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        <title type="volume" n="vol-34">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
        <title type="content">Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen</title>
        <title type="citation_line_1">Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen, 2. Mai 1933</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/34118 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935, hrsg. v. Algner, Caren (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2000, S. 400–406.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
          <title type="text">Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen</title>
          <author ref="kbga-actors-223">Kirschbaum, Charlotte von</author>
          <editor>Algner, Caren</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2000</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 400-406</biblScope>
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe V.34, Karl Barth - Eduard Thurneysen Briefwechsel Band III 1930-1935, letter 110</title>
          <author ref="kbga-actors-223">Kirschbaum, Charlotte von</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Kirschbaum, Charlotte von, Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen, 2. Mai 1933. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/21473">KBA 9270.585</ref>. </bibl>
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          <salute>Lieber <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>,</salute>
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        <p>Du hast mich am Bahnhof in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> einmal, zweimal gebeten, dir bald Nachricht über die Lage hier zu geben. Nun tue ich es früher, als du wohl erwartest hast, und zwar einfach, weil wir der Situation hier ziemlich ratlos gegenüberstehen und auch <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> daran liegt, daß du uns ein wenig deine Nähe erhältst in dem Auf und Nieder unseres Weges. Wir sind dessen <hi rend="italic">sehr</hi> bedürftig, <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>, vielleicht noch mehr, als ich es auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> wußte. — Die ersten Gespräche liegen hinter uns. Eröffnet wurden sie auf einem Weg, den <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> und ich allein machten und auf dem mir sehr bald klar wurde, daß sie ganz sichtlich bemüht war, die Gespräche in Basel und die Briefe von <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName><note xml:id="n01">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p371#p371">S. 371–381</ref>.<ref type="pub" target="../volume/34/p399#p399">399f</ref>.</note> als einen sicher ernsthaften und sicher nicht leicht zu nehmenden, aber eben doch als einen «Zwischenfall» zu behandeln. Ich bat sie, im Gespräch mit <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> doch hinzuhorchen, was es für <hi rend="italic">ihn</hi> bedeutete und, so ihr das möglich wäre, sich um des gegenseitigen Verstehens willen zunächst einmal auf <hi rend="italic">diesen</hi> Boden zu stellen. Diese Bitte — ich hatte es ihr wirklich nur als solche vorgetragen und in ehrlicher Sorge — löste andern Tags ihrerseits ein Gespräch mit mir aus, das mit einem hemmungslosen Angriff auf mich <hi rend="italic">begann</hi> und mit einem mich <hi rend="italic">nicht</hi> hoffnungslos berührenden Ausblick auf ein besseres Verstehen unseres Dranseins schloß. Am nächsten Tag <pb xml:id="p401" ed="pga"/> folgten dann nahezu von morgens bis abends Gespräche mit <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>, der erst jetzt frei dazu war, nachdem die <hi rend="italic">aller</hi>nötigsten Fakultätsschwierigkeiten<note xml:id="n02">In einer zur Gleichschaltung der Universität angeordneten Wahl am <date when="1933-04-27">27.4.1933</date> wurde <persName ref="kbga-actors-5324">E. Pfennigsdorf </persName>mit 3 Stimmen und 6 Enthaltungen (bei 9 Anwesenden) zum Dekan gewählt, nachdem <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <persName ref="kbga-actors-192">G. Hölscher</persName> und <persName ref="kbga-actors-431">E. Wolf</persName> die Wahl abgelehnt hatten. Im Protokoll begründete <persName ref="kbga-actors-367">K. L. Schmidt</persName> die Stimmenthaltungen: «‹Als Anhänger der altbewährten Selbstverwaltung der Universität› hätten sie sich nicht darauf einlassen können, ‹der Anwendung des politischen Gleichschaltungsprinzips durch aktive Teilnahme an der Wahl› ihre ‹Zustimmung zu geben und damit die Verantwortung für diesen entscheidungsvollen Schritt mit zu übernehmen›»; Amtsantritt des neuen Dekans war am 1. Mai (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3296">Bizer, S. 227–275, Zitat dort S. 254f</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3237">Mühling, S. 144</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6770">H. Faulenbach, <hi rend="italic">Heinrich Josef Oberheids theologisches Examen im Jahr 1932 und das Geschick seines Prüfers Karl Ludwig Schmidt im Jahr 1933</hi>, in: «<hi rend="italic">Daß unsre Augen aufgetan werden …</hi>» [Festschrift für H. Dembowski zum 60. Geburtstag], hrsg. von J.-E. Gutheil und S. Zoske, Frankfurt a. M. u. a.  1989, S. 57–97, dort S. 74</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6772">Meldung <persName ref="kbga-actors-367">K. L. Schmidts</persName> zu den angeordneten Neuwahlen in der Rubrik «Aus Wissenschaft und Leben» in: ThBl, Jg. 12 [1933], Sp. 183</bibl>).</note> gelöst worden waren. <hi rend="italic">Diese</hi> Gespräche scheinen großenteils von <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> geführt worden zu sein im alten Stil, das heißt unter dem Vorzeichen der vorwurfsvollen Frage: «Warum hast du dich von mir abgewandt? Und wie hat <persName ref="kbga-actors-223">L.</persName> das tun können und sich so zwischen uns stellen» — eine Frage, die natürlich immer wieder Alles von Grund aus aufrührt und die uns <hi rend="italic">nicht</hi> weiterführt. Im Blick auf die Zukunft scheint sich bei ihr dann schließlich nach viel Hin und Her ihr Wunsch dahin formuliert zu haben, «es noch einmal zu versuchen». Sie wolle und sie könne jetzt nicht fortgehen, da dieses Fortgehen für sie den Anfang eines endgültigen Schrittes bedeute, zu dem sie noch nicht «aufgerufen» sei. — Wir, K. und ich, haben uns am späten Abend dann noch dahin verständigt, daß wir sie nicht drängen dürften zum Fortgehen, sondern daß wir abwarten, und zwar im Guten abwarten müßten, bis es dazu komme; daß K. allerdings auch — und gerade nach dem Verlauf der Gespräche — sich nicht im Stande sehe, grundsätzlich etwa seinen Vorschlag zurückzuziehen oder umzubiegen. — Es vergingen dann wieder 2-3 Tage — das äußere Leben spielt sich freundlich-ruhig ab —, und gestern nachmittag rief <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> plötzlich zu sich und gab ihm die Erklärung, daß sie jetzt weder einen vorläufigen (Trennung) noch einen endgültigen (Scheidung) Schritt zu tun in der Lage sei. Sie möchte ihm das noch einmal ausdrücklich sagen, damit wir nicht erstaunt seien, wenn von ihr aus Alles unverändert bliebe. <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> bat sie dann, doch auch <pb xml:id="p402" ed="pga"/> mir das zu sagen, und das löste dann wieder ein ziemlich langes Gespräch zwischen N. und mir aus, in dem ich, wie das erste Mal, in einem gewissen Unterschied zu <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> den Eindruck hatte, daß N. zum Aufhorchen zu bringen wäre und daß diese ziemlich affektbetonte Ablehnung — sie redete zu K. von Selbstmord — <hi rend="italic">nicht</hi> das <hi rend="italic">letzte</hi> Wort ist. Ich konnte sehr offen mit ihr reden und auch gewisse Knoten, die immer wieder sich knüpfen — so vor allem bezüglich der Kinder — ein Stück weit lösen. Man muß da wirklich <hi rend="italic">viel</hi> abtragen — Wichtiges und Unwichtiges geht da fast grotesk durcheinander (so beschäftigt sie jetzt schon die Frage: wenn <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> stürbe, wie sie dann seine [Sac]hen<note xml:id="n03">Durch Lochung z. T. unleserlich; Ergänzungsvorschlag unsicher.