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        <title type="volume" n="vol-02">Ethik I</title>
        <title type="formal">DER BERUF</title>
        <title type="content">Der Beruf</title>
        <title type="citation_line_1">Der Beruf, in: Ethik I, 1928</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/2011 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Ethik I, hrsg. v. Braun, Dietrich (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1973, S. 292–353.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Ethik I</title>
          <title type="text">DER BERUF: Der Beruf</title>
          <editor>Braun, Dietrich</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1973</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 292-353</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe II.2, Ethik I 1928, section 8</title>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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      <div type="chapter">
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        <head>§ 8 DER BERUF</head>
        <div type="abstract">
          <p>Gottes Gebot trifft mich immer an einem begrenzten Ort und als ein bestimmtes Werk
               seiner Schöpfung. In dieser meiner konkreten Berufung durch Gott den Schöpfer nimmt
               es mich in Anspruch und habe ich es zu hören.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>1.</head>
          <p>Wir haben in <ref type="pub" target="../volume/02/p193#p193">§ 7</ref> das durch das Gebot des
               Schöpfers aufgeworfene ethische Problem kennengelernt. Gott ist der Schöpfer und der
               Herr des Lebens. Wir leben. Wir leben im Zusammenhang mit anderem fremden Leben. So
               bedeutet sein Gebot die an unser gan<pb xml:id="p293" break="no" ed="pga"/>zes Tun gerichtete Frage, ob es <seg type="non-entity">Wille</seg> zu dem von Gott geschaffenen eigenen Leben und
               ob es Ehrfurcht vor dem von Gott geschaffenen fremden Leben sein oder nicht sein
               möchte. Die Antwort gibt das Gericht, aus dem wir fort und fort herkommen, in das wir
               fort und fort hineingehen. Die Antwort ist also Gottes Antwort, wie die Frage Gottes
               Frage ist. Eben darum sind wir nicht in der Lage, diese Antwort vorwegzunehmen –
               sowenig wir selbst es sind, die die Frage aufgeworfen haben –, nicht in der Lage,
               eindeutig zu sagen: dies und dies Tun ist oder ist nicht Betätigung des uns von Gott
               gebotenen Lebenswillens, ist oder ist nicht Betätigung der uns gebotenen Ehrfurcht
               vor dem Leben. Dieses «ist» kann keinen Klang haben als allgemeine menschliche
               Wahrheit, so freigebig die Ethiker damit umzugehen pflegen, es kann als menschliches
               sittliches Urteil immer nur von Fall zu Fall und unter Vorbehalt des Urteils der
               höheren Instanz erfolgen. Es ist das göttliche mandatum concretissimum, in dem dieses
               «ist» allein offenbar wird und ist. Aber nun erschöpft sich ethische Besinnung
               offenbar nicht in der Frage nach dem <hi rend="italic">Inhalt</hi> unseres Tuns. Wir
               können und brauchen uns nicht zufriedenzugeben mit der Feststellung, daß wir von Gott
               dem Schöpfer gefragt sind, was wir tun, und daß wiederum Gott der Schöpfer uns wohl
               sagen wird, was wir getan haben. Und zwar darum nicht, weil das Gebot Gottes uns
               nicht nur angeht als solche, die leben wollen und im Zusammenhang mit anderem fremden
               Leben zu leben haben, sondern nun weiter als solche, die <hi rend="italic">das</hi> und
                  <hi rend="italic">das</hi> seiend und <hi rend="italic">so</hi> und <hi rend="italic">so</hi>
               seiend leben und zu leben haben: «an einem begrenzten Ort und als ein bestimmtes Werk
               seiner Schöpfung».<note xml:id="n01">s. oben These zu <ref target="#Ges2-sec08">§
                     8</ref>.</note> Wissend aus der Entscheidung des gegenwärtigen in die
               Entscheidung des nächsten Augenblicks hinübergehen, in der uns Gott fragend und
               antwortend begegnen wird, wie er uns fragend und antwortend begegnet ist – das
               schließt in sich ein ganz bestimmtes (über das bloße Wissen um unser Leben
               hinausgehendes) Wissen um unser Das-Sein und So-Sein, durch das erst
               <pb xml:id="p294" ed="pga"/>
                die Begegnung mit Gott den Charakter einer wirklichen Verantwortung bekommt, den wir
               in unserem <ref type="pub" target="../volume/02/p193#p193">§ 7</ref> stillschweigend
               vorausgesetzt haben. Gott ist nicht willkürlich. Sein Gebot fällt nicht, wie es nach
               dem Bisherigen vielleicht als noch nicht ganz ausgeschlossen erscheinen könnte, jetzt
               dahin, jetzt dorthin ins Menschenleben, jetzt so, jetzt anders treffend, es fällt
               auch in das Leben des Einzelnen nicht zufällig, in keinem Augenblick zufällig gerade
               so herein, wie es fällt. Es trifft mich so, wie mich der Blitz trifft, der, wenn er
               mich trifft, nach den Gesetzen des Magnetismus durchaus gerade mich getroffen haben
               muß, oder sagen wir noch besser: es trifft mich, wie mich ein wohlgezielter, gerade
               auf mich gezielter Pfeil trifft.</p>
          <p>Zwischen Gottes Gebot und mir besteht, wenn ich es höre und in jedem Augenblick, da
               ich es höre, eine bestimmte <hi rend="italic">Korrelation,</hi> in der es mich gerade so
               und nicht anders trifft. In dieser Korrelation begegnet es mir entsprechend meinem
               Das-Sein und So-Sein, so daß mir indirekt mein eigenes Das-Sein und So-Sein zum
               Zeugnis von der Wirklichkeit des göttlichen Gebotes wird, so daß ich jenem wie einem
               Spiegelbild eine Erkenntnis des göttlichen Gebotes entnehmen kann, die über die
               inhaltliche Erkenntnis, daß es Gebot des Lebens ist, hinausführt, eine wenn auch
               indirekte und relative, so doch in sich klare Erkenntnis dessen, daß das Gebot und
               inwiefern das Gebot <hi rend="italic">mich</hi> angeht. Jene Korrelation ist aber damit
               gegeben, daß ja der Gebieter des Gebotes zugleich mein Schöpfer ist. Daß ich in
               diesem Augenblick in der Krisis des Gebotes stehe, und daß ich bin, was ich in diesem
               Augenblicke bin, das ist das Werk <hi rend="italic">einer</hi> Hand, das Tun des
               Schöpfers, das Eine wie das Andere. Gott <hi rend="italic">beansprucht,</hi> was ihm <hi rend="italic">gehört,</hi> sein Anspruch ist ein Rechtsanspruch, haben wir schon zu
               Anfang von <ref type="pub" target="../volume/02/p193#p193">§ 7</ref> gehört. Also nicht so ist
               die Korrelation zwischen dem Gebot und meinem Das-Sein und So-Sein zu verstehen, als
               wäre dies, daß ich <hi rend="italic">das</hi> und daß ich <hi rend="italic">so</hi> bin, etwa
               in sich selbst begründet, als hätte sich Gott, indem er mich in Anspruch nimmt, etwa
               nach mir zu richten, sich nachträglich an mich und meine Freiheit anzupassen. Es ist
               ja schon mein Wissen um mich selbst,
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                um das, was ich bin, in diesem Augenblick keineswegs ein mir eignendes, ein als <hi rend="italic">mein</hi> Wissen in sich begründetes Wissen. Gehe ich wissend um mich
               selbst der Entscheidung des nächsten Augenblicks entgegen, dann darum, weil auch der
               gegenwärtige Augenblick unter Gottes Gebot steht, weil Gottes Gebot mir über mich
               selbst Bescheid gesagt hat. So ist nun auch das, was ich weiß, also das, was mir
               durch das Gebot über mich selbst gesagt ist: daß ich in dieser und dieser
               Begrenztheit und Bestimmtheit existiere, keine in sich gegründete Wirklichkeit,
               sondern eine solche, in der ich mich nur als Gottes Geschöpf, als Werk der creatio ex
               nihilo und nicht anders vorfinde. Es kommt also nicht in Frage, daß wir jene
               Korrektion so verstehen könnten, als wären wir auf Grund jener unserer Wirklichkeit
               in der Lage, bei Gott einen Gegenanspruch, einen Anspruch auf Berücksichtigung
               unseres Das-Seins und So-Seins anzumelden. Und zwar darum nicht, weil unser Das-Sein
               und So-Sein in dem uns begegnenden Gebot schon berücksichtigt ist, weil es ja eben
               das Gebot unseres Schöpfers ist. Unser durch Gottes Gebot vermitteltes Wissen um uns
               selbst besteht darin, daß wir uns als seine Geschöpfe wissen, nicht nur in unserem
               Leben als solchem, sondern nun eben auch in der Bestimmtheit unseres Lebens, in der
               es an <hi rend="italic">diesem</hi> Ort <hi rend="italic">dieses</hi> Werk seiner Schöpfung
               ist. Damit ist uns aber der Raum und der Atem schlechterdings genommen, diese
               Bestimmtheit unseres Lebens etwa zur Begründung dazu anzuführen, daß wir über den
               Sinn und Inhalt des Gebotes mitzuverfügen hätten. Sondern so steht es, daß Gott
               entsprechend der Art, wie er über unsere Lebensbestimmtheit verfügt hat, nun auch
               über den Sinn und Inhalt des an uns ergehenden Gebotes verfügt. Wir befinden uns also
               als Gottes Partner in jener Korrelation nicht auf derselben Ebene mit ihm, er als der
               Große, wir als die Kleinen vielleicht, sondern schlechthin selbständiges und
               schlechthin unselbständiges Existieren begegnen sich in ihr. Von einer Umkehrbarkeit
               der Ordnung, von einer Reziprozität der hier stattfindenden Beziehung, von einer
               Relevanz der menschlichen für die göttliche Freiheit kann gar keine Rede sein.</p>
          <p><pb xml:id="p296" ed="pga" rend="noPipe"/>Aber nachdem das gesagt ist: daß Gott der Herr ist über den Sinn und Inhalt des
               Gebotes ebenso wie über die Bestimmtheit unseres Lebens in jedem Augenblick, darf nun
               eben auch das Andere nicht unterdrückt werden, daß Gott nicht willkürlich ist, d.h.
               daß jene Korrelation wirklich besteht zwischen seinem Gebot und der Bestimmtheit
               unseres Lebens. Die Formel: «Gott Alles und der Mensch nichts» ist falsch, denn sie
               leugnet die Schöpfung. Die Schöpfung ist eben die göttliche Setzung jenes schlechthin
               unselbständigen Seins, das nun doch als solches, als von Gott geschaffenes, nicht
               Nicht-Sein, sondern Sein ist. Wir existieren <hi rend="italic">nicht durch uns selbst</hi>
               in dieser unserer Bestimmtheit und darum erwächst uns aus ihr kein Verfügungsrecht
               über Gottes Gebot, aber wir <hi rend="italic">existieren</hi> in dieser Bestimmtheit. Wir
               wissen auch <hi rend="italic">nicht aus uns selbst</hi> um dieses unser Existieren,
               sondern durch Gottes Wort, aber durch Gottes Wort <hi rend="italic">wissen</hi> wir darum.
               Es ist uns aber notwendig, darum zu wissen. Es kann ja kein unwesentliches, sondern
               es muß ein sehr wesentliches Moment in der Erkenntnis des Gebotes sein, daß wir es
               als zu <hi rend="italic">uns</hi> gesagt verstehen. Wir sind aber nicht die Schöpfung
               überhaupt, wir leben nicht das Leben überhaupt, sondern wir leben an einem <hi rend="italic">bestimmten</hi> Ort und als ein <hi rend="italic">bestimmtes</hi> Werk der
               Schöpfung Gottes. Trifft uns das Gebot nicht in dieser unserer Begrenztheit und
               Bestimmtheit, so trifft es uns überhaupt nicht. Wir sind kein leeres Blatt, auf das
               nun irgend etwas geschrieben würde. Wir sind keine leere Saite, auf der nun irgendein
               Ton gegriffen würde. Schlechthin unselbständig im Verhältnis zu Gott sind wir das und
               sind wir so, aber wir sind <hi rend="italic">das</hi>, und wir sind <hi rend="italic">so</hi>.
               Und Gottes Gebot geht uns in diesem unserem Das-Sein und So-Sein an. Gott fragt und
               Gott antwortet, aber das ist kein Vorgang, dem wir mit verschränkten Armen beiwohnen
               könnten, weil Gottes Fragen und Antworten sich auf unser verantwortliches Tun
               bezieht. An dem Wissen um die Bestimmtheit unseres Lebens hängt unser Wissen um
               unsere Verantwortlichkeit. Gottes Fragen und Antworten bezieht sich nicht nur auf
               unser Tun, sondern, weil auf unser <hi rend="italic">verantwortliches</hi> Tun, eben damit
               auch auf unser Sein. Der <seg type="non-entity">Ernst</seg> der Tatsache, daß
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                nicht irgend etwas oder irgend jemand, sondern wir selbst Gott begegnen müssen,
               erlaubt es uns nicht, uns selbst nicht ernst zu nehmen: nicht um irgendeiner
               Anschauung willen, die wir von uns selbst gewonnen haben, nicht in irgendeiner
               Seinstiefe, in der wir uns selbst gehörten – beides ist durch dieses Ernstnehmen
               vielmehr ausgeschlossen –, wohl aber in der Existenz und Existenzweise, die wir Gott
               verdanken, und in der uns Gott wiederum für sich in Anspruch nimmt. Gott fragt uns
               nicht nur: Was <hi rend="italic">tust</hi> du?, sondern eben damit auch: Wer <hi rend="italic">bist</hi> du? und die erste Frage bliebe allzu dunkel, wenn nun nicht diese
               zweite hinzuträte mit dem Anspruch, ebenfalls gehört und in die ethische Besinnung
               einbezogen zu werden. Wenn und indem das Gebot Gottes des Schöpfers, das uns zu leben
               und fremdes Leben zu respektieren gebietet, wirklich <hi rend="italic">mich</hi> angeht,
               dann kann das nicht heißen, daß ich für alles Weitere auf den dunklen Zufall oder
               Drang meines Seelenlebens oder meiner Situation verwiesen werde, daß ich mir selbst,
               den Launen oder dem Schicksal meiner Subjektivität preisgegeben sei. Sondern gerade
               indem es <hi rend="italic">mir</hi> gebietet, ist es <hi rend="italic">bestimmtes</hi>, für
               mich bestimmtes und damit dann auch inhaltlich jedenfalls näher bestimmtes Gebot.</p>
          <p>Zur Formulierung des mandatum concretissimum, um dies gleich zu sagen, werden wir
               freilich auch von dieser Seite aus nicht vorstoßen können – wir wissen, daß das
               mandatum concretissimum Gottes Offenbarung ist –, wohl aber, und das ist etwas wert,
               zu einer zweiten Bestimmtheit, die dem mandatum concretissimum auf alle Fälle eigen
               sein wird. Fasse ich statt des Inhalts des Gebotes jetzt das ins Auge, daß es das <hi rend="italic">mir</hi> gegebene Gebot ist, dann bedeutet das nämlich: Ich habe mich,
               was auch der Inhalt des Gebotes sein möge, auf alle Fälle als in der Wirklichkeit, in
               der ich mich selbst vorfinde, auch von Gott vorgefunden zu verstehen, indem sein
               Gebot mich anspricht. Ich darf und soll, indem ich auf sein Gebot höre, nicht
               abstrahieren von meiner eigenen Wirklichkeit, denn diese meine Wirklichkeit steht zu
               Gottes Gebot in Entsprechung. Sie und keine andere wird der Ort sein, wo Gott Gericht
               über mich hält. Das Gericht des Gebotes, unter dem ich
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                stehe, bedeutet nicht nur, daß ich an Gottes Gebot, sondern eben damit, weil Gottes
               Gebot zu <hi rend="italic">mir</hi> gesagt ist und weil ich desselben Gottes Geschöpf bin,
               daß ich an mir selbst, an meinem Das-Sein und So-Sein gemessen werde. Ich stehe jeden
               Augenblick gerade in der Bestimmtheit meines Lebens im Lichte des Gebotes und kann
               und werde das Gebot nicht verstehen, wenn ich es nicht auch in der Bestimmtheit
               meines Lebens verstehe. Würde ich mich selbst durchschauen und verstehen, wie mich
               Gott durchschaut und versteht, wäre das Individuum «effabile»,<note xml:id="n02">Mit
                  Beziehung auf den Satz der Mittelalterlichen Philosophie «individuum est
                  ineffabile» (s. unten), welcher besagt, daß die konkrete Besonderheit der
                  Individualität nie in den Begriff eingeht, da dieser gemäß seiner logischen
                  Funktion allgemein ist.</note> so müßte uns in jeder wirklich von uns
               durchschauten und verstandenen Komponente unserer eigenen Wirklichkeit auch Gottes
               Gebot in Klarheit einsichtig sein, wie es Gott selber einsichtig ist. So durchschauen
               und verstehen wir uns nun freilich gerade nicht, «individuum est ineffabile»,
               wirklich durchschaut und verstanden ist das Geschöpf weder von einem anderen Geschöpf
               noch von sich selber. Nur das läßt sich sagen, das aber muß gesagt werden, daß unsere
               geschöpfliche Wirklichkeit als Ganzes und daß mehr oder weniger deutlich jede
               einzelne ihrer Komponenten einen <hi rend="italic">Hinweis</hi> auf Gottes Gebot (in der
               eigentümlichen Bestimmtheit, in der es das <hi rend="italic">mir</hi> gegebene Gebot ist)
               bedeutet im selben Sinn, wie wir die Tatsache unseres eigenen und fremden Lebens als
               Hinweis auf seinen Inhalt verstanden haben. Unsere geschöpfliche Wirklichkeit (immer
               in dem besonderen Sinn unseres Das-Seins und So-Seins verstanden) stellt uns, und
               [zwar] jede einzelne ihrer Komponenten stellt uns vor die Frage: Wer bist du?
