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        <title type="volume" n="vol-34">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
        <title type="content">Karl Barth an Eduard Thurneysen</title>
        <title type="citation_line_1">Karl Barth an Eduard Thurneysen, 21. April 1935</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/34250 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935, hrsg. v. Algner, Caren (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2000, S. 859–870.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935</title>
          <title type="text">Karl Barth an Eduard Thurneysen</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Algner, Caren</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe V.34, Karl Barth - Eduard Thurneysen Briefwechsel Band III 1930-1935, letter 242</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Karl Barth an Eduard Thurneysen, 21. April 1935. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/26177">KBA 9235.95</ref>. </bibl>
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          <salute>Lieber <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>!</salute>
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        <p>Euer <persName ref="kbga-actors-804">Matthis</persName> ist gestern wohlbehalten hier angelangt, und nun hört man seine männlich tiefe und doch noch so unbesorgte Stimme da und dort im Hause erschallen als willkommenen Zeugen seiner Gegenwart, in der ja nun etwas von euch und vom <placeName ref="kbga-places-859">Münsterplatz</placeName> leibhaftig in unserer Mitte ist. Er ist sichtlich interessiert für Alles, weiß auch über kirchliche Dinge schon diese und jene Auskunft zu geben, wie es dem Sohne eines Antistes<note xml:id="n01">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p043#fn_n02">S. 43, Anm. 2</ref>.</note> wohl ansteht, und hat als Jünglingsgestalt meinen ganzen Beifall.</p>
        
        <p><pb xml:id="p860" ed="pga" rend="noPipe"/> Dein Handschreiben hat er mir prompt übermittelt, und weil morgen der <persName ref="kbga-actors-19">Christoph</persName> nach <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> zurückkehrt<note xml:id="n02">Vgl. oben <ref type="pub" target="34191#fn_n02">S. 659, Anm. 2</ref>.</note>, soll er gleich die nötigste Antwort mitnehmen.</p>
        <p>Eine grundsätzliche Verschiebung in meinen Absichten hinsichtlich der Zukunft hat sich seit meinem letzten Besuch in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> nicht ereignet. Ich habe damals <persName ref="kbga-actors-9865">Thalmann</persName> und <persName ref="kbga-actors-7049">Hauser</persName> gesagt, ich würde ihnen, sobald die Prozeßentwicklung so weit gediehen sei, die nötigen Nachrichten zukommen lassen und auf einen dann zu erlassenden Ruf hin — natürlich unter dem selbstverständlichen Vorbehalt irgendwelcher schlechterdings nicht vorauszusehender Zwischenfälle — annehmen. Dabei bin ich auch grundsätzlich geblieben. Das relativ Neue, was seither dazugekommen ist, besteht eigentlich nur in der unerwarteten Tatsache, daß das Berliner <orgName ref="kbga-actors-8283">Oberverwaltungsgericht</orgName> nicht so rasch vorwärts macht, wie es nach allen Anzeichen vorauszusehen war. Über diese Seite der Sache habe ich natürlich keine Macht. Während sie läuft, den Basler Ruf bereits annehmen und womöglich schon umziehen, würde bedeuten, daß ich sie mitten in diesem ihrem Lauf wieder aufgebe. Denn daß ich als <hi rend="italic">Beamter</hi> diesen Prozeß führe und meine Eigenschaft als Beamter bereits freiwillig <hi rend="italic">aufgegeben</hi> habe und <hi rend="italic">anderswo</hi> Beamter geworden bin, das ist eben logisch und technisch unmöglich. Ich würde damit <foreign xml:lang="lat">eo ipso</foreign> von der Möglichkeit, den Prozeß zu führen, zurücktreten. Ob nun dieser Prozeß überhaupt geführt werden muß, darüber kann man gewiß in guten Treuen verschiedener Meinung sein. In der Verteidigungsschrift von <persName ref="kbga-actors-45">Bleibtreu</persName> die Gründe, die dafür sprechen, zu finden, durftest du natürlich nicht erwarten. <hi rend="italic">Dich</hi> von irgend etwas zu überzeugen, konnte ihre Absicht gewiß nicht sein, sondern <hi rend="italic">hinter</hi> ihr steht unausgesprochen die <hi rend="italic">Hypothese</hi>, daß es sinnvoll sei, das Experiment des Prozesses noch zu machen, bevor man sich mit der Tatsache der Absetzung zufrieden gibt, und interessant kann sie nur unter der Voraussetzung sein, daß man diese Hypothese in ihrer ganzen Fragwürdigkeit als solche wichtig findet. (Ich sehe jetzt erst, daß ich wahrscheinlich einen Fehler gemacht habe damit, dir und <persName ref="kbga-actors-316">Rudi</persName> und meiner <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName> diese Verteidigungsschrift überhaupt zu schicken, weil ihr die Dialektik dieser Angelegenheit von Weitem gar nicht durchschauen konntet und euch darum bei der Lektüre vermutlich nur verwundert und gelangweilt habt, was die juristisch <pb xml:id="p861" ed="pga"/> nach allseitigem Urteil sehr gediegene Arbeit nun wirklich nicht verdient.) Ich war ja nun anfangs auch sehr unfreudig zu diesem zweiten Prozeß. Aber es ist mir <foreign xml:lang="lat">unisono</foreign> von allen Seiten zugerufen worden: 1. ich dürfe nicht durch Unterlassung der Revision meinerseits zugeben, daß meine Absetzung «rechtens» gewesen sei, 2. ich dürfe keinen Schritt unterlassen, um meiner Entfernung aus <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> entgegenzuwirken, 3. ich dürfe dem Staat die Gelegenheit, ein Fehlurteil vielleicht wieder gut zu machen, nicht mechanisch wegnehmen. Diesen Erwägungen habe ich mich im Februar — ich denke, wissend um Alles, was sich dagegen sagen läßt — angeschlossen. Auf sie ist die Verteidigungsschrift aufgebaut. Mag praktisch Alles so aussichtslos wie möglich sein — wir täuschen uns hier darüber nun wirklich nicht!! —, so wäre es mir doch, Alles wohl überlegt, irgendwie brutal vorgekommen, jene Erwägungen mit der mich ursprünglich beherrschenden Empfindung: Ich mag nicht mehr! Ich gehe! unter den Tisch zu wischen. War ihnen aber einmal ein relatives Recht zugestanden, dann mußte und muß die Sache nun eben ordentlich durchgefochten sein. Daß es jetzt nicht rascher vorwärts geht, ist darum erstaunlich, weil wir aus bester Quelle wußten, daß die Regierung selbst auf möglichste Beschleunigung dieses Verfahrens dränge.