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        <title type="volume" n="vol-34">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
        <title type="content">Karl Barth an Eduard Thurneysen</title>
        <title type="citation_line_1">Karl Barth an Eduard Thurneysen, 10. Dezember 1930</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/34031 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935, hrsg. v. Algner, Caren (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2000, S. 74–81.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
          <title type="text">Karl Barth an Eduard Thurneysen</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Algner, Caren</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2000</date>
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe V.34, Karl Barth - Eduard Thurneysen Briefwechsel Band III 1930-1935, letter 23</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Karl Barth an Eduard Thurneysen, 10. Dezember 1930. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/18362">KBA 9230.304</ref>. </bibl>
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          <salute>Lieber <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>!</salute>
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        <p>Es ist so lange her, seit ich dir das letzte Mal gründlich geschrieben habe, und nun soll es einmal, obwohl auch viel anderes auf mich wartet, nicht länger aufgeschoben sein. Dein großer Brief vom <date when="1930-11-28">28. November</date> gab uns ein so bewegtes Bild von den Basler Ereignissen und Gestalten und von dir mitten drin, daß man schon meinte, Alles zum Greifen nahe vor sich zu sehen und kopfschüttelnd mitzuerleben. Ich wollte, ich könnte dich auch so hineinsehen lassen in unser Leben, das sich ja auch in einer seltsam genug und immer wieder neu beleuchteten Landschaft abspielt. Aber du hast in Bezug auf solche Darstellungen eine Gnade, an die die meinige nicht heranreicht.</p>
        <p>Laß mich zuerst auf deinen Brief antworten. Ich war sehr beruhigt durch deine Worte über meinen Brief an <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName>. Denn nachdem dieser ab war, habe ich ihn und hat ihn auch <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName> mit etwas besorgten Gedanken begleitet, ob ich dem Guten nicht doch zu nahe getreten sein möchte. Der Beifall, den mein Brief bei <persName ref="kbga-actors-316">Ruedi</persName> fand, der ja unseren <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> bekanntlich einfach nicht schmecken mag, war auch eher ein Warnungszeichen. Nun ist es mir tröstlich, daß du mir jedenfalls nicht geradezu ein Vergehen gegen die von mir selbst so geschätzte und oft angepriesene «Lindigkeit» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.5">Phil. 4,5</ref>] zum Vorwurf machen mußt. <pb xml:id="p075" ed="pga"/> Ich bin ja in einer schwierigen Lage mit <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName>. Denn ich kann nicht leugnen, daß mich solche Briefe wie sein letzter oder solche gedruckte Äußerungen, wie er sie mir gegenüber in der letzten Zeit immer wieder für nötig hält<note xml:id="n01">Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-1099"><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, <hi rend="italic">Die andere Aufgabe der Theologie</hi>, in: ZZ, Jg. 7 (1929), S. 255–276</bibl>; direkter Bezug auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dort S. 274f. (<bibl corresp="kbga-bibls-6135">O.W. I, S. 171–193; dort S. 191f.</bibl>); <bibl corresp="kbga-bibls-6141"><hi rend="italic">Theologie und Kirche</hi>, in: ZZ, Jg. 8 (1930), S. 397–420</bibl>; dort S. 398 und 414 (Anmerkungen); <bibl corresp="kbga-bibls-5341"><hi rend="italic">Kirche und Offenbarung</hi>, in: E. Brunner, <hi rend="italic">Gott und Mensch. Vier Untersuchungen über das personhafte Sein</hi>, Tübingen
