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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-02">Ethik I</title>
        <title type="formal">DER WEG DER THEOLOGISCHEN ETHIK</title>
        <title type="content">Der Weg der theologischen Ethik</title>
        <title type="citation_line_1">Der Weg der theologischen Ethik, in: Ethik I, 1928</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/2006 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Ethik I, hrsg. v. Braun, Dietrich (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1973, S. 74–101.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/2006</idno>
      </publicationStmt>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Ethik I</title>
          <title type="text">DER WEG DER THEOLOGISCHEN ETHIK: Der Weg der theologischen Ethik</title>
          <editor>Braun, Dietrich</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1973</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 74-101</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
        <bibl type="asp" xml:id="asp">
          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe II.2, Ethik I 1928, section 3</title>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
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      <div type="chapter">
        <pb xml:id="p074" ed="pga"/>
        <head>§ 3 DER WEG DER THEOLOGISCHEN ETHIK</head>
        <div type="abstract">
          <p>Die Aufgabe der theologischen Ethik besteht in der Darstellung der Inanspruchnahme
               des Menschen durch das Wort Gottes. Sie hat 1. das Ereignis dieser Inanspruchnahme
               als solches, sodann seine Bedeutung für den Menschen, also 2. seine Inanspruchnahme
               als Gottes Geschöpf, 3. seine Inanspruchnahme als begnadigter Sünder und 4. seine
               Inan<pb xml:id="p075" break="no" ed="pga"/>spruchnahme als <seg type="non-entity">Erbe</seg> des <seg type="non-entity">Reiches</seg> Gottes darzustellen, wobei unter 2-4 jedesmal a)
               die Eigenart des jeweiligen ethischen Gesichtspunktes, b) die jeweils maßgebende
               Gestalt des Erkenntnisgrundes, c) der jeweils entscheidende Inhalt der ethischen
               Forderung, d) die jeweils in Betracht kommende Erfüllung der ethischen Forderung in
               Erwägung zu ziehen sein wird.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>1.</head>
          <p>Es kann für den Ertrag der theologisch-ethischen Arbeit offenbar nicht gleichgültig
               sein, sich darüber vorher ausdrücklich zu verständigen, wie denn nun eigentlich hier
               gefragt und geantwortet werden soll. Die Frage der Gewinnung des richtigen Weges oder
               der richtigen Einteilung ist keineswegs eine bloße Formfrage. Sie bedeutet vielmehr
               hier wie überall nicht mehr und nicht weniger als die Frage der Gewinnung der
               richtigen Grundbegriffe, ohne die man nun einmal wohl unter Umständen fröhlich und
               gut leben, nicht aber, wenn es darauf ankommen soll, im Zusammenhang denken und
               verstehen kann. Das Maß der Richtigkeit der Begriffe muß aber hier wie überall sein
               die Angemessenheit an die besondere Sache, um die es hier in der theologischen Ethik
               zu gehen scheint.</p>
          <p>Nach den Feststellungen unserer zwei ersten Paragraphen braucht es nicht mehr
               begründet, sondern nur noch abgrenzend gesagt zu werden, welche Problemstellungen und
               daraus folgende Einteilungen der theologischen Ethik für uns außer Betracht fallen
               müssen.</p>
          <p>[Unbrauchbar sind] einmal (im Rückblick auf unsere Feststellung des Verhältnisses von
               theologischer und philosophischer Ethik) alle Versuche, die theologische auf die
               philosophische Ethik aufzubauen, sie irgendwie aus der philosophischen Ethik
               hervorgehen zu lassen. Es ist dies – abgesehen von dem großen klassischen Sonderfall
               der katholischen Ethik – der Weg, den <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <persName ref="kbga-actors-2435">O. Kirn</persName>, <persName ref="kbga-actors-1129">E. W.Mayer</persName>,
                  <persName ref="kbga-actors-433">G. Wünsch</persName></hi>, im Ansatz auch <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-422">De Wette</persName></hi> und in Gestalt einer
               ausdrücklichen Apologetik auch
               <pb xml:id="p076" ed="pga"/>
                  <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-151">Th. Haering</persName></hi> eingeschlagen haben. Es kommt dann zu Zweiteilungen des
               Stoffes wie: 1. Natürlich-sittliches Leben und sittliches Denken, 2. Das
               christlich-sittliche Leben (<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-181">Herrmann</persName></hi>);<note xml:id="n01">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, a.a.O. S. 15–85 und S. 86–227;
                           1913<hi rend="sup">5</hi> (1921), S. 12–87 und S. 88–237</bibl>. <persName ref="kbga-actors-181">Herrmann</persName> nennt den ersten Teil seiner Ethik: «Natürliches Leben und
                  sittliches Denken.»</note> oder: 1. Ethische Prinzipienlehre, 2. Systematische
               Darstellung des christlich-sittlichen Lebens (<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2435">Kirn</persName></hi>);<note xml:id="n02">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-2435">O. Kirn</persName>, a.a.O. S. 9–27 und S. 28–69;
                           1936<hi rend="sup">7</hi>, S. 9–34 und S. 35–94.</bibl>
                        </note> oder: 1. Moralphilosophie, 2. Morallehre (<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1129">Mayer</persName></hi>);<note xml:id="n03">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-1129">E. W. Mayer</persName>, a.a.O. S. 14–70 und S.
                        173-314.</bibl>
                        </note> oder: 1. Das Wesen des Sittlichen, 2. Das Wesen des Christlich-Sittlichen
                  (<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-433">Wünsch</persName></hi>).<note xml:id="n04">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-433">G. Wünsch</persName>, a.a.O. S. 29–58 und S.
                        59-126.</bibl>
                        </note> Wir können nach dem Ausgeführten weder die methodische Unterordnung des
               «christlich Sittlichen» unter ein Sittliches überhaupt und im allgemeinen noch die
               Selbständigkeit eines solchen Sittlichen überhaupt neben und gegenüber dem
               Christlichen, noch die angemaßte Überlegenheit einer aus einer besonderen Quelle
               schöpfenden theologischen Sittlichkeitslehre billigen und müssen daher von dieser
               Methode Abstand nehmen.</p>
          <p>Wir können aber (im Rückblick auf das über das Verhältnis von Dogmatik und Ethik
               Gesagte) auch in bezug auf die Fragen selbst, die die übliche theologische Ethik mit
               oder ohne philosophischen Unterbau ihren Darlegungen zugrunde zu legen pflegt, nicht
               mit ihr einiggehen. Sie hat nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName></hi> geistvoller
               Konzeption zu reden vom «reinigenden» Handeln, wie es durch Kirchen- und Hauszucht
               und wie es im Staate stattfindet, vom «verbreitenden» Handeln, wie es in der Ehe und
               extensiv und intensiv wiederum in der Kirche, endlich vom «darstellenden» Handeln,
               wie es im kirchlichen Gottesdienst, in der Geselligkeit, in der <seg type="non-entity">Kunst</seg> und im Spiel
                  stattfindet.<note xml:id="n05">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-5095"><persName ref="kbga-actors-360">F. Schleiermacher</persName>, a.a.O. S. 30–75; im
                        einzelnen: S. 97–290 («Das reinigende oder wiederherstellende Handeln»); S.
                        291-501 («Das verbreitende Handeln»); S. 502–705 («Das darstellende
                        Handeln»).</bibl>
                        </note> Es geht nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-190">Hofmann</persName></hi> um die christliche Gesinnung und ihre
               Betätigung im sittlichen Handeln im Verhältnis zu Gott, in der Kirche, in
               <pb xml:id="p077" ed="pga"/>
                der Familie, im Staate und in der Gesellschaft;<note xml:id="n06">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-190">J. Chr. v. Hofmann</persName>, <hi rend="italic">Theologische
                           Ethik</hi> (1874), Nördlingen
                           1878, S. 98–129 und S. 129–350</bibl>; S. 129–155 («Im unmittelbaren Verhältnis zu Gott»); S. 164–212 («In der
                  Kirche»); S. 212–350 («In den Gemeinschaften des natürlichen Lebens»).</note> nach
                  <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-181">Herrmann</persName></hi> um die Frage der Entstehung und um die Frage der
               Entfaltung des christlichen Lebens;<note xml:id="n07">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, a.a.O. S. 86–162 und S.
                        163-227; 1913<hi rend="sup">5</hi> (1921), S. 88–170 und S. 170–237.</bibl>
                        </note> nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2435">Kirn</persName></hi> um die Entstehung und Entfaltung der christlichen
               Persönlichkeit einerseits und um die Betätigung der Sittlichkeit in der Gemeinschaft
                  andererseits;<note xml:id="n08">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-2435">O. Kirn</persName>, a.a.O. S. 32–47 und S. 47–69;
                           1936<hi rend="sup">7</hi>, S. 40–60 und S. 61–94.</bibl>
                        </note> nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-151">Haering</persName></hi> um das neue Leben des Christen als
               Persönlichkeit und um das christliche Leben in den menschlichen
                  Gemeinschaftskreisen;<note xml:id="n09">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-151">Th. Haering</persName>, a.a.O. S. 200–314 und S.
                        315-454; 1926<hi rend="sup">3</hi>, S. 230–360 und S. 361–536.</bibl>
                        </note> nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1129">E. W. Mayer</persName></hi> um die sittliche Willensbeschaffenheit, um
               die Art sittlichen Handelns in den verschiedenen Tätigkeitsformen und Gemeinschaften,
               um seine Ordnung und Gliederung und endlich um sein Ergebnis, das <seg type="non-entity">Reich</seg> Gottes;<note xml:id="n10">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-1129">E. W. Mayer</persName>, a.a.O. S. 194–245; S. 245–308;
                        S. 308–313 und S. 313f.</bibl>
                        </note> nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-433">Wünschs</persName></hi> nicht ganz durchsichtiger Disposition 1. um
               das Wesen Gottes, 2. um die Folgen der Gotteserfahrung für die Sittlichkeit, 3. um
               den christlichen Charakter und endlich 4. um «einige Restprobleme», wozu nach <persName ref="kbga-actors-433">Wünsch</persName>
               z.B. die Ethik der Bergpredigt gehört!!<note xml:id="n11">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-433">G. Wünsch</persName>, a.a.O. S. 70–82; S. 82–112; S.
