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        <title type="volume" n="vol-34">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
        <title type="content">Karl Barth an Eduard Thurneysen</title>
        <title type="citation_line_1">Karl Barth an Eduard Thurneysen, 24. Dezember 1934</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/34233 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935, hrsg. v. Algner, Caren (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2000, S. 792–813.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
          <title type="text">Karl Barth an Eduard Thurneysen</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Algner, Caren</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe V.34, Karl Barth - Eduard Thurneysen Briefwechsel Band III 1930-1935, letter 225</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <opener><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
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          <salute>Lieber <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>!</salute>
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        <p>Gruß zuvor und eine fröhliche und gesegnete Weihnacht! Die schwierigen Zeiten und Umstände, in denen wir uns befinden, haben es ja wirklich an sich, daß man immer besser versteht, daß und warum Alles so sein muß, wie es in der Bibel geschrieben steht, und wenn dazu auf der einen Seite das bedrängte Geschrei etwa in den Psalmen gehört, so doch auf der anderen noch viel mehr das Lob Gottes aus dem Munde der himmlischen Heerscharen <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.14">Luk. 2[,14]</ref>. Und also und in dieser Bekräftigung kann und soll nun erst recht Weihnacht gefeiert werden als Etappe auf einem Weg, der wunderlich, aber friedlich, gänzlich unübersichtlich, aber auch ganz bestimmt jenseits von allem Bitten und Verstehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.3.20">Eph. 3,20</ref>] einem guten und lichten Ziel entgegenführt.</p>
        <p>Ich habe dir wohl seit der Suspension noch gar nicht geschrieben, obwohl ich doch Anlaß hatte, dir für so manches gute Wort und für so Vieles, was du dort in meiner Sache getan hast, sehr dankbar zu sein. Entnimm daraus nur, daß ich eben in dieser Zeit trotz des Wegfalls der Kollegarbeit fast noch mehr als sonst in Anspruch genommen war. Es <pb xml:id="p793" ed="pga"/> ist wirklich schade, daß ich seit dem Oktober, da ich das letzte Mal aus der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> zurück kam, nicht Tagebuch geführt habe, denn es drängte und drängt wirklich Eines das Andere. Nachträglich sieht es sich nun an wie ein einziger Wogenschwall von Diskussionen, Telephongesprächen, Stößen von Briefen, Eisenbahnfahrten usw., der sich als Ganzes nur schwer rekonstruieren läßt. Zumal ja Alles im Fluß ist und weiter und weiter bedacht, besprochen und behandelt sein will, wie es eben von jedem Tag herbeigebracht wird.</p>
        <p>So will ich dir nur ein wenig von der letzten Woche schreiben. Die Gerichtssitzung samt Absetzung am Mittwoch war darin ja nur ein Ereignis unter anderen, von denen jedes seine besondere Aufmerksamkeit forderte. Am Sonntag vor 8 Tagen wurde ich zu einer Tagung der (mit den gleichnamigen Schweizern nicht zu verwechselnden) <orgName ref="kbga-actors-6005">Jung-Reformierten</orgName> in <placeName ref="kbga-places-129">Düsseldorf</placeName> gerufen.<note xml:id="n01"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> war am <date when="1934-12-11">11.12.1934</date> von dem Arzt <persName ref="kbga-actors-6747">H. Alvermann</persName> — einem der vier Nicht-Theologen unter den 14 Unterzeichnern der Düsseldorfer Thesen vom <date when="1933-05-20">20.5.1933</date> — im Namen zweier weiterer Mitglieder um «beratende Teilnahme» an dem Treffen des «Jungreformierten Freundeskreises» vom <date when="1934-12-16">16.12.</date> gebeten worden. Bei der geplanten Aussprache solle geklärt werden, ob die seit Beginn des Kirchenkampfes bestehende Spaltung des Kreises, die eine gemeinsame theologisch fruchtbare Arbeit unmöglich mache, in bereits vorher unerkannt vorhandenen theologischen Differenzen begründet sei und wie man gegebenenfalls «wieder zu der Einheit im Bekenntnis und im Bekennen» zurückfinden könne, «um gemeinsam wieder an die eigentliche sachliche Arbeit gehen zu können». Zu dem Treffen am 16.12. vgl. die Notiz in: <bibl corresp="kbga-bibls-5116">RKZ, Jg. 84 (1934), S. 439.</bibl> — Zu den schweizerischen «Jungreformierten» vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p040#fn_n08">S. 40, Anm. 8</ref>.</note> Im reformierten Lager ist ja eben auch Alles in Bewegung, und es galt dort einerseits den an der Tagung in <placeName ref="kbga-places-748">Detmold</placeName> — ich weiß nicht, ob du diese Dinge verfolgt hast — gewonnenen Ansatz zu behaupten, andererseits unnötige Spaltungen zu verhindern. Ein Stück weit ging Alles gut, aber als ich dann abends sieben Uhr wegen anderweitiger Beschäftigung das Lokal verlassen mußte, haben die Leute — ich mußte an die Geschichte von Konrad dem Daumenlutscher<note xml:id="n02">Figur aus dem Kinderbuch <bibl corresp="kbga-bibls-3159">«Der Struwwelpeter» von <persName ref="kbga-actors-7071">Heinrich Hoffmann</persName></bibl>. Trotz Verbots steckt Konrad sofort, als die Mutter aus dem Haus geht, seinen Daumen in den Mund.</note> denken — hinter meinem Rücken sofort wieder Dummheiten beschlossen. Das ist immer das Bild, <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>! Man kann darob immer aufs neue verzweifeln und muß sich dann immer aufs neue wieder mit Geduld wappnen. Am Montag darauf war Sitzung des <orgName ref="kbga-actors-8343">refor<pb xml:id="p794" ed="pga" break="no"/>mierten Moderamens</orgName> in <placeName ref="kbga-places-197">Elberfeld</placeName>, das seit <placeName ref="kbga-places-748">Detmold</placeName> wieder fester im Sattel sitzt und einen ganz ordentlichen Aufruf an alle reformierten Gemeinden herausbrachte, aber auch schwierige Personalfragen zu klären wenigstens versuchen mußte.<note xml:id="n03">In der auf der Hauptversammlung des <orgName ref="kbga-actors-4134">Reformierten Bundes</orgName> am 29./30.11. in <placeName ref="kbga-places-748">Detmold</placeName> (vgl. oben <ref type="pub" target="34225#fn_n02">S. 763f., Anm. 2</ref>) beschlossenen Erklärung hatte der Bund in Anschluß an die Beschlüsse von <placeName ref="kbga-places-162">Barmen</placeName> und <placeName ref="kbga-places-804">Dahlem</placeName> seine Mitglieder aufgefordert, «sich von jeder Zusammenarbeit mit dem falschen, deutsch-christlichen Kirchenregiment zurückzuziehen», auf die Sammlung der Reformierten als besondere Aufgabe des Bundes hingewiesen und abschließend erklärt: «Wir halten es um der Arbeitsfähigkeit des <orgName ref="kbga-actors-8343">Moderamens</orgName> willen für nötig, daß ihm nur solche Männer angehören, die diese Beschlüsse billigen und durchzuführen bereit sind» (<bibl corresp="kbga-bibls-74">Abdruck bei Schmidt 1934, S. 177</bibl>). Die darauf folgenden Auseinandersetzungen führten kurz vor der Dezembersitzung zum Austritt <persName ref="kbga-actors-5282">Hollwegs</persName> und <persName ref="kbga-actors-927">Bredts</persName> aus dem Moderamen und dem <orgName ref="kbga-actors-4134">Reformierten Bund</orgName> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-244">S. Lekebusch, <hi rend="italic">Die Reformierten im Kirchenkampf …</hi>, a.a.O. [<ref type="pub" target="../volume/34/p438#fn_n06">S. 438, Anm. 6</ref>], S. 218f.</bibl>) Am <date when="1934-12-17">17.12.1934</date> fand in <placeName ref="kbga-places-197">Elberfeld</placeName> eine Moderamenssitzung statt, zu der die dem Detmolder Beschluß kritisch gegenüberstehenden Mitglieder <persName ref="kbga-actors-6658">Langenohl</persName> und <persName ref="kbga-actors-1107">Lang</persName> nicht erschienen. Behandelt wurden die Tagesordnungspunkte: «1. Erklärungen der Moderamensmitglieder zum Detmolder Beschluß», «2. Rundschreiben an die Reformierten in Deutschland auf Grund des Detmolder Beschlusses», «3. Stellungnahme zur Eidesfrage» und «4. Stellung zum <orgName ref="kbga-actors-8355">Vorläufigen Kirchenregiment</orgName>». Das verabschiedete Rundschreiben (Punkt 2) empfahl im Anschluß an die Dahlemer Botschaft ein Abrücken von jeder Zusammenarbeit mit den deutsch-christlichen Behörden, aber auch eine abwartende Haltung gegenüber der <orgName ref="kbga-actors-8355">Vorläufigen Kirchenleitung</orgName>, und schloß mit der Bitte an alle evangelischen Gemeinden der Deutschen Evangelischen Kirche, «die sich heute auf ihre reformierte Herkunft besinnen oder die heute zu ihrer reformierten Verantwortung aufwachen und die im <bibl corresp="kbga-bibls-439">Heidelberger Katechismus</bibl> das für sie richtunggebende Glaubenszeugnis der Väter sehen, sich dem <orgName ref="kbga-actors-4134">reformierten Bund</orgName> für Deutschland anzuschließen» und in und mit ihm zur Verantwortung der nach Gottes Wort reformierten Kirche in Deutschland aufzurufen (<ref type="archival">Rundschreiben und Protokoll der Moderamenssitzung [im Protokollbuch des Moderamens 1933–1938] im Landeskirchlichen Archiv Detmold</ref>).</note> Holla, das ist eine Sache, in einer solchen Zeit auch nur eine Sache wie den <orgName ref="kbga-actors-4134">reformierten Bund</orgName> einigermaßen zu steuern. Die durchschnittliche Menschheit ist ja wirklich ein auffallend unbegabtes und schwerfälliges Gebilde, innerhalb dessen die Kirche einfach jeden Augenblick wieder zu versacken droht! Und da ist das <foreign xml:lang="lat">regimen ecclesiae</foreign> tatsächlich eine Kunst, die noch einmal besonders gelernt sein will, wenn man allerhand Anderes schon zu wissen und zu können meint. Ich habe nun wirklich seltsame Erfahrungen hinter mir auf diesem Gebiet. Am Montag Abend hatte ich in der Gemarker Kirche in <placeName ref="kbga-places-162">Barmen</placeName> eine Bibelstunde zu halten, die angesichts des großen <pb xml:id="p795" ed="pga"/> Raumes und der großen versammelten Gemeinde zusehends zu einer Predigt wurde.<note xml:id="n04"><persName ref="kbga-actors-737">Alfred de Quervain</persName> bemerkte später über die Bibelstunde: Die Kirche «war voll, voll von Menschen, die fragten nach dem revolutionären Wort von Gottes Hilfe, von Gottes Gnade und Gericht in Jesus Christus» (<bibl corresp="kbga-bibls-7233">«Unser gemeinsamer Lebensweg», hektographisch vervielfältigt, o. J., Teil II, S. 20</bibl>). Da de Quervain die «Auslegung des Lobgesanges der Maria» als Thema nannte (a.a.O.), ist zu vermuten, daß <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Studentenbibelstunde über <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.1.39 Lk.1.56">Lk. 1,39–56</ref> am <date when="1934-12-18">18.12.</date> in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> eine Wiederholung der Gemarker Veranstaltung war (irrtümliche Annahme der umgekehrten Reihenfolge in: <bibl corresp="kbga-bibls-245">Pr. 1921-1935, <ref type="pub-" target="../volume/31/p508#fn_n24">S. 508, Anm. 24</ref>; Text dort S. 508–521</bibl>).</note> Den Abschluß des Tages bildete ein Zusammensein mit dem Fremdling und seiner Frau<note xml:id="n05"><persName ref="kbga-actors-1823">Anna de Quervain</persName>, geb. Wolf (1899–1993), gelernte Kindergärtnerin, vor ihrer Eheschließung (1923) zeitweise als Sozialarbeiterin in der Sozialen Arbeitsgemeinschaft von Fr. Siegmund-Schultze in Berlin mit verwahrlosten Kindern beschäftigt.</note>.</p>
