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        <title type="volume" n="vol-36">Offene Briefe 1935–1942</title>
        <title type="formal">8</title>
        <title type="content">An ehemalige Schüler in der Bekennenden Kirche in Deutschland</title>
        <title type="citation_line_1">An ehemalige Schüler in der Bekennenden Kirche in Deutschland, 1937</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/36010 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Offene Briefe 1935–1942 (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2001, S. 40–46.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Offene Briefe 1935–1942</title>
          <title type="text">8: An ehemalige Schüler in der Bekennenden Kirche in Deutschland</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 40-46</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe V.36, Offene Briefe 1935-1942, 1937 letter 8</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: An meine ehemaligen Schüler in der Bekennenden deutschen evangelischen Kirche, in: ders., Karl Barth zum Kirchenkampf, Beteiligung – Mahnung – Zuspruch (Theologische Existenz heute. Neue Folge 49),  1956, S. 71–75 </bibl>
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        <hi rend="smallCaps">An ehemalige Schüler<lb/>
in der Bekennenden Kirche in Deutschland</hi>
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      <div type="abstract">
        <p>Auf Glückwünsche zu seinem 51. Geburtstag am <date when="1937-05-10">10.5.1937</date> antwortete <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> noch am selben Tage mit einem <ref type="kba-objects-id" target="30278">Brief</ref> «An meine ehemaligen Schüler in der Bekennenden deutschen evangelischen Kirche!», der in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> nicht gedruckt werden konnte und in vervielfältigter Form verbreitet wurde.<note xml:id="n01">Eins der vervielfältigten Exemplare kam in den Besitz von <persName ref="kbga-actors-3502">Wolfgang Scherffig</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-181">W. Scherffig, <hi rend="italic">Junge Theologen im «Dritten Reich». Dokumente, Briefe, Erfahrungen. Bd. 2: 1936-1937</hi>, Neukirchen
                            1990, S. 215</bibl>).</note> Er wurde erst <date when="1956">1956</date> veröffentlicht.<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-7423">In: <hi rend="italic">Karl Barth zum Kirchenkampf. Beteiligung. Mahnung. Zuspruch</hi> (ThExh NF 49), eingel. von E. Wolf, München 
                        1956, S. 72–75</bibl>.</note>
            </p>
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          <hi rend="smallCaps">An meine ehemaligen Schüler<lb/> in der Bekennenden deutschen evangelischen Kirche!</hi>
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                        <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, <date when="1937-05-10">10. Mai 1937</date>
                    </dateline>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </opener>
        <p>Seit ich <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> vor nun bald zwei Jahren verlassen mußte, habe ich nicht aufgehört, an die uns einst in <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName>, <placeName ref="kbga-places-44">Münster</placeName> und <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> verbindende Arbeitsgemeinschaft und damit an Sie alle zu denken. Es ist mir nahegelegt worden, Ihnen dies einmal ausdrücklich zu sagen<note xml:id="n03">Brieflich im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName> nicht nachweisbar. Die einzelnen Gratulanten und diejenigen, die jeweils für eine Gruppe von Studenten gratulierten, wie <persName ref="kbga-actors-7903">Ferdinand Immer</persName> für die ostfriesischen Theologiestudenten in <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName> und <persName ref="kbga-actors-7880">Herbert Hajels</persName> für die Vikare am Elberfelder Predigerseminar, betonten die Verbundenheit trotz räumlicher Trennung.</note>, und wenn es Ihnen eine Freude sein kann, so soll es mir auch eine Freude sein, dies hiermit zu tun.</p>