               nämlich: wer bist du als der, den eben jetzt Gottes Gebot angeht, eine Frage, die
               dann offenbar für die andere: Was tust du? eine ganz eigentümliche Präzisierung und
               Verschärfung bedeutet.</p>
          <p>Unsere eigene Wirklichkeit in ihrer Bestimmtheit verstanden als solcher Hinweis auf
               Gottes Gebot – das ist der allgemeine ethische Sinn des Begriffes <hi rend="italic">Beruf</hi>. Wir verstehen ihn also hier
               <pb xml:id="p299" ed="pga"/>
                umfassend als Inbegriff des Das-Seins und So-Seins des Menschen. Weil wir dieses
               Das-Sein und So-Sein nicht aus uns selbst haben, sondern von Gott, darum kann es,
               ohne daß es selbst das Gebot Gottes wäre, eine Stimme, eine berufende Stimme haben,
                  <hi rend="italic">be</hi>rufend, <hi rend="italic">hin</hi>rufend zu Gottes Gebot. Es wäre
               nämlich ganz unangebracht und voreilig, in unserem Beruf, auch in dem hier
               angenommenen allgemeinen Sinn, wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-339">Ritschl</persName></hi> es in bezug auf den
               Beruf im engeren Sinn sehr ungebrochen getan hat, das Gebot Gottes selbst erkennen zu
                  wollen.<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1760"><persName ref="kbga-actors-339">A. Ritschl</persName>, <hi rend="italic">Unterricht in der christlichen
                           Religion</hi>, Bonn
                                1875, 1881<hi rend="sup">2</hi>, 1886<hi rend="sup">3</hi> (z. T. erheblich überarbeitet)</bibl>. In Verbindung mit dem Vortrag: <bibl><hi rend="italic">Die christliche Vollkommenheit</hi>, 1874,
                        in einer kritischen Ausgabe hrsg. von C. Fabricius,
                           Leipzig
                                1924, S. 10ff., 56.81.92f.</bibl>
                  </note> Aber das ist richtig, daß wir Gottes Gebot nicht hören können, ohne auch auf
               diese berufende, zum Gebot hinrufende Stimme unserer eigenen bestimmten Wirklichkeit
               zu hören, anders ausgedrückt: wenn wir es nicht von unserem bestimmt umgrenzten Ort
               in der Schöpfung aus hören wollen. Mein Beruf ist nämlich die Begrenztheit und
               Bestimmtheit, in der unter den anderen Menschen und Geschöpfen überhaupt nun gerade
               ich lebe, sofern diese Bestimmtheit nicht zufällig, nicht schicksalhaft und darum
               auch in bezug auf das mir gegebene Gebot auch nicht stumm ist, sondern auf göttlicher
               Bestimmung beruht, sofern in ihr das mich treffende Gebot sich bezeugt, sich
               ankündigt, sofern sie also auf Gottes Gebot hinzeigt, wenn ich ihr Zeigen nur sehen
               und verstehen will. Sich selbst ernst nehmen im Sinn des vorhin Gesagten heißt also
               einfach: dieses Zeigen der Bestimmtheit, in der wir Alle leben, sehen und verstehen
               wollen, seinen <hi rend="italic">Beruf</hi> ernst nehmen, sein Das-Sein und So-Sein nicht
               als neutral, nicht als indifferent anzusehen, sondern anzusehen auf die Weisung zu
               Gottes Gebot, die sie uns nicht verweigern wird. Es kann sich auch bei der
               Überlegung, die wir hier anzustellen haben, natürlich nicht etwa darum handeln,
               nunmehr die Bestimmtheiten, in denen wir leben, auch nur in annähernder
               Vollständigkeit zu entwickeln und zu analysieren. Das eigentliche entscheidende Wort
               darüber, was unser Beruf
               <pb xml:id="p300" ed="pga"/>
                ist, wird ungesagt bleiben müssen, wie wir ja auch nicht sagen könnten, was Leben
               ist. An einigen Näherbestimmtheiten der menschlichen Wirklichkeit können wir
               anzudeuten versuchen, was es um ihre Bestimmtheit und ihre Korrelation zu Gottes
               Gebot sein möchte.</p>
          <p>Die Bestimmtheit selbst ist nicht nur das Geheimnis des Individuums, wie wir vorhin
               sagten, sondern primär das Geheimnis Gottes. Können wir nun nicht einmal die Weisung
               vollständig und erschöpfend wiedergeben, die uns unsere Berufung gibt, weil wir von
               ihr nur das Allgemeine, aber gerade nicht das Besondere sagen können, das sie im
               Leben des einzelnen Menschen zur Weisung macht, so können wir noch weniger aufzeigen,
               daß und inwiefern wir ja viel mehr empfangen als Weisung, nämlich Gottes Gebot
               selbst. Nur das kann uns diese zweite Überlegung zeigen – das kann und soll sie uns
               aber auch zeigen: daß auch die subjektive Seite der Erkenntnis des Gebotes, daß auch
               die Frage: Wer bist du? ohne die Frage: Was tust du? dunkel bleiben muß, keineswegs
               der ethischen Besinnung entzogen, nicht dem Zufall überlassen ist. Es ist eben kein
               Zufall, daß ich bin, was ich bin. Und wenn wir darüber nur in Form der Erörterung
               einiger allgemeiner Erwägung zugänglicher Näherbestimmtheiten der menschlichen
               Existenz reden können, so ist zu bedenken, daß es mehr schließlich auch nicht
               braucht, um deutlich zu machen, daß der Mensch auch nach dieser Seite auf der Wache
               zu sein, sorgfältig und bedenklich mit Gottes Gebot umzugehen aufgerufen ist.</p>
        </div>
        <div type="section">
          <head>2.</head>
          <p>Wir berühren nun einige von den engeren und weiteren Kreisen, innerhalb derer sich
               unser Leben abspielt, die es, wenn auch nicht erschöpfend, weil das unwiederholbar
               Einzelne des Lebens gerade nicht erreichend, als ein begrenztes und bestimmtes Leben,
               die unser Dasein als ein Das-Sein und So-Sein charakterisieren. Wir berühren dieses
               Kreise im <seg type="non-entity">Blick</seg> darauf, daß sie Weisung zu
               <pb xml:id="p301" ed="pga"/>
                dem uns gegebenen Gebot, also Weisung in der Frage: Was sollen <hi rend="italic">wir</hi>
               tun? bedeuten können, wenn wir sie als solche beachten – also in der Absicht, Momente
               unserer eigenen subjektiven Wirklichkeit aufzuzeigen, die ebenso viele Momente der
               Erkenntnis der objektiven Wirklichkeit des Gebotes werden können, [wir berühren sie]
               also immer in der Absicht, hinzuweisen auf unseren <hi rend="italic">Beruf</hi>, der
               selber der große Hinweis, der Wegweiser und Führer zum Gebote Gottes ist.</p>
          <p>1. Wir beginnen mit einem <seg type="non-entity">Kreis</seg>, der so universal ist, daß man sich auf den ersten,
               aber doch nur auf den ersten Anblick fragen möchte, ob wir nicht ein leeres Wort
               aussprechen, indem wir ihn besonders nennen: Wir haben unseren Beruf, indem wir von
               Gottes Gebot getroffen werden, jedenfalls grundsätzlich in der Richtung der Einsicht
               zu suchen, daß wir <hi rend="italic">Menschen</hi> sind. Nicht als irgendwelche und auch
               nicht als diese und diese andere unter den unübersehbar vielen Möglichkeiten der
               Schöpfung finden wir uns vor, finden wir uns als durch das Wort Gottes vorgefunden,
               sondern <hi rend="italic">das</hi> seiend und <hi rend="italic">so</hi> seiend: als <hi rend="italic">Menschen</hi>. Wir dürfen wohl an dieser Stelle, wo wir uns selbst
               verstehen wollen unter dem Begriff der Geschöpflichkeit, in der Bestimmung des Wesens
               des Menschen nicht weiter gehen als bis zu dem Satz, daß wir uns selbst verstehen als
               Wesen, die nur von sich selbst und ihresgleichen wissen, daß ihr Leben sich nicht
               erschöpft in den wahrnehmbaren Vorgängen des physischen, des raumzeitlichen Lebens,
               daß ihr Leben vielmehr, wenn auch in der physisch, raumzeitlich bedingten Form des
               Bewußtseins, teilnimmt an einer nicht wahrnehmbaren Seite der Weltwirklichkeit, an
               einer Seite der Schöpfung, die jener anderen – sollen wir sagen: vorausgeht?, sollen
               wir sagen: nachfolgt? – jedenfalls, ohne je von ihr getrennt zu sein, ohne je und
               irgendwo in einem Ansichsein als eine Meta-Physik erkennbar zu werden, doch von der
               Welt der Physik unterschieden ist, von der aus erst jene andere wahrnehmbare Seite
               als solche, als Welt der Physik, einsichtig und übersichtlich wird. Kraft dieser
               Anteilnahme wissen wir uns, relativ unterscheidend zwischen uns selbst und unserem
               Lebensakt, als <hi rend="italic">Subjekt</hi>
                  <pb xml:id="p302" ed="pga"/>
                dieses Aktes. «Es» lebt nicht, sondern <hi rend="italic">ich</hi> lebe. Mein Leben ist
               nicht nur ein Geschehen, sondern immer auch mein Handeln. Man kann und muß es auch
               umgekehrt sagen: Indem ich handle, indem <hi rend="italic">ich</hi> mein Leben lebe,
               findet jene Anteilnahme statt, bin ich Glied einer intelligiblen Welt, lebe ich als
               Leib <hi rend="italic">und</hi> Seele, lebe ich als <hi rend="italic">Mensch</hi>. So oder so
               bedeutet nämlich dieser Satz nicht mehr und nicht weniger als die Umschreibung der
               besonderen, bestimmten Geschöpflichkeit eben des <hi rend="italic">Menschen</hi>. Also:
               Gott steht über dem Gegensatz der sichtbaren und unsichtbaren Weltwirklichkeit, in
               dem ich als Mensch existiere. Im Verhältnis zu Gott ist diese wie jene <hi rend="italic">geschaffene</hi> Wirklichkeit, <hi rend="italic">unselbständige</hi> Wirklichkeit.
               Damit habe ich also noch nicht Anteil am Leben Gottes, daß ich Glied der
               intelligiblen Welt bin, daß ich nicht nur ein leibliches, sondern auch ein geistiges,
               seelisches Leben lebe. Auch das Leben der Seele spielt sich diesseits der
               Kreaturgrenze ab. Aber dieser Vorbehalt hindert nun doch nicht, daß die Wirklichkeit
               des Menschen diese doppelt bestimmte Wirklichkeit ist. Und weiter ist zu sagen, daß
               wir nichts darüber wissen, ob es nicht auch andere, bekannte oder unbekannte
               Geschöpfe gibt, die in derselben oder in einer ähnlichen Weise doppelt bestimmt leben
               wie wir. Unser Wissen berechtigt uns nicht zur Leugnung der Möglichkeit von Tier- und
               Pflanzenseelen. Freilich auch nicht zur Behauptung solcher Möglichkeiten. Wir kennen
               nur uns selbst und unseresgleichen als lebend in dieser doppelten Bestimmung. Aber
               dieser Vorbehalt hindert wiederum nicht, daß wir uns selbst und unseresgleichen als
               lebend in <hi rend="italic">dieser</hi> Bestimmtheit <hi rend="italic">kennen</hi>. In ihr also
               hören wir das Gebot des Schöpfers, das Gebot des Lebens.</p>
          <p><seg type="non-entity">Wille</seg> zum Leben und Ehrfurcht vor dem Leben, sofern sie Gehorsam gegen Gottes Gebot
               sind, sind auf alle Fälle charakterisiert als <hi rend="italic">Menschlichkeit</hi>, als
                  <hi rend="italic">Humanität</hi>. Sie stehen, indem wir sie betätigen, unter dem
               Kriterium der Frage, ob wir sie als menschlich verstehen können. Es kann also gar
               keine Rede davon sein, daß wir daran denken könnten, das Anliegen, das eben in dem
               Begriff der Humanität (und damit auch historisch: des
               <pb xml:id="p303" ed="pga"/>
                Humanismus) angemeldet ist, in jener allzu siegreichen Weise unter den Tisch zu
               wischen, wie dies in etlichen im übrigen befreundeten Lagern der heutigen Theologie
               zu geschehen pflegt.<note xml:id="n04">Man wird hierbei außer an so verschieden
                  profilierte lutherische Theologen wie <persName ref="kbga-actors-137">F. Gogarten</persName> (s. oben <ref type="pub" target="../volume/02/p001#p001">§ 1</ref> Anm. 30. 31), <persName ref="kbga-actors-2500">P. Schütz</persName> (<date when="1891">1891</date>) oder
                  auch <persName ref="kbga-actors-2482">E. Reisner</persName> (<date from="1890" to="1966">1890–1966</date>) vor allem an die Schüler des reformierten
                  Theologen <persName ref="kbga-actors-647">H. F. Kohlbrügge</persName> (<date from="1803" to="1875">1803–1875</date>) zu denken haben: <persName ref="kbga-actors-982">H. Forsthoff</persName>
                     (<date from="1871" to="1942">1871–1942</date>) und <persName ref="kbga-actors-1054">F. Horn</persName> (<date from="1875" to="1957">1875–1957</date>).</note> Humanität
               ist vielmehr die breite Grundlage der göttlichen Berufung, die wir nicht <hi rend="italic">nicht</hi> ernst nehmen können, wenn wir von Gottes Gebot, so gewiß es das Gebot
               Gottes des Schöpfers ist, getroffen sind. Humanität des <seg type="non-entity">Willens</seg> zum Leben würde
               bedeuten, daß wir nicht bloß an sich leben wollen, wie auch das Tier, wie auch die
               zum Lichte und zur Feuchtigkeit strebende Pflanze leben will, sondern leben wollen in
               menschlicher Bestimmtheit. Je mehr sich unser Lebenswille in einer einzelnen Tat oder
               in einer kontinuierlichen Richtung unseres Tuns dem bloß vegetabilischen oder bloß
               animalischen Lebenswillen annähert und angleicht, je weniger unser Wollen das Wollen
               des <seg type="non-entity">Bürgers</seg> zweier Welten ist, als den uns Gott geschaffen hat, desto aktueller wird
               offenbar die Frage nach der Humanität dieses <seg type="non-entity">Willens</seg>. Wir haben freilich keinen
               unzweideutigen Maßstab, mit dem in der Hand wir die Grenzen der Humanität abstecken
               könnten: Wir kennen ja keine Humanität, die nicht auch an der Animalität, ja an der
               Vegetabilität teilnähme, und keine Animalität, der wir die Humanität mit Sicherheit
               absprechen könnten. Daß er menschenwürdig oder menschenunwürdig handle, das kann kein
               Mensch dem Anderen, das kann auch keiner sich selbst sagen, das sagt Gott. Aber Gott
               sagt uns, indem uns sein Gebot richtet, in der Tat auch dies.</p>
          <p>Indem wir dies Kriterium nicht als absolut, sondern als relativ verstehen, leugnen
               wir nicht, sondern behaupten wir, daß die Frage nach unserer Humanität, z.B. nach der
               Humanität unseres Selbsterhaltungstriebes, unserer Bedürfnisbefriedigung, unserer
               Lust <hi rend="italic">gestellt</hi>, daß hier größere, dort geringere Bedenklichkeit in
               bezug auf das Verhältnis unseres Tuns zu Gottes Gebot im
               <pb xml:id="p304" ed="pga"/>
                <seg type="non-entity">Blick</seg> auf diese Frage <hi rend="italic">am Platze</hi>, daß also ethische Besinnung
               möglich und notwendig ist, so gewiß der Sinn dieser Besinnung nur <hi rend="italic">Bereitung</hi>, nicht aber die Entscheidung zwischen Gut und Böse sein kann. Und
               es würde Humanität der Ehrfurcht vor dem Leben bedeuten, daß wir allem fremden Leben
               in der spezifischen <seg type="non-entity">Scheu</seg> und Verantwortlichkeit, die wir als menschliche kennen,
               gegenüberstehen, anders als Pflanze neben Pflanze, Tier neben Tier zu leben scheint,
               nämlich wissend um die unsichtbare Seite der Weltwirklichkeit, wissend um den
               wenngleich geschaffenen Geist, der der Naturkraft unseres Lebens noch eine andere
               Grenze setzt als die, die ihr fort und fort durch seinen Zusammenprall mit anderen
               Naturkräften gesetzt wird. Je mehr unser Verhältnis zum fremden Leben sich den
               Verhältnissen des Urwalds annähert, um so aktueller wird offenbar die Frage nach
               seiner Humanität. Wir haben diese Frage mächtig aufstehen sehen gegenüber jenen
               Möglichkeiten menschlichen Handelns, die wir unter den Begriff der Konkurrenz
               zusammenfaßten, noch mehr gegenüber den sämtlichen Möglichkeiten der Tötung des
               Menschen durch den Menschen, aber auch schon gegenüber zahlreichen Möglichkeiten
               unseres Verhältnisses zur Tier- und Pflanzenwelt. Wir wissen nun um das innere Recht
               dieser Frage. Bei allen diesen Möglichkeiten steht eben unsere <hi rend="italic">Humanität</hi> in Frage, die Besonderheit, die Unterschiedenheit, in der der
               Mensch als Mensch dem fremden Leben gegenübersteht: er, der Wissende, der unsichtbar
               durch sich selbst als Subjekt seines Handelns gehemmte, er, dessen Tun kein bloßes
               Geschehen sein kann.</p>
          <p>Unsere Humanität steht <hi rend="italic">in Frage</hi>: nur das kann gemeint sein, wenn
               wir dieses Tun als human und jenes als inhuman in diesem engeren Sinn des Begriffs
               bezeichnen. Es kann immer noch human und geboten sein, jenen großen Wettlauf des
               Lebens mitzumachen unter Umständen bis zu seinem bittersten Ende, das in der Tötung
               des Anderen bestehen kann, inhuman und verboten aber, dies zu unterlassen. Aber die
               Nähe zu dem Geschehen des Urwaldes, in die sich der Konkurrierende, der Tötende auf
               alle Fälle als solcher
               <pb xml:id="p305" ed="pga"/>
                begibt, sie macht das Wettlaufen und Töten unter allen Umständen zu einem sehr viel
               problematischeren Tun als ein anderes, das wir ganz oder doch vorwiegend als
               Schonung, Erhaltung und Pflege fremden Lebens verstehen können. Unter dem
               Gesichtspunkt der Humanität betrachtet, sinkt z.B. die Waage – mehr können wir nicht
               sagen, und wir sagen kein letztes Wort damit, aber das müssen wir sagen – zugunsten
               des Friedens und zuungunsten des Krieges, kann man unmöglich sagen, daß beides gleich
               mögliche Möglichkeiten sind, ist uns das Friedenhalten entschieden nähergelegt als
               das Kriegführen. Und das wäre sinngemäß anzuwenden auf den ganzen Inhalt von <ref type="pub" target="../volume/02/p193#p193">§ 7</ref> Abs. 3. Weil unsere Berufung auf
               Humanität lautet und nicht auf das Gegenteil, darum offenbar lautet – nicht das Gebot
               Gottes selbst, wohl aber das unzweideutige biblische Zeugnis von Gottes Gebot: «Du
               sollst <hi rend="italic">nicht</hi> töten!» <seg type="non-entity">Messer</seg> weg! Mag das Kriterium so relativ sein,
               als es will, mag also das Gebot Gottes auch unter Berücksichtigung dieses Kriteriums
               und in scheinbarem Widerspruch zu jenem biblischen Zeugnis von ihm von uns in
               concretissimo dahin verstanden werden müssen, daß wir das <seg type="non-entity">Messer</seg> zur Hand nehmen
               müssen, so werden wir doch im <seg type="non-entity">Blick</seg> darauf, daß das Gebot des Lebens uns als <hi rend="italic">Menschen</hi> gegeben ist, unmöglich sagen können, daß wir kein Kriterium
               haben, daß wir ohne Weisung seien darüber, was es nun eben uns sagen wolle. Schon das
               scheinbar so Allgemeine und Leere, daß wir <hi rend="italic">Menschen</hi> sind, <hi rend="italic">ist</hi> Weisung in bezug auf die Frage, wie <hi rend="italic">wir</hi> denn
               unseren Lebenswillen und wie <hi rend="italic">wir</hi> denn die Ehrfurcht vor dem fremden
               Leben betätigen sollen. Steht das letzte eigentliche Urteil über unser Tun, das
               Urteil über Gut und Böse in Gottes und nur in Gottes Hand, so können wir doch nicht
               sagen, daß wir nicht wachend, nach bestem Wissen und Gewissen auch selber urteilend,
               seinem Spruch entgegengehen könnten, verantwortlich und nicht unverantwortlich.<note xml:id="n05">Randbemerkung von K. B.: «<hi rend="italic">Dieser Passus ist zu kurz
                     geraten. Es fehlt eine Erörterung und Einbeziehung der Begriffe Menschenwürde,
                     Menschenrecht, Menschenliebe</hi>.»</note>
               </p>
          <p><pb xml:id="p306" ed="pga" rend="noPipe"/>2. Ein zweiter <seg type="non-entity">Kreis</seg> oder hier vielmehr ein ganz eigentümlicher Doppelkreis von
               Bestimmtheit, in dem wir alle leben, ist unsere <hi rend="italic">Geschlechtlichkeit</hi>.
               Wir leben nicht nur als Menschen, sondern wir leben als <seg type="non-entity">Mann</seg> oder als Frau. Aber wir
               müssen sofort ergänzen: wir leben als <seg type="non-entity">Mann</seg> <hi rend="italic">und</hi> Frau. Man muß es so
               sagen: Wir leben als <seg type="non-entity">Mann</seg> <hi rend="italic">oder</hi> Frau in unauflöslicher gegenseitiger
               Bezogenheit von <seg type="non-entity">Mann</seg> <hi rend="italic">und</hi> Frau. Das Gebot Gottes will vom <seg type="non-entity">Mann</seg> als
               <seg type="non-entity">Mann</seg> und von der Frau als Frau, aber nicht vom <seg type="non-entity">Mann</seg> an sich und von der Frau an sich
               – denn das gibt es nicht –, sondern vom <seg type="non-entity">Mann</seg> und von der Frau in ihrer gegenseitigen
                  <hi rend="italic">Bezogenheit</hi> zueinander gehört sein. Man kann vor allem
               Selbstbewußtsein des <seg type="non-entity">Mannes</seg> als <seg type="non-entity">Mann</seg> und der Frau als Frau eigentlich nur warnen: es
               ist dabei immer und von beiden Seiten gleich sehr der Tod im Topf [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kön.4.40">2.Kön. 4,40</ref>]. Unser
               wirkliches Geschlechtsbewußtsein ist nie und nimmer das auf die bekannten
               physischpsychischen Merkmale sich gründende männliche oder weibliche («frauliche!»)
               Sonder- und Eigenbewußtsein. Es gibt vielleicht nicht viel so schlimme
               Verkrampftheiten wie die, die davon herrühren, daß man an diesem Punkte falsche
               Götter anbetet, Illusionen für Wirklichkeiten hält. Das wirkliche
               Geschlechtsbewußtsein ist weder männlich an sich noch weiblich an sich, sondern beim
               <seg type="non-entity">Mann</seg>: Bewußtsein der Bezogenheit der eigenen Existenz auf die der Frau, bei der Frau:
               Bewußtsein der Bezogenheit der eigenen Existenz auf die des <seg type="non-entity">Mannes</seg>. Gewiß bestehen
               jene Merkmale. Aber nicht in ihrer Summe ist das Wesen hier des <seg type="non-entity">Mannes</seg>, dort der Frau
               zu suchen. Der <seg type="non-entity">Mann</seg> hat kein Eigenleben als solcher, sondern er ist <seg type="non-entity">Mann</seg>, indem er
               der Frau zugewendet ist. Und die Frau hat auch kein Eigenleben, sondern sie ist Frau,
               indem sie dem Manne zugewendet ist.</p>
          <p>Die Vorstellung eines in sich selbst begründeten und gerechtfertigten, sich selbst
               genügenden, in sich das Menschentum erfüllenden, das Andere irgendwie – und wäre es
               auch nur in Form dieses stolzen Selbstgenügens – überbietenden (um nicht zu sagen:
               übertrumpfenden) Männer- oder Frauentums: diese Vorstellung ist darum eine
               schlechthin ironische Vorstellung, eine
               <pb xml:id="p307" ed="pga"/>
                Vorstellung, die durch alles Pathos, mit dem sie vertreten wird, nur immer noch
               ironischer werden kann, weil sie gegenüber der Wirklichkeit unserer
               Geschlechtlichkeit eine leere, willkürliche Abstraktion des männlichen oder
               weiblichen Individuums bedeutet, an der sich diese nicht zu betrügende Wirklichkeit
               früher oder später rächen wird, von der aus es aber keinen Rückweg zu dieser
               Wirklichkeit gibt, d.h. an die sich dann der Gedanke der Zusammengehörigkeit von <seg type="non-entity">Mann</seg>
               und Frau nicht etwa nachträglich wieder anleimen und mit der sich folgerichtig auch
               der Gedanke eines Gebotes, unter dem der Mensch als <seg type="non-entity">Mann</seg> <hi rend="italic">und</hi> als
               Frau stünde, nicht vereinigen läßt, weil man sich mit ihr von dem Ort in der
               Schöpfung, an dem wir durch das Gebot getroffen werden, grundsätzlich entfernt hat.
               Eben darum stehen alle noch so wohlgemeinten und tiefsinnigen Definitionen des
               männlichen und weiblichen Wesens – so nahe die Forderung liegt, es müsse doch solche
               geben – zum vornherein im Schatten des Verdachtes, unfruchtbare und
               wirklichkeitsfremde Deklamationen zu sein, gleichviel, ob man nun mit dem Brustton
               der Überzeugung von der Schöpfer-, Führer- und Schützerstellung des <seg type="non-entity">Mannes</seg> oder mit
               leise bebender Stimme von der Mütterlichkeit, Hingabefähigkeit, Empfänglichkeit und
               Gestaltungswilligkeit der Frau letzte Worte zu reden sich getraut. Was wissen wir
               denn vom Manne und von der Frau, als daß der <seg type="non-entity">Mann</seg> nicht Mensch wäre ohne die Frau,
               die Frau nicht ohne den <seg type="non-entity">Mann</seg>, daß beide nicht sich selbst gehören können, ohne eben
               damit einander zu gehören? Alle jene Zuweisungen besonderer Tugenden, Vorteile,
               Vorrechte, wie sie die alte, in der Regel von Männern verfertigte Ethik zugunsten des
               <seg type="non-entity">Mannes</seg> und wie sie dann die Ideologie der Frauenbewegung mit viel Geräusch zugunsten
               der Frau vollzogen hat, kranken daran – und keine geschichtliche Notwendigkeit etwa
               der heutigen Lage darf uns daran irre machen, daß sie wirklich daran <hi rend="italic">kranken</hi>–, daß sie jene gegenseitige <hi rend="italic">Zugehörigkeit</hi>, in der
               der <seg type="non-entity">Mann</seg> allein <seg type="non-entity">Mann</seg> und die Frau allein Frau sein kann, in Frage stellen. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.25">Gen. 2,25</ref> steht das
               merkwürdige Wort: «Und sie waren beide nackt, der Mensch und sein Weib, und schämten
               sich nicht.»
