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        <title type="volume" n="vol-34">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
        <title type="content">Karl Barth an Eduard Thurneysen</title>
        <title type="citation_line_1">Karl Barth an Eduard Thurneysen, 18. September 1932</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/34086 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935, hrsg. v. Algner, Caren (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2000, S. 269–280.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
          <title type="text">Karl Barth an Eduard Thurneysen</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Algner, Caren</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2000</date>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe V.34, Karl Barth - Eduard Thurneysen Briefwechsel Band III 1930-1935, letter 78</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Karl Barth an Eduard Thurneysen, 18. September 1932. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/20663">KBA 9232.267</ref>. </bibl>
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                        Bern, <date when="1932-09-18">18. September 1932</date>
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               <salute>Lieber <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>!</salute>
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        <p>Es ist eine Schande, daß ich auf die vielen und lehrreichen Sendungen, die mir von dir zugekommen sind, noch mit keinem Worte reagiert habe; während ich mich ja noch immer in den Ferien oder doch einer nur durch mich selbst zu bestimmenden Arbeitszeit befinde, ziehst du ja nun schon lange wieder am Kirchenwagen und hast heute morgen Bettagspredigt gehalten. Ich habe mir an der Predigt von <persName ref="kbga-actors-669">Karl Lindt</persName>, die mich etwas weniger erfreute als andere von ihm, überzeugen können, was für eine Quadratur des Zirkels da zu lösen ist. Du wirst es schon recht gemacht haben, und ich wäre auch ohne jenes solenne Gedränge von vor 4 Jahren gerne zu deinen Füßen oder wieder irgendwo hoch über deinem Haupte gesessen.</p>
        <p>Dein Schreiben an <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> in der <orgName ref="kbga-actors-10644">Oxford</orgName>-Sache<note xml:id="n01">Vgl. oben<ref type="pub" target="34084#fn_n03"> S. 260, Anm. 3</ref>.</note> wurde auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> der versammelten Gemeine vorgetragen und von Allen sehr gut befunden. Gelt, ich kann doch den Durchschlag behalten? Ich würde froh sein, gelegenttich wieder hineinsehen und auch Andere hineinsehen lassen zu dürfen. Ausgerichtet scheinst du freilich bei dem eigentlichen Empfänger nicht viel zu haben. So geht’s einem: man schreibt einen halben oder ganzen Tag lang — der Andere bekommt’s und liest’s und bleibt an seinem Ort, als hätte man an eine Wand geredet. Ich denke doch, daß gegen die Oxfordbewegung im <hi rend="italic">besten</hi> Fall mindestens alles das zu sagen sein wird, was gegen Emil zu sagen ist, und das dürfte nach meinen neulichen direkten Feststellungen nicht wenig sein. Aber man braucht es ja nicht notwendig zu sagen, sondern kann schweigen, und das ist’s, was ich dieser Aufregung gegenüber, wenigstens solange sie mir nicht in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> direkt auf den Leib rückt, zu tun gedenke. Und zu Emils Anknüpfungspunktartikel<note xml:id="n02">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p243#fn_n34">S. 243, Anm. 34</ref>.</note> will ich, wenn es irgend möglich ist, ebenfalls schweigen, schon um nicht von neuem öffentlich streiten zu müssen. Aber es ist nun eine faule Luft, die in und um <orgName ref="kbga-actors-6169">ZdZ</orgName> brütet …</p>
        <p>Gestern habe ich hier auch einen reichlich unerfreulichen Einblick getan, nämlich in das Gemüt von — <persName ref="kbga-actors-835">Martin Werner</persName>. Er hatte mir ein Kleines Druckwerk von ihm<note xml:id="n03">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-6602"><persName ref="kbga-actors-835">M. Werner</persName>, <hi rend="italic">Die Bedeutung Zwinglis für den Aufbau einer modernen Dogmatik</hi> (Vortrag, gehalten zu Bern an der Frühjahrskonferenz bernischer Pfarrer), in: Schweizerische Theologische Umschau, Nr. 7 vom 2.7.1932, S. 97–110.</bibl> Ein im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName> erhaltener Sonderdruck enthält außerdem Werners Artikel <bibl corresp="kbga-bibls-6603"><hi rend="italic">Das Verhältnis von Kirche und Staat nach Zwingli</hi> (S. 110–112).</bibl>
               </note> zugesandt, das ich verdankte, und auf eine <pb xml:id="p270" ed="pga"/> Mitteilung, daß ich hier sei und eventuell zu einer Unterhaltung zur Verfügung stehe, obwohl ich nicht viel davon erwarte<note xml:id="n04">Brief an <persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="20639">14.9.1932</ref>.</note>, schnappte er sofort ein, und so saßen wir gestern den ganzen Nachmittag am Ufer der <placeName ref="kbga-places-960">Aare</placeName> im Dählhölzli<note xml:id="n05">An der der <placeName ref="kbga-places-960">Aare</placeName> zugewandten Seite des Waldstücks Dählhölzli, einem beliebten Naherholungsgebiet bei <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>, liegt noch heute das «Restaurant Dählhölzli», von dessen Gartenterrasse man einen guten Blick auf den Fluß hat. Vielleicht saßen <persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName> und <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> jedoch auf einer der zahlreichen Bänke am Ufer.</note>, sahen unzählige Männlein und Weiblein spritzend an uns vorüberschwimmen und unterhielten uns darüber, ob der Text, an Hand dessen der Theologe zu denken habe, wirklich das Weltall als solches sei, ob der liebe Gott wirklich auch die Sünde geschaffen habe, ob die angebliche Tatsache, daß die von <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> erwartete Parusie «nicht eingetroffen», der Nabel aller theologischen Erkenntnis<note xml:id="n06"><persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName> legte sein Verständnis der Dogmengeschichte in seinem umfangreichen Band <bibl corresp="kbga-bibls-6604"><hi rend="italic">Die Entstehung des christlichen Dogmas problemgeschichtlich dargestellt</hi>, Bern/Tübingen 1953<hi rend="sup">2</hi> (= Erstauflage 