<note xml:id="n03">Nach einer Aktennotiz der Reichskanzlei vom <date when="1935-01-27">27.1.1935</date> und einem Vermerk <persName ref="kbga-actors-347">Rusts</persName> vom <date when="1935-03-05">5.3.1935</date> rechnete der Reichskultusminister mit einem Verhandlungstermin etwa im <date when="1935-04">April 1935</date> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 153.157</bibl>). Auf welchem Weg <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> von diesem Zeitplan Kenntnis erhielt, konnte nicht ermittelt werden.</note> Es scheint aber, daß die Verteidigungsschrift doch etwas mehr Eindruck gemacht hat, als wir annehmen konnten. Und wenn auch 99,99% Wahrscheinlichkeit dafür sprechen, daß der Erfolg schließlich doch so oder so negativ sein wird, so hat es doch sicher seinen Wert auch für später, jetzt Alles getan und auch das Gericht bzw. die Regierung noch einmal allen Ernstes mit dem ganzen Problem beschäftigt zu haben. Darum würde ich es doch für etwas leichtfertig halten, jetzt ohne ersichtlichen Grund die Geduld zu verlieren. Umso mehr, als ich ja auch die Basler Archonten darauf aufmerksam gemacht habe, daß es noch so <hi rend="italic">oder</hi> so lange dauern könne.</p>
        <p>Der gegenwärtige Aufenthalt auf dieser Station bringt es nun natürlich mit sich, daß ich auch immer wieder in die auf- und absteigenden Wellen der Überlegungen und Gespräche über die zu gründende freie theologische Hochschule hineingezogen werde. Die Notwendigkeit ei<pb xml:id="p862" ed="pga" break="no"/>ner solchen Sache drängt sich einem ja sehr auf, wenn man z. B. die hiesigen Zustände nach der Zerstörung der bisherigen Fakultät und der Einführung der <persName ref="kbga-actors-7098">Jirku</persName>, <persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName>, <persName ref="kbga-actors-3327">Kohlmeyer</persName><note xml:id="n04"><persName ref="kbga-actors-7098">Anton Jirku</persName> (1885–1972), 1922–1934 a.o. Professor für Altes Testament in Breslau, von dort zum 1.11.1934 nach Greifswald strafversetzt, lehrte ab dem 1.4.1935–1945 (Ruhestand) in Bonn. — <persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName> wurde zum 2.4.1935 als Vertreter für das SS auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> bisherigen Lehrstuhl nach Bonn berufen. — <persName ref="kbga-actors-3327">Ernst Kohlmeyer</persName> (1882–1959), seit 1930 Professor für Kirchengeschichte (2. Lehrstuhl) in Halle, lehrte ab dem 1.4.1935 (bis 1944) in Bonn — gewissermaßen im Austausch mit <persName ref="kbga-actors-431">E. Wolf</persName>, der zum 6.3.1935 nach Halle versetzt worden war.</note> und wie das Alles heißt, ansieht. Es war schon in Ordnung, daß an der reformierten Synode beschlossen wurde, mit den Lutheranern zusammen an die nötigen Vorbereitungen zu gehen. Aber es zeigt sich jetzt schon, daß die Ausführung schwieriger ist, als man es sich zuerst gedacht hatte. Vor dem Herbst will jetzt sogar <persName ref="kbga-actors-5489">Immer</persName> ein solches Institut nicht auftun.<note xml:id="n05">Der vom Rat der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union berufene lutherische Ausschuß für die Errichtung einer kirchlichen Hochschule konnte seine Arbeit nicht aufnehmen, nachdem <persName ref="kbga-actors-275">G. Merz</persName> «aus grundsätzlichen Erwägungen Vorsitz und Mitarbeit abgelehnt» hatte. Er halte es für richtiger, eine theologische Schule «in der Art aufzubauen wie die hier in <placeName ref="kbga-places-174">Bethel</placeName>, daß sie einen lutherischen bzw. reformierten Grundcharakter trägt, aber, wie es bei uns in Bethel der Fall war, auch einmal einem reformierten bzw. lutherischen Dozenten Raum gibt und in ihrer ganzen Art dem Rechnung trägt, was wir in <placeName ref="kbga-places-162">Barmen</placeName> und <placeName ref="kbga-places-804">Dahlem</placeName> beschlossen haben …» Eine solche lutherisch geprägte Schule plane der lutherische Rat in Ostpreußen (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-169">Gauger III, S. 535</bibl>). Merz’ Absage führte <persName ref="kbga-actors-5489">Immer</persName> zu dem Schluß: «Im Augenblick sehe ich nicht, wie es zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit mit dem bestellten lutherischen Ausschuß ohne D. Merz kommen wird. Jedenfalls ist mir an diesem und an manchem anderen deutlich geworden, daß eine Eröffnung der Hochschule erst im Sommer, resp. Herbst in Frage kommt» (Abdruck von Immers Brief an «die Herren Professoren und Dozenten» — mit dem Zitat von Merz — vom <ref type="kba-objects-id" target="26139">11.4.1935</ref> in: <bibl corresp="kbga-bibls-670">W. Schneider, <hi rend="italic">Vorspiel in Bonn, Barmen und Berlin</hi>, in: Aschermann/Schneider, S. 53f.</bibl>). Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p851#fn_n03">S. 851, Anm. 3</ref>.</note> Und nach meiner Beteiligung rufen jetzt eigentlich nur noch Einzelne — wie merkwürdiger Weise jetzt auf einmal mein hiesiger Kollege <persName ref="kbga-actors-1953">Weber</persName> und noch mehr seine <persName ref="kbga-actors-1950">Frau</persName><note xml:id="n06"><persName ref="kbga-actors-1950">Hannah Weber</persName>, geb. Schrader (<date from="1891" to="1962">1891–1962</date>), beteiligte sich aktiv in der Bekennenden Kirche und wirkte zumindest im Sommersemester <date when="1935">1935</date> auch als Dozentin in einer in ihrer Wohnung stattfindenden dogmatischen Sozietät — einer «verschleierte[n] Vorlesung» — für Studenten der Bekennenden Kirche. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-181">Scherffig I, S. 173 (Zitat dort)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3296">Bizer, S. 260</bibl>.</note>! 
