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        <title type="volume" n="vol-34">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
        <title type="content">Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen</title>
        <title type="citation_line_1">Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen, 2. Juni 1933</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/34123 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935, hrsg. v. Algner, Caren (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2000, S. 417–423.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
          <title type="text">Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen</title>
          <author ref="kbga-actors-223">Kirschbaum, Charlotte von</author>
          <editor>Algner, Caren</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2000</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 417-423</biblScope>
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe V.34, Karl Barth - Eduard Thurneysen Briefwechsel Band III 1930-1935, letter 115</title>
          <author ref="kbga-actors-223">Kirschbaum, Charlotte von</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Kirschbaum, Charlotte von, Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen, 2. Juni 1933. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/21643">KBA 9270.586</ref>. </bibl>
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          <salute>Lieber <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>!</salute>
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        <p>Auf deinen Brief hatten wir sehr gewartet, und du sollst doch gleich ein Echo haben, ein vorläufiges, bis dann <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> einmal die Zeit findet, dir von Allem zu berichten. Also zunächst von uns beiden sehr herzlichen Dank für dein treues Begleiten, das trotz deiner vielen Arbeit nun in einem so guten Brief uns heute wieder ganz besonders spürbar hat werden dürfen. — Auch für die Beilagen danken wir dir. Die Briefe von <persName ref="kbga-actors-669">K. Lindt</persName> waren ja eher betrüblich, aber vielleicht gerade darin auch be<pb xml:id="p418" ed="pga" break="no"/>greiflich. <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> ist eben dabei, ihm mit ein paar Begleitzeilen noch die wichtigsten Stücke seiner Korrespondenz mit <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> aus den Ferien zuzuschicken<note xml:id="n01"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> legte seinem Brief an <persName ref="kbga-actors-669">K. Lindt</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="21640">2.6.1933</ref> Durchschläge «meiner von der Schweiz aus an <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> geschriebenen Briefe [vom <date when="1933-03-31">31.3.</date> und <date when="1933-04-05">5.4.1933</date>], und zwei in derselben Sache an <persName ref="kbga-actors-1269">Stoevesandts</persName> [wahrscheinlich vom <ref type="kba-objects-id" target="21438">22.4.</ref> und <ref type="kba-objects-id" target="21483">4.5.1933</ref> — ein Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="21471">2.5.1933</ref> ist nur an K. Stoevesandt gerichtet], einen an Mama [vom <date when="1933-04-23">23.4.</date>], und einen von <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName> an <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName>» bei.</note>, damit er aus etwas besserer Sachkenntnis vielleicht auch etwas verstehender mitgehen kann. —</p>
        <p>Wenn ich im Gegensatz zu deinem Brief mit dem «innersten Kreis» beginnen darf, so möchte ich dir dazu vor allem sagen, daß du wohl in der von dir angedeuteten Beurteilung unserer Lage auf der richtigen Spur bist. Ich glaube auch, daß der Weg, den wir noch vor ein paar Wochen für den allein möglichen hielten, uns, so wie die Dinge jetzt liegen, verwehrt ist. Und eben aus dem von dir ja ausgesprochenen Grunde, daß nämlich <persName ref="kbga-actors-26">N.