                            1930, S. 47–69</bibl>; dort S. 56f. (Anm. 1). Siehe auch oben <ref type="pub" target="../volume/34/p055#fn_n03">S. 55, Anm. 3</ref>.</note> — weniger wegen ihres Inhalts als wegen des siegesgewiß schulmeisternden Tones —, gelegentlich nervös machen können, und in dieser Stimmung bin ich dann natürlich nicht in der Lage, ihm ganz gerecht zu werden. Alles, was du über seine Spezialgnade usw. schreibst, lasse ich mir gerne gesagt sein. Er soll diesen seinen Auftrag nur immer ausführen. Ich bin ihm ja auch nie öffentlich in die Klinge gefahren, sondern er mir, und da meine ich eben, das sollte nun er seinerseits, wenn es sich nicht um etwas ganz Dringendes handelt, lieber bleiben lassen und mich sozusagen im Departement des Innern nicht in dieser Weise stören, wie es jetzt ein paar Mal geschehen ist. Vielleicht kannst du ihm das einmal klar machen und damit weiterhin dem Frieden dienen.</p>
        <p>Hast du wohl von <persName ref="kbga-actors-7268">Nigg</persName> eine Antwort bekommen? Ich nicht. Er ist doch ein recht kurioser Kauz geworden — eben sehe ich, daß du selber ihn mit denselben Worten bezeichnest! Aber seine Pathologie und die des armen Knaben <persName ref="kbga-actors-1134">Mettler</persName> geben mir doch recht zu denken. Die Beiden waren doch — weißt du noch? — so um 1920 herum<note xml:id="n02">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p027#fn_n38">S. 27, Anm. 38</ref>; <ref type="pub" target="34028#fn_n02">S. 63, Anm. 2</ref>.</note> ein wenig unsere Hoffnung auf kommende bessere Zeiten. Wir freuten uns ihres jugendlichen Eifers und freuten uns, daß da Leute kämen, die die Fahne jedenfalls weiter tragen würden. Es gehört wohl auch zu der uns ja überhaupt viel stärker als damals bewußt gewordenen Verflechtung unseres Unternehmens in den Lauf dieses Äons, daß wir nun gerade auf diese Gestalten nur mit so bedauernden Gedanken blicken dürfen.</p>
        <p>Die Basler Dinge haben uns natürlich auch mit bewegt. Jenen Dr. <persName ref="kbga-actors-6802">Berg</persName> kenne ich sehr wohl. Er hat während eines Semesters in meinem offenen Abend in <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName> die pietistische Opposition geführt. Ich erinnere mich nicht mehr an Einzelheiten, sondern kann nur bemerken, daß sich für mich eher unangenehme Assoziationen — Erinnerungen an <pb xml:id="p076" ed="pga"/> allerhand Fanatismen und Steckköpfigkeiten<note xml:id="n03">= Dickköpfigkeiten.</note> — mit diesem Namen verbinden. Was du von <persName ref="kbga-actors-1092">Köberle</persName> schreibst, wundert mich nicht. Ich habe ihn mehrfach persönlich getroffen und hatte immer den Eindruck, daß die Substanz, von der er lebt, eine ziemlich dünne Schicht von württembergischer Väterfrömmigkeit<note xml:id="n04">Als württembergische Väter oder Schwabenväter wurde eine Gruppe pietistischer Theologen des 19. Jahrhunderts bezeichnet; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6196"><persName ref="kbga-actors-1092">A. Köberle</persName>, <hi rend="italic">Das Vermächtnis der Schwabenväter</hi> (Vorlesung, gehalten anläßlich einer Gedenkfeier in der Evang.-Theol. Fakultät Tübingen am 16. Dezember 1952), in: Für Arbeit und Besinnung. Kirchlich-theologische Halbmonatsschrift, Jg. 7 (1953), Nr. 2 vom 15.1.1953, S. 18–29.