        <p>Als ich mich in den Jahren 1921-34 mit Ihnen zusammen in der Ihnen erinnerlichen Weise in Vorlesungen, Seminaren und Offenen Abenden mit Exegese und Theologiegeschichte, mit Dogmatik und Ethik beschäftigen durfte, da konnten wir Alle nicht ahnen, welchem <pb xml:id="p041" ed="pga"/> Ernstfall wir mit diesen unseren Exerzitien entgegengingen. Ich irre mich kaum, wenn ich annehmen, daß heute so ziemlich jeder von Ihnen auf irgend einem schweren Posten steht, bei dessen Verteidigung es mehr oder weniger jeden Tag ums Ganze geht, der Sie immer aufs neue vor die Notwendigkeit verantwortlichster und folgenschwerster Entscheidungen stellt, auf dem Sie sich nur mit Einsatz und Opfern aller Art behaupten können und auf dem Sie wohl auch längst mit Zweifeln und Verzweiflung und vor allem mit der Müdigkeit zu ringen haben. Etwas von dem allem habe ich ja von 1933-35 in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> und von <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> aus, beteiligt an den ersten Entwicklungen des Kirchenstreites und in der Krisis, die schließlich zu meinem vorläufigen Abschied von <orgName ref="kbga-actors-9047">Deutschland</orgName> führte, noch persönlich mitgetragen, und es konnte nicht wohl anders sein: jene Erfahrungen waren zu einschneidend, als daß sie mich nicht hierher begleitet hätten, als daß ich nicht auch meine Arbeit außerhalb der deutschen Grenzen im Licht und im Schatten dieser Erfahrungen tun und verstehen müßte. Nun, wir haben es, wenn ich mich recht erinnere, schon in jenen Lern- und Lehrjahren hinsichtlich der «Theologischen Existenz»<note xml:id="n04">Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barths</persName> Schrift: <bibl corresp="kbga-bibls-1186">«<hi rend="italic"><ref type="pub" target="49017">Theologische Existenz heute!</ref></hi>»</bibl> (s. <ref type="pub" target="../volume/36/p034#fn_n06">S. 34, Anm. 6</ref>), und die gleichnamige, von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> herausgegebene <bibl corresp="kbga-bibls-1254">Schriftenreihe</bibl>.</note> uns nicht gerade leicht machen können. Aber mit den Aspekten, Anforderungen und Sorgen der in den letzten vier Jahren entstandenen Lage haben wir damals bestimmt nicht gerechnet: es wurde und es ist heute Alles noch einmal ganz anders, als es einst die Schüler mitsamt dem Lehrer bei allem Ernst des Bemühens um die Sache auch nur träumen konnten.</p>
        <p>Und nun möchte ich wohl im Einzelnen wissen können, in welcher Weise das in den Jahren und Stunden jener vergangenen Zeiten Gelehrte und Gelernte Sie seither und besonders in dieser Entscheidungs- und Kampfperiode auf Ihren verschiedenen Wegen begleitet hat. Das dürfen wir wohl, ohne uns wichtig zu nehmen, in gemeinsamer Dankbarkeit feststellen: daß sich jedenfalls einige der wichtigsten Einsichten, die sich uns in jenen Jahren aufdrängten, im Feuer der über unsere Theorie und Praxis gekommenen Prüfung bewährt haben. Waren die Ergebnisse unserer gemeinsamen Nachforschungen nicht stark und tief genug, um die der Kirche widerfahrene Katastrophe zu verhin<pb xml:id="p042" ed="pga" break="no"/>dern, so haben sie doch bei der darauf folgenden und noch im Gang befindlichen kirchlichen Wiederherstellung<note xml:id="n05">Die Kirchenausschüsse, die einen Kompromiß zwischen den <orgName ref="kbga-actors-8563">Deutschen Christen</orgName> und ihren Gegnern zuwege bringen sollten, waren mit diesem Ziel, wie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> es vorausgesagt hatte, gescheitert. Damit war der Weg zu einer klaren Lösung freier geworden.