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        <title type="volume" n="vol-02">Ethik I</title>
        <title type="formal">DIE OFFENBARUNG DES GEBOTES</title>
        <title type="content">Die Offenbarung des Gebotes</title>
        <title type="citation_line_1">Die Offenbarung des Gebotes, in: Ethik I, 1928</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/2007 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Ethik I, hrsg. v. Braun, Dietrich (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1973, S. 103–119.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Ethik I</title>
          <title type="text">DIE OFFENBARUNG DES GEBOTES: Die Offenbarung des Gebotes</title>
          <editor>Braun, Dietrich</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1973</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 103-119</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe II.2, Ethik I 1928, section 4</title>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
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      <div type="chapter">
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        <head>§ 4 DIE OFFENBARUNG DES GEBOTES</head>
        <div type="abstract">
          <p>Die Wahrheit des Guten ist keine allgemeine und theoretische und darum keine
                  bedingte Wahrheit. Sie offenbart sich in dem konkreten Ereignis unseres eigenen
                  Handelns als unsere Entscheidung für oder gegen das uns gegebene Gebot des
                  Guten.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>1.</head>
          <p>Wenn es nach <persName ref="kbga-actors-2480">Pythagoras</persName> wahr ist, daß im rechtwinkligen Dreieck die Summe der
                  Inhalte der Quadrate über den beiden kürzeren Seiten gleich ist dem Inhalt des
                  Quadrates über der längsten Seite, dann ist das eine allgemeine und theoretische
                  und darum bedingte Wahrheit. Wenn es wahr ist, daß die Erde eine an beiden <seg type="non-entity">Polen</seg>
                  etwas abgeplattete Kugel ist, oder: daß im Jahre 1871 das Deutsche <seg type="non-entity">Reich</seg> gegründet
                  wurde, wenn es wahr sein sollte, daß es einmal eine biologische Zwischenstufe
                  zwischen dem Menschen und einem besseren Schimpansen gegeben hat, oder: daß wir
                  binnen kurzem eine revolutionäre Umgestaltung der ganzen Erdoberfläche zu erwarten
                  haben, die die betrüblichsten Folgen für uns Alle haben müßte, wenn es ferner wahr
                  sein sollte, daß unser Lebenslauf in seinen wichtigsten Daten durch die
                  Konstellation der Planeten in unserer Geburtsstunde determiniert wäre, oder: daß
                  der ganze Kosmos sich in einem Entwicklungsprozeß aus der Hyle zum Geist befände,
                  in welchem Prozeß wohl gar Gott zum Bewußtsein seiner selbst käme, so sind sowohl
                  jene empirisch zu beweisenden natürlichen oder geschicht<pb xml:id="p104" break="no" ed="pga"/>lichen Sachverhalte als auch jene naturwissenschaftlichen Hypothesen, als auch
                  jene spekulativ-metaphysischen Konstruktionen – wie immer es sich übrigens mit der
                  Stringenz dieser Unterscheidung verhalten mag – samt und sonders (und das gilt von
                  allen anerkannten und angeblichen Wahrheiten, die mit diesen auf einer Ebene
                  liegen) allgemeine und theoretische und darum bedingte Wahrheiten. <hi rend="italic">Allgemeine</hi> Wahrheiten, sofern ich sie als solche feststellen kann, ohne
                  daß dabei das Faktum, daß ich, gerade ich, daß ich gerade dieser einzelne Mensch
                  bin, irgendeine Bedeutung hat, sofern ich vielmehr von meiner Subjektivität – sie
                  könnte ja die Objektivität meines Erkennens nur trüben – bei jener Feststellung
                  bewußt tunlichst abzusehen habe. <hi rend="italic">Theoretische</hi> Wahrheiten, sofern
                  ich sie am besten feststelle mit der Beteiligung des möglichst Unbeteiligten, des
                  Betrachters, des Zuschauers – des Zuschauers auch meines eigenen Lebens, wenn sie
                  etwa mein eigenes Leben mitberühren sollten –, sofern zu ihrer Feststellung außer
                  einigem Rechnen, Beobachten und syllogistischem Verknüpfen nebst ein bißchen
                  Erlebnis und Intuition meinerseits keinerlei Tat erforderlich ist, sofern mein Tun
                  dabei in meinem Schauen und Feststellen aufgeht. Und darum <hi rend="italic">bedingte</hi> Wahrheiten, sofern ihre Feststellung als solche erfolgt unter
                  der Voraussetzung, daß ich wirklich «zum Schauen geboren, zum Sehen bestellt»<note xml:id="n01">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust</hi> II, 5</bibl>. Akt, Lied Lynkeus’ des Türmers: «Zum Sehen geboren, zum
                     Schauen bestellt …»</note> bin, mit anderen Worten, daß die Kriterien der
                  Wahrheit, die ich bei diesem Tun anwende, wahre Kriterien der Wahrheit seien, daß
                  es der Tragweite meines Feststellens nicht etwa zum Schaden gereiche, wenn es nun
                  doch bedingt ist durch mich selbst, durch jenen nicht zu eskamotierenden Rest von
                  Subjektivität, ohne den es auch keine Objektivität geben kann, bedingt ist durch
                  jene meine Praxis (als die schließlich auch das reinste und passivste <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">θεωρεῖν</foreign> in Anspruch genommen werden muß),
                  bedingt durch die offenbar an mich gerichtete, mein Wahrheitserkennen als solches
                  in Frage stellende Wahrheitsfrage. Kein Zweifel, daß wir unseres allgemeinen und
                  theoretischen Wahrheitserkennens auch
                  <pb xml:id="p105" ed="pga"/>
                   im Schatten dieser letzten, an seine Bedingtheit durch uns selber anknüpfende
                  Wahrheitsfrage auf eine weite Strecke froh werden und sein können, so froh, daß es
                  uns wohl wie unnützes Skrupulantentum vorkommen möchte, dieses Schattens auch nur
                  zu gedenken. Aber was wir auch davon halten mögen, diese alle Wahrheiten als
