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        <title type="volume" n="vol-34">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
        <title type="content">Eduard Thurneysen an Karl Barth</title>
        <title type="citation_line_1">Eduard Thurneysen an Karl Barth, 8. Juli 1930</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/34014 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935, hrsg. v. Algner, Caren (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2000, S. 16–30.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
          <title type="text">Eduard Thurneysen an Karl Barth</title>
          <author ref="kbga-actors-403">Thurneysen, Eduard</author>
          <editor>Algner, Caren</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2000</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 16-30</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe V.34, Karl Barth - Eduard Thurneysen Briefwechsel Band III 1930-1935, letter 6</title>
          <author ref="kbga-actors-403">Thurneysen, Eduard</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Thurneysen, Eduard, Eduard Thurneysen an Karl Barth, 8. Juli 1930. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/17934">KBA 9370.646</ref>. </bibl>
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          <salute>Lieber <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>,</salute>
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        <p>Du hast allen Grund, über langes Schweigen betrübt und ungehalten zu sein. Ich weiß, ich habe dir das ganze Semester nie geschrieben. Weißt du, der Hauptgrund dieses Schweigens war eigentlich der immer wieder hinausgeschobene, nicht geschriebene Brief, den ich <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> schuldete. Es lag fast wie ein Gelübde auf mir, dir nicht eher zu schreiben, als bis ich <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> gegenüber endlich ein Wort gefunden hätte. Das ist nun geschehen, und ich bin froh darüber und bereue nur, das wenige, armselige, das ich ihr schreiben konnte, nicht wirklich eher und längst geschrieben zu haben. Ich sagte es ihr eben selbst, daß dahinter sicher irgendein falscher Stolz stand, das Verlangen, ihr etwas ganz Gu<pb xml:id="p017" ed="pga" break="no"/>tes schreiben zu können, mehr und anderes, als ich ihr tatsächlich zu schreiben hatte.<note xml:id="n01"><persName ref="kbga-actors-26">N. Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> und Thurneysens Antwort sind nicht erhalten.</note> Und damit habe ich ihr schließlich nur selber wieder Unrecht zugefügt, denn was half ihr dies Schweigen und Schweigen? Ich hoffe so sehr, sie nehme nun trotzdem meinen Brief gut auf und ersehe daraus, daß ich euch und vor allem sie selbst weiter und weiter begleiten möchte. Das konnte ich ihr sagen, daß mich der Gedanke an euern Weg nie ganz verläßt, daß ich dabei bin, so gut es eben von ferne geht, wohl wissend, daß es etwas sehr anderes ist, so wie Ihr jedes auf seine Weise im Feuer drin zu stehen, und etwas anderes, nur etwas wie einen Widerschein davon über sich liegen zu haben. Aber in diesem Widerschein stehen wir, so oft wir an dich, an <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName>, an <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName> denken, und das geschieht wahrhaftig nicht spärlich. Das Davonreden ist freilich fast ganz und gar verstummt, eigentlich von dem Augenblicke an, wo ich deine <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName> nicht mehr sehen und besuchen konnte.<note xml:id="n02">Im <date when="1928-08">August 1928</date> war Barths <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName> von <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, wo sie ihrem bis dahin ledigen Sohn <persName ref="kbga-actors-23">Heinrich</persName> den Haushalt geführt hatte, nach <placeName ref="kbga-places-603">Wabern</placeName> bei Bern umgezogen.</note> Und vielleicht ist das auch recht so. Auch das konnte ich ihr sagen, daß mir Euer ganzes Erleiden und Kämpfen hilft im Umgang mit Anderen. Ich verstehe vieles besser, ich bin zurückhaltender und wissender, und bei aller Hilflosigkeit, in der man selber drinsteht, spüre ich doch, daß dies manchmal hilfreich sein kann. Grüße <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName> vielmal</hi> und <hi rend="italic">herzlich</hi> von mir. Denn wie sollte nicht auch sie vor mir stehen und mitgegrüßt werden müssen, wenn von Euerm Wege die Rede ist. Sie hat mir einen so guten und ausführlichen Brief geschrieben, während du nach <placeName ref="kbga-places-18">England</placeName> fuhrst. Ich war sehr froh darüber. Denn irgendwie lebe ich doch weiter und weiter auf meinem Posten am allermeisten mit euch und von euch, auch wenn es zehn Mal anders zu sein scheint.</p>
        <p>Ich denke gerade und vor allem an die theologische Lage hier. Dein Briefwechsel oder besser Kugelwechsel mit <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName><note xml:id="n03">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p011#fn_n09">S. 11, Anm. 9</ref> und <ref type="pub" target="../volume/34/p011#fn_n10">10</ref>.</note> kam für mich im ganz aktuellen Augenblicke. Ich stand selber mit <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> im Gespräch über diese Dinge. Er hat nämlich vor ein paar Wochen, eben als diese Dinge spielten, für mich gepredigt. Es war ein wirklicher Liebesdienst, den er mir damit erwies. Und ich muß sagen: Es war eine ausgezeichnete, eine <pb xml:id="p018" ed="pga"/> geladene, wenn auch ganz und gar ihn selber widerspiegelnde Predigt. Sie wird wohl nächstens in Zw.d.Z. erscheinen.<note xml:id="n04">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-6098"><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, <hi rend="italic">Der Erfüller</hi> (Predigt [über Lk. 4,16–30], gehalten in Basel am 25. Mai 1930), in: ZZ, Jg. 8 (1930), S. 273–280.</bibl> In einem Brief vom <date when="1930-05-29">29.5.1930</date> dankte <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> für seine Predigt und schilderte ihm Reaktionen aus der Gemeinde darauf (Original im <ref type="archival">Nachlaß E. Brunner, Staatsarchiv Zürich</ref>, Kopie im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName>).</note> Ich war beim Anhören ganz dabei, wie ich es selten sein kann. Man spürte: da steht hinter dem, was gesagt wird, eine Theologie, und zwar eine anständige Theologie, da kann für jedes Wort Rechenschaft abgelegt werden, wenn es sein muß. Und das hat einen innerlich gefaßt und erbaut. Bis auf eine Stelle, wo an der Ketzerei der Leugnung der Jungfrauengeburt gestreift wurde.<note xml:id="n05">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-6098">E. Brunner, a.a.O., S. 277</bibl>: «Ja, ist denn Jesus nicht der Sohn <persName ref="kbga-actors-2897">Josephs</persName>? Die Bibel gibt uns darauf offen Antwort: Ja, er ist es. Der Apostel selbst spricht es aus: ‹Geboren aus dem Samen <persName ref="kbga-actors-2172">Davids</persName>, nach dem Fleisch. [›] Jesus ist ein Mensch, ein gewöhnlicher, sterblicher Mensch wie wir. Jesus ist Mensch, der hungert, dürstet, zittert, zagt, kein Allmächtiger, sondern Josephs Sohn, ein Mensch. … Aber wenn er nur das war, nur ein Mensch, so hat er uns nichts zu sagen, nichts Entscheidendes, nichts Grundlegendes, denn er weiß so wenig als wir selbst.» Gegen <persName ref="kbga-actors-63">Brunners</persName> Auffassung von der Jungfrauengeburt, wie er sie in seinem Buch
                            <bibl corresp="kbga-bibls-5340"><hi rend="italic">Der Mittler</hi> (Tübingen 