</persName> ihn nicht so gehen kann, daß er zu <hi rend="italic">dem</hi> Weg würde, den <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> ja wesentlich um ihretwillen einschlagen wollte. Und nun gehen wir eben den alten und doch nicht mehr «alten» Weg weiter, darum nicht mehr, weil er ja wirklich nun noch unter einem etwas anderen Aspekt steht als vorher. Äußerlich scheint er fast etwas leichter geworden, obwohl auch da natürlich Vorsätze und Durchführung oft genug klaffen. Innerlich empfinde ich ihn als die traurigste Strecke unseres ganzen bisherigen Weges, da er unter dem Vorzeichen eines so völligen Mißverstehens steht, daß irgend eine konkrete Hoffnung wenigstens im Augenblick nicht mehr gegeben scheint. <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> formulierte es gestern dahin: «man hat jetzt eben auch noch aufgehört, miteinander zu kämpfen», m. a. W: eine wirkliche <hi rend="italic">Bewegung</hi> hat dieser Weg nicht mehr. Daß er trotzdem gegangen sein will, und zwar nicht in Auflehnung und Lieblosigkeit, sondern im Ertragen des Unerträglichen und in der Bereitschaft für den Anderen (oh <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>, das sind sehr schöne <hi rend="italic">Worte!</hi>), das weiß ich, auch wenn ich es nicht kann. Ich kann es nämlich nicht, sondern ich bin immer wieder in Auflehnung. <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> hat, nachdem <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> den Plan der Scheidung zurückzog, in völligem Mißverstehen dessen, was nun geschehen war und aus welcher Resignation heraus dieses Zurückziehen erfolgte, in einer erstaunlichen Unbekümmertheit damit gerechnet, daß es nun «leichter» geworden sei und daß wir unsererseits uns nun dankbar dazu stellen müßten, daß sie die Bereitschaft gefun<pb xml:id="p419" ed="pga" break="no"/>den habe, diesen Weg fortzusetzen. In dieser «Dankbarkeit» habe ich versagt (ich will jetzt nur von mir und nicht von <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> reden), und der Glaube an diese Bereitschaft hat mir gefehlt. Wie weit <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> das zu spüren bekam, weiß ich nicht, zu Gesprächen kam es nicht mehr. Aber das ist mir die schwere Frage, die jeden Morgen wieder neu da steht: Wird es nun für alle Zukunft wirklich sich nur mehr darum handeln können, in völliger Aussichtslosigkeit in einem äußeren Nebeneinander weiterzugehen, wobei das «Nebeneinander» zu dem vorhergehenden mühsamen und problematischen «Miteinander» ja ohne Zweifel eine gewisse Kraftersparnis bedeutet, die vor allem <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> dankbar empfindet? Vielleicht muß es jetzt so sein, und vielleicht ist das die Weisung aller dieser Ereignisse in den Ferien, daß wir nun <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> «innerlich» einfach ihren Weg ziehen lassen müssen in der ganzen Ärgerlichkeit, die das bedeutet, aber auch in der gewissen Erleichterung, es nun zu dürfen. So hat <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> es mir gestern erklärt, als ich ihm in einem etwas betrübten Augenblick die Frage stellte: «Siehst du noch einen Sinn in dem Ganzen?»</p>
        <p>Lieber <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>, ich weiß, daß du das alles nicht ohne Kopfschütteln wirst lesen können und dir denkst, daß diese ganze «Aufrechnung» ja gewiß stimmen mag, daß es ja aber jetzt eben um etwas unendlich viel Einfacheres gehen müßte, nämlich um das bißchen Liebe, das es brauchte, den Anderen auch in seiner nahezu totalen Rätselhaftigkeit und Andersartigkeit nun eben ein bißchen lieb zu haben. Und dieses unendlich viel Einfachere ist das, was nicht gelingt. Du mußt mir gar nichts dazu sagen. Ich sage mir selber Alles, Alles, was sich vielleicht überhaupt dazu sagen läßt, und dennoch: ich kann es nicht. Jeder Tag ist ein neuer Mißerfolg. Aber damit, daß ich das ausspreche, ist nichts geholfen. —</p>
        <p>Das ist der «innerste Kreis». — Und um ihn herum bewegt sich das ganze jetzt so ereignisreiche Leben, so weit es uns durch <persName ref="kbga-actors-2151">Karls</persName> Arbeit unmittelbar oder auch durch Nachrichten aus größerer und kleinerer Ferne mittelbar berührt. — Wir können es wirklich nur mit staunender Verwunderung hinnehmen, wie gut und kampflos sich bis jetzt Karls Schifflein seinen Weg durch die aufgeregten Wellen bahnen durfte und wie auch alle Versuche von außen (etwa durch die <orgName ref="kbga-actors-10458">Deutschen Christen</orgName><note xml:id="n02">Am <date when="1933-05-19">19.5.1933</date> war in der Bonner Zeitung ein gegen die (z. T. nur angeblich) der <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> nahestehenden bzw. angehörenden Dozenten <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <persName ref="kbga-actors-559">Fuchs</persName>, <persName ref="kbga-actors-192">Hölscher</persName>, <persName ref="kbga-actors-246">Lieb</persName>, <persName ref="kbga-actors-367">Schmidt</persName> und <persName ref="kbga-actors-431">Wolf</persName> gerichteter Leserbrief der deutschchristlichen «Landesleitung Rheinland und Saarland» erschienen, der auf eine Notiz der <orgName ref="kbga-actors-9933">Berliner Kreuzzeitung</orgName> vom <date when="1933-04-27">27.4.1933</date> Bezug nahm, in der der angebliche Wunsch nationalsozialistischer Kreise, <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nach <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> zu berufen, «außerordentlich» begrüßt wurde (Abdruck der am <date when="1933-04-29">29.4.