        <p>Als ich am Dienstag früh nach <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> zurückkehrte, war gerade die Bekanntmachung der kirchlichen Erklärungen zur Eidesfrage in den <orgName ref="kbga-actors-5804">B. N.</orgName><note xml:id="n06">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p787#fn_n03">S. 787, Anm. 3</ref>. Die <orgName ref="kbga-actors-8355">Vorläufige Kirchenleitung</orgName> erklärte in ihrer Stellungnahme, der Eid auf <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> schließe «durch die Berufung auf Gott ein Tun aus, das wider das in der Heiligen Schrift bezeugte Gebot Gottes ist». Die Erklärung wurde z. T. mit Zusätzen verbreitet, die aber weder in der ersten, halboffiziellen Fassung, die am <date when="1934-12-06">6.12.</date> dem Theologiestudenten <persName ref="kbga-actors-7043">Harms</persName> mitgeteilt wurde [s. <ref type="pub" target="#fn_n09">Anm. 9</ref>], noch im Abdruck in den <orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName> enthalten waren (vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-169">Gauger III, S. 439</bibl>: «… Wie bei jeder Anrufung Gottes, so ist auch beim Eid unmittelbar eingeschlossen, daß vor Gott nichts versprochen und bekräftigt und zu nichts seine Hilfe erbeten werden kann, was seinem geoffenbarten Willen widerspricht. <hi rend="italic">Diese grundsätzliche christliche Auffassung vom Eid erübrigt Zusätze oder Einschränkungen oder Vorbehalte bei der Ablegung des Eides</hi>»; weiteres Beispiel s. <ref type="pub" target="#fn_n09">Anm. 9</ref>; zur Bedeutung der Zusätze für <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Haltung s. ebd.). — An der Entstehung der reformierten Erklärung vom <date when="1934-12-14">14.12.</date> und an ihrer Vermittlung an die <orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName> war <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nicht beteiligt gewesen: «Ohne mein Zutun hatten dann <persName ref="kbga-actors-1044">Hesse</persName> und <persName ref="kbga-actors-5489">Immer</persName> jene reformierte Erklärung abgefaßt. Sie gaben mir telephonisch davon Nachricht, und ich erklärte auf dem gleichen Wege mein Einverständnis. Wiederum ohne mein Vorwissen, aber mit meiner nachträglichen Billigung wurden dann beide Stücke, das Proklama der <orgName ref="kbga-actors-8355">Vorl. Kirchenleitung</orgName> und das der Reformierten samt dem Ihnen bekannten Kommentar von einer dritten Stelle telephonisch nach Basel durchgegeben» (Brief an <persName ref="kbga-actors-1494">Breit</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="25401">30.12.1934</ref>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6455"><hi rend="italic">Prof. Barth und die Eidesfrage</hi>, in: BN, Jg. 90 [1934], Nr. 345 vom 17.12.1934</bibl>; 
                                <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 87–90</bibl>
                            ). Der redaktionelle Rahmentext in den Basler Nachrichten behauptete, die allgemein gehaltene «Verlautbarung der Bekenntnisgemeinschaft» wolle und könne nur im Sinne der reformierten Erklärung verstanden werden. Im Namen der <orgName ref="kbga-actors-8355">Vorläufigen Kirchenleitung</orgName> dementierte <persName ref="kbga-actors-265">Marahrens</persName> die sachliche Übereinstimmung der Stellungnahmen in einem Brief an <persName ref="kbga-actors-1044">Hesse</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="25385">29.12.1934</ref>, dessen Abschrift an Reichskultusminister <persName ref="kbga-actors-347">Rust</persName> ging. Abdruck bei <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 107f.</bibl> (Abschrift im Karl Barth-Archiv).</note> (im «Alphorn», wie man in Bekenntniskreisen am Telephon <pb xml:id="p796" ed="pga"/> sagt!) eingelaufen und damit jener Brief an den Rektor<note xml:id="n07">Am <ref type="kba-objects-id" target="25234">18.12</ref>. hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich — bezugnehmend auf die Veröffentlichung in den <orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName> vom <date when="1934-12-17">17.12.1934</date> — Rektor <persName ref="kbga-actors-3409"><choice><sic ed="pga">P. </sic><corr type="misprint" resp="sm">H. </corr></choice>Naumann</persName> gegenüber für in der Lage erklärt, den Eid in der vorgeschriebenen Form zu leisten. Sein Brief wurde durch hektographierte Abzüge, die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nach der Bibelstunde am 18.12 unter seinen Studenten verteilte, und durch Flugblätter der Bekenntniskirche verbreitet und nach seiner erstinstanzlichen Verurteilung auch in den Basler Nachrichten (unter dem Titel <bibl corresp="kbga-bibls-7234"><hi rend="italic">Karl Barth in Bonn abgesetzt!</hi>, in: BN, Jg. 90 [1934], Nr. 349 vom 21.12.1934</bibl>) abgedruckt. Abdruck bei <bibl corresp="kbga-bibls-493">Schmidt 1934, S. 177f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 90f.285 (Faksimile eines Flugblattes)</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-181">Scherffig I, S. 165.</bibl>
               </note> fällig geworden. (Die Erklärung der <persName ref="kbga-actors-265">Marahrens</persName>regierung hat übrigens eine lange Vorgeschichte; sie war nämlich eine wahre Zangengeburt, die den Leuten nur aufs mühsamste und zunächst nur in Form einer ganz inoffiziellen Äußerung zu entlocken war, deren Aufmachung, wie sie dann in den B. N. erschien, wohl ein bißchen an die Emserdepesche<note xml:id="n08">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p502#fn_n10">S. 502, Anm. 10</ref>.</note> erinnern könnte und die ihnen nun nachträglich bereits wieder leid geworden zu sein scheint. Ganz ehrlich gemeint war nur die reformierte Erklärung! Aber es war durchaus am Platze, die M.-Leute öffentlich festzunageln, und wenigstens Präses <persName ref="kbga-actors-227">Koch</persName> hatte dazu auch die förmliche Erlaubnis gegeben.<note xml:id="n09">Die <orgName ref="kbga-actors-8355">Vorläufige Kirchenleitung</orgName> hatte sich trotz zahlreicher dringlicher Anfragen (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p773#fn_n05">S. 773, Anm. 5</ref>) lange geweigert, offiziell zur Eidesfrage Stellung zu nehmen. Den Entwurf für ihre grundsätzliche Stellungnahme hatte Prof. <persName ref="kbga-actors-196">Fr. Horst</persName>, inzwischen Mitglied des Bruderrates der Bonner Bekenntnisgemeinschaft, verfaßt (s. unten Zitat aus <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-1494">Breit</persName>; <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 67</bibl>, nennt <persName ref="kbga-actors-416">H. E. Weber</persName> als Autor des Entwurfs, jedoch ohne Beleg [s. dort S. 67; aufgenommen in: <bibl corresp="kbga-bibls-6189">H. Assel, «<hi rend="italic">Barth ist entlassen …</hi>», a.a.O. ‹<ref type="pub" target="../volume/34/p628#fn_n01">S. 628, Anm. 1</ref>›, S. 466f.</bibl>]; auch ein Brief <persName ref="kbga-actors-416">Webers</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="25045">28.11.1934</ref> mit der dringenden Bitte, «nicht auf dem Zusatz zu bestehen, sondern sich mit einer protokollarischen Erklärung zufrieden zu geben» spricht gegen dessen Urheberschaft). Am <ref type="kba-objects-id" target="25401">30.12.1934</ref> faßte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Entwicklung in einem Brief an Oberkirchenrat <persName ref="kbga-actors-1494">Breit</persName>, inzwischen lutherisches Mitglied der <orgName ref="kbga-actors-8355">Vorläufigen Kirchenleitung</orgName>, zusammen: «Die Formulierung der Erklärung der Vorl. Leitung der <orgName ref="kbga-actors-8262">D.E.K.</orgName> stammte bekanntlich in ihrer Substanz von meinem hiesigen Kollegen <persName ref="kbga-actors-196">Horst</persName>, der sie mit mir durchgesprochen und dem gegenüber ich sie nach Einfügung zweier für mich entscheidender Ergänzungen (Erwähnung des Namens <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName>, Bezeichnung des ‹Gebotes Gottes› als ‹in der Schrift bezeugt›) als für mich tragbar erklärt hatte. Ich wiederholte diese Erklärung in einem Telephongespräch mit <persName ref="kbga-actors-5488">Humburg</persName> [dem reformierten Mitglied der <orgName ref="kbga-actors-8355">Vorläufigen Kirchenleitung</orgName>], in welchem ich erfuhr, daß man inzwischen in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> die beiden wesentlichen Bestandteile der Formel (begrenzende und positive Bedeutung der Erinnerung an Gottes Gebot) umgekehrt hatte, obwohl sie damit eine Gestalt gewonnen hatte, die für mich die Grenze des eben noch Möglichen bedeutete.» Die Vorläufige Kirchenleitung ließ die Stellungnahme jedoch am <date when="1934-12-06">6.12.1934</date> zunächst nur dem Göttinger Theologiestudenten <persName ref="kbga-actors-7043">Heinrich Harms</persName> zukommen mit dem Zusatz: «Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß unsere Erklärung eine vorläufige, deshalb für die Öffentlichkeit nicht bestimmte ist …» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 73f.; Zitat dort S. 74</bibl>). Weitere Durchschläge dieses Schreibens, vom Präses des Reichsbruderrates und Mitglied der <orgName ref="kbga-actors-8355">Vorläufigen Kirchenleitung</orgName> <persName ref="kbga-actors-227">Karl Koch</persName> «persönlich abgezeichnet», wurden mit Begleitbrief vom <date when="1934-12-07">7.12.</date> «I.A.» (wohl in Kochs Auftrag, Briefkopf der <orgName ref="kbga-actors-8355">Vorläufigen Kirchenleitung</orgName>) durch Lic. <persName ref="kbga-actors-6970">Kurt Frör</persName> verschickt (<bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 78f.; Zitate dort S. 79</bibl>). Am <date when="1934-12-08">8.12.