                        1927, S. 290f.)</bibl> geäußert hatte, hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich bereits <date when="1927">1927</date> gewandt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-220">Chr. Dogm., <ref type="pub-" target="../volume/14/p367#p367">S. 367f.</ref></bibl>
               </note> Und merkwürdigerweise hat das sofort in den nächsten Tagen zu Interpellationen von aufmerksamen Zuhörern bei mir geführt, was ich den Baslern doch einigermaßen anrechnen muß. Aber im Zusammensein kam es dann zu weiten Gesprächen über die anthropologische Kontroverse. Und ich mußte <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> widerstehen und konnte nicht anders als dir völlig recht geben. Es geht nicht so, wie <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> es meint. Gleich darauf aber sandte mir dann auch <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> deinen Brief an ihn samt einem sehr betrübten Begleitbrief, worin er sich über deine Anrede an ihn beklagt.<note xml:id="n06"><persName ref="kbga-actors-63">Brunners</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom <date when="1930-06-16">16.6.1930</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-6800">Nachlaß Thurneysen</bibl>) lag ursprünglich «eine kleine Korrespondenz mit <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>» (neben <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> vom <date when="1930-06-02"><ref type="kba-objects-id" target="17832">2.6.1930</ref></date> wohl auch <persName ref="kbga-actors-63">Brunners</persName> Antwort vom <date when="1930-06-12"><ref type="kba-objects-id" target="17867">12.6.1930</ref></date>, s. oben <ref type="pub" target="#fn_n03">Anm. 3</ref>) bei. Aus ihr könne <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> ersehen, «wie er [scil. Barth] mit mir und meiner Arbeit umspringt, wie auch er sofort, wo etwas mit seinen Kategorien nicht übereinstimmt, die Position des anderen in eine Ketzerei zu verwandlen [sic] bereit ist». Nachdem <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> dargelegt hatte, inwiefern <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ihn mißverstehe, betonte er seine gleichzeitig bestehende Loyalität zu diesem und bat <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>, seinen Freund für die eigenen (und <persName ref="kbga-actors-137">Gogartens</persName>) Äußerungen «höriger zu machen! Du bist der einzige, der das könnte.»</note> Ich bin eigentlich überzeugt davon, daß er — und schon seine Antwort an dich zeigte Spuren davon — im Grunde nicht von dei<pb xml:id="p019" ed="pga" break="no"/>nen Aufstellungen abweichen <hi rend="italic">möchte</hi> und sich irgendwie und irgendwann einmal still und ganz dazu hinfinden wird — außer es geschehe das zu Vermeidende, daß du ihm (durch allzukräftige Art der Zurechtweisung) aus Prestigegründen den Rückweg zur gesunden Lehre zurückzunehmen unmöglich machst.</p>
        <p>Ein weiteres, das eben dahin gehört: <persName ref="kbga-actors-1092">Köberle</persName> ist auf den Plan getreten. Eben hat das Missionsfest<note xml:id="n07">Das Jahresfest der <orgName ref="kbga-actors-8494">Basler Mission</orgName> beginnt jeweils Ende Juni; 1930 fand es in der Zeit vom <date to="1930-07-04" from="1930-06-30">30.6. bis 4.7</date> statt.</note> stattgefunden, und da hat der homo novus vor dem großen christlichen Publikum debütiert mit einem langen Vortrag über die neuere Theologie und ihre Stellung zur Mission (implicite oder explicite).<note xml:id="n08"><persName ref="kbga-actors-1092">A. Köberle</persName> sprach am <date when="1930-07-02">2.7.1930</date> auf Einladung der <orgName ref="kbga-actors-9871">Christlichen Studentenvereinigung</orgName> im Bischofshof (dem Gemeindehaus am <placeName ref="kbga-places-859">Basler Münster</placeName>; s. unten <ref type="pub" target="../volume/34/p313#fn_n09">S. 313, Anm. 9</ref>) über «Die Neubesinnung des Missionsgedankens in der Theologie der Gegenwart»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6099">Vo., <hi rend="italic">Die Neubesinnung des Missionsgedankens</hi>, in: BN, Jg. 86 (1930), Nr. 178 vom 3.7.1930, 1. Beilage.</bibl> Die Zusammenfassung des Vortrags in diesem Artikel und der Vortragstitel lassen vermuten, daß — neben den von <persName ref="kbga-actors-1092">Köberle</persName> selbst genannten Vorträgen vor Studenten in <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName>, <placeName ref="kbga-places-48">Nürnberg</placeName>, <placeName ref="kbga-places-44">Münster</placeName> und <placeName ref="kbga-places-174">Bethel</placeName> — auch dieser Basler Vortrag mit einfloß in die veröffentlichte Fassung
                            <bibl corresp="kbga-bibls-6100"><hi rend="italic">Die Neubesinnung auf den Missionsgedanken in der Theologie der Gegenwart</hi>, in: <hi rend="italic">Neue Allgemeine Missionszeitschrift</hi>, [o.Jg.] (1930), S. 321–331.353–368</bibl> (unter demselben Titel separat erschienen in der <bibl corresp="kbga-bibls-6102"><hi rend="italic">Reihe Leipziger Missionsstudien</hi> [Neue Folge, Heft 4], Leipzig 
                        1931</bibl>). Zu <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> vgl. dort S. 329.356.358.361–364 (bzw. S. 12f.19.21.24–27) sowie das Literaturverzeichnis S. 321f., Anm. 1 (bzw. S. 31f.), in dem kein Werk <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barths</persName>, aber drei (bzw. vier) Titel von E. Brunner aufgeführt sind, ein fünftes wird im laufenden Text erwähnt (S. 363 bzw. S. 26). — Eine Kladde «Vorträge u. Diskussionen» im <bibl corresp="kbga-bibls-6800">Nachlaß Thurneysen</bibl> enthält unter dem Stichwort «<hi rend="italic">Koeberle:</hi> 
                  <date>2. Juli 30</date>» stenographische Notizen (2 S.) (Format 12 x 21 cm; <ref type="archival">Signatur: Ca 2, 1</ref>)</note> Er hat es fertig gebracht, die ganze Wendung in der Theologie zu zeichnen, ohne ein einziges Mal deinen Namen zu nennen, dagegen wurde <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> in solenner Weise ein Kranz dargebracht. Und noch mehr trat es dann in der Diskussion zu Tage (die auch mich auf den Plan rief), daß <persName ref="kbga-actors-1092">Köberle</persName> einfach, wie die Deutschen sagen, von <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> aufs stärkste beeindruckt ist, und zwar gerade von jenen fatalen Abweichungen in der Anthropologie am allermeisten. Viel eher als daß er mit <persName ref="kbga-actors-787">Ernst Staehelin</persName><note xml:id="n09"><persName ref="kbga-actors-787">Ernst Staehelin</persName> (1889–1980), seit 1916 Privatdozent, 1924 a.o., 1927 o. Professor für neuere Kirchengeschichte (einschließlich der Geschichte der protestantischen Theologie) und Dogmengeschichte in Basel; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="3033#fn_n01">S. 44, Anm. 1</ref></bibl>, sowie <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-932">II</bibl> (Namenregister).</note> eine Front in spekulativer Hinsicht, wird er eine Front mit <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> in Sachen Säkularismus und Anthropologie bilden.</p>
       
        <p> <pb xml:id="p020" ed="pga" rend="noPipe"/> Mir ist in diesen Gesprächsgängen deine Auffassung, wie sie vor allem im Heiligen Geist-Vortrag<note xml:id="n10">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-3372"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Der heilige Geist und das christliche Leben</hi> (1929), in: V.u.kl.A. 1925-1930, <ref type="pub-" target="../volume/24/p458#p458">S. <choice><sic ed="pga">460</sic><corr type="misprint" resp="sm">458</corr></choice>–520</ref>.</bibl>