</bibl> Dort werden besonders <persName ref="kbga-actors-38">Johann Albrecht Bengel</persName> und <persName ref="kbga-actors-306">Christoph Friedrich Oetinger</persName> behandelt (a.a.O., S. 28).</note> ist, für die er sich mit einer in ihrer Lauterkeit natürlich nicht anzuzweifelnden Wärme irgend einmal entschieden hat, vielleicht in einem ähnlichen Augenblick, wie er uns als Station aus den Jahren vor und nach 1916 ja auch nicht unbekannt ist.<note xml:id="n05">In jenen Jahren, als bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> die theologische Neuorientierung einsetzte — im Sommer 1916 begann <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mit der Niederschrift seiner ersten Auslegung des <bibl corresp="kbga-bibls-119"><ref type="pub-" target="../texts?facet-volume=16">Römerbriefes</ref></bibl> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p146#p146">S. 146</ref></bibl>, und oben <ref type="pub" target="../volume/34/p027#fn_n38">S. 27, Anm. 38</ref>) — lasen beide zahlreiche Biographien älterer Pietisten und weitere pietistische Literatur (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p122#fn_n01">S. 122, Anm. 1</ref> und <ref type="pub" target="../volume/03/p122#fn_n02">2</ref>; <ref type="pub" target="3110#fn_n01">S. 139, Anm. 1</ref>; <ref type="pub" target="../volume/03/p144#fn_n01">S. 144 mit Anm. 1</ref>; <ref type="pub" target="../volume/03/p161#fn_n05">S. 161, Anm. 5</ref>; <ref type="pub" target="3161#fn_n01">S. 200, Anm. 1</ref> und <ref type="pub" target="3161#fn_n02">2</ref>; <ref type="pub" target="3162#fn_n03">S. 201, Anm. 3</ref>; <ref type="pub" target="../volume/03/p214#fn_n01">S. 214 mit Anm. 1</ref>; <ref type="pub" target="../volume/03/p216#fn_n01">S. 216, Anm. 1</ref>, <ref type="pub" target="../volume/03/p216#fn_n02">2 </ref>und <ref type="pub" target="../volume/03/p216#fn_n08">8 bis 11</ref>; <ref type="pub" target="../volume/03/p219#fn_n01">S. 219, Anm. 1 bis 3</ref>; <ref type="pub" target="../volume/03/p221#fn_n02">S. 221 mit Anm. 2</ref></bibl>).</note> Sollte es dir nicht gelingen, ihn nachträglich noch ein wenig in die von ihm zu früh verlassene Schule zu nehmen und ihn, vielleicht auch noch, wenigstens ein paar Stationen weiterzubringen?</p>
        <p>Auch deine Eindrücke von <persName ref="kbga-actors-737">Querbein</persName> treffen merkwürdig mit den meinigen zusammen. Er hat sich zu den übrigen Eigenschaften, die ihn von jeher zierten, hinzu in den letzten Jahren noch die eines merkwürdig hohen Tones eines gewissen französisch-aristokratischen Selbstbewußtseins angeeignet. Vielleicht war das schon früher da und ich merkte es nur nicht. Jedenfalls ist — im Zusammenhang mit seiner Rechtsschwenkung in der Richtung zu den Schöpfungsordnungen und zum preußischen Konservatismus — irgend ein neuer Rappel in ihn gefahren, der ihn auch für mich — ich sah ihn im Herbst in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> mehrere Stunden — auch nicht leichter genießbar macht. Auch ich denke, daß seine eigentliche Gabe, wie er sie in seinem Buch bewiesen hat, mehr auf historischem als auf systematischem Gebiet liegt. Aber davon will er nichts wissen, sondern war eher gekränkt, als ich ihn in jener und nun eben <pb xml:id="p077" ed="pga"/> nicht in dieser Hinsicht lobte. Seinem beabsichtigten neuen Buch<note xml:id="n06">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-6146"><persName ref="kbga-actors-737">A. de Quervain</persName>, <hi rend="italic">Die theologischen Voraussetzungen der Politik. Grundlinien einer politischen Theologie</hi>, Berlin
                            1931.</bibl>