</date> schickten die Professoren <persName ref="kbga-actors-416">Weber</persName> und Horst die Erklärung direkt an Reichskultusminister <persName ref="kbga-actors-347">Rust</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 80f.</bibl>) Erst mit Datum vom <date when="1934-12-12">12.12.</date> wurde sie auch offiziell von <persName ref="kbga-actors-265">Marahrens</persName>, dem Leiter der <orgName ref="kbga-actors-8355">Vorläufigen Kirchenleitung</orgName>, an <persName ref="kbga-actors-347">Rust</persName> gesandt (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6189">Assel, «<hi rend="italic">Barth ist entlassen …</hi>», a.a.O., S. 466–468</bibl>). — Am Abend des 12.12. erfuhr <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> von <persName ref="kbga-actors-5488">Humburg</persName> telephonisch, «daß das Marahrensregiment sich nun doch zu einer öffentlichen Erklärung in der Eidessache aufschwingen will, nachdem sie ‹ganze Packen› von Eingaben dazu erhalten hätten» (Brief <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an <persName ref="kbga-actors-708">W. Niesel</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="25192">13.12.1934</ref>), war jedoch erst unter der Bedingung dazu bereit, den Eid in unveränderter Form abzulegen, daß «jener Beschluß nicht nur dem Minister mitgeteilt, sondern auch in der heute sinnvollen Weise in die Öffentlichkeit gebracht ist, d. h. wenn er in den <orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName> für Alle, die sich um diese Dinge interessieren, zu lesen steht und überdies durch die Organe der Bekenntniskirche (Rundbriefe etc.) ordentlich bekannt gemacht ist. Ich kann jene Erklärung nicht abgeben, bevor ich sicher bin, daß die Vielen, die diese Sache angeht, nicht etwa nur von der nackten Tatsache, daß ich nun schwöre, sondern auch von der den Kommentar dazu gebenden kirchlichen Erklärung unterrichtet sind.» Er hege allerdings keine Hoffnung, daß eine solche Erklärung seinem Verfahren noch nützen könne (Brief an <persName ref="kbga-actors-1950">Hannah Weber</persName> vom <date when="1934-12-14">14.12.1934</date>). Dennoch teilte er dem Rektor nach der Veröffentlichung der Erklärungen zur Eidesfrage in den Basler Nachrichten seine Bereitschaft, den unveränderten Eid zu leisten, mit (s. <ref type="pub" target="#fn_n07">Anm. 7</ref>).</note>) <pb xml:id="p797" ed="pga"/> Am Abend hatte ich dann hier meine Studentenbibelstunde und am Mittwoch deren Fortsetzung. Es handelte sich um eine Serie von vier Abenden über <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.1">Luk. 1</ref>. <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName> hat sie nachgeschrieben, und vielleicht läßt sich ein weiteres <orgName ref="kbga-actors-10265">Existenzheft</orgName> daraus machen.<note xml:id="n10">Zur Bibelstunde am <date when="1934-12-08">18.12.</date> s. oben <ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>; am <date when="1934-12-19">19.12.</date> legte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.1.57 Lk.1.80">Lk. 1,57- 80</ref> (<bibl corresp="kbga-bibls-245">Pr. 1921-1935, <ref type="pub-" target="../volume/31/p521#p521">S. 521–532</ref></bibl>) aus.</note>
            </p>
        <p>Am Donnerstag fuhren wir dann also — ich erwachte an diesem Tage mit dem mir sofort zuhandenen Reim: «Karl ist kein Bösewicht, und doch muß er vor Gericht!» — <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName>, <persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName>, mein sehr wackerer jugendlicher Anwalt <persName ref="kbga-actors-45">Bleibtreu</persName><note xml:id="n11"><persName ref="kbga-actors-45">Otto Bleibtreu</persName> (1904–1959), 1932–1935 (Entlassung wegen Zugehörigkeit zur <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName>) Hilfsrichter an den Land- und Amtsgerichten in Bonn und Köln, seit 23.7.1933 für die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> angeführte Liste «Für die Freiheit des Evangeliums» Mitglied der größeren Gemeindevertretung der evangelischen Kirchengemeinde in Bonn. — Zur Verhandlung vgl. den Abdruck des schriftlichen Urteils bei <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 286–296</bibl>.
               </note> und ich, nach dem heiligen <placeName ref="kbga-places-94">Köln</placeName>. Leider spielte <pb xml:id="p798" ed="pga"/> sich die Sache nicht öffentlich ab, aber dennoch in feierlicher Veranstaltung: drei irgendwie etwas verlegene Richter<note xml:id="n12">Als Vorsitzender fungierte Oberregierungsrat Dr. <persName ref="kbga-actors-7374">Walter Scheerbarth</persName>, als richterlicher Beisitzer der Landrat Dr. <persName ref="kbga-actors-7020">Helmut Groeger</persName>, als Beamtenbeisitzer der Kölner Landgerichtsrat Dr. <persName ref="kbga-actors-6934">Franz Ernst</persName>.</note> hinter einem halbmondförmigen Tisch auf einer Estrade, ihnen zur Seite der «Beamte der Staatsanwaltschaft», ein grüner Jüngling, der wohl bei dieser Sache seine ersten Sporen verdiente<note xml:id="n13">Landgerichtsrat <persName ref="kbga-actors-6650">Hans Kasper</persName>.</note>, auf der anderen Seite der Gerichtsschreiber<note xml:id="n14">Regierungsinspektor <persName ref="kbga-actors-6930">Engelke</persName>.</note>, ein braver Mann, der in der Pause zu erkennen gab, auf welcher Seite seine Sympathien seien, endlich gegenüber auf einer unteren Ebene in gehörigem Abstand hinter einem Tisch ich selbst und mein Verteidiger.<note xml:id="n15">Im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName> befindet sich ein Blatt mit einer Skizze der Sitzordnung der Anwesenden und Notizen (Bleistift) von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Hand aus der Verhandlung sowie ein Exemplar des Urteils mit zahlreichen Randbemerkungen und Korrekturen (Bleistift) von <persName ref="kbga-actors-45">Bleibtreu</persName>, vermutlich eingetragen auf Grund von dessen stenographischem Protokoll des Verhandlungsverlaufs (im <ref type="archival">Hauptstaatsarchiv Düsseldorf</ref>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6189">Assel, a.a.O. [<ref type="pub" target="#fn_n09">Anm. 9</ref>], S. 471, Anm. 91</bibl>; s. auch unten <ref type="pub" target="#fn_n18">Anm. 18</ref>).</note> In der nun einsetzenden Befragung passierte kaum etwas Erhebliches. Hübsch war die Frage: Ob ich überwiegend bejahend oder verneinend zum heutigen Staat stehe? Das sei ihnen nämlich für die Urteilsfindung wesentlich!! Ich erwiderte, daß ich gerne bereit sei, dem Herrn Vorsitzenden nachher in einem Café darüber Bescheid zu geben, daß es mir aber gerade wesentlich sei, daß das Urteil abgesehen von meiner Antwort auf diese Frage gefunden werde.<note xml:id="n16">Nach der Urteilsschrift sagte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auf die Frage nach seiner Haltung zum NS-Staat u. a. : «… bei anderer Gelegenheit, etwa bei einem Zusammensein im Cafe, könne er die Frage natürlich glatt beantworten; hier bestehe jedoch die Gefahr, daß er sich durch Beantwortung der Frage ‹seine Situation verpfusche›» (<bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 290</bibl>). An dieser Stelle vermerkte <persName ref="kbga-actors-45">Bleibtreu</persName> am Rand: «Ist meines Wissens nicht gesagt worden! Bl.».</note> Sehr verwunderlich war den Richtern die von mir vorgetragene Lehre, daß eine theologische Vorlesung durchaus als eine gottesdienstliche Aktion im weiteren Sinn zu betrachten sei.<note xml:id="n17">Neben <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Verweigerung des Eides und seinen Äußerungen im Hause <persName ref="kbga-actors-202">Jacobi</persName> am <date when="1933-10-31">31.10.1933</date> (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p532#fn_n15">S. 532, Anm. 15</ref>, und <ref type="pub" target="../volume/34/p626#fn_n03">S. 626f., Anm. 3</ref>) bezog sich die Anklage auch auf den unterlassenen Hitlergruß im Kolleg (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p537#fn_n04">S. 537, Anm. 4</ref>, <ref type="pub" target="../volume/34/p563#fn_n08">S. 563, Anm. 8</ref>, und <ref type="pub" target="../volume/34/p576#fn_n06">S. 576, Anm. 6</ref>). <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> verwies zu diesem Punkt auf seine seit dem SS 1931 zu Beginn jeder Vorlesungsstunde gehaltenen Kurzandachten (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p141#fn_n02">S. 141, Anm. 2</ref>); vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 290.</bibl>
               </note> In der mündlichen Urteilsbegründung nach<pb xml:id="p799" ed="pga" break="no"/>her wurde mir dann eröffnet, daß dem nicht so sei!! Das Wichtigste war dann die Rede des kleinen Staatsanwalts. Er führte zum Eid aus: irgend eine Einschränkung der Verpflichtung auf den <persName ref="kbga-actors-185">Führer</persName> sei unstatthaft. Dem heutigen Staat genüge nicht mehr die Loyalität gegen ihn als «Obrigkeit». Was er verlange, sei der unmittelbare und unbedingte persönliche Einsatz für den Nationalsozialismus. Der Eid habe also in der Tat einen unbegrenzten Inhalt, indem er den zu Beeidigenden statt auf einen toten Buchstaben auf eine lebendige Persönlichkeit verpflichte. Die Erinnerung an Gott könne nicht bedeuten, daß dem Beamten eine selbständige Prüfung der Frage nach dem, was vor Gott recht ist, überlassen bleibe. Eine solche Prüfung bedeute vielmehr schon eine schwerwiegende Verfehlung. Der Führer verlange <foreign xml:lang="lat">eo ipso</foreign> nichts, was gegen das Gebot Gottes sei. Der Beamte habe ihm in dieser Hinsicht ein unbegrenztes Vertrauen entgegen zu bringen und also bedingungslosen Gehorsam zu schwören.<note xml:id="n18"><persName ref="kbga-actors-6650">Kaspers</persName> <ref type="kba-objects-id" target="91019">Ausführungen</ref> wurden von <persName ref="kbga-actors-45">Bleibtreu</persName> teils aus dem Gedächtnis, teils nach stenographischen Aufzeichnungen rekonstruiert und in hektographierter Form mit dem Vermerk «vertraulich» verbreitet; Original im Karl Barth-Archiv, Abdruck bei <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 96</bibl>; Ablehnung von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Argument in der Urteilsschrift dort S. 292. H. Assels Untersuchung über <persName ref="kbga-actors-5356">W. Stapels</persName> und <persName ref="kbga-actors-184">E. Hirschs</persName> Einfluß auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Entlassung ergibt, daß zwischen der Eidestheologie E. Hirschs und «der im Prozeß gegen <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> maßgeblichen staatlichen Eiddefinition» «mindestens indirekt» ein Zusammenhang erkennbar ist. Möglicherweise benutzte Kasper bei der Vorbereitung seiner Anklagerede ein (nicht erhaltenes) Gutachten Hirschs zur Eidesfrage, ausgearbeitet am <date when="1934-12-13">13.12.</date>, das im Reichs- und Preußischen Kultusministerium zur Vorbereitung auf den Prozeß gegen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dienen sollte. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6189">Assel, a.a.O., S. 469–474; Zitate dort S. 471</bibl>.</note> Mein Brief an den Rektor bedeute offenbar nicht ein Abweichen von meiner entgegengesetzten irrigen, ja verwerflichen Meinung. Also sei ich als Beamter unmöglich. Darauf bekam mein Herr <persName ref="kbga-actors-45">Bleibtreu</persName> das Wort und suchte, so gut er nur konnte, zu retten, was da juristisch zu retten war. Er sprach über den noch bestehenden preußischen Kirchenvertrag und über die altehrwürdige Doppelstellung des theologischen Universitätslehrers.<note xml:id="n19">Im <date when="1931-05">Mai 1931</date> geschlossener Vertrag zwischen dem preußischen Freistaat und den evangelischen Landeskirchen. In <placeName ref="kbga-places-289">Preußen</placeName> mußte die Kirchenbehörde bei Berufungen von Theologieprofessoren bereits seit 1855 in einem Gutachten gehört werden. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1921">Bw.B.<hi rend="sup">1</hi>, S. 119f., Anm. 2</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2033">Bw.B.<hi rend="sup">2</hi>, <ref type="pub" target="../volume/01/p114#fn_n02">S. 114, Anm. 2</ref>.</bibl>
