<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-34078">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-34">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
        <title type="content">Eduard Thurneysen an Karl Barth</title>
        <title type="citation_line_1">Eduard Thurneysen an Karl Barth, 22. Juli 1932</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/34078 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935, hrsg. v. Algner, Caren (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2000, S. 237–247.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/34078</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
          <title type="text">Eduard Thurneysen an Karl Barth</title>
          <author ref="kbga-actors-403">Thurneysen, Eduard</author>
          <editor>Algner, Caren</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2000</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 237-247</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">78</biblScope>
        </bibl>
        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
        <bibl type="asp" xml:id="asp">
          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe V.34, Karl Barth - Eduard Thurneysen Briefwechsel Band III 1930-1935, letter 70</title>
          <author ref="kbga-actors-403">Thurneysen, Eduard</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Thurneysen, Eduard, Eduard Thurneysen an Karl Barth, 22. Juli 1932. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/20488">KBA 9370.676</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1932-07-22">22. Juli 1932</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>letter</term>
        </keywords>
      </textClass>
      <correspDesc>
        <correspAction type="sent">
          <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen, Eduard</persName>
          <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>
          <date when="1932-07-22">22. Juli 1932</date>
        </correspAction>
        <correspAction type="received">
          <persName ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</persName>
          <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName>
        </correspAction>
        <correspContext>
          <ref type="previous" target="kbga-texts-34077"/>
          <ref type="next" target="kbga-texts-34079"/>
          <ref type="previous-in-corresp" target="kbga-texts-34077"/>
          <ref type="next-in-corresp" target="kbga-texts-34079"/>
        </correspContext>
      </correspDesc>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-10-02T07:56:01+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-10-02T07:56:01+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    
    <body>
      <div type="letter">
      <pb xml:id="p237" ed="pga"/>
      <opener>
        <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>
                <dateline>
                    <date when="1932-07-22">22. Juli 1932</date>
                </dateline>
                <salute>Lieber <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>,</salute></opener>
     
        <p>Das Semester soll doch nicht ganz zu Ende gehen, du und <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName> sollen doch nicht eher am badischen Bahnhof<note xml:id="n01">Deutscher Bahnhof, im Norden <placeName ref="kbga-places-5">Basels</placeName> gelegen. Dort passierten <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName> am <date when="1932-08-01">1.8.1932</date> auf der Reise in die Ferien auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> die deutsch-schweizerische Grenze. Vgl. unten <ref type="pub" target="#fn_n41">Anm. 41</ref>.</note> auftauchen, bevor nicht noch ein Auftun meines Mundes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.6.19">Eph. 6,19</ref>] erfolgt wäre. Wir haben ja beide und sicher aus gleichen Gründen das Wort sparen müssen in den letzten Monaten, ohne daß das Gedenken jemals ausgesetzt hätte. Hab vielen Dank für die immer wieder erfolgenden Kundgebungen, du kannst sicher sein, daß deren keine bei mir unter den Tisch fällt. Sie werden alle gewogen und aufgehoben und genossen. Nur die zwei letzten Dogmatiksendungen habe ich mir für die nun bald anbrechenden Ferien aufsparen müssen. Aber auch abgesehen von den aktuellen Mitteilungen aus deinen Bereichen lebe ich ja weiter und weiter mit von deiner Arbeit, sei’s daß die Ethik konsultiert wird, sei’s die neue <bibl corresp="kbga-bibls-2">Dogmatik</bibl>, sei’s der <bibl corresp="kbga-bibls-46">Anselm</bibl>. Dein Arsenal steht sozusagen täglich mit geöffneten Toren vor mir, und bald wird diese, bald jene Kanone herausgezogen und im eigenen Gefecht in Stellung und Verwendung gebracht.</p>
        <p>Im Gefecht war ich reichlich diesen Sommer. Was ist doch wieder alles auch hierseits gegangen. Da war vor allem meine Homiletikvorlesung<note xml:id="n02">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p204#fn_n31">S. 204, Anm. 31</ref>.</note>, die mich sehr in Anspruch nahm. Ich habe mir also meinen eige<pb xml:id="p238" ed="pga" break="no"/>nen und wie mir scheint einigermaßen neuen Weg zu bahnen versucht und bin schließlich auch durchgekommen. Ich werde sie dann aufs <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> mitbringen und euch ein wenig zeigen können. Dazu war das Seminar zu halten. Und ich muß sagen: wiederum dank dir war es für mich das gefreuteste<note xml:id="n03">= erfreulichste.