<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-34173">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-34">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
        <title type="content">Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen</title>
        <title type="citation_line_1">Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen, 26. Januar 1934</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/34173 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935, hrsg. v. Algner, Caren (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2000, S. 589–595.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/34173</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
          <title type="text">Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen</title>
          <author ref="kbga-actors-223">Kirschbaum, Charlotte von</author>
          <editor>Algner, Caren</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2000</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 589-595</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">173</biblScope>
        </bibl>
        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
        <bibl type="asp" xml:id="asp">
          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe V.34, Karl Barth - Eduard Thurneysen Briefwechsel Band III 1930-1935, letter 164</title>
          <author ref="kbga-actors-223">Kirschbaum, Charlotte von</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Kirschbaum, Charlotte von, Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen, 26. Januar 1934. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/23191">KBA 9234.30</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Kirschbaum, Charlotte von, Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen, 26. Januar 1934. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/23192">KBA 9270.617</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1934-01-26">26. Januar 1934</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>letter</term>
        </keywords>
      </textClass>
      <correspDesc>
        <correspAction type="sent">
          <persName ref="kbga-actors-223">Kirschbaum, Charlotte von</persName>
          <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName>
          <date when="1934-01-26">26. Januar 1934</date>
        </correspAction>
        <correspAction type="received">
          <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen, Eduard</persName>
          <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>
        </correspAction>
        <correspContext>
          <ref type="previous" target="kbga-texts-45144"/>
          <ref type="next" target="kbga-texts-34174"/>
          <ref type="previous-in-corresp" target="kbga-texts-34172"/>
          <ref type="next-in-corresp" target="kbga-texts-34182"/>
        </correspContext>
      </correspDesc>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-10-02T07:56:04+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-10-02T07:56:04+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="letter">
        <pb xml:id="p589" ed="pga"/>
        <opener><persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName>
          <dateline>
            <date when="1934-01-26">26. Januar 1934</date>
          </dateline>
          <salute>Lieber <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>!</salute>
        </opener>
        <p>Heute Nacht ist <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> aus <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> heimgekehrt. Da ihn hier bereits wieder eine Fülle von Arbeit erwartet, kann er nicht, wie er wohl wollte, dir selbst einen Bericht geben. Aber ich will versuchen, so gut es geht, dir auf Grund seiner Erzählungen die Berliner Tage zu schildern. — Am Dienstag Morgen, nach seiner Ankunft dort, versuchte er sofort <persName ref="kbga-actors-7138">Koopmann</persName>, den juristischen Vertreter der Reformierten Kirche, zu erreichen. Dies gelang nicht, statt dessen traf ein Telegramm von Koopmann, das zuerst noch hierher gekommen war, ein mit der Nachricht, daß er <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> erst abends 9 Uhr erwarte. <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>, im Vertrauen, daß also bis dahin keine entscheidenden Dinge vor sich gehen würden, begab sich zu Pfr. <persName ref="kbga-actors-202">Jacobi</persName> und mußte dort erfahren, daß Koopmann sehr wohl schon in Berlin und die entscheidenden Beratungen soeben wohl in Gang gekommen seien.<note xml:id="n01">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3115">Meiser, Aufzeichnungen I, S. 221–233</bibl>; ferner <bibl corresp="kbga-bibls-176">Scholder II, S. 54f.</bibl>