</date> von der Bonner Zeitung nachgedruckten Notiz bei <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 3</bibl>). Die Professoren <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, Hölscher, Schmidt und Wolf ließen daraufhin eine (auf den <date when="1933-05-19">19.5.</date> datierte) Erklärung, die die zahlreichen irreführenden Angaben und Unterstellungen des Artikels richtigstellte, auf Beschluß der Fakultät über den Dekan <persName ref="kbga-actors-5324">Pfennigsdorf</persName> an Minister <persName ref="kbga-actors-347">Rust</persName> weiterleiten; Abschriften gingen an Rektor und Kurator der <orgName ref="kbga-actors-8226">Universität Bonn</orgName>, den Vorsitzenden des Fakultätentages der deutschen Evangelisch-theologischen Fakultäten, die Reichsleitung der Deutschen Christen und die Kirchenbehörden in Koblenz und Berlin. (Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6770">H. Faulenbach, <hi rend="italic">Heinrich Oberheids Examen …</hi>, a.a.O. [<ref type="pub" target="../volume/34/p401#fn_n02">S. 401, Anm. 2</ref>], S. 75f. und S. 92–94</bibl> [Abdruck des Leserbriefes dort S. 92f.]; <bibl corresp="kbga-bibls-106"><hi rend="italic">Prolingheuer</hi>, S. 3–5 [Teilabdruck des Leserbriefes dort S. 3f.].</bibl>) Auch auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gemünzt waren wohl Äußerungen des Landesobmanns der <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName>, Landrat <persName ref="kbga-actors-1711">Krummacher</persName>, in seinem Vortrag «Kirche und nationale Revolution» vor einer deutsch-christlichen Versammlung am <date when="1933-05-24">26.5.</date> in der Bonner Beethovenhalle: «Statt unsere christliche Zuverlässigkeit immer wieder zu verdächtigen, sollten gewisse kirchliche Kreise anerkennen, daß wir auch der religiösen Spielart des Marxismus den Garaus machen und für eine <hi rend="italic">Besetzung der theologischen Lehrstühle</hi> eintreten werden, die einen völkisch verantwortungsbewußten und zuverlässigen theologischen Nachwuchs garantiert» (Wiedergabe [Zitat?] in: <bibl corresp="kbga-bibls-7313"><hi rend="italic">Die Revolution des Geistes. Wuchtige Kundgebung der Deutschen Christen in Bonn</hi>, in: Westdeutscher Beobachter. Amtliches Organ der NSDAP
        [Ausgabe Bonn und Sieg], Jg. 9 [1933], Nr. 126 vom 31.5.1933, Lokalteil «Bonner Beobachter»</bibl>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-7314"><hi rend="italic">Die «Deutschen Christen» bekennen sich zu[r] nationalen Revolution</hi>, in: General-Anzeiger für Bonn und Umgegend, Jg. 44 [1933], Nr. 14641 vom 27.5.1933, S. 5</bibl>). Siehe auch oben <ref type="pub" target="../volume/34/p404#fn_n09">S. 404, Anm. 9</ref>.</note>) sein gutes Einvernehmen mit den Studenten nicht stören konn<pb xml:id="p420" ed="pga" break="no"/>ten. Jeden Morgen darf er, nachdem nun gerade «<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>» über die Bühne gegangen ist<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-34">Pr.Th., S. 379–424.</bibl></note>, vor einer großen, aufmerksamen Zuhörerschar die wirklich ganz besonders wichtige Johannes-Vorlesung vortragen, und Stahlhelmer und Nazis sitzen in ihren Uniformen da (an den Wänden hängen ihre Uniformsmützen!) und horchen und schreiben. Und im <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>seminar und in den Predigtübungen finden sie sich mehr oder weniger vollzählig auch wieder ein und lassen sich Dinge sagen, die mit dem <orgName ref="kbga-actors-8323">dritten Reich</orgName> gar herzlich wenig zu tun haben!! Vor den letzten Übungen hat <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> eine lange, sehr bedächtige und sehr eindrucksvolle kleine Ansprache an seine Studenten gehalten über die Pflichten des Theologiestudenten (zu denen er durchaus auch sich sel<pb xml:id="p421" ed="pga" break="no"/>ber rechne!) im Sommersemester 1933.<note xml:id="n04">Studentisches Protokoll dieser Ansprache vom <date when="1933-05-30">30.5.1933</date> abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-1186">Th.Ex.h. 1933, S. 10f.</bibl>
