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        <title type="volume" n="vol-41">Gespräche 1963</title>
        <title type="content">Gespräch mit der Kirchlichen Bruderschaft in Württemberg</title>
        <title type="citation_line_1">Gespräch mit der Kirchlichen Bruderschaft in Württemberg, in: Gespräche 1963, 15. Juli 1963</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/41014 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Gespräche 1963, hrsg. v. Busch, Eberhard (Gesamtausgabe, Abt. IV), Zürich 2005, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Gespräche 1963</title>
          <title type="text">Gespräch mit der Kirchlichen Bruderschaft in Württemberg</title>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2005</date>
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        <date type="creation" when="1963-07-15">15. Juli 1963</date>
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            <head type="sub">12</head> 
                <head>GESPRÄCH MIT DER KIRCHLICHEN BRUDERSCHAFT IN WÜRTTEMBERG</head> 
                <div type="abstract">
                <p><hi rend="italic">Das Gespräch fand am <date when="1963-07-15">15.7.1963</date> im Restaurant <placeName ref="kbga-places-579">Bruderholz</placeName> in <term type="Begriffe" key="39">Basel</term> statt - in Anwesenheit von etwa 80 Gliedern der <orgName ref="kbga-actors-10485">Kirchlichen Bruderschaft in Württemberg</orgName>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> antwortete hierbei auf ihm zuvor eingereichte Fragen; an jede beantwortete Frage schloß sich dann eine freie Diskussion an. 
                Der hier abgedruckte Text des Gesprächs setzt eine etwas komplizierte Vorgeschichte voraus. <term type="Begriffe" key="366">Pfr.</term> <persName ref="kbga-actors-10486">Walter Schlenker</persName> hat aus seiner Tonbandaufnahme des Gesprächs einen Text hergestellt und daraufhin seine Bandaufnahme gelöscht. Dieser Text <persName ref="kbga-actors-10486">Schlenkers</persName> existiert in zwei Fassungen: a) in einer maschinenschriftlich vervielfältigten Form und b) in einem gedruckten Text, der den ersteren in stark redigierter und gekürzter Form wiedergibt. 
                Der letztere ist erschienen unter dem Titel: <bibl corresp="kbga-bibls-5546">«Gespräch mit Karl Barth. Eine Begegnung der <orgName ref="kbga-actors-10485">Kirchlichen Bruderschaft in Württemberg</orgName> mit Herrn Professor D. Karl Barth in <term type="Begriffe" key="39">Basel</term>am
                <date when="1963-07-15">15. Juli 1963</date>», in: Stimme der Gemeinde, Jg.15 (1963), S. 745-756</bibl>. Außerdem wurde ein Teil des Gesprächs, in dem es um das Thema <term type="Begriffe" key="472,22">Verantwortlichkeitstaufe</term> geht (Abschnitt 6), separat veröffentlicht unter dem Titel: <bibl corresp="kbga-bibls-5547">«Ein Professor steht Rede und Antwort. Interview mit Karl Barth (über die <term type="Begriffe" key="472,14">Kindertaufe</term>)», in: Potsdamer Kirche, Nr. 29 (19.7.1964), Potsdam 1964, S. 4-6.</bibl> Nun hat Pfr. <persName ref="kbga-actors-6104">E. Röhm</persName> vor dem Löschen des Bandes von <persName ref="kbga-actors-10486">W. Schlenker</persName> sich eine Kopie davon angefertigt, die noch erhalten ist, jedoch eine Reihe Lücken aufweist. Die folgende Wiedergabe des Gesprächs schließt sich grundsätzlich dem originalen Wortlaut an, soweit er auf dieser Tonkopie erhalten ist. Die Lücken in dieser Kopie sind gefüllt mit den betreffenden Passagen im Text der genannten maschinenschriftlichen Vervielfältigung, wobei der von dort entnommene Text jeweils in runde, mit einem Sternchen versehene Klammern gesetzt ist: (* … *). Seinen Eindruck von dem damaligen Gespräch faßt <bibl corresp="kbga-bibls-5546"><persName ref="kbga-actors-10486">W. Schlenker,</persName> a.a.O. (1963), S. 745f.</bibl>, so zusammen: «Freilich wurde an diesem Tag sofort deutlich, daß der äußere <term type="Begriffe" key="36,25">Ruhestand</term> des großen Gelehrten immer noch ein tätiger Ru<pb ed="pga" xml:id="p043" break="no"/>hestand ist. Das <term type="Begriffe" key="36,14">theologische</term> <term type="Begriffe" key="78">Denken</term> und der erquickende  <term type="Begriffe" key="36,23">Humor</term> des Professors kennen keinen <term type="Begriffe" key="36,25">Ruhestand</term>. Für die Teilnehmer an diesem Gespräch war es einfach ein Erlebnis zu sehen, in welcher Haltung und Gelöstheit, mit welchem Humor und Weitblick und in welcher <term type="Begriffe" key="77">Demut</term> und Bescheidenheit hier <term type="Begriffe1" key="481">Theologie</term> getrieben <term type="Begriffe" key="36,14">wurde</term>.» - Die Abschnitte 3 und 4 des Gesprächs wurden bereits veröffentlicht unter dem Titel <bibl corresp="kbga-bibls-5548">«Die These 5 der Barmer Erklärung und das Problem des gerechten <term type="Begriffe" key="269,3">Krieges», </term> in: <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, Texte zur Barmer Theologischen Erklärung, hrsg. von M. Rohkrämer, Zürich 2004, S. 185-211</bibl>. - Die Gesprächsleitung hatte Pfr. <persName ref="kbga-actors-10486">Walter Schlenker</persName> inne. Bei den Personen, die sich sonst am Gespräch beteiligt haben, handelt es sich um die folgenden: <persName ref="kbga-actors-10487">Karl Dieterich</persName>, <persName ref="kbga-actors-10488">Gotthelf Gugel</persName>, <persName ref="kbga-actors-10489">Walter Mack</persName>, <persName ref="kbga-actors-10490">Otto Mörike</persName>, <persName ref="kbga-actors-10491">Peter Poguntke</persName>, <persName ref="kbga-actors-6104">Eberhard Röhm</persName>, <persName ref="kbga-actors-10492">Hans Rücker</persName>, <persName ref="kbga-actors-5792">Gotthilf Weber</persName>, <persName ref="kbga-actors-10493">Heiner Weitbrecht</persName>.</hi></p> 
            </div> 
            <div>
                 <head>Gespräch mit der kirchlichen Bruderschaft in Württemberg</head>
                <head type="sub"> 1. Einleitung</head>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Meine Damen und Herren - oder wenn Sie es vorziehen: liebe Brüder und Schwestern, ich möchte Ihnen vor allem sagen, daß ich tief bewegt und gerührt und ein bißchen erschrocken bin angesichts der Tatsache, daß Sie sich die <term type="Begriffe" key="541">Zeit</term> und die Mühe genommen haben, aus dem fernen <placeName ref="kbga-places-358">Württemberg</placeName> hierher zu eilen, zu fliegen, zu fahren oder zu Fuß zu kommen - ich weiß nicht, welche Wege Sie gewählt haben -, jedenfalls daß Sie diese Anstrengung gemacht haben und nun hierher gekommen sind in diesen Raum, in welchem ich sonst mit meinen <term type="Begriffe" key="462">Studenten</term> noch regelmäßig alle Donnerstage und alle 14 Tage auch mit <term type="Begriffe" key="8">amerikanischen</term> Studenten zusammen bin. Und nun sind Sie an ihrer Stelle hier. Ich sagte, ich sei ein bißchen erschrocken: [ich bin es] einfach angesichts des Anspruchs, der nun an mich gestellt ist. Wen finden Sie hier vor? Einen nun schon reichlich älteren Herrn, der den allergrößten Teil seiner Tätigkeit und jedenfalls seiner produktiven <term type="Begriffe" key="36,22">Tätigkeit</term> hinter sich hat und sich - abgesehen von solchen Übungen, die ich gelegentlich hier noch halte - nun eben im <term type="Begriffe" key="36,25">Ruhestand</term> befindet. Sie alle stehen nicht im Ruhestand, sondern Sie sind im tätigen <term type="Begriffe" key="275">Leben</term>. Und das macht einen großen Unterschied aus. Erwarten Sie bitte nicht zuviel von diesem Tag. Die Worte, die ich <pb ed="pga" xml:id="p044"/> vorhin gehört habe, waren fast zu groß. Ich kann Ihnen nur versprechen, mein Möglichstes zu tun.</p>
                <p>Und eines möchte ich gleich sagen: Es wird nicht angehen, daß ich den ganzen Tag [allein] rede, sondern ich möchte <hi rend="italic">mit</hi> Ihnen reden, ich möchte Sie auch hören. Also, es soll nun gerade nicht so laufen, daß Sie hören und ich rede, sondern wir wollen uns miteinander austauschen. Ich werde immer wieder dazwischen fragen: was sagt ihr jetzt dazu? oder: was meint ihr eigentlich? Ich glaube, die <term type="Begriffe" key="541,2">Zeit</term> der großen Vorträge, wo einer so stundenlang redet, und die Anderen sind verdammt, dem nun zuzuhören, was dem alles in den Sinn gekommen ist, was er da aufs Papier gebracht hat oder was durch seinen Kopf geht, diese Zeit ist vielleicht - nicht nur für mich, sondern vielleicht überhaupt ein bißchen vorbei. Sondern was wir nötig haben in der <term type="Begriffe" key="481,19">Theologie</term> und in der <term type="Begriffe" key="244,6">Kirche,</term> sind - ach! ich mag das blöde Wort nicht wieder brauchen: «Gespräche». Aber was ich meine, ist einfach: daß man miteinander redet und miteinander dann vorzudringen sucht zu Antworten, statt daß da jemand irgendwie, als ob ihm der Heilige <term type="Begriffe" key="154">Geist</term> diktiert hätte, den Anderen etwas vorzutragen versucht.</p>
                </sp> 
            </div> 
            <div>
                <head type="sub"> 2. Der Dienstcharakter der <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term></head>
                <sp>
                <p> Aber ich will der Sache näher treten. Die Fragen[, die Sie mir vorgelegt haben,] haben einen Introitus, in welchem es heißt: Es sei Ihnen klar, «daß die <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term> so konkret wie möglich Zuspruch und <term type="Begriffe" key="552">Anspruch</term> des <term type="Begriffe1" key="119">Evangeliums</term> zur Geltung bringen muß. Wie aber …» - jetzt kommt also eine erste Frage oder eine Überschrift über die folgenden Fragen - «wie könnte die <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> in rechter Weise bei ihrem Amen auf das gehörte Wort behaftet werden? Und wie weit ist also die <term type="Begriffe" key="244,6">Kirche</term> gebunden, konkrete Folgerungen in folgender Hinsicht zu ziehen: …?» - und dann kommen die fünf Fragen.</p>
                <p>Und hier stock’ ich eigentlich schon.<note xml:id="n01">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust. Erster Teil</hi>, V. 1224f. (Studierzimmer)</bibl>.</note> Nämlich - kann man das eigentlich so fragen: wie man «die <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> in rechter Weise bei ihrem Amen auf das gehörte Wort behaften» könne? Kann das überhaupt unsere Sache sein, die <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> da so zu behaften? Die wird <pb ed="pga" xml:id="p045"/> wohl von ganz anderer Seite behaftet. Und schließlich, auch ihr Amen kann ja eigentlich nur eine Antwort sein auf das Amen, das wieder von ganz anderer Seite gesprochen ist. So daß dann die sogenannten «wir», die danach fragen - wo[mit] in der Hauptsache wohl gemeint sind: die Herren <term type="Begriffe" key="366,1">Pfarrer,</term> die da mit der <term type="Begriffe1" key="156">Gemeinde</term> umgehen - , eigentlich nur <hi rend="italic">dabei</hi> sein können, wie von ganz anderer Seite ein Amen gesprochen wird zu dem, was sie von ihrer <term type="Begriffe" key="378">Kanzel</term> oder von ihrem Pültlein her allenfalls vorzubringen haben, und [nur] <hi rend="italic">dabei</hi> sein können, wie die <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> bei diesem Amen behaftet wird.</p>
                <p> Ich würde also zu diesem Introitus die Anmerkung machen: ob es nicht gut wäre, wenn der <term type="Begriffe" key="9,3">Pfarrer,</term> der Prediger, der Diener am <term type="Begriffe1" key="9,5">Wort</term> usf. sich doch möglichst bestimmt bloß als <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="545,1">Zeuge</term></hi> verstehen würde - und nicht als einer, der nun «das Wort» zu <term type="Begriffe" key="513">verkündigen</term> hat. Ach du liebe Zeit, das Wort, das <hi rend="italic">wir</hi> <term type="Begriffe" key="513">verkündigen</term> … ! Wenn es ein gutes Wort ist, so kann es eben nur das Wort eines …, ja, eines <term type="Begriffe" key="545,1">Zeugen</term> <term type="Begriffe" key="378,6">sein</term>, der seinerseits etwas gehört hat und nun den anderen sagt: so habe ich es gehört, hört ihr’s nicht auch? - … <term type="Begriffe" key="86">Dienst,</term> <term type="Begriffe1" key="86,3">Dienst</term> und noch einmal <term type="Begriffe" key="86">Dienst</term> - und in keiner Weise versteckte Herrschaft!</p>