               </note> Er wußte <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> auch den Ort dieser Beratungen zu nennen (es war das Hospiz, in dem K. zuerst abgestiegen war), und dieser machte nun sofort kehrt, um sich auch noch an diesem Ort einzufinden. Er ließ sich durch eine Visitenkarte bei dem Vorsitzenden dieser Kirchenfürsten-Beratung melden (es war Bischof <persName ref="kbga-actors-271">Meiser</persName>!) und bei Koopmann. Dieser erschien und gab seinem Bedauern Ausdruck, daß er <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> leider jetzt nicht mehr einführen könne. <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>, guten Glaubens, daß die Dinge in Ordnung seien, ließ sich im Vestibül nieder und wartete. Nach und nach erschien bald dieser, bald jener der oben beteiligten bzw. zuhörenden Pfarrer, den die Kunde erreicht hatte: Karl Barth ist da! und <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> mußte zu seinem Erstaunen erfahren, daß noch eine ganze Reihe von Professoren oben anwesend seien, darunter auch <persName ref="kbga-actors-137">Friedrich Gogarten</persName>. Es wurde Mittag, und die Herren kamen herunter, sahen <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> an, Karl sah sie an, aber es ereignete sich nichts. Nach dem Mittagessen, das <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> mit einigen <orgName ref="kbga-actors-6086">Notbund</orgName>pfarrern einnahm, setzte er sich neuerdings bis zum Wiederbeginn der Sitzung ins Vestibül. Da ging die Tür auf, und Gogarten kam herein. <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> rief ihn an, er ließ sich neben Karl auf dem Sofa nieder mit der spitzen Bemerkung: Na, <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, hast du jetzt einen Dritten gefunden zum Skatspiel, den Prof. <persName ref="kbga-actors-431">Wolf</persName>? Es gab unter dem Zudrang sensationslüsterner Pfarrer, die alle von diesem Schauspiel ge<pb xml:id="p590" ed="pga" break="no"/>bannt stehen blieben, ein Gespräch, in dem Gogarten hartnäckig und pointiert die These vertrat, das Gesetz werde durch die Vernunft (die ratio!) erkannt, und in dem natürlich eine Einigung nicht im geringsten zu erzielen war. <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> war übrigens erwas erschüttert von dem veränderten Aussehen Gogartens, der nur mehr eine Ruine von ehedem sei. — Dann begann die Sitzung.<note xml:id="n02">Sitzungsbeginn war nach <persName ref="kbga-actors-271">Meisers</persName> Notizen um 19.00 Uhr (<bibl corresp="kbga-bibls-3115">Meiser, Aufzeichnungen I, S. 238</bibl>), nach Kl. Scholders Darstellung, die sich auf den hier abgedruckten Brief <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaums</persName> stützt, um 18.00 Uhr (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-176">Scholder II, S. 55f.</bibl>).</note> Karl ging hinein, wie wenn nichts wäre, setzte sich an einen Platz und steckte eine Pfeife an. Der Gegenstand der Besprechung war ein von <persName ref="kbga-actors-978">Fezer</persName> entworfenes und verlesenes Memorandum, das <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> bei der (übrigens um einen Tag verschobenen) Besprechung der 14 Männer in der Reichskanzlei übergeben werden sollte<note xml:id="n03"><persName ref="kbga-actors-7138">O. Koopmann</persName> hatte <persName ref="kbga-actors-978">Fezer</persName> vorgeschlagen, ein Memorandum zu verfassen, das <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> übergeben werden sollte; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3300">W. Niemöller, <hi rend="italic">Hitler und die evangelischen Kirchenführer</hi>, a.a.O., S. 25</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3115">Meiser, Aufzeichnungen I, S. 238, Anm. 1.</bibl>
