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        <title type="volume" n="vol-35">Offene Briefe 1909–1935</title>
        <title type="formal">29</title>
        <title type="content">An Pastor D. Wilhelm Kolfhaus, Vlotho/Weser (zweiter Brief)</title>
        <title type="citation_line_1">An Pastor D. Wilhelm Kolfhaus, Vlotho/Weser (zweiter Brief), 1932</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/35031 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Offene Briefe 1909–1935, hrsg. v. Koch, Diether (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2001, S. 246–253.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Offene Briefe 1909–1935</title>
          <title type="text">29: An Pastor D. Wilhelm Kolfhaus, Vlotho/Weser (zweiter Brief)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Koch, Diether</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 246-253</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe V.35, Offene Briefe 1909-1935, 1932 letter 29</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Noch einmal: Der Schrift gehorsam. An Herrn Pastor D. Wilhelm Kolfhaus in Vlotho (12.7.1932), in: Reformierte Kirchenzeitung Jg. 82 (1932), S. 236f. </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Wilhelm Kolfhaus: Noch einmal: Der Schrift gehorsam. Herrn Prof. D. Karl Barth in Bonn (15.7.1932), in: Reformierte Kirchenzeitung Jg. 82 (1932), S. 237f. </bibl>
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      <head>29</head>
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        <hi rend="smallCaps">An Pastor D. Wilhelm Kolfhaus, Vlotho/Weser</hi>
      </head>
      <head><date when="1932">1932</date> (zweiter Brief)</head>
      <div type="abstract">
        <p>Nach Erscheinen des Offenen Briefes an <persName ref="kbga-actors-1095">Kolfhaus</persName> (s. vorigen <ref type="pub" target="35030">Offenen Brief</ref>) schrieb <persName ref="kbga-actors-108">Gertrud Herrmann</persName><note xml:id="n01">Siehe Einleitung zum vorigen <ref type="pub" target="35030">Offenen Briefe</ref>.
        </note> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> einen Dankbrief dafür. Sie begrüßte es, «daß auch die theologische Öffentlichkeit Ihre Einstellung uns Theologinnen gegenüber sieht. Denn wenn ‹unsereiner› etwas sagt oder schreibt, wird es ja letzten Endes gar nicht ernst genommen bzw. in oberflächlichster Weise erledigt und abgetan (wie figura zeigt!). […] Es ist merkwürdig: das Gros der Reformierten (und ich habe hier in <placeName ref="kbga-places-197">Elberfeld</placeName> ja reichlich Gelegenheit, sie kennen zu lernen) stützt sich auf Sie bzw. Ihre Theologie, wenn es gilt, ihre Orthodoxie und Gesetzlichkeit zu stärken. Wenn es drauf ankommt, sieht man, daß sie keine Ahnung haben, was dialektische Theologie eigentlich meint. Auch deshalb ist es gut, daß sie sehen (sie könnten es zwar sowieso schon wissen), daß sie sich auf Sie wahrhaftig nicht berufen können in ihrer Gesetzlichkeit und in ihrem – und das geht ja mit Gesetzlichkeit Hand in Hand – Über-andere-verfügen-Wollen.»<note xml:id="n02">Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="20427"><date when="1932-06-29">29.6.1932</date></ref> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>.</note> Frau <persName ref="kbga-actors-108">Herrmann</persName> machte bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <date when="1932-07-12">12.7.1932</date> einen Besuch<note xml:id="n03">Lt. Barths <ref type="kba-objects-id" target="91490">Kalender</ref>, <orgName ref="kbga-actors-8253">KBA</orgName>.</note>, bei dem vermutlich das Thema weiter erörtert wurde.</p>