</note> weit über unseren Kreis hinaus bestimmte Dienste leisten dürfen. So war es mir immer eine besondere Freude, gelegentlich (nicht selten auch aus dem Schelten feindseliger Stimmen!) zu hören, daß die ehemaligen Göttinger, Münsteraner und Bonner in ernstlicher Weise (aber hoffentlich meinen öfteren Warnungen entsprechend, niemals unter dem Titel von «Barthianern»!) ihren Mann zu stellen versucht haben, und ich zweifle nicht daran, daß viele Andere, von denen ich es nicht hörte, es an ihrem Ort in irgend einer Stille oder Öffentlichkeit ebenfalls getan haben. Wir haben uns nun aber schon in jenen vergangenen Zeiten nie verhehlen können, welche Bewandtnis es mit der Gegenwart des Wortes Gottes und des Heiligen Geistes und mit dem Wissen um ihre Gegenwart in der Kirche Jesu Christi auf Erden nun einmal hat: daß sie, solange wir hier wandern, in immer neuem Beten, Arbeiten und Glauben Ereignis und immer wieder Ereignis werden will, um so die uns durch Alles hindurchtragende Wirklichkeit zu sein. Und darum ist es wohl keinem von Ihnen erspart geblieben und hoffentlich jedem von Ihnen geschenkt worden, seither so oder so im Verhältnis zu dem damals Gelehrten und Gelernten neue Wege zu gehen. Mir selbst ist es jedenfalls, so weit ich sehe, nicht anders gegangen: ich habe meine Hefte wieder und wieder korrigieren müssen und kann auch nicht vermuten, daß ich es nicht auch in Zukunft wieder und wieder werde tun müssen. Und wenn nun gerade in diesen Jahren die Versuchung sicher uns allen nicht fremd gewesen ist, uns angesichts der äußeren Bedrängnisse und Beanspruchungen geistlich und theologisch auf eine gewisse Routine festzulegen, so sind wir im Kampf gegen diese Versuchung und also im Suchen neuer Wege gewiß auch alle an diesen und jenen neuen Abwegen mehr oder weniger nahe vorbeigekommen. Ich glaube und hoffe aber mit Ihnen, daß Gottes Treue uns alle und jeden Einzelnen in seiner Weise nach beiden Seiten immer wieder bewahrt hat und auch in Zukunft bewahren wird. Was wir nicht von Menschen, sondern von ihm empfangen haben, das werden wir wie <pb xml:id="p043" ed="pga"/> der empfangen ohne alle Gefährdung durch unsere eigene träge oder vagabundierende Geistigkeit, wenn wir nur darin treu bleiben, es immer wieder von ihm und nur von ihm empfangen zu wollen. War das nicht die Quintessenz der Theologie, die wir einst miteinander getrieben haben? Und wenn sie es war, wie sollte sie nicht auch seither auf allen unseren alten und neuen Wegen ihre Bestätigung gefunden haben und in alle Zukunft wiederfinden? Wie sollten wir dann nicht unter allen Umständen beieinander bleiben dürfen, wie wir einst beieinander waren? Der paränetische Bestandteil dieses Briefes kann darum sehr kurz sein: Laßt uns, ohne daß wir uns mit leiblichen Augen sehen, im Gedanken an diese Quintessenz der Theologie (nicht unserer Theologie, sondern <hi rend="italic">der</hi> Theologie!) und also im Beten, Arbeiten und Glauben beieinanderstehen. Dann war das, was vor Jahren gemeinsam getan wurde, bestimmt durch Gottes Gnade wohlgetan.<note xml:id="n06">Vgl. <bibl type="song" corresp="kbga-songs-162"><persName ref="kbga-actors-1840">S. Rodigasts</persName> Lied
                            <hi rend="italic">Was Gott tut das ist wohlgetan</hi> (1675), RG 684, EG 372</bibl>; vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.32.4">Deut. 32,4</ref>.</note>
            </p>
        <p>Liebe Freunde, Ihre Lage und Aufgabe ist in der Zeit seit meinem Wegzug aus <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> eine viel schwierigere geworden. Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich das sehe und mit Ihnen zu tragen versuche. Es kann heute keinem Einsichtigen mehr verborgen bleiben, daß der Träger des Widerspruchs gegen das Evangelium nicht nur der sündige Mensch im allgemeinen und nicht nur diese und jene widerchristliche Strömung, sondern <foreign xml:lang="lat">in concreto</foreign> der gegenwärtige deutsche Weltanschauungsstaat als solcher ist, der sich je länger desto mehr entschlossen zeigt, seine ihm von Gott gegebene obrigkeitliche Macht dazu zu gebrauchen, sich selbst göttliche Macht zuzuschreiben und zu sichern.