<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-2005">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-02">Ethik I</title>
        <title type="formal">THEOLOGISCHE UND PHILOSOPHISCHE ETHIK</title>
        <title type="content">Theologische und philosophische Ethik</title>
        <title type="citation_line_1">Theologische und philosophische Ethik, in: Ethik I, 1928</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/2005 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Ethik I, hrsg. v. Braun, Dietrich (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1973, S. 30–74.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/2005</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Ethik I</title>
          <title type="text">THEOLOGISCHE UND PHILOSOPHISCHE ETHIK: Theologische und philosophische Ethik</title>
          <editor>Braun, Dietrich</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1973</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 30-74</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">5</biblScope>
        </bibl>
        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
        <bibl type="asp" xml:id="asp">
          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe II.2, Ethik I 1928, section 2</title>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1928">1928</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
        <language ident="gre">Greek</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>chapter</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-10-02T07:55:59+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-10-02T07:55:59+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="chapter">
        <head>
                    <pb xml:id="p030" ed="pga"/>
                § 2 THEOLOGISCHE UND PHILOSOPHISCHE ETHIK</head>
        <div type="abstract">
          <p>Ethik ist theologische Ethik, sofern sie die Güte des menschlichen Handelns
                  erkennt in der den Menschen heiligenden Wirklichkeit des Wortes Gottes. Indem sie
                  sich mit dieser Voraussetzung bekennt zu der konkreten Offenbarung Gottes in
                  Christus durch den heiligen Geist, anerkennt sie die Berechtigung einer anderen
                  Ethik, die als philosophische Ethik auf dem Boden desselben christlichen
                  Bekenntnisses die Güte menschlichen Handelns in der durch jene Wirklichkeit
                  begründeten Möglichkeit des durch den Mitmenschen rechtmäßig beanspruchten
                  menschlichen Tuns suchen und finden wird.<note xml:id="n01">Text A: «<hi rend="italic">in der jener Wirklichkeit entsprechenden Möglichkeit suchen und finden
                        wird</hi>.» – <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> dürfte sich vor allem in diesem Paragraphen in
                     stillem Gespräch mit seinem Bruder, dem Philosophen <persName ref="kbga-actors-23">Heinrich Barth</persName>
                        (<date from="1890" to="1965">1890–1965</date>) befunden haben. Vgl. daher wie zur Ethikvorlesung
                     insgesamt so namentlich zu § 2 Abschnitt 4, c (<ref target="#p067">S.
                        67ff.</ref>) dessen Werk <bibl><hi rend="italic">Philosophie der Praktischen Vernunft</hi>,
                              Tübingen
                                1927.</bibl>
                  </note>.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>1.</head>
          <p>Ethik ist nicht von Haus aus und nicht selbstverständlich gerade theologische
                  Ethik, haben wir bereits gesagt. Nach der Güte menschlichen Handelns wurde von
                  jeher und wird auch heute beständig auch ganz anders als im Rahmen der Theologie
                  gefragt. Theologische Ethik bedeutet geschichtlich betrachtet zweifellos so etwas wie eine <hi rend="italic">Annexion</hi>, wohl vergleichbar dem gar nicht selbstverständlich einwandfreien Einzug der <seg type="non-entity">Kinder</seg> Israels ins Land <placeName ref="kbga-places-1045">Kanaans</placeName>, auf
                  dessen Boden längst ganz andere Völker wenn nicht ältestes, so doch sehr altes
                  Heimatrecht zu haben behaupteten. Auf dem scheinbar allen möglichen anderen
                  Fragestellungen offenstehenden und längst unter einer Reihe z.T. sehr ernsthafter
                  anderer Fragestellungen beleuchteten und bearbeiteten Gebiet der ethischen
                  Überlegung ereignet sich das Auftreten, man möchte fast sagen der Einbruch eines
                  Konkurrenten, dessen Fragestellung
                  <pb xml:id="p031" ed="pga"/>
                   sich von allen anderen hier möglichen und wirklichen Fragestellungen so
                  außerordentlich unterscheidet, daß von jenen aus gesehen der Zweifel an der
                  Legitimität seines Tuns fast unvermeidlich erscheint, um so mehr als dieser
                  keineswegs in der Lage ist, sich friedlich als ein Diskussionsredner unter vielen
                  anderen zu gebärden, sondern, wie bescheiden sich sein Auftreten in der Form immer
                  vollziehen und wie primitiv sein wissenschaftliches Rüstzeug sich vielleicht
                  ausnehmen möge, durchaus den Anspruch zu erkennen gibt, daß gerade er es sei, der
                  mit seiner Fragestellung hier das letzte, alle anderen in sich aufhebende Wort zu
                  sagen habe.</p>
          <p>Wenn der philosophische Ethiker, gleichviel welcher Richtung, wie es gelegentlich
                  vorkommen soll, der Arbeit der theologischen Ethik seine Aufmerksamkeit schenkt,
                  dann findet er sich wie in eine fremde Welt versetzt. Es ist vor Allem ein
                  rätselhaftes angebliches Wissen um ein <hi rend="italic">Woher?</hi> und <hi rend="italic">Wohin?</hi> alles ethischen Fragens und Antwortens, das ihm hier fremdartig
                  entgegentritt. Was ihm selbst Problem ist: das Gesetz oder das Gut[e] oder der
                  Wert, nach dem er als philosophischer Ethiker fragt als nach dem Maßstab, an dem
                  das Handeln des Menschen zu messen ist, das Problem der <hi rend="italic">Wahrheit</hi>
                  des Guten – scheint hier kein Problem zu sein, das ist hier, nämlich im <hi rend="italic">Gottes</hi>begriff einer rechtschaffenen theologischen Ethik, im
                  Begriff der <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi> des am Menschen durch sein Wort
                  handelnden Gottes vielmehr der in sich selbst gewisse, der durchaus vorausgesetzte
                     <hi rend="italic">Ausgangspunkt</hi> alles Fragens und Antwortens. Und umgekehrt:
                  was ihm selbst kein Problem ist, die wirkliche <hi rend="italic">Situation</hi> des
                  Menschen im Lichte der ethischen Frage und Antwort, seine wirkliche <hi rend="italic">Bindung</hi> an die Norm des Guten, seine wirkliche <hi rend="italic">Distanz</hi>
                  von aller Erfüllung dieser Norm, und die wirkliche <hi rend="italic">Überwindung</hi>
                  dieser Distanz nicht vom Menschen, aber von der als Wirklichkeit erkannten
                  Wahrheit des Guten selbst her, das alles ist es, was hier gerade brennendes
                  Problem, gerade Ziel alles ethischen Fragens und Antwortens ist. Was hat eine
                  Problematik, die beherrscht ist vom Wissen um jenes Woher? und um dieses Wohin?
                  mit dem zu tun, was er
                  <pb xml:id="p032" ed="pga"/>
                   selbst nochmals, gleichviel ob er sich zum Naturalismus, zum Positivismus oder
                  zum Idealismus bekennt, Ethik nennt? Von welchem philosophisch-ethischen System
                  aus gesehen müßte die Definition des Guten als des durch Gottes Wort geheiligten
                  Handelns, die wir im ersten Paragraphen beiläufig gegeben haben, nicht
                  Kopfschütteln erregen? Kann der philosophische Ethiker nicht verkennen, daß es
                  hier wie in der Nachforschung, die er selbst Ethik nennt, irgendwie um die Frage
                  nach der Güte menschlichen Handelns geht, so ist doch <hi rend="italic">dieses</hi>
                  Irgendwie geeignet, ihm die Entscheidung nahezulegen, daß hier einerseits
                  Unmögliches, andererseits Unbeträchtliches unternommen werde. <hi rend="italic">Unmögliches</hi> darum, weil es eine Aufhebung der Grundgesetze des
                  menschlichen Denkens bedeute, vom Gottesbegriff als dem gegebenen Inbegriff des
                  Guten, von der als Wirklichkeit gedachten Wahrheit eines an den Menschen
                  gerichteten schlechthin überlegenen entscheidenden Wortes einfach auszugehen. <hi rend="italic">Unbeträchtliches</hi> darum, weil die Frage nach der wirklichen
                  Situation des Menschen, weil Begriffe wie die des Gewissens, der Sünde, der Gnade
                  allenfalls psychologische und geschichtliche Wichtigkeit haben möchten, die Frage
                  der Ethik aber, die Frage nach dem wahren Gesetz, Wert oder Gut und nach der aus
                  diesen Kriterien abzuleitenden Qualität des menschlichen Handelns nur belasten und
                  verwirren könnten. Diese Entscheidung, also die summarische Ablehnung der
                  theologischen Ethik als solcher, ist dem philosophischen Ethiker als solchem
                  jedenfalls sehr nahegelegt. </p>
          <p>Durch diese Sachlage ist es nun aber umgekehrt dem theologischen Ethiker sehr
                  nahegelegt zu vergessen, daß er sich in der Situation des Angreifers und nicht des
                  Angegriffenen befindet, daß es ihm, wenn er sein eigenes Tun versteht, nicht
                  anstehen kann, sich seinethalb zu entschuldigen, daß er ipso facto, daß er als
                  Theologe das Gebiet der ethischen Überlegung betritt, die angeblichen Ureinwohner
                  dieses <seg type="non-entity">Landes</seg> keineswegs als Instanz betrachten kann, denen gegenüber Rechenschaft
                  zu geben ihm geboten oder auch nur möglich wäre.</p>
          <p><pb xml:id="p033" ed="pga" rend="noPipe"/>Der Protest oder die Ignorierung, mit denen die philosophische Ethik die
                  theologische abzulehnen pflegt, bedeutet für diese die Versuchung, ihre
                  Auseinandersetzung mit jener in Form einer <hi rend="italic">Apologetik</hi> zu
                  vollziehen. Das ist die erste Möglichkeit, der wir hier entgegenzutreten haben.
                  Apologetik ist der Versuch einer Begründung und Rechtfertigung des theologischen
                  im Rahmen des philosophischen oder – allgemeiner und bezeichnender – des
                  nichttheologischen Denkens, in unserem Fall also: der theologisch-ethischen im
                  Rahmen der philosophisch-ethischen Fragestellung.</p>
          <p>Es ist Apologetik, wenn <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName></hi> zwar nicht das spezifisch
                  christliche, wohl aber das diesem nach ihm zugrunde liegende allgemeine religiöse
                  Selbstbewußtsein mit seinem sittlichen Gehalt oder mit seiner sittlichen Richtung
                  als ein auch der philosophischethischen Fragestellung unvermeidliches Moment
                  behaupten und damit die christliche Ethik wenigstens indirekt vor dem Forum der
                  philosophischen rechtfertigen will (<bibl><hi rend="italic">Chr. Sitte</hi>, S. 29, 75</bibl>). Es ist Apologetik, wenn <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-422">De Wette</persName></hi> die Offenbarung, aus
                  der sich die christliche Ethik herleitet, rühmt als die «in die Erscheinung
                  getretene, verwirklichte Vernunft» (<bibl><hi rend="italic">Lehrbuch</hi>, S. 2</bibl>); wenn <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1024">Hagenbach</persName></hi> die philosophische Ethik auf das
                  Christliche hinzielen läßt, in dem sie erst ihre Vollendung finde, weil der
                  Gottesglaube als der höchste Sproß des sittlichen Lebens sich darstelle (Enzykl.
                            12. Aufl., S. 436);<note xml:id="n02">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-1024">K. R. Hagenbachs</persName>
                                <hi rend="italic">Encyclopädie und Methodologie der Theologischen
                              Wissenschaften</hi>, Leipzig
                                1833. <edition>12. Aufl.</edition> revidiert, ergänzt u.
                           hrsg. v. M. Reischle, Leipzig
                           1889, S. 436.</bibl>
                        </note> wenn <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName></hi> meint, ohne weiteres in Anspruch nehmen
                  zu können, jede Ethik, die nicht bloß den Begriff des Guten, sondern auch die
                  Verwirklichung des Guten durch Menschen behandeln wolle, müsse dafür sorgen, daß
                  die christliche Religion als eine sittlich-befreiende Kraft verstanden werde,
                  müsse also gleichsam in ihrer Spitze selbst christliche Ethik werden (<bibl><hi rend="italic">Ethik</hi>, <edition>4. Aufl.</edition>, S. 3</bibl>); wenn <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-433">G. Wünsch</persName></hi> die christliche Ethik verstehen lehren
                  will als eine in der philosophischen Ethik vorgesehene Möglichkeit von
                  «Wertgesinnung», als Beja<pb xml:id="p034" break="no" ed="pga"/>hung einer bestimmten «Wertposition», nämlich des «real anerkannten Heiligen in
                  Form von Personalität» als des «im Transzendenten verankerten Hauptwertes»,
                  während sie sich der philosophischen gleichzeitig dadurch empfiehlt, daß ihre
                  formalen Kriterien mit denen jener identisch sind (Theolog. Eth., S. 59f.);<note xml:id="n03">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-433">G. Wünsch</persName>, a.a.O. S. 59ff., v. a. S.
                           61f.</bibl>
                  </note> wenn schließlich <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1243">A. Schweitzer</persName></hi> den Unterschied von
                  religiösem und philosophischem Denken im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf die indische Ethik auf den
                  relativen Unterschied zwischen einem mehr intuitiven und einem mehr analysierenden
                  Erkennen des sittlichen Grundprinzips meint zurückführen zu sollen (Kult. u. Ethik, S. 24f.).<note xml:id="n04">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2238"><persName ref="kbga-actors-1243">A. Schweitzer</persName>, <hi rend="italic">Kultur und
                           Ethik</hi>, München
                                1923. 1958<hi rend="sup">11</hi>, S. 23f. (= Kulturphilosophie 2. Teil).</bibl>
                  </note>
               </p>
          <p>Alle diese und ähnliche Verknüpfungen können das nicht leisten, was sie
                  ausgesprochener- oder unausgesprochenerweise leisten wollen: die Begründung und
                  Rechtfertigung der theologisch-ethischen im Rahmen der nichttheologisch-ethischen
                  Fragestellung. Es bestehen zwei Möglichkeiten:</p>
          <p>
                        <hi rend="italic">Entweder</hi> es wird bei diesen Verknüpfungen ernst gemacht mit der
                  Voraussetzung, daß es darum angebracht sei, die theologische Ethik an der
                  philosophischen als ihrer berufenen Richterin, als der Instanz zur Beantwortung
                  der Wahrheitsfrage zu messen, weil der eigentümliche Gehalt der
                  theologisch-ethischen Fragestellung oder doch der leere Raum dafür in der
                  philosophischen von Hause aus, und zwar in überlegener, ursprünglicher Weise
                  enthalten sei und nur – und das wäre dann eben das Geschäft der apologetischen
                  Argumentation – zur bewußten Entfaltung gebracht werden müsse, um eben damit den
                  gesuchten Rechtsgrund für die Existenz einer theologischen Ethik zu beschaffen.
