., Anm. 11.</note>. Aber um den Sinn dieser Hauptteilung zu verstehen, müssen wir zuerst den Begriff des «Gegensatzes», also die Disposition des zweiten Hauptteils, verstanden haben<note xml:id="n21">Randnotiz im Mskr.: «§ 5!». Der Leitsatz von § 5 lautet: «Das Beschriebene bildet die höchste Stufe des menschlichen Selbstbewußtseins, welche jedoch in ihrem wirklichen Vorkommen von der niederen niemals getrennt ist, und durch die Verbindung mit derselben zu einer Einheit des Momentes auch Anteil bekommt an dem Gegensatz des Angenehmen und Unangenehmen.»</note>. Die <hi rend="italic">Texte</hi>, die hier nachzulesen sind, sind vor Allem die Absätze § 11, 2; 62, 1; 63, 2-3; 64, 1. Wie kommt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> auf den Gegensatz Sünde — Gnade, und was versteht er darunter Er antwortet darauf zunächst, besonders in bezug auf den Begriff <hi rend="italic">Sünde</hi>, wenn auch ohne diese Formeln<note xml:id="n22">Scil. Sünde und Gnade.</note> ausdrücklich zu gebrauchen, in der Einleitung bei der Bestimmung des <title level="m">Wesens des Christentums</title> (§ 11, 2), indem er als zugestandenes Faktum voraussetzt, daß mit dem Ausdruck <hi rend="italic">Erlösung</hi> das bezeichnet sei, was, wenn <pb xml:id="p348" ed="pga"/> auch in verschiedener Weise aufgefaßt, allen Christen gemeinsam sei. Er bezeichne offenbar passiv den <hi rend="italic">Übergang</hi> aus einem schlechten, als Gebundenheit vorgestellten Zustand zu einem besseren, aktiv die dazu von einem Anderen geleistete <hi rend="italic">Hilfe</hi>. In was besteht nun, wenn es sich um die Frömmigkeit handelt (man beachte die stillschweigende Restriktion des Erlösungsgedankens auf die Frömmigkeit, die hier vorgenommen wird!), der vorausgesetzte <hi rend="italic">schlechtere</hi> Zustand? Offenbar darin, «daß die <hi rend="italic">Lebendigkeit</hi> des höheren Selbstbewußtseins <hi rend="italic">gehemmt oder</hi> (!) <hi rend="italic">aufgehoben</hi> ist, so daß Einigung desselben mit den verschiedenen Bestimmtheiten des sinnlichen Selbstbewußtseins und also fromme <hi rend="italic">Lebensmomente wenig oder gar nicht zustande kommen»</hi>. Man könne nun diesen Zustand in seinem Extrem als «Gottlosigkeit oder besser (!) Gottvergessenheit bezeichnen», auf keinen Fall aber an eine «gänzliche Unmöglichkeit der Belebung des Gottesbewußtseins denken». Wie könnte man ihn sonst als Übel empfinden?, und es müßte ja dann, man denke, «um diesen Mangel aufzuheben, … eine <hi rend="italic">Umschaffung</hi> im eigentlichen Sinne» ins Auge gefaßt werden, «und diese Vorstellung ist in dem Begriff der Erlösung <hi rend="italic">nicht</hi> enthalten», dekretiert <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, ohne mit der Wimper zu zucken. Nach diesem weiteren Attentat auf den neutestamentlichen Erlösungsbegriff hat er es nun leicht zu sagen, es bleibe also nur übrig, jenen schlechten Zustand «als eine <hi rend="italic">nicht vorhandene Leichtigkeit</hi> zu bezeichnen, das Gottesbewußtsein in den Zusammenhang der wirklichen Lebensmomente einzuführen und darin festzuhalten», und es könne der Gegensatz der beiden Zustände nur als der eines «<hi rend="italic">Mehr und Minder»</hi>, also als ein quantitativer aufgefaßt werden, der schlechtere Zustand also als eine <hi rend="italic">größere</hi> Aktivität des sinnlichen oder als eine <hi rend="italic">kleinere</hi> Aktivität des höheren Selbstbewußtseins, unter welcher Bedingung «eine <hi rend="italic">Befriedigung</hi> der Richtung auf das Gottesbewußtsein nicht möglich» sei, eine <hi rend="italic">erlösungsbedürftige «Gebundenheit</hi> des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls» also. Nicht als ob es in jeder Beziehung etwa Null wäre, aber es <hi rend="italic">dominiert</hi> in irgend einer Beziehung nicht. Das also wäre nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> <hi rend="italic">Sünde</hi>. </p>
        <p>Ihr steht nun (nach § 63, 2) als der bessere Zustand gegenüber «die Leichtigkeit, mit welcher wir den verschiedenen sinnlichen <pb xml:id="p349" ed="pga"/> Erregungen des Selbstbewußtseins das Gottesbewußtsein einzubilden vermögen». Sind wir uns der <hi rend="italic">Sünde</hi>, gerade weil es auch in der Gebundenheit nicht zu einer Nullität des schlechthinigen Abhängigkeitsbewußtseins kommt, bewußt als einer <hi rend="italic">Tat</hi>, so der <hi rend="italic">Gnade</hi>, als in der uns widerfahrenden Erlösung begründet, als einer <hi rend="italic">Mitteilung</hi>, wobei aber Mitteilung und Tat sich nicht streng ausschließen, wie auch Sünde und Gnade selbst im unmittelbaren Selbstbewußtsein <hi rend="italic">nicht</hi> etwa «als miteinander <hi rend="italic">unverträglich</hi> [ganz] <hi rend="italic">auseinander</hi> gehalten» sind (§ 63, 3): die «Energie des Gottesbewußtseins» ist «nie eine schlechthin größte» oder im Verhältnis zum sinnlichen Selbstbewußtsein schlechthin stetige, sondern immer «ist eine begrenzende Unkräftigkeit desselben <hi rend="italic">mitgesetzt</hi>». Ebensowenig kann aber in einem christlichen Bewußtsein der Zusammenhang mit der Erlösung ganz ausfallen, sondern ist als Tat des Erlösers überall <hi rend="italic">mitgesetzt</hi> wie die Sünde als <hi rend="italic">unsere</hi> Tat. Die <hi rend="italic">Trennung</hi> der Betrachtung von Sünde und Gnade ist also (§ 64, 1) nur der Übersichtlichkeit wegen «<hi rend="italic">willkürlich</hi> gemacht». Eins von beiden für sich beschrieben ist keine Beschreibung eines wirklichen christlichen Bewußtseins. Wie ein ausschließliches Sündenbewußtsein auch nur in bezug auf einzelne Lebensteile <hi rend="italic">kein</hi> christliches Bewußtsein wäre, so auch kein Gnadenbewußtsein, das ohne Erinnerung und Anerkennung der eigenen Erlösungsbedürftigkeit, also ohne Sündenbewußtsein wäre. </p>
        <p>Ich brauche kaum darauf aufmerksam zu machen, daß diese Lehre eine <hi rend="italic">toto coelo</hi> andere ist als die etwa Röm. 6 über denselben Gegenstand vorgetragene. Die Erklärung ist einfach: Sünde und Gnade, beide als <hi rend="italic">Quantum</hi>, und dann natürlich als zwei sich gegenseitig begrenzende, also <hi rend="italic">relative</hi> Quanten, das ist die Folge davon, daß man die sogenannte «Erlösung» nur als <hi rend="italic">Zuständlichkeit</hi> des <hi rend="italic">Bewußtseins</hi>, also als gegebene Größe kennt. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat in der zweiten Auflage den Ausdruck «relativ», soweit ich sehe, vermieden. Nicht so in der ersten, wo es in § 33 ausdrücklich heißt: «Die christliche Frömmigkeit beruht auf dem <hi rend="italic">gefühlten</hi> Gegensatz zwischen der eigenen <hi rend="italic">Unfähigkeit</hi> und der durch die Erlösung mitgeteilten <hi rend="italic">Fähigkeit</hi>, das fromme Bewußtsein zu verwirklichen; dieser Gegensatz ist aber nur ein <hi rend="italic">relativer</hi>.» <hi rend="italic">Exklusivität</hi>, die Exklusivität <pb xml:id="p350" ed="pga"/> des Gegensatzes von <hi rend="italic">Tod</hi> und <hi rend="italic">Leben</hi>, wie ihn das Neue Testament zwischen Sünde und Gnade setzt, kann nur der <hi rend="italic">Wahrheit</hi> eigen sein, nicht der Wirklichkeit, nur dem <hi rend="italic">Geist</hi>, nicht der Natur, auch nicht der psychischen Natur, nur <hi rend="italic">Gott</hi>, nicht dem menschlichen Bewußtsein von Gott. Ein <hi rend="italic">gefühlter</hi> Gegensatz kann kein <hi rend="italic">absoluter</hi> Gegensatz sein. Nur von einem <hi rend="italic">geglaubten</hi> und <hi rend="italic">erkannten</hi> Gegensatz könnte das gelten. Das hat <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> an sich sehr richtig gesehen. «Sünde» <hi rend="italic">ist</hi> in der Tat ein Bestandteil des christlichen Gnaden<hi rend="italic">bewußtseins</hi> so gut wie Gnade, und «Gnade» wird in der Tat auch dem schlimmsten Sünden<hi rend="italic">bewußtsein</hi> immer auch ein bißchen zur Seite gehen. Aber statt daß die Einsicht in diesen Relativismus auf <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Grundanschauung vom <hi rend="italic">Gegenstand</hi> der Glaubenslehre als <hi rend="italic">Dynamit</hi> gewirkt, ihn zum Nachdenken darüber veranlaßt hätte, ob es nicht abgesehen von allem Bewußtsein eine exklusiv regierende Sünde und eine exklusiv triumphierende Gnade geben, ob <hi rend="italic">dieser</hi> Gegensatz nicht etwa das Thema einer durch das Neue Testament belehrten Darstellung des Christentums sein müßte, — hat er vielmehr diesen Relativismus getrost zum Eckstein seiner Dogmatik gemacht. Man bringe diese Dynamitkapsel zur Entzündung, man sage, was hier zu sagen <hi rend="italic">ist</hi>: Sünde als Bestandteil, als Quantum, ist nicht die Sünde gegen <hi rend="italic">Gott</hi>, und Gnade im selben Sprachgebrauch ist nicht die Gnade <hi rend="italic">Gottes</hi>, so kommt das ganze Gebäude in der Mitte zum Einsturz. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat das <hi rend="italic">nicht</hi> gesagt. Seine ganze Theologie <hi rend="italic">lebt</hi> davon, daß er das <hi rend="italic">nicht</hi> gesagt hat. Der «Gegensatz» seines zweiten Hauptteils ist ein psychologischer und damit ein relativer und damit ein den <hi rend="italic">christlichen</hi> Gegensatz jedenfalls im Sinn des Neuen Testaments und der Reformation <hi rend="italic">nicht</hi> erreichender Gegensatz. Dieser Umstand ist es, der sein System zusammenhält. Man beachte hier noch die merkwürdige Stelle (§ 62, 1), den Anfang des zweiten Hauptteils. Hier erwägt nämlich <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst die Möglichkeit, ob es nicht, wenn auch nur im «Wert eines unendlich Kleinen»<note xml:id="n23">Schl.: «… des unendlich Kleinen»</note>, ein «<hi rend="italic">stetiges Gesetztwerden</hi>» der Beziehung des Menschen zu Gott gebe <hi rend="italic">jenseits</hi> des psychologisch als Hemmung oder <pb xml:id="p351" ed="pga"/> Förderung des Gottes<hi rend="italic">bewußtseins</hi> gedachten Gegensatzes. Ein solches wäre <hi rend="italic">denkbar</hi>, meint er, <hi rend="italic">entweder</hi> als «stetige Zurückdrängung», als «die stumpfsinnige Gleichmäßigkeit des Gottesbewußtseins in einem Dasein», in dem nur der übrige Inhalt des Bewußtseins eigentlich lebendig wäre, <hi rend="italic">oder</hi> als «selige Gleichmäßigkeit einer stetigen Obergewalt des Gottesbewußtseins» in einem Dasein, in dem das ganze Bewußtsein mit absoluter Leichtigkeit und Stärke fortwährend auch Gottesbewußtsein zu werden vermöchte. Offenbar schwebt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> bei den so beschriebenen Zuständen etwas von der Art vor, was die pietistische Sprache als «geistlichen Tod» und «geistliches Leben» zu bezeichnen pflegt. In dieser Form also vermöchte er sich ein gegensatzloses, absolutes Verhältnis zu Gott negativer oder positiver Form wenigstens <hi rend="italic">denkbar</hi> zu machen. Die neutestamentliche, die absolute Dialektik von Sünde und Gnade scheint hier, wenn auch in ziemlich abscheulicher psychologistisch-verkrampfter Form, von weitem sichtbar zu werden. Aber nur, um sofort wieder zu verschwinden. Daß es sich hier um die widergöttliche und dort um die göttliche <hi rend="italic">Unmöglichkeit</hi> handeln könnte, beide höher als alle Vernunft, das sah <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nicht, andererseits war er zu scharfsichtig und zu geschmackvoll, um sich auf jene beiden künstlich zurechtgemachten <hi rend="italic">Möglichkeiten</hi> im Ernst einzulassen. Er fährt also fort: «Offenbar [aber] ist <hi rend="italic">unser</hi> frommes Selbstbewußtsein <hi rend="italic">nicht</hi> ein solches, in welchem kein Mehr und Minder gesetzt wäre; sondern das unsrige <hi rend="italic">schwankt</hi> zwischen jenen beiden Extremen, indem es die Ungleichheiten des zeitlichen Lebens teilt.» Ist dies Mehr und Minder nicht einfach eine «fließende Differenz», fragt sich <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst, mehr als ein <hi rend="italic">Gegensatz</hi>? Jedenfalls das letztere nur, sofern es sich entweder um freie Entwicklung oder um Hemmung, also um Lust oder Unlust handelt, und diese beiden sind auch auf diesem Gebiet nicht «so von einander geschieden zu denken, daß streng genommen irgendwo oder irgendwann das eine wäre ohne das andere». <hi rend="italic">Dieser</hi> Gegensatz also, der nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> eigenem Ausdruck auch «fließende Differenz» heißen könnte oder, ebenfalls in seinen eigenen Worten, unser «Schwanken zwischen jenen beiden Extremen», das ist also der Inhalt und das Tei <pb xml:id="p352" ed="pga"/> lungsprinzip des zweiten Hauptteils und damit der eigentliche Gegenstand der Glaubenslehre. Ich habe <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in seiner eigensten Intention <hi rend="italic">verstanden</hi> und nicht etwa böswillig mißverstanden, wenn ich in der Überschrift ausdrücklich sagte: der <hi rend="italic">sogenannte</hi> «Gegensatz».</p>
        <p>
                    <hi rend="italic">c) Das Verhältnis der beiden Hauptteile zueinander</hi>. Das in der beschriebenen Weise durch den Gegensatz bestimmte christliche Selbstbewußtsein bildet den Gegenstand des zweiten Hauptteils. Die Situation wäre einfach, wenn <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> dem ersten Hauptteil nun etwa das diesen Gegensatz nicht oder noch nicht enthaltende, empirisch oder transzendental aufzufassende allgemeine fromme Selbstbewußtsein zuschreiben würde. Wir würden es dann offenbar entweder vorkantisch mit einer natürlich-theologischen oder kantisch mit einer kritischen Religionsphilosophie zu tun haben. Aus der Überschrift des ersten Teils in der ersten Auflage könnte man etwas Ähnliches herauslesen. Sie lautete: «Entwicklung des frommen Selbstbewußtseins als eines <hi rend="italic">der menschlichen Natur einwohnenden</hi>, dessen entgegengesetzte Verhältnisse zum sinnlichen Selbstbewußtsein (also dessen gegensätzliche Bestimmtheiten) <hi rend="italic">sich erst entwickeln sollen</hi>.» Aber der § 39<hi rend="sup">1</hi>, der auch dieses fromme Selbstbewußtsein mit aller Bestimmtheit als christlich in Anspruch nimmt, hätte schon damals das Mißverständnis ausschließen müssen, als ob es sich hier um ein Allgemeines im Gegensatz zum ChristlichBesonderen, um ein Vorher im Gegensatz zu einem christlichen Nachher oder gar um ein transzendentales Apriori im Gegensatz zu einer christlichen Wirklichkeit handle. Die dennoch eingetretenen Mißverständnisse haben dann <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> veranlaßt, jene Überschrift in der zweiten Auflage in der bekannten Weise zu präzisieren: «Entwicklung des frommen Selbstbewußtseins, wie es in jeder christlich frommen Gemütserregung <hi rend="italic">immer schon vorausgesetzt</hi> wird, aber auch <hi rend="italic">immer mit enthalten ist</hi>.» Die Aufgabe, zu verstehen, was <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> wollte, ist freilich durch diesen Sachverhalt nicht leichter gemacht. Die Texte, die hier zu vergleichen sind, sind § 11, 3; <pb xml:id="p353" ed="pga"/> § 29; § 32; § 62, 2-3 und die Darlegung im zweiten Sendschreiben an <persName ref="kbga-actors-2066">Lücke</persName>, S. 30–47 bei <persName ref="kbga-actors-290">Mulert</persName>.</p>
        <p>
                    <hi rend="italic">§ 11, 3</hi> sagt in Fortsetzung der vorhin erwähnten Bestimmung des Wesens des Christentums, das sei das Unterscheidende des Christentums von anderen frommen Gemeinschaften, denen ja der Begriff der Erlösung auch nicht fremd sei, 1. daß sie und der mit ihr gesetzte Gegensatz hier «nicht etwa nur ein einzelnes religiöses Element» sei wie andere auch, «sondern daß <hi rend="italic">alle anderen frommen Erregungen hierauf bezogen</hi>«würden (eine echt pietistisch-herrnhutische Behauptung übrigens!), 2. «daß die Erlösung (hier) als ein allgemein und <hi rend="italic">vollständig durch Jesum von Nazareth Vollbrachtes</hi> gesetzt» werde — beides «nicht von einander zu trennen, sondern wesentlich zusammengehörig». Lassen wir das Verhältnis dieser beiden Punkte unter sich in diesem Zusammenhang auf sich beruhen. Entscheidend ist, was nun folgt: Diese Wesensbestimmung des Christentums sei nicht so zu verstehen, «als ob alles christliche fromme Bewußtsein <hi rend="italic">keinen anderen Inhalt</hi> haben könne als nur Jesum und die Erlösung, sondern nur, daß alle frommen Momente» als durch jene Erlösung <hi rend="italic">gesetzt</hi> oder aber (sofern das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl in ihnen noch gebunden sei) «als jener Erlösung <hi rend="italic">bedürftig</hi> gesetzt» werden. Dieser <hi rend="italic">überall mitgesetzte andere Inhalt</hi> frommer Momente könne stärker oder schwächer sein, ohne den <hi rend="italic">christlichen</hi> Charakter zu gefährden. Nur solche Momente, die <hi rend="italic">ganz ohne</hi> Beziehung auf die Erlösung, <hi rend="italic">ganz ohne</hi> Vergegenwärtigung des Bildes des Erlösers wären, würden als solche aus dem Christentum herausfallen. </p>
        <p>Was haben wir nun unter jenem überall mitgesetzten anderen Inhalt zu verstehen? Darauf antwortet ausführlich <hi rend="italic">§29, 1</hi>: Der Gegensatz zwischen dem gebundenen und befreiten schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl setzt offenbar jenes Gefühl selbst und ein Wissen darum schon <hi rend="italic">voraus</hi>, so beginnt die Darlegung. Dagegen ist zunächst nicht viel zu sagen. Es fragt sich bloß, was das für eine <hi rend="italic">Voraussetzung</hi>, was das für ein <hi rend="italic">Wissen</hi> und inwiefern dieses Vorausgesetzte und Gewußte ein <hi rend="italic">Gefühl</hi> ist. Aber dieser Frage entzieht sich nun <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> mit zwei eleganten Sprüngen: <hi rend="italic">Denn</hi>, so begründet <pb xml:id="p354" ed="pga"/> er nämlich jene Behauptung: da uns das schlechthinige Ahängigkeitsgefühl «nirgends anders als <hi rend="italic">im Menschen gegeben</hi> ist: so können wir auch nur darum wissen, sofern es <hi rend="italic">in uns selbst ist</hi>». Könnte die Voraussetzung von Sünde und Gnade, nach der in der Tat zu fragen ist, nicht etwa auch ganz etwas Anderes sein als etwas im Menschen Gegebenes, z.B. Gericht und Barmherzigkeit des erwählenden Gottes oder des Menschen Abfall und Versöhnung? Könnte das zweitens vorausgesetzte Wissen um diese Voraussetzung nicht das Wissen Gottes <hi rend="italic">selber</hi> sein? Aber dann wäre «schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl» offenbar ein sehr fragwürdiger Ausdruck für dieses Vorausgesetzte, dann könnte so getrost nicht behauptet werden, daß diese Voraussetzung in uns selbst ist. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat vorgezogen, seine erste Behauptung durch eine <hi rend="italic">zweite</hi>, und zwar gerade durch die getroste Behauptung des <hi rend="italic">dunkelsten</hi> Moments der ersten zu begründen. Und nun macht er den zweiten Sprung: <hi rend="italic">weil</hi> das Vorausgesetzte im Menschen selbst gegeben ist, so kann der Zustand, der dem Gegensatz virtuell vorausgeht, «<hi rend="italic">weder</hi> [die] absolute Gott[es]<hi rend="italic">vergessenheit</hi> sein, <hi rend="italic">noch</hi> auch das bloße gehaltlose <hi rend="italic">Streben</hi> nach dem Gottesbewußtsein, sondern dieses», das <hi rend="italic">Gottesbewußtsein</hi>, «<hi rend="italic">muß irgendwie im Selbstbewußtsein gegeben sein</hi>». Das Ziel ist erreicht. Noch immer könnte ja eine Voraussetzung, die in uns selbst ist, darum doch nicht in unserem <hi rend="italic">Selbst</hi>bewußtsein, nicht <hi rend="italic">gegeben</hi> sein. Wenn dieses Etwas <hi rend="italic">Gottes</hi>bewußtsein ist, so könnte das auch in uns immer noch <hi rend="italic">subjektiv</hi> verstanden werden: Gottes <hi rend="italic">eigenes</hi> Bewußtsein, wohl zu unterscheiden von unserem Selbstbewußtsein, und als solches sicher nie und nimmer ein «Gegebenes». Aber <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat vorgezogen, mit Hilfe des berühmten theologischen «irgendwie» weiterzubehaupten, wiederum in Unterstreichung gerade der schwächsten Stelle seines <hi rend="italic">zweiten</hi> Satzes, wie er es vorher mit seinem ersten getan, und so kommt Gottesbewußtsein als ein <hi rend="italic">Gegebenes</hi>, objektiv zu verstehen als etwas, was der <hi rend="italic">Mensch</hi> weiß, ins Selbstbewußtsein, so beweist <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> das Vorhandensein jenes überall mitgesetzten <hi rend="italic">anderen</hi> Inhalts christlich frommer Momente, jener <hi rend="italic">Voraussetzung</hi> der durch den christlichen Gegensatz bestimmten frommen Erfahrung. Und mit diesem aus zwei Saltos <pb xml:id="p355" ed="pga"/> mortales bestehenden Beweis ist nun die Bergspitze, die hier zu erklimmen war, schon erreicht. </p>
        <p>Man sucht auch in <hi rend="italic">§ 32</hi>, mit dem der erste Teil anfängt, vergeblich nach einer Erleuchtung darüber, inwiefern es hier mit rechten Dingen zugegangen sei. Im Gegenteil: besonders der Leitsatz verschärft hier noch den Eindruck des Mirakulösen, indem er sagt, «in jedem christlich frommen Selbstbewußtsein» werde «immer schon vorausgesetzt» und sei «<hi rend="italic">also</hi> (!) auch <hi rend="italic">darin mit enthalten</hi>» das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl, und zwar «als die einzige Weise, wie im allgemeinen <hi rend="italic">das eigene Sein und das unendliche Sein Gottes im Selbstbewußtsein Eines sein</hi>» könne. Nicht nur stehen wir hier noch einmal staunend vor der Begründung, daß das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl, <hi rend="italic">weil</hi> im christlich frommen Bewußtsein <hi rend="italic">vorausgesetzt</hi>, auch in ihm <hi rend="italic">mitenthalten</hi> sei, sondern mehr noch: wir hören, daß dieses Vorausgesetzte, <hi rend="italic">also</hi> Mitenthaltene, nicht genug, daß es das irgendwie im Selbstbewußtsein gegebene <hi rend="italic">Gottes</hi>bewußtsein ist, geradezu das Ein<hi rend="italic">ssein</hi> des <hi rend="italic">eigenen</hi> und des unendlichen <hi rend="italic">göttlichen</hi> Seins im Selbstbewußtsein darzustellen behauptet. </p>
        <p>
                    <milestone xml:id="m5.II.24" unit="line"/> Alles Weitere — wir kehren zu <hi rend="italic">§ 29</hi> zurück — ist nun leicht zu verstehen. Dieser vorausgesetzte und also mitgesetzte andere, nicht durch den Gegensatz bestimmte Inhalt frommer Momente <hi rend="italic">verschwindet nicht</hi>, «wenn das Gemüt christlich ergriffen wird», sondern der entsprechende Gemütszustand wird dadurch «erleichtert» und «begünstigt», er gehört nun einfach <hi rend="italic">mit</hi> zum christlich frommen Bewußtsein als dessen durch Sünden- und Gnadenbewußtsein <hi rend="italic">unverändert</hi> mitlaufende Komponente. Andererseits ist von ihm zu sagen, daß er nicht etwa für sich allein, sondern eben nur als <hi rend="italic">Komponente</hi>, in <hi rend="italic">Verbindung</hi> mit jener positiven Bestimmtheit einen wirklichen frommen Moment konstituiert (vgl. § 32, 1). Also in beiden Komponenten <hi rend="italic">zusammengenommen</hi> ist das Gebiet der christlichen Frömmigkeit beschlossen, wobei sich die Voraussetzung zu dem Bestimmten so verhält «wie im Leben überhaupt das (Sich-als-ein-) <hi rend="italic">IchSetzen</hi>» des Individuums «zu den <hi rend="italic">einzelnen Momenten</hi> seines Daseins» (§ 32, 1). Mag auch in den Lehnsätzen, die die Voraussetzung betreffen, das eigentümlich Christliche weniger stark hervortreten, <pb xml:id="p356" ed="pga"/> mögen sie im Ausdruck am leichtesten mit den anderen Religionen zusammentreffen, so sind sie dennoch Aussagen über das fromme Selbstbewußtsein, also wahrhaft <hi rend="italic">dogmatische</hi> Sätze, und zwar durch ihren Zusammenhang mit der anderen Komponente bestimmt <hi rend="italic">christliche</hi> Sätze und <hi rend="italic">nicht etwa</hi> — <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> legt größten Nachdruck darauf — «<hi rend="italic">Bestandteile einer allgemeinen oder sogenannten natürlichen Theologie</hi>» [§ 29, 2]. Das Gebiet der Dogmatik ist streng beschränkt auf die Zeit der christlichen Entwicklung des Gegensatzes (mit Inbegriff des in dieser Entwicklung Vorausgesetzten und Mitenthaltenen), was aber <hi rend="italic">vor</hi> dieser Zeit liegt oder <hi rend="italic">jenseits</hi> dieser Zeit dort, wo der Gegensatz von Sünde und Gnade schon wieder überwunden ist, das gehört <hi rend="italic">nicht</hi> oder doch nur im Zusammenhang mit frommen Gemütszuständen <hi rend="italic">innerhalb</hi> des Gegensatzes in die Glaubenslehre [§ 29, 3]. Es gibt (§ 32, 3) keine frommen Lebensmomente, deren Inhalt das Gottesbewußtsein an und für sich wäre, auch nicht etwa in der jüdischen oder mohammedanischen Religion, wo als bestimmte Komponente anstelle der Erlösung in Christus eben die Gesetzgebng des Mose oder die Prophetie des Muhammed tritt. Also kein allgemeines Gottesbewußtsein im Gebiet der christlichen Frömmigkeit ohne Beziehung auf Christus! Keine Überschätzung der Sätze des <hi rend="italic">ersten</hi> Teils, als komme es hier zu einer ursprünglichen, allgemeingültigen natürlichen Theologie! Aber andererseits: Keine Sätze des <hi rend="italic">zweiten</hi> Teils, die nicht auf die <hi rend="italic">Voraussetzung</hi> des Gegensatzes, das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl, zurückgingen! Keine <hi rend="italic">Unter</hi>schätzung der Sätze des ersten Teils, als ob sie etwa nur «die Abspiegelung eines dürftigen, nur so eben monotheistischen Gottesbewußtseins» wären, wo sie doch vielmehr nur Abstraktionen des <hi rend="italic">christlichen</hi> Gottesbewußtseins sind. Maßstab für das Verhältnis zu Christus ist die dadurch hervorgebrachte Stetigkeit jenes Gottesbewußtseins, wogegen — und hier nimmt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> von <persName ref="kbga-actors-441">Zinzendorf</persName> Abstand — «ein Verhältnis zu Christo, durch welches das Gottesbewußtsein in den Hintergrund gestellt oder gleichsam antiquiert würde, … zwar ein sehr inniges sein könnte», aber streng genommen nicht fromm wäre [§ 62, 3].</p>
        <p>Rekapituliert: das christliche Bewußtsein im engeren Sinn hat <pb xml:id="p357" ed="pga"/> eine Voraussetzung, das Abhängigkeits- oder Gottesbewußtsein überhaupt. Wir finden es (erster Sprung) in uns selbst, (zweiter Sprung) in unserem Selbstbewußtsein. Also ist dieses Gottesbewußtsein im christlichen nicht nur vorausgesetzt, sondern mitenthalten. Also bilden die Aussagen beider [Teile] zusammen die Totalität der notwendigen dogmatischen Sätze. Die Problematik des Gedankengangs steckt offenbar dort, wo die Sprünge stattfinden. Wir werden bei der Besprechung der Einleitung darauf zurückkommen müssen. In diesem Zusammenhang interessiert sie uns nur zur Beantwortung der Frage, was <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> mit der ganzen komplizierten Sache eigentlich gewollt hat. Keine natürliche Theologie geben! versichert er uns immer wieder. Aber warum dann jene krampfhaften Bemühungen, das Gottesbewußtsein auf dem Umweg über die christliche Erfahrung als deren Voraussetzung in das Selbstbewußtsein als solches hineinzubringen und so ein <hi rend="italic">Ich</hi> zu setzen, im Verhältnis zu dem das ganze positive Christentum nur ein einzelnes Daseinsmoment neben anderen ist? Nachdem, wie wir sehen werden, in der Einleitung derselbe Weg schon einmal, nur in umgekehrter Richtung beschritten, das unmittelbare Selbstbewußtsein als schlechthiniges Abhängigkeits- oder Gottesbewußtsein nachgewiesen worden war! Handelt es sich wirklich bei diesem ersten Teil um etwas Anderes als darum, die Verbindung herzustellen zwischen den im zweiten Teil zu entwickelnden <hi rend="italic">Prädikaten</hi> und<note xml:id="n24">Mskr.: «mit». Korrektur vom Hrsg.</note> dem in der Einleitung bereits aufgewiesenen <hi rend="italic">Subjekt</hi> der dogmatischen Aussagen, und so das Christentum nun eben doch, nur nicht in seiner christlichen Bestimmtheit, aber in deren notwendiger Voraussetzung, zu verankern in den allgemeingültigen Sätzen der Ethik und der Religionsphilosophie? Gewiß, der erste Teil der Glaubenslehre ist keine «natürliche Theologie». Aber was sagt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selber im Leitsatz zu § 33? «Die <hi rend="italic">Anerkennung</hi>, daß dieses schlechthinige Abhängigkeitsgefühl … nicht etwas Zufälliges ist noch auch etwas persönlich Verschiedenes, sondern <hi rend="italic">ein allgemeines Lebenselement</hi>, ersetzt für die Glaubenslehre <hi rend="italic">vollständig alle sogenannten Beweise für das Dasein Gottes</hi>.» <pb xml:id="p358" ed="pga"/> Also der zweite Teil entwickelt die bestimmt christliche Dogmatik, der erste Teil ihre Voraussetzung. Die Einleitung anerkennt diese Voraussetzung als allgemeines Lebenselement, als, wie die Überschrift des ersten Teils in der ersten Auflage noch ausdrücklich verriet: «<hi rend="italic">der menschlichen Natur einwohnend</hi>». Und diese Anerkennung ersetzt nach § 33 die Beweise für das Dasein Gottes. Also würde die Einleitung eine natürliche Theologie mindestens <hi rend="italic">ersetzen</hi>, was mit dem, was wir über das Verhältnis der Einleitung zum Ganzen gehört, ganz übereinstimmt, und der erste Teil wäre in der Tat als hin und her zu begehende Brücke zwischen dieser ersatz-natürlichen Theologie und der eigentlichen Dogmatik aufzufassen. </p>
        <p>Hören wir nun noch aus den Darlegungen des <hi rend="italic">zweiten Sendschreibens an <persName ref="kbga-actors-2066">Lücke</persName></hi>, ob <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nicht in der Tat das gemeint hat. Er spricht dort nämlich ausführlich über die von ihm erwogene Möglichkeit, die <hi rend="italic">Reihenfolge der beiden Teile umzukehren</hi>, über die Gründe, die er <hi rend="italic">dafür</hi> geltend zu machen wüßte, und über die, die ihn schließlich dazu bewogen haben, es bei der jetzigen Ordnung zu <hi rend="italic">lassen</hi>. Schon bei der ersten Auflage habe ihn der Gedanke beschäftigt. «Wäre es nicht auch ganz natürlich und anständig gewesen für einen Theologen, der durchaus von der <hi rend="italic">reformierten</hi> Schule herkommt und dies auch selbst in dem gegenwärtigen Zustand der Union gar nicht glaubt in Abrede stellen zu dürfen, wenn ich mich hierin dem <bibl corresp="kbga-bibls-439"><hi rend="italic">Heidelbergischen Katechismus</hi></bibl> näher angeschlossen hätte?»<note xml:id="n25">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2148"><hi rend="italic">Sendschreiben an <persName ref="kbga-actors-2066">Lücke</persName></hi>, Ausg. Mulert (vgl. oben S. 328, Anm. 1), S. 30.</bibl>