<note xml:id="n07"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte die Situation analysiert in: <bibl corresp="kbga-bibls-1996"><hi rend="italic"><ref type="pub" target="52040">Bekennende Kirche im nationalsozialistischen Deutschland</ref></hi>, in: Zwingli-Kalender, Basel, Jg. 18 (1936), S. 73–76</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-669"><hi rend="italic"><ref type="pub" target="55015">Der deutsche Kirchenstreit als Frage an den schweizerischen Protestantismus</ref></hi>, in: Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, Bern, Jg. 4 (1936), S. 1f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1997"><hi rend="italic"><ref type="pub" target="55019">Die deutsche Bekenntniskirche 1935/36</ref></hi>, in: Zwingli-Kalender, Basel, Jg. 19 (1937), S. 67–69</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-776"><hi rend="italic"><ref type="pub" target="55027">Der Kampf gegen die evangelische Kirche in Deutschland</ref></hi>, in: NZZ, Jg. 158(1937), Nr. 264 vom 14.2.1937, S. 1, und Nr. 265, S. 1.</bibl> – Diese vier Texte wurden wiedergegeben in: <bibl corresp="kbga-bibls-667"><hi rend="italic">Karl Barth zum Kirchenkampf</hi> (s. <ref type="pub" target="#fn_n02">Anm. 2</ref>), S. 29–35; 61-66; 35-39; 39-46</bibl>.</note> Je deutlicher das wird, um so undeutlicher, um so illusionärer wird die Möglichkeit einer christlichen Entscheidung, die nicht eine politische Entscheidung (gegen den Mißbrauch der obrigkeitlichen <pb xml:id="p044" ed="pga"/> Gewalt!) in sich schlösse. Wie soll dieser Sachverhalt in der kirchlichen Verkündigung, wenn sie sich des Evangeliums nicht schämen will, unsichtbar bleiben? Wie soll er aber sichtbar werden, ohne der kirchlichen Verkündigung Haß und Verfolgung seitens der Inhaber der öffentlichen Gewalt anzuziehen? Ich weiß nach dieser Seite keinen anderen Rat als – in Übereinstimmung mit dem Weg, den die <orgName ref="kbga-actors-7774">Bekennende Kirche</orgName> jedenfalls im letzten Jahr tatsächlich gegangen ist – den: die der Kirche aufgedrungene, christlich-politische Entscheidung muß in der größeren Furcht vor Gott, die auch die größere Liebe zu den Menschen des deutschen Volkes bedeuten dürfte, rücksichtslos vollzogen und sichtbar gemacht werden. Aber nun hat die Sache auch die andere, heute da und dort vielleicht bereits gefährlichere Seite: Die politische Entscheidung als solche und für sich genommen ist nicht die christliche. Sie darf also in der kirchlichen Verkündigung keinen Augenblick so sichtbar werden, als ginge es um sie an sich und als solche, statt ganz allein um den konkreten Gehorsam gegen das Evangelium. Es darf sich die Kirche keinen Augenblick an der Seite derer zeigen und sie darf keinen Augenblick im Einverständnis und Bündnis mit denen reden und handeln, denen es nur um die politische Entscheidung als solche gehen kann. Es darf die Kirche also nach wie vor keine Politik treiben. Ich stelle mir vor, daß es heute Manchem ebenso schwer fällt, keine oppositionelle Politik zu machen, wie es ihm vor vier Jahren schwer fiel oder unmöglich war, nicht mit dem politischen Strom zu gehen. Ich glaube zu ermessen, wie schwer es sein mag, das Eine zu tun und das Andere zu lassen. Möchte Ihnen Allen die Weisheit nicht vorenthalten sein, deren es bedarf, um zwischen den beiden jetzt drohenden Klippen: der Furcht und des Übermuts, der sakralen Zurückhaltung und des säkularen Vorprellens, der Blindheit für die politische Wirklichkeit und der politisierenden Klügelei Tag für Tag einigermaßen sicher hindurchzusteuern. Ich freue mich, annehmen zu dürfen, daß zwischen Ihnen und mir gerade in dieser Sache nach beiden Seiten größere grundsätzliche Einheit bestehen dürfte, als vor vier und noch vor zwei Jahren, wo diese Einigkeit bekanntlich streckenweise etwas verdunkelt war.</p>
