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        <title type="volume" n="vol-34">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
        <title type="content">Eduard Thurneysen an Karl Barth</title>
        <title type="citation_line_1">Eduard Thurneysen an Karl Barth, 28. November 1930</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/34029 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935, hrsg. v. Algner, Caren (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2000, S. 63–73.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
          <title type="text">Eduard Thurneysen an Karl Barth</title>
          <author ref="kbga-actors-403">Thurneysen, Eduard</author>
          <editor>Algner, Caren</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe V.34, Karl Barth - Eduard Thurneysen Briefwechsel Band III 1930-1935, letter 21</title>
          <author ref="kbga-actors-403">Thurneysen, Eduard</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Thurneysen, Eduard, Eduard Thurneysen an Karl Barth, 28. November 1930. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/18322">KBA 9370.651</ref>. </bibl>
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          <salute>Lieber <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>,</salute>
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        <p>Ich bin dir schon länger als recht ist eine gehörige Antwort schuldig auf deine verschiedenen ausgezeichneten Zurufe, Mitteilungen, Zwischenberichte und Geheimakten. Gestern abend traf nun auch noch die englische Zeitung<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-6172"><persName ref="kbga-actors-7215">J. McConnachie</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth at home</hi>, in: The British Weekly. A Journal of Social and Christian Progress vom 13.11.1930, S. 143 (Rubrik: Literature and Life)</bibl> (<orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName>).</note> ein, die ich sofort mit Schmunzeln entgegengenom<pb xml:id="p064" ed="pga" break="no"/>men habe, nachdem erst dieser Tage auch <persName ref="kbga-actors-636">Adolf Kellers</persName> unerwarteter Weltüberblick<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-6173"><persName ref="kbga-actors-636">A. Keller</persName>, <hi rend="italic">Vom Weltprotestantismus der Gegenwart. Die Wirkung der dialektischen Theologie im heutigen Weltprotestantismus</hi>, in: CW, Jg. 34 (1930), Nr. 22 vom 15.11.1930, Sp. 1097–1103.</bibl></note> auch hierzulande bei den Mißgünstigen Unbehagen und bei den Naiveren unter unseren Anhängern einige Akklamation gefunden hatte. Eine der zum inneren Kreise der an der Weltsache Karl Barths (und doch auch Eduard Thurneysens!) Beteiligten sich rechnende[n] meiner Zuhörerinnen hat geradezu mit Ergriffenheit die weiten Aspekte registriert, die sich da plötzlich rund um die <placeName ref="kbga-places-859">Münster</placeName>kanzel in Anlehnung an den großen Mann in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> eröffnen.</p>
        <p>Dein Brief an <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> ist, wie <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName> sagen würde, schlechthin gut. Ich habe die weise (an gute Pfeifentabake erinnernde) Mischung von letztem Ernst und freundlichem Auf-die-Achsel-Klopfen und vor allem überlegtester Schonung des ja so leicht in Schwanken geratenden Selbstgefühles unseres Freundes in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> (er ist nicht umsonst Sitzriese!) einfach bewundert. Er hat deinen Tabak auch offensichtlich in tiefen Zügen geraucht, denn es ist nun schon der zweite, seine Angegriffenheit verratende Brief bei mir eingetroffen, ich lege ihn dir bei. Er bekennt sich nun endlich doch zu der allerdings späten Einsicht, daß Eristik keine «andere Aufgabe» der Theologie<note xml:id="n03">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p042#fn_n16">S. 42, Anm. 16</ref>.</note> sei, sondern daß sie mit der Dogmatik zusammenfalle.<note xml:id="n04">Gemeint sind wahrscheinlich zwei im <bibl corresp="kbga-bibls-6800">Nachlaß Thurneysen</bibl> befindliche undatierte Briefe von <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName>. In dem vermutlich früheren heißt es: «Nun ist also das Gegenwort aus <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> gekommen, und deine Prophezeiung [s. