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        <title type="volume" n="vol-02">Ethik I</title>
        <title type="formal">ETHIK UND DOGMATIK</title>
        <title type="content">Ethik und Dogmatik</title>
        <title type="citation_line_1">Ethik und Dogmatik, in: Ethik I, 1928</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/2004 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Ethik I, hrsg. v. Braun, Dietrich (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1973, S. 1–29.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/2004</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Ethik I</title>
          <title type="text">ETHIK UND DOGMATIK: Ethik und Dogmatik</title>
          <editor>Braun, Dietrich</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1973</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 1-29</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe II.2, Ethik I 1928, section 1</title>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
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      <div type="chapter">
        <pb xml:id="p001" ed="pga"/>
        <head>§ 1 ETHIK UND DOGMATIK</head>
        <div type="abstract">
          <p>Ethik als theologische Disziplin ist diejenige Hilfswissenschaft der Dogmatik, in
                  der im Worte Gottes die Antwort auf die Frage nach der Güte menschlichen Handelns
                  gesucht wird. Sie ist als besondere Erläuterung der Lehre von der Heiligung
                  Besinnung darauf,<note xml:id="n01">Text A: «<hi rend="italic">in der in Erläuterung
                        der Lehre von der Heiligung Besinnung darauf stattfindet</hi>,»</note> daß
                  und inwiefern das in der christlichen Predigt verkündigte und vernommene Wort
                  Gottes eine bestimmte Inanspruchnahme des Menschen vollzieht.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>1.</head>
          <p>
                        <hi rend="italic">Ethik</hi> (von <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἦθος</foreign>)
                  ist gleichbedeutend mit Moral (von mos). Beides heißt Sittenlehre. Sitte (vom
                  altdeutschen situ) heißt aber eine menschliche Handlungsweise, eine Stetigkeit
                  menschlichen Handelns. Ethik oder Moral heißt also allgemein: Lehre, Wissenschaft,
                  Kunde von den menschlichen Handlungsweisen, von den Stetigkeiten menschlichen
                  Handelns. Aber in dieser Allgemeinheit definiert wäre Ethik noch nicht
                  unterschieden von drei anderen Wissenschaften. Es fragt ja auch die <hi rend="italic">Willenspsychologie</hi> nach den naturgesetzlichen, es fragt die Sittenkunde
                  oder Moralstatistik oder <hi rend="italic">Kulturgeschichte</hi> nach den in der
                  Geschichte frei gewordenen und frei bestehenden, und es fragt die <hi rend="italic">Rechtswissenschaft</hi> nach den durch die staatliche Gemeinschaft
                  garantierten und sanktionierten Stetigkeiten menschlichen Handelns. Die Auf<pb xml:id="p002" break="no" ed="pga"/>gabe der Ethik wird aber faktisch überall, wo sie als Aufgabe überhaupt in Angriff
                  genommen wird, als eine von den Aufgaben jener anderen Wissenschaften verschiedene
                  Aufgabe aufgefaßt.</p>
          <p>Sittlichkeit im Sinn der ethischen oder moralischen Frage ist erstens etwas
                  Anderes als Kongruenz einer Handlungsweise mit einem allenfalls ausfindig zu
                  machenden <hi rend="italic">Naturgesetz</hi> menschlichen Wollens und Handelns: mag
                  auch das sittliche Handeln diesem Naturgesetz unterliegen, so ist es doch nicht um
                  dieser empirisch feststellbaren Übereinstimmung willen sittliches Handeln. Auch
                  die naive Identifikation von Naturgesetz und Sittengesetz, wie wir sie etwa bei
                     <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1846">Rousseau</persName></hi>, bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-550">L. Feuerbach</persName></hi>, bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-150">E. Haeckel</persName></hi> finden, gibt sich durchaus nicht einfach als eine
                  Beschreibung, sondern durchaus als eine Inanspruchnahme des menschlichen Wollens
                  und Handelns.<note xml:id="n02">Vgl. von <bibl><persName ref="kbga-actors-1846">J. J. Rousseau</persName> v. a. den <hi rend="italic">Discours sur l’origine et
                              les fondements de l’inégalité parmi les hommes</hi>,
                              1754: (œuvres de <persName ref="kbga-actors-1846">J. J. Rousseau</persName> avec des Notes
                           historiques, 22 vol. Paris
                           1819-20, T. IV, pp. 201-373</bibl>; ferner: <bibl><persName ref="kbga-actors-550">L. Feuerbach</persName>, <hi rend="italic">Über Spiritualismus und
                              Materialismus</hi>, 1866. Sämtliche Werke, neu hrsg.
                           v. W. Bolin und F. Jodl, Stuttgart
                           1960<hi rend="sup">2</hi>, Bd. X, S. 91–229</bibl>, sowie: <bibl corresp="kbga-bibls-2489"><persName ref="kbga-actors-150">E. Haeckel</persName>, <hi rend="italic">Die Welträtsel</hi>,
                              1899, v. a. Kap. 19: Monistische Sittenlehre.
                           Gemeinverständliche Werke, hrsg. v. H. Schmidt-Jena,
                              Leipzig
                           1924, Bd. 3, S. 358ff.</bibl>
                  </note> Sie wird bei den drei Genannten und noch mehr bei den eigentlichen
                  Vollendern des ethischen Naturalismus, bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2513">M. Stirner</persName></hi> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName></hi>, geradezu zur Sache einer leidenschaftlichen
                     Verkündigung.<note xml:id="n03">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-2513">M. Stirner</persName>, <hi rend="italic">Der Einzige und sein
                              Eigentum</hi>, Leipzig
                                1845. 1901<hi rend="sup">3</hi></bibl>. <bibl corresp="kbga-bibls-2414"><persName ref="kbga-actors-301">F. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Jenseits von Gut und
                              Böse</hi>, 1886</bibl>. Ders., <bibl corresp="kbga-bibls-2441"><hi rend="italic">Zur Genealogie der Moral</hi>, 1887.
                           <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> Werke, Kritische Gesamtausgabe, hrsg. v. G. Colli und
                              M. Montinari, VI. Abt. 2. Bd. Berlin
                                1968.</bibl>
                  </note> Ein Naturgesetz predigt man nicht, wie die Identität zwischen Naturgesetz
                  und Sittengesetz von <persName ref="kbga-actors-1846">Rousseau</persName> bis <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> immer wieder gepredigt worden ist. Wo
                  gepredigt wird, da bedeutet Identifikation in Wirklichkeit offenbar Prädikation,
                  d.h. aber, da geht man aus von der Unterschiedenheit beider.</p>
          <p>Sittlichkeit im Sinn der ethischen Frage ist ferner etwas Anderes als Kongruenz
                  des menschlichen Handelns mit dem, was man landläufig «Sitte» nennt, d.h. mit
                  einer mehr oder weniger verbreiteten <hi rend="italic">Gewohnheit</hi>. Mag auch diese
                  Kongruenz weithin statt<pb xml:id="p003" break="no" ed="pga"/>finden, mag sich eine ethische Richtung, für die etwa die Namen <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2418">Höffding</persName></hi> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2472">Paulsen</persName></hi> bezeichnend sein mögen,<note xml:id="n04">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-2418">H. Höffding</persName> (1843–1931), dänischer
                           Philosoph, verfaßte u. a. eine <hi rend="italic">Ethik</hi>
                           1887, deutsch: Leipzig
                           1888. 1922<hi rend="sup">3</hi></bibl>, und wurde hinsichtlich der von ihm angewandten
                     psychologisch-historischen Methode oft in einem Zusammenhang mit dem deutschen
                     Philosophen <persName ref="kbga-actors-2472">F. Paulsen</persName> (<date from="1846" to="1908">1846–1908</date>) genannt. Dieser sucht in seiner
                     Ethik den Formalismus <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName> durch eine breit ausgeführte Darstellung der
                     Wirklichkeit des sittlichen Lebens zu ergänzen: <bibl><hi rend="italic">System der Ethik mit einem Umriß der Staats- und
                              Gesellschaftslehre</hi>, Berlin
                                1889, Stuttgart und Berlin
                                1921<hi rend="sup">12</hi>.</bibl>
                  </note> einer Identifikation der beiden Begriffe zuweilen genähert haben, so hat
                  es doch niemand unternommen, Sittenlehre im <seg type="non-entity">Ernst</seg> in Sittenkunde aufgehen zu
                  lassen und zu bestreiten, daß unsittliche Sitten einerseits und andererseits
                  sittliche Durchbrechung der Sitten Möglichkeiten sind, mit denen die Ethik zu
                  rechnen hat.</p>
          <p>Und Sittlichkeit im Sinn der ethischen Frage ist drittens etwas Anderes als
                  Kongruenz mit den bestehenden <hi rend="italic">Staatsgesetzen</hi>, also als
                  Legalität. Mag die Staatsgesetzlichkeit mit ihrer handgreiflichen
                  Allgemeingültigkeit etwa nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2348">Jerem. Bentham</persName></hi> (* 1832) als der
                  prägnanteste Ausdruck für jene Stetigkeit menschlichen Handelns, nach der die
                  Ethik fragt, aufgefaßt werden,<note xml:id="n05">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-2348">J. Bentham</persName>, <hi rend="italic">An Introduction to the
                              principles of morals and legislation</hi>, 1780. The
                           Works of Jeremy Bentham, pub. by <publisher>John Bowring</publisher>, 11
                           vols. 1838-1843. Neudr.: New York
                                1962, vol. 1, pp. 1-154.</bibl>
                  </note> und mag die Moralität nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-81">H. Cohen</persName></hi> sich selbst
                  verstehen wollen als immanente Kraft der Legalität,<note xml:id="n06">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2734"><persName ref="kbga-actors-81">H. Cohen</persName>, <hi rend="italic">Ethik des reinen
                              Willens</hi>, Berlin
                                1904. 1907<hi rend="sup">2</hi>. 1921<hi rend="sup">3</hi> (= System der Philosophie 2. Teil).</bibl>
                  </note> mag vielleicht eine unendliche Annäherung zwischen Sittlichkeit und Recht
                  die Vorstellung sehr vieler positivistischer und idealistischer Ethiker sein, so
                  ist doch eine einfache Gleichung zwischen Ethik und Jurisprudenz zu behaupten bis
                  jetzt noch niemandem eingefallen.</p>
          <p>Es wäre eben das Ende oder das Noch-nicht-angefangen-Haben der ethischen Frage,
                  wenn man sie mit der psychologischen, der geschichtlichen, der juridischen
                  Problematik, der der Begriff der menschlichen Handlung allerdings auch unterliegt,
                  wirklich und restlos vereinerleien wollte und könnte. Die ethische Frage
                  <pb xml:id="p004" ed="pga"/>
                   ist nicht möglich ohne Aufmerksamkeit gegenüber den Stetigkeiten menschlichen
                  Handelns, nach denen jene anderen Wissenschaften fragen. Es ist aber die Kenntnis
                  der natürlichen, geschichtlichen, rechtlichen Stetigkeiten, die zum Problem werden
                  und nach sittlicher Erkenntnis rufen kann. Und das ethische Problem kann nicht
                  anfangen, wo nicht eben die natürliche, geschichtliche, rechtliche Stetigkeit
                  menschlichen Handelns zum Problem geworden ist. Aber eben indem dies geschieht,
                  greift die Frage über die natürliche, geschichtliche, rechtliche Möglichkeit und
                  Wirklichkeit grundsätzlich hinaus. Sie wird <hi rend="italic">ethische</hi> Frage als
                  Frage nach dem <hi rend="italic">Ursprung</hi> solcher Stetigkeit, nach der <hi rend="italic">Richtigkeit</hi> der natürlichen, geschichtlichen, rechtlichen Regel,
                  nach der <hi rend="italic">Würde</hi>, die eine menschliche Handlung zur Handlungsweise
                  erhebt, die ihr den Anspruch gibt, als regelmäßig aufzutreten, sich wiederholen zu
                  dürfen, ja für Andere vorbildlich zu sein. Diese Frage ist durch den Verweis auf
                  jene anderen Stetigkeiten noch nicht erledigt, sondern gerade durch die Einsicht
                  in jene anderen Stetigkeiten ist diese Frage <hi rend="italic">gestellt</hi>. <hi rend="italic">Gelten</hi> sie denn? das ist die ethische Frage. Eben die <hi rend="italic">Geltung</hi> alles für das menschliche Handeln Gültigen, der <hi rend="italic">Ursprung</hi> aller Stetigkeiten, die <hi rend="italic">Würde</hi> alles
                  Allgemeinen, die <hi rend="italic">Richtigkeit</hi> aller Regeln ist die <hi rend="italic">Sittlichkeit</hi> oder die <hi rend="italic">Güte</hi> menschlichen Handelns, nach
                  dem die Ethik fragt. Mit den Begriffen Geltung, Ursprung, Würde, Richtigkeit
                  bezeichnen wir vorläufig und allgemein das die Problematik der Psychologie, der
                  Kulturgeschichte, der Jurisprudenz <hi rend="italic">Transzendierende</hi>, nach dem im
                  Unterschied zu jenen in der <hi rend="italic">Ethik</hi> gefragt wird.</p>
          <p>Wir haben uns in diesem ersten Paragraphen klarzumachen, in welchem bestimmten
                  Sinn wir uns auf dem Boden der <hi rend="italic">Theologie</hi> mit der Ethik zu
                  beschäftigen haben.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>2.</head>
          <p>Es versteht sich nicht von selbst, daß es in der Theologie eine besondere
                  Disziplin gibt, die diesen Namen trägt und die sich dieser Aufgabe zuwendet, daß
                  wir in der Theologie irgendwie
                  <pb xml:id="p005" ed="pga"/>
                   außerhalb der Dogmatik auch noch <hi rend="italic">Ethik</hi> zu treiben haben. Und die Frage, ob und in welchem Sinn dieses
                  enzyklopädisch zu begründen ist, gehört keineswegs, wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1129">E. W.
