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        <title type="volume" n="vol-41">Gespräche 1963</title>
        <title type="content">Interview von Georges Casalis (I)</title>
        <title type="citation_line_1">Interview von Georges Casalis (I), in: Gespräche 1963, 12. Mai 1963</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/41010 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Gespräche 1963, hrsg. v. Busch, Eberhard (Gesamtausgabe, Abt. IV), Zürich 2005, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Gespräche 1963</title>
          <title type="text">Interview von Georges Casalis (I)</title>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2005</date>
          <!--position within a volume-->
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        <date type="creation" when="1963-05-12">12. Mai 1963</date>
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          <term>conversation</term>
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                <head>INTERVIEW VON GEORGES <term type="Namen" key="**Casalis, Georges">CASALIS</term> (I)</head> 
                <div type="abstract">
                <p><hi rend="italic">Am 12.5.1963 führte <persName ref="kbga-actors-519">Georges Casalis</persName> mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ein Interview, das am <date when="1963-06-23">23.6.1963</date> vom <term type="Begriffe" key="130">französischen</term> Fernsehen gesendet wurde. Das Interview ist hier wiedergegeben nach einer von <term type="Namen" key="**Casalis, Georges"><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName></term> erstellten maschinenschriftlichen Fassung des in Französisch gesprochenen Textes. Dieser wurde teilweise abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-5535">Réforme, <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName>, Nr. 1002 (30.5.1964), S. 11</bibl>. Deutsch in: <bibl corresp="kbga-bibls-5536"><term type="Namen" key="**Kirchenblatt für die reformierte Schweiz">KBRS</term>, Jg.120 (5.11.1964), S. 341-342</bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-328"><term type="Namen" key="**Junge Kirche">JK</term>, Jg.25 (1964), S. 700-702</bibl>. Anlaß des Gesprächs war die erste von drei Reisen <term type="Begriffe" key="36,26">Barths</term> nach <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName> in diesem Jahr. Er war am <date when="1963-05-13">13.5.1963</date> zu einer Fragebeantwortung in der <orgName ref="kbga-actors-10451">Protestantischen Theologischen Fakultät in Paris</orgName> eingeladen. Von dieser Fragebeantwortung soll ein Tonband erhalten sein, das jedoch trotz intensiver Nachforschung bislang nicht auffindbar ist.</hi></p> <!-- leerzeile -->
                </div>
                <div>
                <head>Interview von Georges Casalis (I)</head>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10807">Chambron</persName>:</speaker>
                <p> Schon lange wünschen wir uns, in unserer Sendung <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> zu begrüßen, dessen theologisches <term type="Begriffe" key="36,3">Werk</term> heute so bekannt ist. Nun, diese Gelegenheit hat sich uns vor einigen Wochen geboten, und während eines kurzen <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName>-Besuchs von <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> haben wir dieses Gespräch aufgezeichnet, das er mit seinem Freund, Professor <persName ref="kbga-actors-519">Georges Casalis</persName><note xml:id="n01"><persName ref="kbga-actors-519">Georges Casalis</persName> (1917–1987), 1940 Generalsekretär der Christlichen <term type="Begriffe" key="461">Studentenbewegung</term> in <term type="Begriffe" key="130">Frankreich</term>, 1950 <term type="Begriffe" key="366">Pfarrer</term> in <term type="Begriffe" key="640">Straßburg</term>, 1961-1982 Professor für Praktische <term type="Begriffe" key="481,24">Theologie</term> in Paris.</note>, hatte.</p>
                </sp>
                