                        112-118 und S. 118–126.</bibl>
                        </note> Originell und kraftvoll ist der Weg <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-359">Schlatters</persName></hi>, bei dem die
               vier platonischen Tugenden Gerechtigkeit, Wahrheit, Seligkeit und Kraft, bezogen auf
               die Gemeinschaft des <seg type="non-entity">Willens</seg>, des Erkennens, des Gefühls und des Lebens, das Schema
               der Untersuchung und Darstellung bilden.<note xml:id="n12">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-359">A. Schlatter</persName>, a.a.O. S. 47–56 v. a. S.
                        51ff.; 1923<hi rend="sup">3</hi> (1961<hi rend="sup">4</hi>) S. 54–57 v. a. S. 58 ff.</bibl>
                        </note>
               </p>
          <p>Wir können darum nicht (auch bei <persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName> nicht) mitgehen, weil dabei, wie gezeigt,
               eine Unterscheidung von Dogmatik und Ethik, ein Übergang des <seg type="non-entity">Blicks</seg> von Gott auf den
               Menschen stattfindet, den wir so grundsätzlich nicht gutheißen können. Wir
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                haben gegen alle diese Einteilungen den Einwand geltend zu machen, daß sie
               anderswoher als aus der Sache selbst genommen und nun doch nicht zum Vorteil der
               Sache an die Sache herangetragen, auf die Sache angewendet sind. Daß im menschlichen
               Handeln ein kritisches, ein aufbauendes und ein spielendes Moment zu unterscheiden
               sei, das ist gewiß eine sehr feine Beobachtung <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName></hi> –
               aber ist damit nun wirklich auch das christliche Handeln als solches umfaßt und
               umschrieben? Daß die Tatsache des christlichen Lebens uns vor das Problem seiner
               Entstehung und Entfaltung (<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-181">Herrmann</persName>, <persName ref="kbga-actors-2435">Kirn</persName></hi>) stellt oder vor den
               Gegensatz von Gesinnung und Tätigkeit (<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-190">Hofmann</persName></hi>), das ist sicher an
               seinem Ort richtig, aber sind diese Unterscheidungen nun etwa gerade für das
               christliche Leben bezeichnend?</p>
          <p>Die besonders beliebte, etwa bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-190">Hofmann</persName>, <persName ref="kbga-actors-679">Martensen</persName>, <persName ref="kbga-actors-151">Haering</persName>, <persName ref="kbga-actors-2435">Kirn</persName>,
                  <persName ref="kbga-actors-1129">Mayer</persName></hi> mehr oder weniger sichtbare Unterscheidung von Individual- und
               Sozialethik mag einmal als möglich und sinnvoll durchgehen.<note xml:id="n13">
<bibl><persName ref="kbga-actors-190">J. Chr. v. Hofmann</persName>, a.a.O. S. 129–164 und
                           S. 164–350</bibl>; <bibl><persName ref="kbga-actors-679">H. Martensen</persName>, <hi rend="italic">Den christelige
                              Ethik</hi>, 1871-1878</bibl>, deutsch: <bibl><hi rend="italic">Die christliche Ethik</hi>, Gotha 1878,
                           I. Allgemeiner Teil, II. Spezieller Teil: Individuelle Ethik, III.
                           Spezieller Teil: Soziale Ethik.</bibl>
<lb/><bibl><persName ref="kbga-actors-151">Th. Haering</persName>, a.a.O. S. 200–314 und S.
                           315-455; 1926<hi rend="sup">3</hi>, S. 230–360 und S. 361–536.</bibl>
<lb/><bibl><persName ref="kbga-actors-2435">O. Kirn</persName>, a.a.O. S. 32–47 und S. 47–69;
                              1936<hi rend="sup">7</hi>, S. 40–60 und S. 61–94.</bibl>
<lb/><bibl><persName ref="kbga-actors-1129">E. W. Mayer</persName>, a.a.O. S. 246–265 und S.
                        265-308.</bibl>
</note> (<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName></hi> hat Ethik 1914, S. 53f. beachtenswerte Dinge
               dagegen gesagt, und sie dürfte uns von einer guten philosophischen Ethik schwerlich
               empfohlen werden). Man wird aber auf alle Fälle sagen müssen, daß dabei als
               selbstverständlich vorausgesetzt wird, das christliche Handeln sei eben ein
               Spezialfall von Handeln überhaupt, und wenn für dieses die Korrelation von Individuum
               und Gemeinschaft konstitutiv sei, so müsse sie es auch für das christliche Handeln
               sein. Als eine solche unproblematische Übernahme einer vielleicht richtigen,
               vielleicht auch etwas willkürlichen Bestimmung des menschlichen Handelns überhaupt
               als Schema für die Darstellung des christlichen Handelns stellt sich aber nun doch
               auch, so erfrischend sie neben
               <pb xml:id="p079" ed="pga"/>
                den etwas öden Dispositionen etwa der Ritschlianer wirkt, die <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-359">Schlattersche</persName></hi> Ableitung der christlichen Tugendlehre aus <seg type="non-entity">Wille</seg>, Erkenntnis,
               Gefühl und Leben dar.<note xml:id="n14">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-359">A. Schlatter</persName>, a.a.O. S. 53–56;
                           1929<hi rend="sup">3</hi> (1961<hi rend="sup">4</hi>) S. 61–63.</bibl>
                  </note>
               </p>
          <p>Alle diese Ableitungen und Einteilungen sind insofern nicht theologisch, als nach
               denselben Methoden (ihre Richtigkeit einmal unbesehen vorausgesetzt) bei anderer
               Füllung der Begriffe offenbar ebenso gut eine buddhistische, eine sozialistische,
               eine anthroposophische wie gerade eine christliche Ethik eingeteilt und abgeleitet
               werden könnte. Wir vermissen bei ihnen die spezifische Angemessenheit an die
               besondere Sache, um die es <hi rend="italic">hier</hi> geht: an das <hi rend="italic">christliche</hi> Verständnis der Güte menschlichen Handelns. Sollten zu seiner
               Erklärung nicht etwa Dinge zu sagen sein, die sich im Rahmen eines Begriffs des
               menschlichen Handelns überhaupt gar nicht sagen lassen? Sollte diesem Verständnis
               nicht etwa auch ein eigentümlicher Weg des Verstehens unentbehrlich sein? Sollten
               nicht schwere Verkürzungen dieses Verständnisses unvermeidlich sein, wenn man mit der
               Selbstverständlichkeit, die uns von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> bis zu <persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName> auffällig ist,
               Wege antritt und begeht, die an sich offenkundig auch anderswohin führen könnten?
               Oder rächt sich hier nicht die fatale methodische Unterscheidung der Ethik von der
               Dogmatik, die fatale Abwendung des <seg type="non-entity">Blicks</seg> von Gott auf den Menschen?</p>
          <p>Besteht diese Unterscheidung und diese Abwendung zu Recht, ja dann muß wohl in der
               Ethik der Mensch, in diesem Fall die Problematik des menschlichen Handelns das Maß
               aller Dinge sein, das Thema bilden und der Rahmen sein, innerhalb dessen sich die
               Untersuchung abspielt. Es darf und muß dann so sein, wie es bei jenen Ableitungen und
               Einteilungen offenbar vorausgesetzt ist, daß der Mensch gewisse Fragen zu stellen
               hat: wie er ein christlicher Mensch werden und sein könne?, was es heiße, sich als
               solcher zu betätigen?, was es wohl sein möchte um christliches Wollen, Erkennen und
               Fühlen?, was etwa aus seinem Lebens- und Kulturstreben, was aus Wirtschaft, Staat und
               Kirche,
               <pb xml:id="p080" ed="pga"/>
                aus Ehe und Familie, aus <seg type="non-entity">Kunst</seg> und Wissenschaft, aus seiner Arbeit und aus seiner
               Erholung werden möchte unter der Voraussetzung christlichen Handelns? Die
               theologische Ethik aber hätte auf diese gar nicht in der Entscheidung gegenüber dem
               wirklich <hi rend="italic">ergangenen</hi> göttlichen Gebot, gar nicht verantwortlich <hi rend="italic">gestellten</hi> Fragen zu antworten, dem Menschen irgend etwas zu sagen,
               wo er doch das Eine, was hier überhaupt gesagt werden kann, nur mit der Tat seiner
               Entscheidung gegenüber dem wirklich an ihn ergangenen Wort Gottes – selber sagen
               kann. Hier kann etwas nicht stimmen.</p>
          <p>Keine Frage, daß sich auch so, in einer solchen dem Menschen antwortenden Ethik, des
               Tiefsinnigen, Wahren, Ernsthaften und Fruchtbaren, des zur Entscheidung Aufrufenden
               genug sagen läßt, wie das bei den angeführten Autoren in Fülle geschieht. Aber <hi rend="italic">auch</hi> keine Frage, daß eine solche dem Menschen antwortende, im
               Grunde untheologische Ethik als solche, durch ihre ganze Haltung einen <seg type="non-entity">Schleier</seg>
               ausbreitet über das eigentümliche Woher? und Wohin? einer theologischen Ethik, über
               ihre Beziehung auf das wirklich ergehende göttliche Wort, einen <seg type="non-entity">Schleier</seg>, den man,
               wenn man diesen Schaden einmal gesehen hat, als unmöglich empfinden muß. Warum soll
               sich die theologische Ethik eigentlich durchaus in diese Haltung einer
               Auskunftsstelle über alles Mögliche begeben, zu der sie gar nicht berufen ist? Warum
               soll sie ihre Fragen nicht selbst stellen, <hi rend="italic">ihre</hi> Fragen, statt sich
               von außen Fragen stellen zu lassen, die die Theologie wirklich nicht zu beantworten
               hat? Fragen, bei denen sie überdies nicht einmal die Garantie hat (und aus eigenen