                  solche in Frage stellende Wahrheitsfrage, die Frage nach uns selbst und unserem
                  Tun, die wir allgemein und theoretisch denkend tunlichst ausschließen möchten und
                  die doch vielmehr ihrerseits unser allgemeines und theoretisches Denken in sich
                  schließt, sie ist gestellt, und sie eben ist, beachtet oder nicht beachtet, die
                     <hi rend="italic">ethische</hi> Frage.</p>
          <p>Die überlegene Wahrheit, die hier in Frage kommt, die Wahrheit meines Handelns
                  (mit Einschluß meines <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">θεωρεῖν</foreign> und
                  also die Bedingung, unter der meine Feststellungen Feststellungen der Wahrheit
                  sind!), die Wahrheit meines Lebens, meiner Existenz, ist die Wahrheit des <hi rend="italic">Guten</hi>. Alle allgemeine oder theoretische Wahrheit, von der
                  Wahrheit, daß zwei mal zwei vier ist, bis zu der kühnsten, allenfalls erreichbaren
                  Erkenntnis höherer Welten,<note xml:id="n02">Anspielung auf den Titel eines <bibl corresp="kbga-bibls-1812">Buches von <persName ref="kbga-actors-791">R. Steiner</persName>, <hi rend="italic">Wie erlangt
                              man Erkenntnisse der höheren Welten?</hi>
                           Berlin
                           1909, Dornach
                           1961<hi rend="sup">20</hi>.</bibl>
                  </note> steht, so klar und gewiß sie in sich selbst sein mag, in der Klammer der
                  Frage, ob mein Existieren und also mein Handeln und also auch mein <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">θεωρεῖν</foreign> teil hat an der Wahrheit
                  grundsätzlich anderer, höherer Ordnung, an der Wahrheit des Guten, also in der
                  Klammer der ethischen Frage. So sehr handelt es sich dabei um eine Wahrheit <hi rend="italic">anderer</hi> Ordnung, daß die Infragestellung, die sie gegenüber den
                  durch sie eingeklammerten allgemeinen und theoretischen Wahrheiten bedeutet, sich
                  gar nicht etwa auf deren Inhalt bezieht (wie denn zwei mal zwei vier ist, wie es
                  sich auch mit dieser letzten an mich, den Feststeller dieser Wahrheit sich
                  richtenden Frage verhalte). So sehr geht es um Wahrheit anderer Ordnung, daß eine
                  Auflösung der Klammer im Sinn einer allgemeinen und theoretischen Beantwortung
                  jener Frage, also im Sinn einer Erweiterung unseres allgemeinen und theoretischen
                  Wissens durch Erkenntnis nun auch noch dieser, der höchsten Wahrheit zum
                  vornherein nicht
                  <pb xml:id="p106" ed="pga"/>
                   in Betracht kommen kann. Wer sich zu diesem Zweck um sie bekümmern wollte, der
                  würde sich zum vornherein umsonst bekümmern. Aber mit welchem Recht reden wir hier
                  von Wahrheit <hi rend="italic">höherer</hi> Ordnung? Darum, weil alle allgemeine oder
                  theoretische Wahrheit im besten Falle nicht mehr sein kann als klar und gewiß
                  festgestelltes <hi rend="italic">Sein</hi>. Alles Sein aber ist – keine noch so klare
                  und gewisse Feststellung kann es von dieser Bedingtheit freisprechen, bei der
                  Mathematik als der scheinbar klarsten und gewissesten aller Wissenschaften wird
                  das gerade am deutlichsten – als wahres Sein, als <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὄντος εἶναι,</foreign><note xml:id="n03">Im maschinenschriftlichen Manuskript von K. B. findet sich
                     dieser Begriff in lateinischer Umschrift. Es kann daher nicht zweifelsfrei
                     entschieden werden, ob an das aus der Geschichte der Ontologie bekannte «Sein
                     des Seienden», das <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὄντος
                     εἶναι</foreign>, oder in Richtung auf das «wahre Sein», das <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὄντως ὄν</foreign> <persName ref="kbga-actors-322">Platons</persName>, an ein <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὄντως εἶναι</foreign> gedacht ist.</note> wenn
                  wir uns bei einer bloßen Behauptung nicht beruhigen wollen, nicht in sich selbst
                  begründet, sondern in einer Hypothesis, in einer Voraussetzung des Seins, die
                  selber – wenn nicht dieselbe Frage ins Unendliche sich wiederholen soll – nicht
                  wieder als seiend, sondern nur als nicht-seiend, nicht als Anfang, nicht als
                  Quelle, nicht als mütterlicher Urgrund des Seins, sondern nur als seine Negation
                  und Position, als sein reiner, in keiner Kontinuität als der des Schöpfers zum
                  Geschöpf mit ihm stehende <hi rend="italic">Ursprung</hi> des Seins gedacht werden
                  kann, den auf der Ebene der allgemeinen und theoretischen, der mathematischen und
                  physikalischen, historischen und psychologischen, aber auch der metaphysischen
                  oder metapsychologischen Wahrheiten, den auf empirischem oder spekulativem Weg
                  aufzusuchen unmöglich ist. <seg type="non-entity">Immer</seg> wird, wenn er – und wäre es auf die sublimste
                  Weise – dort aufgesucht wird, etwas anderes als er gefunden, eine weitere
                  theoretische und allgemeine Wahrheit vielleicht, aber eine Wahrheit, die, wie
                  bedeutsam sie immer sein möge, wie absolut wir sie uns immer ausgestattet denken
                  mögen, eine Seinswahrheit ist, die grundsätzlich desselben Regresses, derselben
                  Bewährung an einem höheren Kriterium bedürftig ist wie alle anderen
                  Seinswahrheiten, alle dort aufgesuchten und gefundenen Wahrheiten.</p>
          <p><pb xml:id="p107" ed="pga" rend="noPipe"/>Die Frage nach dem Ursprung kennzeichnet sich nun aber als solche, also als Frage
                  nach der Wahrheit in der Wahrheit, nach der überlegenen, unbedingten Wahrheit
                  nicht etwa dadurch, daß wir ihrem Gegenstand diesen Charakter der Absolutheit im