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p056#p056">S. 56</ref>] hat sich als ziemlich richtig erwiesen» (<ref type="archival">Signatur B 38, 149</ref>); es folgt eine Erläuterung Brunners, wo und inwiefern er sich von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mißverstanden fühlte. In dem anderen Brief, auf den <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> hier offenbar Bezug nimmt, schrieb Brunner: «Eristik: Es handelt sich nicht darum, ob auch Eristik. Ich würde nicht mehr von der ‹andern» Aufgabe der Theologie sprechen. Sondern Dogmatik als Eristik, und Eristik als Dogmatik. Dogmatik im beständigen Blick auf den Menschen in seinem Selbstverständnis. Ich fürchte, daß bei <persName ref="kbga-actors-1092">Köberle</persName>, wie bei <persName ref="kbga-actors-171">Heim</persName> eine Eristik getrieben wird, die nicht mehr Dogmatik ist; das ist ebenso verkehrt wie das Gegenteil» (<ref type="archival">Signatur B 38, 99</ref>; an der Stelle des Datums steht die mit Bleistift nachgetragene irrtümliche Jahreszahl 1931).</note> Wenn er nun noch dazu kommt, daß es überhaupt keine Aufgabe ist, sondern daß wirklich nur übrig bleibt, eine anständige Dogmatik zu erstellen, die an sich und von selber das Wort zur Lage sein müßte, dann ist die ganze Unruhe, das ganze eifervolle Suchen nach einem eigenen Jagdgrunde mit speziellem Großwild <pb xml:id="p065" ed="pga"/> zu Ende, und auch <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> macht schlecht und recht und natürlich durchaus auf seine Weise eben Dogmatik. Weißt du, er hat ja schon auch seine Spezialaufträge und ihnen entsprechende Spezialgnaden. Kürzlich hat er vor tausend zürcherischen Lehrern — bedenke, ein tausend zürcherische Sekundarlehrer! waren bei einander — einen Vortrag gehalten über die Begründung der Ethik<note xml:id="n05">Der ursprüngliche Titel des am <date when="1930-09-06">6.9.1930</date> in der Kirche von <placeName ref="kbga-places-782">Fluntern</placeName> gehaltenen Vortrags war «Die Grundfrage der Ethik», veröffentlicht unter dem Titel <bibl corresp="kbga-bibls-6174"><hi rend="italic">Das Grundproblem der Ethik</hi> (Unveränderte Wiedergabe eines Vortrags vor dem Zürcherischen Schulkapitel), Zürich u. a.  1931</bibl>; vgl. den Kurzbericht in der Rubrik «Schul- und Vereinsnachrichten»: St., <bibl corresp="kbga-bibls-6175"><hi rend="italic">Zürich. Schulkapitel Zürich</hi>, in: Schweizerische Lehrerzeitung. Organ des Schweizerischen Lehrervereins, Jg. 75 (1930), S. 476</bibl>, sowie dazu <bibl corresp="kbga-bibls-6176">E. B., <hi rend="italic">Zwei Vorträge über Ethik im Schulkapitel Zürich</hi>, in: Schweizerisches Evangelisches Schulblatt. Organ des Evangelischen Schulvereins der Schweiz, Jg. 67 (1930), S. 316f.</bibl> (mit teilweiser Wiedergabe der Diskussion im Anschluß an beide Vorträge).</note>. Gleich nach ihm redete der Basler Freidenker und vom Erziehungsdepartement speziell gehätschelte «Schul»philosoph <persName ref="kbga-actors-7034">Haenssler</persName> über das gleiche Thema.<note xml:id="n06">Den zweiten Vortrag hielt <persName ref="kbga-actors-7034">E. H. Haenssler</persName> über «Die Grundlage der Ethik».
               </note> Und da hat <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> scheints schlechterdings obenausgeschwungen<note xml:id="n07">= die Oberhand behalten.</note>. Und ebenso hat er vor ein paar Wochen einen Gefechtsgang bestanden vor ebenfalls großem Forum mit den Evangelimannen, wie die Arbeiter die Evangelische Volkspartei nennen, wo er sich ebenfalls mit Bravour dieser Pietisten erwehrt hat.<note xml:id="n08">Konnte nicht nachgewiesen werden.</note> In solchen Lagen ist er wirklich unbezahlbar. Er ist ein magister Helvetiae, und seine Zürcher scheinen sehr auf ihn zu «loosen»<note xml:id="n09">= hören.</note>. Ich hatte ein langes Gespräch mit ihm wegen seines Briefes an dich. Habe ich dir schon davon geschrieben?<note xml:id="n10">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p055#p055">S. 55f</ref>.</note> Ich habe ihm vorausgesagt, wie du ihm antworten werdest. Und er hat mir da auch seine Komplexe dir gegenüber gestanden. Er war schon damals allerdings gerührt von der würdigen Form deines Gespräches mit ihm in letzter Zeit. Sicher erreichst du damit schließlich doch noch einiges bei ihm. Im übrigen ist es ja aber unendlich klar, daß du ihm gegenüber gerade das Entscheidende zu verteidigen hast.</p>