                    </note> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> meint damit, daß bei solcher Umkehrung der Teile auch die Glaubenslehre mit der Lehre «von des Menschen Elend» begonnen haben würde. «<title level="m">Der Vater wäre zuerst in Christo geschaut worden</title>. Die ersten bestimmten Aussagen über Gott würden gewesen sein, daß er durch die Sendung Christi das Menschengeschlecht erneuert und sein geistiges Reich in demselben stiftet.»<note xml:id="n26">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2148">A.a.O., S. 31.</bibl>
                    </note> Der erste Teil wäre dann nicht so mißverstanden worden, wie er leider mißverstanden worden sei, nämlich als der spekulative und darum wichtigere Teil, von dem aus <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in Form einer Antiklimax <pb xml:id="p359" ed="pga"/> absteigend zum Minderwichtigen, zur positiven Dogmatik, nämlich zum zweiten Teil gelange, wo doch der erste Teil nach seiner Meinung zwar zum Gebäude selbst gehöre, aber doch nur als Eintritt und Vorsaal, als unausgefüllter Rahmen, der seinen Inhalt erst durch die Beziehung auf das gewinne, was nachher vorgetragen werde. Wie ganz anders wäre diese Meinung deutlich geworden, wenn dieses ganze Geflecht von Sätzen dorthin gestellt worden wäre, wo sie gleich in ihrer vollen Bedeutung hätten hervortreten können! Wieviel bestimmter hätte z.B. von der <hi rend="italic">Allmacht</hi> geredet werden können im Bewußtsein der neuen geistigen Schöpfung, von der <hi rend="italic">Allgegenwart</hi> im Bewußtsein der Allwirksamkeit des göttlichen Geistes, von der <hi rend="italic">Allwissenheit</hi> im Bewußtsein göttlicher Gnade und Wohlgefallens!<note xml:id="n27">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2148">A.a.O., S. 33.</bibl>
               </note> 
               <hi rend="italic">Hinter</hi> die Christologie, die Lehre von der Kirche usf. gestellt, hätten alle Sätze des ersten Teils einen «wärmeren Farbenton» gewonnen und wären ebenfalls «im eigentümlich christlichen Licht» erschienen<note xml:id="n28">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2148">A.a.O., S. 33.</bibl>
                    </note>, wie sie es ja nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Absicht eigentlich sollten. «Keiner hätte dann verkennen können, daß die Darstellung des eigentümlich christlichen Bewußtseins wahrhaft und wirklich der eigentliche Zweck des Buches sei»<note xml:id="n29">Ebd.</note>, weil es dann viel notwendiger geworden wäre, bei jedem einzelnen Lehrstück auf das christliche Zentrum des Selbstbewußtseins zurückzugehen. Wissenschaftliches und religiöses Interesse der Glaubenslehre wären dann in viel engerem Zusammenhang erschienen.</p>
        <p>Man wir sagen dürfen, daß das alles, von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> eigenen Voraussetzungen aus betrachtet, <hi rend="italic">starke</hi> Gründe sind, und ist verwundert zu hören, daß er sich damit tröstet, es werde früher oder später ein Anderer kommen, der diese bei weitem vorzüglichere Stellung mit Lust und Glück durchführe<note xml:id="n30">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2148">A.a.O., S. 35.</bibl>
               </note>. Warum hat er selbst es nicht getan? Zwei Gründe, sagt er, hätten ihn mit einer für ihn unüberwindlichen Gewalt davon zurückgehalten, von denen er den ersten eine <hi rend="italic">Grille</hi>, den zweiten eine <hi rend="italic">Unfähigkeit</hi> nennt. </p>
        <pb xml:id="p360" ed="pga"/>
        <p>1. Die «<hi rend="italic">Grille</hi>» sei seine Abneigung gegen die Form der Antiklimax. Ein wissenschaftliches Werk sei kein Gastmahl, «wobei man auf einen gewissen Rausch durch das vorangeschickte trefflichste Getränk rechnet» (32). Nach seiner Ansicht nehme man das Beste nicht vorweg, sondern stelle es an den Schluß: das wären dann aber bei jener Umstellung die sogenannten natürlichen Eigenschaften Gottes (Allmacht …) gewesen. Nach seinem Gefühl würde er gerade damit zu dem ohnehin gegen ihn erhobenen Verdacht des Pantheismus Anlaß gegeben haben. Wichtiger ist ihm bei dieser Abneigung ein Zweites: In Form der Antiklimax vorgehend, hätte er die Lehrstücke des jetzigen zweiten Teils nur ehr kurz behandeln können. Das wäre aber ein Nachteil gewesen, nicht sowohl «für das Buch an und für sich» und als Ausdruck seiner persönlichen Überzeugung, «wohl aber in bezug <hi rend="italic">auf die gegenwärtigen Bedürfnisse unserer Kirche</hi>»<note xml:id="n31">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2148">A.a.O., S. 35f.</bibl>
                    </note>. Es folgt nun die berühmteste Stelle aus den Sendschreiben an Lücke, in bezug auf die <persName ref="kbga-actors-290">Mulert</persName> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> geradezu als <hi rend="italic">Propheten</hi> preisen zu müssen meint<note xml:id="n32">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2148"><persName ref="kbga-actors-290">H. Mulert</persName> in der Einleitung zu den <hi rend="italic">Sendschreiben</hi>, a.a.O., S. 3:</bibl> «Es treten in den Sendschreiben an Lücke einige Grundgedanken seiner Theologie schärfer hervor als in allen seinen sonstigen Schriften, und sie sind ausgesprochen im Blick auf die kommende theologische, kirchliche und allgemeine geistige Entwicklung, wie sie <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> voraussah … Daß er dabei zum Propheten wurde und wie wahr er prophezeit hat, lese man selbst nach: S. 36ff. und 41 ff.»</note>. «Was ahndet Ihnen von der Zukunft, ich will nicht einmal sagen, für unsere Theologie, sondern für unser evangelisches Christentum?»<note xml:id="n33">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2148"><hi rend="italic">Sendschreiben an Lücke</hi>, a.a.O., S. 36.</bibl>
                    </note>, nämlich in bezug auf die Fortschritte der <title level="m">Natur- und Geschichtswissenschaft?</title>, so wendet sich <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> an Lücke. Wie lange wird sich der <hi rend="italic">Schöpfungsbegriff</hi> (auch abgesehen vom Sechstagewerk und Ähnlichem!) «noch halten können gegen die Gewalt einer aus wissenschaftlichen Kombinationen, denen sich niemand entziehen kann, gebildeten Weltanschauung?»<note xml:id="n34">Ebd.</note> Wie lange noch, so fallen die neutestamentlichen <hi rend="italic">Wunder</hi> (um von den alttestamentlichen nicht zu reden) aufs neue und von würdigeren und besser begründeten Vor <pb xml:id="p361" ed="pga"/> aussetzungen aus als im 18. Jahrhundert unter das Dilemma: entweder mit ihrer ganzen, von ihnen nicht zu trennenden Umgebung Fabel oder, wenn Tatsache, dann aus natürlichen Analogien erklärbar! Was wird der letzte Ausspruch der historischen Kritik über den <hi rend="italic">Pentateuch</hi>, überhaupt über den alttestamentlichen Kanon sein? Wird man mit dem Reden von alttestamentlichen <hi rend="italic">Weissagungen</hi> und Vorbildern noch lange Glauben finden bei denen, die sich eine gesunde und lebendige Anschauung geschichtlicher Dinge gebildet haben? Was wird uns die Kritik noch Neues bringen in bezug auf den <hi rend="italic">neutestamentlichen Kanon?</hi><note xml:id="n35">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2148">A.a.O., S. 36–43.</bibl>
               </note> «Was soll dann werden, mein lieber Freund? Ich werde diese Zeit nicht mehr erleben, sondern kann mich ruhig schlafen legen. Aber Sie, mein Freund, und Ihre Altersgenossen, so viele deren mit uns gleichen Sinnes sind, was gedenken Sie zu tun? … Soll der Knoten der Geschichte so auseinandergehen: <hi rend="italic">das Christentum mit der Barbarei und die Wissenschaft mit dem Unglauben?</hi> Viele freilich werden es so machen, die Anstalten dazu werden schon stark genug getroffen, und der Boden hebt sich schon unter unseren Füßen, wo diese düsteren Larven auskriechen wollen, von enggeschlossenen religiösen Kreisen, welche alle Forschung außerhalb jener Umschanzungen eines alten Buchstaben für satanisch erklären. Aber diese können wohl nicht ausersehen sein zu Hütern des heiligen Grabes» (37). Denn «wenn die Reformation, aus deren ersten Anfängen unsere Kirche hervorgegangen ist, nicht das Ziel hat, <hi rend="italic">einen ewigen Vertrag zu stiften</hi> zwischen dem lebendigen christlichen Glauben und der nach allen Seiten freigelassenen, unabhängig für sich arbeitenden wissenschaftlichen Forschung, so daß jener nicht diese hindert und diese nicht jenen ausschließt: so leistet sie den Bedürfnissen unserer Zeit nicht Genüge, und wir bedürfen noch einer anderen, wie und aus was für Kämpfen sie sich auch gestalten möge. Meine feste Überzeugung aber ist, der Grund zu diesem Vertrage sei schon damals gelegt, und es tue nur not, daß wir zum bestimmteren Bewußtsein der Aufgabe kommen, um sie auch zu lösen» (40). <hi rend="italic">Nicht</hi> in Betracht kommt ja auch die <hi rend="italic">rationalistische</hi> Möglich <pb xml:id="p362" ed="pga"/> keit, die Entstehung des Christentums mit in die unendliche Sammlung der gemeinen Erfahrung hineinzuwerfen, sich aber «den Jesus gefallen zu lassen, der schon seit geraumer Zeit mit allen Ehren bald als Weiser von Nazareth, bald als simpler Landrabbiner umgeht»<note xml:id="n36">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2148">A.a.O., S. 37.</bibl>
                    </note>, «das Geschäft der Volksbildung und Ethisierung … an diesem Faden fortzuleiten», «da es um eine neue Zentralfigur und ein neues Spruchbuch» nun einmal «eine mißliche Sache ist»<note xml:id="n37">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2148">A.a.O., S. 38.</bibl>
                    </note>, <hi rend="italic">nicht</hi> in Betracht aber auch die Möglichkeit einer <hi rend="italic">spekulativen</hi> Theologie, die mit ihrem Tiefsinn nur auf etwas raffiniertere Weise den Glauben an Christus ebenfalls vom Wissen oder von der Philosophie herleitet, um diesen Preis dann freilich auch gegen die Naturwissenschaft verteidigt, um uns dafür einen unmöglichen Gegensatz zwischen esoterischer und exoterischer Lehre, eine «ins Römische hinüberspielende Hierarchie der Spekulation» einzubringen, obwohl <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nicht verhehlt, daß er für seine Person dem zweiten von diesen beiden letztgenannten Übeln im Notfall den Vorzug geben würde<note xml:id="n38">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2148">A.a.O., S. 38–40.</bibl>
                    </note>. Diesen abgelehnten Möglichkeiten gegenüber sicht nun <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> die durch die Reformation gestellte Aufgabe darin, «<hi rend="italic">jedes Dogma</hi>, welches wirklich ein Element unseres christlichen Bewußtseins repräsentiert», <hi rend="italic">so zu fassen</hi>, «<hi rend="italic">daß es uns unverwickelt läßt mit der Wissenschaft</hi>»<note xml:id="n39">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2148">A.a.O., S. 40.</bibl>
                    </note>. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ist der Meinung, dieser Aufgabe in seinem <hi rend="italic">zweiten Teil</hi> Genüge geleistet zu haben. Er hofft, nicht nur das Wunder überhaupt, sondern vor Allem das «Wunder aller Wunder», die «Erscheinung des Erlösers», «ohne Nachteil des Glaubens» so dargestellt zu haben, «daß die Wissenschaft uns nicht den Krieg zu erklären braucht», entlastet von den Beziehungen zum Alten Testament und anderem «Nebenwerk» und so, daß innerhalb des Tatsächlichen keine Grenze gezogen wird «zwischen Natürlichem und absolut Übernatürlichem»<note xml:id="n40">Ebd.</note>. Er meint, die Naturwissenschaftler müßten angesichts seiner Christologie zugeben, es gebe eine Erscheinung im Gebiet geistigen Lebens, die wir nur als neue Schöp <pb xml:id="p363" ed="pga"/> fung, als reinen Anfang einer höheren geistigen Lebensentwicklung erklären können, ebensogut wie ja auch jetzt Materie sich ballt und im unendlichen Raume zu rotieren beginnt. Eben dieser Aufgabe habe nun der <hi rend="italic">erste Teil vorzuarbeiten</hi>, weshalb er diese Ordnung denn auch beibehalten habe. Soweit die umfangreichen und im einzelnen nicht immer sehr klaren und überzeugenden Darlegungen über die «Grille» gegen die Antiklimax, die ihn dazu bewogen habe. </p>
        <p>Nun noch 2. die «<hi rend="italic">Unfähigkeit</hi>», deren <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> sich anklagt. Worin mag sie bestehen? Er setzt <persName ref="kbga-actors-2066">Lückes</persName> Einverständnis voraus für den Satz, daß es weder christlich noch heilsam sei, «die sogenannten Rationalisten, wenn auch freundlich und mit guter Art, aus unserer Kirchengemeinschaft herauszunötigen»<note xml:id="n41">Dieses und die folgenden Zitate: <bibl corresp="kbga-bibls-2148">A.a.O., S. 44.</bibl>
               </note>. Da nun die Tendenz dazu zur Zeit sich stark geltend mache, «ist es meine, ich weiß nicht, soll ich sagen Art oder Unart, daß ich aus natürlicher Furcht, das Schifflein, in dem wir alle fahren, möchte umschlagen, so stark, als es bei meinem geringen Gewichte möglich ist, auf die entgegengesetzte Seite trete.» Und zwar möchte <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nicht nur erklären, sondern <hi rend="italic">zeigen</hi>, daß «die würdigen Männer, die man so nennt», mit <hi rend="italic">gutem Recht</hi> in der Kirche sein und bleiben können. Die Aufgabe, die er sich in dieser Hinsicht gestellt, bestehe darin, darzutun, daß häretisch und heterodox nicht dasselbe sei, darzutun, wieviel freundliche Zusammenstimmung innerhalb des gemeinsam von Orthodoxen und Heterodoxen bewohnten Raumes möglich sei. Dies sei ihm nun — und darin findet er seine «Unfähigkeit» — in der ersten Auflage nicht nach Wunsch gelungen, da er dort bei der Bestimmung des Wesens des Christentums unter dem Eindruck der Frage 15 des Heidelbergers den Begriff der Erlösung schon fast zu streng gefaßt habe, was er in der zweiten Auflage zu verbessern verspricht, wie denn in der Tat geschehen ist. Noch weniger aber, meint er, könnte ihm das gelingen, wenn er die eigentliche Darstellung gleich mit diesem Zentralpunkt beginnen und jenen Raum des Gottesfriedens zwischen Rationalisten und Orthodoxen solange unausgefüllt ließe<note xml:id="n42">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2148">A.a.O., S. 45</bibl>
               </note>.</p>
        <pb xml:id="p364" ed="pga"/>
        <p>Was haben wir nun gehört? Offenbar aus <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> eigenem Mund die Bestätigung dessen, was wir vorhin vermuteten: Der erste Teil der Glaubenslehre ist in der Tat eine <hi rend="italic">Brücke</hi>, auf der sich nicht nur Rationalisten und Orthodoxe, sondern auch Wissenschaft und Glaube und diese sogar zu «ewigem Vertrag» zusammenfinden können. <hi rend="italic">Diesseits</hi> der Brücke, durch die Einleitung bezeichnet, das Gelände, wo das Christentum zwar nun als eine religiöse Möglichkeit neben anderen, immerhin als die derzeit höchste anerkannt, dafür aber das unmittelbare Selbstbewußtsein, das allen Religionen zu Grunde liegt, als Gottesbewußtsein rekognosziert wird. <hi rend="italic">Jenseits</hi> der Brücke, durch den zweiten Teil bezeichnet, das dem Christentum speziell zugewiesene Gelände, immerhin durch die gestern beleuchtete Fassung des christlichen Gegensatzes so abgegrenzt, daß zwischen dem hier redenden Sünden- und Gnadenbewußtsein und dem Gottesbewußtsein als solchem nicht etwa ein Widerspruch entstehen kann. <hi rend="italic">Auf der Brücke</hi> aber ereignet es sich, daß das Gottesbewußtsein als solches, nicht das christliche Sünden- und Gnadenbewußtsein, aber die Abstraktion von diesem, nicht ohne einige Schwierigkeit — wie sollte es bei einer solchen umgekehrten Geburt anders möglich sein? — in den mütterlichen Schoß des unmittelbaren Selbstbewußtseins zurückkehrt, aus dem es ja nach der Einleitung hervorgeht. So daß hier in der Tat alle Parteien auf ihre Rechnung kommen: Es findet <hi rend="italic">der Glaube</hi> das Gottesbewußtsein aus der christlichen Erfahrung entstanden. Es findet <hi rend="italic">die Wissenschaft</hi> dasselbe in der allgemeinen Menschennatur begründet. Es findet <hi rend="italic">der Orthodoxe</hi> die verschiedenen Bestandteile der kirchlichen Gotteslehre in ziemlicher Vollständigkeit und überdies — eine Überbietung der altprotestantischen Dogmatik — mit der Zusicherung, daß abgesehen von Christus diese Lehre gar nicht aufgestellt werden könnte. Und es findet der <hi rend="italic">Rationalist</hi> sein geliebtes allgemein-religiöses Minimum, und auch er darf sich der Zusage freuen, daß er gerade auf Grund dieses Minimums auch ein vollbürtiges Mitglied der christlichen Kirche sei. Der «ewige Vertrag», das Ziel der Reformation, ohne das sie den Bedürfnissen unserer Zeit nicht Genüge leisten würde, ist <hi rend="italic">geschlossen</hi>. Das Christentum braucht nicht mit der Barbarei und die Wissenschaft <hi rend="italic">nicht</hi> 
               <pb xml:id="p365" ed="pga"/> mit dem Unglauben zu gehen. Naturwissenschaft und Bibelkritik mögen nur kommen. Empirismus und Spekulation sind überflüssig geworden und können gehen. Und auch dem Umschlagen des Kirchenschiffleins, in dem wir alle fahren, ist nun gewehrt. <hi rend="italic">Kein</hi> Krieg wird erklärt, und niemand wird ausgeschlossen. Ist das alles nicht wunderbar? Nur zwei Leidtragende bleiben allenfalls auf dem Platze: die Bibel und die Reformation, sofern ihr Ziel etwa ein anderes gewesen sein sollte als das ihnen von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> zugewiesene. Daß die Aussagen über Sünde und Gnade sich zu denen über das Gottesbewußtsein überhaupt verhalten wie <hi rend="italic">Prädikate</hi> zum <hi rend="italic">Subjekt</hi>, daß das aus der Sünden- und Gnadenerfahrung abstrahierte Gottesbewußtsein im unmittelbaren Selbstbewußtsein des Menschen, wie es Gegenstand der Psychologie sein kann, <hi rend="italic">Raum</hi> findet, daß ein der menschlichen Natur einwohnendes allgemeines Lebenselement ein Ersatz sein soll für den anderweitig nicht mehr zu erbringenden <hi rend="italic">Gottesbeweis</hi>, daß es zwischen Natürlichem und absolut Übernatürlichem keine absolute Grenze gebe, daß die Erscheinung Christi mutatis mutandis so etwas Ähnliches sei wie die Bildung eines neuen Nebelflecks, das alles sind von <hi rend="italic">daher</hi> jedenfalls gesehen große und fabelhafte Neuigkeiten. Und diese Neuigkeiten sind es schließlich, die den berühmten Schleiermacherschen Brückenschlag möglich gemacht haben.</p>
        <p>[<milestone xml:id="m7.II.24" unit="line"/>] <hi rend="italic">d) Die drei Formen der dogmatischen Sätze</hi>. Wir erinnern uns: Die dogmatischen Sätze können nach § 30 aufgefaßt werden «<hi rend="italic">entweder</hi> als Beschreibungen menschlicher Lebenszustände <hi rend="italic">oder</hi> als Begriffe von göttlichen Eigenschaften und Handlungsweisen <hi rend="italic">oder</hi> als Aussagen von Beschaffenheiten der Welt». Die durch die bisher besprochenen <hi rend="italic">Vertikalschnitte</hi> vollzogene Disposition erinnert unverkennbar an das schon für Augustin gültige Normalschema der christlichen Dogmatik: Gotteslehre, Anthropologie, Christologie usf., und das originell Schleiermachersche zeigt sich erst, wenn man, wie wir es versucht haben, den Gründen und dem Sinn nachfragt, den bei ihm diese Vertikalschnitte haben. Auf den <hi rend="italic">ersten Blick</hi> originell und für <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Werk charakteristisch wie der <pb xml:id="p366" ed="pga"/> Jakobikirchturm für das Stadtbild von <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName> ist dagegen die durch jene drei sogenannten <hi rend="italic">Formen</hi> bezeichnete <hi rend="italic">Horizontalteilung</hi>, die, nacheinander auf den ersten Hauptteil und auf die beiden Gegensätze des zweiten Hauptteils angewendet, das Ganze in 3x3&amp;equals;9 Abschnitte gliedert. Was <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hierbei sich gedacht hat, dem haben wir nun noch nachzufragen. Nachzulesen sind hier die §§ 15, 16, 30, 31, 35, 50 und 64, 2 und aus dem zweiten Sendschreiben an Lücke S. 47ff. bei Mulert.</p>
        <p>In den <hi rend="italic">§ 15 und 16</hi> der Einleitung finden wir zunächst <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> <title level="m">Theorie von den Glaubens- und von den dogmatischen Sätzen</title> überhaupt. «Christliche Glaubenssätze sind Auffassungen der christlich frommen Gemütszustände in der Rede dargestellt.»<note xml:id="n43">§ 15, Leitsatz.</note> Fromme <hi rend="italic">Erregungen</hi> pflegen sich nämlich wie alle Modifikationen des bewegten Selbstbewußtseins, wenn sie einen gewissen Grad von Stärke und Bestimmtheit erreicht haben, auch äußerlich <hi rend="italic">kundzugeben</hi>, am ursprünglichsten mimisch, durch Gesichtszüge, Bewegungen, Töne und Gebärden. Ein ganzes System heiliger <hi rend="italic">Zeichen</hi> und <hi rend="italic">symbolischer Handlungen</hi>, auf das sich eine Gemeinschaft einigt, <hi rend="italic">ohne</hi> wahrnehmbares Dazwischentreten des <hi rend="italic">Gedankens</hi>, ist nichts Undenkbares. Aber unvermeidlich wird sich mit der Zeit die <hi rend="italic">Besinnung</hi> dazu gesellen über die Zustände, in denen sich der Mensch bei solchem Tun befindet, der Versuch, sie in der Vorstellung aufzufassen und in der Form des Gedankens festzuhalten. Dieser Versuch kann lange bloß innerlich sein: Denken ist ja auch ein Reden, dem nur noch die Begriffe fehlen, um sich <hi rend="italic">mitteilen</hi> zu können. Erst wenn es so ist, kommt es zum ausgesprochenen Satz, in specie zum eigentlich oder bildlich gemeinten <hi rend="italic">Glaubenssatz</hi>.<note xml:id="n44">Vgl. § 15, 1.</note> Das <hi rend="italic">Christentum</hi> setzt diese Entwicklungsstufe des Bewußtseins als <hi rend="italic">erreicht voraus</hi>: Christus <hi rend="italic">redet</hi>, das Christentum verbreitet sich durch <hi rend="italic">Verkündigung</hi>. Jedes Element der Verkündigung ist ein Glaubenssatz, d.h. eine Bezeugung der christlichen Bestimmtheit des frommen Selbstbewußtseins als innerer Gewißheit. Nun <hi rend="italic">spaltet</hi> sich aber die Verkündigung in drei verschiedene Sprachgebiete: das <hi rend="italic">dichterische</hi>, das <hi rend="italic">rednerische</hi> 
               <pb xml:id="p367" ed="pga"/> und das <hi rend="italic">darstellend belehrende</hi>. Das Verhältnis dieser drei Möglichkeiten untereinander ist, wie schon der Übergang von der symbolischen Handlung zur Rede, eine <hi rend="italic">kulturelle</hi> Frage. Festzuhalten ist allen drei Möglichkeiten gegenüber, 1. daß die <hi rend="italic">Mitteilung</hi> als solche etwas Anderes ist als die Frömmigkeit selbst, obwohl diese ohne alle Mitteilung auch nicht gedacht werden kann, 2. daß sie ihren Grund ausschließlich in den Erregungen des frommen Selbstbewußtseins hat und ohne diese nicht entstehen kann.<note xml:id="n45">Vgl. § 15, 2.</note> 
               <hi rend="italic">Dogmatische Sätze</hi> nun gehören unter die dritte Möglichkeit, sind also «Glaubenssätze von der darstellend belehrenden Art», und zwar solche, bei denen «der höchst mögliche Grad der Bestimmtheit bezweckt wird»<note xml:id="n46">§ 16, Leitsatz.</note>. Ruht der <hi rend="italic">dichterische</hi> Ausdruck rein innerlich auf einem «erhöhten Lebensmoment», auf «einem Moment der Begeisterung, der <hi rend="italic">rednerische</hi> auf einem … Moment des bewegten Interesses, welches auf einen bestimmten einzelnen Erfolg ausgeht»<note xml:id="n47">§16, 1. </note>, haben beide ihre besondere Vollkommenheit in ihrem rechtmäßigen Anteil an der Verkündigung, so handelt es sich bei dem darstellend belehrenden, dem <hi rend="italic">didaktischen</hi> Ausdruck um das sprachliche Auffassen und Aneignen des in jenen beiden Gestalten ursprünglich Gegebenen, unabhängig von dem Momentanen, das dort maßgebend ist, weniger um <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κήρυγμα</foreign> als um <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὁμολογία</foreign> (Bekenntnis).<note xml:id="n48">Vgl. ebd.</note> (Die «Selbstverkündigung <hi rend="italic">Christi</hi>» möchte <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> übrigens allen drei Möglichkeiten gegenüber als ein hier nicht näher bestimmtes Besonderes auffassen.<note xml:id="n49">Vgl. § 16, 2.</note>) Das Wesen des <hi rend="italic">dogmatischen</hi>, also didaktischen Satzes im Gegensatz zum dichterischen und rednerischen möchte <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> darin finden, daß es in ihm auf Widerspruchslosigkeit in sich selbst und mit anderen ähnlichen Sätzen abgesehen sei, ferner darin, daß der bildliche Ausdruck in einen eigentlichen verwandelt oder doch durch solche erklärt werde, daß das Rednerische sein bestimmtes Maß erhalte. Es sei das Interesse des <hi rend="italic">Wissens</hi>, das formal-logische Interesse (<hi rend="italic">nur</hi> das formal <pb xml:id="p368" ed="pga"/> logische) an der Sprachbildung, das hier maßgebend sei. Die logisch geordnete, dialektisch vorgehende Reflexion richtet sich auf die unmittelbaren Äußerungen des frommen Selbstbewußtseins und leitet ihre Ausprägungen.<note xml:id="n50">Vgl. § 16, 3.</note> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> betont den <hi rend="italic">formalen</hi> Charakter der damit vollzogenen Vereinigung von Frömmigkeit und Wissen. Er meint zwar, daß auch die Philosophie, wenn sie nicht «in Nichts zerrinnen» solle, mit Aussagen über das höchste Wesen «entweder anfangen oder enden» müsse, mit Sätzen, die von den aus den aus der frommen Reflexion hervorgegangenen, aber dialektisch geformten an sich kaum zu unterscheiden sein möchten, aber beide seien als solche bestimmt auseinanderzuhalten. Dogmatische Sätze sind eben grundsätzlich nur die letzteren.<note xml:id="n51">Vgl. § 16, Zusatz.</note>
            </p>
        <p>
                    <hi rend="italic">§ 30</hi> bringt zu dieser Theorie die <hi rend="italic">Anwendung</hi>. Nach den allgemeinen Bestimmungen über das schlechthinige Abhängigkeitsbewußtsein (§ 5) muß sich dieses, um ein wirkliches zeitausfüllendes Bewußtsein zu werden, einigen mit einer anderen, niedereren Form des Selbstbewußtseins. Jede Formel für das schlechthinige Abhängigkeitsbewußtsein muß also auch eine Formel für einen bestimmten <hi rend="italic">Gemütszustand</hi> sein, «mithin müssen auch alle Sätze der Glaubenslehre als solche Formeln» aufgestellt werden können. Nun weist aber jede solche niedere «sinnliche Bestimmtheit des Selbstbewußtseins» zugleich zurück auf ein «Bestimmendes <hi rend="italic">außerhalb</hi> des Selbstbewußtseins». Zur Erkenntnis einer bestimmten Modifikation des mit jenem vereinigten schlechthinigen Abhängigkeitsbewußtseins bedarf es also einer Beschreibung des Momentes im Gesamtsein, auf dem der betreffende Zustand beruht, m.a.W. einer Aussage über eine Beschaffenheit der <hi rend="italic">Welt</hi>, wie sie sich in bezug auf das mit dem sinnlichen Selbstbewußtsein vereinigte schlechthinige Abhängigkeitsverhältnis als wirklich erweist. Endlich aber ist das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl, unter welchem auch jenes Gesamtsein befaßt ist, von welchem jene Bestimmungen des sinnlichen Selbstbewußtseins ausgehen, «an und für sich ein Mitgesetztsein <hi rend="italic">Gottes</hi> im Selbstbewußtsein», also können alle Modifikationen des mit jenem ver <pb xml:id="p369" ed="pga"/> einigten Selbstbewußtseins auch als Aussagen über <hi rend="italic">Gott</hi> als den Begründer dieser Vereinigung auftreten.<note xml:id="n52">Vgl. § 30, 1.</note> Damit sind die drei Formen dogmatischer Sätze gewonnen. Es folgt nun aber eine <hi rend="italic">Unterscheidung</hi>. Sätze der ersten Form, «Beschreibungen menschlicher <hi rend="italic">Gemütszustände</hi>», können offenbar «nur aus dem Gebiet der inneren Erfahrung hergenommen werden». Unter dieser Form könne sich also, meint <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, «nichts Fremdes in die christliche Glaubenslehre einschleichen». Folglich sei diese Form als die «<hi rend="italic">dogmatische Grundform</hi>» zu erklären.<note xml:id="n53">Vgl. § 30, 2.</note> Anders sei es mit den Aussagen von Beschaffenheiten der <hi rend="italic">Welt</hi> und von Eigenschaften und Handlungen <hi rend="italic">Gottes</hi>. Jene könnten an sich naturwissenschaftlich, diese metaphysisch-spekulativ sein. Sie gewähren also keine Sicherheit dafür, daß sie wahrhaft dogmatische Sätze sind. Sie sind also Sätze der <hi rend="italic">Nebenformen</hi> und als solche nur zulässig, sofern sie sich aus Sätzen der ersten Form erklären lassen. Ob es nicht folgerichtig wäre, in der Dogmatik überhaupt nur jene erste, die Grundform, durchzuführen und alle Aussagen über Gott und Welt als überflüssig gänzlich bei Seite zu stellen? wirft sich <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selber ein. Aber nein, antwortet er sich, ein so durchgeführtes Werk würde gegenwärtig «<hi rend="italic">isoliert</hi>, ohne alle <hi rend="italic">geschichtliche Haltung</hi>», ermangelnd des eigentlich <hi rend="italic">kirchlichen Charakters</hi> dastehen und könnte den Zweck einer Dogmatik nicht erfüllen. Die dogmatische Sprache hat sich nun einmal allmählich auf Grund der anderen öffentlichen religiösen Mitteilungen: dichterischer und rednerischer Art, gebildet. Aus ihnen und aus dem Bedürfnis, das Verhältnis zwischen Reich Gottes und Welt festzustellen, sind die Aussagen der zweiten und dritten Form entstanden. Also muß die Dogmatik, auch wenn sie von sich aus es <hi rend="italic">anders</hi> wollte, mit ihrem Vorhandensein rechnen, schon um ihrer notwendigen Klärung und Reinigung willen.<note xml:id="n54">Vgl. § 30, 3.</note>
            </p>