                        1941)</bibl> dar. Demnach stelle das altkirchliche Dogma den Versuch dar, angesichts des Ausbleibens der Parusie die daraus folgende objektive «Notwendigkeit der zwangsläufigen Entaschatologisierung dieses ursprünglich eschatologischen Glaubens» (a.a.O., S. 724) zu bewältigen. Das die gesamte weitere Dogmengeschichte belastende Ergebnis, «eine im Banne weltflüchtiger Mentalität ausgedachte Theorie der Erlösung», habe eine geistige Verarmung und Entfremdung des Christentums vom «personalen Zentrum der menschlichen Existenz und ihren eigentlichen tiefsten Sinnfragen» mit sich gebracht (a.a.O., S. 725). Erst die vom Neuprotestantismus geübte kritische Offenheit gegenüber historischer Forschung und die Befreiung vom altkirchlichen Dogma könne den Weg zum eigentlichen Gehalt der Lehre Jesu frei machen (vgl. a.a.O., S. 727–730).</note>, ob <persName ref="kbga-actors-486">Hans Baur</persName> ein ernstzunehmender Zeitgenosse sei u. ä. große und kleine Fragen mehr. Er scheint in der Tat etwas gedrückt wegen der völligen Isolierung, in der er sich fühlt, erklärt aber in einer Weise, die wohl zwingt, ihm zu glauben, daß er bei allem Lesen und Wiederlesen sowohl des N. T. als auch unserer und anderer heutiger Bücher zu keinem anderen Ergebnis kommen könne. Ich mußte immer wieder seine ganz eigentümliche Schädelform betrachten und kam von dem Eindruck nicht los: so müssen die Täufer in der Reformationszeit und wohl auch die Häretiker der alten Kirche ausgesehen haben, gewesen und auch dran <pb xml:id="p271" ed="pga"/> gewesen sein. Es handelt sich um ein höchst uneindrucksvolles und unliebenswürdiges, weil ganz trockenes, offenbar von nichts als von einem irgendwie angeborenen Irrturn genährtes Rasen, und ich verstehe vollkommen den Instinkt, der die alten Kirchenmänner u. U. dazu veranlassen konnte, dieses widrige Phänomen einfach zu Asche zu machen und solenn in alle Winde zu zerstreuen. Nun, wir verbrannten gestern immerhin nur eine Anzahl von Stümpen<note xml:id="n07">Stumpen (Singular und hochdeutsch auch Plural): eine schweizerische Zigarrenart.</note>, aber es war mir klarer als je gestern — und ich habe das dem <persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName> auch in aller Freundlichkeit gesagt —, daß wir es zwar als Schicksal oder Führung<note xml:id="n08">(Ironische) Anspielung auf einen Zentralbegriff der <orgName ref="kbga-actors-10644">Oxfordbewegung</orgName>, mit dem <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> sich später in seinem Vortrag <bibl corresp="kbga-bibls-710"><hi rend="italic">Führung. Zur Frage der Geistesleitung</hi>, in: Die Furche. Evangelische Zweimonatsschrift für das geistige Leben der Gegenwart, Jg. 20 (1934), S. 83–102</bibl>, kritisch auseinandersetzte.</note> hinnehmen müssen, mit dem, was in solchen Leuten schließlich nur zugespitzt sichtbar wird, in einer Kirche beieinander zu sein, weil man es am Anfang des 18. Jahrhunderts nun einmal vergessen hat, auseinander zu gehen, wie es sich schlechterdings gehört hätte, daß aber von einem gemeinsamen Glauben usw. keine Rede sein könne. Ob nicht eure Basler Abendmahlstrennung<note xml:id="n09"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> spielt wohl auf die verschiedenen kirchlichen Richtungen an, deren Anhänger in fast allen Basler Gemeinden eigene Gemeindevereine bildeten, z. T. eigene Pfarrer anstellten und nur bei diesen zum Abendmahl gingen. Über diese Richtungen informiert ein <bibl corresp="kbga-bibls-6605"><hi rend="italic">Kirchlicher Wegweiser</hi> des Kirchenrates (Basel 
                        1931, S. 2)</bibl>: «Es ist ein Zeichen ernsten religiösen Sinnes und Lebens, daß die Kämpfe neuerer <hi rend="italic">freier gerichteter religiöser Strömungen</hi> gegen die Autorität des kirchlichen Bekenntnisses und die Herrschaft der alten kirchlichen Ueberlieferung … kaum in einer andern Schweizerkirche die Gemüter so allgemein und tief ergriffen und zu so scharfen Gegensätzen führten wie in Basel. Wenn Nachwirkungen davon sogar heute noch zu spüren sind, so gelang es doch, die Kirche selbst vor einer unheilvollen Spaltung zu bewahren. Jetzt haben in ihr verschiedene Anschauungen und Richtungen freien Raum, und ihre Verfassung enthält Bestimmungen, welche den Minderheiten ausdrücklich das Existenzrecht in der Kirche und den Anspruch auf Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse sichern [§§ 6 und 7].»</note>, bei allem, was dagegen zu sagen sein mag, nicht doch eine Demonstration ist, die an sich gar nicht so übel ist und die einmal in einer Predigt oder besser in einem Vortrag zu erläutern eine ganz gute und dem Frieden dienende Sache sein könnte? Denn auch das gestrige Gespräch schloß nicht unfriedlich, sondern mit meiner milden Mahnung, er möchte doch in Zukunft ja nie mehr so wütend gegen mich <pb xml:id="p272" ed="pga"/> schreiben, wie er es damals getan<note xml:id="n10">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2234"><persName ref="kbga-actors-835">M. Werner</persName>, <hi rend="italic">Das Weltanschauungsproblem bei Karl Barth und Albert Schweitzer. Eine Auseinandersetzung</hi>, Bern
                            1924</bibl>; vgl. dazu: <bibl corresp="kbga-bibls-3157"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic"><ref type="pub" target="../volume/19/p490#p490">Sunt certi denique fines. Eine Mitteilung</ref></hi>, in: ZZ, Jg. 3 (1925), S. 113–116.</bibl>