                <p> (*Wir haben vielleicht den Satz von <persName ref="kbga-actors-1506">Bullinger</persName>: «<foreign xml:lang="lat">Praedicatio verbi divini est verbum divinum</foreign>»<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-5559"><persName ref="kbga-actors-1506">H. Bullinger</persName>, <hi rend="italic">Confessio et expositio simplex orthodoxae fidei et dogmatum Catholicorum syncerae religionis Christianae</hi>, Zürich 1566 (Confessio Helvetica Posterior), Art. 1 (auf dem Seitenrand als Zusammenfassung des Textes)</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Praedicatio verbi Dei est verbum Dei</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-17">BSRK 171,10</bibl>).</note> allzu munter aufgegriffen. Wir haben vielleicht jetzt jahrzehntelang ein bißchen allzu fröhlich von dieser Versicherung gelebt, daß dann, wenn wir predigen, das Wort <term type="Begriffe" key="537,16">Gottes</term> da ist. Ich bin derjenige gewesen, der seinerzeit in der Confessio <term type="Begriffe" key="645">Helvetica</term> dieses Wort entdeckt und es dann in Gang gebracht hat, in den zwanziger Jahren.<note xml:id="n03"><bibl corresp="kbga-bibls-2259"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Menschenwort und Gotteswort in der christlichen Predigt</hi>, in: ZZ, Jg.3 (1925), S. 119-140,</bibl> wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-451">ders., <hi rend="italic">Vorträge und kleinere Arbeiten 1922-1925</hi>, hrsg. von H. Finze (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 1990, <ref type="pub" target="../volume/19/p426#p426">S. 426-457</ref></bibl>, dort S. 119 und 121 bzw. <ref type="pub" target="../volume/19/p430#p430">S. 430f.</ref> und<ref type="pub" target="../volume/19/p433#p433"> 433</ref>. <bibl corresp="kbga-bibls-1050">Ders., <hi rend="italic">Die christliche Dogmatik</hi> <hi rend="italic">im Entwurf. Die Lehre vom Worte Gottes. Prolegomena zur christlichen <term type="Begriffe" key="90">Dogmatik</term></hi>, München 1927, S. 26</bibl>; Neuausgabe von <bibl corresp="kbga-bibls-220">G. Sauter (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1982, <ref type="pub" target="../volume/14/p040#p040">S. 40</ref></bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> behauptet dort von da aus die - freilich unumkehrbare - «Gleichung: Kirchliche <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> = Wort <term type="Begriffe" key="537">Gottes</term>» (S. 27f. bzw.<ref type="pub" target="../volume/14/p043#p043"> 43</ref>).</note> Und dann ist es gegangen wie in dem berühmten <pb ed="pga" xml:id="p046"/> Osterlied von <persName ref="kbga-actors-1362">Geibel</persName>: «<bibl type="song" corresp="kbga-songs-163">Und wie sie schmetterte, da sangen es tausend Stimmen nach!</bibl>»<note xml:id="n04"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-163">Aus Strophe 1 des Osterliedes von <persName ref="kbga-actors-1362">E. Geibel</persName>, das im (alten) GERS (1891), Nr. 139 stand</bibl>: «Die Lerche stieg am Ostermorgen empor ins klarste Luftgebiet» dort: «… da klangen …». Vgl. auch unten <ref type="pub" target="../volume/41/p261#fn_n45">S. 261f.­, Anm. 45</ref>.</note> Von überall her hat man es gehört: <foreign xml:lang="lat">praedicatio verbi divini <hi rend="italic">est</hi> verbum divinum!</foreign> Als ich bei der Abfassung der <hi rend="italic">Einführung in die evangelische Theologie</hi> an dieser Sache vorbeigekommen bin<note xml:id="n05"><bibl corresp="kbga-bibls-5157"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Einführung in die evangelische Theologie</hi>, Zürich 1962, S. 207</bibl>.</note>, habe ich gedacht: ich will doch einmal nachsehen, wie <persName ref="kbga-actors-1506">Bullinger</persName> das überhaupt gemeint hat. Und dann habe ich gemerkt, daß <persName ref="kbga-actors-1506">Bullinger</persName> dieses Wort überhaupt nicht selber gesagt hat. Es ist als Inhaltsangabe über den betreffenden Abschnitt von einer späteren [Hand] an den Rand geschrieben worden. [Aber es] hat mir damals so gefallen, daß ich ganz übersehen habe, daß es nicht zum eigentlichen Text gehört, sondern nur eine uralte Überschrift aus dem 16. Jahrhundert ist.<note xml:id="n06">Der Marginaltext zu <bibl corresp="kbga-bibls-5559"><persName ref="kbga-actors-1506">H. Bullingers</persName> Confessio</bibl> stammt nach Mitteilung von Dr. <persName ref="kbga-actors-10504">Endre Zsóndely</persName> im Bullinger-Institut in <term type="Begriffe" key="644">Zürich</term> an den Herausgeber schon von <persName ref="kbga-actors-1506">Bullinger</persName> selber (<ref type="archival">das Bullinger-Manuskript, das dem Erstdruck zugrunde lag, befindet sich im Staatsarchiv Zürich, E I 4, 1. Sammelmappe, 5. Fasz.)</ref>.</note> Natürlich ist das Wort wahr. Aber es will aus dem Text von <persName ref="kbga-actors-1506">Bullinger</persName> selber interpretiert sein, und dort bedeutet es: Wo das Wort <term type="Begriffe" key="537">Gottes</term> <term type="Begriffe" key="378,6">bezeugt</term> wird, da haben wir die <term type="Begriffe" key="512">Verheißung</term><note xml:id="n07">«… die <term type="Begriffe" key="512">Verheißung</term>», sc. daß Gott selber redet. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> übersetzt in seiner <bibl corresp="kbga-bibls-5157"><hi rend="italic">Einführung in die evangelische Theologie</hi>, a.a.O., S. 207</bibl>, die entscheidende Aussage in <persName ref="kbga-actors-1506">Bullingers</persName> Text so: «Wenn heute das Wort <term type="Begriffe" key="537">Gottes</term> […] in der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> angekündigt wird (<foreign xml:lang="lat">annuntiatur</foreign>), so glauben wir, daß da das Wort <term type="Begriffe" key="537">Gottes</term> selbst (<foreign xml:lang="lat">ipsum Dei verbum</foreign>) angekündigt und von den <term type="Begriffe" key="174,3">Glaubenden</term> vernommen wird.» Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-17">BSRK 171,10-12</bibl>.</note>, die ergriffen sein will und nach Erfüllung ruft und deren Erfüllung immer wieder erbetet werden muß. Es ist nicht einfach eine Gleichung: <foreign xml:lang="lat">praedicatio <hi rend="italic">est</hi> verbum divinum</foreign>.</p>
                <p> Und das möchte gelten in bezug auf den Begriff des «gehörten Wortes» wie [nun eben] in bezug auf das Amen, das da von der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> zu hören sein sollte, wie dann auch in bezug auf das «Behaften» bei diesem Amen mit den konkreten Folgerungen. Man wird da nicht genug eine leichte Hand haben können.</p> 
                </sp>
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                <head type="sub">3. Die These 5 der «Barmer Erklärung» (1934)</head>
                

                <sp><speaker>Frage:</speaker> 
                <p>Sie haben seinerzeit bei Abfassung der Barmer <term type="Begriffe" key="35">Thesen</term> ein gewichtiges Wort mitgesprochen. In der fünften Barmer These heißt es: «Die <term type="Begriffe" key="424,3">Schrift</term> sagt uns, daß der <term type="Begriffe1" key="455,1">Staat</term> nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten <term type="Begriffe" key="525,4">Welt,</term> in der auch die <term type="Begriffe1" key="244,29">Kirche</term> steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term> für <term type="Begriffe1" key="394">Recht</term> und <term type="Begriffe" key="135">Frieden</term> zu sorgen. Die <term type="Begriffe1" key="244">Kirche</term> erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> die Wohltat dieser seiner Anordnung an. Sie erinnert an Gottes <term type="Begriffe" key="399,7">Reich</term>, an Gottes <term type="Begriffe" key="146,4">Gebot</term> und <term type="Begriffe1" key="161,2">Gerechtigkeit</term> und damit an die <term type="Begriffe" key="507,4">Verantwortung</term> der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das <term type="Begriffe" key="181,2">Gott</term> alle Dinge trägt.»<note xml:id="n08"><bibl corresp="kbga-bibls-4932"><hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="471,1">Bekenntnissynode</term></hi> <hi rend="italic">der Deutschen Evangelischen Kirche. Barmen 1934. Vorträge und Entschließungen</hi>, im Auftrag des Bruderrates der <term type="Begriffe" key="471">Bekenntnissynode</term> hrsg. von K. Immer, Wuppertal-Barmen 1934, S. 10</bibl>; wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-5563"><hi rend="italic">Die Barmer Theologische <term type="Begriffe" key="35">Erklärung</term></hi>. <hi rend="italic">Einführung und Dokumentation</hi>, hrsg. von A. Burgsmüller / R. Weth, Neukirchen 1984, S. 38</bibl>.</note> - Können Sie diese These, wenn nicht ihrem Wortlaut, so doch ihrem Inhalt nach heute noch aufrechterhalten? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, in welcher Weise?*)</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>«Sie haben seinerzeit bei der Abfassung der Barmer Thesen ein gewichtiges Wort mitgesprochen.» Ja, das kann man wohl so sagen.<note xml:id="n09"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> hat die Thesen der Theologischen Erklärung der Barmer <term type="Begriffe" key="35">Bekenntnissynode</term> (vom<date to="1934-05-31" from="1934-05-29"> 29. bis 31.5.1934</date>) in der Hauptsache selbst verfaßt. Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-3284"><persName ref="kbga-actors-19">Chr. Barth</persName>, <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="44">Bekenntnis</term></hi> <hi rend="italic">im Werden. Neue Quellen zur Entstehung der Barmer <term type="Begriffe" key="35">Erklärung</term></hi>, Neukirchen-Vluyn 1979</bibl>. Und: <bibl corresp="kbga-bibls-3283">C. Nicolaisen, <hi rend="italic">Der Weg nach Barmen. Die Entstehungsgeschichte der Theologischen Erklärung von 1934</hi>, Neukirchen-Vluyn 1985</bibl>. Am <date to="1934-05-16" from="1934-05-15">15./16.5.1934</date> hatte eine Dreier-Kommission, bestehend aus <persName ref="kbga-actors-1494">Th. Breit</persName>, <persName ref="kbga-actors-12">H. Asmussen</persName> und Karl Barth, den Entwurf für die Erklärung ausgearbeitet, der in den Tagen bis zur Barmer <term type="Begriffe" key="35">Bekenntnissynode</term> und an ihr selbst mehrfach überarbeitet wurde. <bibl corresp="kbga-bibls-3280">Nicolaisen, a.a.O., S. 185-188</bibl>, führt sieben Fassungen der 5. These vor der endgültigen Fassung an. Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Anteil an der Schlußformulierung vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3280">Nicolaisen, a.a.O., S. 145f</bibl>.</note> Es ist nämlich gerade diese These 5, wenn ich mich recht erinnere, nun wirklich wortwörtlich von mir, gerade die These 5. Ich glaube, nur an einer Stelle hat dann irgend jemand noch hineingefunkt. Ich habe gesagt, dort in der Mitte: «Die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> <hi rend="italic">anerkennt</hi> in Dank und Ehrfurcht die Wohltat dieser [An]ordnung.» Da hat jemand <pb ed="pga" xml:id="p048"/> gesagt, das sei schlechtes Deutsch, sondern es müsse heißen: «Die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> <hi rend="italic">erkennt</hi> in Dank und Ehrfurcht die Anordnung <hi rend="italic">an</hi> …» Also, nach meinem Sprachgefühl wäre es immer noch schöner, wenn es «anerkennen» heißen würde. Aber im übrigen hat hier kein <persName ref="kbga-actors-12">Asmussen</persName> hineingeredet in die These 5, sondern es ist mein Text.<note xml:id="n10">Zur Änderung von «anerkennt» zu «erkennt … an» in These 5 vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3280">Nicolaisen, a.a.O., S. 59, Anm. 218</bibl>. - <persName ref="kbga-actors-12">Hans Asmussen</persName> (1898–1968), 1932 Pastor in <term type="Begriffe" key="646">Altona</term>, 1934 zwangspensioniert, 1945 Präsident der Kirchenkanzlei der EKD, 1948-1954 Propst in <term type="Begriffe" key="647">Kiel</term>. Zu dessen Eingriff in die Formulierung der These 2 vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4104">Gespräche 1964-1968, <ref type="pub" target="../volume/28/p113#p118">S. 113</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3280">Nicolaisen, a.a.O., S. 27f</bibl>. <persName ref="kbga-actors-12">Asmussen</persName> hielt an der Barmer <term type="Begriffe" key="471,1">Synode</term> den einführenden «Vortrag über die Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen <term type="Begriffe" key="35">Kirche</term>», wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-5580"><hi rend="italic">Die Barmer Theologische <term type="Begriffe" key="35">Erklärung</term></hi>, a.a.O. (s. Anm. 8), S. 41-58</bibl>. «Im Zusammenhang» mit diesem Vortrag nahm die <term type="Begriffe" key="471">Synode</term> jene Erklärung an, a.a.O., S. 58. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> setzt sich im obigen Text anscheinend von der konservativen Deutung der Erklärung durch <persName ref="kbga-actors-12">Asmussen</persName> ab. Nach dem zweiten <term type="Begriffe" key="527,2">Weltkrieg</term> kam es zu Differenzen zwischen beiden, die sich speziell auch auf die Thematik der 5. Barmer These bezogen, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Lebenslauf, S. 343.446</bibl>.</note> Und darum muß ich mich wohl für verantwortlich halten.</p>