                  Allgemeinen und theoretisch beilegen – damit würden wir ja vielmehr gestehen, daß
                  wir nicht wissen, was wir wollen, denn damit würden wir ja gerade bezeugen, daß es
                  mit seiner Überlegenheit so weit nicht her sein könne –, sondern dadurch, daß sie
                  verstanden ist als Frage, die primär von ihrem <hi rend="italic">Gegenstand</hi> her an
                  uns, und zwar an uns selbst, an unser Handeln, also gewiß auch an unser <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">θεωρεῖν,</foreign> aber nun nicht an ein von unserer
                  Existenz als Betrachtung abstrahiertes, sondern an unser existentielles <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">θεωρεῖν</foreign> und darüber hinaus an die Tat
                  unserer Existenz überhaupt, an unseren Lebensakt als solchen gerichtet ist. Wir
                  fragen dann nach dem Unbedingten, wenn wir unbedingt fragen, wie wir es allgemein
                  und theoretisch fragend gerade nicht tun, d.h. wenn unser Fragen die
                  grundsätzliche Anerkennung ausspricht, daß wir gefragt <hi rend="italic">sind</hi>. Wir
                  erkennen sie als die Frage nach dem allem Sein vorgeordneten Ursprung, wenn wir
                  sie als den Fragen unseres allgemeinen und theoretischen Denkens <hi rend="italic">vor</hi>geordnet erkennen. Wir erkennen sie aber den Fragen unseres
                  allgemeinen und theoretischen Denkens dann als wirklich vorgeordnet, wenn wir sie
                  nicht sowohl als unsere Frage – als solche könnte sie offenbar wieder nur
                  allgemein und theoretisch sein –, sondern vielmehr als die an uns gestellte Frage
                  verstehen und gelten lassen, als Frage, auf die wir nicht nebenbei, vom sicheren
                  <seg type="non-entity">Port</seg> unseres Selbstbewußtseins aus, nicht als Zuschauer unseres eigenen Lebens,
                  sondern nur mit diesem unserem Leben selbst antworten können – nicht antworten <hi rend="italic">können</hi>, sondern, ob wir wollen oder nicht, antworten <hi rend="italic">müssen</hi>, der gegenüber wir unser ganzes tatsächliches Leben und jeden
                  einzelnen unserer Akte tatsächlich – wie sie auch ausfallen möge – als Antwort
                  auffassen müssen, der gegenüber unser ganzes Existieren den Charakter von <hi rend="italic">Verantwortung</hi> bekommt. Also gerade das, woran das allgemeine und
                  theoretische Denken als solches möglichst vornehm und eilig vorbeizukommen sucht,
                  gerade meine Existenz als Einzelner, als
                  <pb xml:id="p108" ed="pga"/>
                   dieser und dieser Mensch, gerade die Subjektivität meines Handelns wird wichtig,
                  wird <hi rend="italic">das</hi> Wichtige, das allein Wichtige da, wo es um die
                  eigenartige Erkenntnis der eigenartigen Wahrheit des Ursprungs geht. Und zwar
                  darin und so wird sie wichtig, daß diese Wahrheit mich <hi rend="italic">angeht</hi>
                  und daß ich meine Existenz in jedem Augenblick als Verantwortung und Entscheidung
                  ihr gegenüber verstehen muß – ob Entscheidung für oder gegen sie, mag zunächst
                  offen bleiben. Sie ist aber <hi rend="italic">Entscheidung</hi> und als solche uns zum
                  Heil oder zum Unheil Offenbarung dieser Wahrheit. Erkenntnis des Guten findet
                  statt, indem wir es tun oder nicht tun. Und Ethik heißt Verständigung über das
                  Gute, nicht sofern es uns bekannt ist als allgemeine und theoretische Wahrheit,
                  sondern sofern es sich offenbart in unserem Tun oder Nichttun des Guten, sofern
                  die konkrete Wirklichkeit unserer Lebenslage Entscheidung für oder gegen das Gute
                  ist. Alle Ethik, die an dieser seiner Offenbarung in unserer eigenen Entscheidung,
                  an seiner Offenbarung in actu vorübersehen wollte auf ein <hi rend="italic">Sein</hi>
                  des Guten oder auf eine Güte des Seins, um von da aus Güter und Pflichten und
                  Tugenden zu bestimmen, könnte unter Umständen als höhere Physik bzw. Metaphysik
                  unser Interesse erwecken, sie würde dann aber alsbald jenseits dessen, was sie
                  selbst leisten könnte, eine eigentliche Ethik, die nach dem Ursprung dieses
                  seienden Guten oder dieses guten Seins und darum im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf unsere eigene
                  Entscheidung, auf unser Existieren in der Entscheidung fragen müßte, notwendig
                  machen.</p>
          <p>Das ethische Problem ist kein Problem, d.h. es ist keine allgemeine theoretische
                  Frage, auf die eine allgemeine theoretische Antwort zu geben wäre. Die
                  Wirklichkeit einer ethischen Wissenschaft – Wissenschaft setzt doch die
                  Möglichkeit eines gemeinsamen Wissens voraus – ist nur dann sinnvoll, wenn es eine
                  Gemeinschaft in diesem höchst besonderen Wissen gibt, ein Wissen um das zu unserem
                  Heil oder Unheil in unserer Entscheidung sich offenbarende Gute. Eben darum setzt
                  die theologische sowohl wie die philosophische Ethik – die erstere direkt, die
                  letztere, wie wir sahen, indirekt – die Kirche voraus, die Kirche als die Stätte,
                  wo das Gegebensein einer an den Menschen selbst gerichteten Frage der un<pb xml:id="p109" break="no" ed="pga"/>bedingten Wahrheit und damit das Gefragtsein des Menschen und damit die
                  Offenbarung dieser Wahrheit in der existentiellen Entscheidung des Menschen
                  gemeinsame Voraussetzung ist. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Einzelnen nicht
                  trotz, sondern gerade in ihrer Einzelheit, in der Besonderheit, in der hier das
                  Gute erkannt wird.</p>
          <p>Eben unter den Voraussetzungen der Kirche, auf Grund deren ethische Wissenschaft
                  allein möglich ist, kann das gemeinsame Bedenken und Bereden des ethischen
                  Problems nicht darin bestehen, daß es als «Problem» anerkannt, d.h. daß es