               <pb xml:id="p308" ed="pga"/>
                Warum nicht? Weil die Männlichkeit des <seg type="non-entity">Mannes</seg> und die Weiblichkeit der Frau erst
               dadurch und dadurch allerdings mit Recht zu einem Gegenstand der Scham (und
               Schamhaftigkeit dann höchst paradoxerweise zu einer Tugend) wird, daß <seg type="non-entity">Mann</seg> und Frau
               in ihrer Männlichkeit und Weiblichkeit nicht einander, sondern sich selbst gehören
               wollen. Sofern sie einander gehören, dürfen und sollen sie beide nackt sein, d.h.
               darf und soll der <seg type="non-entity">Mann</seg> <seg type="non-entity">Mann</seg> und die Frau Frau sein, darf und soll die
               Eigengeschlechtlichkeit beider nicht geleugnet, nicht verborgen, nicht verwischt,
               nicht neutralisiert werden. Stellt man jene gegenseitige Zugehörigkeit in Frage (und
               das geschieht fast unvermeidlich schon mit dem ersten Wort jener Definitionen, jener
               Zuweisungen von allerlei unterscheidenden und konkurrierenden Auszeichnungen des
               <seg type="non-entity">Mannes</seg> oder der Frau), dann macht man damit die Männlichkeit <hi rend="italic">und</hi>
               die Weiblichkeit zu einer Sache, deren man sich als anständiger Mensch doch nur
               schämen kann und über die, auch wenn wir selbst nicht darüber erröten sollten, der
               scharfsichtige andere Teil ganz sicher einfach lächeln wird, aber mit jenem bösen
               Lächeln, mit dem <seg type="non-entity">Mann</seg> und Frau nicht übereinander lächeln sollten, weil sie dabei
               wahrlich zuerst sich selbst in ihrer Menschlichkeit und Geschöpflichkeit in Frage
               stellen.</p>
          <p>Wir können alles bisher Gesagte positiv zusammenfassen in dem anderen Wort aus der
               Schöpfungsgeschichte <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.18">Gen. 2,18</ref>: «Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei,
               ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.» Das ist der ernste Sinn dessen,
               was den <seg type="non-entity">Mann</seg> zum Manne macht: daß es ihm laut des göttlichen Schöpferwortes nicht gut
               ist, allein zu sein, daß ihm kraft dieses Schöpferwortes eine Gehilfin gegeben ist.
               Und das ist der ernste Sinn dessen, was die Frau zur Frau macht, daß sie diese
               Gehilfin <hi rend="italic">ist</hi>. Beides hat mit sogenannter echter Männlichkeit und
               mit der sogenannten echten Weiblichkeit gerade nichts zu tun. Echte Männlichkeit und
               echte Weiblichkeit sind in gleicher Weise pudenda, in deren Behauptung man sich nur
               aneinander versündigen kann. Was aus <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.18">Gen. 2,18</ref> zu ent<pb xml:id="p309" break="no" ed="pga"/>nehmen ist, das ist, daß <seg type="non-entity">Mann</seg> und Frau einander gehören und darin, in diesem
               Sichgehören, <seg type="non-entity">Mann</seg> und Frau sein sollen.–</p>
          <p>Wir werden von der <hi rend="italic">Ehe</hi> als dem Prinzip der <hi rend="italic">Ordnung</hi> unserer Geschlechtlichkeit im nächsten Paragraphen zu reden haben.
               An dieser Stelle können wir nicht weitergehen, ohne einer <hi rend="italic">Voraussetzung</hi>, ja in bestimmter Hinsicht <hi rend="italic">der</hi> Voraussetzung
               der Ehe – nicht der Ordnung der Ehe, wohl aber des <hi rend="italic">Eintritts</hi> in
               diese Ordnung zu gedenken. Es erhebt sich nämlich die Frage, ob wir unsere
               Geschlechtlichkeit bloß im Sinne einer allgemeinen und nicht auch im Sinne einer ganz
                  <hi rend="italic">besonderen</hi> schöpfungsmäßigen Bezogenheit und Zusammengehörigkeit
                  <hi rend="italic">eines, dieses</hi> <seg type="non-entity">Mannes</seg> und <hi rend="italic">einer, dieser</hi> Frau zu
               verstehen haben. Es fragt sich, ob es mit der Ehe nicht so steht, daß sie die
               menschliche Verwirklichung und die ordnungsmäßige Bestätigung und Befestigung einer
               solchen gewissermaßen prädestinierten gegenseitigen Zuordnung zweier Menschen zwar
               sein <hi rend="italic">kann</hi>, aber nicht durchaus sein <hi rend="italic">muß</hi>, und
               sicher weithin durchaus <hi rend="italic">nicht</hi> ist. Die Ehe könnte diese Zuordnung
               nicht schaffen, wenn sie nun einmal nicht kraft des <seg type="non-entity">Willens</seg> des Schöpfers schon vor
               der Ehe und ohne die Ehe besteht. Und an ihrem Bestehen könnte das Fehlen der Ehe
               nichts ändern, wenn sie wirklich kraft des <seg type="non-entity">Willens</seg> des Schöpfers besteht. Umgekehrt
               könnte freilich auch das Fehlen dieser schöpfungsmäßigen Zuordnung nicht hindern, daß
               zwei Menschen unter der Ordnung der Ehe stehen. Diese Ordnung müßte dann zu einem
               Joch werden, ohne darum aufzuhören, eine Ordnung zu sein. Es ergäbe sich aber die
               Einsicht, daß bei der <hi rend="italic">Schließung</hi> der Ehe, beim Eintritt unter diese
               Ordnung nicht sorgfältig genug nach dem Vorhandensein jener Voraussetzung einer Ehe,
               die <hi rend="italic">nicht</hi> den Charakter eines Joches trüge, gefragt werden könnte.
               Es fragt sich: ob wir uns die individuelle Realisierung jener generellen
               Zugehörigkeit von <seg type="non-entity">Mann</seg> und Frau so zu denken haben, daß sie auf dem Zufall oder auf
               dem freien Wollen und Wählen der beteiligten Menschen beruht – oder ob es so etwas
               gibt wie ein schöpfungsmäßiges Füreinanderbestimmtsein je nur dieses <seg type="non-entity">Mannes</seg> zu dieser
               Frau, dessen Entdeckung das Geheimnis der sogenannten wahren Ehe,
               <pb xml:id="p310" ed="pga"/>
                dessen Nicht-Entdeckung, dessen Verwechslung mit einem sonstigen gewöhnlichen Fall
               der Zugehörigkeit von <seg type="non-entity">Mann</seg> und Frau dann die Schuld und die Not der gewöhnlichen, in
               bezug auf Gottes Ordnung freilich nicht weniger wahren Ehe wäre. Man kann die Frage
               auch so formulieren, ob der Satz zu Recht besteht, daß die wahren Ehen im Himmel
               geschlossen werden, ob es eine bloße Illusion oder eine reale Möglichkeit ist, daß
               ein <seg type="non-entity">Mann</seg> die Frau «seine Erwählte», eine Frau einen <seg type="non-entity">Mann</seg> «ihren Erwählten» nennt,
               nicht nur in dem trivialen Sinn, daß sie einander eben gegenseitig erwählt <hi rend="italic">haben</hi>, sondern in dem Sinn, daß sie füreinander erwählt,
               schöpfungsmäßig erwählt und für die Ehe miteinander bestimmt <hi rend="italic">sind</hi>.
               Es verhielte sich dann so, daß jede Ehe unter der <hi rend="italic">Frage</hi> steht, ob
               sie in diesem Sinn <hi rend="italic">wahre</hi> Ehe, auf Berufung beruhende Zugehörigkeit
               von <seg type="non-entity">Mann</seg> und Frau ist oder nicht ist.</p>
          <p>Dieser Gedanke ist doch wohl dadurch noch nicht widerlegt, daß er wohl zu irgendeiner
               Zeit die vermeintliche Gewißheit jedes liebenden Paares gewesen ist, um dann in
               späterer Zeit für dieselben zwei Menschen Gegenstand der Ungewißheit, des Zweifels
               oder gar der Negation zu werden. Eine solche Entwicklung der Dinge könnte ja doch
               auch nur die Bestätigung dafür sein, daß die schöpfungsmäßige Bestimmtheit dieser
               Menschen in bezug auf ihre Geschlechtlichkeit, in dieser Hinsicht freilich mit ganz
               besonders einschneidenden und dauernden Folgen ebenso <hi rend="italic">verkannt</hi> und
                  <hi rend="italic">verfehlt</hi> worden ist, wie wir sie auch in anderer Hinsicht zu
               verkennen und zu verfehlen pflegen, wie es in jeder Hinsicht Gottes Gnade ist, wenn
               wir sie <hi rend="italic">nicht</hi> verkennen und verfehlen. Und auch das dürfte zur
               Abweisung dieses Gedankens nicht ohne weiteres Anlaß geben, daß er, wie nicht zu
               leugnen ist, ein esoterischer Lieblingsgedanke der deutschen Romantik gewesen ist.
                  <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName></hi> hat ihn an einer berühmt gewordenen Stelle des
               vierten seiner «Monologen» von 1800 (<persName ref="kbga-actors-2491">Schiele</persName> S. 74f.) in der bekannten Schwülstigkeit
               seiner Jugendschriften, aber in der Sache nicht uneinleuchtend vorgetragen, und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName></hi> hat ihn in seinen «Wahlverwandtschaften» dichterisch
               entwickelt, in denen
               <pb xml:id="p311" ed="pga"/>
                man übrigens die wahrhaftig ernsthaften Kautelen nicht übersehen darf, mit denen er
               die einmal, gleichviel ob richtig oder unrichtig geschlossene Ehe umgeben hat.<note xml:id="n06">s. <bibl><hi rend="italic">Wahlverwandtschaften</hi> I, 9.</bibl>
                  </note> Es dürfte doch so sein, daß der Begriff der Berufung hinsichtlich der
               Geschlechtlichkeit die Zuspitzung in diesem Gedanken einfach fordert.</p>
          <p>Man hat die Geschlechtlichkeit als gegenseitige Zugehörigkeit von <seg type="non-entity">Mann</seg> und Frau noch
               nicht in ihrer Wirklichkeit gedacht, wenn man dabei abstrakt an das Verhältnis der
               Männer und Frauen überhaupt, statt konkret an das Verhältnis <hi rend="italic">dieses</hi>
               <seg type="non-entity">Mannes</seg> zu <hi rend="italic">dieser</hi> Frau denkt, in dem die Geschöpflichkeit und
               Menschlichkeit Wirklichkeit wird. Und wenn man darin eine <hi rend="italic">Bedrohung</hi>
               des Begriffs der <hi rend="italic">Ehe</hi> sehen möchte, wenn hier ein Verhältnis
               statuiert wird, das mit der Ehe als solcher <hi rend="italic">nicht</hi> zusammenfällt,
               das gleichsam oberhalb der Ehe stattfindet und in der Ehe selbst nicht notwendig, ja
               vielleicht in tausend Ehen nicht <hi rend="italic">ein</hi>mal verwirklicht wird, das auch
               in der besten Ehe nicht geschaffen, nicht nachgeholt werden kann, wenn es nicht schon
               die Voraussetzung der Eheschließung gewesen ist, wenn also bei der Eheschließung jene
               Verwechslung stattgefunden hat – wenn das Alles die Ehe problematisch zu machen
               scheint, so ist zu sagen, daß dies jedenfalls von der Ehe als <hi rend="italic">Ordnung
                  nicht</hi> gilt. Man kann aber von der Ehe nicht reden, ohne auch davon zu reden,
               wie sie – nicht als Ordnung, wohl aber als das Stehen dieses <seg type="non-entity">Mannes</seg> und dieser Frau
               unter ihrer Ordnung <hi rend="italic">zustandekommt</hi>. Hier ist es, wo der Begriff
               einer ursprünglichen mit der Ehe nicht zusammenfallenden, durch die Ehe nicht
               berührten und ihrerseits die Ehe nicht berührenden individuellen Zugehörigkeit von
               <seg type="non-entity">Mann</seg> und Frau Platz greift: als eigentlicher Sinn des <hi rend="italic">Eintritts</hi> in
               die Ordnung der Ehe, der bei diesem Tun zweier Menschen entweder getroffen oder aber
               – und das dürfte das unverhältnismäßig viel öfter sich Ereignende sein, verfehlt
               wird. Die <hi rend="italic">Ordnung</hi> der Ehe wird nicht schlechter, sondern besser als
               Gottes Gebot verstanden, wenn wir auf Grund jenes Begriffs ihr <hi rend="italic">Zustandekommen</hi> als dem Gebot Gottes auch nicht entzogen denken,
               <pb xml:id="p312" ed="pga"/>
                wenn wir also den Gedanken einer schöpfungsmäßigen Zuordnung dieses <seg type="non-entity">Mannes</seg> zu dieser
               Frau und umgekehrt ebenso bejahen wie die Zusammengehörigkeit von <seg type="non-entity">Mann</seg> und Frau im
               Allgemeinen. Man dürfte nicht übersehen, daß <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2">Gen. 2</ref> nicht nur, wie man es gewöhnlich auffaßt, das Zeugnis
               von der Schöpfungs<hi rend="italic">ordnung</hi> des Ehestandes, sondern ebenso und vorher
               das Zeugnis von der schöpfungsmäßigen <hi rend="italic">Berufenheit</hi> <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> für Eva,
               Evas für <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> ist. Allerdings rückt damit die Ehe<hi rend="italic">schließung</hi>, das
                  <hi rend="italic">Eintreten</hi> zweier Menschen in die Ordnung der Ehe in das sehr
               ernste Licht der Frage, ob dabei jene ursprüngliche Bestimmtheit beider erkannt sei
               oder aber die Verwechslung, der Ungehorsam gegen Gottes <hi rend="italic">Berufung</hi>
               vorliege, deren schmerzliche Folgen dann, in der einmal geschlossenen Ehe, im
               Gehorsam gegen Gottes <hi rend="italic">Ordnung</hi> zu tragen wären. Wir werden die Frage
               im nächsten Paragraphen, wo wir eben von der Ehe als <hi rend="italic">Ordnung</hi> zu
               sprechen haben, noch einmal berühren müssen. Sie geht uns hier, wo wir vom
               schöpfungsmäßigen <hi rend="italic">Beruf</hi> des Menschen reden, insofern an, als wir in
               ihrer entschiedenen Bejahung die notwendige Zuspitzung und Durchführung der
               geschlechtlichen Bestimmtheit des Menschen zu erkennen haben, außerhalb derer es
               sowenig ein Hören des Gebotes gibt wie außerhalb seiner Bestimmtheit als Mensch
               überhaupt.</p>
          <p>Auch mit dieser zweiten Form unseres Berufes sind uns nun <hi rend="italic">Kriterien</hi>
               in die Hand gegeben in bezug auf das Verhältnis unseres Tuns zu Gottes Gebot. Wir
               werden nicht nur als Menschen zu handeln haben, sondern als <seg type="non-entity">Mann</seg> oder als Frau, und
               das heißt also: in der geschilderten gegenseitigen Bezogenheit beider zueinander.
               Zweierlei Gruppen von Fragen werden hier zu unterscheiden sein.</p>
          <p>Es wird sich bei der Betätigung unseres <seg type="non-entity">Willens</seg> zum Leben und unserer Ehrfurcht vor
               dem fremden Leben <hi rend="italic">erstens</hi> fragen, ob wir dabei unserem Beruf als
               <seg type="non-entity">Mann</seg> oder als Frau treu sind, oder ob dabei nicht ein Quidproquo, eine heimliche oder
               offene Vertauschung des vom Manne mit dem von der Frau und des von der Frau mit dem
               vom Manne Geforderten vorliegt. Wir wissen,
               <pb xml:id="p313" ed="pga"/>
                daß männliches und weibliches Wesen abstrakt sich gegenüberzustellen vom Übel ist.
               Es ist aber nicht nur vom Übel, sondern diese Gegenüberstellung ist faktisch auch gar
               nicht durchzuführen. Über das, was dem Manne als solchem und der Frau als solcher in
               concreto ziemlich, bekömmlich und geboten sei, haben die verschiedenen Zeiten, Völker
               und Kulturen bekanntlich sehr verschieden gedacht, und eindeutige Gebote und Verbote
               kann die Ethik auch hier nicht aufstellen wollen. Aber gerade wenn man weiß, daß das
               Wesen der Geschlechtlichkeit in der gegenseitigen Bezogenheit der zwei Geschlechter
               zueinander zu suchen ist, so weiß man auch das andere, daß ihre Unterschiedenheit <hi rend="italic">besteht</hi> und damit – und das hat die Ethik einzuschärfen – die Frage,
               wieweit sich unser Tun angesichts der schöpfungsmäßigen <hi rend="italic">Unterschiedenheit</hi> der Geschlechter verantworten lassen möchte. Diese Frage
               wird offenbar um so aktueller, je mehr unser Tun den Charakter des Tuns des anderen
               Geschlechtes bekommen sollte, statt, und das ist etwas Anderes, in der Bezogenheit
               des eigenen zum anderen Geschlechte stattzufinden. Ein <seg type="non-entity">Mann</seg>, der im Kampf ums Dasein
               vorwiegend aus einem weiblichen Empfinden heraus handelt, oder eine Frau, die sich in
               derselben Arena charakteristisch männlich gebärdet, der Typus des lyrischen Dichters
               etwa und auf der anderen Seite der Typus der Gewerkschaftssekretärin, würden sich in
               gleicher Weise zu fragen haben, ob ihr Tun dem Willen des Schöpfers wirklich
               entsprechen oder ob hier nicht das Quidproquo vorliegen möchte. Ein <seg type="non-entity">Mann</seg>, dessen
               Lebenswille sich z.B. mit Vorliebe in Form psychologischen Studiums und
               entsprechender Gespräche über seine Mitmenschen betätigte oder vielleicht darin, daß
               er von allen Seiten Anregungen, nehmen wir an, lauter sehr geistige Anregungen suchte
               und sammelte, könnte in bezug auf seine schöpfungsmäßige Berufung auf dem Holzweg
               sein. Gegenüber <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName></hi> Definition der Religion als «Gefühl
               Schlechthinniger Abhängigkeit»<note xml:id="n07">s. <bibl><hi rend="italic">Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evang.
                           Kirche im Zusammenhange dargestellt</hi>, Berlin
                                1821-1823, 2. umgearb. Ausgabe 1830-1831, § 32 S.
                        183ff.: Neudr. m. Einleitung, Erläuterungen u. Register versehen von M.
                        Redeker, Berlin 1960, Bd. I S. 171ff.</bibl>
                  </note> könnte, von allem anderen ganz abgesehen, die Frage
               <pb xml:id="p314" ed="pga"/>
                aufgeworfen werden, ob sich darin nicht eine ganz eigenartige Perversion des
               Geschlechtsbewußtseins verrate, wozu der Ausspruch <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> in einem seiner
               Briefe, er habe sich schon oft gewünscht, eine Frau sein zu dürfen, merkwürdig
               stimmen würde.<note xml:id="n08">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2228"><hi rend="italic">Aus Schleiermachers Leben</hi>. In Briefen. 1. Band: Von
                        <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Kindheit bis zu seiner Anstellung in Halle Okt.
                           1804, Berlin 1860<hi rend="sup">2</hi>, S. 403. 207.</bibl>
                  </note> Umgekehrt könnte bei einer Frau, deren Lebenswille sich ausgeprägterweise
               just als <seg type="non-entity">Wille</seg> zur Macht, in Gestalt von Kampfgeübtheit und Regimentsfähigkeit
               auswirken sollte, Untreue gegen ihren schöpfungsmäßigen Beruf unheimlich genug im
               Hintergrunde stehen. <hi rend="italic">Könnte</hi>, sagen wir mit allem Vorbehalt, denn es
               kann ja auch immer anders sein im Urteil Gottes, als es der Aspekt erscheinen läßt
               für unsere Augen. Aber dieser Vorbehalt hebt die Tatsache nicht auf, daß die Frage
                  <hi rend="italic">gestellt</hi> ist, und man sollte sich nicht darüber täuschen, daß es
               gerade in dieser Hinsicht kaum eine Möglichkeit des täglichen und alltäglichsten
               Lebens geben dürfte – bis hinunter zu den Möglichkeiten der Kleider- und Haartracht.