               </note> Endlich, nach einer <pb xml:id="p800" ed="pga"/> Replik des Staatsanwalts, war die Reihe an mir, meine erste forensische Rede zu halten. Ein ganz neues Genus, <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>, in welchem ich mich bei diesem Anlaß nicht ohne Lust versucht habe. Ich sah sofort ein, daß und warum schon die Alten auf diesem Feld ohne einigen Aufwand von Rhetorik nicht auskamen: gilt es doch dabei, einige bestimmte Menschen in ganz konkreter Richtung zu beeindrucken, und wäre es auch nur — wie in meinem Fall —, ihnen auf den Weg zu ihrem sichtlich schon beschlossenen falschen Urteil eine gewisse Unruhe mit auf den Weg zu geben. So protestierte ich zunächst, nicht ohne Faustschlag auf den Tisch, dagegen, daß ich in der Anklageschrift als des einem Beamten notwendigen Vertrauens unwürdig bezeichnet werde: «Dazu sage ich Nein! Das ist nicht wahr!» Ich verlange vielmehr, daß ich vom Gericht als jenes Vertrauens besonders würdig bezeichnet und in der pflichtmäßigen Ausübung meines Amtes, in der ich gerade in den mir zur Last gelegten Punkten begriffen gewesen sei, geschützt werde. Und dann zückte ich eine — <persName ref="kbga-actors-322">Platon</persName>ausgabe und las den Leuten aus der Apologie des <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> folgende Stellen vor: <q rend="block">«Ich bin euch, ihr Athener, zwar zugetan und Freund, gehorchen aber werde ich dem Gotte mehr als euch … Ich meinesteils glaube, daß noch nie größeres Gut dem Staate widerfahren ist als dieser Dienst, den ich dem Gotte leiste … Daher auch jetzt, ihr Athener, ich weit entfernt bin, um meiner selbst willen mich zu verteidigen, wie einer wohl denken könnte, sondern um euretwillen, damit ihr euch nicht gegen des Gottes Gabe an euch versündigt durch meine Verurteilung!»<note xml:id="n20"><bibl corresp="kbga-bibls-2558"><persName ref="kbga-actors-322">Platon</persName>, Apologie, 29d-30d (Übersetzung von Fr. Schleiermacher)</bibl>.</note>
               </q> Indem der Staat die Kirche anerkenne, bejahe er um seiner selbst willen die ihm als Staat gesetzte Grenze, und der staatliche Theologieprofessor sei der vom Staat selbst eingesetzte Wächter dieser Grenze, auch und gerade gegenüber dem Einbruch von solchen Staatstheorien wie der gegenwärtig umlaufenden und vom Staatsanwalt verkündigten. In der Eidessache wie in der Frage des <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName>grußes in der Vorlesung hätte ich nur getan, was ich im Auftrag des Staates selbst tun mußte. Sie, die Richter, sollten nun im Interesse des Staates erklären, daß es mit jener Totalität nichts sei, und also meine und die kirchliche Stellungnahme bestätigen. Wenn sie das nicht tun, sondern mich verurteilen wollten, <pb xml:id="p801" ed="pga"/> so müßten sie sich klar sein darüber, daß sie damit <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> zu einem inkarnierten Gott machten, gegen das erste Gebot aufs schwerste verstießen und viele Tausende von evangelischen Christen endgültig an der heutigen Staatsform irre machten. <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> und der übrige Erdball warteten nun auf ihr gerechtes Urteil! Es war natürlich etwas schwierig, angesichts der drei alten Sünder da droben, für die längst Alles entschieden war — der Vorsitzende hatte sich nach dem Plädoyer des Staatsanwalts vorsorglich erkundigt, ob die Auffassung des Staatsanwalts auch die des Herrn Ministers sei —, das alles noch einmal im Ernst zu sagen. Aber das Wort muß ja bekanntlich manchmal auch ganz objektiv erschallen, und so habe ich es mich nicht reuen lassen, einige Perlen vor die Säue zu werfen, um dann auch richtig von ihnen zertreten zu werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.6">Mt. 7,6</ref>]. Es gab dann eine Pause, in der wir im Flur friedlich mit dem kleinen Staatsanwalt zusammen standen, eine Pfeife rauchten und Schokolade aßen. Ich sagte ihm, daß ich über seine falsche, aber formell ganz richtige Auffassung und Darstellung der Lage entzückt gewesen sei und daß es nur schade sei, daß immer noch so viele Leute nicht wüßten, daß das und nichts Anderes nun eben der Nationalsozialismus sei. Der gute Gerichtsschreiber gab seitab zu verstehen, das vom ersten Gebot, was der Herr Professor gesagt habe, habe er auch immer gedacht, aber er habe eben viele Kinder und sei nur ein einfacher Mann … Schon nach kaum 20 Minuten hatten die drinnen ihr Urteil fertig, wir wurden hereingerufen, um es uns unter den üblichen Floskeln anzuhören, hatten dann noch einmal den an dieser Stätte unvermeidlichen Hitlergruß zu machen und befanden uns dann wieder, von <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName> und <persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName> erwartet, auf der Straße und bald darauf bei einem nährenden Schweinekotelett in einem Restaurant, wo uns alsbald der Reporter der <orgName ref="kbga-actors-7265">New York Times</orgName>, extra von <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> herbeigeeilt<note xml:id="n21"><persName ref="kbga-actors-7353">H. A. Ross</persName> war <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> von <persName ref="kbga-actors-6929">Guido E. Enderis</persName>, dem Chefredakteur der Berliner Redaktion der <orgName ref="kbga-actors-7265">New York Times</orgName>, am <ref type="kba-objects-id" target="25240">18.12.1934</ref> brieflich avisiert worden. Mit dem Vermerk «Wireless to The New York Times / Cologne, Germany. Dec. 20.» erschien am <date when="1934-12-21">21.12.1934</date> ein anonymer Artikel, in dem die Argumente von Anklage, Verteidigung und Urteilsbegründung dargestellt werden: <bibl corresp="kbga-bibls-7235"><hi rend="italic">Barth loses Post by Court’s Verdict</hi>, in: New York Times vom 21.12.1934, S. 9, Sp. 1.</bibl>
               </note>, aufsuchte, um von mir platonisch und von <persName ref="kbga-actors-45">Bleibtreu</persName> juristisch über die ganze Sache aufgeklärt zu werden zwecks eines Kabeltelegramms, das dann alsbald über den Ozean gehen sollte. Es ist ja Alles so seltsam, so be<pb xml:id="p802" ed="pga" break="no"/>denklich und auch wieder so erheiternd, <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>, von den schemenhaften Gestalten jenes Gerichtsgebäudes bis zu den zeigenden Händlein in den <orgName ref="kbga-actors-5804">Basl. Nachr.</orgName>, die dem zeigenden Finger <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes des Täufers</persName> so unähnlich und doch auch wieder so ähnlich sind.<note xml:id="n22">Auf der Titelseite der <orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName> vom 21.12. wiesen kleine Hände mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Meldung von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Verurteilung in der Titelrubrik «Neuestes» und auf zwei Stellen des Artikels <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-7234">Prof. Karl Barth in Bonn abgesetzt!</bibl></hi>, nämlich auf die Meldungen von seiner Amtsenthebung und von bereits unternommenen Schritten, <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> für <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> zu gewinnen (in: BN, Jg. 90 [1934], Nr. 349 vom 21.12.1934). Das Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars von <persName ref="kbga-actors-584">Matthias Grünewald</persName>, das als Kunstdruck spätestens seit 1919 (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p332#p332">S. 332</ref></bibl>) über <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Schreibtisch hing, zeigt den Täufer, wie er mit überlangem Zeigefinger auf den Gekreuzigten weist. Diese Geste verstand <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> als Sinnbild der Aufgabe der Kirche und in ihr des Theologen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3533"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>,<ref type="pub-" target="48064"> <hi rend="italic">Biblische Fragen, Einsichten und Ausblicke</hi></ref> (Vortrag, [gehalten an der 24.] Aarauer Studenten-Konferenz, [17.] April 1920), in: ders., <hi rend="italic">Das Wort Gottes und die Theologie</hi> (Gesammelte Vorträge [Bd. I]), München 
                        1924, S. 70–98 (s. dort S. 79f.)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/1, S. 115.277; KD I/2, S. 138</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 128</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3060">R. Marquard, <hi rend="italic">Karl Barth und der Isenheimer Altar</hi> (Arbeiten zur Theologie 80), Stuttgart 
                        1995, zur Stelle dort S. 48f.</bibl>
               </note> Wohin, wohin zeigt das alles? Als ich abends in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> noch einmal über Alles nachdachte, erscholl unten in der Diele, von etwa 25 herbeigeeilten Studenten und Studentinnen angestimmt: «Nun lob mein Seel den Herren, was in mir ist den Namen sein …»<note xml:id="n23">Von <bibl type="song" corresp="kbga-songs-344"><persName ref="kbga-actors-5706">Johannes Gramann</persName> (1487–1541), EG 289; RG 59</bibl>.
               </note>, und das Weihnachtslied: «Nun singet und seid froh …»<note xml:id="n24">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-345">EG 35; RG 385</bibl>.