        <p>Darf ich Ihnen zum Schluß auch noch in einigen Worten von mir selbst berichten? Ich habe freilich in der Hauptsache nur dies zu erzählen, daß die Ihnen bekannte Arbeit in allen ihren Zweigen nun <pb xml:id="p045" ed="pga"/> eben hier in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> weitergeht. Das Auditorium ist freilich erheblich kleiner als in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName>, und meine Landsleute, die Schweizer Studenten, sind kraft ihrer ihnen eigenen Zurückhaltung ein etwas härterer Arbeitsboden, als Sie es einst waren, so daß ich manchmal nicht ohne Wehmut an das deutsche «Einst» zurückdenke. Aber Ausnahmen verschönern auch hier die Regel, und jedenfalls ist das Werk auch hier im Gang, soweit man das sagen kann. Um die Schweizer gruppieren sich übrigens in proportional nicht geringer Zahl auch allerlei in den Zungen des Ostens und Westens redende Ausländer, und ein Trüpplein Deutscher hat den Weg hieher bis jetzt auch noch regelmäßig gefunden. Daß ich nun auch zwei Theologie studierende Söhne habe<note xml:id="n08"><persName ref="kbga-actors-24">Markus Barth</persName> (1915–1994) und <persName ref="kbga-actors-19">Christoph Barth</persName> (1917–1986).</note>, kann auch Sie interessieren und freuen. Noch wird jede Woche «Offener Abend» gehalten und jede Woche Dogmatische Sozietät (über <persName ref="kbga-actors-3018">Wollebs</persName> Kompendium<note xml:id="n09">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-6589"><hi rend="italic">Johannis Wollebii Christianae Theologiae Compendium. Ex principibus editionibus denuo edidit Ernestus Bizer</hi>, Neukirchen
                            1935</bibl>.</note>), und so mögen Sie als die «alten Kämpfer»<note xml:id="n10">Ironische Verwendung des Begriffs, den die Nationalsozialisten für diejenigen Mitglieder verwandten, die vor 1933 zu ihrer «Bewegung» gestoßen waren.</note> wissen, daß wir hier jedenfalls bemüht sind, dafür zu sorgen, daß die Theologie wenigstens an dieser Stelle Europas weiterlebe – «als wäre nichts geschehen»!<note xml:id="n11">Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> umstrittene Aussage, er wolle in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> auch im <date when="1933-06">Juni 1933</date>, «als wäre nichts geschehen», Theologie treiben (<bibl corresp="kbga-bibls-1186"><hi rend="italic"><ref type="pub" target="49017">Theologische Existenz heute!</ref></hi> [s. <ref type="pub" target="../volume/36/p034#fn_n06">S. 34, Anm. 6</ref>], S. 3 resp. S. 26</bibl>). Vgl. <ref type="pub" target="../volume/36/p063#p063">S. 63</ref>.</note>
            </p>
        <p>Ich durfte übrigens im letzten Herbst auch in <placeName ref="kbga-places-799">Ungarn</placeName><note xml:id="n12">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-233"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic"><ref type="pub" target="55023">Gottes Gnadenwahl</ref></hi> (<hi rend="italic">ThExh</hi> 47), München 
                          1936</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-740">ders., <hi rend="italic"><ref type="pub" target="55024">Volkskirche, Freikirche, Bekenntniskirche</ref></hi>, in: EvTh, Jg. 3 (1936), S. 411–422</bibl>; <ref type="kba-objects-id" target="5649">ders., <hi rend="italic"><ref type="pub" target="55025">Die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes</ref></hi>, vervielfältigt.</ref></note> und in diesem Frühjahr in <placeName ref="kbga-places-669">Schottland</placeName><note xml:id="n13">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-303"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Gotteserkenntnis und Gottesdienst nach reformatorischer Lehre: 20 Vorlesungen über das Schottische Bekenntnis von 1560, gehalten an der Universität Aberdeen im Frühjahr 1937 und 1938</hi>, Zollikon
                            1938.</bibl>