                  verallgemeinert und theoretisiert, daß es als eine von den vielen Fragen des
                  Menschen behandelt und seine Beantwortung darum als eine evidente Wahrheit
                  behandelt wird. Sondern nur das kann das Bedenken und Bereden hier bezwecken, uns
                  darüber zu verständigen, daß und inwiefern der Sinn unserer konkreten Lebenslage,
                  unsere ganz unproblematische Existenzwirklichkeit, die Offenbarung, das Evident<hi rend="italic">werden</hi> des Guten sein möchte. Dieses Evidentwerden des Guten in
                  unserer eigenen Existenzwirklichkeit ist die Gottestat der Heiligung. Sie
                  ist’s, von der nicht abstrahiert werden darf, wenn hier theologische
                  Ethik und nicht etwa theologische Physik getrieben werden soll. Das würde aber der
                  Fall sein, wenn die Erweiterung unseres allgemeinen und theoretischen Wissens
                  heimlich oder offen auch unsere ethische Nachforschung beherrschen sollte, wenn
                  wir nach dem Unbedingten fragen würden, ohne unbedingt, d.h. in strengster
                  Aufmerksamkeit auf unser Gefragt<hi rend="italic">sein</hi> fragen zu wollen, wenn wir
                  das Seinsollende aus dem Sein ableiten und also Gott als das höchste Sein, statt
                  so wie er sich uns offenbart: im Akt seines Gottseins, verstehen wollten. Der Ort,
                  wo Gott als der Inbegriff des Guten offenbar wird, wo Gotteserkenntnis also zur
                  Erkenntnis des Guten, zur theologischen Ethik wird, ist die Gottestat der <hi rend="italic">Heiligung</hi>, ist also unsere Existenzwirklichkeit, unsere
                  Entscheidung, sofern in ihr – wie es auch mit unserer Entscheidung als solcher
                  stehen möge – durch Gott zu unserem <hi rend="italic">Heil</hi> entschieden ist.</p>
          <p>Indem Gott uns heiligt, wird die Wahrheit unbedingte beson<pb xml:id="p110" break="no" ed="pga"/>dere, dich und mich heute, gestern und morgen angehende Wahrheit, nicht Wahrheit,
                  die ich behaupte, sondern Wahrheit, die sich mir gegenüber behauptet, die sich
                  selbst an mir vollstreckt. Von diesem Ort darf man nicht weichen, aus dem Bedenken
                  der Verantwortlichkeit unserer Lebenslage darf man nicht heraustreten, wenn man
                  wissen will, inwiefern Gottes Gebot wirklich ist, inwiefern es, so fragen wir in
                  diesem ersten Paragraphen, uns offenbar ist. Es wird uns offenbar im Ereignis
                  unseres eigenen als Verantwortung verstandenen Handelns. Inwiefern dem so ist, dem
                  haben wir nun weiter nachzugehen.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>2.</head>
          <p>Die ebenso gemeinverständliche wie der Tiefe der Sache gerecht werdende Formel für
                  das ethische Problem als solches lautet: Was sollen wir tun? Also nach dem
                  menschlichen <hi rend="italic">Tun</hi> ist gefragt. Das fragende <hi rend="italic">Was</hi>
                  scheint darauf hinzuweisen, daß der gesuchte Inhalt dieses Tuns jedenfalls nicht
                  selbstverständlich in unserer Sehweite sich befindet. Es ist ja auch durch den
                  Begriff des <hi rend="italic">Sollens</hi> ausgedrückt, daß eben das Gute dieser
                  gesuchte Inhalt ist. Und indem <hi rend="italic">wir</hi> fragen, bekennen wir uns
                  dazu, daß diese Frage uns Alle angeht und daß wir uns gemeinsam um ihre
                  Beantwortung zu bemühen haben. Und nun steht es so, daß wir die Begriffe, aus
                  denen diese Formel gebildet ist, und damit diese selbst bloß ganz ernst zu nehmen
                  brauchen, um alsbald durch das Problem selbst eben auf unsere Existenzwirklichkeit
                  als den Quellort der Erkenntnis des göttlichen Gebotes verwiesen zu werden.</p>
          <p>a) Ist das <hi rend="italic">Was?</hi> in dieser Frage ernst gemeint? Sind wir so
                  bereit, wie es dieses Was vermuten läßt, zu wollen, was wir sollen, und also nicht
                  etwa auf der Suche nach dem Glorienschein des Sollens für das, was wir eben
                  wollen? Es ist nie ganz selbstverständlich, daß wir nicht fragend, was wir sollen
                  – durch das, was wir wollen, längst gebunden sind, und daß also unser ethisches
                  Fragen auf eine gewiß nicht notwendig gemein und bös gemeinte Selbstbestätigung
                  hinausläuft. Besonders in Zeiten eines in sich
                  <pb xml:id="p111" ed="pga"/>
                   einigen, gewissen und starken Kulturwillens, wie es bei uns etwa die Zeit von der
                  Jahrhundertwende bis zum Kriegsausbruch und bis tief in den Krieg selbst hinein
                  gewesen ist, pflegt die ethische Besinnung leicht in dem Sinn nicht ganz ernst
                  gemeint zu sein, als ihr – man denke nur an die Produkte der Kriegstheologie aller
                  Länder – die Inhalte des Sollens, nach denen sie scheinbar fragt, in Form von ganz
                  bestimmten Praktiken, über deren Güte die Diskussion geschlossen ist, bevor sie
                  angefangen hat, nur zu gut bekannt sind und der faktische Ertrag der ethischen
                  Besinnung offenbar die ethische Begründung eines mehr oder weniger kompakten: <hi rend="italic">Das</hi> wollen wir tun! ist. Es könnte eine ähnliche Selbstsicherheit
                  des tatsächlichen Ethos auch das Geheimnis der Ethik des <persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName> gewesen
                  sein. Zeiten und Menschen, die allzu gut wissen, was sie wollen, müssen es sich
                  wohl gefallen lassen, daß wir ihre ethische Arbeit nicht absolut, aber relativ,
                  unter diesem Gesichtspunkt, mit einigem Mißtrauen begleiten: ob es wohl bei ihrer
                  Nachforschung: <hi rend="italic">Was</hi> sollen wir tun? auch mit ganz rechten Dingen
                  zugehen möge. Je weniger nun dieses Mißtrauen am Platz, je offener das Verhältnis
                  zwischen Ethik und tatsächlichem Ethos, je ernster also das Was? gemeint ist, um
                  so mehr bedeutet es, daß in dem ganzen Bestand des faktischen Wollens und Tuns