        <p>Ich will die übrigen genannten Paragraphen — sie stehen außer § 31 alle in den Einleitungen zu den Einzelteilen — nicht ausführlich analysieren, sondern (sie bringen mehrfach Wiederholungen) nur <pb xml:id="p370" ed="pga"/> Einiges herausgreifen, was zur Erläuterung des bisher ausgeführten Grundgedankens dienen kann. In <hi rend="italic">§ 31, 2</hi> macht <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> darauf aufmerksam, daß bei seinem Verfahren die <hi rend="italic">Lehre von Gott</hi>, dargestellt in der «Gesamtheit der göttlichen Eigenschaften», mit der eine Dogmatik normalerweise zu beginnen pflegt, erst mit der Vollendung des Ganzen vollständig werde. Er sicht in dieser Neuerung keinen Nachteil, sondern einen Vorteil, da dadurch der Zusammenhang dieser Lehre mit den Tatsachen der Frömmigkeit deutlich und der Schein einer spekulativen Theorie von ihr abgewehrt werde. <hi rend="italic">§ 35, 2</hi> redet noch einmal von den <hi rend="italic">Gefahren</hi> der zweiten und dritten Form, die «nicht mehr unmittelbar das fromme Selbstbewußtsein» wiedergeben, sondern «Gott und … die Welt zum Subjekt ihrer Sätze machen». Die Gefahr besteht darin, daß sie von diesen ihren Subjekten etwas aussagen, «was über den unmittelbaren Inhalt jenes Selbstbewußtseins hinausgeht». Die Aussagen über <hi rend="italic">Gottes</hi> Eigenschaften haben, so belehrt uns <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, ihre nächste Grundlage in den Ausdrücken dichterischer und homiletischer Darstellungen und arten leicht aus zu Verendlichungen Gottes, die sich mit dem schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl nicht vertragen. In die Aussagen über die <hi rend="italic">Welt</hi> dagegen verirrten sich, weil für den einfachen Mann Weltanschauung und religiöse Weltanschauung dasselbe ist, leicht objektiv-wissenschaftlich sein sollende Sätze. So entstehen hier und dort Abweichungen von der eigentlichen Dogmatik — umso schlimmer (<hi rend="italic">§ 35, 3</hi>), wenn sie auch auf die Sätze der ersten Form übergreifen. Eine scharfe Ausprägung von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Ansicht bringt besonders <hi rend="italic">§ 50</hi>: «Alle Eigenschaften, welche wir Gott beilegen, sollen <hi rend="italic">nicht etwas Besonderes in Gott bezeichnen</hi>, sondern nur etwas Besonderes in der Art, das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl auf ihn zu beziehen.» Alle diese Aussagen der zweiten Form seien ursprünglich gar nicht vom dogmatisch-didaktischen Interesse ausgegangen. Sie wollen nicht Erkenntnis begründen, sondern, wie wir eben hörten, bloß dichterisch oder rednerisch den <hi rend="italic">unmittelbaren Eindruck</hi> in seinen verschiedenen Gestaltungen wiedergeben. In Vergessenheit dieses ihres nicht philosophischen, sondern religiösen Ursprungs wurden sie dann vielfach in die sogenannte natürliche <pb xml:id="p371" ed="pga"/> Theologie übernommen. Dem gegenüber ist festzustellen, daß sie spekulativen Gehalt gerade <hi rend="italic">nicht</hi> haben.<note xml:id="n55">Vgl. § 50, 1.</note> Denn in Gott ist, wie im schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl, an und für sich <hi rend="italic">keine</hi> Mannigfaltigkeit der Funktionen, <hi rend="italic">kein</hi> Gegensatz, <hi rend="italic">keine</hi> Differenz. Die Aufstellung der göttlichen Eigenschaften kann und soll also nur das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl erklären durch Rückgang auf die göttliche Ursächlichkeit, aber ohne mit den dabei auszusagenden Verschiedenheiten etwas Reelles in Gott auszusagen, wie ja auch im schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl an und für sich (abgesehen von seinen Bestimmtheiten) keine reellen Verschiedenheiten sind. Die anzustrebende <hi rend="italic">Vollständigkeit</hi> der göttlichen Eigenschaften ist nichts Anderes als die Vollständigkeit des Selbstbewußtseins in seinen verschiedenen Modifikationen.<note xml:id="n56">Vgl. § 50, 2.</note> Die <hi rend="italic">Methode</hi>, diese Aussagen zu gewinnen, kann keine andere sein als eine Anwendung der Kategorie der Kausalität: <hi rend="italic">woher</hi> das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl? Die <hi rend="italic">Einteilung</hi> dieser Aussagen endlich wird zu erfolgen haben in <hi rend="italic">ursprüngliche</hi>, d.h. in solche des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls an und für sich (1. Teil), und in <hi rend="italic">abgeleitete</hi>, d.h. in solche des unter dem Gegensatz stehenden Abhängigkeitsgefühls (2. Teil).<note xml:id="n57">Vgl. § 50, 3.</note> In <hi rend="italic">§ 64, 2</hi> hören wir über die Nebenformen des zweiten Teils im besonderen: Die <title level="m">Beschaffenheit der Welt</title>, von der hier die Rede ist, ist natürlich die Beschaffenheit «der Welt in bezug auf den <hi rend="italic">Menschen</hi>». Eine andere ist sie für ihn im Zustand des gelähmten, eine andere im Zustand des herrschenden Gottesbewußtseins. Wir hörten schon, daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> merkwürdigerweise unter diesem Titel einerseits die Lehre vom <hi rend="italic">Übel</hi>, andererseits die von der <hi rend="italic">Kirche</hi> behandelt hat.<note xml:id="n58">Vgl. oben S. 341.</note> Die Frage nach den <hi rend="italic">göttlichen Eigenschaften</hi>, die also hier nicht ursprüngliche, sondern abgeleitete sind, ist hier so zu stellen: Was für göttliche Eigenschaften geben sich in dem Zustande der Sünde zu erkennen, natürlich nicht, sofern er Abwendung von Gott ist, sondern sofern darin die Erlösung erwartet und vorbereitet wird — und <pb xml:id="p372" ed="pga"/> auf welche göttlichen Eigenschaften weist die werdende Herrschaft des Gottesbewußtseins zurück, so wie sie sich aus dem Zustande der Sünde durch die Erlösung gestaltet?</p>
        <p>Die ganze hier in Rede stehende Einteilungsfrage ist <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> wichtiger gewesen (und <hi rend="italic">ist</hi> auch tatsächlich wichtiger), als es auf den ersten Blick scheinen mag. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat im <hi rend="italic">zweiten Sendschreiben an <persName ref="kbga-actors-2066">Lücke</persName></hi> verraten, daß ihn auch hier die Möglichkeit einer Umarbeitung seines Werkes ernstlich beschäftigt habe. Hätte er sie vollzogen, so hätte das eine noch viel umfassendere und folgenschwerere Veränderung bedeutet als die, wie wir hörten, ebenfalls erwogene Umstellung des ersten und zweiten Teils. Es handelte sich ihm um nichts mehr und nichts weniger als um die völlige <hi rend="italic">Ausschaltung</hi> der beiden sogenannten Nebenformen zugunsten der Grundform. «Wenn es wahr ist, daß sie nichts aussagen, was nicht seinem wesentlichen Gehalte nach schon in den Sätzen der Grundform<note xml:id="n59">Schl.: «… in Sätzen, welche die Grundform an sich tragen …»</note> enthalten sei: so können jene beiden anderen ja gemißt werden. Und das ist in der Tat meine Überzeugung, womit denn auch die zusammenhängt, daß <hi rend="italic">unsere Glaubenslehre einmal lernen wird, sich ohne sie zu behelfen</hi>. Wenn einer nun in seiner Laufbahn so weit vorgerückt ist als ich: was ist natürlicher, als, wenn er deutlich sicht, wie sein Werk in der letzten Vollendung sich gestalten müßte, daß er sucht, ihm diese baldmöglichst selbst zu geben?»<note xml:id="n60">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2148"><hi rend="italic">Sendschreiben an Lücke</hi>, a.a.O., S. 47f.</bibl>
                    </note> Unwillkürlich denkt man bei diesen Sätzen an Mose auf dem Berge <placeName ref="kbga-places-1105">Nebo</placeName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.34">Dtn. 34</ref>]. Aber auch <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> muß es sich versagen, dem Einzug in das gelobte Land persönlich vorzustehen. Obwohl er gesteht, daß es «keine kleine Befriedigung» für ihn wäre, «die Dogmatik ganz abgeschlossen in der Eigentümlichkeit», wie sie sich in ihm gebildet habe, darzustellen, obwohl er gegenüber der Kritik <persName ref="kbga-actors-34">F. Chr. Baurs</persName> meint behaupten zu können, daß auch dann der historische Christus in seiner Glaubenslehre zu seinem vollen Rechte kommen würde, konstatiert er doch, ähnlich wie in § 30 des Buches selbst, daß er diese Veränderung nur auf die Gefahr hin hätte vornehmen können, daß sein Buch «in dieser Form ein bloßes Privatbuch» geworden wäre, <pb xml:id="p373" ed="pga"/> «ein Kabinettstück [gleichsam] in der theologischen Literatur», Vielen zur Erbauung und Belehrung, aber nicht ein öffentlicher Vortrag der christlichen Lehre, was es doch sein sollte. Es sei aber auch gerade um der Kritik gewisser falscher dogmatischer Sätze, die in der zweiten und dritten Form besonders zahlreich seien, notwendig gewesen, vom Bestehenden auszugehen, einerseits in der ersten Form «auf das unmittelbare Selbstbewußtsein des Christen zurückzugehen», dann aber «über die einer längst vergangenen Zeit angehörigen Formeln» der dritten Form ergehen zu lassen, «was recht ist», nämlich die Kritik.<note xml:id="n61">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2148">A.a.O., S. 49f.</bibl>
               </note> So sei er der in der ersten Auflage gewählten komplizierten Methode getreu verblieben und überlasse, was er gern noch selbst getan hätte, einer späteren Zukunft. «Ich freue mich wenigstens in der Überzeugung, daß ich die Gestalt einer freieren und lebendigeren Behandlungsweise unserer Glaubenslehre wenigstens von ferne gesehen habe.»<note xml:id="n62">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2148">A.a.O., S. 51.</bibl>
                    </note>
            </p>
        <p>Suchen wir uns klar zu machen, was das alles bedeutet. Offenbar eine umfassende Charakterisierung dessen, was bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> von dem altkirchlichen Begriff des <hi rend="italic">Wortes</hi> übriggeblieben bzw. nicht übriggeblieben ist. Nichts ist übriggeblieben, um dies gleich vorwegzunehmen, davon, daß das Wort, die Aussage, der Satz etwa als solcher Träger, Bringer, Verkünder der Wahrheit sein, daß es etwa ein Wort Gottes geben könnte. Wohl kennt auch <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> den Begriff des Kerygmas, aber wohlverstanden keines Kerygmas, das <hi rend="italic">bringt</hi>, sondern nur eines, das <hi rend="italic">darstellt</hi>, keines, das <hi rend="italic">ausspricht</hi>, sondern nur eines, das <hi rend="italic">aussagt</hi> oder gar bloß ausdrückt. Die Wahrheit kommt nicht in dem geredeten Wort, sie bleibt im redenden <hi rend="italic">Gefühl</hi>. Und die ursprünglichste Äußerung des Gefühls ist nicht einmal das Wort, sondern die Mimik, und wenn es dann zum Wort kommt, zunächst die Poesie und Rhetorik, und <hi rend="italic">wenn</hi> es dann zur Dogmatik kommt, so darf die Logik nun die Form bestimmen, nicht aber die Wahrheitsfrage stellen. Und wenn nun das Gefühl redet und sogar lehrt, so ist doch sein Gegenstand kein anderer als — es selbst, seine Bestimmtheiten und sein Woher, Gott als seine und seiner Bestimmtheiten causa. Aber auch wenn es nun, wenn <pb xml:id="p374" ed="pga"/> auch nur indirekt, zu Aussagen des Gefühls über Gott und Welt kommt — die Aussagen des Gefühls über sich selbst bleiben die dogmatische <hi rend="italic">Grundform</hi>, und am liebsten würde <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> die Dogmatik in <hi rend="italic">solchen</hi> Aussagen <hi rend="italic">aufgehen</hi> lassen. Historisch-äußerliche Gründe hindern ihn daran, und er will sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, gegen solche Aussagen von Gott und Welt, die etwa etwas Anderes sein wollten als Aussagen <hi rend="italic">des</hi> Gefühls <hi rend="italic">über</hi> Gefühl, indem er selber scheinbar solche macht, zu polemisieren, was Bibel und Kirche in dieser Beziehung objektiv sagen, auf das <hi rend="italic">Subjektive</hi> zurückzuführen. Verdächtig, gefährlich ist ja Alles, was sie in dieser Beziehung sagen. Mögen Dichtung und Predigt ihres Amtes walten, aber nur darstellend, nur ausdrückend, nur nicht in der Meinung, die Wahrheit zu sagen. Die Dogmatik weiß, daß die Wahrheit im Gefühl ist und bleibt. Die Dogmatik ist <hi rend="italic">eigentlich</hi> nur eine Rede des Gefühls über sich selbst. Und auch über sich selbst kann das Gefühl nur annähernd, nur inadäquat die Wahrheit sagen. Es kann zwar reden, aber die Wahrheit geht nicht in die Rede über. Denn das Gefühl ist qualitätslos, indifferenziert in bezug auf seine Wahrheit, sprachlos, und so auch der Gott, der seine Ursächlichkeit ist. «Spricht die Seele …»<note xml:id="n63"><persName ref="kbga-actors-764">Schillers</persName> Distichon s. oben S. 315, Anm. 69.</note> Muß sie schon sprechen, so liegt ihr ästhetische Selbstdarstellung näher als die durch das Wort. Wir begreifen jetzt, warum in der Weihnachtsfeier das Musizieren <hi rend="italic">über</hi> das Reden gestellt wird und die stumme Andacht über beide.<note xml:id="n64">Vgl. oben S. 130–132.</note> Alle Äußerung des Gefühls ist eben <hi rend="italic">nur</hi> Darstellung, sie <hi rend="italic">kann</hi> auch unterbleiben. Und wenn es dazu kommt, so ist das Reden minderen Rechtes und minderer Würde. Und wenn geredet wird, daß doch das Gefühl ja nicht über den Umkreis eines Versuchs, sich <hi rend="italic">selbst</hi> darzustellen, hinausgehe! Es ist m.a.W. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> mystischer Agnostizismus, der in dieser Lehre von den drei Formen zur Auswirkung kommt. Wir verstehen von hier aus das früher Gesagte: der Charakter der Einleitung als des Ortes, wo nicht der Wahrheitsbeweis für das Christentum, wohl aber der für das Gefühl angetreten wird, der Charakter des zweiten Teils mit seinem Relativismus von Sünde und Gnade, <pb xml:id="p375" ed="pga"/> der Charakter des ersten Teils, wo die Einheit des spezifisch christlichen Gefühls mit dem in der Einleitung als wahr oder doch als wirklich erwiesenen Gefühl überhaupt nachgewiesen wird. Wenn der Satz, daß das Verhältnis des Menschen zu Gott besteht und aufgeht im Gefühl, der Kardinalsatz der Schleiermacherschen Theologie sein sollte, so würde man in dieser Lehre von den drei Formen die Schlüsselstellung seiner Glaubenslehre überhaupt zu erkennen haben.</p>
        <p>
                    <milestone xml:id="m11.II.2" unit="line"/> 2. <title level="m">Die Einleitung</title>. Nicht die ganzen 31 Paragraphen dieses berühmten Eingangs des Schleiermacherschen Werkes gedenke ich mit Ihnen durchzusprechen. Einige wie § 14-15, 29-31 sind schon im Bisherigen ausführlich herangezogen worden. Die übrige zweite Hälfte der Einleitung, aus der diese Paragraphen stammten, muß ich Ihrem Privatstudium überlassen, das Ihnen, alles Gesagte und das über die erste Hälfte noch zu Sagende vorausgesetzt, nicht mehr allzu schwer fallen sollte. Wer von der Einleitung zu <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Glaubenslehre spricht, der meint damit in der Regel die <hi rend="italic">§ 3-14</hi>, also die drei ersten Abschnitte des ersten Kapitels, das, keinem Unkundigen verratend, was für wichtige Dinge sich hier ereignen sollen, den harmlosen Titel: «Zur Erklärung der Dogmatik» trägt. Wir hörten schon<note xml:id="n65">Vgl. oben S. 345–347.</note>, daß es, so wie die Dinge liegen, ganz unmöglich ist, <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Beteuerungen (an Lücke und in § 1) Glauben zu schenken und diese 3x4 Paragraphen nur als eine Art Haustreppe zu betrachten, die mit dem Inhalt der Dogmatik selbst noch gar nichts zu tun habe. Im Gegenteil: hier handelt es sich, das hat das ganze 19. Jahrhundert sehr richtig empfunden, um den eigentlichen <hi rend="italic">Inhalt</hi> dieser Dogmatik, zu dem sich Alles, was nachher kommt, nur noch als Analyse, man könnte auch sagen: als vaticinatio post eventum verhält, die nur dem etwas wirklich Neues sagen kann, der hier nicht aufgemerkt oder nicht verstanden hat. Man könnte auch, um das muntere Gleichnis von <persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName><note xml:id="n66">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-1464"><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, <hi rend="italic">Die Mystik und das Wort</hi> (vgl. oben S. 7, Anm. 16), S. 66:</bibl> «<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> weiß wohl, warum er sein schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl so schwer befrachtet. Wie könnte er sonst die ganze Glaubenslehre daraus entnehmen? Was hier geschieht, ist die Geschichte vom trojanischen Pferd: Die vollgerüsteten Gedankenstreiter werden unter dem Schutz der Dunkelheit, die das Wort Selbstbewußtsein schafft, in den unendlich geräumigen — weil vom Philosophen zu diesem Zweck konstruieren — Hohlraum des «Gefühls» gesteckt, um nachher, bei Tage, als wunderbare Überraschung, durch die Reflexion wieder herausgeholt zu werden»</note> zu gebrauchen, sagen: <pb xml:id="p376" ed="pga"/> hier werden im schützenden Dunkel der Nacht die Gedankenstreiter in den geräumigen Leib des trojanischen Pferdes aufgenommen, die nachher (wir könnten jetzt noch ergänzen: nachdem das Pferd über die bewußte Brücke seinen Einzug in die heilige Stadt gehalten), wenn der große Tag der eigentlichen Dogmatik angebrochen ist, rüstig ihm entsteigen werden. Man tut also, wenn man nachher keine Überraschungen erleben will, gut, dem Tun unseres Odysseus gerade an dieser Stelle größte Aufmerksamkeit zu widmen. Was <hi rend="italic">Dogmatik</hi> ist, das wird nach 
                        <hi rend="italic">§ 2</hi>
                     erklärt durch Verständigung darüber, was die christliche <hi rend="italic">Kirche</hi> ist. Darüber, was die christliche Kirche ist, hat aber nach den aus der Enzyklopädie uns bekannten allgemein-wissenschaftlichen Voraussetzungen <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> zunächst die <hi rend="italic">Ethik</hi> zu befinden, sodann die <hi rend="italic">Religionsphilosophie</hi>, endlich als theologischphilosophische Grenzdisziplin die <hi rend="italic">Apologetik</hi>. Daß die philosophische Theologie nach § 33 der «Kurzen Darstellung» ihren Ausgangspunkt <hi rend="italic">über</hi> dem Christentum nimmt, daß die Begründung der Theologie als einer positiven Wissenschaft im ganzen wie im einzelnen mit einem Anleihen bei der übergeordneten Wissenschaft von der Geschichte überhaupt beginnt, das kommt hier zur Auswirkung. <hi rend="italic">Lehnsätze</hi> aus Ethik, Religionsphilosophie und Apologetik, also aus Wissenschaften, die das Christentum ausgesprochenermaßen von außen betrachten, heißen darum in den Überschriften der drei Abschnitte die sämtlichen uns hier beschäftigenden Paragraphen. Es hat nach § 2, 2 die Ethik als die der Naturwissenschaft parallele spekulative Darstellung der Vernunft sich zu erklären über den Begriff der <hi rend="italic">Kirche im allgemeinen</hi>. Religionsphilosophie ist eine kritische Darstellung der <hi rend="italic">verschiedenen Kirchen</hi>, sofern sie in ihrer Gesamtheit die vollkommene Erscheinung der Frömmigkeit in der menschlichen Natur sind. Sie hat also der christlichen Kirche ihre <hi rend="italic">besondere Stellung</hi> 
               <pb xml:id="p377" ed="pga"/> innerhalb dieser Gesamtheit anzuweisen. Die <hi rend="italic">Apologetik</hi> endlich, mit einem Fuß wenigstens schon eine spezifisch theologische Wissenschaftsdisziplin, untersucht und bestimmt das eigentümliche Wesen des Christentums in seinem eigenen Zusammenhang. Die Ankündigung des § 2, es handle sich im Folgenden um die Verständigung über den Begriff der christlichen <hi rend="italic">Kirche</hi>, und die entsprechenden Überschriften der drei Abschnitte wirken nun freilich insofern etwas irreführend, als der eigentliche Gegenstand dieser Darlegungen vielmehr die die Kirche konstituierende <hi rend="italic">Frömmigkeit</hi> ist und als <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> im ersten Abschnitt, abgesehen von den ersten Sätzen des § 3, erst in § 6, im zweiten überhaupt nicht und im dritten erst [in] § 14 und mehr nebenbei auf den Begriff der <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> der Frömmigkeit, an den man bei dem Wort Kirche zunächst denkt, eintritt. Mit einer Untersuchung über <hi rend="italic">Religion</hi>, <hi rend="italic">Religionen</hi> und <hi rend="italic">christliche</hi> Religion haben wir es tatsächlich zu tun, und zwar — und das ist das Zweite und Wichtigere, was aus § 2 und den Überschriften nicht, sondern erst aus den Ausführungen selbst deutlich wird — nicht nur mit einer Untersuchung nur der <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi>, sondern auch der <hi rend="italic">Notwendigkeit</hi> jedenfalls des <hi rend="italic">Grundfaktums</hi>, um das es da geht als eines «wesentlichen Elements der menschlichen Natur» [§ 6]. Statt des harmlosen Titels des ersten Kapitels «Zur Erklärung der Dogmatik» darf man sich in Gedanken ruhig den anderen gesetzt denken: «Versuch eines geisteswissenschaftlichen <hi rend="italic">Nachweises</hi> des <hi rend="italic">Gegenstandes</hi> der Dogmatik». Aber wenden wir uns zur Sache.</p>
        <p>
                    <hi rend="italic">a)</hi> § 3-6 <title level="m">Die Religion</title>. Ich mache Sie feierlich darauf aufmerksam, daß wir jetzt das Sanctissimum der Schleiermacherschen Theologie betreten. «Zum Begriff der Kirche» überschreibt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst diesen Abschnitt. Sein Gegenstand ist aber tatsächlich das, was <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> (in seinen späteren Jahren ein eifriger Übersetzer aller Fremdworte!) <hi rend="italic">Frömmigkeit</hi> nennt. Eine Gemeinschaft in Beziehung auf <hi rend="italic">sie</hi>, die Frömmigkeit, zu ihrer Erhaltung, Ordnung und Förderung ist ja eine Kirche; mit dieser <hi rend="italic">§ 3, 1</hi> gegebenen Erklärung meint sich <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> das Recht erworben zu haben, unter dem bewußten Titel fast ausschließlich von der <hi rend="italic">Frömmigkeit</hi>, § 6 dann, <pb xml:id="p378" ed="pga"/> wie gesagt, von der <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> in der Frömmigkeit zu reden, nachdem allerdings schon § 2, 2 so ganz beiläufig festgestellt worden war: eine Kirche sei eine Gemeinschaft, «welche nur durch freie menschliche Handlungen entsteht und nur durch solche fortbestehen kann». Gilt dieser letztere Satz, den <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nicht einmal als Lehnsatz aus der Ethik besonders einzuführen und zu begründen für nötig hält, so ist allerdings die Voraussetzung, daß unter dem Titel Kirche von der Frömmigkeit als der «Basis aller kirchlichen Gemeinschaften», wie der Leitsatz von § 3 sagt, als dem Sinn und Grund jener menschlichen Handlungen, aus denen sie entstehen, zu reden ist, gegeben. Und jener Satz gilt zweifellos, wenn der andere Satz gilt, daß die philosophische Theologie ihren Ausgangspunkt <hi rend="italic">über</hi> dem Christentum wie über allen anderen Religionen zu nehmen, sich also, wenn der Begriff der Kirche im eben genannten Sinn feststehe, einfach an die betreffende menschliche Funktion als solche und sonst an nichts zu halten habe. Wie folgenschwer diese dem ersten Schritt schon <hi rend="italic">vorausgehende</hi> Voraussetzung sein muß, darauf brauche ich kaum aufmerksam zu machen. </p>
        <p>Suchen wir zunächst die berühmte Definition von § 3 aus <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> eigenen Erklärungen zu verstehen: «<hi rend="italic">Die Frömmigkeit … ist rein für sich betrachtet weder ein Wissen noch ein Tun, sondern eine Bestimmtheit des Gefühls oder des unmittelbaren Selbstbewußtseins</hi>.»<note xml:id="n67">
                        § 3, Leitsatz.</note> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> geht <hi rend="italic">§ 3, 2</hi> zunächst von dieser Gleichung aus. Unter «<hi rend="italic">Gefühl</hi>» will er keine bewußtlosen Zustände verstanden haben, sondern ein <hi rend="italic">Bewußtsein</hi>. Man soll dabei, erklärt er § 3, 5, nicht an etwas <hi rend="italic">Verworrenes</hi> denken, noch an etwas <hi rend="italic">Unwirksames</hi>. Es ist vielmehr «in den lebendigsten (= bewußtesten!) Augenblicken am stärksten», es kann sich allen Willensäußerungen mitteilen oder ihnen doch zu Grunde liegen. Es kann andererseits betrachtet und «als das, was es ist, gedacht werden». Es ist, <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> läßt daran keinen Zweifel übrig, wirkliches <hi rend="italic">Bewußtsein</hi>, und zwar das <hi rend="italic">Selbst</hi>bewußtsein, d.h. (wie § 3, 3 erklärt wird): das Bewußtsein um «das Wesen des Subjektes selbst» als der Einheit in dem «Wechsel <pb xml:id="p379" ed="pga"/> von Insichbleiben und Aussichheraustreten», in dem sein Leben besteht, und zwar das <hi rend="italic">unmittelbare</hi> Selbstbewußtsein im Gegensatz zu einem gegenständlichen, vorstellungsmäßigen, <hi rend="italic">das</hi> Selbstbewußtsein, hinter dem in gewissen Augenblicken «alles Denken und Wollen zurücktritt» [§ 3, 2] und das andererseits in derselben Bestimmtheit eine Reihe verschiedener Denk- und Willensakte überdauert und in beiden Fällen sich von diesen unterscheidet. Ein transzendentaler Begriff, ein Apriori im Sinne <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName> kann dieses Gefühl oder unmittelbare Selbstbewußtsein <hi rend="italic">nicht</hi> sein, das ist schon mit dieser ersten Erklärung § 3, 2 entschieden. Wie sollte ein transzendentales Gefühl einerseits so oder so <hi rend="italic">bestimmt</hi> sein, andererseits Denken und Wollen zeitweilig zurückdrängen, sie mehr oder weniger dauernd begleiten können? <hi rend="italic">§ 3, 3</hi> bringt uns dafür sofort die Bestätigung: Das Gefühl ist ein <hi rend="italic">Drittes</hi> neben <hi rend="italic">Wissen</hi> und <hi rend="italic">Tun</hi>. Es ist nämlich das gänzliche <hi rend="italic">Insichbleiben</hi> des Subjekts. Neben ihm steht das <hi rend="italic">Wissen</hi>, als Erkannthaben ebenfalls ein Insichbleiben, als Erkennen dagegen ein Aussichheraustreten des Subjekts. Dem Gefühl gegenüber als gänzliches Aussichheraustreten dann das <hi rend="italic">Tun</hi>. Als Viertes zu diesen Dreien könnte nur das «Wesen» des Subjekts selbst genannt werden, das aber eben kein Viertes genannt werden kann. Das unmittelbare Bewußtsein davon wäre also das Gefühl. Dieses aber ist durchaus ein Drittes neben einem Ersten und Zweiten, nur daß es, im Unterschied zu jenen, als <hi rend="italic">gänzliches</hi> Insichbleiben des Subjekts nicht von diesem bewirkt ist, sondern nur in ihm zustandekommt, also ganz und gar <hi rend="italic">Empfänglichkeit</hi>, gar nicht Tätigkeit ist. Wir notieren uns, ohne ganz zu verstehen, die Merkwürdigkeit eines <hi rend="italic">rein passiven</hi> und doch, wie wir eben hörten, nicht unwirksamen <hi rend="italic">Bewußtseins</hi>, das hier behauptet wird, und wenden uns zu den berühmten Bestimmungen von <hi rend="italic">§ 3, 4</hi>: Frömmigkeit <hi rend="italic">weder</hi> ein Wissen <hi rend="italic">noch</hi> ein Tun. Nicht als ob die Religion ohne die Verbindung mit einem solchen beziehungslos neben allen anderen Geistesverrichtungen stünde, im Gegenteil: jedes fromme Moment schließt eins von beiden oder beide keimhaft in sich. Aber sie <hi rend="italic">ist nicht</hi> Wissen, auch nicht das Wissen der Glaubenslehre, auch nicht das wesentliche, auch nicht das überzeugte Wissen der Glaubenslehre. Frömmigkeit ist der <pb xml:id="p380" ed="pga"/> 
               <hi rend="italic">Gegenstand</hi> dieses Wissens, nicht aber ist dieses Wissen schon Frömmigkeit, sondern es setzt sie voraus. Und Frömmigkeit <hi rend="italic">ist nicht</hi> Tun. Sollte der Inhalt oder die Form, d.h. der Erfolg ein Tun als Frömmigkeit charakterisieren? Hängt nicht zum Zustandekommen eines frommen Tuns Alles daran, daß der <hi rend="italic">Antrieb</hi> dazu bestimmend ist durch das Affekt gewordene Gefühl? Und gibt es nicht Gefühlszustände wie Reue, Zerknirschung, Zuversicht, Freudigkeit zu Gott, die wir — es bleibt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Geheimnis, inwiefern das erlaubt ist — «fromm nennen ohne Rücksicht auf ein daraus hervorgehendes Wissen oder Tun»? Ergebnis: Es gibt ein zur Frömmigkeit gehöriges Wissen und Tun, aber keines von beiden macht ihr Wesen aus. Oder sollte (<hi rend="italic">§ 3, 5</hi>) Frömmigkeit eine Verbindung von Wissen, Fühlen und Tun sein? Solche Verbindungen gibt es, z.B. das Gefühl der Zufriedenheit und Sicherheit bei verhältnismäßiger Übereinstimmung zwischen dem Tun und dem gesunden Zweckbegriff oder das Gefühl der zuversichtlichen Gewißheit bei einer glücklich beendigten Denkoperation. Aber solche Gefühlsmomente sind dann eben keine spezifisch <hi rend="italic">fromm</hi> bestimmten Gefühlsmomente, wie sie auch nur <hi rend="italic">akzidentiell</hi> Gefühlsmomente, wesentlich aber ein Tun oder Wissen sind; was darin Frömmigkeit ist, ist und bleibt <hi rend="italic">wesentlich</hi> 
               <hi rend="italic">Gefühls</hi>zustand, ein Anderes als Wissen und Tun. Oder sollte Frömmigkeit endlich unter Ausschluß des Gefühls ein Handlungen erzeugendes Wissen oder ein aus einem Wissen hervorgegangenes Tun sein? Aber welches von beiden dann? Und wie kann aus einem Wissen ein Tun werden ohne eine dazwischen tretende Bestimmtheit des Selbstbewußtseins? Ist es nicht so, daß das betreffende Wissen <hi rend="italic">noch nicht</hi> und das betreffende Tun <hi rend="italic">nicht mehr</hi>, wohl aber die dazwischen tretende Bestimmtheit des Selbstbewußtseins Frömmigkeit ist? In der Tat, wird man sagen müssen, wenn ein Wissen der <hi rend="italic">Wahrheit</hi> und ein Tun des <hi rend="italic">Guten</hi>, wie hier vorausgesetzt, offenbar überhaupt nicht und also auch nicht als das freilich dann nur in dem transzendentalen Begriff des <hi rend="italic">Glaubens</hi> zu fassende wirkliche Wesen der Frömmigkeit in Betracht kommen, wenn nur von möglichen <hi rend="italic">Akten</hi> des Wissens und Tuns die Rede sein soll, dann wird die Frömmigkeit in der Tat in einem diesen beiden latent, aber ebenso bewußtseinsimmanent wie sie selbst gegenüber <pb xml:id="p381" ed="pga"/> stehenden dritten Akt gesucht werden müssen, wobei freilich die Frage auftaucht, ob dieser dritte, Gefühl genannte Akt nicht mit dem, was sonst als die <hi rend="italic">ästhetische</hi> Funktion gilt, unheimlich verwandt oder gar identisch sein möchte.</p>
        <p>Die Frömmigkeit eine <hi rend="italic">Bestimmtheit</hi> des Gefühls. Was darunter zu verstehen sei, ist offenbar das Problem, das, wenn wir unsere Fragezeichen vorläufig zurückstellen wollen, nach den Erläuterungen von § 3 übrigbleibt. 
