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        <title type="volume" n="vol-02">Ethik I</title>
        <title type="formal">DAS GEBOT GOTTES ALS GOTTES GERICHT</title>
        <title type="content">Das Gebot Gottes als Gottes Gericht</title>
        <title type="citation_line_1">Das Gebot Gottes als Gottes Gericht, in: Ethik I, 1928</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/2009 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Ethik I, hrsg. v. Braun, Dietrich (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1973, S. 144–192.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Ethik I</title>
          <title type="text">DAS GEBOT GOTTES ALS GOTTES GERICHT: Das Gebot Gottes als Gottes Gericht</title>
          <editor>Braun, Dietrich</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1973</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 144-192</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe II.2, Ethik I 1928, section 6</title>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
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      <div type="chapter">
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        <head>§ 6 DAS GEBOT GOTTES ALS<lb/> GOTTES GERICHT</head>
        <div type="abstract">
          <p>Indem Gott dem Menschen sein Gebot offenbart, richtet er ihn. Das ist aber Gottes
               Gericht und also des Menschen Heiligung durch Gott: daß Gott den, dessen er sich
               durch sein Gebot annimmt, geliebt, erwählt und als sein Eigentum erklärt hat – daß
               Gott sein ganzes Entscheiden und Tun aufdeckt als Übertretung des Gebotes – daß Gott
               um seiner eigenen Güte willen ihn, den Sünder, annimmt als Täter seines Wortes – daß
               Gott eben damit sein sündiges Tun ausrichtet zum Werk des Gehorsams.</p>
        </div>
        <pb xml:id="p145" ed="pga"/>
        <div type="section">
          <head>1.</head>
          <p>Wir kommen in diesem Paragraphen zu der eigentlichen Substanz unseres ersten Kapitels
               und der theologischen Ethik überhaupt. Alles, was bisher gesagt wurde, konnte nur
               eine Vorbereitung sein auf das hin, was jetzt zu sagen wäre. Und Alles, was nachher
               noch zu sagen sein wird, kann nur noch ein Abstieg sein von der Höhe, die hier zu
               gewinnen wäre. «Wäre» sage ich, denn es wäre nicht nur Eitelkeit, sondern
               Vermessenheit zu versprechen, daß es jetzt zum Sagen des entscheidenden Wortes und
               zum Gewinnen jener Höhe kommen werde. Nicht nur besteht die vor uns liegende Aufgabe
               darin, eine rekapitulierende Darstellung der ganzen dogmatischen Lehre von der
               Zueignung der Gnade Gottes an den Menschen zu geben unter der speziellen
               Voraussetzung, daß diese Zueignung jedenfalls auch darin besteht, daß der Mensch
               unter Gottes Gebot gestellt ist – eine Aufgabe, die, wenn eine in der Theologie, für
               Lehrer und Lernende in mehr als einer Hinsicht ein Wagnis ist. Die ehrenvollen
               Bezeichnungen D. theol. <hi rend="italic">und</hi> stud. theol. müßten einem wohl ein
               wenig fragwürdig werden, wenn man sieht, um was für eine Erkenntnisaufgabe es hier
               gehen würde. Wir stehen nun aber auch unmittelbar vor dem Punkt – er hat sich ja
               längst angekündigt, und er wird von jetzt an nicht mehr unsichtbar zu machen sein –,
               an dem jede theologische Disziplin als solche sowohl anfängt als auch endigt, den sie
               aber zu <hi rend="italic">setzen</hi>, den nachzuweisen oder zu deduzieren, ja sogar den
               zu behaupten sie nicht die Macht und nicht die Erlaubnis hat, den sie nur als <hi rend="italic">gesetzt</hi> anerkennen kann, indem sie immer wieder von ihm ausgeht,
               immer wieder zu ihm zurückkehrt. Wir stehen vor dem Punkt, wo die Theologie so
               kämpfen muß um die Erkenntnis, daß sie alle ihre Waffen streckt und die ganze
               Bedrohtheit ihres Anspruchs, erkennen zu wollen, rückhaltlos zugibt und anerkennt.
               Dieser Anspruch ist dadurch bedroht, daß Erkenntnis hier nur insofern stattfindet,
               als der Gegenstand sich selber zu erkennen gibt, daß sie also ein Ereignis ist, über
               dessen Geschehen wir keinerlei Macht haben. Das ist <pb xml:id="p146" ed="pga"/>
                eine Situation, die so unter allen Wissenschaften nur die Theologie bedroht, und wir
               befinden uns jetzt innerhalb der theologischen Ethik an dem Punkt, wo diese Situation
               – sie bestimmt natürlich das Ganze und nicht nur diesen Teil des Ganzen – akut wird,
               wo es ganz unmöglich wäre, ihrer nicht ausdrücklich zu gedenken. Wir haben in <ref type="pub" target="../volume/02/p103#p103">§ 4</ref> den Ort bestimmt, wo das Gebot Gottes
               als <hi rend="italic">Gebot</hi> zu erkennen ist. Wir haben in <ref type="pub" target="../volume/02/p119#p119">§ 5</ref> im Anschluß daran zu zeigen versucht, inwiefern es
               dort als <hi rend="italic">Gottes</hi> Gebot zu verstehen ist. Soll es ernst gelten mit
               der Absicht, die Wirklichkeit des Gebotes Gottes zu umschreiben, dann müssen wir
               jetzt weitergehen und uns zu verständigen suchen über das Ereignis des göttlichen <hi rend="italic">Gebietens</hi> als solches, über den Akt der göttlichen Inanspruchnahme
               oder der Heiligung, ohne den alles Reden von Gebot und Gottes Gebot in der Luft
               stünde. Aber nun ist es doch wohl deutlich, daß wir eben damit erst recht in die Luft
               zu treten scheinen, als offenbar alles Verstehenwollen dieses Ereignisses zur
               Voraussetzung hat, daß es wirklich geschieht, dieses sein Geschehen aber sich
               nimmermehr als ein Faktor deuten läßt, mit dem wir rechnen können, sondern den wir
               nur als Faktor im wörtlichsten Sinn, d.h. als Täter in unsere Erwägung einbeziehen
               können. Wird hier wirklich als Abschluß des Bisherigen das entscheidende Wort gesagt
               und wird hier als Voraussetzung alles Folgenden jene Höhe gewonnen, d.h. verstehen
               wir das Ereignis der Heiligung als solches, dann kann das – und das eben mußte
               einleitend festgestellt sein – nicht das Ergebnis einer dialektischen Leistung sein.
               Alle theologische Dialektik kann, von welcher Seite sie sich auch <hi rend="italic">diesem</hi> Faktor nähere, grundsätzlich nicht mehr leisten als das, was
               ebenfalls geleistet wäre, wenn wir uns begnügen würden, den einfachen Hinweis auf den
               Namen Jesus Christus auszusprechen und uns gefallen zu lassen. Wählen wir den
               umständlicheren Weg der theologischen Dialektik, so tun wir es nicht, um etwas
               Wirksameres zu tun, sondern eben um uns ins Bewußtsein zu rufen, daß wir vor dem
               Faktor stehen, der für sich selber reden muß, wenn nicht Alles umsonst sein soll, was
               wir leisten können. Weil diese Einsicht offenkundiger wird, wenn
               <pb xml:id="p147" ed="pga"/>
                wir es uns mit jenem Hinweis schwer, als wenn wir es uns leicht damit machen wollten
               – und weil diese Einsicht die Theologie nicht nur bedroht, sondern auch begründet,
               darum müssen wir an dieser Stelle, wo wir zwischen einem einfachsten und einem
               schwierigeren Weg zu wählen haben, uns (ganz ohne die Prätention, damit etwas
               <seg type="non-entity">Besseres</seg> zu leisten) für den letzteren entscheiden.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>2.</head>
          <p>Ich habe unseren Paragraphen überschrieben: Das Gebot als Gottes <hi rend="italic">Gericht</hi>. So entspricht es unseren bisherigen Überlegungen. Das Ereignis, auf
               das sich die ganze theologische Ethik bezieht, Gottes Inanspruchnahme des Menschen,
               die Heiligung, der Akt der Aufrichtung, Offenbarung und Geltendmachung des göttlichen
               Gebotes, bedeutet Gottes Gericht. Das ist der Sinn aller ethischen Besinnung, daß wir
               uns in jedem Augenblick unseres Existierens, also auch in dem nächsten Augenblick,
               dem unsere Besinnung gilt, durch unser Tun, d.h. durch unser Existieren in diesem
               Augenblick, welches auch sein konkreter Inhalt sein möge, zu verantworten haben, daß
               unser Tun, indem es geschieht, gemessen, beurteilt, unter eine ewige Bestimmung
               gestellt ist. Unser Tun bedeutet in jedem Augenblick Krisis, nicht eine Krisis, die
               wir <hi rend="italic">vollziehen</hi>, sondern eine Krisis, in der wir <hi rend="italic">stehen</hi>, die vom Guten, vom Gebot, von Gott dem Herrn her über uns ergeht.
               Wir sind auf seine Waage gelegt. Und wir sind immer dadurch, daß wir es <hi rend="italic">jetzt</hi> sind, aufgerufen zu bedenken, daß wir es alsbald <hi rend="italic">wieder</hi> sein werden, daß das Leben ein ununterbrochener Durchgang von einem
               Gewogenwerden zum anderen ist. Eben sofern das heute gehörte Wort Gottes dieser
               Aufruf ist, gilt: «Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege»
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.119.105">Ps. 119,105</ref>]. Wir
               haben nicht die Möglichkeit, das Ergebnis dieses Gewogenwerdens vorwegzunehmen, wir
               haben also nicht die Wahl zwischen dem Guten und dem Bösen. Wir können aber wachen
               oder schlafen, verantwortlich oder unverantwortlich le<pb xml:id="p148" break="no" ed="pga"/>ben. Reifsein ist Alles. Reifsein heißt aber Handeln im Bewußtsein der
               Verantwortung, die wir eben mit unserem Handeln ablegen. Das ist nicht weniger,
               sondern mehr als jenes Wählen. Indem wir zur Besinnung kommen darüber, daß wir eben
               jetzt gewogen <hi rend="italic">sind</hi> und unser Tun so oder so eine Verantwortung
               [ist], erkennen wir auch, daß wir gewogen und also verantwortlich sein <hi rend="italic">werden</hi> im nächsten Augenblick, daß es also Zeit ist, vom Schlaf aufzustehen
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.11">Röm. 13,11</ref>], weil der
               Sinn dieses nächsten Augenblicks wiederum Gottes Gericht sein wird. Und dieses
               Ereignis des nächsten Augenblicks ist es, auf das die ganze theologische Ethik, vom
               Ereignis des gegenwärtigen Augenblicks, von seinem Aufruf ausgehend, hinzielt.</p>
          <p>Die erste und grundlegende Feststellung, die wir in bezug auf dieses Ereignis zu
               machen haben, ist aber offenbar die, daß Gott sich darin <hi rend="italic">unser
                  annimmt</hi>. Mag es denn sein, daß wir auf seiner Waage als zu leicht erfunden
               werden, er wird uns aber auf <hi rend="italic">seine</hi> Waage legen. Mag es denn sein,
               daß wir, an seinem Maße gemessen nicht bestehen, wir werden aber an <hi rend="italic">seinem</hi> Maße gemessen werden. Mag es denn sein, daß sein Urteil Verurteilung
               und Verdammnis bedeutet, er wird auch so etwas eines anderen Urteils Würdiges
               mindestens von uns erwartet haben. Aufgerufen, uns vor ihm zu verantworten, sind wir
               grundlegend und primär (und wie auch unsere Verantwortung ausfalle) aufgerufen zu der
               Erkenntnis, daß er uns in irgendeinem Sinn zu sich rechnet, sich mit uns abgibt, <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> mit uns hält. Indem wir der Einsicht nicht ausweichen
               können, daß wir ihn zum Herrn haben, bestätigen wir uns selbst die andere Einsicht,
               die jener ersten sachlich doch zweifellos überlegene Einsicht, daß er uns in
               irgendeinem Sinn als die Seinen, als sein Eigentum betrachtet und behandelt. Indem
               sein Gebot zur Krisis unseres Handelns wird, ist uns von ihm selbst gesagt, daß er –
               wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName></hi> (<bibl><hi rend="italic">Instit.</hi> III. 6. 1</bibl>) das ausdrückt – mindestens fragt nach einer «Symmetrie und Übereinstimmung»
               unserer Entscheidung mit seinem eigenen Willen. Man übersieht unter dem Eindruck der
               Polemik des Römer- und Galaterbriefes gegen den in einer ganz bestimmten
               dialektischen
               <pb xml:id="p149" ed="pga"/>
                Wendung verstandenen Begriff des Gesetzes und wohl noch mehr unter dem Eindruck der
               Art, wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> diese Polemik aufgenommen und teilweise in nicht
               einwandfreier Weise verabsolutiert hat,<note xml:id="n01">nämlich in seiner der Lehre
                  von der Rechtfertigung aufs engste zugeordneten Lehre von Gesetz und Evangelium.
                  <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> und vielen seiner Hörer in <placeName ref="kbga-places-44">Münster</placeName> war diese Lehre noch unmittelbar
                  gegenwärtig: Im Sommersemester <date when="1927">1927</date> und im Wintersemester
                     <date from="1927" to="1928">1927/28</date> hatte er ein Seminar über <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Galaterkommentare (<bibl>
                                1519: WA 2, 436-618</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-561">
                                1535: WA 40, I.II</bibl>) gehalten.</note> leicht, daß der Ursprung der Aufrichtung und Offenbarung
               des Gesetzes doch fraglos <hi rend="italic">Gott</hi>, und zwar die <hi rend="italic">Liebe</hi> Gottes ist. Das Gesetz darf nicht mit jener Eindeutigkeit, die bei
               <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gelegentlich begegnet, in einer Reihe mit <hi rend="italic">Teufel, Sünde,
                  Vernunft</hi> oder doch so ohne weiteres in selbstverständlichem Zusammenhang mit
               dem <hi rend="italic">Zorne</hi> Gottes verstanden werden.<note xml:id="n02">s. <bibl corresp="kbga-bibls-1326">WA 18, 677, 7; 766, 25</bibl>; <bibl>WA 39 I, 347, 27.35; 477, 1</bibl>: «Legis officium est ostendere peccata, affere dolorem et deducere ad
                  inferos»; <bibl corresp="kbga-bibls-561">WA 40 I, 395, 20f.; 400, 16ff.; 519, 35-520,
                        12</bibl>: «Lex est etiam carcer spiritualis et vere infernus, Quia, cum revelat
                  peccatum, minatur mortem et aeternam iram Dei, homo non potest effugere nec
                  consolationem invenire»; 525, 22-25 u. ö.</note> Mag man noch so sehr den Abstand,
               ja Gegensatz zwischen Gott und Mensch betonen, den die Offenbarung des Gebotes, der
               Vollzug jener Krisis sichtbar machen, so ist doch vor Allem zu bedenken, daß dieses
               Ereignis auf alle Fälle Begegnung mit <hi rend="italic">Gott</hi> bedeutet. Und mag man
               noch so erschreckt achten auf das Moment des heiligen Zornes Gottes, das diese
               Begegnung charakterisiert, so will doch vor Allem gesehen sein, daß die Tatsache
               dieser Begegnung an sich der Erweis der Liebe (der unendlich zürnenden, wird sich
               dann vielleicht zeigen, aber der <hi rend="italic">Liebe</hi>) Gottes ist. Indem Gott uns
               als Gebieter in den Weg tritt, sagt er uns, daß er nicht ohne uns, sondern, wer wir
               dann auch seien, mit uns- daß er «Gott mit uns», <seg type="non-entity">Immanuel</seg> sein will. Das ist aber die
               Liebe und das darf als die Liebe Gottes wahrhaftig nicht mit einem einschränkenden
               «nur» versehen werden, darum weil dieses Ereignis allerdings auch noch Anderes als
               dies bedeutet. Dies will vielmehr als Dominante alles Übrigen verstanden sein. Wir
               hätten die Krisis, in der wir jetzt stehen,
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                schlecht erkannt, unsere Besinnung wäre wenig ernsthaft, wenn wir nicht verstehen
               wollten, daß wir dem entgegengehen, daß wir uns mit unserem Tun dem zu verantworten
               haben, der uns zu sich rechnet, der uns nicht als Fremde, sondern als Hausgenossen
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.19">Eph. 2,19</ref>], als sein
               Eigentum behandelt, der uns geliebt hat und lieben wird, wie sich auch unsere
               Begegnung mit ihm gestalten möge. Indem er uns das Gebot gibt, ja durch das Gebot
               selbst sagt er uns auch, daß er unser Gott sein will, daß wir sein <seg type="non-entity">Volk</seg> sein sollen
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lev.26.12">Lev. 26,12</ref> u.ä.]. Daß
               wir uns dieses schlechthin Positive sagen lassen, das ist die Voraussetzung alles
               wirklichen Reifseins. Höre das Gebot! heißt es. Aber wenn dieses Höre! ertönt, dann
               ist damit schon gesagt, daß Gott sich unser angenommen hat. Es heißt eben nicht: Höre
               Moab, Midian oder <persName ref="kbga-actors-9967">Amalek</persName>!, sondern es heißt: Höre Israel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.6.4">Deut. 6,4</ref> u.ö.]! Zu Moab, Midian und
               <persName ref="kbga-actors-9967">Amalek</persName> wird eben nicht gesagt Höre! Sondern, wo das gesagt wird, da ist <placeName ref="kbga-places-34">Israel</placeName>, d.h.