               </note>; <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> war entsetzt sowohl über Inhalt als Haltung dieses Schriftstücks und gab dem unverhohlen Ausdruck. Fezer antwortete in unerträglich sophistischer Weise darauf (so als K. von der unwürdigen Haltung der Kirchenleute dem Staat gegenüber sprach: er müsse sehr bitten, er habe sich nie etwas vergeben, unter fortgesetzten Beteuerungen, was Unheueres er diesen Sommer durchgemacht habe!!), bis Karl schließlich ausrief: Ihr habt einen anderen Glauben, einen anderen Geist, einen anderen Gott!<note xml:id="n04"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zu <persName ref="kbga-actors-66">Martin Bucer</persName> im Marburger Religionsgespräch nach dem Bericht von <persName ref="kbga-actors-718">A. Osiander</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-1971">WA 30/3, 150,4-10</bibl>): «Also begeret <hi rend="italic">Putzer</hi>, er solt doch antzaigen, was Im misßfiel an Irer lere, sagt <hi rend="italic">Luther</hi>, ich bin euer herr nicht, euer Richter nicht, euer lerer auch nicht, so reymet unser gayst und euer gayst nichts zusamen, sonnder ist offenbar, das wir nicht ainerley gayst haben, denn das kann nicht ainerley gayst sein, da man an einem ort die wort Christi ainfeltigklich glaubt unnd am andern denselben glauben tadelt, widerfichtet, luegstraffet und mit allerley frefeln lesterworten antasstet.» — Die bekannte Formulierung steht in Luthers Brief an <persName ref="kbga-actors-7697">Jakob Propst</persName> in <placeName ref="kbga-places-177">Bremen</placeName> vom <date when="1530-06-01">1.6.1530</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.Br. 5, 340, 52-54</bibl>): «<foreign xml:lang="lat">Summo Studio et contentione egerunt, ut viderentur nobiscum concordes, ita ut hanc vocem nunquam ex me possent ferre: Vos habetis alium spiritum quam nos.</foreign>» — Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5552"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Eigenbericht in: <hi rend="italic">Gottes Wille und unsere Wünsche</hi>, a.a.O. S. 4 (<ref type="pub-" target="52007">Vorwort</ref>)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3115">Meiser, Aufzeichnungen I, S. 238 mit Anm. 2.</bibl>
               </note> — Das schlug wie eine Bombe ein. Wüster Tumult entstand. Fezer erbleichte und war der Ohnmacht nahe, wieder Andere schrieen: ob das Ernst sei (darunter Gogarten!), wieder Andere <pb xml:id="p591" ed="pga"/> wollten das Lokal verlassen (so <persName ref="kbga-actors-1398">Rückert</persName><note xml:id="n05"><persName ref="kbga-actors-1197">Hanns Rückert</persName> (1901–1974), 1931–1966 o. Professor für Kirchengeschichte in Tübingen.</note>), wieder Andere wollten <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> rausschmeißen, wieder Andere ihn zur Zurücknahme dieses Wortes veranlassen unter Beschwörungen der christlichen Liebe. Als wieder etwas Ruhe herrschte, ergriff Karl neuerdings das Wort und sagte: Natürlich sei ihm das Ernst. Das sei die Situation zwischen ihm und den <orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName> Das sage er seit dreiviertel Jahren in seinen Schriften. Bischof <persName ref="kbga-actors-271">Meiser</persName> stöhnte, das sei das Ende der evangelischen Kirche<note xml:id="n06">Nach der Niederschrift von Dr. iur. <persName ref="kbga-actors-7221">H. Meinzolt</persName> sagte <persName ref="kbga-actors-271">Meiser</persName> auf <persName ref="kbga-actors-978">Fezers</persName> Frage an ihn als den Versammlungsleiter, «ob er es geschehen läßt, daß das Wort <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> gesagt bleibt, oder ob er bereit ist, die Glaubensgemeinschaft mit uns zu halten»: «Ich wiederhole, daß ich das Wort <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> bedaure. Ich rücke für meine Person von diesem Wort ab. Die Schrift <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> ist ein Beitrag zur Klärung; aber was hilft uns das rein theologisch Gesagte in unserer konkreten Entscheidung? Die Schrift <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> hat der gegebenen Situation nicht das nötige Verständnis entgegengebracht. Auch heute hilft es uns nichts, wenn wir uns theologisch verketzern, sondern wir müssen als Kirchenführer eine Entscheidung treffen. Wenn wir sie so treffen, wie sie Prof. Barth meint, dann sage ich: <foreign xml:lang="lat">finis