                     Mayer</persName></hi> (Ethik S. 192)<note xml:id="n07">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-4744"><persName ref="kbga-actors-1129">E. W. Mayer</persName>, <hi rend="italic">Ethik</hi>. Christliche
                           Sittenlehre, Gießen
                                1922, S. 192.</bibl>
                        </note> etwas geringschätzig meint, bloß «zu dem alten Inventar der
                  theologisch-ethischen Literatur», sondern sie ist, wie sie auch beantwortet werde,
                  für den Charakter und die Richtung des Unternehmens, diese Disziplin zu behandeln,
                  bedeutsam genug, daß wir uns einer Verständigung darüber nicht entziehen dürfen.
                  Wir hören und prüfen zunächst, wie diese Frage bisher beantwortet worden ist.</p>
          <p>Theologische Ethik gab es keineswegs von jeher. Gelegentlich – in Andeutungen und
                  Weisungen zu einzelnen konkreten Problemen, in exegetischen und homiletischen
                  Exkursen, an bestimmter Stelle auch der dogmatischen Untersuchungen und
                  Darstellungen – ist zwar die Frage nach der Güte menschlichen Handelns von den
                  Theologen von Anfang an gestellt und beantwortet worden. Gegen ihre
                  Verselbständigung innerhalb des theologischen Nachdenkens und Redens scheinen
                  jedoch noch bis tief ins zweite Jahrhundert hinein Hemmungen bestanden zu haben.
                  Es ist bezeichnend, daß einer der ersten, von dem wir besondere ethische Traktate
                  besitzen, der spätere Montanist <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-798">Tertullian</persName></hi> gewesen ist.<note xml:id="n08"><persName ref="kbga-actors-798">Tertullians</persName> zahlreiche ethische Monographien sowohl aus der
                     vormontanistischen wie aus der montanistischen Zeit finden sich: <bibl>CSEL 20.70.76</bibl> sowie teilweise verbessert: <bibl>CChrL 1 und 2.</bibl>
                  </note> Und der Verfasser der vermutlich ältesten christlichen <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἠθικά</foreign> oder Sammlung christlicher
                  Lebensregeln ist kein Anderer als der große Theoretiker und Organisator des
                  morgenländischen Mönchtums <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2791">Basilius von Caesarea</persName></hi>.<note xml:id="n09">s.
                      <ref type="can">MPG 31, 619-1428.</ref>
                  </note> Als systematische und von der Entwicklung des christlichen Credo
                  gesonderte Arbeit ist sodann die Schrift des <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-4544">Ambrosius</persName></hi> De
                  officiis (etwa 391) zu nennen. Bezeichnend für sie ist einmal, daß sie sich nach
                  Titel, Form und Inhalt ziemlich eng an das heidnisch-klassische Vorbild des <persName ref="kbga-actors-1525">Cicero</persName>
                  anschließt, sodann daß
                  <pb xml:id="p006" ed="pga"/>
                   sie sich immer wieder als eine Lebensanweisung nicht sowohl für den Christen als
                  solchen und im allgemeinen als vielmehr für den künftigen Kleriker gibt, in der
                  auch Mahnungen wie die nicht fehlen (I 73f.), daß man auf der Straße weder mit der
                  Langsamkeit eines umhergetragenen Götzenbildes einherwackeln noch mit der
                  Schnelligkeit eines gehetzten <seg type="non-entity">Wildes</seg> laufen solle.<note xml:id="n10">s. <bibl corresp="kbga-bibls-2932">MPL 16, 25-194.</bibl>
                  </note> Die Voraussetzung, auf Grund deren es zu einer selbständigen christlichen
                  Ethik gekommen ist, ist zweifellos die Vorstellung von der Möglichkeit und
                  Wirklichkeit einer evidenten menschlichen Heiligkeit, eines nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-798">Tertullian</persName></hi> noch allgemein, nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2791">Basilius</persName></hi> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-4544">Ambrosius</persName></hi> jedenfalls vom Klerus und dann vor allem vom
                  Mönchsstand geforderten und zu realisierenden vollkommenen Christenlebens und das
                  Bedürfnis, diese evidente Heiligkeit nun auch zu beschreiben und zu normieren. Es
                  ist sachlich bedeutsam, daß man dabei unwillkürlich wieder in die bekannten
                  Gedankenbahnen des <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-11">Aristoteles</persName></hi> und der Stoa einlenken mußte –
                  eine Folgeerscheinung, für die neben <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-4544">Ambrosius</persName></hi> etwa der Name <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1364">Gregors des Großen</persName></hi> als repräsentativ genannt werden mag, der die
                  vier antiken Kardinaltugenden ausgerechnet in das <seg type="non-entity">Buch</seg> <persName ref="kbga-actors-2193">Hiob</persName> hineinzuinterpretieren
                     wußte.<note xml:id="n11">s. <bibl corresp="kbga-bibls-2932">MPL 75, 509-1162; 76, 9-782.</bibl>
                  </note>
               </p>
          <p>Die mittelalterlich-christliche Ethik in nuce findet man darum nicht in einem
                  Lehrbuch, sondern in der berühmten Regel des <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2347">Benedikt von Nursia</persName></hi>
                  (Ende des 6. Jh.)<note xml:id="n12">
                            <bibl><hi rend="italic">Benedicti Regula</hi>. Rec. R. Hanslik, Vindobonae
                              1960, CSEL 75.</bibl>
                        </note> oder am Ende des Mittelalters etwa in der dem <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-5000">Thomas von
                     Kempen</persName></hi> zugeschriebenen Imitatio Christi.<note xml:id="n13">
<bibl>Thomae Hemerken a Kempis, Opera omnia, 7 voll., ed. M. J.
                                 Pohl, Freiburg 1902-1922. Vol. 2: <hi rend="italic">De imitatione Christi quae dicitur libri IV</hi>,
                                 Freiburg
                              1904.</bibl>
<lb/>Vgl. von den neueren deutschen Ausgaben: <bibl><persName ref="kbga-actors-2406">Gerrit Grote</persName>, <hi rend="italic">Die Nachfolge Christi
                                 oder das Buch vom Innern Trost</hi>, Neugestaltet und übertragen
                              v. F. Kern, Olten und
                                 Freiburg
                              1947.</bibl>
</note> Aber auch eine umfassende und rein wissenschaftliche Darstellung der
                  Ethik, wie die, die <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName></hi> im zweiten Teil seiner
                  Summa theol. unter den Titeln De actibus
                  <pb xml:id="p007" ed="pga"/>
                   humanis in universali und in particulari gegeben [hat], hat ihre Grundlage ebenso
                  unzweideutig in <persName ref="kbga-actors-11">Aristoteles</persName> wie ihre Spitze und ihren eigentlichen Skopus in der
                  vita religiosa in jenem engsten Sinn des Begriffs, nämlich im Leben des
                  Geistlichen und des Klostermenschen.<note xml:id="n14">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-3636"><hi rend="italic">Summa theologica</hi>. Vollständige, ungekürzte
                           deutsch-lateinische Ausgabe. Die deutsche <persName ref="kbga-actors-1282">Thomas</persName>-Ausgabe,
                              Salzburg
                           1933ff. Bd. 9-14 (<hi rend="italic">Prima Secundae</hi>) und Bd.
                           15-24 (<hi rend="italic">Secunda Secundae</hi>).</bibl>
                        </note> Die Tendenz zur Verselbständigung der ethischen Fragestellung ist bei
                  <persName ref="kbga-actors-1282">Thomas</persName> unverkennbar vorhanden, noch scheinen aber auch bei ihm Hemmungen dagegen
                  vorhanden zu sein; denn faktisch hat er sie doch nicht außerhalb, sondern
                  innerhalb der Dogmatik und ihrer Fragestellung grundsätzlich untergeordnet zur
                  Darstellung gebracht.</p>
          <p>
                        <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> mit seinem Sermon von den guten Werken (1520)<note xml:id="n15">
                            <bibl>WA 6, 202-276.</bibl>
                        </note> wird man ja gewiß nicht als reformatorisches Vorbild einer selbständigen
                  theologischen Ethik in Anspruch nehmen wollen, und das starke Interesse, das <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName></hi> an der ethischen Frage genommen hat, hat ihn nicht
                  gehindert, die Besprechung der regenerierenden Bedeutung des heiligen Geistes und
                  des Glaubens, des Gesetzes und des Gehorsames gegen das Gesetz dem Gang seiner
                  Dogmatik einzugliedern.<note xml:id="n16">Vgl. <bibl><hi rend="italic">Institutio Christianae Religionis</hi>,
                              Genevae
                                1559, III, 1-3. 6-10, sowie 11-18. 19, aber auch schon II,
                           6-8.</bibl>
                  </note> Von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName></hi> besitzen wir zwar zwei Fassungen einer
                     <hi rend="italic">philosophischen</hi> Ethik (von 1538 und 1550, Corp. Ref.