                  Sind jene Verknüpfungen so gemeint, dann bedeuten sie nichts anderes, als daß eben
                  jener eigentümliche Gehalt der theologischethischen Fragestellung zum vornherein
                  preisgegeben ist. Etwas Anderes ist dann gemeint, begründet, gerechtfertigt als
                     <hi rend="italic">diese</hi> Fragestellung mit <hi rend="italic">ihrem</hi>
                  eigentümlichen Gehalt. Die Apologie mag dann gelingen, aber sie ist gegenstandslos
                  geworden, noch
                  <pb xml:id="p035" ed="pga"/>
                   bevor sie begonnen hat. Der Philosoph, der etwa ein dem Woher? und Wohin? des
                  theologischen Fragens und Antwortens wirklich überlegenes Prinzip zu kennen, der
                  dem Theologen gegenüber als <seg type="non-entity">Richter</seg> in der Wahrheitsfrage auftreten zu können
                  meint, hat ganz recht, wenn er sich in einer rechtschaffenen theologischen Ethik
                  in einer fremden Welt fühlt. Er kann sich hier in der Tat ärgern! Eine
                  theologische Ethik ist keine rechtschaffene theologische Ethik mehr, wenn sie sich
                  in jene Unterordnung begibt, in der sie einem solchen Philosophen kein Ärgernis
                  mehr bietet. Jenes Woher? und Wohin? des theologischen Fragens und Antwortens
                  besteht weder in einem notwendigen Moment unseres Geisteslebens noch in der
                  Verwirklichung der menschlichen Vernunft, noch auch in der Verwirklichung des
                  Guten durch Menschen, noch in einer – und wäre es die höchste – «Wertposition» –
                  und wenn sie das «Heilige» in Form der Personalität und diese noch so sehr als «im
                  Transzendenten verankert» anerkennte –, noch in einem allenfalls statt
                  analysierend zur Abwechslung intuitiv zu erkennenden Prinzip des Sittlichen. Es
                  besteht in der Wahrheit des Wortes Gottes, das als solches aus keinem anderen Wort
                  abzuleiten, an keinem anderen Wort zu messen und auf seine Gültigkeit zu prüfen
                  ist, das sich der Mensch in keiner Weise sagen, sondern nur gesagt sein lassen
                  kann, das er vielleicht nicht gehört, das er aber, wenn er es gehört, nur im
                  Gehorsam gehört haben kann, ohne in der Lage zu sein, darüber zu befinden, warum
                  er ihm gehorchen muß. Gerade das Unternehmen einer <hi rend="italic">wirklichen</hi>
                  theologischen Ethik wäre der philosophischen Ethik gegenüber <hi rend="italic">nicht</hi> gerechtfertigt durch den Nachweis, daß philosophische Ethik die
                  theologische irgendwie notwendig in sich enthalte. Das Prinzip einer <hi rend="italic">wirklichen</hi> theologischen Ethik wäre durch diesen Nachweis <hi rend="italic">nicht</hi> gedeckt. <seg type="non-entity">Immer</seg> noch wäre sie, mit diesem Prinzip arbeitend, dem
                  Philosophen ein ärgerliches Unternehmen. Philosophische Ethik könnte sich jene
                  Apologie gefallen lassen und einer pseudo-theologischen, mit diesen
                  Existenzbedingungen zufriedenen Ethik die gewünschte Lizenz erteilen,
                  <pb xml:id="p036" ed="pga"/>
                   ohne sich darum auch nur einen Augenblick in ihrem Verdikt gestört zu fühlen, daß
                  es sich in einer wirklichen, rechtschaffenen theologischen Ethik – auf die die
                  Apologetik als solche Verzicht leistet – um Unmögliches und Unbeträchtliches
                  handele.</p>
          <p>
                        <hi rend="italic">Oder</hi> aber (zweite Möglichkeit) jene Verknüpfungen zwischen dem
                  Problem der philosophischen und der theologischen Ethik sind nicht in der Meinung
                  vollzogen, als ob die theologische Ethik von der philosophischen her ihre
                  Begründung empfangen müsse, sondern unter der ganz anderen Voraussetzung, daß die
                  philosophische die theologische Fragestellung insofern in sich enthalte, als auch
                  das Philosophieren auf dem Boden der für die Theologie bezeichnenden Erkenntnis,
                  nämlich auf dem Boden der Erkenntnis der Offenbarung des Wortes Gottes stattfinde.
                  Die Philosophie sei heruntergestiegen von ihrem Richterthron und stelle sich mit
                  ihrem Fragen und Antworten auf gleichen Fuß – der Streit der Fakultäten sei
                  nämlich eine Kinderei – neben die Theologie, mit der sie, ohne darum aufzuhören
                  Philosophie zu sein, das Wissen um jenes Woher? und Wohin? <hi rend="italic">teile</hi>. Unter dieser Voraussetzung könnten jene Verknüpfungen dann mehr oder
                  weniger alle bedeutsam werden: nicht zur Apologie der theologischen Ethik – die
                  Philosophie würde dann selber statuieren, daß es einer solchen gar nicht bedarf –,
                  wohl aber umgekehrt: um die Berechtigung, ja Notwendigkeit einer philosophischen
                  Ethik neben der theologischen einleuchtend zu machen. Eine Philosophie, die mit
                  der Theologie, die so gut wie die Theologie – denn warum sollte der Theologie in
                  dieser Hinsicht ein Vorrecht oder Vorsprung zukommen, sie ist Menschenwerk so gut
                  wie die Philosophie! – das Hören des Wortes Gottes zur Voraussetzung hat, sie
                  könnte in der Richtung solcher und ähnlicher Verknüpfungen als Frage nach der <hi rend="italic">Möglichkeit</hi> und als Hinweis auf die Möglichkeit des Begriffs, von
                  dessen Wirklichkeit die Theologie methodisch ausgeht, der Theologie als
                  ebenbürtiger Gegenspieler an die Seite treten. Vielleicht nicht selten geradezu
                  als ihr lebendiges Gewissen, wenn etwa die Erinnerung an die Möglichkeit jenes
                  Begriffs geeignet sein sollte,
                  <pb xml:id="p037" ed="pga"/>
                   zur Erkenntnis, zu neuer Erkenntnis der je und je vergessenen <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi> aufzufordern. Das ist die Verhältnisbestimmung von
                  theologischer und philosophischer Ethik, auf die wirhierinder Tathinauswollen.
                  Aber wenn jene Verknüpfungen so gemeint sein sollten, dann können sie eine
                  Begründung und Rechtfertigung der theologischen im Rahmen der philosophischen
                  Ethik gerade nicht bedeuten wollen. Dann ist ja von beiden Seiten eingesehen, daß
                  jene Annexion zu Recht geschehen ist. Was sollte dann von der Philosophie her in
                  Sachen des eigentümlichen Ausgangs- und Zielpunktes der theologischen Ethik zu
                  begründen und zu rechtfertigen sein, wenn die Philosophie etwa mit der Theologie,
                  wenn auch auf <hi rend="italic">ihre</hi> Weise, <hi rend="italic">christliche</hi>
                  Wissenschaft, wenn sie nicht Rebellion, sondern wie die Theologie Gehorsam wäre?
                  Mit Apologetik also – das ist das Ergebnis dieser unserer ersten Erwägung – kann
                  eine ernsthafte Auseinandersetzung zwischen theologischer und philosophischer
                  Ethik auf alle Fälle nichts zu tun haben. Die theologische Ethik kann dem
                  Philosophen das Befremden über ihr eigenes Gebaren nicht ersparen, so gewiß es ihr
                  selbst immer wieder befremdlich genug sein wird. Sie <hi rend="italic">ist</hi> von ihm
                  aus gesehen eine unerhörte Annexion. Sie darf nicht ihm zuliebe tun, als ob es so
                  gefährlich nicht wäre. Sie darf ihr eigentümliches Woher? und Wohin? nicht
                  verharmlosen, um sich einen Platz an der Sonne zu sichern. Sie muß den Philosophen
                  wie den Theologen wie jeden Menschen durch ihre Existenz als rechtschaffene
                  theologische Ethik vor die Entscheidung stellen, ob er ihr Unternehmen als
                  unmöglich und unbeträchtlich ablehnen oder aber die Voraussetzung dieses
                  Unternehmens zu der seinigen machen will. Sie kann sich sinnvoll und für beide
                  Teile fruchtbar nur dann mit ihm verständigen, wenn sie als wirklich theologische
                  Ethik Farbe zu bekennen entschlossen ist und bleibt. Es gibt keine Apologie der
                  theologischen Ethik gegenüber einer Philosophie, die sich nicht mit auf den Boden
                  ihrer eigenen Voraussetzung stellt. Eine Philosophie aber, die das tut, wird keine
                  solche Apologie fordern. Apologetik bedeutet, was auch von der Philosophie her zu
                  ihren Versuchen zu sagen sei,
                  <pb xml:id="p038" ed="pga"/>
                   von der Theologie her gesehen die Verschleierung der Entscheidung, in der die
                  theologischen Sätze allein Gültigkeit haben wollen und können.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>2.</head>
          <p>Die apologetische Haltung der theologischen gegenüber der philosophischen Ethik
                  ist nicht die einzige, der gegenüber wir uns zu sichern haben. Neben der
                  Apologetik empfiehlt sich der Theologie zur Behauptung ihrer Existenz die Methode
                  der <hi rend="italic">Isolierung</hi>, neben der Synthese die <hi rend="italic">Diastase</hi>. Sie tritt kaum je allein auf, sondern sie bildet eine Art
                  Ergänzung, Fortsetzung und Krönung jener, etwa wie der Krieg die Fortsetzung der
                  Politik mit anderen Mitteln sein soll. So ist ja der Theologie trotz aller
                  Apologetik die Erinnerung an die Eigenart ihrer Aufgabe und ihres Tuns nie so
                  total verlorengegangen, daß sie nicht irgendwo plötzlich auch ihr Selbstbewußtsein
                  wiederentdeckt, daß sich der Nachweis der philosophischen Begründung ihrer Aufgabe
                  und ihres Tuns nicht irgendwie vollendet hätte in dem Nachweis ihrer
                  Selbständigkeit, ihres Abstandes, ihres besonderen Charakters gegenüber der
                  Aufgabe und dem Tun des Philosophen. Die für nötig gehaltene Rechenschaftsablage
                  gegenüber der Philosophie wäre ja allzu gut gelungen, wenn ihr Ergebnis etwa das
                  sein sollte, daß theologische Ethik selbst nichts anderes als eben philosophische
                  Ethik ist. Dahin darf sie offenbar nicht führen, so nahe sie gelegentlich wie z.B.
                  bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName></hi> dahin geführt hat,<note xml:id="n05">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, a.a.O. S. 1ff.</bibl>: «In der Theologie ist es üblich, eine philosophische und eine
                     theologische oder christliche Ethik zu unterscheiden. Es gilt zunächst, diesen
                     Begriff einer besonderen theologischen Ethik als unhaltbar aufzulösen.»</note>
                  sondern nachdem sich der Theologe vor dem Philosophen legitimiert hat, muß er wohl
                  oder übel im Gegenteil an einem bestimmten Punkt nun doch auch zeigen, inwiefern
                  er keine überflüssige Figur, kein bloßer Doppelgänger des Philosophen ist.
                  Irgendeine kleine Überlegenheit, ein geheim<pb xml:id="p039" break="no" ed="pga"/>nisvolles Mehr- und Besserwissen gegenüber der Philosophie wird nun nicht ohne
                  Pathos behauptet und näher zu bestimmen versucht. Insofern bekommen wir es hier
                  mit einer zweiten, von jener ersten verschiedenen Haltung der theologischen Ethik
                  zu tun. Sie muß und will nun, gedeckt durch jene Verknüpfungen, ihre Eigenart,
                  ihre Besonderheit, ihre Selbständigkeit nachweisen. Was in dieser Richtung gesagt
                  zu werden pflegt, läßt sich in vier Gedankenkreise zusammenfassen:</p>
          <p>Man statuiert 1. als <hi rend="italic">Quelle</hi> der theologischen Ethik mit <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1129">E. W. Mayer</persName></hi> (S. 191) das sogenannte christlich-religiöse
                  Bewußtsein und definiert ihre Aufgabe mit <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">F. Schleiermacher</persName></hi> als
                  die «Beschreibung derjenigen Handlungsweise, welche aus der Herrschaft des
                  christlich bestimmten Selbstbewußtseins entsteht» (<bibl><hi rend="italic">Chr. Sitte</hi>, S. 33</bibl>). Statt «christlich-religiöses Bewußtsein» können <hi rend="italic">De
                     Wette</hi> (<bibl><hi rend="italic">Lehrbuch</hi>, S. 2</bibl>), <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2435">Kirn</persName></hi> (Grundr. d. E., S. 2),<note xml:id="n06">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-2435">O. Kirn</persName>, a.a.O.
                                1936<hi rend="sup">7</hi>, S. 3.</bibl>
                  </note>
                  <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-433">Wünsch</persName></hi> (<bibl><hi rend="italic">Theolog. Eth.</hi>, S. 64</bibl>) auch «Offenbarung» sagen. Im Gegensatz dazu werden als Quelle der
                  philosophischen Ethik von <hi rend="italic">De <persName ref="kbga-actors-422">Wette</persName>, <persName ref="kbga-actors-1551">I. A. Dorner</persName></hi> (Chr. Sittenlehre, S. 21)<note xml:id="n07">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-1551">I. A. Dorner</persName>, <hi rend="italic">System der christlichen
                              Sittenlehre</hi>, hrsg. v. A. Dorner,
                              Berlin
                                1885, S. 21.</bibl>
                        </note> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1129">E. W. Mayer</persName></hi> die Vernunft, von <persName ref="kbga-actors-2435">Kirn</persName> die Erfahrung,
                  von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-433">Wünsch</persName></hi> Vernunft und Empirie miteinander namhaft gemacht.
                  Gemeint ist offenbar so oder so ein nicht christlich bestimmtes
                  Selbstbewußtsein.</p>
          <p>2. Der <hi rend="italic">Ort</hi> der theologischen Moral ist, wie besonders <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName></hi> scharf betont (S. 33f.), die Kirche, verstanden
                  als Gemeinschaft der christlichen Gesinnungsgenossen. Das ethische Subjekt der
                  theologischen Ethik ist nach <bibl><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-433">Wünsch</persName></hi> (a.a.O.)</bibl> «der durch die Bekehrung wiedergeborene Mensch, dem die Erkenntnis Gottes
                  durch die Erleuchtung zuteil geworden ist». Ihr fehlt also nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName></hi> (S. 29) «die universalhistorische Tendenz». Ihr Verhältnis
                  zur philosophischen Ethik ist dahin zu bestimmen: «Was die christliche Sittenlehre
                  gebietet, verbindet nur die Christen; die philosophische Ethik macht einen
                  allgemeinen Anspruch, denn sie will jeden binden, der sich zur Einsicht der philo<pb xml:id="p040" break="no" ed="pga"/>sophischen Prinzipien, aus denen sie abgeleitet ist, erheben kann» (S. 2). Das
                  ethische Subjekt der philosophischen Ethik ist nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-433">Wünsch</persName></hi> «der
                     Vernunftmensch».<note xml:id="n08">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-433">G. Wünsch</persName>, a.a.O. ebd.</bibl>
                        </note>
               </p>
          <p>3. Man findet die <hi rend="italic">Voraussetzung</hi> der theologischen Ethik mit <persName ref="kbga-actors-1551">I. A. Dorner</persName> und mit <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1024">Hagenbach</persName></hi> (<bibl><hi rend="italic">Enzykl.</hi>, S. 436</bibl>) im «Geist Gottes oder Christi als der in den Gläubigen wirksamen
                     Macht»<note xml:id="n09">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-1024">K. R. Hagenbach</persName>, a.a.O. S. 436</bibl>: «… als der in dem Gläubigen wirksamen Macht.»</note> oder mit <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2435">Kirn</persName></hi> (S. 3) in der «Lebensenergie der von Gottes Geist erfüllten
                  Persönlichkeit», die Voraussetzung der philosophischen Ethik dagegen nach
                  denselben in der sittlichen oder vernünftigen Selbstbestimmung des Menschen.<note xml:id="n10">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-2435">O. Kirn</persName>, a.a.O.
                                1936<hi rend="sup">7</hi>, S. 3</bibl>: «… die theologische Ethik ordnet dem menschlichen Willen die leitende
                     und belebende Wirkung des Geistes Gottes über … Endlich eignet der theologischen
                     Ethik mehr die intensive Richtung, sofern sie die sittliche Durchbildung der
                     Persönlichkeit in den Vordergrund stellt, während die philosophische sich, mehr
                     auf extensive Vollständigkeit und die Weite des Umblicks bedacht, um die
                     allseitige Würdigung des sittlich Guten zu bemühen pflegt.»</note> Nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-433">Wünsch</persName></hi> fragt diese: «Was soll ich tun, weil der kategorische
                  Imperativ befiehlt?», jene aber: «Was soll ich tun, weil Gott ist?»<note xml:id="n11">
                            <bibl>G. Wünsch, a.a.O. ebd.</bibl>
                        </note>
               </p>
          <p>Und man findet 4. den <hi rend="italic">Inhalt</hi> der theologischen Ethik mit <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1024">Hagenbach</persName></hi> (S. 435) in «geschichtlich bestimmten sittlichen
                  Anschauungen», vor Allem in der «persönlichen gottmenschlichen Lebenserscheinung
                  des Erlösers», oder mit <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-422">De Wette</persName></hi> (S. 3f.) in «positiven
                     Gesetzen»,<note xml:id="n12">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-422">W. M. L. de Wette</persName>, a.a.O. S. 3</bibl>: «Den eigenthümlichen Gehalt der christlichen Sittenlehre kann man nach
                     Analogie der politischen Gesetzgebung positiv nennen, und ihr positive Gesetze,
                     im Gegensatze der natürlichen, beilegen …»</note> oder mit <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2435">Kirn</persName></hi> (S. 3) in der «Idee des <seg type="non-entity">Reiches</seg> Gottes»,<note xml:id="n13">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-2435">O. Kirn</persName>, a.a.O.