                    </note> sehe ich nach den Mitteilungen, die er mir in Bern darüber gemacht hat, nun wirklich etwas mißtrauisch entgegen, und auch der Besuch seines Berliner Freundes <persName ref="kbga-actors-7511">Vorwerk</persName>, des Redaktors des «<orgName ref="kbga-actors-10814">Ring</orgName>», hat mich nicht gerade davon überzeugt, daß <persName ref="kbga-actors-737">Querbein</persName> sich auf sehr hoffnungsvollen Wegen befindet. Aber das muß nun offenbar so sein, daß wir alle wie Maulwürfe in den verschiedensten Richtungen unsere Gänge graben und daß dann an den unerwartetsten Orten eines jener Häuflein auf dem Rasen sichtbar wird, ankündigend, daß da wiederum einer letzte Worte gesprochen zu haben meint!</p>
        <p>Wie wird’s mit <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> werden? Weder deine Nachrichten noch die in der letzten Zeit auf anderen Wegen eingelaufenen lauten sehr tröstlich. Einem Briefe meiner Schwägerin <persName ref="kbga-actors-1037">Gertrud</persName> an <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> entnehme ich, daß Regierungsrat <persName ref="kbga-actors-7049">Hauser</persName><note xml:id="n07">Der ehemalige Lehrer Dr. phil. <persName ref="kbga-actors-7049">Fritz Hauser</persName> (1884–1941), seit 1918 sozialdemokratisches Mitglied der Basler Kantonsregierung (Regierungsrat), stand seit 1919 dem Erziehungsdepartement vor. Auch von seinen politischen Gegnern wurde er als überragender Verwaltungsfachmann geschätzt. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6197"><persName ref="kbga-actors-712">A. Oeri</persName>, <hi rend="italic">Zwei Basler Politiker</hi> [über V. E. Scherer und Fr. Hauser], in: <hi rend="italic">Basler Jahrbuch 1042</hi>, hrsg. von E. Jenny und G. Steiger, Basel [1942], S. 107–109</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6198">A. Rüegg, <hi rend="italic">Aus dem Volk und für das Volk. Regierungsrat Dr. Fritz Hauser 1884-1941</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Vom Geist der Polis. Basler Lebensbilder</hi> (Basler Schriften 11), Basel 
                        1964, S. 71–81.</bibl> — Brief nicht erhalten.</note> sich über von <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> gesponnene Intriguen beklage und daß sich dies nur auf meine Korrespondenz mit <persName ref="kbga-actors-7448">Stenzel</persName><note xml:id="n08">Nicht erhalten.</note> beziehen könne. Von <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> selbst lag ein Brief vor, in welchem er sich über meinen Brief an <persName ref="kbga-actors-7448">Stenzel</persName> ebenfalls eher mißzufrieden ausließ. Mein lieber Bruder <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> ist wirklich ein schwer zu behandelnder Fall. Wenn er die Leute in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> so behandelt hat wie jetzt z. B. mich, so kann ich mich über allerhand nicht wundern. Unwillkürlich bekommt man da Neigung, sich zurückzuhalten, weil man offenbar jeden Augenblick in Gefahr steht, eins auf die Finger zu bekommen, was schließlich bei erreichtem höheren Alter nicht jedermann Vergnügen macht. —</p>