          Es sieht also tatsächlich nüchtern betrachtet durchaus so aus, daß der Prozeß wirklich die letzte Möglichkeit ist, formal noch einmal zu versuchen, meine Existenz im Raume der deut<pb xml:id="p863" ed="pga" break="no"/>schen evangelischen Kirche zu behaupten, und daß nachher etwas Anderes praktisch gar nicht in Betracht kommen wird als eben <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>. (Ich bekam zwar dieser Tage eine offenbar ernst gemeinte Anfrage von <placeName ref="kbga-places-322">St. Andrews</placeName> in Schottland.<note xml:id="n07">Dem Brief von Reverend Professor <persName ref="kbga-actors-101">George S. Duncan</persName> aus <placeName ref="kbga-places-322">St. Andrews</placeName> vom <ref type="kba-objects-id" target="26135">11.4.1935</ref> lag eine auf den <date when="1935-03-26">26.3.1935</date> datierte gedruckte Beschreibung des vakanten «Chair of Divinity» im zur Universität gehörigen St. Mary’s College bei. Über den auf Basis eines Stipendiums in Swansea/Wales arbeitenden <persName ref="kbga-actors-321">O. Piper</persName> hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erfahren, daß er bei einer Berufung auf diesen Lehrstuhl sehr gute Chancen hätte. Er sei zwar «in erster Linie für die philosophischen Probleme, die mit der Theologie zusammenhängen, bestimmt … Es wird aber auch auf diesem freien Lehrstuhle möglich sein, wirklich theologische Vorlesungen zu halten, wie man mir versicherte. Die theologische Fakultät ist winzig, kaum mehr als einige 30 Studenten.» Piper bat um Auskunft, ob <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich in <placeName ref="kbga-places-322">St. Andrews</placeName> bewerben wolle, weil er es andernfalls selber versuchen wolle (Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="26129">10.4.1935</ref>). <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> lehnte das Angebot am <ref type="kba-objects-id" target="26196">25.4.</ref> dankend ab. Er sehe die Gefahr der «Zersplitterung im Verhältnis zu meiner eigentlichen Aufgabe», der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Dogmatik</bibl>, wenn er eine neue Sprache lernen und sich in neue Verhältnisse einfinden müsse, empfehle aber, Pipers Bewerbung aufmerksam zu erwägen (Brief an <persName ref="kbga-actors-101">Duncan</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="26194">25.4.1935</ref>).</note> Ach <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>, wenn ich an die Plagen denke, die im Zusammenhang mit der größeren Nähe der verschiedenen Familien in Basel über uns hereinbrechen können, könnte mein alter Mensch wohl Lust bekommen, einen Englischkurs nach dem anderen zu nehmen und dann an jenem nördlichen Meeresstrand zu verschwinden. Aber das kommt in der Tat nicht ernstlich in Betracht.) Wiederum mußt du oder müßt ihr verstehen, daß die Stimmungen, Eindrücke und Unterhaltungen über das Kommende hier bei uns immer wieder auf und ab, hin und her gehen, daß ich mich nicht eben in der Verfassung eines Mannes befinde, der nun eben seine Rechnung mit diesem merkwürdigen Volk und Land fürs Erste abgeschlossen hat und getrost den Staub von seinen Füßen schütteln [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.4">Mt. 10,4</ref> par.] kann, um anderswo seine Hütte neu aufzubauen. Ist es einmal so weit, dann wird es eben geschehen. Solange ich noch hier bin, ohne den entscheidenden Pfiff zum Abmarsch empfangen zu haben, muß ich wohl Alles immer wieder ansehen und überdenken, was hier so gänzlich problematisch hinter mir zurückbleiben soll, nachdem es mich bis jetzt so ernstlich in Anspruch genommen hatte. Da es weithin auch einfach in persönlichen Gestalten und Schicksalen besteht, kann ich es dir im Einzelnen schwer klar machen in dem Gewicht, das es nun einmal für mich hat und haben muß, und inwiefern es mir den Entschluß, es sich selbst zu überlas<pb xml:id="p864" ed="pga" break="no"/>sen und meiner Wege zu gehen, so schwer macht. Du würdest es aber, wenn du hier das Einzelne sehen und mitempfinden könntest, sicher auch als ungehörig [emp]finden, wenn ich jetzt einfach darum, weil es mir zu dumm wird, etwas brüskieren und also z. B. den Prozeß schwimmen lassen würde. Ein wenig jedermann und ich selber nicht zuletzt müßte das als eine allzu billige Lösung empfinden. Glaubst du nicht auch, daß auch hinsichtlich Basels Alles gerade dann aufs Beste herauskommen und sich fügen wird, wenn ich mich jetzt nicht verlocken lasse zu hüpfen, sondern nach wie vor, so gut es geht, schreite? Sei nur ganz sicher: sobald es so weit ist — und es weisen wirklich alle Zeichen darauf