        <p><persName ref="kbga-actors-7268">Niggius</persName>! Als dein Brief kam, stand bei mir — ich hatte eben in der Nacht darüber nachgedacht — der beiliegende Brief fest, ich las den dei<pb xml:id="p066" ed="pga" break="no"/>nen und schrieb ihm unverzüglich den meinen<note xml:id="n11">Nicht erhalten.</note>. Antwort habe ich keinerlei von ihm darauf erhalten. Ich fürchte, das Buch werde keine gute Wirkung tun. Aufs Ganze gesehen ist es ein glatter Rückschritt, Reaktion im einfachsten Sinne des Wortes. Die Basler Humanisten und Theologen werden triumphieren und sagen: so haben wir’s immer gesehen. Und niemand wird sich wirklich mehr etwas von <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName> sagen lassen. Ein kurioser Kauz dieser <persName ref="kbga-actors-7268">Nigg</persName>. Irgendwo hinter diesem Buche steckt natürlich sein eigenes Lebensproblem, um nicht zu sagen, seine eigene Pathologie. Übrigens hat der ja sonst durchaus nicht mit Nigg zu verwechselnde <persName ref="kbga-actors-1134">Artur Mettler</persName><note xml:id="n12"><persName ref="kbga-actors-1134">Artur Mettler</persName> (1901–1990) hatte, angeregt durch das Erscheinen von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief-Kommentar</bibl> (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p027#fn_n38">S. 27, Anm. 38</ref>), noch als Schüler Kontakt zu <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName> und <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> aufgenommen und studierte daraufhin Theologie. 1921–1923 war er <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> erster Schweizer Student in <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName>, wohin er 1924 nochmals zurückkehrte. Nach einem Vikariat in Pfäffikon war er 1928–1930 Pfarrer in Oberhelfenschwil (Kanton St. Gallen), arbeitete dann als Lehrer an verschiedenen Schweizer Orten und schloß sich 1938 der von Eberhard Arnold gegründeten Lebensgemeinschaft ‹Bruderhof› in England an, die ihn zu einem langjährigen Aufenthalt nach Paraguay und zurück nach England führte. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz 1960 arbeitete er wieder 17 Jahre als Pfarrer. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II</bibl> (Namenregister)</note>, weil ich gerade an unseren «Schülern» bin, einen schweren Zusammenbruch erlitten, der ihn zwingt, für lange Zeit das Pfarramt sein zu lassen, in irgendeinem Sanatorium Heilung zu suchen. Es hängt dies zusammen mit dem plötzlichen Tode seines Bruders in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName>, eines selten netten Jünglings, der in <placeName ref="kbga-places-77">Bruggen</placeName> einst unter meinen Konfirmanden saß. Dieser Todesfall hat den Artur in schwere innere Auseinandersetzungen mit seinem nach wie vor ganz zynisch denkenden Vater getrieben, hat irgendwie seine ganze eigene Entwicklung aufgerührt, so daß er sich glaubte von seiner ganzen Vergangenheit (unter anderem auch von mir) innerlich lösen zu müssen. Nach einer Nachricht, die ich hatte, muß er ganz steile Flüge in seinen Predigten unternommen haben, irgendwie im Sinne von Durchbruchsversuchen und schärfsten Absagen an die laue Chrisdichkeit und Kirche, bis alles ganz eindeutig in einer Neurose endete, von der er sich nun heilen lassen soll. Ein armer Kerl, der zweifellos ganz schwierige Zeiten hinter und vielleicht noch vor sich hat. Hoffentlich bringt er es durch.</p>
        <pb xml:id="p067" ed="pga"/>
        <p><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> — da wäre allerhand zu erzählen. Vielleicht hast du durch <persName ref="kbga-actors-246">Fritz Lieb</persName> erfahren, daß wir zunächst (ich mußte an <persName ref="kbga-actors-1732">Ruth Lieb</persName> schreiben wegen einer bestimmten Sache)<note xml:id="n13">Brief nicht erhalten.</note> rasante Berührungen hatten mit unserer Arbeiterschaft infolge der unglückseligen Versuche eines deutschen Evangelisten (er nennt sich Dr. <persName ref="kbga-actors-6802">Berg</persName>, ist ein ehemaliger Jurist, der sich fatalerweise bekehrt und nun den Drang hat, andere auch zu bekehren, in seinen Lebenserinnerungen, die irgendwo auflagen, las ich, daß er auch dich bereits einmal in Augenschein genommen und gewogen und natürlich für die eigentlich gläubige Gemeinde als zu leicht befunden hat<note xml:id="n14">Dr. iur. <persName ref="kbga-actors-6802">Hans Berg</persName> (1877–1958), seit seinem rechtswissenschaftlichen Studium evangelisatorisch tätig, Bürgermeister in Wesenberg, nach seiner Berufung zum nebenamtlichen Akademikermissionar durch den Zentralausschuß der Inneren Mission in Verbindung mit dem Deutschen Christlichen Studentenverband 1919 Aufgabe des weltlichen Berufe, Arbeit als Evangelist (aber noch einige Jahre Mitarbeit in politischen und kirchlichen Ämtern in Neustrelitz), zeitweise auf eigene Verantwortung, 1926 nach einem theologischen Kolloquium in Rostock Anerkennung als Theologe, 1934-1.4.1935 Pfarrer in Waren (Mecklenburg). — Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6177">H. Berg, <hi rend="italic">Der Befehl ist da! Aus meinem Leben und Dienst</hi>, Schwerin