               – <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.11">1.Kor. 11</ref> wird wohl nicht
               umsonst in der Bibel stehen – die etwa ethisch irrelevant, die etwa dieser Frage
               entzogen wäre. Wir haben kein absolutes Kriterium. Wir sollen aber auch nicht tun,
               als ob ein relatives Kriterium darum kein Kriterium wäre. Wir haben weder über gut
               noch über böse zu befinden. Wir sollen uns aber nicht darüber täuschen, daß es im
               Urteil Gottes keine neutralen Möglichkeiten gibt, daß im Urteil Gottes die
               Entscheidung über gut und böse auch in dieser Hinsicht auf uns wartet und von uns in
               Anwendung der uns gegebenen Kriterien bedacht sein will.</p>
          <p>Es wird sich dann bei der Betätigung unseres <seg type="non-entity">Willens</seg> zum Leben und unserer Ehrfurcht
               vor dem fremden Leben <hi rend="italic">zweitens</hi> fragen, ob dabei unsere
               geschlechtliche Bestimmtheit nunmehr als <hi rend="italic">Bezogenheit</hi> der beiden
               Geschlechter zueinander zu Ehren oder nicht zu Ehren kommt. Man kann dieses zweite
               Kriterium so formu<pb xml:id="p315" break="no" ed="pga"/>lieren: Kann ich als <seg type="non-entity">Mann</seg> mein Tun der Frau gegenüber, kann ich als Frau mein Tun
               dem Manne gegenüber verantworten? Und nun eben in jener letzten konkreten Zuspitzung
               gefragt: Kann ich es verantworten gegenüber <hi rend="italic">der</hi> Frau, gegenüber <hi rend="italic">dem</hi> Manne, gegenüber dem Glied des anderen Geschlechtes, das ganz
               gleichgültig, ob ich es persönlich kenne oder ob ich es vielleicht nie kennen
               [werde], ganz gleichgültig, ob ich mit ihm in der Ehe verbunden bin oder nicht, <hi rend="italic">die</hi> Frau, <hi rend="italic">der</hi> <seg type="non-entity">Mann</seg> ist, zu der ich oder zu dem ich
               schöpfungsmäßig, erwählungsmäßig gehöre? Der Mensch des anderen Geschlechts, an dem
               ich also in dieser Hinsicht ganz konkret <hi rend="italic">gemessen</hi> bin. Kann ich es
                  <hi rend="italic">verantworten?</hi> Das heißt: Bedeutet mein Tun zugleich eine
               Betätigung dieser Bezogenheit im weiteren und engeren Sinn? Geschieht es in der
               schöpfungsmäßigen Zusammengehörigkeit von <seg type="non-entity">Mann</seg> und Frau? Oder bedeutet es einen Bruch
               in dieser Hinsicht, geschieht es heimlich oder offen in jener unguten isolierten
               Männlichkeit oder Weiblichkeit, die sich nur als Empörung gegen den Willen des
               Schöpfers verstehen läßt? Es gibt eben innerhalb der großen Verantwortlichkeit, die
               wir Gott [schuldig sind], und abgesehen von der allgemeinen Verantwortlichkeit, die
               der Mensch dem Menschen überhaupt schuldig ist, im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf unsere geschlechtliche
               Bestimmtheit diese ganz besondere Verantwortlichkeit, die der <seg type="non-entity">Mann</seg> der Frau und die
               Frau dem Manne schuldig ist, die Verantwortlichkeit für das gemeinsame Menschsein und
               Geschöpfsein, die beide nur in der Bezogenheit zueinander betätigen können. Wieder
               ist damit eine Frage gestellt, die um so aktueller wird, je mehr etwa unser Tun den
               Charakter eines Heraustretens aus dieser Bezogenheit, also den Charakter eines
               eigenmächtig abstrakt männlichen oder eines eigenmächtig abstrakt weiblichen Tuns
               haben sollte. Dann, dann erst kommt eben die Notwendigkeit der Scham in Frage, dann
               hat man das Männliche und Weibliche voreinander zu verstecken um des bösen Lächelns
               des Anderen willen, eine Notwendigkeit, die innerhalb jener Bezogenheit geradezu eine
               Unmöglichkeit ist. Wieder können wir keine eindeutigen Grenzen ziehen zwischen
               solchem
               <pb xml:id="p316" ed="pga"/>
                Tun, das innerhalb, und solchem, das außerhalb jener Bezogenheit geschieht. Es ist
               nur zu bedenken, daß sie gezogen <hi rend="italic">sind</hi> und daß es wiederum keine
               Möglichkeiten gibt, die der Frage nach diesem Innerhalb oder Außerhalb etwa entzogen
               wären. Es könnte also sein, daß Vieles, allzu Vieles, was sich die Vitalität des
               <seg type="non-entity">Mannes</seg> in aller Gewissensruhe als heiliges Recht meint gestatten zu können, z.B. die
               typische Art, wie sich der <seg type="non-entity">Mann</seg> nach der Arbeit zu erholen, gehen zu lassen und
               bedienen zu lassen pflegt, im Lichte des Kriteriums, daß ihm, sichtbar oder
               unsichtbar ist ganz gleichgültig, die Frau gegenübergestellt ist, daß er keinen
               Augenblick die Frau <hi rend="italic">nicht</hi> sehen dürfte, sich als ganz unmöglich
               herausstellen müßte, [daß ihm alles dies] möglich nur ist, weil und solange er die
               Frau eben <hi rend="italic">nicht</hi> sieht. Der Krieg stellt sich zweifellos auch von
               der Seite aus als eine fragwürdige Angelegenheit dar, als er eine reine
               Männerangelegenheit ist, bei der die Beteiligten die Frau, unter Umständen die Frau
               als Mutter, Gattin und Schwester, die eigene und die des Feindes, nicht sehen wollen
               dürfen. Es könnte aber auch sein, daß mehr als ein Akt scheinbarer weiblicher Tugend,
               sagen wir etwa der Tugend der Geschäftigkeit oder der Zurückhaltung, darum in
               Wirklichkeit ein ganz untugendhafter Akt ist, weil die Frau dabei ganz vergißt, daß
               sie nicht für sich, sondern wiederum, sichtbar oder unsichtbar, in der Beziehung zum
               Manne lebt, daß ihr aufgegeben ist, den <seg type="non-entity">Mann</seg> zu <hi rend="italic">sehen</hi> und immer
               wieder zu sehen und daß ihr Tun, nur wenn es in diesem Sehen geschieht, wirkliche
               Tugend sein kann. Es <hi rend="italic">könnte</hi> sein, sagten wir mit Bedacht auch hier.
               Denn es kann auch hier ganz anders sein, als der Augenschein in concreto zu zeigen
               scheint. Was unsere Taten wert sind, darüber haben wir nicht zu befinden. Ist es
               klar, daß noch nie ein Mensch das Böse gewollt hat, so müßten wir uns ebenso klar
               sein darüber, daß wir auch das Gute nicht wollen können. Wir können nur handeln. Wir
               können aber wachend und betend handeln, handeln im Bewußtsein von Maßstäben, nicht
               von absoluten, aber von relativen Maßstäben. Ein solcher relativer Maßstab ist nun
               auch die Verantwortung dem anderen Geschlecht gegenüber, ist die
               <pb xml:id="p317" ed="pga"/>
                Frage, ob mir als <seg type="non-entity">Mann</seg> die Frau, ob mir als Frau der <seg type="non-entity">Mann</seg> nicht ein lebendiger
               Vorwurf ist angesichts meines Tuns. Die ganze menschliche Gesellschaft würde
               vielleicht ganz anders aussehen, wenn einmal nur dieses einzige Kriterium in seiner
               ganzen Relativität, vielleicht kraft eines Wunders, plötzlich von allen ebenso
               bedacht und angewendet werden müßte, wie wir etwa die Bedürfnisse nie ganz zu
               vergessen und zu unterdrücken in der Lage sind. Wollten wir dieses Kriterium nicht
               gelten lassen und anwenden, weil es allzu relativ sei, so würden wir doch wohl jenem
               Schalksknecht gleichen, der sein eines Pfund nahm, in ein Tuch wickelte und vergrub
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.14 Mt.25.30">Mt. 25,14–30</ref>;
                  <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.12 Lk.19.27">Lk. 19,12–27</ref>].
               Was man eben nicht tun soll.</p>
          <p>3. Es gibt eine der Geschlechtlichkeit analoge, aber ihrer ganzen Struktur nach von
               dieser verschiedene schöpfungsmäßige Bestimmtheit des Menschen zur <hi rend="italic">Freundschaft</hi>, die wir bei unserer Umschreibung des Ortes, wo der Mensch von
               Gottes Gebot getroffen wird, zu berühren allen Anlaß [haben]. Wir können jene
               Bestimmtheit definieren als die mehr oder weniger jedem Menschen eigene, innerhalb
               der allgemeinen Solidarität mit allen anderen Menschen sich auszeichnende, in freier
               Wahl sich realisierende Affinität, d.h. Benachbartheit seiner Existenz zu der
               Existenz bestimmter anderer Menschen desselben Geschlechts. Ob es, um dies gleich
               vorwegzunehmen, diese Affinität und also Freundschaft auch gibt zwischen Menschen <hi rend="italic">verschiedenen</hi> Geschlechts, nämlich ohne geschlechtliche
               Bestimmtheit, das ist eine alte und berühmte Frage, die der Weise, von gewissen
               Grenzfällen abgesehen, wahrscheinlich am besten glatt verneinen wird. Freundschaft
               zwischen Menschen <hi rend="italic">verschiedenen</hi> Geschlechts ist eben, ein Fall von
               hunderttausend vielleicht ausgenommen, gewiß Freundschaft, aber eben <hi rend="italic">geschlechtliche</hi> Freundschaft, d.h. dann aber entweder geschlechtliches Spiel
               oder geschlechtlicher <seg type="non-entity">Ernst</seg>. Beides bedeutet nicht, daß dabei etwas Verwerfliches
               geschieht, wohl aber, daß dabei mit dem Feuer hantiert wird. Das muß und das darf
               weithin sein, daß man mit dem Feuer hantiert, aber man muß dann wissen, daß man es
               tut, und was etwa dabei zu
               <pb xml:id="p318" ed="pga"/>
                bedenken ist. Nicht das Berühren dieses kritischen Punktes, wohl aber das kühne
               Nicht-wissen-Wollen an diesem Punkt, die optimistische Art, mit der man das Wunder
               zur Sitte und Gewohnheit machen zu können meinte, ist eine der übelsten Schrullen der
               Jugendbewegung in der Zeit vor und nach 1920 gewesen. Wir reden also hier von dem
               normalen Fall der Benachbartheit zwischen Menschen <hi rend="italic">desselben</hi>
               Geschlechtes. Wenn zwei oder auch mehr Menschen diese ihre <hi rend="italic">Benachbartheit entdecken</hi>, dann entdecken sie sich als <hi rend="italic">Freunde</hi>. Sie <hi rend="italic">besteht</hi> aber auch ohne diese Entdeckung (wie
               man ja auch sonst oft Nachbarn hat, ohne sie als solche zu kennen), und daß es
               Freundschaft gibt, die nicht auf solcher Entdeckung und also nicht auf dieser
               schöpfungsmäßigen Bestimmtheit beruht, das braucht nicht erst gesagt zu werden.
               Beides bedeutet dann wiederum ein Entbehren, eine Schuld vielleicht und eine ob
               empfundene oder nicht empfundene Not auf alle Fälle. Denn erschaffen ist der Mensch
               weder zur Einsamkeit noch zu einer allgemeinen Gemeinsamkeit, sondern zweifellos in
               der Nachbarschaft oder Nichtgeradenachbarschaft seiner Existenz zu anderen
               Existenzen, in der größeren oder geringeren Nähe seines «Lebensgefühls» zu dem
               anderer Menschen, in der Fähigkeit und Notwendigkeit zu einem letztlich
               unerklärlichen, rein faktischen Vertrauen zu bestimmten Menschen im Unterschied zu
               anderen.</p>
          <p>Der Begriff der <hi rend="italic">Freundschaft</hi> ist nicht mehr und nicht weniger als
               die Wurzel des für das Verständnis des Gebotes Gottes so wichtigen Begriffs des <hi rend="italic">Nächsten</hi>, den wir bis jetzt mit Absicht noch gar nicht berührt
               haben. Der Nächste heißt ja eben der Nachbar, der mir zunächst Stehende. Gewiß, auch
               Geschlechtlichkeit bedeutet Nachbarschaft. Und – worauf wir nachher zu sprechen
                  kommen<note xml:id="n09">s. unten S. 323ff.</note> – auch Verwandtschaft bedeutet
               Nachbarschaft zwischen bestimmten Menschen, nämlich Nachbarschaft der Herkunft, der
               Geburt, des Blutes und insofern der Geschichte. Freundschaft ist aber die
               grundsätzlich und wohl in der Regel auch faktisch <hi rend="italic">zuerst</hi> entdeckte,
               nicht auf der Verwandtschaft des Blutes, sondern auf der der <hi rend="italic">Seele</hi>
               oder des <hi rend="italic">Geistes</hi> beruhende
               <pb xml:id="p319" ed="pga"/>
                Nachbarschaft. Freundschaft ist als <hi rend="italic">freie</hi> Bezogenheit von Mensch
               zu Mensch geradezu der Grundtypus solcher Bezogenheit überhaupt. Wenn der Mensch in
               seiner späteren Jugend sich selbst zu entdecken beginnt, dann entdeckt er bekanntlich
               zunächst durchaus nicht das andere Geschlecht, aber auch nicht Vater und Mutter,
               Brüder und Schwestern, dann findet vielmehr zunächst jene merkwürdige, oft sanftere,
               oft borstigere Abwendung gegenüber dem anderen Geschlecht und gegenüber der Familie
               statt, dann entdeckt er, indem er sich selbst entdeckt, den <hi rend="italic">Freund</hi>
               oder die <hi rend="italic">Freundin</hi>. Es würde eine böse <seg type="non-entity">Lücke</seg> in seinem Wissen um
               seine eigene Existenz bedeuten – eine <seg type="non-entity">Lücke</seg>, die freilich durch Schuld oder Schicksal
               oder durch beides im Leben der meisten Menschen irgendwie Ereignis ist –, wenn er
               hernach seine verwandtschaftliche und geschlechtliche Bezogenheit nicht ebenfalls
               entdecken würde. Es bedeutet den freilich oft wunderlich tief ins Leben hinein sich
               verzögernden normalen Abschluß der sogenannten Pubertätszeit, der Entwicklung der
               Selbstentdeckung des Menschen, daß er, nachdem er in intimstem Zusammenhang mit
               dieser Selbstentdeckung seine Freunde entdeckt hat oder doch zu entdecken meinte oder
               doch entdecken wollte, nachdem er in den unvermeidlichen Enttäuschungen und Leiden
               dieser Entwicklung einigermaßen reif geworden ist, umgekehrt und, hoffentlich ohne
               deshalb den <seg type="non-entity">Freund</seg>, wenn er ihn gefunden, darum preiszugeben, in ganz anderer Weise,
               auf ganz anderen Ebenen den Nächsten auch in seinen Geschwistern und, wenn es noch
               Zeit ist, in seinen Eltern und endlich im anderen Geschlecht entdeckt. Aber
               grundsätzlich zuerst hat er doch den <seg type="non-entity">Freund</seg> entdeckt oder doch gesucht. Und gerade
               darin, daß er hernach auch seine natürlichen Verwandten als <hi rend="italic">befreundete</hi> Verwandte und in der Geliebten oder dem Geliebten des anderen
               Geschlechts den geschlechtlichen <hi rend="italic">Freund</hi>, beide also nach dem
               Paradigma der freien geistigen Wahl der <hi rend="italic">Freundschaft</hi> erst suchen
               und finden muß, darin dürfte doch wohl der Beweis dafür vorliegen, daß diese letztere
               Art der Bezogenheit nicht genetisch und beileibe auch nicht dem Werte nach, aber rein
               sachlich eine bestimmte Primatstellung einnimmt.</p>
          <p><pb xml:id="p320" ed="pga" rend="noPipe"/>Mein <seg type="non-entity">Freund</seg> ist <hi rend="italic">der</hi> Mensch, der als mein <hi rend="italic">Mit</hi>mensch dadurch in qualifizierter Weise ausgezeichnet ist, daß – wer will
               erklären wie? – seine und meine Seele sich begegneten, obwohl keine bestehende
               Blutsgemeinschaft und keine geschlechtliche Beziehung dabei mitwirken konnten, sich
               begegneten in dem Sinn, daß ich mich bis zu einem gewissen Grade in ihm
               wiedererkannte, daß mir in ihm in einiger Verhüllung mein eigenes Ich noch einmal
               begegnete, so daß seine Existenz bis zu einem gewissen Grad meine eigene bedeutet,
               seine Nicht-Existenz meine eigene Nicht-Existenz bedeuten würde. Er ist mein <hi rend="italic">alter ego</hi>, wie die alte Formel sehr schön und richtig sagt. Man kann
               das auch auf den beiden anderen Ebenen, der der Verwandtschaft und der der
               Geschlechtlichkeit sagen. Das reif gewordene Verhältnis zu Eltern und Geschwistern
               wird den Charakter der Freundschaft haben; und wie sollte es anders sein, als daß
               auch die geschlechtliche Bezogenheit, wenn sie in jener Vollendung stattfindet, von
               der wir sprachen, aber zum Glück auch in der weniger vollendeten, ja heimlich oder
               offen höchst unvollkommenen Form der meisten Ehen nicht eben diesen Charakter der
               Freundschaft bekommen können? Aber dann ist eben die Freundschaft als etwas <hi rend="italic">Besonderes</hi> bereichernd, erfüllend und auch wohl tröstend und heilend
               zu der verwandtschaftlichen oder geschlechtlichen Bezogenheit hinzugetreten und ist
               doch wohl ihr gegenüber als etwas Besonderes zu verstehen. Dieses Eigene der
               Freundschaft besteht aber darin, daß sie die charakteristisch <hi rend="italic">humane</hi> Bezogenheit des Einen zum Anderen bedeutet. Geschlechtlichkeit und
               Verwandtschaft gibt es auch unter Tieren. Zur Freundschaft aber bedarf es, soviel wir
               zu sehen vermögen, der Seele, jenes freien oder auf einer ganz unerklärlichen
               Nötigung beruhenden Wählenkönnens. Eben in dieser Eigenheit ist nun die Freundschaft
               die Wurzel des Begriffs des <hi rend="italic">Nächsten</hi>, den das Gebot Gottes nicht
               nur uns entgegensetzt, sondern auch als eine Bestimmtheit unseres schöpfungsmäßigen
               Berufes bei uns voraussetzt. Das Du, das mir im Freunde als alter ego entgegentritt,
               ist gleichsam das Tor zum anderen Menschen überhaupt und als solchem, unter das ich
               mich
               <pb xml:id="p321" ed="pga"/>
                alsbald, indem ich mich selbst entdecke, gestellt sehe. Wer einen <seg type="non-entity">Freund</seg> sucht oder
               findet, der sucht oder findet, indem seine eigene Seele erwacht, nicht das gemeinsame
               Blut, nicht das Geschlecht, sondern den anderen Menschen als solchen in seiner
               Zugehörigkeit zur eigenen Existenz. Eben darum ist der <seg type="non-entity">Freund</seg> das Paradigma des <hi rend="italic">Nächsten</hi>. Der gewisse naiv-egoistische Charakter des Begriffs
               Freundschaft soll bei dem Allem gar nicht geleugnet werden. Es darf uns aber auch
               nicht daran irremachen, daß eben die Freundschaft <hi rend="italic">auf</hi> dem Gebiet
               des naiven Egoismus das <hi rend="italic">Korrektiv</hi> bedeutet, die Berufung, kraft
               welcher eben der naive Egoismus, den zu betätigen wir nicht wohl unterlassen können,
               solange wir dieses Leben haben, zum vornherein unter Gottes Gebot gestellt ist.</p>
          <p>Weil wir nicht nur geschlechtlich und nicht nur verwandtschaftlich, sondern in der
               eben gezeigten primären Weise freundschaftlich bestimmt sind, darum ist es nicht so,
               daß Gottes Gebot uns etwa als solchen begegnete, die, abgesehen von ihrer blutmäßigen
               und geschlechtlichen Zugehörigkeit zu anderen Menschen, nur um sich selbst wüßten,
               denen die Zugehörigkeit zum anderen Menschen als solchem als etwas von Hause aus
               Fremdes von außen auferlegt werden müßte. Gottes Gebot begegnet uns vielmehr als
               solchen, die schöpfungsmäßig dazu bestimmt sind, sich selbst nicht anders zu finden,
               als indem sie sich auch im Freunde finden. Es behaftet uns dabei, daß wir jenes rein
               faktischen Vertrauens gegenüber bestimmten anderen Menschen nicht um ihrer
               natürlichen Nähe und nicht um ihres Geschlechtes willen fähig sind, und daß es uns,
               um selbst wirklich leben zu können, notwendig ist, uns in solchem Vertrauen nach
               außen zu öffnen. So, in dieser Bestimmtheit uns vorfindend, gebietet es uns zu leben
               und leben zu lassen, leben zu <hi rend="italic">wollen</hi> und <hi rend="italic">ehrfürchtig</hi> gegenüber fremden Leben zu leben. Der Nächste, ohne den ich
               nicht ich selbst sein kann, ist die konkrete Einheit dieser beiden Momente des
               Gebotes des Lebens. Um des Nächsten willen, ohne den ich nicht ich selbst bin, kann
               ich es nicht für wahr halten wollen, daß mein eigenes Leben sich in sich selbst
               erschöpfe, daß <pb xml:id="p322" ed="pga"/>
                das fremde Leben mich nichts oder nur in sekundärem Sinne angehe. Der Nächste, der
               mein <seg type="non-entity">Freund</seg> ist, bedeutet, gerade weil er mein alter <hi rend="italic">ego,</hi> aber eben
               mein <hi rend="italic">alter</hi> ego ist, den prinzipiellen Durchbruch durch die
               Möglichkeit eines egoistischen oder auch eines bloß durch die Stimme des Blutes und
               Geschlechtes altruistisch bestimmten Lebens.</p>
          <p>Insofern bedeutet nun auch die hier in Frage stehende schöpfungsmäßige Bestimmtheit
               unseres Daseins ein <hi rend="italic">Kriterium</hi> unseres <hi rend="italic">Handelns</hi>.
               Es fragt sich bei Allem, was wir tun, ob wir es tun in derjenigen Geöffnetheit
               unseres naiv egozentrischen <seg type="non-entity">Willens</seg> zum Mitmenschen hin, die damit grundsätzlich
               gesetzt ist, daß wir <hi rend="italic">nachbarlich</hi> geschaffen sind, und zwar <hi rend="italic">seelisch</hi> nachbarlich, daß wir also von Hause aus gleichsam auf
               Ausschau gestellt sind nach dem anderen Menschen, der uns nur um seiner unsichtbaren
               Seele willen interessieren kann. Je mehr wir egozentrisch verschlossen wollen und
               handeln in [der] ungebrochenen Naivität jenes natürlichen Egozentrismus, oder je mehr
               unser Handeln und Wollen zwar altruistischen Charakter tragen sollte, aber doch nur
               innerhalb der für den Menschen als solchen noch nicht bezeichnenden
               verwandtschaftlichen oder geschlechtlichen Bezogenheit, je weniger wir also durch
               verwirklichte oder doch gesuchte oder doch ersehnte und vermißte Freundschaft zur
               Humanität erzogen sind, desto aktueller müßte die an uns gerichtete Frage werden, ob
               unser Tun nicht etwa, weil Gottes Gebot uns dort trifft, wo Gott uns hingestellt hat,
               Ungehorsam bedeuten möchte, weil wir doch durch den <seg type="non-entity">Freund</seg>, ob wir ihn nun entdeckt
               haben oder nicht – sei es denn einfach durch die leere Stelle in unserem Leben, die
               der <seg type="non-entity">Freund</seg> einnehmen müßte – unter jenes Tor gestellt sind, wo kraft einer Komponente
               unserer eigenen Existenz der Ausblick auf den Mitmenschen sich grundsätzlich auftut.