                    </note> niedergelegt ist, erst recht sicher und klar geworden. Aber da steht augenblicklich das ganze Gefecht. Im übrigen ist <persName ref="kbga-actors-1092">Köberle</persName> ein sehr netter Mensch, er hat doch trotz allem, was er in Heiligung macht, und im Unterschied zu allen schweizerischen Vermittlern<note xml:id="n11">Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts entstand eine Gruppe gemäßigter Theologen, die eine mittlere — vermittelnde — Linie zwischen den entgegengesetzten Richtungen der Positiven (Orthodoxen) und der Liberalen (Reformer) einnahmen, darunter <persName ref="kbga-actors-422">Martin Leberecht de Wette</persName> und <persName ref="kbga-actors-1244">Alexander Schweizer</persName>. Gesamtschweizerische Organisation der Vermittlungstheologen, die ebenso wie die der beiden anderen Richtungen <date when="1871">1871</date> entstand, war die Schweizerisch-kirchliche Gesellschaft um <persName ref="kbga-actors-1024">Karl Rudolf Hagenbach</persName>, deren einzige Sektion ihren Sitz in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> hatte. Zu dieser Gruppe gehörten im 20. Jahrhundert u. a.  der Hausvater des Basler Studentenheims <placeName ref="kbga-places-1487">Alumneum</placeName>, <persName ref="kbga-actors-6732">Jakob Wirz</persName>, <date from="1915" to="1928">1915–1928</date> Redaktor des <orgName ref="kbga-actors-4787">Kirchenblattes für die reformierte Schweiz</orgName>, des ursprünglichen Organs der Vermittler, und Pfarrer <persName ref="kbga-actors-4911">Max Rüetschi</persName>, dessen Mitherausgeber. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-93">R. Pfister, <hi rend="italic">Kirchengeschichte der Schweiz</hi>, Bd. III: <hi rend="italic">Von 1720 bis 1950</hi>, Zürich
                            1985, S. 260–268</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6103"><persName ref="kbga-actors-590">W. Hadorn</persName>, <hi rend="italic">Kirchengeschichte der reformierten Schweiz</hi>, Zürich
                            1907, S. 281–284</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6104">Chr. Nöthiger-Strahm, <hi rend="italic">Der deutschschweizerische Protestantismus und der Landesstreik von 1918. Die Auseinandersetzung der Kirche mit der sozialen Frage zu Beginn unseres Jahrhunderts</hi>, Bern
                            1981, S. 94–98.</bibl>
               </note> und auch im Unterschied zu <persName ref="kbga-actors-787">Ernst Staehelin</persName> einen Begriff von Rechtfertigung und läßt da nicht mit sich markten. Ungut wird er nur immer da, wo er seine Spezialfabrikate an den Mann bringen will. Aber das kommt ja nicht gerade jedes Mal vor, wenn er redet. So hatte ich z. B. eine leidlich einheitliche Front mit ihm, als kürzlich <persName ref="kbga-actors-406">Tillich</persName> hier war und wieder einmal mit allem Raffinement entwickelte, daß der Mensch in der Grenzsituation schon an sich und durch genügend tiefdringende psychologische Analyse wohl erkennbar als solcher vor Gott stehe<note xml:id="n12"><persName ref="kbga-actors-406">Tillich</persName> hielt am <date when="1930-06-23">23.6.1930</date> auf Einladung der Studentenschaft Basel und der <orgName ref="kbga-actors-10812">Kantgesellschaft</orgName> im <placeName ref="kbga-places-1554">Bischofshof</placeName> einen Vortrag über das Thema «Religiöser Sozialismus» (Anzeige in: <bibl corresp="kbga-bibls-4129">BN, Jg. 86 [1930], Nr. 168 vom 23.6.1930, 2. Beilage</bibl>;<bibl corresp="kbga-bibls-6105"> -t.-k., <hi rend="italic">Religiöser Sozialismus. Vortrag von Prof. Paul Tillich</hi>, in: BN, Nr. 175 vom 30.6.1930, 1. Beilage</bibl>). In <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> Kladde (s. oben <ref type="pub" target="#fn_n06">Anm. 8</ref>) sind stenographische Notizen (11 S.) unter dem Stichwort «<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-406">P. Tillich</persName> / 23. Juni 1930</hi>» erhalten (Eintragung im unvollständigen Index auf der Innenseite des Einbandes: «<persName ref="kbga-actors-406">Tillich</persName>: Relig. Sozialismus»). Der im Bericht der <orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName> wiedergegebene Aufbau (1. Begriffsklärung, 2. anthropologische Grundlage, 3. soziologische Grundlage des Religiösen Sozialismus) und Inhalt des Vortrags läßt jedoch eine z. T. starke Ähnlichkeit mit einem ersten Teil eines 1931 erschienenen Lexikonartikels von <persName ref="kbga-actors-406">Tillich</persName> über das Thema erkennen (1. Begriff, 3. «Die rel. = anthropologische Stellung», 4. «Die rel. = soziologische Stellung»); vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6106"><persName ref="kbga-actors-406">P. Tillich</persName>, Art. «Sozialismus: II. Religöser Sozialismus», in: RGG<hi rend="sup">2</hi> V, Sp. 637–647</bibl> (und in: <bibl corresp="kbga-bibls-2120"><persName ref="kbga-actors-406">P. Tillich</persName>, <hi rend="italic">Christentum und soziale Gestaltung. Frühe Schriften zum Religiösen Sozialismus</hi>, in: <hi rend="italic">Gesammelte Werke</hi>, Bd. II, hrsg. von R. Albrecht, Stuttgart
                            1962, S. 159–174)</bibl>, s. dort Sp. 637f. 640-644 (bzw. S. 159f. 163-168). Zu den (vielleicht in der Diskussion gefallenen) Äußerungen Tillichs, die <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> wiedergibt, vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-6107"><persName ref="kbga-actors-406">P. Tillich</persName>, <hi rend="italic">Das Religiöse als kritisches Prinzip: Die protestantische Verkündigung und der Mensch der Gegenwart</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Religiöse Verwirklichung</hi>, Berlin 1930, S. 25–42, bes. S. 29–31.36.40</bibl>.
               </note>, ohne zu merken, daß er damit etwas weit über alle Analy<pb xml:id="p021" ed="pga" break="no"/>sen Hinausgreifendes, Synthetisches, Zusprechendes, und zwar nur in Christus Zusprechbares vom Menschen aussage. Wir versuchten bis nach Mitternacht, ihm das klar zu machen. Aber es gelang ganz und gar nicht. Ja, <persName ref="kbga-actors-406">Tillich</persName> erschien mir gegenüber dem letzten Mal in <placeName ref="kbga-places-1">Aarau</placeName><note xml:id="n13">Die «letzte» <orgName ref="kbga-actors-5240">Christliche Studentenkonferenz in Aarau</orgName> vor 1930 hatte 1928 stattgefunden. <persName ref="kbga-actors-406">Tillich</persName> sprach dort am <date when="1928-03-13">13.3.</date> über das Thema «Die Rechtfertigung als gegenwärtige Verkündigung der Kirche (Die Wahrheit des Evangeliums im Weltanschauungskampf der Gegenwart)»; <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> — der am Abend des ersten Konferenztages (12.3.) die Predigt in der <placeName ref="kbga-places-893">Aarauer Stadtkirche</placeName> hielt — beteiligte sich an der Aussprache nach Tillichs Vortrag mit einem kritischen Votum zu Tillichs positiver Deutung der Krisis der Weltanschauungen. Vgl. die Ankündigung des Konferenzprogramms in: <bibl corresp="kbga-bibls-5536">KBRS, Jg. 43 [1928], S. 36</bibl>, und den Tagungsbericht von <bibl corresp="kbga-bibls-6108"><persName ref="kbga-actors-6960">H. W. Frei</persName>, <hi rend="italic">31. Christliche Studentenkonferenz in Aarau. 12.–14. März</hi>, in: KBRS, Jg. 43, S. 47f. 51</bibl> (zu Tillichs Vortrag und der Aussprache dort S. 48).</note> noch bedeutend mehr in Psychologie oder sagen wir besser in Ontologie (und zwar ganz in Abhängigkeit von <persName ref="kbga-actors-168">Heidegger</persName><note xml:id="n14"><persName ref="kbga-actors-406">P. Tillich</persName> schrieb später selber über seine Zeit in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName>: «Zur gleichen Zeit war <persName ref="kbga-actors-168">Heidegger</persName> Professor der Philosophie in Marburg und beeinflußte eine Reihe der besten Studenten. In ihm begegnete ich dem Existentialismus in der Ausprägung des 20. Jahrhunderts. Erst nach Jahren wurde mir der Einfluß dieser Begegnung auf mein eigenes Denken voll bewußt. Ich widerstrebte, ich versuchte zu bejahen, ich übernahm die neue Denkmethode, weniger ihre Ergebnisse» (<bibl corresp="kbga-bibls-6109"><persName ref="kbga-actors-406">P. Tillich</persName>, <hi rend="italic">Autobiographische Betrachtungen</hi>, in: <hi rend="italic">Begegnungen. Paul Tillich über sich selbst und andere</hi> [Gesammelte Werke, Bd.XII], Stuttgart 