                            1939.</bibl> — Wahrscheinlich handelt es sich bei den ausliegenden Lebenserinnerungen um Bergs Buch <bibl corresp="kbga-bibls-6178"><hi rend="italic">Jurist und Evangelist. Gedanken und Erfahrungen aus meiner Evangelisationsarbeit</hi>, mit Anhang: Evangelist und Pfarramt, Schwerin a. S. [1918].</bibl> Darin schildert er seine Eindrücke vom Kongreß des kontinentalen Verbandes für innere Mission in Amsterdam im Sommer 1926, besonders von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> dort gehaltenem Vortrag <bibl corresp="kbga-bibls-2962">«<ref type="pub-" target="24004">Die Kirche und die Kultur</ref>»</bibl> und der nachfolgenden Diskussion (<bibl corresp="kbga-bibls-6178">a.a.O., S. 69–72</bibl>).</note>, ein Dubel<note xml:id="n15">= Dummkopf.</note> erster Klasse und von einer fabelhaften Einbildung) — also infolge seiner Evangelisationsversuche in Basel<note xml:id="n16">In der Basler Tagespresse berichtete nur der <orgName ref="kbga-actors-4568">Vorwärts</orgName> über <persName ref="kbga-actors-6802">Bergs</persName> im Auftrag der Volksmission Basel unter dem Gesamttitel «Moderne Arbeiterschaft und Christentum» am 21. («Marx und Jesus»), 22. («Woher kommt Krieg und Elend») und 23.10.1930 (Thema nicht angegeben) gehaltene Vorträge, an die sich jeweils eine Aussprache anschloß. Dabei kamen verschiedene Diskussionsredner, darunter auch Kommunisten, mit fünfminütigen Beiträgen zu Wort, denen Berg unmittelbar antwortete. Besonders der zweite Teil der Veranstaltungen verlief oft lebhaft. Über den ersten Abend berichtete der Vorwärts u. a. : «Die kommunistischen Redner hatten großen Beifall von Seite der Arbeiter, die gekommen waren, um <hi rend="italic">gegen</hi> die Christen aufzutreten. Der frühere katholische Geistliche und heutige Freidenker freigeistiger Richtung <persName ref="kbga-actors-7143">A. Krenn</persName>, erklärte unter großem Beifall, er anerkenne <hi rend="italic">das große Werk der russischen Arbeiter und Bauern</hi>. Es sprachen noch eine sozialdemokratische Frau, der Stadtmissionar Graf, dem eine Frau zurief, ob er sich seiner Hausbesitzerpolitik wegen nicht schäme. … Zum Schluß der Versammlung riefen junge Arbeiter im Chor: ‹<hi rend="italic">Heraus aus der Kirche</hi>.›» (<bibl corresp="kbga-bibls-6182">«<hi rend="italic">Marx und Jesus</hi>», in: BV, Jg. 33 [1930], Nr. 247 vom 22.10.1930, S. 5</bibl>). Die letzte Veranstaltung, zu der angeblich etwa 2000 Personen erschienen waren, endete nach dem Bericht des Vorwärts mit einem Eklat: «Von Seiten der revolutionären Arbeiter marschierte eine starke Vertretung auf, die durch ihre Lebhaftigkeit, treffende Zwischenrufe und stürmische Zustimmung bei unsern Sprechern zeigte, daß sie mit uns geht. Als erster Diskussionsredner sprach Gen[osse] <persName ref="kbga-actors-6817">Bodenmann</persName> in einem scharfen aber sachlichen Votum, mit verlängerter Redezeit. … Eine Reihe von Bekehrten und Bibelzitierern trat auch auf. Die scharfe und frische Auseinandersetzung der Arbeiterredner setzte dem Referenten zu. Er erklärte, dies gehe über seine Kraft. Er wollte den Vorsitz einem Pfarrer abtreten, aber auf Vorschlag aus der Versammlung übernahm Genosse <persName ref="kbga-actors-6817">Bodenmann</persName> den Vorsitz. Ein Kommunist präsidiert die von der Mission einberufene Versammlung! Gen. Arnold sprach gegen die Christen, die Praktiken ihrer Kapitalisten aufdeckend. Unruhe. Der Vorsitzende schlägt vor, dem Redner die Redezeit zu verlängern. Es gab eine Abstimmung, aber als der Redner weitersprach, verließen die Christlichen den Saal. Der Vorsitzende schloß mit einem <hi rend="italic">Hoch auf die Kommunistische Internationale</hi>, das wuchtig aufgenommen wurde. Die ‹<hi rend="italic">Internationale</hi>› wurde angestimmt, die Jünglingsvereinler wollten mit einem Choral erwidern, was nicht gelang. Immer wieder brausten Hochrufe auf die <orgName ref="kbga-actors-8746">Sovietunion</orgName> durch den Saal» (<bibl corresp="kbga-bibls-6183"><hi rend="italic">Eine erste Antwort an die Hetzliga. Im Angriff gegen pfäffischen Arbeiterfang</hi>, a.a.O., Nr. 250 vom 25.10.1930, S. 4</bibl>); vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-6184"><hi rend="italic">Kirchliche Demagogen</hi> [in der Rubrik Baselstadt], a.a.O., Nr. 249 vom 24.10.1930, S. 7;</bibl> sowie von <bibl corresp="kbga-bibls-6185">«Hinz dem Älteren» <hi rend="italic">Weg mit dem religiösen Opium</hi> (Arbeiter-Korrespondenz), a.a.O., Nr. 251 vom 27.10.1930, S. 5.</bibl>