               Mitteln offenbar auch nicht beschaffen kann), ob die philosophische Ethik, in deren
               Kompetenz sie doch offenbar fallen würden, sie auch nur als richtig gestellt
               anerkennen könnte! Warum soll sie sich in jene Stellung und Haltung des Antwortenden
               drängen lassen, wo auch das Tiefste, Wahrste, Ernsthafteste und Fruchtbarste, was sie
               vorbringen kann, zum vornherein auf ein totes Geleise geschoben ist, als Aufruf zur
               Entscheidung nicht gehört werden oder nur dem untheologischen Ansatz zum Trotz gehört
               werden kann?</p>
          <p>Wenn anders Theologie grundsätzlich Wissenschaft von der
               <pb xml:id="p081" ed="pga"/>
                christlichen <hi rend="italic">Verkündigung</hi> ist, dann muß der Mensch gegenüber ihren
               Sätzen der Gefragte, nicht aber sie mit ihren Sätzen gegenüber den Fragen des
               Menschen die Antwortende sein. Ihr Gegenstand ist das Wort Gottes, nicht das vom
               Menschen in Anspruch genommene, sondern das den Menschen in Anspruch nehmende Wort
               Gottes. Gewiß den Menschen in der ganzen Problematik seines Handelns! Aber nicht
               diese Problematik und etwa der Beitrag, den das Christentum dazu zu geben hat, kann
               ihr Thema werden. Nicht von daher kann sie sich ihre Aufgaben stellen lassen, so
               gewiß es verkehrt ist, wenn die christliche Verkündigung das tut, nicht von daher
               kann sie ableiten und einteilen und ihre Grundbegriffe gewinnen. Es wäre denn, sie
               wollte zur bloßen und dann sicher weniger guten Dublette der philosophischen Ethik
               werden. Das besondere Problem des <hi rend="italic">christlichen</hi> Handelns, mit dem
               wir es hier zu tun haben, wird dann zu seinem Recht kommen, wenn wir das Christliche
               keineswegs als bloßes Prädikat, sondern, wie es sich in einer Hilfswissenschaft der
               Dogmatik gehört, als <hi rend="italic">Subjekt</hi> auffassen, wenn wir nicht das
               menschliche Handeln als solches, sondern seine Inanspruchnahme durch das Wort Gottes,
               seine Heiligung, also das Handeln Gottes am Handeln des Menschen den Zentralbegriff,
               den Ausgangs- und Endpunkt der theologischen Ethik sein lassen.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>2.</head>
          <p>Wenn diese Bestimmung des Ausgangspunktes des vor uns liegenden Weges richtig ist, so
               fragt es sich nun weiter, wie die damit gestellte Aufgabe im einzelnen anzugreifen
               und zu gliedern sein möchte. Verhältnismäßig einfach und selbstverständlich dürfte
               wohl ein erster Schritt sich als notwendig erweisen. Es dürfte doch wohl vor Allem
               gelten, das Wort Gottes als Subjekt jener Inanspruchnahme des Menschen, als das den
               Menschen heiligende Gebot aufzuweisen und darzustellen. Wir meinen ja in der
               theologischen Ethik die Güte menschlichen Handelns suchen und finden zu müssen in dem
               Ereignis einer Handlung Gottes selbst am Men<pb xml:id="p082" break="no" ed="pga"/>schen, nämlich in der Handlung seines Redens, Sprechens, Sich-Offenbarens ihm
               gegenüber. Der Mensch handelt gut, sofern er als <hi rend="italic">Hörer</hi> des Wortes
               Gottes handelt, und der Gehorsam ist das Gute. Also kommt das Gute aus dem Hören und
               also aus dem göttlichen Sprechen. Man kann es auch so sagen: der Mensch handelt gut,
               sofern er handelt als von Gott zur <hi rend="italic">Verantwortung</hi> Gezogener. In und
               aus der Verantwortlichkeit gegen Gott handeln heißt gebunden handeln. In dieser
               Bindung geschieht das Gute. Also kommt das Gute aus der Verantwortlichkeit und also
               aus dem göttlichen Sprechen, dem gegenüber sich der Mensch mit seinem Tun
               verantwortet. Und man kann es auch so sagen: der Mensch handelt gut, sofern er <hi rend="italic">christlich</hi> handelt. «Christlich» heißt ja eben theologisch
               verstanden: als Einer, dem Gott in seiner Offenbarung in Christus durch den heiligen
               Geist begegnet, dessen Handeln nun in dieser Begegnung, in diesem Gegenüber
               stattfindet. In diesem Gegenüber handeln heißt «gerichtet» handeln. In dieser
               Gerichtetheit geschieht das Gute. Also kommt das Gute aus diesem Gegenüber und also
               aus dem Sprechen Gottes, aus jener Begegnung, in der dieses Gegenüber zustande kommt.
               Das ist grundsätzlich die theologische Antwort auf die ethische Frage. Ihr
               Charakteristisches besteht darin, daß sie, indem auch sie nach der Güte menschlichen
               Handelns fragt, den Menschen versteht als von Gott angesprochen und also vom Menschen
               weg und auf Gott und sein Sprechen hinweist. Genauer gesagt, auf Gottes <hi rend="italic">Gebieten</hi>. Das Gute im menschlichen Handeln ist seine Bestimmtheit durch das
               göttliche Gebieten. Wir werden des Näheren zu erwägen haben, was es mit dieser
               Bestimmtheit auf sich hat. Aber auf alle Fälle kann eine theologische Ethik das Gute
               nur in dieser Bestimmtheit des menschlichen Handelns und also in dem göttlichen
               Gebieten, das diese Bestimmtheit schafft, suchen, nicht aber und in keinem Sinn in
               dem menschlichen Handeln selbst und als solchem. Warum nicht? Wir können zunächst nur
               konstatierend antworten: so ernst wird nun einmal hier der Begriff des dem Menschen
               in Schlechthinniger Überlegenheit gegenübertretenden Gottes, so ernst sein Sprechen
               und also das Angesprochenwerden des Menschen genommen, daß die Frage
               <pb xml:id="p083" ed="pga"/>
                nach der Güte menschlichen Handelns mit dem Verweis auf den, der allein der Gute ist
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.18">Mk. 10,18</ref>], also mit
               der Feststellung der schlechthinnigen Transzendenz des Guten, geradezu angewiesen
               wäre, wenn nun nicht doch und gerade – dadurch daß dieser Gott, der das allein Gute
               ist, als der Gebietende, nicht als ein transzendentes Sein, sondern als auf uns sich
               beziehender Akt erkannt ist – seine Immanenz, aber nun freilich diese, diese höchst
               aktuelle Immanenz eingesehen und damit, aber freilich auch nur damit, eine positive
               Antwort auf die ethische Frage ermöglicht wäre.</p>
          <p>Also die Inanspruchnahme des Menschen durch Gott, seine Heiligung und damit die Güte
               seines Handelns ist wirklich in der Wirklichkeit des göttlichen <hi rend="italic">Gebietens</hi>. Daß und inwiefern dieses göttliche Gebieten Ereignis ist, wird
               eine theologische Ethik als erstes zu zeigen und als grundlegenden und Alles
               umfassenden Satz zu entwickeln haben. Wir werden, entsprechend der Lehre von der
               Offenbarung in den Prolegomena zur Dogmatik, nicht genug Gewicht darauf legen können,
               daß unter dem beherrschenden Prinzip der theologischen Ethik, also unter dem
               heiligenden Worte Gottes, eben ein <hi rend="italic">Ereignis</hi> zu verstehen ist, eine
               Wirklichkeit, die man überhaupt nicht sieht, wenn man sie nicht als sich ereignende
               Wirklichkeit sieht. Das Wort Gottes ist für die Ethik so wenig wie für die Dogmatik
               etwa eine allgemeine Wahrheit, die vom sicheren <seg type="non-entity">Port</seg> theoretischer Überlegung aus
               ebenso allgemein zu erkennen wäre, es ist eben kein Sein, aus dem sich dann u. a.  ein
               Sollen gemächlich deduzieren ließe. Es <hi rend="italic">gibt</hi> sich zu erkennen, und
               indem es das tut, wird es gehört, wird der Mensch verantwortlich gemacht, findet sein
               Handeln in jenem Gegenüber statt. Das Wort Gottes ist nur in actu das Wort Gottes.
               Das Wort Gottes ist <hi rend="italic">Entscheidung</hi>. Gott <hi rend="italic">handelt</hi>.
               Nur auf diese durchaus nicht allgemeine, sondern höchst besondere Wirklichkeit hin
               wagt es die theologische Ethik, auf die ethische Frage Antwort zu geben. Ihre Theorie
               ist schlechterdings nicht anders gemeint, denn als Theorie dieser <hi rend="italic">Praxis</hi>. Aber diese Praxis setzt sie allerdings als stattfindend voraus, und
               daraufhin wagt sie es zu antworten. In derselben göttlichen Entscheidung, in
               derselben Aktualität, in derselben Er<pb xml:id="p084" break="no" ed="pga"/>kenntnis der Offenbarung (aber diese Erkenntnis ist selbst Offenbarung) existiert
               die christliche Kirche, wird in der christlichen Kirche geglaubt und gehorcht. Indem
               diese Entscheidung fällt, handelt der Mensch als Hörender, verantwortlich und
               insofern gut; denn diese Entscheidung besteht darin, daß Gott ihm, dem Gesetzlosen,
               sein Gebot gibt und ihn so beruft aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Lichte
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.2.9">1.Petr. 2,9</ref>].</p>
          <p>Sie als solche zu verstehen, das wird also unsere erste Aufgabe sein, die sich
               sinngemäß gliedern dürfte in die drei Fragen nach dem Geschehen, nach dem Inhalt und
               nach der Bedeutung oder nach der Kraft dieses Gebietens. Das ist [es], was – aber
               freilich als etwas toto genere Verschiedenes – als unser erstes Kapitel an die Stelle
               der in der modern-theologischen Ethik so beliebten philosophischen Prinzipienlehre zu
               setzen wäre.</p>
          <p>Aber das kann nun offenbar doch erst die Grundlegung, die allgemeine These sein.