                     16),<note xml:id="n17">
                            <bibl><hi rend="italic">Epitome philosophiae moralis</hi>, 1538,
                              CR XVI, 21-164</bibl>; <bibl><hi rend="italic">Ethicae doctrinae elementa</hi>, 1550,
                              CR XVI, 165-276.</bibl>
                        </note> aber über den systematischen Ort der theologischen Ethik kann auch bei ihm
                  nach seinen Loci kein Zweifel bestehen.<note xml:id="n18">Zu der Weise, in der
                     <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> die einzelnen Topoi der theologischen Ethik (de Lege divina,
                     Expositio Decalogi, de Lege naturae, de usu Legis, de discrimine consiliorum et
                     praeceptorum, de bonis operibus etc.) mit der Dogmatik verbunden hat, vgl. v. a.
                     den Aufriß der <bibl><hi rend="italic">Loci praecipui theologici</hi> von 1541,
                              CR XXI, 601-1050</bibl>, aber auch den Weg, auf dem sich diese Gliederung von den <bibl><hi rend="italic">Loci communes</hi> von 1521, CR XXI, 81-227</bibl>, über die <bibl><hi rend="italic">Loci communes theologici</hi> von 1533,
                              CR XXI, 253-332</bibl>, und deren Erweiterungen (<bibl>CR XXI, 331-560</bibl>) allmählich herausgebildet hat.</note>
               </p>
          <p><pb xml:id="p008" ed="pga" rend="noPipe"/>Es waren die Epigonen der Reformation, die allmählich die Dinge anders zu sehen
                  begannen. Der Lutheraner <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2526">Thomas Venatorius</persName></hi> mit seiner Schrift De
                  virtute christiana libri tres (1529)<note xml:id="n19">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-2526">Th. Venatorius</persName>, <hi rend="italic">De virtute Christiana
                              libri tres</hi>, Norinbergae
                                1529.</bibl>
                        </note> ist hier als erster zu nennen. Er war Nürnberger, stand offensichtlich
                  unter dem Einfluß des <persName ref="kbga-actors-718">Andreas Osiander</persName> und beschrieb demgemäß den Glauben als eine
                  dem Menschen in Christus mitgeteilte <seg type="non-entity">Liebe</seg>, Lebenskraft und Tugend (<persName ref="kbga-actors-2399">W. Gass</persName> II,
                     107).<note xml:id="n20">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-2399">W. Gass</persName>, <hi rend="italic">Geschichte der christlichen
                              Ethik</hi>, 2. Bd. 1. Abt. Berlin
                                1886, S. 107f.</bibl>
                        </note> Auf der fatalen Grenze, auf der der Calvinismus zum Puritanismus wird, hat
                  dann zuerst <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2372">Lambert Danäus</persName></hi> in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> seine Ethices christianae
                  libri tres geschrieben.<note xml:id="n21">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-2372">L. Danaeus</persName>, <hi rend="italic">Ethices Christianae libri
                              tres</hi>, Genevae
                                1577. 1640<hi rend="sup">7</hi>.</bibl>
                        </note> Ihm folgt 1634 des Lutheraners <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2360">Georg Calixt</persName></hi> Epitome
                  theologiae moralis.<note xml:id="n22">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-2360">G. Calixt</persName>, <hi rend="italic">Epitome theologiae
                              moralis</hi>, pars prima, Helmstedt
                                1634.</bibl>
                        </note> Im 17. Jahrhundert – es ist die Zeit des Jesuitismus in der katholischen,
                  des Pietismus in der protestantischen Kirche, in der Philosophie die Zeit des
                  Einbruchs des Cartesianismus mit seiner Neuentdeckung der Schöpferrolle des
                  menschlichen Subjekts, in der <seg type="non-entity">Kunst</seg> die Zeit des Barock mit dem faustischen Pathos
                  seines Ausdruckswillens – beginnt das Interesse an der christlichen Moral bei den
                  katholischen, lutherischen und reformierten Theologen ein ganz neues spezifisches
                  Gewicht zu bekommen. Die Dogmatiker versichern jetzt – für die Reformatoren war
                  das selbstverständlich gewesen –, daß die Theologie nicht nur eine theoretische,
                  sondern auch eine praktische Wissenschaft sei, <hi rend="italic">magis</hi> practica
                  quam speculativa heißt es zuletzt schon (<persName ref="kbga-actors-2523">F. Turrettini</persName> I 7, 15),<note xml:id="n23">
<bibl corresp="kbga-bibls-265"><persName ref="kbga-actors-2523">F. Turrettinus</persName>, <hi rend="italic">Institutio
                                 Theologiae Elencticae</hi>, in qua status controversiae
                              perspicue exponitur, praecipua orthodoxorum argumenta proponuntur et
                              vindicantur et fontes solutionum aperiuntur,
                                 Genevae
                                    1679-85. 1688<hi rend="sup">2</hi>. 1847.</bibl>
<lb/>Im locus primus (De theologia) quaestio VII: An Theologia sit Theoretica an
                        Practica? heißt es in Absatz XV wörtlich: «Theologiam tamen magis esse
                        practicam, quam speculativam patet ex <hi rend="italic">fine ultimo</hi> qui est
                        praxis, licet enim omnia mysteria non sint regulativa operationis; sunt
                        tamen impulsiva ad operationem; Nullum enim est tam <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">θεωρητὸν</foreign> &amp; a praxi remotum, quin incitet ad Dei
                        admirationem &amp; cultum, nec Theoria salutaris est, nisi ad praxim
                        revocetur <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.13.17">Jo. 13,17</ref>
                        …» p. 23.
</note> und als Resultat mannigfacher Überlegungen beginnt die
                  <pb xml:id="p009" ed="pga"/>
                   Unterscheidung von theologia dogmatica und theologia moralis sich allgemein
                  durchzusetzen.</p>
          <p>Im 18. Jahrhundert hat dann die Moraltheologie schon unverkennbar die Führung
                  übernommen. Finden wir bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName></hi> Glaubens- und
                  Sittenlehre des Christentums wieder in ein gewisses Gleichgewicht und in
                  gegenseitige Beziehung gebracht, so darf doch nicht übersehen werden, daß dies im
                  Rahmen und auf Grund einer beiden grundsätzlich übergeordneten Geisteswissenschaft
                  geschieht, die <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> wiederum eben – Ethik nennt,<note xml:id="n24">Vgl.
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2209"><persName ref="kbga-actors-360">F. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Kurze Darstellung
                              des theologischen Studiums</hi>, Berlin
                                1811. 1830<hi rend="sup">2</hi> § 29.35. Kritische Ausgabe m. Einl. u. Register v. H. Scholz,
                           Leipzig 1935, SS. 12.15.</bibl>
                  </note> eine Auffassung, die hundert Jahre später in verschiedenen Modifikationen
                  von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName></hi><note xml:id="n25">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1749"><persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Ethik</hi>,
                              Tübingen
                                1901. 1909<hi rend="sup">4</hi>. 1913<hi rend="sup">5</hi> (1921), S. 1ff.</bibl>
                  </note> ebenso wie von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName></hi><note xml:id="n26">
Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2460"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName>, <hi rend="italic">Grundprobleme der
                                 Ethik</hi></bibl>. Erörtert aus Anlaß von <bibl><persName ref="kbga-actors-181">Herrmanns</persName> Ethik, ZThK 12
                                 (1902) 44-94. 125-178</bibl> (= <bibl><hi rend="italic">Ges. Schriften</hi>, Bd. II,
                                 Tübingen
                                    1913, S. 552ff.</bibl>).
<lb/>Die Entgegnung <persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmanns</persName> findet sich in der Vorrede zur 3. Aufl. seiner
                           <bibl><hi rend="italic">Ethik</hi>, S. XIf.</bibl>
</note> bestätigt und neu aufgenommen wird. Es ist dann freilich im 19.
                  Jahrhundert neben vielen einfachen Nebeneinanderstellungen von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2464">K. I.
                     Nitzsch</persName></hi> und später von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1078">Martin Kähler</persName></hi> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2529">H.
                     H. Wendt</persName></hi> auch der Versuch erneuert worden, die Ethik nach dem Vorbild des
                  <persName ref="kbga-actors-1282">Thomas</persName> und der Reformatoren in die Dogmatik einzugliedern.<note xml:id="n27">
<bibl><persName ref="kbga-actors-2464">C. J. Nitzsch</persName>, <hi rend="italic">System der
                                 christlichen Lehre</hi>, Bonn
                                    1829. 1851<hi rend="sup">6</hi>, S. 3ff.</bibl>
                                <bibl><persName ref="kbga-actors-1078">M. Kähler</persName>, <hi rend="italic">Die Wissenschaft der
                                 christlichen Lehre von dem Grundartikel aus</hi>,
                                 Erlangen
                                    1883-1887, S. 461ff. Neudruck:
                                 Neukirchen
                                    1966, S. 467ff.</bibl>
<lb/><bibl corresp="kbga-bibls-1751"><persName ref="kbga-actors-2529">H. H. Wendt</persName>, <hi rend="italic">System der christlichen
                                 Lehre</hi>, Göttingen
                                    1906, S. 12ff.</bibl>
</note> Für die Tendenz der Zeit ist doch zweifellos viel bezeichnender der
                  umgekehrte Versuch von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-752">R. Rothe</persName></hi>, entsprechend seiner Theorie von
                  dem allmählichen Verschwinden der Kirche im Staate, die Dogmatik, abgesehen von
                  der ihr zugewiesenen kümmerlichen Rolle einer Darstellung der Theologie
                  <pb xml:id="p010" ed="pga"/>
                   der Bekenntnisschriften, gänzlich in die Ethik aufzulösen.<note xml:id="n28">
<bibl corresp="kbga-bibls-1757"><persName ref="kbga-actors-752">R. Rothe</persName>, <hi rend="italic">Theologische
                              Ethik</hi>, I-III, Wittenberg
                                    1845-1848, I-V, Wittenberg
                                    1867-1871<hi rend="sup">2</hi></bibl>.
<lb/>Zur Theorie vom allmählichen Aufgehen der Kirche im Staat s. V, S. 357.
                        397f., daneben aber v. a. <persName ref="kbga-actors-752">Rothes</persName> Frühwerk: <bibl><hi rend="italic">Die Anfänge der christlichen Kirche und ihrer
                                 Verfassung</hi>, Wittenberg
                                    1837.</bibl>
</note> Es wird sich zeigen müssen – ich denke hier an <persName ref="kbga-actors-184">E. Hirsch</persName> auf der
                     einen,<note xml:id="n29"><persName ref="kbga-actors-184">E. Hirsch</persName> (<date from="1888" to="1972">1888–1972</date>), seit
                        <date when="1921">1921</date> Ordinarius für Kirchengeschichte, seit <date when="1935">1935</date>
                     für Systematische Theologie an der Universität Göttingen, theologischer
                     Antipode von <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, der als erster Inhaber des neu geschaffenen Lehrstuhls
                     für Reformierte Theologie in Göttingen von <date from="1921" to="1925">1921–1925</date>
                     Fakultätskollege von <persName ref="kbga-actors-184">Hirsch</persName> war.</note> an <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-137">F. Gogarten</persName></hi> und
                     <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName></hi> auf der anderen Seite –,<note xml:id="n30">
<persName ref="kbga-actors-137">F. Gogarten</persName> (<date from="1887" to="1967">1887–1967</date>), seit <date when="1917">1917</date> Pfarrer in
                        Stelzendorf, seit <date when="1925">1925</date> in Dorndorf a. d. Saale und zugleich
                        Privatdozent für Systematische Theologie in Jena, <date when="1931">1931</date> o.
                        Professor in Breslau, seit <date when="1935">1935</date> in Göttingen. Durch seine gegen
                        die Kulturtheologie des 19. Jh. gerichteten Veröffentlichungen in den Jahren
                           <date from="1919" to="1922">1919–1922</date> wurde <persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName> neben <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName> zum engeren
                        Kampfgenossen von <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>. Gemeinsam begründeten diese drei Theologen
                           <date when="1922">1922</date> die Zweimonatszeitschrift <hi rend="italic">Zwischen den
                           Zeiten</hi>, die unter der Schriftleitung von <persName ref="kbga-actors-275">G. Merz</persName> ein Jahrzehnt
                        hindurch das Organ der «Dialektischen Theologie» darstellte. Ihr Titel ging
                        auf einen programmatischen Aufruf zurück, den <persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName> <date when="1920">1920</date> in
                        der <hi rend="italic">Christlichen Welt</hi> veröffentlicht hatte, <bibl>CW 34 (1920) 374-78</bibl> (= <bibl>Anfänge II, S. 95–101</bibl>).
<lb/><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName> (<date when="1884">1884</date>), <date when="1912">1912</date> Privatdozent für <abbr type="acron">NT</abbr> in Marburg, <date when="1916">1916</date> a. o. Professor in
                        Breslau, <date when="1920">1920</date> o. Professor in Gießen, seit <date when="1921">1921</date> in
                        Marburg. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1921"><persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> – <persName ref="kbga-actors-512">Rudolf Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Briefwechsel 1922-1966</hi>, hrsg. v. B.