                                1936<hi rend="sup">7</hi> ebd.</bibl>
                  </note> während der philosophischen Ethik von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1024">Hagenbach</persName></hi> die «für
                  jeden, der Vernunftwesen sein will, gültige Idee der sittlichen Persönlichkeit»
                  zugewiesen wird.<note xml:id="n14">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-1024">K. R. Hagenbach</persName>, a.a.O. ebd.</bibl>
                        </note> Nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1551">I. A. Dorner</persName></hi> wäre das Innerliche, die
                  Einzelpersönlichkeit, der
                  <pb xml:id="p041" ed="pga"/>
                   besondere Stoff der theologischen, dagegen «die Weltseite des Ethischen», die
                  sozialen Verhältnisse etc., der besondere Stoff der philosophischen Ethik (S.
                     22).<note xml:id="n15">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-1551">I. A. Dorner</persName>, a.a.O. S. 21.</bibl>
                  </note> Und so weiter! Das ist die Haltung der Diastase.</p>
          <p>Aber sollte sie nicht vielleicht ebenso bedenklich sein wie die vorhin
                  geschilderte Haltung der Synthese? Was geschieht denn nun eigentlich im Zeichen
                  dieser mehr oder weniger einleuchtenden und kunstvollen Antithetik? Wiederum
                  besteht offenbar eine doppelte Möglichkeit:</p>
          <p>
                        <hi rend="italic">Entweder</hi> die bewußte Rollenverteilung zwischen den beiden
                  Partnern wird säuberlich durchgeführt. Die Meinung ist also die, es gebe eine
                  ernsthafte <hi rend="italic">theologische</hi> Ethik, die wirklich nur nach dem Handeln
                  fragt, das unter der Herrschaft des christlich-religiösen Selbstbewußtseins und im
                  Gebiet der entsprechenden geschichtlichen Anschauung entsteht, deren Normen nur
                  für die Kirchgenossen verpflichtend sind, die dann freilich als «Gläubige»
                  vorausgesetzt werden, in denen der Geist Gottes wirksame Macht ist. Und es gebe
                  ferner eine ernsthafte <hi rend="italic">philosophische</hi> Ethik, die sich ebenso
                  abstrakt auf Vernunft und Empirie zurückführen lasse, die sich mit der «Idee» des
                  Sittlichen zufriedengebe, deren letztes Wort die Selbstbestimmung des Menschen sei
                  und die als solche den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben dürfe.</p>
          <p>Wir fragen dazu zweierlei: 1. Kann die Theologie der Vernunft oder der Empirie
                  oder beiden zusammen einen abstrakten Wahrheitsgehalt, notabene einen
                  allgemeingültigen abstrakten Wahrheitsgehalt, zuerkennen, um den sie als Theologie
                  – also ebenso abstrakt mit der Offenbarung oder mit den Expektorationen des
                  religiösen Selbstbewußtseins beschäftigt – sich nicht weiter zu bekümmern hätte,
                  den sie getrost dem philosophischen Nachbarn überlassen dürfte, um ihrerseits, wie
                     <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2469">Christian Palmer</persName></hi> (Die Moral d. Chrts., S. 18) gespottet hat,
                  «gleich dem <seg type="non-entity">Vogel</seg> Greif in dunkeln Höhlen alte Traditionen zu hüten»? Ist sie etwa
                  gerade gut genug als Lehre von der Kultur der Einzelpersönlichkeit? Ist die Offen<pb xml:id="p042" break="no" ed="pga"/>barung Offenbarung der Wahrheit, und ist das religiöse Selbstbewußtsein
                  Bewußtsein der Wahrheit? Oder sind sie etwas Anderes, etwa obskure Quellen von
                  allerlei religiösen Vorstellungen, an denen die Philosophie getrost ihres Weges
                  vorbeiziehen dürfte, ja vielleicht im Einverständnis mit den Theologen gar müßte?
                  Sind sie zur Erkenntnis der Wahrheit unentbehrlich oder nicht? Ist es der
                  Theologie <seg type="non-entity">Ernst</seg> mit ihrem angeblichen Wissen um ein aller Vernunft und Empirie
                  überlegenes Woher? und Wohin? alles ethischen Fragens und Antwortens, wie kann sie
                  dann eine Philosophie ernst nehmen, die dieses Wissen etwa wirklich entbehren oder
                  gar verleugnen sollte? Müßte sie nicht, statt sich auf ein solch schimpfliches
                  Schiedlich-Friedlich einzulassen, den Mut haben, eine philosophische Moral, die
                  nicht als solche so gut wie sie selbst christliche Moral ist, Unmoral zu
                  nennen?</p>
          <p>Und wir fragen 2.: Wie, wenn sich die Philosophie nun gar nicht auf die Dauer in
                  jenen luftleeren Raum der Idee verweisen lassen sollte, in dem wir Theologen sie
                  immer wieder gerne unterbringen möchten? Wenn sie sich das Problem der
                  Verwirklichung, der Konkretion, der faktischen Lebenslage des Menschen und
                  wiederum das Problem der jenseitigen Voraussetzung aller Verwirklichung auf die
                  Dauer keineswegs von den Theologen entreißen lassen wollte? Gehört es etwa zum
                  Wesen der Philosophie, daß sie es mit dem Bösen leicht zu «nehmen pflegt und darum
                  auch mit der Versöhnung» (<persName ref="kbga-actors-1551">I. A. Dorner</persName>, S. 24)? Daß der Positivismus und weithin
                  auch der kantische Idealismus es sich geleistet hat, diese ganzen Problemgebiete
                  unbestellt zu lassen, das beweist noch lange nicht, daß die Philosophie das immer
                  tun wird. Mit welchem Recht sollten ihr die Theologen dann ein Überschreiten der
                  bei jener Antithetik vorausgesetzten Grenze verwehren wollen? Oder sollten sie die
                  Absicht haben, die Philosophie dann in der Stimmung des älteren <seg type="non-entity">Bruders</seg> im
                  Gleichnis vom verlorenen Sohn auf diesem ihrem vermeintlichen Spezialund
                  Sondergebiet zu begrüßen? Lebt sie heimlich davon, daß sich die Philosophie eines
                  möglichst schnöden Pelagianismus und womöglich Atheismus befleißigt und von dem
                  Wunsch, es
                  <pb xml:id="p043" ed="pga"/>
                   möchte dabei nur immer sein Bewenden haben, damit sie selber nicht überflüssig
                  werde? Das sind die beiden Fragen, die gegenüber der ersten Möglichkeit
                  aufzuwerfen sind.</p>
          <p>
                        <hi rend="italic">Oder</hi> aber – zweite Möglichkeit – jene Rollenverteilung ist gar
                  nicht so streng gemeint. Man weiß darum, daß alle Wahrheit im Worte Gottes
                  beschlossen ist und daß sie darum als vernünftige oder als geschichtliche, als
                  profane oder als religiöse, als kirchliche oder als gesellschaftliche Wahrheit
                  auch die Theologie angeht, auch Thema der Theologie sein muß und daß sie
                  andererseits auch der Philosophie nicht anders zugänglich ist als durch dasselbe
                  Wort Gottes. Die Theologie dispensiert sich also keineswegs davon, ebenso
                  allgemeingültig zu reden wie die Philosophie, und die Philosophie redet als
                  christliche Philosophie. Dann fällt aber der heimliche oder offene Vorzug, den
                  sich die Theologie bei jener Antithetik zu sichern pflegt, als befinde sie sich in
                  einem Heiligtum, von dem die Philosophie ausgeschlossen wäre; dann wird sie der
                  Philosophie nicht mehr Aufgaben zuschieben dürfen, die sie selbst als falsch
                  gestellt ablehnen muß, wie etwa die Entwicklung der Irrlehre von der sittlichen
                  Selbstbestimmung des Menschen (als könnte, was in der Theologie falsch ist, in der
                  Philosophie wahr sein), wie sie sich ihrerseits dafür bedanken wird, ähnliche
                  Aufgaben von der Philosophie zugeschoben zu erhalten; dann wird sie nicht alsbald
                  scheel sehen und mißtrauisch das Ausbleiben ihrer eigenen Terminologie beklagen
                  dürfen, wenn eine Philosophie der praktischen Vernunft nun vielleicht, ohne
                  aufzuhören, Philosophie zu sein, jenes überlegene Wissen, das sie selbst
                  kennzeichnet, nicht ablehnt, sondern ihrerseits in ihrer Weise fruchtbar macht. Es
                  ist dann mit einem Wort aus mit der Herrlichkeit eines der Philosophie gegenüber
                  gesicherten Theologenstandpunktes – sondern wiederum kann die Theologie mit ihrer
                  direkten kirchlichen Bindung nur neben die <hi rend="italic">indirekt</hi> ebenso
                  gebundene Philosophie treten. Sollten jene Rollenverteilungsvorschläge dahin
                  zielen: auf die Verhältnisbestimmung zwischen einer christlich-<hi rend="italic">theologischen</hi> und einer <hi rend="italic">christlich</hi>-philosophischen
                  Ethik, dann mögen sie als Vorschläge und Hinweise
                  <pb xml:id="p044" ed="pga"/>
                   wiederum nicht unbedeutsam sein. Aber jene Haltung der Isolierung, als wüßte die
                  Theologie um Geheimnisse, die eine ernsthafte Philosophie nicht <hi rend="italic">auch</hi> weiß, wissen <hi rend="italic">muß</hi>, um ernsthafte Philosophie zu
                  sein, jene Haltung muß dann fallen, so gut wie die apologetische.</p>
          <p>Ist alle, aber auch alle Apologetik erledigt, tut die Theologie als Theologie
                  rücksichtslos, was ihres Amtes ist, dann ist eben damit ihre Selbständigkeit
                  aufgerichtet und dokumentiert und braucht ihr deren Behauptung kein Anliegen mehr
                  zu sein. Ist sie ihres Gegenstandes, des überlegenen Wortes Gottes, sicher, dann
                  kann es sie unmöglich beunruhigen, daß dasselbe Wort Gottes in ganz anderer Weise
                  auch der Gegenstand der Philosophie ist. Die Verschiedenheit, daß sie als
                  Wissenschaft vom Zeugnis der Kirche ihn unter der Kategorie der <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi>, die Philosophie aber als Inbegriff der Wissenschaft vom
                  Menschen ihn unter der Kategorie der <hi rend="italic">Möglichkeit</hi> betrachtet und
                  zum Kriterium erhebt, bedeutet dann eine Farbenverschiedenheit des
                  Professorentalars, über die ein Prestigestreit keinesfalls am Platze sein kann.
                  Das Pathos der Diastase wird entbehrlich, wenn es eingesehen sein sollte, daß die
                  wahre Diastase nicht zwischen Theologie und Philosophie, sondern zwischen beiden
                  und ihrem genuinen Gegenstand stattfindet, während beide im Raume der Kirche
                  beieinander sind und sich grundsätzlich und letztlich nichts vorzuhalten haben.
                  Das Spiel von Pharisäer und Zöllner, mit dem sich die Theologie so oft für ihre
                  Mißachtung seitens der Weltweisheit ein wenig schadlos zu halten pflegt, das
                  mysteriöse Pochen auf ein besonderes Verhältnis gerade der Theologen zum lieben
                  Gott, während der Philosophie, dem armen «Vernunftmenschen» eben doch nur der
                  kategorische Imperativ übrigbleibe – das Alles ist dann ausgespielt. Daß das
                  geschieht, das dürfte aber für das Gelingen der theologischen wie jeder wirklichen
                  Ethik eine nicht unwichtige ethische Voraussetzung sein.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>
                        <pb xml:id="p045" ed="pga"/>
                   3.</head>
          <p>Wir haben uns noch über eine dritte Möglichkeit des Verhältnisses zwischen
                  theologischer und philosophischer Ethik zu verständigen, die bis jetzt noch gar
                  nicht zur Sprache gekommen ist, die aber geschichtlich und sachlich, bevor wir
                  unsere eigenen Linien anzudeuten versuchen, unsere höchste Aufmerksamkeit
                  verdient: ich meine die römisch-katholische Ansicht von dieser Sache. Man muß ihr,
                  um dies gleich vorwegzunehmen, jedenfalls das nachrühmen, daß bei ihr sowohl das
                  Mißliche der apologetischen wie das der isolierenden Haltung eingesehen und bei
                  allen Zweideutigkeiten nach beiden Seiten und innerhalb der großen Bedenklichkeit
                  des katholischen Systems als solchen nicht ohne Glück vermieden ist. Weder jene
                  Auslieferung der Theologie an eine trotz und in ihrer Profanität als oberste Norm
                  anerkannte Philosophie, noch jene ebenso hochmütige wie unzweckmäßige
                  Abseitsstellung der Theologie gegenüber der Philosophie wird man dieser Ansicht
                  grundsätzlich schuld geben können.<note xml:id="n16">Jemandem etwas schuld geben =
                     jemanden einer Sache bezichtigen.</note> Ernsthaft philosophische Moral wird
                  hier – anima humana naturaliter christiana – zwar nicht als theologische, aber als
                  christliche Moral mit aller Entschiedenheit in Anspruch genommen, als solche dann
                  aber auch anerkannt und behandelt als in seiner Weise ebenbürtiger Partner der
                  theologischen Moral, auf dessen Stimme zu hören, dieser keinen Augenblick
                  unterlassen darf, ohne ihm auch nur einen Augenblick wirklich den Vortritt zu
                  gönnen.</p>
          <p>Moral<hi rend="italic">philosophie</hi> und Moral<hi rend="italic">theologie</hi> sind
                  einander gegenseitig zugeordnet, setzen sich gegenseitig voraus, sind im
                  katholischtheologischen Ethiker grundsätzlich immer in Personalunion verbunden,
                  aber so, daß die Moraltheologie von Haus aus den Drehpunkt des exzentrischen <seg type="non-entity">Rades</seg>
                  bildet und diese Stellung nie verlieren kann. Das Problem des Verhältnisses der
                  beiden Wissenschaften wird bewältigt durch eine schlichte, aber konsequente
                  Statuierung von zwei verschiedenen, an sich gleichberechtigten
                  <pb xml:id="p046" ed="pga"/>
                   Problemsphären, die sich aber notwendig in einer bestimmten Rangordnung folgen,
                  so nämlich, daß die Moralphilosophie die untere, die Moraltheologie die obere
                  Stufe bildet. Erkennt die Moralphilosophie die Grundsätze des sittlichen Handelns,
                  allerdings nicht ohne williges Sichbelehrenlassen durch Erfahrung und Geschichte,
                  mit dem Lichte der natürlichen Vernunft und als Vernunftgrundsätze im selben Sinn
                  wie die Gesetze der Logik als das im Sein wurzelnde Sollen des Menschen als
                  solchen, so läßt sie sich dabei doch – sie wäre sonst dem Irrtum preisgegeben –
                  durchaus durch die Offenbarung leiten. Darum erkennt sie dann auch die Bestimmung
                  des Menschen darin, durch sein Dasein als Geschöpf den <hi rend="italic">Schöpfer</hi>
                  zu verherrlichen und sich so auf die ewige Seligkeit vorzubereiten, erkennt sie
                  das in den vier aristotelischen Tugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und
                  Mäßigkeit zu betätigende sittlich Gute, d.h. das der vernünftigen Natur des
                  Menschen Angemessene als das bloß <hi rend="italic">relativ</hi> Gute, relativ nämlich
                  zu dem absolut Guten der göttlichen Wesenheit, das die Idee des Guten ist. Und
                  wenn dem gegenüber die Moraltheologie, nunmehr direkt aus der heiligen Schrift,
                  aus der Tradition und aus der Quelle des lebendigen kirchlichen Lehramts
                  schöpfend, die Erhebung des in Sünde gefallenen Menschen in die Gnadenordnung zur
                  Voraussetzung und die Darstellung der den Menschen faktisch allein zum Ziel
                  führenden übernatürlichen Sittlichkeit, die Entwicklung des positiven christlichen
                  Sittengesetzes und der aus ihm folgenden Pflichten und auf ihrem Gipfel die
                  Entwicklung der drei theologischen Tugenden des Glaubens, der <seg type="non-entity">Liebe</seg> und der
                  Hoffnung zur Aufgabe hat, so ist doch die Gnade nach katholischer Lehre allerdings
                  ein höheres, vom natürlichen Wesensbestand des Menschen verschiedenes
                  Lebenselement, in ihrem Effekt doch «zugleich Heilung und Erneuerung der Natur aus
                  der Zerrüttung der Sünde und Erhebung der <hi rend="italic">Natur</hi> zur
                  geheimnisvollen Gottähnlichkeit und Gottebenbildlichkeit» (<persName ref="kbga-actors-2454">Mausbach</persName>, Kult. d. Geg. II S.