               Wohin kommen wir von da aus? Die Wirklichkeit des göttlichen Gebietens vorausgesetzt,
               wird nun offenbar im einzelnen klarzumachen sein, inwiefern sich dieses Gebieten an
               den <hi rend="italic">Menschen</hi> richtet, inwiefern hier göttliche Entscheidung über
               den <hi rend="italic">Menschen</hi> stattfindet. Die Frage könnte sich nahelegen, ob es
               nun nicht doch, nachdem dem Anliegen einer theozentrischen Orientierung der Ethik in
               der Grundlegung genug getan [ist], angemessen sein möchte, zu einem jener
               Schematismen: Individualund Sozialethik, Entstehung und Entfaltung des christlichen
               Lebens, Wollen, Wissen und Fühlen oder dergleichen als Rahmen für den zu gebenden
               Einzelnachweis zu greifen? Ob es nun nicht etwa doch am Platze sei, den Begriff der
               Persönlichkeit und des Charakters einerseits, andererseits die soziologischen
               Begriffe gleichsam als leere Gefäße aufzurichten, in die sich das Christliche zu
               ergießen hätte? Ob die theologische Ethik ihre Aufgabe nun nicht doch in einer
               christlichen Beleuchtung des menschlichen Mikrokosmos und Makrokosmos, in einer
               christlichen Beantwortung der menschlichen Lebensfragen zu suchen habe? Warum sollten
               wir nicht nachgeben, warum sollten wir nicht jetzt wenigstens auch anders können,
               wenn es etwa bloß das etwas eigensinnige Anlie<pb xml:id="p085" break="no" ed="pga"/>gen einer streng theozentrischen Orientierung wäre, das uns hemmte, oder wenn es im
               Interesse der zu erreichenden Klarheit läge, nachzugeben und vom Begriff des Menschen
               aus weiter zu fragen, oder wenn die Möglichkeiten, vom Begriff des heiligenden Wortes
               Gottes aus zu fragen, etwa bereits erschöpft sein sollten? Aber das Alles ist nicht
               der Fall.</p>
          <p>Es geht nicht um das formale Interesse an einer theozentrischen Theologie – wenn wir
               das hätten, dann müßten wir in der Tat auch anders können, wie denn <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-353">Schaeder</persName></hi> längst gezeigt hat, daß er auch anders kann –,<note xml:id="n15">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-353">E. Schaeder</persName>, <hi rend="italic">Theozentrische
                           Theologie</hi>. Eine Untersuchung zur dogmatischen Prinzipienlehre,
                        Leipzig I: Geschichtlicher Teil 1909, II: Systematischer Teil
                           1914, mit I 1925<hi rend="sup">3</hi> und II 1928<hi rend="sup">2</hi>, v. a. S. 1–75</bibl>. Den Übergang zur dritten «umgearbeitete(n) und vermehrte(n)» bzw. zweiten
                  «völlig neu gestaltete(n)» Auflage dieses Werkes stellt <persName ref="kbga-actors-353">Schaeders</persName> Arbeit <bibl><hi rend="italic">Das Geistproblem der Theologie</hi></bibl>. Eine systematische Untersuchung, Leipzig und Erlangen <date when="1924">1924</date>,
                  dar. Hiermit haben sich sowohl <bibl><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, <hi rend="italic">Theozentrische
                           Theologie?</hi> Eine Bemerkung zu <persName ref="kbga-actors-353">Schaeders</persName> ‹Geistproblem der
                        Theologie› ZdZ 2 (1926) 182f.</bibl> wie <bibl><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Die Christliche Dogmatik im
                           Entwurf</hi>, München
                                1927, S. 92ff.</bibl>, ausdrücklich auseinandergesetzt.</note> es geht einfach um die Frage, ob
               die theologische Ethik wirklich auch nur im Interesse des Menschen und seiner
               Lebensfragen handeln würde, wenn sie ihr Erstgeburtsrecht preisgeben und den
               Gesichtspunkt, den auf dem Felde der Ethik nun gerade sie fruchtbar zu machen hat,
               aufgeben würde? Kann sie denn, wenn sie sich selbst, wenn sie ihr Prinzip, das als
               Ereignis verstandene heiligende Wort Gottes, recht verstanden hat, diesem Wort das
               Wort entziehen und in allerlei Anwendungen zu einem Reden über das Wort übergehen?
               Muß sie nicht ernst damit machen, daß dieses Wort doch wohl selbst für seine
               Anwendung sorgen, daß es aber vor Allem zu Ende gehört werden will? Sollte nicht auch
               die Persönlichkeit, die Wissenschaft, der Staat und welche Problemgebiete
               menschlichen Handelns immer in Betracht kommen mögen, was ihre christliche
               Beleuchtung betrifft, besser dabei fahren, wenn man dem Worte das Wort läßt, wenn man
               es darauf ankommen läßt, was sich, wenn man es nach seiner eigenen Logik reden läßt,
               von selbst auch im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf diese
               <pb xml:id="p086" ed="pga"/>
                Problemgebiete ergeben mag? Es könnte und kann aber auch nicht der Klarheit dienen,
               wenn wir mit dem Begriff des göttlichen Gebots anfangen und mit Erwägungen über
               Individuum und Gemeinschaft oder mit der Abwicklung eines psychologischen Schemas
               oder mit der Abwandlung einer Tafel von christlichen Pflichten und Tugenden
               fortfahren wollten; denn als Begründung dazu vermöchte unsere Begründung der Ethik
               kaum dienlich zu sein, und der Begriff des göttlichen Gebots, mit dem wir die Ethik
               begründen möchten, könnte durch das Betreten eines solchen Nebenweges nur verdunkelt
               werden. Und nun steht es auch durchaus nicht so, daß wir zum Betreten solcher
               Nebenwege dadurch genötigt wären, daß der Begriff des Wortes Gottes ja durch die
               Feststellung seiner Aktualität erschöpft sei. Wir sind ja seinem Inhalt noch gar
               nicht nähergetreten, wie sollte er denn schon erschöpft sein? Steht es denn nicht so,
               daß er vielmehr gerade in bezug auf den Menschen, nach dem jetzt in der Tat gefragt
               ist, einen ganz bestimmten, und zwar einen sehr reichen Inhalt hat, kraft dessen er
               vielleicht die ganze Problematik des menschlichen Handelns viel kräftiger und tiefer
               erfaßt und umfaßt, als wenn wir uns darauf einließen, anhand irgendeines fremd an ihn
               herangetretenen Schematismus an ihm vorbei zu jenen Anwendungen und Beleuchtungen
               überzugehen? Einen Inhalt, den wir bloß brauchen reden zu lassen, um auf die
               einfachste und zugleich sachgemäßeste Weise auf den Weg zu kommen, der zu einer
               übersichtlichen und grundsätzlich erschöpfenden Darstellung unseres Gegenstandes nun
               einmal erforderlich ist.</p>
          <p>Was sagt denn das Wort Gottes? Es ist das Wort von der göttlichen <hi rend="italic">Schöpfung</hi>, von der göttlichen <hi rend="italic">Versöhnung</hi>, von der
               göttlichen <hi rend="italic">Erlösung</hi>. Man kann auch sagen: es offenbart das <seg type="non-entity">Reich</seg>
               Christi des Herrn als das <hi rend="italic">regnum naturae</hi>, als das <hi rend="italic">regnum gratiae</hi>, als das <hi rend="italic">regnum gloriae</hi>. Man kann auch
               sagen: es redet uns an auf unsere <hi rend="italic">Bestimmung</hi> für Gott, auf das
               Ereignis unserer <hi rend="italic">Beziehung</hi> zu ihm, auf das Ziel unserer <hi rend="italic">Vollendung</hi> in ihm. Das sind keine zufällig oder willkürlich
               gewählten Gesichtspunkte, das sind, wie
               <pb xml:id="p087" ed="pga"/>
                man sieht, die großen Orientierungspunkte des Ganges der christlichen Dogmatik, auf
               die aufzubauen bei einer so auf das Ganze gehenden, das Ganze rekapitulierenden
               Hilfswissenschaft wie die Ethik, offenbar sinnvoll ist. Die Dogmatik zeigt auf Grund
               und unter Voraussetzung der Entwicklung des Gottesgedankens, mit der wir unser erstes
               Kapitel der Ethik wohl noch besser als mit den dogmatischen Prolegomena in Parallele
               stellen könnten, 1. wie Gott der Herr ist als <hi rend="italic">Schöpfer</hi> alles
               dessen, was nicht er selber [ist], und darum [der Herr] – als des Inbegriffs alles
               dessen, was nicht er selber ist – des Menschen. Sie begreift die Welt und den
               Menschen unter dem Gesichtspunkt dieser ursprünglichen und, schon als diese
               ursprüngliche verstanden, seinem eigenen Sein schlechthin überlegenen
               Gottesherrschaft. Sie zeigt 2. wie Gott der Herr ist als <hi rend="italic">Versöhner</hi>
               des Menschen, als der Bundes-Gott, dessen Treue durch des Menschen Untreue nicht
               gebrochen werden, sondern nur noch heller ins Licht treten kann, dessen Majestät sich
               gerade angesichts der Sünde des Menschen als Gnade um so kräftiger erweist. Sie
               begreift also den Menschen unter dem Gesichtspunkt dieser der Wirklichkeit des
               Menschen zum Trotz behaupteten Gottesherrschaft, sie begreift ihn in der Paradoxie
               des Gefallenen und doch Gehaltenen, des Feindes und doch Geliebten, des Rebellen und
               doch Knechtes. Und sie zeigt 3. wie Gott der Herr ist als der <hi rend="italic">Erlöser</hi> des Menschen, der Erste, der auch der Letzte ist, dessen <seg type="non-entity">Reich</seg>
               kommt, das <seg type="non-entity">Reich</seg> des überwundenen Zwiespalts, des neuen Himmels und der neuen Erde,
               der Herrlichkeit. Sie begreift also den Menschen eschatologisch, d.h. unter dem
               Gesichtspunkt dieser ewigen, ihm, dem in der Zeit lebenden, verheißenen vollendeten