</note> für die Kinder gegen mich schütze!) — aber es <hi rend="italic">ließ</hi> sich wenigstens für den Augenblick abtragen bis zu dem Punkt: um was geht es jetzt in ihrer Beziehung zu K.? Das «Miteinander im Auseinander», das kann sie nicht verstehen, und darum kann sie auch wirklich keinen Schritt tun, im Augenblick. Ihr zu diesem Verstehen zu helfen, das liegt nicht in Karls Macht und erst recht nicht in meiner. Das wurde mir in diesen Tagen ganz klar. In Karls nicht, weil das Gespräch mit ihm immer wieder die klare Linie verläßt und sich von N. her immer wieder verliert in ganz unfruchtbare Seitenwege, auf denen sie, wie sie mir gestern sagte, nur «Härte» statt «Güte» spüre (wie sollte es anders sein für sie!), und in meiner nicht, weil mir weithin der Mund geschlossen ist aus Scheu vor dem Mißverständnis, zu dem N. jeden Augenblick bereit ist, daß ich eben <hi rend="italic">meinen</hi> Weg hemmungslos zu Ende gehen wolle. — Und da stehen wir nun. — Es ist nicht so, daß wir dieses Leben nicht so weiter leben könnten, auch etwa noch <hi rend="italic">längere</hi> Zeit, aber es ist nun eben doch dieses Leben unter der Frage, die aufgeworfen ist, das Provisorium, von dem <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> in seinem letzten Brief an N. sprach. Und wenn es als solches sinnvoll sein soll und nicht nur eine ausweglose Sackgasse bedeutet, so muß es doch zu einem <hi rend="italic">Weg</hi> werden. Wie es das für <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> werden soll, das ist mir auf <hi rend="italic">hier</hi><note xml:id="n04">D. h. im Blick auf die häusliche Situation in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName>.</note> gesehen ganz dunkel. — Ich habe nach allen Gesprächen mit ihr nicht den Eindruck, als sehnte sie sich nicht im Grunde nach wie vor nach einer Änderung und als könnte sie etwa jetzt ehrlich den bisherigen Weg bejahen und als würde sie nicht auch weiterhin genau so an ihm leiden wie bisher. Aber sie wird die Kraft zu einem Entschluß <hi rend="italic">nicht</hi> finden, wenigstens nicht hier bei uns. Und nun geht unsere Bitte <pb xml:id="p403" ed="pga"/> an dich dahin: Behalte und suche die Fühlung mit ihr. Sie wird auf dich eher hören, als sie es auf <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> kann. Eine ihrer ersten Fragen war die, ob du ihr auf ihren letzten Brief antworten werdest. Ich weiß, es ist viel verlangt von dir, an sich und auch im Blick auf deine große Arbeit, die kaum Raum läßt für private Briefe. Aber wir <hi rend="italic">bitten</hi> dich einfach darum, weil wir das Vertrauen zu dir haben, daß wir es dürfen. — Von <persName ref="kbga-actors-1269">Stoevesandt</persName> kam übrigens heute ein guter, ruhiger, vertrauender Brief<note xml:id="n05">Brief vom <date when="1933-04-30">30.4.1933</date>.</note>, und auch <persName ref="kbga-actors-5802">Fränzelis</persName> Antwort auf Karls Andeutung hin<note xml:id="n06">Brief <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an seine <persName ref="kbga-actors-5802">Tochter</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="21380">11.4.1933</ref> und ihre Antwort vom <ref type="kba-objects-id" target="90578">23.4.1933</ref>.</note> war in einer guten Bereitschaft (insbesondere <hi rend="italic">für</hi> <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName>) geschrieben, die uns tröstete und mir wirklich eigentlich die Gewißheit gab, daß sie auch zu mir hin den Weg weiter suchen und finden würde. — Der Eilbrief von Karls <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName><note xml:id="n07">In ihrem Brief vom 24.4.1933 blickte <persName ref="kbga-actors-18">A. Barth</persName> zunächst zurück auf die Entwicklung der familiären Situation im Hause <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seit dem Einzug <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaums</persName>, die entgegen einer vorherigen Vereinbarung auch dann im Haushalt geblieben sei, «als <persName ref="kbga-actors-26">N.