                        540)<note xml:id="n17">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-2454">J. Mausbach</persName>, <hi rend="italic">Christlich-katholische
                              Ethik</hi>, in: Die Kultur der Gegenwart, hrsg. v. P. Hinneberg,
                           Teil I, Abt. IV, 2. Hälfte: Systematische christliche Theologie,
                              Berlin und Leipzig
                           1906, S. 540</bibl>: «Es ist zugleich Heilung, Erneuerung der Natur aus der Zerrüttung der
                     Sünde und Erhebung der Natur zu geheimnisvoller Gottähnlichkeit und
                     Gotteskindschaft.»</note> – gratia non
                  <pb xml:id="p047" ed="pga"/>
                   destruit sed supponit et perficit naturam – und wird das Gesetz des neuen Bundes,
                  das die Erneuerung regelt, zum vornherein verstanden als «eine treffende Parallele
                  zum Naturgesetz» (S. 523).</p>
          <p>Man braucht diese unzweifelhaft schon in der alten Kirche sich ankündigende, von
                  <persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName> in den Grundzügen entwickelte und von der römischen Kirche im
                  Lauf der Jahrhunderte immer feiner ausgearbeitete Konstruktion, diese kühne
                  «Verbindung von <persName ref="kbga-actors-11">Aristoteles</persName> und <persName ref="kbga-actors-14">Augustinus</persName>» (S. 527) nicht erst mit der
                  Zerfahrenheit der entsprechenden protestantischen Aufstellungen zu vergleichen, um
                  zu der Anerkennung genötigt zu sein, daß es sich hier jedenfalls um eine
                  klassische, sagen wir ruhig: um eine der grandiosesten Leistungen auf unserem
                  ganzen Gebiet handelt. Daß wir von ihr zu lernen haben, ist ganz klar. In
                  mustergültiger Weise ist hier festgelegt, 1. daß die letzte und eigentliche
                  Voraussetzung der theologischen und der philosophischen Ethik, von der ersteren
                  aus gesehen, eine und dieselbe sein muß: die Erkenntnis Gottes, 2. daß sich also
                  die theologische Ethik unmöglich und in keinem Sinn durch die philosophische
                  Ethik, mit der sie ja von derselben Wahrheitsantwort herkommt, die Wahrheitsfrage
                  kann stellen und beantworten lassen, 3. daß sie vielmehr eine philosophische
                  Ethik, die jene Voraussetzung entbehrte oder ganz leugnete, als Ethik nicht
                  anerkennen bzw. daß sie jede Ethik im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf die vermutlich auch ihr nicht ganz
                  fehlenden Residuen dieser Voraussetzung nicht als theologische, aber als
                  christliche Ethik in Anspruch nehmen muß, daß sie sie aber auch nur als solche, im
                  <seg type="non-entity">Blick</seg> auf diese Residuen, d.h. gemessen an ihrer eigenen Voraussetzung als Ethik
                  anerkennen und ernst nehmen kann, 4. daß also zwischen theologischer Ethik und
                  einer auf dem Boden dieser Voraussetzung stehenden philosophischen Ethik nur ein
                  relativer, methodischer, nicht aber sachlicher Gegensatz bestehen kann. Diese
                  Form, diese Hauptzüge der katholischen Konstruktion entsprechen zu genau dem
                  <pb xml:id="p048" ed="pga"/>
                   Ergebnis unserer eigenen im 1. und 2. Absatz angestellten Erwägungen, als daß sie
                  uns nicht für das Folgende maßgebend sein müßten.</p>
          <p>Dennoch kann nun kein Zweifel bestehen, daß dieselben Sätze bei uns einen ganz
                  anderen Sinn haben müssen als im Katholizismus. Zwischen der katholischen Ansicht
                  und der unsrigen steht eine Verschiedenheit der Auffassung von Gott, vom Menschen,
                  von seiner Sünde und von der ihm widerfahrenden Gnade, auf Grund deren die
                  Intention und der ganze Charakter der Verhältnisbestimmung der beiden
                  Wissenschaften bei weitgehender formaler Übereinstimmung sachlich weit
                  auseinandergehen.</p>
          <p>Es beruht nämlich die katholische Ansicht von der gegenseitigen Zuordnung von
                  Moralphilosophie und Moraltheologie auf der katholischen Grundanschauung von der
                  im Begriff des Seins wurzelnden Harmonie von Natur und Übernatur oder von Natur
                  und Gnade, von Vernunft und Offenbarung, von Mensch und Gott. Die Ordnung des
                  Sollens ist aufgebaut auf die Ordnung des Seins, die Ethik auf die Metaphysik, die
                  die gemeinsame Voraussetzung der Philosophie und der Theologie bildet. Das
                  nachbildende menschliche Erkennen ist grundsätzlich trotz des Sündenfalls des
                  wahren Seins und damit des höchsten Gutes, d.h. Gottes mächtig, wenngleich es
                  wegen des Sündenfalls einer besonderen Erleuchtung durch die Offenbarung bedarf,
                  um faktisch nicht doch in die Irre zu gehen. Der Sündenfall hat die Erkenntnis
                  Gottes so erschwert, daß sie ohne die Gnade Gottes in der Regel und jedenfalls in
                  ihrer ganzen Tiefe nicht wirklich wird. Er hat sie aber nicht geradezu unmöglich
                  gemacht. Auf den Rest von schöpfungsmäßiger Zuordnung des Menschen zu Gott hin,
                  kraft deren ihm ein Erkennen des Daseins, der Einheit, Geistigkeit und
                  Persönlichkeit Gottes auch im Stande der Sünde grundsätzlich ohne die Gnade
                  möglich ist, und mit der in bezug auf sein Sollen und Wollen das durch die Sünde
                  gleichfalls nur geschwächte liberum arbitrium Gott gegenüber zusammentrifft, wird
                  die anima humana als christiana, wird das Licht der natürlichen Vernunft als
                  Prinzip der Moralphilosophie
                  <pb xml:id="p049" ed="pga"/>
                   in Anspruch genommen. Dieselbe trotz des Sündenfalls erhalten gebliebene
                  schöpfungsmäßige Zuordnung ist dann auch der Beziehungspunkt, an dem sich die auf
                  die Gnade gegründete, aus Schrift und Dogma schöpfende Moraltheologie zu
                  orientieren hat, nur daß sie es ist, die jener letztlich den inneren Rechtsgrund
                  zu jener Inanspruchnahme zuerteilt, die sie letztlich leitet und die ihr darum
                  auch im Rang vorangehen muß, zu der sich jene nur wie der Unterbau zum Oberbau
                  verhalten kann.</p>
          <p>Diese Voraussetzungen jener katholischen Konstruktion (<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-433">G. Wünsch</persName></hi>
                  hat sie als seiner theologischen Ethik letzten Schluß, § 32, S. 122f., wie es
                  scheint, ahnungslos übernommen!) sind für uns in allen Teilen bedenklich, ja
                  unannehmbar. Es ist nun hier nicht der Ort, den protestantischen Widerspruch, der
                  sich auch in diesem Teilproblem gegen den Katholizismus als Ganzes richtet, anders
                  als in kurzen Strichen skizziert zum Ausdruck zu bringen.</p>
          <p>Er muß einsetzen schon bei der Bestimmung Gottes als des höchsten <hi rend="italic">Seins</hi>. Wo und wie sollte uns Gott denn in seinem Sein, wo und wie anders
                  denn im Akte und als Akt erkennbar und gegeben sein? Ist der in seinem Sein
                  begriffene Gott eine Größe, deren der Mensch mächtig ist, mit welchem Rechte
                  verdient dann diese Größe Gott zu heißen? Verrät sich diese Zweideutigkeit nicht
                  bedenklich in der Vorstellung, als gebe es, unter der Voraussetzung der
                  natürlichen Erkenntnisquelle nämlich, eine quantitativ verstanden teilweise
                  Erkenntnis Gottes, deren Gegenstand z.B. wohl die Persönlichkeit, aber nicht die
                  Dreipersönlichkeit Gottes, die Schöpfung, aber nicht die Versöhnung wäre? Erkennt
                  der Mensch denn wirklich Gott, wo er ihn zugestandenerweise nicht ganz, nicht in
                  seinem Wesen, nicht als den Herrn im prägnanten und umfassenden biblischen Sinn
                  dieses Begriffs erkennt? Ist Metaphysik als der Philosophie und der Theologie
                  übergeordnete Grunddisziplin nun nicht doch ein Rückfall in die Apologetik, bei
                  der der Theologie und der Philosophie ihr letzter Ursprung und Gegenstand nur
                  verlorengehen kann? Die Theologie schon der alten Kirche ist bekanntlich weithin
                  apologetisch eingestellt gewesen. Wir werden die später freilich unendlich viel
                     <pb xml:id="p050" ed="pga"/>
                   gesicherter und verfeinerter auftretende katholische Prinzipienlehre gemessen an
                  dem Gewicht dessen, was in den biblischen Dokumenten als Erkenntnis Gottes
                  beschrieben wird, als eine Abweichung verstehen müssen, die wir nicht mitmachen
                  können.</p>
          <p>Eben darum ist uns dann aber auch <seg type="non-entity">Aufbau</seg> der Ordnung des <hi rend="italic">Sollens</hi>
                  auf die Ordnung des Seins ein unerlaubtes Beginnen. Von welchem Standort aus
                  kommen wir Menschen denn etwa dazu, diesen <seg type="non-entity">Aufbau</seg> als solchen zu konstatieren? Muß
                  dieses Ableiten des Sollens aus dem Sein, von uns, die wir nicht Gott, sondern
                  Menschen sind, vollzogen, nicht eine Abschwächung, ja Aufhebung des Sollens als
                  solchen bedeuten? Gibt es ein göttlich verordnetes Sollen, wie kann es denn für
                  uns anderswo gründen als in sich selber, muß dann sein Gebot nicht mit dem
                  göttlichen Akt des Gebietens, ja mit dem göttlichen Gebieten selbst eins und
                  dasselbe sein? Wie kommen wir dann dazu, darüber hinauszuschauen auf ein
                  dahinterliegendes göttliches Sein – und wenn wir das tun, haben wir es dann als
                  Sollen ernst genommen?</p>
          <p>Fragt man uns aber, warum wir denn die Bestimmung Gottes als des Seins und die
                  Ableitung des Sollens aus dem Sein so gar nicht mit dem <seg type="non-entity">Ernst</seg> des Begriffs von
                  Gott und seinem Gebot vereinbaren könnten, so können wir nur antworten, weil wir
                  alle Gemeinschaft des Menschen mit Gott nur als <hi rend="italic">Gnade</hi> verstehen
                  können. Gnade aber schließt die Möglichkeit eines solchen Griffs nach Gottes Sein
                  oberhalb seines Aktes gerade aus. Gnade sagt, daß wir nur durch den göttlichen Akt
                  und in ihm Gemeinschaft mit Gott und also auch Erkenntnis Gottes haben. Wir
                  könnten Gnade nicht mehr als Gnade verstehen, d.h. aber wir könnten das Ereignis,
                  in dem uns Gott begegnet und uns sein Gebot gibt, nur als ein faktisch ganz
                  anderes Ereignis, das mit Gott direkt gar nichts zu tun hat, verstehen, wenn die
                  Gnade ihre Kraft wirklich mit einem Vermögen unserer Natur und Vernunft teilen,
                  wenn ein Aufstieg des Menschen zu Gott möglich und eine Ordnung des Sollens
                  wirklich sein sollte auf Grund einer direkten, das göttliche Sein erfassenden
                  Beziehung des Menschen zu Gott und also vorbei an seiner Gnade. Es würde uns durch
                  eine solche
                  <pb xml:id="p051" ed="pga"/>
                   Verteilung der Beziehung auf zwei Faktoren, essentia und gratia, auch der zweite
                  angeblich göttliche Faktor, auch die Gnade zu einem Gegenstand unter anderen,
                  dessen wir mächtig sind, wie wir eben der Gegenstände mächtig sind, für die uns
                  aber der Begriff des Göttlichen zu gut sein müßte. Gottes Gnade – das ist das
                  protestantische Axiom, hinter das wir uns nicht zurückdrängen lassen können – ist
                  entweder volle, ganze, alleinige [Gnade], oder sie ist gar nicht göttliche,
                  sondern bestenfalls eine dämonische Kraft und Wahrheit. Wir können in der
                  Vorstellung einer Gnade, an der ein solches Vorbeikommen möglich wäre, die
                  schließlich doch nur zur Entzündung eines schon vorher vorhandenen Lichtes dienen
                  würde, die ernste Ausschließlichkeit des biblischen Offenbarungs- und
                  Versöhnungsgedankens in seiner Analogie zu der creatio mundi ex nihilo nicht
                  wiedererkennen.</p>
          <p>Eben von dieser positiven Einsicht aus, im Lichte der Erkenntnis der
                  Alleinwirksamkeit und Alleingenugsamkeit der Gnade müssen wir nun aber auch – das
                  ist wohlverstanden nicht das erste, sondern das zweite – die entsprechende
                  Negation, müssen wir den Begriff der Sünde schärfer fassen, als dies die
                  katholische Lehre tut, können [wir] eine bloß relative, quantitative, faktische
                  Bedeutung des Sündenfalls für das Vermögen des Menschen Gott gegenüber nicht
                  zugeben, sondern müssen – ohne der Schöpfung des Menschen durch Gott, ohne der
                  schöpfungsmäßigen Bestimmung des Menschen für Gott darum in manichäischer Weise
                  uneingedenk zu sein – eine Eignung des Menschen zu einem Zusammenwirken des
                  Menschen mit Gott auf Grund jener «Hinordnung» in Abrede stellen. Aus jener
                  «Hinordnung» als solcher und an sich ergibt sich diesseits des Sündenfalls
                  keineswegs die Möglichkeit oder gar Wirklichkeit einer wenn auch eingeschränkten
                  Gemeinschaft mit dem lebendigen, wahren Gott. Gibt es, wie wir später sehen
                  werden, eine Bedeutung der Gnade und damit der göttlichen Gebote gerade für die
                  reine Geschöpflichkeit des Menschen als solche, so ist das eben die Bedeutung der
                  Gnade und keine Natur- und Vernunftsvoraussetzung. Es war wieder eine Abweichung,
                  wenn in der Tat schon die alte Kirche,
                  <pb xml:id="p052" ed="pga"/>
                   spätestens seit der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts,<note xml:id="n18">Richtiger: des zweiten Jahrhunderts.</note> die Quellen der christlichen
                  Sittlichkeit und Sittenlehre in der Vernunft <hi rend="italic">und</hi> in der
                  Offenbarung und folgerichtig bei <persName ref="kbga-actors-1525">Cicero</persName> und seinesgleichen <hi rend="italic">und</hi>
                  in den Evangelien zu suchen und zu finden begann, und diese Abweichung war
                  deutlich erkennbar darin begründet, daß man Gnade nicht mehr als Gnade und Sünde
                  nicht mehr als Sünde zu verstehen begann, als jene Vorstellung von einem
                  vollkommenen Christenstand zu herrschen begann, die wir in <ref type="pub" target="../volume/02/p001#p001">§ 1</ref>, <ref target="#Ges2-sec02">2</ref> an der Wiege
                  der verselbständigten christlichen Sittenlehre mit Bedauern angetroffen haben.</p>
          <p>Rechtfertigung <hi rend="italic">und</hi> Heiligung sind aber nicht das Werk Gottes <hi rend="italic">und</hi> des Menschen, sondern allein Gottes Werk, und die Theologie
                  kann sich nicht mit einer Philosophie verbinden, die das anders haben möchte, um
                  dann wohl selber, wie es die katholische Theologie allerdings tut, denselben Weg
                  einzuschlagen. Das kann die Unterscheidung der philosophischen und theologischen
                  Ethik nicht bedeuten, daß beide aus verschiedenen <hi rend="italic">Quellen</hi>
                  schöpfen, daß beide, wenn auch in gegenseitiger Ergänzung, in <hi rend="italic">verschiedener</hi> Weise auf Erkenntnis Gottes beruhen. Es gibt nur eine
                  Erkenntnis Gottes, und die ist Gnade. Auch für die Philosophie kann die Gnade
                  nicht eine bloße Erleuchtung und Leitung des an sich durchaus auf geradem Weg zu
                  Gott schon befindlichen menschlichen Denkens sein. Und so ist andererseits die
                  Gnade auch für die Theologie keine Gegebenheit, daß sie sie auch nur in relativem
                  Gegensatz zur Philosophie als ihre besondere Domäne behandeln und auf Grund dieses
                  ihres besonderen Verhältnisses zu ihr – man bedenke: auf Grund ihres besonderen
                  Verhältnisses zu Gottes <hi rend="italic">Gnade</hi>! – einen Vorrang vor der
                  Philosophie in Anspruch nehmen könnte und dürfte.</p>
          <p>Ist diese Unterscheidung von zwei verschiedenen Quellen der Ethik und die aus ihr
                  gefolgerte Rangordnung von Theologie und Philosophie nun nicht doch wieder ein
                  Rückfall in jene Isolierung der Theologie, bei der sie in vielleicht verhängnis<pb xml:id="p053" break="no" ed="pga"/>voller Weise die strenge Gültigkeit ihres eigenen Prinzips in Frage stellt, indem
                  sie der Philosophie ein anderes, neben jenem gültiges zuschiebt und bei der sich
                  die Philosophie ihrerseits vielleicht und mit Recht durchaus nicht beruhigen wird?