                    </note> Vorlesungen halten, und es ist Ihnen vielleicht tröstlich, zu wissen, daß Sie längst in der ganzen Welt nicht wenige mehr oder weniger gute theologische Freunde haben. – Wo aber bleibt die Fortsetzung eines gewissen Buches? werde ich immer wieder gefragt. Antwort: ich bin am Abschließen, und die Sache wird <pb xml:id="p046" ed="pga"/> bestimmt in Bälde ans Licht kommen, in einer Fülle, die Sie wohl erschrecken könnte.<note xml:id="n14">Der zweite Halbband der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen Dogmatik I (<hi rend="italic">Die Lehre vom Wort Gottes. Prolegomena zur Kirchlichen Dogmatik</hi>)</bibl>, erschien, 1011 Seiten stark, erst Anfang <date when="1938">1938</date> im «Verlag der evangelischen Buchhandlung Zollikon» in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, nachdem dem <orgName ref="kbga-actors-631">Kaiser-Verlag</orgName> in <placeName ref="kbga-places-43">München</placeName> die Zusammenarbeit mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> untersagt worden war (<bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, a.a.O., S. 198</bibl>).</note> Hoffen wir, daß kein <persName ref="kbga-actors-2190">Herodes</persName> dem Kindlein nach dem Leben trachtet!<note xml:id="n15">Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.2">Mt. 2</ref>. – Im <date when="1938-10">Oktober 1938</date> wurde in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> der Verkauf aller Schriften <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> verboten (<bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, a.a.O., S. 303</bibl>; siehe auch <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Offenen Brief an <persName ref="kbga-actors-1664">J. Hromádka</persName>, <ref type="pub" target="36020#p108">Nr. 17, S. 108–133</ref>, bes. <ref type="pub" target="../volume/36/p118#p118">S. 118–127</ref>).</note>
            </p>
        <p>Es soll für diesmal genug sein. Jeder Gruß, der mir von Ihnen zukommt, ist mir erquickend, auch wenn ich allzu oft nicht zum Antworten komme. Wer aber von Ihnen auf irgend einem Weg nach <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> kommt, der soll nicht versäumen, bei mir hereinzuschauen, um dann sicher nicht ohne Antwort zu bleiben.</p>
        <p>Seien Sie Alle mit der ganzen <orgName ref="kbga-actors-7774">Bekennenden deutschen evangelischen Kirche</orgName> und mit Allen, die des Trostes und der Weisung sonst bedürftig sind, Gott befohlen. Ehemalige Bonner werden sich vielleicht noch erinnern, wie wir am Tage vor meiner Suspension im Hörsaal der Konviktstraße miteinander gesungen haben: <q rend="block">
                        <lg>
                            <l xml:space="preserve">Der ewig reiche Gott</l>
                            <l xml:space="preserve">Well’ uns in unserm Leben</l>
                            <l xml:space="preserve">Ein immer fröhlich Herz</l>
                            <l xml:space="preserve">Und edlen Frieden geben</l>
                            <l xml:space="preserve">Und uns in seiner Gnad’</l>
                            <l xml:space="preserve">Erhalten fort und fort</l>
                            <l xml:space="preserve">Und uns aus aller Not</l>
                            <l xml:space="preserve">Erlösen hier und dort.<note xml:id="n16">Zweite Strophe von <bibl type="song" corresp="kbga-songs-4"><persName ref="kbga-actors-1393">M. Rinckarts</persName> Lied <hi rend="italic">Nun danket alle Gott</hi> (1636), RG 233, EG 321</bibl>.</note></l>
                            </lg></q>
                            Er wird es auch fernerhin recht mit uns machen.<lb/>
                           Es grüßt Sie in alter Liebe und Verbundenheit
            </p>
        <closer>
          <salute>Ihr</salute>
          <signed><persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName></signed>
        </closer>
      </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