</persName> einige Jahre später wünschte, L. möchte sich eine eigene Wohnung suchen». Als <persName ref="kbga-actors-26">Nelly Barth</persName> nun nach erneutem Zusammenbruch die Scheidung gewünscht habe, habe Karl Barth sich zunächst dagegen gestellt, «da die Tragweite und die Unmöglichkeit dieses Schrittes nicht übersehen werden könne», dränge jetzt jedoch selbst auf Scheidung. A. Barth bat ihren Sohn dringend, diesen Schritt «ohne Trotz und Leidenschaft und vor Gott …, dessen Gebote aber für alle gelten», zu überdenken. Die Konsequenzen für Nelly Barth — das «Gefühl der völligen Verlassenheit», die alleinige Verantwortung für die Erziehung der beiden jüngsten Kinder in einem doch kaum zu finanzierenden eigenen Haushalt — seien zu schwer zu verkraften. Vor allem könne «der ganze Eindruck, den deine bald erwachsenen Kinder von dir bekommen werden, … jedem zu Verderben werden. Was hilft die scharfsinnigste Theologie, wenn sie im eigenen Hause Schiffbruch leidet. Was die Öffentlichkeit, Freunde und Gegner von Allem denken würden, erübrigt sich zu beschreiben.» <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Mutter schloß nach einem Verweis auf das Neue Testament (<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.9.42 Mk.9.50">Mk. 9,42f.</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.11">10,11</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.5">1.Kor. 13,5</ref>) mit der Vermutung, daß Scheidung und Wiederheirat auch für ihren Sohn keine wirkliche Erleichterung bedeuten würden.</note> freilich, den ihr uns in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> gabt, war eine vehemente Anklage, so vehement, daß sie allerdings ein bißchen an uns vorbeiging und man sich nur etwas besorgt nach dem Zustand ihrer Nerven fragte. Aber gewiß hat es sie erleichtert, einmal so «Alles, Alles» zu sagen. <persName ref="kbga-actors-669">K. Lindt</persName> hat sicher ein bißchen unter diesem Druck zu leiden. —</p>
        <p>Heute morgen hat <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> seine Arbeit eröffnet mit der schriftlichen Prüfung.<note xml:id="n08">Aufnahmeprüfung für das Seminar.</note> Alles blieb ruhig, und ich glaube nicht, daß er noch Störun<pb xml:id="p404" ed="pga" break="no"/>gen zu fürchten hat.<note xml:id="n09">Vielleicht hatten die im März 1933 beginnenden studentischen Aktivitäten gegen <persName ref="kbga-actors-367">K. L. Schmidt</persName> wegen seiner SPD-Mitgliedschaft (s. <bibl corresp="kbga-bibls-3237">Mühling, S. 139f. 145f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6770">H. Faulenbach, <hi rend="italic">Heinrich Oberheids Examen …</hi>, a.a.O. [<ref type="pub" target="#fn_n02">Anm. 2</ref>], S. 64–68.73</bibl>) auch <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> entsprechende Schwierigkeiten erwarten lassen. Der von <persName ref="kbga-actors-6674">Mühling</persName> genannte Aufruf des «Führers» der Bonner Studentenschaft, stud. theol. <persName ref="kbga-actors-7386">Walter Schlevogt</persName>, zu einem Boykott der Vorlesungen der sozialdemokratischen Dozenten <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <persName ref="kbga-actors-246">Lieb</persName>, <persName ref="kbga-actors-367">Schmidt</persName> und <persName ref="kbga-actors-129">Fuchs</persName> durch einen vom damaligen Rektor genehmigten Anschlag vom <date when="1933-05-04">4.5.1933</date> konnte nicht aufgefunden werden (<bibl corresp="kbga-bibls-3237">Mühling, S. 146</bibl>, mit Verweis auf <bibl corresp="kbga-bibls-6773">M. Rohkrämer, <hi rend="italic">Fritz Lieb 1933-1939. Entlassung— Emigration — Kirchenkampf — Antifaschismus</hi>, in: <hi rend="italic">Fritz Lieb. Ein europäischer Christ und Sozialist. Eine Dokumentation der Evangelischen Akademie Berlin</hi>, hrsg. von M. Karnetzki und K.-J. Rese, Berlin