                  Hat «der weiseste aller Vermittler», wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2454">Mausbach</persName></hi> (S. 527) den
                  <persName ref="kbga-actors-1282">Thomas</persName> nennt, die groben Fehler der Apologetik und der Isolierung, die sich die
                  neuere protestantische Ethik leistet, in der Tat mit kluger Hand vermieden, so
                  erschreckt uns nur um so mehr der Grundirrtum, der dabei vorzuliegen scheint. Was
                  sind schließlich jene protestantischen Fehler anderes als eben Vergröberungen des
                  feinen Irrtums, den wir eben in der «Verbindung von <persName ref="kbga-actors-11">Aristoteles</persName> und <persName ref="kbga-actors-14">Augustinus</persName>»
                  als solcher erkennen müssen? Lassen wir uns die katholische Verhältnisbestimmung
                  von theologischer und philosophischer Ethik in ihrer Form, in jenen Hauptzügen
                  ihrer Struktur als vorbildlich gefallen, so werden wir ihr jedenfalls eine ganz
                  andere, der protestantischen Einsicht von Gott, Mensch, Sünde und Gnade
                  entsprechende Begründung und inhaltliche Füllung geben müssen.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>4.</head>
          <p>Wir haben die Auseinandersetzung mit den wichtigsten Typen der
                  Verhältnisbestimmung zwischen philosophischer und theologischer Ethik hinter uns.
                  Wir haben sie von dem bestimmten Ort aus vorgenommen, der uns durch unsere
                  Aufgabe, die Aufgabe einer theologischen Ethik, gewiesen ist. Es ist
                  selbstverständlich, daß dieselbe Auseinandersetzung, von der Philosophie aus
                  angestellt, unter etwas anderen Gesichtspunkten verlaufen müßte. Sie könnte aber
                  jedenfalls, wenn es sich um die Philosophie handelt, um die es sich hier allein
                  handeln kann: um die mit der Theologie deren letztes Wissen teilende Philosophie,
                  sachlich unmöglich zu anderen Ergebnissen führen. In der Ablehnung der
                  apologetischen und der isolierenden Methode und in der sachlichen Ablehnung der
                  katholischen Konstruktion bei gleichzeitiger Anerkennung ihrer hohen formalen
                  Bedeutsamkeit
                  <pb xml:id="p054" ed="pga"/>
                   müßte und würde sie, ganz anders argumentierend als wir, mit uns einiggehen.
                  Unter demselben Vorbehalt, aber auch in derselben Erwartung treten wir nun an die
                  Aufgabe heran, selber Antwort auf das in der Überschrift unseres Paragraphen
                  angezeigte Problem zu geben. Also unter Vorbehalt, daß wir uns hier nicht anmaßen,
                  zugleich im Namen der Theologie <hi rend="italic">und</hi> der Philosophie zu reden,
                  sondern das Wort, das die Philosophie hier mitzureden hätte, grundsätzlich der
                  Philosophie selbst überlassen. Aber auch in der Erwartung, daß die Philosophie
                  zwar dasselbe ganz anders, aber nicht etwas Anderes dazu zu sagen haben
                     dürfte.<note xml:id="n19">
Ein in Text A hier anschließender, von K. B. später gestrichener Passus
                        lautet: <hi rend="italic">«Ich habe im Diktat als gemeinsame Voraussetzung der
                           theologischen und philosophischen Ethik genannt das ‹Bekenntnis zu der
                           konkreten Offenbarung Gottes in Christus durch den heiligen Geist›, als
                           Unterscheidungsmerkmale: für die theologische Ethik die Frage nach der
                           den Menschen heiligenden Wirklichkeit des Wortes Gottes, für die
                           philosophische Ethik die Frage nach der dieser Wirklichkeit
                           entsprechenden Möglichkeit. Jene Gemeinsamkeit und diese
                           Verschiedenheiten bilden offenbar die drei Punkte, die wir nun näher zu
                           erläutern und zu bestimmen haben.»</hi> S. oben S. 30.
<lb/>Die Thesen, die er jeweils an den Anfang eines neuen Paragraphen stellte,
                        pflegte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seinen Hörern zu diktieren.
</note>
               </p>
          <div type="subsection">
            <!-- there is no head in the printed edition, but subsection b und c have a head -->
            <p>
                            <hi rend="italic">a</hi>) Die <hi rend="italic">gemeinsame Christlichkeit</hi> der
                     philosophischen und der theologischen Ethik. Als unter mehr als einem
                     Gesichtspunkt befremdlich dürfte wohl unter den Ergebnissen unserer bisherigen
                     Überlegungen vor allem der Begriff einer <hi rend="italic">christlichen
                        Philosophie</hi> aufgefallen sein. Bemerken wir zur Erklärung vor allem, daß
                     «christliche Theologie», wenn die Bezeichnung «christlich» einigermaßen
                     prägnant gemeint sein sollte, ein Begriff ist, der sich jenem gegenüber
                     keineswegs durch größere Selbstverständlichkeit auszeichnet. Theologie ist so
                     gut und so schlimm wie Philosophie eine menschliche Wissenschaft. Sie erkennt
                     und begreift und redet auf Erden und nicht im Himmel. Soll nun das Wort
                     «christlich» nicht bloß eine geschichtliche Unterscheidung <hi rend="italic">dieser</hi> Theologie von den entsprechenden Erscheinungen im Buddhismus
                     oder im Islam bedeuten, ist bei «chistlich» an Christus gedacht und also an des
                     lebendigen, wahren Gottes
                     <pb xml:id="p055" ed="pga"/>
                      Offenbarung an die Menschen und also an eine Wissenschaft, die als Theologie
                     nicht etwa eine von den Offenbarungen des Dämonischen, deren es auch gibt,
                     sondern dieses, des lebendigen Gottes Offenbarung zum Gegenstand hat, so ist
                     die Frage: Wie kommt diese Wissenschaft zu dem Prädikat «christlich»? – nicht
                     weniger angebracht, als wenn wir fragen: Wie kommt Philosophie, die
                     Wissenschaft von der Verständigung des Menschen über sich selbst, dazu, Gottes
                     Offenbarung vorauszusetzen und damit auf das Prädikat «christlich» Anspruch zu
                     bekommen? Man könnte im Gegenteil erwägen, ob der Anspruch auf Christlichkeit
                     der Theologie nicht sogar in dem Maß noch kühner sein sollte, als wenn er von
                     oder für die Philosophie erhoben wird, als ja in der Philosophie das
                     Christliche, Gottes Offenbarung, wenigstens nur die viel weniger auffallende
                     Bedeutung der entscheidenden, aber unausgesprochenen <hi rend="italic">Voraussetzung</hi> haben kann, eine Bestimmung, die im gleichen Sinn auf
                     die Wissenschaft überhaupt, auf die <seg type="non-entity">Kunst</seg>, auf die Erziehung, ja, auf welches
                     praktische Problemgebiet schließlich nicht? anzuwenden wäre, während das
                     Christliche in der allen diesen Gebieten gegenüber gefährlich vereinsamten
                     Theologie geradezu als <hi rend="italic">Gegenstand</hi> menschlicher Nachforschung,
                     Behauptung und Darstellung aufzutreten behauptet. Könnte es nicht sein, daß
                     gegen die Christlichkeit der Theologie vielleicht mit ernsten Gründen noch mehr
                     einzuwenden wäre als gegen die der Philosophie?</p>
            <p>Beginnen wir mit drei negativen Feststellungen: 1. Das Christliche kann, wenn
                     darunter ernsthaft eben das Wort Gottes verstanden sein soll, auch für den
                     Theologen nicht so etwas wie einen obersten Grundsatz, eine Definition
                     bedeuten, die dann zum Prinzip weiterer Definitionen geeignet wäre und so das
                     Ganze als christlich garantieren würde. 2. Das Christliche kann, ernsthaft
                     verstanden, auch für den Theologen nicht in einer bestimmten Methode, etwa in
                     der Ableitung aller Sätze aus der Heiligen Schrift oder aus dem Dogma oder auch
                     in der möglichst freimütigen und aufrichtigen Aussprache des religiösen
                     Bewußtseins bestehen. 3. Das Christliche kann wiederum nicht etwa in dem
                     <pb xml:id="p056" ed="pga"/>
                      Grad von Tiefe und Kraft liegen, der dem betreffenden Theologen in bezug auf
                     seine persönliche christliche Frömmigkeit eigen wäre. In allen diesen drei
                     Richtungen gesucht, stünde das Christliche offenbar zur Verfügung des Menschen,
                     es könnte dann, wie zu beweisen nicht nötig ist, als Christliches gerade <hi rend="italic">nicht</hi> ganz ernst genommen, es müßte trotz des Vorhandenseins
                     vielleicht aller dieser drei Eigenschaften mit der Möglichkeit der
                     Unchristlichkeit auch der Theologie beständig gerechnet werden.</p>
            <p><seg type="non-entity">Ernst</seg> genommen, kann der Begriff «christlich», auch auf die Theologie
                     angewendet, nur ein Hinweis sein auf das Zeugnis: «<hi rend="italic">Ich</hi> bin
                     der Weg, die Wahrheit und das Leben» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.6">Joh. 14,6</ref>]. Die Christlichkeit der Theologie beruht
                     in keiner Weise in ihr selbst, sondern in der Offenbarung, die ihr Gegenstand
                     ist. Wobei zu bedenken ist: die Offenbarung ist Gott selber, Gott selber aber
                     ist unser Herr, von dem, durch den und zu dem hin wir sind, was wir sind. Wir
                     können den Weg, die Wahrheit und das Leben, wir können also das Christliche
                     schlechterdings nur so haben, daß es uns hat und sofern es uns hat. «Nicht daß
                     ich es schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei, ich jage aber dahin, ob
                     ich es ergreifen möchte daraufhin, daß ich von Jesus Christus ergriffen bin.»
                     So redet nicht ein Philosoph, der als solcher, wie wir Theologen es so gerne
                     haben möchten, nichts weiß von dem frohen Besitzen der Seligkeit, sondern so
                     redet <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.3.12">Phil. 3,12</ref> der
                     Apostel Jesu Christi gerade von diesem frohen Besitzen. <hi rend="italic">So</hi>
                     nämlich findet dieses Besitzen statt. Gotteserkenntnis ist, wo sie stattfindet,
                     schlechthinnige Wirklichkeit durch sich selber, ausgezeichnet gerade dadurch,
                     daß sie sich schlechterdings nicht in einer Form menschlichen Ergreifens als
                     solche einsichtig machen läßt, so gewiß sie sich immer in solchen Formen
                     vollziehen wird. Sie selbst ergreift den Menschen, gewiß nicht ohne
                     Rezeptivität, ja nicht einmal ohne Spontaneität des Menschen, aber gerade nicht
                     so, daß Rezeptivität und Spontaneität des Menschen nun etwa auf gleicher Ebene
                     mit ihrem Tun sich auswirkten, als ihr Korrelat in Anspruch zu nehmen wären, so
                     daß es Sinn hätte, etwa von einem religionspsychologischen Zirkel zu sprechen,
                     son<pb xml:id="p057" break="no" ed="pga"/>dern so, daß sie von Seiten des Menschen nur geglaubt werden – nicht von einem
                     Erkennen, sondern von einem Erkanntwerden des Menschen will ja derselbe Apostel
                     geredet wissen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.4.9">Gal. 4,9</ref>] – und dann («ich glaube, so rede ich auch» [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.13">2.Kor. 4,13</ref>]) im Gehorsam <hi rend="italic">bezeugt</hi> werden kann.</p>
            <p>So steht es mit der Christlichkeit der Theologie. Sie ist Gnade, wiederholen
                     wir aus unserer Polemik gegen die katholische Ansicht. Sie ist gerade, weil sie
                     mit dem Worte Gottes und also mit Gott selber identisch ist, kein Instrument,
                     das in die Hand des Menschen gelegt wäre. Sie kann nur wirklich sein in der
                     Wirklichkeit der Tat des lebendigen, wahren Gottes selber. Sie kann vom
                     Menschen nur bezeugt werden im Glauben und im Gehorsam, wobei die Kraft dieses
                     Zeugnisses wiederum Gottes und nicht des Menschen Kraft ist. Dieses Bezeugen
                     des Christlichen, d. h. der sich selbst offenbarenden, durch sich selbst uns
                     gegenwärtigen Wirklichkeit Gottes, ist das Amt der Kirche, und im Dienst der
                     Kirche das Amt der theologischen Wissenschaft. Ihre Christlichkeit, ihre
                     Beziehung zu Gottes Wort, steht, von oben gesehen, bei Gott, von unten gesehen
                     im Glauben und Gehorsam derer, die diesen Dienst ausüben. Damit ist von beiden
                     Seiten gesagt, daß es nur eine <hi rend="italic">göttlich</hi> gesicherte,
                     menschlich <hi rend="italic">un</hi>gesicherte Christlichkeit der Theologie gibt. So
                     steht nun die Christlichkeit der theologischen Ethik in der Wirklichkeit des
                     göttlichen Gebietens, des Wortes Gottes, sofern es uns Menschen in Anspruch
                     nimmt und unseren Glauben und Gehorsam findet.</p>
            <p>Die theologische Ethik bekennt sich zu Gottes Offenbarung in Christus durch den
                     heiligen Geist. Es dürfte nach dem Gesagten verständlich sein, daß damit nicht
                     gemeint ist: der Inhalt und die Form und das religiöse Pathos irgendeiner
                     Bekenntnisformel. So mag, so muß sie freilich auch bekennen. Aber nicht damit
                     sichert sie ihre Christlichkeit. Ihre Christlichkeit kann sie selbst überhaupt
                     nicht sichern. Sie kann nur durch die Tat ihren Glauben und ihren Gehorsam und
                     damit ihr Wissen um Gottes Offenbarung bekennen. Sie kann vom Christlichen nur
                     Zeugnis ablegen. Das tut sie, indem sie als theologische Ethik die Wirk<pb xml:id="p058" break="no" ed="pga"/>lichkeit des Wortes Gottes darstellt, wie sie als Gottes Gebot den Menschen
                     heiligt, für Gott in Anspruch nimmt. Wenn sie das getan hat, wie sie zu tun
                     schuldig ist, dann muß sie sich als Hilfswissenschaft der Dogmatik mit der
                     ganzen übrigen Dogmatik als unnützen Knecht bekennen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.10">Luk. 17,10</ref>]. Die Wahrheit selbst
                     muß dann auf ihre Darlegungen das Siegel der Wahrheit drücken. Das Christliche
                     muß dann für sich selbst sprechen. Die Wahrheit ist aber frei und das
                     Christliche ist frei, denn die Wahrheit und das Christliche sind von Gott nicht
                     verschieden. Gott aber ist der Herr, dem in der Kirche und in der Theologie wie
                     in seiner ganzen Schöpfung nur gedient werden kann von solchen, die angeeignet
                        <hi rend="italic">sind</hi>, ohne sich rühmen zu können, sich etwas angeeignet zu
                        <hi rend="italic">haben</hi>, was das Rühmen lohnen könnte.</p>
            <p>Haben wir erst die Theologie an den ihr in bezug auf ihre Christlichkeit
                     gebührenden Ort gestellt, so sollte es nicht allzu schwer sein, einzusehen, daß
                     unter denselben Bedingungen auch eine christliche Philosophie kein Ding der
                     Unmöglichkeit sein kann. Wir werden freilich auch ihre Christlichkeit, das
                     christliche Bekenntnis, das wir ihr im Diktat ausdrücklich zugeschrieben
                        haben,<note xml:id="n20">s. oben S. 30 sowie Anm. 19.</note> nicht im Inhalt
                     und nicht in der Form und nicht im Pathos einer Bekenntnisformel suchen. Es
                     wird von ihr im Unterschied von der Theologie sogar ausdrücklich zu sagen sein,
                     daß sie das Bekennen in diesem Sinn, wenn sie strenge Wissenschaft sein will,
                     grundsätzlich zu unterlassen hat, so oft sie auch diese Möglichkeit streifen
                     mag. Wir loben uns die berühmten paar Stellen, wo sogar der nüchterne <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName></hi> nicht umhin konnte, in seiner Weise zum Predigen etwa
                     über den gestirnten Himmel über uns und das sittliche Gesetz in uns
                        überzugehen.<note xml:id="n21">«Zwei Dinge erfüllen das Gemüth mit immer
                        neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender
                        sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das
                        moralische Gesetz in mir.» <bibl><hi rend="italic">Kritik der praktischen Vernunft</hi>
                                    1788</bibl>. <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName> Gesammelte Schriften, hrsg. v. d. Königl. Preuß. Akad. d.