                        <hi rend="italic">§ 4</hi>
                     gibt darauf die Antwort. Was Frömmigkeit <hi rend="italic">von anderen Gefühlen unterscheidet</hi>, sagt der Leitsatz, «ist dieses, <hi rend="italic">daß wir uns unserer selbst als schlechthin abhängig oder, was dasselbe sagen will, als in Beziehung mit Gott bewußt sind»</hi>. Jedes wirkliche Selbstbewußtsein, so nimmt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> den Faden wieder auf<note xml:id="n68">§ 4, 1.</note>, ist ein bestimmtes Bewußtsein, bestimmt durch <hi rend="italic">etwas Anderes</hi> (beachten Sie diese <hi rend="italic">neutrale</hi>, dingliche, unpersönliche Charakterisierung, in der dieser entscheidende Faktor gleich das erste Mal die Bühne betritt). Anders ausgedrückt: in jedem wirklichen Selbstbewußtsein «sind zwei Elemente, ein … Sichselbstsetzen und ein Sichselbstnichtsogesetzthaben, … ein Sein und ein Irgendwiegewordensein», das Ich und «etwas Anderes». Im unmittelbaren Selbstbewußtsein wird aber dieses Andere «nicht gegenständlich vorgestellt». Da wir uns immer nur im Zusammensein mit Anderem finden, so ist in jedem wirklichen Selbstbewußtsein das Moment der <hi rend="italic">Empfänglichkeit</hi> das <hi rend="italic">erste</hi>. Selbst das ein Tun oder Erkennen begleitende Selbstbewußtsein geht auf «einen früheren Moment getroffener Empfänglichkeit» zurück. «Zu diesen Sätzen», meint <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, «kann die Zustimmung unbedingt (von jedem) gefordert werden, und keiner wird sie versagen, der einiger Selbstbeobachtung fähig ist». <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hätte hinzufügen müssen: und der diese Frage der Priorität von Rezeptivität oder Aktivität mittelst Selbstbeobachtung, d.h. mittelst deskriptiver Psychologie unbedingt beantworten zu können meint. Durch die Kategorien Ursache, Wirkung, Wechselwirkung, also durch die typisch naturwissenschaftlichen Kategorien soll die Frömmigkeit, soll das Verhältnis des Menschen zu Gott bestimmt <pb xml:id="p382" ed="pga"/> werden. Mittelst dieser unausgesprochenen Voraussetzung offenbar und nicht anders ist dieser Satz von der Passivität als dem ersten Element des Selbstbewußtseins, von dem Primat des Objekts gewonnen, auf dem alles Weitere beruht. Mit raschen, sicheren Schritten geht es nun dem Höhepunkt entgegen. Also das Selbstbewußtsein ist bestimmt durch etwas Anderes, und <hi rend="italic">das</hi>, nicht daß es <hi rend="italic">Selbst</hi>bewußtsein ist, ist das primäre der beiden Elemente, aus denen es sich zusammensetzt. Bestimmt durch etwas Anderes, <hi rend="italic">fühlen wir uns</hi> (<hi rend="italic">§ 4, 2</hi>) <hi rend="italic">abhängig</hi>. Bestimmt durch uns selbst, und das kommt <hi rend="italic">auch</hi> vor, fühlen wir uns <hi rend="italic">frei</hi>, wir sind dann selbst irgendwie tätig in bezug auf jenes Andere. So ist das Gesamtbewußtsein eine «<hi rend="italic">Wechselwirkung des Subjektes mit dem mitgesetzten Anderen</hi>». Wir sind zusammen mit diesem Anderen, das sowohl unsere Empfänglichkeit anspricht als auch unserer Selbsttätigkeit vorgelegt ist. Wir schreiben ihm wie uns selbst Empfänglichkeit ebensowohl wie Selbsttätigkeit zu. Wir setzen es, mit uns zusammen und uns mit ihm zusammen, als <hi rend="italic">Welt</hi>. Unser Selbstbewußtsein ist «Bewußtsein unseres Seins in der Welt oder unseres Zusammenseins mit» ihr. Sofern es das ist, ist es also eine Reihe von geteiltem Freiheits- und Abhängigkeitsgefühl. <hi rend="italic">Schlechthiniges</hi> Freiheits- oder <hi rend="italic">schlechthiniges</hi> Abhängigkeitsgefühl («schlechthinig» ist ganz unzweideutig Übersetzung von absolut = losgelöst vom Gegenteil) gibt es insofern als Selbstbewußtsein in bezug auf die Welt <hi rend="italic">nicht</hi>. Auch von den Naturkräften, selbst von den Weltkörpern wäre nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> zu sagen, daß wir, im selben Sinn, wie sie auf uns einwirken, auch «ein Kleinstes von Gegenwirkung» auf sie ausüben, während die Unmöglichkeit eines schlechthinigen Freiheitsgefühls in bezug auf die Welt eines besonderen Beweises für ihn natürlich nicht bedarf. «Ein schlechthiniges Freiheitsgefühl» kann es nun aber, so behauptet <hi rend="italic">§ 4, 3</hi>, für uns, in einem zeitlichen Sein, <hi rend="italic">überhaupt nicht</hi> geben. Selbsttätigkeit muß ja einen Gegenstand haben, der uns nicht gegeben sein kann ohne irgend eine Einwirkung auf unsere Empfänglichkeit. Ein bloß inneres schlechthiniges Freiheitsgefühl aber ist darum unmöglich, weil uns unser Dasein, auch unser inneres, nicht als aus unserer Selbsttätigkeit hervorgegangen zum Bewußtsein kommen kann. Wohl aber gibt es, <pb xml:id="p383" ed="pga"/> fährt die Behauptung fort, ein <hi rend="italic">schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl</hi>, das freilich nicht «von der Einwirkung eines uns irgendwie zu gebenden Gegenstandes» ausgeht, auf den wir dann eine Gegenwirkung ausüben könnten, das streng genommen in keinem einzelnen Momente als solchem ist, weil jeder solche durch Gegebenes bestimmt wird, dem gegenüber wir auch ein Freiheitsgefühl haben könnten. (Ein sehr merkwürdiger Satz, der «streng genommen» dieses schlechthinige Abhängigkeitsgefühl aus der Zeit, damit aber auch aus dem Bewußt<hi rend="italic">sein</hi>, damit aber auch aus dem Bereich der deskriptiven Psychologie herausrücken würde! <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat diesen seinen Satz wohlweislich nicht streng genommen!) Aber wo und wie nur kann unter diesen Umständen, gegenstandslos, wie wir es hier aus <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> eigenem Munde hören, schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl stattfinden? Daß die Empfänglichkeit das erste ist im menschlichen Selbstbewußtsein, das wissen wir, aber Priorität heißt doch noch nicht Exklusivität? <hi rend="italic">Doch</hi>, behauptet <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, und setzt (§ 4, 3 Ende) mit unerhörtem Salto mortale: Unser Selbstbewußtsein, das unsere gesamte Selbsttätigkeit und, da diese niemals gleich Null ist, unser ganzes Dasein begleitet, «ist schon an und für sich ein Bewußtsein schlechthiniger Abhängigkeit». Es <hi rend="italic">verneint</hi> schlechthinige Freiheit (<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> meint offenbar: weil es als Einheit von Freiheit und Empfänglichkeit beide <hi rend="italic">bedingt</hi>, weil es <hi rend="italic">das</hi> Jenseits von relativer Freiheit und Empfänglichkeit ist). «Es ist das Bewußtsein, daß unsere ganze Selbsttätigkeit ebenso <hi rend="italic">von anderwärts</hi> her ist, wie dasjenige ganz von uns her sein müßte, in bezug worauf wir ein schlechthiniges Freiheitsgefühl haben sollten.» </p>
        <p>Zwei Fragen sind hier zu stellen, eine inhaltliche und eine formale, beide gleich gewichtig. 1. Inwiefern folgt aus der Verneinung der schlechhinigen Freiheit die Behauptung der schlechhinigen Abhängigkeit? Ist das Selbstbewußtsein — und anders kann man die von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> behauptete Verneinung überhaupt nicht verstehen — die Grenze, das Jenseits von Freiheit und Abhängigkeit, so folgt daraus zunächst nichts Anderes als eben die Relativität aller uns in der Zeit bewußten Freiheit und Abhängigkeit. Schlechthiniges Abhängigkeitsbewußtsein jenseits dieser Grenze, als <hi rend="italic">positive</hi> Bestim <pb xml:id="p384" ed="pga"/> mung dieses Jenseits, müßte anderweitig erwiesen werden. Sie als durch jene Negation gegeben vorauszusetzen bzw. zu behaupten, das ist (<persName ref="kbga-actors-171">K. Heim</persName>) eine «Erschleichung»<note xml:id="n69">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-1788"><persName ref="kbga-actors-171">K. Heim</persName>, <hi rend="italic">Das Gewißheitsproblem in der systematischen Theologie bis zu Schleiermacher</hi>, Leipzig
                            1911, S. 370</bibl>: «Die Erschleichung, die dieser Satz enthält, ist offenkundig. Denn die Verneinung des <hi rend="italic">schlechthinigen</hi> Freiheitsgefühls, die unser Selbstbewußtsein enthält, ist natürlich nicht notwendig = Bejahung des <hi rend="italic">schlechthinigen</hi> Abhängigkeitsgefühls; denn es gibt ja noch eine dritte Möglichkeit zwischen beiden, die aus der Negation des absoluten Freiheitsgefühls ebensogut folgen kann, nämlich <hi rend="italic">relatives</hi> Freiheitsgefühl verbunden mit relativem Abhängigkeitsgefühl.»</note>, die sich nur durch jene naturalistische Selbstverständlichkeit erklärt, mit der <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> § 4, 1 die Priorität des passiven Bewußtseinselements behauptet hatte, die Naivität, mit der er offenbar dort schon das psychologisch Erste mit dem Absoluten verwechselt hatte. Dieses Absolute setzt er nun hier in die Rechnung ein und gewinnt so, wo er nur ein Fragezeichen hätte setzen dürfen, das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl. 2. Das Subjekt jener Verneinung und dieser Behauptung ist das unmittelbare Selbstbewußtsein oder das Gefühl. Aber wenn Empfänglichkeit das erste und entscheidende Moment des Gefühls, wenn Gefühl nach der etwas anderen Lesung von § 3, 3 «ganz und gar Empfänglichkeit» sein sollte, wenn es nach § 3, 2 jedenfalls gegenstandslos ist, wie kommt es dann überhaupt dazu, jene Verneinung und diese Behauptung zu vollziehen, also zu denken, und zwar (vergleichen Sie nochmals die Schlußsätze von § 4, 3!) recht komplizierte Dinge zu denken? Wird hier nicht dem armen Gefühl eine Funktion zugemutet, die es, wenn es seiner wichtigsten bisherigen Bestimmung nicht verlustig gehen soll, gar nicht erfüllen kann? Man kann zu diesen beiden Fragen nachfolgende Erwägung anstellen: Um das <hi rend="italic">schlechthinige</hi> 
               <hi rend="italic">Abhängigkeits</hi>bewußtsein positiv zu behaupten, brauchte <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> die bewußte, als Priorität oder Exklusivität gedachte Passivität des Gefühls. Je mehr er aber diese behauptete, desto unwahrscheinlicher wurde es, daß das Gefühl sich selbst als schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl <hi rend="italic">behaupten</hi> konnte. Umgekehrt, je mehr Selbsttätigkeit, je mehr wirklichen <hi rend="italic">Selbst</hi>bewußtseinscharakter er ihm zuschrieb, je mehr Fähigkeit er ihm also beimaß, jene logische <pb xml:id="p385" ed="pga"/> Operation zu vollziehen, das schlechthinige Abhängigkeitsbewußtsein zu <hi rend="italic">behaupten</hi>, desto weniger konnte es <hi rend="italic">schlechthinige Abhängigkeit</hi> sein, was es tatsächlich behauptete, desto deutlicher wurde es, daß mehr als die Erkenntnis <hi rend="italic">relativer</hi> Freiheit und relativer Abhängigkeit, mehr als die Erkenntnis seiner Grenze <hi rend="italic">nicht</hi> von ihm zu erwarten war. Wir müssen also feststellen, daß auf dem nun erreichten Höhepunkt des Gedankengangs, rein logisch betrachtet, eine Zwickmühle errichtet ist, aus der es kein Entrinnen gibt. Das schlechthinige Abhängigkeitsbewußtsein ist <hi rend="italic">behauptet</hi>, das ist klar, und aus dem Vergleich mit dem vorher beschriebenen teilweisen Abhängigkeitsbewußtsein der Welt gegenüber ist auch einigermaßen klar, was damit <hi rend="italic">gemeint</hi> ist. Wie es aber dazu <hi rend="italic">kommt</hi>, das ist <hi rend="italic">nicht</hi> einzusehen.</p>
        <p>
                    <milestone xml:id="m12.II.24" unit="line"/> Genug, daß nun (<hi rend="italic">§ 4, 4</hi>) «schlechthinige Abhängigkeit und <hi rend="italic">Beziehung mit Gott»</hi> einander gleichgestellt werden. Das mit dem Ausdruck «schlechthinige Abhängigkeit» bezeichnete, im Selbstbewußtsein mitgesetzte <hi rend="italic">Woher</hi> unseres aktiven und passiven Daseins will <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> <hi rend="italic">Gott</hi> nennen. Nicht die Welt oder gar ein einzelner Teil derselben — in bezug darauf fühlen wir uns ja gerade, wenn auch nur relativ, <hi rend="italic">frei</hi>—, sondern <hi rend="italic">Gott</hi>. Das ist die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes «Gott»: das, was im schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl «das <hi rend="italic">Mitbestimmende</hi> ist und worauf wir dieses unser Sosein <hi rend="italic">zurückschieben</hi>». Wobei zu beachten ist, daß das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl nicht etwa bedingt ist «durch irgend ein vorhergehendes <hi rend="italic">Wissen</hi> um Gott». Mag es ein ursprüngliches Wissen von Gott geben — die Glaubenslehre kennt den Ausdruck «Gott» nur als «das Aussprechen des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls», als «die unmittelbarste Reflexion über dasselbe, … ganz unabhängig von jenem ursprünglichen [eigentlichen] Wissen, [und] <hi rend="italic">nur</hi> bedingt durch das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl»<note xml:id="n70">Schl.: «durch unser schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl».</note>. In diesem, im unmittelbaren Selbstbewußtsein, ist das Gottesbewußtsein <hi rend="italic">eingeschlossen</hi>, ursprünglich <hi rend="italic">gegeben</hi>, ursprünglich <hi rend="italic">offenbart</hi>. D.h. dem Menschen, dem mit allem Sein schlechthinige Abhängigkeit anhaftet, <pb xml:id="p386" ed="pga"/> ist mit ihr auch das zum Gottesbewußtsein werdende, in der Gottesvorstellung sich klärende Selbstbewußtsein davon gegeben. In dem Maß, als er dieses aktualisiert, schreiben wir dem Einzelnen Frömmigkeit zu. Man kann sagen: «<hi rend="italic">Gott sei uns gegeben im Gefühl auf eine ursprüngliche Weise</hi>», wogegen irgend ein äußeres Gegebensein Gottes natürlich nicht in Betracht kommt. </p>
        <p>Brauche ich erst aufmerksam zu machen auf die Rätsel und Widersprüche, von denen auch dieser Absatz nur so wimmelt? Also als das «etwas Anderes» von § 4, 1 entpuppt sich jetzt, ebenso ungescheut als ein Neutrum charakterisiert, Gott: <hi rend="italic">das</hi> Woher unseres Daseins. Ist dieses Neutrum wirklich Gott, der Gott der Frömmigkeit, der Gott, mit dem es die Glaubenslehre zu tun hat, ja nicht etwa der Gott, von dem <persName ref="kbga-actors-167">Hegel</persName> ein ursprüngliches Wissen zu haben behauptet<note xml:id="n71"><persName ref="kbga-actors-167">Hegel</persName> wird in <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Glaubenslehre nicht namentlich genannt. Doch hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, wie aus Randnotizen in seinem Handexemplar der Glaubenslehre hervorgeht, mehrere Äußerungen <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> als auf <persName ref="kbga-actors-167">Hegel</persName> gemünzt identifiziert, z.B. § 5 Zusatz: «Denn diejenigen, welche sich anderwärts her eines ursprünglichen Begriffs vom höchsten Wesen erfreuen, von der Frömmigkeit aber keine Erfahrung haben, wollen nicht aufkommen lassen, daß das Aussprechen jenes Gefühls dasselbige als das darin wirksame setze, was ihr ursprünglicher Begriff aussagt: und behauptend, der Gott des Gefühls sei nur eine Fiktion, ein Idol, können sie vielleicht gar zu verstehen geben, eine solche Dichtung sei noch haltbarer unter der Gestalt der Vielgötterei.»</note>, wie <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nicht müde wird, uns zu versichern? Müßte sich diese Versicherung nicht sofort in einem etwas anderen Reden von Gott erhärten? Ferner, in derselben Richtung: «<hi rend="italic">mitgesetzt</hi>» im Selbstbewußtsein sei dieses Woher? (wohlverstanden: nicht etwa nur das Bewußtsein davon, sondern das Woher selbst!), Gott sei uns <hi rend="italic">gegeben</hi> im Gefühl. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> mag uns lange versichern: nicht äußerlich gegeben! Ein Neutrum, das «gesetzt» und «gegeben» ist, ist offenbar nicht Geist, nicht Gott, sondern, wie abstrakt immer gedacht, eine <hi rend="italic">Sache. <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName></hi><note xml:id="n72">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-1464"><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, A.a.O., S. 73.</bibl>
                    </note> hat sehr recht, wenn er angesichts dieser Situation darauf hinweist, daß es ganz unmöglich ist, <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl etwa als unbedingte <hi rend="italic">Ehrfurcht</hi> oder dergleichen aufzufassen. Ehrfurcht einflößen und <pb xml:id="p387" ed="pga"/> Ehrfurcht darbringen wäre allerdings ein geistiges, dem Verhältnis von Gott und Mensch angemessenes Verhältnis. Aber darum handelt es sich hier eben nicht, sondern um das brutale Emdruck<hi rend="italic">machen</hi> und Sichbeeindrucken<hi rend="italic">lassen</hi> durch ein ungeheures Faktum. Man darf dieses Verhältnis mit dem altreformierten Gottesgedanken und überhaupt mit der christlichen Erkenntnis der Allmacht Gottes nicht verwechseln. Es ist etwas Anderes, Gott <hi rend="italic">allmächtig</hi>, etwas Anderes, die Allmacht <hi rend="italic">Gott</hi> nennen. Doch dies nur nebenbei. Wir müssen weiter fragen: Wie kommt dieses Woher? dazu, ein im schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl <hi rend="italic">Mitgesetztes</hi> oder <hi rend="italic">Mitbestimmendes</hi> zu sein? Hörten wir nicht § 4, 3, daß das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl auf keine Weise von der Einwirkung eines uns irgendwie zu gebenden Gegenstandes ausgehe? Ein Mitgesetztes oder Mitbestimmendes ist aber offenbar ein <hi rend="italic">Einwirkendes</hi>. Oder sollte dieses Einwirkende gerade die <hi rend="italic">Gegenstandslosigkeit</hi> dieses Gefühls sein? Das angebliche objektive Korrelat des Selbstbewußtseins also bloß dessen eigenes ins Absolute projiziertes <hi rend="italic">Spiegelbild?</hi> Weisen die Aussagen unseres Absatzes über den sekundären Charakter der Reflexion gegenüber dem Gefühl selbst nicht in verdächtiger Weise in diese Richtung? Aber dann wären wir ja in fatalster Nähe von <persName ref="kbga-actors-550">Feuerbach</persName>, dann könnte doch dieses an keinem Objekt orientierte und doch in gewissen Vorstellungen unverbindlich sich objektivierende Gefühl kaum etwas Anderes sein als eben, wie wir schon gestern vermuteten<note xml:id="n73">Vielleicht ein mündlicher Zusatz zur Vorlesung vom <date when="1924-02-11">11.II.1924</date> — im Zusammenhang der Seiten 383-385?</note>, die Gotteskraft der Phantasie. Und umgekehrt gefragt: Wie kommt das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl dazu, ein <hi rend="italic">Woher?</hi> unseres Daseins zu setzen, dieses unser Sosein auf jenes Andere <hi rend="italic">zurückzuschieben</hi> — wo es doch andererseits von ihm heißt, das Gottesbewußtsein sei in ihm eingeschlossen, Gott sei ihm ursprünglich <hi rend="italic">gegeben, offenbart?</hi> Was gilt nun? Das Erste? Dann ist es offenbar nicht schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl, denn dieses kann kein Gegenüber haben, es ist selbst die <hi rend="italic">Präsenz</hi> «Gottes» bzw. des Woher, der Alles erdrückenden Kausalität im <hi rend="italic">Bewußtsein</hi>; ein Bewußtsein, das sich von seinem Woher zu unterscheiden, das dieses zurückzu. <pb xml:id="p388" ed="pga"/> schieben vermag, ist <hi rend="italic">nicht</hi> das schlechthinige Abhängigkeitsbewußtsein! Oder das Zweite? Gott ursprünglich gegeben oder offenbart im Gefühl selbst, schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl als wirkliche Präsenz Gottes, dann kann offenbar der von ihm objektiv unterschiedene Gott nur sein eigener <hi rend="italic">Reflex</hi>, das <hi rend="italic">Prädikat</hi> dieses Subjektes sein.</p>
        <p>
                    § 4 hat uns, wie Sie sehen, in große Ratlosigkeit versetzt. Wir konstatierten mit Staunen und Betrübnis, daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> die <hi rend="italic">Bestimmtheit</hi> des unmittelbaren Selbstbewußtseins als <hi rend="italic">Frömmigkeit</hi> restlos im Schema von <hi rend="italic">Ursache</hi> und <hi rend="italic">Wirkung</hi> zu beschreiben sich anschickt. Wir begreifen nicht, wie das vorwiegend oder ganz rezeptiv vorgestellte Gefühl auf einmal soll denken, und noch weniger, mit welchem Recht es sich selbst als <hi rend="italic">schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl</hi> soll denken können. Wir hören auf einmal das Wort Gott ertönen, dessen Inhalt und dessen Beziehung zum Menschen aber einen durchaus <hi rend="italic">dinglichen</hi> Charakter hat. Wir hören die Behauptung, dieser Gott sei im Selbstbewußtsein mitgesetzt, und verzweifeln angesichts der Tatsache, daß entweder dieses Gefäß diesen Inhalt oder dieser Inhalt dieses Gefäß unmöglich macht. In solcher Verfassung also folgen wir nun dem Meister zu 
                        <hi rend="italic">§ 5</hi>
                    . Um das Verhältnis des so bestimmten unmittelbaren Selbstbewußtseins zu den <hi rend="italic">anderen</hi> Stufen des menschlichen Selbstbewußtseins handelt es sich hier. Also das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl, der Ort, wo Gott uns ursprünglich gegeben ist, eine Stufe neben anderen? Jawohl, sagt uns der Leitsatz, die <hi rend="italic">höchste</hi> Stufe zwar, die aber, wo sie überhaupt erreicht ist, von der nächst niederen <hi rend="italic">niemals getrennt</hi> ist und die durch diese Verbindung teilnimmt am Gegensatz von Lust und Unlust. Drei Stufen des Selbstbewußtseins will <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> (<hi rend="italic">§ 5, 1</hi>) annehmen: 1. die <hi rend="italic">tierartig verworrene</hi>, die, wie der Name sagt, dem Tier, dem kleinen Kind und dem Erwachsenen in jenem angenehmen Zustand unmittelbar vor dem Einschlafen eigen ist. Insichbleiben und Aussichheraustreten oder Gefühl und Anschauung sind noch ungeschieden; 2. die <hi rend="italic">sinnliche</hi>. Gefühl und Anschauung treten auseinander. Das in diesen Gefühlen bzw. in den ihnen entsprechenden Anschauungen mitgesetzte und mitbestimmende Andere gehört dem Gebiet der <pb xml:id="p389" ed="pga"/> Wechselwirkung, also nach § 4, 2 der Welt an. Von schlechthiniger Abhängigkeit kann hier an sich nicht die Rede sein. Zu diesen Gefühlen sollen übrigens außer den ausgesprochen selbstischen auch die sozialen und sittlichen gehören. 3. das <hi rend="italic">schlechthinige Abhängigkeitsgefühl</hi>. Wir verneinen (wie § 4, 3 beschrieben) unsere schlechthinige Freiheit, wir stellen uns der Welt gleich als einzelnes endliches Sein, der Gegensatz der mittleren Stufe verschwindet also wieder, das fühlende Subjekt faßt sich mit dem ihm vorher in der Anschauung Entgegengesetzten als <hi rend="italic">identisch</hi> zusammen. Aber, aber, möchte man dazwischenrufen, was hat dieser Aufstieg vom Wachtraum über das gegenständliche Bewußtsein zum mystischen Alleinheitsgefühl mit dem Verhältnis zu Gott zu schaffen? Und dieser evolutionistische Psychologismus soll nun keine Identitätsphilosophie, keine spekulativ-apologetische Substruktion der Glaubenslehre, keine schwerwiegende Vorausnahme des Inhalts der Glaubenslehre selbst sein? Aber hören wir weiter: Es ist, sagt <hi rend="italic">§ 5, 2</hi>, ein <hi rend="italic">höchstes Wissen</hi> denkbar, in dem alles untergeordnete Wissen zusammengefaßt wäre, ebenso ein <hi rend="italic">höchstes Tun</hi> in Form eines die ganze Selbsttätigkeit umfassenden Entschlusses. Aber beide setzen einen Gegenstand voraus, also steht auch das sie begleitende Selbstbewußtsein <hi rend="italic">innerhalb</hi> des Gegensatzes. M.a.W.: auch ein solches höchstes Wissen oder Tun würde der zweiten Stufe angehören. <hi rend="italic">Über</hi> dem Gegensatz steht nur das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl. Es bildet für sich allein die dritte und höchste Stufe. Gewiß, ist dazu zu bemerken, wenn es nämlich zwischen der dritten und ersten Stufe, zwischen der mystischen Ekstase — und als solche tritt uns das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl in diesem Zusammenhang entgegen — und der tierartigen Verworrenheit ein einwandfreies Unterscheidungsmerkmal gibt. Wenn es das allenfalls nicht gibt, so könnte offenbar ebensogut gefolgert werden, es stehe <hi rend="italic">unter</hi> als über dem Gegensatz des gegenständlichen Bewußtseins. </p>
        <p>Es folgt nun der überaus merkwürdige Absatz <hi rend="italic">§ 5, 3</hi>. Vom Entstehen, von der Genesis des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls ist hier nämlich die Rede. Es, in dem uns nach § 4, 4 Gott ursprünglich gegeben ist, ist zuerst nicht da bzw. es kann sich, wie alles in der Natur nicht Daseiende, auch nicht entwickeln, dann <hi rend="italic">entwickelt</hi> es <pb xml:id="p390" ed="pga"/> sich (dann nämlich, wenn eine gewisse Entwicklungsstufe des Gesamtbewußtseins erreicht, die biologische Möglichkeit dazu also gegeben ist), geht eine Art <hi rend="italic">Symbiose</hi> ein mit der mittleren Bewußtseinsstufe, erlebt schließlich in der vollkommenen Einigung mit ihr, mit dem sinnlichen Selbstbewußtsein seine <hi rend="italic">Vollendung</hi>. Nur mit einem Abnehmen oder gar Sterben dieser merkwürdigen Pflanze wird nicht gerechnet, aber das pflegt ja bekanntlich die Naturwissenschaft als solche auch nicht zu interessieren. Der Gang der Handlung ist also folgender: Solange die niederste, tierähnliche Stufe nicht verschwunden ist, kann die höchste sich nicht entwickeln. Die Richtung auf die Vereinigung von Subjekt und Objekt, die der menschlichen Seele angeboren ist, kann ja im Selbstbewußtsein nicht durchbrechen, solange der Gegensatz noch in der tierähnlichen Verworrenheit aufgelöst ist. Das wird besser, wenn der Gegensatz im sinnlich-gegenständlichen Selbstbewußtsein <hi rend="italic">hervortritt</hi>. Das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl will eben wie jedes Lebewesen existieren, zeitlich hervortreten. In dieser Eigenschaft braucht es das sinnliche Selbstbewußtsein, unser Vorstellen und Tun, wie dieses umgekehrt seiner bedarf, da es sonst ohne wirkliches Selbstbewußtsein wäre. Also kommt es zu einem Zugleichsein beider, zu einem Bezogensein beider aufeinander. Ein Moment des bloß sinnlichen Selbstbewußtseins wäre ein mangelhafter und unvollkommener Zustand. Aber das würde auch von einem Moment gelten, dessen Inhalt bloß das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl wäre, denn es würde ihm die Begrenztheit und Klarheit fehlen, welche aus der Beziehung auf ein bestimmtes, sinnliches Selbstbewußtsein folgt. Die Vollendung besteht also in dem Moment der Einheit, in dem sich beide aufeinander beziehen. Und man kann sagen: Je mehr das Subjekt in jedem Moment seines sinnlichen aktiv-passiven Selbstbewußtseins sich samt seiner Aktivität und Passivität «zugleich schlechthin abhängig setzt, <hi rend="italic">um desto frömmer</hi> ist es». Oder umgekehrt: je mehr die Richtung, deren Ausdruck das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl ist, «in jeden Moment bestimmten sinnlichen Selbstbewußtseins einschießt» (Webstuhl!), so daß das Subjekt samt seiner Aktivität und Passivität sich zugleich schlechthin abhängig fühlt, «<hi rend="italic">um desto frömmer ist es</hi>». Um <pb xml:id="p391" ed="pga"/> desto frömmer ist es! Um desto prächtiger entwickelt sich und gedeiht das Gewächs! Ich sage absichtlich nicht etwa das <hi rend="italic">Kind</hi>, sondern das <hi rend="italic">Gewächs</hi>, denn wer, der es nicht sonst wüßte, würde auf den Gedanken kommen, daß es sich bei dem in diesem Absatz 3 geschilderten Prozeß um den lebendigen Menschen in seinem Verhältnis zum lebendigen Gott handelt? </p>
        <p>Man kann hier ein Doppeltes fragen: 1. Wie kommt das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl dazu, sich zu entwickeln? Was heißt schlechthinig? Was wird aus seiner definitionsmäßigen Passivität, wenn es das kann? Liegt es nicht auch hier nahe (<persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName>) zu fragen, ob das, was <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hier meint, nicht besser als die produktive Phantasie zu bezeichnen wäre<note xml:id="n74">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1464"><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, A.a.O., S. 70.</bibl>
               </note>, oder vielleicht noch naheliegender: als das an sich qualitäts- und quantitätslose <hi rend="italic">Leben</hi>, das nirgends für sich allein ist, vielmehr mit verborgener Allmacht Alles durchflutet und gerade als solches höchsten Erkenntniswert hat, etwa wie das, was <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-286">Joh. Müller</persName></hi> so nennt?<note xml:id="n75">Zu dem «Leben» als Zentralbegriff im Denken von <persName ref="kbga-actors-286">Johannes Müller</persName> (<date from="1864" to="1949">1864–1949</date>) vgl. etwa dessen Aufsatzsammlung <bibl corresp="kbga-bibls-4449"><hi rend="italic">Von den Quellen des Lebens</hi>, München