                <p> Sie fragen mich also, wie ich jetzt zu dieser These stehe? Ob ich sie noch heute aufrechterhalte? Und wenn nein, warum nicht? Und wenn ja, in welcher Weise? Jetzt wird wohl zur Einführung nichts helfen, als daß ich einen ganz kurzen Kommentar gebe, was damals gemeint war und was ich, wenn ich es jetzt lese, nach bestem Wissen und <term type="Begriffe" key="172">Gewissen</term> diesem Text entnehme.</p>
                <p> Also: diese These 5 von <term type="Begriffe" key="35">Barmen</term> fängt an mit dem Satz: «<hi rend="italic">Die <term type="Begriffe" key="424,3">Schrift</term></hi> <hi rend="italic"> sagt uns …</hi>» Es war damals wichtig, daß gesagt wurde: was über den <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> zu sagen ist, das hat man nicht aus der freien Faust zu nehmen, sondern wir sind auch in dieser Hinsicht durch die heilige <term type="Begriffe" key="424,3">Schrift</term> auf den rechten Weg gewiesen - durch das <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugnis</term> des <term type="Begriffe" key="424,2">Alten</term> und Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testamentes</term>!<note xml:id="n11">Jene These 5 beginnt selbst mit dem Zitat von <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.2.17">1.Petr. 2,17</ref>. Die Berufung auf die <term type="Begriffe" key="424,3">Schrift</term> «auch in dieser Hinsicht» stand im Gegensatz zu den damals verbreiteten Versuchen, sich hier auf die <term type="Begriffe" key="163">«Geschichte</term>», auf eine <term type="Begriffe" key="423,22">«Schöpfungsordnung</term>», auf einen <term type="Begriffe" key="166,17">«Volksnomos</term>» zu berufen. Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-5568">W. Tilgner, <hi rend="italic">Volksnomostheologie und Schöpfungsglaube. Ein Beitrag zur Geschichte des <term type="Begriffe" key="43,1">Kirchenkampfes</term></hi>, Göttingen 1966</bibl>.</note> Wobei unter <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> jetzt etwa nicht nur einzelne biblische Stellen zu verstehen sind wie <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.1 Röm.13.7">Römer 13</ref>
                     (was natürlich in Frage kommt), sondern das <term type="Begriffe" key="546,1">Gesamtzeugnis</term> der <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> von <term type="Begriffe1" key="181">Gottes</term> Herr<pb ed="pga" xml:id="p049" break="no"/>schaft, von <term type="Begriffe" key="181,16">Gottes</term> <foreign>βασιλεία</foreign>, welche dann - aber ich sage es jetzt nur ganz umfassend - im <term type="Begriffe" key="455">Staate</term> ihre irdisch-menschliche Entsprechung hat.</p>
                <p> Nun wird vom <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> gesagt, er habe «<hi rend="italic">nach göttlicher Anordnung</hi> die Aufgabe …» usf. Der Begriff «Anordnung» war sehr bewußt gewählt. Daß nicht etwa gesagt wurde, daß der <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> eine göttliche «Ordnung» ist! Denn mit dem Begriff «Ordnung» ist damals heftig gefochten worden<note xml:id="n12">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-56"><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, <hi rend="italic">Das <term type="Begriffe" key="146">Gebot</term></hi> <hi rend="italic">und die Ordnungen</hi>, Zürich 1932</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5569"><persName ref="kbga-actors-6029">W. Künneth</persName>, <hi rend="italic">Die biblische Offenbarung und die Ordnungen Gottes</hi>, in: W. Künneth/ H. Schreiner (Hg.), <hi rend="italic">Die Nation vor Gott. Zur <term type="Begriffe" key="58,1">Botschaft</term></hi> <hi rend="italic">der Kirche im Dritten Reich</hi>, Berlin 1933, S. 1-23</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5570"><persName ref="kbga-actors-9200">W. Wiesner</persName>, <hi rend="italic">Die Lehre von der Schöpfungsordnung</hi>, Gütersloh 1934</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-147"><persName ref="kbga-actors-4">P. Althaus</persName>, <hi rend="italic">Theologie der Ordnungen</hi>, Gütersloh 1934 (1935)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5572"><persName ref="kbga-actors-171">K. Heim</persName>, <hi rend="italic">Christus und die Schöpfungsordnungen</hi>, in: AELKZ, Jg.71 (1938), S. 754-758.778–782.802–806</bibl>.</note>, und da war dann ganz in der Nähe die <term type="Begriffe" key="423,22">«Schöpfungsordnung</term>» und dergleichen. «Anordnung» - das wäre lateinisch: <foreign xml:lang="lat">ordinatio</foreign>, im Unterschied zu <foreign xml:lang="lat">ordo!</foreign> - würde sagen: es handelt sich im <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> um eine Veranstaltung <term type="Begriffe" key="181,22">Gottes</term> in der <term type="Begriffe1" key="163,10">Geschichte,</term> nicht um etwas, was sozusagen in der <term type="Begriffe" key="328">Natur</term> des <term type="Begriffe1" key="305,14">Menschen</term> liegt, [so] daß es durchaus einen <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> geben müßte. Aber wie es ja letztlich auch keine <term type="Begriffe1" key="244">Kirche</term> notwendig geben müßte, so auch keinen <term type="Begriffe" key="455,1">Staat.</term> Aber faktisch-praktisch hat <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> es so gewollt und veranstaltet. Er hat es so «angeordnet», daß es das gibt, was wir da <term type="Begriffe" key="455">«Staat</term>» nennen.</p>
                <p>Er hat eine «<hi rend="italic">Aufgabe»</hi> und zwar eine Aufgabe «<hi rend="italic">in der noch nicht erlösten <term type="Begriffe" key="525,6">Welt</term></hi><hi rend="italic">, in der auch die <term type="Begriffe1" key="244,30">Kirche</term></hi> <hi rend="italic">steht …»</hi> Dieser Satz ist ein Hinweis darauf, daß der <term type="Begriffe" key="244,29">Staat</term> in den Bereich gehört, der begrenzt ist einerseits durch die schon geschehene Tat oder die Summe der Taten <term type="Begriffe" key="181,22">Gottes</term> zum Heil der <term type="Begriffe1" key="305">Menschen,</term> andererseits durch das noch ausstehende Offenbarwerden dessen, was Gott getan hat in der Begründung des <term type="Begriffe" key="62,6">Bundes</term> und in seiner Erfüllung in <term type="Begriffe1" key="227,10">Christus.</term> Das ist die «noch nicht erlöste Welt». Gemeint ist die <term type="Begriffe1" key="525">Welt,</term> deren <term type="Begriffe2" key="109">Erlösung</term> oder deren <term type="Begriffe" key="516">Versöhnung</term> zwar geschehen, aber noch nicht offenbar ist. In diesen Raum hinein hat Gott die Ordnung des Staates angeordnet. In diesen <term type="Begriffe" key="392">Raum</term> gehört auch die <term type="Begriffe1" key="244">Kirche.</term> Die <term type="Begriffe2" key="244">Kirche</term> hat zwar wohl eine <term type="Begriffe" key="512">Verheißung,</term> die über das Ende aller Dinge, über das Ziel der <term type="Begriffe1" key="163,12">Geschichte</term> hinausgeht. Man wird aber nicht vergessen dürfen - [nach] <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.22">Offenbarung 21[, 22]</ref> -, daß im himmlischen <term type="Begriffe" key="224">Jerusalem</term> kein Tempel mehr sein <pb ed="pga" xml:id="p050"/> wird. Unser ganzes Wesen mit <term type="Begriffe" key="378">Predigen</term> und <term type="Begriffe1" key="503">Unterrichten</term> und <term type="Begriffe" key="250">Kirchenrecht</term> und Kirchenpolitik usf., das wird dann - Gott sei Dank! - hinter uns liegen, wie noch verschiedenes anderes. Das wird dann getan sein, bzw. es wird dann offenbar werden, was eigentlich der Sinn auch des kirchlichen Treibens in der «noch nicht erlösten <term type="Begriffe" key="525,6">Welt</term>» gewesen ist. Und das wird ein Gericht sein, was dann vollzogen wird. Wir dürfen uns daran halten: es wird das <term type="Begriffe" key="177,4">Gericht</term> des <hi rend="italic">gnädigen</hi> <term type="Begriffe" key="181,12">Gottes</term> sein - aber ein <hi rend="italic">Gericht!</hi> Es wird dann vieles, vieles an den Tag kommen … - nun also auch die <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> des <term type="Begriffe1" key="455">Staates,</term> auch die <term type="Begriffe2" key="163,13">Geschichte</term> des Staates und der <term type="Begriffe1" key="455">Staaten</term> mit allem, was das in sich schließt.</p>
                <p> Dann heißt es: Der <term type="Begriffe" key="455,1">Staat</term> habe eine Aufgabe, «<hi rend="italic">nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens …»</hi> Damit soll darauf hingewiesen sein, daß der <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> ja nun, indem er eine <hi rend="italic">göttliche</hi> Veranstaltung ist, eine Veranstaltung unter den <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="305">Menschen</term></hi> ist, bei welcher <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> zu «funktionieren» haben, [d. h. aber] mit begrenzter Einsicht und auch mit einem begrenzten Vermögen. Man kann vom Staat nicht göttliche Dinge erwarten - von der <term type="Begriffe1" key="244,29">Kirche</term> nämlich auch nicht, geschweige denn vom <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> -, sondern «nach menschlicher Einsicht und menschlichem Vermögen»! Auch der Staat kann nur, wie es <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.4 Röm.13.6">Römer 13[,4.6]</ref> heißt, ein 
                    <foreign xml:lang="el-GR">διάκονος</foreign> <term type="Begriffe" key="86">[Diener]</term> oder ein 
                    <foreign xml:lang="el-GR">λειτουργός</foreign> [Diener] sein, wir könnten [auch] sagen: genau so wie die <term type="Begriffe" key="244,6">Kirche</term> nur ein <term type="Begriffe1" key="545,3">Zeuge</term> sein. Es geschehen keine Gottestaten durch den <term type="Begriffe" key="455">Staat,</term> sondern im besten Fall kann er sichtbar machen, daß es so etwas wie Taten <term type="Begriffe" key="181,22">Gottes</term> gegeben hat und gibt und noch geben wird.</p>
                <p> Nun wird hinzugefügt, was ja nun das Typische ist für das Handeln des <term type="Begriffe" key="455">Staates,</term> was zwar, ich würde sagen, nicht etwa zu seinem Wesen gehört, aber was nun faktisch-praktisch unvermeidlich ist: «… <hi rend="italic">unter Androhung und Ausübung von <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term></hi><hi rend="italic"> …»</hi> Ja, dadurch unterscheidet sich nun der <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> von der <term type="Begriffe1" key="244">Kirche,</term> daß da <term type="Begriffe2" key="169,1">Gewalt</term> als Möglichkeit im Hintergrund steht und dann wohl auch als Wirklichkeit auf den Plan tritt. Ich werde nachher noch darauf kommen.</p>