               aber da ist Liebe, Erwählung, Berufung, Bundesschluß, Gnade, Treue und Alles von
               Gott! Wenn Israel <persName ref="kbga-actors-9695">Jahwes</persName> <hi rend="italic">Liebe</hi> und daß er es erwählt aus allen
               Völkern vergaß und verwarf, wenn es als verlorene Jungfrau hurte mit den Baalim der
               Heiden, als ob nicht <persName ref="kbga-actors-9695">Jahwe</persName> sein <seg type="non-entity">Mann</seg> wäre, der sich ihm verlobt in Ewigkeit (<ref type="can" subtype="bible" target="Hos.2.21">Hos. 2,21</ref>), dann vergaß und
               verwarf es auch die <hi rend="italic">Gebote</hi>. Gerade das Gehör für die Gebote, ohne
               das es keinen Gehorsam gibt, gilt der <hi rend="italic">Liebe</hi> im Gebot, gilt der
               Erwählung, die das Gebot in seiner Gegebenheit offenbart, gilt dem schlechterdings
               anfänglichen Ja, das Gott durch das Gebot zu uns spricht. Hören wir dieses
               gnadenvolle Ja im Gebot nicht, dann hören wir es doch wohl überhaupt nicht. Was ist
               doch das für eine theologische Herzenshärtigkeit, die im <seg type="non-entity">Alten</seg> Testament darum eine
               niederere Religionsstufe sieht, weil es den abstrakten Unterschied von Gesetz und
               Evangelium in der Tat <hi rend="italic">nicht</hi> kennt, die es angesichts des Jubels,
               den u.A. wiederum der 119. Psalm anstimmt über die Gabe des Gesetzes, wagt, mit dem
               Stichwort Gesetzlichkeit zu operieren, oder die nach demselben Schema in der
               Gesetzesfreudigkeit <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> nur einen Rückfall in das
               <pb xml:id="p151" ed="pga"/>
                Judentum zu sehen vermag. Wie will man denn eigentlich den Satz <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName></hi> widerlegen, daß das Gesetz von Hause aus «gratuitae adoptionis
               foedere vestita» sei (<bibl><hi rend="italic">Instit</hi>. II 7, 2</bibl>)? Ist nicht der letzte Sinn des Gebotes, gerade des uns richtenden Gebotes
               Gottes, seine <hi rend="italic">Zusage</hi>, die Zusage seines <hi rend="italic">Bundes</hi>
               mit uns? Kann man es als Gebot hören, kann man sich unter sein Gericht stellen, ohne
               diesen seinen letzten Sinn, der doch vielmehr sein erster ist, zu erkennen? Sind wir
               reif, wissen wir um unsere Verantwortlichkeit, solange wir nicht um unsere Erwählung
               wissen? –</p>
          <p>Daß Gott uns <hi rend="italic">richtet</hi>, das heißt also vor allem Anderen, daß er uns
                  <hi rend="italic">liebt</hi>. Wir können nicht umhin, hier zwei Gedanken zu denken:
               Gericht und Liebe, Gesetz und Evangelium. Aber wir denken in diesen zwei Gedanken,
               wenn wir sie recht denken, die eine, unnachsprechliche Wahrheit Gottes. Und die Liebe
               ist vor und über dem Gericht. Das Gesetz ist nur die konkrete Gestalt und Stimme des
               Evangeliums. Eben als solches hat es dann aber auch Kraft und Würde. Bloß
               «zwischenhineingekommen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">Röm. 5,
                  20</ref>), bloß «Zuchtmeister» (<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.3.24">Gal. 3,24</ref>) im Sinne der paulinischen Polemik ist das Gesetz nur als das
               Abstraktum eines «Du sollst», das etwas Anderes wäre als die Gestalt und Stimme eines
               ursprünglichen «Du darfst», in dem verborgen bliebe, daß Gott vor Allem und zuerst
               sich selbst an den Menschen und dann und darum den Menschen an sich gebunden hat. Es
               wäre dann das «Gesetz der Sünde und des Todes» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.2">Röm. 8,2</ref>). Es wäre dann als solches noch gar nicht das
               wirklich als <hi rend="italic">Gottes</hi> Gesetz gehörte Gesetz. Dieses Gesetz ist
               erledigt und abgetan, wenn das wirkliche Gesetz sich hören läßt. Aber nicht abgetan,
               sondern vielmehr «aufgerichtet» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.31">Röm. 3,31</ref>), «heilig, gerecht und gut» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.12">Röm. 7,12</ref>) steht dann da das «Gesetz des Geistes des
               Lebens» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.2">Röm. 8,2</ref>). Gegebenes
               Gebot heißt vollzogene Zusage: Zusage, daß Gott sich mir verbunden <hi rend="italic">hat</hi>, daß ich sein Geliebter <hi rend="italic">bin</hi>. Vorgängig meiner
               Entscheidung, <hi rend="italic">bevor</hi> es in meiner Tat, sofern sie gemessen ist an
               seinem Willen, wahr geworden ist, daß ich sein Knecht bin, <hi rend="italic">bevor</hi>
               auch das Andere wahr geworden ist, daß ich als sein unnützer, untreuer,
               verräterischer Knecht erfunden
               <pb xml:id="p152" ed="pga"/>
                bin – vorher, vorher ist Gottes Entscheidung über mich gefallen, und wenn Berge
               weichen und Hügel hinfallen, so soll doch seine Gnade nicht von mir weichen und der
               Bund seines Friedens nicht hinfallen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.54.10">Jes. 54,10</ref>]. Die in der Gegebenheit des Gebotes
               offenbare Liebe Gottes bedeutet eine Entscheidung <hi rend="italic">Gottes</hi>, die
               insofern für die meinige vikariiert, als in ihr, wie sie der letzte Sinn des an mich
               ergehenden, mich richtenden Gebotes ist, so auch über den letzten Sinn meiner
               Entscheidung bzw. des Gerichts, in dem ich mit meiner Entscheidung stehe, vorweg
               verfügt ist. In ihr ist, was auch von meiner Entscheidung zu sagen sei, dem Gebot,
               unter das ich gestellt und durch das ich gerichtet bin, vorweg <hi rend="italic">genug</hi> getan, und zwar vollkommen genug getan. Ist Gott für uns, dann kann
               sein Gebot, auch wenn und indem es uns richtet, nicht wider uns sein. Kraft der
               Entscheidung seiner Liebe, die in der Gegebenheit des Gebotes offenbar wird, kann ich
               nicht ein durch dieses Gebot Verdammter sein. In der Entscheidung seiner Liebe ist
               die «Symmetrie und Übereinstimmung» meiner Entscheidung mit seinem Gebot
               vorausgesetzt und, was dann auch von ihr zu sagen sein möge, ihr zugesprochen.</p>
          <p>In der Entscheidung seiner Liebe habe ich die Gerechtigkeit, die sein Gebot von mir
               fordert und die vor ihm gilt. Diese in der Gegebenheit des Gebotes stattfindende
               Offenbarung der Liebe Gottes ist das <hi rend="italic">Evangelium</hi>. Es ist vom Gesetz
               nicht zu trennen. Durch das Evangelium erst bekommt das Gesetz Wahrheit und
               Nachdruck. Ohne das Evangelium habe ich auch das Gesetz nicht gehört als Wort Gottes,
               als Wort, das mich wirklich bindet. Erst damit erkenne ich ja das Gesetz als Wort,
               das mich bindet, daß ich es als Gottes Gesetz erkenne. Aber erst damit erkenne ich es
               als Gottes Gesetz, daß ich Gottes <hi rend="italic">Liebe</hi> und meine <hi rend="italic">Enwählung</hi> in ihm erkenne. Und erst damit erkenne ich Gottes Liebe in ihm,
               daß ich mir sagen lasse – und das sagt eben das Evangelium –: Gottes Liebe ist
               unbedingte, durch meine Entscheidung nicht bedingte, sondern ihr vorangehende Liebe,
               Liebe ewiger Erwählung. So, als der unbedingt Geliebte, als der, über den ent<pb xml:id="p153" break="no" ed="pga"/>schieden <hi rend="italic">ist</hi>, so bin ich aufgerufen, der Entscheidung des nächsten
               Augenblicks entgegenzugehen, d. h. nun aber: der zu sein, der ich bin, also nicht
               mehr zu wählen, sondern erwählt zu sein und meine Erwählung zu bewähren, durch <hi rend="italic">meine</hi> Entscheidung auf alle Fälle die über mich <hi rend="italic">gefallene</hi> Entscheidung zu vollstrecken, in <hi rend="italic">meiner</hi>
               Entscheidung unter allen Umständen kraft der Entscheidung <hi rend="italic">Gottes</hi>,
               sein Geliebter zu sein. Was das heißt, darüber wird gleich weiter zu reden sein.
               –</p>
          <p>Dies aber ist das Grundsätzliche, alles Andere Beherrschende und Bedingende, was das
               Gericht Gottes durch sein Gebot unter allen Umständen bedeutet. Das ist der <seg type="non-entity">Kreis</seg>,
               innerhalb dessen sich die Heiligung, die Inanspruchnahme des Menschen durch das Wort
               Gottes abspielt. Bei Allem, was weiter zu sagen sein wird, ist zu bedenken, daß es
               nur im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf Gottes Liebe, Treue, Gnade und Erwählung wahr gesagt sein kann.
               Alles wäre Abstraktion und Verwirrung, was auch nur augenblicklich ein Heraustreten
               aus diesem <seg type="non-entity">Kreis</seg> bedeuten würde. –</p>
          <p>Ich denke, es wird schon bei der Feststellung dieses ersten grundsätzlichen Punktes
               klar geworden sein, daß es nicht überflüssig war, im ersten Absatz gerade dieses
               Paragraphen ausdrücklich daran zu erinnern, auf welchem ungesicherten Weg wir uns
               gerade jetzt befinden, wo es sich um das Legen der entscheidenden Grundlagen einer
               theologischen Ethik handelt. Im Gericht Gottes vorgängig aller anderen Bestimmungen
               die Liebe Gottes erkennen, im Gesetz das Evangelium, das ist entweder ein sinnloses
               Paradoxon oder aber der Appell an die Wirklichkeit Gottes selbst in seiner
               Offenbarung in Christus durch den heiligen Geist. Es ist ja klar, daß das nicht der
                  <hi rend="italic">Vollzug</hi> einer Synthese, sondern nur die Anerkennung einer schon
                  <hi rend="italic">vollzogenen</hi> Synthese sein kann, wenn wir auf jene unserer
               Entscheidung prinzipiell vorangehende, für unsere Entscheidung vikariierende
               Entscheidung der Liebe Gottes rekurrieren. Das ist keine Wahrheit, auf die wir einen
               Griff haben, die wir aus einer anderen ableiten könnten. Das ist
               Offenbarungswahrheit, d.h. aber, das ist solche Wahrheit, die streng nur insofern
               wahr ist, als sie sich
               <pb xml:id="p154" ed="pga"/>
                offenbart, als sie selbst zu uns redet. Das ist der ewige Ratschluß Gottes und seine
               Ausführung in der Fleischwerdung seines Wortes und in der Ausgießung seines Geistes.
               Mit nicht weniger als damit muß sofort gerechnet werden, wenn von der Heiligung recht
               geredet werden soll. Aber wie kann man damit rechnen? Die theologische Ethik muß mit
               der Dogmatik und mit der Theologie überhaupt die theoretische Antwort auf diese Frage
               schuldig bleiben. Sie kann nur antworten damit, daß sie es <hi rend="italic">tut</hi>, so
               gründlich und sorgfältig als möglich tut, aber zugleich wissend, daß sie durch nichts
               gesichert ist als durch die Wirklichkeit Jesu Christi und des heiligen Geistes
               selber. Sie kann also nur antworten mit der Gegenfrage, ob der Fragende diese
               Wirklichkeit etwa nicht kennen sollte?</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>3</head>
          <p>Das uns gegebene Gebot wird in der Weise unser <seg type="non-entity">Richter</seg>, daß es unwiderleglich und
               restlos aufdeckt, daß unsere Entscheidung als solche <hi rend="italic">Übertretung</hi>
               ist. «Durch das Gesetz» – das ist das erste konkrete Moment der Heiligung –
               «Erkenntnis der Sünde» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.20">Röm. 3,
                  20</ref>). Wir versuchen es, in drei sich ergänzenden Überlegungen, uns das
               klarzumachen.</p>
          <p>a) Wir gehen davon aus, daß wir die Wirklichkeit des Gebotes gefunden haben im <hi rend="italic">konkreten Einzelgebot</hi>. Eben als solches ist es das Gebot, das uns,
               indem wir handeln, indem unsere Entscheidung fällt, notwendig und unbedingt
               verurteilt. Wäre das Gebot statt dessen zu verstehen als eine allgemeine Idee des
               Gebotenen, deren konkrete Füllung uns selbst überlassen wäre, dann möchte es leicht,
               dann dürfte es grundsätzlich immer möglich sein, unsere Entscheidung als konform dem
               Gebot, uns selbst also als gerechtfertigt anzusehen. Denn wenn Füllung und Erfüllung
               des Gebotes in einer, nämlich in unserer eigenen Hand liegen, wird es dann nicht
               einfach unvermeidlich sein, daß wir es entweder zum vornherein so füllen, wie wir es
               nachher erfüllen wollen und können, oder aber, nachdem wir [es] erfüllt haben, wie
               wir wollten
               <pb xml:id="p155" ed="pga"/>
                und konnten, nachträglich unsere Füllung des Gebotes korrigieren nach dem Maß
               unserer Erfüllung? Um den fälschlich an Stelle des Gebotes gesetzten kategorischen
               Imperativ ebensowohl wie um die der Bibel entnommenen moralischen
               Allgemeinwahrheiten, wie um die formalen oder materialen moralischen
               Allgemeinwahrheiten überhaupt versammeln sich darum immer wieder die Gerechten, die
               der Buße nicht bedürfen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.7">Luk.
                  15,7</ref>], weil sie sich mit dem Gesetz im Frieden wissen. Sie wissen sich aber
               darum im Frieden mit dem Gesetz, weil sie darunter eine allgemeine Wahrheit
               verstehen, die man bejahen kann, wie man bejaht, daß zwei mal zwei vier ist, während
               sie gerade von dem Punkt an, wo kein solches theoretisches Bejahen, sondern ihr
               konkretestes Handeln in Betracht käme, ihre eigenen Gesetzgeber werden, die durchaus
               nicht nach dem Gesetz, sondern wie die Pharisäer und Schriftgelehrten nach ihrer
               Auslegung des Gesetzes, d.h. aber in concretissimo nach ihrer eigenen Willkür
               handeln. Daß sie sich bei solcher Identität von Legislative und Exekutive nicht als
               Übertreter wissen, wie sollte das zu verwundern sein? Mit sich selbst kann man sehr
               wohl in Frieden sein, und es bedeutet sogar eine ganz unnötige Grillenfängerei, mit
               sich selbst nicht in Frieden leben zu wollen. Mit Recht berufen sie sich darum auf
               ihr gutes Gewissen. Das Gewissen kann wohl gut sein, solange es bloß mit sich selbst
               beschäftigt ist, solange es von dem wirklichen, nicht von uns selbst aufgerichteten,
               sondern uns gegenüber befestigten Gebot nicht getroffen ist. Dieses wirkliche Gebot
               ist dann aber, wie wir sahen, gerade nicht eine allgemeine Rahmenforderung, sondern
               konkretestes Einzelgebot. Die Konkretheit des wirklichen Gebotes verdirbt uns jenes
               Spiel von Füllung und Erfüllung, in dem wir mit uns selbst allein sind, verdirbt uns
               aber auch jenes gute Gewissen unweigerlich. Ihm gegenüber bedeutet unser Tun offenbar
               immer Abweichung, ein Dazu- oder Davontun und also ein anderes Tun als das uns
               gebotene Tun und also ein Nicht-Tun dessen, was uns geboten ist. Daß wir das, was wir
               an seiner Stelle tun, in guten Treuen für geboten halten – weil wir es vielleicht
               <pb xml:id="p156" ed="pga"/>
                in wirklich wohlgemeinter Auslegung einer moralischen Allgemeinwahrheit tun – daß es
               uns vielleicht früher einmal geboten gewesen oder vielleicht später einmal geboten
               werden könnte, daß es vielleicht Anderen, vielleicht allen Anderen auch jetzt geboten
               ist – alle diese Möglichkeiten ändern nichts daran, daß wir das <hi rend="italic">uns
                  jetzt wirklich</hi> Gebotene sicher nicht tun. Es kann in diesem Zusammenhang –
               für die Frage, wie wir vor dem an uns ergehenden Gebot dastehen – nicht ins Gewicht
               fallen, ob wir uns mit dem, was wir tun, von dem uns Gebotenen weit oder weniger weit
               entfernen. Entfernen wir uns gelegentlich <hi rend="italic">weit</hi> davon, so kann und
               soll uns daran nur klar werden, <hi rend="italic">daß</hi> wir uns von ihm entfernen, was
               uns vielleicht nicht ebenso klar wird, wenn wir uns, ohne darum besser zu sein, nur
               so ein wenig von ihm entfernen. Es ist furchtbar, zu erwachen mit der Entdeckung, daß
               man vom Gebot <hi rend="italic">weit</hi> abgewichen ist, aber was wir dann wissen, ist
               dennoch wahrer als das, was wir, in <hi rend="italic">näherer</hi> Ferne vom Gebot, von
               unserer Übereinstimmung mit ihm, vielleicht immer noch meinen träumen zu dürfen.