                            1919<hi rend="sup">5</hi>. Z.B. dort S. 36f.</bibl>: «Die Wahrheit ist Leben und nicht Anschauung. Sie ist der Sinn und das Wesen des Seins, das im Leben erfaßt und offenbart wird, und nicht eine zutreffende Vorstellung der Wirklichkeit in ihrem Bestand und ihrer Bestimmung, die wir durch wissenschaftliche Forschung ergründen und durch Nachdenken ergrübeln.» — Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Urteil über <persName ref="kbga-actors-286">Müller</persName> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2"><hi rend="italic">KD</hi> II/1, S. 714; III/4, S. 440.</bibl>
               </note> 2. Was wird aus dem Gegebensein Gottes in diesem Gefühl, wenn dieses sich entwickeln kann? Entwickelt es sich mit? Ist es also selber eine biotische, quantitätsfähige, an die Korrelation zu der Sinnlichkeit gebundene Größe? Offenbar, aber was sollen wir dann von diesem Gott denken? Ist Gott etwa auch «das Leben»? Oder vielmehr eine Verobjektivierung und Personifizierung des Lebens? </p>
        <p>
                    <hi rend="italic">§ 5, 4</hi> bringt weitere Enthüllungen. Das schlechthinige Abhängigkeitsbewußtsein an und für sich bleibt immer sich selbst gleich. Aber als solches «könnte es entweder gar kein wirkliches zeiterfüllendes Bewußtsein werden, oder es müßte ohne alle Beziehung auf das in mannigfaltigem Wechsel auf und absteigende sinnliche Selbstbewußt <pb xml:id="p392" ed="pga"/> sein neben demselben unison mittönen» (Eingangschor zur MatthäusPassion!). Nun aber ist es anders (<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> beruft sich dafür schon § 5, 3 einfach auf die Erfahrung). Unser frommes Bewußtsein <hi rend="italic">folgt</hi> der Reihe inhaltlich verschiedener Momente des sinnlichen Selbstbewußtseins, wird jetzt zu einer <hi rend="italic">solchen</hi>, jetzt zu einer <hi rend="italic">solchen</hi> frommen Erregung und bleibt doch «durch die ganze Reihe hindurch <hi rend="italic">dasselbe</hi>» [§ 5, 4]. Eine beruhigende, des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls und des in ihm uns gegebenen Gottes würdige Versicherung, möchte man sagen. Sie ertönt übrigens beiläufig schon am Anfang von § 5, 3. Also das Göttliche als solches nimmt an den Schwankungen des sinnlichen Bewußtseins nicht teil, es ist und bleibt, obwohl es jenen folgt, etwas Eigenes, Überlegenes für sich? Oder ist diese Zusicherung im Munde <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> etwa gerade <hi rend="italic">nicht</hi> beruhigend? Sollte sie etwa besagen, daß das Göttliche als solches gar keiner Gegensätzlichkeit, gar keiner Bewegung fähig ist, daß ihm solche gerade <hi rend="italic">nicht</hi> vermöge seiner eigenen Kraft und Überlegenheit, sondern nur kraft seiner Symbiose mit dem Menschlichen zukommt? Sehen wir zu. Von dem Gegensatz von <hi rend="italic">Lust und Unlust</hi> redet ja der Leitsatz in seinem zweiten Teil, also von demselben, was uns laut § 64 unter der Bezeichnung Gnade und Sünde als der große Gegensatz des zweiten Hauptteils der Dogmatik entgegentreten wird. Wir haben also Anlaß aufzumerken. Wo frommes Bewußtsein wirklich ist, hören wir, da unterliegt es einem <hi rend="italic">Wechsel</hi>, indem einige fromme Erregungen mehr der Freude sich annähern, andere mehr dem Schmerz. Nicht als ob relative Freiheit durchaus mit Lust, relative Abhängigkeit durchaus mit Unlust zusammenfiele. Und noch weniger als ob das sinnlich Angenehme oder Unangenehme etwa dem schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl denselben Charakter mitteilte. Sondern der Gegensatz, sofern er dem schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl <hi rend="italic">anhaftet</hi>, bezieht sich auf das <hi rend="italic">Verhältnis</hi> der beiden oberen Bewußtseinsstufen zueinander in einem bestimmten Moment. <hi rend="italic">Hervortreten</hi> des höheren Selbstbewußtseins ist allgemein <hi rend="italic">Lebenserhöhung</hi>. <hi rend="italic">Leichtes</hi> Hervortreten des höheren Selbstbewußtseins bedeutet also einen leichten Verlauf dieser Erhöhung und trägt, gleichviel, ob die betreffende sinnliche Bestimmtheit des Selbstbewußtseins angenehm <pb xml:id="p393" ed="pga"/> oder unangenehm sei, das «Gepräge der <hi rend="italic">Freude</hi>». <hi rend="italic">Verschwinden</hi> des höheren Bewußtseins wäre (!) <hi rend="italic">Lebensverringerung, schwieriges</hi> Hervortreten desselben also Annäherung an dessen Ausbleiben und kann also «nur als <hi rend="italic">Hemmung</hi> des höheren Lebens gefühlt werden». Soweit das fromme Bewußtsein und sein Gegensatz. </p>
        <p>Wir staunen über den Relativismus, mit dem auch hier davon geredet wird. Wir staunen noch mehr über den Optimismus, mit dem auch hier, wiederum gut naturalistisch, nur mit der Lebens<hi rend="italic">erhöhung</hi>, die je nachdem erleichtert oder gehemmt erscheint, gerechnet ist. Aber dringender ist jetzt die Frage, wo und wie dieser Gegensatz eigentlich entsteht. Und da antwortet <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ganz unzweideutig: Das höhere Selbstbewußtsein trägt einen solchen Gegensatz <hi rend="italic">nicht</hi> in sich. «Seligkeit des Endlichen» als höchster Gipfel seiner Vollkommenheit ist die «unveränderliche <hi rend="italic">Gleichheit</hi> des Lebens». Schroffe reale Gegensätzlichkeit dieser «Hemmung» und dieser «Leichtigkeit» würde dem frommen Leben eine Unstetigkeit geben, «welche wir nicht für das Höchste achten können [§ 5, 4]. Der stärkste Gefühlsgehalt der höheren Lebensstufe ist das Fastwieder-Verschwinden jenes Gegensatzes. Was heißt nun das? Es heißt in der Tat das, was wir vorhin befürchteten. Die versicherte Überlegenheit des Göttlichen gegenüber den Velleitäten des sinnlichen Selbstbewußtseins bedeutet seine Neutralität gerade gegenüber <hi rend="italic">dem</hi> Gegensatz, an dem nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> eigener Konstruktion das ganze christliche Denken orientiert ist, dem Gegensatz von Sünde und Gnade. Dieser Gegensatz besteht nur im frommen Bewußtsein. Sünde <hi rend="italic">gegen Gott</hi> und Gnade <hi rend="italic">Gottes</hi> kann es in dieser Dogmatik, das ist schon auf der dreißigsten von ihren tausend Seiten entschieden, nur in uneigentlichem, metonymischem Sinn geben. Und dieser Gegensatz besteht nur im Noch-nicht-Vollendetsein des Prozesses der Einigung von höherem und mittlerem Selbstbewußtsein. Seine Überwindung ist eine Frage der Zeit, des Fortschritts, wie wir es in <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Predigten so oft gehört haben. Mit einer Krankheit zum <hi rend="italic">Tode</hi><note xml:id="n76">Anspielung auf den Titel von <bibl corresp="kbga-bibls-1762"><persName ref="kbga-actors-221">S. Kierkegaards</persName> Schrift <hi rend="italic">Die Krankheit zum Tode</hi> von 1849 (nach Joh. 11,4).</bibl>
               </note> und mit einer <hi rend="italic">grundlosen</hi> Barmherzigkeit wird, auch darüber <pb xml:id="p394" ed="pga"/> ist in diesem Absatz 4 entschieden, in dieser Dogmatik <hi rend="italic">nicht</hi> gerechnet werden.</p>
        <p>Merkwürdig übrigens dieses Verhältnis von Absatz 3 und 4 zueinander! <hi rend="italic">Dort</hi>, wo es sich um die belanglose Frage der Genesis des frommen Bewußtseins handelte, schwerste Kompromittierung des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls und des darin gegebenen Gottes. <hi rend="italic">Hier</hi>, wo dem frommen Bewußtsein die eigentlich kritische Frage, die Frage nach dem Sinn seiner einzelnen Momente gestellt wird, kühle Neutralität derselben Instanz, als ob sich die Überwindung des durch diese Frage aufgerissenen Gegensatzes wie das Auspendeln einer abgelaufenen Uhr von selbst machen werde. Aber hören wir unseren Paragraphen noch zu Ende. <hi rend="italic">§ 5, 5</hi> handelt von der <hi rend="italic">Kontinuität</hi> des frommen Selbstbewußtseins. In ununterbrochener Reihe sollen und können die frommen Erregungen sich folgen. Wer über einen an Gottesbewußtsein ganz leeren Augenblick <hi rend="italic">trauert</hi>, der trauert offenbar nicht um etwas als unmöglich, sondern als <hi rend="italic">möglich</hi> Erkanntes. Aber allerdings der Stärke nach kann sich diese Möglichkeit ununterbrochenen Gottesbewußtseins <hi rend="italic">differenzieren</hi>. Sein neues Hervortreten zeigt jeweilen, daß es auch vorher «nicht sei erstorben gewesen» (wie ja auch Christus nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> bekanntlich nur scheintot gewesen ist!). Keine Bestimmtheit des sinnlichen Selbstbewußtseins ist etwa ganz unverträglich mit dem höheren, weder das Eine noch das Andere <hi rend="italic">muß</hi> je unterbrochen werden, «ausgenommen wenn beide sich hinter der überhandnehmenden Verworrenheit des Bewußtseins zurückziehen». <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> würde also z.B. einem Geisteskranken die Beziehung zu Gott absprechen bzw. nur in der Weise zusprechen, wie sie auch einem schon Gestorbenen zuzusprechen ist. Er hat als Seelsorger tatsächlich die Angehörigen von Sterbenden damit getröstet (oder nicht getröstet), daß mit dem Eintritt der Bewußtlosigkeit und ihrer peinlichen Folgen der Eingang des Sterbenden zu Gott unter Wegfall aller subjektiven Bedingtheit bereits erfolgt sei<note xml:id="n77">Ein genauer Beleg hierfür war nicht zu finden. Einen ähnlichen Gedanken äußert <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in seinem Brief vom <date when="1809-02-12">12.2.1809</date> an <persName ref="kbga-actors-2605">Henriette von Willich</persName>: «Nur das ergreift mich immer so besonders schmerzlich, daß es ihm nicht vergönnt war, sich seiner und Deiner bewußt zu bleiben bis an’s Ende, und ich tröste mich nur nach recht gelassener Überlegung damit, was ich in einer Predigt gesagt habe, daß der letzte Augenblick des vollen Bewußtseins auch der letzte des Lebens ist» (<bibl corresp="kbga-bibls-2228"><hi rend="italic">Br.</hi> II, S. 225</bibl>).</note>, während er es sich für sich selber nach dem <pb xml:id="p395" ed="pga"/> Autogramm unter einem seiner Bilder als Höchstes gewünscht hat, «recht bei voller Besinnung» sterben zu dürfen<note xml:id="n78">Reproduziert in: <bibl corresp="kbga-bibls-2094"><hi rend="italic">Aus Schleiermachers Hause. Jugenderjnnerungen seines Stiefsohnes Ehrenfried von Willich</hi>, Berlin
                            1909</bibl>, gegenüber der Titelseite. Die Bildunterschrift in <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> faksimilierter Handschrift lautet: «Nur das habe ich mir immer gewünscht recht bei voller Besinnung zu sterben ohne Überraschung und ohne Täuschung, den Tod recht sicher und bestimmt kommen zu sehn.»—<bibl corresp="kbga-bibls-7798">Nach <persName ref="kbga-actors-2536">J. Bauer</persName>, <hi rend="italic">Schleiermachers letzte Predigt</hi> (vgl. oben S. 14, Anm. 6), S. 12, Anm. 2</bibl>, stammt die betreffende Porträt-Lithographie von <persName ref="kbga-actors-2573">A. Hüssener</persName>.</note>. Wunderliche, etwas schrullige und jedenfalls sehr intellektualistische Ausblicke, die sich da auftun. Was hat die Kontinuität des Göttlichen mit der Kontinuität unserer Besonnenheit zu tun, wenn es sich im schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl wirklich um das Göttliche handelt? Aber ob das der Fall ist, das eben ist die von allen Seiten, von Absatz zu Absatz mehr sich aufdrängende Frage.</p>
        <p>
                    § 5
                    <hi rend="italic">Zusatz</hi> bringt sachlich eine Erläuterung zu § 4, 4. «Das unmittelbare innere Aussprechen des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls» ist «das <hi rend="italic">Gottesbewußtsein</hi>». Solches Aussprechen verbindet sich aber immer mit einem sinnlichen Selbstbewußtsein. Folglich trägt das Gottesbewußtsein als solches in allen seinen Formen Bestimmungen, die dem Gebiet des Gegensatzes angehören. Dies ist die Quelle des unvermeidlichen Anthropomorphismus in allen Aussagen über Gott, an die sich dann die Kritik derer zu heften pflegt, die von der Frömmigkeit keine Erfahrung haben. «Währenddes sind die Frommen sich bewußt, daß sie nur im <hi rend="italic">Sprechen</hi> das Menschenähnliche nicht vermeiden können, in ihrem unmittelbaren Bewußtsein aber den <hi rend="italic">Gegenstand</hi> von der <hi rend="italic">Darstellungsweise</hi> gesondert [fest]halten.» Worauf ihnen zu antworten wäre mit der Frage, warum sie es nicht lieber vorziehen, zu <hi rend="italic">schweigen</hi>, statt ihre Mitmenschen unter völlig unbefugter Inanspruchnahme des Namens Gottes mit den Produkten ihres unmittelbaren Bewußtseins oder, sagen wir es deutlicher: ihrer Phantasie zu behelligen?!</p>
        <pb xml:id="p396" ed="pga"/>
        <p>
                    <milestone xml:id="m14.II.24" unit="line"/>
                    § 6 bringt endlich die Rechtfertigung des Titels des 1. Abschnitts, wonach dieser eigentlich von der Kirche handeln sollte. «<hi rend="italic">Das fromme Selbstbewußtsein wird … auch Gemeinschaft</hi>», sagt der Leitsatz, und zwar darum, weil auch es, das fromme Selbstbewußtsein, ein «<hi rend="italic">wesentliches Element der menschlichen Natur</hi>» ist. Als solches <hi rend="italic">entwickelt</hi> es sich <hi rend="italic">notwendig</hi> einerseits zur <hi rend="italic">fließenden</hi>, andererseits zur <hi rend="italic">begrenzten</hi> Gemeinschaft. Die letztere ist die <hi rend="italic">Kirche</hi>. Diese Elemente sind es, die nun zu erläutern sind. Zunächst <hi rend="italic">§ 6, 1</hi> die Voraussetzung: das fromme Selbstbewußtsein <hi rend="italic">ein wesentliches Element der menschlichen Natur</hi>. Wir hörten schon<note xml:id="n79">Vgl. oben S. 357.</note>, daß nach § 33 diese Voraussetzung vollständigen Ersatz für alle sogenannten Beweise für das Dasein Gottes bieten soll. Auch schon § 4, 1 ist uns die Behauptung begegnet<note xml:id="n80">Vgl. oben S. 381.</note>, zu dem Satz von der vorwiegenden oder ausschließlichen Passivität des unmittelbaren Selbstbewußtseins könne die Zustimmung jedes Denkenden unbedingt gefordert werden. Dem entsprechend wird uns nun hier eine kleine Apologie dieser Voraussetzung geboten. Man wendet dagegen ein, jeder Mensch kenne in seinem Leben eine Zeit, da das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl <hi rend="italic">noch nicht</hi> gewesen sei. Wohl, antwortet <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, aber das war eben die Zeit des unvollständigen, teils tierähnlich verworrenen, teils bloß sinnlichen Lebens. Man verweist (heute würde das wohl nicht mehr geschehen) auf <hi rend="italic">religionslose Völker</hi>. Aber diese stellen nur im Großen diesen «unentwickelten Zustand der menschlichen Natur» dar, in dieser wie in anderen Lebensfunktionen. Man verweist auf einzelne <hi rend="italic">Irreligiöse</hi>. Aber auch sie können nicht leugnen, daß sie in einzelnen Augenblicken von einem derartigen Gefühl ergriffen sind, mögen sie es auch selber als Aberglauben oder dergl. bezeichnen. Zu widerlegen wäre die Voraussetzung nur durch den Nachweis, daß dieses Gefühl nicht «höheren Wert habe als das sinnliche oder daß es außer ihm noch ein anderes von gleichem Wert gebe». Als <hi rend="italic">höchste</hi> Stufe des unmittelbaren Selbstbewußtseins ist es auch ein der menschlichen Natur <hi rend="italic">wesentliches</hi> Element. Aber warum gerade als <hi rend="italic">höchste</hi> Stufe? wäre hier zu fragen. Ist die <hi rend="italic">höchste Stufe</hi> 
               <pb xml:id="p397" ed="pga"/> als solche der höchste <hi rend="italic">Wert</hi> und der höchste Wert als solcher das <hi rend="italic">Wesen</hi> einer Sache? Könnte die Frömmigkeit der menschlichen Natur nicht ebenso wesentlich sein, wenn das Verhältnis der drei Bewußtseinsstufen statt in Form einer aufsteigenden Linie in Form eines <hi rend="italic">Kreises</hi> vorgestellt würde, so daß schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl und tierähnliche Verworrenheit <hi rend="italic">nebeneinander</hi> zu stehen kämen? <hi rend="italic">Ein</hi> wesentliches <hi rend="italic">Element</hi>, sagt ja <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst, nicht etwa <hi rend="italic">das Wesen</hi>. Nun ja, dann sagt aber der Satz nicht mehr, als was mit demselben Recht auch von Elementen der zweiten und sogar der ersten Stufe gesagt werden könnte: daß sie eben jedes auf seiner Stufe zur Vollständigkeit der menschlichen Natur gehören. In einem prinzipiell anderen Sinn, als dies z.B. auch von der Sexualität gilt, kann offenbar die Frömmigkeit nicht als wesentliches Element der menschlichen Natur behauptet und bewiesen werden. Das ist aber ein Umstand, der durch die Kombination des Entwicklungsgedankens mit dem Wertbegriff, die <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hier vornimmt, verhüllt wird. <hi rend="italic">§ 6, 2</hi> will zeigen, wie das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl als wesentliches Element der menschlichen Natur <hi rend="italic">Basis einer Gemeinschaft</hi> wird, ein Hergang, dessen Anerkennung als Tatsache wiederum jedermann zuzumuten sei. Es finde nämlich das <hi rend="italic">Gattungsbewußtsein</hi> seine <hi rend="italic">Befriedigung</hi> nur «in dem Heraustreten aus den Schranken der eigenen Persönlichkeit und in dem Aufnehmen der Tatsachen anderer Persönlichkeiten in die eigene». Tatsächlich werde denn auch alles Innere auf irgend einem Grad der Stärke oder Reife ein Äußeres und Anderen Wahrnehmbares. So auch das <hi rend="italic">Gefühl</hi>, und zwar «durch Gesichtsausdruck, Gebärde, Ton und unmittelbar durch das Wort». Seine Äußerung erregt im Anderen «zunächst nur die <hi rend="italic">Vorstellung</hi> von dem Gemütszustand des Äußernden», die aber vermöge des Gattungsbewußtseins (der Mensch erkennt im Menschen sich selbst!) in lebendige <hi rend="italic">Nachbildung</hi> übergeht. Jedermann muß zugeben, daß er sich in einer solchen <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> des Gefühls mit Anderen als einem naturgemäßen Zustand immer <hi rend="italic">befindet</hi> und, wenn sie noch nicht bestanden hätte, sie selbst mit <hi rend="italic">stiften</hi> würde. Auf demselben Wege ist auch das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl in jedem geweckt worden. Also das, <hi rend="italic">das</hi> ist das Schema, unter dem nachher <pb xml:id="p398" ed="pga"/> u. a.  die christliche Kirche begriffen werden wird: Um die Befriedigung des Gattungsbewußtseins handelt [es] sich: das Gefühl produziert sich, wird verstanden, erwacht auch in Anderen, und die Gemeinschaft, die fromme Gemeinschaft ist fertig — nein, noch nicht ganz fertig, belehrt uns <hi rend="italic">§ 6, 3</hi>: Zunächst ist sie ja «eine ungleichmäßige und fließende»; die Verwandtschaft und Übertragungsmöglichkeit des frommen Gefühls zwischen diesen und jenen kann ja verschieden groß sein; irgendwelche Gemeinschaft zwischen Frommen besteht immer, nur daß sie sich in bezug auf Stärke und Reinheit ihres Gefühls u.U. auf gerade entgegengesetzten Polen befinden können. Wie kommt es nun innerhalb dieser fließenden und streng genommen unbegrenzten Gemeinschaft zu feststehenden Verhältnissen, zu stetiger Gemeinschaft? Darauf antwortet <hi rend="italic">§ 6, 4</hi> mit der erstaunlichen Mitteilung, daß dies zunächst durch die <hi rend="italic">Familie</hi> als natürliche, sich zusammenschließende Gemeinschaft des frommen Selbstbewußtseins, dann aber durch massenweise durch gemeinsame Sprache und Sitte untereinander verbundene, eine gemeinsame nähere Herkunft kennende oder doch ahnende Familien geschehe, entweder in demokratischer Gleichheit oder aristokratisch unter Führung bestimmter Familien. «Jede solche relativ abgeschlossene fromme Gemeinschaft», in der das fromme Selbstbewußtsein in bestimmter Weise seinen Umlauf (!) hat, in der die frommen Erregungen in geordneter und gegliederter Weise fortgepflanzt (!) werden, beides so charakteristisch, daß Angehörige und Nichtangehörige irgendwie unterschieden werden können, «bezeichnen wir durch den Ausdruck <hi rend="italic">Kirche</hi>». Mit dieser Feststellung: daß es zur Konstituierung einer Kirche abgesehen vom frommen Gefühl selbst nun noch 1. der <hi rend="italic">Familie</hi> und 2. der Pluralität stammesverwandter Familien, d.h. der <hi rend="italic">Horde</hi> bedürfe, hat die Schleiermachersche Ethik ihre «Lehnsätze» zur Grundlegung der Dogmatik ausgesprochen.</p>
        <p>Ich will versuchen, den eigentlichen Inhalt dieses Abschnitts, die psychologische <hi rend="italic">Bestimmung des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls</hi>, in ein paar Sätzen zusammenzuziehen. Das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl ist schlecht und recht ein in der Zeit gegebenes und wirkliches Bewußt<hi rend="italic">sein</hi>, kein transzendentaler Begriff etwa: es <pb xml:id="p399" ed="pga"/> steht, <hi rend="italic">deskriptiv</hi>-psychologisch betrachtet, neben oder in der Mitte der beiden anderen Lebensfunktionen: Wissen und Tun, <hi rend="italic">genetisch</hi>psychologisch betrachtet als dritte und höchste Stufe über dem dämmernden und dem gegenständlich-wachen Bewußtsein als der spezifisch mystische Bewußtseinsakt. Aber es unterscheidet sich von einem geistigen Akt, etwa von dem der Ehrfurcht, dadurch, daß es keinen Gegenstand <hi rend="italic">hat</hi>, sondern genau genommen nur Gegenstand <hi rend="italic">ist</hi>, ganz Passivität, Empfänglichkeit, Wirkung, Abhängigkeit, daher sein Name. Trotzdem <hi rend="italic">ist nun in ihm</hi> das, was es zu dem <hi rend="italic">macht</hi>, was es ist, das schlechthin Aktive, Tätige, die gegenüberstehende übermächtige causa, das Andere <hi rend="italic">mit</hi>gesetzt, es hat die Fähigkeit, sein eigenes Woher? von sich abzurücken, wenn auch nur relativ, seine eigene Präsenz von der in ihm gesetzten Präsenz dieses ganz Anderen; und der Mensch, in dem es seinen Ort hat, nennt dieses Andere, anthropomorph, die Sache vom Wort unterscheidend, das Wort nur als inadäquaten Ausdruck verwendend: <hi rend="italic">Gott</hi>. Trotz dieser scheinbar alle Differenzierung ausschließenden Präsenz der schlechthinigen Ursache in ihm, der schlechthinigen Wirkung, ist es nun aber entwicklungs- und quantitätsfähig, verlangt nach Symbiose mit dem sinnlichen Selbstbewußtsein und findet in dieser bis zum Verschmelzen glücklichen Ehe, was ihm selber fehlt, nämlich die Möglichkeit, in der Zeit überhaupt zu sein, verursacht dabei allerdings, daß seinem Partner die kritische Frage Lebensförderung oder Lebenshemmung, Lust oder Unlust, Gnade oder Sünde gestellt ist; aber indem es selber dieser Frage gegenüber neutral bleibt, sorgt es gleichzeitig dafür, daß diese Frage nur relativ kritisch wird, einer glücklichen Lösung zum vornherein gewärtig ist. Ist es doch, auch das wirkt beruhigend, ein der Menschennatur allgemein angehöriges und unveräußerliches Element wie ein anderes, als welches es sich dann, den ebenfalls allgemein natürlichen Gesetzen der Gemeinschaftsbildung folgend, auf dem Wege über Familie und Horde innerhalb des fließenden Consensus des frommen Gefühls überhaupt zur Kirche, d.h. zur Gemeinschaft des bestimmten frommen Gefühls entwickelt.</p>
        <p>Ich denke, wir sind belehrt. § 6 Zusatz mit seinen <hi rend="italic">Definitionen</hi> 
               <pb xml:id="p400" ed="pga"/> des Begriffs Religion und seiner Abwandlungen: natürliche, bestimmte, subjektive, objektive Religion, Religiosität usf. überlasse ich Ihrem eigenen Studium und wende mich zu</p>
        <p>
                    <hi rend="italic">b</hi>) § 7-10 <hi rend="italic">Die Religionen</hi>. Lehnsätze aus der <hi rend="italic">Religionsphilosophie</hi> sollen also die nun folgenden Ausführungen der Glaubenslehre sein, der Religionsphilosophie, die, selber eine spekulative Tochterwissenschaft der Ethik, die verschiedenen geschichtlichen Formen von Frömmigkeit und frommer Gemeinschaft kritisch zu verstehen und zu ordnen unternimmt. Die Untersuchung desselben Objektes wird nun also vom psychologischen auf das <hi rend="italic">historische</hi> Feld verlegt. Es handelt § 7 von der Verschiedenheit der Religionen als solcher, § 8 von den Stufenunterschieden, § 9 von den Artunterschieden der Religionen, § 10 endlich von dem Verhältnis der geschichtlichen Kontinuität jeder Religion zu ihrem durch Stufe und Art bestimmten Charakter. Der Abschnitt bietet zum Verständnis der Schleiermacherschen Grundlegung so viel weiteres Material, daß wir auch ihn genau ansehen müssen. Ich werde mich aber über alles nicht Grundsätzlich-Wichtige so kurz als möglich fassen. </p>
        <p>Nach den bisherigen Bestimmungen des Objekts, so dunkel und widerspruchsvoll sie waren, würden wir eigentlich in bezug auf die <hi rend="italic">Verschiedenheit der Religionen</hi> die Erklärung erwarten, daß es sich dabei nur um Gegensätze der äußeren Gestalt und der Verbreitung handeln könne. Ist Frömmigkeit selbst, in der Sache, im Inhalt, nach ihrer § 3-4 gegebenen Definition nicht eine und dieselbe in Allen, die sie haben? Eben in bezug auf diese Frage erhalten wir nun in den § 7-10 als Antwort ein merkwürdiges Ja <hi rend="italic">und</hi> Nein. <hi rend="italic">Nein!</hi> heißt es zunächst <hi rend="italic">§ 7, 1</hi>. Die Verschiedenheit betrifft durchaus nicht nur Gestalt und Umfang der frommen Gemeinschaften, «sondern <hi rend="italic">die Beschaffenheit der ihr zu Grunde liegenden Gemütszustände selbst</hi>, je nachdem sie sich» in ihrem Verhältnis zum sinnlichen Selbstbewußtsein «zur Klarheit herausarbeiten». Ganz unzweideutig wird nun also das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl auch noch als historisch <hi rend="italic">differenzierungsfähig</hi> erklärt, ja die Fähigkeit ihm zugeschrieben, sich, z.T. abhängig von der Gesamtentwicklung der geistigen <pb xml:id="p401" ed="pga"/> Kräfte, z.T. seinen eigenen Gang gehend, nicht nur im einzelnen Individuum, sondern als das Erlebnis einer frommen Gemeinschaft in der Geschichte zu <hi rend="italic">entwickeln</hi>. Es entstehen so die in § 8 zu behandelnden Stufenunterschiede. Da aber Religionen derselben Stufe (<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> führt als Beispiel den indischen und den altgriechischen Polytheismus an) sich u.U. noch einmal grundsätzlich von einander unterscheiden lassen, so ist als weiteres Teilungsprinzip (von ihm wird § 9 reden) der Begriff der <hi rend="italic">Gattung</hi> oder der Art ins Auge zu fassen. Noch deutlicher als im 1. Abschnitt wird es hier schon terminologisch deutlich, daß wir es, wie bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> heimlich überall, so auch hier mit einer An geistiger Naturwissenschaft zu tun bekommen werden, nur daß wir es, wie <hi rend="italic">§ 7, 2</hi> uns belehrt, in der Geschichte nicht mit unveränderlichen, immer wiederkehrenden Formen zu tun haben, sondern auf jeder Stufe mit Übergängen von einer Gattung zur anderen und innerhalb jeder Gattung mit Aufstiegen zu höheren Stufen zu rechnen haben, was aber der Verwendbarkeit des Schemas keinen Eintrag tue. <hi rend="italic">§ 7, 3</hi> bringt die gewiß kühne These, die bei dieser Betrachtung notwendige Voraussetzung von dem Christentum koordinierten Frömmigkeitsformen sei nicht im Widerspruch zu der christlichen «Überzeugung von der <hi rend="italic">ausschließenden Vortrefflichkeit des Christentums</hi>». Denn, heißt die überraschende Begründung: auch auf dem Gebiet der Natur unterscheide man «vollkommene und unvollkommene <hi rend="italic">Tiere</hi>», innerhalb derselben Gattung nämlich. Ebenso «kann auch das Christentum, wenngleich mehrere Gattungen von Frömmigkeit dieselbe Stufe mit ihm einnehmen, doch vollkommener sein als irgend eine von ihnen». Nur das vertrage sich nicht mit der Voraussetzung dieser Betrachtung, daß sich die christliche Frömmigkeit zu den meisten anderen frommen Gestaltungen etwa verhalte «wie die wahre zu den falschen». Wie könnten jene sonst so viel Gleiches mit dem Christentum haben, wie wäre es sonst möglich, von jenen zum Christentum überzugehen? Die Empfänglichkeit für das Christentum kann doch nicht im Falschen, sie muß in etwas Wahrem begründet sein — ein geradezu blendender Sophismus: als ob die außerchristliche Religion als <hi rend="italic">solche</hi> die Empfänglichkeit für das Christentum wäre! <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> wie <pb xml:id="p402" ed="pga"/> derholt dann jenen uns schon aus der Kurzen Darstellung § 332 bekannten Satz, «daß der Irrtum nirgend an und für sich ist, sondern immer nur an dem Wahren, und daß er nicht eher vollkommen verstanden worden ist, bis man seinen Zusammenhang mit der Wahrheit, und das Wahre, woran er haftet, gefunden hat»<note xml:id="n81">Zitat aus Glaubenslehre § 7, 3. Zu § 332 der <bibl corresp="kbga-bibls-2154"><hi rend="italic">Kurzen Darstellung</hi> vgl. oben S. 302.</bibl>
               </note>. Mit dieser sehr schönen und nachdenklichen These, die aber in diesen Zusammenhang nur dann paßt, wenn es sich bei der Frage nach der Absolutheit des Christentums nur um — das Christentum handelt, ist das Problem — es ist das der Absolutheit des Christentums —, das das Folgende beherrscht, angekündigt. </p>