                <p>Und nun das Nächste: «<hi rend="italic">… für <term type="Begriffe" key="394">Recht</term></hi> <hi rend="italic">und <term type="Begriffe1" key="135">Frieden</term></hi> <hi rend="italic">zu sorgen …»</hi> Damit soll das Ziel, der Zweck des <term type="Begriffe" key="455">Staates</term> angedeutet sein. Auch dazu wäre einiges zu sagen. <term type="Begriffe" key="394">«Recht</term>» und <term type="Begriffe1" key="135">«Frieden</term>», diese Begriffe stehen hier da als Inbegriff dessen, was nach göttlicher Anordnung zur Erhaltung des äußeren Bestandes der <term type="Begriffe" key="306">Menschheit</term> geschehen kann. Dafür hat der <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> <term type="Begriffe1" key="507">Verantwortung,</term> und das ist seine Aufgabe.</p> 
                <p> <pb ed="pga" xml:id="p051" rend="noPipe"/> Im nächsten Satz kommt die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term>: «<hi rend="italic"> … Die <term type="Begriffe1" key="244">Kirche</term></hi> <hi rend="italic">erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen <term type="Begriffe" key="181,8">Gott</term></hi> <hi rend="italic">die Wohltat dieser seiner Anordnung an.»</hi> Also, von der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> aus gesehen ist die Existenz und die Tätigkeit des <term type="Begriffe" key="455,1">Staates</term> nicht einfach als ein <foreign xml:lang="lat">brutum factum</foreign> zu verstehen, geschweige denn als etwas <term type="Begriffe" key="57">Böses.</term> Der Satz von <persName ref="kbga-actors-937">Jacob Burckhardt</persName>: <term type="Begriffe" key="292">«Macht</term> an sich ist <term type="Begriffe1" key="57">böse</term>»<note xml:id="n13"><bibl corresp="kbga-bibls-289"><persName ref="kbga-actors-937">J. Burckhardt</persName>, <hi rend="italic">Weltgeschichtliche Betrachtungen. Über geschichtliches Studium</hi>, Gesammelte Werke, Bd. IV, Darmstadt 1956 (Nachdr. 1962), S. 25</bibl>: «Und nun zeigt es sich […], daß die <term type="Begriffe" key="292">Macht</term> an sich <term type="Begriffe" key="57">böse</term> ist.»</note><hi rend="italic"> …</hi> ja, <term type="Begriffe2" key="292">Macht</term> «an sich» sicher, aber man kann nicht ohne weiteres sagen, daß Macht oder <term type="Begriffe1" key="169,1">Gewalt</term> unter allen Umständen böse sind. Im Zusammenhang der göttlichen <term type="Begriffe" key="423,22">Anordnung</term> hat der <term type="Begriffe" key="455,1">Staat</term> eine Funktion, welche gerade von der <term type="Begriffe1" key="69">Christenheit</term> - so könnte man auch besser sagen statt <term type="Begriffe" key="244">«Kirche</term>» - in Dank und Ehrfurcht als Wohltat zu erkennen ist. Der <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> gehört dorthin, wohin uns das Lied weist: «Was unser <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> erschaffen hat, das will er auch erhalten …»<note xml:id="n14"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-67">Strophe 3 des Liedes «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von <persName ref="kbga-actors-1404">Johann Jakob Schütz</persName> (1675), RG 240, EG 326.</bibl></note> Und dieses «Erhalten», das auch im Leben des <term type="Begriffe" key="455">Staates</term> Ereignis wird, ist eine göttliche Wohltat. Und die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> hat das zu anerkennen. Das kann aber nicht alles sein, was [hier] von der <term type="Begriffe" key="244,29">Kirche</term> zu sagen ist. Das wäre ja sozusagen etwas bloß Passives.</p>
                <p> Das Positive kommt nun hinzu. <term type="Begriffe" key="244,6">Sie</term> hat im <term type="Begriffe" key="455">Staat,</term> eventuell dem <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> gegenüber, zu «<hi rend="italic">erinnern»</hi> - heißt es da - «<hi rend="italic">an <term type="Begriffe1" key="399,7">Gottes</term></hi> <hi rend="italic">Reich»</hi>. Das ist ja die letzte, umfassende Wirklichkeit, welche in der <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> des menschlichen <term type="Begriffe" key="455">Staates</term> nur ihr Analogon haben kann. Die <term type="Begriffe1" key="244">Kirche</term> hat daran zu erinnern: [an] das eigentliche Reich - das Reich, das nicht aufhört und das nun reines Reich ist, ein heiliges Reich, das Reich <term type="Begriffe" key="399,4">Gottes,</term> das in Christus aufgerichtet ist, das im Heiligen <term type="Begriffe1" key="154,5">Geist</term> auch schon gegenwärtig ist und das in seiner kommenden <term type="Begriffe" key="341">Offenbarung</term> als solches sichtbar werden wird. Und das impliziert nun: «<hi rend="italic">Gottes <term type="Begriffe" key="146,4">Gebot</term></hi> <hi rend="italic"> und <term type="Begriffe" key="161,2">Gerechtigkeit».</term></hi> Gemeint ist: dem <term type="Begriffe1" key="146">Gebot</term> des <term type="Begriffe2" key="455">Staates</term> und der <term type="Begriffe" key="161">Gerechtigkeit</term> des <term type="Begriffe1" key="455">Staates</term> übergeordnet ist das <term type="Begriffe2" key="146,4">Gebot</term> Gottes, welches damit gegeben ist, daß sein Reich gekommen ist und kommt, und ist übergeordnet die <term type="Begriffe" key="161">Gerechtigkeit,</term> die Gott <term type="Begriffe1" key="512">verheißt</term> und auch schon schafft. Die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> hat dem <term type="Begriffe1" key="455">Staat</term> gegenüber, indem sie ihn als Wohltat anerkennt, das sichtbar zu machen: dieses Übergeordnete als das Eigentliche, den eigentlichen Sinn auch der staatlichen <term type="Begriffe" key="122">Existenz.</term></p> 
                <p> <pb ed="pga" xml:id="p052" rend="noPipe"/> Und damit hat sie zu erinnern «<hi rend="italic">an die <term type="Begriffe" key="507">Verantwortung</term>»</hi> -  jetzt heißt es da - «<hi rend="italic">der Regierenden und Regierten».</hi> Es gibt also nicht nur eine <term type="Begriffe" key="507">Verantwortung,</term> wie man dann wohl gesagt hat: eine <term type="Begriffe" key="153,1">Gehorsamspflicht</term> der «Untertanen», der Regierten<note xml:id="n15">Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-5580"> <persName ref="kbga-actors-12">H. Asmussen</persName>, <hi rend="italic">Vortrag</hi>, a.a.O. (s. Anm. 10), S. 54</bibl>: «Damit ist ausgesprochen, daß wir Glieder der <term type="Begriffe" key="45">Bekenntnisfront</term> im <term type="Begriffe" key="153,1">Gehorsam</term> und in der Treue gegen Volk und <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> durch ein göttliches <term type="Begriffe" key="146,4">Gebot</term> gehalten sind.»</note>, sondern - das war ja 1934 sehr wichtig zu sagen! - es gibt auch eine <term type="Begriffe" key="507">Verantwortung</term> der Regierenden <hi rend="italic">und</hi> der Regierten. Es ist eine <hi rend="italic">gemeinsame</hi> <term type="Begriffe" key="507">Verantwortung</term> für die <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> des <term type="Begriffe1" key="455">Staates.</term> Die <term type="Begriffe2" key="305">Menschen,</term> in deren Hände die <term type="Begriffe1" key="122">Existenz</term> des <term type="Begriffe" key="455">Staates</term> gegeben ist, sind nicht nur irgendwelche Behörden da droben in irgendeiner Ferne, sondern auch die, welche von diesen Behörden geleitet oder verwaltet, administriert werden. Alle haben die <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> des <term type="Begriffe1" key="455">Staates,</term> seine Wirklichkeit und, was er im Guten und <term type="Begriffe" key="57">Bösen</term> ist, mitzuverantworten - alle ohne Ausnahme.</p>
                <p>Und dann sagt die Schlußstelle: «<hi rend="italic">Sie»</hi> - die <term type="Begriffe" key="244,7">Kirche</term> - «<hi rend="italic">vertraut und gehorcht der Kraft des <term type="Begriffe" key="537,7">Wortes</term>, durch das <term type="Begriffe" key="181,2">Gott</term></hi> <hi rend="italic">alle Dinge trägt.»</hi> Sehen Sie, das war nun, ganz schüchtern angedeutet, das, was dann später die <term type="Begriffe" key="227,9">christologische</term> Begründung des <term type="Begriffe" key="455,9">Staates</term> genannt wurde.<note xml:id="n16">Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-5581"> <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Rechtfertigung und Recht</hi> (ThSt 1), Zollikon 1938, S. 20</bibl>: «Wir befinden uns, wenn das Neue <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> vom <term type="Begriffe" key="455">Staate</term> redet, … grundsätzlich im <hi rend="italic">christologischen</hi> Bereich.» Ferner: <bibl corresp="kbga-bibls-5582"><persName ref="kbga-actors-431">E. Wolf</persName>, <hi rend="italic">Die Königsherrschaft Christi und der Staat</hi>, in : <persName ref="kbga-actors-2109">W. Schmauch</persName> / <persName ref="kbga-actors-431">E. Wolf</persName>, <hi rend="italic">Königsherrschaft Christi. Der Christ im Staat</hi> (ThExh NF 64), München 1958, S. 20-61</bibl>.</note> Die Stelle ist ja eine Anspielung auf <ref type="can" subtype="bible" target="Heb.1.3">Hebräer 1[,3]</ref>: «… das allmächtige Wort, durch das <term type="Begriffe" key="181,2">Gott</term> alle Dinge trägt». Dieses Wort ist <term type="Begriffe1" key="537,5">Christus.</term> Und nun sollte hier zum Schluß, ohne daß der Name <term type="Begriffe" key="227">Christi</term> direkt genannt wurde, darauf hingewiesen werden: Wenn die <term type="Begriffe" key="244,29">Kirche</term> den Staat anerkennt, wenn sie nach Weisung der <term type="Begriffe" key="424,3">Schrift</term> damit rechnet: Staat muß sein, wenn sie dann dem Staat gegenüber in dieser Funktion handelt: erinnernd «an Gottes <term type="Begriffe" key="399,7">Reich</term>, <term type="Begriffe" key="146,4">Gebot</term> und <term type="Begriffe1" key="161">Gerechtigkeit</term>» usf., und zur <term type="Begriffe" key="507">Verantwortung</term> aufruft, wenn sie das tut, dann tut sie das letztlich in einem bestimmten Vertrauen und in einem bestimmten <term type="Begriffe" key="153">Gehorsam,</term> der sich nun nicht etwa nur auf einzelne <term type="Begriffe" key="424">Schriftstellen</term> bezieht, sondern auf die Kraft des Wortes, welches <hi rend="italic">der</hi> Inhalt der heiligen <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> ist: des <term type="Begriffe" key="227,31">Logos,</term> der Fleisch geworden ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>], durch den Gott alle Dinge trägt. Dieser letzte Satz eben mit seiner christologischen Be<pb ed="pga" xml:id="p053" break="no"/>gründung des <term type="Begriffe" key="455,9">Staates</term> ist wohl in der Diskussion in all den Jahrzehnten seit <term type="Begriffe" key="35">Barmen</term> ein bißchen zu kurz gekommen. Es haben nicht alle bemerkt, was da eigentlich gesagt ist, was aber jedenfalls für mich, der damals diese Sätze in Vorschlag gebracht hat, das Zentrum war.<note xml:id="n17"><persName ref="kbga-actors-12">H. Asmussen</persName> erwähnt diesen letzten Satz der These nicht in seinem <bibl corresp="kbga-bibls-5580">Barmer Vortrag (s. <ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 54</bibl> - er taucht tatsächlich erst in der endgültigen Synodalvorlage auf.</note></p>
                <p>Nun, das ist jetzt also, nur ganz kurz, eine Umschreibung dieser These, nach der Sie mich fragen. «Können Sie diese These heute noch aufrechterhalten?» Ho, wenn ich’s so lese, finde ich’s gar nicht so schlecht … Ich habe natürlich bei der Abfassung im besonderen auch <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13">Römer 13</ref> vor Augen gehabt. Sie können die These eigentlich verstehen als den Versuch einer Umschreibung von Römer 13. So meinte ich dort, Römer 13 zu verstehen. Und ich glaube, es läßt sich in dieser Hinsicht [auch] verantworten.</p>