               </note>. Die <pb xml:id="p068" ed="pga"/> Burgvogtei war an drei Abenden überfüllt. Er hatte ziemlich herausfordernde Themata, und die Kommunisten, vor allem deren Jugend, aber auch die Führer traten darauf ein. Und so kam es dann zu großen Diskussions und Krachabenden, an denen <persName ref="kbga-actors-246">Fritz Liebs</persName> alte Freunde<note xml:id="n17">D. h. die Kommunisten. <persName ref="kbga-actors-246">Lieb</persName>, seit 1915 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und später 15 Jahre einer von deren Vertretern im Basler Großen Rat, hegte zunächst große Sympathien für die russische Revolution. Er gehörte auch zu der radikalen Minderheit, die 1920 vergeblich versuchte, die Mehrheit der Partei zum Anschluß an die 3. Kommunistische Internationale zu bewegen (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p454#p454">S. 454</ref></bibl>), und daraufhin 1921 die Kommunistische Partei gründete. Unter dem Einfluß seines «Vikariats» bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> 1921 begann für ihn wohl erstmals die unmittelbare Verquickung von Evangelium und kommunistischen Anschauungen fraglich zu werden (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I., <ref type="pub" target="3387">S. 493</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p495#p495">495f</ref>.</bibl>
               </note> mit Wucht in die Schranken traten. Ein letzter Abend wurde von den Freidenkern angeschlossen: «Gott im Lichte der Vernunft», an dem sogar dein Bruder <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> als Zuhörer und <persName ref="kbga-actors-528">Dieterle</persName> und ich sogar als Diskussionsredner teilnahmen.<note xml:id="n18">Am <date when="1930-11-05">5.11.1930</date> fand in der Burgvogtei eine große Versammlung der Freidenker statt mit einem Vortrag über das Thema «Gott im Lichte der Vernunft», gehalten von <persName ref="kbga-actors-7143">Anton Krenn</persName>, seit August 1930 als Nachfolger <persName ref="kbga-actors-7034">E. H. Haensslers</persName> Redaktor der Zeitschrift «<orgName ref="kbga-actors-10822">Der Freidenker. Organ der Freigeistigen Vereinigung der Schweiz</orgName>».</note> Das ganze Ergebnis war allerdings bedrük<pb xml:id="p069" ed="pga" break="no"/>kend, denn es trat nur handgreiflich zu Tage, wie völlig, wie völlig die Kirche auch in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> bei der Arbeiterschaft abgewirtschaftet hat. Da ist einfach Schluß. Und sie hat vor allem an diesen Abenden selber durch ihre gänzlich unmöglichen Vertreter womöglich noch den letzten Rest von Kredit versaut, den sie vielleicht noch hatte. Was man da zu hören bekam aus dem Munde von Chrischonenpredigern<note xml:id="n19">Bei der Kirche <placeName ref="kbga-places-1556">Sankt Chrischona</placeName>, am östlichen Rand des Kantons Basel-Stadt, befindet sich der Sitz der pietistischen Pilgermission St. Chrischona (gegründet 1840) mit einer eigenen Predigerausbildung.</note> und anderen Satten, das war mit das Aufreizendste. Man konnte nur noch eines denken: dieses Schiff sinkt. Ich dachte einen Augenblick lang an unsere Gespräche in <placeName ref="kbga-places-101">Adelboden</placeName><note xml:id="n20">Vermutlich bei dem Ferienaufenthalt im August 1930; vgl. oben <ref type="pub" target="34021">S. 37</ref>.</note> an jenem Abend, wo du irgendwie die Fühlung zu den Rechtskreisen als etwas vielleicht doch nicht zu Vernachlässigendes erwogst. Ich habe sie nun wieder für einmal genossen, diese Kerngemeinde im Kampf mit der Welt. Aber danke schön! Ich gab sie in meinem Votum — und in diesem Augenblick wurde es im Saal ganz still — vor dem Feinde einfach preis, erhielt dafür in einem anonymen Brief schwere Beschuldigungen, daß ich, während die Wölfe heulen, die Mitstreiter selber «gebissen» hätte.<note xml:id="n21">Der anonyme Brief ist nicht erhalten.</note> Ich dachte vor allem aber auch an dein <bibl corresp="kbga-bibls-1118"><ref type="pub-" target="24019">Quousque tandem</ref></bibl> und was dort über die Verderbnis der Substanz der Kirche gesagt war.<note xml:id="n22">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p012#fn_n15">S. 12, Anm. 15</ref>.</note> Das ist einfach das einzig Wahre, was gesagt werden kann und muß.</p>