        <p>Zwei Tage später schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> einen zweiten <ref type="kba-objects-id" target="20466">Offenen Brief</ref> an <persName ref="kbga-actors-1095">Kolfhaus</persName>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> begründete ihn in seinem <ref type="kba-objects-id" target="20465">Begleitbrief</ref> so: «Ich wollte eigentlich den Briefwechsel nicht fortsetzen, weil mir für den Augenblick alles Nötige von beiden Seiten gesagt schien. Es kam mir dann aber eine Stimme aus dem Leserkreis der <orgName ref="kbga-actors-7337">Ref. Kirchenzeitung</orgName> zu, die mir in ihrer Ernsthaftigkeit sehr eindrucksvoll war und mir nahelegte, das Gespräch doch noch nicht abzubrechen. So darf ich Sie bitten, das Beiliegende freundlichst in die <orgName ref="kbga-actors-7337">Ref. Kirchenzeitung</orgName> aufzunehmen.»<note xml:id="n04">Undatierter Brief an <persName ref="kbga-actors-1095">Kolfhaus</persName>.</note> <persName ref="kbga-actors-1095">Kolfhaus</persName> druckte den Text unter der von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gewählten Überschrift «Noch einmal: Der Schrift gehorsam» ab und ließ wiederum im unmittelbarem Anschluß daran seine Antwort folgen.<note xml:id="n05">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-6430">RKZ, Jg. 82 (1932), S. 236f.</bibl> resp. <bibl corresp="kbga-bibls-6431">237f.</bibl>
                    </note>
            </p>
        <p><pb xml:id="p247" ed="pga" rend="noPipe"/>Nachdem eine Theologin <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ausführlich die Situation der Theologinnen geschildert hatte<note xml:id="n06">
                        <p>«Wir haben ja niemals von unseren Mitchristen, von den christlichen Redaktorinnen unseres Landes und nicht einmal von unseren Kirchenbehörden verlangt, daß sie das Wagnis, das wir im Glauben unternehmen, mit uns wagen. Wir haben uns gefreut über jeden, der mit uns ging, aber verlangt haben wir nur das Eine, daß man uns nehme und allenfalls bekämpfe als das, was wir sind, Menschen, die vielleicht irren, aber jedenfalls meinen, im Glauben gehandelt zu haben, und daher von da allein angegriffen werden müssen.</p>
          <p>Wir haben aber – mit der einzigen Ausnahme Ihres Offenen Briefes – nichts, rein gar nichts von dieser doch wohl allein christlich möglichen Art des Kampfes gegen uns zu spüren bekommen. Man hat uns bekämpft als die, die gegen die Kirchengesetze auftreten und also die gute, friedliche bürgerliche Ordnung stören, die die Familie gefährden, den Haushalt vernachlässigen und ähnliche schöne Dinge. Das Beste war doch noch immer der Angriff vom Bibelbuchstaben her. Darum haben wir uns von all diesen Angriffen niemals getroffen gefühlt, sie haben uns in unserem Weg nicht behindert, aber sie haben uns in Gedanken an unsere Kirche tief traurig gemacht. Man scheint für unser Anliegen keinen Raum zu haben – man scheint uns nicht einmal ernst nehmen zu wollen, es ist niemand da, der ein Wort spräche, durch das wir uns ernstlich von Gott her gefragt wissen könnten. (Ich meine von denen, die <hi rend="italic">öffentlich</hi> zu dieser Sache reden.)» (Frau Pfarrer <persName ref="kbga-actors-7305">Verena Pfenninger-Stadler</persName>, <placeName ref="kbga-places-1164">Brig</placeName>, an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> <ref type="kba-objects-id" target="20515"><date when="1932-07-31">31.7.1932</date></ref>).</p>