               </note> Den Anlaß dazu bot uns die jetzt so naheliegende Zerstreuung durch die Ereignisse auf politischem und kirchlichem Gebiet und eigentlich vor allem eine Bemerkung <persName ref="kbga-actors-275">Georgs</persName> in einem Brief an einen Studenten<note xml:id="n05">Brief <persName ref="kbga-actors-275">G. Merz</persName>’ an <persName ref="kbga-actors-1620">H. Gollwitzer</persName>, erwähnt in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an Merz vom <ref type="kba-objects-id" target="21628">31.5.1933</ref> (s. <ref type="pub" target="#fn_n06">Anm. 6</ref>).</note>, die einen kleinen Zweifel an der Bedeutsamkeit <hi rend="italic">theologischer</hi> Arbeit im gegenwärtigen Augenblick aufkommen ließ. <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> legte ihnen nahe, daß gerade jetzt nur ganz ernsthafte theologische Arbeit ein sinnvolles Tun sein könnte und daß ihre Mitarbeit am Aufbau ihres Volkes und ihrer Kirche nur da durch gehen könnte. Sie haben das gut begriffen, und ich habe manche dankbare Äußerung gehört über diesen Zuruf. Sie können einen ja wirklich dauern, diese armen jungen Leute, die von allen Seiten nur noch Losungen und Parolen zugerufen bekommen und jeder wirklichen Führung doch einfach weithin entbehren müssen. — Aus dem Brief an <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName> hast du wohl von den Vorgängen in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> gehört<note xml:id="n06">Dem Brief <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="21628">31.5.1933</ref> ist zu entnehmen, daß dieser <persName ref="kbga-actors-1620">Gollwitzer</persName> außer über die Einsetzung <persName ref="kbga-actors-4188">Vogelsangs</persName> auch Beunruhigendes über Vorgänge berichtet haben muß, die <persName ref="kbga-actors-431">E. Wolf</persName> und <persName ref="kbga-actors-367">K. L. Schmidt</persName> betrafen. Vgl. <ref type="pub" target="#fn_n09">Anm. 9</ref>.</note>, auch daß <persName ref="kbga-actors-184">Hirschs</persName> Schüler <persName ref="kbga-actors-4188">Vogelsang</persName><note xml:id="n07"><persName ref="kbga-actors-4188">Erich Vogelsang</persName> (1904–1944), 1926–1936 Privatdozent für Kirchengeschichte in Königsberg (Veranstaltungen im WS 1929/30 und 1933–1935), stellvertretender Leiter der ostpreußischen Deutschen Christen unter <persName ref="kbga-actors-289">L. Müller</persName>, dessen theologischer Vertrauensmann er war — er widmete Müller sein Buch
                            <bibl corresp="kbga-bibls-7315"><hi rend="italic">Luthers Kampf gegen die Juden</hi> (SGV 168), Tübingen 
                        1933</bibl> —, 1936 vertretungsweise, 1938–1944 o. Professor für Kirchengeschichte in Gießen. Als theologisch sachverständiger Referent war er 1933 für die Durchsetzung des «<bibl corresp="kbga-bibls-592">Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums</bibl>» an der Überprüfung und schließlich Entlassung <persName ref="kbga-actors-367">K. L. Schmidts</persName> beteiligt (<bibl corresp="kbga-bibls-3296">Bizer, S. 256</bibl>).</note> dort Ministerialrat geworden ist (<persName ref="kbga-actors-4462">Richter</persName> hat man unter übelsten Umständen an die Luft gesetzt<note xml:id="n08"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> schrieb <persName ref="kbga-actors-338">Werner Richter</persName> (1887–1960) — bis 1932 Ministerialdirigent im preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, 1932–1933 o. Professor für moderne deutsche Literaturgeschichte in Berlin — am <ref type="kba-objects-id" target="21629">31.5.1933</ref> einen Brief, in dem er sein Bedauern über dessen Entlassung ausdrückte und ihm sowohl für seine Bemühungen um Barth zu Beginn seiner akademischen Laufbahn als auch für seine Verdienste um die <orgName ref="kbga-actors-8207">Bonner Fakultät</orgName> dankte. Wahrscheinlich wußte Barth auch von der — nach einem Brief <persName ref="kbga-actors-367">K. L. Schmidts</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="21657">5.6.1933</ref> «vor kurzem» erfolgten — Beschlagnahme von Richters Briefwechsel (Abdruck von Schmidts Brief an den Bonner Universitätskurator Dr. <persName ref="kbga-actors-9565">Alfons Proske</persName> in: <bibl corresp="kbga-bibls-6770">H. Faulenbach, <hi rend="italic">Heinrich Oberheids Examen …</hi>, a.a.O., S. 76f.