                    </note>, sintemal wir so weit auseinander seien, daß es sich vernünftigerweise gar nicht mehr lohne, sich übereinander aufzuregen. — Am Mittwoch werde ich nun noch den anderen bernischen Hauptketzer <persName ref="kbga-actors-6941">Eymann</persName>, den Anthroposophen, zu hören Gelegenheit haben. Er hält einen Vortrag vor dem kantonalen Pfarrverein<note xml:id="n11"><persName ref="kbga-actors-6941">Ernst Friedrich Eymann</persName> (1887–1954), 1928–1944 a.o. Professor für Ethik in Bern, war in seiner Pfarramtszeit in Eggiwil im Emmental (1913–1928) zum Vertreter anthroposophischen Gedankenguts geworden; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6606"><persName ref="kbga-actors-6941">Fr. Eymann</persName>, <hi rend="italic">Anthroposophie und Theologie. Zur Abwehr</hi>, Bern
                            1940.</bibl> Zu dem Treffen vgl. die <bibl corresp="kbga-bibls-6607">Notiz von O. E. Straßer unter der Überschrift «Chronik» in: Der Kirchenfreund, Jg. 66 (1932), S. 314f.</bibl>: «Bemerkt wurde vor allem auch die Anwesenheit von Prof. <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> aus Bonn.» Eymann sprach am <date when="1932-09-21">21.9.1932</date> als Hauptreferent vor dem evangelisch-theologischen Pfarrverein Bern «in freier Zeugnisrede» über Anthroposophie und Christentum «nicht nur aus großer objektiver Sachkenntnis, sondern als ein mit dem Weg der Anthroposophie Vertrauter» (S. 314). «Einzig das kurze Votum von Prof. <persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName> und Prof. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> war [sic] davon [scil. von der «unprinzipiellen» Aussprache] eine Ausnahme. Werner gab seiner Freude über den Angriff gegen die neue Glaubenstheologie Ausdruck. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> forderte die Theologen zum Respekt vor einer Gedankenarbeit, die besonders als im Schatten <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> stehend, allen Interesses wert sei. Dann aber lehnte er die Gleichsetzung von Anthroposophie mit Christentum radikal ab. Hier gibt es nur ein Entweder-Oder. Warum, führte Karl Barth nicht aus, sondern schloß mit dem Aufruf: ‹Israel hebe dich zu deinen Hütten!› [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.12.16">1.Kön. 12,16</ref>]» (S. 314f.; eine offenbar auf diesem Artikel beruhende, verkürzte Notiz in der Rubrik «Chronik» in: <bibl corresp="kbga-bibls-6608">CW, Jg. 46 [1932]. Sp. 1054</bibl>).</note>, und da werde ich mich, wie vor einem Jahr in <placeName ref="kbga-places-1579">Konolfingen</placeName><note xml:id="n12">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p179#p179">S. 179f.</ref></note>, als blinder Passagier in einen Winkel setzen, vielleicht auch als steinerner Gast<note xml:id="n13">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1972"><persName ref="kbga-actors-2964">L. da Ponte</persName> / <persName ref="kbga-actors-281">W. A. Mozart</persName>, <hi rend="italic">Don Giovanni</hi>, II. Akt, Finale I</bibl>.</note> mich plötzlich hören lassen — oder auch nicht hören lassen, aber jedenfalls irgendwo eine Rauchsäule verursachen.</p>
        <p>Der beiliegend zurückgehende Brief von <persName ref="kbga-actors-7076">Homrighausen</persName> entspricht einem, den ich erhielt als Antwort auf meinen Protest gegen jene beabsichtigte Zurechtmachung unseres Büchleins.<note xml:id="n14">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p266#fn_n11">S. 266, Anm. 11</ref>. Am <ref type="kba-objects-id" target="20474">16.7.1932</ref> hatte <persName ref="kbga-actors-7076">Homrighausen</persName> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gebeten zuzustimmen, daß nur 17 Predigten aus «<bibl corresp="kbga-bibls-935">Komm Schöpfer Geist!</bibl>» übersetzt und 2 Predigten von <persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName> dazugenommen würden. Dazu schrieb ihm <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: «Ich bin ohne weiteres gewiß, auch im Namen von <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> zu reden, wenn ich sage, daß der Gedanke … für uns ganz unannehmbar ist. …Ich habe gegen seine [scil. Brunners] Theologie wie gegen seine Predigt Bedenken und wünsche nicht, mit ihm verwechselt zu werden» (Brief an <persName ref="kbga-actors-7076">Homrighausen</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="20586">26.7.1932</ref> [irrtümlich datiert auf: 26.8.]). <persName ref="kbga-actors-7076">Homrighausen</persName> gab den Plan daraufhin auf, ohne eine Antwort Thurneysens auf seine entsprechende Anfrage an diesen abzuwarten (Brief an K. Barth vom <ref type="kba-objects-id" target="20614">6.9.1932</ref>).</note> Ich glaube, der Mann <pb xml:id="p273" ed="pga"/> ist in seiner We[ise]<note xml:id="n15">Original durch Lochung unleserlich.</note> eine ehrliche Seele, dem ein gutes ermunterndes Wort, wenn du ihm ein solches schreiben kannst, wohltun wird. Er versteht sehr gut deutsch, schreibt es auch manchmal, aber dann gibt es so große Unglücksfälle, wie wenn ich englisch zu reden oder gar zu schreiben mir gelegentlich herausnehme. Ich lege dir hier ferner meinen nun wieder an den Tag gekommenen Brief an <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName> bei; ich muß ihn aber unbedingt wieder haben. Auch so ein Brief, der angesichts jener dir bekannten Antwort darauf völlig umsonst geschrieben sein dürfte.<note xml:id="n16"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> von einem «Rundbrief» <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName>’ nach Bayern erfahren, aus dem hervorging, daß Merz, selber deutsch-national ausgegerichtet, Barths Zugehörigkeit zur <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> als problematisch empfand und auf diesbezügliche Anfragen vor allem mit dem Hinweis auf den loser gewordenen Kontakt zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> antwortete. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> stellte ihm daraufhin die Gründe für seinen <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName>-Beitritt dar und beklagte, daß er erst über Dritte von Merz’ — ihm zudem unverständlichen — Sorgen erfahren habe (Brief an <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="20533">10.8.1932</ref>; außerdem hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> — nach seinem Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="20667">19.9.1932</ref> an <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName> — entgegen <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName>’ darin geäußertem Wunsch Kenntnis von dessen Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom <date when="1932-08-03">3.8.1932</date> [vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p266#fn_n14">S. 266, Anm. 14</ref>]). <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName> vermutete erstaunt, <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sei schlecht unterrichtet worden. «Ich habe wirklich nie etwas dagegen gesagt und wüßte nicht, was ich dagegen sagen sollte, daß Du dem Mann mit dem freundlichen Namen Engel Deinen Parteibeitrag zahlst.» Die Fragesteller, treue Barth-Schüler im Pfarramt, hätten jedoch Schwierigkeiten, Barths «‹Gesamthaltung›, wie sie sich neben Deiner theologischen Tätigkeit im engeren darstellt» und für die Barths Parteizugehörigkeit nur ein Beispiel sei, mit seinem Amt als öffentlicher Professor der Theologie in Einklang zu bringen (Brief an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="20539">13.8.1932</ref>). <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zeigte sich in seiner Antwort an <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName> (vom <ref type="kba-objects-id" target="20667">19.9.1932</ref>) betrübt darüber, daß er offenbar nicht verstanden worden sei, und bat ihn, wenn es irgendwie einzurichten sei, um eine baldige persönliche Aussprache. Vgl. unten <ref type="pub" target="../volume/34/p585#fn_n07">S. 585, Anm. 7</ref>.</note>
            </p>
        <p>Ich habe üble Zeit wegen der politischen Vorgänge in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>, die ich nun wirklich mit größtem Mißvergnügen verfolge, und daß nicht nur <persName ref="kbga-actors-157">Hartenstein</persName>, sondern auch alle mögliche andere gute Deutsche auf diese Sache hereinfallen, nicht zu reden von den verschiedenen Schweizern, die sich leicht darin tun, <foreign xml:lang="fre">en amateur</foreign> und weit vom Geschütz das Auftauchen jener energischen Hand mehr oder weniger herrlich und verheißungsvoll zu finden<note xml:id="n17">Vgl. unten <ref type="pub" target="../volume/34/p415#fn_n20">S. 415, Anm. 20</ref>.</note>, das vermehrt nur meine völlige Unlust. So haben die gleichen Kreise 1914 eine Brutalität und Dumm<pb xml:id="p274" ed="pga" break="no"/>heit an die andere gereiht, um ihre Energie zu beweisen<note xml:id="n18">Ähnlich hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <ref type="kba-objects-id" target="20655">16.9.1932</ref> an <persName ref="kbga-actors-7523">Wilhelm Wedekind</persName> geschrieben: «Mir mißfällt gründlicher — viel gründlicher als mir der Nationalsozialismus je mißfallen hat —, was jetzt in Deutschland politisch gespielt wird. Ich kann es nicht anders ansehen: die gleiche in ihrem Wesen kosakische Mentalität, die schon 1914 mit dem ‹Not kennt kein Gebot› meinte arbeiten zu dürfen, ist nun im Begriff, auch mit der beschworenen Reichsverfassung als mit einem ‹Fetzen Papier› umzugehen und uns zuzumuten, daß wir ihr Walten als das der Vorsehung respektieren sollten.» — Im Reichstag war es am <date when="1932-09-12">12.9.1932</date> zu einem Eklat gekommen, als <persName ref="kbga-actors-3432">Papen</persName> dem Vorsitzenden <persName ref="kbga-actors-5705">Göring</persName> während einer Mißtrauensabstimmung gegen die Regierung das von <persName ref="kbga-actors-1047">Hindenburg</persName> unterzeichnete Dekret zur Auflösung des — erst am 30.8. zusammengetretenen — Reichstags überreichte. Das Ergebnis der dennoch zu Ende durchgeführten Abstimmung war für die Regierung vernichtend. Göring reichte bei Hindenburg Beschwerde gegen die Auflösung ein und erhob Beleidigungsklage gegen Papen. Der vom Reichstag eingesetzte Untersuchungsausschuß verwarf die Reichstagsauflösung als verfassungswidrig, wurde aber weder von Hindenburg noch von der Reichsregierung anerkannt, da er sich nach Überreichung des Dekretes konstituiert hatte. Ein Gerücht von einem Verbot aller Zeitungen, die der Regierung Verfassungsbruch vorwürfen, auf acht Tage, wurde von zuständiger Stelle als grundsätzlich mögliche Maßnahme bezeichnet. Über diese Vorgänge berichteten die <orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName> zwischen dem <date to="1932-09-18" from="1932-09-13">13. und 18.9.1932</date> täglich, oft in mehreren Artikeln. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6369">Hillgruber, S. 228f.</bibl></note>, und der Erfolg kann und wird diesmal nicht besser sein. Was für ein Unsinn diese letzte plump drohende Geste mit dem Panzerkreuzer!<note xml:id="n19">Die Hoffnungen der deutschen Regierung auf Unterstützung ihrer Forderung nach Gleichberechtigung bei den Abrüstungsverhandlungen in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> durch die Regierungen Italiens und Englands seien enttäuscht worden, berichteten die <orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName>, doch nun könne sie «schon aus innenpolitischen Gründen» nicht mehr zurück. «Erleidet sie hier eine Niederlage, so ist es um das Prestige nicht gut bestellt, das sie sich in der kurzen Zeit ihrer Amtstätigkeit auf dem Gebiete der inneren Politik und der inneren Wirtschaftspolitik erworben hat. Um ihre Entschlossenheit zum Durchhalten zu beweisen, hat die Regierung der Wilhelmshavener Marinewerft den Auftrag gegeben, den Bau des <hi rend="italic">Panzerschiffes C</hi> in Angriff zu nehmen. Die <hi rend="italic">Kiellegung</hi> erfolgt am <hi rend="italic">1. Oktober</hi> und in vier Jahren soll das Schiff fertiggestellt sein. Bekanntlich ist noch in den von der Regierung <persName ref="kbga-actors-929">Brüning</persName> aufgestellten Marineetat die erste Baurate für dieses Panzerschiff eingesetzt worden. Die Regierung <persName ref="kbga-actors-3432">Papen</persName> aber hatte die Einschränkung gemacht, den Baubeginn von dem Ergebnis der Genfer Abrüstungskonferenz abhängig zu machen. Da das Ergebnis dieser Abrüstungskonferenz nach deutscher Anschauung höchst ungenügend ist, wird eben mit dem Bau des neuen Panzerschiffes begonnen» (<bibl corresp="kbga-bibls-6609">K., <hi rend="italic">Panzerschiff C wird gebaut</hi>, in: BN, Jg. 88 [1932], Nr. 255 vom 16.9.1932</bibl>).