hin, <hi rend="italic">daß</hi> es soweit kommen wird —, so werde ich mich mit aller Liebe und Aufmerksamkeit nun eben der Basler Aufgabe zuwenden. Und wenn auf die jetzt dort so gut stehenden Sterne einiger Verlaß ist, so werden sie auch dann wieder gut stehen, wenn ich jetzt nichts Eigenmächtiges bzw. Ungeduldiges tue, sondern die Dinge eins nach dem anderen an mich herankommen lasse. Es wird aber für alle Teile mehr Segen auf meiner künftigen Basler Existenz ruhen, wenn es manifest ist, daß ich hier die Schanze wirklich erst nach Verfeuern der letzten Patrone geräumt habe. Die großen Feueraugen <persName ref="kbga-actors-157">Hartensteins</persName> werden mir dann nichts vorzuwerfen haben, sondern umgekehrt werde ich dann legitimiert sein, ihm hinsichtlich der Basler Kirche einiges Weitere zu sagen, wenn er das Letzte noch nicht beherzigt haben sollte.<note xml:id="n08">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p824#fn_n25">S. 824, Anm. 25</ref>.</note>
            </p>
        <p>Und so fasset denn auch ihr, lieber <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName> und liebe, offenbar noch lebhafter bewegte <persName ref="kbga-actors-1285">Marguerite</persName>, eure Herzen in Geduld [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.21.19">Lk. 21,19</ref>]! Bedenkt immer wieder, daß wir hier auf einem sehr unübersichtlichen und wie eine Urweltlandschaft immer wieder sich verändernden Gelände leben, wo man kaum Pläne, sondern immer wieder nur Entschlüsse fassen kann. Aber «wenn die Stunden sich gefunden, bricht die Hilf’ mit Macht herein».<note xml:id="n09"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-226">Anfang der 6. Strophe des Liedes «Gott will’s machen, daß die Sachen …» von <persName ref="kbga-actors-1370">Johann Daniel Herrnschmidt</persName> (1675–1723), GERS 285</bibl>.</note> Das wird auch in dieser Sache so oder so in Erfüllung gehen.</p>
        <p>Die um sich greifende Verfolgung hat zur Wirkung gehabt, daß die <persName ref="kbga-actors-265">Marahrens</persName>gruppe scheinbar jetzt auch etwas mehr Mumm in die Knochen bekommen hat und sogar dem grimmigen <persName ref="kbga-actors-300">Niemöller</persName> so befriedigende Erklärungen abgegeben haben soll, daß eine neue Konsolidie<pb xml:id="p865" ed="pga" break="no"/>rung des <orgName ref="kbga-actors-8288">Bruderrates</orgName> nicht außer Bereich des Möglichen steht.<note xml:id="n10">Nach einer ersten Unterredung mit Bischof <persName ref="kbga-actors-265">Marahrens</persName> am <date when="1935-02-27">27.2.1935</date> in Berlin war es zu einer Annäherung von <orgName ref="kbga-actors-8288">Reichsbruderrat</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-8355">Vorläufiger Kirchenleitung</orgName> gekommen. Letztere sprach sich am <date when="1935-03-07">7.3.</date> eindeutig für die Barmer und Dahlemer Beschlüsse als Grundlage für eine kirchliche Neuordnung aus (s. <bibl corresp="kbga-bibls-494">Schmidt 1935, S. 73f.</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-169">Gauger III, S. 471.473</bibl>). Auf dem von Marahrens initiierten Treffen von Reichsbruderrat und Vertretern der Landeskirchen am <date when="1935-04-10">10.4.</date> in Leipzig wurden von allen beteiligten Gremien Grundsätze über «Kirche, Recht und Staat» beschlossen, die auch <persName ref="kbga-actors-300">Niemöller</persName> gutheißen konnte (s. unten <ref type="pub" target="../volume/34/p875#fn_n04">S. 875, Anm. 4</ref> und <ref type="pub" target="../volume/34/p875#fn_n05">5</ref>). Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1205">J. Schmidt, <hi rend="italic">Martin Niemöller im Kirchenkampf</hi>, a.a.O. (<ref type="pub" target="../volume/34/p695#fn_n15">S. 695, Anm. 15</ref>), S. 280–282</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-238">Meier II, S. 44.</bibl></note> 
        <persName ref="kbga-actors-1269">Stoevesandt</persName> ist nach 14 Tagen Haft wieder frei, dafür haben sie nun dort den Pfarrer <persName ref="kbga-actors-7016">Greiffenhagen</persName> eingesperrt<note xml:id="n11">Dr. <persName ref="kbga-actors-7016">Gustav Greiffenhagen</persName> (1902–1968), seit 1931 Pfarrer in Bremen und Vertreter einer kompromißlosen Auslegung des umstrittenen Punktes III, 3 der Dahlemer Erklärung (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p716#fn_n11">S. 716f., Anm. 11</ref>), war vom 18. bis 21.4. in Haft, denn er hatte einem <orgName ref="kbga-actors-8360">SA</orgName>-Mann, der von einem <orgName ref="kbga-actors-8309">DC</orgName>-Pastor getraut werden wollte, das Dimissoriale verweigert, weil er die deutsch-christliche Kirche nicht als gleichberechtigt anerkannte. Zu den Umständen von Greiffenhagens Verhaftung vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-7273">A. Meyer-Zollitsch, <hi rend="italic">Nationalsozialismus …</hi>, a.a.O., S. 158, Anm. 98.