               Denn wenn es tausendmal so sein mag, daß die verwirklichte, aber auch die ersehnte
               und gesuchte Freundschaft faktisch eine Verstärkung unseres naiven Egoismus bedeuten
               mag, so kann das nur bedeuten, daß wir den schöpfungsmäßigen Beruf, in dem wir uns
               eben als <seg type="non-entity">Freund</seg> eines
               <pb xml:id="p323" ed="pga"/>
                <seg type="non-entity">Freundes</seg> befinden, verkennen, nicht aber, daß wir uns nicht in diesem Beruf <hi rend="italic">befinden</hi>.</p>
          <p>Es ist nicht nur dieser und dieser bestimmte Mensch, sondern es ist in diesem und
               diesem bestimmten Menschen der <hi rend="italic">Mit</hi>mensch als solcher, der in
               Gestalt des gefundenen, gesuchten oder entbehrten <seg type="non-entity">Freundes</seg> seinen festen Platz in
               unserer eigenen Existenz hat. Wir können uns nur über uns selbst täuschen, wenn wir
               uns über seine Gegenwart täuschen und sein Mandat als Vertreter des Nächsten
               überhaupt nicht respektieren. Keine eindeutigen Direktiven sind uns damit gegeben,
               kein absolutes Kriterium. Denn was das heißt in concreto: in Gegenwart des Nächsten
               wollen und handeln, ihn liebend, wie wir uns selbst lieben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.31">Mk. 12,31</ref> par.], wie es dann im Alten und
               Neuen Testament zusammengefaßt wird, das können und sollen wir uns eben nicht selbst
               sagen, das wird uns <hi rend="italic">gesagt</hi> werden, wenn wir bereit sind, es zu
               hören. Scheint das Alles und Jedes heißen zu können, so wird es doch gar nicht Alles
               und Jedes, sondern etwas ganz Bestimmtes heißen, wenn und indem es uns von Gott
               geboten wird, wenn und indem wir uns da, wo wir schöpfungsmäßig hingehören – und das
               bedeutet nun eben auch: in dieser grundsätzlichen Aufgeschlossenheit für den Nächsten
               – von ihm finden lassen. Es sei uns genug, daß wir auch in dieser Hinsicht nicht ohne
               Weisung, nicht ohne Beruf sind, bloß zu sein brauchen, was wir sind, um dem
               gebietenden Gott bereitet entgegenzugehen.</p>
          <p>4. Auch die vierte schöpfungsmäßige Bestimmtheit, von der nun zu reden ist, besteht
               wie die Geschlechtlichkeit und wie die freundschaftliche Benachbartheit in einer
               Bezogenheit des Menschen zu anderen Menschen. Ich meine nun eben die <hi rend="italic">Verwandtschaft</hi>. Wir werden von der Ordnung der Familie wie von der der Ehe
               in <ref type="pub" target="../volume/02/p353#p353">§ 9</ref> zu reden haben. Hier interessiert
               uns das der Familie zugrunde liegende Phänomen als solches: daß wir alle uns mit
               bestimmten Menschen auch darin in besonderer, wenn auch mannigfach abgestufter Nähe
               befinden, daß wir gemeinsame Vorfahren und insofern dasselbe Blut und wenn nicht eine
               gemeinsame Gegenwart, so doch ein Stück gemeinsamer Vergangen<pb xml:id="p324" break="no" ed="pga"/>heit und auf alle Fälle in der Geschichte unserer Vorfahren eine gemeinsame
               Vorgeschichte haben. Daß diese Menschen, wobei wir zunächst an Eltern, <seg type="non-entity">Kinder</seg> und
               Geschwister denken mögen, unsere Nächsten sind, das will in der beschriebenen Weise
               auf dem Weg über die verwandtschaftliche Freundschaft entdeckt und bejaht sein, weil
               es durch das Erwachen des Bewußtseins unserer eigenen Existenz zunächst in den
               Hintergrund gedrängt und verdunkelt wird. Aber wenn wir nun davon absehen, so ist
               nicht zu verkennen, daß wir es hier mit einer Bezogenheit zu tun haben, die, ob
               entdeckt und bejaht oder nicht, vor der Freundschaft und vor der Geschlechtlichkeit
               gerade um ihrer größten Natürlichkeit, ja Leiblichkeit willen den Vorzug einer
               selbstverständlichen, durch kein Vergessen und Verleugnen zu beseitigenden noch zu
               erschütternden Gegebenheit besitzt. Alle Ungebärdigkeit, mit der etwa ein
               jugendbewegter Sohn im Eifer seiner Selbstentdeckung über seinen Vater hinwegsehen
               und -schreiten zu müssen und zu können glaubt, ändert gar nichts daran, daß er nun
               eben doch – und in seiner Ungebärdigkeit vielleicht, ohne daß er es weiß, am
               Allermeisten – der Sohn dieses seines Vaters, der <seg type="non-entity">Erbe</seg> seiner guten und weniger guten
               Eigenschaften <hi rend="italic">ist</hi>. Wenn er das nicht einsieht und klein beizugeben
               irgendwie in der Lage ist, indem er, welches auch sein sachliches Recht sein mag, mit
               den Pubertätssprüngen jedenfalls innerlich und äußerlich Schluß zu machen weiß, dann
               wird er neben ernsthafteren Folgen, die das haben kann, ganz sicher mit einem
               saftigen Vaterkomplex bestraft werden, mit Hilfe dessen er sich die Hörner, die er
               sich nicht stutzen lassen wollte, im Leben draußen sicher in sehr schmerzlicher Weise
               einrennen wird. Und wenn eine Mutter mit ihrer Tochter nichts Klügeres anzufangen
               weiß, als an ihr ihre eigenen Minderwertigkeits- und Eifersuchtsgefühle, ihren
               Verdruß über das, was das Leben ihr vermeintlich oder wirklich schuldig geblieben
               [ist], abzureagieren durch allerlei Lieblosigkeit und Bedrängnis, so schneidet sie
               sich damit ins eigene <seg type="non-entity">Fleisch</seg>; denn die Mutter der so beleuchteten und behandelten
               Tochter bleibt sie darum doch, nur daß sie durch ihr Tun die Quellen
               <pb xml:id="p325" ed="pga"/>
                verschüttet und die Wege versperrt für Alles, was die Tochter ihr vielleicht in
               ihrer Lebensnot sein wollte und könnte. Oder wenn Brüder, wie das gelegentlich
               vorkommen soll, unter sich trotz der Mahnung Josephs: «Zanket nicht auf dem Wege!»
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.45.24">Gen. 45,24</ref>] in ganz
               besonders heftige Streitigkeiten geraten können, so rührt das oft gerade davon her,
               daß sie eben Brüder sind, eine gemeinsame Vergangenheit und in dieser Vergangenheit,
               die bis auf die Kinderstube zurückgehen kann, vielleicht allerlei gemeinsame
               gegenseitige Ärgernisse haben, und es bedarf dann vielleicht nur eines Angriffs von
               außen auf einen der brüderlichen Streiter, um ihre ursprüngliche Solidarität alsbald
               wieder sichtbar zu machen nach dem weisen französischen Wort: «La famille est un
               bloc, elle se dispute, mais elle se défend.»<note xml:id="n10">Französisches
                  Sprichwort.</note> Das Alles zum Zeichen, daß Verwandtschaft eine Gegebenheit ist,
               an der man wohl rütteln kann – und welche Eltern, <seg type="non-entity">Kinder</seg> und Geschwister hätten wohl
               nie daran gerüttelt –, die man aber zu seinem Heil oder zu seinem Schaden nicht
               erschüttern kann. Eine schöpfungsmäßige Gegebenheit offenbar, so gewiß wir ebensogut
               über unseren Schatten springen könnten, als daran etwas ändern, daß wir als Verwandte
               in diesem und diesem Verhältnis zu diesen und diesen Menschen nun einmal stehen. Hier
               in diesem bestimmten, und zwar von Gott bestimmten Verhältnis begegnet uns das Gebot
               desselben Gottes. Hier und nicht anderswo. Irgendwie im Rahmen und gemessen an den
               berechtigten Ansprüchen und Regeln dieses Rahmens werden wir zu gehorchen haben und
               nicht anderswie. Bedenkend, daß dem so ist, daß wir in dieser Wirklichkeit unseres
               Verwandtseins vor Gott zu treten haben, würden wir das Unsere getan haben, um in
               dieser Hinsicht nicht unbereitet zu handeln und in sein Gericht zu kommen.</p>
          <p>Aber wir müssen nun sofort weiterblicken. Wir brauchen den Begriff der Verwandtschaft
               bloß zu erweitern, so kommen wir auf geradem Weg über den altgermanischen Begriff der
               Sippe oder Horde zum Begriff des <hi rend="italic">Volkstums</hi>. Wir meinen hier nicht
               das
               <pb xml:id="p326" ed="pga"/>
                Staatsvolk. Wir werden vom Staat erst in unserem dritten Kapitel reden. Er gehört
               weder zu unserer schöpfungsmäßigen Berufung, noch auch wie Ehe und Familie zu den
               Schöpfungsordnungen, von denen wir im nächsten Paragraphen zu handeln haben. <seg type="non-entity">Volk</seg> und
               Staatsvolk decken sich nicht. <seg type="non-entity">Volk</seg> im eigentlichen und engeren Sinn nennt man eine
               solche geschichtlich zusammengehörende Gruppe einer Vielzahl von Familien, deren
               Einheit selber die einer Familie ist, d.h. die kraft gemeinsamen <seg type="non-entity">Stammes</seg> und Blutes,
               kraft der Rasse, wie man zu sagen pflegt, und der darauf begründeten relativ
               gemeinsamen Geschichte und gleichen oder doch gleichstämmigen Sprache besteht. Man
               wird gut tun, sich klarzumachen, daß es Staatsvölker, Völker im politischen Sinn, die
               zugleich Völker in diesem eigentlichen Sinn wären, im neuzeitlichen <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> sozusagen
               nicht mehr gibt, sondern nur noch mehr oder weniger starke und selber mehr oder
               weniger reine völkische Majoritäten. Man kann den modernen Staat, der sozusagen in
               allen Ländern nur a parte potiori den Namen gerade dieses und dieses <seg type="non-entity">Volkes</seg> im
               eigentlichen Sinn dieses Begriffes trägt, wohl nicht schwerer gefährden, als wenn man
               um dieses Namens willen eines der in ihm vereinigten und aufgegangenen Volkstümer
               gegen das andere oder die anderen mobil macht. Aber wenn man vor dem politischen
               Manipulieren mit dem Begriff des Volkstums als vor einem für den Staat
               lebensgefährlichen Spiel nur warnen kann, so ist damit nicht gesagt, daß Volkstum
               nicht, vor Allem im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf Sprache und Art, eine lebendige Wirklichkeit bedeutet,
               in der wir alle stehen, und die darum zweifellos auch ethisch keineswegs irrelevant
               ist. Von dieser Wirklichkeit entfernt man sich freilich sofort, wenn man seines
               eigenen Volkstums nur mittels eines natürlich zu eigenen Gunsten ausfallenden
               Vergleichs mit anderen froh sein zu können meint. Darin besteht diese Wirklichkeit
               z.B. nicht, daß am deutschen Wesen noch einmal die Welt genesen müsse,<note xml:id="n11">In <bibl corresp="kbga-bibls-1556"><persName ref="kbga-actors-1362">E. Geibels</persName> (1815–1884) Gedicht <hi rend="italic">Deutschlands
                           Beruf</hi> aus dem Jahre 1861 lautet der letzte Vers
                        allerdings: «Macht und Freiheit, Recht und Sitte, klarer Geist und scharfer
                        Hieb zügeln dann aus starker Mitte jeder Selbstsucht wilden Trieb, und es
                        mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen.» Ges. Werke,
                           Stuttgart
                           1883, Bd. 3 S. 214.</bibl>
                  </note> sondern das ist ein
               <pb xml:id="p327" ed="pga"/>
                ganz überflüssiger Zusatz zu der Wirklichkeit, die einfach darin besteht, daß wir
               nun einmal Deutsche und nicht Slawen, Romanen oder Semiten sind. Daß wir in dieser
               Wirklichkeit auch Gott begegnen müssen und nicht in einer anderen, daß uns Gott auch
               in dieser Hinsicht da finden will, wo er uns hingestellt hat, das ist die ethische
               Relevanz des Volkstums. Sie hat mit dem gegenseitigen sich Überprahlen gar nichts zu
               tun. Sie bedeutet konkret einfach Treue gegenüber der Art meines <seg type="non-entity">Volkes</seg>, gegenüber
               der mit seiner Sprache verbundenen Denkweise, nicht weil sie besser wäre als die
               anderer, sondern schlicht und ausschließlich darum, weil sie die Art und Sprache <hi rend="italic">meines</hi> <seg type="non-entity">Volkes</seg> ist und darum die auch mir jedenfalls zunächst
               zugewiesene. Auch das Volkstum ist ein Rahmen für mein Tun als gehorsames Tun.</p>
          <p>Beide, Verwandtschaft und Volkstum, bedeuten Bindungen, in denen wir unsere Existenz
               vorfinden, und insofern Kriterien unseres Handelns. Keine eindeutigen und keine
               letzten Bindungen und darum auch keine absoluten Kriterien. Wo und wie
               verwandtschaftliche sowohl wie völkische Treue anfangen und aufhören, wer wollte das
               von außen und für Andere oder auch nur für sich selbst eindeutig feststellen? Und daß
               hier auch keine letzten und unbedingten Bindungen vorliegen, das zeigt die
               Erinnerung, daß eheliche Treue unter Umständen der Verwandtentreue, Treue gegen die
               Autorität des Staates oder der Kirche unter Umständen der Treue gegen das Volkstum
                  <hi rend="italic">voran</hi>gehen muß, um von anderen weniger allgemeinen
               Möglichkeiten, von Einschränkung dieser Bindungen nicht zu reden. Aber an der
               Gegebenheit dieser Wirklichkeiten und an ihrem bindenden Charakter und so auch an
               ihrem Charakter als Kriterium wird durch diesen Vorbehalt nichts geändert. Wir leben
               nicht im leeren Raum und wir sind nicht diese und jene, sondern wir sind <hi rend="italic">wir</hi> und d.h. auch: Wir gehören kraft unseres Blutes im engeren und weiteren
               Sinn näher zu diesen als zu jenen Menschen. Bekommt
               <pb xml:id="p328" ed="pga"/>
                unser Tun den Charakter eines Hinaustretens oder doch Hinausstrebens aus dieser
               Zugehörigkeit, dann erhebt sich offenbar die Frage, ob wir uns nicht etwa entfernen
               von dem Ort, wo Gott mit uns reden will, wo wir also auch allein hören können, ob
               unser Tun nicht schon darum Ungehorsam sein möchte, weil es Untreue ist. Die Frage
               erhebt sich. Vielleicht muß unser Tun dann dennoch weitergehen auf der fraglichen
               Bahn, weil es tatsächlich und gegen den Schein, vor Gott jenen Charakter <hi rend="italic">nicht</hi> hat. Das Verhalten des zwölfjährigen Jesus im Tempel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.41 Lk.2.52">Lk. 2,41–52</ref>] scheint
               nicht gerade Treue gegen seine Blutsverwandten zu bedeuten und mehr als ein Auftritt
               in seinem späteren Leben auch nicht. Und die Haltung <persName ref="kbga-actors-208">Jeremias</persName> während der Belagerung
               von <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> war nicht gerade Treue gegen sein Volkstum [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.27">Jer. 27</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.37">37</ref>; v. a.  <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.38.1 Jer.38.6">38,1–6</ref>]. Ein weiterer <seg type="non-entity">Kreis</seg> schöpfungsmäßiger
               Berufenheit scheint sich hier aufzutun gegenüber Verwandtschaft und Volkstum, und was
               die Treue diesen gegenüber bedeutet, das kann nun bloß von diesem weiteren <seg type="non-entity">Kreis</seg> aus
               verstanden werden. Aufgehoben ist doch der innere <seg type="non-entity">Kreis</seg> auch im Falle solcher
               Überbietung keineswegs. Erstaunliche Möglichkeiten innerhalb unserer
               verwandtschaftlichen oder völkischen Bezogenheit brauchen darum doch nicht unmögliche
               Möglichkeiten zu sein. Auch ein Überbotenwerden des inneren durch den äußeren <seg type="non-entity">Kreis</seg>,
               ein Vorgehen anderer Bindungen gegenüber dieser Bindung, ändert nichts daran, daß
               auch diese <hi rend="italic">besteht</hi>, daß wirkliche Möglichkeiten in irgendeinem Sinn
               notwendig auch in dem inneren <seg type="non-entity">Kreis</seg> dieser Bindung ihren, wenn auch vielleicht sehr
               rätselhaften Ort haben, daß wir also bei all unserem Tun auch danach gefragt sind, ob
               und inwiefern dies der Fall sein möchte, daß uns also auch von dieser Seite her ein
               nicht zu übersehendes und nicht zu überspringendes Kriterium erwächst.</p>
          <p>Aber nun haben wir eine letzte Linie, die hier zu bedenken ist, noch nicht
               ausgezogen. Gibt es denn abgesehen von den Schöpfungsordnungen, auf die wir nachher
                  kommen,<note xml:id="n12">s. unten S. 367ff.</note> als schöpfungs<pb xml:id="p329" break="no" ed="pga"/>mäßige Berufung oberhalb und außerhalb des Volkstums noch einen solchen <hi rend="italic">weiteren</hi> <seg type="non-entity">Kreis</seg> von Verwandtschaft? Wir verstanden den <seg type="non-entity">Freund</seg> als den
               Mandatar des Mitmenschen, des Nächsten als solchen, weil Freundschaft auf freier
               seelischer Wahl beruht und eben damit unverkennbar ein Korrektiv unseres
               natürlich-naiven Egoismus, eine grundsätzliche Anerkennung der Humanität bedeutet.
               Verwandtschaft und Volkstum beruhen nicht auf solcher Wahl. Sie sind Gegebenheit. In
               jenem Sinne eröffnen sie nicht den Ausblick in die Ferne und Höhe, scheinen sie uns
               vielmehr in der Tiefe der Natürlichkeit festzuhalten, uns an einen bestimmten
               geschlossenen <seg type="non-entity">Kreis</seg> von Mitmenschen unter Ausschluß aller Übrigen zu verweisen. Aber
               dem <hi rend="italic">scheint</hi> doch letztlich bloß so zu sein. So gewiß der Begriff
               der Verwandtschaft über sich selbst hinausweist, sich von selbst erweitert zu dem der
               Sippe und dann des <seg type="non-entity">Volkes</seg>, so gewiß können wir auch hier nicht stehenbleiben. Warum
               etwa, kraft welches schönen Eigensinnes gerade hier? Sollten die Völker nicht etwa
               selbst wieder nur Glieder einer großen Familie sein? Das Wort «<hi rend="italic">Menschheit</hi>» hat in unserer konkretionsfreudigen deutschen Gegenwart im
               Gegensatz zu der Zeit der Aufklärung und des Idealismus einen so verdächtigen Klang
               bekommen, daß man sich ja wirklich fast fürchten muß davor, es auf die Lippen zu
               nehmen. Aber es ist nun doch nicht einzusehen, inwiefern etwa der Begriff des <seg type="non-entity">Volkes</seg>,
               wenn wir uns einmal, wie es notwendig ist, auf die Erwägung unserer blutsmäßigen
               Bestimmtheit überhaupt einlassen, durchaus die letzte ernst zu nehmende Konkretion,
               die hier in Betracht fallen kann, sein, inwiefern eben der Begriff der Menschheit im
               Gegensatz zu dem der Verwandtschaft und dem des <seg type="non-entity">Volkes</seg> auf einmal eine leere
               rationalistische Phrase sein sollte. Schon angesichts der bereits berührten Mischung
               der Volkstümer innerhalb so ziemlich jedes heutigen europäischen Staatsvolkes, aber
               auch angesichts der zahllosen Berührungen und Beziehungen, in denen <seg type="non-entity">Volk</seg> und <seg type="non-entity">Volk</seg>
               heute auch über die Staatsgrenzen hinweg miteinander steht, dürfte sich die
               Abneigung, mit dem Begriff der Menschheit allen <seg type="non-entity">Ernstes</seg> zu rechnen, vielmehr selbst
               als ein leeres, rationali<pb xml:id="p330" break="no" ed="pga"/>stisches, d.h. auf Konstruktion und nicht auf einer Wirklichkeit beruhendes
               Ressentiment erweisen. Der Russe, der Japaner, der Inder <hi rend="italic">sind</hi> nun
               einmal heute nicht mehr die fernen, fernen, nur theoretisch als Mitmenschen in
               Betracht fallenden Mitmenschen, als die sie eine nationalistisch eingestellte Ethik
               gerne hinzustellen liebt. Mag es im 18. Jahrhundert weithin Schwärmerei gewesen sein,
               wenn man von der Menschheit – und damals oft in abstrakter Überspringung der inneren
               Kreise, von denen wir hier herkommen, redete, so wäre es im 20. Jahrhundert
               Schwärmerei, <hi rend="italic">nicht</hi> von ihr zu reden, und es wäre in den
               verschiedensten Hinsichten doch wirklich fatal, wenn sich etwa gerade die Kirche
               darauf versteifen wollte, ihrer ethischen Besinnung und Verkündigung gerade hier eine
               Schranke ziehen zu wollen, die durch die Tatsachen, vor Allem des Wirtschaftslebens,
               längst über den Haufen geworfen ist und, wenn nicht Alles täuscht, immer mehr über
               den Haufen geworfen werden wird. Man wird auch hier nicht dringend genug davor warnen
               können, doch ja nicht mit gewissen <hi rend="italic">lutherischen</hi> Gedanken,
               Stimmungen und Schemata Mißbrauch zu treiben, als hätte die Wirklichkeit nicht auch
               als schöpfungsmäßige Wirklichkeit für uns ein anderes, weiteres Bild bekommen, als
               dies zu <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Zeit sinnvollerweise möglich war.<note xml:id="n13">Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-2471">Th. Pauls</persName>, <hi rend="italic">Luthers Auffassung von Staat
                           und Volk</hi>, Halle
                                1927</bibl>, sowie <bibl corresp="kbga-bibls-6287"><persName ref="kbga-actors-105">W. Elert</persName>, <hi rend="italic">Morphologie des
                           Luthertums</hi>, 2. Band, München
                                1931. 1953<hi rend="sup">2</hi>, S. 125ff.</bibl>
                  </note> Grundsätzlich ebenso gewiß und ebenso konkret wie in unserem eigenen Volkstum
               leben wir eben heute innerhalb der Staatsgrenzen und über sie hinweg fortwährend auch
               in Beziehung zu fremdem Volksrum.</p>
          <p>Aber selbst wenn dem faktisch nicht so wäre, selbst wenn jemand der völkischen
               Reinheit seines Stammbaumes so sicher sein könnte, wie es wahrscheinlich nur noch den
               Allerwenigsten wirklich zusteht, und wenn er dazu in der Lage wäre, sich hermetisch
               auch gegenüber dem fremden Volkstum innerhalb des eigenen Staates zu verschließen –
               kraft welcher grundsätzlichen Einsicht sollte er sich eigentlich gegen die
               Konsequenzen der Binsen<pb xml:id="p331" break="no" ed="pga"/>wahrheit, daß wir von <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> her doch Alle miteinander verwandt sind, wehren können?