</note> Ich bin auch dafür, daß Deutschland diese Kähne baut, aber doch nicht, um damit in einem Augenblick wie diesem zu <hi rend="italic">drohen</hi>, eine Drohung, hinter der ja doch keine Macht steht, sondern die nur reizen kann. Ich weiß nicht, <pb xml:id="p275" ed="pga"/> ob diese Sache für mich nicht damit endigen wird, daß ich mich auf irgendein bernisches Dorf melde. Zu <hi rend="italic">diesem</hi> Deutschland, wenn es wirklich wieder kommen würde, habe ich eben kein Verhältnis als das einer gründlichen Abneigung. — Gelt, ich sollte mich nicht ärgern über diesen Spektakel? Mich lieber noch ein paar Fuß tiefer in die Theologie eingraben? Ja gut, aber einmal ist mir alles irrational-kosakische Wesen immer ganz besonders auf die Nerven gegangen, und sodann sind diese Leute es nun, in deren Hand ich mich als Beamter befinde und die einem wohl über kurz oder lang irgend eine reaktionäre neue Verfassung vorlegen wollen, der man dann Treue geloben soll. Nein, ich werde diesmal doch sehr mürrisch wieder über die Grenze gehen, und <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName> wird alle Mühe haben, mich von demokratischen Ansprachen an das Volk abzuhalten. <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName> und all das weiche Volk hinter ihm könnten jetzt nachträglich noch recht bekommen!<note xml:id="n20">Vielleicht ist die von <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName> in einem Brief vom <date when="1932-08-03">3.8.1932</date> an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-6800">Nachlaß Thurneysen</bibl>) angedeutete Tendenz der <orgName ref="kbga-actors-8272">NSDAP</orgName>-Wähler gemeint, in <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> einen Ersatz für den Monarchen zu sehen: Ein Kollege von ihm führe angesichts des Wahlerfolgs der Partei in bayerischen Dörfern «vieles auf die einfache Tatsache zurück, daß eben diese Partei als einzige systematisch und gründlich und mit allen Mitteln Agitation auf dem flachen Land triebe. Weiter weist er mit Recht darauf hin, daß der Bauer ein Bild in seiner Stube brauche, und weil nun kein Monarch mehr dahängt, muß Hitler erscheinen. Tatsächlich hat ja eine Hitlerversammlung ganz das kultische Gepräge einer alten vaterländischen Kundgebung, für manche noch dadurch reizvoll, daß sich damit der Geist des Evangelisationszeltes verbindet. Aber damit stehen wir doch nur an der Oberfläche. Was eigentlich los ist, wissen wohl die wenigsten. Jedenfalls ist soviel klar, daß Leute in meiner Lage, um es einmal pathetisch auszudrücken, politisch heimatlos sind und daß wir wenigstens das eine Gute geschenkt bekommen haben, daß wir uns für den Rest unseres Lebens um Parteipolitik nicht mehr zu kümmern brauchen.»</note>
            </p>
        <p>Genug für heute. Ich leide auch darunter, daß eine ganze Menge Arbeit (Lektüre besonders!), die getan sein sollte, nicht getan ist. — Es läßt sich nun so machen, daß ich wunschgemäß am übernächsten <hi rend="italic">Dienstag</hi> nach <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> komme, am Mittwoch weiter fahre.</p>
        <closer>
          <salute>Grüße <persName ref="kbga-actors-1285">Marguerite</persName>. Es grüßt dich</salute>
          <salute>dein</salute>
          <signed><persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName></signed>
        </closer>
      <postscript>
        <p>Nachtrag!</p>
        <p>Ich war hier noch ein paar Tage mit <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> und seiner <persName ref="kbga-actors-1037">Frau</persName> zusammen. Es ging Alles gut und freundlich. Nur als ich mich erkundigte, wie denn das mit der von ihm vermißten Heranbildung einer zum Mittel<pb xml:id="p276" ed="pga" break="no"/>punkt der Gesellschaft befähigten Frauenschaft stehe, brannte er ziemlich auf: ob denn etwa das für mich nicht auch ein aktuelles Problem sei, freilich ohne daß dann etwa klar geworden wäre, was er eigentlich meint. Das scheint bei ihm überhaupt eine Schwierigkeit zu sein, daß er wohl sehr gewichtig und auch immer sehr polemisch allerlei ankündigen, es dann aber nicht näher erklären kann. So ging es mir mit ihm auch, als ich ihn nach seiner Kritik meines <bibl corresp="kbga-bibls-46">Anselmbuches</bibl> fragte. Es kamen wirklich nur einige Allgemeinheiten heraus — obwohl ich ihm das Buch selbst unter die Nase hielt —, mit denen ich nichts anfangen konnte. — Am Mittwoch wird nun <persName ref="kbga-actors-27">Peter</persName> auf der Bildfläche erscheinen und damit eine neue Variante des bei uns so kritischen Problems «Brüder unter sich». Meine <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName> läßt dir hinsichtlich Heiners sagen, du möchtest doch ja, auch wenn er dich gelegentlich muderig<note xml:id="n21">= verdrossen, mißmutig.</note> mache, die Geduld nicht verlieren und dich ihm nicht entziehen. Ich sagte ihr schon, das werdest du, so wie ich dich kenne, ohnehin auf keinen Fall tun. Meine Schwester <persName ref="kbga-actors-668">Trudi</persName> erwartet ihr sechstes Buschi<note xml:id="n22">= Baby. Am 19.10.1932 wurde <persName ref="kbga-actors-7187">Thomas Lindt</persName> geboren.</note> — genau genommen schon ihr achtes. So hat meine gute Mutter wirklich nach allen Seiten immer neue Sorgen.</p>
        <p>Ich habe hier die Briefe der Mutter Goethes<note xml:id="n23">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2706"><hi rend="italic">Die Briefe der Frau Rath Goethe</hi>, gesammelt und hrsg. von A. Köster, 2 Bde., Leipzig
                            1923<hi rend="sup">6</hi>.</bibl> Zum Leben der <persName ref="kbga-actors-10965">Katharina Elisabetha Goethe</persName>, geb. Textor (1731–1808), vgl. die Einleitung, a.a.O., Bd. I, S. V-XIX.