        </note>, nahm <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zu dem Fragenkomplex noch einmal in einem Privatbrief Stellung.<note xml:id="n07">«Ich glaube ja, daß es dem Anliegen der Theologinnen am Besten bekommen wird, wenn es möglichst wenig als Anliegen privat oder öffentlich vertreten und verteidigt wird, sondern wenn die Theologinnen überall da, wo ihnen tatsächlich irgendwelcher Raum gegeben ist, durch ihre Leistungen <hi rend="italic">Tatsachen</hi> schaffen, die dann für sich selber und damit automatisch gegen alle bloß grundsätzlichen Angriffe sprechen. Eine bloß theoretische Debatte wird, wie mein Streit mit <persName ref="kbga-actors-1095">Kolfhaus</persName> gezeigt hat, doch nicht weiter führen, als daß, wenn der Pulverdampf sich verzogen hat, alle Teile wieder schön in ihren Ausgangsstellungen sitzen. Wenn es sich einmal in so und so vielen Gemeinden durchgesprochen haben wird: die ganzen, halben oder vierteis Pfarrerinnen machen ihre Sache eben so gut und vielleicht in diesem und jenem Stück besser als die Pfarrer, dann wird der Acheron sich bewegen.» (<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <ref type="kba-objects-id" target="20545"><date when="1932-08-15">15.8.1932</date></ref> an Frau Pfarrer <persName ref="kbga-actors-7305">Pfenninger-Stadler</persName>).</note>
            </p>
      </div>
      <div>
        <pb xml:id="p248" ed="pga" rend="noPipe"/>
        <opener>
          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName>, den <date when="1932-07-12">12. Juli 1932</date>
                    </dateline>
          <salute>Sehr verehrter Herr Pastor!</salute>
        </opener>
        <p>Darf ich Ihre Geduld und die unserer gemeinsamen Leser noch einmal in Anspruch nehmen? Ich glaube zwar, daß das Gespräch für den Augenblick festgefahren ist. Aber es dient doch vielleicht der Klärung, wenn ich, um eine künftige Wiederaufnahme der Erörterung vorzubereiten, kurz versuche zu sagen, an welchem Punkte jenes Festfahren nach meinem Verständnis für diesmal stattgefunden hat.</p>
        <p>Über die biblische Begründung oder Nichtbegründung der Möglichkeit weiblichen Dienstes am Wort können wir offenbar vorläufig nicht direkt diskutieren. Es hätte keinen Wert, wenn ich Sie, da Sie <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.11.5">1.Korinther 11,5</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Act.2.17">Apostelgeschichte 2,17</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.2.18">18</ref> neben <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.14.34 1.Kor.14.40">1.Korinther 14,34f.</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.2.11 1.Tim.2.15">1.Timotheus 2,11f.</ref> nicht gelten lassen, nach der Tragweite von <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.20.17">Johannes 20,17</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.20.18">18</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Act.18.26">Apostelgeschichte 18,26</ref> (Grundtext!<note xml:id="n08">In den ältesten Textzeugen steht <persName ref="kbga-actors-9715">Priskilla</persName> vor ihrem Mann <persName ref="kbga-actors-9716">Aquila</persName>. Zu den Folgerungen, die man u. a.  daran mit Blick auf <persName ref="kbga-actors-9715">Priskilla</persName> als Evangelistin und Lehrerin geknüpft hat, s. <bibl corresp="kbga-bibls-6992"><persName ref="kbga-actors-155">A. Harnack</persName>, <hi rend="italic">Probabilia über die Adresse und den Verfasser des Hebräerbriefes</hi>, in: ZNW, Jg. 1 (1900), S. 16–41, bes. S. 34</bibl>.