               Gottesherrschaft, als Wartenden und Eilenden innerhalb einer positiven
               hoffnungsvollen Grenze, gleichzeitig beschattet vom Tode als von der Aufhebung alles
               Diesseitigen und belichtet von der Auferstehung der Toten, in der Alles neu werden
               soll. Es sind doch nur scheinbar drei Teile oder Stufen der Wahrheit oder der
               Erkenntnis, die damit angezeigt sind. In Wirklichkeit wird dabei gerade wie in der
               Lehre von der Dreieinigkeit Gottes, die die heimliche
               <pb xml:id="p088" ed="pga"/>
                Wurzel dieser Ordnung ist, dreimal das Eine, dreimal das Ganze gesagt, wobei Jesus
               Christus, der das Wort Gottes selber ist, von der beherrschenden Mitte des
               Versöhnungsgedankens aus auch die Voraussetzung und der Inbegriff des
               Schöpfungsgedankens und des Erlösungsgedankens ist.</p>
          <p>Wir sind aber offenkundig nicht in der Lage, auf diese dreifache Bewegung unserer
               christlichen Erkenntnis zu verzichten, diese dreifach bestimmte christliche Wahrheit
               etwa in einem Wort auszusprechen. Das eine Wort ist das Wort Gottes selber, das wir
               nicht aussprechen, sondern nur als zu uns gesprochen hören können. Und was wir hören,
               das ist eben dieses Dreifache. Eben darum bildet dieses Dreifache nun auch kein
               System. Wäre es das, so müßte es sich auf <hi rend="italic">ein</hi> Wort zurückführen
               lassen. Ein System hat einen Mittelpunkt, einen Kardinalsatz, aus dem sich das übrige
               deduzieren läßt. Einen solchen vermissen wir hier gerade. Die Wirklichkeit des Wortes
               Gottes selbst ist freilich der Mittelpunkt, auf den hier Alles ankommt. Aber uns
               fehlt das Wort für diese Wirklichkeit. Wir können und müssen sie freilich als solche
               anerkennen, aber wir haben nur Worte, die sich auf sie beziehen, kein Wort für sie
               selber. Und das sind nun eben – von dem Satz: «Gott ist der Herr» abgesehen – diese
               Worte: Schöpfung, Versöhnung, Erlösung. Sie bezeichnen kein System, sondern einen
               Weg. Wenn wir diesen gewiß nicht gesuchten, sondern in Gottes Offenbarung, in ihrer
               Bezeugung durch die heilige Schrift und im Dogma der Kirche in unerfindbarer
               Kontingenz vorgefundenen Weg als richtig beschrieben voraussetzen dürfen, dann dürfte
               es doch naheliegen, uns auch in der Ethik an ihn zu halten, statt mit ungarantierten
               Lehnbegriffen aus der Psychologie und Logik arbeiten zu wollen.</p>
          <p>Der im Begriff des Wortes Gottes selbst enthaltene Begriff des Menschen versteht ihn
               als Gottes Geschöpf, als Gottes begnadigten Sünder, als Gottes künftigen Erlösten. In
               diesen Relationen erkennen wir uns selbst, wenn und sofern wir uns in Gottes Wort
               erkennen. In diesen Relationen muß nun offenbar auch nach unserer Heiligung, nach der
               Bedeutung jener göttlichen Ent<pb xml:id="p089" break="no" ed="pga"/>scheidung, des Ereignisses des göttlichen Gebietens gefragt werden. In diesen drei
               Relationen erkennen wir uns als durch Gottes Wort in Anspruch genommen. Das ist der
               Mensch – und wir legen keinen allgemeinen abstrakten, sondern den konkret
               christlichen Begriff vom Menschen zugrunde, wenn wir sagen: das ist der <hi rend="italic">geheiligte</hi> Mensch, der nicht das Subjekt, wohl aber das Prädikat der
               Aussagen der theologischen Ethik ist. Er ist Gottes Geschöpf, er ist in Christus
               begnadigter Sünder, er ist <seg type="non-entity">Erbe</seg> des <seg type="non-entity">Reiches</seg> Gottes, weil und sofern ihn Gott als das
               Alles in Anspruch nimmt. In allen diesen Relationen ist das göttliche Gebieten das
               Prinzip der Güte seines Handelns. Es ist nun klar, daß auch diese drei Relationen
               nicht etwa drei Stufen oder Teile im Wesen des Menschen bedeuten können und daß es
               sich also auch bei der so und so und so zu verstehenden Heiligung des Menschen nicht
               um Stufen oder Teile, um ein so oder so oder so verschiedenes Gebieten Gottes handeln
               kann, sondern so oder so oder so nur um den einen ganzen Menschen und um das eine
               ganze Gebot Gottes, wie es dem Menschen in Gottes Offenbarung gegeben wird. Die
               Unterscheidung kann also auch hier nur logisch und nicht etwa ontisch gemeint sein.
               Sie kann nur die zu durchlaufenden Momente des Erkenntnisweges, die in Betracht
               kommenden Gesichtspunkte zum Verständnis der in sich einen und ganzen Wirklichkeit,
               nicht aber eine Spaltung in dieser selbst bezeichnen. Aber diese eine ganze
               Wirklichkeit ist ja die Wirklichkeit Gottes selbst, über deren Einheit wir keine
               Verfügung haben, die sich als schlechterdings aktuelle Wirklichkeit durchaus nicht
               zur Einheit eines Systems gebrauchen läßt. Als logische Unterscheidung ist die
               Unterscheidung also notwendig. Wir verfügen nicht über die Synthese, die sie etwa
               aufheben würde. Gott ist freilich die Synthese, aber Gott ist keine von uns
               vollzogene oder zu vollziehende Synthese. Der Sinn des göttlichen Gebietens stellt
               sich uns also notwendig anders dar, wenn wir es als das Gebieten des Schöpfergottes
               oder des Versöhnergottes oder des Erlösergottes verstehen, obwohl diese drei nicht
               drei, sondern einer sind. Wie sollten wir sein Gebot in einem Wort
               <pb xml:id="p090" ed="pga"/>
                ohne jene Andersheit verstehen, wenn wir ihn selbst nur in der angezeigten Bewegung
               unseres Erkennens verstehen können?</p>
          <p>Und nun zeigt uns die Geschichte der christlichen Ethik mit ihren zahllosen
               Konflikten zwischen einem an der Schöpfung oder an der Versöhnung oder an der
               Erlösung, zwischen einem an der Natur oder an der Gnade oder an der ewigen
               Herrlichkeit orientierten Denken, daß tatsächlich auch im ethischen Denken der
               Christenheit diese Bewegung wirklich stattgefunden hat. Versteht man, daß das Wort
               Gottes die sittliche Wahrheit ist, dann versteht man, daß die Unterscheidung, die
               dieser Bewegung zugrunde liegt, notwendig ist, daß man sie nicht umgehen kann. Man
               wird dann also nicht nur begreifen, daß jene Konflikte der Geschichte in ihrer Art
               alle sinnvoll waren, sondern man wird dann auch in der Lage sein, die verschiedenen
               Anliegen, die hier offenbar angemeldet sind, an ihrem Ort zu Worte kommen zu lassen.
               An ihrem Ort: man wird dann freilich auch die Starrheit zu vermeiden wissen, in der
               je und je der eine oder andere der hier an sich möglichen und berechtigten
               Gesichtspunkte ergriffen und als der absolute und einzige behandelt worden ist. Man
               wird diese verschiedenen Gesichtspunkte dann aber auch nicht zu einem System
               vereinigen wollen – das hieße ja, daß man die Notwendigkeit ihrer Unterscheidung,
               ihre Einheit in der Wirklichkeit Gottes, aber auch nur in der Wirklichkeit Gottes,
               über die wir keine Verfügung haben, wieder vergessen hätte. Man wird jene
               Gesichtspunkte dann vielmehr zur Geltung bringen als Stationen eines <hi rend="italic">Weges</hi>. Man wird also das Wesen der christlich-sittlichen Erkenntnis weder in
               einer isoliert den einen oder anderen jener Gesichtspunkte bevorzugenden, noch in
               einer alle drei Gesichtspunkte vereinigenden und unter sich harmonisierenden
               Konstruktion, sondern dem göttlichen Offenbarungsakt entsprechend im <hi rend="italic">Begehen</hi> dieses Weges, im Akt des <hi rend="italic">Durchlaufens</hi> dieser drei
               Gesichtspunkte, in der grundsätzlich einen <seg type="non-entity">Kreis</seg> beschreibenden Erkenntnis<hi rend="italic">bewegung</hi> durch diese drei Punkte suchen und finden.</p>
          <p>Diese Erkenntnisbewegung zu vollziehen ist die Aufgabe des zweiten speziellen Teiles
               der Ethik, unseres zweiten, dritten und
               <pb xml:id="p091" ed="pga"/>
                vierten Kapitels, eine genaue Wiederholung im Kleinen derselben Bewegung, die die
               Dogmatik im Großen vollzieht – mit dem einen nicht methodischen, sondern
               praktisch-faktischen Unterschied, daß in der Ethik mit speziellster Aufmerksamkeit
               nach der Inanspruchnahme des Menschen als solcher gefragt wird. Nochmals: Alles wird
               hier wie in der Dogmatik darauf ankommen, daß das Verhältnis der drei einander
               folgenden Entwicklungen nicht statisch, sondern kinetisch verstanden wird, wie eben
               das Bild einer Bewegung weder durch eine Abbildung ihres ersten noch durch die ihres
               zweiten, noch durch die ihres dritten Stadiums, und auch nicht durch eine
               rekapitulierende Darstellung oder Zusammenstellung aller drei, sondern allenfalls
               allein in der Folge aller drei gegeben werden könnte. Wir fragen nach dem Guten. Wir
               dürfen aber das Gute weder im zweiten noch im dritten, noch im vierten Kapitel zu
               sehen erwarten, und noch weniger etwa in einer Zusammenstellung ihrer Ergebnisse,
               sondern wenn überhaupt, dann im Akt des nach diesen Kapiteln sich ordnenden Denkens.