               </note> gelesen, und zwar gerne gelesen. Meine Mutter findet sie zwar oberflächlich, aber ich finde das eine sehr gute und allgemein wünschenswerte Sache, wenn eine Frau einen Mann gegen ihren Willen heiraten muß, der etwa so gewesen sein muß wie mein Onkel Fritz in <placeName ref="kbga-places-1369">Arlesheim</placeName><note xml:id="n24">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p239#fn_n09">S. 239, Anm. 9</ref>, und <ref type="pub" target="../volume/34/p240#fn_n19">S. 240 bei Anm. 19</ref>.</note>, und auch sonst reichlich von allerlei Ungemach verfolgt ist — und dann doch von aller, aber sichtlich auch aller Hysterie frei bleibt, immer im Lobpreis für das vorhandene Gute — wenn man das Bein breche, so solle man sich überaus freuen, daß es nicht der Hals gewesen sei<note xml:id="n25">In einem Brief vom <date when="1794-03-09">9.3.1794</date>, als im Zusammenhang mit den Revolutionskriegen wieder einmal Militär bei ihr einquartiert war, schrieb <persName ref="kbga-actors-10965">K. E. Goethe</persName> an ihren Sohn: «Übrigens befinde ich mich wohl — habe biß auf den heutigen Tag — meinen alten krancken Obersten noch im Hauß müßen eben froh seyn daß es nicht ärger ist — doch mir gefallen so wenig wie dem Eulenspiegel die großen Glücksfälle — wenn mann ein Bein bricht — ists ein großes Glück — das es der Hals nicht war u.s.w.»; a.a.O., <bibl corresp="kbga-bibls-2706">Bd. I, S. 253</bibl>; vgl. dort z. B. auch S. 108.117.134.151.252.256.261f.</note> — und auch faktisch im<pb xml:id="p277" ed="pga" break="no"/>mer vergnügt, für alle Möglichkeiten offen und gegen alle Leute nett, besonders auch gegen die uneheliche Schwiegertochter <persName ref="kbga-actors-7512">Christiane Vulpius</persName><note xml:id="n26">Am <date when="1806-10-19">19.10.1806</date>, 18 Jahre nach Beginn ihrer Verbindung, heiratete<persName ref="kbga-actors-136"> J. W. von Goethe</persName> seine Lebensgefährtin <persName ref="kbga-actors-7512">Christiane Vulpius</persName> (1765–1816); vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2706">a.a.O., Bd. I, S. XIVf.</bibl>, und Bd. II, S. 284 (Namenregister).