                                 Jaspert. Zürich
                              1971 (= Bd. V, 1 dieser Ausgabe).</bibl>
</note> ob die Erneuerung des Interesses an der ethischen Aufgabe und Bestimmtheit
                  der Theologie infolge der <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>-Renaissance der letzten zehn Jahre
                  schließlich nicht ebenfalls in der Richtung von <persName ref="kbga-actors-752">R. Rothe</persName> wirksam werden wird.<note xml:id="n31">
Hierbei ist generell an die – von <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> mit wachsendem Befremden
                        wahrgenommene – Tendenz zur Konzentration der Theologie auf die
                        Anthropologie gedacht, eine Neigung, die sich in Verbindung mit der
                        <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>-Renaissance bei den genannten Theologen allerdings auf
                        unterschiedliche Weise artikulierte, bei dem <persName ref="kbga-actors-191">Holl</persName>-Schüler <persName ref="kbga-actors-184">E. Hirsch</persName>
                        ausdrücklich undialektisch, bei <persName ref="kbga-actors-137">F. Gogarten</persName> und <persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName> im Sinne einer
                        Auffassung von «theologischer» Dialektik, die sich von derjenigen <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>
                        durch ihre Bezogenheit auf die Geschichtlichkeit des Seins des Menschen und
                        seiner Rede von Gott wesenhaft unterschied. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4841"><persName ref="kbga-actors-184">E. Hirsch</persName>, <hi rend="italic">Jesus Christus der
                                 Herr</hi>. Theologische Vorlesungen.
                                 Göttingen
                                    1926</bibl>. Ders., <bibl><hi rend="italic">Antwort an Rudolf Bultmann</hi>, ZSTh 4 (1927) 631-61</bibl>. Ders., <bibl><hi rend="italic">Kierkegaard Studien</hi> I-III,
                                 Gütersloh
                              1930-1933.</bibl>
<lb/><bibl corresp="kbga-bibls-1411"><persName ref="kbga-actors-137">F. Gogarten</persName>, <hi rend="italic">Die religiöse
                                 Entscheidung</hi>, Jena
                                    1921</bibl>. Ders., <bibl><hi rend="italic">Von Glaube und Offenbarung</hi>,
                                 Jena
                                    1923</bibl>. Ders., <bibl><hi rend="italic">Ich glaube an den dreieinigen Gott</hi>. Eine
                              Untersuchung über Glaube und Geschichte, Jena
                              1926</bibl>. Ders., <bibl><hi rend="italic">Die Schuld der Kirche gegen die Welt</hi>,
                                 Jena
                                    1928</bibl>. Ders., <bibl><hi rend="italic">Das Problem einer theologischen
                              Anthropologie</hi>, ZdZ 7
                                 (1929) 493-511.</bibl>
<lb/><bibl corresp="kbga-bibls-986"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Das Problem einer
                                 theologischen Exegese des Neuen Testaments</hi>, ZdZ 3 (1925) 334-57</bibl> (= <bibl>Anfänge II, S. 47–72</bibl>). Ders., <bibl><hi rend="italic">Welchen Sinn hat es, von Gott zu reden?</hi>,
                                 <hi rend="italic">ThBl</hi> 4 (1925) 129-35</bibl> (= <bibl><hi rend="italic">GuV I</hi>, S. 26–37</bibl>). Ders., <bibl><hi rend="italic">Jesus</hi> (Die Unsterblichen, Bd. I),
                                 Berlin
                              1926</bibl>. Ders., <bibl><hi rend="italic">Die Frage der «dialektischen» Theologie</hi>. Eine
                              Auseinandersetzung mit <persName ref="kbga-actors-317">Erik Peterson</persName>, ZdZ 4
                                 (1926) 40-59</bibl> (= <bibl>Anfänge II, S. 72–92</bibl>). Ders., <bibl><hi rend="italic">Zur Frage der Cbristologie</hi> (Eine «Diskussion»
                              mit <persName ref="kbga-actors-184">E. Hirsch</persName>) ZdZ 5 (1927)
                              41-69</bibl> (= <bibl><hi rend="italic">GuV I</hi>, S. 85–113</bibl>). Ders., <bibl><hi rend="italic">Die Bedeutung der «dialektischen Theologie» für die
                                 neutestamentliche Wissenschaft</hi>, <hi rend="italic">ThBl</hi> 7 (1928) 57-67</bibl> (= <bibl><hi rend="italic">GuV I</hi>, S. 114–133</bibl>).
</note>
               </p>
          <p><pb xml:id="p011" ed="pga" rend="noPipe"/>So weit in den Umrissen die <hi rend="italic">Geschichte</hi> des Problems. Denn die
                  verhältnismäßige Neuheit der ganzen Verselbständigung der Ethik in der Theologie
                  samt der ihr folgenden Tendenz zur gänzlichen Aufsaugung der Dogmatik in die Ethik
                  weist auf ein <hi rend="italic">Problem</hi> hin: Nehmen wir vorweg an, es sei so, daß
                  die Theologie in irgendeinem Zusammenhang und in irgendeinem Sinn auch die Frage
                  nach der Güte des menschlichen Handelns zu erörtern habe – ist es dann sachgemäß
                  und ratsam, wenn sie dies in Form einer besonderen, von der Dogmatik
                  unterschiedenen Disziplin tut?</p>
          <p>Es könnte dabei erstens der <hi rend="italic">negative</hi> Akzent, den bei dieser
                  Unterscheidung die <hi rend="italic">Dogmatik</hi> bekommt – als redete sie nicht auch,
                  als redete sie nicht gerade von der Güte des menschlichen Handelns –, eine
                  Entleerung der Aufgabe der Dogmatik bedeuten, die von dieser aus allen <seg type="non-entity">Ernstes</seg>
                  beanstandet werden müßte. Es war doch wohl verfänglich, wenn schon um die Mitte
                  des 17. Jahrhunderts von zwei «Teilen» der Theologie, d. h. zuerst von der
                  agnitio, dann zweitens vom cultus Dei gesprochen wurde. (<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2528">Wendelin</persName></hi>, Prolegomena IV S. 38.)<note xml:id="n32">
<bibl><persName ref="kbga-actors-2528">M. F. Wendelinus</persName>, <hi rend="italic">Christianae
                                 Theologiae libri II</hi>, methodice dispositi, perpetua
                              praeceptorum succinctorum &amp; perspicuarum omnium controversiarum,
                              quae in Ecclesiis &amp; Scholis Theologicis hodie agitantur,
                              compendiosa &amp; logica tractatione ita illustrati &amp; temperati,
                              ut &amp; adultioribus S. S. Theologiae studiosis &amp; novellis
                              tironibus commode inserviant. Hanoviae 1634.
                                 1641<hi rend="sup">3</hi>.</bibl>
<lb/>In Proleg. IV: De partitione Theologiae Christianae heißt es: «<foreign xml:lang="lat">Hactenus de causis Theologiae Christianae: sequuntur
                           partes ejus, quae duae sunt: Una de Dei agnitione: altera de ejusdem
                           cultu: quarum utraque ad Dei gloriam hominisque salutem
                        directa</foreign>», p. 54.
</note> Diejenigen Theologen be<pb xml:id="p012" break="no" ed="pga"/>wiesen mehr Takt, die diese Teilung wenigstens nicht in Form einer Zweiteilung
                  der ganzen Dogmatik zur Anwendung brachten (so <persName ref="kbga-actors-2528">Wendelin</persName>. <persName ref="kbga-actors-2453">P. Mastricht</persName><note xml:id="n33">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-2453">P. van Mastricht</persName>, <hi rend="italic">Theoretico-Practica
                              Theologia</hi>, qua, per singula capita Theologica, pars exegetica,
                           dogmatica, elenctica; practica, perpetua successione conjugantur. T.
                           I, Trajecti ad Rhenum 1698<hi rend="sup">9</hi>.</bibl> Die Aufteilung des Werkes wird im 1. Teil, lib. I: de praecognitis
                     Theologiae, cap. 3: de distributione Theologiae, erläutert. Dort, unter X heißt
                     es: «Pro corollario subjiciemus <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">σύνταξιν</foreign>, universae hujus Theologiae. Constat ea: 1. <hi rend="italic">Fide</hi> …; 2. <hi rend="italic">Observantia</hi>, quae habebit: a.
                     Theologiam <hi rend="italic">moralem</hi> … b. Theologiam <hi rend="italic">Asceticam</hi>…» p. 49. Unter III begründet <persName ref="kbga-actors-2453">Mastricht</persName> die Zweiteilung nach
                     fides und caritas mit <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.1.13">2.
                        Tim. 1,13</ref>, p. 47. Der Grundriß des Werkes ist gleichwohl dreiteilig:
                     dem ersten Teil fehlt eine Gesamtüberschrift, der zweite Teil trägt den Titel:
                     «Idea Theologiae moralis», der dritte Teil den Titel: «Hypotyposis Theologiae
                     Asceticae, de exercitio pietatis».</note> u. a. ), sondern wie der Lutheraner <persName ref="kbga-actors-1004">J.
                  Gerhard</persName> irgendwie durchgängig fruchtbar zu machen suchten.<note xml:id="n34">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-1004">J. Gerhard</persName>, <hi rend="italic">Loci theologici</hi>,
                           cum pro adstruenda veritate tum pro destruenda quorumvis contradicentium
                           falsitate per Theses nervose, solide et copiose explicati. 9 voll. Jenae
                              1610-1625. 1657<hi rend="sup">2</hi></bibl>. Neuausgabe durch Ed. Preuss, Berlin <date when="1863">1863</date>ff. und Fr. Frank,
                     Leipzig <date when="1885">1885</date>. <persName ref="kbga-actors-1004">Gerhard</persName> hat die enge Verbindung von Dogmatik und
                     Ethik dadurch augenfällig gemacht, daß er auf jedes Lehrstück einen Abschnitt
                     «De usu» folgen ließ.</note> Was bedeutete es aber für die Dogmatik, als nun
                  die Ethik ihr gegenüber gar in eine besondere Disziplin verlegt wurde? Was
                  bedeutet es für die Dogmatik, wenn es wirklich so ist, wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-422">De
                     Wette</persName></hi> (Lehrbuch S. 1)<note xml:id="n35">
<bibl><persName ref="kbga-actors-422">W. M. L. de Wette</persName>, <hi rend="italic">Lehrbuch der
                                 christlichen Sittenlehre und der Geschichte derselben</hi>,
                                 Berlin
                                    1833.</bibl>
<lb/>«Die Erkenntnis erhebt sich von der Sinnlichkeit und verständigen Ansicht im
                        Glauben und in der Ahnung zur Erkenntnis des ewigen Seyns der Dinge oder der
                        ewigen Wahrheit … Mittels der Thatkraft verwirklichen wir die Zwecke im Leben
                        … und das ist die Sphäre der Sittlichkeit und Sittenlehre, welche letztere
                        dem menschlichen Handeln ihre Gesetze vorschreibt.» S. 1.
</note> meint: daß in der Glaubenslehre unsere Erkenntnis sich glaubend und ahnend
                  zur ewigen Wahrheit erhebt, in der Sittenlehre aber das Gesetz aufgezeigt wird,
                  nach dem unsere Tatkraft im Leben Zwecke verwirklicht?
                  <pb xml:id="p013" ed="pga"/>
                   Oder wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-359">A. Schlatter</persName></hi> (Ethik S. 30)<note xml:id="n36">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-359">A. Schlatter</persName>, <hi rend="italic">Die christliche
                              Ethik</hi>, Calw und Stuttgart
                                1914, S. 30. 1929<hi rend="sup">3</hi> (1961) S. 35.</bibl>
                        </note> sagt: daß der Dogmatiker unser Bewußtsein aufklärt, der Ethiker aber in
                  unseren Willen Licht bringt? Oder nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-433">G. Wünsch</persName></hi> (Theol. Eth. S. 66),<note xml:id="n37">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-433">G. Wünsch</persName>, <hi rend="italic">Theologische Ethik</hi>,
                              Berlin und Leipzig
                                1925 (Sammlung Göschen 900) S. 66.</bibl>
                        </note> daß die Dogmatik schildert, wie geglaubt, die Ethik aber wie gehandelt
                  werden soll auf Grund der Tatsache des Heiligen? Ist die agnitio Dei nicht in sich
                  cultus Dei, [ist] die «ewige Wahrheit» nicht in sich zweckvoll, das «aufgeklärte»
                  Bewußtsein nicht in sich <seg type="non-entity">Wille</seg>, der Glaube nicht in sich Tat – was sind sie dann?