                  gleichsam ein Hohlraum geschaffen, daß es nicht etwa gleich verwerfliche, wohl
                  aber fragwürdig geworden ist. Dieser Hohlraum ist es ja gewesen, der dem <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName>
                  als einem Feind der Religion und Sittlichkeit – gemeint war: der Selbstsicherheit
                  des nachperikleischen Athens – das Leben gekostet hat. Zwischen unser
                  selbstverständliches Begehren und unser selbstverständliches Tun in seiner naiven
                  oder auch durch irgendeine Ideologie verklärten Gegebenheit tritt herein der
                  Zweifel, ob <hi rend="italic">das</hi> denn auch wirklich das Gute sei.</p>
          <p>Wird die ethische Frage nun aber in diesem Sinne ernsthaft, dann ist damit sofort
                  und eo ipso gegeben, daß die Ethik auch noch in einem anderen Sinn <hi rend="italic">kritisch</hi> wird. Wir haben dann nämlich nicht mehr Zeit, auf der Suche nach
                  dem Guten in irgendwelche metaphysischen Fernen zu schweifen, nicht mehr Zeit, es
                  als <hi rend="italic">seiend betrachten</hi> zu wollen – dieses Sein irgendwo oberhalb
                  des
                  <pb xml:id="p112" ed="pga"/>
                   Sollens ist das untrügliche Kennzeichen einer Ethik, die es mit dem Was? der
                  ethischen Frage nicht ganz ernst nimmt, die anderswoher, nämlich aus dem
                  faktischen Ethos des Ethikers oder seiner Zeit und Umgebung darüber Bescheid weiß
                  und im Grunde nur zum Schein danach fragt – wir bekennen mit einem ernstlich
                  fragenden Was? vielmehr, daß wir selbst in unserem Sein, nämlich in unserer
                  Existenz betrachtet sind, ein ewiges Auge auf unser Tun gerichtet sehen, in
                  unserem Wollen und Tun gemessen sind. Fragen wir als wirklich Nicht-Wissende, als
                  wirklich der Belehrung Bedürftige: <hi rend="italic">Was</hi> sollen wir tun?, dann
                  bekennen wir uns eben als in unserer eigenen Existenzwirklichkeit, in unserem
                  eigensten <hi rend="italic">Das</hi> angegriffen, in Frage gestellt, auf die Waage
                  gelegt. Der Angreifer aber, der da mitten in unserem Leben aufgetreten ist, unter
                  dessen Kritik wir unser Das gestellt sehen, ist eben das Gute selbst, das an uns
                  ergangene Gebot. Das ernstgemeinte <hi rend="italic">Was</hi>-sollen-wir-Tun? – es ist
                  unsere eigene Sache, uns darüber klar zu werden, ob und inwiefern wir ein solches
                  ernstgemeintes Was-sollen-wir-Tun? kennen –, es ist schon das Zeugnis, daß wir das
                  Gebot kennen. Nur wo das Gebot sich selbst offenbart, kommt es zu jener
                  Erschütterung der Selbstsicherheit unseres Ethos, die die Voraussetzung einer
                  kritischen Ethik ist, kommt es zu jener ernstgemeinten Frage. b) Aber: Was <hi rend="italic">sollen</hi> wir tun? lautet ja die Frage. Gilt es ernst damit, daß wir
                  fragen nach dem, was wir <hi rend="italic">sollen</hi>? Es könnte ja sein, daß auch
                  hier noch ein Quidproquo aufzulösen wäre, bevor man jene Frage als ernstgemeint
                  bezeichnen dürfte. Es könnte sein, daß wir den Metallklang des Begriffes Sollen
                  noch gar nicht gehört haben, daß wir heimlich oder offen mit diesem Begriff
                  umkleiden die ganz anderen Begriffe dessen, was uns <hi rend="italic">angenehm</hi>,
                  oder was uns <hi rend="italic">nützlich</hi>, oder was uns <hi rend="italic">wertvoll</hi>
                  ist. Die ethische Frage ist bekanntlich von den Hedonisten des Altertums bis zu
                  <persName ref="kbga-actors-355">Max Scheler</persName> oft genug auch so gestellt und mit einem entsprechend formulierten
                  Imperativ beantwortet worden. Kein Zweifel nun, daß die Frage nach derjenigen
                  Orientierung unseres Handelns, kraft welcher es auf das Angenehme, Nützliche oder
                  Wertvolle gerichtet ist oder sein soll, nicht nur an sich eine mögliche und in
                  ihrer Art ernsthafte Frage
                  <pb xml:id="p113" ed="pga"/>
                   ist, sondern daß ihr Anliegen in einer umfassenden Erörterung des Begriffs des
                  Gebotes und des Gebotenen zu Worte kommen muß (es wird bei uns dazu in unserem
                  zweiten Kapitel über das Gebot Gottes des Schöpfers der Anlaß sich finden). Es
                  fragt sich aber, ob man zu dem Begriff des Gebotes überhaupt vorgedrungen, ob man
                  zur Formulierung von Imperativen überhaupt legitimiert ist, wenn man wie etwa <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2490">Scheler</persName></hi> dem Begriff des Wertes darum eine unser Handeln in
                  Anspruch nehmende Notwendigkeit zuschreibt, weil der höchste Wert geschautes
                  Sein[ist] und das höchste Sein geschauten Wert hat.<note xml:id="n04">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-2490">M. Scheler</persName>, <hi rend="italic">Der Formalismus in der
                              Ethik und die materiale Wertethik</hi>. Teil I, 1913;
                           Teil II, 1916, im Jahrbuch für Philosophie und
                           phänomenologische Forschung, Halle 1921<hi rend="sup">2</hi> (m. d. Untertitel: Neuer Versuch der Grundlegung eines
                           ethischen Personalismus) 1927<hi rend="sup">3</hi>. 4. durchgesehene Aufl. hrsg. mit einem neuen Sachregister von
                           Maria Scheler, Bern 1954 (= <hi rend="italic">Gesammelte
                              Werke</hi> Bd. II). S. u. a. S. 95f. 129, 302f. 306ff.</bibl>
                        </note> Sollten wir, wenn wir diese Notwendigkeit meinen, wirklich nach dem, was
                  wir sollen, gefragt haben? Dann jedenfalls nicht, wenn etwa in dem Begriff des
                  Sollens der alles Sein grundsätzlich übertreffende Begriff des Ursprungs
                  wiederzuerkennen sein sollte. Dann nicht, wenn man von Sollen nur da reden dürfte,