               </note> — nein, das muß man gelten lassen, auch wenn es den Rahmen des Gleichnisses da und dort ein wenig zu sprengen droht. — Überhaupt <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>! Denk, es ist auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> dann noch ein paarmal zu richtigen Lesungen aus der italienischen Reise<note xml:id="n27">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-4786">J. W. von Goethes
                            Italienische Reise</bibl>, nachträglich (seit 1819) aus Briefen und Tagebucheintragungen zusammengestellter Bericht über seine Italienreise von September 1786 bis Juni 1788.</note> und aus den Gedichten gekommen, weil es in mir anfing überzulaufen. Wir haben auch den Aufsatz von <persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName><note xml:id="n28">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2709"><persName ref="kbga-actors-137">Fr. Gogarten</persName>, <hi rend="italic">Goethes Frömmigkeit</hi>, in: Zeitwende, Jg. 8 (1932), S. 161–173.</bibl> Gogarten bezeichnet dort (S. 172) «die Selbstbewahrung der sich selbst genugsamen menschlichen Existenz vor ihrer schwersten Bedrohung» als «die ungeheure Leistung der Goetheschen Existenz …, die in der Tat so nur in einer starken Frömmigkeit möglich war». <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> Frömmigkeit, seine Abwendung vom Leben «in eine geschützte, individualistisch-private Existenz», sein Versuch der «Rechtfertigung des bloßen Menschentums aus sich selbst» sei aber durch die geschichtlichen Ereignisse, besonders der letzten Jahrzehnte, unmöglich geworden. «Es ist uns auf grimmige Weise verwehrt, uns selbst das Wirkliche auszuwählen, mit dem wir umgehen wollen. Die Wirklichkeit hat sich uns ausgewählt, daß sie mit uns umgehe.»</note> gelesen, aber der fand vor <persName ref="kbga-actors-316">Rudi</persName> keine Gnade, sondern er begehrte mehr von Goethe selbst zu hören. Ich finde die Darstellung bei ihm sehr fein und anregend, aber der Schluß mit der «Selbsterhaltung» genügt mir nicht recht, wie überhaupt die Schlüsse nie Gogartens Stärke sind. Es ist ja ein merkwürdiges Zeichen, daß im gleichen Augenblick <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> zur <orgName ref="kbga-actors-10644">Oxfordbewegung</orgName> abschwenkt, ich aber an Goethe samt seiner vergnügten Mutter Einiges zu finden vermag und an dem Tisch, wo einst <orgName ref="kbga-actors-6169">ZdZ</orgName> gegründet wurde, «Ilmenau»<note xml:id="n29"><bibl corresp="kbga-bibls-7410">Gedicht <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> vom <date when="1783-09-03">3.9.1783</date></bibl>.</note> und doch auch einige Perlen aus dem Römischen Elegien<note xml:id="n30">Gedichtzyklus <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName>, geschrieben während und nach seiner Italienischen Reise (s. oben <ref type="pub" target="#fn_n27">Anm. 27</ref>) und zusammengefaßt in der Sammlung «<bibl corresp="kbga-bibls-7411">Elegien</bibl>» als deren «Erstes Buch».</note> zum besten gebe.</p>
        
        <p><pb xml:id="p278" ed="pga" rend="noPipe"/> Morgen kommt Prof. <persName ref="kbga-actors-9270">Clavier</persName> aus <placeName ref="kbga-places-1148">Montpellier</placeName><note xml:id="n31"><persName ref="kbga-actors-9270">Emile François Henri Clavier </persName>(1892–1987), 1925–1938 Professor für Neues Testament in Montpellier, anschließend in Straßburg, wo er nach dem Krieg zeitweise auch Religionsgeschichte lehrte. Clavier hatte in <bibl corresp="kbga-bibls-7321">Études théologiques et religieuses, Jg. 5 (1930), S. 106–109</bibl> drei Bücher über <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> rezensiert: <bibl corresp="kbga-bibls-2703"><persName ref="kbga-actors-959">B. Dörries</persName>, <hi rend="italic">Am Scheidewege. Ein Wort zu Karl Barths Dogmatik</hi></bibl>; ders., <bibl corresp="kbga-bibls-2704"><hi rend="italic">Der ferne und der nahe Gott. Eine Auseinandersetzung mit der Theologie Karl Barths</hi></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1404"><persName ref="kbga-actors-305">A. Oepke</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth und die Mystik</hi>.</bibl>
               </note> zu mir, ein Unverständiger, den ich schon vor 2 Jahren hier genügend kennen lernte, der aber <foreign xml:lang="fre">son interêt vif</foreign> für die <foreign xml:lang="fre">théologie barthienne</foreign> nicht genug beteuern kann. Ich bin ganz in der Stimmung, ihm kratzig genug zu begegnen. Am Abend kommen dann meine Berner-Bonner Leute zu mir. <persName ref="kbga-actors-835">Werner</persName> beklagte sich natürlich über ihre Taten in seinem Seminar<note xml:id="n32"><persName ref="kbga-actors-835">M. Werner</persName> hielt im SS 1932 ein Seminar mit dem Titel: «Systematische Übungen über moderne Autoren».</note>, wogegen ich gegen jenen Versuch, die Leute mechanisch an <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> zu fesseln, den nötigen Protest einlegte. Das Hauptkarnickel in dieser Sache scheint <persName ref="kbga-actors-594">Haller</persName><note xml:id="n33"><persName ref="kbga-actors-594">Max Haller</persName> (1879–1949), 1906 Privatdozent in Bern, 1921 a.o., 1925–1949 o. Professor für Altes Testament und Religionsgeschichte ebd., war damals Vorsitzender der Theologischen Prüfungskommission. Möglicherweise handelt es sich um einen von ihm initiierten oder unterstützten oder ihm zugeschriebenen Versuch, die Zulassungsbedingungen für das Berner Theologische Examen dahingehend zu ändern, daß den Studenten u. a.  ein Studienaufenthalt in Bonn erschwert oder unmöglich gemacht worden wäre. Pläne in dieser Richtung — von denen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> über Studenten oder über seinen Bruder <persName ref="kbga-actors-27">Peter</persName>, der in der Prüfungskommission das Protokoll führte, erfahren haben könnte — ließen sich, auch anhand der Protokolle der Prüfungskommission (im <ref type="archival">Universitätsarchiv Bern</ref>), nicht nachweisen. Eine Revision der Prüfungsordnung, deren Änderungen nicht in die hier zu vermutende Richtung weisen, erfolgte erst 1938.</note> zu sein.</p>
        <p>Nochmals Gruß!</p>
        <p>Zweiter Nachtrag!</p>