                    </note> (eine gute, die beste Antwort, nicht?), und alle kamen herauf ins Studierzimmer und hörten sich gefaßt und entschlossen, wie sie sich in den ganzen Wochen gezeigt hatten<note xml:id="n25">Bereits seit Beginn des Semesters führten die meisten der Bekennenden Kirche nahestehenden Studenten einen Veranstaltungsboykott gegen diejenigen Professoren und Dozenten durch, die sich nicht offen zu den Dahlemer Beschlüssen bekannten. Als Rektor <persName ref="kbga-actors-3409">Naumann</persName> am <date when="1934-12-07">7.12.1934</date> vor einer Studentenversammlung die Einsetzung von Professor <persName ref="kbga-actors-368">Johann Wilhelm Schmidt-Japing</persName> als <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Vertreter bekanntgab, verlas ein Kommilitone unter großen Beifallskundgebungen eine von den Studenten <persName ref="kbga-actors-110">Martin Eras</persName>, <persName ref="kbga-actors-7038">Siegfried Hajek</persName> und <persName ref="kbga-actors-7328">Heinrich Quistorp</persName> verfaßte Erklärung, in der die Fortsetzung von Barths Veranstaltungen durch einen Vertreter grundsätzlich abgelehnt wurde. Kurz darauf wurde Naumann eine notariell beglaubigte Abschrift der Erklärung mit den Unterschriften von 204 Studenten zugeleitet. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-181">Scherffig I, S. 162–165. 168f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3317">Hinz-Wessels, S. 179–181</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 74f. 83f.</bibl> (Protokoll der Konfrontation mit Naumann); Abdruck der Erklärung auch in: <bibl corresp="kbga-bibls-5116">RKZ, Jg. 84 (1934), S. 425.</bibl> Zum Veranstaltungsboykott in Bonn und an anderen Fakultäten vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6073">C. H. Meisiek, <hi rend="italic">Evangelisches Theologiestudium im Dritten Reich</hi> (Europäische Hochschulschriften, Reihe 23, Bd. 481), Frankfurt a. M. u. a.  1993, S. 258–262.271f.</bibl>
               </note>, an, was zu erzählen war. Und dann tat ich einen gründlichen Schlaf.</p>
        
        <p><pb xml:id="p803" ed="pga" rend="noPipe"/> Am folgenden Morgen, Freitag, mußte ich früh wieder heraus, um nunmehr nach <placeName ref="kbga-places-688">Uelsen</placeName> in der Grafschaft <placeName ref="kbga-places-662">Bentheim</placeName> zu eilen, wohin ich als eine Art Schiedsrichter in dem Streit zwischen dem dortigen (d. h. dem ostfriesischen) Kirchenregiment und der Bekenntnisgemeinschaft gerufen war.<note xml:id="n26">Zur Vorgeschichte s. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p719#fn_n17">S. 719f., Anm. 17</ref>. — Am <date when="1934-10-25">25.10.1934</date> hatten 38 Pastoren und 13 Hilfsprediger und Kandidaten in einer öffentlichen Erklärung ihre Ablehnung jeglicher Zusammenarbeit mit der Reichskirche formuliert und den konfessionellen Sonderweg der Landeskirchenleitung, welche ihre Haltung am <date when="1934-11-15">15.11.</date> ausführlich rechtfertigte, kritisiert. Auch auf der Hauptversammlung des Reformierten Bundes in <placeName ref="kbga-places-748">Detmold</placeName> am <date to="1934-11-30" from="1934-11-29">29./30.11.1934</date> hatte die angestrebte endgültige Klärung nicht erreicht werden können (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p763#fn_n02">S. 763f., Anm. 2</ref>, und <ref type="pub" target="../volume/34/p794#fn_n03">S. 794, Anm. 3</ref>). Am <ref type="kba-objects-id" target="25185">12.12.1934</ref> bat Pastor <persName ref="kbga-actors-1239">Peter Schumacher</persName> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> brieflich, sich angesichts der drohenden Spaltung der Landeskirche zu einem Gespräch mit Landessuperintendent <persName ref="kbga-actors-5282">Hollweg</persName> in seinem Pfarrhaus in Uelsen (Grafschaft Bentheim) bereitzufinden (mit Abschrift eines Briefes von P. Schumacher an den Landeskirchenvorstand vom <date when="1934-12-05">5.12.1934</date> im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName>). <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sagte zu, bat jedoch um Hinzuziehung eines Vertreters der in Bildung befindlichen Bentheimer Bekenntnisgruppe (Brief an Schumacher vom <ref type="kba-objects-id" target="25202">14.12.1934</ref>). Diesem Wunsch kam Schumacher nach, lud aber den Bekenntnisvertreter, Pastor <persName ref="kbga-actors-1777">Friedrich Middendorff</persName>, mit Rücksicht auf <persName ref="kbga-actors-5282">Hollweg</persName> erst für den <date when="1934-12-22">22.12.</date> ein (Brief an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="25227">17.12.1934</ref>). Literatur s. <ref type="pub" target="#fn_n27">Anm. 27</ref>.</note> Eine Autofahrt von 80 Kilometer von <placeName ref="kbga-places-44">Münster</placeName> bis dorthin durch die winterliche westfälische Landschaft war erquickend; dann war in einer Sitzung von nachmittags 3 Uhr bis nachts 1 1/2 Uhr zu arbeiten, d. h. eine Menge von gegenseitigen Mißverständnissen und auch von tatsächlichen Irrtümern und Fehlern allseitig auszuräumen. Um ein Uhr verfertigte ich ein Protokoll von 5 Punkten, das dann am folgenden Tag nach nochmaliger Beratung von vier dort wichtigen Personen und von mir unterschrieben wurde und nun hoffentlich als Instrument des Friedens und der Wahrheit zugleich seinen Dienst tun wird.<note xml:id="n27">Die Gespräche fanden am <date when="1934-12-21">21.</date> und <date when="1934-12-22">22.12.</date> im Uelsener Pfarrhaus statt. Die überwiegend von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> formulierten 5 Punkte «über die gegenwärtige kirchliche Lage, insonderheit die unserer Landeskirche» wurden von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <persName ref="kbga-actors-5282">Hollweg</persName>, Landeskirchenrat Pastor <persName ref="kbga-actors-10956">Carl Otto Voget</persName>, <persName ref="kbga-actors-1777">Middendorff</persName> und <persName ref="kbga-actors-1239">Schumacher</persName> unterschrieben. Zum Uelsener Treffen und zur Bedeutung der Thesen vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-7190">R. Steiner, <hi rend="italic">Der Weg der reformierten Kirchen und Gemeinden …</hi>, a.a.O. (<ref type="pub" target="../volume/34/p719#fn_n17">S. 719f., Anm. 17</ref>), S. 228–422, dort 252-265</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-183">Fr. Middendorff, <hi rend="italic">Der Kirchenkampf in einer reformierten Kirche …</hi>, ebd., S. 16f.36.79-82</bibl> (Abdruck der Thesen dort S. 262 bzw. S. 17); <bibl corresp="kbga-bibls-244">S. Lekebusch, <hi rend="italic">Die Reformierten im Kirchenkampf …</hi>, a.a.O., S. 219–221</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-7236">H.-G. Ulrichs, «<hi rend="italic">Ihrem reformierten Bekenntnis entsprechend wesentlich notwendig …». Vor 60 Jahren schrieb Karl Barth das Uelsener Protokoll</hi>, in: RKZ, Jg. 136 (1995), S. 82–89</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-239">Meier I, S. 493–498</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-494">Abdruck bei Schmidt 1935, S. 33.</bibl>
               </note> 
               <hi rend="italic">Wenn</hi> 
               <pb xml:id="p804" ed="pga"/> nicht irgendwelche jetzt noch unübersehbare Verwicklungen und Dummheiten diese harten ostfriesischen und grafschaftlichen Köpfe aufs neue durcheinander bringen. Sie wollten mich dann gleich gewinnen, als Pastor mit allerhand Vorrechten an die große Kirche von <placeName ref="kbga-places-650">Emden</placeName> mich wählen zu lassen.<note xml:id="n28">Im <date when="1935-01">Januar 1935</date> wurde <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> offiziell nach <placeName ref="kbga-places-650">Emden</placeName> berufen (Brief des Vorsitzenden des Presbyteriums, <persName ref="kbga-actors-9594">Riedlin</persName>, vom <ref type="kba-objects-id" target="25510">11.1.1935</ref>), lehnte aber mit der Begründung ab, er wolle sich doch zwischen jenen zwei ihm vorliegenden Angeboten entscheiden, die ihm die Fortsetzung seiner akademischen Tätigkeit ermöglichten (Brief an <persName ref="kbga-actors-9594">Riedlin</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="25551">17.1.1935</ref>).</note> Und irgendwie, weißt du, <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>, gehe ich aufrichtig ungern aus diesem <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> weg, wo es nun doch einmal und trotz Allem gute Möglichkeiten gibt wie vielleicht nirgends sonst. Auf der Heimreise auf dem Bahnhof in <placeName ref="kbga-places-44">Münster</placeName> — (ich ließ mich dort im Auto rasch noch einmal durch die Himmelreichallee<note xml:id="n29">Familie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte in <placeName ref="kbga-places-44">Münster</placeName> in der Himmelreichallee gewohnt.</note> führen) kaufte ich mir die <orgName ref="kbga-actors-5804">Basl. Nachr.</orgName>, aus denen mich wieder einmal mein eigenes Gesicht anschaute<note xml:id="n30">Auf der Titelseite der <bibl corresp="kbga-bibls-4129">Basler Nachrichten</bibl> vom <date when="1934-12-21">21.12.1934</date> (s. <ref type="pub" target="#fn_n22">Anm. 22</ref>) erschien auch eine Photographie von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>.</note>: «Ich bin von Natur ein sanftes Wesen…»<note xml:id="n31">Erster Satz von <bibl corresp="kbga-bibls-3279"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>
                            <hi rend="italic"><ref type="pub-" target="52023">Nein! …</ref></hi>, a.a.O., S. 4</bibl>, bzw. in: <bibl corresp="kbga-bibls-867">«<hi rend="italic">Dialektische Theologie</hi>», S. 208</bibl>.
               </note> — die in der Grafschaft hatten mir übrigens gesagt, das gehe gegen den Katechismus, weil es dort heißt: ich bin von Natur geneigt, Gott und meinen Nächsten zu hassen»<note xml:id="n32">Antwort auf die 5. Frage des <bibl corresp="kbga-bibls-439">Heidelberger Katechismus, BSRK 684, 2f.</bibl>
               </note>!! Als ich endlich und zuletzt wieder in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> war, waren daselbst gerade Söhne, Tochter und Schwiegersohn aus der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> eingetroffen, um den abgesetzten, doch immer noch rüstigen Vater gebührend in Empfang zu nehmen. Und unterdessen haben wir nun in angemessener Weise Weihnacht gefeiert. — Mein Leben ist also wirklich auch in diesem Zeitabschnitt keinesfalls langweilig gewesen.</p>
        <p>Und nun? Ja, und nun! Es fragt sich zunächst, ob ich von der Möglichkeit, gegen das Urteil Revision einzulegen, Gebrauch machen soll. Viele wünschen es, um den Staat zu einem letzten Wort in dieser Sache zu veranlassen.<note xml:id="n33">So z. B. <persName ref="kbga-actors-1013">Emil Grobe</persName> (Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="25279">22.12.1934</ref>), Verwaltungsrat <persName ref="kbga-actors-7137">Walter Kolb</persName>, der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wie schon für die erste Verhandlung seinen — unentgeltlichen — rechtlichen Beistand anbot (Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="25282">22.12.1934</ref>), und <persName ref="kbga-actors-87">Günther Dehn</persName> (Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="25311">23.12.1934</ref>).</note> Ich selbst meine vorläufig, daß das keine interessante <pb xml:id="p805" ed="pga"/> Sache sei und daß es sogar vor einer zweiten Instanz zwar zu keinem anderen Urteil, wohl aber zu einer Verschleierung der jetzt sehr offenkundigen Sachverhalte kommen könnte. Und warum soll ich mir das von der «Unwürdigkeit»<note xml:id="n34">In der Anklageschrift vom <date when="1934-12-07">7.12.1934</date> wurde <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> beschuldigt, «die Pflichten verletzt zu haben, die ihm sein Amt auferlegt, und durch sein Verhalten im Amte sich der Achtung, des Ansehens und des Vertrauens, die sein Beruf erfordert, unwürdig gezeigt zu haben …» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 287</bibl>); s. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p800#p800">S. 800</ref>.</note> noch von einigen weiteren Justizkulis ähnlichen Kalibers bestätigen lassen? Doch ich will zunächst noch das schriftliche Urteil abwarten, bis zu dem noch einige Wochen verstreichen können. Und von Schritten für die Zukunft lasse ich mich unterdessen natürlich nicht abhalten. Aber das ist nun die große Frage: für welche Zukunft? Ich deutete eben an: ist es wohl nicht mehr das Denken und Empfinden des alten als des neuen <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, wenn ich jetzt, naiv gesagt, lieber in die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> ginge, statt mich länger in einem Lande aufzuhalten, in welchem ich mir ja längst vorkomme wie in einem Irrenhaus oder in einer Räuberhöhle und in welchem ich ja nun auch in der Tat entsprechende Erfahrungen gemacht habe? Aber schon auf der Ebene der irdisch-menschlichen Dinge kann ich ja gleichzeitig unmöglich übersehen, wie gut ich es hier in diesen 13 Jahren — und eigentlich doch in steigendem Maße — gehabt habe, wenn man bei diesem Guthaben an das denkt, was doch wichtiger ist als die äußere Unangefochtenheit: die Aufnahme, das Gehör und den Widerhall bei unabsehbar vielen gutwilligen und dankbaren Menschen. Ich bekomme jetzt jeden Tag ganze Stöße von Briefen, die mir das von neuem vor Augen führen. Wenn mir Einer schreibt: «Unzählige Millionen stehen hinter Ihnen!» (und dann nicht einmal zu unterzeichnen wagt)<note xml:id="n35">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p777#fn_n12">S. 777, Anm. 12</ref>.</note>, wenn ein Anderer, der nun gerade Anlaß hätte, ein bißchen Laut zu geben, das Psalmwort zitiert: «Ich will stille sein und meinen Mund nicht auftun!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.39.10">Ps. 39,10</ref>]<note xml:id="n36"><persName ref="kbga-actors-6422">Friedrich Joseph Frick</persName> (1880–1952), 1925–1950 Pfarrer in Bonn, schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <ref type="kba-objects-id" target="25333">24.12.1934</ref>: «Wie sehr ich betrübt und traurig bin über diesen Ausgang und Allem [sic] Drum und Dran: kann ich Ihnen nicht sagen. Hier heißt es für uns: ‹Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun: Denn Du hast es getan›» (Briefkarte). — In seinem Abschiedsbrief an <persName ref="kbga-actors-1044">H. A. Hesse</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="26682">30.6.1935</ref> schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> über Frick: «Der führende Bekenntnispfarrer in Bonn hat es nach meiner Suspension flugs für richtig gehalten, mir seine Kanzel zu verweigern, obwohl ich doch sogar Mitglied des Presbyteriums war» (<bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 347</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3317">Hinz-Wessels, S. 190</bibl>). Nach Aussage von <persName ref="kbga-actors-3323">Werner Koch</persName> gab Frick als Grund an, «man könne der Gemeinde nicht zumuten, ‹Gottes Wort› von einem Manne anzunehmen, gegen den zumindest ein Großteil der Gemeinde die schwersten Vorbehalte habe. Gemeint waren natürlich die politischen» (<bibl corresp="kbga-bibls-106">Brief Kochs an H. Prolingheuer vom 4.2.1975; Zitat in: Prolingheuer, S. 109, Anm. 45</bibl>). Zu Frick und seiner Haltung im Kirchenkampf vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3317">Hinz-Wessels, S. 61f.187-192</bibl>.