                  wo unbedingte und also weder geschaute noch seiende Wahrheit in Frage kommt. <hi rend="italic">Unbedingte</hi> Wahrheit zu sein, kann kein <hi rend="italic">Wert</hi>
                  beanspruchen, und wenn er der höchste wäre, und am allerletzten, möchte man
                  denken, wenn dieser höchste Wert, wie <persName ref="kbga-actors-355">Scheler</persName> meint, im menschlichen Personsein zu
                  finden wäre,<note xml:id="n05">A.a.O. S. 14ff. 120, 360. 381ff. u. ö.</note>
                  gerade darum nicht, weil die Begriffe Wert, Schauen und Sein sich auf derselben
                  Ebene befinden, auf der Ebene, wo es wohl bedingte, aber eben nicht unbedingte
                  Wahrheit gibt. Womit anders kann sich denn ein Wert legitimieren als damit, daß er
                  als Wert von uns geschaut, erlebt, behauptet und beteuert wird? Ist es zuviel
                  verlangt, wenn man verlangt, daß ein Imperativ, ein Gebot, wenn darunter immerhin
                  eine Inanspruchnahme unserer Existenz, unseres Lebens, des einzigen, das wir zu
                  leben haben, verstanden wird, sich als solcher <hi rend="italic">besser</hi> als so
                  qualifizieren müsse?</p>
          <p><pb xml:id="p114" ed="pga" rend="noPipe"/>Man tritt vielleicht doch dem <seg type="non-entity">Ernst</seg>, den auch eine «materiale Wertethik» als
                  solche, d.h. als eine Art höhere Physik haben kann, nicht zu nahe, wenn man
                  geltend macht, daß man sich mit <hi rend="italic">diesem</hi> <seg type="non-entity">Ernst</seg>, wenn es um den
                  Begriff des Sollens als solchen geht, nicht zufriedengeben kann, daß man von
                  Sollen doch nur da reden möchte, wo unbedingte Wahrheit, Wahrheit ersten und nicht
                  zweiten Grades – also gerade nicht geschaute, nicht Seinswahrheit – die
                  Notwendigkeit ist, die sich dem menschlichen Wollen und Handeln aufdrängt, wo man
                  unter Sollen einen solchen Anspruch versteht, der keiner Legitimation dadurch
                  bedarf, daß ich ihn als legitimiert schaue und erlebe, sondern der, in sich selbst
                  begründet, so an mich herantritt, daß ich mich, ohne nach meinen allfälligen
                  Schauungen und Erlebnissen lange fragen zu können, <hi rend="italic">vor ihm</hi>
                  legitimieren muß hinsichtlich der Frage, inwiefern <hi rend="italic">ich ihm</hi>
                  allenfalls genügen möchte. Angenommen nun, ich müßte den Begriff des Sollens
                  ernster nehmen, als dies im Rahmen etwa einer Wertethik möglich ist, und
                  angenommen weiter, ich fragte nun unter Voraussetzung dieses ernsteren Gehaltes
                  dieses Begriffs: Was <hi rend="italic">sollen</hi> wir tun?, so würde offenbar schon
                  diese meine ernste Frage ein helles Zeugnis dafür sein, daß ich dieses Sollen
                  kenne. Woher denn? Ja woher? Jedenfalls nicht aus einem Werterlebnis oder
                  dergleichen, sonst kennte ich es freilich nicht, sonst wäre ja auch meine Frage
                  nicht in dem bewußten strengeren Sinn ernsthaft gewesen. Also offenbar von daher,
                  daß dieses Sollen sich mir bekannt gemacht <hi rend="italic">hat</hi>, daß jener in
                  sich selbst begründete Anspruch an mich ergangen <hi rend="italic">ist</hi>, daß ich
                  unter seinen Maßstab gestellt <hi rend="italic">bin</hi>. Wie ich nach Gott nicht <hi rend="italic">fragen</hi> kann – es wäre denn, ich fragte gar nicht nach Gott,
                  sondern nach einem Abgott meines <seg type="non-entity">Herzens</seg> –, ohne eben damit zu bekennen, nicht daß
                  ich Gott geschaut, erlebt, begriffen habe, sondern daß Gott zu mir <hi rend="italic">gesprochen</hi> hat, daß ich von ihm erkannt <hi rend="italic">bin</hi>, so – und
                  wir reden hier natürlich von einer und derselben Wirklichkeit – kann ich auch nach
                  dem Sollen nicht <hi rend="italic">fragen</hi>, es wäre denn, ich fragte noch immer
                  nach dem Quidproquo eines Wertseins oder Seinswertes – ohne eben damit zu
                  bekennen, daß ich eben <hi rend="italic">soll</hi>, daß das Gebot mir gesagt und daß es
                  von mir vernommen ist. Ich habe,
                  <pb xml:id="p115" ed="pga"/>
                   wenn ich ernstlich frage: Was <hi rend="italic">sollen</hi> wir tun?, mein Existieren
                  schon verstanden als vom Guten in Anspruch genommen, und also diesen Anspruch
                  selbst, das Gebot des Guten als mir <hi rend="italic">gegeben</hi>. Mein Fragen
                  bedeutet dann also nicht, daß ich ein theoretisches Problem aufwerfe, wie das
                  offenbar der Fall des reichen Jünglings gewesen ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.17 Mk.10.31">Mk. 10,17–31</ref> Par.], sondern
                  daß ich ein praktisches Problem als schon aufgeworfen erkenne, dessen ganze
                  Problematik übrigens meine eigene Problematik ist, und daß ich es, und das wäre
                  dann offenbar der Sinn ethischer Besinnung, als solches mir selbst und anderen ins
                  Bewußtsein rufe und klarmache. Ernsthaft fragend: Was <hi rend="italic">sollen</hi> wir
                  tun?, habe ich mich selbst aus aller allgemeinen und theoretischen Problematik in
                  meine besondere, in die praktische Wirklichkeit verwiesen. Hier wird die Wahrheit
                  des Guten erkannt, oder sie wird gar nicht erkannt. Sie offenbart sich mir in
                  meiner eigenen Entscheidung, indem ich sie tue oder nicht tue, indem ich durch sie
                  gerichtet oder gerettet bin.</p>
          <p>c) Was sollen wir <hi rend="italic">tun</hi>? lautet die ethische Frage. Wir überlegen
                  also weiter, ob es ernst gemeint sein sollte, daß wir nach dem fragen, was wir <hi rend="italic">tun</hi> sollen. Auch das versteht sich nicht von selbst. Die Frage
                  Was sollen wir tun? kann auch eine Frage der Neugierde sein, die übrigens nicht
                  notwendig eine unedle Neugierde zu sein braucht. Auch die Praxis kann zweifellos