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Wir haben die große Freude, heute in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName> <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> willkommen zu heißen. Man muß ihn, glaube ich, den Fernsehzuschauern nicht erst lange vorstellen; sie haben schon von ihm reden gehört und ihn vielleicht sogar schon auf ihrem Bildschirm gesehen. Aber nun hat er zugesagt, hierher zu kommen, um mit uns ein Weilchen an diesem Morgen zu reden, und wir sind sehr dankbar, daß wir uns mit ihm unterhalten können als alte Freunde.</p>
                <p><persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>, Sie sind schon mehrmals nach <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName> gekommen, und es scheint mir, das erste Mal war das vor schon bald 30 Jahren.</p> 
                </sp>
                <sp> <pb ed="pga" xml:id="p031" rend="noPipe"/> <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, fast 30 Jahre. Das war im Jahr <date when="1934">1934</date>. Ich war damals eingeladen, Vorträge zu halten über: <term type="Begriffe" key="341">«Offenbarung</term> - <term type="Begriffe1" key="244">Kirche</term> - <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term>», wenn ich mich recht erinnere.<note xml:id="n02">Vom <date to="1934-04-12" from="1934-04-10">10. bis 12.4.1934</date>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Lebenslauf, S. 256f.</bibl> Die Vorträge sind veröffentlicht in: <bibl corresp="kbga-bibls-1212"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Offenbarung, Kirche, Theologie</hi> (ThExh 9), München 1934, S. 15-43</bibl>; französisch: <bibl corresp="kbga-bibls-5538"><hi rend="italic">Révélation, Eglise, Théologie.</hi> Trois conférences données à Paris les 10, 11 et 12 avril, trad. de <term type="Namen" key="Maury, Pierre">P. Maury</term>, Paris/Genève 1934</bibl>. Am <date when="1934-04-15">15.4.1934</date> <term type="Begriffe" key="378">predigte</term> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in der evangelisch-lutherischen Christuskirche in der Rue Blanche in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName>. Die Predigt ist gedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-1213"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Der gute Hirte</hi> (ThExh 10), München 1934, S. 6-13</bibl>.</note> Und dann hielt ich auch ein Seminar an der <orgName ref="kbga-actors-10451">Protestantischen Fakultät</orgName>. Ich glaube, ich war damals eine Woche lang in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName>.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Das war eine <term type="Begriffe" key="36,26">Reise</term>, die sich gelohnt hat. Denn die Veröffentlichung dieser Vorlesungen hat stark sowohl das Leben der <orgName ref="kbga-actors-10451">Pariser Fakultät</orgName> wie das Leben unserer <term type="Begriffe" key="275,5">Kirchen</term> bestimmt, und viele entsinnen sich noch an dieses erste Kommen nach <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName>, das sie so <term type="Begriffe" key="134">erfreut</term> hat. Und nun heute - Sie sind wiederum hier, nach einer ganzen Anzahl weiterer Besuche. Was sind Ihre Absichten während der paar Tage, die Sie unter uns sind?</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> Nun, vor allem bin ich gekommen, um ganz einfach Dich zu sehen und andere Freunde, aber dann auch, um ein neues Gespräch mit den <term type="Begriffe" key="461">Studenten</term> zu haben, die ich noch nicht kenne, die ich aber morgen, Montag, sehen werde. Und ich bin gespannt, welche Erfahrungen ich mit ihnen machen werde.</p>
                </sp>

                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, es wird interessant sein, wenn Sie uns ein wenig darüber erzählen. Denn es sind jetzt 40 Jahre, daß <term type="Begriffe" key="36,15">Sie</term> <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> unterrichten. Und das bedeutet einen langen Weg, den Sie mit verschiedenen Generationen gemacht haben. Können Sie uns einige Worte über die <term type="Begriffe" key="461">Studenten-Generationen</term> sagen, die Sie kennenlernten?