               </note> und <pb xml:id="p806" ed="pga"/> wieder ein Anderer gar die Worte des Elisa an den gen Himmel fahrenden <persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName>: «Wagen Israels und seine Reuter» [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kön.2.12">2.Kön. 2,12</ref>]!<note xml:id="n37">Pfarrer i. R. <persName ref="kbga-actors-6776">Hermann Bartels</persName> schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <ref type="kba-objects-id" target="25307">23.12.1934</ref>: «Ihre Absetzung hat mich [mit] tiefster Trauer um Kirche und Vaterland erfüllt. Freilich, Ihre letzte Tat war noch ein Dienst der Wahrheit, wie immer hinaufweisend, und wenn Sie wirklich von uns fahren sollten, muß ich mit zahllosen deutschen evangelischen Christen rufen: Wagen Israels und seine Reuter!»</note>, so sieht man ja deutlich auch die humoristische Seite, aber hinter und in Allem ist doch auch so viel deutsche Treue im besten Sinn — ich brauche bloß an meine hiesigen Studentlein zu denken —, daß ich mich wohl frage, ob ich nun wirklich weglaufen <hi rend="italic">darf</hi>. Umso mehr, als sich ja der Horizont mehr und mehr zu verdüstern scheint, politisch und kirchenpolitisch und hier vor Allem in der Bekenntniskirche, wo Alles so aussieht, als sollte ich mit den Befürchtungen, in denen ich mich im November dem <persName ref="kbga-actors-265">Marahrens</persName>regiment entgegenstellte, in der schrecklichsten Weise recht behalten: in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> wird aufs greulichste gekompromisselt, <persName ref="kbga-actors-434">Wurm</persName> in <placeName ref="kbga-places-60">Stuttgart</placeName> hat die Bekenntnisfront glatt an die Nazis verraten (er ist nach bestimmten Nachrichten der Mann, der die <persName ref="kbga-actors-987">Frick</persName>-Rede<note xml:id="n38">Anfang Dezember hatte Reichsinnenminister <persName ref="kbga-actors-5701">Frick</persName> in einer Rede für die Reichskirchenregierung Partei genommen, die nach zeitweise «etwas zu stürmisch[em]» Vorgehen auf den Boden der Rechtmäßigkeit zurückgekehrt sei (s. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p761#fn_n12">S. 761, Anm. 12</ref>). «Der Staat denkt nicht daran, sich in kirchliche Dinge zu mischen. Aber es besteht der leider sehr begründete Anlaß zu der Feststellung, daß sich unter dem Deckmantel christlicher Belange hier alle möglichen staatsfeindlichen und landesverräterischen Elemente sammeln, um auf angeblich rein kirchlichem Gebiet ihre Politik zu treiben und auf diesem Wege dem dritten Reich Schwierigkeiten zu bereiten. Ich erkläre hierzu, daß die Reichsregierung nicht gewillt ist, dieses Treiben bis ins Endlose mitanzusehen, sondern daß sie entschlossen ist, dort, wo es die politischen Notwendigkeiten erfordern, auch gegen solche Staatsfeinde und Landesverräter durchzugreifen.» Zudem habe sie kein Interesse daran, Kirchen, die «nur Zank und Streit ins Volk tragen, mitzufinanzieren». Abdruck eines Auszugs aus der Rede (mit unterschiedlichen Angaben über Ort [Wiesbaden, Stuttgart] und Datum [5., 7., 8.12.]) in: <bibl corresp="kbga-bibls-169">Gauger III, S. 430.432 (Zitat dort mit Hervorhebungen)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-292">Kretschmar/Nicolaisen II, S. 231f</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6746">Michaelis/Schraepler, S. 366</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3344">Hermelink, S. 227.</bibl>
               </note> auf dem <pb xml:id="p807" ed="pga"/> Gewissen hat, indem er zu einem staatlichen Mittelsmann gesagt hat: «Schützen Sie uns vor der Reaktion!»). <persName ref="kbga-actors-271">Meiser</persName> hat sich in der Eidfrage völlig halt- und gewissenlos benommen<note xml:id="n39"><persName ref="kbga-actors-271">H. Meiser</persName> hatte am <date when="1934-12-23">23.12.1934</date> in einem Gespräch mit den Vikaren <persName ref="kbga-actors-7440">Walter Stadelmann</persName> und <persName ref="kbga-actors-6619">Walther Fürst</persName> <persName ref="kbga-actors-1044">H. A. Hesse</persName> vorgeworfen, die vertrauliche Erklärung der <orgName ref="kbga-actors-8355">Vorläufigen Kirchenleitung</orgName> zur Eidesfrage durch «gewisse Manipulationen … unverantwortlicherweise an die Öffentlichkeit gebracht» zu haben, auf die sich «nun <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, lediglich um einen prozessualen Vorteil zu gewinnen», berufen habe. «Wie aber komme Barth überhaupt dazu, nachdem er sich von diesem Kirchenregiment geschieden habe, es nun auf einmal doch als für ihn verbindliche Lehrautorität in Anspruch zu nehmen. Der Grund, warum es bedenklich sein müßte, sich in den Fall Barth verstricken zu lassen, sei doch der, daß von so viel Theologieprofessoren ausgerechnet nur Barth, dessen politische Anschauung im übrigen hinreichend bekannt sei, diesen für jeden evangelischen Christen selbstverständlichen Vorbehalt meinte aussprechen zu müssen. … Das Vorgehen Barths sei darum bedenklich, weil er mit der Aussprache des Vorbehalts den Verdacht äußere, daß bei den verantwortlichen Entscheidungen eines Staatsoberhauptes wie <persName ref="kbga-actors-185">Adolf Hitler</persName> ein Konflikt mit Gottes Gebot immerhin möglich und zu erwarten sei.» Hätte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> «auf eine Unterstützung durch das Kirchenregiment gerechnet und in kirchenpolitischer Verantwortung gehandelt», dann hätte er seine Entscheidung mit dieser abstimmen müssen. Die Vikare zeichneten <persName ref="kbga-actors-271">Meisers</persName> Äußerungen unmittelbar nach dem Gespräch auf. Eine Durchschrift sandte <persName ref="kbga-actors-408">H. Traub</persName> an Präses <persName ref="kbga-actors-227">Koch</persName>. In demselben Sinne äußerte sich Meiser auch in einem Gespräch mit <persName ref="kbga-actors-408">Traub</persName> am <ref type="kba-objects-id" target="25366">27.12</ref>. (laut <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-1494">Breit</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="25401">30.12.1934</ref>, dem Barth eine Abschrift der Aufzeichnungen beilegte). Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 103–105 (Abdruck der Äußerungen dort S. 103f.)</bibl>; hektographiertes Exemplar im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName>.</note>, <persName ref="kbga-actors-265">Marahrens</persName> selber hat einen Weihnachtsbrief<note xml:id="n40">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-6475"><persName ref="kbga-actors-265">A. Marahrens</persName>, <hi rend="italic">Fragen an die Kirche. Aufgaben der Kirche im neuen Jahr</hi>, in: Hannoversches Sonntagsblatt, Jg. 67 (1934), Nr. <choice><sic ed="pga">67</sic><corr type="misprint" resp="sm">52</corr></choice></bibl> (konnte nicht eingesehen werden; Literaturangabe aus: <bibl corresp="kbga-bibls-3115">Meiser, Aufzeichnungen I, S. 500</bibl>); Abschrift (mit einem Durchschlag) «<hi rend="italic">Das neue Jahr und die Kirche</hi>, von Landesbischof D. Marahrens. 
                  <hi rend="italic">Fragen an die Kirche — Aufgaben der Kirche</hi>» (2 S.) im <ref type="kba-objects-id" target="88403">Karl Barth-Archiv</ref>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> äußerte seine Kritik an der Neujahrsbotschaft auch bei der Sitzung des <orgName ref="kbga-actors-8288">Reichsbruderrates</orgName> am <date when="1935-01-03">3.1.1935</date> in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>, zu der auch die ausgetretenen Mitglieder <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <persName ref="kbga-actors-1044">Hesse</persName>, <persName ref="kbga-actors-5489">Immer</persName> und <persName ref="kbga-actors-300">Niemöller</persName> sowie <persName ref="kbga-actors-265">Marahrens</persName> eingeladen waren (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 113f.</bibl>).