        <p>
                    <hi rend="italic">§ 8, 1</hi> bringt, in deutlicher Parallele zu der Stufenleiter von § 5, die Entwicklungsreihe: <hi rend="italic">Fetischismus — Polytheismus — Monotheismus</hi>. Fetischismus, <hi rend="italic">Götzendienst</hi>, weiß noch nichts von Totalität der Abhängigkeit: nur ein beschränktes Gebiet wird dem Einfluß des Göttlichen unterstellt. Im <hi rend="italic">Polytheismus</hi> ist schon die Abhängigkeit <hi rend="italic">alles</hi> Endlichen erkannt, nur nicht von <hi rend="italic">einem</hi> Höchsten, sondern von einer höheren <hi rend="italic">Gesamtheit</hi> von Göttern, nicht ohne Ahnung ihrer Einheit. Der <hi rend="italic">Monotheismus</hi> aber spricht die Abhängigkeit <hi rend="italic">alles</hi> Endlichen von <hi rend="italic">einem</hi> Höchsten und Unendlichen aus, nimmt also die höchste Stufe ein, zu welcher sich die anderen nur als Übergangsstufen verhalten. Aber, wirft sich <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> <hi rend="italic">§ 8, 2</hi> selbst ein, sollte diese Verschiedenheit nicht bloß eine Verschiedenheit der Vorstellungsweise, also im sinnlichen Selbstbewußtsein sein? In der Tat, möchte man fragen: wo bleibt die Lehre von dem sekundären Charakter aller religiösen <hi rend="italic">Begriffe</hi> und <hi rend="italic">Vorstellungen?</hi> Könnte nicht das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl dasselbe sein in einem Fetischanbeter und in einem Christen? Aber nein, antwortet <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> sich und uns — immer wieder ist man zuerst überrascht, wenn er diese Wendung macht —, nein, es handelt sich nicht bloß um eine Verschiedenheit der Vorstellungen, sondern um eine <hi rend="italic">Verschiedenheit im unmittelbaren Selbstbewußtsein</hi>. Es ist eben jedesmal ein <hi rend="italic">verschiedenes</hi> Abhängigkeitsgefühl, das sein Woher? jetzt in einem sinnlich <pb xml:id="p403" ed="pga"/> wahrnehmbaren Einzelgegenstand, jetzt in einer Pluralität von Naturkräften, jetzt im Unendlichen selbst sucht und findet. Erst im Monotheismus geschieht, was im schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl seinem Begriff nach ja geschehen soll: daß wir uns unser selbst in unserer Endlichkeit als schlechthin abhängig bewußt werden und in dieses Bewußtsein <hi rend="italic">alles</hi> Endliche, die ganze Welt, <hi rend="italic">mit</hi>aufnehmen. Der letztere Punkt ist entscheidend. Es handelt sich ja, wie bei den rätselhaften Modifikationen des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls überhaupt, auch hier um seine verschiedenen Beziehungen zum <hi rend="italic">sinnlichen Selbstbewußtsein</hi>. Je mehr sich dieses in der Relation zu jenem «zum <hi rend="italic">allgemeinen Endlichkeitsbewußtsein erweitert</hi>», je mehr es Weltbewußtsein wird, desto reiner ist offenbar jenes, desto echter ist der Monotheismus. So überzeugt ist <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> von der gesetzmäßigen Notwendigkeit dieses Vorgangs, daß er <hi rend="italic">§ 8, 3</hi> von einem gerade[zu] unwiderstehlichen Fortschritt und Siegeszug des Monotheismus meint reden zu dürfen. <hi rend="italic">§ 8, 4</hi> erst enthüllt den Zweck dieser ganzen Übung. Auf der höchsten Stufe stehen als monotheistische Religionen <hi rend="italic">die jüdische, die christliche, die muhamedanische</hi>, die christliche «als die <hi rend="italic">reinste</hi> in der Geschichte hervorgetretene Gestaltung des Monotheismus», und zwar darum, weil die jüdische, wie ihre Exklusivität und ihr offener Rückfall in Götzendienst zeigen soll, mit dem Fetischismus noch verwandt sein soll, während der Islam durch seine Leidenschaftlichkeit und durch den stark sinnlichen Gehalt seiner Vorstellungen nicht ohne Reminiszenzen an den Polytheismus sein soll. Ich brauche auf den religionsgeschichtlichen Dilettantismus der Ausführungen dieses Absatzes kaum ausdrücklich hinzuweisen, wie ja auch das ganze Entwicklungsschema, das <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> in diesem Paragraphen zur Anwendung bringt, bei der heutigen Religionswissenschaft keinen Beifall mehr findet. Auch auf die zunehmende Unklarheit des zugrundegelegten Hauptbegriffs will ich nur im Vorbeigehen hinweisen, obwohl man den Evolutionen dieses schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl genannten Chamäleons nachgerade nur noch mit ernstem Unwillen zu folgen vermag. Was uns interessiert, ist die Frage, was <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hier <hi rend="italic">will</hi>. Offenbar nach dem Aufweis der Tatsächlichkeit und All <pb xml:id="p404" ed="pga"/> gemeinheit des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls in § 3-6 den Nachweis erbringen, daß die historische Religion des Christentums in der historischen <hi rend="italic">Erscheinungswelt</hi> jenes geheimnisvollen Grundfaktors eine der höchsten, nein, die höchste Stelle einnehme. Er tut das, indem er eine Reihe aufstellt, in der der <hi rend="italic">Monotheismus</hi>, als dessen höchster Gipfel dann unter der Hand der <hi rend="italic">christliche</hi> Monotheismus erklärt wird, als das unwiderstehlich herausspringende Resultat einer naturgemäßen, folgerichtigen Entwicklung des vorher als vorhanden und allgemein bewiesenen religiösen Geistes oder Gefühls überhaupt nachgewiesen wird. Das Christentum «stellt die <hi rend="italic">höchste</hi> Entwicklungsstufe der Religion dar, weil — (in ihm) die <hi rend="italic">ganze</hi> Welt als Wirkung <hi rend="italic">einer</hi> Ursache verstanden wird, was wieder von nichts anderem herrührt als von der naturgemäßen Erweiterung des Selbstbewußtseins zum Weltbewußtsein» (<persName ref="kbga-actors-2537">Bender</persName> II 358<note xml:id="n82">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2171"><persName ref="kbga-actors-2537">W. Bender</persName>, A.a.O. (vgl. oben S. 249, Anm. 14), S. 358</bibl>: «… was wieder von nichts anderem abhängt als …»</note>). </p>
        <p>Und das soll nun, möchte ich auch hier fragen: keine Konstruktion des Christentums a priori sein?, was <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ja mit allen Gebärden des Entsetzens von sich gewiesen hat.<note xml:id="n83">Vgl. oben S. 343f.</note> Noch ist das Christentum selbst mit keiner Silbe zu Worte gekommen, und schon <hi rend="italic">steht</hi> auf Grund religionsphilosophischer, bei Lichte besehen doch wohl besser gesagt: metaphysischer Überlegungen über Endlichkeit und Unendlichkeit, Freiheit und Abhängigkeit usf. nicht nur seine «ausschließende Vortrefflichkeit» <hi rend="italic">fest</hi>, sondern auch inhaltlich so beträchtliche Dinge wie das ihm trotz dieses Prädikats auferlegte <hi rend="italic">Verbot</hi>, sich selbst als die Wahrheit den falschen Religionen gegenüberzustellen, und wie die Festlegung auf das Ideal der höchstmöglichen Erweiterung des religiösen Gefühls zum allgemeinen Endlichkeits- und Weltbewußtsein. Um nicht zu reden von dem naturalistischen Zusammenhang, in den da das Christentum von der ersten Zeile von § 7 an versetzt wird, ohne es zu fragen, ob es sich das eigentlich gefallen lasse, mit Erwägungen wie die über Familie, Horde und dergl. in einem Atem auch nur genannt, geschweige denn von daher verstanden zu werden! Sind da nicht alle Gefahren einer Kon <pb xml:id="p405" ed="pga"/> struktion des Christentums a priori nicht nur drohend, sondern wirklich anklopfend vor der Türe, nein, schon eingetreten? Nur daß diese Konstruktion dem Charakter des Schleiermacherschen Denkens entsprechend keine transzendentale, sondern eine geschichtsphilosophisch-naturalistische ist?</p>
        <p>
                    <milestone xml:id="m18.II.24" unit="line"/> Aber hören wir noch das Ende dieses Paragraphen. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> gibt nämlich zu § 8 zwei interessante Zusätze. <hi rend="italic">§ 8</hi> 
               <hi rend="italic">Zusatz 1</hi> bringt zunächst eine weitere Neuigkeit in bezug auf das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl. Es läßt sich nämlich <hi rend="italic">umbiegen</hi>, und zwar zugunsten der armen Fetischanbeter, die bis jetzt von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> mit ziemlich unfreundlichen Worten bedacht wurden, nun aber die tröstliche Zusicherung erhalten, daß auch sie in den Himmel kommen, sofern nämlich auch in ihren Geisteserzeugnissen, diesen «niederen Potenzen» des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls, <hi rend="italic">dieselbe Wurzel</hi> zu anerkennen sei. Der Beweis, den <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> dafür gibt, ist so schlagend, daß ich ihn mitteilen muß. Das Christentum selbst lehrt <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.18">1.Joh. 4,18</ref>, daß <hi rend="italic">nur</hi> die völlige Liebe <hi rend="italic">alle</hi> Furcht austreibt!! Folglich ist «die <hi rend="italic">un</hi>vollkommene Liebe nie völlig frei … von Furcht». Folglich ist auch die Furcht nie ganz ohne, wenn auch unvollkommene, Liebe. Folglich ist die Furcht (die Deisidämonie) der Fetischanbeter, wenn sie nur nicht geradezu den Teufel anbeten, «nur eine der unvollkommenen Liebe koordinierte Umbiegung des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls». Da gibt es freilich keinen Widerspruch. <hi rend="italic">§ 8</hi> 
               <hi rend="italic">Zusatz 2</hi> handelt vom <hi rend="italic">Pantheismus</hi>, ein delikates Thema, da <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> diesen «Schimpf- und Necknamen», wie er es nennt, nach Ausweis der Sendschreiben an <persName ref="kbga-actors-2066">Lücke</persName><note xml:id="n84">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2148"><hi rend="italic">Sendschreiben an Lücke</hi>, a.a.O. (vgl. oben S. 328, Anm. 1), S. 23ff.</bibl>
               </note>, aber schon nach dem Erscheinen seiner Reden, nicht eben selten auf seine eigene Theologie angewandt hören mußte. Er behandelt die Sache mit vollendeter Grazie. Eigentlich gehöre die Sache nur um des Gleichklangs (da einmal von den -ismen die Rede sei) hierher. Pantheismus sei ja nie «das Bekenntnis einer geschichtlich hervorgetretenen frommen Gemeinschaft gewesen». In die Religionsgeschichte gehöre er nicht, sondern sei «auf dem Wege der Spekulation oder auch nur des <pb xml:id="p406" ed="pga"/> Räsonnements» entstanden. Ob er sich mit der Frömmigkeit <hi rend="italic">vertrage</hi>, das allein könne die Frage sein, und diese sei zu <hi rend="italic">bejahen</hi>, und zwar unbedenklich, wenn er nur nicht geradezu eine materialistische Verneinung des Theismus bedeute. Kommen nicht auch im Fetischismus allerhand Verwechslungen zwischen Gott und Welt vor? Führte nicht auch den griechischen Polytheisten die platonische Philosophie u.U. zu einer ähnlichen Identifizierung? Gibt es nicht auch auf der monotheistischen Stufe die Möglichkeit, sich selbst in die Welt einzurechnen und sich mit dem All abhängig zu fühlen von dem, was das Eins zu dem All ist, so daß Gott und Welt wenn nicht in der Substanz, so doch in der Funktion geschieden <hi rend="italic">bleiben?</hi> Alles ohne die Frömmigkeit selbst zu alterieren? Die Unterscheidung eines inner- und außerweltlichen Gottes jedenfalls ist wunderlich, grob und «trifft … die Sache nicht sonderlich». Wie kann man von Gott im Gegensatz von innerhalb und außerhalb reden, ohne irgendwie die göttliche Allmacht und Allgegenwart zu gefährden?</p>
        <p>Das ist doch einfach virtuos gemacht: Zuerst die Erklärung, der kritische Satz sei so nebensächlich, daß er nur eben im Vorbeigehen gestreift zu werden brauche. Dann wird er als neutral erklärt: es handelt sich nur um Spekulation. Dann der Nachweis, wie nahe er eigentlich <hi rend="italic">allen</hi> Religionsstufen liege. Dann die Versicherung, er habe mit der Frömmigkeit selbst gar nichts zu tun. Dann der Nachweis, wie unmöglich er doch zu widerlegen sei, und zum Schluß ganz zart die Andeutung, man könnte sich, wenn man ihm widerspreche, mit der göttlichen Allmacht und Allgegenwart überwerfen, wobei nur im Vorübergehen unterschlagen wird, daß es sich in der Pantheismusfrage ja gerade darum handelt, was etwa <hi rend="italic">göttliche</hi> Allmacht und Allgegenwart bedeuten möchte.</p>
        <p>Aber — wir kommen zu <hi rend="italic">§ 9, 1</hi> — die Frage nach dem Unterscheidenden des Christentums ist mit der Feststellung seines Stufencharakters als Monotheismus und innerhalb des Monotheismus mit jenem Versuch, ihm einen <hi rend="italic">eminenten</hi> Monotheismus zuzuschreiben, noch nicht erledigt. Es setzt nun, <hi rend="italic">querschnittartig</hi> zu jener Unterscheidung sich verhaltend, die Unterscheidung der Art <hi rend="italic">oder Gattung</hi> ein. Es besteht nämlich — nur von der monotheistischen Stufe <pb xml:id="p407" ed="pga"/> soll die Rede sein, die Meinung ist aber offenbar die, daß dasselbe mutatis mutandis auch auf den unteren Stufen gelten würde — die <hi rend="italic">doppelte Möglichkeit</hi> — <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat in der 1. Auflage (§ 16, [zitiert bei] <persName ref="kbga-actors-2537">Bender</persName> II 360) ausdrücklich gesagt, daß auch diese Doppelung «in den innersten Verhältnissen des Selbstbewußtseins begründet» sei: Das schlechthinige Abhängigkeitsbewußtsein, nach § 8, 2 zum allgemeinen Endlichkeits- oder Weltbewußtsein erweitert, wird im sinnlichen Selbstbewußtsein ganz auf die <hi rend="italic">Tätigkeit</hi> bezogen. Die in jenem gesetzte Passivität der Welt gegenüber wird zum ebenso totalen Impuls für das Handeln: sie sagt uns, daß etwas und was von uns zu tun sei. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nennt dies — nicht sehr einleuchtender Weise — die <hi rend="italic">teleologische</hi> Art der Frömmigkeit. Ihr gegenüber die zweite Möglichkeit: Das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl wird im sinnlichen Selbstbewußtsein zum Bewußtsein der <hi rend="italic">Passivität</hi> des Menschen in seinem Erleiden <hi rend="italic">und</hi> Handeln. Das ganze Leben des Subjekts wird aufgefaßt als das Ergebnis der vom höchsten Wesen angeordneten Einwirkung aller Dinge auf das Subjekt, je nach Lust oder Unlust des betreffenden Moments als schön oder häßlich — die <hi rend="italic">ästhetische</hi> Art der Frömmigkeit<note xml:id="n85">Eine Markierung im Mskr. verweist dazu auf folgende Darstellung am Rande: <figure xml:id="Ges11-p407">
                            <graphic xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0" url="http://www.reltech.org/PBP/Ges11-sec06-f407.tif"/>
                        </figure>
               </note>. Sollte man daran zweifeln, daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> sich für die letztere als die höhere entscheiden, das Christentum also <hi rend="italic">hier</hi> unterbringen wird? Hat sie nicht offenbar die Logik seiner ganzen Konstruktion für sich? Ist die Auffassung des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls als Impuls zu einer teleologischen Willensbewegung nicht entschieden <hi rend="italic">ferner</hi>, der ästhetische Genuß der in schlechthiniger Determination erlebten Welteinheit nicht <hi rend="italic">näher</hi> dem definitionsmäßigen Wesen der Religion? Könnte man nicht fragen, ob es vom schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl <pb xml:id="p408" ed="pga"/> aus eine Disposition zum Handeln, die Entwicklung einer Tätigkeit überhaupt geben kann? Gibt es eine solche als charakteristisches Merkmal gewisser Religionen, wie kann sie dann zum schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl in einem anderen als höchst indirekten Verhältnis stehen, wie sollte dann, wenn das Wesen der Religion im schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl richtig erkannt ist, die entgegengesetzte, die <hi rend="italic">ästhetische</hi> Art der Frömmigkeit nicht die höhere sein (Bender I 282f.)<note xml:id="n86">W. Bender argumentiert an der angegebenen Stelle ganz ähnlich wie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in den hier aufgeworfenen Fragen.</note>? Aber <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> bereitet einem immer neue Überraschungen. Nein! antwortet er uns auf alle diese Erwägungen, indem er <hi rend="italic">§ 9, 2</hi> erklärt, das Christentum sei eine <hi rend="italic">teleologische</hi> Religion. Soll man das nun einfach als eine geschichtliche <hi rend="italic">Beobachtung</hi> auffassen, eine, von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Voraussetzungen aus, wie gesagt, eigentlich unmögliche, höhere <hi rend="italic">Wert</hi>bestimmung gar nicht dahinter <hi rend="italic">suchen?</hi> Man wird in der Tat im ganzen § 9 vergeblich nach einer Kennzeichnung der teleologischen Frömmigkeit als der höheren, wertvolleren, besseren suchen. Sie ist eben einfach die <hi rend="italic">andere</hi>: ihr gehört das Christentum nun einmal tatsächlich an. Der Beweis für den Höchstwert des Christentums ist mit dem § 8 geführten Nachweis seines <hi rend="italic">Stufen</hi>charakters als eminenter Monotheismus (wir sahen § 8, 4, mit welchem religionsgeschichtlichen Salto mortale zuungunsten des Judentums und Islams!) <hi rend="italic">abgeschlossen</hi>, die Konstruktion a priori bricht ab, und § 9 bringt wohl ein weiteres Unterscheidungsmerkmal, aber ohne daß dabei ein weiterer Beweis in jener Richtung versucht oder geleistet würde, und die Frage bleibt offen, ob die teleologische Religion als die vorzüglichere anzusehen ist (vom schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl aus schwer verständlich zu machen!) oder ob wir es in ihr nicht wie im Fetischismus mit einer «Umbiegung des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls» in eine ihr eigentlich nicht gemäße Gestalt oder mindestens mit einer <hi rend="italic">sekundären</hi> Form desselben zu tun haben. Daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> es nicht etwa versucht hat, um seiner Konstruktion treu zu bleiben und den Beweis zu Ende zu führen, das Christentum als <hi rend="italic">ästhetische</hi> Religion zu dekla <pb xml:id="p409" ed="pga"/> rieren, das gereicht seiner historischen Gewissenhaftigkeit, und daß er sich nun eben doch hingesetzt hat, um eine <hi rend="italic">christliche</hi> Dogmatik zu schreiben, das gereicht seiner persönlichen Überzeugung von der Wahrheit des Christentums durchaus zur Ehre. Wir haben es hier wie in seiner Christologie mit einem der Fälle zu tun, wo die kontingente Wirklichkeit des Christentums wie ein Kieselstein spröde und unverdaut im Magen der Riesenschlange liegen bleibt. Aber daß er die christliche Dogmatik nun trotzdem, zufrieden mit den § 8 erzielten Ergebnissen, auf dieses so offenkundig in andere Richtung weisende schlechthmige Abhängigkeitsgefühl begründet hat, dieses Unternehmen gewinnt durch den aufgezeigten Sachverhalt nicht gerade mehr Glaubwürdigkeit, als es aus anderen Gründen ohnehin hat. </p>
        <p>
                    <hi rend="italic">§ 9, 2</hi> will also das Christentum als teleologische Religion erweisen. Offenbar im Gegensatz zu der auf der gleichen Stufe mit ihm befindlichen jüdischen und islamischen Religion? Nein, wieder nicht, oder doch erst nachträglich! Sondern, und das stimmt uns auch mißlich gegenüber der Unterscheidung «teleologisch» und «ästhetisch» überhaupt, die doch gerade für die höchste Stufe besonders bezeichnend sein soll: den <hi rend="italic">scharfen Gegensatz</hi> zum Christentum findet <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nämlich in einer religiösen Erscheinung der <hi rend="italic">zweiten</hi> Stufe, im <hi rend="italic">griechischen Polytheismus</hi> mit seiner Idee von einer Schönheit der Seele, welche als Ergebnis aller Natur- und Welteinwirkung, also eben als rein passives Gewirktsein des Subjekts durch die Gottheit gedacht wird. Wogegen im <hi rend="italic">Christentum</hi> das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl bezogen wird auf «die Gesamtheit der <hi rend="italic">Tätigkeits</hi>zustände in der Idee von einem <hi rend="italic">Reiche Gottes</hi>». Aller Schmerz und alle Freude sind hier «nur insofern fromm …, als sie auf die Tätigkeit im Reiche Gottes bezogen werden». Also das Reich Gottes als Telos, offenbar als Inbegriff aller <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">τέλη</foreign> der einzelnen menschlichen Tätigkeitszustände? Nach der Schleiermacherschen Ethik also dasselbe wie das «höchste Gut»? Und nur das Christentum als diejenige Gestalt des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls, in der es, bezogen auf das sinnliche Selbstbewußtsein, zum <hi rend="italic">Streben</hi> nach diesem <hi rend="italic">Höchsten</hi>, das in allem Hohen das eine ist, wird? Gewiß, das Wesen des <hi rend="italic">modernen Protestantismus</hi> ist damit und mit der bewußten eben <pb xml:id="p410" ed="pga"/> besprochenen Inkonsequenz der Voraussetzung trefflich beschrieben. Mystischer Quietismus im Grunde, möchte er zugleich Kulturreligion, Hebel, Ferment und Ziel aller menschlichen Tätigkeit, aller Freude und alles Schmerzes sein. Wir haben in <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Predigten gesehen, wie dieses Christentum in concreto aussieht und wie <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> noch mehr, als es in seinen theologisch-wissenschaftlichen Schriften zum Vorschein kommt, in den Idealen <hi rend="italic">dieses</hi> Christentums gelebt und gewebt hat. Wohlbegreiflich allerdings von da aus die «Umbiegung» des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls zugunsten der teleologischen Richtung. Wohlbegreiflich von da aus die ganze, Alles immer wieder verdunkelnde Zweideutigkeit jenes Grundbegriffs überhaupt, der, passiv bis zur Bewußtlosigkeit, wenn es sein muß, auf einmal auch wieder aktiv, schöpferisch, entwicklungsfähig, denkend und handelnd sogar vorgestellt wird. Was ist dieser Begriff Anderes als das getreue, nur zu getreue Spiegelbild des <hi rend="italic">Menschen</hi> mit seinem Widerspruch<note xml:id="n87">Aus dem Gedicht «Homo sum» in: <bibl corresp="kbga-bibls-1913"><hi rend="italic">Huttens letzte Tage</hi> (1872) von <persName ref="kbga-actors-1383">C.F.Meyer</persName></bibl>: <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve"> … Ich bin kein ausgeklügelt Buch, </l>
                                <l xml:space="preserve">Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.</l>
                            </lg>
                        </q>
               </note>, der eben nicht immer arbeiten kann, sondern auch beten muß, aber auch nicht immer beten kann, sondern auch arbeiten muß, ohne daß es in <hi rend="italic">ihm</hi> zu einer Auflösung dieses Paradoxes kommt? <hi rend="italic">Wäre</hi> diese Paradoxie bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nur erkannt und ausgesprochen! Eine Theologie vom Menschen aus ist an sich nichts Unmögliches, wenn auch die Aufgabe einer <hi rend="italic">christlichen</hi> Theologie damit noch nicht erreicht wäre. Aber sie müßte auf alle Fälle die Geschichte der «<hi rend="italic">Krankheit zum Tode</hi>»<note xml:id="n88">Vgl. oben S. 393, Anm. 76.</note> sein, an der der Mensch in bezug auf Gott leidet. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Theologie aber will, von der Aufgabe einer <hi rend="italic">christlichen</hi> Theologie <hi rend="italic">noch</hi> weiter entfernt als <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, unter dem Vorwand christlicher Theologie ein <hi rend="italic">Triumphlied</hi> des Menschen anstimmen, <hi rend="italic">seine</hi> mystische Vereinigung mit Gott und <hi rend="italic">seine</hi> Kulturtätigkeit <hi rend="italic">gleichzeitig</hi> feiern, und daran scheitert sie und muß sie scheitern. Die Erinnerung an die dem Menschen notwendige Kulturtätigkeit stört und unterbricht <pb xml:id="p411" ed="pga"/> die Darstellung seines schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls, so daß es zu einem wirklichen <hi rend="italic">Ruhen</hi> in Gott doch nicht kommt — wie sollte auch die geschilderte Passivität Ruhe in <hi rend="italic">Gott</hi> sein? Die behauptete Kulturbedeutung des Christentums aber muß jedem wirklichen illusionslos arbeitenden Kulturmenschen durch die mit ihr nicht zu reimende religiös-passive Hintergrundserinnerung einfach verdächtig erscheinen. Der Rechtsgrund, <hi rend="italic">Beides</hi> zu sagen: Bete <hi rend="italic">und</hi> arbeite!, müßte offenbar in Gott zu suchen oder vielmehr von Gott gegeben sein, nicht als Analyse des menschlichen Selbstbewußtseins und seiner Komponenten, sondern als synthetischer Spruch Gottes an den Menschen. Und diesen Spruch zu formulieren, möchte dann etwa die Aufgabe einer christlichen Theologie sein. Man muß also [in] § 9, 2, wo das Wort <hi rend="italic">Christentum</hi> steht, in Gedanken immer ergänzen: Schleiermachersches, modern-protestantisches Christentum, das, nachdem es aus dem Taumelkelch der Mystik soeben einen tiefen, wenn auch nicht ungehemmt freudigen Zug getan, 1. ehrlich genug ist, sich einzugestehen, daß es schon aus historischen Gründen unter dem Namen des <hi rend="italic">Christentums</hi> so nicht weiter geht, 2. wie mit unsichtbaren Händen festgehalten an der kontingenten Wirklichkeit des Christentums ohne den Namen des Christentums auf seiner eingeschlagenen Bahn nicht weiterlaufen will, 3. in gewisser Verlegenheit sich bewußt wird, daß der moderne Mensch ohnehin bloß mit Mystik nicht auskommt und daß es an der Zeit ist, an ein Komplement zu denken. So also kommt das Christentum zu der Würde einer teleologischen Religion, und daß es, wie gezeigt, als solche von dem apologetischen Wahrheits- und Wertbeweis nicht mehr erreicht wird, ist im Rahmen der <hi rend="italic">Dogmatik</hi>, die es nun einmal mit der mystischen Seite, mit dem schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl zu tun hat, kein großer Schade. Alles in Allem: das Motto, das über den § 9 gesetzt gehört, lautet: Incidit in Scyllam, qui vult vitare Charybdin.<note xml:id="n89">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7797">Gualterus ab Insulis (<persName ref="kbga-actors-2620">Walther von Lilie</persName> oder von Châtillon), <hi rend="italic">Alexandreis</hi> (1178–1182), V, 301</bibl>: <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">Incidis in Scyllam, cupiens vitare Charybdin.</l>
                            </lg>
                        </q>
                    </note> Ich überlasse es Ihnen, nachzulesen, wie <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> sich zum Schluß mit Judentum und Islam auseinanderzusetzen ver <pb xml:id="p412" ed="pga"/> sucht, indem er, eine Parallele zu den Wunderlichkeiten von § 8, 4, das Judentum auf die teleologische, den Islam auf die ästhetische Seite stellt, wobei das Judentum wegen seines Vergeltungsgedankens nur ein «ziemlich gut» in Bezug auf seine Kulturfähigkeit bekommt, so daß zum Schluß, wenn auch etwas kleinlaut, <hi rend="italic">doch</hi> behauptet werden kann, der teleologische Typus sei im Christentum «am meisten ausgeprägt».</p>