                        1971, S. 58–77; Zitat dort S. 69</bibl>). — Martin Heidegger (1889–1976), 1923–1928 Professor für Philosophie in Marburg, 1928–1945 und 1951–1952 in Freiburg im Breisgau.</note>) versunken. Offenbar tut ihm <placeName ref="kbga-places-20">Frankfurt</placeName><note xml:id="n15">Seit 1929 (bis 1933) war <persName ref="kbga-actors-406">P. Tillich</persName> — statt des ursprünglich berufenen, aber 1928 plötzlich verstorbenen <persName ref="kbga-actors-355">Max Scheler</persName> — o. Professor für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt am Main, die keine theologische Fakultät besaß.</note> nicht gut. Er muß da irgendwelche psychologisierende Juden an der Hand haben, die ihm mehr imponieren, als <pb xml:id="p022" ed="pga"/> ihm gut ist. Macht er so weiter, so erledigt er sich theologisch in Bälde. Endlich war ein ausgezeichneter Holländer bei mir, ein Herr <persName ref="kbga-actors-7335">Rasker</persName><note xml:id="n16"><persName ref="kbga-actors-7335">Albert Jan Rasker</persName> (1906–1990) — später 1954–1974 Professor für Niederländische Kirchengeschichte, Christliche Ethik und Apostolat in Leiden — unterbrach sein Studium in Groningen (1924–1931) (briefliche Auskunft von Prof. Dr. J.J. Rasker vom 14.4.1993) im Sommer 1930 für ein Auslandssemester in Zürich, wo er u. a.  die Veranstaltungen <persName ref="kbga-actors-63">E. Brunners</persName> belegte, und zwar die vierstündige Vorlesung: Vernunft und Offenbarung (<hi rend="italic">Christliche Theologie</hi>, I. Teil), das Systematische Seminar: Tillichs Philosophie des Christentums und das Homiletische Seminar: Predigtübungen (briefliche Auskunft von Dr. G.A. Nogler, <ref type="archival">Archiv der Universität Zürich</ref>, vom <date when="1998-02-10">10.2.1998</date>). <persName ref="kbga-actors-7335">Rasker</persName> war <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> <choice><sic ed="pga">vermudich</sic><corr type="misprint" resp="sm">vermutlich</corr></choice> seit dessen erster Reise nach <placeName ref="kbga-places-514">Holland</placeName> bekannt, die ihn zusammen mit seiner Frau und 16 Studenten vom <date to="1926-06-03" from="1926-05-28">28. Mai bis 3. Juni 1926</date> nach <placeName ref="kbga-places-1147">Groningen</placeName> und <placeName ref="kbga-places-82">Amsterdam</placeName> führte (zur Reise vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="4171">S. 413–421</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 183f.</bibl>).</note>. Du kennst ihn auch von <placeName ref="kbga-places-514">Holland</placeName> und von <placeName ref="kbga-places-650">Emden</placeName><note xml:id="n17">Gemeint ist wahrscheinlich <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Aufenthalt in <placeName ref="kbga-places-650">Emden</placeName> anläßlich des Vortrags <bibl corresp="kbga-bibls-482"><hi rend="italic">Die Lehre von den Sakramenten</hi> (1929), in: V.u.kl.A. 1925-1930, <ref type="pub-" target="../volume/24/p398#p398">S. 398–441</ref></bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="4264">S. 660–663</ref></bibl>.
               </note> her, wenn ich recht dran bin. Er studiert bei <persName ref="kbga-actors-63">Emil Brunner</persName>, hat sehr viel Sympathie für ihn, läßt sich aber keinen Schritt weit durch ihn vom Wege ablocken, sondern kritisiert <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> mit vollkommener Sachkenntnis an den Punkten, wo das geschehen muß. Er selber stammt aus <persName ref="kbga-actors-647">Kohlbrügge</persName>kreisen<note xml:id="n18">Anhänger von <persName ref="kbga-actors-647">Hermann Friedrich Kohlbrügge</persName> (1803–1875).</note> und weiß einfach völlig, auf was es ankommt. Er hat deine Dogmatik<note xml:id="n19">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p010#fn_n07">S. 10, Anm. 7</ref>.</note> in ihrer wirklichen und letzten Absicht so gut verstanden, wie ich es noch bei keinem traf, hat auch <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> besucht und sich mit ihm verständigt, kurz eine ganz hoffnungsvolle Gestalt. Er will einen Doktor machen und wird sicher in <placeName ref="kbga-places-514">Holland</placeName> dereinst eingreifen. Wahrscheinlich will er dich noch Ende Juli besuchen. Du wirst dich aufs beste mit ihm verstehen. Er ragte weit über die zwei Dutzend Tübinger hinaus, die ebenfalls bei <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> studieren und ebenfalls auf [das] Missionsfest, wie das jetzt so Mode wird, nach <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> kamen und ein Gespräch mit mir wünschten und auch erhielten.</p>
        <p>Sonst hat mir dies Semester also noch meine Antrittsvorlesung gebracht, die ja eben in <orgName ref="kbga-actors-6169">Zw.d.Z.</orgName> in erweiterter Form stand.<note xml:id="n20">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-6110"><persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName>, <hi rend="italic">Christus und die Kirche</hi>, in: ZZ, Jg. 8 (1930), S. 177–203.</bibl> Die Antrittsvorlesung hatte am Freitag, den <date when="1930-06-06">6. Juni 1930</date> (11.15 Uhr) im Münstersaal des <placeName ref="kbga-places-1554">Bischofshofes</placeName> stattgefunden. Die <foreign xml:lang="lat">venia docendi</foreign> für Praktische Theologie war <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> bereits am <date when="1929-01-23">23.1.1929</date> zuerkannt worden. Seit dem SS 1929 führte er regelmäßig eine oder zwei Lehrveranstaltungen durch. Seine Ernennung zum a.o. Professor erfolgte erst 1941.</note> Diese aber <pb xml:id="p023" ed="pga"/> brachte mir ihrerseits Anfechtung von Seiten der Basler. Es wurde ganz offen gemurrt, so gehe es nun einfach nicht, einem Christus und die Kirche hinzubengeln<note xml:id="n21">= hinzuschleudern.</note>, wie ich es getan habe. Das sei nicht mehr «wissenschaftliche», das sei finstere <hi rend="italic">kirchliche</hi> Theologie, und eine Fakultät, an der diese Lehre das Oberwasser erhalte, müsse hinausgeschmissen werden aus dem staatlich gestützten Universitätsverband. Aber weißt du, wer vor allem in dieses Horn stieß: die Kollegen von der Fakultät selbst! Und der Dekan<note xml:id="n22"><persName ref="kbga-actors-4042">Karl Gerold Goetz</persName>; s. unten <ref type="pub" target="#fn_n41">Anm. 41</ref>.</note> soll sogar, wie mir gesagt worden ist, die Schwachheit gehabt haben, <persName ref="kbga-actors-1092">Köberle</persName> zu ermahnen, er solle dann seinerseits «wissenschaftlich zurückhaltender» sprechen, als ich es getan habe, wenn er an die Reihe komme. Das wird <persName ref="kbga-actors-1092">Köberle</persName> sicher nicht tun. Aber was sind das doch für Zustände! Auch Briefe schärfster Verurteilung erhielt ich. Einer schrieb mir, ein Dr. phil., ein höherer Lehrer, er betrachte unsere Theologie als eine wahre Strafe Gottes über den Protestantismus. Einen finstereren Ecken als den meinigen gebe es nicht.<note xml:id="n23">Der Brief ist nicht erhalten.</note> Nun wird es ja wohl sein, daß man, was ich zu sagen hatte, etwas — wie soll ich sagen: geschützter, weniger mit der Türe ins Haus fallend sagen kann, wenn man das Zeug dazu hat. Aber das habe ich nun einmal nicht. Aber in Wahrheit gilt dieser Widerspruch ja gewiß der Sache und nicht der vielleicht unzulänglichen Form. Aber daß die Schweiz Vermittlung will und nichts als Vermittlung, das zeigt sich ja auch an anderen Orten. Man kommt hier einfach nicht vom Fleck. Und ich denke mehr als einmal, am besten säße man wirklich noch oder wieder auf seinem Dorfe und wäre Pfarrer und nichts als das, statt dieser unfruchtbaren Debatten und mühsamen Versuche, etwas anzubieten, was doch niemand kaufen will. Die Studenten speziell sind eben auch mehr oder weniger völlig auf Widerstand eingestellt, sie dann, wie ich zu sehen meine, auf Grund der so unendlich viel einleuchtenderen Spekulationen und Expektorationen <persName ref="kbga-actors-787">Ernst Staehelins</persName>.</p>