               Ist die menschheitliche Bindung, in der wir stehen, etwa weniger eine Gegebenheit,
               wenn auch die Gegebenheit eines weiteren <seg type="non-entity">Kreises</seg>, als die verwandtschaftliche und
               völkische? Und wenn jene ein Kriterium unseres Handelns bilden, warum dann nicht auf
               derselben Linie, nur etwas weiter außen, was aber nicht heißt: weniger dringlich,
               auch diese? Wer das leugnen wollte, der hätte über die merkwürdige Rolle, die «der
               Fremdling, der in deinen Toren ist» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.10">Ex. 20,10</ref>] im Gesetz des <seg type="non-entity">Alten</seg> Testamentes spielt, noch
               nicht nachgedacht. Dieser Fremdling ist eben, ob willkommen oder unwillkommen, auch
               da. «Und der Fremdling bleibt nicht der Gastfreund, für den auch <persName ref="kbga-actors-8920">Zeus</persName> ein besonderes
               Ressort hatte; sondern er wird zum Vertreter des Menschen unter den Völkern» (<bibl>
                            <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-81">Cohen</persName></hi>, <hi rend="italic">Ethik</hi> S. 382</bibl>). Man merke wohl: der Begriff der Menschheit hebt den Begriff des <seg type="non-entity">Volkes</seg> so
               wenig auf wie dieser den Begriff der Verwandtschaft. Es kann sich aber auch die
               tiefste Treue gegenüber Verwandtschaft und Volkstum die Augen nicht verschließen vor
               der Tatsache, daß diese beiden inneren Kreise umschlossen sind von einem noch
               weiteren <seg type="non-entity">Kreis</seg> ebenfalls blutmäßiger Bezogenheit, in dem wir ebenfalls stehen und
               ebenfalls kraft schöpfungsmäßiger Berufung, der also unsere Treue ebenfalls in
               Anspruch nimmt und an dem unser Handeln ebenfalls gemessen ist. <seg type="non-entity">Hinter</seg> den
               Blutsverwandten tritt der Volksgenosse, hinter den Volksgenossen der «Fremdling, der
               in deinen Toren ist», und gerade dieser Letzte sagt uns, wenn wir es vorher noch
               nicht gehört haben sollten, daß es sich um <hi rend="italic">Humanität</hi> wahrlich auch
               bei diesen blutmäßigen Bezogenheiten handelt. In der Reihe mit diesem letzten gesehen
               und aufgenommen ist also in seiner Weise auch der Blutsverwandte, auch der
               Volksgenosse der Mandatar des Mitmenschen, des Nächsten als solchen. Indem wir ihn
               aber und mit ihm auch den Fremdling als <hi rend="italic">Gegebenheit</hi> verstehen, wird
               einsichtig, daß der Nächste als solcher eben eine Gegebenheit und nicht etwa eine
               Idee ist, tritt der Nächste nun doch auch von der natürlichen, leiblichen Seite her
               in unsere eigene Existenz hinein als eine nicht
               <pb xml:id="p332" ed="pga"/>
                zu umgehende, nicht zu überspringende Wirklichkeit, wird er uns zur Frage, wie sich
               unser Tun zu dem Gebot des Gottes verhalten möchte, dessen Berufung auch in dieser
               Wirklichkeit besteht. Ich brauche die Fragen wohl nicht auszusprechen, die sich aus
               dem Allem ergeben in bezug auf das alte Phänomen des Antisemitismus auf der einen,
               das moderne Phänomen des bewußten Nationalismus auf der anderen Seite. Mögen sie
               mögliche oder unmögliche Möglichkeiten sein, das ist sicher, daß sie als Prinzipien
               menschlichen Wollens und Handelns der Krisis des umfassend verstandenen Begriffs der
               Verwandtschaft unterliegen, wie wir ihn hier kennengelernt haben als Komponente der
               Wirklichkeit, in der wir vor Gott stehen.</p>
          <p>5. Zum Begriff des Berufs, in dem wir vor Gott stehen, gehört als weitere Komponente
               unser <hi rend="italic">Lebensalter</hi>. Daß wir, identisch mit uns selbst, diese
               Identität in einer unübersehbaren, aber begrenzten Reihe von zeitlichen Augenblicken
               unter allmählich sich verändernden Bedingungen immer wieder entdecken und behaupten
               müssen, daß wir alle irgendwo auf dem merkwürdigen und auf jeder seiner vielen
               Stationen wieder besonders merkwürdigen Wege von der Wiege zum Sarge uns befinden,
               daß wir hineingestellt sind in ein Werden, das doch schon von Anfang an auch ein
               Vergehen ist, um am Ende nur noch als rätselhaftes Vergehen sichtbar zu sein, das ist
               auch eine der schöpfungsmäßigen Voraussetzungen, bei denen uns Gottes Gebot behaftet,
               die von uns ernst genommen sein wollen. Aber das ernst zu Nehmende besteht auch hier
               in etwas ganz Konkretem: Was mich angeht, oder der Ort, wo Gottes Gebot mich angeht,
               ist nicht meine Lebenszeit überhaupt, sondern der durch die bewegte Zeit so oder so
               bestimmte jetzige Augenblick, von dem aus ich in den nächsten hinübergehe. Es verhält
               sich mit der individuellen Lebensphilosophie wie mit der Geschichtsphilosophie im
               Ganzen: Versteht man darunter ein Betrachten und Vergleichen verschiedener
               Möglichkeiten nebeneinander, dann ist sie ein eitles Unternehmen. Was wissen wir von
               unserem Leben als Ganzem? Wir gehören ja doch in keinem Augenblick uns selbst, wir
               durch<pb xml:id="p333" break="no" ed="pga"/>schauen uns auch in keinem Augenblick, geschweige denn, daß wir über die ganze Reihe
               seiner Augenblicke Herr wären, etwas Wirkliches über sie wüßten und sagen könnten.
               Wir sind gerade nicht in der Lage, unser Leben, wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-339">Albr. Ritschl</persName></hi>
               in der ganzen strahlenden Naivität des ausgehenden 19. Jahrhunderts meinte, zu einem
               Ganzen, zu einem «einheitlichen Lebenswerk» zu gestalten.<note xml:id="n14">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6287">a.a.O. S. 8. 11.81.83f.</bibl>
                  </note> Wir sind vielmehr nur in der Lage, menschlich dürftig genug belehrt durch die
               Einsichten, Warnungen und Weisungen, die wir als Erinnerung unserer Vergangenheit mit
               uns führen, wirklich belehrt nur durch Gottes Wort, das wir aber heute hören müssen,
               uns in diesem Augenblick zu bereiten auf den nächsten Augenblick, in dem wir wiederum
               nicht uns selbst gehören, und in dem wiederum Gott allein die Wahrheit über uns
               wissen und sagen wird. Darum ist jede Biographie und vor Allem jede Selbstbiographie,
               so ergötzlich und lehrreich diese Literaturgattung zweifellos ist, ein so gänzlich
               fragwürdiges Unternehmen, weil dabei fast immer vorausgesetzt wird, wir säßen auf
               einem Stuhl, von dem aus wir die Folge der Augenblicke, die das Leben eines Menschen
               oder gar unser eigenes Leben ausmacht, überschauen und durchschauen könnten – auf
               welchem Stuhl wir eben gerade nicht sitzen. Was wir sind in der Totalität unserer
               Augenblicke, das weiß Gott. Das wissen wir nicht. Wir wissen es nicht einmal vom
               gegenwärtigen Augenblick. Denn was Gott selbst uns heute sagt, das ist keine
               Offenbarung über unser Sein, sondern eine Inanspruchnahme unseres Handelns, das
               können wir in keiner Weise betrachten, sondern nur tun. Gottes Gebot lautet auf alle
               Fälle: Weitergehen! als der, der du bist und geworden bist in der ganzen Reihe deiner
               Lebensaugenblicke, aber: Weitergehen! als ob du jetzt eben zu gehen anfingest, ja,
               nicht nur «als ob»: sondern das Gehen fängt in der Tat jetzt eben von vorne an, nur
               eben von da aus, wohin du bis jetzt gekommen bist, wobei du doch diesen Ausgangspunkt
               in keiner Weise als dein Werk verstehen kannst. Geschaffen von Gott ist ja deine
               Existenz heute nicht weniger als am Tage deiner Geburt, und was der Sinn und die
               <pb xml:id="p334" ed="pga"/>
                Bedeutung der Entscheidung war, von der du eben herkommst, das steht wiederum in
               Gottes Urteil, diese deine Wahrheit vor Gott hast du weder hervorgebracht, noch
               kannst du von ihr wissen und reden. Du kannst dein ganzes bisheriges Gehen wirklich
               nur in der Weise verantworten, indem du weitergehst.</p>
          <p>Wir sind schöpfungsmäßig, so gewiß der Schöpfer der <hi rend="italic">ewige</hi> Gott ist,
               immer gerade das, was wir <hi rend="italic">jetzt</hi> sind. Grübeln und Spintisieren über
               Vergangenheit und Zukunft heißt immer: die Wirklichkeit, in der uns Gott geschaffen
               hat, nicht ernst nehmen. Aus ihm leben wir ja und werden wir leben, und sein ist auch
               das Gericht über unser Leben. Unsere Existenz ist aber die Gegenwart als Bereitung
               für die nächste, die allernächste Zukunft. Zu solcher Bereitung, zu einem Handeln im
               Wissen um das, was uns Gott heute, heute gesagt hat, sind wir aufgerufen. Also
               aufgerufen immer gerade auf der Stufe unserer leiblich-seelischen Entwicklung, auf
               der wir uns eben befinden. Das bedeutet nun aber sofort folgendes: die
               schöpfungsmäßige Voraussetzung des Lebensalters, in dem wir uns befinden, ernst
               nehmen, heißt durchaus nicht: dieses Lebensalter als solches ernst nehmen, sondern:
                  <hi rend="italic">in</hi> diesem Lebensalter, schon in diesem oder: auch noch in diesem
               Lebensalter, das Leben selbst ernst nehmen, aufmerkend auf die Fragen, Ansprüche,
               Forderungen, Verheißungen, die sich mir aus einem wirklichen Hören des Gebotes Gottes
               ergeben, mit offenem und bereitem Willen dem entgegengehen, was es uns weiter
               offenbaren will. Der besondere <seg type="non-entity">Ernst</seg> jedes Lebensalters besteht nicht in einer
               besonderen Haltung, die wir in dem und dem Alter dem Leben gegenüber einzunehmen
               hätten, sondern in dem <seg type="non-entity">Ernst</seg>, in dem wir in dem und dem Alter, als wäre es zum ersten
               Mal, als gäbe es kein anderes Alter als das, in dem wir eben stehen, zu leben
               versuchen, dem Herrn des Lebens entgegengehen.</p>
          <p>Daß Einer z.B. ein <hi rend="italic">junger</hi> Mensch ist, das ist an sich eine ganz
               uninteressante Tatsache, aus der Aufhebens und Geschrei zu machen sich nicht im
               geringsten lohnt. «Indes ihr Komplimente drechselt, kann etwas Nützliches
                  geschehen.»<note xml:id="n15">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust</hi> I. Teil, Vorspiel
                        auf dem Theater.</bibl>
                        </note> Indes ihr eure
               <pb xml:id="p335" ed="pga"/>
                Jugend als solche betätigen wollt, könntet ihr jung <hi rend="italic">sein</hi>, indem
               ihr euch betätigtet, wie sich eben der Mensch betätigen muß, der die
               Verantwortlichkeit des gegenwärtigen Augenblicks im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf den kommenden begriffen
               hat. Man kann nur jung <hi rend="italic">sein</hi> und ist dann gerade nicht an sich jung,
               sondern indem man ein bewegter, eben von der Verantwortlichkeit dieser Stunde, als
               wäre sie die erste und letzte, bewegter Mensch ist. Wirkliche Jugendbewegung gibt es
               nur in Form von Bewegtheit durch eine <hi rend="italic">Sache</hi>, die an sich mit Jugend
               und Alter gar nichts zu tun hat, in der Beziehung zu einem Gegenstand, in der man
               weiter lebt, als junger Mensch gewiß, aber vor Allem weiterlebt, aber ja nicht –
               Motto: «Verweile doch, du bist so schön!»<note xml:id="n16">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust</hi> I. Teil,
                        Studierzimmer.</bibl>
                        </note> sich seiner Jugend als solcher freuen zu können oder gar zu müssen meint. Man
               kann sich seiner Jugend nur freuen und man kann sie nur ernst nehmen durch
               jugendliche <hi rend="italic">Sachlichkeit</hi>, mit der man auf irgendeinem Feld seine
               Bereitschaft, seine Aufmerksamkeit, seinen Gehorsam erprobt, nicht aber, indem man
               dem Phantom einer vermeintlich typisch <hi rend="italic">jugendlichen</hi> Sachlichkeit
               nachjagt. Jugendlich ist die Fähigkeit und der <seg type="non-entity">Wille</seg>, sich an ein <hi rend="italic">Objekt</hi> hinzugeben, ohne die Reflexion, daß die Art, in der das geschieht,
               nun gerade jugendlich sein müsse, im Gegenteil: mit Unterdrückung der Reflexion, daß
               die Art, in der das geschieht, doch unter Umständen noch recht jugendlich sein
               möchte, mit der grimmigen Absicht, sich an Sachlichkeit dem höheren Lebensalter <hi rend="italic">gleich</hi>zustellen. Wenn man ein <seg type="non-entity">Kind</seg> sein <hi rend="italic">will</hi>, dann
               ist man gerade kein <seg type="non-entity">Kind</seg>, sondern kindisch. Wenn man ein <seg type="non-entity">Kind</seg> <hi rend="italic">ist</hi>,
               dann will man kein <seg type="non-entity">Kind</seg> sein, dann betreibt man auch das Spiel mit bitterem <seg type="non-entity">Ernst</seg>.
               Und das eben heißt dem Gebot <hi rend="italic">dieser</hi> Lebensstunde in der rechten
               Treue gegen die <hi rend="italic">ihr</hi> eigentümliche Bestimmtheit entgegengehen.</p>
          <p>Was exempli causa von der Jugend gesagt wurde, das wäre mutatis mutandis auch auf die
               anderen Altersstufen anzuwenden. Sowenig man darin jung ist, daß man sich von der Art
               und Tätigkeit der Älteren durch irgendeine besondere jugendliche Art und Betätigung
               abhebt, so wenig ist man ein reifer Mensch kraft
               <pb xml:id="p336" ed="pga"/>
                dessen, daß man den Idealen und Irrtümern der Jugend mit weisem Gesicht abgesagt hat
               und gesetzt und gediegen geworden ist, keine Schwabenstreiche mehr begeht, was nach
               einer sehr unzuverlässigen Nachricht vom vierzigsten Lebensjahr ab die Regel sein
               soll, sowenig ist das das wirkliche Alter, daß man in der Lage ist, auf eine lange
               Vergangenheit zurückzublicken und sich dessen zu trösten, daß der verantwortlichen
               Entscheidungen, die die Zukunft bringt, nur noch verhältnismäßig wenige sein werden,
               zu deren Erledigung eben die Weisheit der langen Vergangenheit ja gewiß von selber
               helfen werde. Wirklich lebendige und d.h. dann also wirklich junge, reife oder alte
               Menschen sind wir nicht kraft der eigentümlichen Bestimmtheit jeder dieser Stufen an
               sich, sondern kraft der Aufgeschlossenheit, in der wir jedesmal <hi rend="italic">in</hi>
               der Bestimmtheit dieser oder dieser oder dieser Stufe – nicht diese Bestimmtheit an
               sich, sondern den Anspruch des Lebens, dem wir in dieser Bestimmtheit
               gegenüberstehen, bejahen. Er wird uns dann wohl auf jeder Stufe in ganz besonderer
               Weise zum Gericht und zur Gnade, es wird uns also die Stufe selbst, auf der wir uns
               jeweilen befinden, in ganz besonderer Weise zum Kriterium und zur Wegweisung werden.
               Es ist selbstverständlich etwas Anderes, ob das Gebot des Lebens in seinen zwei
               Momenten uns in den Jahren trifft, die unsere Lehrjahre, oder in denen, die unsere
               Wanderjahre, oder in den von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName></hi> nicht beschriebenen, die unsere
               Meisterjahre bedeuten sollten, ob in der Bildung oder in der entwickelten Gestalt
               unseres Lebens oder endlich vor der dunklen Schwelle, jenseits derer wir das Sein
               dessen, was in unserem Leben wurde und geworden ist, nur noch Gott anbefehlen können.
               Aber das Gebot selbst ist ja kein Anderes, und ihm gegenüber kann unser <seg type="non-entity">Jung</seg>- und
               Altsein kein Eigenleben mit selbständigen Gesetzen bedeuten. Lassen sich doch die
               Grenzen zwischen den Lebensaltern und das, was sie physisch und psychisch zu
               unterscheiden scheint, so wenig eindeutig bestimmen wie das wirkliche Wesen der
               männlichen und der weiblichen Menschlichkeit. Ist der Mensch nicht schon als Lehrling
               ein Wanderer und nicht auch als Wanderer noch ein Lehrling?
               <pb xml:id="p337" ed="pga"/>
                Und steckt nicht immer der künftige <seg type="non-entity">Meister</seg> schon in beiden? Kann die reife und die
               ausgereifte Gestalt etwas Anderes sein als die Ausprägung der ersten und
               ursprünglichen? Ist es ein Zufall, daß schon der Aspekt der Gesichtszüge des Greises
               dem des Säuglings wieder ähnlich zu werden beginnt? Ist die Reihe unserer Augenblicke
               etwas Anderes als die Variation eines und desselben Themas, bis sie nach dessen
               Erschöpfung oder auch vorher, «zu früh», wie man dann zu sagen pflegt, eines Tages
               geheimnisvoll abgebrochen wird? Und müßte uns schließlich nicht schon die Ungewißheit
               der Todesstunde, die den Jüngsten auf einmal neben, nein, über den Ältesten stellen
               kann, die Relativität der Stufen, von denen hier die Rede ist, endgültig klarmachen?
               Ist dem nun so, dann kann offenbar die Bestimmtheit des Lebensalters, in der wir Alle
               existieren, wichtig und bedeutsam nur sein als göttlich-schöpfungsmäßige Bestimmtheit
               des Jetzt, in der wir jedesmal doch aufgerufen sind, als wäre es das erste und letzte
               Mal, und liegt das Kriterium unseres Tuns, das sich aus dieser Bestimmtheit ergibt,
               nicht etwa in der Unterschiedenheit dieses und dieses Alters gegenüber einem anderen,
               sondern in der heimlichen, aber wirklichen Zusammengehörigkeit aller Altersstufen <hi rend="italic">in</hi> ihrer Unterschiedenheit.</p>
          <p>Als <hi rend="italic">unjugendlich</hi> wird dann ein solches Tun bedenklich sein, das
               geleitet ist von der mit der Dringlichkeit des Gebotes ganz unvereinbaren und nur
               scheinbar jugendlichen Vorstellung, als ob wir auch im Verhältnis zu Gott noch ein
               langes Leben vor uns hätten, als ob die Entscheidung, die wir jetzt fällen, darum
               noch keine ernste Entscheidung sei, weil ihr vermutlich noch viele andere unter neuen
               Möglichkeiten folgen werden, als sei also das Träumen und Spielen, das Nachahmen und
               selbständige Probieren, das allerdings für diese Stufe charakteristisch ist, nicht
               genau so wie das, was nachher kommt, ein verantwortliches Tun. «So freue dich,
               Jüngling, in deiner Jugend und laß dein <seg type="non-entity">Herz</seg> guter Dinge sein in deiner Jugend. Tue,
               was dein <seg type="non-entity">Herz</seg> gelüstet und deinen Augen gefällt, und wisse, daß dich Gott um dies
               alles wird vor Gericht führen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Qoh.11.9">Pred. 11,9</ref>). Sollte dies nicht bedacht sein,
               <pb xml:id="p338" ed="pga"/>
                sollte unser Tun – nicht die Gesetztheit und Überlegenheit des Mannesalters oder gar
               die Abgeklärtheit des Alters, wohl aber das Wissen um das Gericht vermissen lassen,
               dann, dann wäre es ein unjugendliches Tun, gerade weil es dann ein abstrakt
               jugendliches Tun wäre. <seg type="non-entity">Jung</seg> sein kann nur heißen: in der Jugend menschlich sein.</p>
          <p>
                        <hi rend="italic">Bedenklich</hi> wäre umgekehrt das Tun des <hi rend="italic">reifen</hi>
               Menschen, wenn hinter ihm etwa die Blindheit dafür stehen sollte, daß all <hi rend="italic">unser</hi> Entscheiden, so ernst und verantwortlich es ist, doch
               keineswegs die göttliche Entscheidung, sondern der göttlichen Entscheidung
               unterworfen ist, zu deren <seg type="non-entity">Ernst</seg> es sich immer wieder verhalten wird, wie Spiel sich
               zu <seg type="non-entity">Ernst</seg> verhält. Reif sein heißt wissen um diesen Spielcharakter des ernstesten
               menschlichen Tuns. Wenn der Mensch auf der Höhe seines Lebens ein Philister und
               <seg type="non-entity">Bourgeois</seg>, ein Schulmeister oder auch ein <persName ref="kbga-actors-3913">Prometheus</persName> wird (denn <persName ref="kbga-actors-5693">Epimetheus</persName> und
               <persName ref="kbga-actors-3913">Prometheus</persName> sind nur bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-781">Spitteler</persName></hi>, aber nicht in der Wirklichkeit
               absolute Gegensätze)<note xml:id="n17">s. oben S. 158 Anm. 5 sowie S. 236 Anm.