        <p>Du wirst in diesen Tagen <persName ref="kbga-actors-246">Fritz Lieb</persName>, den neuen Doktor der heiligen Schrift<note xml:id="n09"><persName ref="kbga-actors-246">Lieb</persName> war 1930 in Basel der Dr. theol. h. c. verliehen worden.</note>, gesehen haben, und ich denke, daß du bereits durch ihn allerhand weißt über die Dinge, die uns hier bewegt haben und bewegen. <pb xml:id="p078" ed="pga"/> Wir haben, man kann wohl sagen, Hochbetrieb. Die liebe lange Woche läuft es fast ununterbrochen auch an den Abenden, und es kommt mir manchmal vor, ich rede ununterbrochen, bald vom Katheder, bald im Kreise meines Seminars, bald mit den Auserwählten der neu eröffneten «<hi rend="italic">Dogmatischen <orgName ref="kbga-actors-10823">Societät</orgName></hi>»<note xml:id="n10">Die <orgName ref="kbga-actors-10823">Sozietät</orgName> war eine seminarähnliche, wöchentlich einmal an einem Abend stattfindende Lehrveranstaltung für einen eng begrenzten Teilnehmerkreis (in einem Bericht an die evangelisch-theologische Fakultät Bonn für das Jahr 1931/32 vom <date when="1932-11-18">18.11.1932</date> nannte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> für die Sozietät die Teilnehmerzahl von 12 Mitgliedern). <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> führte die Einrichtung der Sozietät in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> (seit WS 1935/36) über seine Emeritierung (<date when="1962">1962</date>) hinaus weiter.</note>, bald mit Leuten, die mir noch daneben mit allerhand Anliegen auf die Bude rücken und Gehör und Zuspruch begehren. Am Sonntag habe ich gepredigt<note xml:id="n11"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> am <date when="1930-12-07">7.12.1930</date> im Universitätsgottesdienst in der Bonner Schloßkirche gehaltene Predigt über <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.21.25 Lk.21.36">Lk. 21,25–36</ref> ist unter dem Titel <bibl corresp="kbga-bibls-245"><hi rend="italic">Es werden Zeichen geschehen</hi> wieder abgedruckt in: Pr. 1921-1935, <ref type="pub-" target="../volume/31/p230#p231">S. 230–241</ref>.</bibl>
               </note> und gestern Abend bei den «studierenden Frauen» — lieber <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>, eine schreckliche Situation: ich ganz allein als Mann in einem Raum gestoßen voll von Frauen, Witwen, alten und jungen Jungfrauen aller Art — Bibelstunde gehalten.<note xml:id="n12">Näheres ließ sich nicht nachweisen. Die Bibelstunde wurde vermutlich vor der «Deutschen Christlichen Vereinigung studierender Frauen», des organisatorisch selbständigen weiblichen Zweiges der <orgName ref="kbga-actors-5247">Deutschen Christlichen Studenten Vereinigung</orgName>, gehalten. Die seit <date when="1908">1908</date> bestehende Bonner Gruppe, zu der neben den Studentinnen auch ältere Gönnerinnen gehörten, befand sich <date when="1930">1930</date> in einem Aufschwung (briefliche Auskünfte von Professor J. Fr. G. Goeters vom <date>23.2. 1994</date>).</note> — Letzte Woche hatten wir einen großen Tag mit <persName ref="kbga-actors-374">Heinrich Scholz</persName>, den ich in mein Seminar geladen hatte, um uns seine vorläufig sehr problematischen Ansichten über die Möglichkeit einer evangelischen Theologie als Wissenschaft vorzutragen. Er tat dies mit großer Kraft und viel Geist — du wirst die Sache in <orgName ref="kbga-actors-6169">Z.d.Z.</orgName> wiederfinden<note xml:id="n13">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-464"><persName ref="kbga-actors-374">H. Scholz</persName>, <hi rend="italic">Wie ist eine evangelische Theologie als Wissenschaft möglich?</hi>, in: ZZ, Jg. 9 (1931), S. 8–53</bibl>; wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-4717"><hi rend="italic">Theologie als Wissenschaft. Aufsätze und Thesen</hi>, hrsg. und eingeleitet von G. Sauter (ThB 43), München 