</bibl>; Zitat dort S. 77).</note>) und nun «Säuberungsarbeit» <pb xml:id="p422" ed="pga"/> an den Fakultäten vornehmen will. Das hat natürlich auch die Lage für <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> verändert. «Man» ist hier nicht gewillt, dieser Gewalt zu weichen, und eine Rettungsaktion für <persName ref="kbga-actors-367">Karl Ludwig</persName> wird bereits in die Wege geleitet.<note xml:id="n09">Am <ref type="kba-objects-id" target="21628">31.5.1933</ref> schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName>: Die «Mitteilungen [von Merz in seinem Brief an <persName ref="kbga-actors-1620">Gollwitzer</persName>] … über <persName ref="kbga-actors-4188">Vogelsang</persName>, <orgName ref="kbga-actors-8207">Bonner Fakultät</orgName> und <persName ref="kbga-actors-367">K. L. Schmidt</persName> im Besondern … haben hier … lebhafte Bewegung ausgelöst und insbesondere <persName ref="kbga-actors-431">Wolf</persName> und mich zu der Absicht veranlaßt, die Sache <foreign xml:lang="lat">quam celerrime</foreign> vor die Fakultät zu bringen. Wenn es sich wirklich so verhält, daß wir nun alle in die Hände des unverschämten Knaben Vogelsang gegeben werden sollen und daß er von seiner <foreign xml:lang="lat">exusia</foreign> solchen Gebrauch zu machen gedenkt, so wird man mindestens einen Teil unserer Fakultät in derselben Solidarität für K. L. Schmidt einstehen sehen, wie dies die <orgName ref="kbga-actors-8110">Marburger Fakultät</orgName> mit Erfolg für <persName ref="kbga-actors-433">Wünsch</persName> getan hat. Zur Unterlage einer darüber zu erzielenden totalen oder doch partiellen Einigkeit» bat Barth Merz um die öffentliche Wiederholung derselben Mitteilungen, da ein Brief an einen Studenten dafür nicht verwendbar sei (Abdruck kurzer Ausschnitte des Briefes von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in: <bibl corresp="kbga-bibls-6740">W. Koch, <hi rend="italic">Karl Barths erste Auseinandersetzung …</hi>, a.a.O. [<ref type="pub" target="../volume/34/p383#fn_n02">S. 383, Anm. 2</ref>], S. 501f.</bibl>). Unter Berufung auf die Vertraulichkeit der Angaben lehnte Merz die Bitte ab (Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="21649">3.6.1933</ref> an Barth). — Zur «Rettung» Schmidts war auf Anregung von <persName ref="kbga-actors-431">E. Wolf</persName> am 15.6. eine Fakultätssitzung einberufen worden, an deren Anfang Schmidt anwesend war und die Entwicklung bis zu seiner derzeitigen Beurlaubung darlegte. Über Wolfs am Ende der Sitzung gestellten Antrag, die Fakultät möge unter «Hinweis auf die ‹sich mehrende unsachliche und agitatorische Kritik Außenstehender›» feststellen, daß sie «einmütig zu allen ihren Berufungen stehe», im SS wieder vollzählig zusammenarbeiten wolle und die «Kritik und Agitation gegen Schmidt» als «haltlos» betracht, kam es nicht zur Abstimmung. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6770">H. Faulenbach, <hi rend="italic">Heinrich Oberheids Examen …</hi>, a.a.O., S. 79–81; Zitate dort S. 81</bibl>.</note> Davon schreibt <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> dir, wenn erst Alles etwas geklärter ist.— Auch das Bekenntnis unserer deutschen Kirche hast du gelesen und wohl auch gesehen, daß sie die hl. Schrift vergessen und Jesus Christus zum «Kämpfer» gemacht haben, während der heilige Geist etwas dürftig bedacht wurde.<note xml:id="n10">In dem am <date when="1933-05-27">27.5.1933</date> veröffentlichten sog. «Loccumer Manifest» — offiziell: «Kundgebung zur Gründung der Deutschen Evangelischen Kirche» — heißt es: «In fester Zuversicht blicken wir aber auf unsern Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, der für uns auf Erden gekämpft und gelitten hat, gestorben und auferstanden ist. In ihm haben wir Vergebung und Freiheit, Leben und Seligkeit. Gottes Heiliger Geist ist der Geist der Wahrheit und der Kraft. Er treibt uns als Glieder der Kirche Jesu Christi, in Wort und Wandel aller Orten Bekenner und Streiter unseres Heilandes zu sein, vor allem in Familie und Beruf, Volk und Vaterland» (abgedruckt bei <bibl corresp="kbga-bibls-74">Schmidt 1933, S. 153f. [Zitate dort S. 154]</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6771">H. A. Hesse, <hi rend="italic">Loccumer Pakt</hi>, in: RKZ, Jg. 83 (1933), S. 165f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1186">Th.Ex.h.