</note> von den bisher gehaltenen Seminarien — denn es waren doch ein paar Leute da, die von dir her kamen und mit denen darum gut zu arbeiten war. Also vor allem dein dir treu ergebener Schüler <persName ref="kbga-actors-6963">Frey</persName> und <persName ref="kbga-actors-7284">Otten</persName>. Dazu zwei Leute, die von <persName ref="kbga-actors-823">Helmi</persName> her kamen und von <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName>, und endlich ein paar ernsthafte ältere Herren, zwei Elsässer, die bereits Pfarrer sind. Frey und Otten haben mir wirklich Freude gemacht. Ich habe sie auch sonst etwa<note xml:id="n04">= gelegentlich.</note> gesehen. Die werden beide ganz sicher ihren Mann stellen. Sie haben in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> freilich eher geseufzt unter den miesen theologischen Verhältnissen. <persName ref="kbga-actors-821">Eberhard Vischer</persName> las ausgerechnet <persName ref="kbga-actors-9">Anselm</persName><note xml:id="n05">«Konversation im Anschluß an die Lektüre der Schrift <bibl corresp="kbga-bibls-3591">Anselms: Cur deus homo?</bibl>»</note> und wollte sich von <persName ref="kbga-actors-6963">Frey</persName> keineswegs belehren lassen. Und <persName ref="kbga-actors-1092">Köberle</persName> las über Katholizismus<note xml:id="n06"><persName ref="kbga-actors-1092">Köberle</persName> hielt im SS 1932 ein Systematisches Seminar über das Thema «Katholizismus und Protestantismus im theologischen Austausch der Gegenwart» und las über «Die religiöse Lage der Gegenwart».</note>, und offenbar wußten die geöffneten Ohren deiner Schüler auch da manchen falschen Ton zu hören. Daneben ging also die Arbeitsgemeinschaft mit <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> weiter. Es wurde u. a.  an drei Abenden im Zusammenhang mit <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> über die künstlerischen Phänomene geredet. Auch dabei kam es zu Dissonanzen, indem <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> mir deinen schönen Begriff des Spiels und der reinen Zwecklosigkeit<note xml:id="n07">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-118">Ethik II, <ref type="pub-" target="../volume/10/p437#p437">S. 437–444</ref>.</bibl>
               </note> nicht abkaufen, sondern ihn durch den wie mir schien viel weniger umfassenden der Wirklichkeitsdeutung ersetzen wollte. Aber Krach gab es darum keinen, sondern man tanzte in aller Vorsicht ein Menuett. Gestern habe ich bei <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> zu Mittag gegessen, und dabei setzte er mir auseinander, daß auch er dir deine Anselmdeutung, die sich zu viel aufs Proslogium und zu wenig aufs Monologium stütze<note xml:id="n08">Der Hauptteil von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Buch konzentriert sich auf den Beweis der Existenz Gottes, der den ersten, kürzeren Teil von <bibl corresp="kbga-bibls-2202">Anselms Schrift «Proslogion»</bibl> bildet (Kapitel 2-4, gegenüber Kapitel 5-26 über das Wesen Gottes); zur Begründung dieser Entscheidung vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-46"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Fides quaerens intellectum …</hi>, a.a.O. (<ref type="pub" target="../volume/34/p014#fn_n23">S. 14, Anm. 23</ref>), <ref type="pub-" target="../volume/13/p001#p001">S. 1–4. 9f</ref>.</bibl> Die genannten Schriften sind abgedruckt in:<bibl corresp="kbga-bibls-6419"> <hi rend="italic">S. Anselmi Cantuariensis Archiepiscopi opera omnia</hi>, Vol.I, gesammelt von Fr. S. Schmitt, Seccovii 1937, S. 1–87 (Monologion)</bibl>
               </note>, <pb xml:id="p239" ed="pga"/> nicht recht abnehmen kann. Da ich selber die Quellen nicht näher kenne, konnte ich nicht viel darüber sagen. Und <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> hat ja wie auch von mir so von dir noch seinen eigenen brüderlichen Aspekt, den er nicht ganz ausschaltet, wenn er deine Werke liest. Und im übrigen, nun da schlage ich mich eben weiter und weiter mit der Menschheit herum, die mir ja als homo Basiliensis in einer besonders charakteristischen Vertretung gegenübersteht. Zum Beispiel kam es eben erst letzthin zu einem kleinen merkwürdigen Gefecht mit — deinem Onkel <persName ref="kbga-actors-7364">Sartorius</persName> aus <placeName ref="kbga-places-1369">Arlesheim</placeName><note xml:id="n09"><persName ref="kbga-actors-7364">Friedrich Adolf («Fritz») Sartorius</persName> (1862–1935), Bank-Kassier, Bruder von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName>, wohnhaft in Arlesheim (Kanton Basel-Landschaft).</note>. Ich hatte eine der beliebten Basler Haustrauungen, und zwar war es eine <persName ref="kbga-actors-7317">Trudi Preiswerk</persName><note xml:id="n10"><persName ref="kbga-actors-7317">Gertrud Preiswerk</persName> (1898–1992) wurde am 12.7.1932 in ihrem Elternhaus an der Missionsstraße 35 mit <persName ref="kbga-actors-6757">Carl Anton Arnold</persName> getraut. (Die Angaben zu den genannten Mitgliedern der Familie Preiswerk verdanke ich Pfr. S. Preiswerk, Brief vom 5.4.1994).</note> von der Missionsstraße, eine Nichte jener so ehrenhaften Jumpfer <persName ref="kbga-actors-7316">Preiswerk</persName><note xml:id="n11">= Jungfer. <persName ref="kbga-actors-7316">Gertrud Preiswerk</persName> (1883–1970), jüngste Schwester des Brautvaters <persName ref="kbga-actors-7314">E. Preiswerk</persName> (s. <ref type="pub" target="#fn_n16">Anm. 16</ref>), wohnte an der Augustinergasse.