                            1992, S. 51–68, dort S. 56.58</bibl>). In zwei Abschriften erhalten ist jedoch ein vom Rektor genehmigter, auf den <date when="1933-05-04">4.5.1933</date> datierter Anschlag <persName ref="kbga-actors-7386">Schlevogts</persName>, in dem unter den vier Dozenten, zu deren Boykott aufgerufen wird, Lieb als einziger Theologe genannt wird (<ref type="archival">Abschriften im Universitätsarchiv Bonn [Signatur: Kurator H 1, Bd. 6</ref>] und im <ref type="archival">Nachlaß Fritz Lieb [Signatur. NL 043 Ha 3, 1], Universitätsbibliothek Basel</ref>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4699">H.-P. Höpfner, <hi rend="italic">Die Bonner Universität im Dritten Reich, Akademische Biographien unter nationalsozialistischer Herrschaft</hi> [Academica Bonnensia 12], Bonn 
                        1999, S. 121–123</bibl>).</note> Seine Gefahr scheint mir augenblicklich eher da zu liegen, daß er zwar nicht Subjekt, aber Objekt der «Gleichschaltung» wird.<note xml:id="n10">Vgl. unten <ref type="pub" target="../volume/34/p502#fn_n07">S. 502, Anm. 7</ref>.</note> Das ist gegenwärtig unser Problem. — <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>, wir leben in einem Irrenhaus, ihr ahnt nicht <hi rend="italic">wie</hi> sehr. Niemand, fast niemand merkt es. <persName ref="kbga-actors-644">Knittermeyer</persName> und <persName ref="kbga-actors-1187">Refers</persName> sind zu den «<orgName ref="kbga-actors-10458">Deutschen Christen</orgName>»<note xml:id="n11">Die <orgName ref="kbga-actors-8309">Glaubensbewegung Deutsche Christen</orgName>, die ihre Organisationsform von der <orgName ref="kbga-actors-8272">NSDAP</orgName> übernahm, war offiziell am 6.6.1932 in Berlin gegründet worden, zunächst als Kirchenpartei für die altpreußischen Kirchenwahlen im November 1932. Ihr Ziel war eine evangelische Reichskirche, die sich, wie es in den «Richtlinien der ‹Deutschen Christen›» ihres Reichsleiters <persName ref="kbga-actors-6438">J. Hossenfelder</persName> hieß, «zu einem bejahenden artgemäßen Christusglauben, wie er deutschem Luthergeist und heldischer Frömmigkeit entspricht» bekannte (abgedruckt bei <bibl corresp="kbga-bibls-169">Gauger I, S. 67</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-74">Schmidt 1933, S. 135f</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6746">Michaelis/Schraepler, S. 581f</bibl>; Auszüge bei <bibl corresp="kbga-bibls-173">Scholder I, S. 262–265</bibl>; vgl. unten <ref type="pub" target="../volume/34/p427#fn_n05">S. 427, Anm. 5</ref>). Als Beraterin der <orgName ref="kbga-actors-8272">NSDAP</orgName> in kirchenpolitischen Fragen wurde sie im Laufe des Jahres <date when="1933">1933</date> — bis zu dem Einbruch durch die Sportpalastkundgebung am 13.11. — zur kirchenpolitisch bestimmenden Kraft. Am <date when="1933-05-16">16.5.1933</date> wurde <persName ref="kbga-actors-289">L. Müller</persName>, dessen Kandidatur für das Reichsbischofsamt sie unterstützte, ihr Schirmherr. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-169">Gauger I, S. 67–85</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-173">Scholder I, S. 239–274</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-239">Meier I, S. 56–76.85–90</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5843">K. Meier, <hi rend="italic">Die Deutschen Christen. Das Bild einer Bewegung im Kirchenkampf des Dritten Reiches</hi>, Halle a.d.S. 1965<hi rend="sup">2</hi>.</bibl>
               </note> gegangen<note xml:id="n12"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wurde über <persName ref="kbga-actors-1187">Refers</persName> Beitritt zu den <orgName ref="kbga-actors-10458">Deutschen Christen</orgName> von einer Bremer Studentin am <date when="1933-05-01">1.5.1933</date> brieflich informiert und erhielt auf seine entsprechende Anfrage vom <ref type="kba-objects-id" target="21471">2.5.</ref> bei <persName ref="kbga-actors-1269">K. Stoevesandt</persName> von diesem am <ref type="kba-objects-id" target="21486">4.5.</ref> einen ausführlichen Bericht über Refer und <persName ref="kbga-actors-644">Knittermeyer</persName> (Zitat aus <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Antwortbrief an D. und K. Stoevesandt vom <ref type="kba-objects-id" target="21483">4.5.1933</ref> in: <bibl corresp="kbga-bibls-1186">Th.Ex.h.