                            1933, S. 141f.</bibl>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-173">Scholder I, S. 410f.</bibl>). Das Manifest war das Ergebnis einer Klausurtagung des <orgName ref="kbga-actors-8422">Dreimännerkollegiums</orgName> im Kloster Loccum vom <date to="1933-05-20" from="1933-05-16">16. bis 20.5.1933</date>, an der neben dessen Mitgliedern <persName ref="kbga-actors-5289">Kapler</persName>, <persName ref="kbga-actors-265">Marahrens</persName> und <persName ref="kbga-actors-1044">Hesse</persName> auch der Bevollmächtigte <persName ref="kbga-actors-185">Hitlers</persName> und Führer der <orgName ref="kbga-actors-10458">Deutschen Christen</orgName> <persName ref="kbga-actors-289">Ludwig Müller</persName> teilnahm (zum Dreimännerkollegium s. unten <ref type="pub" target="../volume/34/p429#fn_n13">S. 429, Anm. 13</ref>; zur Tagung vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-173">Scholder I, S. 409–411</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-239">Meier I, S. 95</bibl>; zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> versuchter Einflußnahme vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1186">Th.Ex.h.
                            1933, S. 142–144</bibl>).</note> <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> hat noch sehr eindringlich versucht, via Hesse <pb xml:id="p423" ed="pga"/> einige Korrekturen anzubringen, aber es ist nicht mehr gelungen. Hingegen wurden seine 14 Düsseldorfer Thesen<note xml:id="n11">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-74"><hi rend="italic">Eine theologische Erklärung zur Gestalt der Kirche von Professoren, Pastoren, Ältesten und Diakonen im Rheinland. (Die sog. Düsseldorfer Thesen)</hi> vom 20.5.1933 (Abdruck bei <hi rend="italic">Schmidt 1933</hi>, S. 149f.)</bibl>; vgl. <ref type="pub" target="#fn_n12">Anm. 12</ref>.</note> grundlegend für das offizielle reformierte Bekenntnis<note xml:id="n12">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-74"><hi rend="italic">Elberfelder Thesen</hi> vom 4.6.1933 (Abdruck bei Schmidt 1933, S. 158–160).</bibl> Zur Vorgeschichte beider Bekenntnisse vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1186">Th.Ex.h. 1933, S. 93–96.</bibl>
               </note>. —</p>
        <p>Ach, ja <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName> … <foreign xml:lang="lat">parlez moi d’amour</foreign> …</p>
        <p>Grüße <persName ref="kbga-actors-1285">Marguerite</persName> und seid beide gegrüßt, herzlich und dankbar, von <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> und mir</p>
        <closer>
          <salute>Deine</salute>
          <signed><persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName></signed>
        </closer>
      <postscript>
        <p>Vom <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> geht dir nach <persName ref="kbga-actors-316">Ruedis</persName> Rückkehr eine Mappe mit Korrespondenzen zu, die dich, euch, gewiß auch interessieren.</p>
        <p>Alles Gute zur Vortragsreise!</p>
        <p>Lieber <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>, wir würden eine kleine «Kollekte» veranstalten zur Deckung der Reisekosten, wenn du, ach wenn du den <placeName ref="kbga-places-295">Rhein</placeName> nach nordwärts rührest und eines Abends in <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName></hi> ausstiegst. Kannst du nicht??</p>
      </postscript>
      </div>
    </body>
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</TEI>