</note>, bei der <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName> in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> aufgehoben gewesen war. Die Trauung fand daheim statt, an der Missionsstraße, weil diese Tochter einen katholischen Innerschweizer zum Manne haben wollte, und da war es der Verwandtschaft des Mannes gegenüber eine Art Konzession der Familie, daß man wenigstens nicht noch ausdrücklich in eine evangelische Kirche ging. Ich konnte das nicht ändern. Also trat die bekannte Situation ein: ein Auto fuhr vor, man nahm den Zylinder auf den Schoß, um nicht anzurennen damit, man saß ab<note xml:id="n12">= setzte sich.</note> und begrüßte — eben deinen Onkel und die Tante<note xml:id="n13"><persName ref="kbga-actors-7363">Bertha Sartorius</persName> (1874–1952), geb. Preiswerk, Gattin von <persName ref="kbga-actors-7364">Fr. A. Sartorius</persName>.</note> und die Frl. Preiswerk aus der Augustinergasse, man fuhr los, ein Gewitter stand am Himmel und gab zu allerhand Gesprächen Anlaß. Man landete endlich, Diensten<note xml:id="n14">= Dienstboten.</note> in weißen Schürzen nahmen die fatalen Röhren<note xml:id="n15">= Zylinder.</note> zu Handen. Küsse zwischen den näheren Verwandten, Händedrücke mit dem Herrn Pfarrer wurden ausgetauscht. Ein Salon war als quasi Kapelle hergerichtet, ein Tischlein mit der Bibel, Blumen und Sträu<pb xml:id="p240" ed="pga" break="no"/>cher, wo man nicht recht wußte, sollte man davor oder dahinter stehen, ein Stühlegerutsch, Herren in Smoking, geschmückte Damen darauf, und nun also das Wort, das da mitten hinein fallen sollte. Nachher Herumstehen im Garten, der Rauch der ersten Zigaretten und die ersten Schäkereien zwischen den jüngeren Mitgliedern der Familie. Und endlich der Schmaus, dessen Hauptclou ein vom Brautvater<note xml:id="n16"><persName ref="kbga-actors-7314">Eduard Preiswerk</persName> (1871–1951) besaß im Elsaß ein Gut mit Jagdhaus.</note> im nahen <placeName ref="kbga-places-199">Elsaß</placeName> eigenhändig geschossenes Reh war, Gespräche mit der Dame rechts, solche mit der Dame links. Endlich der Bhaltis<note xml:id="n17">= Geschenk der Gastgeber, das die Gäste behalten können.</note>, und man konnte aufstehen. Aber eben da ereignete es sich nun, daß dein Onkel wohlwollenderweise mit mir ein Gespräch anknüpfte — über den Lohnabbau bei den heutigen Arbeitern<note xml:id="n18">Wegen der Wirtschaftskrise waren gegen den Widerstand der Arbeiter weitgehende Lohnreduktionen durchgeführt worden; vgl. etwa: -a-, <bibl corresp="kbga-bibls-6420"><hi rend="italic">Der Präsident der Basler Handelskammer und der Lohnabbau</hi>, in: AZ, Jg. 12 (1932), Nr. 166 vom 19.7.1932.</bibl>
               </note> und der gleiche freundliche Mann, der eben noch bei Tische eine wirklich gutgelaunte und doch auch wieder unter Hinweis auf die verstorbene Großmamme<note xml:id="n19">= Großmutter. <persName ref="kbga-actors-7315">Emma Preiswerk</persName>, geb. Schäfer (1844–1931).</note> ernstgestimmte Onkelrede gehalten hatte, richtig in Leidenschaft geriet und einigermaßen tolle Behauptungen über den Lebensstandard des Arbeiters aufstellte und mich glaubte davor warnen zu müssen, daß die Kirche sich in diese Sachen nicht einmische. Ich konnte ihm wirklich nur widersprechen. Ein weiterer Herr mit Zigarre und schwarzer Kaffeetasse trat hinzu und wollte mir helfen. Er fragte den Onkel nach den Kapitalgewinnen, die doch auch nicht zu bestreiten seien und die den Arbeiter etwa der Chemischen eben auch interessieren könnten. Worauf der lapidare Bescheid erfolgte: «das got <hi rend="italic">die</hi> gar nit aa!»<note xml:id="n20">= Das geht die gar nichts an!</note>, dies betont und auf gut baseldeutsch. Im übrigen erkundigte er sich doch auch nach dir und bedauerte nur, daß er dich nicht mehr sehe. Aber du siehst, in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> steht alles noch auf den alten Beinen.</p>
        <p>An besonderen Ereignissen ist zu verzeichnen der Besuch von <persName ref="kbga-actors-87">Günther Dehn</persName>. Er war ausgiebig bei mir, obwohl ihn als Logiergast eine frühere Konfirmandin seines Schwiegervaters<note xml:id="n21"><persName ref="kbga-actors-7153">Friedrich Lahusen</persName> (1851–1927), nach Pfarrämtern in verschiedenen Orten seit 1912 Generalsuperintendent von Berlin, seit 1918 Geistlicher Vizepräsident des Berliner Oberkirchenrates.</note> erbeten hatte und auch <pb xml:id="p241" ed="pga"/> erhielt. Sogar in Basel mußte zu diesem Anlaß polizeilicher Schutz aufgeboten werden. Warum? Weil gerade Missionsfest war<note xml:id="n22">
                        <date to="1932-07-01" from="1932-06-27">27.6.-1.7.1932</date>.</note> und dazu hundert deutsche Jünglinge erschienen waren, die am Abend vorher, als der Vortrag<note xml:id="n23">Vgl. -an., <bibl corresp="kbga-bibls-6421"><hi rend="italic">Sozialismus und religiöses Problem. Vortrag von Professor Günther Dehn (Halle) im Bernoullianum Donnerstag, den 30. Juni</hi>, in: BN, Jg. 88 (1932), Nr. 178 vom 1.7.1932, 1. Beilage.</bibl> Der Vortrag wurde veröffentlicht unter dem Titel <bibl corresp="kbga-bibls-6422"><hi rend="italic">Sozialismus und Religion (Vortrag, gehalten vor der Studentenschaft in Basel, Bern, Zürich am 29. Juni /1. Juli 1932</hi>,), in: ThBl, Jg. 11 (1932), Sp. 257–269</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6423">R. Liechtenhans Bericht
                            <hi rend="italic">Zur Frage des religiösen Sozialismus</hi>, in: KBRS, Jg. 88 (1932), S. 258–261.</bibl>