               Das Gute ist das mir, dem Menschen als Gottes Geschöpf, als begnadigten Sünder, als
               Erben seines <seg type="non-entity">Reiches</seg> Gebotene. Indem ich mich selbst als dieser Mensch unter Gottes
               Gebot gestellt erkenne, erkenne ich das Gute. Ich kann es also nicht anders erkennen,
               als indem ich es tue. Und indem ich es tue, erkenne ich mich als dieser Mensch:
                  <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐξ αὐτοῦ, δἰ αὐτοῦ, εἰς
                  αὐτόν</foreign> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.8.6">1.Kor.
                  8,6</ref>]. In Anspruch genommen durch das göttliche Selbst, erkenne ich mich
               selbst in jenem Kreislauf der Erkenntnis, erkenne ich mich als dreifach in Anspruch
               genommen. Und mein Handeln in dieser dreifach zu verstehenden Inanspruchnahme ist
               dann das mir gebotene, ist dann mein gutes Handeln. Wir reden also in unserem zweiten
               Kapitel vom Gebieten Gottes des Schöpfers, im dritten vom Gebieten Gottes des
               Versöhners, im vierten vom Gebieten Gottes des Erlösers, durchaus in der Meinung,
               nicht drei verschiedene Dinge zu sagen, wie ja auch der Schöpfer, der Versöhner, der
               Erlöser einer und der selbe Gott ist, wie das <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐξ
                  αὐτοῦ, δἰ αὐτοῦ, εἰς αὐτόν</foreign> eine und dieselbe Inanspruchnahme
               durch Gott bezeichnet. Wir haben nur,
               <pb xml:id="p092" ed="pga"/>
                aber das haben wir allerdings, in gründlich verschiedener Weise dreimal dasselbe zu
               sagen. Eben daraus ergibt sich nun aber, daß der einzuschlagende Weg im einzelnen, in
               der Anordnung des Inhalts dieser drei Kapitel, dreimal grundsätzlich derselbe sein
               muß, wenn es auch ganz verschiedene Gedanken sind, die hier und hier und hier zur
               Sprache zu bringen sind. Es sind aber vier Momente, die sich uns auch hier mit einer
               gewissen, in der Sache begründeten Notwendigkeit und wenigstens teilweise nicht ohne
               Stützung durch klassische Vorbilder aufzudrängen scheinen.</p>
          <p>Es dürfte zunächst einleuchten, daß es vor Allem am Anfang jedes der drei Kapitel
               gelten wird, die <hi rend="italic">Eigenart des jeweiligen ethischen Gesichtspunktes</hi>
               herauszuarbeiten, zu zeigen, inwiefern das menschliche Handeln als göttlich geboten
               (jetzt in diesem, jetzt in diesem, jetzt in diesem Sinn) jedesmal wirklich in ein
               besonderes, mit dem der anderen Gesichtspunkte nicht zu verwechselndes Licht tritt,
               inwiefern es gerade unter diesem Gesichtspunkt in unauflösbar eigenartiger Weise von
               Gottes Wort in Anspruch genommen und insofern geheiligt ist.</p>
          <p>Dieses Besondere der göttlichen Inanspruchnahme dürfte nun, sofern an das Besondere
               des <hi rend="italic">Schöpfer</hi>gebotes gedacht werden soll, wie dies am Anfang unseres
               zweiten Kapitels zu geschehen hat, zu verstehen sein als die Notwendigkeit des uns
               geschenkten <hi rend="italic">Lebens</hi>. Indem wir die Notwendigkeit, unter die wir
               durch den göttlichen Anspruch gestellt sind in diesem ersten Gedankenkreis, von der
               Schöpfung aus verstehen als Notwendigkeit des Lebens, sagen wir, daß das Gebotene und
               also das Gute zunächst und zuerst in der Wirklichkeit des menschlichen Existierens zu
               suchen ist, weil und sofern dieses Existieren auf Gottes Schöpfung und also auf
               Gottes Willen beruht. Die göttliche Inanspruchnahme will wahrlich, wo sie überhaupt
               erkannt wird, erkannt sein als eine, die schon damit anhebt, daß wir sind. Wir sind
               nicht anders als so, daß wir des Herrn sind. Indem wir leben, stehen wir unter der
               Notwendigkeit, ihm zu leben. Er ist die Notwendigkeit unseres Lebens. Wir brauchen
               bloß zu verstehen, was Leben heißt, so verstehen wir auch, was uns geboten ist.</p>
          <p><pb xml:id="p093" ed="pga" rend="noPipe"/>Ganz anders stellt sich nun dieselbe Inanspruchnahme dar, wenn wir sie von der <hi rend="italic">Versöhnung</hi> aus betrachten. Nun wird dieselbe Wirklichkeit am Anfang
               unseres dritten Kapitels zu beschreiben sein als die Notwendigkeit des <hi rend="italic">Gesetzes</hi>. Nun betrachten wir uns selbst ja in unserem Widerspruch zu Gott,
               als Sünder, freilich sofort in dem Widerspruch, dem von Gott siegreich und überlegen
               widersprochen ist, als Sünder, deren sich Gott in seiner Gnade ihrem Sündigen zum
               Trotz angenommen hat. Nun kann das Gebot, kann das Gute offenbar nicht mehr
               zusammenfallen mit unserem Existieren, nun ist es uns gesetzt, entgegengesetzt, nun
               streitet es gegen unser Leben, weil wir ja als Sünder leben. Nun ist es als die
               Kehrseite der Gnade, die uns, den Sündern, widerfährt, das Gericht über uns, dem wir
               gerade als Begnadigte nicht entgehen können. Nun kommt es darauf an, es eben in
               diesem seinem Streit gegen uns, als das Gericht über uns, das es jetzt bedeutet, als
               Gesetz in seiner Notwendigkeit zu verstehen. Göttliche Inanspruchnahme muß jetzt, muß
               gegenüber uns, den Feinden, denen er Barmherzigkeit erwiesen, <hi rend="italic">das</hi>:
               sie muß jetzt das Gesetz bedeuten, dessen Gültigkeit unter keinen Umständen von
               unserer Verkehrtheit aus in Zweifel zu ziehen, an dem – werde aus uns, was da wolle –
               nichts zu drehen und zu deuten ist.<note xml:id="n16">Randbemerkung von <bibl>K. B.: «<hi rend="italic">Wort Gottes = Gebot, 3 Formen:
                           Leben, Gesetz und Verheißung</hi>.»</bibl>
                  </note>
               </p>
          <p>Und dieselbe Wirklichkeit ist, von der <hi rend="italic">Erlösung</hi> aus gesehen,
               endlich Notwendigkeit der <hi rend="italic">Verheißung</hi>. Wir haben nicht nur das Leben
               als Gottes Geschöpfe, und wir haben nicht nur das Gesetz als Genossen des Bundes
               seiner Gnade, sondern eben als solche darüber hinaus die Verheißung. Wir sind, hier
               werden wir im letzten Kapitel ansetzen müssen, indem uns Gott wirklich in Anspruch
               nimmt, angesprochen als Erben seines ewigen <seg type="non-entity">Reiches</seg>. Die Verheißung ist das Ziel
               unseres Lebens, das uns in und mit der göttlichen Inanspruchnahme sichtbar wird. Die
               Verheißung ist die uns vorgehaltene, zugesagte, im voraus zugeeignete Vollendung.