        <p>Unterdessen hat sich auch in der akademischen Welt wieder allerhand vollzogen. <persName ref="kbga-actors-1092">Köberle</persName> hat seine Antrittsvorlesung gehalten.<note xml:id="n23">Am <date when="1930-11-05">5.11.1930</date> im Münstersaal des <placeName ref="kbga-places-1554">Bischofshofes</placeName> gehaltene Antrittsvorlesung über das Thema «Der moderne Relativismus und die christliche Wahrheit» (unveröffentlicht); vgl. den anonymen, unter demselben Titel erschienenen Artikel in: <bibl corresp="kbga-bibls-7375">BN, Jg. 86 (1930), Nr. 303 vom 8./9.11.1930, 1. Beilage</bibl>.</note> Er ist als Mensch ein heillos netter Kerl, aber als Theologe wirklich mehr als harmlos. Böse Mäuler sagten, seine Antrittsvorlesung sei etwa für Pfadfinder recht gewesen. Und es ist etwas dran. Er ist darin unverbesser<pb xml:id="p070" ed="pga" break="no"/>lich, daß er einfach nur ein Thema hat: Apologetik. Was aber bei <persName ref="kbga-actors-63">Emils</persName> Eristik Rasse hat, weil es da noch zu scharfen Schüssen kommt, und was bei <persName ref="kbga-actors-171">Heim</persName> vielleicht irgendwie geistreich sein mag, das ist bei unserem <persName ref="kbga-actors-1092">Köberle</persName> einfach langweilig. Ich habe noch nie in allem von ihm Gehörten etwas systematisch Interessantes oder überhaupt etwas von der Dogmatik her angefaßt gefunden. Er hat immer nur diese langweilige Front gegen die moderne Weltanschauung hin.</p>
        <p>Und dann hat unser Freund <persName ref="kbga-actors-737">Querbein</persName> am letzten Mittwoch ebenfalls die Arena betreten und einen ebenfalls sehr merkwürdigen Vortrag gehalten.<note xml:id="n24">Am <date when="1930-11-26">26.11.1930</date> hielt <persName ref="kbga-actors-737">de Quervain</persName> im <placeName ref="kbga-places-905">Münstersaal</placeName> seine Antrittsvorlesung als Basler Privatdozent über das Thema «Die theologischen Voraussetzungen der Politik»; vgl. die ausführliche, unter demselben Titel erschienene Wiedergabe des <choice><sic ed="pga">Vertrags</sic><corr type="misprint" resp="sm">Vortrags</corr></choice> von K.P. in: <bibl corresp="kbga-bibls-6187">BN, Jg. 86, Nr. 326 vom 28.11.1930, 1. Beilage</bibl> (dort fälschlich als Habilitationsvorlesung bezeichnet). — Neben den bibliographischen Angaben zu de Quervains Buch <bibl corresp="kbga-bibls-6146"><hi rend="italic">Die theologischen Voraussetzungen der Politik. Grundlinien einer politischen Theologie</hi>, Berlin
                            1931</bibl>, ist im <ref type="archival">Zettelkatalog der Basler Universitätsbibliothek</ref> notiert: «[Erweiterte Antrittsvorlesung geh. an der Universität Basel.]».</note> Wo liegt’s nur, daß auch dies nicht viel wog? Es war ungleich viel wissender und gelehrter, was er bot, als bei <persName ref="kbga-actors-1092">Köberle</persName> und auch sehr gut eingestellt, aber irgendwie konfus vorgebracht, ohne rechte Linie, wenigstens ohne erkennbare Linie, alles nur so angedeutet und vielleicht für <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> und mich berechnet. Wir saßen auch beide da, ich war sehr dabei, aber auch mit Sorge dabei, weil ich sah, wie wenig verständlich für die Anderen das Ganze sein mußte. Mitten drin kam es dann zu einer — ich fand eher etwas peinlichen — solennen Anprostung von <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName>, der als «der Basler Philosoph, mein verehrter Lehrer, Freund und Kollege» begrüßt wurde<note xml:id="n25">Zu «Anprostung» s. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p052#fn_n18">S. 52, Anm. 18.</ref> Laut <bibl corresp="kbga-bibls-6187">Basler Nachrichten (a.a.O.)</bibl> sagte <persName ref="kbga-actors-737">de Quervain</persName>: «Philosophie und Theologie müssen zusammenarbeiten und von einander lernen, der Basler Philosoph <persName ref="kbga-actors-23">Heinr. Barth</persName> hat hier wesentliche Beiträge zum Verständnis der vorliegenden Probleme geleistet.»</note>, alles mit Lautsprecherstimme vor einem fast leeren Saal und in tadellosem Deutsch mit Berlineraussprache vorgebracht. Ich sagte nachher ganz vorsichtig zu ihm, daß ich beim Anhören den Eindruck gehabt hätte, den ich auch von seinem Buche<note xml:id="n26">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-6190"><persName ref="kbga-actors-737">A. de Quervain</persName>, <hi rend="italic">Gesetz und Freiheit</hi>, Stuttgart
                            1930.</bibl>