                  26.</note>, wenn er den Humor und die Wehmut einbüßt, in der man dem göttlichen
               <seg type="non-entity">Ernst</seg> menschlich doch allein Rechnung tragen kann, wenn er feierlich wird, d.h. wenn
               er sich selbst statt Gott ernst nimmt, wenn also das Gericht des Wortes von dem
               notwendigen Umkehren und Werden wie die <seg type="non-entity">Kinder</seg> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.3">Mt. 18,3</ref>] ihn trifft, dann ist eben damit gesagt –, nicht
               etwa, daß er leider nicht mehr jung ist, sondern daß er gerade die wirkliche <hi rend="italic">Reife</hi> des Lebens vermissen läßt. Und so wird das Tun des alten
               Menschen um so fragwürdiger, je mehr es etwa den Charakter des Fertigseins mit der
               Frage des Gebotes, den Charakter mechanischer Wiederholung der bisherigen
               Entscheidung tragen sollte, je mehr es das vermeintliche Anrecht des Alters auf Ruhe
               in Anspruch nehmen sollte. Wenn der Torschluß, wenn die letzte Entscheidung, die der
               Mensch vor Gott zu fällen hat, herannaht, dann kann offenbar die Frage, vor die der
               Mensch durch Gottes Gebot gestellt ist, nicht weniger dringlich, sondern nur noch
               dringlicher werden und immer unmöglicher die Möglich<pb xml:id="p339" break="no" ed="pga"/>keit, ihm durch bloße Wiederholungen, durch Weiterrollen auf vermeintlich bewährten
               Geleisen zu entsprechen. Wir nehmen uns wohl nicht zu viel heraus, wenn wir
               formulieren: die wirklichen, die eigentlich ehrwürdigen <seg type="non-entity">Alten</seg> sind gerade die, die in
               und trotz der Gebrechlichkeit und Unkraft des Alters immer wieder jung sein – nicht
               etwa wollen!, sondern müssen: jung sein im Bewußtsein der vollen Dringlichkeit auch
               ihres, gerade ihres Lebensaugenblicks. Darum ist <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>, der fünfundsiebzig Jahre
               alt war, da er aus Haran auszog [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.12.4">Gen. 12,4</ref>], der im besten Sinn natürlichere alte <seg type="non-entity">Mann</seg> als
               etwa der Schaffhauser Antistes <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-782">David Spleiss</persName></hi>, der schon mit sechzig Jahren gewissen Ansprüchen, die man an ihn stellte,
               entgegenhielt: «J’ai fait ma fortune, ich habe mein Schäflein ins Trockene
                  gebracht»,<note xml:id="n18">
Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4056"><persName ref="kbga-actors-793">C. Stokar</persName>, <hi rend="italic">David Spleiss</hi>,
                              Basel
                                    1858, S. 264.</bibl>
<lb/><persName ref="kbga-actors-782">D. Spleiss</persName> (<date from="1786" to="1854">1786–1854</date>) lebte als evangelischer Theologe in
                     Schaffhausen. Dort war er zunächst Professor für Physik und Mathematik und seit
                        <date when="1813">1813</date> gleichzeitig als Seelsorger in dem benachbarten Buch
                     tätig. <date when="1841">1841</date> rückte er zum Antistes, d. h. Hauptpfarrer von
                     Schaffhausen, auf.
</note> oder als der Emeritus, der sich hinsetzt, um seinen Liebhabereien nachzugehen
               und seine Selbstbiographie zu schreiben. Darum ist es durchaus kein wunderlicher,
               sondern ein mindestens als Symptom des Normalen höchst bedeutsamer und ehrwürdiger
               Vorgang, wenn z.B. ein <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-356">Schelling</persName></hi>, ein <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1412">Tolstoi</persName></hi>,
               ein <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-293">P. Natorp</persName></hi> in ihren alten Tagen noch einmal von einer
               stürmischen Lebensunruhe überfallen wurden und sich veranlaßt sahen zu dem kühnen
               Versuch, ihrem ganzen Lebenswerk in letzter Stunde noch einmal eine andere Gestalt
               und Wendung zu geben.<note xml:id="n19">Vgl. zu <bibl><persName ref="kbga-actors-356">F. W. Schelling</persName>
                                <hi rend="italic">RGG<hi rend="sup">3</hi></hi> V, 1396-1400</bibl>, zu <bibl><persName ref="kbga-actors-1412">L. Tolstoi</persName>
                                <hi rend="italic">RGG<hi rend="sup">3</hi></hi> VI, 947-949</bibl>, zu <bibl><persName ref="kbga-actors-293">P. Natorp</persName>
                                <hi rend="italic">RGG<hi rend="sup">3</hi></hi> IV, 1321-1322</bibl>, jeweils m. weiterer Literatur.</note> Das kann jedenfalls Gehorsam sein
               gegen das Aufgebot: «Gehe aus deinem Vaterland und von deiner Freundschaft … in ein
               Land, das ich dir zeigen will» [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.12.1">Gen. 12,1</ref>], ein Aufgebot, das an die <seg type="non-entity">Alten</seg> nicht weniger ergeht als an die
               Jungen. Berufstreue wird gerade im Alter, wo das Gegenteil allzunahe zu liegen
               scheint, Gehorsam gegen dieses Aufgebot bedeuten müssen. «Dein Alter sei wie deine
               Jugend», lautet die schöne Verheißung <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.33.25">Dtn. 33,25</ref>. Diese Verheißung ist doch auch
               <pb xml:id="p340" ed="pga"/>
                eine Beschreibung des Berufs, in dem der alte Mensch als solcher steht. Und sie ist
               umkehrbar: Deine Jugend sei wie dein Alter – wir haben gesehen, in welchem Sinn – und
               mag so oder so als das Kriterium gelten, das hier zu beachten ist. Wir können es auch
               mit dem letzten Wort des <seg type="non-entity">Alten</seg> Testaments dahin zusammenfassen, daß es darum geht,
               daß das <seg type="non-entity">Herz</seg> der Väter sich bekehre zu den Kindern und das <seg type="non-entity">Herz</seg> der <seg type="non-entity">Kinder</seg> zu den
               Vätern (<ref type="can" subtype="bible" target="Mal.3.24">Mal. 3,24</ref>), oder mit
                  <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.148.12 Ps.148.14">Ps. 148,12f.</ref>: «Alte mit
               den Jungen, die sollen loben den Namen des Herrn; denn sein Name allein ist
               hoch.»</p>
          <p>6. Die sechste Bestimmtheit des Berufes, in dem wir alle stehen, besteht in all dem,
               was wir in den zwei Begriffen der <hi rend="italic">Führung</hi> und der <hi rend="italic">Begabung</hi> zusammenfassen können. Jeder Augenblick und also in jedem
               Augenblick das Gebot findet uns nämlich in einem ganz bestimmten Stand körperlicher
               und geistiger Bildung, auf einer bestimmten äußeren und inneren (und in bezug auf das
               Innere: moralischen, intellektuellen, ästhetischen) Kulturstufe oder in einem
               bestimmt differenzierten Entwicklungsgrad des Verstandes, <seg type="non-entity">Willens</seg> und Gefühls, dem
               eine bestimmte Eukrasie, Kräftigkeit und Geschicklichkeit des Körpers parallel gehen
               kann, oft genug freilich auch durchaus nicht parallel geht. Jeder Mensch hat unter
               diesem weiteren, von den bisherigen grundsätzlich ganz unabhängigen Gesichtspunkt
               seinen bestimmten, ihm schlechterdings und unwiederholbar eigenen Standort in einem
               System, das man mittels zweiter Koordinaten bezeichnen kann: Führung die eine,
               Begabung die andere.</p>
          <p>Wir verstehen unter <hi rend="italic">Führung</hi> die <hi rend="italic">geschichtliche</hi>
               Bestimmtheit, in der das Leben eines jeden Menschen unter allen Umständen gelebt
               wird. Es ist offenbar nicht gleichgültig, ob jemand als Feuerländer, oder als
               baltischer <seg type="non-entity">Graf</seg>, oder als mit Spreewasser getaufter Berliner, ob er im Schatten eines
               holländischen Kaufmannshauses, oder als sächsischer Proletarier, ob er als Sohn und
               Großsohn und Urgroßsohn von lauter Basler Theologen, oder als <seg type="non-entity">Kind</seg> eines Generals der
               alten deutschen Armee geboren, aufgewachsen und erzogen ist. Obwohl doch alle diese
               Menschenkinder in den ersten fünf Minuten ihres Daseins alle gleich dürftig
               <pb xml:id="p341" ed="pga"/>
                dran waren und in den letzten fünf sicher auch wieder alle gleich dürftig dran sein
               werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bedeutet je das Eine oder Andere für den
               betreffenden Menschen das Offenstehen einer ganzen Reihe und ebenso das
               Verschlossensein einer ganzen anderen Reihe von Möglichkeiten, guter und böser,
               fördernder und hemmender, aber jedenfalls von Möglichkeiten, deren Vorhandensein oder
               Fehlen seine Existenz in einer ganz bestimmten durch alle späteren Einflüsse und
               Mischungen hindurch sich behauptenden Weise prägen. Keiner hat sich diese Prägung, in
               der er von seinen Eltern und seiner Kinderstube her einhergeht, aussuchen können,
               sowenig er sich seine Eltern aussuchen konnte. Er hat sie aber, er wird sie in Allem,
               was er tut und sagt, und wäre es nur in der Form heftigster Opposition oder
               Verleugnung, im Aufsuchen von allerlei Kontrastmöglichkeiten, verraten. Er ist doch,
               was er ist. Wir können uns aber auch die späteren Einflüsse, durch die wir zu dem
               gebildet werden, was wir sind, nur zum allergeringsten Teil wirklich selber wählen.
               Was wissen wir von den geheimnisvollen Nötigungen, auf Grund derer ein Mensch sich
               jetzt diesem Anderen eröffnet und anvertraut, jetzt diesen Freundeskreis aufsucht,
               jetzt diese Universität aufsucht und jetzt diesen Lebensberuf ergreift! Auch die
               Bildungseinflüsse, denen wir uns bewußt und willentlich aussetzen, sind dann in
               Wirklichkeit immer ganz andere, als wir erwartet hatten, und bestimmen uns auch in
               der Regel ganz anders, als wir es auf dem Programm hatten. Wer von Ihnen hätte etwa
               wirklich gewußt, was er tat, als er anfing, Theologie zu studieren, und über wen
               wären dann nicht ganz unerwartete Mächte gekommen, als er diesen Plan ausführte?
               Gewiß, wir sind immer dabei, und zwar verantwortlich dabei, das wissen wir wohl, aber
               das ändert kaum etwas daran, daß unser Leben auch einfach <hi rend="italic">geschieht</hi>
               irgendwo im Großen und im Einzelnen immer nur bis zu einem gewissen Grad
               durchsichtigen Strom der <hi rend="italic">Geschichte</hi>. Und nun können wir offenbar,
               wenn wir nicht so gottlos sind, da von Zufall oder Schicksal zu reden, wir können
               auch dann, wenn wir etwa zur Erklärung von dem Allem unsere Zuflucht zu einem in den
               Ster<pb xml:id="p342" break="no" ed="pga"/>nen uns vorgeschriebenen Programm nehmen wollen, dieses unaufhaltsame Geschehen doch
               nur als <hi rend="italic">Führung</hi> verstehen. Der Schöpfer, durch dessen Willen die
               Welt nicht nur allein angefangen hat, sondern auch allein besteht in jedem
               Augenblick, nicht nur im Allgemeinen und Ganzen, sondern auch in jeder noch so
               kleinen Einzelheit, dieser Schöpfer hat auch, unbeschadet meiner Freiheit und
               Verantwortlichkeit, ja gerade <hi rend="italic">in</hi> meiner Freiheit und
               Verantwortlichkeit, <hi rend="italic">mich</hi> heraufgeführt aus dem Nichts und dann
               weiter so und so geführt, daß ich das und das wurde, was ich eben heute bin, hat als
               Töpfer mit dem Ton gemacht, was er wollte, und hat es auf alle Fälle gut gemacht. Und
               als so Heraufgeführter habe ich ihm nun als dem Gebieter des Gebotes wieder zu
               begegnen.</p>
          <p>Aber das ist nur die eine Koordinate unserer Bildung. Die andere ist meine besondere
                  <hi rend="italic">Begabung</hi>. Wir verstehen darunter die individuelle <hi rend="italic">physiologisch-psychologische</hi> Bestimmtheit, in der das Leben des Menschen
               wiederum unter allen Umständen gelebt wird. Sie deckt sich offenbar nicht etwa mit
               der geschichtlichen, so gewiß diese beiden Linien sich an einem bestimmten Ort
               schneiden, wo es dann unmöglich wird, sie eindeutig auseinanderzuhalten. Unter allen
               den verschiedenen geschichtlichen Bildungsmöglichkeiten meines Lebens und weithin
               unabhängig davon, nicht unzweideutig auf jene zurückzuführen, kann ich von Hause aus
               ein gesunder oder ein kranker Mensch sein, ferner: klein oder groß von Gestalt,
               auffallend kleine Leute haben fast immer einen ganz besonderen
               Minderwertigkeitskomplex, der sie unter Umständen zu den erstaunlichsten Dingen
               veranlaßt, auf die sie bei normaler Größe nimmer kommen würden, der ganze <persName ref="kbga-actors-292">Napoleon I.</persName>
               ist schon von da aus erklärt worden! – ich kann gewandt, oder mal adrett sein,
               intelligent oder unintelligent, starken oder schwachen <seg type="non-entity">Willens</seg>, ästhetisch stumpf
               oder feinsinnig, einsiedlerisch oder gesellig. Nicht alles Derartige, bei Licht
               gesehen vielleicht das Allerwenigste von dem Allem läßt sich im einzelnen Fall als
               Vererbung erklären. Die Natur, und zwar die physische wie die psychische, <hi rend="italic">macht</hi> eben Sprünge, gestattet sich hier, in ein
               <pb xml:id="p343" ed="pga"/>
                Haus voll alter Kultur einen Idioten zu setzen und dort ein Genie in eine
               Taglöhnerhütte, hier in gediegenster Umgebung einen perversen Lüstling und dort in
               fragwürdigstem Milieu einen feinen, schlichten, geradsinnigen Menschen aufwachsen zu
               lassen. Mag die geschichtliche Situation, die geographische, politische,
               soziologische Bedingtheit des betreffenden Menschen diese seine individuelle Begabung
               in so und so vielen Fällen unwirksam machen oder doch in Verborgenheit hüllen, mag es
               unzählige Male vorgekommen sein, daß ein hochbedeutender Mensch unbeachtet
               verkümmerte, das seiner Begabung Entsprechende menschlich geredet nicht leisten
               konnte, während ebensooft ein Halbtrottel es zu Amt und Ehren und wer weiß sogar zu
               weltgeschichtlicher Bedeutung brachte, nur weil seine geschichtliche Stellung, seine
               Führung sagen wir also, dort hemmend, hier fördernd wirkte – mag die geschichtliche
               Führung in unseren Augen noch so oft im Schein eines unbegreiflich grausamen Fatums
               dastehen – wie anders würde unter Umständen das ganze heutige deutsche Geistesleben
               aussehen ohne jene Schlacht in <placeName ref="kbga-places-1060">Flandern</placeName> im <seg type="non-entity">Herbst</seg> 1914, in der Gott und eine wenig
               einsichtige Heeresleitung es zuließen, daß ausgerechnet eine ganze oder halbe
               studentische Generation, darunter vielleicht so und so viele von den geistigen
               Führern, die wir heute nötig hätten, in kompakten Massen den englischen
               Maschinengewehren ausgesetzt wurden<note xml:id="n20">Nachdem der deutsche Vormarsch
                  im Westen zum Stehen gebracht worden war, versuchte die deutsche Heeresleitung in
                  den beiden Flandernschlachten vom <date>20. Okt.-3. Nov.</date> und vom <date>10.
                     Nov.-18. Nov. 1914</date> durch einen von ihr befohlenen Masseneinsatz von
                  Truppenverbänden aus Freiwilligen und jungen Rekruten das Gesetz des Handelns noch
                  einmal an sich zu reißen und die bereits zu erstarren drohende Front erneut in
                  Bewegung zu bringen. Unter dem Gesang des Liedes «Deutschland, Deutschland über
                  alles …» brachen am <date>10. November</date> junge, fast nur aus Studenten
                  zusammengesetzte Regimenter bei Langemarck «gegen die erste Linie der feindlichen
                  Stellungen vor und nahmen sie». Dieser Sturmangriff, der unübersehbare Zahlen
                  Gefallener forderte, wurde in der Folgezeit zu einem Symbol für das heldische
                  Sterben der deutschen Jugend im Kriege, obgleich er militärisch ein Fehlschlag war
                  und den gefürchteten Übergang in den zermürbenden Stellungskrieg sowenig
                  aufzuhalten vermochte wie die übrigen Operationen in jener Novemberschlacht. Der
                  deutsche Soldatenfriedhof bei Langemarck umfaßt 45000 Gräber. Vgl. <bibl><persName ref="kbga-actors-2518">H. Thimmermann</persName>, <hi rend="italic">Der Sturm auf
                           Langemarck</hi>, München
                                1933.</bibl>
                  </note> –
               <pb xml:id="p344" ed="pga"/>
                das Alles bestätigt doch nur, daß es eine <hi rend="italic">individuelle</hi> Bildung
               gibt, die von der geschichtlichen zwar gefördert und gehemmt werden kann, die aber
               grundsätzlich nicht von ihr abhängig ist, die sich oft genug gegenüber jener
               siegreich durchsetzt, die jedenfalls immer mitzuerwägen ist, wenn wir die
               Bildungsstufe des Menschen (Bildung jetzt im allgemeinsten Sinn verstanden) als
               Komponente der Wirklichkeit, in der uns Gottes Gebot begegnet, in Betracht
               ziehen.</p>
          <p>Von Schicksal oder Zufall könnte man natürlich gottloserweise auch hier reden. Wir
               verstehen den Menschen als Gottes Geschöpf und sagen darum mit dem ja auch in der
               Profansprache geläufigen Ausdruck: nein, das ist eben seine <hi rend="italic">Begabung</hi>. So, mit so Vielem oder so Wenigem hat Gott mich, hat er diesen und
               jenen begabt, beschenkt, als er mich und ihn und indem er mich und ihn aus dem Nichts
               emporführte. Aber wer berechtigt uns, hier von viel oder wenig zu reden? Man wird mit
               allen Wertungen und Abwertungen hier wie bei dem, was wir als die göttliche Führung
               bezeichnet haben, nicht zurückhaltend genug sein können. Nennen wir das Geschaffene
               gut geschaffen, so meinen wir damit nichts Anderes, als daß es eben von Gott so und
               nicht anders geschaffen ist, daß es, wenn es unsere eigene Wirklichkeit ist, <hi rend="italic">die</hi> Wirklichkeit ist, in der wir berufen sind, die für Gott
               jedenfalls gut genug ist, uns darin aufzusuchen. Und nun redet auch diese Komponente
               unserer Wirklichkeit <hi rend="italic">mit</hi> bei der Beantwortung der Frage: was sollen
               denn <hi rend="italic">wir</hi> tun? Denn auch sie ist ein Moment unseres <hi rend="italic">Berufes</hi>. Was wir auch tun werden, wir werden es als die so Geführten und
               Begabten tun. Und das Urteil Gottes seinerseits wird über uns als die so von ihm
               Geführten und Begabten ergehen. Wieder sind es zwei Gruppen von Fragen, die sich von
               hier aus in bezug auf unser Tun ergeben.</p>
          <p>
                        <hi rend="italic">Die erste Frage</hi>: Entspricht unser Tun dem, daß Gottes Gebot uns in
               dem <hi rend="italic">ganzen</hi> Bestand, in dem wir uns, unter jenem dop<pb xml:id="p345" break="no" ed="pga"/>pelten Gesichtspunkt betrachtet, vorfinden, in Anspruch nimmt, mit Beschlag belegt?
               Oder findet etwa bei unserem Tun nicht immer eine teilweise und vielleicht sehr
               umfangreiche Zurückhaltung statt? Ist es nicht so, daß wir handeln, als ob gar nicht
               der ganze Bestand dessen, was wir geworden sind und sind, auf dem Spiele stünde, wenn
               wir vor Gott stehen, sondern bloß ein Teil, ein sehr kleiner Teil vielleicht? Unser
               Tun dürfte offenbar um so kritischer zu betrachten sein, je weniger wir ganz dabei
               sind, je mehr wir uns dabei gleichsam eingeteilt, diese und diese Möglichkeit, Anlage
               und Fähigkeit, die wir haben, bewußt oder unbewußt als in diesem Fall unbeteiligt in
               den Hintergrund geschoben haben, je mehr wir vielleicht bloß beiläufig handeln, nicht
               mit dem Einsatz unserer ganzen Persönlichkeit, wie man sagt, d.h. nicht mit dem
               Einsatz der ganzen Wirklichkeit unserer geschichtlichen und
               physiologisch-psychologischen Existenz. Gewiß, solche Einteilungen und
               Zurückstellungen vollziehen wir fortwährend, und in sehr Vielem, was wir tun, handeln
               wir in diesem Sinne bloß beiläufig. Man sagt z.B., wenn man etwa einen Ort des
               Vergnügens aufsucht: Ich will jetzt den Theologen einmal ganz zu Hause lassen und nur
               noch harmlos Mensch sein! Oder man sagt: Ja, da muß nun das ästhetische Gefühl
               schweigen vor anderen wichtigeren Rücksichten! Oder man läßt, auf dem Gebiet der
               Wissenschaft z.B., seinen Verstand ganz allein laufen wie ein gutes Pferd, das seinen
               Stall schon allein finden wird. Oder man überspringt, in gewissen gesellschaftlichen
               Situationen etwa, den wirklichen Stand seiner moralischen oder intellektuellen
               Bildung, begibt sich, zum Schein wenigstens (denn in Wirklichkeit kann man das ja
               nicht) an einen höheren oder auch tieferen Ort als den, der einem eigentlich zukommt.