                        1971, S. 221–264.</bibl> Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/1, S. 7.17.</bibl> — Die außerordendiche Seminarsitzung fand am <date when="1930-12-02">2.12.1930</date> statt (ausführliches Protokoll im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName>); vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 220</bibl>.</note> und die notwendigen Fragezeichen selber zu setzen wissen —, erfuhr aber auch energischen Widerspruch seitens einer aufs genaueste auf ihn vorbereiteten studentischen Kampfgruppe, deren Mitglieder eines nach dem anderen wie <persName ref="kbga-actors-1317">Weine</persName> Torpedoboote ihren Schuß auf den großen Panzerkreuzer ab<pb xml:id="p079" ed="pga" break="no"/>gaben, so daß dieser tatsächlich seinerseits nicht ohne einige Eindrücke von dem Kampfplatz schied. Es hat sich mir aufs neue gezeigt, daß ich wohl getan habe, mich mit diesem Mann einzulassen, möge daraus werden, was da will. Du wirst aus seinem Referat sehen, daß er jedenfalls hinhört auf das, was bei uns geht; und daß er sich nun in dieser Weise stellt und das theologische Thema nach zehnjähriger Gleichgültigkeit dagegen überhaupt wieder in Angriff nimmt, das ist sicher schon allerhand.<note xml:id="n14">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-464">Scholz, a.a.O., S. 8 (bzw. S. 221)</bibl>, Anm.: «Eine Durcharbeitung der Frage, wie eine evangelische Theologie als Wissenschaft möglich ist, würde nach meinem Urteil ein Buch erfordern. Dazu fehlt mir die Zeit und vor allem die Kompetenz, da ich seit einer Reihe von Jahren mit ganz anderen Dingen beschäftigt und erst durch das unerwartete schöne Vertrauen von<persName ref="kbga-actors-2151"> Karl <hi rend="italic">Barth</hi></persName> ermutigt worden bin, nach einem fast zehnjährigen Schweigen überhaupt einmal wieder zu einer Frage, welche die Theologie betrifft, etwas zu sagen.» Bis 1920 hatte <persName ref="kbga-actors-374">Scholz</persName> verschiedene Aufsätze zu systematisch-theologischen Themen veröffentlicht; 1921 erschien seine <bibl corresp="kbga-bibls-4721"><hi rend="italic">Religionsphilosophie</hi> (Neufassung: Berlin 
                        1922<hi rend="sup">2</hi>)</bibl>, die ihn als Wissenschaftler bekannt machte. Bis 1930 erschienen nur wenige Aufsätze — sämtlich zu außertheologischen Themen —, zunächst weil Scholz ein Studium der Mathematik und theoretischen Physik absolvierte, später wegen einer persönlichen Krise nach dem Tod seiner ersten Frau <persName ref="kbga-actors-6475">Elisabeth</persName>. Als «einen ersten Schritt zurück in die Theologie» bezeichnet Molendijk Scholz’ Schrift <bibl corresp="kbga-bibls-6199"><hi rend="italic">Eros und Caritas. Die platonische Liebe und die Liebe im Sinne des Christentums</hi>, Halle
                            1929</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6095">A. L. Molendijk, a.a.O. (<ref type="pub" target="../volume/34/p014#fn_n23">S. 14, Anm. 23</ref>), S. 43–46 (Zitat dort S. 46), und S. 355f</bibl>. (bibliographische Angaben).</note> Es kommt dazu, daß wir auch diesmal menschlich wieder sehr gut mit ihm übereinkamen. Ich verstehe gut, wenn der ganze Vorgang für dich von weitem etwas Kurioses hat. Der ganze Mann ist auch tatsächlich immer noch ein bißchen kurioser, als man vorher zu wissen gemeint hatte. Aber man kann ihn unmöglich näher kennen, ohne ihn gern zu haben und auch sachlich ernst zu nehmen.</p>