                            1933, S. 138</bibl>).</note>, und sogar der treue <persName ref="kbga-actors-1082">R. Karwehl</persName> findet anerkennende Worte für <pb xml:id="p405" ed="pga"/> die «Obrigkeit»<note xml:id="n13"><persName ref="kbga-actors-1082">Richard Karwehl</persName> (1885–1979), 1914–1956 Pfarrer in Osnabrück-Schinkel (Amtsantritt aus Kriegsgründen erst 1918), danach Tätigkeit beim Blauen Kreuz und bis 1975 im Konvertiten-Unterricht. Beeinflußt von Lehrveranstaltungen seines späteren Freundes Karl Barth, die er von Osnabrück aus besuchte, wandte er sich von der liberalen Theologie ab und wurde zum Vertreter der dialektischen Theologie (nach brieflichen Auskünften und Dokumenten von R. Karwehls Tochter Ruth vom <date when="1994-03-24">24.3.1994</date>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p113#p113">S. 113</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/04/p704#p704">704</ref></bibl>). Karwehl stand sowohl der nationalsozialistischen Obrigkeit als auch — als Mitglied des «Osnabrücker Kreises» — dem um Verständigung mit dem Staat bemühten Hannoveraner Kirchenregiment gegenüber in Opposition. <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName> bezieht sich wohl auf eine mündliche Äußerung. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6774">K. Kühling, <hi rend="italic">Osnabrück 1933-1945. Stadt im Dritten Reich</hi>, Osnabrück o. J. [1963], S. 76</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-238">Meier II, S. 283.</bibl>
               </note>. Die Kirche ist in einem viel schlimmeren Chaos, als es von draußen sichtbar wurde. — Aber wir wollen warten und schweigen. Einmal muß <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> dann vielleicht doch noch die Stimme erheben. Ich glaube fast sicher, daß das kommen muß, dann nämlich, wenn das Schweigen angesichts der Tausende und Tausende, die zugrunde gehen, und vielleicht noch mehr angesichts der <hi rend="italic">Kirche</hi>, die verrät, einfach zu <hi rend="italic">Schuld</hi> wird. — Die Universität <hi rend="italic">ist</hi> gleichgeschaltet, <persName ref="kbga-actors-5324">Pfennigsdorf</persName> Dekan. <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> zieht sich von Allem zurück. <persName ref="kbga-actors-367">K. Ludwig</persName> mußte ganz plötzlich doch noch Urlaub nehmen und will nun (ein wenig unter Druck von <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>) seine «Neutestamentliche Theologie» schreiben.<note xml:id="n14">Wie es ihm einige Tage zuvor vom Rektor nahegelegt worden war, hatte <persName ref="kbga-actors-367">K. L. Schmidt</persName> am <date when="1933-04-29">29.4.1933</date> beim <orgName ref="kbga-actors-8245">preußischen Kultusministerium</orgName> seine Beurlaubung beantragt und umgehend erhalten. Um seinen Platz freizuhalten, übernahmen <persName ref="kbga-actors-192">Hölscher</persName> und <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> (s. unten <ref type="pub" target="#fn_n17">Anm. 17</ref>) seine Veranstaltungen. In einer Notiz über K. L. Schmidts Beurlaubung «zum Zwecke wissenschaftlicher Arbeiten» heißt es: «Er wird sich vor allem mit der Abfassung eines Grundrisses der ‹Biblischen Theologie des Neuen Testamentes› beschäftigen, der in der von <persName ref="kbga-actors-6703">Erich Seeberg</persName>, Berlin, herausgegebenen Sammlung Theologischer Lehrbücher bei Quelle und Meyer, Leipzig, erscheinen soll» (in der <bibl corresp="kbga-bibls-6772">Rubrik «Aus Wissenschaft und Leben» in: ThBl, Jg. 12 [1933], Sp. 155f.</bibl>). Das Werk wurde nie veröffentlicht (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3237">Mühling, S. 145.171</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6770">H. Faulenbach, <hi rend="italic">Heinrich Oberheids Examen …</hi>, a.a.O., S. 73f.78f.