        <p>Der Schlußparagraph des Abschnitts, <hi rend="italic">§ 10</hi>, bringt den ganzen Gedanken zum Abschluß. Eine bestimmte Religion und Kirche ist nicht nur der nach Stufe und Gattung charakterisierte <hi rend="italic">Ort</hi>, sie ist ein eigentümliches <hi rend="italic">Wesen</hi>, wie auch die Systeme der Naturwissenschaft schließlich nur die verschiedenen <hi rend="italic">Orte</hi> bezeichnen können, wo als ihr eigentlicher Gegenstand hier dieses, dort jenes <hi rend="italic">Individuum</hi> sich findet. Individuum bedeutet aber ein geschichtliches Zusammensein von Stetigkeit und Veränderung: an einem Stetigen findet die <hi rend="italic">Veränderung</hi> statt, in aller Veränderung beharrt aber ein Stetiges. Das heißt bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ein «eigentümliches Wesen», ein Individuum, in unserem Fall eine «einzelne Gestaltung gemeinschaftlicher Frömmigkeit» (unterstreiche im Leitsatz «geschichtlich-<hi rend="italic">stetiges</hi>» und «<hi rend="italic">Abänderung</hi>»!). <hi rend="italic">§ 10, 1</hi> erläutert zunächst: Das als <hi rend="italic">stetig</hi> Bezeichnete ist das <hi rend="italic">Äußere</hi>, im Fall des Christentums der «von Christo ausgegangene Impuls». Ohne diese äußere Eigentümlichkeit auch keine innere. Das als <hi rend="italic">veränderlich</hi> Bezeichnete ist das <hi rend="italic">Innere</hi>, im Fall des Christentums nach § 11 das Bewußtsein der Erlösung. Ohne diese innerliche Eigentümlichkeit auch keine äußere, an den Namen eines Urhebers sich knüpfende, in Raum und Zeit sich darstellende. <hi rend="italic">§ 10, 2</hi> wendet sich nach einem kurzen Seitenblick auf die erste Satzhälfte<note xml:id="n90">Scil, des Leitsatzes.</note> sofort mit ganzem Interesse der zweiten zu. Was ist das als veränderlich bezeichnete <hi rend="italic">Innere</hi> einer frommen Gemeinschaft? Nun eben doch das nach Stufe und Gattung charakterisierte schlechthinige Abhängigkeitsgefühl. Dieses erhält durch das erste, <hi rend="italic">äußere</hi> Moment, also z.B. durch Christus, seine eigentümliche <hi rend="italic">Stetigkeit</hi>. Alle frommen Gemeinschaften derselben Spezies werden also das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl in derselben äußeren Form repräsen <pb xml:id="p413" ed="pga"/> tieren, aber nun — zweites, <hi rend="italic">inneres</hi> Moment —, jede in einer eigentümlichen <hi rend="italic">Abänderung</hi>, so «<hi rend="italic">daß in allen zwar dasselbe</hi>» <hi rend="italic">ist</hi>, «<hi rend="italic">aber in jeder alles auf andere Weise</hi>». <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> erläutert seine Meinung am Gegensatz zu der rationalistischen Betrachtung der Religionsgeschichte, wonach es sich bei den Verschiedenheiten etwa zwischen Judentum, Islam und Christentum nur um eine Frage der Addition und Subtraktion handeln würde: Gottesglaube gemeinsam, dann je nachdem + Mose oder + Christus oder + Muhamed. Von einem <hi rend="italic">Glauben</hi> an Christus könnte dann nicht die Rede sein, weil Christus dann offenbar entweder für die Frömmigkeit gar nicht konstitutiv oder nur ein einzelner und in einzelnen Beziehungen wichtiger Gegenstand desselben wäre. Nun ist aber «in jeder wirklich eigentümlichen frommen Gemeinschaft das Selbstbewußtsein <hi rend="italic">selbst</hi> ein anders bestimmtes», wobei es aber «nur ein Schein» ist, daß in einer Glaubensweise etwa «etwas sei, was in der andern gänzlich fehle». Menschwerdung Gottes z.B. und Geistesmitteilung kommt auch in anderen Religionen vor, um wieviel mehr weniger wichtige Elemente des christlichen Glaubens. Also kann das Christentum abgesehen von dem ihm eigentümlichen Selbstbewußtsein in seiner bestimmten Beziehung auf Christus etwas schlechthin Neues nicht sein. <hi rend="italic">§ 10, 3</hi> wiederholt denselben Gedanken, angewandt auf die, wie <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst zugibt, hier deutlichere Vorstellung des <hi rend="italic">einzelnen</hi> frommen Menschen. «<hi rend="italic">Jeder Mensch hat alles [das], was der andere, aber alles anders bestimmt</hi>», so lautet hier die Formel. Das Auffinden des ihm Eigentümlichen und ihn von Anderen Unterscheidenden ist freilich eine nur annäherungsweise zu lösende Aufgabe. Als allgemeine Regel kann nur aufgestellt werden: Das <hi rend="italic">gleiche</hi> Gottesbewußtsein einigt sich jetzt mit dieser, jetzt mit dieser Beziehung des sinnlichen Selbstbewußtseins in so beherrschender Weise, daß diese <hi rend="italic">eine</hi> Beziehung gleichsam zum Kanal aller übrigen wird, so daß diese ihr relativ untergeordnet sind und ihre Farbe und ihren Ton annehmen. So entsteht eine eigentümliche Glaubensweise. Beim Christen wäre also diese <hi rend="italic">eine</hi> erfahrungsmäßige Beziehung eben <hi rend="italic">Christus</hi>, diese eine wird die Bedingung aller übrigen, teilt ihnen Farbe und Ton mit und ist ihnen insofern relativ <hi rend="italic">übergeordnet</hi>, ohne <pb xml:id="p414" ed="pga"/> daß darum sein Gottesbewußtsein einerseits, die Beziehungen desselben auf das sinnliche Selbstbewußtsein andererseits <hi rend="italic">an sich</hi> anders wären. Die <hi rend="italic">Farbe</hi> und der <hi rend="italic">Ton</hi>, nicht etwa der <hi rend="italic">Inhalt</hi> und die <hi rend="italic">Sache</hi> machen das Christentum zum Christentum im Unterschied zu anderen Religionen.</p>
        <p>Der § 10 leidet zweifellos an einer selbst bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> auffallenden <hi rend="italic">Dunkelheit</hi>. Vielleicht hängt sie damit zusammen, daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hier mit Aufwand eines sehr komplizierten Apparates gerade etwas sehr Einfaches sagen, aber nun doch nicht einfach heraussagen, sondern versteckt im Dickicht seiner Dialektik mehr andeuten will. Sollte sich dieses Einfache nicht zusammenfassen lassen in den Satz, daß <hi rend="italic">das Christentum eine historisch bedingte Religion</hi> ist? Eine <hi rend="italic">Religion</hi>: insofern hat es Anteil an dem gesicherten Grundfaktum der Religion überhaupt; es hat ein Inneres, das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl, auf der höchsten monotheistischen Stufe in einer bestimmten speziellen Ausprägung, dem Erlösungsbewußtsein; aber insofern ist es noch keine bestimmte, historisch erscheinende und wirksame Größe. Eine <hi rend="italic">historisch bedingte</hi> Religion: insofern gewinnt es Gestalt und Breite unter den geschichtlichen Dingen; es hat ein Äußeres, die Person seines Stifters, die ihm Farbe und Ton verleiht und mit der jene bestimmte spezielle Ausprägung unauflöslich zusammenhängt; aber insofern ist es nun eben auch eine relative Größe, steht mit seiner speziellen Kristallisierungsform der überall identischen Elemente neben anderen seinesgleichen. Man versteht <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> vielleicht am besten, wenn man Folgendes beachtet: die beiden entscheidenden Sätze: In Allen ist zwar dasselbe, aber in jedem Alles auf andere Weise! und «Jeder Mensch hat Alles was der Andere, aber Alles anders bestimmt!» könnten offenbar genau so gut auf die verschiedenen Exemplare einer Pflanzen- oder Tiergattung, oder noch deutlicher gesagt: auf die tausend Blätter eines und desselben Baumes angewandt werden. Ist das «eigentümliche Wesen», das er der einzelnen Religionsform zuschreibt, etwas Anderes, als daß sie eben, wie Alles in der Natur, <hi rend="italic">ein Einmaliges</hi> ist: ein <hi rend="italic">Einmaliges</hi>, insofern Gleichnis und Abbild des Einen, Einzigen, aber <hi rend="italic">ein</hi> Einmaliges, und insofern <hi rend="italic">nur</hi> Gleichnis, <hi rend="italic">nur</hi> Abbild, <pb xml:id="p415" ed="pga"/> nicht etwa selbst das Eine, Einzige? Versteht man <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> so, dann wird das Dunkle auch dieses Paragraphen hell. Und nach allen unseren bisheigen Forschungen kann es gar keine Frage sein, daß man ihn so verstehen <hi rend="italic">muß</hi>. Eine Theologie, die sich die Frömmigkeit zum Objekt gewählt hat, und wäre es die <hi rend="italic">christliche</hi> Frömmigkeit, kann und darf zu keinem anderen Ergebnis kommen als zu dem Relativismus, der im Einzelnen als <hi rend="italic">solchem</hi> und darum prinzipiell in <hi rend="italic">jedem</hi> Einzelnen die Offenbarung findet.</p>
        <p>Sehen wir nun noch zu, ob und inwiefern sich diese Deutung des [19.II.24] Paragraphen an dem <hi rend="italic">Zusatz</hi> über die Begriffe «<hi rend="italic">positiv</hi>» und «<hi rend="italic">geoffenbart</hi>» erhärten läßt. Er gehört zu den wichtigsten Dokumenten der Schleiermacherschen Theologie, sofern hier — bezeichnend für <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>: im Winkel eines «Zusatzes», als ob das nur so in Parenthese gesagt zu werden brauchte — furtim und raptim ein kleines <hi rend="italic">Fazit</hi> aus dem Vorhergehenden gezogen wird, das tatsächlich die folgenschwerste <hi rend="italic">Entscheidung</hi> nicht nur in sich birgt, sondern auch ausspricht. Der Begriff des <hi rend="italic">Positiven</hi> wird zunächst bestimmt im Gegensatz zu dem des <hi rend="italic">Natürlichen</hi>. Natürliche <hi rend="italic">Religion</hi> wäre (wie mutatis mutandis natürliches <hi rend="italic">Recht</hi>) das, was sich aus den Lehren aller frommen Gemeinschaften der höchsten Stufe gleichmäßig abstrahieren läßt als das <hi rend="italic">in allen Vorhandene</hi>, nur in jeder anders Bestimmte. Dieses «<hi rend="italic">anders Bestimmte</hi>» nun, das Individualisierte also, ist das <hi rend="italic">Positive</hi> einer Religion. Der Inhalt aller einzelnen Momente einer bestimmten Religion, also ihre Lehren, Gebote usf. ist abhängig von der «Urtatsache», von jener nach § 10, 3 dem Ganzen Farbe und Ton gebenden Bestimmtheit des sinnlichen Selbstbewußtseins, kraft deren diese Religion eine historische Größe ist. Im Blick auf diesen bestimmten Inhalt ist sie eine positive Religion. Soweit ist der Zusatz offenbar nur eine Zusammenfassung des Inhalts des § 10 in Form einer Definition: Das Positive ist eben schlecht und recht das aus der Kreuzung von Stetigkeit und Veränderung sich ergebende Einmalige einer Religion. Umso gespannter sind wir nun, was der Begriff der <hi rend="italic">Offenbarung</hi> darüber hinaus Neues bringen möchte. Offenbarung ist im Unterschied zu dem, was durch Erfahrung oder Nachdenken gewonnen und als solches Anderen mitgeteilt wird, «<hi rend="italic">eine göttliche <pb xml:id="p416" ed="pga"/> Mitteilung und Kundmachung</hi>». Auf eine solche führen nun alle Religionen, aber auch manche <hi rend="italic">Staaten</hi> ihr Dasein zurück. Also «eine göttliche Kausalität» wird gesetzt, außerhalb des Zusammenhangs der menschlichen Dinge, mit einer das Heil der Menschen bezweckenden und fördernden Wirksamkeit. Sie bezeichnet die Tatsache, die einer Religion zu Grunde liegt, die den individuellen Gehalt ihrer frommen Erregungen <hi rend="italic">bedingt</hi>, selbst aber <hi rend="italic">nicht</hi> wieder aus einem früheren geschichtlichen Zusammenhang begreifbar ist. Nur eins soll Offenbarung nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nicht sein, nämlich «eine <hi rend="italic">Wirkung … auf den Menschen als erkennendes Wesen</hi>», weil sie dann «ursprünglich und wesentlich Lehre«wäre. Mag sie das sekundär <hi rend="italic">auch</hi> sein, so können doch ihre Sätze nur erfaßt werden als Teile eines Ganzen, das selbst nicht Lehre ist, nämlich als <hi rend="italic">Lebensmomente eines anderen denkenden Wesens</hi>, das «als eigentümliche Existenz durch seinen Totaleindruck» auf uns wirkt, und zwar auf unser Selbstbewußtsein, auf <hi rend="italic">unsere Existenz</hi>. Dies existentiell Auftretende und Wirkende also ist die Offenbarung. Aber nun ist es doch nicht möglich, den Begriff Offenbarung enger zu begrenzen als so, daß man sagt: «<hi rend="italic">Jedes</hi> in der Seele aufgehende <hi rend="italic">Urbild</hi>» einer Tat oder eines Kunstwerks, das eben wirklich <hi rend="italic">Ur</hi>bild, nicht Nachahmung, nicht von außen angeregt oder zugeleitet ist, und was nicht nur als Bestimmung eines einzelnen Moments, sondern der <hi rend="italic">Existenz</hi> des Selbstbewußtseins des Empfängers wirksam wird, ist Offenbarung. So die <hi rend="italic">Orakel</hi> und <hi rend="italic">Heroen</hi> des Heidentums, so die <hi rend="italic">Welt</hi> nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.19">Röm. 1,19</ref>. Aber: «Eben dieses kann wieder dahin führen, daß nichts Einzelnes, indem es ja immer der Welt angehört, <hi rend="italic">für sich</hi> dürfe als göttliche Offenbarung angesehen werden.» Unableitbar in seinem <hi rend="italic">psychologischen</hi> Zusammenhang, ist «das Aufgehen eines Urbildes in einer einzelnen Seele» doch immer <hi rend="italic">historisch</hi> bedingt, durch den «Gesamtzustand der Gesellschaft, der jener Einzelne angehört», wie ja auch die Heroen, die angeblichen Göttersöhne, «in ihrer Existenz aus der gesamten Volkskraft zu begreifen» sind. Die Beziehung des <hi rend="italic">Positiven</hi> einer Religion auf <hi rend="italic">Offenbarung</hi> wird ja auch von allen <hi rend="italic">anderen</hi> Religionen aus bestritten, und ihre Behauptung läßt sich jedenfalls im Gegensatz von wahr und falsch nicht durchführen. «<hi rend="italic">Denn zur <pb xml:id="p417" ed="pga"/> vollkommenen Wahrheit würde gehören, daß Gott sich kundmachte, wie er an und für sich ist</hi>.» Wie sollte aber eine solche direkte Kundgebung Gottes selbst «äußerlich aus irgend einer Tatsache hervorgehen», und wie sollte sie, unbegreiflicherweise an eine menschliche Seele herangelangend, von dieser aufgefaßt und festgehalten werden, und wie sollte sie, weder wahrnehmbar noch festhaltbar, wirksam sein können? Eine <hi rend="italic">wirksame</hi> Offenbarung kann nicht Gott an und für sich, sondern immer nur «<hi rend="italic">Gott in seinem Verhältnis zu uns</hi> aussagen», das ist «das Wesen der menschlichen Beschränktheit in Beziehung auf ihn» — nicht «untermenschliche Unwissenheit», bemerkt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> unter deutlicher Anspielung auf jene Kritik <persName ref="kbga-actors-167">Hegels</persName> an der 1. Auflage der Glaubenslehre<note xml:id="n91">Zu <persName ref="kbga-actors-167">Hegels</persName> Kritik an der 1. Auflage von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Glaubenslehre vgl. oben S. 331, Anm. 5 und 6.</note>. Also darf und muß auch von den Ursprüngen der <hi rend="italic">un</hi>vollkommenen Religionen, sofern sie jener Definition entsprechend behauptet werden, gesagt werden, daß sie auf <hi rend="italic">Offenbarung</hi> beruhen.</p>
        <p>Ist damit nun etwas über den Begriff des Positiven hinaus Neues gesagt? Offenbar nicht. Was die 5 Seiten über den Offenbarungsbegriff bieten, ist eine Ventilierung dessen, was <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> die «Urtatsache» einer Religion nennt: jene originelle Berührung des sinnlichen Selbstbewußtseins, durch das das schlummernde religiöse Gefühl im Menschen geweckt wird. Diese «Urtatsache» gehört aber schon zu den Elementen, die den Begriff der positiven Religion konstituieren, und führt über diesen nicht hinaus. Die positive Religion aber ist, das darf man keinen Augenblick übersehen, eine gegebene Größe, ein Stück Welt, eines von den vielen Objekten der großen Schleiermacherschen Geistesnatur- oder Naturgeisteswissenschaft und in keiner Weise mehr als das. Natur, Welt, Diesseits ist auch sie, auch in demjenigen ihrer Elemente, das in Allen vorhanden ist, geschweige denn in ihrer Individualisierung, also gerade in dem, was sie im Gegensatz zu dem Abstraktum «natürliche Religion» zur <hi rend="italic">positiven</hi> Religion macht. Und Grund, Kausalität (!) dieses <hi rend="italic">Individualisierten</hi> gerade ist ja nun jene Urtatsache, die der Begriff <pb xml:id="p418" ed="pga"/> Offenbarung umschreiben soll. Um wieviel weniger ist von diesem zu erwarten, daß seine Bestimmung etwa auf einer grundsätzlich anderen Ebene zu erfolgen hätte. Nein, durchaus auf derselben Ebene mit jenem zweiten bezeichnet es ein erstes, etwas weiter zurückliegendes Objekt, das um der Vollständigkeit willen wenigstens zusatzweise Erwähnung finden muß: die <hi rend="italic">Ursache</hi>, die Bedingung jenes zweiten, der positiven Religion, die Sache A, die die Sache B notwendig nach sich zieht, nicht ohne ihr Farbe und Ton zu geben, aber durchaus <hi rend="italic">Sache</hi> A, nicht mehr als das, <hi rend="italic">bedingt</hi> so gut wie bedingend trotz des Prädikates der Ursprünglichkeit, das ihr öfters gegeben wird, gerade wie Gott selbst nach § 4, 4 das Woher? des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls ist und nicht mehr als das. </p>
        <p>Ich habe Sie schon bei früheren Gelegenheiten<note xml:id="n92">Vgl. oben S. 313f., bei Anm. 67.</note> gewarnt, sich durch den Unfug, den <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> mit der Silbe <hi rend="italic">Ur</hi>- treibt, nicht etwa täuschen zu lassen: Christus als <hi rend="italic">Ur</hi>bild, das Neue Testament als Dokument des <hi rend="italic">Ur</hi>christentums, hier nun also eine angeblich <hi rend="italic">ur</hi>sprüngliche <hi rend="italic">Ur</hi>tatsache. Diese Schleiermacherschen Ur’s sind alle aus Gips, nicht aus Granit. Den Begriff eines Anfangs durch <hi rend="italic">Schöpfung</hi>, den zu denken die Silbe Ur- einladet, <hi rend="italic">kennt</hi> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nicht. So steht es auch hier. Keine der verschiedenen Bestimmungen seines Offenbarungsbegriffs hält Stich, so bedeutsam sie auf das erste Anhören klingen mögen. Wenn er Offenbarung eine <hi rend="italic">göttliche Mitteilung</hi> und Kundmachung nennt, so tut er das, so hoffnungsvoll dieser Anfang tönt, doch nur <hi rend="italic">referierend</hi>. Griechen, Ägypter und Indier behaupten eben eine solche Mitteilung, was davon ernsthaft übrig bleibt, ist nur die der Religion zu Grunde liegende «Tatsache». Eine Tatsache, <hi rend="italic">ja nicht eine Lehre</hi>. Dieser großzügige Antiintellektualismus tönte dem 19. Jahrhundert lieblich in den Ohren. Aber übersehen wir nicht, was hier und sonst bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> dahinter steckt. Göttliche Mitteilung als Tatsache, das tönt beruhigend, damit ist, was auch nachher noch kommen möge, gesagt, daß diese Mitteilung keine eigentliche Mitteilung, sondern ein Glied in der Reihe der schon vorhandenen übrigen Tatsachen, d.h. der Welt sei. <pb xml:id="p419" ed="pga"/> «Lehre», das wäre offenbar eine Störung dieses Friedens. Lehre wäre Wort, Gedanke, Geist. Spiritus aber stünde in unheimlicher Korrelation zu creator. Die Offenbarung nach <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> aber muß in Korrelation zu causa stehen, darum nicht Lehre, sondern Tatsache, Leben! <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> unterscheidet sich dadurch von den unzähligen theologischen Dilettanten, die ihm das nachgeplaudert haben, daß er <hi rend="italic">wußte</hi>, was er damit wollte. </p>
        <p>Nun soll aber das Auftreten und Wirken dieser Tatsache, wie wir hörten, ein <hi rend="italic">existentielles</hi> sein. Wiederum eine hoffnungsvolle Bestimmung! Aber zu welcher messerscharfen Dialektik müßte es an dieser Stelle kommen, wenn es bei Anwendung dieses Begriffs mit rechten Dingen zugehen sollte: Göttliche und menschliche Existenz sind ja die Partner, die sich hier begegnen! Lesen Sie selbst nach, wie harmlos, um nicht zu sagen bürgerlich, diese Begegnung bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> verläuft: Die fremde Existenz tritt eben ein in unseren «Lebenskreis», erzeugt einen «Totaleindruck» in unserem Selbstbewußtsein, und durch ihn wird nun unsere Existenz in ihrer Totalität bestimmt. Nichts ist einfacher als das, aber nichts ist auch klarer als das, daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> bei dieser Schilderung überhaupt nicht an die Begegnung zwischen Gott und Mensch, sondern — er erinnert ausdrücklich an die Hermeneutik —, an die zwischen lehrenden und belehrten Menschen gedacht hat, bei der es sich eben nach seiner Theorie nur um die unmittelbare (persönliche!) Einwirkung, nicht aber um die Mitteilung von Gedanken und Worten handeln kann. Auch das Auftauchen des Existenzbegriffs bedeutet somit einen falschen Alarm. Sagt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> einerseits, daß Offenbarung ein nicht aus einem geschichtlichen Zusammenhang <hi rend="italic">zu begreifendes, zu erklärendes</hi> Datum sei, so möchte man, obwohl er Offenbarungscharakter in diesem Sinn sofort auch dem Ursprung gewisser Taten und Kunstwerke zuspricht, zunächst meinen, nun komme es — so zieht er selber den Schuß wieder aus dem Rohr, indem er uns andererseits versichert, es seien doch auch solche Urbilder wenn nicht aus einer psychologischen, so doch aus einer historisch-soziologischen Reihe abzuleiten und selbst auffällige Gottmenschen in ihrer Existenz aus der gesamten Volkskraft zu begreifen. Und nun löst sich auf der <pb xml:id="p420" ed="pga"/> letzten Seite dieses locus classicus der bisher leidlich geordnete Rückzug in sinnlose Flucht auf. Die Einrede, daß bekanntlich die <hi rend="italic">Wahrheit</hi> der Offenbartheit einer Religion von allen anderen aus <hi rend="italic">bestritten werde</hi>, dieser theologische Kinderschreck wird ohne Versuch einer Widerrede anerkannt und auf die <hi rend="italic">Wahrheit</hi> der noch übrigbleibenden sogenannten Offenbarung glatt verzichtet. </p>
        <p>Wie ein Gespenst erscheint die Möglichkeit, <hi rend="italic">wahre Offenbarung</hi> könnte etwa bedeuten, daß Gott sich kundmachte, wie er an und für sich ist, und dafür möchten uns denn doch wohl die nötigen rezeptiven Organe fehlen. Also sei alle Offenbarung nur «Gott im Verhältnis zu uns», d.h. eine Modifikation unseres Selbstbewußtseins. Aber welche Modifikation unseres Selbstbewußtseins könnte etwa prinzipiell <hi rend="italic">mehr</hi> Offenbarung sein als die andere? Hat nicht <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName> selbst die Welt die Offenbarung Gottes genannt? Also beruhen <hi rend="italic">alle</hi> Religionen auf Offenbarung! Und warum nur die Religionen? ist, zweifellos in <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> eigenem Sinn, weiterzufragen. Sind nicht auch sie, wie die <hi rend="italic">bestimmte</hi> Religion, etwas Einzelnes, der Welt Angehöriges? Ist nicht, richtig verstanden, <hi rend="italic">Alles</hi> Offenbarung und, wieder richtig verstanden, <hi rend="italic">gar nichts?</hi> Aber wir brauchen diese letzten Konsequenzen nicht einmal zu ziehen, um die Bedeutsamkeit <hi rend="italic">dieses</hi> Schlusses des II. Abschnitts von den Religionen zu übersehen. Was hat uns dieser Abschnitt gebracht? Das Christentum ist nun als eine der Erscheinungsformen des schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls sichtbar geworden. Mittelst seiner Einordnung in den Entwicklungsschluß vom Fetischismus zum eminenten Monotheismus erwies sich uns, etwas mühsam zwar an der entscheidenden Stelle, seine «ausschließende Vortrefflichkeit». Nicht ganz aus der Logik der Sache heraus und unter weisem Verzicht auf Fortsetzung dieser Demonstration a priori wurde uns sodann gezeigt, daß das Christentum eine teleologische, ganz auf die Tätigkeit im Reiche Gottes gerichtete Religion sei. Es erschien dann das Problem des rein Faktischen der bestimmten Religion als solcher mit seiner Dialektik von Stetigkeit und Veränderlichkeit, Äußerem und Innerem, Urtatsache und Wirkung und als seine Lösung der Begriff des Einmaligen, des Blattes unter tausend Blättern, das nun gerade <hi rend="italic">dieses</hi> Blatt ist. Schließlich <pb xml:id="p421" ed="pga"/> als Kuppelwölbung über diesem Tempel die Belehrung: Eben das, das Dasein und Sosein <hi rend="italic">dieses</hi> Blattes unter tausend Blättern ist das <hi rend="italic">Positive</hi> einer Religion, und die geheimnisvolle Ursache, die dieses Dasein und Sosein, dieses Positive so und nicht anders bedingt, ist die ihr zu Grunde liegende <hi rend="italic">Offenbarung</hi>. Also ist überall, wo Religion ist, auch Offenbarung. Aber wohlverstanden: Das alles sind nur «Lehnsatze aus der Religionsphilosophie», nur wissenschaftliche Ortsbestimmungen. Weder Apologetik soll damit getrieben noch den eigenen Aussagen des christlichen Glaubens irgendwie vorgegriffen sein. Mag er sich nachher 800 Seiten lang ungehindert aussprechen, ohne sich um die Einleitung zu bekümmern. Daß er nun irgendwo in der Mitte zwischen Mystik und Kulturreligion religionsphilosophisch eingegliedert, daß die Offenbarung im eigentlichen Sinn so ganz im Vorbeigehen, noch bevor er sich dazu äußern konnte, <hi rend="italic">geleugnet</hi> worden ist, darüber wird er sich ja gewiß nicht beklagen wollen.</p>
        <p>Dies sind die Auspizien, unter denen wir uns nun zum 3. Abschnitt wenden.</p>
        <p>c) <hi rend="italic">Die christliche Religion</hi> (§ 11-14). Es ist die theologischphilosophische Grenzdisziplin der Schleiermacherschen <hi rend="italic">Apologetik</hi>, die hier mit ihren «Lehnsätzen» das Wort erhalten soll. Noch redet also auch hier nicht, wie von § 32 an, das christlich-fromme Selbstbewußtsein selber. Noch besteht die Aufgabe nicht darin, die unmittelbaren Aussagen dieses Redners, der doch am größten ist, wenn er schweigt, zu systematisieren und zu formulieren. Noch dürfen wir also nicht erwarten, das Christentum in seinem eigenen Zusammenhang sich äußern zu hören. Noch wird <hi rend="italic">über</hi> das Christentum geredet, unvoreingenommen, vergleichend, von außen betrachtend und ordnend. Nur daß jetzt bereits der eigentliche Spezialfachmann, der Theologe, wenn auch der philosophische Theologe, das Wort ergreift, noch nicht als der auf die Bühne tretende Heldenschauspieler freilich, wohl aber als durch Sachkunde Zutrauen erweckender Regisseur und Festordner. Nicht von der religionsphilosophischen Warte <hi rend="italic">oberhalb</hi> der Reihe der Religionen, sondern von dem durch <pb xml:id="p422" ed="pga"/> die religionsphilosophische Überlegung des 2. Abschnitts gewonnenen Standpunkt des Christentums <hi rend="italic">selbst</hi> aus wird jetzt über das Christentum geredet.<note xml:id="n93">Zu diesem Satz hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am Rande des Mskr. (später?) ein Fragezeichen gesetzt.</note> Wir haben den § 11, diese Magna Charta der Schleiermacherschen Theologie, in ihren wichtigsten Bestandteilen bereits kennen gelernt, als wir die Struktur des ganzen Werkes untersuchten, zu der hier in den entscheidenden Punkten die Baupläne zu suchen sind. [Vgl. unseren Absatz l, b) [und] c).]<note xml:id="n94">Eckige Klammer von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>.</note> Wir können uns also jetzt kurz fassen. </p>
        <p>Es handelt sich, nachdem der Charakter des Christentums als eine der ideologischen Richtung der Frömmigkeit angehörige monotheistische Frömmigkeit durch den 2. Abschnitt festgestellt ist, nach <hi rend="italic">§11, 1</hi> bei der Bestimmung seines Wesens darum, von seiner <hi rend="italic">Grundtatsache</hi> ausgehend das den einzelnen christlichen Gemeinschaften und Parteien <hi rend="italic">gemeinsame Inhaltliche</hi> zu eruieren. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> meint dieses letztere nach <hi rend="italic">§ 11, 2</hi> gefunden zu haben im Begriff der <hi rend="italic">Erlösung</hi>, die — ich will die Einzelheiten nicht noch einmal entrollen — nur nicht als «Umschaffung im eigentlichen Sinn», sondern als ein zunehmendes Einswerden des sinnlichen Selbstbewußtseins mit dem Gottesbewußtsein gedacht werden soll. Aber (<hi rend="italic">§ 11, 3</hi>) der Erlösungsgedanke findet sich in allen Religionen. Bezeichnend für das Christentum ist 1. die Beziehung aller frommen Erregungen auf den durch den Erlösungsgedanken bezeichneten Gegensatz, 2. die Auffassung der Erlösung als Werk Jesu von Nazareth und 3. die unauflösliche Beziehung zwischen jenem ersten, dem christlichen Inhalt, und diesem zweiten, der christlichen Grundtatsache. Alle frommen Momente sind, teils in stärkerem, teils in schwächerem Grade, Erlösungsbewußtsein bzw. Erlösungs<hi rend="italic">bedürftigkeits</hi>bewußtsein unter Vergegenwärtigung des Bildes des Erlösers. <hi rend="italic">§ 11, 4</hi> — wir kommen hier wieder auf Gebiet, das wir noch nicht berührt haben — ist der Versuch, eine Originalität des Christentums speziell in bezug auf den zweiten Punkt, also in bezug auf sein Verhältnis zu seiner Grundtatsache, der <hi rend="italic">Stifterpersönlichkeit</hi> [nachzuweisen]. Auch die anderen <pb xml:id="p423" ed="pga"/> monotheistischen Religionen kennen ja solche. Der Unterschied besteht nun nicht etwa darin, daß diese im Christentum eben Christus heißt. Wohl aber 1. darin, daß die Funktion des Stifters sich dort im Stiften der Gemeinschaft als solchem erschöpft, die Erlösung sich erst durch die Gemeinschaft vollzieht, während im Christentum die <hi rend="italic">erlösende Wirkung</hi> des Stifters das <hi rend="italic">Ursprüngliche</hi> ist und die Gemeinschaft nur unter dieser Voraussetzung besteht, «als Mitteilung und Verbreitung jener erlösenden Tätigkeit», 2. darin, daß der Stifter dort willkürlich und zufällig aus der Masse der übrigen Menschen herausgegriffen erscheint — er könnte ebensogut anders als gerade Mose oder Muhamed heißen — und selber erstes Objekt der von ihm empfangenen und weitergegebenen göttlichen Lehre und Ordnung ist, während Christus ursprünglich von allen anderen Menschen unterschieden, «<hi rend="italic">allen Anderen gegenüber gestellt</hi>» und selbst <hi rend="italic">in keiner Weise als erlösungsbedürftig</hi> gedacht wird. Doch soll eine Lehre — <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> denkt hier offenbar an die Rationalisten — solange als christlich gelten, solange Christus nur nicht <hi rend="italic">bloß</hi> als Verkünder einer Lehre und Lebensordnung aufgefaßt, etwas von erlösender Kraft seiner Person zugebilligt wird und solange man sich nicht selbst dafür ausgibt, vom Erlöser erlöst, d.h. ohne das Bedürfnis einer besonderen Anhänglichkeit an Christus zu sein. <hi rend="italic">§ 11, 5</hi> ist ein Rückblick von dem nun festgestellten Wesen des Chri- [21.11. stentums aus auf die Aufgabe der <hi rend="italic">Religionsphilosophie</hi>. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> denkt sich einen Ausbau dieser Disziplin, in dem die hier von der theologischen Apologetik geleistete Wesensbestimmung des Christentums schon vorweggenommen, in einem System der «Hauptmomente des frommen Bewußtseins» der Begriff der <hi rend="italic">Erlösung</hi>, aber auch der zum Vollzug der Erlösung notwendige Eintritt einer befreienden <hi rend="italic">Tatsache</hi> als grundlegend erkannt und so «das Christentum als eine eigentümliche Glaubensform sichergestellt und in gewissem Sinne konstruiert» würde. Ein Beweis des Christentums wäre das darum nicht, weil die Nötigung eines Menschen, die Erlösung als zentrales Moment in sein Bewußtsein aufzunehmen, und zwar unter Anerkennung gerade <hi rend="italic">dieser</hi> erlösenden Tatsache, auch damit nicht zu erreichen wäre. Noch weniger sei dies Sinn und Absicht der jetzt <pb xml:id="p424" ed="pga"/> durchgeführten apologetischen Untersuchung. Nur das sei ihr Zweck, Anleitung zu geben, um über die Christlichkeit oder Unchristlichkeit, die <hi rend="italic">stärkere</hi> oder <hi rend="italic">schwächere</hi> Christlichkeit frommer Bewußtseinsaussagen sich ein <hi rend="italic">Urteil</hi> zu bilden.</p>