</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das sind nicht nur verschiedene Generationen, sondern auch <term type="Begriffe" key="461">Studenten</term> aus verschiedenen Ländern. Ich habe ja meine akademische Laufbahn in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> begonnen, und während fast 15 Jahren war ich in <term type="Begriffe" key="80">Deutschland</term> an verschiedenen Universitäten<note xml:id="n03">Von 1921-1935: 1921-1925 als Professor für Reformierte <term type="Begriffe" key="481,25">Theologie</term> in <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName>, 1925-1930 als Professor für Dogmatik und neutestamentliche <term type="Begriffe" key="481,26">Exegese</term> in <placeName ref="kbga-places-44">Münster</placeName>, von 1930-1935 als Professor für Systematische Theologie in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Lebenslauf, S. 139-275</bibl>.</note>; und da sah ich die <term type="Begriffe" key="461">Studenten</term> nach dem ersten <term type="Begriffe" key="527,1">Weltkrieg</term> bis zur <term type="Begriffe" key="326">Hitlerzeit</term> <pb ed="pga" xml:id="p032"/> vorbeiziehen. Sehr verschiedene <term type="Begriffe" key="305">Menschen,</term> sehr verschiedene Charaktere! Aber ich gestehe, daß ich sie alle lieb hatte, und ich glaube, daß wir gute <term type="Begriffe" key="36,22">Arbeit</term> geleistet haben. Dann kehrte ich in die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> <term type="Begriffe" key="36,15">zurück</term>.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, Sie kehrten in die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> zurück, weil das <term type="Begriffe" key="326"><persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName>-Regime</term> plötzlich fand, die <term type="Begriffe" key="481,1">Theologie</term> sei etwas Gefährliches und, gewisse Leute reden zu lassen, bedeute eine Gefahr.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, vielleicht nicht «die <term type="Begriffe" key="481">Theologie»</term> im allgemeinen, aber die Art <term type="Begriffe" key="481">Theologie,</term> die ich vertrat! Das wurde damals nicht gelten gelassen. Ich mußte das Land verlassen und war glücklich, daß meine schweizerische <term type="Begriffe" key="428">Heimat</term> sogleich bereit war, mich aufzunehmen.<note xml:id="n04">Nachdem <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <date when="1934-11-26">26.11.1934</date> von seinem Dienst in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> suspendiert und am <date when="1934-12-20">20.12.1934</date> von einem <term type="Begriffe" key="642">Kölner</term> Gericht aus seinem Dienst entlassen <term type="Begriffe" key="36,13">worden</term> war, wurde er im <term type="Begriffe" key="607">Berliner</term> Revisionsverfahren am <date when="1935-06-14">14.Juni 1935</date> nur mit einer Geldstrafe bedacht, dann aber am <date when="1935-06-22">22.6.1935</date> vom zuständigen Minister <persName ref="kbga-actors-347">B. Rust</persName> in den <term type="Begriffe" key="36,25">Ruhestand</term> versetzt. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Lebenslauf, S. 276-284</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-106">H. Prolingheuer, <hi rend="italic">Der Fall Karl Barth 1934-1935. Chronographie einer Vertreibung</hi>, Neukirchen-Vluyn 1984<hi rend="sup">2</hi></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-4104">Gespräche 1964-1968, <ref type="pub" target="../volume/28/p447#p447">S. 447-454</ref></bibl>.</note>
                </p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker>
                <p> Seither sind Sie in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, seither bin ich in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, jawohl.</p>
                </sp>

                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Und die <term type="Begriffe" key="461">Studenten,</term> die Sie in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> von 1933<note xml:id="n05">Von 1935 an. Siehe <ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>.</note> bis in die Gegenwart hatten - was können Sie dazu sagen? Besonders vielleicht über die Generationen nach dem zweiten <term type="Begriffe" key="527,2">Weltkrieg</term>, da Sie nur über die vorherigen Generationen gesprochen haben.