        <p>Ich bekam gestern einen Brief von dem Mann, der nun bald seit Jahren an der Übersetzung des Römerbriefs ins Englische gearbeitet hat, mit der Nachricht, daß das Werk nunmehr getan sei und in Druck gehe. Dazu einige Fragen über ihm dunkle Dinge, z. B. ob er wohl getan habe, «Rasanz» mit <foreign xml:lang="eng">potency</foreign> zu übersetzen, was gemeint sei mit dem «Tun der Weißgardisten» usw.<note xml:id="n34">Brief von <persName ref="kbga-actors-7081">E. C. Hoskyns</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="20644">14.9.1932</ref>. Das Wort «Rasanz» begegnet in: <bibl corresp="kbga-bibls-48">Römerbrief 2, S. 213</bibl> (bzw. von der 3. Aufl. an S. 211; <bibl corresp="kbga-bibls-3460">Zürich 1989<hi rend="sup">15</hi>, S. 230</bibl>) und S. 471 (bzw. S. 469; 1989<hi rend="sup">15</hi>, S. 511); «Tun der Weißgardisten»: a.a.O., S. 472 (bzw. S. 470; 1989<hi rend="sup">15</hi>, S. 511). — Sir <persName ref="kbga-actors-7081">Edwyn Clement Hoskyns</persName> (1884–1937), seit 1929 Präsident und Bibliothekar des Corpus Christi College in Cambridge, 1932–1935 «Canon theologian Liverpool Cathedral» (theologisches Mitglied des Kapitels).</note> Ich war froh, selber noch ziemlich Alles <pb xml:id="p279" ed="pga"/> zusammenzubringen.<note xml:id="n35">Brief an <persName ref="kbga-actors-7081">Hoskyns</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="20662">18.9.1932</ref>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Angaben sind verwertet in: <bibl corresp="kbga-bibls-6267"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">The Epistle to the Romans</hi>, transl. from the 6th ed. by E. C. Hoskyns, with a new preface by the author, London
                            1933, S. 485</bibl> («potency»; die Stelle S. 213 [bzw. S. 211/230] wurde anderweitig umschrieben) und S. 486, Anm. 1.</note> Mein Sohn <persName ref="kbga-actors-22">Hansjoggeli</persName> weilt noch immer bei <persName ref="kbga-actors-763">Schilds</persName><note xml:id="n36"><persName ref="kbga-actors-22">Hans Jakob Barth</persName> verbrachte seine Ferien bei <persName ref="kbga-actors-763">Paul Alexander Schild</persName> (1884–1966), 1907–1930 Pfarrer in Uerkheim (Kanton Aargau), seit 1930 in Dürrenroth (Kanton Bern), und dessen Frau <persName ref="kbga-actors-7377">Hedwig</persName>, geb. Mauch (gest. 1954), seiner Patin. Zu P. Schild vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I</bibl> und 
                                <bibl corresp="kbga-bibls-932">II</bibl>
                             (Namenregister).
               </note> in <placeName ref="kbga-places-1161">Dürrenroth</placeName> und ist dort so gern und so gern gesehen, daß ich mich nun mit seinem und Schilds an <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> gerichteten Antrag zu beschäftigen habe, er möchte noch ferner und womöglich den ganzen Winter dort bleiben. Er geht bereits dort in die Schule!<note xml:id="n37">Ein nicht erhaltener Brief <persName ref="kbga-actors-763">Paul Schilds</persName> mit dem Angebot, <persName ref="kbga-actors-22">Hans Jakob</persName> zu seiner Stärkung noch für längere Zeit in <placeName ref="kbga-places-1161">Dürrenroth</placeName> zu lassen, gelangte über <persName ref="kbga-actors-26">Nelly Barth</persName> (als Beilage zu ihrem Brief an ihren Mann vom <date when="1932-09-16">16.9.1932</date>) an <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>. Dieser dankte Schild schließlich für die freundliche Aufnahme seines Sohnes, er werde ihn jedoch am <date when="1932-09-27">27.9.</date> in Dürrenroth abholen und mit ihm über <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> zurück nach <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> fahren (Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="20668">19.9.1932</ref>).</note>
            </p>
        <p>Eine schlimme Nachricht, die leicht noch schlimmer sein könnte: <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName> wäre ums Haar Opfer eines Autounfalls geworden. Ihr Bruder<note xml:id="n38"><persName ref="kbga-actors-7119">Maximilian Eduard Karl von Kirschbaum</persName> (1897–1974) lebte seit dem Sommer 1932 in Weiler bei Lindau.</note>, der jetzt in der Nähe von <placeName ref="kbga-places-1163">Lindau</placeName> wohnt, holte sie auf ihrer Heimreise dort ab, behauptend, daß er Auto fahren könne, und stieß unterwegs mit einem Lastauto zusammen. Zum Glück ging nur ein Kotflügel zu Schanden, aber ich habe dergleichen gar nicht gerne.<note xml:id="n39">Diesen Absatz versah <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName> auf einem Durchschlag (im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName>) mit einer Klammer und notierte daneben: «Eine tolle Übertreibung! »</note>
            </p>
        <p>Von dem Brief von <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName> habe ich noch nichts erblickt. Es handelt sich doch nicht etwa um den, den er an <persName ref="kbga-actors-316">Rudi</persName> richtete bei Anlaß der ihm übersandten Reisebeschreibung?</p>
        <p>Hallo! Eben sehe ich, daß ich ja noch nicht auf die Frage geantwortet habe, die dein letzter Brief an mich richtet. Von den beiden Bonner Studenten kenne ich nur <persName ref="kbga-actors-7443">Leonhard Stählin</persName>, auf dessen Wunsch ich auch <pb xml:id="p280" ed="pga"/> bereits einen Brief an <persName ref="kbga-actors-6732">Wirz</persName><note xml:id="n40"><persName ref="kbga-actors-6732">D. Jakob Wirz</persName> (1870–1944), nach einem Pfarramt in Benken (Kanton Basel-Landschaft) 1911–1941 Hausvater des Alumneums (s. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p264#fn_n01">S. 264, Anm. 1</ref>), seit 1932 zugleich Lektor für Hebräisch in Basel.</note> geschrieben habe.<note xml:id="n41">Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="20651">15.9.1932</ref>; <persName ref="kbga-actors-392">Stählin</persName> hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> um eine Empfehlung gebeten (<ref type="kba-objects-id" target="20610">[4./5.]9.1932</ref>).</note> Er ist eine etwas kompliziertere Gestalt als etwa <persName ref="kbga-actors-7284">Otten</persName>, aber zweifellos würdig, das <foreign xml:lang="lat">beneficium</foreign> zu erhalten. Wenn für den anderen nicht ganz übergewichtige Gründe sprechen — er ist mir nicht einmal dem Namen nach bekannt —, so dürftest du ruhig dem Stählin die Stimme geben.</p>
      </postscript>
      </div>
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</TEI>