               </note> veröffentlicht, den ich, wenn nicht sein Name darüber stünde, schlicht für ein Werk aus der Küche <persName ref="kbga-actors-289">Ludwig Müllers</persName> gehalten hätte. Kurz, es stinkt allenthalben gen Himmel von Angst, Verrat und Reaktion, und allenthalben sind die Gerechten in großer Bedrängnis und Bekümmerung — von den umgehenden finsteren Drohungen wegen einer neuen Mordnacht<note xml:id="n41">Die erste «Mordnacht» war der sog. <persName ref="kbga-actors-3482">Röhm</persName>-Putsch. Am <date when="1934-06-30">30.6.1934</date> hatte <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> die gesamte <orgName ref="kbga-actors-8360">SA</orgName>-Führung (und einige politische Gegner) wegen angeblicher Putschgefahr verhaften und ohne Gerichtsverhandlung ermorden lassen. Die Aktion wurde mit einem Gesetz vom <date when="1934-07-03">3.7.1934</date> nachträglich als «Staatsnotwehr» legalisiert.</note> noch ganz abgesehen: das Elend in der <pb xml:id="p808" ed="pga"/> Kirche gerade an den Stellen, wo sie sich, von weitem gesehen, am bekenntnistreusten gebärdet hat, ist ja wirklich schlimmer als die Möglichkeit, daß noch einmal die Revolver etc. losgehen könnten! Und nun mitten aus dem allem weggehen? Es ist mir aber andererseits auch dies klar, daß ich jetzt nur hierbleiben kann und darf, wenn ich dazu irgend einen einigermaßen glaubwürdigen Ruf habe. Ich fahre morgen ins <placeName ref="kbga-places-88">Wuppertal</placeName>, um darüber mit den dortigen Entschlossenen zu beraten.<note xml:id="n42">Am <date when="1934-11-27">27.11.1934</date> fand bei dem Fabrikanten <persName ref="kbga-actors-6971">Karl Frowein</persName>, dem Kirchmeister der Gemeinde <placeName ref="kbga-places-162">Barmen</placeName>-Gemarke, eine Besprechung statt, bei der — nach Eindruck des Pfarrers <persName ref="kbga-actors-911">Peter Bockemühl</persName> — «die gemeinsame Überzeugung die war, daß alles getan werden müsse, um festzustellen, ob die Bekenntniskirche bereit sei, die Frage der Freien Fakultät anzufassen» (Brief an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="25595">22.1.1935</ref>). Wohl auf Grund dieser Beratungen ließ <persName ref="kbga-actors-1044">H. A. Hesse</persName> Präses <persName ref="kbga-actors-227">Koch</persName> am <date when="1934-12-31">31.12.1934</date> für die Sitzung des <orgName ref="kbga-actors-8288">Reichsbruderrates</orgName> am <date when="1935-01-03">3.1.1935</date> einen Antrag zugehen, nach dem der Bruderrat, unter Berufung auf den im preußischen Landeskirchenvertrag garantierten staatlichen Schutz für die freie Ausübung des evangelischen Glaubens, <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bitten sollte, gegen das Urteil vom <date when="1934-12-20">20.12.</date> beim preußischen Oberlandesgericht in Berlin Berufung einzulegen. Sollte Barths Dienstentlassung «wegen dieses einzigen Vorbehaltes, der für jeden evangelischen Christen bei einem von ihm geforderten Eide notwendig ist, rechtskräftig werden, so begrüßt der Reichsbruderrat die Gründung einer rheinisch-westfälischen theologischen Fakultät der bekennenden Kirche». Auf Grund staatlicher Vorschriften könnten von den acht Pflicht-Semestern zwei auf einer kirchlichen Hochschule absolviert werden (Durchschlag des Briefes von Hesse an Koch mit Original-Unterschrift im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName>; im Wortlaut abweichender Antrag auch bei <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 112</bibl>).
               </note> Bis jetzt sieht es nicht so aus, als ob es dazu kommen werde. Aber immerhin muß ich mich, solange es geht, auch nach dieser Seite offen halten. Kommen dann die schweizerischen Möglichkeiten, voran <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> und <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>. Basel ist für mich insofern weiter in den Vordergrund gerückt, als ich eben sehr gerne eine möglichst geordnete Arbeit vor mir hätte und eine solche, bei der ich die deutschen Dinge, denen ich nun einmal verhaftet bin und bleiben werde, möglichst wenig aus den Augen verlöre, was ja in Basel schon optisch unmöglich wäre. Vor der Genfer Sache schreckt mich irgend ein Gerüchlein von internationalvölkerbündlicher Vielgeschäftigkeit (das <persName ref="kbga-actors-636">Adolf Kellerische</persName>!) zurück, aber wiederum schreibt mir von dort <persName ref="kbga-actors-1941">Visser ’t Hooft</persName> in einer so feinen <pb xml:id="p809" ed="pga"/> und vornehmen Weise<note xml:id="n43">Briefe vom <ref type="kba-objects-id" target="25215">15.</ref> und vom <ref type="kba-objects-id" target="25323">23.12.1934</ref>. Sein zweiter Brief, in dem <persName ref="kbga-actors-1941">Visser ’t Hooft</persName> Genaueres über eine mögliche Anstellung <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> mitteilte, enthielt auch den Vorschlag der Bildung eines Ausschusses aus einigen «Freunde[n] und Mitarbeiter[n] (ich denke etwa an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>, <persName ref="kbga-actors-316">Pestalozzi</persName>, <persName ref="kbga-actors-7214">Maury</persName> und mirselbst [sic]), der einerseits die finanzielle Verantwortung für Ihre Arbeit unternehmen [sic] würde und andererseits mit Ihnen die Pläne für Ihre [Vortrags-] Reisen besprechen würde. Dieser Ausschuß würde auch Abmachungen treffen mit dem <orgName ref="kbga-actors-8259">Ökumenischen Seminar</orgName> und mit den Fakultäten über die finanziellen Verpflichtungen.» Ein definitiver Ruf könne vor der Gründung des Seminars noch nicht ergehen, diese wiederum sei erst möglich, «wenn man die Sicherheit hat, daß wir mit der Mitarbeit von guten Lehrern (und zwar besonders mit <hi rend="italic">Ihrer</hi> Mitarbeit) rechnen können. … Dieser Brief ist also eine offizielle Frage an Sie, ob Sie bereit sein würden, einen solchen Ruf zu erwägen.» <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> teilte <persName ref="kbga-actors-1941">Visser ’t Hooft</persName> am <ref type="kba-objects-id" target="25358">27.12.1934</ref> mit, er müsse die Entscheidung über das Genfer Angebot zunächst zurückstellen, weil er zuvor mögliche weitere Angebote aus Deutschland und dann einen Ruf an einen solchen Ort in Erwägung ziehen müsse, «von wo aus ich wenigstens die höchste Möglichkeit habe, mit der bedrängten deutschen evangelischen Kirche in nahem Kontakt zu bleiben». Diese Möglichkeit biete sich eher in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> als in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>; eine endgültige Entscheidung sei jedoch noch nicht gefallen.</note>, daß ich unmöglich annehmen könnte, es sei nicht auch dort ernst und es könnte nicht auch ein kleiner Einmarsch in die Welt des Westens das nunmehr Gebotene sein. Sehr seltsam kommt zu Allem eine Einladung von … <persName ref="kbga-actors-63">Emil Brunner</persName>, ich möchte ihn diesen Sommer in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> vertreten, während er Urlaub nimmt, um ein Buch (ich fürchte aufs neue über natürliche Theologie) zu schreiben.<note xml:id="n44"><persName ref="kbga-actors-63">Brunners</persName> Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="25268">21.12.1934</ref> stellte eine inoffizielle Voranfrage dar. «Auf alle Fälle möchte ich dir sagen, daß wir in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> uns alle herzlich freuen würden, wenn du kämest. Ich würde mich irgendwohin in die Stille verziehen und an dem ‹großen Buch› schreiben, das du mir als Pensum aufgegeben hast» (<bibl corresp="kbga-bibls-76">Bw.Br., <ref type="pub-" target="../volume/33/p273#p273">S. 273</ref></bibl>). Auf Grund einer Nachricht, daß Brunner auf einer Vortragsreise in Kopenhagen «eine neue, die Reformation verbessernde Lehre vom Heiligen Geist angekündigt» habe, hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> Brunner in einem Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="24608">1.10.1934</ref> dringend dazu geraten, diesen Plan nur dann auszuführen, wenn er seiner Sache «diesmal» (d. h. anders als in seiner Schrift «<bibl corresp="kbga-bibls-141">Natur und Gnade</bibl>») «auch im Ausdruck restlos sicher» sei. «Wenn du etwas Neues und Gediegenes über den Heiligen Geist weißt, dann sag es uns in einem großen Buch, in das dann am besten auch die damit so sehr zusammenhängende Sache mit der <foreign xml:lang="lat">theologia naturalis</foreign> in geklärter Gestalt hineinverarbeitet wird. Gerade dieser Zusammenhang macht mich, wie ich offen gestehe, gegen die Broschüre, die du jetzt offenbar vorhast, im voraus mißtrauisch» (a.a.O., S. 260f.). In seinem Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="24893">12.11.1934</ref> forderte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> Brunner erneut dazu auf, seine Position eindeutiger und besser fundiert als in «Natur und Gnade» darzulegen (a.a.O., S. 271f.). — Einen Durchschlag seines die Stellvertretung betreffenden Briefes an die Zürcher Fakultät hatte Brunner <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> bereits am <date when="1934-12-18">18.12.</date> zugesandt. «Ich hoffe, sie wird ihn gutheißen … Ob Karl Barth einwilligt, ist natürlich ungewiß. Aber vielleicht könntest du da auch noch ein gutes Wort einlegen.» Und nach Mitteilung der Fertigstellung der zweiten Auflage seiner Schrift «Natur und Gnade» fuhr er fort: «Ich würde mich ungeheuer freuen, wenn diese unglückliche Sache durch Karls Stellvertretung abgeschlossen werden könnte. Er hat ja auch einmal Urlaub genommen und weiß, daß das zur Förderung der theologischen Arbeit sehr dienlich ist» (Brief vom <date when="1934-12-18">18.12.1934</date>; <bibl corresp="kbga-bibls-6800">Nachlaß Thurneysen</bibl> [ohne den erwähnten Durchschlag]). In demselben freundschaftlichen Ton, den Brunner angeschlagen hatte, dankte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ihm für das Angebot, lehnte aber angesichts der zahlreichen Unsicherheitsfaktoren im Hinblick auf seine Zukunft ab (Brief an Brunner vom <ref type="kba-objects-id" target="25352">26.12.1934</ref>; <bibl corresp="kbga-bibls-76">Bw.Br., <ref type="pub-" target="../volume/33/p274#p274">S. 274–276</ref></bibl>).</note> 
               <pb xml:id="p810" ed="pga"/> Ja, das alles will nun überlegt sein! Von Regierungsrat <persName ref="kbga-actors-7049">Hauser</persName> liegt übrigens bereits eine Präliminaranfrage vor mit der Aufforderung, zu einer Aussprache dorthin zu kommen.<note xml:id="n45">In seinem Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="25274">22.12.1934</ref> bestätigte <persName ref="kbga-actors-7049">Hauser</persName> als Leiter des Erziehungsdepartements Basel-Stadt das Interesse des Kantons, <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> für Basel zu gewinnen, und regte ein erstes Treffen an.</note> Ich denke, daß es etwa in der ersten Woche Januar so weit sein wird, daß die Dinge so oder so ins Rollen kommen können. Und jedenfalls bin ich innerlich auch damit beschäftigt, mich in Gedanken in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, und sei es denn also in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, zurechtzusetzen. Ich stelle es mir ungefähr so vor wie die Rückkehr eines alten Troupiers aus neapolitanischen Diensten<note xml:id="n46">