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, schließlich bin ich zweimal nach <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> zurückgegangen nach dem zweiten Krieg <note xml:id="n06">Im Sommersemester 1946, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Lebenslauf, S. 345-354</bibl>, und im Sommersemester 1947, vgl. auch S. 357-360: für Gastvorlesungen an der Universität <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName>.</note>, um zu unterrichten, und ich fand dort diese Generation, die die Zeit des <term type="Begriffe" key="326">Nationalsozialismus</term> und des <term type="Begriffe" key="269">Krieges</term> mitgemacht hatte. Nun, das war eine etwas rauhe, ungebildete Jugend, ohne viel Kenntnis der [alten] Sprachen. Folglich mußte man die Dinge vereinfachen. Aber auch mit ihnen hatte ich gute Kontakte. Und jetzt, was die <term type="Begriffe" key="428">Schweizer</term> betrifft, nun, die sind eine andere Rasse als die Deutschen, viel langsamer, viel weniger kompliziert, nicht so redegewandt wie die Deutschen. Aber nach einiger Zeit habe ich mich <pb ed="pga" xml:id="p033"/> mit meinen Landsleuten gut gefunden. Ich denke, daß auch dort die Dinge ganz gut gelaufen sind.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Und Sie hatten nicht nur <term type="Begriffe" key="428">Schweizer</term> und <term type="Begriffe" key="80">Deutsche</term>, sondern immer auch eine ganze Reihe <term type="Begriffe" key="8">Amerikaner,</term> die kamen, um Sie zu hören. Und Sie haben auch sie besucht.<note xml:id="n07"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <placeName ref="kbga-places-62">USA</placeName>-Reise im Frühjahr 1962. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Lebenslauf, S. 473-477</bibl>.</note></p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Jawohl. Aber um bescheiden zu reden: nicht wahr, es handelt sich lediglich um eine Art Kolloquien, die ich mache: eines auf deutsch, eines auf <term type="Begriffe" key="99">englisch</term>, eines auf französisch. Sie sehen, daß mein <term type="Begriffe" key="130">Französisch</term> nicht sehr gut ist. Aber man versteht mich, und das ist die Hauptsache: man kann die Dinge diskutieren.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>In der Tat, das ist das Wesentliche. - Ich wäre froh, wenn Sie uns etwas über den theologischen Unterricht sagen könnten. Sie sagten, daß die Art <term type="Begriffe" key="481">Theologie,</term> die Sie vertreten, nicht akzeptiert wurde. Ich glaube tatsächlich, daß in Ihrer <term type="Begriffe" key="36,14">Theologie</term> immer zugleich etwas ganz Neues, etwas sehr Stärkendes und sehr Beunruhigendes steckt, weil sie eine Reihe von Dingen in Frage stellt. Können Sie uns beschreiben, was Ihre größte Sorge in Ihrem theologischen <term type="Begriffe" key="36,10">Unterricht</term> ist?</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das ist nicht so einfach in ein paar Worten zu sagen. Sehen Sie, bevor ich 40 Jahre lang Professor war, war ich zehn <term type="Begriffe" key="36,15">Jahre</term> lang <term type="Begriffe" key="36,27">schlicht</term> <term type="Begriffe" key="366">Pfarrer</term> und habe dabei alle Schwierigkeiten dieses Berufes gespürt, auf der Kanzel, mit den Unterweisungskindern usw.<note xml:id="n08">Von 1911 bis 1921 in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> im schweizerischen Kanton Aargau. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Lebenslauf, S. 72-138</bibl>.</note> Im Grunde war meine <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> ein Versuch, mir Rechenschaft zu geben über das, was ich auf der Kanzel zu tun hatte, und [dafür] eine bessere Methode zu finden als die, die man uns auf der Universität gelehrt hatte. Wenn ich jetzt vor den <term type="Begriffe" key="461">Studenten</term> stehe, dann sehe ich alle in der Situation des künftigen <term type="Begriffe" key="366">Pfarrers.</term> Und ich stelle sie mir vor, wie sie da auf der Kanzel stehen, vor sich die aufgeschlagene Bibel und die Leute, mit denen sie es fort und fort in ihrem Leben zu tun haben. Und die große Aufgabe für sie und also auch die große Aufgabe für die <term type="Begriffe" key="481,5">Theologie</term> ist, den Weg zu finden - zuerst in die <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> hinein und dann von der Bibel ins <term type="Begriffe" key="275,2">Leben.</term> Im Grunde ist das mein ganz einfaches «Rezept».</p> 