               </note>) fragen wollte. Sie würden mir aufs neue antworten, daß auch in diesen Stellen nicht vom öffentlichen und allgemeinen Gemeindegottesdienst die Rede sei. Ich meinerseits möchte wohl fragen dürfen, ob man den hier vorausgesetzten Unterschied im Neuen Testament mit der Ihnen vorschwebenden Bestimmtheit feststellen kann? Gerne wüßte ich weiter, wie Sie dazu kommen, aus der allein schon in dem Kapitel <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.14">1.Kor. 14</ref> enthaltenen Fülle von apostolischen Voraussetzungen und Forderungen hinsichtlich des christlichen Gottesdienstes gerade <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.14.34 1.Kor.14.35">V. 34f.</ref> als für uns verbindlich hervorzuheben? Ist denn unser Gottesdienst im übrigen ein Nachbild dessen, was <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.14">1.Korinther 14</ref> wahrlich mit höchstem Gewicht vorausgesetzt und gefordert wird? Oder meinen Sie, daß er es sein müßte? Steht die Zungenrede nicht etwa auch im sehr ernsthaften Zusammenhang «mit dem Sinn und der Tragweite der übrigen Schrift»? Warum sind wir aber gewiß einig darin, die sogenannte Pfingstbewegung<note xml:id="n09">Eine Bewegung, die um <date when="1870">1870</date> in <placeName ref="kbga-places-2">Amerika</placeName> entstand und sich nach <date when="1900">1900</date> in viele Länder, auch nach <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>, ausbreitete. Ihre Mitglieder vertrauten auf neue Geisttaufe und Zungenreden.</note> trotz <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.14">1.Korinther 14</ref> abzulehnen? Ich wollte wohl auch wissen, wie Sie die ganze Institution des <pb xml:id="p249" ed="pga"/> Pfarramtes, wie wir es kennen, gegenüber den sehr positiven Weisungen der «Aussendungsrede» Jesu selbst (ich brauche Ihnen wohl keine Verse zu zitieren) verantworten wollen? Oder ob Sie der Meinung sind, daß unsere (auch unsere reformierten!) Kirchenordnungen auch nur einigermaßen an den in den Pastoralbriefen vorgesehenen so von Vers zu Vers zu messen seien, wie Sie nun gerade unsere Theologinnen an den von Ihnen hervorgehobenen Versen messen wollen? Kurz: ich könnte und möchte mich wohl noch einmal nach dem offenbar auch von Ihnen gehandhabten Auswahlprinzip erkundigen dürfen. Sie werden vermutlich auch in bezug auf <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10">Matthäus 10</ref> usw. mit Unterscheidungen arbeiten, von denen ich Ihnen sagen müßte, daß ihr Schriftgrund mir nicht so einleuchtet wie Ihnen, bzw. daß ich sie für willkürlich halten muß. Aber ich denke, daß wir auf diesem ganzen Weg vorläufig nicht weiterkommen.</p>
        <p>Sie haben erklärt, daß es sich für Sie in <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.14.34 1.Kor.14.35">1.Korinther 14,34f.</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.2.11 1.Tim.2.12">1.Timotheus 2,11f.</ref> um Bibelworte handle, denen <hi rend="italic">Sie</hi> gehorchen müßten, die <hi rend="italic">für Sie</hi> als Gebot Gottes gelten. Sie meinen natürlich: diese Bibelstellen <hi rend="italic">in Ihrem Verständnis</hi> ihres Zusammenhangs mit dem Schriftwort überhaupt. Eben dies habe ich in meinem ersten Brief an Sie als den Ort, an dem ich Sie suchte, vorausgesetzt. Und sofern eine solche Erklärung in ihren durch ihren Wortlaut bezeichneten Schranken bleibt, kann sie von anderen nur schweigend respektiert werden, auch wenn diese Gottes Gebot (die biblischen Weisungen in ihrer Gesamtheit und die eigene Lage wohl überlegt) <hi rend="italic">in concreto</hi> anders hören als gerade in der in jenen Versen ausgesprochenen Zuspitzung.</p>