               </note> am Schluß einer studentischen Missionsversammlung angezeigt wurde, sofort elementar zu scharren begannen. Daraufhin befürchtet man Kundgebungen. Und unser alter Schulfreund <persName ref="kbga-actors-1742">Ludwig</persName> vulgo Tschämpis, der eben Polizeigewaltiger von Basel ist<note xml:id="n24">Dr. iur. <persName ref="kbga-actors-1742">Carl Ludwig</persName> (1889–1967), 1930–1946 Regierungsrat (Mitglied der Kantonsregierung) in Basel, als solcher bis 1935 Vorsteher des Polizeidepartements, seit 1931 Ehrendozent in Basel. «Tschämpis» (= Champagner) war Ludwigs Cerevis, d. h. sein Zofinger-Spitzname.</note>, ließ den Polizeiinspektor mit drei Mann in Bereitschaft vor dem <placeName ref="kbga-places-1402">Bernoullianum</placeName><note xml:id="n25">Das 1874 erbaute <placeName ref="kbga-places-1402">Bernoullianum</placeName> diente der <orgName ref="kbga-actors-5398">Universität Basel</orgName> als Anstalt für Physik, Chemie und Astronomie. Im dortigen Hörsaal fand <persName ref="kbga-actors-87">Dehns</persName> Vortrag statt.</note> Standort nehmen. Ich sah ihn tags darauf in der Badanstalt, und er sagte mir: sein Polizeiinspektor habe eben noch am Montag morgen beim Rapport gesagt: jetzt hätten sie am Sonntag eine Gottlosenkolonne<note xml:id="n26">Der kommunistische Bund der Gottlosen, 1925 im Anschluß an die Moskauer Zeitung «Der Gottlose» gegründet, eröffnete 1931 eine Vertretung in Berlin, von der aus in einem Fünfjahresplan die Mitgliederzahl von dreieinhalb auf dreizehn Millionen erhöht werden sollte. Nach einer Broschüre der Forschungsabteilung des Ökumenischen Rates für Praktisches Christentum (<bibl corresp="kbga-bibls-6424"><hi rend="italic">Die Kirchen und die Gottlosenbewegung</hi>, Genf 1934, S. 17</bibl>) fanden in Basel seit 1931 jährlich Ländertreffen der deutschen, französischen und schweizerischen Funktionäre statt, «und zwar als wuchtige Manifestationen aller proletarischer Freidenker gegen die Kulturreaktion, den imperialistischen Krieg, Faschismus, Lohnabbau, Arbeitslosigkeit und für die Sowjetunion und die ökonomische und geistige Befreiung des Proletariats.» — Wahrscheinlich handelte es sich bei den Zurückgewiesenen um Kommunisten, die an dem trotz polizeilichen Verbots durchgeführten internationalen Grenzländertreffen am Samstag, dem 25. (in Birsfelden bei Basel) und am <date when="1932-06-26">26.6.1932</date> (in Amerbach) teilnehmen wollten. Der <orgName ref="kbga-actors-4568">Basler Vorwärts</orgName> berichtete über die polizeilichen Maßnahmen zur Durchsetzung des Verbots, mit dem «die Bundesanwaltschaft im Auftrage des Bankkapitals und der Kirchen den Zweck» verfolgt habe, «die proletarische Freidenkerbewegung zu verunmöglichen». «Dies <hi rend="italic">streng durchgeführte Grenzverbot</hi> hat nicht zu verhindern vermocht, daß <hi rend="italic">Delegierte aus Deutschland und Frankreich die Grenze überschritten</hi> und zum Grenztreffen erschienen. Zur ‹Ehre› der hiesigen Polizei sei erwähnt, daß sogar ein Vertreter der Exekutive der Internationale der proletarischen Freidenker (I.P.F.) die Grenzlinie passierte und an den beiden Veranstaltungen sprach»; vgl. S., <bibl corresp="kbga-bibls-6425"><hi rend="italic">Trotz Verbot erfolgreiche Durchführung des Intern. Grenzländertreffens der proletarischen Freidenker in Basel</hi>, in: BV, Jg. 35 (1932), Nr. 148 vom 27.6.1932, 2.Blatt.</bibl>
               </note>, <pb xml:id="p242" ed="pga"/> die vom nahen <placeName ref="kbga-places-670">Lörrach</placeName> (!) her in Basel einzumarschieren versucht hatte, an der Grenze zurückgewiesen. Damit sei wieder für einmal Ruhe, denn die Missionsgäste müßte man sicher nicht hüten. Und doch gerade die mußten nun gehütet werden. Es erfolgte natürlich gar nichts, als daß der [Saal] krachvoll war. Der Vortrag selber war sehr gut, nur wirklich gar nicht originell, es waren lauter eher bekannte Dinge, die <persName ref="kbga-actors-87">Dehn</persName> über Sozialismus und Christentum vortrug. Auch die Diskussion war mäßig. Mit ihm selbst aber hatte ich gute Gespräche. Er sah für sich wenig Gutes voraus, redete von einer vielleicht notwendig werdenden Emigration. Und wer weiß, was jetzt dann wirklich geschehen wird! Gleichzeitig war <persName ref="kbga-actors-987">Frick</persName> aus <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> in Basel, weil er den akademischen Missionsvortrag zu halten hatte.<note xml:id="n27">Eine Zusammenfassung des Vortrags über «Das Evangelium und die Religionen», den <persName ref="kbga-actors-125">H. Frick</persName> am <date when="1932-06-29">29.6.1932</date> auf Einladung der Christlichen Studentenvereinigung Basel und des Basler Akademischen Missionsvereins hielt, erschien unter der Überschrift <bibl corresp="kbga-bibls-6426"><hi rend="italic">Das Evangelium und die Religionen</hi> in: BN, Jg. 88 (1932), Nr. 178 vom 1.7.1932, 1. Beilage</bibl>. Frick veröffentlichte seinen außerdem in Bonn, Gießen, Marburg und Tübingen gehaltenen Vortrag mit zwei Bildern und einem Anhang unter demselben Titel (Basel 1933).</note> Das ist ein ausgezeichneter Mann. Ich habe mich mit ihm einfach gut verstanden. Auch sein Vortrag war wirklich einsichtig und bewegt, wie man es sich nur wünschen kann. Weiter: ich war kürzlich einen guten Tag in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName>, um unseren Freund <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> wieder einmal zu begrüßen. Zuerst natürlich gab es ein selten gutes und stärkendes Zusammensein auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> mit unseren eben heimgekehrten nordlandfahrenden Freunden<note xml:id="n28">Ein vervielfältigter und gebundener Bericht <persName ref="kbga-actors-316">R.</persName> und <persName ref="kbga-actors-315">G. Pestalozzis</persName> über ihre Reise nach Dänemark, Schweden und Norwegen unter dem Titel «Fahrt nach Norwegen Mai/Juni 1932» (61 S., Format DIN A 4) befindet sich im<orgName ref="kbga-actors-8253"> Karl Barth-Archiv</orgName> (2 Exemplare).