                <p> Ferner, der Satz ließ sich auch gut verantworten in der damaligen Situation. Man muß denken: bitte, <date when="1934">1934</date> ist das zu Papier gebracht und ist das dann in Barmen von allen möglichen Leuten - inklusive der <term type="Begriffe" key="55">Bischöfe</term> <persName ref="kbga-actors-265">Marahrens</persName> und <persName ref="kbga-actors-271">Meiser</persName><note xml:id="n18">Der Landesbischof der<orgName ref="kbga-actors-8430"> Ev.-Lutherischen Kirche Hannover</orgName> <persName ref="kbga-actors-265">August Marahrens</persName> (1875–1950) nahm nur als Gast an der <term type="Begriffe" key="471,1">Synode</term> teil und hielt am 30.5.1934 eine umstrittene Morgenandacht, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-176">Kl. Scholder, <hi rend="italic">Die Kirchen und das Dritte Reich</hi>, Bd. 2: <hi rend="italic">Das Jahr der Ernüchterung 1934. Barmen und Rom</hi>, Frankfurt/Berlin 1988, S. 184</bibl>. <persName ref="kbga-actors-271">Hans Meiser</persName> (1881–1956), Landesbischof der Ev.-Lutherischen Kirche in Bayern, war bei der <term type="Begriffe" key="471">Synode</term> ein Delegierter. Beide standen <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Verständnis von Bekennender <term type="Begriffe" key="244,7">Kirch</term>e kritisch gegenüber.</note> - bejaht und angenommen worden. 1934 - also ganz kurz vor dem <date when="1934-06-30">30.6.1934</date> zum Beispiel, wo der <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> ein bißchen merkwürdige Dinge vollbracht hat.<note xml:id="n19">Am 30.6.1934 entledigte sich <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> der <orgName ref="kbga-actors-8360">SA</orgName> durch die Ermordung des Stabschefs der SA, E. <persName ref="kbga-actors-6104">Röhm</persName>, und einer beträchtlichen Zahl anderer. Die gesetzliche Sanktionierung der Morde durch <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> bedeutete, daß das <term type="Begriffe" key="326">NS-Regime</term> jetzt offiziell den Mord als Gestalt seines politischen Handelns zu erkennen <term type="Begriffe" key="455,13">gab</term>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5589">K. D. Bracher, <hi rend="italic">Die deutsche <term type="Begriffe" key="88">Diktatur</term></hi>, Köln 1980, S. 263</bibl>.</note> Und alles weitere, was dann kam. Der <orgName ref="kbga-actors-8272">Nationalsozialismus</orgName> war damals gerade [erst] im Anlaufen. Das haben wohl die meisten von Ihnen nicht mehr so ganz lebhaft in Erinnerung, wie das war. <date when="1933">1933</date> kam er noch so ganz nett daher. 1934 begann er bereits die Krallen herauszustrecken und wurde ungemütlich. Und viele, die ursprünglich zu den «<orgName ref="kbga-actors-10458">Deutschen Chri<pb ed="pga" xml:id="p054" break="no"/>sten</orgName>» gegangen waren, gingen dann wieder hinter sich [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.66">Joh. 6,66</ref>] und es reute sie.<note xml:id="n20">Vor allem nach dem Skandal der <term type="Begriffe" key="607,1">Berliner</term> Sportpalastveranstaltung am 12.11.1933 traten zahllose Mitglieder der «<orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName>» aus ihrer Bewegung aus. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-173">Kl. Scholder, <hi rend="italic">Die Kirchen und das Dritte Reich.</hi> Bd. 1: <hi rend="italic">Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934</hi>, Frankfurt/M./Berlin/Wien 1977, S. 701-742</bibl>.</note> Und mit <term type="Begriffe" key="394">Recht</term>! Die <term type="Begriffe1" key="244,29">Kirche</term> fing an zu merken: es sollte jetzt etwas passieren. Und dann ist es zu diesen <term type="Begriffe" key="471,1">Synoden</term> gekommen. Es ist ja zuerst eine reformierte Synode gewesen, auch in Barmen übrigens, im Januar des Jahres schon<note xml:id="n21">Die «freie <term type="Begriffe" key="471,1">Synode</term>» von 167 evangelisch-reformierten <term type="Begriffe" key="158">Gemeinden</term> aus ganz <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> am <date when="1934-01-04">4.1.1934</date> im Barmen-Gemarke. Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-1226"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Gottes Wille und unsere Wünsche</hi> (ThExh 7), München 1934</bibl>.</note> - und dann also diese «Reichssynode» (hat man’s stattlich genannt) von <term type="Begriffe" key="35">Barmen</term>. Und wenn Sie sich das vor Augen halten, daß diese Sätze geschrieben sind in der Welt von <persName ref="kbga-actors-185">Adolf Hitler</persName>, <persName ref="kbga-actors-5705">Hermann Göring</persName>, <persName ref="kbga-actors-5704">Joseph Goebbels</persName> und wie die Brüder alle hießen, dann kann man eigentlich sagen: es hat Hand und Fuß; es war leidlich deutlich gemacht, daß die <term type="Begriffe" key="69,1">Christenheit</term> vom <term type="Begriffe1" key="455">Staat</term> ein bißchen anders denkt, als die <term type="Begriffe" key="326">Nationalsozialisten</term> es damals ausposaunt haben. Und man könnte wohl auch sagen: wenn jetzt mindestens einmal die ganze <term type="Begriffe" key="69">Christenheit</term> in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> (wir wollen von den anderen nicht reden) damals gehört hätte - vielleicht auf diese These 5 wenigstens (wir wollen von der These 1<note xml:id="n22">«Jesus <term type="Begriffe" key="537,5">Christus</term>, wie er uns in der Heiligen <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> bezeugt wird, ist das eine Wort <term type="Begriffe" key="537,5">Gottes</term>, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben», in: <bibl corresp="kbga-bibls-3193"><hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="35">Bekenntnissynode</term></hi>, a.a.O. (s.<ref type="pub" target="#fn_n08"> Anm. 8</ref>), S. 9</bibl>, und in: <bibl corresp="kbga-bibls-5563"><term type="Namen" key="Burgsmüller, Alfred">A. Burgsmüller</term> / <term type="Namen" key="Weth, Rudolf">R. Weth</term>, <hi rend="italic">Die Barmer Theologische <term type="Begriffe" key="35">Erklärung</term></hi>, a.a.O. (s. <ref type="pub" target="#fn_n08">Anm. 8</ref>), S. 34</bibl>.</note> nicht einmal reden), so wäre vielleicht allerhand anders gekommen, auch in der deutschen <term type="Begriffe" key="163">Geschichte.</term> Das hätte eigentlich <hi rend="italic">klingen</hi> können, kommt’s einem nachträglich so vor, nicht wahr? Denn fast in jeder Wendung dieser These ist irgend etwas, was eigentlich dem <term type="Begriffe" key="326">Nationalsozialismus</term> widersprochen hat. Es ist dazu nicht gekommen. Nur kann man im Rückblick wohl sagen, es hätte dazu kommen können, daß sie auch etwas Bedenken [bekommen hätten]. (*Nun hat <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> es anders gewollt. Und dann kann man vielleicht auch sagen: die These war doch nicht gut genug, daß sie so klingen konnte. Vielleicht hätte manches noch ganz anders gesagt werden müssen.*)</p> 
                <p> <pb ed="pga" xml:id="p055" rend="noPipe"/> Man stand bei der Abfassung dieser Barmer <term type="Begriffe" key="35">Sätze</term> unter dem Druck: es mußte möglichst kurz geredet werden. Es konnte hier nicht eine ganze <term type="Begriffe" key="481,16">Theologie</term> des <term type="Begriffe" key="455,16">Staates</term> da hineingetragen werden oder des <term type="Begriffe" key="70,9">christlichen</term> Verhaltens zum Staate, will ich mal sagen, sondern die Worte mußten gespart sein. Ich habe damals noch Fülle genug in mir gehabt, daß ich natürlich 10 oder 100 Seiten über dieses Thema hätte schreiben können, aber jetzt ging es darum, es in 10 Zeilen zu sagen. Und darum … Nun, die Kürze hat ihre Würze, aber die Kürze hat natürlich auch ihre Dunkelheit, so daß man jetzt bei mancher dieser Wendungen auch fragen kann: da hätten wir aber gern Erklärungen dazu.</p>
                <p>Und dazu sind wir jetzt da, um darüber zu reden. Ich möchte euch jetzt einmal fragen: Habt ihr vielleicht wesentliche Einwände? - weil man mich da fragt, ob ich’s noch aufrechterhalte? Ich will dann nachher, aber erst, wenn ihr etwas gesagt habt, sagen, wo ich jetzt etwa Fragen diesem Text gegenüber habe und wo ich von mir aus versuchen würde, in ähnlicher Kürze es vielleicht ein bißchen anders zu sagen. Es gibt hauptsächlich zwei Stellen in diesem Text, wo ich, ohne daß ich ihn preisgeben müßte, doch vorschlagen würde, da vielleicht noch ein bißchen anders zu formulieren.</p>
                </sp>
                <sp><speaker>(*<persName ref="kbga-actors-10486">Schlenker</persName>:</speaker>
                <p> Es ist gut, daß in der Barmer These nicht einer <term type="Begriffe" key="309">Staatsmetaphysik</term> das Wort geredet wird, daß nicht von der Würde und vom Wesen des <term type="Begriffe" key="455,16">Staates,</term> sondern schlicht von seiner <term type="Begriffe" key="455,1">Aufgabe</term> geredet wird. Es ist aber zu fragen, ob der Staat <hi rend="italic">von <term type="Begriffe1" key="181,22">Gott</term></hi>, nach göttlicher «Anordnung», die Aufgabe hat, «unter Androhung und Ausübung von <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term></hi> für <term type="Begriffe1" key="394">Recht</term> und <term type="Begriffe2" key="135,3">Frieden</term> zu sorgen». Und es ist erst recht zu fragen, ob <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="70,5">Christen</term></hi> die Aufgabe haben, sich an der «Androhung und Ausübung von <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term>» zu beteiligen. Im Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> ist sicher in keiner Weise daran gedacht, daß <term type="Begriffe" key="70,5">Christen</term> sich irgendwie an der Gewaltandrohung und -anwendung der staatlichen Machthaber beteiligen sollten. Auch <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13">Römer 13</ref> gibt nicht soviel her. Ist es sachgemäß, wenn wir mit Barmen [These] 5 staatliche Gewaltmaßnahmen rechtfertigen und sanktionieren? Wir sollten den <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> daran erinnern, daß seine wesentliche Funktion darin besteht, «für <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> und <term type="Begriffe1" key="135,3">Frieden</term> zu sorgen». Diesen <term type="Begriffe" key="86">Dienst</term> dem <term type="Begriffe1" key="455">Staat</term> gegenüber können <term type="Begriffe2" key="70,5">Christen</term> am ehesten dadurch leisten, daß sie jede Beteiligung an Waffenanwendung verweigern. Nur so geben sie dem <term type="Begriffe" key="455">Staat,</term> der sowieso in der <pb ed="pga" xml:id="p056"/> Versuchung zur voreiligen Gewaltanwendung und zum Machtmißbrauch steht, das rechte Zeichen, das den <term type="Begriffe" key="455,1">Staat</term> auf seine erste Aufgabe hinweist, nämlich, daß er dazu da ist, das <term type="Begriffe" key="275">Leben</term> zu erhalten und zu schützen.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10493">Weitbrecht</persName>:</speaker> 
                <p>Ich möchte auf <persName ref="kbga-actors-2743">Nebukadnezar</persName> verweisen, der im Sinne von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13">Römer 13</ref> mit seinem Regiment dem Heilsplan <term type="Begriffe" key="181,18">Gottes</term> ebenfalls dienen mußte [pvgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hes.29.19 Hes.29.20">Hes. 29,19f.</ref>], ob er wollte oder nicht: die <term type="Begriffe" key="455,11">Obrigkeit</term> wird als Werkzeug benützt, mit dem <term type="Begriffe" key="181,18">Gott</term> seinen Plan durchführt. <hi rend="italic">Anders</hi> dagegen ist die Situation der <term type="Begriffe" key="70,5">Christen,</term> die zwar auch die Aufgabe haben, im Rahmen der staatlichen <term type="Begriffe" key="349,2">Ordnungen</term> «der Stadt Bestes» zu suchen [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.29.7">Jer. 29,7</ref>], aber die in direkter Weise von Gott angesprochen und unterwiesen sind. Der <term type="Begriffe" key="455,9">Staat</term> funktioniert irgendwie zur linken Hand <term type="Begriffe" key="181,2">Gottes.</term><note xml:id="n23">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2037"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Hauspostille</hi> (1544), WA 52,26.21–27</bibl>: «Eben wie das weltlich <term type="Begriffe" key="455,11">Regiment</term> auch Gottes <term type="Begriffe" key="399,6">reych</term> genennet mag werden. Denn er wil haben, das es bleyben, und wir uns in dem selben <term type="Begriffe" key="153,1">gehorsamlich</term> halten sollen. Aber es ist nur das reych mit der lincken hand. Sein rechtes reych aber, da er selb regieret […], ist dises, da den armen das <term type="Begriffe" key="119">Euangelion</term> <term type="Begriffe" key="378">predigt</term> wird.»</note>*)</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10486">Schlenker</persName>:</speaker> 