                  In welchen Verdacht, ein müßiges Gedankenspiel zu sein, rückt dann die Dogmatik?
                  Sollte sie sich diese und ähnliche Disjunktionen wirklich gefallen lassen, dann
                  hätte sie allerdings Anlaß, zugunsten der Ethik vom Schauplatz abzutreten. Es
                  könnte aber auch sein, daß sie abzutreten gar nicht in der Lage ist, weil sie
                  einer Aufgabe nachzugehen hat, die ihr die Ethik mit ihrer Frage nach der Güte des
                  menschlichen Handelns abzunehmen durchaus nicht in der Lage ist, die aber
                  andererseits dieses Anliegen der Ethik durchaus und auf der ganzen Linie in sich
                  schließt, so daß mit <persName ref="kbga-actors-1282">Thomas</persName> und den Reformatoren, denen sich also auch einige von
                  den Neueren angeschlossen haben, die Notwendigkeit und Möglichkeit einer
                  selbständigen theologischen Ethik von der Dogmatik aus resolut in Abrede zu
                  stellen wäre.</p>
          <p>Und nun könnte zweitens und umgekehrt der <hi rend="italic">positive</hi> Akzent, den
                  bei jener Unterscheidung die <hi rend="italic">Ethik</hi> bekommt, zum vornherein sich als Fehlerquelle erweisen für den Sinn, in dem
                  die Güte des menschlichen Handelns doch allein Gegenstand der Theologie sein kann.
                  Wer Dogmatik und Ethik grundsätzlich unterscheidet, der nimmt es auf sich zu
                  zeigen, daß und inwiefern den beiden wirklich eine verschiedene Fragestellung und
                  Methode zugrunde liegt. Was bei diesem Nachweis herauskommt, ist aber, soweit das
                  Auge reicht, recht bedenklich. Ich zeige
                  <pb xml:id="p014" ed="pga"/>
                   dies an einigen Beispielen aus der neueren Geschichte der theologischen
                  Ethik.</p>
          <p>Nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName></hi> (Chr. Sitte S. 23)<note xml:id="n38">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1756"><persName ref="kbga-actors-360">F. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Die christliche
                              Sitte nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhang
                              dargestellt</hi>. Hrsg. v. L. Jonas,
                              Berlin
                                1843. 1884<hi rend="sup">2</hi> (= <hi rend="italic">F. Schleiermachers Sämtliche Werke</hi>
                           I, 12), S. 23.</bibl>
                        </note> hat die Dogmatik zu fragen: «Was muß sein, weil die religiöse Form des
                  Selbstbewußtseins, weil der religiöse Gemütszustand ist?», die Ethik dagegen: «Was
                  muß werden aus dem religiösen Selbstbewußtsein und durch dasselbe, weil das
                  religiöse Selbstbewußtsein ist?» Wir fragen: Wie kommt man in der Theologie dazu,
                  das religiöse Selbstbewußtsein als seiend, als gegebene Größe, und zwar als
                  gegebenen methodischen Ausgangspunkt zu setzen? Und wenn man das tut – wird die
                  Beschreibung dessen, was aus diesem religiösen Selbstbewußtsein und durch dasselbe
                  werden soll, nun wirklich theologische Ethik, theologische Bestimmung der Güte
                  menschlichen Handelns sein oder nicht etwas ganz Anderes?</p>
          <p>Nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2469">Christian Palmer</persName></hi> (Die Moral d. Chrts., S. 21f.)<note xml:id="n39">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-2469">Chr. Palmer</persName>, <hi rend="italic">Die Moral des
                              Christentums</hi>, Stuttgart
                                1864, S. 21ff.</bibl>
                        </note> ist der Unterschied zwischen Dogmatik und Ethik einfach der zwischen
                  Göttlichem und Menschlichem. Die Glaubenslehre hält uns dasjenige vor, was Gott
                  durch seine Heilsoffenbarung für uns getan und vollbracht hat, so daß wir nicht
                  erst zu handeln, nicht erst Opfer zu bringen oder Werke zu verrichten haben, um
                  unsere Seele zu retten, sondern nur annehmen dürfen, was schon vollständig
                  geschehen ist, uns nur stellen und gründen dürfen auf den Grund, der schon gelegt
                  ist für alle Ewigkeit. Aber ebenso ist das <seg type="non-entity">Reich</seg> Gottes immer zugleich auch das
                  Resultat menschlicher, sittlich freier Tätigkeit, jede wahrhaft sittliche Handlung
                  ebensosehr die Tat des Menschen wie eine Wirkung Gottes. Die Ethik hat es mit der
                  menschlichen, d.h. durch den menschlichen Willen, durch menschlich freies Tun
                  vermittelten Seite des <seg type="non-entity">Reiches</seg> Gottes zu tun. Wir fragen: ob uns das <seg type="non-entity">Reich</seg> Gottes
                  denn wirklich auch in diesem Sinn, als Tat des Menschen offenbar ist, oder ob der
                  Blickwechsel von den Taten Gottes zur Tat des Menschen
                  <pb xml:id="p015" ed="pga"/>
                   nicht notwendig eine Metabasis eis allo genos bedeuten muß, durch die
                  nachträglich auch das in Frage gestellt wird, ob es in der so koordinierten
                  Glaubenslehre wirklich um die Taten Gottes und nicht hier wie dort letztlich um
                  die Schleiermachersche Analyse des menschlichen Selbstbewußtseins ging?</p>
          <p>Nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-339">A. Ritschl</persName></hi> (Rechtf. u. Vers. 4. Aufl. III S. 14)<note xml:id="n40">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2903"><persName ref="kbga-actors-339">A. Ritschl</persName>, <hi rend="italic">Die christliche Lehre von
                              der Rechtfertigung und Versöhnung</hi>, Bd. I-III,
                              Bonn
                                1870-1874, Bd. III 1895<hi rend="sup">4</hi>, S. 14.</bibl>
                        </note> begreift die Dogmatik «alle Bedingungen des Christentums in dem Schema der
                  Bewirkung durch Gott, die Ethik, indem sie diese Erkenntnis voraussetzt, begreift
                  das Gebiet des persönlichen und gemeinschaftlichen christlichen Lebens in dem
                  Schema der persönlichen Selbsttätigkeit». Wir fragen: Wie kommt man in der
                  Theologie dazu, christliches Leben als solches zu begreifen? Und in welchem Sinn
                  mag menschliche Selbsttätigkeit Gegenstand einer wirklich theologischen Ethik zu
                  heißen verdienen?</p>
          <p>Nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-151">Th. Haering</persName></hi> (D. Chr. L. S. 9f.)<note xml:id="n41">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1748"><persName ref="kbga-actors-151">Th. Haering</persName>, <hi rend="italic">Das christliche
                              Leben</hi>. Ethik. Stuttgart
                                1902. 1907<hi rend="sup">2</hi> S. 9. 1926<hi rend="sup">3</hi> ebd.</bibl>
                        </note> «zeigt die Glaubenslehre, wie uns das <seg type="non-entity">Reich</seg> Gottes als Gabe Gottes im
                  Glauben an Christus zu gewissem persönlichem Besitze wird; die Sittenlehre, wie
                  uns dieser Glaube Antrieb und Kraft ist, an der in jener Gabe enthaltenen Aufgabe
                  mitzuarbeiten, daß das <seg type="non-entity">Reich</seg> Gottes verwirklicht werde, immer mehr zu uns und
                  durch uns komme, ‹hier zeitlich und dort ewig›». Wir fragen: Wie kommt man in der
                  Theologie dazu, den Glauben an Christus als Kraft und Antrieb zur Mitarbeit an der
                  Verwirklichung des <seg type="non-entity">Reiches</seg> zu «zeigen»? Wird der Antrieb und die Kraft, auf die
                  man «zeigen» kann, nicht etwas ganz Anderes sein als der Glaube, und die Ethik,
                  die sich hier «zeigen» zu können getraut, nicht etwas ganz Anderes als
                  theologische Ethik?</p>
          <p>Nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2435">O. Kirn</persName></hi> (Grundr. d. E. S. 1)<note xml:id="n42">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1750"><persName ref="kbga-actors-2435">O. Kirn</persName>, <hi rend="italic">Grundriß der Theologischen
                              Ethik</hi>, Leipzig
                                1906, S. 1. 1936<hi rend="sup">7</hi> S. 1f.</bibl>
                        </note> faßt die Dogmatik «das christliche Leben nach seiner Begründung auf Gottes
                  Heilsoffen<pb xml:id="p016" break="no" ed="pga"/>barung, also unter dem Gesichtspunkt der gläubigen Rezeptivität», die Ethik aber
                  dasselbe «nach seiner tätigen Entfaltung, also unter dem Gesichtspunkt der
                  gläubigen Spontaneität», ins Auge. Wir fragen: wie wohl Dogmatik sowohl wie Ethik
                  das christliche Leben, das doch nach <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.3">Kol. 3,3</ref> verborgen sein soll in Gott, ins Auge zu
                  fassen bekommen mag, und ob wohl die Darstellung dessen, was man als «gläubige
                  Spontaneität» in der Tat ins Auge fassen kann, wirklich theologische Ethik zu
                  heißen verdienen wird? Alle diese Auffassungen sind Variationen des alten
                  augustinischen Themas, wonach man göttliches und menschliches Tun in der Gnade als
                  die zwei Seiten eines und desselben Geschehens zusammenzuschauen hätte. Eben die
                  Möglichkeit dieser Zusammenschau ist aber problematischer, als es hier zugegeben
                  wird.</p>
          <p>Nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName></hi> (S. 30) verhält es sich folgendermaßen: Die
                  Dogmatik gewinnen wir dann, «wenn wir auf das achten, was wir geworden sind und an
                  uns wahrnehmen, die Ethik dann, wenn wir uns das verdeutlichen, was wir werden und
                  aus uns machen wollen. Nachdem uns der Dogmatiker Gottes Werk gezeigt hat, das für
                  uns und in uns geschehen ist, … zeigt uns der Ethiker unser Werk, das uns deshalb
                  zugeteilt ist, weil wir Gottes Werk sind». Wir fragen: Was heißt denn in der
                  Theologie «auf etwas achten», «etwas wahrnehmen», «sich etwas verdeutlichen»,
                  «zeigen»? Dürfte es die Eigenart des theologischen Wahrnehmens und Zeigens nicht
                  etwa mit sich bringen, daß von einer solchen handfesten Verteilung des Problems in
                  Gottes Werk und unser Werk gar nicht die Rede sein kann, daß die Wahrnehmung
                  dessen, was wir werden und aus uns machen wollen, das Zeigen auf unser Werk (bei
                  aller Beteuerung, daß wir selbst Gottes Werk seien) zu einer theologischen Ethik
                  nie und nimmer führen kann?</p>
          <p>Nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-393">Carl Stange</persName></hi> (Dogm. I S. 50ff.)<note xml:id="n43">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4840"><persName ref="kbga-actors-393">C. Stange</persName>, <hi rend="italic">Dogmatik</hi>, 1. Bd.:
                           Einleitung in die Dogmatik, Gütersloh 1927, S. 49ff. v. a. S. 53.</bibl>
                  </note> weist die Dogmatik im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf alle einzelnen Aussagen des christlichen
                  Glaubens nach,
                  <pb xml:id="p017" ed="pga"/>
                   daß das in der Symbolik festgestellte Wesen des Christentums dem Ideal
                  entspricht, das die Religionsphilosophie als das Wesen der Religion überhaupt
                  erwiesen hat, sie weist nämlich nach, daß das Christentum Offenbarungsreligion
                  ist. Die Ethik nun führt denselben Nachweis im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf die Wirkung, die das
                  Christentum auf die Gestaltung des geschichtlichen Lebens ausübt. Eine
                  geschichtliche Erscheinung einer bestimmten Form geschichtlichen Lebens muß sich
                  ja als Auswirkung des Wesens darstellen, das dieser bestimmten Form des
                  geschichtlichen Lebens eigen ist. Indem die Ethik solche Auswirkungen beschreibt,
                  die nur als Auswirkungen des Wesens eben des Christentums zu verstehen sind, und
                  ebenso das Christentum als das Wesen, das diese Auswirkungen hervorbringt, führt
                  auch sie den Nachweis, daß das Christentum Offenbarungsreligion ist. Wir fragen:
                  angenommen, dieser Nachweis sei überhaupt ein in sich sinnvolles Unternehmen,
                  angenommen also, es sei möglich, sich mit <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> auf jene überlegene
                  Plattform zu stellen, von der aus das Christentum als eine «bestimmte Form des
                  geschichtlichen Lebens» eingesehen und mittels eines Idealbegriffs von Religion an
                  anderen solchen «Formen des geschichtlichen Lebens» gemessen werden könne – wie
                  aber kommt man als Theologe dazu (unser Einwand gegen <persName ref="kbga-actors-393">Stange</persName> ist derselbe wie der
                  gegen alle vorher Genannten), die Kontinuität zwischen der «Erscheinung» und dem
                  «Wesen» dieser «bestimmten Form des geschichtlichen Lebens» festzustellen?