                  in ganz legitimer Weise zum Gegenstand theoretischen Interesses werden. In der
                  Psychologie geschieht es. Und Psychologie ist nicht geradezu schon an sich eine
                  anrüchige Angelegenheit. Sie wird es erst, wenn sie sich etwa, und das kommt
                  allerdings vor, mit Ethik oder gar mit Theologie verwechseln sollte. Ethik,
                  ethische Besinnung als rein theoretische Nachforschung um der Nachforschung
                  willen, ohne die Ausrichtung auf das als gesollt zu erkennende Tun ist allerdings
                  eine Unmöglichkeit. Man kann nicht bloß <hi rend="italic">wissen</hi> wollen, was gut
                  ist, man kann es bloß wissen wollen im <seg type="non-entity">Blick</seg> darauf, daß man es im nächsten
                  Augenblick tun oder nicht tun wird, im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf den ganzen <seg type="non-entity">Ernst</seg> der
                  Entscheidung, die im nächsten Augenblick fallen wird. Man kann also das Gute nicht
                  erst kennen lernen, um sich hernach ein Urteil darüber zu bilden und je nachdem
                  Stellung dazu
                  <pb xml:id="p116" ed="pga"/>
                   zu nehmen. So forschen wir freilich Alle oft genug vermeintlich, aber auch nur
                  vermeintlich nach dem Guten. Wir fragen: Was sollen wir tun? und kommen dabei wie
                  wiederum der reiche Jüngling von gewissen praktischen Voraussetzungen her, die uns
                  noch gar nicht fragwürdig geworden sind und die nötigenfalls preiszugeben wir gar
                  nicht unter allen Umständen entschlossen sind, im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf die wir uns unsere
                  Freiheit vielmehr noch vorbehalten möchten. Wir denken nicht daran, nach dem zu
                  fragen, dessen Tun oder Nichttun im nächsten Augenblick unsere Seligkeit oder
                  unsere Verdammnis bedeutet. So offen und aufmerksam wir vielleicht fragen, wir
                  fragen doch nicht wirklich: Was <hi rend="italic">sollen</hi> wir, sondern: was <hi rend="italic">können</hi> wir tun, wir fragen, um uns Material zu verschaffen zur
                  Beantwortung der späteren zweiten Frage, ob wir überhaupt etwas tun und ob wir
                  dann lieber dies oder das tun wollen? Diese unter Umständen sehr umsichtig
                  getriebene ethische Nachforschung, dieses abstrakte Sichbesinnen und bei Anderen
                  Stimmen sammeln unter dem Vorbehalt, es dann vielleicht doch ganz anders zu
                  halten, als es dem Ergebnis dieser Nachforschungen eigentlich entspräche, und
                  unter der Annahme, es verschlage nicht so viel, ob wir es dann schließlich so oder
                  anders halten, das dürfte so die uns Allen gewiß bekannte Ethik des Alltags sein.
                  Warum sollte sie auf der Linie der psychologischen Untersuchung nämlich nicht auch
                  ihren <seg type="non-entity">Ernst</seg> und ihr Recht haben? Nur daß wir uns über ihren theoretischen
                  Charakter, darüber, daß das im Grunde gerade noch nicht Ethik ist, keinen
                  Täuschungen hingeben sollten, daß wir ihren <seg type="non-entity">Ernst</seg> nicht verwechseln dürften mit
                  dem <seg type="non-entity">Ernst</seg> des Ereignisses der wörtlich so gemeinten Frage: Was sollen wir <hi rend="italic">tun</hi>?</p>
          <p>Nehmen wir es mit dieser Frage genau, dann meinen wir damit nicht etwa das, was
                  ich im <hi rend="italic">über</hi>nächsten Augenblick nach Einschaltung eines
                  Zwischen-Augenblicks freier Überlegung tun <hi rend="italic">könnte</hi>, sondern das,
                  was ich im <hi rend="italic">nächsten</hi> Augenblick unter allen Umständen tun <hi rend="italic">werde</hi> – vielleicht auch nicht tun werde, aber dann unter dem
                  ganzen Gericht der Nicht-Erfüllung, der Übertretung des Gebotes nicht tun werde.
                  Ich habe dann also wiederum keine Zeit, keinen Zwischen-Augenblick zu meiner
                  Verfügung, keinen
                  <pb xml:id="p117" ed="pga"/>
                   neutralen Ort in der Zeit, von dem aus ich das Gute in seinem Sein erst
                  betrachten und zu ihm Stellung nehmen könnte. Ich kann dann die entscheidende
                  Entscheidung nicht verschieben, sondern sie steht unmittelbar vor meiner Türe. Ich
                  weiß, daß ich mich jetzt gleich entscheidend entscheiden werde. Es geht ja um das
                  Tun dessen, was ich <hi rend="italic">soll</hi>. Was ich soll, ist aber der an mich
                  gerichtete Anspruch, nicht das Gute in essentia, sondern das Gute in actu, das auf
                  mich zukommende Gute, dem gegenüber ich mich nicht erst im übernächsten, sondern
                  wirklich schon im nächsten Augenblick zu verantworten habe, dem gegenüber mein
                  nächster Schritt mein Genügen oder Ungenügen an den Tag bringen wird. Fragend nach
                  dem, was ich tun soll, weiß ich, daß es nicht in meinem Belieben steht, meinem Tun
                  Entscheidungscharakter erst zu geben, sondern daß es ihn, was ich auch tue, zu
                  meinem Heil oder <hi rend="italic">Unheil unter allen Umständen hat</hi>, daß mein
                  Existieren die Antwort ist auf die Frage – nicht auf eine Frage, die ich stelle,
                  sondern auf die Frage, die an mich gestellt ist. Wieder bleibt hier also gar kein
                  Raum zur Diskussion von theoretischen Problemen. Frage ich, was ich <hi rend="italic">tun</hi> soll, dann weiß ich, daß ich selbst im nächsten Augenblick die
                  Antwort auf diese Frage bin. Wieder kann dann mein Aufwerfen der Frage nur den
                  Sinn haben, mir diese, meine Lage klarzumachen, mich auf den
                  Entscheidungscharakter des nächsten Augenblicks aufmerksam zu machen. Wieder habe
                  ich also mich selbst aus aller allgemeinen und theoretischen Problematik in die
                  besondere praktische Wirklichkeit meiner Entscheidung verwiesen. In ihr, in meinem