               Eben als solche ist nun aber auch sie in eigenartiger
               <pb xml:id="p094" ed="pga"/>
                Weise göttlicher Anspruch. Auch von daher, auch von der eschatologischen Grenze her,
               begegnet uns Gott als Gebietender. Auch die Verheißung stellt unser Handeln unter
               Notwendigkeit. Es ist dieselbe göttliche Notwendigkeit, die wir auch als die
               Notwendigkeit des Lebens, als die Notwendigkeit des Gesetzes kennen, aber sie dürfte
               keinen Augenblick fehlen. Wir wüßten von keiner Notwendigkeit des Lebens und des
               Gesetzes, wenn wir nicht von der Notwendigkeit der Verheißung wüßten, wenn der
               göttliche Anspruch nicht darüber hinaus, daß er uns leben heißt und daß er uns beugt,
               uns auch aufrufen würde, einer wirklichen besseren Zukunft zu gedenken, wenn er nicht
               auch Ziel, Vollendung, Vollkommenheit bedeuten würde.</p>
          <p>An diese erste Frage nach der Besonderheit des jeweiligen ethischen Gesichtspunktes
               wird sich dann in allen drei Gedankenkreisen anschließen müssen die Frage nach der
               jeweilig besonderen <hi rend="italic">Erkenntnis</hi> des göttlichen Anspruchs, man könnte
               auch sagen nach der Form des göttlichen Gebotes.</p>
          <p>Wir erkennen das Gebieten des <hi rend="italic">Schöpfers</hi>, die Notwendigkeit des <hi rend="italic">Lebens</hi>, sofern wir unseren <hi rend="italic">Beruf</hi> erkennen,
               worunter dann freilich nicht nur das im engsten Sinn so Genannte zu verstehen sein
               wird, sondern der Inbegriff der Notwendigkeit, des Gebotenseins der konkreten
               Wirklichkeit, in der jeder einzelne als solcher existiert. Wir leben nicht nach
               eigener Willkür irgendein Leben, sondern wir leben, sofern wir uns selbst in Gottes
               Wort erkennen, in der Bezogenheit unseres Lebens zu dem unserer Mitmenschen ein in
               seinen besonderen Zwecken ganz bestimmtes, ein in bestimmter Weise diese Bezogenheit
               verwirklichendes Leben. In dieser Bestimmtheit hat unser Leben schöpfungsmäßige
               Notwendigkeit, wird uns also unser Leben selbst zum göttlichen Gebot.</p>
          <p>Wir erkennen zweitens das Gebieten des <hi rend="italic">Versöhners</hi>, also die
               Notwendigkeit des <hi rend="italic">Gesetzes</hi>, sofern uns, biblisch gesprochen: <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName>,
               d.h. der von Gott <hi rend="italic">beauftragte Mitmensch</hi>, der uns in irgendeinem
               Sinne Vorgesetzte, wir könnten auch sagen: sofern uns menschliche <hi rend="italic">Autorität</hi> begegnet. Die Gebrochenheit, in der wir
               <pb xml:id="p095" ed="pga"/>
                unter Gottes Gericht gestellt [sind] um unserer Sünde willen, aber auch die
               Versöhnung mit Gott, in der wir durch seine Gnade existieren, sie werden darin
               konkret, daß unser Handeln, sofern wir uns selbst in Gottes Wort erkennen, sich nach
               allen Seiten nicht nur in jener Bezogenheit zum Mitmenschen, also in Form unseres
               Berufs, sondern nun auch unter dem Widerspruch, unter der Weisung und Belehrung
               bestimmter, uns überlegener, weil bevollmächtigt gegenübertretender Mitmenschen
               vollzieht, daß es also immer ein Handeln in bestimmten Unterordnungen, ein unter
               fremdes menschliches Gesetz gestelltes Handeln ist. In dieser Bestimmtheit wird uns
               das Gesetz des Guten notwendig als das göttliche Gebot, das gegen uns streitet und
               dem wir gerade als solchem die Achtung nicht versagen können.</p>
          <p>Und wir erkennen drittens das Gebieten des <hi rend="italic">Erlösers</hi>, die
               Notwendigkeit der <hi rend="italic">Verheißung</hi>, in der Stimme unseres eigenen <hi rend="italic">Gewissens</hi>. Unsere Bestimmung für das Leben der zukünftigen Welt,
               unsere eschatologische Bestimmtheit wird darin konkret, daß die Bindung meines
               Handelns sich nicht erschöpft darin, daß es durch meinen Beruf und durch die mir
               begegnende Autorität bestimmt ist, daß vielmehr über beides hinaus Erinnerung an das
               Vollkommene als Maß des Guten in relativer Selbständigkeit gegenüber dem Gebot
               unseres Berufs sowohl wie gegenüber dem Gebot des beauftragten Mitmenschen in uns
               selbst stattfindet. In dieser dritten Bestimmtheit wird uns die Verheißung notwendig
               als göttliches Gebot des letzten ewigen Zieles unseres Handelns. – Das sind die
               Überlegungen über den Erkenntnisgrund oder über die Form des göttlichen Gebotes, die
               in allen drei Kapiteln die zweite Wendung unseres Gedankenganges bilden werden.</p>
          <p>Eine dritte Wendung wird dann offenbar die Antwort auf die Frage nach dem <hi rend="italic">Inhalt</hi> des göttlichen Gebietens zu bringen haben. <hi rend="italic">Was</hi> will denn Gott, indem er uns für sich in Anspruch nimmt? Wir sind hier
               in der Lage, ohne weiteres einbiegen zu können in einen bekannten Weg der
               reformatorischen Theologie, nämlich in die Lehre vom usus triplex legis, in welcher
               nicht nur die christliche Notwendigkeit, sondern eben damit auch der christliche
               <pb xml:id="p096" ed="pga"/>
                Inhalt des Gesetzes Gottes mit großer Vollständigkeit umschrieben ist.</p>
          <p>Das Gebot des <hi rend="italic">Schöpfer</hi>gottes, die <hi rend="italic">Lebens</hi>notwendigkeit, der wir uns gehorsam unserem Beruf unterwerfen, ist
               offenbar inhaltlich die Notwendigkeit und das Gebot der <hi rend="italic">Ordnung</hi>. Es
               gibt einen usus legis politicus s.[ive] civilis, sagten die <seg type="non-entity">Alten</seg>. Das Gebot bedeutet
               in diesem Sinn die äußere Ordnung unseres Lebens, durch die wir in Disziplin gehalten
               werden und durch die das menschliche Leben möglich wird als Zusammenleben. Indem wir
               unserem Beruf leben, anerkennen wir ja, daß wir in der Bezogenheit zum Mitmenschen
               leben. Wir anerkennen, daß die Notwendigkeit unseres Lebens eben die Gemeinschaft des
               Lebens ist. Wir anerkennen, daß unser Handeln dadurch gebunden ist, daß es von Haus
               aus in jener Bezogenheit stattfindet, gebunden durch eine Regel, die für den
               Mitmenschen ebenso wie für mich und für mich ebenso wie für den Mitmenschen Geltung
               hat, die seinen wie meinen, meinen wie seinen Zwecken an Würde vorangeht. Diese
               Bindung durch eine Lebensordnung ist die wohlverstandene Lebensnotwendigkeit. Sie ist
               dasjenige, was Gott zunächst von uns haben will. Es ist das Problem der durch die
               Offenbarung nicht beseitigten, sondern bestätigten und neuaufgerichteten lex naturae,
               das uns, auf die Sache gesehen, hier beschäftigen wird.</p>
          <p>Das Gebot des <hi rend="italic">Versöhner</hi>gottes, die <hi rend="italic">Gesetzes</hi>notwendigkeit, unter der wir als begnadigte Sünder stehen, in jener
               konkreten Unterordnung unter den beauftragten Mitmenschen, ist inhaltlich die
               Notwendigkeit oder das Gebot der <hi rend="italic">Demut</hi>. Die <seg type="non-entity">Alten</seg> sprachen vom usus
               legis paedagogicus: das Gesetz muß uns da hinstellen, wohin wir gehören, es soll uns
               in die Buße und zum Glauben führen, dahin, wo nur die Erkenntnis unserer Sünde, des
               göttlichen Gerichts und der göttlichen Gnade uns übrigbleibt. Indem wir uns
               unterordnen, indem wir handeln als solche, die sich etwas müssen sagen lassen,
               anerkennen wir, daß wir Widerspruch verdient haben und daß uns nur dadurch und gerade
               dadurch geholfen ist, daß uns Widerspruch widerfährt. Wir anerkennen die fremde
               <pb xml:id="p097" ed="pga"/>
                Hoheit des Gesetzes in unserem Leben als unser Gericht und als unsere Rettung. Unser
               Heil liegt darin, daß wir in unserem Besitz, in unserer Sicherheit, in unserem Selbst
               beunruhigt und angegriffen sind, und unser Heil ergreifen heißt, diesem Angriff
               weichen. Diese Demütigung, diese Enteignung, dieses In-den-Tod-Geben des alten
               Menschen ist das, was Gott der Versöhner, indem er uns heiligt, von uns haben will.
               Es ist die spezifisch alttestamentliche, aber freilich einen integrierenden
               Bestandteil auch des neutestamentlichen Zeugnisses bildende Seite des offenbarten
               Gebotes, die uns hier entgegentreten wird.</p>
          <p>Das Gebot des <hi rend="italic">Erlöser</hi>gottes aber, die <hi rend="italic">Verheißungs</hi>notwendigkeit, unter der wir als Erben des <seg type="non-entity">Reiches</seg> Gottes stehen,
               indem wir die Stimme unseres Gewissens mit ihrem Zeugnis von dem kommenden
               Vollkommenen hören, ist inhaltlich das Gebot oder die Notwendigkeit der Dankbarkeit.
               Die <seg type="non-entity">Alten</seg> wußten von einem usus tertius legis, dem usus didacticus s. [ive]
               normativus. Eben als Empfänger des heiligen Geistes tritt der Mensch erst recht unter
               Gottes Gebot. Indem uns unser Gewissen das Vollkommene vergegenwärtigt, anerkennen
               wir die Notwendigkeit eines freien Handelns im Glauben und im Gehorsam, das Gebot der
               Dankbarkeit, wie der Heidelberger Katechismus dieses Prinzip des neuen, der Zukunft
               Gottes zugewandten christlichen Lebens genannt hat. Gottes Gebot gibt sich nicht
               damit zufrieden, unseren Gang zu ordnen und uns in jene Enge zu treiben und uns in
               jener Enge festzuhalten, in der wir nur von Gottes Gnade leben können. Eben indem es
               das tut, spricht es uns ja an als Gottes von Ewigkeit und für die Ewigkeit Erwählte.