                        Wiss., 1. Abt. 5. Bd., Berlin <date when="1908">1908</date>, S. 161.</note> Aber gerade
                     an solchen Stellen dürfte auch er, um etwa von <persName ref="kbga-actors-551">Fichte</persName> nicht zu reden, die
                     Grenzen der Philosophie überschritten haben.
                     <pb xml:id="p059" ed="pga"/>
                      Denn der Gegenstand der Philosophie ist im Gegensatz zur Theologie nicht das
                     Wort Gottes, das verkündigt, sondern der denkende, wollende und fühlende
                     Mensch, der verstanden sein will. Sie würde sich einer <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">μετάβασις εἰς ἄλλο γένος</foreign> und einer Vernachlässigung
                     ihrer eigentümlichen Funktion schuldig machen, wenn sie etwa mehr als höchst
                     gelegentlich selbst zur Verkündigung des Christlichen übergehen wollte, wie sie
                     Sache der Kirche und in ihrem Zusammenhang der Theologie ist.</p>
            <p>Zum Zeugnis für die christliche Wahrheit, die die Wahrheit selber ist, ist
                     freilich auch sie und wahrhaftig auch sie keineswegs auf tieferer Stufe als die
                     Theologie berufen, wie es denn im Bereich der Kirche keine menschliche
                     Tätigkeit gibt, die nicht <hi rend="italic">mit</hi> der kirchlichen Verkündigung –
                     und nochmals wahrhaftig nicht auf tieferer Stufe als sie – unter der Berufung
                     zum Zeugnis von der christlichen Wahrheit stünde. Zeugnis in diesem weiteren,
                     aber nicht geringeren Sinn ist alles Tun von Menschen, das das Hören des Wortes
                     Gottes zur Voraussetzung hat, also im Fall der Philosophie: eine solche
                     Verständigung des Menschen über sich selbst, bei der der Mensch nicht abgesehen
                     von, nicht in vornehmer Abstraktion von, sondern durchaus in Bestimmtheit durch
                     das Wort Gottes als Mensch, der seinem Anspruch und Zuspruch gegenübersteht,
                     aufgefaßt und begriffen wird; bei der er nicht im Allgemeinen, sondern konkret
                     im Raume der von Christus gestifteten und in Christus vereinigten Kirche der
                     begnadigten Sünder gesehen und verstanden wird; bei der darauf geachtet wird
                     und bei der beachtet bleibt, daß der Mensch nicht von Natur und nicht als
                     allgemeine Wahrheit, aber auf Grund von Gottes erschienener Gnade zu Gott
                     gehört und darum, sofern es sich um Ethik handeln soll, am Maßstab dessen, was
                     von Gott zu hören ist, zu messen ist. Keinen einzigen Satz ausdrücklich
                     «christlichen» Inhalts, kein dogmatisches oder biblisches Wort wird eine solche
                     philosophische Ethik auszusprechen brauchen – wie etwa die Christlichkeit der
                     <seg type="non-entity">Kunst</seg> wahrlich nicht darin besteht, daß ihre Schöpfungen durchaus
                     Christusbilder, Oratorien, christliche Romane und dergleichen sein müssen – sie
                     braucht bloß,
                     <pb xml:id="p060" ed="pga"/>
                      wissend um das, was durch Bibel und Dogma bezeugt ist, ihre eigenen Sätze zu
                     bilden nach den besonderen Gesetzen ihres Themas, um eben so, eben in dieser
                     Indirektheit zum Zeugnis vom Christlichen zu werden. Daß sie <hi rend="italic">ihr</hi> Thema hat, das ausgesprochen ein Anderes ist als das der
                     Theologie, daß das, was für die Theologie Gegenstand ist, für sie nur (aber was
                     heißt hier nur??) eine Voraussetzung ist, das macht sie nicht zur profanen
                     Wissenschaft. Profan ist die Wissenschaft nur, sofern ihr jenes Wissen abginge,
                     profan kann wahrlich auch die Theologie sein, und keine Wissenschaft ist
                     profan, die dieses Wissen zur Voraussetzung hat.</p>
            <p>Die Frage ist begreiflich, ob es denn eine solche mit der Theologie deren
                     letztes Wissen teilende Philosophie geben sollte? Was ist dazu zu sagen? Vor
                     Allem das, daß man von der Theologie aus nur dann das Recht hat, diese Frage zu
                     stellen, wenn man sie zugleich und mit noch größerer Schärfe an das gerichtet
                     hat, was in unserer Mitte Theologie heißt, und was man selber so heißt. Es gibt
                     christliche Philosophie nämlich im selben Sinn, wie es christliche Theologie
                     gibt, nämlich gerechtfertigt nicht durch ihre Werke, sondern gerechtfertigt
                     durch den Glauben. Das Gegebensein der Christlichkeit ist auch in der
                     Philosophie letztlich eine Frage der Gnade Gottes. Als ein Erkanntwerden und
                     nicht als ein Erkennen wird ja letztlich auch das Wissen um die Voraussetzung
                     einer sinnvollen Verständigung des Menschen über sich selbst zu bezeichnen
                     sein, und noch einmal steht es bei Gott, ob er dem in diesem Wissen gründenden
                     Zeugnis einer Philosophie dann auch Zeugniskraft geben will. Aber wir sagen ja
                     dasselbe, wenn wir das Gegebensein des Christlichen eine Frage des Glaubens und
                     Gehorsams nennen.</p>
            <p>Im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf diese Seite der Sache, auf die menschliche Entscheidung, in der
                     die Gnade Gottes sichtbar wird, darf, ja muß nun an alle Philosophie die Frage
                     gerichtet werden, ob sie weiß, wie stark sie «durch die Existenz der
                     christlichen Offenbarung in eine tiefere Verantwortung hineingezogen wird»
                        (<bibl><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-644">Knittermeyer</persName></hi>, D. Phil. u. d. Chrt. S. 7</bibl>), daß sie «seit dem Augenblick, da in
                     <pb xml:id="p061" ed="pga"/>
                      <placeName ref="kbga-places-871">Palästina</placeName> eine Wahrheit verkündet wurde, die den griechischen Logos aus seiner
                     Machtstellung im abendländischen Kulturkreis verdrängte und dem Menschen ein
                     neues Heil offenbarte», mit einer Macht konfrontiert ist, «von der wir wissen,
                     daß sie Gewalt hat über Leben und Tod» und die ihr, der Philosophie, den
                     Lebensatem ausblasen könnte (S. 16f.)? «Die Wirklichkeit ist im Grunde anders
                     geworden. Die Weltgeschichte ist nicht mehr das Weltgericht der Idee, sondern
                     sie steht in der Wirklichkeit des Wortes, das im Evangelium Jesu Christi
                     verkündet ist und das heißt: Gott und der Nächste» (S. 27). «An die Stelle des
                     Menschen und der Vernunft tritt Jesus Christus der Herr und der Glaube, der
                     frei macht» (S. 27), eine Erfahrung, der sich die Philosophie nicht entziehen
                     kann, «so wenig wie das ganze Leben des Menschen sich dieser Erfahrung
                     entziehen kann, daß das Wort von Jesus Christus als das Wort des Heils
                     verkündet ist» (S. 30f.). «Um überhaupt den Anspruch der Philosophie
                     aufrechterhalten zu können, ist es nötig, ihn immer von neuem auf den Menschen
                     in seinem wirklichen Stande zu beziehen und d. h. dann doch wohl, ihn vor Allem
                     der totalen Umwandlung endlich anzupassen, die mit der Wortverkündigung Christi
                     sich ereignet hat» (S. 35f., vgl. 50).<note xml:id="n22">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-644">H. Knittermeyer</persName>, <hi rend="italic">Die Philosophie und
                                 das Christentum</hi>. Acht Vorlesungen zur Einleitung in die
                              Philosophie, Jena
                                    1927, S. 7</bibl>: «Unsere Arbeit hier wird gerade darin mitbestehen, daß wir zu zeigen
                        versuchen, wie stark die Philosophie durch die Existenz der christlichen
                        Offenbarung in eine tiefere Verantwortung hineingezwungen wird …» S. 27:
                        «Damit ist die Wirklichkeit <hi rend="italic">im Grunde</hi> anders geworden. Die
                        Weltgeschichte ist nicht mehr das Weltgericht der Idee, sondern sie steht
                        fortan in der Wirklichkeit dieses Wortes, das im Evangelium Jesu Christi
                        verkündet ist, und das da heißt: Gott und der Nächste.» «… An die Stelle des
                        Menschen und seiner Vernunft tritt Jesus Christus der Herr und der Glaube,
                        der frei macht.» S. 35f.: «… und d. h. dann doch wohl ihn vor allem der
                        totalen Umwandlung der Wirklichkeit endlich anzupassen, die mit der
                        Wortverkündigung Christi sich ereignet hat.»</note> Das ist die Frage, die
                     Bußfrage, die die Kirche mit ihrer Verkündigung an die Philosophie zu richten
                     in der Tat nicht unterlassen kann und wohl der Philosophie, wenn sie sie in
                     dieser Weise aus ihrer eigenen Mitte zu hören bekommt. Diese Frage, die
                     Christusfrage <hi rend="italic">ist</hi> an die Philosophie gerichtet,
                     <pb xml:id="p062" ed="pga"/>
                      weil sie, wie <persName ref="kbga-actors-644">Knittermeyer</persName> mit Recht hervorhebt,<note xml:id="n23">
                                <bibl>A.a.O. S. 31f.</bibl>
                            </note> an den Menschen als solchen gerichtet ist. Wie sollte nicht seine
                     wissenschaftliche Verständigung über sich selbst eine ganz andere Richtung
                     bekommen, wenn er etwa den <seg type="non-entity">Ernst</seg> dieser Frage vernommen haben sollte?</p>
            <p>Aber dann wird man sich hier wie überall wohl hüten müssen, darüber, ob dieser
                     und jener Mensch, in diesem Fall also dieser und jener Philosoph, nun wirklich
                     ein Hörer und darum auch ein Zeuge des Wortes sei, sichere Worte reden zu
                     wollen. Wir würden ja das Weltgericht doch wieder in das von Christus gerade
                     erledigte Weltgericht der Idee verfälschen und uns selbst zu Weltrichtern
                     einsetzen, wenn wir uns nun etwa mit irgendeiner Norm des Christlichen
                     bewaffnen und unter den philosophischen Ethikern zu dem Zweck Umschau halten
                     wollten, welche wohl nun zu den Schafen, welche aber zu den Böcken gehören
                     möchten. Das Urteil über das menschliche Werk, ob es in Gott getan [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.21">Joh. 3,21</ref>], liegt bei
                     der Theologie und bei der Philosophie, wie überall, wo menschliches Werk zu uns
                     redet, in Gottes Hand. Über die Fragen, die wir wohl überall an seine Urheber
                     zu richten haben und die sie uns vielleicht nicht befriedigend beantworten
                     können, werden wir grundsätzlich nicht hinauskommen, auch nicht in diesem
                     letzteren Fall zu einer abschließenden Feststellung darüber, ob ein Werk uns
                     als Zeugnis gelten oder nicht gelten soll. Wir werden uns vorläufig entscheiden
                     und doch nicht versäumen, offen zu bleiben. Es könnte ja sein, daß wir uns hier
                     einem Zeugnis entzogen haben, indem wir es nur als solches noch nicht gehört
                     haben, und daß wir dort der Stimme eines Dämons zu Unrecht unser Ohr geliehen
                     haben. Das Christliche und das Unchristliche wird uns wohl nie und nirgends
                     gesondert wie schwarz und weiß begegnen, sondern das eine wie das andere, und
                     zwar in der Philosophie und in der Theologie, in hundertfältiger Gebrochenheit.