                  Tun oder Nicht-Tun dessen, was ich soll, erkenne ich die unbedingte Wahrheit, die
                  mich rettet oder richtet, die Wahrheit des Guten. In ihr findet Offenbarung des
                  Gebotes statt. Und wenn mir ein bloßes theoretisches Interesse an der Praxis
                  verboten sein, wenn ich also gar nicht anders als mit diesem <seg type="non-entity">Ernst</seg> fragen können
                  sollte, dann ist eben das das Zeugnis, daß diese Offenbarung stattgefunden
                  hat.</p>
          <p>d) Und nun können wir den <seg type="non-entity">Ernst</seg> unserer Frage auch noch an Hand der Betonung: Was
                  sollen <hi rend="italic">wir</hi> tun? kurz untersuchen. Wenn ich als Einzelner die
                  ethische Frage in diesem Plural stelle, dann
                  <pb xml:id="p118" ed="pga"/>
                   lege ich damit, wenn ich es so meine, wie ich es offenbar sage, ein sehr ernstes
                  Bekenntnis ab davon, daß ich unter der Verantwortung, die ich in meiner
                  Entscheidung abzulegen habe, das verstehe, daß mein Tun an einem freilich mir
                  geltenden, aber darum nicht nur für mich gültigen, sondern allgemeingültigen
                  Anspruch gemessen ist. Die Krisis des Was?, der <seg type="non-entity">Ernst</seg> des Sollens, die
                  Dringlichkeit des Tuns wären offenbar noch nicht eingesehen, die ganze Frage wäre
                  offenbar noch immer eine andere als die ethische Frage, wenn das Was-sollen-<hi rend="italic">wir</hi>-Tun? nur eine rhetorische Einkleidung wäre für ein heimliches
                     Was-soll-<hi rend="italic">ich</hi>-Tun? Denn so gewiß das Gute, wenn es sich
                  offenbart, sich <hi rend="italic">mir</hi> offenbart, im Ereignis meines Handelns,
                  nicht etwa einem kollektiven Wir, nicht in Form eines Massenerlebnisses, sondern
                  mir, so gewiß es Alles in Frage stellend, schlechthin gebieterisch, auf den
                  nächsten Augenblick verweisend auf <hi rend="italic">mich</hi> zukommt und kein Anderer
                  und keine Gemeinschaft mir die Verantwortung, die ich zu leisten habe, abnehmen
                  kann – so gewiß hätte ich seine Gegenwart noch einmal übersehen und überhört, wäre
                  meine ethische Besinnung keine Rechenschaftsablage von meiner wirklichen
                  Situation, wenn ich mir nicht klar darüber wäre, daß das schlechterdings Einzelne,
                  auf das da gezielt ist, das da angerufen ist, meine nackte Existenz, auch wieder
                  das ist, was ich nicht für mich allein, sondern in der Gemeinsamkeit aller
                  Menschen habe, und daß mich auch dieser Anruf, selbst indem er höchst direkt und
                  speziell an <hi rend="italic">mich</hi> ergeht, sachlich gerade in die Reihe aller
                  Anderen stellt, daß er nicht mich als diesen und jenen, sondern mich als Menschen
                  meint und trifft. Nicht als Persönlichkeit, nicht als Individualität, auch nicht
                  als Glied dieser oder jener natürlichen oder geschichtlichen Kollektivität,
                  sondern als <hi rend="italic">Mensch</hi> bin ich angefordert.</p>
          <p>Noch einmal drohte sonst nämlich die Möglichkeit, das Gute als Seiendes zu
                  betrachten, nunmehr aus dem Abstand meiner Besonderheit, meines isolierten Falles,
                  meine Individualität vorzuschützen gegen jene Krisis, der gegenüber es kein
                  gesichertes Das geben kann, gegen jenen <seg type="non-entity">Ernst</seg>, dem der <seg type="non-entity">Ernst</seg> meines besonderen
                  Falles nun wirklich nicht gewachsen ist, gegenüber jener Dring<pb xml:id="p119" break="no" ed="pga"/>lichkeit, die nun wirklich keine Unterschiede zwischen diesen und jenen kennen
                  kann. Noch einmal drohte die Möglichkeit, aus der unbedingten eine bedingte
                  Wahrheit zu machen, bedingt nunmehr durch meine persönliche Eigenart, durch die
                  besonderen Anliegen, durch die ich mich von Anderen unterscheide. Daß die
                  unbedingte Wahrheit zu mir kommt in ganz eigenartiger Weise, wie sie wirklich nur
                  zu mir kommt, das heißt nicht, daß ich sie als durch meine Eigenart bedingt
                  behandeln dürfte. Kommt sie zu mir, dann werde ich mich hinter meiner Eigenart
                  gerade nicht verstecken dürfen, dann kann ich mich nur bekennen als einen unter
                  vielen anderen, als Menschen schlechthin, dann kann meine Frage – wohlverstanden
                     <hi rend="italic">meine</hi> Frage – nur lauten: Was sollen <hi rend="italic">wir</hi>
                  tun? – in aller Singularität meiner Person und meines Falles: Was sollen <hi rend="italic">wir</hi> tun? Frage ich im <seg type="non-entity">Ernst</seg> so, dann bezeuge ich damit, daß ich
                  auch jene letzte Möglichkeit eines Betrachtenwollens eines seienden Guten
                  preisgegeben, auch diese letzte und vielleicht gefährlichste, weil naheliegendste
                  und scheinbar ehrenvollste Deckung verlassen habe. Das «Wir» weist hin auf die
                  unausweichliche, auch durch meine Eigenart und die meines besonderen Falles nicht
                  zu vermeidende Entscheidung, der ich entgegengehe. Gerade in der Eigenart meines
                  besonderen Falles tritt das Gebot an den <hi rend="italic">Menschen</hi> heran. <hi rend="italic">Es</hi> bestimmt das Besondere meiner besonderen praktischen
                  Lebenswirklichkeit, während die Behauptung <hi rend="italic">meiner</hi> Besonderheit
                  noch einmal eine Abstraktion und bloße Theorie sein könnte. Weiß ich nun das, weiß
                  ich, daß es aufs Tun oder Nichttun ankommen wird und nicht darauf, daß ich dieser
                  oder jener bin, frage ich also im <seg type="non-entity">Ernst</seg>: Was sollen <hi rend="italic">wir</hi> tun?,
                  dann sage ich auch damit, daß ich um das wirklich an mich ergangene Gebot weiß,
                  daß es mir <hi rend="italic">offenbar</hi> ist.</p>
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