                  Überträgt sich denn der Charakter des «Wesens» des Christentums: daß es
                  Offenbarung ist, so selbstverständlich auf die «Erscheinung», auf seine
                  geschichtliche Auswirkung, daß aus dieser jene ohne weiteres abgelesen werden
                  kann? Wie wird eine nun wirklich und ehrlich der «Erscheinung» sich zuwendende
                  Ethik den Anspruch begründen, theologische Ethik zu sein?</p>
          <p>Wir halten alle diese Versuche, Dogmatik und Ethik methodisch zu unterscheiden,
                  darum auch, von der Ethik aus betrachtet, für bedenklich, weil dabei mit großer
                  Regelmäßigkeit ein bedenklicher Wechsel in der Blickrichtung, eine bedenkliche Ver<pb xml:id="p018" break="no" ed="pga"/>tauschung des Subjekts mit einem anderen Subjekt, nämlich Gottes mit dem Menschen
                  stattfindet, was merkwürdigerweise gerade in der Formel von <persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName> am
                  krassesten in die Erscheinung tritt. Diese bedenkliche Vertauschung beruht aber
                  auf der bedenklichen Vermutung, als sei die Theologie durch die Offenbarung in die
                  Lage versetzt, von Gott und vom Menschen in einem Atemzug zu reden, und zwar ganz
                  und gar zugunsten des Menschen, also dem <seg type="non-entity">Blick</seg> auf den heiligen Gott einen zweiten
                  <seg type="non-entity">Blick</seg> auf den heiligen Menschen folgen zu lassen. Eben auf Grund dieser
                  Voraussetzung ist es ja, wie wir sahen, in der alten Kirche, nicht ohne Anleihen
                  bei <persName ref="kbga-actors-1525">Cicero</persName> und <persName ref="kbga-actors-11">Aristoteles</persName>, zu einer theologischen Ethik gekommen. Diese Vermutung
                  und die auf ihr beruhende Vertauschung bedeutet aber ganz einfach die Preisgabe
                  der Theologie, jedenfalls als christliche Theologie. Die Theologie ist christliche
                  Theologie, wenn und sofern sich ihre Aussagen auf die Offenbarung beziehen. Die
                  Offenbarung ist aber die Offenbarung Gottes und nicht des frommen Menschen.
                  Wechselt sie nun, und wäre es unter Berufung auf die Offenbarung, die
                  Blickrichtung, bezieht sie sich auf einmal auf die «gläubige Spontaneität», auf
                  das, was wir werden und aus uns machen wollen, auf die Auswirkung des Wesens des
                  Christentums und wie diese Formeln alle lauten, so wendet sie sich in Wirklichkeit
                  von der Offenbarung <hi rend="italic">ab</hi>, so hört sie auf, Theologie zu sein. Die
                  vermeintliche Erweiterung ihres Gegenstandes bedeutet in Wirklichkeit, daß er ihr
                  verlorengeht. Den Beleg dafür bieten die vorhin beiläufig aufgeführten
                  Definitionen der Dogmatik, auf die wir hier nicht näher eintreten können, von
                  denen aber zu zeigen wäre, daß sie nicht minder mißlich sind als die der Ethik. Es
                  kann ja nicht anders sein, als daß eine so definierte Ethik auch die Dogmatik und
                  sicher die ganze übrige Theologie in Mitleidenschaft ziehen muß.</p>
          <p>Die Theologie ist die Darstellung der Wirklichkeit des sich an den Menschen
                  richtenden Wortes Gottes. Diese Darstellung stellt sie vor drei verschiedene
                  Aufgaben: sie fragt als <hi rend="italic">Exegese</hi> nach der Offenbarung dieses
                  Wortes in der Heiligen Schrift; sie fragt als
                  <pb xml:id="p019" ed="pga"/>
                  <hi rend="italic">Dogmatik</hi> nach der notwendigen Beziehung des Inhalts der heutigen
                  Predigt der Kirche zu diesem in der Schrift offenbarten Worte; sie fragt als <hi rend="italic">Homiletik</hi> nach der notwendigen Beziehung der Form der heutigen
                  Predigt zu diesem Worte. Die Aufgaben dieser drei eigentlichen Disziplinen der
                  Theologie sind verschieden: wesentlich historischen Charakter hat die erste,
                  wesentlich dialektisch-kritischen die zweite, wesentlich technologischen Charakter
                  die dritte. Die Blickrichtung aber und das Subjekt, von dem die Rede ist, sind
                  dieselben. Exegese, deren Gegenstand wirklich die frommen Persönlichkeiten der
                  Propheten und Apostel oder auch Jesu selbst, eine Dogmatik, deren Gegenstand
                  wirklich das fromme Selbstbewußtsein, eine Homiletik, deren Gegenstand wirklich
                  die Frömmigkeit des Predigers und seiner Gemeinde geworden sein sollte, hat eben
                  damit aufgehört, Theologie zu sein. Sie hat dann den Boden unter den Füßen
                  verloren, auf dem der Theologie ein ihr eigentümlicher Gegenstand auf eine ihr
                  eigentümliche Weise gegeben ist. Denn jene Definition der Theologie läßt sich
                  nicht ebensogut auch umkehren.</p>
          <p>Theologie ist also nicht Darstellung der Wirklichkeit des an den Menschen sich
                  richtenden Wortes Gottes <hi rend="italic">und</hi> Darstellung der Wirklichkeit des
                  Menschen, an den sich das Wort Gottes richtet. Das ist freilich auch eine
                  Wirklichkeit, und es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die Theologie in
                  keiner von ihren Hauptdisziplinen an ihr vorübergehen kann. Sie kennt ja auch die
                  Wirklichkeit des Wortes Gottes nur als die Wirklichkeit des an den Menschen sich
                  richtenden Wortes Gottes und kann von dieser Bestimmung ihres Gegenstandes keinen
                  Augenblick abstrahieren. Eben darum kann man sagen, daß nicht nur die Dogmatik,
                  sondern die Theologie überhaupt das Problem der Ethik von Haus aus und auf der
                  ganzen Linie in sich schließt. Aber der Mensch, an den sich das Wort Gottes
                  richtet, kann in der Theologie nirgends zum Thema, zum Subjekt, von dem geredet
                  wird, werden. Er ist nicht, er ist in keinem Sinn ein zweiter Gegenstand der
                  Theologie, an den dann mit einer Umwendung des <seg type="non-entity">Blickes</seg> auch noch heranzutreten
                  wäre. Wo dieser Übergang eintritt, wo Fragen
                  <pb xml:id="p020" ed="pga"/>
                   wie die möglich werden: was wir werden und aus uns machen wollen, da ist der Tod
                  im Topf [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kön.4.40">2.Kön. 4,
                     40</ref>]! Denn die Wirklichkeit des Menschen, den das Wort Gottes anredet,
                  befindet sich, so gewiß die Theologie sie keinen Augenblick aus dem Auge verlieren
                  darf und kann, mit der Wirklichkeit des Wortes Gottes selber keineswegs auf
                  derselben Ebene, so daß eine solche Koordination der Betrachtung von oben und von
                  unten, wie sie in den besprochenen Formeln der Neueren vorgesehen ist, möglich
                  wäre. So mögen Rezeptivität und Spontaneität, so mögen Gabe und Aufgabe, so mögen
                  Inneres und Äußeres, so mag Sein und Werden sich koordinieren lassen, so läßt sich
                  aber nicht koordinieren Gott und Gottes Wort auf der einen und der Mensch auf der
                  anderen Seite. Es ist nicht wahr, daß diese zweite Wirklichkeit jener ersten etwa
                  als zweiter Pol in irgendeinem Spannungsverhältnis gegenüberstehe. Es ist nicht
                  wahr, daß der fromme Mensch am Kommen des <seg type="non-entity">Reiches</seg> Gottes mitzuarbeiten habe,
                  sondern – und das ist etwas ganz Anderes – um das Kommen des <seg type="non-entity">Reiches</seg> Gottes hat er
                  zu beten. Es ist nicht wahr, daß er sich zum Worte Gottes verhalte wie das Subjekt
                  zum Objekt. Das Alles sind Vorstellungen, die nur möglich sind auf Grund der die
                  alte katholische Kirche ruinierenden Ansicht von der Synthese und Kontinuität
                  zwischen Natur und Übernatur, die ein Wiedereindringen des Heidentums in die
                  Kirche bedeutete.</p>
          <p>Sondern die Wirklichkeit des durch das Wort Gottes angeredeten Menschen verhält
                  sich zu der Wirklichkeit des Wortes Gottes selbst wie das Prädikat sich zum
                  Subjekt verhält, d.h. sie ist <hi rend="italic">diese</hi> Wirklichkeit nie und
                  nirgends und in keiner Hinsicht an sich, sondern eben nur als mitgesetzt in jener.