                     Unser Entscheiden und Unterscheiden selber kann nur im Glauben geschehen und
                     nur im Glauben ge<pb xml:id="p063" break="no" ed="pga"/>rechtfertigt sein. Es genügt vollständig, es muß uns ja für die Theologie auch
                     genügen, daß es eine Gnade Gottes, einen Raum in der Kirche Christi auch für
                     die Philosophie gibt, daß eben damit jede Philosophie zur Besinnung darüber
                     aufgerufen ist, ob der Gegenstand ihrer Besinnung denn auch der wirkliche, d.
                     h. der in das Licht der Offenbarung gestellte Mensch ist, und daß der
                     Wahrheitsgehalt jeder Philosophie daran hängt, wieweit sie auf Grund dieser
                     Besinnung indirektes Zeugnis von der Offenbarung selber ist. Wir brauchen
                     wirklich fremde Knechte nicht zu richten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.4">Röm. 14,4</ref>], um kritisch-wissenschaftlich unseres
                     eigenen Weges gewiß zu werden.</p>
          </div>
          <!-- subsection -->
          <div type="subsection">
            <head>b) Das Wort Gottes als Wirklichkeit und die theologische Ethik</head>
            <p>Wir können uns hier kurz fassen, da wir die Sache selbst in unserem dritten
                     Einleitungsparagraphen bei der Entwicklung der Aufgabe der theologischen Ethik,
                     und dann im ersten Kapitel unserer eigentlichen Darlegungen ausführlich zur
                     Sprache zu bringen haben. Sie interessiert uns hier nur in der
                     Gegenüberstellung zur Sache der philosophischen Ethik.</p>
            <p>Auch die Theologie ist ein Akt menschlicher Besinnung und Verständigung, aber
                     nun nicht wie die Philosophie der Akt der Besinnung des Menschen auf und der
                     Verständigung über sich selbst, sondern darin grundsätzlich analog der
                     Jurisprudenz, der Natur- und Geschichtswissenschaft, der Medizin: Besinnung und
                     Verständigung über einen von dem forschenden Menschen, dem Subjekt der
                     Wissenschaft jedenfalls methodisch zu unterscheidenden <hi rend="italic">Gegenstand</hi>. Höchst kontingent ist der Theologie wie allen diesen
                     Wissenschaften der Gegenstand ihrer Forschung und ihres Unterrichts <hi rend="italic">gegeben</hi>. Reine Selbstbesinnung und Selbstverständigung,
                     «gegenstandslose» Forschung und «gegenstandsloser» Unterricht ist unter allen
                     Wissenschaften <hi rend="italic">nur</hi> die Philosophie (vielleicht mit Einschluß
                     der Mathematik verstanden). Ihr steht die Theologie gegenüber in der Reihe der
                        <hi rend="italic">positiven</hi> Wissenschaften (als eine von den drei «oberen»
                     Fakultäten, wie man früher
                     <pb xml:id="p064" ed="pga"/>
                      sagte), hervorgegangen sehr schlicht und irdisch aus den konkreten
                     Erfordernissen eines bestimmten menschlichen Zweckgebietes, nämlich der Kirche,
                     die nicht, ohne zu lernen, lehren und darum die Ausbildung ihrer Diener der
                     Universität nicht entziehen wollte, wie denn auch die Universität die durch
                     dieses Zweckgebiet geforderte Besinnung und Verständigung im <seg type="non-entity">Kreis</seg> ihres
                     wissenschaftlichen Fragens und Antwortens offenbar bis jetzt nicht vermissen
                     wollte.</p>
            <p>Der für dieses Zweckgebiet bzw. für die auf diesem Zweckgebiet geforderte
                     Selbstbesinnung bezeichnende und grundlegende Gegenstand ist nun Gottes Wort,
                     Gottes Offenbarung an den Menschen. Dieser Gegenstand konstituiert und
                     legitimiert die Existenz der Kirche und (als Funktion der Kirche <hi rend="italic">und</hi> der Universität) die theologische Wissenschaft. Die Existenz
                     dieser Wissenschaft ist einerseits ein Bekenntnis der Kirche, daß sie <hi rend="italic">wissenschaftliches</hi> Fragen und Antworten in bezug auf diesen
                     Gegenstand für nötig, andererseits ein Bekenntnis der Universität, daß sie
                     wissenschaftliches Fragen und Antworten in bezug auf <hi rend="italic">diesen</hi>
                     Gegenstand für möglich hält. Es wäre mit der Theologie dann aus, es müßte dann
                     ernstlich an die Aufhebung der theologischen Fakultät gedacht werden, wenn
                     entweder die Kirche an der <hi rend="italic">Wissenschaft</hi> oder aber die
                     Universität an <hi rend="italic">dieser</hi> Wissenschaft sich ernstlich
                     desinteressieren sollte.</p>
            <p>Jener Gegenstand der Theologie steht nun für die Philosophie wie die
                     Gegenstände alles menschlichen Denkens und Wollens mit dem Menschen selbst und
                     als solchem, dem sie ihre Aufmerksamkeit zuwendet, grundsätzlich in <hi rend="italic">Frage</hi>. Er ist für sie einer von den <hi rend="italic">möglichen</hi> Gegenständen, deren Wirklichkeit für sie, die als
                     Philosophie nur mit der Wirklichkeit des Menschen selbst rechnet, ohne daß sie
                     sie leugnen müßte, nicht in Betracht kommt – es wäre denn, aber das ist etwas
                     ganz Anderes, als Voraussetzung, von der sie den Menschen herkommen sieht. Eine
                     Theologie, die ihr darin folgen wollte, der also das Wort Gottes eine bloße
                     Möglichkeit wäre, deren Wirklichkeit erst zur Diskussion stünde, wäre nun
                     offenbar ein ebenso sinnloses Unter<pb xml:id="p065" break="no" ed="pga"/>nehmen wie eine Jurisprudenz, die das faktische und notwendige Bestehen des
                     Staates und seiner Rechtsordnung, oder wie eine Medizin, die das Faktum und die
                     Notwendigkeit des physischen Lebens des Menschen als ein Problem behandeln
                     wollte. Mag das der Jurist oder Mediziner, sofern er im Nebenfach vielleicht
                     auch Philosoph ist, immerhin tun – in dem Augenblick, wo er juristisch oder
                     medizinisch zu denken beginnt, kann jenes Problem nicht mehr für ihn
                     existieren. Also unter Voraussetzung der <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi> ihres
                     Gegenstandes, mag er immer für die Philosophie als solche nur eine Möglichkeit
                     sein, arbeitet wie jede positive Wissenschaft auch die das Wahrheitsanliegen
                     der Kirche aufnehmende Theologie. Ihr Denken ist in dem selbstverständlichen
                     Sinn, in dem dies auch für die Jurisprudenz und Medizin, ja auch für die Natur-
                     und Geschichtswissenschaft gilt, ein gebundenes, d. h. an die Wirklichkeit
                     dieses Gegenstandes gebundenes Denken. Leistet es sich der Theologe, ungebunden
                     zu denken, als ob er Philosoph wäre – er mag ebenso wie jener nebenamtlich sich
                     betätigende Jurist und Mediziner zusehen, wieweit sich das mit der von seinem
                     Hauptamt geforderten Sachlichkeit verträgt –, dann denkt er eben damit nicht
                     mehr theologisch und kann für das, was er von da aus, z. B. vom
                     Zuschauerstandpunkt des Historikers oder Psychologen [aus], denkt und sagt, im
                     theologischen Gespräch unmöglich Mitspracherecht verlangen.</p>
            <p>Er kann, sofern er theologischer Forscher und Lehrer sein, d. h. sofern er <hi rend="italic">seiner</hi> Funktion in der Kirche <hi rend="italic">und</hi> in der
                     Universität treu sein will, nicht vagabundierend spielen mit allerlei ganz
                     anderen Gegenständen (z. B. wie es in den letzten Jahrzehnten oder
                     Jahrhunderten in der bekannten Ausgiebigkeit geschehen ist, mit der
                     Wirklichkeit der menschlichen Frömmigkeit und ihrer Geschichte, als ob ebenso
                     gut etwas Derartiges wie das Wort Gottes sein Gegenstand sein könnte). Er kann
                     von diesem seinem Gegenstand nicht abstrahieren, also nicht sich gebärden, als
                     ob Gott nicht oder vielleicht auch nicht gesprochen habe, oder als ob das erst
                     zu untersuchen wäre, ob er das auch <pb xml:id="p066" ed="pga"/>
                      wirklich getan habe. Es kann sich aber das theologische Denken auch davon
                     nicht dispensieren, grundsätzlich Denken dieses <hi rend="italic">Gegenstandes</hi>
                     (als Gegenstand!) zu sein, d. h. seine Begriffe zu bilden als Prädikate <hi rend="italic">dieses</hi> Subjekts und nicht etwa (wir haben diese Möglichkeit
                     schon in den Erörterungen unseres ersten Paragraphen abwehren müssen) zu einer
                     Darstellung des das Wort Gottes vernehmenden, also des christlich-frommen
                     Menschen zu werden. Könnte es auch bei einer solchen Veränderung des
                     Gegenstandes zweifellos Wissenschaft sein, so hörte es doch damit auf,
                     Theologie zu sein. Über dem Gebot der <hi rend="italic">Wissenschaftlichkeit</hi>,
                     d. h. der einem bestimmten Gegenstand angemessenen Methodik steht für die
                     positive Wissenschaft und so auch für die Theologie das Gebot der <hi rend="italic">Sachlichkeit</hi>, d. h. der Treue gegenüber ihrem besonderen Gegenstand,
                     aus der sich dann ihre Wissenschaftlichkeit in concreto erst ergeben muß.</p>
            <p>Soll es nun in der Theologie Ethik geben, eine Bestimmung des Guten im
                     menschlichen Handeln, so kann hier keinesfalls außer Betracht bleiben, daß Gott
                     zum Menschen gesprochen hat und spricht und sprechen wird, daß also dem
                     Menschen «gesagt ist, was gut ist» (<ref type="can" subtype="bible" target="Mic.6.8">Micha 6,8</ref>). Es kann hier diese heiligende
                     Wirklichkeit des Wortes Gottes aber auch keinesfalls ein Problem sein. Es kann
                     hier wiederum keinesfalls in Frage kommen, daß anstelle dieser Wirklichkeit
                     etwa die ganz andere der Natur oder der Geschichte zu hören wäre, und wie
                     gesagt keinesfalls, daß der gehorsame oder ungehorsame Mensch zum Thema ihrer
                     Darlegung würde. Ohne in Abrede zu stellen, daß hier wissenschaftliche Probleme
                     und in ihrer Art dringliche Anliegen vorliegen, ist zu sagen, daß die Existenz
                     der Kirche nun einmal durch einen Gegenstand, und zwar durch diesen bestimmten
                     Gegenstand konstituiert und legitimiert ist, daß also die Theologie, sofern es
                     Theologie und dann auch theologische Ethik überhaupt geben soll, nach der
                     Relation dieses Gegenstandes zum Handeln des Menschen, also eben nach der
                     heiligenden Wirklichkeit des Wortes Gottes zu fragen hat und nach nichts sonst.
                     Die wirkliche Güte menschlichen Handelns ist laut der Verkündigung der
                     christlichen
                     <pb xml:id="p067" ed="pga"/>
                      Kirche diese Wirklichkeit. Also hat die theologische Ethik, ihrer Gebundenheit
                     sich nicht schämend, keinen Augenblick von diesem Gesichtspunkt abgehend,
                     keinen Augenblick ihn durch einen anderen ersetzend oder ihn in einen anderen
                     umdeutend, nachzuweisen, <hi rend="italic">inwiefern</hi> das der Fall ist. Sollte
                     dieser Nachweis ihr etwa nicht gelingen, sollte sie nur mittels einer <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">μετάβασις εἰς ἄλλο γένος</foreign>, als
                     Religionswissenschaft etwa, ihr Dasein fristen können, dann wäre ihr
                     Unternehmen als solches, dann wäre wohl das Unternehmen der Theologie überhaupt
                     als gescheitert anzusehen; die Kirche täte dann wohl gut, den Anspruch auf
                     Wissenschaft, und die Universität täte wohl, den Anspruch auf <hi rend="italic">diese</hi> Wissenschaft aufzugeben. Der Augenblick, mit der theologischen
                     Fakultät Schluß zu machen, wäre dann gekommen. Solange und sofern die Theologie
                     sich selbst ernst nimmt, kann sie sich keine andere Aufgabe stellen als diese,
                     und solange und sofern man die Theologie als solche ernst nimmt, wird man auch
                     von der Philosophie und von den anderen Wissenschaften her nicht verlangen
                     können, daß sie sich eine andere Aufgabe als eben diese stelle.</p>
          </div>
          <!-- subsection -->
          <div type="subsection">
            <head>c) Das Wort Gottes als Möglichkeit und die philosophische Ethik</head>
            <p>Gerade eine selbstbewußte, d. h. auf ihre eigentümliche Sachlichkeit und
                     Wissenschaftlichkeit streng bedachte Theologie wird sich ihre eigene Aufgabe zu
                     allerletzt so stellen, daß damit alle anderen wissenschaftlichen Aufgaben
                     verneint und verunmöglicht oder auch nur als minderwertig diskreditiert und,
                     von ihr aus gesehen, zu einem Scheindasein im Verdacht heidnischer
                     Gottlosigkeit verurteilt würden. Die Theologie hat es wahrhaftig nicht nötig,
                     sich ihre Würde unter den anderen Wissenschaften durch irgendeine krampfhafte
                     Absolutheitsgebärde zu sichern und auch nicht dadurch, daß sie den anderen
                     Wissenschaften Rollen zuweist, die sie selber im Verhältnis zu ihrer eigenen
                     für minderwertig hält. Wenn <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.3.4 Phil.3.6">Phil. 3,4ff.</ref> Alles für Kot erachtet hat, um
                     Christus zu gewinnen, so ist zu bedenken, daß dies nicht gegen den gewöhnlichen
                     geistigen Übermut der Weltkinder, son<pb xml:id="p068" break="no" ed="pga"/>dern gegen den viel gefährlicheren geistlichen Übermut des Pharisäismus gesagt
                     ist und sicher nicht, um an die Stelle des jüdischen einen christlichen und nun
                     gar auch noch gerade einen theologischen Pharisäismus zu setzen. Gerade eine
                     auf ihre eigenen Füße gestellte Theologie ist in der Lage, die Berechtigung,
                     und zwar die Gleichberechtigung anderer Wissenschaften vorbehaltlos
                     anzuerkennen. Wie sollte es anders sein, als daß gerade durch ihren besonderen
                     Gegenstand, durch das Wort Gottes, das menschliche Denken in seine Schranken
                     gewiesen, an seine menschliche Bedingtheit [erinnert] und also von allem Wahn
                     theologischer Selbstgerechtigkeit befreit, damit aber auch grundsätzlich
                     befreit wird für das Verständnis für andere Aufgaben, deren <hi rend="italic">Gegenstand</hi> allerdings sich mit <hi rend="italic">diesem</hi> Gegenstand,
                     dem Gegenstand der Theologie, nicht messen kann, die aber als menschliche <hi rend="italic">Aufgaben</hi>, gestellt durch die Existenz der anderen menschlichen
                     Zweckgebiete neben dem der Kirche, <hi rend="italic">Menschen</hi> gestellt und
                     durch <hi rend="italic">Menschen</hi> zu bearbeiten mit demselben <seg type="non-entity">Ernst</seg> und in
                     derselben Schwachheit, in der die Theologie tut, was <hi rend="italic">ihres</hi>
                     Amtes ist, wahrlich an Würde hinter ihrer Aufgabe nicht zurückstehen? Das Wort
                     Gottes sagt dem Menschen jedenfalls auch das, daß er ein Mensch, d. h. ein den
                     verschiedenen menschlichen Zwecken und damit als Denker den verschiedenen
                     Gegenständen verhaftetes Geschöpf ist. Wer am Worte Gottes gelernt hat, was
                     harte, härteste Gegenständlichkeit ist, der kann – nach dem Grundsatz: wer im
                     Großen treu ist, der wird auch im Kleinen treu sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.10">Luk. 16,10</ref>] – andere Gegenstände
                     unmöglich <hi rend="italic">nicht</hi> ernst und auch nicht weniger ernst nehmen,
                     sowenig <hi rend="italic">dieser</hi> Gegenstand mit anderen auch nur in einem Atem
                     zu nennen ist.</p>
            <p>Diese Anerkennung der nichttheologischen Wissenschaft seitens der Theologie
                     kann sich nun aber nicht bloß auf die anderen positiven Wissenschaften
                     erstrecken. Sondern wenn es in der Natur der menschlichen Wahrheitsforschung
                     liegt, daß gegenüber den durch die verschiedenen konkreten Zweckgebiete des
                     Lebens geforderten positiven, auf einen Gegenstand gerichteten Wissenschaften
                     jene uninteressierte gegenstandslose Selbstbesin<pb xml:id="p069" break="no" ed="pga"/>nung und Selbstverständigung des denkenden Menschen, daß <hi rend="italic">Philosophie</hi> stattfinden soll, so wird nicht zuletzt, sondern zuerst
                     von der Theologie aus zu sagen sein, daß dies grundsätzlich zu Recht
                     stattfindet. Oder sollte die Theologie sich von der Natur- und
                     Geschichtswissenschaft übertreffen lassen in der Einsicht, daß der Mensch, der
                     in den positiven Wissenschaften nach der Wahrheit des Gegenständlichen fragt,
                     vor Allem immer wieder sich selbst zur Frage werden muß? Sollte der <seg type="non-entity">Ernst</seg> des
                        <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">γνῶθι σεαυτόν</foreign>, das am Anfang
                     der Philosophie steht, nicht gerade von <hi rend="italic">dieser</hi> positiven
                     Wissenschaft aus, in der der Mensch mit Gottes Wort konfrontiert wird, zuerst
                     und noch ganz anders dringlich einsichtig werden als da, wo die Hingabe an den
                     Gegenstand möglicherweise verbunden sein könnte mit dem Vergessen, daß Wissen
                     ohne das <hi rend="italic">Wissen</hi> um das Wissen <hi rend="italic">kein</hi> Wissen
                     ist? Wie könnte das in der Theologie bei der Hingabe an <hi rend="italic">diesen</hi> Gegenstand etwa vergessen und wie sollte [nicht] Philosophie
                     dann von ihr aus nicht nur anerkannt, sondern geradezu gefordert werden
                     müssen?</p>
            <p>Freilich das kann nicht anders sein: es ist eine ganz bestimmte Philosophie,
                     nicht eine schul- oder richtungsmäßige, aber eine durch ihre Voraussetzung
                     bestimmte Philosophie, die von der Theologie aus gefordert und als berechtigt,
                     als gleichberechtigt anerkannt wird. Wir sagten schon: der Begriff einer
                     christlichen Philosophie kann so wenig wie der einer christlichen Theologie
                     bestimmt sein durch irgendeine besondere Grundformel ihres Inhalts oder durch
                     ein bestimmtes Erkenntnisprinzip oder durch ein bestimmtes Pathos – sonst wäre
                     ja das Christliche doch wieder verstanden als eine Möglichkeit, über die
                     Menschen Verfügung haben –, sondern schlechterdings nur durch das ihrer (in
                     sich die Grenzen der Humanität durchaus wahrenden) Selbstbesinnung vorangehende
                     Wissen um das Christliche, um das Wort Gottes, in der durchgehenden
                     Bestimmtheit der Selbstbesinnung eben durch dieses Wissen. Eine solche
                     Philosophie wird sich, welcher philosophischen Schule sie auch folge, vor Allem
                     dadurch von jeder unchristlichen Philosophie unterscheiden, daß sie sich be<pb xml:id="p070" break="no" ed="pga"/>wußt ist, indem sie jene Besinnung übt, nicht etwa das letzte lösende Wort in
                     der Frage nach dem Menschen selber sagen zu können, sondern vielmehr, nachdem
                     und indem dieses letzte lösende Wort <hi rend="italic">gesagt ist</hi>, in lauter
                     vorletzten Worten diese Frage nun erst <hi rend="italic">stellen</hi> zu müssen. Sie
                     wird gerade darin, daß sie unter Voraussetzung der ein für allemal, nicht von
                     der Theologie, nicht von der Kirche, aber von Gott in Jesus Christus durch den
                     heiligen Geist gegebenen <hi rend="italic">Antwort</hi> die wirkliche <hi rend="italic">Frage</hi>, das ganze Problem der Gefragtheit, der Fraglichkeit und
                     Fragwürdigkeit des Menschen in seiner wirklichen Lebenslage nicht umgeht,
                     sondern aufrollt – sie wird gerade darin nicht weniger, sondern mehr wirkliche
                     Philosophie sein als eine unchristliche Philosophie, die sich immer darin als
                     solche verraten wird, daß sie nicht bei der Frage nach dem Menschen verharrt,
                     sondern an irgendeinem Punkt, und wäre es in einer kleinen Apotheose des
                     Fragens selbst, zu einer Antwort übergeht, in Verabsolutierung des Gedachten
                     oder des Denkens selbst oder gar des denkenden Menschen eine Letztwirklichkeit
                     behauptet, bei der sie sich selbst und den Menschen beruhigt und so aus einer
                     Philosophie zu einer wenn auch heidnischen Theologie wird.</p>
            <p>Christliche Philosophie, die vom Hören des Wortes Gottes herkommt, kann warten.