ecclesiae</foreign>. Theologische Kämpfe sind immer dadurch entschieden worden, daß man miteinander im Gespräch geblieben ist und die Gemeinschaft aufrechterhalten hat. Es war uns ein Erlebnis, daß wir uns mit den Reformierten in einem gemeinsamen Wollen zusammengefunden haben. Wir sind dadurch zu seinem [sic] wirklichen <foreign xml:lang="lat">corpus christianum</foreign> geworden. In dieser Stunde alles niederlegen und die Dinge treiben lassen, müßten wir als ein Verbrechen vor Gott ansehen. Ich bitte also diese Gemeinschaft, die wir erlangt haben, nicht zerbrechen zu lassen, sondern wir wollen zu Gott vertrauen, daß er uns in aller Wahrheit leiten werde … Wir müssen an dem Memorandum festhalten; die Verantwortung dafür übernehme ich. Das, was wir dem <persName ref="kbga-actors-185">Kanzler</persName> zu sagen haben, kann ihm gesagt werden, ohne daß das Bekenntnis verletzt wird. Ich bitte <persName ref="kbga-actors-978">Fezer</persName>, <persName ref="kbga-actors-7158">Lauerer</persName> und <persName ref="kbga-actors-1873">Schöffel</persName> je einen Memorandumentwurf zu verfassen!» <bibl corresp="kbga-bibls-3115">Meiser, Aufzeichnungen I, S. 238f., Anm. 2.</bibl>
               </note>, und unser zweiter Landsmann <persName ref="kbga-actors-7158">Lauerer</persName><note xml:id="n07"><persName ref="kbga-actors-7158">Hans Lauerer</persName> (1884–1953), 1918–1936 Rektor der Diakonissenanstalt Neuendettelsau. Die Berufung zum lutherischen Geistlichen Minister durch <persName ref="kbga-actors-289">L. Müller</persName> am <date when="1933-12-02">2.12.1933</date> hatte er abgelehnt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-173">Scholder I, S. 724</bibl>. Zu seinen Ambitionen auf einen Sitz im «Kompromißkabinett» vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p584#fn_n04">S. 584, Anm. 4</ref>.</note> aus Neuendettelsau sagte wimmernd: «Nun ist alles aus. Nun können wir kein Memorandum machen und können morgen nicht zu Hitler gehen. Und ich kann auch nicht geistlicher Minister werden.» — Man trennte sich ohne Resultat. Fezer versprach, daß ihm vielleicht über Nacht ein besseres Memorandum einfalle. Karl hat dann auf seinem Zimmer selbst noch ein Schriftstück verfaßt<note xml:id="n08">Entwurf eines Briefes an den Reichskanzler vom <ref type="kba-objects-id" target="23180">24. Januar [1934]</ref>, Durchschlag im Karl Barth-Archiv; Abdruck in: <bibl corresp="kbga-bibls-3300">W. Niemöller, <hi rend="italic">Hitler und die evangelischen Kirchenführer</hi>, a.a.O., S. 27, Anm. 30.</bibl></note>, das ich <pb xml:id="p592" ed="pga"/> dir beilege und das er den Anderen noch in maschinenschriftlicher Ausfertigung zukommen ließ.</p>
        <p>Andern Tages fand am Vormittag eine Beratung der Reformierten unter sich statt: <persName ref="kbga-actors-7138">Koopmann</persName> (von dem übrigens noch zu sagen ist, daß er K. in der Sitzung schmählich im Stich gelassen [hatte], ja ihm sogar in den Rücken gefallen war mit der Erklärung: für die Reformierten sei nur er autorisiert zu sprechen!!), D. <persName ref="kbga-actors-1044">Hesse</persName>-Elberfeld, Landessuperintendent <persName ref="kbga-actors-5282">Hollweg</persName>-Aurich<note xml:id="n09">Dr. theol. et phil. <persName ref="kbga-actors-5282">Walter Hollweg</persName> (1883–1974), 1927–1951 Landessuperintendent der Evangelisch-reformierten Kirche in Nordwestdeutschland, 1939 zugleich Präsident des Landeskirchenrates in Aurich.</note>, <persName ref="kbga-actors-1901">Udo Smidt</persName>, der fürs Geistliche Ministerium genannt wird<note xml:id="n10"><persName ref="kbga-actors-1901">Udo Smidt</persName> (1900–1978), seit 1930 Reichswart des Bundes Deutscher Bibelkreise, 1934–1951 Pfarrer in Bremerhaven-Lehe und zugleich nebenamtlich Jugendpfarrer der Evangelisch-Reformierten Kirche in Nordwestdeutschland, 1958–1970 Landessuperintendent der Lippischen Landeskirche. Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p584#fn_n04">S. 584, Anm. 4</ref>.</note>, und Karl. Diese Fünf vereinbarten, daß sie sich nicht beteiligen wollten an dem nun auf diese Weise geplanten Geistlichen Ministerium. Udo Smidt fiel dann aber nach einem Gespräch mit Prof. <persName ref="kbga-actors-40">Beyer</persName><note xml:id="n11"><persName ref="kbga-actors-40">Hermann Wolfgang Beyer</persName> (1898–1943), 1926–1936 o. Professor für Kirchengeschichte und christliche Archäologie in Greifswald, 1936–1939 für Neues Testament in Leipzig, 2.12.1933-5.1.1934 (Rücktritt) unierter Minister im Geistlichen Ministerium (kommissarische Weiterführung des Amtes bis 21.1.).