        <p>Und nun ist also die große Sache mit <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName> wirklich im Rollen! Auch er, auch er zieht sich hinter die Mainlinie zurück.<note xml:id="n24"><persName ref="kbga-actors-275">Georg Merz</persName> (1892–1959), 1918–1926 Religionslehrer, 1926–1930 Studentenpfarrer und Pfarrer in München, seit 1920 mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> be- kannt und befreundet, wurde im Oktober 1930 Dozent für Praktische Theologie sowie ab WS 1930/31 für Kirchen- und Konfessionskunde und Kirchengeschichte an der theologischen Hochschule in Bethel bei Bielefeld, von 1936 an bis zu ihrer Auflösung 1939 auch deren Leiter, dann Pfarrer in Bethel und Leiter des Katechetischen Amtes der Bekennenden Kirche Westfalen, 1942 Dekan in Würzburg, ab Februar 1946 Rektor des neugegründeten Pastoralkollegs in Neuendettelsau, 1947–1957 Rektor und später Professor an der daraus hervorgegangenen Augustana-Hochschule. Vgl. Bw.Th. I und II (Namenregister); <bibl corresp="kbga-bibls-1663"><persName ref="kbga-actors-275">G. Merz</persName>, <hi rend="italic">Wege und Wandlungen. Erinnerungen aus der Zeit von 1892-1922</hi>, nach seinem Tod bearbeitet von J. Merz, München
                            1961</bibl>; Lichtenfeld.</note> Was für ein <pb xml:id="p024" ed="pga"/> merkwürdig gesegneter Ecken entsteht da nun am Niederrhein! Von dir schreibt mir <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName> in einem eben erhaltenen Briefe auf Grund neuester Eindrücke: «Ich fand <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> wieder einmal in höchster Blüte. Man kann nur staunend stehen vor all dem, was er erfährt, erleidet, denkt und schafft!»<note xml:id="n25">Leicht umgestelltes und gekürztes Zitat aus einem Brief von <persName ref="kbga-actors-275">G. Merz</persName> an <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName> vom <date when="1930-07-01">1.7.1930</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-6800">Nachlaß Thurneysen</bibl>).</note> Also du in voller Fahrt, während unsereiner eben so durchkommt, ja, manchmal an diesem Eben-so-Durchkommen zu zweifeln beginnt. Mir macht vor allem die Predigt immer mehr und immer neu Mühe über Mühe. Ob das mit der so völlig gemeindelosen Situation am <placeName ref="kbga-places-859">Münster</placeName><note xml:id="n26">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-224">Bohren, S. 145–147</bibl>.</note> zusammenhängt? Oder mit dem bekannten Basler Föhnklima, das ja an sich «produktivitätszersetzend» sein soll? Ich weiß es nicht. Aber ich trage mich manchmal ernstlich mit dem Gedanken, nicht zwar die Kanzel an sich aufzugeben, aber auf eine bescheidenere, aber in realerer Situation befindliche Kanzel (etwa in einem Vorort, unter dem Volke, statt vor den Toren der Dalben<note xml:id="n27">Mundartlich für das St. Alban-Quartier, eine vornehme Basler Wohngegend; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p622#p622">S. 622</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/04/p627#p627">627</ref>.</bibl>
               </note>) zu steigen bei irgendeiner sich bietenden Gelegenheit. Überhaupt, <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>, wird es gelingen, über das doch immer wieder so komplizierte Stammeln hinauszukommen in unserem Predigen (wenigstens von mir ist nicht viel mehr zu sagen) zu einem Wort, das wirklich gehört werden kann und gehört werden wird? Sind wir nicht irgendwie heillos verbraucht, und rollt nicht die Menschheit wenigstens hier im Westen doch in die Tiefe? Neue Kriege stehen am Himmel. Die innere Lage ist ringsum bedrohter und sinnloser in ihren Verwicklungen als je. Vielleicht kommt’s auch bei uns noch dazu, daß wir, wie sie in <placeName ref="kbga-places-798">China</placeName> die Mission ungefähr einstellen müssen<note xml:id="n28">Durch die Aktivitäten von mit der <orgName ref="kbga-actors-8562">Sowjetunion</orgName> in Verbindung stehenden bewaffneten Kommunisten war es in verschiedenen Provinzen <placeName ref="kbga-places-798">Chinas</placeName> zu Aufstandsbewegungen gegen die Nationalregierung in Nanking gekommen, in deren Zusammenhang auch der Schweizer Missionar <persName ref="kbga-actors-7517">Ernst Walter</persName> verschleppt wurde; vgl. unten <ref type="pub" target="../volume/34/p110#fn_n34">S. 110, Anm. 34</ref>.</note>, das ganze theologische Geschäft sistieren müssen, weil <pb xml:id="p025" ed="pga"/> die Zeit rettungslos ihrem Verhängnis entgegeneilt und auch wir nicht die Leute sind, die es ändern können? Wa? Aber eben — bei dir am <placeName ref="kbga-places-295">Rhein</placeName> sieht ja sicher alles sehr viel besser, sehr viel hoffnungsvoller aus, und ich will mich gerne von deiner Woge auch wieder emportragen lassen.</p>
        <p>Gegenwärtig habe ich eine ganz spezielle Sorge. Denk an, mit <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName> zu reden, der Haudegen <persName ref="kbga-actors-827">Jakobus Weidenmann</persName>, Pfarrer in <placeName ref="kbga-places-105">St. Gallen</placeName>, Religiös-Sozialer und noch einiges mehr<note xml:id="n29">Dr. phil. <persName ref="kbga-actors-827">Jakobus Weidenmann</persName> (1886–1964), gelernter Schriftsetzer, nach Erwerb des Lehrerpatents in Küsnacht Seminarlehrer in Solothurn, nach Theologiestudium und Promotion in Zürich 1918–1928 Pfarrer in Kesswil-Uttwil (Kanton Thurgau), 1928–1953 in St. Gallen.</note>, laut dem seligen <persName ref="kbga-actors-567">Geyer</persName> eine der bedeutendsten religiösen Kräfte der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName><note xml:id="n30"><persName ref="kbga-actors-567">Christian Geyer</persName> (1862–1929), nach verschiedenen Pfarrämtern in Bayern seit 1902 Hauptprediger an der Sebalduskirche in Nürnberg. 1910 gründete er das Monatsblatt «Christentum und Gegenwart» (bis 1923) gemeinsam mit <persName ref="kbga-actors-748">Fr. Rittelmeyer</persName> (dem späteren Leiter der Christengemeinschaft), von dessen anthroposophischer Tendenz er sich zunehmend abwandte; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6111"><persName ref="kbga-actors-567">Chr. Geyer</persName>, <hi rend="italic">Heiteres und Ernstes aus meinem Leben</hi>, München