        <p>Sie haben aber – und dies war es, was mich auf den Plan gerufen hat – auf Grund dessen, was <hi rend="italic">Sie</hi> als Gottes Gebot meinen verstehen zu müssen, <hi rend="italic">andere</hi> nicht nur wegen ihres andersartigen Verständnisses zur Rede gestellt, sondern öffentlich und eindeutig des Ungehorsams gegen Gott angeklagt. Ich habe in meinem ersten Brief ausdrücklich gesagt, daß ich auch dies unter Voraussetzung der Vollmacht eines Propheten, Apostels, Kirchenvaters oder Reformators für eine mögliche Rede halte. Und ich will ebenso ausdrücklich hinzufügen, daß ich es für möglich halte, daß zwischen Vater und Kind, Pfarrer und Gemeinde und in allerhand Fällen zwischen Bruder und Bruder überhaupt diese Rede Ereignis werden kann und muß. Ich möchte mir nun aber ebenfalls eine Unterscheidung erlauben, die ich für biblisch be<pb xml:id="p250" ed="pga" break="no"/>gründet meine halten zu dürfen. Sollte diese Rede, die direkte Anklage auf Ungehorsam gegen Gott, nicht auf alle Fälle eine höchst <hi rend="italic">außer</hi>ordentliche Rede sein, eine <hi rend="italic"><foreign xml:lang="lat">ultima ratio</foreign></hi>, von der man, um ihr Gewicht wissend, ihr Gewicht fürchtend und auch um ihr ihr Gewicht zu erhalten, vielleicht doch nur einmal in zehn Jahren – nicht nur in maximaler menschlicher Sicherheit in bezug auf die biblische Begründung, sondern auch in maximaler Sorgfalt in bezug auf das Verständnis der betreffenden Situation – Gebrauch machen wird, die man aber nicht als kleine Münze auf Grund einer vielleicht doch bloß diskutablen Exegese und auf Grund einer vielleicht doch aus zu großer Ferne gewonnenen Situationskenntnis in den theologisch-kirchlichen und überhaupt in den menschlichen Tagesverkehr werfen kann? Es wird ja immer etwas für mich selbst nicht weniger als für den anderen <hi rend="italic">Furchtbares</hi> sein, wenn ich mich unterwinde, ihm zu sagen: Du bist Gott ungehorsam! Mir scheint, daß auch die Propheten und Apostel, die doch unmittelbar zu Gottes Offenbarung waren, nur in dieser Scheu so geredet haben. Aber <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>! werden Sie einwerfen. Ich antworte: Ja, <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> scheint in der Tat ein bißchen öfters als alle zehn Jahre einmal von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht zu haben. Aber selbst wenn das bei <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> ganz in Ordnung ging – können wir vor Gott und seinem Wort die Verantwortung übernehmen, es mit den Menschen von <date when="1932">1932</date> so zu halten, wie er es mit denen von <date when="1550">1550</date> gehalten hat? Die Regel dürfte doch wohl für uns, die wir nicht <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> sind, die sein, daß wir Gottes Gebot und unsere Überzeugungen auseinanderhalten und uns damit begnügen – auch das kann eine sehr ernsthafte und gar nicht zu ironisierende Sache sein –, den anderen gegebenenfalls danach zu <hi rend="italic">fragen</hi>, inwiefern er sein Tun als Gehorsam gegen Gott verstehen zu können glaube.</p>
        <p>Und nun denke ich, sehr verehrter Herr Pastor, daß dies der Punkt ist, an dem unsere Wege auseinandergehen und über den wir und unsere Leser mit uns weiter nachdenken müssen. Ich täusche mich wohl nicht: Sie haben bei Ihrem Urteil in der Theologinnensache <hi rend="italic">nicht</hi> jene außerordentliche Vollmacht in Anspruch nehmen wollen. Sie geben gar nicht zu, daß es zu einem solchen Urteil einer außerordentlichen Vollmacht bedürfe. Sie lächeln gewiß über mein «alle zehn Jahre einmal». Sie verstehen – wenn ich Sie recht verstehe – unter Calvinismus ein in der Schrift begründetes und aus der Schrift direkt <pb xml:id="p251" ed="pga"/> ablesbares System von Wahrheiten, aus dessen Kenntnis heraus man wirklich jeden Augenblick – «Wir Reformierten! » – in der Lage ist, der Menschheit in großen und kleinen Dingen in bezug auf ihren Gehorsam oder Ungehorsam gegen Gott aufs genaueste Bescheid zu sagen. Ich seufze nicht selten über diesen Calvinismus, wenn ich die <orgName ref="kbga-actors-7337">Reformierte Kirchenzeitung</orgName> lese, und es ist mir eine Erleichterung, Ihnen dies bei diesem Anlaß einmal sagen zu dürfen. Aber es ist Ihnen ja nicht unbekannt, daß der Weg <persName ref="kbga-actors-1106">Kuypers</persName> nicht der meinige ist.<note xml:id="n10">Anspielung auf die Arbeit von <bibl corresp="kbga-bibls-6993"><persName ref="kbga-actors-1095">Kolfhaus</persName>