</note> (er ist noch ein junger Mann) wieder um und erklärte sich doch bereit, ließ sich von Karl wieder ermahnen und ins Gewissen sprechen, um dann, Karl hörte dies unmittelbar vor seiner Abreise, ein zweites Mal umzufallen!!<note xml:id="n12">Nach Informationen <persName ref="kbga-actors-1044">H. A. Hesses</persName> hatte sich <persName ref="kbga-actors-1901">Smidt</persName> zuvor kritisch über <persName ref="kbga-actors-40">Beyer</persName> geäußert: «Udo Smidt hat kürzlich gerade Professor Beyer als einen Mann bezeichnet, auf den gar kein Verlaß sei, und wenn ausgerechnet solch ein Mann übernommen würde, so würde dem Verderben Tür und Tor geöffnet.» Doch seine Haltung galt nicht bei allen als gesichert: «Es war bezeichnend, daß die Meinung aufkam, Udo Smidt würde etwa um des Jugendwerkes willen ja sagen. Ich glaube das aber nicht und entnehme vielmehr gern aus letzten Äußerungen von ihm, daß er viel eher dazu raten würde, in solch Kompromißkabinett überhaupt keinen Reformierten gehen zu lassen.» (Brief <persName ref="kbga-actors-1044">H. A. Hesses</persName> an <persName ref="kbga-actors-7138">Koopmann</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="23164">22.1.1934</ref>, Durchschlag als Beilage zu einem Brief Hesses an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="23161">22.1.1934</ref> im Karl Barth-Archiv).</note> — Nachmittags hatte Karl Einzelgespräche mit <persName ref="kbga-actors-224">Kit<pb xml:id="p593" ed="pga" break="no"/>tel</persName><note xml:id="n13"><persName ref="kbga-actors-224">Gerhard Kittel</persName> (1888–1948), 1926–1939 und 1943–1948 Professor für Neues Testament in Tübingen, 1939–1943 in Wien.</note> und <persName ref="kbga-actors-271">Meiser</persName> und hatte von beiden sehr traurige Eindrücke. Kittel sei wie <persName ref="kbga-actors-978">Fezer</persName>, <persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName>, <persName ref="kbga-actors-378">Schumann</persName> und alle diese Leute einfach wie in einem Fieberzustand und könne theologisch keinen klaren Satz zur Begründung seiner <orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName>-Sache bringen. Meiser hingegen ist erfüllt von zitternder Angst vor dem Schisma und hat Karl die ja fast rührende Frage vorgelegt: Wie man es denn auch nur machen solle, diese Gegensätze in der Kirche zu vereinigen, Gegensätze wie die zwischen den Barmern und etwa <persName ref="kbga-actors-232">Krause</persName>? Worauf K. nur sagen konnte: «Das soll man eben <hi rend="italic">nicht</hi> machen!» — Am Abend hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> dann eine schöne Bibelstunde bei <persName ref="kbga-actors-87">Dehn</persName> miterlebt.</p>
        <p>Auf Donnerstag Mittag war der Empfang der 14 in der Reichskanzlei vorgesehen. K. wollte diesen Akt eigentlich nicht mehr abwarten, sondern abreisen. Er war gerade nach den vorangegangenen Gesprächen zu überzeugt davon, daß diese Sache nicht mehr aufzuhalten sei und sich wie eine Krankheit zu Ende rasen müsse und daß es besser sei, inzwischen Gewehr bei Fuß auf seinem Posten zu stehen. Er ließ sich dann aber doch überreden, noch zu bleiben, da <persName ref="kbga-actors-1953">Otto Weber</persName>, einer der 14, ihn nach dem Empfang bei <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> noch sprechen wollte. Das geschah dann auch. Es war wieder einmal sehr, sehr anders, als die Herren es sich gedacht hatten.<note xml:id="n14">Zum Kanzlerempfang am <date when="1934-01-25">25.1.1934</date> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3300">W. Niemöller, <hi rend="italic">Hitler und die evangelischen Kirchenführer</hi>, a.a.O., S. 32–37</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-169">Gauger I, S. 136.138</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-176">Scholder II, S. 57– 61</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-239">Meier I, S. 162f.</bibl>