               Es fordert also unsere Dankbarkeit, d.h. aber einfach uns selbst. Denn das ist
               offenbar der allein mögliche Dank für Gottes Erwählung, daß wir uns selbst für ihn
               verpflichtet, ja verfallen erkennen. Steht es nicht in unserer Macht, das Vollkommene
               zu ergreifen, uns in Gottes Hand zu legen, wie er selbst uns in seine Hand nimmt, so
               kann und soll doch der Sinn unseres Existierens, unseres Handelns das Opfer werden,
               das Zeugnis und die Demonstration, daß wir gehört, diesen letzten und stärksten Sinn
               seines <pb xml:id="p098" ed="pga"/>
                Wortes gehört haben. Es ist die spezifisch neutestamentliche, in der Bergpredigt und
               in der paulinischen und johanneischen Ethik bezeugte, aber dem alttestamentlichen
               Zeugnis wahrlich auch nicht unbekannte Seite des offenbarten Gebotes, die uns in
               diesem Zusammenhang angehen wird. – Damit wäre dann unter allen drei Gesichtspunkten
               auch die dritte Wendung unseres Gedankengangs vollzogen. Man könnte in dem, was auf
               dieser Linie auszuführen sein wird, eine gewisse Entsprechung zu dem sehen, was in
               manchen Ethiken als «Pflichtenlehre» vorgetragen zu werden pflegt.</p>
          <p>Es wird dann endlich in vierter Linie darum gehen, das solcherweise als unter Gottes
               Gebot gestellt verstandene menschliche Handeln als wirklich <hi rend="italic">gutes</hi>
               Handeln zu verstehen. Wir dürfen ja nicht vergessen, daß die Heiligung ebensowohl wie
               die Rechtfertigung Gottes <hi rend="italic">Gnade</hi>, und zwar ganze, wirkliche, aber
               auch wirksame Gnade ist. Wem Gott gnädig ist, d.h. wem er nicht nur Vergebung seiner
               Sünde zuspricht in Christus, sondern wen er eben damit und wiederum in Christus für
               sich in Anspruch nimmt, wen er rechtfertigt <hi rend="italic">und</hi> heiligt (und Gnade
               wäre nicht Gnade, wenn sie nicht in dieser Ganzheit Gnade wäre), der handelt – wir
               dürfen vor diesem Satz nicht zurückschrecken, so gewiß er in seinem Sinne aufs
               vorsichtigste erwogen sein will –, der handelt <hi rend="italic">gut</hi>. Das ist es, was
               an vierter Stelle jeweilen zu zeigen sein wird: inwiefern kraft desselben göttlichen
               Aktes der Heiligung, in dem dem Menschen das Gebot als Forderung vorgehalten und in
               dem der Mensch unter das Gebot gestellt wird, auch <hi rend="italic">Erfüllung</hi> des
               Gebotes stattfindet. Wieder können wir hier nach einer klassischen, diesmal sogar
               biblischen Trias von Begriffen greifen, die gerade zu diesem Zweck wie bereitzustehen
               scheint. Ich meine die paulinische Reihe: Glaube, <seg type="non-entity">Liebe</seg>, Hoffnung. Alle drei Begriffe
               zeichnen sich dadurch aus, daß sie ein wirkliches Verhalten und Tun des Menschen
               bezeichnen und nun doch ein solches, das in keinem Sinn eine Leistung des Menschen,
               sondern – so gewiß der Mensch damit steht und fällt, daß er glaubt, liebt und hofft,
               so gewiß er aufgerufen wird,
               <pb xml:id="p099" ed="pga"/>
                dies zu tun – im strengsten Sinn ein Werk, ja das Werk Gottes am Mensche ist:
                  <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">πίστις</foreign>, Gottes
               Sich-selbst-treu-Bleiben; <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἀγάπη,</foreign>,
               Gottes freier guter <seg type="non-entity">Wille</seg>, als der, der er ist, den Seinen, wer und wie sie auch
               seien, sich selbst und alle seine Güter nicht zu entziehen, sondern zu schenken;
               endlich <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐλπίς</foreign>, desselben Gottes
               vollkommener Trost als das ewige Ziel ihrer zeitlichen Existenz, daß Gott in dieser
               ganzen Fülle seiner Wahrheit unser Gott ist: das ist der subjektive Sinn dieser drei
               Begriffe. Und so bezeichnen sie die Erfüllung der Gebote:</p>
          <p>Es ist der <hi rend="italic">Glaube</hi> die Erfüllung unserer Lebensnotwendigkeit. Gott
               ist unsere Lebensnotwendigkeit, davon sind wir hier ausgegangen, Gott, weil er der
               Schöpfer unserer Existenz, ihr creator ex nihilo ist. Unserer Lebensnotwendigkeit
               Genüge tun heißt, Gottes Willen tun: nach und in unserem Beruf uns unter die Ordnung
               seiner Schöpfung stellen. Das geschieht, und das geschieht nur, sofern wir und indem
               wir glauben: ohne zu wissen, ohne zu sehen, schlechterdings daraufhin, daß es uns
               durch sein Wort in Jesus Christus gesagt ist, ja sagen dazu, daß er unser Schöpfer
               und also der Herr unseres Lebens ist, daß wir ihm und daß wir zu ihm gehören, und daß
               also das kein Leben ist, das nicht Leben unter seinem Gebot sein wollte. Dieses Ja
               ist das Wunder des Glaubens. Ohne Glauben können und werden wir nur rebellieren. Wir
               leben ohne Notwendigkeit, wir haben keinen Beruf, wir wissen von keiner Ordnung.
               Entscheidet Gott für uns, indem er uns heiligt und also für sich in Anspruch nimmt,
               uns unter sein Gebot stellt, dann ist das, der Glaube, seine unaussprechliche
               Gabe.</p>
          <p>Und es ist die <hi rend="italic">Liebe</hi> des Gesetzes Erfüllung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.10">Röm. 13,10</ref>]. Gott richtet und begnadigt
               uns, indem er uns das Gesetz wie einen Felsen, an dem wir scheitern müssen,
               entgegenstellt, indem er uns menschlicher Autorität, in seinem Namen ausgeübt,
               unterwirft, uns in die Demut treibt. Aber diese unsere Erniedrigung ist kein
               Selbstzweck. Damit ist das Gesetz noch nicht erfüllt, daß wir erkennen, daß wir
               Sünder sind, die von Gnade leben. In dieser Not will Gott von uns geliebt sein. In
               dieser Not, die er uns
               <pb xml:id="p100" ed="pga"/>
                bereitet, verbirgt sich ja seine <seg type="non-entity">Liebe</seg> zu uns. Nur dann und erst dann ist jene
               Erniedrigung vollendet und vollzogen, wenn wir ihn wiederlieben. Und konkret wie das
               Gebot Gottes, das uns dorthin stellt, muß auch seine Erfüllung sein. Noch einmal ist
               jetzt der Mitmensch das konkrete Gegenüber, das von uns geliebt, um Gottes willen, an
               Gottes Stelle und in Bewährung unserer <seg type="non-entity">Liebe</seg> zu Gott geliebt sein will. Das Gesetz
               wäre noch nicht erfüllt an uns, es hätte sein tötendes Amt noch nicht versehen, wenn
               nicht die <seg type="non-entity">Liebe</seg> aus ihm zu uns gesprochen hätte. Und so würden wir selbst das Gesetz
               noch nicht erfüllen, solange wir etwa meinten, es Gott darin und so gleich tun zu
               müssen, daß wir dem Nächsten das Gesetz, das ihn richtet, vorhalten. Wir würden damit
               nur zeigen, daß wir selbst noch unter dem unerfüllten Gesetz stehen, daß unser
               Widerspruch gegen Gott noch nicht gebrochen, unsere <seg type="non-entity">Liebe</seg> zu Gott noch nicht erwacht
               ist. Aber daß dies geschieht, und daß wir also in der Lage sind, unseren Nächsten,
               statt ihn zu richten, zu lieben, dieses Ja zu Gott ist wiederum Gottes Wunder an uns.
               Entscheidet Gott für uns, stellt er uns wirklich unter sein Gebot, dann geschieht
               dieses Wunder, dann ist also die <seg type="non-entity">Liebe</seg>, unser Lieben seine Gabe ebenso wie der
               Glaube. Wir würden weder ihn noch den Nächsten lieben, wenn er uns nicht zuerst
               geliebt hätte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.19">1.Joh. 4,19</ref>]. Ja, wann sollte unser Lieben etwas anderes sein als eben unser
                  Geliebt<hi rend="italic">sein?</hi>
               </p>
          <p>So ist endlich auch die <hi rend="italic">Hoffnung</hi> die Erfüllung der Notwendigkeit
               der Verheißung. Ist es wahr, daß Gott durch die Stimme unseres Gewissens unsere
               Dankbarkeit, unsere Freiheit in Anspruch nimmt, dann bekommt unser Handeln über alle
               bestehende Ordnung hinaus und trotz der uns gegebenen Demut die Ausrichtung auf das
               kommende Vollkommene. Der Glaube bejaht Gott, die <seg type="non-entity">Liebe</seg> freut sich Gottes, die
               Hoffnung sucht Gott, indem sie über alles Gegenwärtige [hinaus] mehr, indem sie Alles
               von ihm erwartet. Insofern leben auch der Glaube und die <seg type="non-entity">Liebe</seg> von der Hoffnung. Sie
               wäre freilich Träumerei und Schwärmerei, wenn sie bloß die Unruhe unseres Geistes
               wäre. Sie ist die Erfüllung des Gebotes, die wirkliche Dankbarkeit, sofern sie nicht
               <pb xml:id="p101" ed="pga"/>
                unsere, sondern die Unruhe des heiligen Geistes ist, der uns als der Geist des
               Gebetes in alle Wahrheit leiten will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.13">Joh. 16,13</ref>], in dem als dem Unterpfand unseres <seg type="non-entity">Erbes</seg>
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.1.14">Eph. 1,14</ref>] das ewig
               Zukünftige schon Gegenwart ist. Wiederum ist auch dieses Ja zu Gott, mit welchem wir
               Gott suchen, gerade nachdem und weil wir ihn gefunden haben, gerade nachdem und weil
               wir von ihm gefunden sind, Gottes eigenes Wunder an uns. Entscheidet Gott für uns,
               heiligt er uns durch sein Gebot, dann ist das seine Gabe, daß wir Hoffende sind. – So
               sind Glaube, <seg type="non-entity">Liebe</seg> und Hoffnung das Gute im menschlichen Handeln, und damit – und das
               ist das Ziel, das bei dieser letzten Wendung unseres Gedankens zu erreichen ist – die
               Antwort der theologischen Ethik auf die ethische Frage. Cum grano salis verstanden,
               das, was einer «Tugendlehre» entsprechen würde. Wir wenden uns nach dieser
               summarischen Ankündigung zur Sache selber.</p>
          <p>
            <table rows="5" cols="4">
              <head>Das Wort Gottes als <hi rend="italic">Gebot</hi> des</head>
              <row>
                <cell/>
                <cell>
                  <hi rend="italic">Schöpfers</hi>
                </cell>
                <cell>
                  <hi rend="italic">Versöhners</hi>
                </cell>
                <cell>
                  <hi rend="italic">Erlösers</hi>
                </cell>
              </row>
              <row>
                <cell>heißt:
                        <lb/>(Gesichtspunkt)</cell>
                <cell>Leben</cell>
                <cell>Gesetz</cell>
                <cell>Verheißung</cell>
              </row>
              <row>
                <cell>offenbart sich als:
                        <lb/>(Erkenntnis)</cell>
                <cell>Beruf</cell>
                <cell>Autorität</cell>
                <cell>Gewissen</cell>
              </row>
              <row>
                <cell>fordert:
                        <lb/>(Inhalt)</cell>
                <cell>Ordnung</cell>
                <cell>Demut</cell>
                <cell>Dankbarkeit</cell>
              </row>
              <row>
                <cell>schenkt,
                        <lb/>(Erfüllung)</cell>
                <cell>Glaube</cell>
                <cell>Liebe</cell>
                <cell>Hoffnung</cell>
              </row>
            </table>
          </p>
        </div>
      </div>
      <!-- chapter -->
    </body>
  </text>
</TEI>