</bibl></note>. Der <persName ref="kbga-actors-289">Reibi</persName> hat auch dies Jahr eine große, ungemein wässerig daherplätschernde Passions- und Osterbotschaft ausgehen lassen.<note xml:id="n12">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7275"><hi rend="italic">Karfreitags- und Osterwort des Reichsbischofs</hi>, in: Gesetzesblatt der Deutschen Evangelischen Kirche, Nr. 12 vom 17.4.1935, S. 31–33.</bibl></note> Im Übrigen hat er sich nun die ganzen Monate tot gestellt, um erst bei der Hochzeit von <persName ref="kbga-actors-5705">Göring</persName> wieder in Erscheinung zu treten.<note xml:id="n13"><persName ref="kbga-actors-289">L. Müller</persName> hatte <persName ref="kbga-actors-5705">H. Göring</persName> und die Schauspielerin <persName ref="kbga-actors-7432">Emmy Sonnemann</persName>, gesch. Köstlin (1898–1973), am 10.4.1935 im Berliner Dom getraut. Für die Predigt standen ihm 5 Minuten zur Verfügung (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-7276">D. Irving, <hi rend="italic">Göring</hi>, Hamburg/ München
                            1987<hi rend="sup">2</hi> S. 230, sowie Abbildung zwischen S. 320 und 321</bibl>).</note> Der Stand der Verteidigungsschlacht seitens der Bekenntniskirche ist lokal sehr verschieden, am besten offenbar dort, wo am heftigsten angegriffen wird. Unsere hiesigen Pfarrer schlagen sich ziemlich schlecht. Hier im <placeName ref="kbga-places-914">Rheinland</placeName> ist die kirchenpolitische Lage technisch ganz besonders kompliziert. In <placeName ref="kbga-places-129">Düsseldorf</placeName> wird zwischen den 2-3-4 Gewalten, die da existieren, nahezu Räuberlis gespielt mit geschnappten Schlüsseln und dergl.<note xml:id="n14">= Räuber und Gendarm. — <placeName ref="kbga-places-129">Düsseldorf</placeName> war seit <date when="1934-09">September 1934</date> Sitz des rheinischen Konsistoriums. Eine dort bzw. im Rheinland spielende «Schlüssel»-Szene ließ sich nicht ermitteln. Vielleicht liegt eine Verwechslung mit einer Begebenheit in Hessen vor, die im rheinischen <hi rend="italic">34. Brief zur Lage vom 27.3.1935</hi> berichtet wird: «In <hi rend="italic">Schornsheim</hi> erschien am 10. März bei dem Kirchenvorstand der <orgName ref="kbga-actors-8360">SA</orgName>.-Sturmbannführer <hi rend="italic">Reicherten</hi> voller Uniform und forderte von dem Kirchenvorstand die Schlüssel zur Kirche. Der Kirchenvorstand hat dieser Aufforderung nicht Folge geleistet. Darauf erschien der in Schornsheim stationierte Polizeiwachtmeister und forderte die Herausgabe der Kirchenschlüssel unter Androhung von Verhaftung und Haussuchung. Unter diesem polizeilichen Zwange wurden die Schlüssel herausgegeben.» Als daraufhin ein ortsfremder Dekan noch am selben Tag einen Vikar, der das zweite theologische Examen noch nicht abgelegt hatte, in der Kirche ordinierte und als neuen Pfarrer einsetzte, beschloß der Schornsheimer Kirchenvorstand, «einen Gottesdienst der bekennenden Gemeinde festzusetzen. Der Wachtmeister erhielt unterdes telephonischen Auftrag, den gerade in der Sitzung des Kirchenvorstandes befindlichen Justizrat D. <persName ref="kbga-actors-7394">Schmidt-Knatz</persName> zu verhaften und ihn in Verwahrung zu bringen. / Ungefähr zwanzig Minuten danach erschien das Ueberfallkommando mit einer Abteilung der <orgName ref="kbga-actors-8298">Staatspolizei</orgName>. Justizrat Schmidt-Knatz erhielt einen Verweis und wurde von dem Ueberfallkommando wieder in Freiheit gesetzt. Der Gottesdienst, der um 1.30 Uhr stattfinden sollte, wurde um 1 Uhr verboten» (abgedruckt bei <bibl corresp="kbga-bibls-7188">Beckmann, S. 280</bibl>).</note> Am nächsten Sonntag findet in <placeName ref="kbga-places-162">Bar<pb xml:id="p866" ed="pga" break="no"/></placeName>men-<placeName ref="kbga-places-197">Elberfeld</placeName> ein «Gemeindetag unter dem Wort» statt, zu dem aufs neue die Autobusse aus dem ganzen Rheinland anrollen sollen. In 15 Kirchen gleichzeitig Predigt über <ref type="can" subtype="bible" target="Off.1.9 Off.1.18">Off. 1.9–18</ref>, nachher überall ein Vortrag über das Thema «Bekennende Kirche im Sturm»(!).<note xml:id="n15">Anläßlich des Gemeindetages am <date when="1935-04-28">28.4.1935</date> mit etwa 25000 Abgesandten der rheinischen und westfälischen Bekennenden Kirche fanden in 20 Wuppertaler Kirchen Gottesdienste statt. 