               Messen wir unsere Entscheidung an dem uns gegebenen wirklichen Gebot, dann sehen wir,
               daß sie nicht etwa unvollkommener Gehorsam, sondern wirklich Ungehorsam ist. Denn
               unser Tun ist wirklich, unter das Gebot gestellt, Entscheidung. Entscheidung heißt
               aber: es geht um ein Entweder Oder, Alles oder Nichts, nicht um ein mehr oder
               weniger. Das hat jener Gebirgspfarrer bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2350">Björnson</persName></hi> ganz richtig
               gesehen und gesagt.<note xml:id="n03">Die Gestalt des Pastors Bratt in <bibl>Björnsons Drama <hi rend="italic">Über die Kraft</hi>, 1.
                        Teil 1883</bibl>; <persName ref="kbga-actors-2350">B. Björnson</persName>, Gesammelte Werke in 5 Bänden, hrsg. von J. Elias, Berlin
                     <date when="1921">1921</date>, Bd. 5, S. 3–57.</note> Und immer finden wir uns dann als
               solche, die das, was sie tun sollten, in kleinerer oder größerer Ferne von dem ihnen
               Gebotenen <hi rend="italic">nicht</hi> getan haben, die, mag ihr Frieden mit sich selbst
               noch so groß und ihr Gewissen noch so gut sein, mit dem Gesetz, d.h. aber mit Gott im
               Streit stehen. <seg type="non-entity">Immer</seg> fällt unsere Entscheidung als solche dahin aus, daß wir
               ungehorsam sind.</p>
          <p><pb xml:id="p157" ed="pga" rend="noPipe"/>b) Wir gehen nun davon aus, daß das uns gegebene Gebot <hi rend="italic">Gottes Gebot</hi>
               ist. Als solches verurteilt es uns. Dem wäre wiederum nicht so, wenn wir es auffassen
               könnten als ein Gesetz der Natur- oder Geisteswelt, als die Gewalt unseres
               Schicksals, vielleicht unseres in den Sternen geschriebenen Schicksals oder als die
               Gewalt der geschichtlichen Lage oder Bewegung, an der wir teilnehmen. Mit allen
               diesen Mächten können wir zwar auch zusammenstoßen. Wir können unter ihnen leiden.
               Wir können an ihnen scheitern. Sie können uns zermalmen. Sie können uns aber nicht
               ins Unrecht setzen. Sie können uns nicht verurteilen. Denn wir sind ihnen allen
               letztlich keinen Gehorsam schuldig. Wir können uns auch im Falle des härtesten
               Zusammenstoßes mit ihnen wie mit uns selbst so auch mit ihnen im tiefsten Grund im
               Frieden wissen, in einem solchen Frieden sogar, in dem wir ihnen als die Überlegenen
               gegenüberstehen. Keine von ihnen kann ja das von uns fordern, daß wir sie so sehr als
               Herrn über uns anerkennen, daß wir aufhörten, uns selbst zu eigen zu sein, daß wir
               uns nun wirklich unter ihre Führung begäben. Sie wollen respektiert sein, aber doch
               nur als gewaltige, ja übergewaltige Partner im Spiel unseres Lebens. Der andere
               Partner bleiben immer wir selbst. Wie sollten wir da nicht, wie schlimm uns immer
               mitgespielt werde, im letzten Grund ruhig, sicher und fröhlich bleiben können? Das
               ist ja das Wunderbare an der menschlichen Geschöpflichkeit: So sehr ist der Mensch
               nach <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.8.6">Ps. 8,6</ref> «wenig niedriger
               gemacht denn Gott», daß er in der Lage ist, weichend, fallend, unterliegend, der
               unvergleichlich Schwächere im Spiel den Göttern zu trotzen und sich selbst zu
               behaupten, in der ganzen Welt schließlich, komme was da wolle, gar nichts mehr zu
               fürchten, auch nicht das Schicksal und auch nicht den Tod. «Si fractus illabatur
               orbis, impavidum ferient ruinae.»<note xml:id="n04"><persName ref="kbga-actors-2046">Horaz</persName>, Oden III, 3.7.</note> Er
               kann gegen Alle und Alles – und wenn er gegenüber Allen in Allem schuldig geworden
               wäre – recht behalten. Der tragische <seg type="non-entity">Held</seg> triumphiert schließlich, der Welt trotzend,
               oder
               <pb xml:id="p158" ed="pga"/>
                was noch schöner ist, die Welt trotz Allem segnend, auch in seinem Untergang. Er ist
               geradezu der Typus, wahrlich ein respektabler Typus, der aufrechtstehenden eigenen
               Gerechtigkeit des Menschen. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-301">Nietzsches</persName></hi> <persName ref="kbga-actors-3954">Zarathustra</persName> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName></hi> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-781">Spittelers</persName></hi><note xml:id="n05">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4068"><persName ref="kbga-actors-781">C. Spitteler</persName>, <hi rend="italic">Prometheus und Epimetheus.
                           Ein Gleichnis</hi>. Aarau
                                1881-1882</bibl>. Ders., <bibl><hi rend="italic">Prometheus der Dulder</hi>, Jena
                                1924</bibl>. Gesammelte Werke in 9 Bänden, hrsg. von G. Bohnenblust, W. Altweg, R.
                  Faesi, Zürich <date from="1945" to="1958">1945–1958</date>, Bd. Bd. 1.</note> <persName ref="kbga-actors-3913">Prometheus</persName>, wie schon der
               <persName ref="kbga-actors-3913">Prometheus</persName> der alten Griechensage, sind Figuren, die die Furcht vor dem Tode und die
               Furcht vor dem Schicksal in gleicher Weise hinter sich haben – unangeklagte Figuren
               offenbar, und man muß sich klar machen, daß hinter diesen Figuren gelebtes Leben
               steht. Warum unangeklagt trotz aller Angefochtenheit? Darum, weil es für sie kein
               Gebot gibt, das <hi rend="italic">Gottes</hi> Gebot wäre, dem man sich nicht so entziehen
               könnte, wie man sich der schärfsten Anklage von der Natur- und Geisteswelt her, wie
               man sich dem Ansturm des ganzen Kosmos schließlich noch auf dem Scheiterhaufen
               entziehen kann. Es gibt keine Anfechtung, wenn es keine Sünde gibt. Es gibt aber
               keine Sünde, wenn es nicht jenseits des Gebotes der Mächte und Gewalten, jenseits der
               Gesetze der Götter und Dämonen ein Gebot <hi rend="italic">Gottes</hi> gibt. Gottes Gebot
                  <hi rend="italic">offenbart</hi> die Sünde. Gottes Gebot <hi rend="italic">verurteilt</hi>
               den Menschen. Und zwar darum, weil es den Menschen gerade dort angreift, wo der
               tragische <seg type="non-entity">Held</seg> stark und gut ist, weil es den Menschen in seinem Tun immer gerade mit
               der Forderung überrascht, daß er, statt sich selbst zu behaupten, sich selbst
               preisgeben müßte. Das Gebot Gottes will, daß wir Gott für einen unbedingten Herrn
               halten. Das wollen und das tun wir aber nicht. Welches auch unsre Entscheidung sei,
               sie ist im letzten Grund immer gerade Selbstbehauptung. Selbstbehauptung ist unsere
               Sinnlichkeit ebensowohl wie unsere Geistigkeit, unser Lieben wie unser Hassen, unser
               Beten wie unser Fluchen. Wir wollen leben, wir wollen wir selbst sein, wir wollen
               uns, mit Hilfe Gottes vielleicht, aber unter allen Umständen durchsetzen. Mit diesem
               unserem eigentlichen und tiefsten Pro<pb xml:id="p159" break="no" ed="pga"/>gramm stehen wir in jeder unserer Entscheidungen auch Gott, gerade Gott gegenüber,
               als ob Gott einer von den Göttern wäre, denen als tragischer <seg type="non-entity">Held</seg> zu begegnen gewiß
               eine löbliche Sache ist. <seg type="non-entity">Immer</seg> verhandeln wir auch mit Gott auf Grund eines
               vermeintlichen Guthabens. <seg type="non-entity">Immer</seg> entscheiden wir uns, auch wenn wir uns für das
               vermeintlich Gute entscheiden, als unsere eigenen <seg type="non-entity">Herren</seg>. Wir handeln nie und
               nirgends wirklich gebunden. Eben das ist aber die Übertretung, die Sünde. Der
               Pharisäer im Tempel, der im Unterschied zum Zöllner Alles recht gemacht hat und der
               nun Gott dafür dankt, daß er <hi rend="italic">er</hi> ist und nicht wie diese Anderen
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.11">Luk. 18,11</ref>], eben das
               ist der eigentliche Sünder. Wiederum gibt es Unterschiede. Es ist ja gewiß ein
               Unterschied, ob man sich bei dieser Selbstbehauptung so ungebärdig und herausfordernd
               benimmt, ob man so direkt auf den Übermenschen, d.h. auf den Menschgott hinauswill
               wie etwa <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName></hi>,<note xml:id="n06">Vgl. <bibl><hi rend="italic">Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und
                           Keinen</hi>. 1883-1885</bibl>. <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> Werke, Kritische Gesamtausgabe, VI. Abt. 1. Bd. Berlin
                     <date when="1968">1968</date>.</note> oder ob sich derselbe Aufruhr vollzieht in der
               gemäßigten und vielleicht hochchristlichen Form des im Ganzen gutartigen
               Musterkindes, des älteren <seg type="non-entity">Bruders</seg> im Gleichnis [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.25 Lk.15.32"> Luk. 15,25–32</ref>]. Nur sollte man sich über die
               Belanglosigkeit dieses Unterschiedes in diesem Zusammenhang, nämlich bei der Frage:
               wie wir vor Gottes Gebot dastehen, nicht täuschen, sondern einsehen, daß dort grob,
               hier fein dasselbe zum Ausbruch kommt: der Ungehorsam. Nicht ist jenes Ungehorsam,
               dieses aber unvollkommener Gehorsam, sondern Beides ist Ungehorsam. Unser Tun ist ja
               Entscheidung, und Entscheidung heißt Entweder – Oder. Und unsere Entscheidung als
               solche fällt zweifellos dahin, daß das, was geschehen sollte, auch im besten Fall
               gerade <hi rend="italic">nicht</hi> geschieht.</p>
          <p>c) Wir gehen endlich davon aus, daß das Gebot uns nicht gegeben ist ohne die Zusage,
               daß wir Gottes Erwählte, Bundesgenossen und Geliebte sind. Eben als solche verurteilt
               es uns. Das ist die freilich widerspruchsvolle Umschreibung des doch noch viel wi<pb xml:id="p160" break="no" ed="pga"/>derspruchsvolleren Sachverhalts, daß gerade die Offenbarung der Liebe Gottes, als
               die wir das uns gegebene Gebot letztlich verstehen müssen, uns selbst offenbar macht
               als solche, die weder Gott lieben noch den Nächsten, dem gegenüber sich unsere Liebe
               zu Gott in der konkreten Entscheidung bewähren müßte. Wiederum wäre es nicht
               allzuschwer, unsere Entscheidung für gut und also uns selbst für gerechtfertigt zu
               halten, wenn dieser letzte Sinn des Gebotes, wenn die Offenbarung der Liebe Gottes
               nicht zu bedenken wäre. So unheimlich nahe tritt uns Gott, daß er uns liebt, daß er
               also nicht nur unser Werk, nicht nur unseren Gehorsam, nicht nur uns selbst, sondern
               uns selbst in unserer eigenen Freiheit, uns selbst nicht nur in unserer
               geschöpflichen Abhängigkeit, sondern gerade in unserer geschöpflichen Selbständigkeit
               so haben will, daß er selbst nicht ohne uns sein will. Liebte er uns nicht, bedeutete
               sein Gebot also nicht die Frage nach unserer Gegenliebe, wären wir bloß Wirkungen
               einer übermächtigen Ursache oder Sklaven eines gewaltigen Herrn, wären wir nicht als
               solche <seg type="non-entity">Kinder</seg> eines ewigen Vaters, wäre die Herrschaft Gottes nicht am herrlichsten
               darin, daß er dieser Vater ist, ginge es also dem Gebot gegenüber bloß um die
               faktische Nachachtung, um den Vollzug dieser und jener äußeren oder inneren Handlung
               oder Haltung, ginge es nicht um Gottes <seg type="non-entity">Herz</seg> und um unser <seg type="non-entity">Herz</seg>, warum sollte es dann
               nicht möglich sein und wirklich werden, daß wir seinem Gebot genügten? Es gibt ja in
               jener Linie so Vieles, was wir tun können, und was auch von Menschen tatsächlich
               schon getan worden ist. Es hat Menschen gegeben, die in Nachachtung des Gebotes Hohes
               und Höchstes und vielleicht ihr Letztes, ihr Leben dargebracht haben. Es geht aber um
               die (in der Liebe zum Nächsten sich bewährende) <hi rend="italic">Liebe</hi> zu Gott. Und
               Lieben heißt in eigener Freiheit nicht ohne den, sondern in Allem mit dem sein
               wollen, den man liebt, in der gleichen Selbstverständlichkeit, in der man nicht ohne
               sich selbst sein kann. So liebt uns Gott, so ruft er uns auf, ihn wieder zu lieben.
               Wir finden uns aber in jeder Entscheidung, in jedem Augenblick unseres Tuns als
               solche, die ihn nicht wiederlieben. Man bedenke, daß es auch hier kein Mehr oder
               Weniger geben
               <pb xml:id="p161" ed="pga"/>
                kann. Liebe ist keine Quantität, sondern eine Qualität, die entweder da oder nicht
               da ist. Und wann würden wir uns etwa als solche vorfinden, die diese Qualität
               besitzen, wann nicht vielmehr als solche, die beschämt dastehen in der Erkenntnis,
               daß sie letztlich gerne ohne Gott und den Nächsten sein möchten, wenn wir nicht noch
               deutlicher mit Heidelb. Kat. Fr. 5 sagen wollen: als solche, die von Natur geneigt
               sind, Gott und ihren Nächsten zu hassen?<note xml:id="n07">Heidelberger Katechismus
                     <date when="1563">1563</date>, 1. Teil: Von des Menschen Elend, 5. Frage: «Kanstu diss
                  alles vollkomlich halten?» Antwort: «Nein: denn ich bin von natur geneigt Gott und
                  meinen Nechsten zu hassen.» <bibl><hi rend="italic">Bekenntnisschriften und Kirchenordnungen der nach Gottes
                           Wort reformierten Kirche</hi>, hrsg. von W. Niesel,
                           <edition>3. Aufl.</edition>
                                Zürich o. J., S. 150.</bibl>
                  </note> Es geht nicht an, sich dem Gericht dieser Frage dadurch zu entziehen, daß man
               auf die Haltung und die Handlungen dieser und jener Menschen hinweist, deren
               eindrucksvolle Selbstlosigkeit, Hingabe- und Opferwilligkeit es doch als
               ausgeschlossen erscheinen lassen müßten anzunehmen, daß da Gott und der Nächste nicht
               wirklich geliebt oder gar gehaßt worden seien. Man bedenke, daß es sich hier um die
               Frage handelt, die wir nicht für Andere und im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf Andere, sondern streng im
               <seg type="non-entity">Blick</seg> auf uns selbst zu stellen und zu beantworten haben. Ob wir uns selbst, wenn wir
               selbst eine von diesen Heiligengestalten wären, wenn wir selbst den Eindruck
               vollkommener Liebe auf Andere machen würden – ob wir selbst uns dann zusprechen
               könnten und würden, das Gebot der Liebe auch nur teilweise erfüllt zu haben und also
               um unseres <seg type="non-entity">Liebens</seg> willen vor Gott gerechtfertigt dazustehen, das ist die Frage. Die
               wirklichen Heiligen haben das eben nicht getan, wäre dann doch wohl zu sagen.
               Erkenntnis des durch das Gebot über uns gesprochenen Urteils heißt immer, heißt auch
               für die Heiligen, gerade für die Heiligen, Erkenntnis, daß wir Nicht-Liebende sind,
               daß Gott nicht nur quantitativ, sondern qualitativ anders an uns handelt als wir an
               ihm, daß uns in seiner Liebe etwas widerfährt, was wir ihm nicht nur teilweise,
               sondern ganz, nicht nur in unseren schlimmen, sondern auch in unseren guten Stunden
               schlechterdings schuldig bleiben. Wiederum mag es zwischen den ver<pb xml:id="p162" break="no" ed="pga"/>schiedenen Schuldnern der Liebe Gottes und zwischen unserem Schuldigsein in diesem
               und jenem Augenblick gewichtige Unterschiede geben. Es gibt aber keine letzten,
               entscheidenden, und wir sind nie Nicht-Schuldner. Es ist keiner, von dem etwa zu
               sagen wäre, daß er zwar unvollkommenen Gehorsam, aber immerhin Gehorsam leiste, und
               es gibt auch keine günstigen Augenblicke, in denen ein Einzelner wenigstens auf ein
               solches Minimum zu rekurrieren in der Lage wäre. Sondern wieder ist, auch in dieser
               Betrachtung, unsere Entscheidung als solche Fehlentscheidung, verkehrte Entscheidung.