        <p>Und nun ist also, wie du wissen wirst, in ganzer Pracht und Majestät auch unsere Freundin <persName ref="kbga-actors-315">Gerty</persName> hier über die Szene gegangen. Wo immer etwas los war, saß sie mit klugem Auge auch dabei, und ihre mächtige Gestalt in dem dicken Wintermantel, eine wandelnde Glocke, begann bereits zu den gewohnten Erscheinungen des Bonner Straßenbildes zu gehören. Es ist klar, daß sie nirgends eintreten und verweilen konnte, ohne zugleich Güte und Weisheit (letztere mit einem ganz leisen Stich in eine sagen wir einmal erdhafte Theosophie) um sich zu verbreiten. <persName ref="kbga-actors-1261">Gertrud Staewen</persName><note xml:id="n15"><persName ref="kbga-actors-1261">Gertrud Staewen</persName>, geb. Ordemann (1894–1987), Sozialpädagogin, seit ihrer Hochzeit 1923 bis 1943 und ab 1946 in Berlin, 1927 geschieden, 1928/29 Weiterbildung an der Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit bei <persName ref="kbga-actors-7360">Alice Salomon</persName>, Mitglied der Bekennenden Kirche Dahlem und aktiv im Widerstand gegen den NS-Staat, 1948–1961 Gefängnisfürsorgerin in Berlin-Tegel. G. Staewen gehörte zu den häufigen Bergli-Gästen. Die Szene, wie sie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> 1921 bei einem Treffen der Sannerz- und Habertshofbewegung (s. unten <ref type="pub" target="../volume/34/p095#fn_n18">S. 95f., Anm. 18</ref> und <ref type="pub" target="../volume/34/p095#fn_n21">21</ref>) kennenlernte, beschrieb sie 1971 (Typoskript im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName>); vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p680#fn_n03">S. 680, Anm. 3</ref></bibl> (hier Geburtsjahr irrtümlich 1893).</note> war aus <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> auch eingetroffen für diese Tage, <persName ref="kbga-actors-1716">Eri<pb xml:id="p080" ed="pga" break="no"/>ca Küppers</persName> hatte sie auch sehnlichst erwartet, und du kannst dir denken, daß viele Gespräche nach allen Seiten geführt worden sind. Na ja, du weißt, daß ich dafür nicht gerade viel übrig habe, und es ist mir tröstlich zu wissen, daß wir darin einig sind, daß es ebensogut wäre, Alles ein bißchen weniger zu besprechen. Aber es ist trotzdem sehr nett gewesen mit <persName ref="kbga-actors-315">Gerty</persName>, und wenn man ihr immer nachblickt in der gewissen Zwiespältigkeit: hat man nun einen ganz lieben Menschen gesehen und gehört, oder war es ein gewaltiges Naturphänomen, an das man auch ein wenig erschreckt zurückdenkt, so überwog doch auch diesmal fraglos das erste. Nun ist sie weitergezogen nach <placeName ref="kbga-places-174">Bethel</placeName>, <placeName ref="kbga-places-51">Osnabrück</placeName>, <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>, <placeName ref="kbga-places-609">Würzburg</placeName><note xml:id="n16">Möglicherweise ist es die von <persName ref="kbga-actors-315">G. Pestalozzi</persName> in ihrem Lebenslauf erwähnte Reise: «1930 fuhr ich zu einer denkwürdigen Theologischen Tagung in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>, wo ich mit mehreren Freunden zusammentraf» (<bibl corresp="kbga-bibls-6123"><hi rend="italic">Lehenslauf Gerty Pestalozzi-Eidenbenz</hi>, a.a.O. [<ref type="pub" target="../volume/34/p032#fn_n01">S. 32, Anm. 1</ref>], S. 421</bibl>). In <placeName ref="kbga-places-174">Bethel</placeName> wohnte Familie <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName>, in <placeName ref="kbga-places-51">Osnabrück</placeName> <persName ref="kbga-actors-1082">Karwehls</persName>, in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> <persName ref="kbga-actors-1261">G. Staewen</persName> und <persName ref="kbga-actors-87">G. Dehn</persName>.