                </sp>
                <sp> <pb ed="pga" xml:id="p034" rend="noPipe"/>  <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Aber das ist zugleich ein recht schwieriges Rezept, denke ich. Sie wissen doch, die große Frage, die sich den heutigen <term type="Begriffe" key="461">Studentengenerationen</term> stellt - z. B. infolge der Arbeiterpriester<note xml:id="n09">Angesichts der Kluft zwischen <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> und <term type="Begriffe" key="21">Arbeiterschaft</term> und unter dem Eindruck, daß <term type="Begriffe" key="130">Frankreich</term> zum <term type="Begriffe" key="313">Missionsland</term> geworden sei, gingen zahlreiche <term type="Begriffe" key="381,2">Priester</term> in Fabriken, um als Arbeiter unter Arbeitern zu wirken. Infolge eines <term type="Begriffe" key="359">päpstlichen</term> Einschreitens wurde die Arbeiterpriester-Bewegung 1954 offiziell aufgehoben. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5539"><hi rend="italic">Les Prêtres Ouvriers. Documents</hi>, Paris 1954 (Weißbuch der 73 protestierenden <term type="Begriffe" key="381">Priester</term>); deutsch: <hi rend="italic">Die <term type="Begriffe" key="381">Arbeiterpriester.</term></hi> <hi rend="italic">Dokumente</hi>, Heilbronn 1957</bibl>.</note><term type="Begriffe1" key="381,2">,</term> deren Engagement und <term type="Begriffe" key="453">Spiritualität</term>  in unserem Lande großen Einfluß haben -, ist die: ob man nicht in der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> zu viel geredet hat, ob man nicht etwas mehr schweigen und dafür ein <term type="Begriffe" key="546,2">Zeugnis</term> geben sollte, mehr in Gestalt von tätigem Engagement und weniger in Gestalt von Worten. Ich hätte es sehr gern, wenn Sie uns etwas dazu sagten, was Sie über diese Frage denken; denn sie ist eine der zentralen Fragen, auf die man immer wieder im Gespräch mit den <term type="Begriffe" key="461">Studenten</term> von heute stößt.</p>
                </sp>

                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, ich denke nicht, daß dieses Dilemma zwischen Engagement und Wort wirklich, echt und begründet ist. Wenn man ohne <hi rend="italic">Engagement</hi> redet, nun, dann ist es nicht gut, was man sagt. Auf der anderen Seite hingegen würde ein Engagement ohne <hi rend="italic">Worte</hi> stumm bleiben, da es ja nun einmal ein Engagement des <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="305">Menschen</term></hi> ist und da der <term type="Begriffe" key="305">Mensch</term> dasjenige Geschöpf ist, das sprechen soll und kann. Darum frage ich mich, ob diese Spaltung, die sich da im <term type="Begriffe" key="78">Denken</term> der Jungen vollzieht oder zu vollziehen scheint, von Dauer sein wird. Was sie jedenfalls nötig haben, die jungen Theologen, nicht wahr[, ist, daß sie damit ernst machen]: ihre Aufgabe ist, daß sie vor allem zu <hi rend="italic">reden</hi> haben. Es ist jetzt die Frage, daß sie zu reden lernen, nämlich gute Dinge zu sagen - und daran fehlt es. Da geht es nicht um das Wort als irgendeine schwächliche Angelegenheit. Denn natürlich hilft ein schwächliches Wort nicht viel - dann gibt es eine Art Flucht in das sogenannte «Engagement». Und also, ich möchte gern versuchen, diese Barriere zu überwinden. </p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Sie wissen, in der <term type="Begriffe" key="244,6">Kirche</term> erscheint diese Frage des Engagements immer ein bißchen verdächtig, weil man sagt: «Ein Engagement ist immer etwas Willkürliches oder Relatives oder Vorläufiges. Wenn Sie sich engagieren, z. B. <term type="Begriffe" key="374,5">politisch</term>, dann nehmen sie eine <pb ed="pga" xml:id="p035"/> Haltung ein, die vielleicht einseitig oder parteiisch ist. Sie bringen eine Spaltung in die <term type="Begriffe" key="244,6">Kirche</term>!» Und tatsächlich zeigt es sich, daß es da eine Frage gibt.