                            1929</bibl>. Der Ausspruch über <persName ref="kbga-actors-827">Weidenmann</persName> ließ sich nicht nachweisen.</note>, hat eine fabelhafte Dummheit gemacht: er hat in einer schwachen Stunde an einen seiner kommunistischen Freunde in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> einen Brief geschrieben, ganz privat natürlich, in dem er alles, einfach alles preisgibt, sich selber, die Kirche, den Sozialismus, das Pfarramt und was drum- und dranhängt, in einem Pamphletstil, der seinesgleichen sucht, sich selber als Pfaffen verhöhnt, der nur um des Monatszapfens<note xml:id="n31">= monatliches Gehalt.</note> willen noch seine Sache mache, der nun eben wieder die Geburt Christi «befeiert» habe, der aber im Grunde über sich und seine Zuhörer in einem lache usw. Und nun geht dieser Kommunist hin und druckt diesen Brief mit voller Namensangabe ab<note xml:id="n32">Der Abdruck des Briefes konnte nicht nachgewiesen werden.</note>, schreit Zeter und Mordio über diese verdammten Sozialpfaffen, diese «Schweine», die abgestochen zu werden verdienen als die feilen Knechte einer gerichtsreifen Gesellschaft, und fordert <foreign xml:lang="lat">urbi et orbi</foreign> dazu auf, dieses Schanddokument abzudrucken. Es geschieht in einem kommunistischen Winkelblatt in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>. Aber es ist sehr zu fürchten, dieses vernichtende Dokument werde auch bei uns sichtbar <pb xml:id="p026" ed="pga"/> aufgehängt und unsere ohnehin schon schandbeladene Kirche, die sowieso keinen, aber auch gar keinen Kredit mehr beim breiten Volke hat, müsse auch noch diese Schmach aufgeladen bekommen. Um unsere Glaubwürdigkeit wäre es wieder bei Tausenden geschehen. Denn der Brief ist so, wie ihn die ärgsten Pfaffengegner nicht schlimmer ausdenken können. Und irgendwo ist noch ein Tropfen von unserem Öle in freilich völlig ranzigem Zustande darin: denn die Selbstironisierung bezieht sich auf eine Kritik an der Kirche, wie sie wohl auch von uns etwa geübt worden ist. Ich kann nur hoffen, ein Akt der <foreign xml:lang="lat">providentia specialissima</foreign><note xml:id="n33">Zu diesem Begriff vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-115"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, «<hi rend="italic">Unterricht in der christlichen Religion»</hi>, Bd. II: <hi rend="italic">Die Lehre von Gott / Die Lehre vom Menschen (1924/25)</hi>, hrsg. von H. Stoevesandt (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 
                        1990, <ref type="pub-" target="../volume/20/p306#p306">S. 306f</ref>.</bibl>
               </note> verhindere das wirkliche Auftauchen etwa im <orgName ref="kbga-actors-4568">Basler Vorwärts</orgName><note xml:id="n34">Die seit der Übernahme der Zeitung durch Sozialistische Partei und Gewerkschaften 1887 unter dem Titel «<orgName ref="kbga-actors-4568">Vorwärts</orgName>» geführte älteste sozialistische Tageszeitung der Schweiz war seit der Spaltung der Linken <date when="1921">1921</date> bis zum Verbot der Kommunistischen Partei <date when="1939">1939</date> als «<orgName ref="kbga-actors-4568">Basler Vorwärts</orgName>» (ab <date when="1935">1935</date> nur «<orgName ref="kbga-actors-4568">Vorwärts</orgName>») laut Untertitel «Zentralorgan der <orgName ref="kbga-actors-10725">Kommunistischen Partei der Schweiz</orgName> (Sektion der Kommunistischen Internationalen)». Der Brief erschien dort bis <date when="1931-10-07">7.10.1931</date> nicht.</note>. Auf <persName ref="kbga-actors-423">Wiesers</persName> Diskretion kann ich darum nicht rechnen, weil er seit dem letzten Parteitag in seiner eigenen Redaktion unter die Zensur eines proletarischen Kommissärs gestellt worden ist und nicht mehr machen kann, was er will.<note xml:id="n35">Dr. <persName ref="kbga-actors-836">Fritz Wieser</persName> (1890–1953), Bruder des Pfarrers <persName ref="kbga-actors-423">Gottlob Wieser</persName>, 1919/1930 Großrat (Mitglied des Basler Kantonsparlaments), zunächst für die Sozialistische Partei, seit 1921 für die von einer Minderheit der Sozialisten neugegründete Kommunistische Partei der Schweiz (KPS), aus der er 1931 austrat, seit 1917 Redaktor, 1920–1930 Hauptredaktor des Parteiorgans «<orgName ref="kbga-actors-4568">Basler Vorwärts</orgName>» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I </bibl>und <bibl corresp="kbga-bibls-2">II</bibl> [Namenregister]). — Wieser, Mitbegründer und Präsident der Basler Kommunisten, war wegen eines die Linie der <orgName ref="kbga-actors-8624">KP</orgName> Deutschlands kritisierenden Briefes an das Präsidium der Kommunistischen Internationale 1929 als Parteipräsident abgesetzt und aus dem Sekretariat entfernt worden. Der 5. Parteitag der <orgName ref="kbga-actors-10725">KPS</orgName> am <date from="1930-06-05" to="1930-06-09">5.-9.6.1930</date>, auf dem u. a.  auch Wieser öffentlich Selbstkritik geübt hatte, schwenkte ganz auf die von der Kommunistischen Internationale aus betriebene Politik der «Säuberung» der Partei ein, begrüßte es, «dass durch die Komintern alle schwankenden und versöhnlerischen Elemente, alle jene, die an der Kraft des Prolerariats und an derjenigen der Komintern zweifeln, aus der Führung der Internationale ausgeschieden wurden», und nahm weitere Umbesetzungen in der Basler Parteiführung vor, durch die Wieser aus sämtlichen Leitungsgremien der Partei ausgeschlossen wurde. Der Redaktion des «<orgName ref="kbga-actors-4568">Vorwärts</orgName>», in dessen Kopf <persName ref="kbga-actors-836">Wieser</persName> seit dem <date when="1930-06-12">12.6.1930</date> nicht mehr als hauptverantwortlicher Redakteur erschien, wurde der Basler Betriebsarbeiter <persName ref="kbga-actors-6911">Theo Dunkel</persName>, neuer politischer Leiter der <orgName ref="kbga-actors-10725">KPS</orgName>, zugeordnet. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6112">W. Gerster, <hi rend="italic">Die Basler Arbeiterbewegung zur Zeit der Totalkonfrontation zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten (1927–1932) (Von der Einheitspolitik zur Sozialfaschismustheorie</hi>), Dissertation Basel, Basel
                            1980, S. 181–185.188–191.312</bibl>; Zitat dort S. 183. Ein Brief <persName ref="kbga-actors-423">Wiesers</persName> über seine Lage befindet sich im <bibl corresp="kbga-bibls-6800">Nachlaß Thurneysen</bibl> (Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom <date when="1930-08-16">16.8.1930</date>).</note> «O Schweiz, o Kirche, o Pfarrer, daß Gott <pb xml:id="p027" ed="pga"/> erbarm!»<note xml:id="n36">Eine Abwandlung von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Diktum aus dem zweiten Teil seines Berichtes über die <orgName ref="kbga-actors-9779">Aargauer Synode</orgName> <date when="1913">1913</date> in den <bibl corresp="kbga-bibls-4906">Basler Nachrichten</bibl>: «<hi rend="italic">O Aargau! O Staatsreligion! Daß Gott erbarm!</hi>», in: <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.klA. 1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p722#p722">S. 722</ref></bibl>.</note> Schlimmere Preisgegebenheiten können sich nicht mehr ereignen.</p>
        <p>Gestern abend war die <orgName ref="kbga-actors-8250">theologische Fakultät</orgName> beieinander zu einem Nachtesselein, das sicher sehr viel bescheidener verlief als etwa eure solennen Rektorats- oder Dekanatsessen. Ich setzte mich neben unseren alten Freund <persName ref="kbga-actors-494">Carl Albrecht</persName><note xml:id="n37"><persName ref="kbga-actors-494">Carl Albrecht Bernoulli</persName> (1868–1937), 1895–1899 (Verzicht auf die Venia legendi) und 1922–1926 Privatdozent für Kirchengeschichte, 1926–1937 a.o. Professor für historische Theologie, zugleich bis 1936 Dozent der «Freien akademischen Stiftung» für Religionsgeschichte in Basel, war zugleich Romanschriftsteller, Dramatiker und Essayist. Er trat wissenschaftlich durch Schriften zu <persName ref="kbga-actors-312">Franz Overbeck</persName> und <persName ref="kbga-actors-301">Friedrich Nietzsche</persName> und die Herausgabe von Werken Overbecks hervor. — Zur persönlichen Bekanntschaft <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> und <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> mit ihm vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p365#p365">S. 365</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p379#p379">379f.</ref></bibl>