               Gerade das ist unsere Heiligung, daß wir uns, <hi rend="italic">gerade</hi> als Geliebte,
               als unwürdige Geliebte Gottes vorfinden, als solche, die an Stelle dieser Liebe <hi rend="italic">Zorn</hi> verdient haben, und was uns in diesem Befund, in dieser
               Aufdeckung unseres <seg type="non-entity">Herzens</seg> begegnet, das <hi rend="italic">ist</hi> auch der Zorn, die <hi rend="italic">zürnende</hi> Liebe Gottes.</p>
          <p>Aber halten wir auch hier einen Augenblick inne, um des grossen
               erkenntnistheoretischen Vorbehalts zu gedenken, mit dem wir diesen Paragraphen
               eröffnet haben. Es kann uns ja auch hier nicht entgehen, daß der Weg, den wir hier
               denkend verfolgen, nicht gesichert ist, wenn er es nicht ist in der Wirklichkeit Jesu
               Christi und des heiligen Geistes. Wie sollte nicht ernstlichster, vielleicht geradezu
               leidenschaftlicher Widerspruch denkbar sein gegen Alles hier Gesagte? Ist es denn
               wahr, daß unser Tun, so weit das Auge reicht, Abweichung von dem uns gegebenen
               konkreten Gebot bedeutet? Was sollten wir dazu sagen, wenn nun jemand aufstünde, um
               uns zu versichern, daß er, vielleicht als Kenner und Besitzer geheimnisvoller
               pneumatischer Wirklichkeiten und Gaben, da und da das ihm gegebene konkrete Gebot
               erfüllt zu haben oder wohl gar dauernd zu erfüllen und insofern gerechtfertigt
               dazustehen meine? Weiter: Ist es denn wahr, daß wir, die wir gegenüber Welt, Tod und
               Schicksal sehr wohl recht behalten können, vor Gott allzeit unrecht haben? Was sollen
               wir antworten, wenn uns jemand erwidert, daß er von jener Ungebundenheit, von jenem
               Aufruhr des Menschen gegen Gott letztlich, in seines Wesens bestem Teil wenigstens,
               nichts wisse, wohl aber von einem tiefsten Grunde seiner Natur, in welchem er mit
               Gott allzeit in tief<pb xml:id="p163" break="no" ed="pga"/>stem Frieden sich befinde, in welchem er Gott die Ehre gebe, die ihm gebühre, und
               also auch vor Gott sich gerechtfertigt wisse? Weiter: Ist es denn wahr, und ist es
               nicht eine menschenunfreundliche Übertreibung, wenn wir sagten, daß es zu der gerade
               durch den tiefsten Sinn des Gebotes geforderten Liebe zu Gott und zum Nächsten
               unserseits nie und nimmer komme, daß wir uns, unter das Gebot gestellt, auf der
               ganzen Linie als Nicht-Liebende und also durch das Gebot verurteilt erkennen müßten?
               Was sollen wir antworten, wenn uns jemand mit jenem gewissen freundlich-siegreichen
               Lächeln des Weltkindes oder vielleicht gerade des Christen mitteilt: So schlimm sei
               er eben nicht dran, er, er liebe Gott und den Nächsten und müße es bedauern, wenn wir
               das nicht von uns sagen könnten? Und über diesen allgemeinen Widerspruch hinaus: Was
               ist zu sagen, wenn jemand das geltendgemachte Entweder-Oder, die Alternative Gehorsam
               oder Ungehorsam ablehnt und uns belehren will, daß es in der milden Mitte zwischen
               beiden eben doch so etwas wie einen unvollkommenen Gehorsam gebe, daß also die
               relativen Unterschiede der Abweichung, die wir ja auch nicht geleugnet haben, von der
               anderen Seite gesehen, zugleich relative Stufen von Vollkommenheit bedeuteten, deren
               höhere Hälfte von dem Satz: «Durch das Gesetz Erkenntnis der Sünde» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.20">Röm. 3,20</ref>] dann doch wohl nicht mehr
               erreicht würde?</p>
          <p>Es liegt nun nahe, solche Widersprecher, die wir wirklich nicht etwa nur von der
               katholischen Seite her zu gewärtigen haben, ein wenig zornig mit dem anselmischen:
               «Tu non consideravisti, quanti ponderis sit peccatum!» anzufahren.<note xml:id="n08">
                            <bibl>Anselm von Canterbury, <hi rend="italic">Cur Deus homo</hi>, cap. XXI,
                        Lateinisch-deutsche Ausgabe, München
                           1956, S. 75.</bibl>
                        </note> Scheint es nicht offenkundig, daß hier der Schlaf des allzu Gerechten
               geschlafen wird? Wäre es solchen Widersprechern nicht von Nöten, endlich zu erwachen
               und einzusehen und zuzugeben, wie sie in Wirklichkeit auch dran sind, daß sie sich
               spätestens in ihrer Sterbestunde ihrer vermeintlichen Gesetzeserfüllung nicht mehr
               werden trösten können? Nun, vielleicht gelingt es, solche Schläfer durch einen
               kräftigen Zuruf wirklich zu wecken, aber doch sicher nur dann, wenn
               <pb xml:id="p164" ed="pga"/>
                unser Zuruf nicht etwa selber bloß der Exponent eines umgekehrten Pharisäismus, des
               Pharisäismus der Zöllner, des Pharisäismus der Schächerhaftigkeit ist, sondern ein
               Zeugnis von der Majestät des göttlichen Gebotes, zu dem Gott selbst sein Amen gibt.
               Weiß man das, dann wird man aber mit dem Vorwurf des mangelnden Sündenernstes Anderen
               gegenüber ebenso zurückhaltend sein wie mit allen Vorwürfen. Aber noch mehr: man wird
               sich dann klar machen: der Satz, daß wir allzumal und allewege Sünder sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.23">Röm. 3,23</ref>], kann weder mit
               emotionalen noch mit rationalen Mitteln siegreich behauptet und zur Evidenz gebracht
               werden. Er kann genauso wie der Satz, daß das Gebot Gottes Liebe zu uns bekundet,
               niemandem aufgedrängt werden, sondern er kann nur ein Appell sein an die Wirklichkeit
               des göttlichen Wortes selbst und an das testimonium Spiritus sancti internum, an die
               Wirklichkeit, die sich, wo sie erkannt wird, <hi rend="italic">selber</hi> bezeugt. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName></hi> hat diesen Satz einmal in der fast unerträglich scharfen
               Formel ausgedrückt: «nullum unquam exstitisse pii hominis opus, quod, si severo Dei
               judicio examinaretur, non esset damnabile» (<bibl><hi rend="italic">Instit.</hi> III, 14, 11</bibl>). Aber gerade in dieser Formel wird man zu beachten haben nicht nur das
               vorsichtige «si examinaretur», sondern auch, daß es bei diesem judicium um das
               judicium Dei geht. Der Satz spricht also wohl Wahrheit, aber nicht allgemeine,
               sondern höchst besondere Wahrheit aus, Wahrheit, die nur einsichtig wird, wenn eben
               jener Fall gegeben ist. Jener Fall kann aber offenbar weder durch Zureden noch durch
               Überreden geschaffen werden, wie sich auch niemand selbst in diesen Fall setzen kann,
               daß sein opus nun wirklich an dem severum judicium Dei gemessen wird. Dieser Fall
               tritt eben ein, wenn dieses judicium ergeht. Dann erkennt freilich der Mensch, auch
               und gerade der fromme Mensch, sein opus als damnabile, dann kann er, nachdem er sein
               eigen Angesicht im <seg type="non-entity">Spiegel</seg> beschaut (<ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.23 Jak.1.27">Jak. 1,23 f.</ref>), nicht mehr davon gehen und vergessen, was
               er gesehen hat, dann weiß er, daß er erledigt ist. Er hat sich dann aber dieses
               Wissen so wenig genommen und erworben, wie das Wissen um die Liebe Gottes und um
               seine Erwählung. Es beruht so wenig wie dieses auf seiner tiefen Erfahrung und auf
               sei<pb xml:id="p165" break="no" ed="pga"/>nem großen <seg type="non-entity">Ernst</seg>, und es kann so wenig wie dieses Gegenstand eines Besitzes und
               Sache einer Gewohnheit werden. Er weiß, weil und sofern er unter der väterlichen <hi rend="italic">Zucht</hi> Gottes steht. Zucht aber ist Offenbarung. Und Offenbarung ist
               Gottestat. Was wir aber nur durch Offenbarung wissen können, das ist nicht geeignet,
               von uns dazu verwendet zu werden, Anderen, und wären es die törichtesten,
               uneinsichtigsten Widersprecher, den <seg type="non-entity">Mund</seg> zu stopfen. Es entzieht sich unweigerlich
               diesem Gebrauch. Wer den Satz wirklich versteht, daß Alle abgewichen sind, Alle
               untüchtig [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.12">Röm. 3,12</ref>], daß
               das <seg type="non-entity">Volk</seg> Gottes allzeit das <seg type="non-entity">Volk</seg> der Verlorenen ist, der wird sich vor jenem
               umgekehrten Pharisäismus fast noch sorgfältiger in acht nehmen als vor dem
               gewöhnlichen; der weiß, daß er diese Einsicht nicht aus sich selber hat und daß er
               also auch nicht selber mit ihr triumphieren kann. Wie könnte man gerade diesen Satz
               anders aussprechen als in dem Bewußtsein von der großen Gefährdetheit, in der jeder
               wirklich theologische Satz gesagt ist? Es könnte ja auch immer so sein, daß jene
               Einsicht, menschlichen Augen und Ohren verborgen, viel realer da vorhanden wäre, wo
               jener fatale Widerspruch erhoben wird, als da, wo der Satz von des Menschen Elend
               vielleicht allzu selbstverständlich bejaht wird, als daß dies wirklich aus der Zucht
               des heiligen Geistes geschähe. Gerade wie das Wissen um die Liebe Gottes viel realer
               da vorhanden sein kann, wo der Satz, der von ihr redet, vielleicht angezweifelt, ja
               bestritten ist, als anderswo, wo man ihn ausspricht, als ob man seinen Inhalt in der
               Tasche hätte und damit das Bedenken erweckt, ob man ihn nicht <hi rend="italic">mehr</hi>
               sich selber gesagt habe, als daß man ihn sich hätte sagen lassen. So gewiß das Gebot
               selbst Gnade ist, so gewiß ist es Gnade, wenn Gott durch das Gebot unser ganzes
               Entscheiden und Tun aufdeckt als Übertretung des Gebotes. Und so gewiß eben die
               Erkenntnis der Sünde durch das Gebot das Gotteswerk der Heiligung ist, so gewiß ist
               sie unserem Zugriff entzogen, ist sie ein Akt unseres mit Christus in Gott <hi rend="italic">verborgenen</hi> Lebens [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.3">Kol. 3,3</ref>]. Wir würden uns der Wahrheit entziehen, wenn wir
               uns dem Vorbehalt, unter dem wir auch in dieser Hinsicht allein reden können,
               entziehen wollten.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>
                        <pb xml:id="p166" ed="pga"/>4.</head>
          <p>Indem meine Entscheidung in Gottes Gericht kommt, ist sie – als meine Entscheidung –
               verurteilt. Sie ist als meine Entscheidung, gemessen an Gottes Gebot, Abfall, Verrat
               und Empörung. Ich tue vor Gott nicht das Gute, sondern – ein Drittes gibt es nicht –
               das Böse. Aber damit, daß <hi rend="italic">meine</hi> Entscheidung in <hi rend="italic">Gottes</hi> Gericht kommt, indem, was <hi rend="italic">ich</hi> tue, vor <hi rend="italic">Gott</hi> getan ist, ist gerade dieses «mein» und «ich» in der grundsätzlichsten
               Weise in Frage gestellt. Sicher ist sie <hi rend="italic">meine</hi> Entscheidung, sicher
               bin <hi rend="italic">ich</hi> es, der hier tut, aber daß diese meine Entscheidung, dieses
               mein Tun ein letztes Wort sei, eine endgültige Situation schaffe, daß <hi rend="italic">ich</hi> eine <hi rend="italic">ewige</hi> Wahl zu treffen in der Lage sei, das ist
               dadurch, daß ich in <hi rend="italic">Gottes</hi> Gericht komme, daß mein Tun vor <hi rend="italic">ihm</hi> getan ist, in Abrede gestellt. Sicher offenbart mir das Gebot
               Gottes, was ich von meiner Entscheidung zu halten, wie ich mich selbst zu verstehen
               habe, und als <hi rend="italic">Selbst</hi>erkenntnis ist das, was es mir offenbart: daß
               ich ein Übertreter bin, <hi rend="italic">die</hi> Wahrheit, hinter der oder über der es
               keine höhere oder tiefere Wahrheit gibt, keine Selbsterkenntnis, in der ich mich
               selbst nun doch auch noch als etwas <seg type="non-entity">Besseres</seg> denn als einen Übertreter vorfände. Aber
               daß meine <hi rend="italic">Selbst</hi>erkenntnis, mein Befinden über mich selbst die
               Wahrheit meiner Existenz nun etwa erschöpfe, das ist durch dasselbe Gebot, weil es
               Gottes Gebot ist, verneint. Daß ich bei meiner Selbsterkenntnis, und geschähe sie in
               jener letzten durch das Gebot geschaffenen Klarheit, stehen bleibe, daß ich mir nicht
               mehr über mich selbst sagen lasse, als ich mir, belehrt durch Gottes Gebot, selber
               sagen kann und muß, das ist mir durch dasselbe Gebot, weil es Gottes Gebot ist,
               geradezu verboten. Laut der Offenbarung des Gebotes stehe ich in <hi rend="italic">Gottes</hi> Gericht, ist was ich tue, vor <hi rend="italic">ihm</hi> getan. Damit ist
               mir aber gesagt, daß er durch seine Entscheidung, durch sein Tun das letzte Wort
               spricht, die endgültige Situation schafft, daß ich grundsätzlich über meine
               Selbsterkenntnis hinaus von <hi rend="italic">ihm</hi> erkannt bin, grundsätzlich <hi rend="italic">anders</hi>, als ich mich selbst erkenne. Insofern grundsätzlich anders,
               als Gott mich ja, auch in meinem Abfall, in meinem Verrat, in meiner Empörung
               <pb xml:id="p167" ed="pga"/>
                anschaut, der, er weiß wohl warum, sich selbst von Ewigkeit her mir verbunden hat,
               anschaut in der Eigenschaft, in der ich sein Erwählter, Geliebter, Begnadigter bin.
               Seine Entscheidung, sein Tun ist das freie Wohlgefallen, das er an mir gefunden,
               indem er mich in Christus als dem zweiten gehorsamen <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> anschaut, indem er Christi
               Gerechtigkeit mir zurechnet als meine eigene Gerechtigkeit. In dieser seiner
               Entscheidung, kraft dieses freien göttlichen Wohlgefallens habe ich die Eigenschaft,
               in der ich in meiner ganzen Unwürdigkeit würdig bin, sein Erwählter, Geliebter,
               Begnadigter zu sein. <hi rend="italic">Bevor</hi> ich das Verkehrte erwählte, supra
               lapsum, war ich in Christus erwählt. <hi rend="italic">Bevor</hi> ich nicht liebte, war
               ich in Christus geliebt. <hi rend="italic">Bevor</hi> mein Ungenügen an den Tag kam, war
               durch Christus vollkommen für mich genug getan. Gottes Treue wird durch meine Untreue
               nicht aufgehoben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.3">Röm. 3,
                  3</ref>]. Offenbart das Gebot Gottes meine Untreue, so offenbart dasselbe Gebot,
               wenn ich es höre als Gottes Gebot, Gottes Treue. Eben das ist es, was ich mir, über
               alle Selbsterkenntnis, auch über alle durch das Gebot erleuchtete Selbsterkenntnis
               hinaus sagen lassen soll durch das Gebot, durch die lex, sofern sie gratuitae
               adoptionis foedere vestita ist, oder durch das vom wirklich gegebenen Gesetz nicht zu
               trennende Evangelium: eben dies, daß Gott mir treu war, ist und sein wird, daß Gott
               den Kosmos mit sich selber versöhnt hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.19">2.Kor. 5,19</ref>]. Es muß aber dabei bleiben: Gott erkennt
               mich so – und ich habe mir sagen zu lassen, daß Gott mich so erkennt, wie ich selbst
               mich nie und nimmer und in keiner Fortsetzung, Verlängerung oder Vertiefung meiner
               Selbsterkenntnis erkenne. In meiner Selbsterkenntnis als solcher soll ich vielmehr
               stehenbleiben in der Wahrheit, die im Umkreis der <hi rend="italic">Selbst</hi>erkenntnis
                  <hi rend="italic">die</hi> Wahrheit, die Wahrheit Gottes ist. In diesem Umkreis werde
               ich mich vergeblich nach einer Eigenschaft umsehen, in der ich würdig wäre, Gottes
               Erwählter, Geliebter und Begnadigter zu sein. <hi rend="italic">Meines</hi> Wissens wird
               meine Entscheidung, meine Existenz nie und nimmer Gott wohlgefällig sein. Darf und
               soll ich wissen, daß Gott mich erwählt hat, so kann ich den Grund dieses seines Tuns
               angesichts dessen, was ich durch sein Gebot über mich
               <pb xml:id="p168" ed="pga"/>
                selbst weiß, immer nur als ein Wunder, als reine Barmherzigkeit verstehen.</p>
          <p>Es ist also nicht so, daß ich mich je so <hi rend="italic">erkennte</hi>, <hi rend="italic">wie</hi> ich durch Gott erkannt bin – dieses Erkennen wird <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.12">1.Kor. 13,12</ref> ausdrücklich als eine
               eschatologische Wirklichkeit gekennzeichnet –, sondern es ist so, daß ich zu <hi rend="italic">hören</hi> und mir <hi rend="italic">sagen</hi> zu lassen habe: so erkennt
               mich Gott, ohne daß ich in die Lage käme, einen entsprechenden Befund meiner
               Selbsterkenntnis zum Zeugen dafür anzurufen. Diese Erkenntnis meiner selbst nun, die
               exklusiv <hi rend="italic">Gottes</hi> Erkenntnis meiner selbst ist, die sich also in
               keiner Weise in Selbsterkenntnis übersetzen und auflösen läßt, durch die die Wahrheit
               meiner durch sein Gebot erleuchteten Selbsterkenntnis nicht umgestoßen wird, in der
               diese meine Selbsterkenntnis vielmehr eingeschlossen und bekräftigt ist – sie ist
               meine <hi rend="italic">Rechtfertigung</hi> im Gericht seines Gebotes. Sie ist <hi rend="italic">Gottes</hi> Erkenntnis meiner selbst, in der meine durch sein Gebot
               erleuchtete Selbsterkenntnis unberührt, ungebrochen, unverändert in sich selbst,
               heilig, gerecht und gut in ihrer verurteilenden, ja verdammenden Kraft durchaus
               bestätigt wird, aus der mir also keine Möglichkeit einer Selbstrechtfertigung
               erwächst, in der vielmehr jede solche Möglichkeit erst endgültig zerschlagen wird.