                <p><persName ref="kbga-actors-2151">Sie</persName> sind einmal in einem netten Interview gefragt worden, was Sie eigentlich getan hätten, wenn Sie nicht Theologe geworden wären. Und dann haben Sie, glaub’ ich, gesagt: Sie wären Verkehrspolizist geworden.<note xml:id="n24"><bibl corresp="kbga-bibls-1339"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Fernsehinterview mit dem BBC</hi>, in: JK, Jg.22 (1961), S. 275</bibl>: «Wenn ich nicht Theologe wäre, würde ich gern Verkehrspolizist sein.» Wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-3174">Gespräche 1959-1962, <ref type="pub" target="../volume/25/p159#p159">S. 159</ref>.<ref type="pub" target="../volume/25/p436#p436">436</ref></bibl>.</note> Das sei doch eine großartige Sache … </p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> Ja, das habe ich gesagt.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10486">Schlenker</persName>:</speaker> 
                <p>Der würde doch etwas Sinnvolles tun … </p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Sogar auf englisch habe ich das gesagt.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10486">Schlenker</persName>:</speaker> 
                <p>Beim Verkehrspolizisten scheint mir in besonderer Weise der <term type="Begriffe" key="86">Dienstcharakter</term> sichtbar zu sein. Es ist natürlich diese Frage, die wir an die Barmer <term type="Begriffe" key="35">These</term> stellen, auch immer von unseren <term type="Begriffe" key="80">deutschen</term> Verhältnissen diktiert, wo der Machtmißbrauch [naheliegt] und dies, daß man sich auf eine solche Stelle stürzt, um [dafür] eine Sanktionierung zu finden. Sicher sind in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> die Verhältnisse geordneter und solider.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ah, das wollen wir auf sich beruhen lassen.</p>
                </sp>
                <sp> <pb ed="pga" xml:id="p057" rend="noPipe"/>  <speaker><persName ref="kbga-actors-10486">Schlenker</persName>:</speaker> 
                <p>Ich meine nur den Unterschied zwischen dem Verkehrspolizisten, der eindeutig im <term type="Begriffe" key="86">Dienst</term> der <term type="Begriffe1" key="284">Liebe</term> etwas Sinnvolles, Hilfreiches tut, und dem, der mit «Ausübung von <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term>» [beauftragt ist], die mit Blutvergießen verbunden ist, wo dann sofort das christliche <term type="Begriffe" key="546,2">Zeugnis</term> der <term type="Begriffe1" key="284">Liebe</term> und der Versöhnung <term type="Begriffe2" key="181,20">Gottes</term> mit allen <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> in Frage gestellt wird. Also um diesen Unterschied geht es, glaub’ ich.</p>
                </sp>
                <sp><speaker>(*<persName ref="kbga-actors-10492">Rücker</persName>:</speaker> 
                <p>Sie, verehrter Herr <persName ref="kbga-actors-2151">Professor</persName>, haben vorhin befriedigt festgestellt, daß sogar <persName ref="kbga-actors-265">Marahrens</persName> und <persName ref="kbga-actors-271">Meiser</persName> ihr Ja zur fünften <term type="Begriffe" key="35">Barmer</term> These gesprochen haben …<note xml:id="n25">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p053#fn_n18">S. 53­, Anm. 18</ref>.</note></p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Sie hätten sehen sollen, wie diese verlegen aufgestanden sind. Ich sehe sie jetzt noch vor mir.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10492">Rücker</persName>:</speaker> 
                <p>Ich meine nur, das Problem bestehe darin, daß diese These auch heute von allen bejaht wird, daß uns auch heute in unserer Stellungnahme gegen die atomare <term type="Begriffe" key="414,1">Bewaffnung</term> gesagt wird: bitte, hier in der Barmer These ist das theologisch verankert, daß der <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> «nach göttlicher <term type="Begriffe" key="349,3">Anordnung</term> unter Androhung und Ausübung von <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term>» fungiert.<note xml:id="n26">Vgl. <hi rend="italic">Text der Anfrage der Kirchlichen Bruderschaften an die Synode der <orgName ref="kbga-actors-9623">EKiD</orgName>:</hi> Die bisherige Diskussion über die atomare <term type="Begriffe" key="414,1">Bewaffnung</term> «setzte zwar theologisch legitim ein bei der <hi rend="italic">Aufgabe</hi> des <term type="Begriffe" key="455,1">Staates</term>, der ‹in der noch nicht erlösten <term type="Begriffe" key="525,6">Welt</term>, in der auch die <term type="Begriffe" key="244,30">Kirche</term> steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term> für <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> und <term type="Begriffe" key="135,3">Frieden</term> zu sorgen› hat (These 5 der Barmer Erklärung), übersah aber, daß damit gerade nicht <hi rend="italic">jede</hi> Gewaltanwendung und <hi rend="italic">jedes</hi> Mitmachen in einem <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> uneingeschränkt gerechtfertigt, sondern <hi rend="italic">bedingt und begrenzt ist durch die politische Aufgabe der Wahrung von Recht und <term type="Begriffe" key="135,3">Frieden</term></hi>», in: <bibl corresp="kbga-bibls-5590"><persName ref="kbga-actors-12">H. Asmussen</persName>, <hi rend="italic">Verleugnung der drei Glaubensartikel. Eine Antwort an die Kirchlichen Bruderschaften</hi>, München 1958, S. 17</bibl>. Zur Rolle, die die 5. Barmer These in der Diskussion über die <term type="Begriffe" key="414,1">Atomrüstung</term> spielte, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5591"><persName ref="kbga-actors-431">E. Wolf</persName>, <hi rend="italic">Barmen. Kirche zwischen Versuchung und <term type="Begriffe" key="177">Gnade</term></hi>, München 1957, S. 11.137ff.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5592">G. Howe (Hg.), <hi rend="italic">Atomzeitalter, Krieg und <term type="Begriffe" key="135,3">Frieden</term></hi>, Witten 1959, S. 123f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5593">E. Wolf (Hg.), <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="44,6">Christusbekenntnis</term></hi> <hi rend="italic">im Atomzeitalter?</hi> (ThExh NF 70), München 1959, S. 126f.129–131</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5594">B. Klappert/U. Weidner (Hg.), <hi rend="italic">Schritte zum <term type="Begriffe" key="135">Frieden</term></hi>. <hi rend="italic">Theologische Texte zu <term type="Begriffe" key="135,3">Frieden</term></hi> <hi rend="italic">und Abrüstung</hi>, Neukirchen-Vluyn 1983, S. 41.88.92.108f.111</bibl>.</note> Und wir werden von denen, die die <term type="Begriffe" key="414,1">Atomaufrüstung</term> bejahen, gefragt, steht ihr eigentlich noch auf dem Grund von Barmen [These] 5, wenn ihr jetzt zu dieser Form staatlicher Machtandrohung nein sagt?</p>
                </sp> 
                <sp> <pb ed="pga" xml:id="p058" rend="noPipe"/>  <speaker><persName ref="kbga-actors-10489">Mack</persName>:</speaker> 
                <p>Ist nicht auch das ein gewisser Unterschied, daß in der <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> wesentlich von Personen, von Machthabern und Königen die Rede ist, während in der fünften These von Institutionen gesprochen wird? In der Bibel werden Personen behaftet, während bei uns eine gewisse Abweichung in Richtung auf <term type="Begriffe" key="309">Metaphysik</term> eingetreten ist, so daß wir nur noch die Einrichtungen, die Institutionen sehen.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10491">Poguntke</persName>:</speaker> 
                <p>Würde es vielleicht der Klärung der Sache dienen, wenn man die Formulierung dahin ändern würde: «Der <term type="Begriffe" key="455,1">Staat</term> hat die Aufgabe, nach menschlicher Einsicht … für <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> und <term type="Begriffe1" key="135,3">Frieden</term> zu sorgen (und davon könnte man dann abheben:) sogar bis hin zur Androhung und Ausübung von <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term>»? Dies würde heißen, daß die Gewaltausübung des <term type="Begriffe" key="455">Staates</term> unter göttlicher Zulassung und Hinnahme steht, daß von diesem Bereich aber der Auftrag der <term type="Begriffe" key="244,6">Kirche</term> und der <term type="Begriffe" key="69">Christenheit</term> abgegrenzt würde und gesagt würde: die Gewaltandrohung und -ausübung gehört nicht mehr zum Auftrag der Kirche und der <term type="Begriffe" key="68,4">Christen.</term>*)</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> Ich will versuchen, in dem großen Gedränge, in das ich jetzt gebracht bin[, zu antworten]. Ich komme damit schon zu dem, was ich selber jetzt als Fragezeichen hinter meinen Text zu setzen habe. Das kommt natürlich gleich auch, dort diese Sache mit der <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt.</term> Sie wollten sagen: «bis hin zu …», ich würde vielleicht gesagt haben: «<hi rend="italic">im Notfall</hi> unter Androhung und Ausübung von <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term> …». Daß man das ganz entfernen kann, das will mir noch nicht recht einleuchten. Ich würde mich dringend dagegen verwahren - das können Sie dann auch in dem angefochtenen und auch wirklich anfechtbaren Abschnitt in der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen Dogmatik III/4</bibl> wörtlich finden<note xml:id="n27"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4, S. 522</bibl>: Die christliche <term type="Begriffe" key="114">Ethik</term> darf «auf keinen Fall» sagen, «daß die Gewaltübung das <hi rend="italic">Wesen</hi> des <term type="Begriffe" key="455">Staates</term> sei».</note><hi rend="italic"> -</hi>, daß man sagt: es gehört zum Wesen des <term type="Begriffe" key="455,1">Staates,</term> <term type="Begriffe1" key="169,1">Gewalt</term> zu üben; sondern das kommt dem Staat nur akzidentiell zu, wenn ich jetzt einmal so sagen darf, [nur] im Notfall oder «bis hin …». Sehen Sie, wenn Sie es ganz weglassen wollten und also eine Definition, eine Schau des Staates [darböten], wo das völlig wegbleiben würde - ich fürchte, dann würden wir überhaupt nicht mehr vom <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> reden. Denn wie der Dekan <persName ref="kbga-actors-5792">Weber</persName> bereits zum Begriff des Verkehrspolizisten<note xml:id="n28"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezieht sich hier wahrscheinlich auf das letzte Votum von <persName ref="kbga-actors-10486">Schlenker</persName>, eventuell kann aber auch der Beitrag <persName ref="kbga-actors-5792">Gotthilf Webers</persName> verlorengegangen sein.</note> freundlich <pb ed="pga" xml:id="p059"/> erläutert hat: auch der Verkehrspolizist trägt, wenn ich mich nicht sehr irre, so etwas wie eine Pistole, mit der er im Notfall schießen könnte. Er pflegt es nicht zu tun. Aber ich glaube, öfters hat er das oder mindestens ein drohendes Gummi-Ding, nicht wahr? Wo halt der <term type="Begriffe" key="455,1">Staat</term> für <term type="Begriffe1" key="394">Recht</term> und <term type="Begriffe2" key="135,3">Frieden</term> sorgt, da tut er das nicht nur mit freundlichem Zureden. Es gibt auch ganz höfliche Verkehrspolizisten, und sie sollen’s alle sein, und man unterrichtet die Beamten dahin, sie sollten es bis aufs äußerste mit gutem Zureden versuchen. Aber leider gibt es eben - nicht nur für die <term type="Begriffe" key="375">Verkehrspolizei,</term> sondern überhaupt im Bereich der <term type="Begriffe" key="375">Polizei</term> - eine Grenze, wo es dann heißt: «Und bist du nicht willig, so brauch’ ich …»<note xml:id="n29"><bibl corresp="kbga-bibls-5595"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, «Erlkönig», Vers 7.