        <p>Die Randglosse, die ich zu § 11 zu machen habe, kann gerade beim letzten Satz einsetzen. Wie kommt die Einleitung, hier nun also die Apologetik, dazu, ein <hi rend="italic">Kriterium</hi> über Christlichkeit oder Unchristlichkeit, stärkere oder schwächere Christlichkeit eines religiösen Satzes aufzustellen, bevor die christlich-religiöse Aussage überhaupt stattgefunden hat? <hi rend="italic">Was will sie damit?</hi> ist erstlich zu fragen. Niemanden zur Annahme des Christenrums «nötigen», versichert uns <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> mit verdächtiger Beflissenheit. Aber was heißt das: «nötigen»? Um ein cogite intrare! im Sinne eines Verfahrens, das z.B. einem Mohammedaner die Überzeugung von der Wahrheit des christlichen Glaubens mit logischer Notwendigkeit aufdrängen würde, kann es sich bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> antiintellektualistischer Auffassung des Glaubensbegriffs, bei seiner Geringschätzung des Logos, der Wahrheitsfrage in der Religion sowieso nicht handeln, so wenig eine auf dieselbe deskriptive Ethik aufgebaute Staatslehre einen preußischen Legitimisten etwa von der höheren Wahrheit des französischen Liberalismus überzeugen wollen könnte. Diese Konzession ist also keine Konzession, sondern eine Selbstverständlichkeit. Wohl aber handelt es sich offenbar im Prinzip — <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ist von seiner Ausführung in dieser Richtung noch nicht ganz befriedigt und postuliert eine bessere — um den Nachweis, daß die Eigentümlichkeit des Christentums durch die Religionsphilosophie «sichergestellt und in gewissem Sinne konstruiert», die christliche Glaubenslehre mithin als empirische, als Anwendungswissenschaft auf die spekulative Ethik aufgebaut sei. Dies, nicht die Bekehrung Andersgläubiger, aber der Nachweis der Eingliederung <hi rend="italic">dieses</hi> Glaubens bzw. seiner Lehre in das System der Kultur, dies war <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> in der Einleitung und nun speziell in den Lehnsätzen aus der Apologetik realisiertes Anliegen. Um dieses Anliegens willen mußte nun aber die Bestimmung dieses Glaubens und nun auch seiner Lehre in nuce <hi rend="italic">vorweggenommen</hi> [werden], denn wer <pb xml:id="p425" ed="pga"/> weiß, ob dieser Nachweis <hi rend="italic">nachträglich</hi>, wenn er ihn etwa auf das Ende des ganzen Buches verschoben, wenn er inzwischen diesem Glauben <hi rend="italic">ohne</hi> Rücksicht auf diese Absicht einfach das Wort gelassen hätte, noch durchführbar gewesen wäre. Nun aber wird umgekehrt durch die ganz auf den notwendigen Anschluß an die Religionsphilosophie bzw. Ethik bzw. Kultur bedachte Apologetik vorweg bestimmt, was die Lehre dieses Glaubens mit Rücksicht auf jene Absicht sei bzw. zu sein <hi rend="italic">habe</hi>, und die Glaubenslehre selbst wird das <hi rend="italic">Nachträgliche</hi>, die Auswicklung des hier furtim und raptim Eingewickelten. </p>
        <p>
                    <hi rend="italic">Was darüber aus ihr wird?</hi>, das wäre dann die zweite hier zu stellende Frage. Die Schleiermachersche Antwort darauf ist in bezug auf den Erlösungsbegriff bereits an früherer Stelle beleuchtet worden<note xml:id="n95">Vgl. oben S. 347–352.</note>: Nun kommt eben die Krankheit des als systematischer Grundbegriff vorausgesetzten schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls zum vollen Ausbruch: seine ganze naturhafte, quantitätsfähige, dingliche Zweideutigkeit zeigt sich nun darin, daß es zu einem streng dialektischen <hi rend="italic">Gegensatz</hi> von Sünde und Gnade innerhalb des Erlösungsbegriffs <hi rend="italic">nicht</hi> kommt, sondern nur zu jener <hi rend="italic">Amphibolie</hi> einer mehr oder weniger vorhandenen Leichtigkeit, das Gottesbewußtsein im sinnlichen Selbstbewußtsein hervortreten, dominieren zu lassen. Eingekeilt zwischen der Möglichkeit, den systematischen Grundbegriff der Glaubenslehre vom Christentum aus oder das Christentum vom systematischen Grundbegriff aus zu bestimmen, hat sich <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> für das Zweite entschieden, die Zweideutigkeit seines Grundbegriffs auch auf den für alles Folgende maßgebenden Begriff von Christentum übertragen. Das <hi rend="italic">Ergebnis</hi> der vorhin gezeichneten Absicht der Schleiermacherschen Apologetik ist, kaum hat sie zu ihrem ersten Lehnsatz den Mund aufgetan, die greuliche Irrlehre des § 11, 2, der für sich allein genügen würde, die ganze Schleiermachersche Glaubenslehre schlechterdings unannehmbar zu machen. </p>
        <p>Man hat nun freilich entschuldigend und begütigend auf § 11, 3-4 hingewiesen, auf die außerordentliche Bedeutung, die hier Christus <pb xml:id="p426" ed="pga"/> als dem Erlöser zugeschrieben werde<note xml:id="n96">Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-2196">Fr. <persName ref="kbga-actors-2392">H. R. v. Frank</persName>, <hi rend="italic">Geschichte und Kritik der neueren Theologie …</hi> (vgl. oben S. 4, Anm. 10), S. 97</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-7806"><persName ref="kbga-actors-105">W. Elert</persName>, <hi rend="italic">Der Kampf um das Christentum</hi> (vgl. oben S. 4, Anm. 11), S. 58ff.</bibl>
               </note>, man hat sogar in der daselbst versuchten Aufstellung und Analyse des <hi rend="italic">Stifterbegriffs</hi> das besondere, wohl gar epochemachende Verdienst der Schleiermacherschen Glaubenslehre finden wollen.<note xml:id="n97">Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-2903"><persName ref="kbga-actors-339">A. Ritschl</persName>, <hi rend="italic">
                                <hi rend="italic">Die christliche Lehre von der Rechtfertigung und Versöhnung</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Die Geschichte der Lehre</hi></hi>, Bonn
                            1870, S. 476ff. (<edition>4. Aufl.</edition>, Bonn 1903, S. 495ff.)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2194"><persName ref="kbga-actors-374">H. Scholz</persName>, <hi rend="italic">Christentum und Wissenschaft …</hi>, a.a.O., S. 189.</bibl>
               </note> Ich müßte zur Antwort alles das wiederholen, was ich am Ende unseres <ref type="pub" target="../volume/11/p095#p095">§ 2</ref> über die dort aus den Predigten erhobene <hi rend="italic">Christologie</hi> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> ausgeführt habe. Merkwürdig und lehrreich ist allerdings die Tatsache, <hi rend="italic">daß</hi> <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> überhaupt und mit welcher <hi rend="italic">Vehemenz</hi> er gerade im <hi rend="italic">Mittelpunkt</hi> seines christlichen Glaubensbegriffs eine Christologie entwickelt, wie in den Predigten, so auch hier. Es ist, wie wenn er in seiner Lehre vom <hi rend="italic">Erlöser</hi>, wo es ihm durch den systematischen Grundbegriff nicht verwehrt ist, in fast krampfhafter Christlichkeit nachholen und gutmachen möchte, was er in der Lehre von der <hi rend="italic">Erlösung</hi> in dieser Hinsicht versäumt hat. Aber <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> selbst versichert uns laut genug, daß diese beiden Lehren nun einmal nicht voneinander zu trennen sind. Die Würde seines Erlösers steht und fällt also mit dem Gehalt dessen, was er Erlösung nennt: daß das Erlösen sein Hauptgeschäft und nicht nur ein Nebenprodukt seiner Lehren und Vorschriften sei, daß er allein allen Anderen als Erlöser gegenüberstehe, daß er selber nicht erlösungsbedürftig sei, das sind die wesentlichen christologischen Bestimmungen, die hier entwickelt werden. Ist nun Erlösung jenes amphibolische Mehr oder Weniger, was ist dann der Erlöser? In was besteht die Originalität des Stifters, wenn die <hi rend="italic">Stiftung</hi> nicht origineller ist als so? Steht nicht von vornherein zu erwarten — und die Predigten haben uns gezeigt, daß das in der Tat zu erwarten ist —, daß auch die scheinbare Absolutheit jener christologischen Bestimmungen sich bei näherem Zusehen in Schein auflösen wird?</p>
        <pb xml:id="p427" ed="pga"/>
        <p>Aber führen wir nun unsere Analyse des 3. Abschnitts zu Ende. <hi rend="italic">§ 12</hi> behandelt das Verhältnis von Christentum und Judentum. «Judentum» sagt <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, nicht «Israel», nicht «Altes Testament», als Religion neben einer anderen Religion sicht er es <hi rend="italic">neben</hi> dem Christentum und sagt uns damit zum vornherein, daß eine Geltendmachung des altkirchlichen Gedankens von der Identität der <hi rend="italic">Offenbarung</hi> in den beiden Testamenten von ihm <hi rend="italic">nicht</hi> zu erwarten ist, im Gegenteil. Nur um die Kontinuität der <hi rend="italic">Religions</hi>geschichte, innerhalb derer Christentum und Judentum ihren Ort haben, kann es sich handeln, diese aber ist folgerichtig von Christentum und Heidentum im gleichen Sinn zu behaupten wie von Christentum und Judentum. <hi rend="italic">§ 12, 1</hi>: das Judentum war ja seit dem Exil infiziert von allerlei nichtjüdischen Elementen, das Heidentum seinerseits auf mancherlei Weise monotheistisch vorbereitet. <hi rend="italic">§ 12, 2</hi>: das Christentum ist nicht «eine Umbildung oder erneuernde Fortsetzung des Judentums», auch nicht des Judentums Abrahams, oder doch nur in demselben Sinne, als es auch Umbildung oder Fortsetzung des Heidentums ist. Juden und Heiden sind nach <persName ref="kbga-actors-2951">Paulus</persName> «gleich sehr von Gott entfernt und … Christi bedürftig», beide müssen, was die Frömmigkeit betrifft, neue Menschen werden. Die Verheißung Abrahams hat eine Beziehung auf Christus nur im göttlichen Ratschluß, nicht aber, worauf für <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> natürlich Alles ankäme, in seinem (Abrahams) frommen Selbstbewußtsein. <hi rend="italic">§ 12, 3</hi>: Will man die These von der einen einzigen, von Anbeginn der Welt her bestehenden Kirche Gottes aufrecht erhalten, so wird man außer dem mosaischen Gesetz «nach bewährten christlichen Lehrern» (<persName ref="kbga-actors-2548">Clemens Alexandrinus</persName>) auch die hellenische Philosophie dahin rechnen müssen: <hi rend="italic">allgemeine</hi> Ausdrücke, die als solche christlicher Religiosität allenfalls gedeutet werden können, finden sich in den Äußerungen eines edleren und reineren Heidentums mindestens ebenso deutlich wie in denen des Alten Testamentes.</p>
        <p>Der Paragraph zeichnet sich wie Alles, was <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> über diesen Gegenstand geschrieben hat, aus durch eine außerordentliche Eilfertigkeit und Oberflächlichkeit. Es hat etwas völlig Besinnungsloses, wie hier der von den griechischen Kirchenvätern und dann <pb xml:id="p428" ed="pga"/> besonders von der reformierten Theologie behauptete <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">λόγος σπερματικός</foreign><note xml:id="n98">Diese ursprünglich aus der stoischen Philosophie stammende Lehre wurde von den Apologeten <persName ref="kbga-actors-1077">Justin dem Märtyrer</persName> (gest. um 165)in die altkirchliche Theologie eingeführt. Sie strebt eine Vermittlung zwischen Offenbarung und dem Menschen einwohnender Kenntnis Gottes an. In der klassischen reformierten Theologie wurde die entsprechende Frage nach angeborener Gotteserkenntnis, notitia Dei insita, gegenüber notitia acquisita, unter dem Stichwort der religio naturalis verhandelt. <bibl corresp="kbga-bibls-6980">Belege bei <persName ref="kbga-actors-1038">H. Heppe</persName>, <hi rend="italic">Die Dogmatik der evangelisch-reformierten Kirche</hi>, neu hrsg. von E. Bizer, Neukirchen 1958, Locus I. De theologia naturali et revelata, S. 1ff.</bibl>
               </note> in eins zusammengeworfen wird mit der alttestamentlichen Offenbarung, deren Identifizierung mit der neutestamentlichen einst den wohlerwogenen Sinn hatte, das <hi rend="italic">göttlich</hi>, das absolut Neue in Christus zu schützen vor der Verwechslung mit einem bloß geschichtlich, bloß relativ Neuen. Gerade wer die Offenbarung in Christus kennt und bejaht, weiß, daß sie nicht von jedem her ist, weiß mit <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.1.1">Hebr. 1,1</ref>, daß «Gott vorzeiten manchmal und mancherleiweise geredet hat», aber: zu den <hi rend="italic">Vätern</hi> durch die <hi rend="italic">Propheten</hi> — ob dazu auch von den Heiden Etliche hinzuzurechnen sind, ist eine Frage für sich —, aber jedenfalls geredet zum <hi rend="italic">Glauben</hi> und geredet durch <hi rend="italic">Offenbarung</hi>, nicht anders. Daß dies grundsätzlich auch außerhalb Israels möglich war, das sagt die Lehre vom <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">λόγος σπερματικός</foreign>, nicht aber die sinnlose Applanierung aller Unterschiede zwischen Israel und Heiden. Durch die Leugnung jenes Spezifischen, Unterscheidenden würde ja der ganze Gedanke gegenstandslos. Eben das <hi rend="italic">wird</hi> er denn auch bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, der neben einer gegenstandslosen <hi rend="italic">christlichen</hi> nur eine ebenso gegenstandslose <hi rend="italic">jüdische</hi> und <hi rend="italic">heidnische</hi> Frömmigkeit kennt und zwischen allen folgerichtig nur eine allgemeine und gleichmäßige Kontinuität, nicht aber eine besondere, spezifische, durchaus nicht gleichmäßig von aller Religionsgeschichte auszusagende Identität, wobei sein wohlbegründeter Privatabscheu vor dem unheimlichen Gott des Mose und Elia natürlich als erklärend, wenn auch nicht als ausschlaggebend in Rechnung zu ziehen ist. Ähnlich wie bei der Lehre von der Bibelinspiration<note xml:id="n99">Vgl. oben S. 326f.</note> steht man hier befremdet vor der Tatsache, daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> den Sinn des kirch <pb xml:id="p429" ed="pga"/> lichen Dogmas überhaupt nicht ernstlich überlegt zu haben scheint, bevor er es durch seine Ersatzkonstruktion ersetzte.</p>
        <p>
                    <hi rend="italic">§ 13</hi> bringt — es entwickelt sich nun Alles mit unheimlicher Logik — den Satz, daß die geschichtliche Offenbarung in Christus weder «<hi rend="italic">etwas schlechthin Übernatürliches noch etwas schlechthin Übervernünftiges</hi>» sei. Natürlich nicht! <hi rend="italic">§ 13, 1</hi>: Offenbarung ist zwar nicht «Erzeugnis eines geistigen Umlaufs», transzendiert die Natur des geschichtlichen Kreises, in dem sie auftritt, sonst wäre sie ja nicht, wie § 10 Zusatz festgestellt, ein Anfangspunkt; wohl aber ist sie «eine Wirkung der unserer Natur als <hi rend="italic">Gattung</hi> einwohnenden <hi rend="italic">Entwicklungskraft</hi>». Wollen wir überhaupt «die menschliche Natur in ihrer höheren Bedeutung festhalten», so müssen wir das von Zeit zu Zeit stattfindende Hervortreten von ausgezeichnet begabten Individuen, von <hi rend="italic">Heroen</hi>, «als etwas <hi rend="italic">Gesetzmäßiges</hi> ansehen»; eine solche in verborgenen göttlichen Gesetzen begründete besondere Begabung ist nun auch bei den Religionsstiftern anzunehmen. Ist nun allerdings nur Christus «dazu gesetzt, allmählich das ganze menschliche Geschlecht höher zu beleben», so ist doch auch seine, des Sohnes Gottes, Menschwerdung «etwas Natürliches» in dem Sinn, daß nicht nur der menschlichen Natur mindestens die <hi rend="italic">Möglichkeit</hi> zugeschrieben werden muß, das Göttliche in sich aufzunehmen, sondern auch dieser <hi rend="italic">zeitliche</hi> Akt als solcher «als eine in der ursprünglichen <hi rend="italic">Einrichtung</hi> der menschlichen Natur begründete und durch alles Frühere vorbereitete <hi rend="italic">Tat derselben</hi>, somit als <hi rend="italic">die höchste Entwicklung ihrer geistigen Kraft</hi>» anzusehen ist, so gewiß es nicht angeht, es eine göttliche Willkür zu nennen, daß dieser Akt gerade in Jesus und keinem Anderen erfolgte. Also kein schlechthin Übernatürliches. Aber — <hi rend="italic">§ 13, 2</hi> — auch kein schlechthin Ubervernünftiges. Wohl ist ein Übervernünftiges im Erlöser und in den Erlösten zu behaupten, nämlich das, wodurch er die Erlösung vollbringt und wodurch es an ihnen vollbracht wird, aber ein schlechthin Übervernünftiges ist auch dieses <hi rend="italic">nicht</hi>. Das höchste Ziel der Erlösung ist doch ein Zustand des Menschen, in dem menschliche Vernunft und göttlicher Geist sich gegenseitig erkennen und nicht mehr zu unterscheiden sind, so daß <hi rend="italic">der göttliche Geist nur noch ‹als die höchste Steigerung der <pb xml:id="p430" ed="pga"/> menschlichen Vernunft</hi>» erscheint. Andererseits ist in der menschlichen Vernunft von Anfang an auf gewisse Weise <hi rend="italic">mitgesetzt</hi>, was durch den göttlichen Geist hervorzubringen ist, indem ja, was ihm widerspricht, <hi rend="italic">auch</hi> der Vernunft widerspricht, das Bewußtsein von der Erlösungsbedürftigkeit selbst für ihn Zeugnis gibt. Und dafür, daß auch Christus auch vernünftig zu verstehen und zu preisen ist, sind die Rationalisten Beweis<note xml:id="n100">Mskr.: «… zu preisen ist, beweisen die Rationalisten.» Änderung vom Hrsg. Barth nimmt mit diesem Satz Bezug auf den Schlußsatz von 13, 2: «Was nun von den Erlösten gilt, das ist ebenso auch von dem Erlöser zu sagen, indem auch diejenigen, die keine Art von göttlicher Einwohnung in ihm annehmen, doch dieselben Tätigkeiten, Vorstellungen und Lebensregeln, die Andere aus jener erklären, ihrerseits als das höchste Vernünftige preisen und also mit ihrer menschlichen Vernunft billigend auffassen, welche Auffassung wiederum jene nicht tadeln oder verwerfen, sondern ebenfalls billigend anerkennen.»</note>. Woher denn das ganze Problem des Übernatürlichen und Übervernünftigen im Christentum? fragt <hi rend="italic">§ 13 Zusatz</hi>. Offenbar aus der den christlichen Sätzen zu Grunde liegenden Erfahrung, aus dem eigentümlichen Zusammensein des Erlösers und der Erlösten. Das christliche Selbstbewußtsein kann, so wie es ist, nicht durch die Vernunft hervorgebracht werden, das ist sein Übervernünhiges. <hi rend="italic">Aber «in demselben Sinn wie das christliche Selbstbewußtsein ist auch die ganze Natur übervernünftig</hi>». Wie der Eine von der Natur, so ist der Andere eben vom Erlöser «affiziert», warum sollten nun die Aussagen über die eine wie über die andere Affektion nicht eben so rein vernünftig sein! Alle christlichen Sätze sind in einer Beziehung übervernünftig, in der anderen vernünftig: — <hi rend="italic">übervernünftig</hi> in derselben Beziehung, in der alle auf eine Erfahrung zurückgehenden Sätze das sind: indem sie nämlich «auf einem Gegebenen beruhen» und nicht auf allgemeinen Prinzipien und indem sie nur dadurch angeeignet werden können, daß man die entsprechende «Erfahrung macht», <hi rend="italic">vernünftig</hi>, sofern sie «denselben Gesetzen der Begriffsbildung und Verknüpfung unterworfen sind wie alles Gesprochene».</p>
        <p>Es handelt sich in § 13, wie man sicht, sehr schlicht um eine Anwendung der § 10 Zusatz gegebenen Definition von Offenbarung, <pb xml:id="p431" ed="pga"/> bei der man sich höchstens wundern kann, <hi rend="italic">wie</hi> offen <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hier eigentlich Alles heraussagt, wenn man sich nicht <hi rend="italic">noch</hi> mehr über das 19. Jahrhundert wundern will, das trotz dieser Offenherzigkeiten an diesen Mann geglaubt hat. Ein Über<hi rend="italic">natürliches</hi> gibt es im Grunde überhaupt nicht: Tat der Natur, letzte Entwicklung ihrer geistigen Kraft ist auch Christus. Über<hi rend="italic">verünftig</hi> ist allerdings nun das christliche Selbstbewußtsein, aber doch nur in dem Sinn, wie in der ganzen Natur das Gegebene als solches nicht rational zu konstruieren ist. Letzten Endes ist der göttliche Geist doch nur die höchste Steigerung der menschlichen Vernunft. Also ist Offenbarung weder schlechthin übernatürlich noch schlechthin übervernünftig. Das ist der verblüffend einfache Inhalt dieses Paragraphen. Begriffe wie der einer <hi rend="italic">gefallenen, erlösungsbedürftigen</hi> Natur, die eventuell solcher Geistestaten wie Offenbarung <hi rend="italic">nicht</hi> fähig sein, oder der einer <hi rend="italic">verfinsterten</hi> Vernunft, die eventuell nicht gerade im göttlichen Geist ihre höchste Steigerung erfahren möchte, scheinen für unseren Meister überhaupt nicht vorhanden zu sein.</p>
        <p>§ 14, der letzte der apologetischen Lehnsätze, handelt davon, wie — und hauptsächlich, wie nicht — man ein Christ werde. «<hi rend="italic">Durch den Glauben an Jesum als den Erlöser</hi>», so lautet der positive Teil der Antwort. <hi rend="italic">§ 14, 1</hi>: Ein Christ sein heißt, in der christlichen Kirche die «schlechthinige Leichtigkeit und Stetigkeit frommer Erregungen» (natürlich annäherungsweise!) suchen. Der <hi rend="italic">Entschluß</hi> dazu ist bedingt durch die vorangehende <hi rend="italic">Gewißheit</hi>, «daß durch die Einwirkung Christi der Zustand der Erlösungsbedürftigkeit aufgehoben und jener (andere) herbeigeführt werde». Diese vorangehende Gewißheit ist der <hi rend="italic">Glaube an Christus</hi>. Wie der <hi rend="italic">Glaube an Gott</hi> nach § 4, 4 nichts Anderes ist «als die Gewißheit über das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl als solches, d.h. als (ein) durch ein außer uns gesetztes Wesen bedingt(es)», so ist auch der <hi rend="italic">Glaube an Christus</hi> ein wenn auch «unendlich kleiner», nur als «reale Ahnung» gesetzter (immerhin gesetzter!) <hi rend="italic">Anfang</hi> «von der Aufhebung des Zustandes der Erlösungsbedürftigkeit», als Wirkung bezogen auf Christus als Ursache. Er ist m.e.W. <hi rend="italic">Erfahrung</hi>, die mittelst der Schilderung Christi und seiner Wirksamkeit das eigentliche und einzige Mittel <pb xml:id="p432" ed="pga"/> ist, den Glauben zu verbreiten, d.h. «dieselbe innere Erfahrung in Anderen hervorzurufen». Christliche Verkündigung ist «Zeugnis von der eigenen Erfahrung, welches die Lust in Anderen erregen soll[te], dieselbe Erfahrung auch zu machen». Aller Eindruck, der auf solche Weise erzielt wird, ist derselbe, den die Zeitgenossen unmittelbar von Christus empfingen. Wer ihm widerstehen kann, dem muß es eben an Selbsterkenntnis fehlen. Bei dieser Gewißheit und Gewißheitsvermittlung hat es nun aber nach <hi rend="italic">§ 14, 2</hi> sein Bewenden. Unbeweisbar ist die Notwendigkeit der Erlösung sowohl wie die Einzigkeit Christi als des Erlösers. Dies ist (<hi rend="italic">§ 14, 3</hi>) trotz des gelegentlich geführten messianischen Weissagungsbeweises auch die Meinung des Neuen Testaments. Damit sind wir denn glücklich bei der negativen These angelangt, um derentwillen der Paragraph offenbar dasteht; auch hier ist sie wie § 10 in dem freilich nur schon durch seine Länge (2:1) zum Aufsehen mahnenden <hi rend="italic">Zusatz</hi> untergebracht. Er handelt von den Begriffen <hi rend="italic">Wunder, Weissagung</hi> und <hi rend="italic">Eingebung</hi> (Inspiration) und sagt, kurz zusammengefaßt, daß alle drei zum Zustandekommen des Glaubens, d.h. der anfangenden Erfahrung von der Stillung des geistigen Bedürfnisses durch Christus, <hi rend="italic">nicht</hi> vonnöten und <hi rend="italic">nicht</hi> dienlich seien. Sie setzen den Glauben voraus, können ihn also nicht hervorbringen. <hi rend="italic">Wunder</hi>: Erzählt nicht die Schrift selbst auch von teuflischen Wundern? Wo begründet sie den Glauben oder auch nur die Aufmerksamkeit Christus gegenüber auf Wunder? Was ist der Unterschied zwischen einem Wunder und einem anderen unerklärlichen Ereignis? Ist nicht das Urteil über das Wunder durch den Glauben bedingt? Wo ein neuer Entwicklungspunkt des geistigen Lebens angenommen wird, da werden nun einmal entsprechende Erscheinungen auch in der leiblichen Natur angenommen. «Es ist natürlich, von demjenigen, der die höchste göttliche Offenbarung ist, auch Wunder zu erwarten.» So geschah es bei Christus wie bei anderen Religionsstiftern. Aber Wunder ist auch da ein relativer Begriff, ein Anfang des Glaubens muß zu seiner Annahme schon vorhanden sein. Und in dem Maß, als eine Offenbarung, d.h. ein neuer Anfang sich organisiert und Natur wird, müssen auch die sie begleitenden übernatürlichen Erscheinungen <pb xml:id="p433" ed="pga"/> sich wieder zurückziehen. <hi rend="italic">Weissagung</hi>: Kann man die Beziehung der alttestamentlichen Prophetenrede auf Jesus nicht annehmen, ohne im wahren Sinn, d.h. erfahrungsmäßig zu glauben? Setzt diese Annahme nicht den Glauben an das Geweissagte und an die Weissagenden immer schon voraus? Läßt sich erweisen, daß die Propheten wirklich Christus vorausgesehen haben? Haben — <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> kommt zu den eschatologischen Reden Jesu selber — nicht auch Andere geweissagt? Sollte darin ein Erweis seiner göttlichen Würde zu finden sein? Hat die Weissagung sich nicht zurückgezogen, je mehr sich die neue Heilsordnung als geschichtliche Erscheinung (Natur!) befestigte? Würde nicht der Glaube als Erfahrung ebenso unerschütterlich sein, «wenn auch das Christentum weder Weissagungen noch Wunder aufzuweisen hätte»? <hi rend="italic">Inspiration</hi> endlich. Ein Begriff, der «im Christentum eine durchaus untergeordnete Bedeutung» hat! Der Geist ist das, was Christus seinen Jüngern durch seinen Unterricht gibt. Aus der Annahme der Inspiration der Propheten ergibt sich noch kein Glaube an Christus. Nur um des Gebrauches willen, den Christus und die Apostel von den Propheten machen, glauben wir daran. Wiederum ist es nicht der Glaube an die Inspiration des Neuen Testaments, sondern der «Totaleindruck von Christo», der den Glauben an ihn erzeugt.</p>
        <p>Also: wir <hi rend="italic">brauchen</hi> das alles nicht, sagt § 14. Er hätte offenbar ebensogut, ohne irgendwelche Verschärfung der Negation, sagen können: es gibt das alles nicht. Es gibt eben tatsächlich für <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nur den Glauben. Sola fide! — eine wunderbarere Travestie dieses reformatorischen Prinzips als § 14 der Glaubenslehre könnte man sich kaum vorstellen. Ja, sola fides, allein der Glaube, d.h. der unendlich kleine Anfang («reale Ahnung») von tatsächlicher Erlöstheit im Menschen, ursächlich bezogen auf Christus, die innere Erfahrung. Was braucht es die Wunder, Propheten, inspiriertes Schriftwort? Sie weiß schon, hat schon, ist schon auf dem Wege zu der schlechthinigen Leichtigkeit und Stetigkeit frommer Erregungen, und alle in jenen Begriffen nahegelegte Erinnerung an die <hi rend="italic">Transzendenz</hi> Gottes auch im Glauben, <hi rend="italic">gerade</hi> im Glauben, wenn er Glaube an die Offenbarung ist, könnte ihr, die das ja gerade <hi rend="italic">nicht</hi> sein will, <pb xml:id="p434" ed="pga"/> nur störend, nur ärgerlich sein. Also Desinteressementserklärung des Glaubens an diesen Dingen mit dem erfreulichen Nebenerfolg, daß die Dogmatik mit einem einzigen eleganten Ruck den bösen Zahn los ist, der ihr als Wissenschaft so hinderlich war, Alles mit einem Schlag erledigt, was einem modernen Theologen hier so peinlich zu sein pflegt. Ist das nicht eine erstaunlich gute Apologetik? </p>
        <p>Blicken wir zurück auf das, was seit § 11 geschehen ist. Dort also als Wesen des Christentums die Erlösung und der Erlöser — wir sahen, unter welchen Vorbehalten. Dann § 12 die Lösung des Alten vom Neuen Testament, § 13 die Eskamotierung des schlechthin Anderen in der Offenbarung, § 14 die Einschränkung des Glaubens auf den inneren Affekt der realen Ahnung und die Beseitigung von Wunder, Weissagung und Inspiration. Das ist doch ziemlich viel auf einmal, aber Alles <hi rend="italic">nur</hi> Einleitung, <hi rend="italic">nur</hi> apologetische Lehnsätze, wohlverstanden!</p>
        <p>Ich breche hier ab. Meinen Sie nicht auch, daß es sich wirklich lohnt, sich diese Einleitung von Satz zu Satz anzusehen, bevor man sich allzu gläubig und gelehrig der Glaubenslehre selbst zuwendet? Und könnte es nicht so sein, daß wir uns über unser durch die drängende Zeit gebotenes Abbrechen einigermaßen <hi rend="italic">trösten</hi> dürfen in der guten Zuversicht, wir möchten in diesen zwölf Paragraphen das Ganze dieser Glaubenslehre einigermaßen kennen gelernt haben?</p>
      </div>
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