               </note> und unterhielt mich mit diesem Außenseiter aufs beste. Eben hat der Knabe <persName ref="kbga-actors-7268">Nigg</persName> den großen Stein bei ihm im Brette, indem er ein ganzes Buch über <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName> auf Grund des ihm von <persName ref="kbga-actors-494">Bernoulli</persName> überlassenen Nachlasses geschrieben hat, das auch uns gegenüber «vernichtend» ausfallen soll.<note xml:id="n38">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-6114"><persName ref="kbga-actors-7268">W. Nigg</persName>, <hi rend="italic">Franz Overbeck. Versuch einer Würdigung</hi>, München
                            1931</bibl>; vgl. unten <ref type="pub" target="34028">S. 63, Anm. 2</ref>. — Walter Nigg (1903–1988), 1929–1939 Pfarrer in Stein (Kanton Aargau), war 1919 noch als Schüler über <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName> mit <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> in Kontakt getreten, hatte den «Römerbrief» intensiv gelesen (<bibl corresp="kbga-bibls-119"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic"><ref type="pub-" target="../texts?facet-volume=16">Der Römerbrief (Erste Fassung)</ref></hi> (1919), hrsg. von H. Schmidt [Gesamtausgabe, Abt. II], Zürich 
                        1985).</bibl> Seine Wahl des Theologiestudiums (in Göttingen, Leipzig, Zürich) hatte er mit beiden besprochen.</note> <persName ref="kbga-actors-246">Fritz Liebs</persName> Abmarsch nach <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName><note xml:id="n39"><persName ref="kbga-actors-246">Albert Friedrich («Fritz») Lieb</persName> (1892–1970), 1924–1930 Privatdozent für Systematische Theologie in Basel, 1930–1931 Privatdozent für östliches Christentum in Bonn, 1931 bis zum Entzug seiner Lehrbefugnis durch die Nationalsozialisten 1933 a.o. Professor für östliches Christentum in Vergangenheit und Gegenwart in Bonn, 1937–1962 Professor für Dogmatik und Theologiegeschichte unter besonderer Berücksichtigung der östlichen Kirchen in Basel; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-932">II</bibl> (Namenregister).</note> wurde im gleichen Atemzug mit <persName ref="kbga-actors-832">Johannes Wendlands</persName> 25jähri<pb xml:id="p028" ed="pga" break="no"/>gem Wirken an der <orgName ref="kbga-actors-8250">Basler Fakultät</orgName><note xml:id="n40"><persName ref="kbga-actors-832">Johannes Wendland</persName> (1871–1947), 1905–1937 Professor für Systematische Theologie, 1937–1941 Lehrauftrag für Hilfswissenschaften der Dogmatik. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> rückte 1937 auf seinen Lehrstuhl nach.</note> («ein schlichtes, aber in Ehren und im Dienst der Wissenschaft verbrachtes Wirken» nannte es <persName ref="kbga-actors-4042">Goetz</persName><note xml:id="n41"><persName ref="kbga-actors-4042">Karl Gerold Goetz</persName> (1865–1944), 1915–1917 a.o., dann bis 1935 o. Professor für neutestamentliche Theologie in Basel; SS 1930 bis SS 1930/31 Dekan der Theologischen Fakultät.</note>) gefeiert. Die Hunderte, die sich dort um <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> scharen, wurde bemerkt, mögen doch auch <persName ref="kbga-actors-246">Fritzens</persName> Kolleg füllen! Eine sehr viel ernstere Sache ist dies: <persName ref="kbga-actors-1072">Joël</persName><note xml:id="n42"><persName ref="kbga-actors-1072">Karl Joël</persName> (1864–1934), 1893–1897 Privatdozent, 1897–1902 a.o., seit 1902 o. Professor für Philosophie in Basel. Wegen der langwierigen Berufungsverhandlungen um seine Nachfolge wurde sein ursprünglich auf den 1.10.1930 geplanter Rücktritt vom Lehramt auf Ende März 1931 verschoben; darüber hinaus mußte er sich für das SS 1931 zur Verfügung stellen.</note> hat wirklich abgegeben. Und nun wurde eine Expertenkommission eingesetzt zur Neubestellung, wie dies vorgeschrieben ist. Und dieser Expertenkommission gehört der fatale Freidenkerapostel <persName ref="kbga-actors-7034">Haenssler</persName><note xml:id="n43"><persName ref="kbga-actors-7034">Ernst Hermann Haenssler</persName> (1889–1968), 1917–1952 Lehrer an der Mädchensekundarschule in Basel, nach seiner Promotion zum Dr. phil. 1930 zugleich auch an drei Basler Gymnasien, bis August 1930 Redaktor der Zeitschrift «Der Freidenker. Organ der Freigeistigen Vereinigung der Schweiz». <persName ref="kbga-actors-7034">Haenssler</persName> war schon mit seiner Schrift <bibl corresp="kbga-bibls-6115"><hi rend="italic">Die Krisis der theologischen Fakultät</hi>, Zürich u. a.  1929</bibl> (später wieder mit <bibl corresp="kbga-bibls-6116"><hi rend="italic">Die Basler Universität am Scheidewege</hi>, Basel o. J. [nach November 1935]</bibl>) für das Ausscheiden der theologischen Fakultät aus der Basler Universität eingetreten. Dieses Ziel betrieb er auch politisch durch eine Eingabe an die Großratskommission für das Universitätsgesetz (abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-6116">E. H. Haenssler, <hi rend="italic">Die Basler Universität am Scheidewege</hi>, S. 13–27</bibl>) und ein Referat vor ihr am <date when="1935-11-21">21.11.1935</date> (a.a.O., S. 27–39). 1930 trat er aus einer Freidenker-Organisation aus (a.a.O, S. 13). Haenssler war Mitglied der Expertenkommission, deren Einsetzung und Besetzung die Kuratel am 23.6.1930 beschlossen harte (Brief der Kuratel an die Mitglieder der Kommission vom 26.6.1930; Dossier <ref type="archival">Universitätsarchiv XI 3,3</ref> [s. unten <ref type="pub" target="#fn_n45">Anm. 45</ref>]).</note> und der noch fatalere Atheist und Radikale Ständerat <persName ref="kbga-actors-9865">Thalmann</persName><note xml:id="n44"><persName ref="kbga-actors-9865">Ernst Thalmann</persName> (1881–1938), Advokat und Notar, Mitglied der radikaldemokratischen («freisinnigen») Partei, 1911–1937 Mitglied des Basler Großen Rates (des Kantonsparlaments) und zugleich 1928–1935 Ständerat, d. h. Mitglied der ebenfalls Ständerat genannten parlamentarischen Vertretung der Kantone in Bern. In seiner Eigenschaft als Präsident der Kuratel (1929–1938) (vgl. unten <ref type="pub" target="../volume/34/p060#fn_n18">S. 60, Anm. 18</ref>) harte er u. a.  maßgeblichen Einfluß auf die Neubesetzung von Lehrstühlen; im Fall <persName ref="kbga-actors-1072">Joël</persName> war er zudem Präsident der Expertenkommission (s. oben <ref type="pub" target="#fn_n43">Anm. 43</ref>). Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6117"><hi rend="italic">Zur Erinnerung an Herrn Dr. Ernst Thalmann 1881-1938.Ansprachen gehalten an der Bestattungsfeier Basel, den 26. September 1938</hi>, Basel o. J. (Privatdruck; 44 S. mit Photo)</bibl>.</note> an, beide wahrlich nicht die Männer, die — ja, <pb xml:id="p029" ed="pga"/> die unseren <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> auf den Thron werden erheben wollen, der ihm wahrhaftig gebührt. Ich sah es als absolut sicher an, daß Heiner nachrücken werde, und zweifle auch jetzt noch nicht ernstlich daran, aber wieder wird es ein Akt der Providenz sein, der hier nötig wird, wenn alles zum Guten kommen soll. <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> ist in begreiflicher Spannung, wenn er auch ganz ruhig davon redet, daß es alle Wege gehen könne.<note xml:id="n45">Briefdokumente, die die folgenden langwierigen und verwickelten Berufungsverhandlungen belegen, befinden sich im <ref type="archival">Staatsarchiv Basel-Stadt (Dossier «Joel, Karl und Nachfolge Joel 1929–1970», Universitätsarchiv XI 3,3; Dossier «Phil I, Prof. Dr. Heinrich Barth, Philosophie», ED 