               Oder der trivialste, aber in dieser Hinsicht häufigste und vielleicht bezeichnendste
               Fall: man ist ganz einfach faul, man ist des Treibens irgendwie müde, man vernimmt
               wohl, daß irgend etwas irgendwoher von einem verlangt ist, aber man hat genug, man
               mag nicht, man zieht zeitweilig vor, jetzt einmal ruhend sich selbst zu sein. Das
               Alles, mit Inbegriff der Faulheit, kann erlaubt, ja ge<pb xml:id="p346" break="no" ed="pga"/>boten sein. Es kann durchaus in der Ordnung sein, daß ein Teil unserer Existenz
               manchmal schläft oder doch schlummert, nicht dabei ist bei dem, was wir tun. Wirklich
               mit dem Einsatz unserer ganzen Persönlichkeit sind wir wahrscheinlich selten oder nie
               dabei, und es ist schon besser so, denn sonst würden wir wohl binnen einiger Tage
               herunterbrennen wie eine Kerze. Aber die <hi rend="italic">Frage</hi>, ob wir unserem
               Beruf, nun im Sinn von Führung und Begabung verstanden, getreu sind, diese Frage <hi rend="italic">erhebt</hi> sich gegen uns im <seg type="non-entity">Blick</seg> auf diesen Sachverhalt, erhebt sich
               um so energischer gegen uns, je ausgeprägter jeweils dieser Sachverhalt vorliegen
               sollte. Daß dem so ist, das darf man sich auch nicht verhehlen. Ein Einteilen und
               Zurückstellen gewisser Möglichkeiten unserer Existenz gegenüber anderen mag, darf, ja
               muß es je und je geben. Nicht aber den Versuch, gewisse Möglichkeiten unserer
               Existenz der göttlichen Inanspruchnahme zu entziehen, nicht ein solches Einteilen und
               Zurückstellen also, das eine Abstraktion von der Wirklichkeit bedeuten würde. In
               Anspruch genommen ist grundsätzlich meine ganze Existenz, auch in ihren jeweils
               schlafenden oder schlummernden Komponenten. Ein wirkliches Ausziehen des
               Theologenrockes zum Behuf freierer Bewegung gibt es z.B. schon nicht. Überhaupt:
               unsere Begabung und Führung bedeutet einen character indelebilis, den verleugnen zu
               wollen, nicht von Gutem sein könnte. Von Gottes Gebot getroffen bin ich in der ganzen
               Breite meiner Existenz, auch in ihren zeitweilig zurückgestellten, schlafenden oder
               schlummernden Komponenten. In Anspruch genommen bin ich in der Totalität dessen, was
               ich geworden bin und bin. Wollte ich etwas davon im <seg type="non-entity">Ernst</seg> absondern, im <seg type="non-entity">Ernst</seg> und
               gänzlich es als nicht beansprucht und unbeteiligt, als Adiaphoron gleichsam
               freimachen als Gebiet und Gegenstand meiner Willkür – so wäre es unfehlbar so, daß
               ich selbst in diesem freigemachten, Gottes Gebot vermeintlich entzogenen Teil meines
               Wesens den eigentlichen Sitz meines Lebens hätte und nicht etwa in dem Gottes Gebot
               scheinbar zur Verfügung gestellten, vielleicht viel größeren übrigen Teil.
               Einteilungen, die eine wirkliche Abstraktion, eine Aufteilung meines
               <pb xml:id="p347" ed="pga"/>
                Tuns in eine ernstere und eine weniger ernste Sphäre bedeuten würden, würden auf
               alle Fälle Ungehorsam bedeuten.</p>
          <p>An diesem Kanon also: bin ich, wie einseitig, wie vorzugsweise immer in der und der
               Richtung, letztlich eben doch ganz dabei, ganz bei der Sache? Oder umgekehrt gefragt:
               ist die Sache eine solche, bei der ich als der, der ich bin, grundsätzlich ganz dabei
               sein kann, darf, muß? An diesem Kanon ist unser Tun in dieser Hinsicht vor Allem zu
               messen. Wobei es also keine Bedeutung hat, ob das, was ich durch göttliche Führung
               und Begabung bin, viel oder wenig ist, ob ich oder ob Andere es für wertvoll oder
               wertlos oder gar für gefährlich und schädlich halten. Das Gleichnis von den
               anvertrauten Talenten greift hier ein mit seiner Warnung vor dem Verscharren des
               einen einzigen Talentes, das jener letzte Knecht empfangen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.14 Mt.25.30">Mt. 25,14–30</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.12 Lk.19.27">Lk. 19,12–27</ref>]. Ob uns viel oder
               wenig anvertraut ist, und was es auch sein möge, was uns vertraut ist (also
               inbegriffen auch die Anlagen und Möglichkeiten, die wir für weniger gute oder
               schlechte halten) – einerlei: das bin nun einmal ich, das ist mir anvertraut und das
               eben, d.h. ich, wie ich bin, bin durch Gottes Gebot gefordert. Was wissen wir denn
               darüber, ob das, was uns geworden ist an unserem Ort, in jenem Koordinatensystem viel
               oder wenig ist, gut oder böse? Auch die scheinbar sonnenklarsten derartigen Wertungen
               sind menschliche, nicht göttliche, vorletzte und nicht letzte Wertungen. Gott wird
               sein Urteil schon sprechen, und dann vielleicht nach oben und unten ganz anders, als
               wir selbst es tun würden, als unsere menschliche Umwelt es tut. Erste können dann
               Letzte, und Letzte können dann Erste sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.31">Mk. 10,31</ref>], haben wir bereits früher festgestellt. Was
               von uns gefordert ist, ist nicht, daß wir Vieles, <seg type="non-entity">Schönes</seg>, Außerordentliches
               herbeibringen, sondern daß wir bringen, was wir haben und sind, daß wir unseren
               wirklichen Bestand nicht verschleiern, weil er ja unser schöpfungsmäßiger Bestand
               ist, daß wir grundsätzlich nichts von dem, was wir sind und haben, dem gerechten
               Urteil Gottes entziehen, daß wir in unserem Tun das, was wir sind, jedesmal <hi rend="italic">ganz</hi> sind – nicht um der Ganzheit unseres
               <pb xml:id="p348" ed="pga"/>
                Wesens und Werkes, sondern um der Ganzheit des Gebotes willen. Mehr wird nicht von
               den Knechten gefordert, als daß sie treu erfunden werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.4.2">1.Kor. 4,2</ref>]. Das aber <hi rend="italic">wird</hi> von ihnen gefordert. Und Treue gegen das Gebot bedeutet dann Wahrheit
               gegen uns selbst. Das ist ja immer die Unwahrheit, die Lüge gegen uns selbst, daß wir
               uns <seg type="non-entity">Großes</seg> oder <seg type="non-entity">Kleines</seg>, Gutes oder Böses, das nun einmal im Kreise unserer
               Möglichkeiten liegt, verschleiern, daß wir aus irgendwelchen Gründen nicht zu dem
               stehen wollen, was wir nun einmal sind und haben. Und das ist die Untreue, der
               Ungehorsam gegen Gott, daß wir in dieser unvollständigen Wirklichkeit, die dann doch
               eine ganz andere, nicht unsere eigene ist, unter Fälschung der uns zukommenden
               Ortsbestimmung nun auch noch vor sein Angesicht treten zu können meinen. Die Wahrheit
               gegen uns selbst besteht darin, daß wir uns getrauen, uns hüllenlos zu sehen. Und die
               Treue, der Gehorsam gegen Gott darin, daß wir eben so: hüllenlos auch vor ihm uns
               einfinden, in dem Beruf, in dem er uns geschaffen hat.</p>
          <p>
                        <hi rend="italic">Die zweite Frage</hi>: Entspricht unser Tun dem, daß es <hi rend="italic">Gottes</hi> Gebot ist, das den ganzen Bestand unseres unter dem Gesichtspunkt der
               Führung und Begabung betrachteten Das-Seins und So-Seins in Anspruch nimmt? <hi rend="italic">Gottes</hi> Gebot: d.h. aber das Gebot dessen, der uns geschaffen,
               geführt und begabt hat bis auf diesen Tag, und der doch letztlich auch allein den Ort
               unserer Wirklichkeit weiß, dessen Gebot also jederzeit in einem sehr unerwarteten
               Verhältnis zu dem stehen kann, was wir für die Wirklichkeit unseres Berufes halten.
               Weil wir um diese Wirklichkeit doch eben nicht so wissen, wie Gott um sie weiß! Ist
               unser Tun ein aufgeschlossenes Tun, d.h. ein solches, bei dem wir bereit sind, uns
               jederzeit auch über die uns bewußten Grenzen unserer Bestimmtheit hinausführen oder
               auch dahinter zurückdrängen zu lassen? Weil unser Bewußtsein davon durchaus nicht das
               letzte, sondern eben nur ein vorletztes menschliches Wort darüber sein kann? Oder
               sollte unser Tun ein solches von Menschen sein, die über ihr eigenes Geführt- und
               Begabtsein Kunde zu haben meinen, als ob sie sich selbst geführt und begabt hätten,
               als wären sie
               <pb xml:id="p349" ed="pga"/>
                mindestens wissend um sich selbst ihre eigenen <seg type="non-entity">Herren</seg>? Unser Tun wäre offenbar um so
               kritischer zu betrachten, je mehr es etwa im Guten oder im Bösen bestimmt sein sollte
               durch die Erwägung: So und das bin ich nun einmal, und mit diesem meinem Das-Sein und
               So-Sein <hi rend="italic">muß</hi> nun auch Gott mit seinem Gebot mir gegenüber rechnen,
               nach der geschichtlichen und nach der physiologisch-psychologischen Struktur meiner
               Existenz hat nun auch Gott sich zu richten, «ultra posse nemo obligatur!»<note xml:id="n21">«Ultra posse nemo obligatur» ist die Umformung des Rechtssatzes des
                  römischen Juristen Publius Juventius <persName ref="kbga-actors-2364">Celsus</persName> (um 100 n.Chr.): «Impossibilium nulla
                  obligatio est», <bibl><hi rend="italic">Digesten</hi> L 17, 185.</bibl>
                  </note> Ich kann nicht mehr und nichts Anderes leisten, als ich eben bin und habe.
               Das kann selbstbewußt und fröhlich gemeint sein wie etwa in dem Falle, den <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-339">Ritschl</persName></hi>, wenn er vom Berufe redete, im Kolleg als Paradigma
               anzuführen pflegte: er sei einmal neben einem hinter einem Schubkarren schwer
               keuchenden Arbeiter bergauf gegangen, und habe sich die ethische Frage vorgelegt, ob
               es nicht allenfalls sein Beruf sein könnte, diesem <seg type="non-entity">Mann</seg> ein wenig zu helfen. Worauf
               er sich aber alsbald zur Klarheit durchgerungen habe: Nein, denn mein Beruf ist meine
               theologische Professur, ein jeder hat aber in seinem Berufe zu bleiben, also habe ich
               mich an der Bewegung dieses Schubkarrens als in den Beruf dieses guten <seg type="non-entity">Mannes</seg> fallend
               nicht zu beteiligen. Dasselbe kann aber auch kläglich und demütig gemeint sein: Ich
               weiß mir nicht anders zu helfen, als daß ich mich zu diesem und diesem Stande der
               Dinge als zu dem für mich wirklichen bekenne und zu Gott sage: Lieber Gott, so bin
               ich dran, so mußt Du mich nun auch haben, denn anders bin ich nicht zu haben! Das
               «ultra posse nemo obligatur» und das darauf begründete Handeln kann so oder so
               ebenfalls erlaubt, ja geboten sein. Aber man wird sich die Problematik, in der es
               stattfindet, dann nicht verhehlen dürfen. Man muß wissen, was man tut, wenn man so
               seine Grenzen verteidigt, und d.h. dann in diesem Fall das Koinzidieren des göttlich
               Gebotenen mit dem, was wir können, behauptet. Eine Begrenztheit des göttlichen
               Gebotes durch das, was wir zu kön<pb xml:id="p350" break="no" ed="pga"/>nen meinen, gibt es jedenfalls nicht. Und könnte unser fröhliches oder klägliches
               Verteidigen unserer Grenzen nicht immer auch diesen Sinn haben, daß wir uns
               herausnehmen, Gott eine Grenze ziehen zu wollen? Müssen wir uns doch sagen, daß wir
               über unsere Grenzen durchaus nur zu wissen <hi rend="italic">meinen</hi>. Gott, der uns
               geschaffen hat, könnte sehr viel besser wissen, wie diese unsere Grenzen in
               Wirklichkeit laufen, und wenn nun sein Gebot die von uns bloß gemeinten Grenzen
               verrückte, wenn er uns nun, indem er uns sein Gebot gibt, authentischen Bescheid auch
               über unseren Beruf geben wollte, wenn er uns sagte: Du bist und kannst viel weniger
               oder auch viel mehr als du meinst und dir zutraust, tu jetzt nur, was dir befohlen
               ist, du kannst, denn du sollst! – und nun wollten wir uns hartnäckig hinter unserem
               Meinen über unseren Beruf, über unser Können verschanzen, ja dann wäre unser Tun
               offenbar Ungehorsam. Diesen Sinn kann also das «ultra posse nemo obligatur» nicht
               haben, daß wir auf unser «posse» oder «non posse» Gott gegenüber gleichsam
               trotzten.</p>
          <p>Es kann ja sein, daß wir mit unserem Meinen das Richtige treffen, daß wir genau dahin
               gestellt sind vor Gott, wo wir uns selbst innerhalb unserer Grenzen stehen sehen, und
               daß dann auch sein Gebot nicht mehr und nicht weniger von uns will, als daß wir
               getreulichst daselbst stehenbleiben sollen. Es kann aber doch auch das Andere sein,
               daß Gottes Gebot eine Erniedrigung oder eine Erhöhung gegenüber dem uns bekannten
               Stande der Dinge bedeutet, und zwar darum, weil eben ein ganz anderer Stand der Dinge
               als der uns bekannte der wahre ist. Und weil wir nie wissen können, ob nicht der
               zweite Fall zutrifft, weil das Bejahen des ersten Falles allzuleicht ein bloßer
               Sophismus unseres <seg type="non-entity">Herzens</seg> sein, unser Nicht-Können ein Deckmantel unseres
               Nicht-Wollens sein könnte, darum muß jetzt der zweite Kanon auf alle Fälle lauten:
               unser Handeln muß in bezug auf die Wirklichkeit unseres Berufes ein jederzeit und
               nach allen Seiten offenes Handeln sein, ein Handeln in der Bereitschaft, anders zu
               handeln, als wir jetzt auf Grund unserer Kenntnis unserer Möglichkeiten meinen
               handeln zu dürfen und zu sollen. Es geht auch bei dieser zweiten
               <pb xml:id="p351" ed="pga"/>
                Frage, wenn auch in etwas anderem Sinn, um die Treue gegen Gott und um die Wahrheit
               gegen uns selbst. Wahrheit gegen uns selbst heißt jetzt ehrliches Dazustehen, daß wir
               das Letzte unserer Existenz und ihrer Bestimmtheit so wenig wissen, wie wir es in
               unserer Macht haben. Das heißt also noch nicht wahr sein gegen sich selbst, wenn man
               sich, und wäre es in der schonungslosesten Offenheit, sagte: ja, so bin ich nun
               einmal, und dazu stehe ich auch!, sondern das hieße wahr sein gegen sich selbst, wenn
               wir diesen Satz zu überbieten und zu kontrapunktieren uns getrauten durch den ganz
               anderen: Ja, so finde ich mich zwar vor, dazu kann ich aber jeden Augenblick nur dann
               stehen, wenn Gottes Gebot mich in diesem meinem Beruf bestätigt, wenn er mir also
               sagt, daß er dazu steht. Tut er das nicht, ja dann kann ich auch nicht mehr dazu
               stehen, sondern muß anders werden und handeln, ich <hi rend="italic">muß</hi> es, weil ich
               es dann, wenn Gott sich zu einem anderen als dem von mir vermeinten Sein bekennt,
               sicher auch <hi rend="italic">kann</hi>, und weil es eben auch damit unerbittlich von mir
               gefordert ist. Diese Wahrheit gegen uns selbst ist dann eo ipso auch Treue gegen
               Gottes Gebot. Treue, Gehorsam gegen Gott heißt schutzlos, ungesichert, unverschanzt,
               unverbarrikadiert vor ihm stehen, bereit zu der Einsicht, daß unser wirklicher Ort
               ein anderer ist als der, den wir uns erträumt hatten und ein wenig trotzig gegen Gott
               selbst behaupten zu können meinten.</p>
          <p>Das sind die beiden Fragen, die in bezug auf unsere Führung und Begabung die
               Kriterien unseres Tuns bilden.</p>
          <p>7. Die siebente und letzte Bestimmtheit unserer Existenz ist so allgemein und
               scheinbar so binsenwahr wie die erste, daß wir Menschen sind. Wir sagen nur noch ganz
               wenig darüber, weil wir sonst nur ganz viel darüber sagen könnten. Sie besteht sehr
               schlicht darin, daß uns «gesetzt ist, einmal zu <hi rend="italic">sterben</hi> – danach
               aber das Gericht» (<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.9.27">Hebr. 9,27</ref>). Sterben kann in der Bibel heißen: Vergänglichkeit, <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">φθορά</foreign> und ist dann der Fluch und die Strafe,
               die auf allem liegt, was <seg type="non-entity">Fleisch</seg> ist. In diesem Sinne ist unser Sterben der Tod, der
               durch die Sünde in die Welt kam [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">Röm. 5,12</ref>]. Sterben kann aber auch heißen: Endlichkeit
               des Geschöp<pb xml:id="p352" break="no" ed="pga"/>fes als sein Merkmal im Unterschied zu dem, der allein das Leben hat. Wir haben es
               hier mit der zweiten<note xml:id="n22">Text A: «<hi rend="italic">Wir haben es hier mit
                     der ersten dieser zwei Bedeutungen zu tun</hi>.»</note> dieser zwei Bedeutungen
               zu tun. Unser Leben und also auch unser Tun verläuft in jedem Augenblick innerhalb
               der Schranken und in der Bestimmtheit, daß wir sterben müssen, d.h. daß es ein Ende
               mit uns haben muß [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.90.12">Ps. 90,12</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.39.5">39,5</ref>], und daß
               eben hinter diesem Ende das Gericht anbricht. <seg type="non-entity">Hinter</seg> diesem Ende, d.h. aber in
               Schlechthinniger Überlegenheit, als ein kompetentes und mächtiges Gericht über unser
               Leben. Wir leben und handeln als die, die im Unterschied zu Gott sterben müssen – ob
               unser Handeln dem entspricht, daß es so mit ihm und mit uns selbst bestellt ist, das
               ist die Frage, die hier aufsteht. Wir handeln innerhalb der Todesgrenze, über die
               kein Handeln hinausreicht, sub specie mortis, unter dem Aspekt des Friedhofs, den wir
               zu überbieten nicht in der Lage sind. Nicht das Sterben ist das Gericht über unser
               Handeln – Gott ist nicht der Tod –, aber das Sterben ist das letzte uns gegebene
               Kriterium unseres Handelns, der äußerste und gerade darum dringlichste Gesichtspunkt
               unserer Bereitung für das Gericht. Verantwortlich handeln – vielleicht geht uns erst
               hier die ganze Schwere des scheinbar so vagen Begriffs des verantwortlichen Handelns
               auf – verantwortlich handeln würde heißen, im <seg type="non-entity">Blick</seg> darauf handeln, daß der
               Augenblick, dem wir entgegengehen, unser letzter Augenblick sein, daß der Herr mit
               seinem richtenden Gebot jetzt eben uns zum letzten Mal und endgültig begegnen könnte.
               Wann wüßten wir etwa darum, daß dies nicht der Fall sein werde? Wann wäre es uns also
               gestattet, es mit unserer Bereitung leichter zu nehmen, als indem wir unser Wollen in
               dieses Licht stellen? Ja, und wenn wir es wüßten, daß unser Ende noch ferne ist – was
               wir doch nicht wissen –, wäre das Sterben nicht heimlich doch da in unserem
               gegenwärtigen, sterblichen, vom Tode so oder so schon gezeichneten Leben, könnten wir
               uns anders verstehen denn als Sterbende, dürften wir uns dagegen wehren, daß dieses
               Kriterium in Kraft
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                steht und mit ihm die Frage: ob denn unser Tun ein solches sei, das Sterbenden
               zukommt? Es könnte ja auch sein, daß wir offen oder heimlich leben zu können meinten
               wie die seligen Götter im Vergessen unserer Geschöpflichkeit, als ob wir eine
               Ewigkeit zur Verfügung hätten? Böse hieße dann eben vergessen, daß wir sterben
               müssen, gut aber wäre ein solches Handeln, bei dem die Endlichkeit unseres Lebens und
               die es umgebende Unendlichkeit Gottes bedacht wäre. Aber wie sollte es ein Vergessen
               und wie sollte es hier ein genügendes Bedenken geben, so daß wir von gut und böse zu
               reden uns getrauen dürften? Wir können nur sagen, daß Berufensein auf dieser letzten
               Stufe heißt: im Schatten des Todes berufen sein. Hier und so begegnet uns Gottes
               Gebot. Es richtet sich an Sterbende. Hier und als solche haben wir ihm mit unserer
               nächsten Entscheidung zu antworten.</p>
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