                            <hi rend="italic">Dr. A. Kuyper en Dr. Karl Barth</hi>, in: Onder eigen vaandel, Jg. 5 (1930), S. 96–114</bibl>. – <persName ref="kbga-actors-1106">A. Kuyper</persName> (1837–1920), niederländischer Theologe, Mitglied der christlichen Antirevolutionären Partei, bekämpfte moderne Strömungen in der Kirche, verließ <date when="1886">1886</date> die Landeskirche und gründete die <hi rend="italic">Gereformeerde Kerken</hi>.</note> Also hier sind wir vorläufig nicht einig (und wahrscheinlich darum auch nicht in der Frage, was für uns als biblisches Gebot hinsichtlich der Theologin zu gelten habe, und darum auch nicht in der Stellungnahme zu dieser Zeitfrage), und hier werden wir wohl auch in weiteren offenen Briefen nicht gleich und nicht so leicht einig werden.</p>
        <salute>Mit freundlichem Gruß</salute>
        <closer>
          <salute>Ihr</salute>
          <signed><persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName></signed>
        </closer>
      </div>
      <div>
        <opener>
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-661">Vlotho</placeName>, den <date when="1932-07-15">15. Juli 1932</date>
                    </dateline> Herrn Professor D. <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> 
               <salute>Sehr verehrter Herr Professor!</salute>
            </opener>
        <p>Der Wunsch, das letzte Wort zu haben, liegt mir fern. Mir wäre lieber, Sie hätten mich so zurechtgewiesen, daß ich Ihnen erklären müßte: Sie haben mich in dieser wichtigen Frage des Frauenpfarramtes die Wahrheit neu erkennen lassen. Nur um einige Mißverständnisse abzuwehren, mag Ihrem Brief noch ein kurzes Wort meinerseits folgen.</p>
        <p>Es war durchaus nicht meine Absicht, die apostolische Abweisung der Frau als Predigerin mit besonderer Vorliebe zu betonen und an dem, was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sonst über den Gemeindegottesdienst schreibt, achtlos vorbeizugehen. Sobald <hi rend="italic">die Lage sich wiederholt</hi>, für die jene Anordnungen zutreffen, <hi rend="italic">wird auch die Entscheidung des Apostels für uns</hi> 
               <pb xml:id="p252" ed="pga"/> 
               <hi rend="italic">wieder maßgebend</hi> sein. Sobald z.B. Christus der Gemeinde die Gabe der <hi rend="italic">Glossolalie</hi><note xml:id="n11">Gabe des Zungenredens in Ekstase.</note> wieder verleiht, können wir nicht umhin, bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> aufs neue anzufragen. Gerade die «Pfingstbewegung» wurde auf Grund der apostolischen Aussage seinerzeit als Pseudozungenreden durchschaut und verworfen. Auch die Aussendungsrede des Herrn gilt mir in keiner Weise als eine abgetane Sache; mit der sich ändernden Situation, wie etwa in der Heidenmission oder augenblicklich unter den Trümmern der evangelischen Kirchen in <placeName ref="kbga-places-297">Rußland</placeName><note xml:id="n12">Infolge der Verfolgung durch die Sowjetmacht.</note>, empfängt sie neue Aktualität. Wenn Sie mich dann fragen, ob unsere <hi rend="italic">Kirchenordnungen</hi> auch nur einigermaßen an den in den Pastoralbriefen vorgesehenen von Vers zu Vers zu messen seien, so wie ich das Recht der Theologinnen an den von mir hervorgehobenen Bibelstellen gemessen hätte, so antworte ich: In unseren reformierten Kirchenordnungen herrschte allerdings das Bemühen, den Einrichtungen der Urchristenheit möglich nahezukommen und von ihnen für ihre Lage Weisung zu empfangen. Am deutlichsten prägt sich dieses Streben aus im Presbyterianismus.<note xml:id="n13">Die Theologie der presbyterianischen Kirchen in <placeName ref="kbga-places-18">England</placeName> und den <placeName ref="kbga-places-62">USA</placeName>, in denen die Ältesten, wie in der Urgemeinde, eine große Rolle spielen.</note>