</note>. Und dann fuhr mich <persName ref="kbga-actors-316">Ruedi</persName> gegen Abend zu <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName>, mit dem ich dann noch ausgiebig zusammen war. Der Gute hat ja eine ganz böse Krankheitszeit<note xml:id="n29"><persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> litt an Nierensteinkoliken; s. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p212#p212">S. 212</ref>.</note> hinter sich, die <pb xml:id="p243" ed="pga"/> Krankheit aller Reformatoren hatte ihn heftig gezwackt. Für einmal aber sind diese Steine wieder beseitigt. Dafür plagt ihn nun die eben abgeschossene Großkanone der Ethik. Das heißt, er möchte zu gerne wissen, was man davon hält. Ja, <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>, was ist dazu zu sagen? <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName> will sie mir für <orgName ref="kbga-actors-6169">Zw.d.z.</orgName> aufgeben.<note xml:id="n30">Es erschien keine Rezension von <persName ref="kbga-actors-63">Brunners</persName> Ethik «<bibl corresp="kbga-bibls-56">Das Gebot und die Ordnungen</bibl>» (s. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p213#fn_n06">S. 213, Anm. 6</ref>.) in <orgName ref="kbga-actors-6169">ZZ</orgName>. <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName> hatte <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> brieflich gebeten, diese Besprechung zu übernehmen; <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> selbst habe ihn in erster Linie als Rezensenten gewünscht (Brief vom <date when="1932-06-13">13.6.1932</date>). Thurneysens Zusage muß vor dem <date when="1932-09-13">13.9.1932</date> erfolgt sein, an dem ihm <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName> schrieb: «Daß Du die Ethik von <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> übernehmen willst, tröstet mich. … Du kannst Dir ja ruhig Zeit lassen. Wenn er dann fertig ist, schaffe ich sofort Raum für Dich.» Als <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> die ungeliebte Aufgabe trotz zahlreicher Ermahnungen immer weiter vor sich herschob, schrieb <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName> ihm schließlich am <date when="1933-02-10">10.2.1933</date>: «Laß nun einfach die Ethik von <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> liegen bis Dich der Geist treibt. <persName ref="kbga-actors-644">Knittermeyer</persName> wird ja in der nächsten Nummer einigermaßen darauf eingehen, so daß sich <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> nicht beschweren kann, daß wir ihn ignorieren» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5069"><persName ref="kbga-actors-644">H. Knittermeyer</persName>, <hi rend="italic">Theologisch-politischer Diskurs</hi>, in: ZZ, Jg. 11 [1933], S. 125–155</bibl>; einzige Bezugnahme auf Brunners Ethik dort S. 132, Anm. 9); alle Briefe im <bibl corresp="kbga-bibls-6800">Nachlaß Thurneysen</bibl>.</note> Aber ich frage mich noch, ob ich das annehmen soll. Ich weiß nämlich nichts Besonderes darüber. Es ist eine Art Kompendium mit viel Wissenswertem namentlich im zweiten Teil, aber die Verankerung des Ganzen, das heißt also den grundlegenden Teil, habe ich noch nicht richtig studiert.<note xml:id="n31"><bibl corresp="kbga-bibls-56"><persName ref="kbga-actors-63">Brunners</persName> Ethik</bibl> besteht aus drei «Büchern»: 1. Die Frage (S. 1–94), 2. Das Gebot (S. 95–272), 3. Die Ordnungen (S. 273–551).</note> Ich muß sagen, rein als Buch hat mich <persName ref="kbga-actors-137">Gogartens</persName> politische Ethik<note xml:id="n32">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p237#fn_n07">S. 237, Anm. 7</ref>.</note> bei allem Widerspruch doch stärker interessiert und gefesselt. Nur daß auch dort eine richtige Begründung und ein Auf-den-Begriff-Bringen der ethischen Anliegen zu fehlen scheint. Stellenweise liest es sich fast wie eine Predigt. Was hältst du wohl davon? <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> mußte ich auch wieder einmal heftig widerstehen wegen seiner weiter und weiter gepflegten Lehre vom Anknüpfungspunkt. Ich habe ihm sogar deine ihm in dieser Sache gewidmete Anmerkung in der neuen <bibl corresp="kbga-bibls-2">Dogmatik</bibl><note xml:id="n33">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/1, S. 26–28.</bibl>
                    </note> in extenso vorgelesen. Worauf er mit allerdings z. T. ziemlich ungeschützten und hanebüchenen Lutherzitaten antwortete, wo <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> eben für die praktische Belehrung der Heiden sich auf das Wissen der Heiden um das Gesetz beruft.<note xml:id="n34">In seinem Aufsatz
                            <bibl corresp="kbga-bibls-4545"><hi rend="italic">Die Frage nach dem «Anknüpfungspunkt» als Problem der Theologie</hi>, in: ZZ, Jg. 10 (1932), S. 505–532</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-5148">O.W.I, S. 239–267</bibl>), nennt <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> die Stellen: <bibl corresp="kbga-bibls-561">WA 40, 607</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3663">WA 46, 667, 8ff.</bibl> und 668; <bibl corresp="kbga-bibls-6427">WA 19, 206</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3695">WA 10, I/1, 239</bibl> (vgl. a.a.O., S. 515f. bzw. 250). — Wahrscheinlich schildert <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> im folgenden Briefabschnitt dieselbe Begegnung mit <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName>: «Er hat eben wieder einen ganz großen Aufsatz für <orgName ref="kbga-actors-6169">Zw. d. Z.