</note>, sicher überall in ihrer Weise «lichte Spuren» hinterlassend, wie <persName ref="kbga-actors-7382">Dora Schlatter</persName> sagen würde<note xml:id="n17"><persName ref="kbga-actors-7382">Dora Schlatter </persName>(1855–1915), jüngste Schwester von <persName ref="kbga-actors-359">Adolf Schlatter</persName>, bis zu ihrer Heirat mit ihrem Vetter <persName ref="kbga-actors-7383">Salomon Schlatter</persName> 1883 Lehrerin, seit 1884 durch ständige gesundheitliche Beschwerden an ihr Haus gefesselt, veröffentlichte seit 1890 kleine, meist christlich-erbauliche Schriften. Die Metapher des Lichtes wurde von ihr häufig verwendet; vgl. etwa: «Ueberall kommt die Aufgabe an uns: Sei Du ideal gesinnt. Trag Du Dein Licht unter die Andern» (aus einem Brief «An eine jüngere Freundin» vom 31.12.1913, zitiert nach: <bibl corresp="kbga-bibls-6200"><persName ref="kbga-actors-7383">S. Schlatter</persName>, <hi rend="italic">Zum Licht empor! Eine kleine Lebensskizze Dora Schlatter’s mit Auszügen aus ihren Briefen</hi> [Treue Weggenossen. Schweizer. Evangelische Hausbücherei 1], St. Gallen 
                        1919<hi rend="sup">10</hi>, S. 76</bibl>). Vermutlich liegt aber eine Verwechslung mit <persName ref="kbga-actors-1184">Dora Rappard</persName> vor auf Grund des Titels ihrer Autobiographie: <bibl corresp="kbga-bibls-6201"><hi rend="italic">Lichte Spuren</hi>, Gießen / Basel
                            1914</bibl> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p573#fn_n04">S. 573, <choice><sic ed="pga">Anm. 5</sic><corr type="misprint" resp="sm">Anm. 4</corr></choice></ref></bibl>).</note>. Ich sehe eben, daß nun Einiges in den Brief gekommen ist, was ihn zur ungekürzten Weitergabe nach <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName><note xml:id="n18">D. h. an <persName ref="kbga-actors-316">R.</persName> und <persName ref="kbga-actors-315">G. Pestalozzi</persName>.</note> untauglich machen wird. Aber nicht wahr, dir durfte und mußte ich das doch sagen.</p>
        <p>Sehr belebt hat sich diesen Winter der offene Abend angelassen, in <pb xml:id="p081" ed="pga"/> welchem wir die Ideologie der deutschen Parteien verhandeln. Der Zustrom ist so gewaltig, daß er das Haus bald zu sprengen droht, und die Erregung der Geister ist angesichts dieses Themas auch eher zu groß als zu klein.<note xml:id="n19">Eindrücke von den Offenen Abenden des WS 1930/31 in: <bibl corresp="kbga-bibls-6202"><persName ref="kbga-actors-1716">E. Küppers</persName>, <hi rend="italic">Erinnerungen</hi>, in: SGKL, Jg. 18 [1966], Sp. 282–288, dort Sp. 285f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3097">M. Flesch-Thebesius, a.a.O. (<ref type="pub" target="../volume/34/p012#fn_n12">S. 12, Anm. 12)</ref>, S. 45.</bibl>
               </note> Alles in Allem, die Zeit geht uns sehr schnell um, und nur an einer gewissen wachsenden Müdigkeit, die einen oft mitten am Tag zum Gähnen und Träumen veranlaßt, merkt man, daß allerhand läuft und daß man dabei doch auch ganz ein bißchen abgenutzt wird. Aber das kennst du ja so gut und besser als ich. — Laß mich schließen. Einen Krankenbericht über unsere persönliche Notlage will ich jetzt nicht geben. Es würde tatsächlich noch immer und immer wieder ein Krankenbericht sein müssen. Daß Alles, was dir in dieser Hinsicht etwa durch <persName ref="kbga-actors-315">Gerty</persName> zu Ohren kommen wird, mit einiger Vorsicht zu genießen ist, angesichts der starken Subjektivität ihrer Eindrücke von Dingen und Menschen, will ich nur leise hinzusetzen. — Grüße <persName ref="kbga-actors-1285">Marguerite</persName>. Wie mag es ihr gehen? Sage ihr, daß wir ihrer ganz besonders gedenken.</p>
        <closer>
          <salute>Mit herzlichem Gruß</salute>
          <salute>dein</salute>
          <signed><persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName></signed>
        </closer>
      </div>
    </body>
  </text>
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