                            Nach den Gottesdiensten war, wie <persName ref="kbga-actors-5489">Immer</persName> am <ref type="kba-objects-id" target="26113">9.4.1935</ref> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> geschrieben hatte, «unter dem Thema ‹Bekennende Kirche im Sturm› [ein] Bericht über Lage und Aufgabe der Kirche a. in Deutschland, b. in Westfalen» geplant. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte seine Antwort auf Immers Anfrage, ob er eine der Predigten übernehmen könne, unter Hinweis auf das Redeverbot zunächst offen gelassen (Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="26120">10.4.1935</ref>). Vgl. Kurzbericht im 36. rheinischen Brief zur Lage vom <date when="1935-05-06">6.5.1935</date>; abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-7188">Beckmann, S. 2</bibl>.</note> Gewisse Unverwüstlichkeiten sind, wie du siehst, auch jetzt noch nicht ausgestorben und sind wohl auch als Gewand der Niedrigkeit nicht zu entbehren. Am Donnerstag haben wir in Elberfeld <orgName ref="kbga-actors-8343">Moderamen</orgName>ssitzung: bei den Reformierten ist nämlich immer wieder Hausstreit.<note xml:id="n16"><persName ref="kbga-actors-7423">R. W. Siebel</persName> hatte am <ref type="kba-objects-id" target="26069">2.4.1935</ref> <persName ref="kbga-actors-1044">Hesse</persName> brieflich seinen Rücktritt erklärt und <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> einen Durchschlag dieses Schreibens zukommen lassen. Sein Motiv für die Mitarbeit im <orgName ref="kbga-actors-8343">Moderamen</orgName> sei immer die Begründung einer einigen reformierten Kirche in Deutschland gewesen, ein Ziel, das er angesichts der Siegener Beschlüsse, die er nicht mittragen könne, endgültig als unerreichbar betrachten müsse (Durchschlag einer Abschrift des Briefes im Karl Barth-Archiv). Auch <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gegenüber, der Siebel um ein Überdenken seiner Entscheidung bat (Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="26111">9.4.1935</ref>), bekräftigte er seinen Entschluß (Brief an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="26190">24.4.1935</ref>), verließ das <orgName ref="kbga-actors-8343">Moderamen</orgName> jedoch erst 1936. Differenzen gab es auch mit den Moderamensmitgliedern <persName ref="kbga-actors-5282">Hollweg</persName> und <persName ref="kbga-actors-6658">Langenohl</persName>; auf der Tagesordnung für die Moderamenssitzung vom <date when="1935-04-26">26.4.1935</date> in <placeName ref="kbga-places-197">Elberfeld</placeName> ist als 1. Punkt genannt: «Mitglieder des Moderamens (Korrespondenz mit D. Dr. Hollweg und Pastor Langenohl sowie mit der Französisch-reformierten Kirche in Berlin)» (Tagesordnung im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName>). Hollweg hatte bereits im <date when="1934-12">Dezember 1934</date> seinen Austritt aus dem Moderamen und dem Reformierten Bund erklärt, war jedoch u. a.  von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mehrfach gebeten worden, seine Entscheidung zurückzunehmen (s. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p794#fn_n03">S. 794, Anm. 3</ref>); nach der <orgName ref="kbga-actors-8439">Siegener Synode</orgName> erklärte er jedoch endgültig seinen Austritt. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-244">S. Lekebusch, <hi rend="italic">Die Reformierten im Kirchenkampf …</hi>, a.a.O. (<ref type="pub" target="../volume/34/p438#fn_n06">S. 438, Anm. 6</ref>), S. 218.240f.244.268f.273.</bibl></note> 
                            Es steht zu <pb xml:id="p867" ed="pga"/> befürchten, daß ich in derselben Sache noch einmal in die <placeName ref="kbga-places-662">Grafschaft Bentheim</placeName>, wenn nicht gar nach <placeName ref="kbga-places-686">Ostfriesland</placeName> fahren muß.<note xml:id="n17">In der Evangelisch-reformierten Landeskirche der Provinz Hannover war es zu neuen Auseinandersetzungen der Bekenntnisgemeinschaft mit Vertretern der Kirchenleitung gekommen, da diese sich weigerte, sich dem in <placeName ref="kbga-places-883">Siegen</placeName> beschlossenen Aufruf zur Sammlung der bekennenden reformierten Gemeinden anzuschließen und den endgültigen Bruch mit der Reichskirchenregierung zu vollziehen. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-183">Fr. Middendorff, <hi rend="italic">Der Kirchenkampf in einer reformierten Kirche</hi> …, a.a.O. (<ref type="pub" target="../volume/34/p719#fn_n17">S. 719, Anm. 17</ref>), S. 19f.74-76</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-244">S. Lekebusch, a.a.O., S. 235–240</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-238">Meier II, S. 364</bibl>; s. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p803#fn_n26">S. 803f., Anm. 26</ref> und <ref type="pub" target="../volume/34/p803#fn_n27">27.</ref></note> In der Himmelfahrtswoche bin ich für die Leitung eines Bibelkurses am Diakonissenhaus <placeName ref="kbga-places-748">Detmold</placeName> vorgesehen.<note xml:id="n18">Die Oberin des reformierten Diakonissenhauses, <persName ref="kbga-actors-6877">Martha Coerper</persName>, hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> um die Übernahme der morgendlichen Bibelarbeiten und der Predigt am Himmelfahrtstag auf der «Gemeindeschwestern-Conferenz» mit etwa 90-100 Schwestern am <date from="1935-05-27" to="1935-05-31">27.-31.5.1935</date> gebeten (Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="26091">5.4.1935</ref>). <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erklärte sich zunächst grundsätzlich dazu bereit, ließ aber die Entscheidung in Anbetracht der unklaren Entwicklung seiner Lage zunächst noch offen (Brief an <persName ref="kbga-actors-6877">M. Coerper</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="26103">8.4.1935</ref>). Am <ref type="kba-objects-id" target="26195">25.4.1935</ref> sagte er seine Teilnahme ab, da er sich Ende Mai vielleicht nicht in Deutschland aufhalten würde (Brief an Pastor Jürgens).</note> So Gott will und wir leben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.4.15">Jak. 4,15</ref>]; denn durch das alles kann ja die mir so aufmerksam zugewandte <orgName ref="kbga-actors-8298">Gestapo</orgName> diesen oder jenen und alle möglichen Striche ziehen.</p>