                  REG 1a2)</ref>. Zum weiteren Verlauf vgl. unten <ref type="pub" target="34023#fn_n16">S. 46, Anm. 16</ref>; <ref type="pub" target="../volume/34/p055#fn_n20">S. 53, Anm. 20</ref>; <ref type="pub" target="../volume/34/p059#fn_n16">S. 59f., Anm. 16-18</ref>; <ref type="pub" target="../volume/34/p071#fn_n28">S. 71, Anm. 28</ref>; <ref type="pub" target="../volume/34/p152#p152">S. 152f.</ref></note> — Das Missionsfest ist unter größten Umtrieben gefeiert worden und hat mir ein Gespräch mit — Pfarrer <persName ref="kbga-actors-623">Jäckh</persName><note xml:id="n46"><persName ref="kbga-actors-623">Eugen Jäckh</persName> (1877–1954), nach auf eigenes Ansuchen erfolgter Entlassung aus seiner ersten Pfarrstelle in Weidenstetten (Dekanat Ulm) (1908–1911) bis 1920 in Bad Boll Gehilfe und Stellvertreter <persName ref="kbga-actors-47">Chr. Blumhardts</persName>, daneben im Härlinschen Institut in Eckwälden Lehrer für Bibelkunde, Kirchengeschichte, Kunstgeschichte und Bürgerkunde, seit November 1920 zunächst Stadtpfarrverweser, 1921–1926 Pfarrer in Oehringen, 1926–1938 in Göppingen, Biograph der beiden Blumhardt (siehe <ref type="pub" target="#fn_n47">Anm. 47</ref>).</note> gebracht, den ich glaub seit jener Andacht im Jahre 1915 in <placeName ref="kbga-places-158">Boll</placeName><note xml:id="n47">Auf der Rückreise von <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName>, wo <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barths</persName> Bruder <persName ref="kbga-actors-27">Peter</persName> und <persName ref="kbga-actors-5803">Marie Helene Rade</persName> am <date when="1915-04-09">9.4.1915</date> geheiratet hatten, hielten sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom 10 bis 15. April in <placeName ref="kbga-places-158">Bad Boll</placeName> auf und trafen mit <persName ref="kbga-actors-47">Christoph Blumhardt (d.J.)</persName> zusammen (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 96f.</bibl>). Es kam aber auch noch später, am <date>12./13.2.1920</date>, zu einem Zusammentreffen der beiden mit <persName ref="kbga-actors-623">E. Jäckh</persName> (und der <persName ref="kbga-actors-6816">Witwe</persName> des 1919 verstorbenen Chr. Blumhardt) (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p366#fn_n01">S. 366, Anm. 1</ref></bibl>). Zu Bad Boll vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4417"><persName ref="kbga-actors-623">E. Jäckh</persName>, <hi rend="italic">Blumhardt Vater und Sohn und ihre Botschaft</hi>, Berlin o. J. [1925], S. 62–79.180</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1590"><persName ref="kbga-actors-851">Fr. Zündel</persName>, <hi rend="italic">Pfarrer Joh. Christoph Blumhardt. Ein Lebensbild</hi>, Zürich
                            1880, S. 383–460.</bibl>
               </note> nicht mehr gesehen habe.</p>
        <p>Schluß! Und nun sehen wir uns also in Bälde. Wie gut wird das werden. Lieber <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>, ich kann dir dann auch erst richtig danken für die solenne Überreichung der drei Schweinslederbände von <persName ref="kbga-actors-2523">Turrettini</persName>, die du mir ganz und gar wegen nichts zu Mitten des Sommers hast übersenden lassen.<note xml:id="n48">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-265"><persName ref="kbga-actors-2523">Fr. Turrettini</persName>, <hi rend="italic">Institutio Theologiae Elencticae</hi>, Pars prior, Genevae
                            1679</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6118">Pars secunda, 
                                ibid.
                            1682</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6119">Pars tertia, 
                                ibid
                            1685</bibl>. Laut Eintragungen auf dem Vorsatzblatt hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dieses Werk von seinem Kollegen <persName ref="kbga-actors-135">Wilhelm Goeters</persName>, Kirchenhistoriker in Bonn, zum Geschenk erhalten. Da er es schon besaß, schenkte er es an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> weiter. Das Exemplar befindet sich heute im Besitz von Oberkirchenrat Dr. <persName ref="kbga-actors-6848">Kl. Bümlein</persName>, Speyer.</note> Was für ein köstliches Geschenk! Verzeih mit all meinem <pb xml:id="p030" ed="pga"/> Schweigen überhaupt, daß auch diese Gabe so wortlos von mir entgegengenommen wurde.</p>
        <p>Es ist ein Leichtsinn ohnegleichen, daß ich dir heute abend so ausführlich schreibe. Denn ich habe noch lange Wege vor mir, bis ich am Sonntag glücklich im D-Zug nach <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> sitzen werde. Der Vortrag ist noch nicht da, und eine Predigt wartet auch noch auf mich. Du siehst aber, wie gestaut das Schreibwasser bei mir war, so daß es nun doch noch einfach hervorbrechen mußte. Also auf Wiedersehen am Sonntag abend. Unterdessen hast du in <placeName ref="kbga-places-20">Frankfurt</placeName> und in <placeName ref="kbga-places-31">Heidelberg</placeName>, also beinahe in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, vor sicher überfüllten Sälen ausgezeichnete Dinge gesagt.<note xml:id="n49"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Vortrag «<ref type="pub-" target="49004">Die Theologie und der heutige Mensch</ref>», s. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p013#fn_n20">S. 13 bei und mit Anm. 20</ref>.</note> Ganz zu schweigen von deinem Englandzuge, von dem wir auch noch nichts näheres gehört haben, der aber auch unter großem Tücherschwenken vor sich gegangen sein muß.<note xml:id="n50">Vgl. oben <ref type="pub" target="34012#fn_n01">S. 9f. bei und mit Anm. 1</ref>, <ref type="pub" target="34012#fn_n05">5</ref> und <ref type="pub" target="34012#fn_n06">6</ref>.</note> Hast du nicht doch irgendeinen Helgen<note xml:id="n51">= Bild.</note>, auf dem du in einem Mäntelein und mit einem dreieckigen Hute zu sehen bist? <persName ref="kbga-actors-1203">Karl Sartorius</persName><note xml:id="n52"><persName ref="kbga-actors-10109">Karl Sartorius</persName> (1890–1965), Vetter <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barths</persName>, zunächst Redaktionssekretär, ab 1923 Direktor und Herausgeber der Basler Nachrichten (Leitung gemeinsam mit <persName ref="kbga-actors-712">A. Oeri</persName>), ab 1935 (bis 1958) Delegierter des Verwaltungsrates der Buchdruckerei zum Basler Berichthaus A.G., zugleich verschiedene Amter im nationalen Pressewesen, u. a.  1927–1965 Mitglied des Verwaltungsrats der Schweizerischen Depeschenagentur (seit 1944 als Vizepräsident); vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6120">P. Dürrenmatt, <hi rend="italic">Dr. iur. Karl Sartorius-Zellweger (1890–1965)</hi>, in: <hi rend="italic">Basler Stadtbuch 1966. Jahrbuch für Kultur und Geschichte</hi>, hrsg. von Fr. Grieder, V. Lötscher und H. Portmann, Basel
                            1965, S. 78–81.</bibl>
               </note> wartet sehnsüchtig auf solch eine Gabe für die Nachrichten<note xml:id="n53">In jeder Ausgabe der <orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName> wurden auf einer vollen Seite Photographien abgedruckt, die, erläutert durch kurze Bildlegenden, in bunter Mischung Personen und Motive aus den Bereichen Politik, Wissenschaft, Gesellschaft, Kunst, Sport u. a. m. zeigten. Bis Ende August 1930 erschien in den Basler Nachrichten kein Bild von <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> als Ehrendoktor.</note>, und ich kann sein Verlangen nur kräftig unterstützen. Mach uns den Spaß und zeig dich den Baslern einmal so!</p>
        <closer>
          <salute>Herzlich</salute>
          <salute>Dein</salute>
          <signed><persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName></signed>
        </closer>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