               Denn angesichts dessen, daß <hi rend="italic">Gott</hi> uns rechtfertigt, stehen wir da
               als die Ungerechtfertigten durch sich selbst, als die, die sich selbst nicht
               rechtfertigen können. Göttliche Rechtfertigung heißt als solche <hi rend="italic">justitia
                  aliena</hi> oder forensis und nicht, unter keinen Umständen justitia propria oder
               domestica. Das ist meine Rechtfertigung im Gericht: daß <hi rend="italic">Gott</hi> mich
               besser kennt, als ich mich selbst kenne. Wohlverstanden: nicht, als ob ich selbst
               mich auch noch besser kenne als so, wie ich mich, in das Licht seines Gebotes
               gestellt, vorfinde, nicht, als ob ich über diesen Befund hinaus doch auch noch
               Tröstlicheres, Befriedigenderes, Ermutigenderes über mich zu sagen wüßte, als daß ich
               ein Übertreter bin. Nicht, als ob ich irgendwie und irgendeinmal in die Lage käme,
               das Urteil über meine Entscheidung und damit über meine Existenz, das mir durch
               Gottes Gebot auferlegt ist, umzubiegen in ein mich freisprechendes Urteil. Es geht
               darum und
               <pb xml:id="p169" ed="pga"/>
                wird immer nur darum gehen, daß <hi rend="italic">Gott</hi> mich besser kennt, als ich
               mich selber kenne. Indem ich mir das sagen lasse, bin ich gerechtfertigt. Meine
               Rechtfertigung kann und darf, wenn sie meine wirkliche Rechtfertigung ist, nichts zu
               tun haben mit Selbstrechtfertigung, auch nicht auf ihrer sublimsten Spitze.
               Selbstrechtfertigung würde auch in der feinsten Form bedeuten, daß ich mich dem mir
               durch das Gebot auferlegten Urteil über meine Entscheidung, damit aber dem Gebot
               selbst und damit der Stimme Gottes entziehen würde. Gerechtfertigt bin ich hörend auf
               Gottes Stimme, nicht behauptend mit meiner eigenen Stimme. Alles, was ich behaupte
               mit meiner Stimme, ist entweder die Beteuerung einer illusionären, vermeintlich
               besseren, günstigeren Selbsterkenntnis oder aber – «nun wir denn sind gerecht
               geworden» <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1">Röm. 5,1</ref> – Zeugnis
               von der exklusiv durch Gottes Stimme gehörten, exklusiv Gott eigenen Erkenntnis
               meiner selbst. Nicht <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">δίκαιοι</foreign> lautet ja
               jene paulinische Assertion, sondern <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">δικαιωθέντες,</foreign> und die Fortsetzung heißt: «aus Glauben», womit die
               Wirklichkeit wie die Erkenntnis der Rechtfertigung in gleicher Exklusivität <hi rend="italic">Gott</hi> zugeschrieben wird, dem Menschen aber eben nur in Form der im
               Glauben stattfindenden Anerkenntnis eben dieser ausschließlichen Gotteswirklichkeit
               und Gotteserkenntnis.</p>
          <p>Keine logische Schwierigkeit darf uns irremachen daran, daß diese Anerkenntnis der
               Erkenntnis Gottes keine Selbsterkenntnis involviert, keinen Rückschluß auf mich
               selbst als das im Glauben erkennende Subjekt und also keine Veränderung des
               Ergebnisses meiner Selbsterkenntnis bedeuten kann. Das ist eben der <hi rend="italic">Glaube</hi>: diejenige Apperzeption, bei der die menschliche Rezeptivität
               schlechterdings im Hören und Gehorchen gegenüber der göttlichen Spontaneität besteht,
               in einem solchen Hören und Gehorchen, das für sich selbst wohl menschliche, aber
               keine der göttlichen korrelate Spontaneität in Anspruch nimmt. Das ist das
               Evangelium, ohne welches auch das Gesetz gar nicht wirklich als das Gesetz Gottes zu
               uns käme, das ist der Gegenstand und Inhalt des Glaubens, ohne den es auch keinen
               Gehorsam gibt: daß meine Sünde, d.h. meine durch das Gesetz als verkehrt erwie<pb xml:id="p170" break="no" ed="pga"/>sene Entscheidung, <hi rend="italic">vergebene</hi> Sünde ist. Was heißt vergebene Sünde?
               Eben nicht: übersehene, vergessene, durch das Gebot nicht mehr angeklagte Sünde, also
               gerade nicht: Sünde, die in meiner Selbsterkenntnis nun etwa gar nicht mehr Sünde
               wäre, um deren willen ich nun nicht mehr im <seg type="non-entity">Staub</seg> und in der Asche vor Gott Buße zu
               tun hätte. Wohl aber Sünde, verkehrte Entscheidung, in der mich Gott, so wie ich nun
               bin und in meiner Selbsterkenntnis dran bin, nicht fallenläßt, sondern vielmehr
               annimmt, für deren Verkehrtheit seine Entscheidung, gutmachend, was ich böse machte,
               eintritt. Also böses Werk, Werk das ich selber, erleuchtet durch sein Gebot, immer
               als böse werde erkennen müssen, das ich mich hüten soll, in ein gutes Werk umzudeuten
               – das aber vor ihm kraft seines überlegenen, nicht willkürlichen, sondern gerechten,
               aber auch freien Wohlgefallens gut ist, das in seinen Augen, weil er mich nämlich
               nicht in <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, sondern in Christus anschaut, geschehen ist in jener «Symmetrie und
               Übereinstimmung» mit seinem Willen, die ich selbst vor seinem Angesicht nur in Abrede
               stellen – um die ich schlechterdings nur – Vergib uns unsere Schulden [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.12">Mt. 6,12</ref>]! – <hi rend="italic">beten</hi> kann. Das heißt um Christi willen vergebene Sünde: Sünde, die unter
               dem Gericht, und zwar unter dem Zorngericht Gottes steht, die nun aber als solche,
               als die verkehrte Entscheidung, als die sie mir vor Augen gestellt ist und bleibt,
               nicht um meinet-, sondern um Gottes willen angenommen ist als Gehorsam und
               Gerechtigkeit. Das heißt Rechtfertigung.</p>
          <p>Ich selbst kann und darf mich selbst und mein Tun nimmermehr sehen in dieser
               göttlichen Neuprädikation. Ich kann und darf die Rechtfertigung meines bösen Tuns nur
               in Christus sehen, als justitia aliena, nicht als justitia propria. D.h. aber ich
               kann und darf sie als <hi rend="italic">meine</hi> Rechtfertigung nur <hi rend="italic">glauben</hi>. Glauben heißt sich selbst so sehen, wie man sich nur sieht, indem
               man gerade von sich selbst wegsieht auf Christus, auf Gottes geoffenbartes Wort in
               seiner Ganzheit, in der es Gesetz <hi rend="italic">und</hi> Evangelium ist.
               Wohlverstanden: ohne dann etwa doch wieder zurückzublicken wie <persName ref="kbga-actors-3700">Lots Weib</persName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.19.26">Gen. 19,26</ref>], zurück auf sich
               selbst. Da ist nur eine brennende und verbrennende Stadt zu sehen, und darüber kann
               <pb xml:id="p171" ed="pga"/>
                man nur zur Salzsäule werden. Ich habe also meine Rechtfertigung nicht so, wie ich
               mich selbst habe, sondern so, wie ich Gott, konkret: wie ich Christus habe durch sein
               Wort und seinen Geist, d. h. aber wie Gott mich hat, wie er sich mir schenkt, wie er
               sich mir offenbart, wie er in freier majestätischer Enthüllung und Herablassung mein
               Gott ist. Ich habe meine Rechtfertigung als <hi rend="italic">Gnade</hi>, unsichtbar,
               verborgen, immer in Gottes Wohlgefallen begründet, immer durch seinen Entscheid zu
               mir kommend und für mich in Kraft tretend. Hätte ich sie sichtbar, wie ich mich
               selbst habe, könnte ich auf mein Werk die Hand legen: da, da gutes Werk, Werk, das
               ich getan und dessen Güte als solche meine Güte ist, dann wäre offenbar auch die Ehre
               meiner Rechtfertigung mindestens Gottes <hi rend="italic">und</hi> meine eigene Ehre. Die
               Ehre <hi rend="italic">der</hi> Rechtfertigung, die ich nur durch den Glauben, als
               unsichtbare Gnade, trotz meines bösen Werkes habe, die Ehre der justificatio
               forensis, ist offenbar allein Gottes Ehre. Das Gebot kommt aber zu mir als die
               Offenbarung dessen, der allein die Ehre haben will. Darum ist der Glaube an die
               Vergebung der Sünde, an die Rechtfertigung, mein Ja zu der Güte Gottes unter völligem
               Absehen von aller vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen eigenen Güte. Also auch
               unter völligem Absehen von der eigenen Güte meines Glaubensaktes. Ich werde also in
               der menschlichen Spontaneität dieses Aktes nicht etwa das Korrelat zu dem, was Gott
               an mir tut, nicht etwa ein meritum sehen. Glaube ist ja die Unterwerfung unter das
               mir auferlegte Urteil über mein Tun, das meiner Selbsterkenntnis letztes Wort ist,
               und das auch das Tun meines Glaubens umfaßt. Es ist nicht so, als ob nun etwa mein
               Glaube das mir fehlende gute Werk, die endlich zustande gekommene reine Tat meines
               Gehorsams wäre. Ich weiß auch von meinem Glauben nichts Anderes und <seg type="non-entity">Besseres</seg>, als ich
               von meinem sonstigen Tun weiß. Unser Glaube ist als Akt unserer eigenen Spontaneität
               notorisch immer verflochten in die Verkehrtheit unserer Entscheidung. Ich kann auch
               daran, daß mein Glaube angenommen ist als der rechte Glaube nur – glauben, wie man
               eben an das Wunder der göttlichen Barmherzigkeit glaubt. Oder
               <pb xml:id="p172" ed="pga"/>
                wie sollte uns das je etwas Anderes sein als ein Wunder, daß es wahr ist, daß wir
               durch den schwachen, kindischen, unaufrichtigen, teilweisen Glauben, den wir in uns
               vorfinden, Vergebung der Sünden und Rechtfertigung haben? Ich bin durch meinen
               Glauben insofern gerechtfertigt, als in der Finsternis meines <seg type="non-entity">Herzens</seg>, als die ich
               doch wohl auch meinen Glauben zu begreifen habe, Christus wohnt und thront, sofern in
               ihm das Werk Gottes, die Tat des heiligen Geistes geschieht. Insofern bin ich dann
               aber auch wirklich gerechtfertigt, und gerechtfertigt muß dann heißen: wider all mein
               Wissen um mich selbst, und indem ich mich selbst nur als Verklagten und Verurteilten
               erkennen kann, ein Täter des Wortes. Denn darin betätige ich das an mich ergehende
               Wort Gottes in der Entscheidung meines Tuns, daß ich Gott recht gebe gegen mich
               selbst und mein Tun, mich daran halte, daß dieser mir in seinem Gebot durchaus
               entgegentretende Gott mich in meiner ganzen Ungerechtigkeit so wenig fahrenläßt wie
               ein Vater sein <seg type="non-entity">Kind</seg>, mich vielmehr in meiner ganzen Ungerechtigkeit zu sich rechnet,
               und daß ich in Beidem: in jenem Gott-recht-Geben und in diesem Mich-halten-an-ihn
               noch einmal nicht meine, sondern seine Güte bejahe. So ist mein Tun, ist meine
               Entscheidung das Tun seines <seg type="non-entity">Willens</seg>.</p>
          <p>Es ist vielleicht nicht überflüssig, zur Bekräftigung dieser Rekapitulation der
               Rechtfertigungslehre einige weit auseinanderliegende und in keinem geschichtlichen
               Zusammenhang zueinander stehende Stimmen der christlichen Kirche zu Worte kommen zu
               lassen. Zuerst zwei russisch-orthodoxe Theologen. <persName ref="kbga-actors-2336">Konstantin <hi rend="italic">Aksakow</hi></persName> († 1860): «Jeder Christ ist sündhaft als Mensch, aber sein Weg als
               der eines Christen ist der richtige», und Alexei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2365">Chomjakow</persName></hi> (†
               1860): Indem die Kirche «ihrer innigen Einigung mit dem heiligen Geist sich bewußt
               ist, dankt sie für alles Gute Gott, der das einzige Gute ist, schreibt sich selbst
               und dem Menschen nichts Anderes zu als das Böse, welches in ihm dem göttlichen Werk
               widerstrebt, denn der Mensch soll schwach sein, auf daß Gott stark sei in seiner
               Seele» (Östl. Chrt. I 93 und
                     <pb xml:id="p173" ed="pga"/>
                      168).<note xml:id="n09">
                            <bibl><hi rend="italic">Östliches Christentum</hi>. Dokumente I Politik. In
                        Verbindung mit <persName ref="kbga-actors-2358">N. v. Bubnoff</persName> hrsg. von H. Ehrenberg,
                           München o. J., S. 93 und 168</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2336">Konstantin Aksakow</persName> (<date from="1817" to="1860">1817–1860</date>) und <persName ref="kbga-actors-2365">Alexei Chomjakow
                     </persName>(<date from="1804" to="1860">1804–1860</date>) gehören mit <persName ref="kbga-actors-2434">Iwan Kirejewski</persName> (<date from="1806" to="1856">1806–1856</date>)
                  zu den Häuptern der Slawophilen. «<persName ref="kbga-actors-2434">Kirejewski</persName> ist der Philosoph, <persName ref="kbga-actors-2336">Aksakow</persName> der
                  Politiker, <persName ref="kbga-actors-2365">Chomjakow</persName> der Theologe.» S. 373.</note> Und dazu nun <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi>: «Aus Barmherzigkeit und Gnade Gottes, nicht aus ihrer Natur, sind
               die Werke ohne Schuld, vergeben und gut um des Glaubens willen, der sich auf dieselbe
               Barmherzigkeit verläßt. Also müssen wir der Werke halber uns fürchten, aber der Gnade
               Gottes halber trösten» (<bibl corresp="kbga-bibls-496"><hi rend="italic">E. A.</hi> 20, 211</bibl>).<note xml:id="n10">= <bibl>WA 6, 216 (Von den guten Werken,
                        1520).</bibl>
                  </note>
               </p>
          <p>Es ist wohl kein Zufall, daß ich gerade an dieser Stelle unseres Wegs das Bedürfnis
               hatte, zu zitieren, d.h. zu bekennen, daß ich mich nicht allein, sondern nur im
               Konsensus mit der christlichen Kirche dahin stellen möchte, wohin wir uns eben
               gestellt haben. Wenn irgendwo, so ist es ja hier angebracht, wiederum den großen
               Vorbehalt anzubringen, unter dem man die Lehre von der Heiligung allein vortragen und
               hören kann, d.h. die Erinnerung daran, daß wir mit dieser Lehre appellieren an
               diejenige schlechthin einzigartige Instanz, die wir in der Überschrift dieses unseres
               ersten Kapitels bezeichnet haben als «die Wirklichkeit des göttlichen Gebotes». Sie
               muß selber sprechen, wenn von uns hier recht gesprochen sein soll. Spräche sie nicht
               selbst, so könnte unser eifrigstes Bemühen, hier recht zu sprechen, es nicht weiter
               bringen als bis zu einem Gebilde schwächer als das schwächste Kartenhaus. Noch kühner
               als da, [wo] wir von der ursprünglichen erwählenden Liebe Gottes und dann von der
               göttlichen Aufdeckung der menschlichen Übertretung sprachen, mußten wir ja hier die
               unsere gerechte Verurteilung nicht aufhebende, aber einklammernde Barmherzigkeit
               Gottes, die stellvertretende Genugtuung Christi, seine uns zugerechnete Gerechtigkeit
               voraussetzen, mußten rechnen mit dem Glauben, der zugleich jene Verurteilung ganz
               ernst nimmt und ja sagt zu der ihm zugesprochenen fremden Gerechtigkeit Christi,
               rechnen mit unserem eigenen Glauben, in dem wir doch niemals an uns selbst, immer nur
               gegen
               <pb xml:id="p174" ed="pga"/>
                uns selbst glauben können. Rechnen mit dem Wort und mit dem Geist Gottes, das heißt
               aber – und das gilt eben hier in besonders prägnanter Weise – rechnen mit der Gnade,
               heißt also, denn was sollte unsererseits der Gnade gegenüber in Betracht kommen, <hi rend="italic">beten</hi>. Das Wort ist Gottes Wort, der ewige fleischgewordene, aber
               darum nicht in unsere Macht gegebene Logos. Und der Geist ist Gottes Geist, welcher
               weht, wo er will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.8">Joh. 3,8</ref>], und nicht, wo wir wollen. Und der Glaube, der, wenn es um das Hören des
               Evangeliums im Gebot geht, gleichsam den Schlüssel zum Ganzen zu bieten scheint, der