                  Sie ist nur von jener aus ausfindig zu machen; man kann von ihr nur reden, indem
                  man von jener redet. Christen gibt es nur in Christus, nicht an sich, nur von
                  oben, nicht von unten gesehen, nur im Glauben, nicht im Schauen, also gerade nicht
                  so, wie es Mohammedaner und Buddhisten und Atheisten, wie es Katholiken und
                  Protestanten gibt.</p>
          <p>Redet man von Christen und Christentum und Christlichkeit
                  <pb xml:id="p021" ed="pga"/>
                   in diesem letzteren Sinn – und das können wir Alle schon der Kürze halber weithin
                  nicht vermeiden –, dann muß man sich bewußt sein, daß man von der christlichen <hi rend="italic">Welt</hi> redet, die wahrlich Welt, Kosmos im Sinn des
                  Johannesevangeliums ist, wie die ganze übrige Welt. Man redet dann eben typisch
                  untheologisch. Warum soll man nicht auch untheologisch vom Christentum reden statt
                  von Christus? Zweifellos: auch der fromme Mensch, auch der Christ an sich kann ein
                  dankbarer, interessanter und lehrreicher Gegenstand wissenschaftlicher Forschung
                  sein. Es gibt sogar eine ganze der Exegese, der Dogmatik und der Homiletik in
                  gleicher Weise unentbehrliche theologische Hilfsdisziplin, nämlich die <hi rend="italic">Kirchengeschichte</hi>, in der scheinbar, dialektisch, der Belehrung
                  halber, er, der christliche Mensch als solcher, zum Gegenstand auch der
                  theologischen Forschung wird. Aber gerade die Kirchengeschichte macht es nolens
                  volens wahrhaftig sichtbar, daß dieser christliche Mensch nicht an sich der von
                  Gottes Wort angesprochene Mensch ist, daß von <hi rend="italic">seiner</hi> evidenten
                  Heiligkeit, und wenn er <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> oder <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hieße, wirklich nie und nirgends die
                  Rede sein kann. Gerade sie weist auf, daß der Christ und das Christentum an sich
                  Phänomene im Kosmos neben vielen anderen Phänomenen sind. Gerade sie mit ihrer
                  dialektisch gemeinten, untheologischen Fragestellung macht deutlich, daß
                  theologisch gefragt und geantwortet werden müßte, wenn es darum ginge, den
                  Christen etwa noch als etwas Anderes denn als einen Teil und Träger des Kosmos zu
                  verstehen.</p>
          <p>Darum geht es nun aber offenbar, wenn in der Theologie nach der Güte menschlichen
                  Handelns gefragt wird. Wir haben im ersten Absatz unseres Paragraphen gesehen, daß
                  diese Frage von Haus aus die Fragen der Psychologie sowohl wie der Geschichts-,
                  wie der Rechtswissenschaft transzendiert. Offenbar muß sie das auch in der
                  Theologie tun, wo unter Güte konkret jedenfalls etwas in der Richtung des Begriffs
                  Gottgemäßheit zu verstehen sein wird. Es gibt allerdings auch in der Theologie in
                  methodischer Fortsetzung der Linie der Kirchengeschichte und in Analogie zu jenen
                  im ersten Absatz genannten profanen Disziplinen
                  <pb xml:id="p022" ed="pga"/>
                   die Hilfswissenschaften der Religionspsychologie, der religiösen Volkskunde und
                  des Kirchenrechts. Soll es nun in der Theologie Ethik geben, soll hier in
                  irgendeinem Sinn nach der Güte oder Gottgemäßheit menschlichen Handelns gefragt
                  werden, so kann diese Frage weder mit der religionspsychologischen noch mit der
                  Frage der religiösen Volkskunde, noch mit der des Kirchenrechts zusammenfallen,
                  sie kann ihnen und damit der Kirchengeschichte aber auch nicht methodisch an die
                  Seite treten. Ihr Gegenstand kann nicht das christliche, gottgemäße und insofern
                  gute Leben des Menschen als solches sein, sondern, in jenen Begriffen unseres
                  ersten Absatzes geredet: die <hi rend="italic">Richtigkeit</hi> seiner Christlichkeit,
                  ihre <hi rend="italic">Geltung</hi>, ihr <hi rend="italic">Ursprung</hi> und ihre <hi rend="italic">Würde</hi> als solche. Sie kann die Güte menschlichen Handelns nicht
                  anderswo suchen als in der Güte des an den Menschen sich richtenden <hi rend="italic">Wortes</hi>. Sie wäre nicht nur nicht Theologie, sondern auch nicht Ethik,
                  wenn ihr Verhältnis zur Dogmatik, wenn ihre Fragestellung in der Weise bestimmt
                  werden sollte, wie wir es uns von den angeführten theologischen Autoren haben
                  sagen lassen, und wie es durch die nicht allzu glückliche Geschichte des Problems
                  allerdings nahe genug gelegt ist.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>3.</head>
          <p>Die Antwort auf die Frage nach einer der Sache vielleicht besser entsprechenden
                  enzyklopädischen Eingliederung der Ethik in die Theologie finden wir am besten,
                  indem wir nun selbständig zu überlegen versuchen, ob und wiefern denn die Ethik
                  tatsächlich im Aufgabenkreis der Theologie liegen möchte.</p>
          <p>Wir definierten die Theologie als Darstellung der Wirklichkeit des an den Menschen
                  sich richtenden Wortes Gottes. Wir sahen, daß sich dieses Thema nicht in zwei
                  Themata Gott <hi rend="italic">und</hi> der Mensch Zerfällen läßt, daß sich also <hi rend="italic">so</hi> die theologische Ethik nicht begründen läßt, als ob, nachdem
                  von dem, was Gott für uns, an uns und in uns getan, hinreichend die Rede gewesen,
                  nun endlich auch das Andere zur Sprache gebracht werden müsse: was wir
                  <pb xml:id="p023" ed="pga"/>
                   selber zu tun haben. Wahrhaftig nicht aus Gleichgültigkeit gegen das, was mit
                  dieser zweiten Frage gemeint ist, lehnen wir sie ab, aber weil wir sie, in dieser
                  Abstraktion als zweite der ersten gegenübergestellt, weder als theologische noch
                  wie wir zuletzt sahen, als ethische Frage ernst nehmen können. Aber treten wir nun
                  dem, was mit ihr gemeint sein könnte, näher.</p>
          <p>Es ist offenbar innerhalb der Theologie im besonderen die <hi rend="italic">Dogmatik</hi>, der gegenüber das Anliegen der Ethik angemeldet ist. Die
                  Dogmatik ist die Wissenschaft vom Inhalt der christlichen Predigt, nämlich von der
                  Beziehung der Predigt zum offenbarten Worte Gottes. Das Anliegen der Dogmatik
                  besteht darin, daß in der christlichen Predigt das <hi rend="italic">Wort Gottes</hi>
                  zu Gehör komme. Sie stellt die Wirklichkeit des Wortes Gottes dar nicht direkt,
                  aber in ihrem Reflex in der allseitigen Bewegung des frommen Menschenwortes durch
                  diesen seinen Gegenstand, in der dogmatischen Dialektik, deren intentionaler
                  Ursprungs-, Beziehungsund Zielpunkt eben die Wirklichkeit des Wortes Gottes ist.
                  Wie sollte sie dabei je aus den Augen verlieren dürfen und können – an den
                  Menschen richtet sich ja auch das Menschenwort der Predigt –, daß die Wirklichkeit
                  des Wortes Gottes, die sie letztlich auf der ganzen Linie für sich selber muß
                  reden lassen – die Wirklichkeit des vom Menschen wirklich <hi rend="italic">gehörten</hi>, den Menschen wirklich angehenden, in Anspruch nehmenden und mit
                  Beschlag belegenden Wortes ist? Den <hi rend="italic">Menschen</hi>, nämlich den
                  existierenden, d.h. also nicht bloß denkenden, sondern, indem er denkt, lebenden,
                  handelnden, irgendwie in der <hi rend="italic">Tat</hi> seines Daseins begriffenen
                  Menschen. Nur der <hi rend="italic">Täter</hi> des Wortes, d.h. der vom Worte Gottes
                  auf frischer Tat ergriffene Hörer dieses Wortes, <hi rend="italic">ist</hi> sein
                  wirklicher Hörer. Weil es Gottes Wort an den <hi rend="italic">wirklichen</hi> Menschen
                  und weil der wirkliche Mensch der im <hi rend="italic">Wirken</hi>, in der <hi rend="italic">Tat</hi> seines Lebens begriffene Mensch ist,<note xml:id="n44">Text A: «<hi rend="italic">Man hört es nicht abseits</hi>…»</note> hört man es nicht abseits,
                  sondern <hi rend="italic">im</hi> Akt, und zwar nicht in irgendeinem Akt, sondern im
                  Lebensakt, im Akt seiner Existenz, oder man hört es gar nicht. Man
                  <pb xml:id="p024" ed="pga"/>
                   hört es nicht in der Zerstreuung, und wäre sie noch so tiefsinnig und geistvoll,
                  in der man wähnt, daß es wohl wahr sei, daß es einen aber nicht angehe, daß von
                  jemand oder von etwas Anderem die Rede sei als von uns selbst. Anders denn in
                  dieser Aktualität des wirklich <hi rend="italic">gesprochenen</hi> und <hi rend="italic">vernommenen</hi> Wortes kann die Dogmatik ihren Gegenstand an keiner einzigen
                  Stelle ihres langen Weges darstellen wollen, so weit sie sich oft scheinbar (aber
                  nur scheinbar) von der konkreten Wirklichkeit und Lage des Menschen entfernen
                  muß.</p>
          <p>Und wie sollte es anders sein, als daß dieser Sachverhalt dann auch an ganz
                  bestimmter Stelle des Weges der Dogmatik ausdrücklich zur Sprache kommen muß: dort
                  nämlich, wo die Dogmatik als Lehre von der Versöhnung im besonderen auch das zu
                  sagen hat, daß das Ereignis der Versöhnung des sündigen Menschen durch Gott mit
                  Gott ein an diesem Menschen, wie er ist, sich vollstreckendes wirkliches Ereignis
                  ist, daß Gottes Gnade ihn <hi rend="italic">angeht?</hi> Wer es etwa (aber das wäre
                  allerdings sehr bedenklich) in der übrigen Dogmatik, in der Lehre von Gott etwa
                  oder in der Lehre von der Schöpfung oder in der Christologie, noch nicht gemerkt
                  haben sollte, der müßte es spätestens an dieser Stelle merken: tua res agitur,
                  oder Alles ist für dich Unsinn; das Wort Gottes, dessen Wirklichkeit wir zu
                  umschreiben versuchen, ist nicht nur geredet, sondern für dich, zu <hi rend="italic">dir</hi> geredet. Du kannst nichts denken, sagen noch tun, du kannst keinen
                  Atemzug vollbringen, ohne daß es so oder so Entscheidung wäre gegenüber dem dir
                  gesagten Worte Gottes.</p>
          <p>Diese in Gottes Offenbarung grundsätzlich vollzogene, in der Heiligen Schrift
                  bezeugte, in der christlichen Predigt promulgierte Inanspruchnahme des Menschen
                  als solchen nennen wir in der Dogmatik die <hi rend="italic">Heiligung</hi>. Eben
                  damit, daß wir das Wort nicht nur als das Wort Gottes verstehen, nicht nur als das
                  Wort unseres Schöpfers, nicht nur als das Wort seiner Treue und Barmherzigkeit in
                  Christus, nicht nur als das berufende und rechtfertigende Wort, und weiter nicht
                  nur als das Wort, das die Kirche begründet, und das uns unsere Erlösung verheißt,
                  damit, daß wir
                  <pb xml:id="p025" ed="pga"/>
                   es – das Alles sollte genügen, möchte man denken – ausdrücklich und nachdrücklich
                  auch als das <hi rend="italic">heiligende</hi> Wort verstehen, haben wir das Recht zu
                  dem Satz, daß in der Wirklichkeit des Wortes Gottes die Wirklichkeit des das Wort
                  vernehmenden Menschen enthalten und damit die christliche Antwort auf die Frage
                  nach der Güte menschlichen Handelns gegeben ist.</p>
          <p>
                        <hi rend="italic">Gut</hi> heißt: <hi rend="italic">durch Gottes Wort geheiligt</hi>, so
                  könnten wir kurz formulieren und in Erinnerung an den ganzen starken Inhalt dieses
                  Begriffs der Heiligung das Bedürfnis nach einer besonderen Ethik in der Theologie
                  rundweg in Abrede stellen. Es ist durch die Erinnerung an den ethischen Charakter
                  der Dogmatik überhaupt und durch die Erinnerung an die ausdrückliche Beantwortung
                  der ethischen Frage in der Lehre von der Heiligung gesichert, daß Ethik als
                  selbständige Disziplin <hi rend="italic">neben</hi> der Dogmatik eine Unmöglichkeit
                  ist. Ihr Anliegen ist nicht nur im allgemeinen, sondern auch im besonderen
                  eigenstes Anliegen der Dogmatik selber.</p>
          <p>Es wäre nun aber nicht wohlgetan, wenn wir es bei dieser Feststellung bewenden
                  lassen und auf alles Weitere verzichten würden. Die ethische Frage ist offenbar
                  nicht eine Frage neben vielen anderen, sondern in eminentem Sinn die menschliche
                     <hi rend="italic">Existenzfrage</hi>. Wie wir wollen, <hi rend="italic">so</hi> – und was
                  wir tun, <hi rend="italic">das</hi> – <hi rend="italic">sind</hi> wir. Es ist nicht so, daß
                  der Mensch existiert und dann u. a.  auch noch handelt, sondern er existiert, indem
                  er handelt. Sein Handeln, sein existere, sein Hervortreten ist seine Existenz. Die
                  Frage, ob und inwiefern er <hi rend="italic">richtig</hi> handelt, ist also keine
                  andere als die, ob er denn richtig <hi rend="italic">existiert</hi>. Fragt nun die
                  Ethik eben nach dieser Güte des menschlichen Handelns und zielt die Dogmatik
                  ihrerseits im ganzen und im besonderen auf den Satz, daß das menschliche Handeln
                  insofern gut ist, als Gott es heiligt, so ist dieser Koinzidenzpunkt jedenfalls
                  für beide Teile von ganz einzigartiger Bedeutung. Lassen wir es zunächst
                  dahingestellt, was es für die Ethik, die ja nicht von Haus aus und
                  selbstverständlich theologische Ethik ist, bedeutet, daß ihr hier in der Dogmatik
                  die Theologie, die Stimme der christlichen Kirche begegnet. Der Dog<pb xml:id="p026" break="no" ed="pga"/>matik jedenfalls kann es nicht gleichgültig sein, daß sie hier, im Anliegen der
                  Ethik als ihrem eigenen Anliegen, auf die menschliche Existenzfrage stößt. Es ist
                  allerdings nicht so – diesen Einbruch <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaards</persName></hi> in die
                  Theologie, wie er, wenn ich recht sehe, etwa bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName></hi>
                  stattfindet, könnte ich nicht gutheißen –,<note xml:id="n45">
Vgl. S. 10, Anm. 31.