               </note> Sie wurden stehend von Hitler, <persName ref="kbga-actors-5705">Göring</persName> und <persName ref="kbga-actors-987">Frick</persName> empfangen, Hitler ignorierte das Memorandum völlig, und Göring ergriff das Wort und ließ eine Flut von Vorwürfen über die versammelten Pfarrer, Professoren und Bischöfe ergehen ob ihres Verhaltens der Regierung gegenüber. <persName ref="kbga-actors-300">Niemöller</persName> wurde angefahren, weil er vor einer Stunde (!) eine despektierliche Äußerung über Hitler getan habe<note xml:id="n15">Zu Beginn des Kanzlerempfangs verlas <persName ref="kbga-actors-5705">H. Göring</persName> die Mitschrift eines am Vormittag desselben Tages (knapp drei Stunden zuvor) abgehörten Telephongespräches. Laut der Mitschrift (<bibl corresp="kbga-bibls-176">Faksimile bei Scholder II, S. 58</bibl>) hatte <persName ref="kbga-actors-300">Niemöller</persName> in seinem Gespräch mit <persName ref="kbga-actors-6029">W. Künneth</persName> u. a.  gesagt: «Der Reichspräsident empfängt <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> in seinem Ankleidezimmer. Die letzte Ölung vor der Besprechung!» Der Ausdruck von der letzten Ölung war, als Niemöller nach einer Formulierung suchte, von einem anderen der im Raum Anwesenden eingeworfen worden, wahrscheinlich von <persName ref="kbga-actors-6924">Ernst Eisenhardt</persName> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3300">W. Niemöller, a.a.O., S. 38, Anm. 44</bibl>).</note> (Du <pb xml:id="p594" ed="pga"/> siehst, <hi rend="italic">diese</hi> Tscheka arbeitet vielleicht doch <hi rend="italic">noch</hi> besser als unsere!!)<note xml:id="n16"><persName ref="kbga-actors-5705">H. Göring</persName>, dem der gesamte preußische Polizeiapparat unterstand, hatte am <date when="1934-01-20">20.1.1934</date> nach einem Gespräch mit <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> die <orgName ref="kbga-actors-8298">Geheime Staatspolizei</orgName> angewiesen, kirchenpolitisch belastendes Material zusammenzutragen, und das geheime sogenannte Forschungsamt mit der Überwachung von <persName ref="kbga-actors-300">Niemöllers</persName> Telephon beauftragt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-176">Scholder II, S. 51f</bibl>; zu «Tscheka» vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p555#fn_n07">S. 555, Anm. 7</ref>. — Daß <persName ref="kbga-actors-289">L. Müller</persName> die Gestapo gegen den <orgName ref="kbga-actors-6086">Notbund</orgName> mobilisiert hatte, wußte die kirchliche Opposition bereits seit dem 8. Januar; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6921">W. Conrad, <hi rend="italic">Der Kampf um die Kanzeln. Erinnerungen und Dokumente aus der Hitlerzeit</hi>, Berlin
                            1957, S. 63</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3115">Meiser, Aufzeichnungen I, S. 187.210, Anm. 11</bibl>;<bibl corresp="kbga-bibls-321"> Schneider, S. 185.</bibl>
               </note> und anderes mehr. Niemöller brach dann seinerseits los, schrie Hitler an (er war doch nicht umsonst U-Bootkommandant gewesen), Hitler schrie ihn wieder an, die Anderen vermittelten, und schließlich wurden alle sehr ungnädig entlassen von Hitler mit der Androhung, wenn nicht bald Frieden wäre in der evangelischen Kirche, würde der Schlag erfolgen, von dem er seine Partei und die Parteipresse nur mit Mühe zurückhalte. Und: <persName ref="kbga-actors-289">Müller</persName> habe er nicht eingesetzt und denke darum auch nicht daran, ihn abzusetzen! — Da standen sie nun, die Leutlein.</p>
        <p>Was nun werden soll, weiß kein Mensch. Karl meint, es müsse noch viel schlimmer kommen und alles noch viel mehr verfahren, bis vielleicht Hoffnung auf eine neue Besinnung bestehen könne. Von den dort versammelten Führern erwartet er insgesamt <hi rend="italic">nichts</hi>. Unter den Pfarrern traf er manche Getreue, und besonders günstigen Eindruck machte ihm Prv. Dozent <persName ref="kbga-actors-1672">Iwand</persName>-Königsberg<note xml:id="n17"><persName ref="kbga-actors-1672">Hans Joachim Iwand</persName> (1899–1960), seit 1927 Privatdozent in Königsberg, 1934–1935 Professor für Neues Testament am Herderinstitut in Riga, Vorsitzender des ostpreußischen Bruderrates, 1935–1937 Direktor des ostpreußischen Predigerseminars der dortigen Bekenntnissynode in Blöstau, dann Pfarrer in Dortmund, 1945–1952 o. Professor für Systematische Theologie in Göttingen, 1952 - 1960 in Bonn.</note>. Aber aufs Ganze gesehen, kann er sich doch nur bekümmert schütteln im Gedanken an diese Vorgänge und Gespräche und versteht <persName ref="kbga-actors-7588">Bodelschwingh</persName>, der jedesmal, wenn er von <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> wieder fortdarf, sagen soll: <q rend="block">