               Glaube ist nicht jedermanns Ding [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Thess.3.2">2.Thess. 3,2</ref>]: nicht nur darum, weil er auch als jenes
               unser eigenes schwaches, gebrechliches Tun, das größte und schwerste Werk unter allen
               ist, weil er, von außen gesehen, immer wieder als der geradezu absurde Griff nach dem
               Unmöglichen sich darstellt – sondern auch und noch viel mehr darum, weil er als
               wirklich rechtfertigender Glaube nicht mehr und nicht weniger ist als das Alles
               entscheidende Ereignis der Liebe Gottes, die er niemand schuldig ist, weil durch ihn
               Christus in uns ist im paulinischen Sinne dieses Begriffs.</p>
          <p>Wir können bedenken und wir bedenken, daß uns die Gnade zugesagt ist, daß wir keiner
               Künste und keiner Umwege bedürfen, um ihrer teilhaftig zu sein und also Alles als
               Wahrheit zu sagen und zu hören, was wir eben gesagt und gehört haben. Aber eben um
                  <hi rend="italic">Gnade</hi> geht es, und wenn es ganz unsinnig wäre, uns nach
               komplizierten Mitteln umzusehen, um ihrer habhaft zu werden, so ist damit nicht etwa
               gesagt, daß wir nur gewisse einfache Mittel anzuwenden brauchten, sondern, daß hier
               überhaupt keine Mittel in unserer Hand in Betracht kommen, daß sie reines Geschenk
               ist, das als solches in der vollen Freiheit des Gebers zu uns kommt.</p>
          <p>Wir können ferner bedenken und wir bedenken, daß wir nicht allein sind, wenn wir es
               wagen, mit dem Wort und mit dem Geist Gottes als den Wahrheitszeugen für das Gesagte
               und Gehörte zu rechnen, daß wir uns, indem wir das wagen, in die Reihe der
               christlichen <hi rend="italic">Kirche</hi> stellen, die nichts Anderes ist als die
               Gemeinde
               <pb xml:id="p175" ed="pga"/>
                der gerechtfertigten, in Christus gerechtfertigten Sünder, in der wir solches nicht
               in unserem eigenen Namen, sondern auf Geheiß und unter der Verheißung wagen. Aber
               eben die christliche Kirche ist nun doch der Ort, wo es auf alle Fälle gewagt werden
               muß – Wagnis bleibt Wagnis, auch wenn es im Gehorsam unternommen wird –, dem Aufruf:
               Glaube an den Herrn Jesus Christus! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.16.31">Act. 16,31</ref>] Folge zu leisten. Die christliche Kirche
               kann uns nicht garantieren, was hier offenbar garantiert sein müßte: die heiligende
               Wirklichkeit des göttlichen Gebotes selber. Auch in der christlichen Kirche kann
               keiner für den anderen glauben, keiner den anderen sicher vorübergeleiten an dem
               finsteren Abgrund des Ärgernisses, des Unglaubens und Ungehorsams, der Verzweiflung,
               die das Evangelium nicht hört, sondern nur ein Gesetz, das dann, ohne das Evangelium
               gehört, sicher nicht einmal das wirkliche, das göttliche Gesetz ist, der
               Verzweiflung, die dann immer auch das Kennzeichen unserer Verwerfung sein könnte,
               weil Gott es Keinem, weil Gott es uns nie schuldig ist, uns zu erwählen, statt uns zu
               verwerfen. Auch in der Kirche kann uns nur der Herr der Kirche selig und sehend
               machen. Gerade in der Kirche weiß man, daß man im letzten Grund, auf den Alles
               ankommt, nur an den Herrn und nicht etwa an die Kirche appellieren kann.</p>
          <p>Und wir können bedenken und wir bedenken wohl, daß wir, indem wir mit dem Wort und
               mit dem Geist Gottes rechnen, nichts Anderes tun, als daß wir ernst machen mit
               unserer <hi rend="italic">Taufe</hi> als mit dem Verheißungszeichen, das einem jeden von
               uns persönlich und wahrlich auch als Verheißungszeichen für sein Denken, also auch
               mit erkenntnistheoretischer Bedeutsamkeit gegeben ist. Das ist die Gabe der Taufe in
               dieser Hinsicht: daß ich mich als einer wissen darf und soll, zu dessen Existenz es
               gehört, welches auch seine Erfahrungen, welches auch die Ergebnisse seiner
               Selbsterkenntnis seien, mit der Gnade, d.h. mit der Erkenntnis Gottes seiner selbst
               getrost anzufangen, getrost von da aus zu denken. Aber diese Getrostheit kann
               wiederum nicht bedeuten Macht über den Herrn der Taufe, als ob wir in unserer
               <pb xml:id="p176" ed="pga"/>
                Taufe in irgendein «Es» versetzt und nicht vielmehr in die Hand eines «Er» gegeben
               wären. Erfüllung ist auch die Taufe nicht, so gewiß wir in ihr der Gnade Gottes
               anbefohlen sind. Gnade heißt aber, daß wir das Wort der Erfüllung durch ihn selber
               hören sollen.</p>
          <p>Und wenn wir es nun hören durch ihn selber, so ist noch einmal, so ist wahrlich immer
               wieder zu bedenken, daß wer da steht, wohl zusehen soll, daß er nicht falle [vgl.
                  <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.10.12">1.Kor. 10,12</ref>], mit
               andern Worten daß jedes Hören Aufruf ist, wieder zu hören, nicht aber sich damit
               zufriedenzugeben, gehört zu haben. Gewiß, hier wird die evidente Wahrheit gehört.
               Aber evident ist eine Partizipial- und also eine Verbalform. Hier <hi rend="italic">wird</hi> die Wahrheit evident. Sie ist also gleich dem Manna in der Wüste wohl
               ein gegebenes, zu empfangendes und zu genießendes, nicht aber ein zu konservierendes
               und zu magazinierendes Gut! Als etliche davon überließen bis morgen, «da wuchsen
               Würmer drinnen und ward stinkend. Und <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> ward zornig auf sie. Sie sammelten aber
               desselben alle Morgen, soviel ein jeglicher essen mochte. Wenn aber die Sonne heiß
               schien, zerschmolz es» (<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.16.20 Ex.16.36">Ex. 16,20f.</ref>). So steht es mit der Evidenz der Wahrheit der Gnade. Wir können auf
               das Wort und auf den Geist Gottes, indem sie uns gegeben werden, nicht die Hand
               legen, sondern wir leben davon, daß Gott seine Hand nicht von uns abzieht. Eben darum
               ist das, was gemeint ist, wenn ich sage, daß wir hier mit dem Wort und Geist Gottes
               rechnen müssen, nichts Anderes, als daß wir hier nur betend nachdenken und mitdenken
               können. Daß unser Denken gerade hier nicht gegenstandsloses, sondern
               gegenstandsvolles Denken ist, das kann – wenn wir überhaupt fragen wollen: wie kommen
               wir dazu? – nur eine Sache der Gebetserhörung sein. Ohne mit Gebetserhörung zu
               rechnen, könnten wir die Theologie gerade in diesem ihrem Mittelpunkt nur als ein
               Gefäß ohne Inhalt verstehen. Im Gebet allein wird unsere Gliedschaft in der Kirche,
               wird unsere Taufe so kräftig, daß wir uns vor der Freiheit des Geistes zu wehen, wo
               er will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.8">Joh. 3,8</ref>], nicht
               zu entsetzen, daß wir uns nicht zu fürchten brauchen, wie jenes <seg type="non-entity">Volk</seg>
               <pb xml:id="p177" ed="pga"/>
                Gottes in der Wüste jeden Tag mit leeren Händen dem nächsten Tag entgegenzugehen. Es
               braucht hoffentlich kein Wort darüber, daß auch das, gerade das eine Weisung ist, mit
               deren Befolgung wir uns nichts nehmen können, es werde uns denn gegeben von oben
               herab [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.27">Joh. 3,27</ref>].</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>5.</head>
          <p>Gottes Gebot <hi rend="italic">rechtfertigt</hi> uns, indem es uns richtet. Weil es Gottes
               Gebot ist, weil das Urteil über uns selbst, das es uns auferlegt, eingeschlossen ist
               in Gottes Zusage, daß wir auch und gerade als die von ihm Verurteilten ihm recht
               sind, um unserer Sünden willen nicht von ihm verstoßen, sondern gehalten, in unserer
               Verkehrtheit nicht fallengelassen, sondern getragen sind von ihm. «Jesus nimmt die
               Sünder an»<note xml:id="n11">
                            <bibl><persName ref="kbga-actors-2461">E. Neumeister</persName> (1671–1756), EKG 268, Schweiz. Kirchengesangbuch 301.</bibl>
                        </note> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.2">Luk. 15,2</ref>] und
               «wie du bist, so darfst du kommen»<note xml:id="n12">Aus der 1. Strophe des Liedes
                     <bibl><hi rend="italic">Kehre wieder, kehre wieder</hi>
                        (1833)</bibl>, nach <persName ref="kbga-actors-1254">K. J. Ph. Spitta</persName> (<date from="1801" to="1859">1801–1859</date>), Gesangbuch für die
                  evangelisch-reformierte Kirche der deutschen Schweiz, <date when="1891">1891</date>, Nr. 222.</note>. Das ist
               das Evangelium, das in und mit dem Gebot zu uns kommt. – Aber nun hätten wir die
               Wirklichkeit des göttlichen Gebotes noch nicht vollständig beschrieben, wenn wir
               nicht noch eine letzte Reflexion vollziehen, wenn wir nicht ausdrücklich feststellen
               würden, daß dieses Evangelium nicht anders denn im <hi rend="italic">Gebot</hi> und durch
               das <hi rend="italic">Gebot</hi> zu uns kommt. Gottes Gebot, wie es uns, erkannt oder
               unerkannt, in jedem Augenblick unseres Tuns begegnet als das Gericht, unter das wir
               gestellt werden, vollzieht nach unserem Bisherigen eine doppelte Feststellung über
               uns. Einmal die Feststellung, daß wir vor Gott Unrecht haben, sodann die
               Feststellung, daß wir als solche, die vor Gott Unrecht haben, ihm recht sind. Darin,
               daß Gott uns durch sein Gebot vor Allem beansprucht als die Seinigen, uns zu sich
               rechnet, als die ihm Gehörigen, als die von ihm Geliebten, darin ist mit
               Notwendigkeit Beides eingeschlossen: Es kann nicht <pb xml:id="p178" ed="pga"/>
                anders sein, als daß wir als die so Beanspruchten uns selbst offenbar werden in
               unserem ganzen Ungenügen gegenüber diesem Anspruch. Es kann aber auch nicht anders
               sein, als daß wir, diesem unserem Ungenügen zum Trotz, in demselben Anspruch Gottes
               unbegreifliches, unverdientes Wohlgefallen an uns erkennen. Aber eben weil beide
               Feststellungen aus dieser einen Wurzel hervorgehen, können wir nun auch nicht dabei
               stehenbleiben, sie als bloße Feststellungen zu verstehen. Was Gottes Gebot in diesem
               doppelten Sinn über uns sagt, das sagt es ja <hi rend="italic">zu</hi> uns. Es ist ja
               nicht Wahrheit an sich, sondern geredete und gehörte Wahrheit. Indem es uns begegnet,
               bleibt es nicht uns gegenüber stehen, sondern es greift nach uns, es bestimmt uns.
               Existenz in der Entscheidung unserer Tat, deren Sinn die Entscheidung Gottes über uns
               ist, Existenz unter jener doppelten über uns gemachten Feststellung ist eine ganz <hi rend="italic">bestimmte</hi>, nicht durch uns selbst, sondern eben durch das Wort
               Gottes bestimmte Existenz. Gerade diese <hi rend="italic">Bestimmtheit</hi> unserer
               Existenz durch das Wort Gottes ist ja nach unseren Voraussetzungen das Wesen der
               Heiligung. Und nur dann ist es sinnvoll, Erwählung, Sündenerkenntnis und
               Rechtfertigung unter den Begriff der Heiligung zu subsumieren, wie wir es hier getan
               haben, wenn bei dem Allem ausdrücklich gezielt ist auf die durch Gottes so
               beschriebenes Tun vollzogene Bestimmung der menschlichen Existenz, auf den Griff, der
               in und mit dem Allem nach uns getan ist.</p>
          <p>Wir konnten denn auch tatsächlich weder von der Erkenntnis der Sünde, noch von der
               Rechtfertigung reden – und wie könnte man von Gottes Liebe und von unserer Erwählung
               reden –, ohne des Begriffs des Glaubens zu gedenken, in dem und für den das Alles
               Ereignis wird. Und wenn wir eben damit den Punkt berührt haben, wo die Wirklichkeit
               des göttlichen Gebotes nur für sich selber reden kann, so konnte doch hoffentlich
               kein Zweifel darüber entstehen, daß sie, <hi rend="italic">wenn</hi> sie in ihrer
               eigentümlichen Souveränität für sich selber redet, zu <hi rend="italic">uns</hi> redet,
               daß der wirkliche Glaube, so gewiß wir ihn nicht anders verstehen können denn
               <pb xml:id="p179" ed="pga"/>
                als Gottes Werk an und in uns, unser <hi rend="italic">eigener</hi> Glaube ist, unser
               wenngleich schlechthin wunderbares in keiner Weise aus unserer Selbstbestimmung
               hervorgehendes <hi rend="italic">Dabeisein</hi> bei jener Wirklichkeit, unser <hi rend="italic">Gehorsam</hi>. Erwählung, Sündenerkenntnis und Sündenvergebung, mit einem Wort
               Gnade wird dadurch Ereignis, daß wir ja dazu sagen. Ist dieses Ja das letzte und
               höchste Wunder der Gnade selbst, werden wir uns wohl hüten davor, dieses Ja vor uns
               selbst oder anderen zu begründen, es anderswoher ableiten zu wollen, werden wir vor
               diesem unserem eigenen Ja immer stehen als vor dem Punkt, wo wir uns selbst nicht
               verstehen, wo wir etwas tun, das unser ganzes übriges Tun ebenso problematisch
               erscheinen läßt, wie es uns selbst von unserem ganzen sonstigen Tun aus gesehen als
               gänzlich problematisch erscheinen muß, so ist es doch fraglos unser eigenes Ja; und
               wenn es nicht erfolgte, wenn unser Glaube nicht Gehorsam wäre, <hi rend="italic">Glaubens</hi>gehorsam, aber Gehorsam, so wäre er auch nicht Glaube, so wäre
               Alles, was wir über Erwählung, Sündenerkenntnis und Sündenvergebung gedacht und
               gesagt haben, gegenstandslos. Daß wir im Glauben gehorchen und zu Gottes Gnade ja
               sagen, das ist die Bestimmtheit unserer Existenz durch das uns in der Entscheidung
               unserer Tat begegnende, über uns entscheidende, uns richtende Gebot Gottes. Indem uns
               das Wort Gottes in dieser Weise bestimmt, bestimmt zum Gehorsam, ist es unsere
               Heiligung. Durch dieses unser Ja verfügen wir in keiner Weise über Gott. Hier ist
               keine Mitwirkung, kein Entgegenkommen, kein Verdienst von unserer Seite. Es ist in
               unseren Herzen und auf unseren Lippen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.30.14">Deut. 30,14</ref>], es ist eine Charakterisierung, eine
               Modifikation, eine Ausrichtung unserer sündigen Existenz und Tat durch die
               Wirklichkeit des göttlichen Gebotes selbst, die allein durch sich selbst und aus sich
               selbst ihr Werk treibt. Es ist die Tat des Wortes und des Geistes, deren Ehre wir
               nicht, auch nicht teilweise, auch nicht zum geringsten Teil an uns selbst reißen
               können. Aber kraft dieser Tat des Wortes und des Geistes <hi rend="italic">ist</hi> es
               unser Ja, und dieses unser Ja ist unsere Heiligung.</p>
          <p>Gottes <hi rend="italic">Gnade</hi> gilt dieses Ja, wie es selbst Gnade ist. Dann
               <pb xml:id="p180" ed="pga"/>
                aber der <hi rend="italic">ganzen</hi> Gnade Gottes, d.h. aber nicht etwa bloß dem
               Evangelium, sondern ebenso und mit dem Evangelium auch dem Gesetz Gottes. In dieser
               Ganzheit ist ja die Gnade Gnade, ergeht ja der göttliche Anspruch. Indem wir glauben,
               daß <hi rend="italic">Gott</hi> uns beansprucht, bejahen wir das Evangelium: Es ist unter
               allen Umständen, und wenn unsere Sünde blutrot wäre [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.1.18">Jes. 1,18</ref>], und wenn sein Gesetz uns in
               die Hölle verdammte, Friede, Freude und Seligkeit, von Gott in Anspruch genommen zu
               sein. Aber wie könnten wir das glauben, ohne eben damit zu gehorchen, ohne eben damit
               das Gesetz zu bejahen, zu bejahen, daß eben dieser Gott des Evangeliums uns <hi rend="italic">beansprucht</hi>, daß eben jener Griff nach uns getan, jene Hand auf uns
               gelegt ist. Ich formulierte diese letzte Bedeutung der Heiligung dahin, «daß Gott
               unser sündiges Tun ausrichtet zum Werk des Gehorsams».<note xml:id="n13">s. oben S.