</orgName> geschrieben, unglücklicherweise über das fatale Problem der ‹Anknüpfung›. Er hat ihn mir zu lesen gegeben. Und ich hatte nun die Aufgabe, ihm in stundenlangem Gespräch klar zu machen, daß wir dagegen wirklich ein sehr ernstes theologisches Bedenken anzumelden hätte[n] und worin das bestehe. Ich versuchte, ihm zu zeigen, was gerade <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> ihm gegenüber verteidige, und daß diesem ganz tief sachlichen Widerspruch gegenüber die paar persönlichen Spritzer, die <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> so an ihm beklagt, nicht mehr in Betracht kämen. Ich hoffe, es sei mir gelungen, ihn ein wenig ins Bild zu setzen. Geeinigt haben wir uns durchaus nicht. Es steht wirklich etwas von Thomismus für mein Gehör in seinen Sätzen. Und ich hoffe, wenn er darauf beharrt, den Aufsatz einzuschicken, so sichert er ihn doch einigermaßen ab. Sonst gibt’s wieder ein Unglück» (Brief an <persName ref="kbga-actors-275">G. Merz</persName> vom <date when="1932-07-19">19.7.1932</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-6800">Nachlaß Thurneysen</bibl>). Daß die Frage nach dem Anknüpfungspunkt <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> mindestens schon zwei Jahre beschäftigte, zeigt sein Brief vom <date when="1930-06-16">16.6.1930</date> an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>: «Aber auch sachlich kann ich <persName ref="kbga-actors-2151">B[arth]</persName> nicht weichen, je mehr ich über das Problem des Anknüpfungspunktes, das vor allem das <hi rend="italic">homiletische</hi> Zentralproblem ist, nachdenke. Diese Frage als ‹Psychologie› beiseite zu schieben, geht nun wirklich nicht. Denn eben diese Möglichkeit psychologischer Anknüpfung will theologisch begründet sein. Ich denke, ich will deinen Rat befolgen und das Problem des Anknüpfungspunktes nächstens in <orgName ref="kbga-actors-6169">Z d Z</orgName> im Zusammenhang behandeln. Es ist wahrlich wichtig genug, denn es ist auch das Problem: wie kann man mit Vernunft (Theologie) der Sache des Gotteswortes dienen; wie kann man durch Beweisen (Dogmatik) dem Glauben dienen, wie kann die natürlich[e] menschliche Sprache Gefäß für das Gotteswort sein, wie kann der Mensch und nur er vom Gotteswort angesprochen werden? Sodann die ganze Auseinandersetzung mit dem Zeitdenken — die doch nicht ein Parergon ist, wie KB tut — mit der Religionsgeschichte (<persName ref="kbga-actors-157">Hartensteins</persName> Missionsinteresse) usw.» (<bibl corresp="kbga-bibls-6800">Nachlaß Thurneysen</bibl>). Vgl. auch unten <ref type="pub" target="../volume/34/p262#fn_n15">S. 262, Anm. 15</ref>.</note> Ich ant<pb xml:id="p244" ed="pga" break="no"/>wortete ihm darauf meinerseits mit dem Hinweis auf die trotzdem bei allen Reformatoren unerschüttert bestehende Lehre vom unfreien Willen und von der Gnadenwahl. Aber da wird es also wohl weiterhin noch zu reden geben.</p>
        <p>Mit aller Anteilnahme verfolge ich deine zahlreichen und lebhaften Fehden und Anfechtungen. Der unverschämte <persName ref="kbga-actors-429">Wobbermin</persName> hat seine Bedienung erhalten<note xml:id="n35">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p236#fn_n02">S. 236, Anm. 2</ref>.</note>, aber deine Lage wird immer isolierter diesen Kollegen gegenüber. Ganz und gar einverstanden war ich auch mit deinem offenen Brief an die Adresse der integralen Reformierten mit ihrem verrückten Biblizismus. Was für ein schwaches Gerede von <persName ref="kbga-actors-1095">Kolfhaus</persName>!<note xml:id="n36">Unter dem Titel «<ref type="pub" target="35030">Der Schrift gehorsam</ref>»: <bibl corresp="kbga-bibls-6428"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Offener Brief an den Herausgeber der Reform. Kirchenzeitung, Herrn Pastor D. Wilhelm Kolfhaus in Vlotho</hi> (25.6.1932), in: RKZ, Jg. 82 (1932), S. 220f.</bibl>, und: <bibl corresp="kbga-bibls-6429"><persName ref="kbga-actors-1095">W. Kolfhaus</persName>, <hi rend="italic">An Herrn Professor D. Karl Barth in Bonn</hi> (29.6.1932), a.a.O., S. 221f.</bibl>; unter dem Titel «<ref type="pub" target="35031">Noch einmal: Der Schrift gehorsam</ref>»: <bibl corresp="kbga-bibls-6430"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">An Herrn Pastor D. Wilhelm Kolfhaus in Vlotho</hi> (12.7.1932), a.a.O., S. 236f.</bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-6431">W. Kolfhaus, <hi rend="italic">Herrn Prof. D. Karl Barth in Bonn</hi> (15.7.1932), a.a.O., S. 237f.</bibl> In den Briefwechsel mit <persName ref="kbga-actors-1095">Kolfhaus</persName> trat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auf Drängen von <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName> ein («Denk, schon wieder ein offener Brief ist ausgelaufen! An D. <persName ref="kbga-actors-1095">Kolfhaus</persName> über — die Theologin. Ich habe K. inständig darum gebeten, weil dieser Mann wirklich zu unerhörte Dinge in seiner <orgName ref="kbga-actors-7337">Reformierten Kirchenzeitung</orgName> sagte. Und da K. selbst schwere theologische Bedenken gegen das Gesagte hatte, ließ er sich erweichen, zumal <persName ref="kbga-actors-6759">Elisabeth v. Aschoff</persName> (ein sehr feines Mädchen) meine Bitten unterstützte» [Brief von <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName> an <persName ref="kbga-actors-1716">E. Küppers</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="20417">28.6.1932</ref>]). <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> reagierte damit auf zwei Artikel <persName ref="kbga-actors-1095">Kolfhaus</persName>’: Unter dem Titel «Schweiz» hatte dieser über die wegen ihrer Arbeit von ihrem Mann getrennt lebende Pfarrerin <persName ref="kbga-actors-6405">Gr. Caprez</persName> in <placeName ref="kbga-places-762">Furna</placeName> (Kanton Graubünden; s. unten <ref type="pub" target="#fn_n39">Anm. 39</ref>) berichtet, die sich gegen die gültige Kirchenordnung und trotz einer Volksabstimmung gegen das weibliche Pfarramt weigerte, «ihre ungesetzliche Tätigkeit aufzugeben». «Welche Verwirrung tritt ein, sobald wir die deutliche Linie des Wortes Gottes verlassen! Zuerst trennt sich die ‹Pfarrerin› von ihrem Mann gegen Gottes Gebot, daß Mann und Frau zueinander gehören, bis der Tod sie scheidet. Dann werden die Ordnungen der Kirche mißachtet, unter die Gott uns gestellt hat» (in: <bibl corresp="kbga-bibls-5116">RKZ, Jg. 82 [1932], S. 183f.