</bibl>). — Schmidt wurde am 31.5. «vom Landesleiter der <orgName ref="kbga-actors-8309">DC</orgName> als Muster eines Parteibuchbeamten angegriffen und mehr dergleichen … [so] daß der Generalsuperindendent seine Mitwirkung am zweiten Examen für ‹untunlich› erklärte» (<bibl corresp="kbga-bibls-3296">Bizer, S. 255</bibl>). Siehe auch oben <ref type="pub" target="../volume/34/p397#fn_n08">S. 397f., Anm. 8</ref> und <ref type="pub" target="../volume/34/p397#fn_n09">9</ref>.</note> —</p>
        <p>Wie weit liegt jener friedliche Schwarze Kaffee<note xml:id="n15">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p106#fn_n18">S. 106, Anm. 18</ref>.</note> in der <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName>sonne zurück! Doch gut, daß man dort manchmal so Atem holen darf.</p>
       
        <p>  <pb xml:id="p406" ed="pga" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-1285">Marguerites</persName> Narzissen sind alle erblüht und duften herrlich. — <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> läßt euch beide grüßen. Er wartet sehr auf die Joh.-Vorlesung<note xml:id="n16">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-989"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Erklärung des Johannes-Evangeliums …</hi>, a.a.O. (<ref type="pub" target="34060#fn_n01">S. 180, Anm. 1</ref>); vgl. dort <ref type="pub-" target="../volume/09/pr009#pr009">S. IXf.</ref></bibl> — <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> hatte das Manuskript am <date when="1931-10-25">25.10.1931</date> von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erbeten und benutzte es zur Vorbereitung von Bibelstunden; vgl. oben <ref type="pub" target="34060">S. 180</ref>.<ref type="pub" target="../volume/34/p206#p206">206</ref>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> benötigte es für die (partielle) Wiederholung im SS 1933.</note>. Denk, nun hat er 14 Wochenstunden! Aber es gilt, den Platz für <persName ref="kbga-actors-367">K. Ludwig</persName> offen zu halten.<note xml:id="n17"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> ursprünglich geplante Lehrveranstaltungen, sämtlich Fortsetzungen der entsprechenden Lehrangebote aus dem WS 1932/33, waren: die vierstündige Vorlesung «Geschichte der protestantischen Theologie seit Schleiermacher» (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p370#fn_n10">S. 370, Anm. 10</ref>), das Seminar «Calvin, Institutio Lib. III», die Dogmatische Sozietät «Luthers Großer Katechismus» und die «Übungen in der Predigtvorbereitung» (letztere nicht im Vorlesungsverzeichnis angekündigt). Dazu kam die vierstündige Vorlesung «<ref type="pub" target="../texts?facet-volume=09">Erklärung des Johannes-Evangeliums</ref>» als Ersatz für die von <persName ref="kbga-actors-367">K. L. Schmidt</persName> angekündigte Vorlesung «Johannesevangelium und Johannesbriefe».</note>
            </p>
        <p>Lieber <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>, ich danke dir von Herzen für dein Mitgehen und Mittragen. (In dem «dein» ist auch <persName ref="kbga-actors-1285">Marguerite</persName> mit eingeschlossen.) Und ich hoffe, dieser Brief sei dir nicht nur eine Zumutung, sondern sage dir auch ein wenig, wie vorbehaltlos ich dir vertraue.</p>
        <closer>
          <salute>Deine</salute>
          <signed><persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName></signed>
        </closer>
     <postscript>
        <p>Das <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>-Protokoll kommt in diesen Tagen.</p>
     </postscript>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