                     Sie weiß, was auch die Theologie wissen muß, daß die Letztwirklichkeit keine
                     menschliche Setzung sein kann, mittels derer der Mensch sich selbst antworten
                     und sich selbst beruhigen könnte. Sie hat die Ichhaftigkeit aller menschlichen
                     Setzungen eines Letztwirklichen, dasselbe, was in der Theologie Sünde heißt,
                     durchschaut als Irrtum. Sie ist freilich faktisch nicht in der Lage, sich etwa
                     des Irrtums einfach zu entledigen (wie sich der Mensch ja auch des Sündigens
                     keineswegs einfach entschlagen kann). Sie kommt also ohne die Thesis, sie kommt
                     als Ethik ohne positive Begriffe, wie Gut, Wert, Zweck, Pflicht, Tugend,
                     Freiheit, Idee nicht aus – sonst könnte sie nämlich nur schweigen oder von der
                     Selbstbesinnung zur Verkündigung, zur Theologie übergehen (aber dann bliebe ja
                     das <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">γνῶθι σεαυτόν</foreign>! unerledigt, und
                     das darf nicht unerledigt bleiben). Aber wenn
                     <pb xml:id="p071" ed="pga"/>
                      sie nun ihre Besinnung vollzieht in Form einer <hi rend="italic">Selbst</hi>
                     besinnung, als ob nun doch der Mensch selber oder im Menschen selber das
                     Prinzip und die Wirklichkeit des Guten wäre, so weiß sie doch, daß dem nicht so
                     ist, weiß sie doch um die Grenzen der Humanität, weiß sie also um die
                     Vorläufigkeit und Relativität aller jener Positionen, um ihren Charakter als
                     Hinweis auf das Gute, dessen Prinzip und Wirklichkeit wahrlich nicht der Mensch
                     und nicht im Menschen ist. Nicht als wirkliche, sondern als mögliche Antwort
                     auf die Frage des Menschen nach der Güte seines Handelns wird sie jene
                     Positionen auffassen und darstellen, und eben damit wird sie es sein, die diese
                     Frage erst in ihrem ganzen <seg type="non-entity">Ernst</seg> als Frage aufwirft.</p>
            <p>Sie kann ja das Gute gar nicht anders verstehen denn als Gehorsam. Gehorsam
                     aber ist ein Tun, dessen Güte offenbar in dem liegt, was befohlen und weil es
                     befohlen, nicht darin, daß es getan wird, so gewiß es auch getan, aber eben
                     befehlsgemäß getan werden muß, um Gehorsam zu sein. Sie hat jenen Menschen, der
                     mittels Selbstbesinnung, Selbstverständigung, Selbstverantwortung selber sagen
                     will, was gut ist, als einen Lügner und als ein Gespenst durchschaut. Sie ist
                     Aufruf zum wirklichen Menschen, zu dem gesprochen, dem in der Herrlichkeit
                     seiner Ichhaftigkeit <hi rend="italic">widersprochen</hi> ist, der seinen Spruch
                     wohl anheben, aber nicht zu Ende sagen kann, dessen Spruch über sich selbst nur
                     als abgebrochener Spruch, als Bekenntnis eben zu seiner Gefragtheit Wahrheit
                     haben kann. Sie ist Aufruf zu dem Ich, das nicht mehr meint, des ihm
                     begegnenden Anspruchs Herr zu werden oder wohl gar ihn zu seiner eigenen
                     Bestärkung mißbrauchen zu dürfen, wie dies der letzte höchste Triumph der
                     heidnischen Philosophie ist, sondern das durch diesen Anspruch aufgehoben ist
                     und nur in dieser Aufhebung sich selber begründet finden kann. Sie ist Aufruf
                     zu der Verantwortung, in der der Mensch erkennt und bekennt, daß er selbst das
                     Geforderte immer schuldig bleibt, gerechtfertigt nur ist in der Entscheidung
                     des Gehorsams um des Fordernden und um des Geforderten, nicht um seiner
                     Leistung willen.</p>
            <p><pb xml:id="p072" ed="pga" rend="noPipe"/>Man beachte wohl: nicht so kann Philosophie diesen Aufruf vollziehen, daß sie
                     selbst die Wirklichkeit des Wortes auftreten und wirken ließe, das Ich des
                     Menschen konfrontierte mit dem Du, das jenen Anspruch an ihn erhebt. Das kann
                     auch die Theologie, das kann auch die verkündigende Kirche nicht, das kann kein
                     Mensch. Ethik in <hi rend="italic">diesem</hi> Sinn liest Gott der Herr allein und
                     selber, [jedoch] <hi rend="italic">weder</hi> der Philosoph <hi rend="italic">noch</hi>
                     der Theologe. Aber auch das ist nicht ihres Amtes: diese Wirklichkeit als
                     solche zu <hi rend="italic">verkündigen</hi>; darin unterscheidet sie sich eben von
                     der theologischen Ethik. Sie kann also den Menschen nur – dies tut sie mit
                     Kirche und Theologie zusammen – gegenüber der unfruchtbaren und gefährlichen
                     Erinnerung an sich selber an den ganz Anderen erinnern, dem er gegenübersteht,
                     darauf angewiesen, daß dieser ganz Andere dann selber zum Menschen rede. Dieser
                     Andere kann aber für sie – darin unterscheidet sie sich von Kirche und
                     Theologie – nicht Gott selber sein. Auch die Theologie wird ja ihre
                     Verkündigung des Wortes Gottes nicht durchführen können ohne die Erinnerung an
                     den <hi rend="italic">Nächsten</hi>, den <seg type="non-entity">Bruder</seg>, in dessen Anspruch an uns das Wort
                     Gottes zu uns kommt. Man wird aber diese Erinnerung nicht als die eigentliche
                     Aufgabe der Theologie bezeichnen dürfen, sondern doch nur als <hi rend="italic">das</hi> große Mittel, dessen sie sich zu bedienen hat, wenn und sofern es
                     gilt, das Wort Gottes zu bestimmen als das zu uns kommende Wort Gottes. Diese
                     Erinnerung, die Umkehrung der bloßen Selbstverantwortung in die Verantwortung
                     vor dem Du des anderen Menschen, ist vielmehr die eigentliche, in der Ethik
                     konkret zugespitzte Aufgabe der <hi rend="italic">Philosophie</hi>. Sofern es sich
                     um Selbstbesinnung, um das <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">γνῶθι
                        σεαυτόν</foreign>! handelt, ist der Mitmensch der Vertreter und Träger des
                     göttlichen Logos, der den Menschen aus allen Träumen in die Wirklichkeit zu
                     rufen hat.</p>
            <p>Wo das Wort Gottes gehört wird, <hi rend="italic">da</hi> findet <hi rend="italic">diese</hi> Selbstbesinnung statt, da muß der andere <hi rend="italic">Mensch</hi> gehört werden. Seine Stimme ist die in aller <hi rend="italic">heidnischen</hi> Philosophie überhörte Stimme. Philosophie, die diese
                     Stimme hören wollte, könnte unmöglich eine Letztwirklichkeit setzende
                     heidnische Theologie sein wollen.
                     <pb xml:id="p073" ed="pga"/>
                      Der Anspruch des Mitmenschen verhält sich aber zum Anspruch Gottes selbst, wie
                     Möglichkeit sich zu Wirklichkeit verhält. Es ist dasselbe Wort Gottes, um das
                     es hier wie dort geht. In seiner Wirklichkeit kann das Wort Gottes offenbar
                     nicht Gegenstand menschlicher Selbstbesinnung, sondern nur Gegenstand seiner
                     Selbstoffenbarung und daraufhin Gegenstand des Glaubens und Gehorsams und im
                     Glauben und Gehorsam der Verkündigung sein. Menschen können nur dienen, wenn
                     und wo Gott wirklich redet. Aber eben dieses menschliche Dienen ist die der
                     göttlichen Wirklichkeit entsprechende mit ihr selbst gesetzte in ihr begründete
                        <hi rend="italic">Möglichkeit</hi>. Darum, weil die Wirklichkeit des Wortes nicht
                     ohne diese Möglichkeit ist, ist Christus nicht ohne seine Kirche. Dienst am
                     Wort ist ja die menschliche Tätigkeit, die das Wesen der Kirche ist. Die
                     Möglichkeit des zu uns kommenden Wortes Gottes ist der von Gott beauftragte, an
                     seinem Wort dienende Mitmensch. Das gilt nicht nur vom kirchlichen Amt im
                     engeren Sinn, sondern von der Kirche als solcher. Das ist der neue, in Christus
                     wirklich gewordene Sinn des Mitmenschen als des <seg type="non-entity">Bruders</seg>, des Nächsten. Er <hi rend="italic">kann</hi> uns Gottes Wort bringen, wenn Gott uns sein Wort durch
                     ihn sagen will. Auf diese Möglichkeit hin haben wir ihn aufzunehmen.</p>
            <p>An dieser mit der Wirklichkeit des Wortes Gottes gesetzten Möglichkeit kann nun
                     die Philosophie nicht vorübergehen, wenn sie einmal am Worte Gottes selbst
                     nicht mehr vorübergehen und doch ihrer eigentümlichen Aufgabe getreu bleiben
                     und also nicht Theologie werden will. Sie kann den Menschen nicht mehr anders
                     zur Selbstverantwortung aufrufen, als indem sie ihn sich selbst verstehen lehrt
                     als stehend in jener Verantwortung, die er dem Mitmenschen schuldig ist, <hi rend="italic">wenn</hi> dieser ihm gegenüber zum Träger und Vertreter des
                     göttlichen Logos eingesetzt ist. Daß er das <hi rend="italic">ist</hi>, das steht
                     nämlich in einem anderen <seg type="non-entity">Buch</seg>, das ist nicht so selbstverständlich und direkt
                     wahr, wie es etwa <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName></hi> anzunehmen scheint.<note xml:id="n24">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1060"><persName ref="kbga-actors-137">F. Gogarten</persName>, <hi rend="italic">Ich glaube an den
                                 dreieinigen Gott</hi>, Jena
                                    1926, v. a. S. 60 ff.</bibl>
                     </note> Das <hi rend="italic">wird</hi> je und je wahr, wenn Gott es
                     <pb xml:id="p074" ed="pga"/>
                      wahr werden läßt. Philosophie kann jenes Du, welches mein Ich für Gott
                     gefangennimmt, so wenig zeigen, wie Theologie das Wort Gottes selber zeigen
                     kann. Beide können nur bezeugen, und die Kraft ihres Zeugnisses ist des freien
                     Gottes Kraft. Aber eben: auch Philosophie <hi rend="italic">kann bezeugen</hi>, wenn
                     und sofern sie wirkliches Wissen um den Menschen, also auch Wissen um die
                     Kirche und also Wissen um den den Menschen zur Verantwortung ziehenden
                     Mitmenschen zur Voraussetzung hat. Als solche bezeugt sie dann nicht etwa nur
                     das Gesetz, sondern durchaus das Evangelium und die Gnade, in welcher freilich
                     das Gesetz inbegriffen ist. Denn es ist Gnade, wenn wir einen mit seinem
                     Anspruch für den göttlichen Anspruch vikariierenden Mitmenschen haben, so gewiß
                     eben damit auch das Gesetz aufgerichtet wird.</p>
            <p>Es ist fraglos eine andere Ebene menschlicher Geistestätigkeit, wenn in der
                     Theologie nicht ohne Verweis auf den <seg type="non-entity">Bruder</seg> von Gott und in der Philosophie um
                     Gottes willen vom Mitmenschen die Rede, wenn dort die Wirklichkeit, hier die
                     Möglichkeit des Wortes Gottes Gegenstand der Nachforschung, wenn dasselbe Wort
                     Gottes dort Gegenstand, hier Voraussetzung ist. Diese Gegensätze sind
                     notwendige Gegensätze menschlicher Begrifflichkeit, als solche mit Fug und
                     Recht Prinzip sauberer Unterscheidung zwischen Theologie und Philosophie, aber
                     doch nicht mehr als das. Nicht Prinzip eines Stufen- und Wertungsunterschiedes!
                     Die Philosophie ist <hi rend="italic">nicht</hi> ancilla theologiae. Theologie kann
                     nur mit der Philosophie zusammen ancilla ecclesiae, ancilla Christi sein
                     wollen.</p>
          </div>
        </div>
      </div>
      <!-- chapter -->
    </body>
  </text>
</TEI>