                  144.</note> Von zwei Seiten muß dieser Satz, um durchsichtig zu werden, kurz
               beleuchtet werden. Heiligung heißt nach unserem Bisherigen (Abs. 3 und 4) <hi rend="italic">Erkenntnis und Vergebung</hi> der Sünde: Erkenntnis offenbar durch das Gesetz, Vergebung durch das
               Evangelium desselben einen Wortes Gottes. Was heißt nun, wenn unsere Heiligung sich
               vollstreckt in unserem eigenen Ja zu diesem ganzen Wort Gottes, zu dieser ganzen
               Gnade – was heißt nun solches Jasagen? Offenbar grundsätzlich das, daß wir unsere
               vergebene Sünde als <hi rend="italic">erkannt</hi> und unsere erkannte Sünde als <hi rend="italic">vergeben</hi> bejahen, wobei der Sinn des Begriffs «Bejahen», d.h. der
               Sinn des Begriffs «Gehorsam» selbst sich offenbar ebenfalls als ein doppelseitiger
               Begriff herausstellen wird. Indem wir glauben an die konkrete Einheit des göttlichen
               Gerichts, d.h. indem wir unser Leben unter dem göttlichen Gericht in dieser seiner
               Einheit sehen und, indem wir es sehen, leben, indem wir, unter das göttliche Gericht
               in dieser seiner Einheit gestellt, aus der Entscheidung dieses Augenblicks in die des
               nächsten hinübergehen, gehorchen wir, sind wir geheiligt.</p>
          <p><pb xml:id="p181" ed="pga" rend="noPipe"/>a) Unsere vergebene Sünde ist <hi rend="italic">erkannt</hi>. Nur von der mir vergebenen
               Sünde weiß ich, daß sie erkannt, daß sie Sünde ist. Indem sie mir vergeben ist, weiß
               ich es. Gerechtfertigt werden von Gott heißt: erweckt werden aus dem Schlaf der
               Meinung, als ob meine Tat durch sich selbst gerechtfertigt sei oder sein könnte.
               Beruhigt werden durch Gottes Gnade und in Gottes Gnade heißt: beunruhigt werden in
               sich selber. Gottes Güte ist es, die uns zur Buße leitet (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.4">Röm. 2,4</ref>). Weit entfernt davon, daß das
               Evangelium die Erkenntnis der Sünde etwa zu einer überwundenen oder doch weniger
               ernsthaften Angelegenheit mache, ist es vielmehr gerade das Evangelium, durch das sie
               ganz ernst wird. Wir sahen ja, wie die Sünde sich darin vollendet, daß wir, von Gott
               geliebt, ihn nicht wiederlieben. Und nun ist ja das Evangelium die Bestätigung der
               Liebe Gottes mitten in unserer verkehrten Entscheidung. Höre ich, daß ich in meinem
               Abfall und Verrat Gottes liebes <seg type="non-entity">Kind</seg> bin, dann, dann erst weiß ich, daß ich ein
               Abtrünniger und Verräter bin. Oder wie sollte ich wissen, daß ich sündige, wenn ich
               nicht wüßte, an wem ich sündige? Das weiß ich aber erst, indem Gottes Wort
               Evangelium, indem meine Sünde mir vergeben ist. Dann <hi rend="italic">weiß</hi> ich es
               aber, und zwar mit jenem qualifizierten Wissen, in dem man um seine eigene
               Wirklichkeit weiß, so daß nun meine Erkenntnis der Sünde zugleich Bekenntnis meiner
               Schuld und meiner Not ist, Bekenntnis, daß ich mich dadurch, daß ich das Gebot
               übertrete, zugleich angeklagt und aufs tödlichste bedroht sehe, Bekenntnis, daß meine
               Sünde mir leid tut in dem doppelten Sinn: daß ich sie als meine Schuld bereue und als
               meine Not beklage. Aber dann über beides hinaus auch Bekenntnis, daß ich mich ihrer
               nicht selbst zu entledigen weiß, daß in mir kein archimedischer Punkt ist, von dem
               aus ich über sie Herr werden könnte, daß ich über keine Reserven verfüge, mit denen
               ich mich der Beunruhigung, in die sie nicht etwas in mir, sondern mich selbst
               versetzt, entziehen konnte, daß ich mich vielmehr – Kyrie eleison! – auf Gottes
               Erbarmen angewiesen weiß, mit anderen Worten daß ich weiß, daß ich die mir geschenkte
               Vergebung <hi rend="italic">nötig</hi> habe, daß
               <pb xml:id="p182" ed="pga"/>
                etwas Anderes als Vergebung gegenüber der Verkehrtheit meiner Entscheidung nicht in
               Betracht kommen konnte, wenn es nicht bei ihrer Verkehrtheit und ihren Folgen einfach
               sein Bewenden haben sollte. Das wirklich gehörte Evangelium zwingt mich zu beidem:
               meine Übertretung ernst zu nehmen als Schuld und als Not, und mich selbst als
               Übertreter ernst zu nehmen, d.h. als solchen, der aus sich selbst nur Übertreter sein
               konnte. Dieses nicht von mir hervorgebrachte, sondern mir durch das Evangelium
               imponierte Ernstnehmen der Sünde und meiner selbst als Sünder ist die eine Seite der
               Bestimmung meiner Existenz durch das Wort Gottes, der Charakterisierung meiner
               sündigen Tat durch das mir begegnende Gebot, der durch das göttliche Gericht
               geschaffenen Bewegung meiner selbst, in der ich zu der Gnade Gottes ja sage. Dieses
               Ja besteht darin, daß ich den Platz einnehme, der einem solchen zukommt, dem nur
               durch Erbarmung geholfen werden kann, der nur zwischen Verdammnis und Vergebung die
               Wahl hat, und der dann erst noch weiß, daß es nicht seine Wahl ist, wenn ihm vergeben
               wird. Der Friede Gottes schafft – nun nicht jenen müßigen, eitlen, sondern den
               notwendigen, heilsamen Unfrieden in uns selbst, die ganze Bedrängnis, die <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7">Röm. 7</ref> geschildert hat, und sorgt
               dafür, daß wir aus ihr nicht mehr entlassen werden, daß wir vielmehr in diesen
               Unfrieden gestürzt, der Entscheidung des nächsten Augenblicks entgegengehen. Indem es
               in die Buße gestellt wird, wird mein sündiges Tun ausgerichtet zum Werk des
               Gehorsams. <hi rend="italic">Gutes</hi> Werk heißt unter allen Umständen Werk der <hi rend="italic">Buße</hi>, Werk, das in jener Reue und in jenem Weh und mit jenem Ruf
               nach Erbarmen getan wird. Dann wäre das Werk meines nächsten Augenblicks geheiligtes
               Werk, wenn es in diesem Sinne Werk der Buße wäre, Werk eines solchen, der sich,
               gerade weil er Vergebung empfangen, unter das über ihn ergangene Urteil gebeugt
               hat.</p>
          <p>b)Unsere erkannte Sünde ist <hi rend="italic">vergeben</hi>. Nur von der erkannten Sünde
               weiß ich, daß sie mir vergeben ist. Aber indem sie erkannt ist, weiß ich es.
               Wirkliche Verurteilung in foro conscientiae findet da statt, wo in foro Dei
               Freispruch stattgefunden hat.
               <pb xml:id="p183" ed="pga"/>
                Wirkliche Beunruhigung des Menschen in sich selbst findet statt in der Beruhigung
               durch Gottes Gnade. Durch Gottes <hi rend="italic">ganze</hi> Gnade, müssen wir nun
               nochmals betonen. Beruhigung durch die Gnade kann nicht Abschaffung, sondern nur
               Aufrichtung des Gesetzes bedeuten, des Gesetzes, das uns richtet, indem es uns
               vorhält, was Gott von uns haben will. Daß mir vergeben wird, das heißt nicht, daß
               dieses Vorhalten aufhört, sondern daß es anfängt. Wirklich in die Buße gestellt sein,
               wie es gerade durch die Vergebung geschieht, ist also wiederum ein Erwecktwerden aus
               dem Schlaf einer falschen Meinung, diesmal aus dem Schlaf der falschen Meinung, als
               ob die Verkehrtheit meiner Entscheidung etwa eine letzte Notwendigkeit sei. Mag meine
               Selbsterkenntnis kein Wort kennen, das mich darüber hinausführen würde, daß ich
               fehlte, fehle und fehlen werde, so redet mir doch das Evangelium von einer Erkenntnis
               meiner selbst jenseits der Schranken meiner Selbsterkenntnis, durch die das Vorhalten
               des Gesetzes notwendig noch einen anderen Sinn bekommt als bloß den, mich in die Buße
               zu treiben. Die Vergebung, ohne die es ja auch keine Buße gibt, ist doch Gottes
               Verneinung, seine Nicht-Anerkennung der Sünde. Diesem göttlichen Nein beugen wir uns,
               wenn wir uns wirklich unter das durch Gottes Gebot über uns ergehende Urteil beugen.
               Nicht-Anerkennung der Sünde durch Gott heißt aber auch positiv: Aufrichtung seines
               guten <seg type="non-entity">Willens</seg>. Ihn bejaht Gott, indem er uns unsere Sünde nicht zurechnet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.19">2.Kor. 5,19</ref>]. Ist mir meine
               Sünde vergeben, so heißt das: ich bin erkannt und anerkannt als ein solcher, der frei
               und berufen ist, Gottes Willen zu tun.</p>
          <p>So bedeutet jene Beugung offenbar mehr als bloß die Beugung unter Gottes Urteil,
               bedeutet eine Bewegung unserer Existenz, die jedenfalls mit dem deutschen Wort Buße
               und mit dem lateinischen poenitentia nicht genügend erfaßt ist. Das griechische
                  <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">μετάνοια</foreign> drückt das hier fehlende
               Zweite aus: Gerade weil nur die vergebene Sünde wirklich erkannte und bekannte Sünde
               sein kann, ist Erkennen und Bekennen, wenn sie ernsthaft sein wollen, nicht möglich
               ohne <hi rend="italic">Umkehr</hi>. Wir hätten das Gesetz schlecht
               <pb xml:id="p184" ed="pga"/>
                verstanden, wenn wir es nicht, indem es uns demütigt, als Aufruf zur Umkehr von der
               verkehrten zur richtigen Entscheidung, zur Bereitschaft, es das nächste Mal besser zu
               machen, verstehen würden. Demütigt es uns doch nur wirklich durch das Evangelium.
               Gerade das Evangelium aber, das uns trotz unserer Verkehrtheit in die Gemeinschaft
               mit Gott ruft, redet uns von Gottes Gegensatz zu dieser Verkehrtheit, von dem Wunder
               des Heiligen, der sich zu den Unheiligen herabläßt. Angesichts dieses Wunders, wenn
               wir es wirklich als solches begreifen, angesichts des uns widerfahrenden Erbarmens,
               wenn wir es als solches verstanden haben, angesichts des ganz anderen Ortes, an dem
               sich offenbar gerade der Gott des Evangeliums befindet, der uns doch durch das
               Evangelium zu sich beruft, können wir unsere erkannte Sünde unmöglich auf sich
               beruhen lassen, sind wir in den Streit gegen sie, d.h. aber, weil wir uns selbst
               immer als Sünder finden, in Streit gegen uns selbst – für Gott gegen uns selbst
               versetzt. Wie es auch mit uns stehe, welches auch die Schranken unserer
               Selbsterkenntnis sein mögen: das Gesetz tritt in Kraft als an uns gerichtete
               Forderung, dem Willen Gottes genug zu tun, als Geheiß einer besseren Entscheidung,
               einer Verleugnung unser selbst, wie wir uns eben vorfanden, einer Tötung –
               mortificatio – dieses alten Menschen, unser selbst, wie wir uns selbst kennen, damit
               – vivificatio – der neue Mensch, der ich nicht in mir selbst aber in Christus bin,
               lebe. Contritio cordis und confessio oris wären zweifellos keine wirkliche <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">μετάνοια</foreign>, kein wirklicher Gehorsam, nicht die
               wirkliche Bestimmtheit durch das göttliche Gebot ohne satisfactio operis, d.h. ohne
               daß sie in meinem sündigen Tun einen Aufhalt, eine Störung, einen Bruch bedeuten
               würden, oder positiv gesagt: eine Ankündigung des Lebens jenes neuen Menschen, meines
               verborgenen Lebens mit Christus, wenn mir nicht durch dasselbe Gesetz, das mich
               meiner Verkehrtheit überführt, das Richtige vor Augen gehalten wäre, das an Stelle
               des Verkehrten durch mich geschehen soll, für das ich, was auch von mir zu sagen sein
               möge, in Anspruch genommen bin, wenn ich mich nicht für dieses Richtige angefordert
               wüßte, und wenn
               <pb xml:id="p185" ed="pga"/>
                mein Tun nicht von diesem Wissen Zeugnis ablegte. Es geht hier ja wiederum um jenes
               qualifizierte, durchaus nicht intellektualistische, sondern (wie alles theologische)
                  <hi rend="italic">praktische</hi> Wissen, in dem man wirklich um seine eigene
               Wirklichkeit weiß, und das als solches unmöglich ein müßiges Wissen sein kann. Es
               geht um das Wissen darum, daß ich, weil mir vergeben ist, an der Sünde so wenig
               Anteil habe, so sehr von der Sünde geschieden bin wie Gott selber, der mir vergibt
               oder positiv: um das Wissen um meine Gottzugehörigkeit, durch die mein <seg type="non-entity">Wille</seg> dem
               Willen Gottes verpflichtet ist. «Non nostri sumus, sed Domini»(<persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>).<note xml:id="n14">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-16"><hi rend="italic">Inst.</hi> III, 7.1.</bibl>
                        </note>
               </p>
          <p>Dieses mein Wissen um mein Verpflichtetsein oder um meine Freiheit für Gott und gegen
               die Sünde ist meine Umkehr oder die satisfactio operis, die die unvermeidliche andere
               Seite meiner wirklichen Beugung unter Gottes Gebot ist. Auch sie ist kein Akt meiner
               Selbstbesinnung oder Selbstbestimmung, sondern indem mir durch das Evangelium
               vergeben ist, zwingt mich das jetzt erst mit seiner Forderung in Kraft tretende
               Gesetz in diese neue Stellung, in der ich eine letzte Notwendigkeit meiner eigenen
               Verkehrtheit verneinen, eine letzte Freiheit für meine Gerechtigkeit vor Gott bejahen
               muß, wahrhaftig nicht auf Grund einer Entdeckung, die ich zu guter Letzt doch noch in
               mir selbst gemacht hätte, wohl aber auf Grund des <hi rend="italic">Befehls</hi>, der
               durch das – mit dem Evangelium an mich ergangene – Gesetz mir gegeben ist und den ich
               ebenso ernst zu nehmen habe wie das, was dasselbe Gesetz mir zuhanden meiner
               Selbsterkenntnis über meine Unfähigkeit zu allem Guten zu sagen hat. Sein Befehl
               weist mich ja nicht auf mich selbst, sondern auf Christus hin. In ihm bin ich nicht
               mehr der Alte, der sündigen muß, sondern in Anspruch genommen als neue Kreatur, als
               Freier. In ihm mich selbst erkennend, muß ich mir durch das Gesetz in der Tat sagen
               lassen: du kannst, denn du sollst! Und daß ich mir das sagen <hi rend="italic">lasse</hi>,
               das ist nun die andere Seite der Bestimmung meiner Existenz durch das Wort Gottes,
               der Charakterisierung meiner
               <pb xml:id="p186" ed="pga"/>
                sündigen Tat durch das Gebot, der Bewegung meiner selbst durch die Gnade. Die Gnade
               züchtigt mich nicht nur, sondern sie nimmt mich auch in Zucht. Und daß ich mir diese
               Zucht, die Zucht des Gesetzes gefallenlasse, das ist die andere Seite meines Ja zu
               Gottes Gnade, in dem sich die Gnade selbst vollendet. Es besteht darin, daß ich den
               Platz einnehme, der einem solchen zukommt, dem Erbarmen widerfahren ist, daß ich als
               ein solcher der Entscheidung des nächsten Augenblicks entgegengehe, der den Befehl
               vernommen hat. Gutes Werk heißt also: Werk der Umkehr, Werk, das getan ist im Hören
               auf jenen Anruf an den neuen Menschen, der ich nicht in mir selbst, wohl aber in
               Christus bin. Indem unser Tun in diesem Hören geschieht, ist es als sündiges Tun
               ausgerichtet zum Werk des Gehorsams. Und in dieser Ausrichtung ist es dann, obwohl
               wir seine Sündigkeit nicht in Abrede stellen werden, geheiligtes Werk, Werk, durch
               das Gott gelobt und gepriesen wird, wie er es von den gerechtfertigten Sündern haben
                  will.<note xml:id="n15">Randbemerkung von <bibl>K. B.: «<hi rend="italic">Erwählung – Sündenbekenntnis –
                           Sündenvergebung – Befehlsempfang</hi>.»</bibl>
                  </note>
               </p>
          <p>Wir dürfen auch zu dieser letzten Wendung unseres Gedankenganges die Schlußanmerkung
               nicht versäumen, daß alles daraufhin gesagt ist, daß die Wirklichkeit des göttlichen
               Gebotes <hi rend="italic">für sich selber</hi> redet. Weder das Erkanntsein noch das
               Vergebensein der Sünde ist uns ja gegeben außerhalb dieser Wirklichkeit und darum
               auch nicht unser Glaube und der Glaubensgehorsam, der zur Gnade ja sagt, unsere Buße
               und unsere Umkehr. Die Bestimmtheit unserer Existenz durch das Gebot, unser neues
               Leben in der Heiligung, in der wir aus der Entscheidung dieses Augenblicks in die des
               nächsten hinübergehen, ist ein Sein in relatione zu jener Wirklichkeit. Über jene
               Wirklichkeit haben wir aber keine Verfügung und darum auch nicht über ihre Relation
               zu unserer Existenz. Unser Geheiligtsein, unser neues Leben, ist auf der ganzen Linie
               verborgen mit Christus in Gott [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.3">Kol. 3,3</ref>. Seine Manifestationen sind als solche unzweideutig nur Gott
               offenbar, wie sie auch nur durch Gottes Tat <hi rend="italic">seine</hi> Manifestationen
               wirklich sind.