                        1735–1789 standen ununterbrochen vier Schweizerregimenter in neapolitanischen Diensten. Die letzten Schweizer Truppen in Neapel wurden erst 1859/61 aufgelöst.</note>, dem es dann immerhin beschieden sein könnte, in einem Gefecht an der Hülftenschanze<note xml:id="n47">Der blutige Kampf an der Hülftenschanze bei <placeName ref="kbga-places-483">Frenkendorf</placeName> (Kanton Basel-Landschaft) am 3.8.1833 war Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen der Stadt Basel und den Bewohnern der zu ihr gehörigen ländlichen Gebiete, die 1830 mit einem Aufstand der Landschaft wegen des Übergewichts der Vertreter der Stadt im Großen Rat begonnen hatte. Der Niederlage der Baselstädter folgte am 26.8.1833 der Beschluß zur bis heute bestehenden Teilung des Kantons in die Halbkantone Basel-Stadt (mit den Gemeinden Basel, Riehen und Bettingen) und Basel-Landschaft.</note> oder gar in einem kleinen Sonderbundskrieg<note xml:id="n48">Der 26 Tage währende Sonderbundskrieg von 1847 wurde durch die Weigerung eines 1845 als Schutz gegen radikale Freischaren gegründeten katholischen Sonderbundes (der katholischen Orte Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Freiburg und Wallis), sich selbst aufzulösen, ausgelöst und endete mit dessen Niederlage gegen Truppen der eidgenössischen Tagsatzung.</note> seine ausländischen Kriegserfahrungen dem Vaterlande dienstbar zu machen. Bei diesem Bilde ist gleich zu erwähnen, daß die schweizerischen Antimilitaristen auf keinen Fall auf meine Unterstützung würden rechnen dürfen, daß <pb xml:id="p811" ed="pga"/> ich vielmehr für Militärgesetze, Befestigungen (besonders auch an der Nordgrenze!) und dergl. mehr an meinem Ort nachdrücklich eintreten würde. In diesen Zeiten, da der liebe jüngste Tag<note xml:id="n49">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p149#fn_n08">S. 149, Anm. 8</ref>.</note> wieder einmal besonders nahegerückt erscheint, bedarf es neben einer Kirche mit einem Ja und Nein deutlich aussprechenden Bekenntnis, mit einem brauchbaren Gesangbuch<note xml:id="n50">Die Erarbeitung eines neuen schweizerischen Gesangbuchs, an der auch <persName ref="kbga-actors-521">L. Christ</persName> beteiligt war, hatte bereits <date when="1931">1931</date> angefangen; die endgültige Fassung (<bibl corresp="kbga-bibls-1085">GERS</bibl>) erschien jedoch erst 1952. Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p292#fn_n07">S. 292, Anm. 7</ref>.</note>, mit ordentlich arbeitenden Synoden, mit einem unbeugsam auf die Sache gerichteten Kirchenregiment, neben unerbittlich auf Exegese, Dogmatik und Predigt zielender Theologie vor Allem auch einer starken Armee, die barbarische Einbrüche zu verhindern weiß. Das eherne Zeitalter <hi rend="italic">ist</hi> angebrochen.</p>
        <p>Unterdessen ist es längst der 26. Dezember geworden, und dieser lange Brief mag seinem Ende entgegen gehen. <persName ref="kbga-actors-438">Max Zellweger</persName>, der heute zurückfährt, wird ihn mitnehmen und noch heute Nacht bei dir einwerfen. Grüße <persName ref="kbga-actors-228">Koechlin</persName>, <persName ref="kbga-actors-157">Hartenstein</persName>, <persName ref="kbga-actors-521">Lukas Christ</persName>. Es hat mich gerührt und erfreut, daß sich Bundesrat <persName ref="kbga-actors-7245">Motta</persName> in eigener Person für mich in Bewegung gesetzt hat, und ich lasse Koechlin besonders danken, daß er sich so lebhaft darum bemüht hat.<note xml:id="n51">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p786#fn_n02">S. 786f., Anm. 2</ref>. — <persName ref="kbga-actors-7245">Guiseppe Motta</persName> (1871–1940), 1911–1940 Bundesrat, in dieser Eigenschaft seit 1920 Vorsteher des Politischen Departements, hatte <persName ref="kbga-actors-228">Koechlin</persName> am <ref type="kba-objects-id" target="25243">18.12.1934</ref> geantwortet (Abschrift im Karl Barth-Archiv). Er empfahl <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, der sich bereits im <date when="1933-09">September 1933</date> persönlich in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> nach den Möglichkeiten schweizerischer Unterstützung erkundigt habe, das für ihn zuständige Kölner Schweizerische Generalkonsulat um Rat zu fragen, das auch bei einer Verhaftung sofort verständigt werden sollte, um ein offiziöses Eingreifen zu ermöglichen. Maßnahmen könnten aber erst nach einer Verhaftung oder Behinderung seiner Rückkehr in die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> ergriffen werden. Die Berliner Gesandtschaft sei informiert und ermächtigt, gegebenenfalls nötige Schritte zu unternehmen. (<ref type="archival">Koechlins Dankesschreiben an Motta vom <date when="1934-12-22">22.12.1934</date> befindet sich im Schweizerischen Bundesarchiv, Bern</ref>.) Tatsächlich übergab daraufhin der schweizerische Gesandte in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>, <persName ref="kbga-actors-6898">P. Dinichert</persName>, dem Staatssekretär im Reichsaußenministerium, <persName ref="kbga-actors-6847">Bernhard Wilhelm von Bülow</persName>, am <date when="1934-12-22">22.12.1934</date> eine auf den Vortag datierte «Notiz», in der unter Hinweis auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> schweizerische Staatsangehörigkeit «der Erwartung Ausdruck gegeben [wird], daß von Zwangsmaßnahmen gegen seine Person abgesehen und ihm nötigenfalls der erforderliche Schutz gegen tätliche Angriffe seitens unverantwortlicher Elemente zuteil werde» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 98–100; Zitat dort S. 99).</bibl></note> 
          Wenn Hartenstein je einmal württembergischer Bischof wird, so soll und wird er es gewiß besser ma<pb xml:id="p812" ed="pga" break="no"/>chen als dieser unselige <persName ref="kbga-actors-434">Wurm</persName>: seinen Freund <persName ref="kbga-actors-6686">Pressel</persName> habe ich nun leider als eine ganz unzuverlässige Gestalt kennen lernen müssen; er denkt wie ein Stehaufmännchen immer wieder säkular statt von der Kirche her. Lukas Christ hat mir erquickende Trostbriefe geschrieben<note xml:id="n52"><persName ref="kbga-actors-521">L. Christ</persName> hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <ref type="kba-objects-id" target="25008">27.11.1934</ref> eine Postkarte und am <date when="1934-11-29"><ref type="kba-objects-id" target="25056">29.11</ref>. </date>und <ref type="kba-objects-id" target="25276">22.12.</ref> Briefe geschrieben.</note>, für die ich ihm ebenfalls auf diesem Wege danken lasse. Wieviel ich dir zu danken habe, weißt du wohl. Dieser Tage war übrigens <persName ref="kbga-actors-7152">Lackmann</persName> hier und hat seinen Anpfiff bezogen. — Mir fallen noch alle möglichen kleinen Denkwürdigkeiten und Seltsamkeiten ein, die zu erzählen wären, aber der Brief könnte darüber zu einem Büchlein werden. Vielleicht bietet sich ja bald die Gelegenheit, mündlich Einiges nachzuholen. Laut <orgName ref="kbga-actors-5804">B. N.</orgName> ist der Film «<bibl corresp="kbga-bibls-7183">So endete eine Liebe</bibl>» nun auch dort zu sehen. Sieh dir besonders den <persName ref="kbga-actors-689">Metternich</persName> genau an.<note xml:id="n53">Die Basler Premiere des Filmes (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p721#fn_n18">S. 721, Anm. 18</ref>) fand am <date when="1934-12-26">26.12.1934</date> im «Alhambra» statt. Laut Voranzeige zeigte <persName ref="kbga-actors-7023">Gustaf Gründgens</persName>’ Darstellung den Fürsten <persName ref="kbga-actors-689">Metternich</persName> «schillernder, federnder als man je diese Figur gesehen hat, grandios, unerhört beherrscht und diszipliniert, eine glänzende Figur — aus Eis!» (<bibl corresp="kbga-bibls-5934">Anzeige in: NZ, Jg. 92 [1934], Nr. 596 vom 24./25.12.1934, S. 6</bibl>).</note> Vielleicht muß ich dieser Tage wieder nach <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>, um den rechten Flügel stark zu machen.<note xml:id="n54">Anspielung auf die bekannte Äußerung des Generalfeldmarschalls Graf <persName ref="kbga-actors-6541">Alfred von Schlieffen</persName> (1833–1913): «Macht mir den rechten Flügel stark!» Sie bezieht sich auf seine Strategie für einen Feldzug des deutschen gegen das französische Heer. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-827">G. Büchmann, <hi rend="italic">Geflügelte Worte. Der klassische Zitatenschatz</hi>, bearbeitet von W. Hofmann, Frankfurt a. M. / Berlin 1990<hi rend="sup">37</hi>, S. 392.</bibl></note> 
          Die <orgName ref="kbga-actors-2669">Nat. Zeitung</orgName> hatte ganz recht, als sie neulich sagte, Deutschland sei z. Z. ein wahres Kaleidoskop, in welchem wir alle als Steinchen wunderlich beleuchtet und leuchtend hin- und herrasseln, kein Mensch kann wissen, wo und wie im nächsten Augenblick.<note xml:id="n55">Eine Meldung umgehender Gerüchte über den möglicherweise bevorstehenden Rücktritt des <persName ref="kbga-actors-289">Reichsbischofs</persName>, als dessen Nachfolger <persName ref="kbga-actors-265">Marahrens</persName> im Gespräch sei, war in der Nationalzeitung vom 21.12. mit folgenden Sätzen eingeleitet worden: «Nicht nur der Kirchenkampf, die ganze deutsche Politik erscheint wie im Kaleidoskop gesehen: die Zustände und Verfügungen ändern sich täglich. Was gestern bestimmt galt, gilt heute längst nicht mehr, und was heute gilt und als unumstößliche Tatsache hingestellt wird, ist morgen schon überholt und vergessen» (<bibl corresp="kbga-bibls-7237"><hi rend="italic">Reichsbischof Müller doch vor dem Fall?</hi>, in: NZ, Jg. 92 [1934], Nr. 591 vom 21.12.1934, S. 1</bibl>).</note> Aber es kommt hier wohl nur zum Vorschein, wie wir im Grunde alle dran sind.</p>
        <p>Alle grüßen Alle! Du kannst dir denken, daß das Leben in der Vati<pb xml:id="p813" ed="pga" break="no"/>kanstadt<note xml:id="n56">Scherzhafte Bezeichnung der Arbeitsräume <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> und <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaums</persName>.</note> hier im oberen Stock in diesen Zeiten besonders bewegt ist. Aber auch drunten passiert dauernd dies und das. <persName ref="kbga-actors-22">Hansjoggeli</persName> z. B. handhabt sachkundig ein richtiges Mikroskop und studiert Magenwände von Salamandern und Ähnliches, wovon ich mir nie etwas träumen ließ. Er könnte es nach fachmännischem Urteil bald mit einem jüngeren Mediziner aufnehmen. So erfüllt eben jeder seines Schicksals Kreise.<note xml:id="n57">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-117"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethes</persName> Gedicht «Das Göttliche», 6. Strophe</bibl>: <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">Nach ewigen, ehrnen</l>
                                <l xml:space="preserve">Großen Gesetzen</l>
                                <l xml:space="preserve">Müssen wir alle</l>
                                <l xml:space="preserve">Unseres Daseins</l>
                                <l xml:space="preserve">Kreise vollenden.</l>
                            </lg>
                        </q>
               </note>
            </p>
        <closer>
          <salute>Sei <hi rend="italic">herzlichst</hi> gegrüßt von deinem</salute>
          <signed><persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName></signed>
        </closer>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