<lb/><persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> bestimmt, was «dialektische Theologie» ist, als «Einsicht in die
                        Dialektik der Existenz des Menschen, d. h. in seine und seiner Aussagen
                        Geschichtlichkeit». Vgl. <bibl><hi rend="italic">Die Bedeutung der «dialektischen» Theologie für die
                                 neutestamentliche Wissenschaft</hi>, v. a. S. 59f., 66f</bibl>. An dieser Bestimmung sollten sein und <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Weg auseinandergehen,
                        vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1921"><persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> – <persName ref="kbga-actors-512">Rudolf Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Briefwechsel 1922-1966</hi>, passim, für die Jahre
                                 1927/28, namentlich die Briefe Nr. 39. 40. 47. 48 (S. 67 ff.
                              80ff.)</bibl>. Zum Problem des <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>-Verständnisses <persName ref="kbga-actors-512">Bultmanns</persName> und zur
                        Stellung <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName> s. <bibl corresp="kbga-bibls-4468"><persName ref="kbga-actors-1549">H. Diem</persName>, <hi rend="italic">Methoden der
                                 Kierkegaardforschung</hi>, ZdZ 6
                                 (1928) 165ff. 170.</bibl>
</note> daß die menschliche Existenzfrage als solche auch das Thema der Theologie
                  und der Dogmatik wäre. Ihr Thema ist das Wort Gottes und nichts sonst, aber das
                  Wort Gottes freilich als Beantwortung nicht nur, sondern als Ursprung der
                  menschlichen Existenzfrage. Jene alle Psychologie, Sittenkunde und
                  Rechtswissenschaft transzendierende Frage nach dem Guten besteht und besteht darum
                  in so unheimlicher <hi rend="italic">Dringlichkeit</hi> und kommt darum wie jede echte
                  Frage von einer heimlich im voraus gegebenen <hi rend="italic">Antwort</hi> her, weil
                  dem Menschen das Wort Gottes gesagt ist, weil das Wort Gottes sein Leben in
                  Anspruch nimmt.</p>
          <p>Der Gegenstand der Dogmatik ist schlechterdings das Wort Gottes, der Gegenstand
                  des Wortes Gottes aber ist schlechterdings die menschliche Existenz, das
                  menschliche Leben oder Handeln. Dieser Sachverhalt kann nun offenbar für die
                  Dogmatik nicht nur ein Beziehungspunkt, ein Locus neben anderen sein, von dem aus
                  sie re bene gesta, nachdem das Nötige dazu in der Lehre von der Heiligung gesagt
                  ist, zur Tagesordnung übergehen könnte. Sondern daß sie diesen Beziehungspunkt
                  wirklich hat, daran hängt die ganze Entscheidung der Frage, ob sich ihre
                  Darstellung der Wirklichkeit des Wortes Gottes von einer in der Haltung eines
                  Zuschauers entworfenen Metaphysik unterscheidet, die als solche, als Darstellung
                  einer nicht existentiell gehörten, den
                  <pb xml:id="p027" ed="pga"/>
                   Menschen nicht angehenden, ihn nicht in Anspruch nehmenden, nicht zur
                  Verantwortung ziehenden Wirklichkeit bei allem möglichen Tiefsinn, bei allem
                  möglichen Reichtum ihres Inhalts auf keinen Fall die Wirklichkeit des Wortes
                  Gottes wäre. Gott, außerhalb der Beziehung zu unserer Existenz verstanden, ist
                  eben, und wenn er der dreieinige Gott von Nicaea, und wenn er der vollständig
                  umschriebene Gott <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> und <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> wäre, nicht Gott, sondern ein menschlicher
                  <seg type="non-entity">Götze</seg>, ein Begriffsgott.</p>
          <p>Es steht nun freilich nicht in unserer Macht, der Dogmatik diese Beziehung auf die
                  Wirklichkeit des Menschen zu geben, sowenig es in unserer Macht steht, die
                  Darstellung der Dogmatik Darstellung der Wirklichkeit des Wortes Gottes sein zu
                  lassen. Beides tut Gott ganz allein und selber nach seinem souveränen
                  Wohlgefallen. Es ziemt aber der theologischen Wissenschaft, hier wie überall zu
                  Gottes Dienst bereit zu sein, welches dann auch sein <seg type="non-entity">Wille</seg> sein möge. Wie die
                  Dogmatik Maßregeln ergreifen kann und ergreift, um der Zerstreutheit des
                  menschlichen Denkens, das sich der Aufmerksamkeit auf das <hi rend="italic">Wort</hi>
                  immer wieder entziehen möchte, wenigstens einigermaßen zu wehren, so kann sie
                  Maßnahmen ergreifen, um derselben Zerstreutheit wenigstens einigermaßen zu wehren,
                  wenn sie vergessen möchte, daß es sich um das an den <hi rend="italic">Menschen</hi>
                  sich richtende Wort handelt. Sie kann sich einmal darum bemühen, dieser
                  Zerstreutheit passim, durchgehend durch Vermeidung aller reinen Spekulation, und
                  positiv durch ständige Beachtung und Hervorhebung des Entscheidungscharakters
                  aller ihrer Sätze entgegenzutreten. Sie wird zweitens nicht versäumen, die Lehre
                  von der Heiligung mit dem Nachdruck vorzutragen, der ihr gebührt, weil hier die
                  Frage nach dem Gegenstand des Wortes Gottes brennend wird. Sie wird aber drittens
                  wohl daran tun, eingedenk dessen, daß sie Menschenwerk ist, und eingedenk des
                  klassischen Vorbildes des Überganges von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11">Röm. 11</ref> zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.1">Röm. 12,1</ref>, sich nicht darauf zu versteifen, daß alles
                  Nötige schon gesagt sei, sondern – an dieser Stelle geradezu einer ganzen <hi rend="italic">Hilfswissenschaft</hi> Raum zu geben, die die Lehre von der Heiligung
                  noch einmal selbständig auf<pb xml:id="p028" break="no" ed="pga"/>nimmt und in ihrem eigenen Zusammenhang in allen ihren Konsequenzen
                  entwickelt.</p>
          <p>Die Anerkennung der Notwendigkeit einer solchen Hilfswissenschaft bedeutet ein
                  gerade an dieser Stelle sehr angebrachtes, durch die Tat bewiesenes
                  Demutsbekenntnis der Theologie. Indem sie <hi rend="italic">ihr</hi> entscheidendes
                  Wort, das Wort vom Hören des Wortes, in der Tat noch einmal sagt, als hätte sie es
                  noch nicht gesagt, anerkennt sie, daß <hi rend="italic">ihr</hi> entscheidendes Wort
                  nicht <hi rend="italic">das</hi> entscheidende Wort ist. Sie weist mit dieser
                  Wiederholung darauf hin, daß gerade im entscheidenden Punkt alle Theologie nicht
                  <seg type="non-entity">Meister</seg>-, sondern bestenfalls Gesellenarbeit sein, daß von einem dogmatischen
                  System als in sich selbst genugsamer Darstellung des hohen Gegenstandes nicht die
                  Rede sein kann. Sie hat nicht vom Himmel herab geredet, und wenn sie es noch so
                  gut gemacht hätte, sondern auf Erden, und darum muß sie noch einmal sagen, was nur
                  Gott selber ein für allemal gesagt haben kann.</p>
          <p>Solche Hilfswissenschaften kennt die theologische Enzyklopädie bekanntlich auch an
                  anderer Stelle, und es würde sich wohl zeigen lassen, daß sie alle in irgendeinem
                  Sinn die Bedeutung eines ganz ähnlichen Vorbehalts der Theologie gegen sich selber
                  haben. So treten Einleitung ins A. T. und N. T., vorderasiatische und hellenistische
                  Religionsgeschichte, Palästinakunde als Hilfswissenschaften neben die <hi rend="italic">Exegese</hi>, so Liturgik, Katechetik usw. neben die <hi rend="italic">Homiletik</hi>, so schon Dogmengeschichte und Symbolik neben die <hi rend="italic">Dogmatik</hi>, speziell neben die Prolegomena zur Dogmatik, so die
                  Kirchengeschichte als Hilfswissenschaft neben alle drei theologischen
                  Disziplinen.</p>
          <p>Eine solche Hilfswissenschaft der Dogmatik ist nun auch die <title level="m">Ethik</title>. Keine <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">μετάβασις εἰς ἄλλο
                     γένος</foreign> darf hier stattfinden – das ist es, was wir als den Fehler der
                  üblichen Unterscheidung zwischen Dogmatik und Ethik erkannt haben, und was gerade
                  zu vermeiden ist. Aufgabe und Methode der Ethik sind dieselben wie die der
                  Dogmatik. Theologische Ethik ist <hi rend="italic">selbst</hi> Dogmatik, keine
                  selbständige Disziplin neben der Dogmatik. Wir gehorchen
                  <pb xml:id="p029" ed="pga"/>
                   nur einer unterrichtstechnischen Notwendigkeit, wenn wir sie hier gesondert von
                  jener behandeln. Es geht auch in der Ethik um die Besinnung auf das Wort Gottes
                  als den überlegenen Sinn und Gegenstand und Träger der christlichen Predigt in
                  Form der Kritik des frommen Menschenwortes – nun aber speziell um die Besinnung
                  darauf, daß dieses Wort Gottes, das in der christlichen Predigt verkündigt und
                  vernommen werden soll, den Menschen in ganz bestimmter Weise in Anspruch nimmt. Es
                  war ja, wir denken nochmals an das Vorbild der paulinischen Briefe, besonders des
                  Römerbriefs, an sich sehr wohl am Platz, wenn schon die alte Kirche dem Problem
                  der Ethik jene qualifizierte Aufmerksamkeit schenkte. Es steckte auch in jener
                  ganzen neuzeitlichen Emanzipation der Ethik gegenüber der Dogmatik nicht nur ein
                  berechtigtes Anliegen, und in ihrem Überwuchern eine Nemesis und geschichtlich
                  wohlverständliche Reaktion gegenüber dem Sündenfall, vor dem keine Dogmatik sicher
                  ist, dem Sündenfall in eine Zuschauermetaphysik, in den Luxus einer müßigen
                  Weltanschauung. Es ist aber an der Zeit, daß man aus diesem geschichtlich
                  berechtigten, aber sachlich hochgefährlichen Reagieren gegen eine unethische
                  Dogmatik herauskomme, Zeit, jenem Anliegen so gerecht zu werden zu suchen, wie es
                  jedenfalls auf dem Boden der Reformationskirchen allein möglich ist, so nämlich,
                  daß jene letztlich heidnische Einführung eines zweiten heterogenen
                  Gesichtspunktes, bei dem dann wohl der erste und eigentliche unvermeidlich
                  verlorenzugehen pflegt, rückgängig gemacht und auch in der Ethik ausschließlich,
                  wenn auch in der besonderen Zuspitzung <hi rend="italic">ihrer</hi> Frage, nicht nach
                  einem Zweiten, sondern nach dem Einen und Einzigen, was not tut, gefragt wird.
                  Anders als so müßte das Unternehmen einer theologischen Ethik letztlich
                  kirchenzerstörende statt kirchenbauende Bedeutung haben.</p>
        </div>
      </div>
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    </body>
  </text>
</TEI>