                    </note> habe, daß seine wirkliche Gabe auf dem Grenzgebiet zwischen Historie und Systematik liege. Denn wirklich, auch bei ihm habe ich das Gefühl, es fehle die eigentlich systematische Kraft. Es wirkt alles so <pb xml:id="p071" ed="pga"/> merkwürdig wenig original und interessant, was er auf systematischem Wege vorbringt, während er historisch, geistesgeschichtlich enorm viel weiß. Er selber meint zwar — wie mir scheint — durchaus, seine Aufgabe sei auf dem Gebiete des eigentlichen systematischen Gespräches mit den Zeitgenossen. Er rühmte sich mir gegenüber schon, daß er z. B. in seinem Buche über die Prädestination wirklich Erschöpfenderes gesagt habe<note xml:id="n27">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-6190">A.a.O., S. 72–89.</bibl>
                    </note>, als es bei dir zu lesen sei. Aber ich kann mir nicht helfen, wenn ich etwas von ihm studiert habe, weiß ich nachher bald nicht mehr viel davon. Er hat einfach kein rechtes Profil. Oder siehst du es anders? Dabei rühmt er sich fortwährend des tiefen Verständnisses von <persName ref="kbga-actors-23">Heiners</persName> Arbeit, die er bei unsereinem irgendwie zu wenig berücksichtigt findet. Er ist aber, auch er, ein netter Mensch. Ich sehe ihn regelmäßig. <persName ref="kbga-actors-1285">Marguerite</persName> findet — <hi rend="italic">zu</hi> regelmäßig. Denn bei ihr steht er nicht gerade in Gnaden. Sein Calvinbärtlein gefällt ihr nicht, und es mag sein ganzes allerdings etwas komisch prätentiöses Getue nicht. Der gute <persName ref="kbga-actors-737">Querbein</persName>!</p>
        <p><persName ref="kbga-actors-23">Heiners</persName> Sache selber steht nach wie vor am alten Orte. Es ist aber nicht ganz ausgeschlossen, daß der Kieler Mann schließlich doch nicht wirklich kommen will<note xml:id="n28">Die offiziell erst nach dem 12.12. begonnenen <choice><sic ed="pga">Berurungsverhandlungen</sic><corr type="misprint" resp="sm">Berufungsverhandlungen</corr></choice> mit <persName ref="kbga-actors-7448">J. Stenzel</persName> (s. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p046#fn_n16">S. 46, Anm. 16</ref>) endeten Ende Februar 1931 tatsächlich mit Stenzels Absage, dem das — für Basler Verhältnisse überdurchschnittlich hohe — Gehalt nicht ausreichte (laut Brief von <persName ref="kbga-actors-7049">Hauser</persName> an <persName ref="kbga-actors-7448">Stenzel</persName> vom <date when="1931-03-03">3.3.1931</date>; vgl. auch die Briefe von <persName ref="kbga-actors-7532">Wenk</persName>, Sekretär des Erziehungsdepartements, an Kuratel, Rektorat, Philosophische Fakultät und Expertenkommission vom <date when="1931-01-28">28.1.1931</date> und von Hauser an Stenzel vom <date when="1931-02-12">12.2.1931</date>, alle in: <ref type="archival">Dossier Universitätsarchiv XI 3,3, Staatsarchiv Basel-Stadt</ref>).</note>. Und dann würde sich alles noch einmal aufrollen. Daher empfiehlt sich auf alle Fälle eine zurückhaltende Taktik. Dieser Tage war deine <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName> hier. Und sie machte uns einen guten, langen Besuch, der uns eine große Freude war. Auch sie leidet natürlich unter <persName ref="kbga-actors-23">Heiners</persName> Lage, aber sicher kommt er schließlich, mag es ausgehen, wie es will, darüber hinweg. Er hat kürzlich einen akademischen Vortrag gehalten über das Problem des Bösen, in dem er an mehr als einer Stelle auch zur aktuellen Lage in der Philosophie sprach.<note xml:id="n29">Am <date when="1930-11-18">18.11.1930</date>; <bibl corresp="kbga-bibls-6191"><persName ref="kbga-actors-23">H. Barth</persName>, <hi rend="italic">Das Problem des Bösen. Akademischer Vortrag</hi>, Basel
                            1931</bibl>; vgl. sk., <bibl corresp="kbga-bibls-6192"><hi rend="italic">Das Problem des Bösen</hi>, in: BN, Jg. 86 (1930), Nr. 318 vom 20.11.1930, 2. Beilage.</bibl>
               </note> Es herrschte eine Gewitterstimmung im Saale. Er hatte aber ein großes Publikum, <pb xml:id="p072" ed="pga"/> und seine Sache war so geistvoll vorgebracht, daß er auch Eindruck machte. Aber die Basler bleiben eben die Basler.</p>