</bibl>). Den für Caprez eintretenden Artikel von <bibl corresp="kbga-bibls-6432"><persName ref="kbga-actors-108">G. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Ungehorsam gegen Gottes Gebot?</hi>, a.a.O., S. 197f.</bibl>, hatte <persName ref="kbga-actors-1095">Kolfhaus</persName> mit einem Nachwort versehen (<bibl corresp="kbga-bibls-6433"><hi rend="italic">Nachwort des Herausgebers</hi>, a.a.O., S. 198</bibl>; darin: «Aber der nicht theologisch verbildete Bibelleser kann aus jenen Anordnungen [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.14.34">1.Kor. 14,34</ref>; <ref target="1.Tim.2.12 1.Tim.2.15">1.Tim. 2,12ff.</ref>] nichts anderes herauslesen, als daß innerhalb der christlichen Gemeinde die predigende Frau eine verbotene Erscheinung ist.»). Vgl. <ref type="pub" target="#fn_n38">Anm. 38</ref>.</note> 
               <pb xml:id="p245" ed="pga"/> Aber das genau Gleiche hornen<note xml:id="n37">= laut, protestierend rufen.</note> die Jungreformierten eben jetzt wieder.<note xml:id="n38">In der <orgName ref="kbga-actors-10813">Schweizer Reformierten Zeitung</orgName> (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p040#fn_n08">S. 40, Anm. 8</ref>) waren zwei Artikel über die Zürcher Kirchensynode vom <date when="1932-07-06">6.7.1932</date> erschienen, die nach einer lebhaften Aussprache die Einführung des aktiven und passiven Frauenstimmrechts beschloß (mit 151 gegen 25 Stimmen bei 25 Enthaltungen). Laut Bericht über die Kirchensynode (A.I. oder <bibl corresp="kbga-bibls-6434">A.J., <hi rend="italic">Die konstituierende Versammlung der Kirchensynode des Kantons Zürich</hi>, in: Schweizer Reformierte Zeitung, Jg. 11 [1932], Nr. 28 vom 8.7.1932</bibl>) begründeten die Antragsgegner ihre Ablehnung vor allem damit, daß die «Übertragung eines Amtes an die Frau, das Leitung, Führung und Verantwortung» bedeute und «seinem Wesen nach» dem Manne zukomme, «der göttlichen Schöpfungsordnung» widerspreche (Votum von Pfr. <persName ref="kbga-actors-3152">H. von der Crone</persName>, ähnlich u. a.  auch Direktor <persName ref="kbga-actors-582">Grob</persName>). Außerdem wurden das Fehlen eines entsprechenden Wunsches seitens der meisten Frauen und «verfassungsrechtliche Bedenken» gegen den Antrag geltend gemacht. Im Anschluß an die Nennung des Abstimmungsergebnisses heißt es: «Wer als Laie und ohne vorgefaßte Ansicht der Synode beiwohnte, war überrascht von der Dürftigkeit der Argumente der Befürworter. Erst durch die Voten der Gegner wurde das Grundsätzliche in die Diskussion gebracht, sonst wäre man wohl ohne weiteres darüber hinweg gegangen.» Der Verfasser des am 22.7. (s. Datum des vorliegenden Briefes) erschienenen anonymen Artikels <bibl corresp="kbga-bibls-6435"><hi rend="italic">Nachworte zur Zürcher Kirchensynode</hi> (a.a.O., Nr. 30)</bibl> legte die Gründe für seine Ablehnung des Frauenstimmrechts ausführlich dar. Er stellte u. a.  fest, «daß die Forderung des kirchlichen Frauenstimmrechtes … einen absolut außerkirchlichen Ursprung hat. Sie ist namentlich eine Forderung derjenigen politischen Parteien, die aus der Aufklärung hervorgegangen sind. … Für den biblischen Begriff der organischen Ordnung und Gerechtigkeit, die jedem Gliede das Seine, aber nicht das Gleiche zuerkennt, waren ihre [scil, der Befürworter] Ohren sozusagen verschlossen.» Ein Blick auf andere Kirchen zeige jedoch die Tendenz, «daß die Periode der Ueberdemokratisierung, wozu auch die Stimmrechtsbewegung gehört, vorbei ist.» Der Artikel endet mit einem erneuten, betonten Verweis auf die Schöpfungsordnung: «Die Mitarbeit der Frau kann nur in dem ihr schöpfungsgemäß bestimmten organischen Rahmen fruchtbar werden. Es gibt keine Aenderung der Stellung der Frau innerhalb der Schöpfungsordnung. … Es ist nicht möglich, daß der Frau zu ihrer großen Verantwortung noch weitere Verantwortungen aufgeladen werden können. Die Frau leistet genug, wenn sie als Werkzeug Gottes in ihrem besonderen Kreise wirkt. Unser Aller Trachten muß daher sein, die Frau in die große Verantwortlichkeit ihres Berufes einzuführen und ihre schöpfungsgemäße Stellung gegen alle Angriffe der menschlichen Vernunft zu schützen.»</note> Eine verdammte Gesellschaft. Allerdings zur Sache selber muß <pb xml:id="p246" ed="pga"/> ich sagen: eine unverschämtere Art, das an sich nicht von vornherein zu bestreitende Recht, Pfarrerin zu sein, für sich in Anspruch zu nehmen, als die umstrittene <persName ref="kbga-actors-6405">Grete Roffler</persName><note xml:id="n39"><persName ref="kbga-actors-6405">Greti Caprez</persName>, geb. Roffler (1906–1994), war entgegen dem geltenden Kirchenrecht, das einer verheirateten Frau pfarramtliche Tätigkeit versagte, im September 1931 zur Pfarrerin von <placeName ref="kbga-places-762">Furna</placeName> gewählt worden, wo sie dreieinhalb Jahre wirkte. Ihr Ehemann <persName ref="kbga-actors-6860">Gian</persName> arbeitete in den ersten Monaten ihrer Amtszeit als Ingenieur in Pontresina (Kanton Graubünden), dann in Zürich, und verbrachte die Wochenenden in <placeName ref="kbga-places-762">Furna</placeName>. Gr. Caprez’ Wahl löste eine heftige Kontroverse innerhalb der Bündner Kirche und in der Öffentlichkeit über das Frauenpfarramt überhaupt und über die Vereinbarkeit der Rolle als Ehefrau und Mutter mit dem Amt aus. Im Zuge der Auseinandersetzungen, in denen keine der betroffenen Parteien zum Nachgeben bereit war, wurde unter Androhung weiterer Schritte am 17.5.1932 das Gemeindevermögen gesperrt. Nachdem auch Gian Caprez 1938 ordiniert worden war, unterstützte seine Frau ihn in seiner ersten Stelle und bekleidete später neben ihm verschiedene Pfarrämter in Graubünden. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6436"><persName ref="kbga-actors-6405">Gr. Caprez-Roffler</persName>, <hi rend="italic">Die Pfarrerin. Lebenserinnerungen der ersten Bündner Theologin</hi>, Chur
                            1981, bes. S. 21–47.</bibl>
               </note> es tut, gibt es nicht. Das ist ein hanebüchenes Frauenzimmer. Und — ich kenne diese Dinge einigermaßen aus den Akten — ein Geschrei von Martyrium der Frau und Dabei-sich-doch-einfach-Durch-setzen, daß es nicht mehr schön ist. Also für die konkrete Sache mußt du dich ja nicht von weitem einsetzen. Bereits beruft sich die im fernen <placeName ref="kbga-places-1351">Wallis</placeName> amtende <persName ref="kbga-actors-7305">Vreneli Stadler</persName> auf dich in einem <pb xml:id="p247" ed="pga"/> Privatbrief, den ich von ihr gelesen habe. Du gebest ihnen ganz recht.<note xml:id="n40"><persName ref="kbga-actors-7305">Verena Pfenninger</persName>, geb. Stadler (geb. 1904), die ein Semester bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in Münster studiert hatte, unterstützte — auch im Predigtdienst — ihren Mann <persName ref="kbga-actors-7306">Walter</persName> (1904–1962), der 1930–1939 von Brig aus die weitverzweigte Diaspora im Oberwallis betreute. Sie schrieb am <ref type="kba-objects-id" target="20515">31.7.1932</ref> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, sie habe erfahren, «Sie hätten aus ‹zuverlässiger› Quelle unter anderem gehört, daß ich Ihren offenen Brief an <persName ref="kbga-actors-1095">Kolfhaus</persName> bereits zur Rechtfertigung von Frau <persName ref="kbga-actors-6405">Caprez</persName> zu benutzen scheine. Nun habe ich Ihren offenen Brief nur in einem Privatbrief an <persName ref="kbga-actors-7750">Elisabeth Zellweger</persName> in Basel erwähnt, die das also an Prof. <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> weiter gegeben zu haben scheint.» Am <ref type="kba-objects-id" target="20535">10.8.1932</ref> ergänzte sie, inzwischen habe sich E. Zellweger (1884–1957) wegen der ungenauen Wiedergabe ihres Briefes bei ihr entschuldigt «und, wie sie mir schreibt, auch Herrn Prof. <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> deswegen geschrieben … Es scheint eben, daß sie einige Mühe hat, unsere theologische Position zu verstehen, und daß ihr darum dieses Mißverständnis passiert ist.» <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte keine Einwände gegen die ihn betreffende Briefpassage, die V. Pfenninger ihm abgeschrieben hatte (Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="20515">31.7.1932</ref>), sprach aber seine Bedenken hinsichtlich des Nutzens einer öffentlichen Auseinandersetzung über das Thema des Frauenpfarramtes aus (Brief an V. Pfenninger vom <ref type="kba-objects-id" target="20545">15.8.1932</ref>). </note> Daß es so nicht gemeint sei, sehen die dann wieder nicht ein. Aber das ist ganz gleich. Dein Brief an <persName ref="kbga-actors-1095">Kolfhaus</persName> ist schlechthin am Platze gewesen.</p>
        <p>Und nun schlägt bald die Stunde, wo Ihr die Grenze überschreiten und wiederum an unseren ruhigeren Gestaden eintreffen werdet.<note xml:id="n41">Wahrscheinlich holte <persName ref="kbga-actors-316">R. Pestalozzi</persName> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName> am <date when="1932-08-01">1. August 1932</date> am Badischen Bahnhof ab (Brief R. Pestalozzis an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="20510">28.7.1932</ref>).</note> Was wird die deutsche Lage unterdessen für eine Wendung nehmen? Man sieht mit aller Spannung und Besorgnis hinüber. Ihr werdet erst recht beteiligt dabei sein. Man wird auch da die Pfeife nicht ausgehen lassen dürfen. Aber immerhin … <persName ref="kbga-actors-246">Fritz Lieb</persName> wird jetzt wieder lebhafte Tage und Nächte haben. Man hört in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, daß er unter anderem Tanzstunden genommen habe in diesem Sommer. Ob er noch nicht genug hat von dieser Möglichkeit des Daseins? Wir freuen uns, bis auch er wieder eintrifft.</p>
        <p>Und nun sei mit <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> und <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName> und den Kindern herzlich gegrüßt. Vielleicht sehe ich dich schon bei der Einfahrt? Ich selber bin wieder einsam am <placeName ref="kbga-places-859">Münsterplatz</placeName>. <persName ref="kbga-actors-1285">Marguerite</persName> ist mit den Kindern bereits wieder am <placeName ref="kbga-places-507">Vierwaldstättersee</placeName>. Am Sonntag in 8 Tagen fahre ich nach. Aber Ende August werde ich für 4-5 Tage im <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> eintreffen.</p>
        <closer>
          <salute>Dein</salute>
          <signed><persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName></signed>
        </closer>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