        <p>Das von <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName> erwähnte Buch über das Apostolikum (Utrechter Vorlesungen) wird wahrscheinlich die Liberalen aufs neue meinethalben aufheulen lassen, weil ich da nur in ziemlicher Kürze und darum wohl etwas aufreizend bestätigen konnte, daß sich alles so verhalte, wie es im Apostolikum geschrieben steht. Vermutlich wird auch <persName ref="kbga-actors-63">Emil</persName> darin einen neuen Beweis meiner völligen orthodoxen Erstarrung sehen. A propos: ist dieses neue Buch von Emil, das du in den <orgName ref="kbga-actors-5804">B. N.</orgName> angezeigt hast, wirklich so gut?<note xml:id="n19">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7277"><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, <hi rend="italic">Unser Glaube. Eine christliche Unterweisung</hi>, Bern
                            1935 (Zürich 1992<hi rend="sup">17</hi></bibl>). <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> hatte das Buch als eine Schrift charakterisiert, «die sich in ganz besonders hervorragender Weise für unsere Konfirmanden eignet». Die ursprünglich für den zürcherischen Kirchenboten verfaßten Betrachtungen «tragen das Gepräge kurzer Anrufe an den Menschen von heute. Sie räumen Glaubenshindernisse aus dem Wege. Sie ermuntern und trösten, und machen gewiß und rütteln auf» und seien zudem «ganz und gar frei von allem Frömmelnden, von allem falschen Kirchenstil» geschrieben, so daß das Buch als Geschenk für Konfirmation oder Ostern sehr zu empfehlen sei (<bibl corresp="kbga-bibls-7278"><persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName>, <hi rend="italic">Eine Buchanzeige für unsere Konfirmanden</hi>, in: BN, Jg. 91 [1935], Nr. 102 vom 13./14.4.1935, 2. Beilage</bibl>).</note> Die Rezension hat in den Kreisen des hiesigen Laboratoriums<note xml:id="n20">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/34/p346#fn_n01">S. 346, Anm. 1</ref>.</note> einiges Aufsehen und Verwundern erregt.</p>
        
        <p> <pb xml:id="p868" ed="pga" rend="noPipe"/> Ich habe übrigens im Augenblick nicht weniger als drei Gegenschriften von Erlanger Kollegen hier liegen: von <persName ref="kbga-actors-352">Sasse</persName> wegen der Union<note xml:id="n21">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7279"><persName ref="kbga-actors-352">H. Sasse</persName>, <hi rend="italic">Konfessionelle Unbußfertigkeit? Ein Wort zum Verständnis des lutherischen Konfessionalismus</hi>, in: AELKZ, Jg. 68 (1935), Sp. 245–249.266-274.</bibl> Vgl. unten <ref type="pub" target="#fn_n24">Anm. 24.</ref></note> und von <persName ref="kbga-actors-4">Althaus</persName> und <persName ref="kbga-actors-105">Elert</persName> wegen der natürlichen Theologie<note xml:id="n22">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-7280"><persName ref="kbga-actors-4">P. Althaus</persName>, <hi rend="italic">Ur-Offenbarung</hi>, in: Luthertum. Neue Folge der «Neuen Kirchlichen Zeitschrift», Jg. 45 (1935), S. 4–24</bibl>; s. dort besonders S. 24 (Sonderdruck mit zahlreichen Lesespuren im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName>). — <bibl corresp="kbga-bibls-7281"><persName ref="kbga-actors-105">W. Elert</persName>, <hi rend="italic">Karl Barths Index der verbotenen Bücher</hi> (Theologia militans. Schriften für lutherische Lehre und Gestaltung 2), Leipzig 
                        1935</bibl> (Das Exemplar im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName> mit Lesespuren trägt auf dem Titelblatt in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handschrift die Aufschrift: «Frl. <persName ref="kbga-actors-6478">Käthe Seifert</persName>: <hi rend="italic">‹Die Erlanger Fakultät entwickelt sich zu einer Pestbeule!›</hi> 
                        18. April 1935»).</note>. In jener Ecke bin ich wirklich eine wenig beliebte Gestalt und wird man über meinen Abgang heilfroh sein. Es erscheint nun aber in der nächsten Nr. der «Ev. Theol.» doch noch ein Vortrag von mir über die Union<note xml:id="n23">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-5608"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic"><ref type="pub-" target="52036">Die Möglichkeit einer Bekenntnis-Union</ref></hi> (Vortrag, gehalten am 11.2.1935 vor einer Versammlung von Aeltesten und Gemeindegliedern zu M[önchen]-Gladbach, wiedergegeben nach einem Stenogramm), in: EvTh, Jg. 2 (1935), S. 26–44.</bibl></note>, 