        <p>Von <persName ref="kbga-actors-316">Ruedis</persName> bekam ich Einblick in einen Brief von Frl. <persName ref="kbga-actors-539">Hilde</persName><note xml:id="n30">Konnte nicht identifiziert werden.</note>, oder wie sie heißt, die einen ausgezeichneten Bericht abgab über eine Reise von euch zu Magister <persName ref="kbga-actors-1054">Horn</persName><note xml:id="n31"><persName ref="kbga-actors-1054">Fritz Horn</persName> (1875–1957), 1906–1945 Pfarrer in Duisburg-Laar, seit 1931 zugleich Superintendent, jahrzehntelang Schriftleiter der Zeitschrift «Korrespondenzblatt der Freunde des Heidelberger Katechismus» (später umbenannt in «Das Wort und die Zeit. Beiträge zur Schriftauslegung im Sinne der Reformation»), um die sich die Kohlbrüggianer sammelten; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II</bibl> (Namenregister).</note>. Ich habe das natürlich gern gelesen. Dieser <persName ref="kbga-actors-1054">Horn</persName> sollte mir doch auch noch einmal begegnen. Übrigens soll er ein großer Freund von <persName ref="kbga-actors-737">De Quervain</persName> sein. Wie beurteilt er ihn wohl? <persName ref="kbga-actors-737">Querbein</persName> sagte mir letzthin, er sei der einzige, der in Horns Blättlein gelegentlich eine Predigt veröffentlichen dürfe<note xml:id="n32">Von <persName ref="kbga-actors-737">de Quervain</persName> erschienen in <bibl corresp="kbga-bibls-6193"><hi rend="italic">Das Wort und die Zeit …</hi>, Jg. 28 (1930): <hi rend="italic">Konfirmations-Predigt am 13.4.1930 über Luc. 14,15–24</hi> (S. 67–69)</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-6194"><hi rend="italic">Predigt über 11. Mose 20</hi> (S. 69–71).</bibl> — Im Vorwort seines Buches <bibl corresp="kbga-bibls-6146"><hi rend="italic">Die theologischen Voraussetzungen der Politik. Grundlinien einer politischen Theologie</hi>, Berlin
                            1931</bibl>, verweist A. de Quervain auf seine Beziehung zu <persName ref="kbga-actors-1054">Fr. Horn</persName>.</note>.</p>
        <p>Was macht deine Arbeit über <persName ref="kbga-actors-9">Anselm</persName>? Sie wird wohl bald vorliegen. Gib sie doch ja ohne <persName ref="kbga-actors-374">Scholzens</persName> Mitschrift heraus. Sie ist doch einfach an sich ein entscheidender theologiegeschichtlicher Beitrag zum Methodenproblem der Dogmatik, wie es in dieser Stunde nicht erwünschter sein kann, wo es doch irgendwie darum geht. Überhaupt, es liegt viel daran, alles daran, daß deine Arbeit weitergeht, vor allem auch die an der Dogmatik selbst<note xml:id="n33"><persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> denkt wohl an den (nicht ausgeführten) Plan <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>, die Veröffentlichung seiner dreisemestrigen Münsteraner Dogmatik-Vorlesung mit dem Titel <bibl corresp="kbga-bibls-1050">«<ref type="pub-" target="../texts?facet-volume=14">Die christliche Dogmatik im Entwurf</ref>»</bibl>, die 1927 mit dem Prolegomena-Band begonnen wurde (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p010#fn_n07">S. 10, Anm. 7</ref>), mit den Vorlesungstexten aus dem SS 1927 (Dogmatik I) und dem WS 1927/28 (Dogmatik II) zu Ende zu führen.</note>. Ich lese eben dieser Tage wieder in der Vorbereitung auf den Konfirmandenunterricht in deiner Dogmatik 1, ich besitze sie aber nur in einer sicher vielfach überholten Kollegnachschrift von <persName ref="kbga-actors-1134">Mettler</persName>.<note xml:id="n34">Nachschrift von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Göttinger Vorlesung aus dem WS 1924/25, posthum veröffentlicht: <bibl corresp="kbga-bibls-115">«<hi rend="italic">Unterricht in der christlichen Religion</hi>», Bd. II: <hi rend="italic"><ref type="pub-" target="../texts?facet-volume=20">Die Lehre von Gott / Die Lehre vom Menschen</ref></hi> (1924/25), hrsg. von H. Stoevesandt (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 
                        1990.</bibl>
               </note> Aber gerade diese Dogmatik 1 wird ein sehr wichtiges Buch <pb xml:id="p073" ed="pga"/> werden mit ihrer Gotteslehre und Anthropologie, vielleicht für die Lage wichtiger als die Rechtfertigungslehre in Dogmatik 2. Wenn dich deine 300 Studenten nur nicht zu viel aufbrauchen.</p>
        <p>Ich lege dir noch einiges bei, aus dem du ersehen kannst, daß ich mich da und dort herumschlagen muß. Grüße <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> und die Kinder, grüße <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName> von uns. Und sei selber herzlich gegrüßt. Bald kommen die Weihnachtsferien, wo du Ruhe hast, während unsereiner seine allerhand Anreden an das Volk zu verrichten haben wird, Weihnacht, Silvester, Neujahr — eine gefährliche Zeit!</p>
        <closer>
          <salute>Dein</salute>
          <signed><persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName></signed>
        </closer>
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