                        <lg>
                            <l xml:space="preserve">«Gott wird mich aus der Höhle</l>
                            <l xml:space="preserve">Da mich der Kummer plagt,</l>
                            <l xml:space="preserve">Mit großer Gnade rücken…»<note xml:id="n18"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-50">Aus der 6. Strophe des Liedes «Befiehl du deine Wege» von P. Gerhardt (EG 361; RG 680)</bibl>.</note></l>
                        </lg>
                    </q>
            </p>
        <p>Ja, es ist doch sehr schlimm, und es ist so gut, daß <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> sich nicht endgültig müde machen läßt, sondern nach einem erquickenden <pb xml:id="p595" ed="pga"/> Schlummer schon wieder an seinem Vorwort zu Heft 7<note xml:id="n19">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p571#fn_n05">S. 571, Anm. 5</ref>.</note> sitzt. Ganz umsonst wird das ja schon nicht sein. — — Pfr. <persName ref="kbga-actors-202">Jacobi</persName> hat am letzten Sonntag nach seiner Predigt bei der Abendmahlsaufforderung gesagt: Ich lade die Bekenntnistreuen zum Abendmahl ein! — Daraufhin rückten ihm am Dienstag Abend 5 Kerle in die Wohnung, schlugen ihn nieder und verprügelten ihn.<note xml:id="n20">Am <ref type="kba-objects-id" target="23285">7.2.1934 </ref>schrieb <persName ref="kbga-actors-202">G. Jacobi</persName> an <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName> auf eine briefliche Erkundigung hin: «Ich danke <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> und Ihnen sehr herzlich für Ihre freundliche Nachfrage. Die Sache war wohl schlimmer, als wir im Anfang dachten. Ich muß ungefähr drei Wochen lang ganz aussetzen und meist liegen. … Sonntag über acht Tage gedenke ich aber wieder zu predigen. Im übrigen lese ich <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> 118. Psalm. Da steht alles drin, was man heute für sich selber braucht, und auch das, was für die Kirche nötig ist. … Die Predigt, auf die hin der Überfall erfolgt ist, würde ich Ihnen gern einmal zur Durchsicht senden.»</note> Wir haben noch nichts wieder gehört, wie es ihm geht. — <persName ref="kbga-actors-300">Niemöller</persName> hat auch <hi rend="italic">das</hi> <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> entgegengeschrieen! —</p>
        <p>Der Vorgang in <placeName ref="kbga-places-61">Tübingen</placeName> mit <persName ref="kbga-actors-858">Karl Adam</persName><note xml:id="n21"><persName ref="kbga-actors-858">Karl Adam</persName> (1876–1966), 1919 o. Professor für katholische Dogmatik in Tübingen. — Nach Erscheinen eines Artikels im <bibl corresp="kbga-bibls-6922">NS-Kurier Stuttgart vom <date when="1934-01-22">22.1.1934</date>, der unter der Schlagzeile «Hetze gegen die Deutschen Christen. Herausfordernde Haltung uniformierter katholischer Jugendorganisationen»</bibl> über eine Festrede Adams am Vortag in Stuttgart berichtete, kam es von Seiten der Tübinger nationalsozialistischen Studentenschaft zu z. T. bedrohlichen Aktionen gegen Adam und zu einer Rüge durch das Kultusministerium. Bemühungen um seine Rehabilitierung blieben trotz der Einschaltung höchster Instanzen erfolglos. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-176">Scholder II, S. 140–142</bibl>.</note> beschäftigt uns sehr. Was wird noch alles werden? — Aber ich muß aufhören. Wir haben Sozietät und gehen zu <persName ref="kbga-actors-1282">Thomas</persName> und <persName ref="kbga-actors-920">Bonaventura</persName>. Die wußten auch vom Jahr 1933 noch nichts!! — <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> läßt dich herzlich grüßen.</p>
        <closer>
          <salute>Deine, eure</salute>
          <signed><persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName></signed>
        </closer>
      <postscript>
        <p>Das Memorandum folgt!<lb/> Bitte auch an <persName ref="kbga-actors-316">Ruedi</persName>!</p>
      </postscript>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