                        leider nicht ganz 18-karätig (auch und gerade nach <persName ref="kbga-actors-223">Lollos</persName> Urteil!!), weil bloß die Nachschrift einer frei gehaltenen Rede. Ich hätte mir auch nicht träumen lassen, daß ich noch einmal ausgerechnet wegen der preußischen Union so beschimpft werden solle, wie es mir nun durch Sasse widerfahren ist<note xml:id="n24">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-7279"><persName ref="kbga-actors-352">H. Sasse</persName>, a.a.O., Sp. 270–274.</bibl> Seinen Ausführungen gegen die Union, die er mit Bekenntnislosigkeit gleichsetzt (Sp. 266 u.ö.) und die deshalb vor der Alternative stehe, entweder sich zu einer eigenen Konfession auszubauen oder sich selbst aufzulösen, folgt je ein «persönliches Wort» an <persName ref="kbga-actors-416">H. E. Weber</persName> und besonders <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> als Verfechter des Unionsgedankens (S. 269). Darin bezieht sich Sasse zunächst auf die auch von Barth und Weber unterschriebenen, in Frageform formulierten «Theologischen Bedenken zum Kampf um die Union» vom <date when="1935-02">Februar 1935</date> (in: <bibl corresp="kbga-bibls-494">Schmidt 1935, S. 69</bibl>). Wo Barth — wie nach Sasse seit der Barmer Theologischen Erklärung geschehen — «von der evangelisch-lutherischen Kirche in Deutschland fordert, daß sie aufhöre, als Kirche zu existieren», müsse seine Theologie ihren Einfluß auf das deutsche Luthertum verlieren. «Die Forderungen, die er an uns stellte, waren die Forderungen eines Mannes, der sich zur Reformation unserer Kirche berufen glaubt, einer Kirche, der er selbst gar nicht angehört, in der er kein Amt bekleidet, die er von Hause aus nicht kennt und um deren Verständnis er sich offenbar auch nicht ernsthaft bemüht hat. Aber so aufmerksam wir den Theologen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gehört haben, als Reformator vermögen wir ihn nicht anzuerkennen» (Sp. 273). Das unterschiedliche Abendmahlsverständnis sei zwar zur Zeit nicht Thema der Auseinandersetzungen, bleibe jedoch «eine ganz große, Kirchen und Konfessionen trennende Frage». Das Gegenteil könne nur «ein deutscher Studierstubentheologe» meinen, «der nichts von den kirchlichen Nöten und den konfessionellen Auseinandersetzungen in der Christenheit der Welt weiß» (Sp. 274).</note>. Die Lutheraner beklagen sich dauernd aufs bit<pb xml:id="p869" ed="pga" break="no"/>terste über Tyrannei, ja «Terror» seitens der «Calvinisten», wobei dann immer ich gemeint bin und mich getroffen fühlen sollte. Eine ganz undurchsichtige Politik macht nach wie vor unser alter Freund <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName>, dessen Stimme man gelegentlich aus den Wolken der <persName ref="kbga-actors-7588">Bodelschwingh</persName>-Mystik, der er ganz verfallen ist, behaupten hört, daß für ihn weder <persName ref="kbga-actors-2267">Apollos</persName> noch <persName ref="kbga-actors-1814">Kephas</persName> noch <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, sondern allein Christus maßgebend sei [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.12">1.Kor. 1,12</ref>]. Was dann aber bei ihm wie bei so vielen praktisch auf eine saftige Bejahung <persName ref="kbga-actors-185">Hitlers</persName> und des Landeskirchentums hinausläuft. Hast du gelesen, daß unser anderer alter Freund <persName ref="kbga-actors-691">Wolf Meyer</persName> nun Rektor der <orgName ref="kbga-actors-8292">Universität Jena</orgName> geworden ist?<note xml:id="n25"><persName ref="kbga-actors-691">W. Meyer-Erlach</persName> war von April 1935 bis Oktober 1937 Rektor der Universität Jena.</note> Hört da nicht Alles und jedes auf?</p>
        <p>Möchtest du gute Tage haben in <placeName ref="kbga-places-1588">Glion</placeName>! Du hesch’s sicher wieder emol verdient, <persName ref="kbga-actors-403">Edi</persName>!<note xml:id="n26">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p044#fn_n04">S. 44, Anm. 4</ref>.</note> Ob und wann wir im Mai in die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> kommen, steht noch dahin. <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName> ist in elfter Stunde zur Bonner Gemeindeverordneten aufgerückt, und diese Behörde hat am <date when="1935-05-06">6. Mai</date> eine wichtige Sitzung, an der wir beide — ich als Presbyter und Fraktionshaupt! — nicht fehlen dürfen.<note xml:id="n27"><persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName>, die bei den Kirchenwahlen im <date when="1933-07">Juli 1933</date> in der Liste «<hi rend="italic">Für die Freiheit des Evangeliums</hi>» kandidiert hatte, rückte nach der Versetzung Prof. <persName ref="kbga-actors-192">G. Hölschers</persName> zum <date when="1935-03-30">30.3.1935</date> in die größere Gemeindevertretung nach (<bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 215, Anm. 12</bibl>; dort irrtümlich auf das Presbyterium bezogen); s. oben <ref type="pub" target="../volume/34/p578#fn_n12">S. 578, Anm. 12</ref>. Die laut Presbyteriumsbeschluß vom <date when="1935-04-01">1.4.1935</date> auf den <date when="1935-05-06">6.5.1935</date> festgesetzte Sitzung der Gemeindevertretung scheint nicht stattgefunden zu haben (es ist kein Protokoll vorhanden); der Haushaltsplan wurde der Gemeindevertretung erst am <date when="1935-06-28">28.6.1935</date> vorgelegt (<ref type="archival">Protokoll im Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Bonn</ref>).</note> Ich kann mir vorstellen, wie komisch euch das <pb xml:id="p870" ed="pga"/> vorkommt. Was soll uns das Budget der evangelischen Gemeinde <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> 1935/36, nicht wahr? Aber eben: wir sind jetzt noch da und also …!</p>
        <closer>
          <salute>Seid beide herzlich gegrüßt</salute>
          <salute>von eurem</salute>
          <signed><persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName></signed>
        </closer>
      <postscript>
        <p>Was euren Sohn <persName ref="kbga-actors-804">Matthis</persName> betrifft, so habe ich Anlaß, euch zu gratulieren zu seiner sicher schon recht erfreulich entwickelten Boxkunst. Er hätte mich heute durch einen Schlag auf die Oberlippe beinahe knock out gemacht. Ich habe noch jetzt an den Folgen zu saugen, und daß ich nicht «auf die Bretter» gehen mußte, war Alles!</p>
        </postscript>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