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, da ist eine Frage. Trotzdem läßt sich <term type="Begriffe" key="374,5">politisches</term> Engagement nicht vermeiden, so wenig wie jede andere Art von Engagement. Aber die große Frage wird immer sein, ob dieses Engagement sozusagen ausdrücklich erklärt wird oder stumm bleibt. Denn «das Engagement», wie Sie sagen, das Engagement als solches, ist zweideutig. Und also muß selbst das politische Engagement ein Teil des gesprochenen Wortes bleiben oder werden. Es ist im Grunde auch eine Art zu reden. </p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Das stimmt, und folglich, wenn wir darauf achteten und ernsthaft hörten, was Sie sagen, so würden wir merken, es ist auch ein großes <term type="Begriffe" key="275,6">Risiko</term> zu reden, und es ist ebenso gefährlich zu reden wie zu handeln.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das Leben ist immer gefährlich, nicht wahr? [Aber] das macht mir nicht fortwährend großen Eindruck. Oft fragen mich meine <term type="Begriffe" key="462">Studenten</term>: «Ist da nicht eine Gefahr?» Dann sage ich ihnen: «Ja gewiß, die Gefahr ist da, auf der einen wie auf der anderen Seite, aber das <term type="Begriffe" key="275">Leben</term> der ganzen Welt ist gefährlich und also auch für uns andere, die man Theologen nennt.» Wir können es nicht vermeiden, dieses gefährliche <term type="Begriffe" key="275">Leben</term> zu leben.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, ich glaube übrigens: das ist tatsächlich das große Geschenk, das Sie uns gemacht haben, daß sie uns durch das, was Sie geschrieben haben, und durch das, was Sie gewesen sind, beständig daran erinnert haben: Das christliche <term type="Begriffe" key="275,2">Leben</term> ist ein Risiko und ist aufgrund dessen ein großes Abenteuer, das aber der Mühe wert ist, gelebt zu werden.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Jawohl, ein Risiko! Aber ein <hi rend="italic">befohlenes</hi> Risiko, nicht wahr? Und nicht ein willkürliches Risiko! Nicht das Risiko, das der <term type="Begriffe" key="478">Teufel</term> vorgeschlagen hat, daß Jesus Christus vom <term type="Begriffe" key="227,29">Tempel</term> herunterspringen solle [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.5 Mt.4.7">Mt. 4,5-7</ref>]! Nicht ein solches Abenteuer! Es ist ein befohlenes, ein <term type="Begriffe" key="153">gehorsames</term> Abenteuer, und dann auch vollzogen mit Vertrauen.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Ich erinnere mich, daß jemand im Gespräch von Ihnen sagte: «Er hat uns auf den ‹goût›, den Geschmack eines leidenschaftlichen Christenlebens gebracht.» Und in der Tat, es gibt oft viel Langweile in der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> …</p> 
                </sp>
                <sp> <pb ed="pga" xml:id="p036" rend="noPipe"/> <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker><p> Ah!</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>… und Sie haben derart Dinge abgestaubt und einen heilsamen Luftzug hereingebracht, daß das ganz köstlich ist. </p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ah! Es <term type="Begriffe" key="134">freut</term> mich, das zu hören, und ich hoffe, daß die, die mich studiert haben, mehr oder weniger, nicht selber langweilige Leute werden. Denn das könnte ja passieren, nicht wahr? Zum Beispiel so, daß man meine Gedanken bloß wiederholt - dann werden auch sie sofort langweilig.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Sie haben ein Riesenwerk geschrieben, <bibl corresp="kbga-bibls-2">die [Kirchliche] Dogmatik,</bibl> mit 12 000, nein 7 000 Seiten … </p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>O, ich glaube, es sind 8 000 Seiten … <note xml:id="n10">Die <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD</bibl> umfaßt einschließlich KD IV/3 mit Registern 9062 Seiten.</note></p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker>