</bibl></note> Und in den Beschreibungen, die wir von staatlichen Personen oder Institutionen in der Bibel haben, schaut das auch immer wieder durch, was der <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> ja geradezu als das «Schwert» bezeichnet <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.4">[Röm. 13,4</ref>]. Es schaut durch, es ist sozusagen ein unvermeidliches Zubehör: diese Grenze, dieses «bis hin …», dieses: wenn’s not tut, auch <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term>! Die Frage ist einfach, ob man es streichen kann. Ich habe in der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Dogmatik</bibl> gesagt: die <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term> gehört nicht zum <foreign xml:lang="lat">opus proprium</foreign>, sondern zum <foreign xml:lang="lat">opus alienum</foreign> des Staates.<note xml:id="n30"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4, S. 522</bibl>.</note> Aber der Staat hat auch ein solches <foreign xml:lang="lat">opus alienum</foreign> wohl zu besorgen. Bitte, denken Sie es sich einmal einen Augenblick weg! - also, dieses <foreign xml:lang="lat">opus alienum</foreign> würde nicht getan! Dann könnten die <term type="Begriffe" key="68">Christen</term> [wohl leicht] sagen: bitte, damit haben wir gar nichts zu tun; da sind wir nicht beteiligt. Aber stellen Sie sich einmal vor: es würde nun nicht geschehen …! - Haben wir nicht Anlaß, ernstlich auch dafür dankbar zu sein, daß dieses <foreign xml:lang="lat">opus alienum</foreign> geschieht - als Grenzfall? Es ist ein äußerster Grenzfall - aber dieser Grenzfall droht und kann gelegentlich eintreten. Und in der «noch nicht erlösten <term type="Begriffe" key="525,6">Welt</term>» geht es wohl ohne dieses <foreign xml:lang="lat">opus alienum</foreign> des Staates nicht ab.</p>
               
                <p> Nun ist aber ja die Pointe Ihrer Frage, wie sie an mich gerichtet wurde: was haben wir <term type="Begriffe" key="68">Christen</term> damit zu tun? Und nun sind hier vorhin Sprüche laut geworden, die ungefähr so lauteten (wenn ich’s so zusammenfassen darf): «Nun ja, es gibt <term type="Begriffe" key="455,11">obrigkeitliche</term> Personen, und die machen das. Gott sei Dank, daß ich keine obrigkeitliche Person <pb ed="pga" xml:id="p060"/> bin, sondern ein guter <term type="Begriffe" key="68,16">Christ</term>! Ich mache da nicht mit. Da fängt ja das <term type="Begriffe" key="57">Böse</term> an. Wir rechnen damit, daß es im <term type="Begriffe1" key="86">Dienste</term> Gottes geschieht. Aber [das ist] nichts für mich. Also, ich mache das nicht.» Und dann, ja dann kommt auf einmal, wissen Sie, über diesen Begriff der <term type="Begriffe" key="340">«obrigkeitlichen</term> Person» die Zwei-Reiche-Theorie wieder herein, daß nämlich [auf der einen Seite] auch der <term type="Begriffe" key="68">Christ</term> sagt: «Ja natürlich, es muß das geben» und im Stillen sagt er: «Gott sei Dank, daß es eine <term type="Begriffe" key="375">Polizei</term> gibt und noch einiges andere, was auf dieser Linie ist!» Er wird es unter der Hand faktisch-praktisch auch gutheißen. Er zahlt ja auch seine Steuern, obwohl mit dieser Steuer dieser Betrieb da unterhalten wird. Und dann sagt er: «So, und auf der anderen Seite lebe ich jetzt im Reich der <term type="Begriffe" key="284">Liebe</term> und gebe mein Zeugnis ab für den <term type="Begriffe" key="135">Frieden</term>» usf. Achtung, Achtung, daß nicht auf diesem Weg die alte fatale Lehre von diesen zwei <term type="Begriffe" key="555">Bereichen</term><note xml:id="n31">Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-5596"><persName ref="kbga-actors-4089">Fr. Lau</persName>, <hi rend="italic">Luthers Lehre von den beiden Reichen</hi>, Berlin 1952</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5597"><persName ref="kbga-actors-6825">H. Bornkamm</persName>, <hi rend="italic">Luthers Lehre von den zwei Reichen im Zusammenhang seiner Theologie</hi>, Gütersloh 1958</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5598"><persName ref="kbga-actors-2109">W. Schmauch</persName>/<persName ref="kbga-actors-431">E. Wolf</persName>, <hi rend="italic">Königsherrschaft Christi. Der Christ im Staat</hi> (ThExh NF 64), München 1958</bibl>. Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Kritik an dieser <term type="Begriffe" key="555">Zwei-Reiche-Lehre</term> s. o. <ref type="pub" target="../volume/41/p052#fn_n16">S. 52­, Anm. 16</ref>.</note> wieder hereinkommt! Denn auch der friedlichste und friedliebendste <term type="Begriffe" key="68,6">Christ</term> kann faktisch nicht umhin, davon zu profitieren, daß diese Sache da ihren Lauf nimmt.</p>
                <p>Und nun ist mir vorhin gesagt worden, im Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> sei es nicht vorgesehen, daß <term type="Begriffe" key="70,9">Christen</term> sich daran beteiligen. Ja, aber es ist etwas anderes vorgesehen, was eigentlich viel intensiver ist, nämlich daß die <term type="Begriffe" key="68">Christen</term> beten: sie beten für die Könige und <term type="Begriffe" key="455,11">Obrigkeiten</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.2.1 1.Tim.2.2">1.Tim. 2,1f.</ref>]. Und nun bin ich zu meiner ganzen Anschauung, die da durchblickt, auf dem Weg gekommen, daß ich mir gesagt habe: Wo ich wirklich bete, da kann ich auch nicht einfach untätig sein. Da kann ich dann nicht nur sagen: «Ach lieber Gott, sorg du dafür, daß …» usf.! Sondern wo ich bete - also sagen wir jetzt: auch für diese obrigkeitlichen Personen, da mache ich mich verantwortlich für sie. Und jetzt ist [es] nur noch ein kleiner Schritt, daß ich erkennen muß: ich bin selber eben auch eine obrigkeitliche Person. M. a. W. diese ganze Sache da ist gar nicht eine Angelegenheit anderer Personen, sondern es [gilt]: <foreign xml:lang="lat">tua res agitur</foreign><note xml:id="n32"><bibl corresp="kbga-bibls-3140"><persName ref="kbga-actors-2046">Q. Horatius Flaccus</persName>, <hi rend="italic">Epistolae</hi> I, 18,48.</bibl></note>, du bist drin [verwickelt]! Und darum jetzt der Begriff der <term type="Begriffe" key="507">Verantwortung,</term> den ich damals gebracht habe: es gibt eine <pb ed="pga" xml:id="p061"/><term type="Begriffe" key="507"> «Verantwortung</term> der Regierenden und der Regierten» - es ist eine gemeinsame <term type="Begriffe" key="507">Verantwortung.</term> Aber Achtung vor einem Dualismus, vor einer Schizophrenie, hätte ich jetzt bald gesagt, wo dann die <term type="Begriffe" key="70,9">Christen</term> so das Häuflein der <term type="Begriffe" key="545,1">Friedenszeugen</term> sind, die da abseits gehen! (*Wäre es nicht besser, man würde sich dazu bekennen: wir alle sind in der noch nicht erlösten <term type="Begriffe" key="525,6">Welt</term> dafür dankbar, daß es diese <term type="Begriffe" key="349,3">Anordnung</term> Gottes gibt, die nun auch diese Schattenseite hat, wo die Linke Gottes am Werk ist?*)</p>
                <p> Heißt das nun «Rechtfertigung der <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term>»? Wenn Sie mir jetzt damit kommen, was Ihnen in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> offenbar vorgesungen [worden] ist im Blick auf diese These 5 - ist da nicht offenkundiger Unfug getrieben worden? Das[, was die These über die <term type="Begriffe" key="169">Gewalt</term> sagt,] heißt doch nicht <term type="Begriffe" key="396">«Rechtfertigung</term> …»! Wie ja überhaupt der ganze Satz falsch verstanden ist, wenn sein Zentrum in dem Klammersatz gesucht wird: «unter Androhung und Ausübung von <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term>»! Es geht um die Aufrichtung von <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> und <term type="Begriffe1" key="135,3">Frieden.</term> Das ist die Aufgabe, das ist das Positive, das ist die <term type="Begriffe" key="396">Rechtfertigung</term> des <term type="Begriffe1" key="455">Staates,</term> daß es eine göttliche Anordnung zu diesem Zweck gibt - leider nicht total, nicht konsequent, nicht sauber und rein durchzuführen ohne ein bißchen Gummiknüppel und einige andere noch gefährlichere Instrumente: es gibt da Grenzfälle. Und nun wäre ich dafür, daß der <term type="Begriffe" key="68,4">Christ</term> mit dem berühmten «<foreign xml:lang="lat">simul iustus et <term type="Begriffe" key="437">peccator</term></foreign>»<note xml:id="n33">Vgl. z. B.<bibl corresp="kbga-bibls-2015"> <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, WA 56,272,17f. (<hi rend="italic">Die Vorlesung über den Römerbrief</hi>, 1515-1516)</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">simul peccator et <term type="Begriffe" key="437">Iustus</term>; peccator re vera, Sed Iustus ex reputatione et promissione Dei certa</foreign>».</note> ernst machen würde und nicht eine saubere Weste haben wollte, sondern sich sagte: merkwürdigerweise schließt der <term type="Begriffe" key="86">Dienst,</term> den ich in der <term type="Begriffe1" key="525">Welt</term> zu tun habe, das in sich: diese Ehrfurcht und diesen Dank für <term type="Begriffe" key="181">Gottes</term> Anordnung und dann indirekt allerdings auch meine verantwortliche Beteiligung an dieser «Androhung und Ausübung von <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term>» - wobei nun [darüber] zu reden ist, was das bedeutet. Die Gewaltanwendung ist natürlich ein Problem des <term type="Begriffe" key="455">Staates.</term> Die <term type="Begriffe1" key="169,1">Gewalt</term> fängt [ja übrigens] nicht erst an, wenn geschossen wird, sondern sie ist da in Bußen<note xml:id="n34">= polizeiliche (Geld-) Strafen.</note><hi rend="italic"/>, Steuern und in der Einschließung von <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> zu ihrem eigenen Wohl und zum Wohl der <term type="Begriffe" key="165">Gesellschaft.</term></p> 
                <p> <pb ed="pga" xml:id="p062" rend="noPipe"/> Aber darf ich jetzt vielleicht noch ein bißchen mehr sagen zur Kritik der <term type="Begriffe" key="35">These</term>? Nämlich, für mich erschöpft sich das Bedenken gegen meinen Text von damals nicht in dieser Frage wegen der <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt,</term> was Sie jetzt offenbar ganz besonders an- und aufregt, sondern ich habe da noch anderes [anzumerken].</p>