            </p>
        <p>Aber nun zur Hauptsache! Sie hätten lieber gesehen, wenn ich lediglich gesagt hätte: <hi rend="italic">wenn ich Frau wäre und das Predigtamt erstreben würde, wäre das nach meinem Verständnis der Schrift Ungehorsam gegen Gott</hi>. Es handelt sich also um die Frage: Ist Gottes Gebot bzw. dies und jenes Schriftwort nur für mich verbindlich, oder <hi rend="italic">muß ich auch meinen Nächsten ansehen als ihm zum Gehorsam verpflichtet?</hi> Ist letzteres der Fall, dann ist dem Christen Recht und Pflicht zuerkannt, seinem Nächsten im konkreten Fall vorzuhalten: Du bist ungehorsam, nicht gegen mein Verständnis des göttlichen Befehls, sondern gegen den Befehl selbst. Wie oft wir solchen Vorhalt zu machen haben, ob alle zehn Jahre oder in kürzeren Zwischenräumen, liegt nicht in unserer Hand. Sie bemerken mit Recht, daß <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> jenen Vorhalt häufiger erhoben hat. In den von <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> beeinflußten Kirchen hat man <hi rend="italic">unter klarer Einsicht in die Wucht und Tragweite jener Anklage</hi> sich nie gescheut, nötigenfalls den irrenden Brüdern offen zu sagen, was sie getan hätten oder im Begriff wären zu tun. Von der Inan<pb xml:id="p253" ed="pga" break="no"/>spruchnahme einer außerordentlichen Vollmacht war dabei keine Rede. Es bedurfte deren in der Tat nicht, da das Bibelwort ihre Vorhaltungen begründete und trug.</p>
        <p>Hiermit könnte ich schließen, wenn nicht der Schluß Ihres Briefes einen Seufzer enthielte über den in der Kirchenzeitung sich äußernden <hi rend="italic">Calvinismus</hi>. Sie glauben nicht an den Calvinismus als ein in der Schrift begründetes und aus der Schrift direkt ablesbares System von Wahrheiten. An einen solchen Calvinismus glaube ich auch nicht, er wäre ein entarteter Sohn <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName>. <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> hat uns nicht gelehrt, mit einem System von Wahrheiten der Welt zu Leibe zu gehen, sondern ohne Unterlaß auf den <hi rend="italic">durch die Schrift zu uns redenden Gott</hi> zu lauschen und dann alles daranzusetzen, daß die aus der Schrift zu uns redende und unseren Widerstand überwindende Wahrheit bei uns und bei unserem Nächsten, vor allem in der Kirche Gottes geehrt werde. Wir deutschen Reformierten nennen uns nicht nach <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, weil wir mit <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> alle Menschenverehrung fürchten und hassen. Sie werden daher auch in dieser Kirchenzeitung dem Ausdruck «Wir Calvinisten» nur dann begegnen, wenn es zu deutlichster Abgrenzung erforderlich ist. Daß Sie je und dann die Formel lesen «Wir Reformierten», hängt zusammen mit dem unvermeidlichen Schicksal, daß wir unter Menschen mannigfacher Herkunft und verschiedener Sprache leben. Die Formel macht uns kenntlich vor unseren Mitchristen und deutet sofort die Heimat an, in der man uns suchen muß, um unsere praktische und theoretische Haltung in Kirche und Theologie zu verstehen.</p>
        <p>Ihnen erscheint unsere Diskussion als festgefahren. Sie braucht es nicht zu sein, wenn Sie oder ein anderer unserer Leser sich entschließen würden, uns <hi rend="italic">über Wesen und Inhalt des Gebotes Gottes sowie über die Möglichkeit seiner Erkenntnis</hi> weiter zu unterrichten. Jedenfalls danke ich Ihnen, daß Sie uns auf diese Grundfrage unserer christlichen Existenz kräftig hingewiesen haben, und bleibe mit freundlichem Gruß</p>
        <closer>
          <salute>Ihr ergebener</salute>
          <signed><persName ref="kbga-actors-1095">Wilhelm Kolfhaus</persName></signed>
        </closer>
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      </div>
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</TEI>