                <p> Ja, … und Sie sagen jetzt, man solle Ihre Gedanken nicht wiederholen. Was bedeutet das in bezug auf ein Werk wie die <bibl corresp="kbga-bibls-2">Dogmatik</bibl>, die immerhin für uns alle [geschrieben] ist - und wir haben es gelesen und lesen es beständig und versuchen ebenso schnell zu lesen, wie Sie schreiben -, was heißt da: nicht Ihre Gedanken wiederholen?</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Nun, der Gegenstand, mit dem sich eine gute <term type="Begriffe" key="90">Dogmatik</term> beschäftigt, ist unerschöpflich. Darum hatte ich nie das Gefühl, mich zu wiederholen. Denn in all den tausenden von Seiten kam es mir so vor, als ginge ich ringsherum, rund um einen hohen Berg, der sich jetzt von dieser, jetzt von jener Seite zeigt; dabei habe ich mich nie gelangweilt - es war immer <hi rend="italic">derselbe</hi> Berg, wohlverstanden! Und kurz, ich ging vorwärts. Und ich hoffe obendrein, daß meine lieben Leser sich eingeladen finden, mit mir zu marschieren, rund um diesen Berg, und daß ich sie nicht langweile, weil es immer ich bin, der die Schönheiten dieses Berges erklärt.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Erlauben Sie, daß ich Ihnen noch eine Frage stelle - mit Bezug auf das letzte Bild, das Sie benutzten. Sie sprachen von einem Berg, und, im Grunde genommen, haben Sie uns immer wieder gesagt, daß das christliche <term type="Begriffe" key="275,2">Leben</term> kein Aufstieg ist, sondern vielmehr die Entdeckung, daß jemand umgekehrt herabgestiegen ist zu uns. Es dürfte da kein Mißverständnis geben.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, gewiß, Bilder sind zweideutig. Man müßte jetzt das Bild wechseln. Was den <hi rend="italic">Inhalt</hi> der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Dogmatik</bibl> betrifft, handelt es sich immer darum, <hi rend="italic">herunterzusteigen</hi> von einem Berg - um in diesem Bild <pb ed="pga" xml:id="p037"/> zu bleiben -, das ist sicher. Denn man kann nicht diesen Berg des <term type="Begriffe" key="119">Evangeliums</term> «erklettern». Man kann es nur hören und dann versuchen zu verstehen und dann den angezeigten Linien folgen.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das meine ich auch. Es ist sehr wichtig, was Sie uns gelehrt haben, daß das christliche <term type="Begriffe" key="275,2">Leben</term> nicht das Leben ist, das uns alle <term type="Begriffe" key="403,11">Religionen</term> beschreiben: eine Art Aufstieg zu einer Vollkommenheit, sondern vielmehr das: die Entdeckung, daß <term type="Begriffe" key="181,18">Gott</term> zu uns herabgestiegen ist.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Das [christliche <term type="Begriffe" key="275,2">Leben</term>] ist das Akzeptieren einer [bestimmten, faktischen] Situation.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Und folglich auch für uns ein Akzeptieren unserer menschlichen Situation.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Jawohl.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Nun, ich danke Ihnen vielmals. Ich glaube, daß Sie jetzt mit uns in wenigen Augenblicken einen sehr guten theologischen Gang getan haben, und ich denke, daß die Teilnehmer dieser Unterhaltung verstanden haben werden, daß die <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> nicht etwas Abstraktes ist, etwas von weither, theoretisch und langweilig, sondern daß sie ganz <term type="Begriffe" key="275">Leben</term> ist - und daß vielleicht einige der Zuhörer Lust bekommen haben möchten, ein bißchen mehr theologische Bücher zu lesen und sich vielleicht auch ein wenig zu befreunden mit dem <term type="Begriffe" key="78">Denken</term> <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barths</persName>. Dank ausgezeichneter Übersetzungen ist er jetzt auch auf <term type="Begriffe" key="130">französisch</term> allgemein zugänglich.<note xml:id="n11">Die <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD</bibl> wurde ab 1953 auf französisch herausgegeben: <bibl corresp="kbga-bibls-5540"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Dogmatique I-IV</hi>, Genf 1953-1969</bibl>. Zur Bibliographie französischer Übersetzungen vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-234"> <hi rend="italic">Bibliographie Karl Barth</hi>, Bd. 1, erarbeitet von <term type="Namen" key="Wildi, Hans Markus">H. M. Wildi,</term> hrsg. von <term type="Namen" key="Drewes, Hans-Anton">H.-­A. Drewes</term>, Zürich 1984, S. 411-418</bibl>.</note></p> 
                </sp>
            </div> 
                

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</TEI>