               <pb xml:id="p187" ed="pga"/>
                Das neue Leben läßt sich nicht abstrahieren von der freien, schenkenden Tat Gottes:
               «in ihm leben, weben und sind wir» [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">Act. 17,28</ref>]. Es läßt sich nicht umdeuten in ein Sein,
               Haben und Tun des Menschen, das sich von seinem sonstigen Sein, Haben und Tun in
               direkter Erkenntlichkeit abheben würde. Man wird nicht vorsichtig genug umgehen
               können mit allen Begriffen, mit denen eine dritte Sphäre Zwischen Gott und Mensch,
               die nun beiden gemeinsam wäre, beschrieben werden soll. Die Bibel weiß von keiner
               solchen dritten Sphäre. Sie weiß nur von dem Ereignis des fleischgewordenen Wortes
               und des lebendigmachenden Geistes. In diesem Ereignis ist und bleibt aber Gott der
               Handelnde, wohlverstanden auch als der Seiende der Handelnde. Ich denke etwa an den
               Begriff der «pneumatischen Wirklichkeit». Ist darunter die Wirklichkeit des heiligen
               Geistes verstanden, dann ist doch wohl zu sagen, daß diese Wirklichkeit nie und
               nirgends in direkter Erkenntlichkeit als zweite neben die profane, weltliche,
               menschliche Wirklichkeit tritt, sondern sie ist eine Qualifizierung der profanen
               Wirklichkeit unseres Lebens, aber eben streng eine Qualifizierung von oben, eine
               Qualifizierung durch Gott und darum eine solche, die sich wohl als Gottestat
               bezeugen, nicht aber als unser Besitz oder als unsere Eigenschaft oder als unser
               Standort behaupten läßt. Ist sie unser Standort, nun dann <hi rend="italic">ist</hi> es
               eben so, durch Gottes Gnade nämlich, dann rede ich faktisch von da aus, und wer Ohren
               hat zu hören, der hört. Der Satz aber, die Behauptung: Ich rede aus pneumatischer
               Wirklichkeit! ist ein unmöglicher Satz. In dieser Erwägung haben wir schon bei einem
               früheren Anlaß Bedenken geäußert gegen jede allzu direkte Verwendung der Begriffe
               Christentum, Christen, christlich.<note xml:id="n16">s. oben S. 54ff.</note>
               Christlich heißt <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐν Xριστῷ</foreign> und kann
               sich zum Eigenschaftswort für menschliche Personen, Dinge und Handlungen nur eignen,
               sofern dabei bedacht bleibt, daß es den Verweis auf die Relation bedeutet, die nur
               als von Gott vollzogene Wirklichkeit ist. Ganz dasselbe – und es handelt sich ja auch
               um dieselbe Sache – gilt nun auch von dem Begriff des Geheiligten und also
               <pb xml:id="p188" ed="pga"/>
                Heiligen. Heilig ist im <seg type="non-entity">Alten</seg> und im Neuen Testament die Bezeichnung einer in Gott
               begründeten Relation, in der der Mensch steht, wenn er von Gott dazu bestimmt ist.
               Heilig heißt in der Bibel weder fromm noch tugendhaft, sondern von Gott
               ausgesondert.</p>
          <p>Göttliche Aussonderung ist es, wenn unser Tun geheiligt ist, nicht aber eine ihm
               selbst immanente Eigenschaft. Wir können und sollen wohl im Wissen um die Gottestat
               der Heiligung unser Tun als Buße und Umkehr Gott <hi rend="italic">darbringen</hi>, wie
               eben ein Opfer dargebracht wird (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.2">Röm. 12,2</ref>). Aber dieses Darbringen, das Tun des nächsten Augenblicks, wird
               nicht weniger der göttlichen Krisis unterliegen als das Tun des gegenwärtigen. <persName ref="kbga-actors-3688">Kain</persName>
               hat auch geopfert [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.4.3 Gen.4.5">Gen.
                  4,3–5</ref>]. Die Heiden opfern auch daraufhin, daß sie irgend etwas gehört
               haben, was darum noch nicht das Gebot Gottes ist. Unsere Intention ist es auf keinen
               Fall, die unser Tun heilig macht. Heilig ist auch das höchste, reinste Opfer nicht an
               sich, nicht in seiner Darbringung als solcher, sondern heilig wird das Opfer dadurch,
               daß Gott es <hi rend="italic">annimmt</hi>. Haben wir den Begriff der Heiligung sich
               vollenden sehen in unserem eigenen Ja zu Gottes Gnade, so muß nun noch einmal
               unterstrichen sein, <hi rend="italic">daß</hi> es Gnade ist, wenn wir zur Gnade ja sagen:
               Gnade, <hi rend="italic">daß</hi> wir hier ja sagen und Gnade, daß wir wirklich zur <hi rend="italic">Gnade</hi> ja sagen, daß unser Tun nicht gegenstandslos ist oder einem
               ganz anderen Gegenstand gilt. Wollten wir unsere Buße abstrahiert davon ansehen, daß
               Gott sie annimmt (worüber uns keine Verfügung zusteht), dann haben wir kein Mittel,
               ihren heilsamen von dem unheilvollen Unfrieden unserer sich selbst überlassenen
               Selbsterkenntnis zu unterscheiden: wir können also mit unserer Buße als solcher, und
               wäre sie noch so aufrichtig und ernsthaft, das Erbarmen Gottes, das sie erst sinnvoll
               macht, nicht herbeizwingen. Und wollten wir unsere Umkehr für sich ansehen, abgesehen
               davon, daß Gott sie als solche als Gehorsam im Ungehorsam annimmt, wie sollte es dann
               nicht Selbsttäuschung sein, wenn wir je meinen sollten, wirklich umgekehrt zu sein?
               Damit, daß <hi rend="italic">wir uns</hi> bekehren, ist es jedenfalls noch nicht wahr, daß
               uns
               <pb xml:id="p189" ed="pga"/>
                Gottes Erbarmen widerfahren ist. Für das Bestehen der Relation zwischen dem
               göttlichen und dem menschlichen Ja garantieren das Wort und der Geist Gottes. Sie <hi rend="italic">sind</hi> die Garantie, indem sie selbst die Relation sind. Nicht direkt,
               sondern <hi rend="italic">indirekt</hi> ist uns also das Bestehen dieser Relation
               garantiert: <hi rend="italic">indirekt</hi>, sofern wir immer auf Gottes eigenen gnädigen
               Willen zurückgehen, unsererseits also zum <hi rend="italic">Gebet</hi> unsere Zuflucht
               nehmen müssen, um sie garantiert zu finden. An der Frage, ob es daneben etwa auch
               noch eine direkte Garantie dieser Beziehung geben möchte, scheiden sich die Wege
               katholischen und protestantischen Denkens, eine Scheidung, die sich allerdings auf
               unserer, der protestantischen Seite im Laufe der Jahrhunderte bedenklich verwischt
               hat. Man hielt und man hält es nicht aus dabei, die Wirklichkeit der Heiligung zu
               suchen in dem ewigen verborgenen Akt der göttlichen Erwählung, sondern meinte und
               meint sie nun doch daneben auch noch suchen zu sollen und finden zu können in diesem
               und jenem vermeintlich direkt einzusehenden und garantierten, auch abgesehen von
               Gebet und Gebetserhörung wirklichen menschlichen Heiligsein. Man sollte sich bewußt
               sein, was man tut, mit welchen Möglichkeiten man spielt, wenn man in dieser Richtung
               denkt. Es ist nicht abzusehen, wohin man dabei sonst gelangen kann als auf den Boden
               der katholischen Voraussetzungen in bezug auf Gott, Mensch, Sünde, Gnade und vor
               Allem Kirche. Dort ist Alles klar, wenn man das tut. Denn dort ist zum vornherein
               Alles – und zwar aufs meisterlichste – angelegt auf die die Garantie durch Gott
               selbst ergänzende, wenn nicht ersetzende direkte Garantie der <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἁγιωσύνη</foreign>. Bei uns wird Alles unklar, wenn man den
               Reformatoren darin nicht mehr zu folgen wagt, daß sie auf eine solche direkte
               Garantie grundsätzlich verzichtet haben, um der indirekten als der allein wirklichen
               um so gewisser zu sein.</p>
          <p>
                        <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-171">Karl Heim</persName></hi> hat in der Einführung zu seiner 2. Aufl. von «Glauben und
               Leben» S. 29f.<note xml:id="n17">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5259"><persName ref="kbga-actors-171">K. Heim</persName>, <hi rend="italic">Glaube und Leben</hi>,
                        Gesammelte Aufsätze und Vorträge, Berlin
                           1926. 1928<hi rend="sup">2</hi> S. 29ff., v. a. S. 32</bibl>; dazu <bibl corresp="kbga-bibls-1177"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barths</persName>
                                <hi rend="italic">Brief an <persName ref="kbga-actors-171">Karl Heim</persName></hi>, ZdZ 9
                           (1931), 451-453.</bibl>
                  </note> gegen die hier vertretene Theo<pb xml:id="p190" break="no" ed="pga"/>logie den Einwand erhoben, ihr Koordinatensystem sei unvollständig, ihr fehle neben
               Gott und Mensch, Ewigkeit und Zeit die «dritte Dimension», in welcher «auf bestimmte
               Menschen und auf bestimmte Handlungen» der «Ton» oder der «Akzent» der Ewigkeit
               gelegt werde, das konkrete Sprechen des heiligen Geistes, wie es im Neuen Testament
               bezeugt sei. Ich glaube nun, das Problem dieser dritten Dimension auch zu sehen. Ich
               könnte (<ref type="pub" target="../volume/02/p119#p119">§§ 5</ref> und <ref type="pub" target="../volume/02/p144#p144">6</ref>) das Problem des bestimmten Menschen und der
               bestimmten Handlungen noch viel stärker als <seg type="non-entity">Heim</seg> geradezu als <hi rend="italic">das</hi>
               Problem der theologischen Ethik und der Theologie überhaupt bezeichnen. Aber eben
               darum würde ich sagen: die Theologie hat dies Problem nicht sowohl zu beantworten,
               als [vielmehr] als gestellt zu anerkennen – gestellt dadurch, daß Gott selbst in
               unnachsprechlicher Wahrheit und unwiederholbarer Einmaligkeit hier Antwort gegeben
               hat, gibt und geben wird, Antwort, die die Theologie so gewiß nicht selber geben
               kann, als sie keineswegs der heilige Geist oder auch nur zum Vikar des heiligen
               Geistes eingesetzt ist. Gerade weil es sich bei dieser dritten Dimension um das
               Sprechen des heiligen Geistes handelt, ist nicht einzusehen, wie wir dazu kommen
               sollten, uns mit dieser Koordinate, die dann zugleich den Schnittpunkt der beiden
               anderen Koordinaten bezeichnet, zu beschäftigen. Sondern diese dritte Koordinate zu
                  <hi rend="italic">ziehen</hi> und damit den Schnittpunkt der beiden anderen Koordinaten
               zu setzen, das ist allein Gottes Tat, auf die nicht nur alle Philosophie, sondern
               auch alle Theologie nur durch Sichtbarmachen der beiden ersten Koordinaten <hi rend="italic">hinweisen</hi> kann, dankbar, wenn dieses Tun, zu dem sie durch die
               Offenbarung ermächtigt ist, nicht gegenstandslos ist. Anders könnte man es doch nur
               haben wollen, wenn man dafür hielte, daß das konkrete Sprechen des heiligen Geistes,
               der Akzent der Ewigkeit auf bestimmten Menschen und Handlungen in der Wirklichkeit
               der Kirche oder aber – aber das kann doch <persName ref="kbga-actors-171">Heims</persName> Meinung nicht sein – in der
               heimlichen Inspiriertheit der einzelnen Gläubigen direkt gegeben sei. Glauben wir die
               Kirche, und glauben wir auch die communio sanctorum als den <hi rend="italic">Ort</hi> und
               das
               <pb xml:id="p191" ed="pga"/>
                  <hi rend="italic">Mittel</hi> der Offenbarung, nicht aber als die Offenbarung selber, dann
               bleibt der Theologie als solcher doch wohl nichts übrig, als sich zu der
               Verborgenheit der Offenbarung, zu der Verborgenheit unseres Lebens mit Christus in
               Gott [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.3">Kol. 3,3</ref>] dadurch
               zu bekennen, daß sie darauf verzichtet, beständig in diese Verborgenheit hinein oder
               aus ihr heraus reden zu wollen, daß sie sich schlechterdings dabei bescheidet, sie in
               der Zweidimensionalität, in der Menschen von Gott reden können, zu <hi rend="italic">bezeugen</hi>, das konkrete Sprechen des heiligen Geistes aber diesem selbst zu
               überlassen. Wie sollte die Theologie, und wäre sie noch so sehr Theologie des
               Glaubens, auf den Vorbehalt verzichten können, daß all ihr Reden aus jener
               Wirklichkeit hinfällig ist, wenn Gott nicht sein Amen dazu gibt, daß sie ihr Reden
               also <hi rend="italic">nicht</hi> mit dem Anspruch, daß es Reden aus dieser Wirklichkeit
               sei, begründen und bewähren kann? Es <hi rend="italic">ist</hi> in dieser Weise begründet
               und bewährt, wenn Gott sein Amen dazu gibt, nicht anders. Einen Anspruch auf dieses
               Amen können wir mit unserem Reden nicht verbinden. Sollte dieser Vorbehalt [also]
               nebensächlich, sollte dieses göttliche Amen nicht geradezu die Offenbarung selber
               sein? Sollte, wenn dieser Vorbehalt gemacht wird – und welcher protestantische
               Theologe dürfte es etwa ablehnen, ihn zu machen – sollte damit nicht zugestanden
               sein, daß aus dieser Wirklichkeit heraus eben immer nur sie selber redet, daß das
               konkrete Sprechen des heiligen Geistes also unnachsprechbar ist, unser Reden also ein
               ehrfürchtiges, liebevolles, sachgemäßes Darumherumreden sein und bleiben muß? Ist es
               wahr, und man hat es ja in den letzten Jahren oft genug sagen hören, daß die
               protestantische Theologie im Unterschied zur katholischen ihr Wesen darin hat,
               theologia crucis zu sein, und <hi rend="italic">nicht</hi> theologia gloriae, <hi rend="italic">nicht</hi> solche Theologie, die über das Geheimnis Gottes selbst nun auch noch
               Auskunft geben zu können, das Wort Gottes selber sagen zu können meint, dann darf sie
               gerade in der Frage nach jener Relation, die im Begriffe der Heiligung brennend wird
               wie nirgends, nicht zur Theologie der <hi rend="italic">Ungeduld</hi> werden. Unsere
               Gegenfrage an die Theologie des Pietis<pb xml:id="p192" break="no" ed="pga"/>mus lautet daher, ob sie nicht Theologie der Ungeduld sei, und wir meinen,
               protestantische Theologie habe<note xml:id="n18">Text A: «<hi rend="italic">Sie hat dann
                     einzusehen</hi> …»</note> einzusehen, daß das Schauen der Koinzidenz des
               göttlichen Ja mit dem menschlichen <hi rend="italic">endgeschichtliche</hi> Wirklichkeit
               ist, Jesus Christus selber, dessen Handeln schließlich keine dritte Koordinate,
               sondern das Ende aber auch den Anfang der ersten und zweiten Koordinate unseres
               Denkens über Gott und göttliche Dinge bezeichnet.</p>
        </div>
      </div>
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    </body>
  </text>
</TEI>