                <p> Sehen Sie, ich würde z. B. jetzt nicht mehr einfach nur sagen: der <term type="Begriffe" key="455,1">Staat</term> hat zu sorgen für <term type="Begriffe1" key="394">«Recht</term> und <term type="Begriffe2" key="135,3">Frieden</term>». Ein bißchen zu dünn! Es war das auch wegen der Kürze so gesagt. Aber ich würde hier eigentlich gern zunächst einen etwas volleren Begriff einführen und sagen: «Der Staat hat zu sorgen für …» oder: «der Staat hat zu dienen (würde ich mal sagen; und dann würde ich einen allgemeinen Begriff wählen) dem <hi rend="italic">Gemeinwohl</hi>». Es geht ja um das gemeinsame Wohl der <term type="Begriffe" key="305">Menschen;</term> und ich finde den von <persName ref="kbga-actors-1677">Johannes XXIII.</persName>  gebrauchten Begriff «Gemeinwohl» gar nicht schlecht<note xml:id="n35"><bibl corresp="kbga-bibls-5492"><hi rend="italic">Die Sozialenzyklika Papst Johannes XXIII. Mater et Magistra</hi>, hrsg. von E. Welty OP (Herder-Bücherei 110), Freiburg i. B. 1961, Art. 65, S. 105f</bibl>: Das «Gemeinwohl» umfaßt «den Inbegriff jener gesellschaftlichen Voraussetzungen, die den <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> die volle Entfaltung ihrer Werte ermöglichen oder erleichtern». Ferner: <bibl corresp="kbga-bibls-5599">Papst <persName ref="kbga-actors-1677">Johannes XXIII.</persName>, <hi rend="italic">Enzyklika Pacem in terris. Das Papstrundschreiben vom 11.April 1963 über den <term type="Begriffe" key="135">Frieden</term></hi> <hi rend="italic">unter allen Völkern, in <term type="Begriffe" key="522">Wahrheit</term></hi>, <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="161">Gerechtigkeit</term></hi>, <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="284">Liebe</term></hi> <hi rend="italic">und <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term></hi> <hi rend="italic"> </hi> (Offizielle deutsche Übersetzung des Vatikans), Luzern 1963, Art. 50-66</bibl>.</note> - «… dem Gemeinwohl und also dem <term type="Begriffe" key="394">Recht,</term> dem <term type="Begriffe1" key="135,3">Frieden</term> (und jetzt fehlt mir hier ein schöner Begriff, den würde ich heute hereinbringen) und der <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term>». Das hätte eigentlich [schon] damals 1934 erklingen müssen: das Wort <term type="Begriffe" key="132">«Freiheit</term>», nicht wahr? <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term> - nicht, daß jeder machen kann, was er will, sondern <term type="Begriffe" key="132,22">Freiheit</term> verstanden eben als Verantwortlichkeit, aber [als] persönliche Verantwortlichkeit aller. Und der <term type="Begriffe" key="455,1">Staat</term> hat das Gemeinwohl zu fördern und zu pflegen auf der Basis der <term type="Begriffe" key="132">Freiheit.</term> Keine Zwangswohlfahrt, sondern eine Wohlfahrt, die von allen gesucht und gewollt und ins Werk gesetzt wird! Aber Sie sehen, jetzt wäre also der Satz schon ein bißchen länger geworden. Der schöne kurze Satz wäre jetzt nicht mehr ganz so kurz. Aber auf dieser Linie - ich habe jetzt das so ins Unreine geredet - würde ich den Satz da gern korrigiert sehen.</p>
                <p> Und dann natürlich, wie vorhin vorgeschlagen, die Sache mit der <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term> - ja eben, ich würde vielleicht sagen: «im Notfall» oder «im <pb ed="pga" xml:id="p063"/> Grenzfall» (das wäre nicht so verständlich, was ein Grenzfall ist; es wissen nicht einmal alle Theologen, geschweige denn …; aber «Notfall» verstehen alle). Und dann würde ich also sagen: «im Notfall … von <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term>».</p>
                <p> Jetzt aber kommt noch mehr, was ich einzuwenden habe. Ich bin offenbar kritischer als Sie. Sie sind jetzt nur über die <term type="Begriffe" key="169,1">«Gewalt</term>» gestolpert. Es gibt da aber noch ganz anderes zu bedenken - nämlich: der ganze Satz «Sie erinnert an Gottes <term type="Begriffe" key="399">Reich,</term> an Gottes <term type="Begriffe1" key="146,4">Gebot</term> und <term type="Begriffe" key="161,2">Gerechtigkeit</term>» usf. Ich habe das nicht so gern, daß «Gottes <term type="Begriffe1" key="399">Reich,</term> <term type="Begriffe" key="146,4">Gebot</term> und <term type="Begriffe1" key="161,2">Gerechtigkeit</term>» so in einer Linie kommt. Denn «Gottes <term type="Begriffe" key="399">Reich</term>» ist ja ein eschatologischer <term type="Begriffe1" key="113">Begriff.</term> Und der muß sozusagen umfassend allem gegenübergestellt sein. Ich würde jetzt sagen: «Sie <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="513">verkündigt</term></hi> Gottes <term type="Begriffe1" key="399">Reich</term>» - was ja identisch ist mit: sie <term type="Begriffe2" key="513">verkündigt</term> <hi rend="italic">Jesus <term type="Begriffe" key="227,26">Christus</term></hi>, den Gekommenen und den Kommenden. Das ist ihre Aufgabe: ihn als den <foreign xml:lang="el-GR">κύριος</foreign> [den <term type="Begriffe" key="227,5">Herrn]</term> und so Gottes <term type="Begriffe" key="399">Reich</term> [zu <term type="Begriffe1" key="513">verkündigen</term>] … Und dann würde ich sagen, Punkt hier …; nein, man könnte fortfahren: «Sie <term type="Begriffe" key="513">verkündigt</term> Gottes <term type="Begriffe1" key="399">Reich</term> …» (und dann würde ich das Verhältnis der Worte, die [folgen]: <term type="Begriffe" key="146,4">«Gebot</term> und <term type="Begriffe" key="161,2">Gerechtigkeit</term>», umkehren; ich würde nämlich zuerst sagen:) «Gottes <term type="Begriffe" key="399">Reich</term> und <hi rend="italic">darum</hi> Gottes <term type="Begriffe1" key="161,2">Gerechtigkeit</term>» - und zwar jetzt <term type="Begriffe" key="161">Gerechtigkeit</term> eben im <term type="Begriffe" key="620">biblischen</term> Sinn des Wortes: daß <term type="Begriffe1" key="181,12">Gott</term> <term type="Begriffe2" key="394">Recht</term> schafft, das <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> seiner <term type="Begriffe" key="181,9">Barmherzigkeit</term>, das <term type="Begriffe1" key="394">Recht</term> seiner <term type="Begriffe2" key="284">Liebe.</term> Und dann von da aus [würde ich] erst «das <term type="Begriffe" key="146,4">Gebot</term>» erwähnen. Daß also eine Antiklimax [entstehen] würde: der eschatologische <term type="Begriffe" key="113">Begriff</term> des Reiches voraus und dann als dessen praktischer Inhalt: Gottes <term type="Begriffe" key="161,2">Gerechtigkeit</term> in der Vergebung der <term type="Begriffe" key="468,20">Sünden</term> (so ist es im <term type="Begriffe" key="424,2">Alten</term> und Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> ja gemeint; da ist die <foreign xml:lang="el-GR">δικαιοσύνη θεοῦ</foreign> [Gerechtigkeit Gottes] nicht irgend so eine «justice»), und dann daraus folgend: das <term type="Begriffe" key="146">Gebot,</term> <term type="Begriffe1" key="119">Evangelium</term> und <term type="Begriffe2" key="166,13">Gesetz</term>!<note xml:id="n36">In seinem Vortrag <bibl corresp="kbga-bibls-109"><hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term></hi> <hi rend="italic">und <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term></hi> (ThExh 32), München 1935</bibl>, kehrte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die traditionelle Formel von <term type="Begriffe" key="166,5">«Gesetz</term> und <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term>» um: «Es verhält sich nämlich so, daß, wer wirklich und ernstlich zuerst <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term> und dann erst und unter Voraussetzung dieses zuerst Gesagten, <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> sagen würde, beim besten Willen nicht vom <term type="Begriffe" key="166,9">Gesetz</term> <hi rend="italic">Gottes</hi> und darum dann sicher auch nicht von <hi rend="italic">seinem</hi> <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> reden würde.» «[…] aber weil das <term type="Begriffe" key="166,5">Gesetz</term> im <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term>, vom <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> her und auf das <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> hin ist, darum müssen wir, um zu wissen, was <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term> ist, allererst um das <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> wissen und ­nicht umgekehrt» (<bibl corresp="kbga-bibls-866">S. 3; ders., <hi rend="italic">Rechtfertigung und Recht - Christengemeinde und Bürgergemeinde - Evangelium und Gesetz</hi>, Zürich 1998, S. 81f.</bibl>).</note> Das <pb ed="pga" xml:id="p064"/> ist die Aufgabe der <term type="Begriffe1" key="244,6">Kirche</term> im <term type="Begriffe" key="244,29">Staat,</term> dem <term type="Begriffe1" key="455">Staat</term> gegenüber, in Bejahung des <term type="Begriffe2" key="455">Staates,</term> eventuell auch in Bestreitung dessen, was der <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> faktisch und praktisch ist.</p>
                <p> Und dann, also es <term type="Begriffe" key="134">freut</term> mich nicht [mehr] so recht dieser Ausdruck: <term type="Begriffe" key="507">«Verantwortung</term> der Regierenden und der Regierten». Das schmeckt so ein bißchen nach 1934: Da wurde regiert, und man wurde <term type="Begriffe" key="455,13">regiert</term>. Und das war wohl für damals ganz aktuell, es so zu sagen[, um auf die <term type="Begriffe" key="507">Verantwortung</term> aller aufmerksam zu machen]. Ich würde [aber] jetzt sagen: «Sie <term type="Begriffe" key="513">verkündigt</term> Gottes <term type="Begriffe1" key="399">Reich,</term> <term type="Begriffe2" key="161,2">Gerechtigkeit</term> und <term type="Begriffe1" key="146,4">Gebot</term>» und dann kommt: «Sie erinnert Christen und <term type="Begriffe" key="68">Nicht-Christen</term>» - denn die <term type="Begriffe" key="244,6">Kirche</term> blickt darin auch nach außen; auch <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13">Römer 13</ref> ist ja merkwürdig so formuliert, daß es zwar die Christen angeht, aber gleichzeitig wird da etwas Allgemeines ausgesprochen. «Sie erinnert Christen und <term type="Begriffe" key="68">Nicht-Christen</term>» - warum soll man jetzt nicht einfach sagen: «an ihre politische Verantwortlichkeit»? Unter politischer Verantwortlichkeit wäre dann zu verstehen, aber das braucht jetzt nicht in die Formel hinein, daß sie für die <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> des Staates - <hi rend="italic">sie selber</hi> sind der Staat, nicht andere Leute! - und für das, was im Namen des <term type="Begriffe" key="455">Staates</term> geschieht, zu beten, daß sie aber auch dafür zu arbeiten haben. Was dann das bedeutet, darüber wäre weiter zu reden. Aber der Grundsatz des Zusammenhangs von <term type="Begriffe" key="145,1">Gebet</term> und Arbeit, das «<foreign xml:lang="lat">ora et labora</foreign>»<note xml:id="n37">Populäre Kurzfassung der benediktinischen Mönchsregel.</note>, sollte hier durchgeführt und das sollte aufgezeigt werden. Und darum würde ich einfach sagen: «Sie erinnert Christen und Nicht-Christen an ihre politische <term type="Begriffe" key="684">Verantwortlichkeit</term>». Eben bitte auch die Christen! Es gibt da keine Drückebergerei. Man kann da nicht abseits schleichen in irgendeine kleine fromme Kapelle<note xml:id="n38">Im <term type="Begriffe" key="428">Schweizerischen</term> hat «Kapelle» auch den Sinn von: pietistisches <term type="Begriffe" key="371,3">Gemeinschaftschristentum</term>.</note> oder auf irgend so ein <term type="Begriffe" key="135,2">Friedenskänzelchen</term>, wo man dann eine ganz saubere Musik da macht; sondern man ist verantwortlich und sehe zu - man sehe zu, jawohl! -, zu was man da ja sagen muß und zu was man dann eventuell ganz bestimmt nein sagen muß. Das ist dann <foreign xml:lang="lat">cura posterior</foreign>. - Also, das wären meine Ergänzungen zu dieser These 5 von <term type="Begriffe" key="35">Barmen</term>.</p> 
                </sp>
            </div> 
            <div>
                 <pb ed="pga" xml:id="p065"/>
                <head type="sub">  4. Das Problem des gerechten Krieges</head>
                
                <sp><speaker>(*Frage:</speaker> 
                <p>Ihre Äußerungen in Ihrer <bibl corresp="kbga-bibls-2">Dogmatik III/4</bibl>, besonders Seite 527ff.<note xml:id="n39"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4, S. 515-538</bibl>, handelt vom Problem des Krieges, S. 527ff. speziell von der <foreign xml:lang="lat">ultima ratio</foreign> der kriegerischen Waffengewalt des Staates.</note>, werden von vielen, die den politischen Weg der Bundesregierung bis hin zur Forderung der <term type="Begriffe" key="414,1">Atomrüstung</term> und zur Bereitschaft des <term type="Begriffe" key="269,2">Atomkriegs</term> bejahen, mit <term type="Begriffe" key="134">Freuden</term> zitiert. Stehen Sie heute noch zu diesen Ausführungen? Wenn ja, mit welcher Begründung?*)</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>«Ihre Äußerungen in Ihrer <bibl corresp="kbga-bibls-2"><term type="Begriffe" key="90">Dogmatik</term> III/4</bibl> …» - ich habe das auch noch einmal durchgelesen, und nicht nur Seite 527ff., sondern den ganzen Zusammenhang dort über das Problem des Krieges (also das ist ja alles 1951 geschrieben, damals!). Und da [ist es mir gegangen], wie es mir öfters geht mit meinen eigenen Texten, daß ich zunächst denke: es ist gar nicht so schlecht! Es ist mindestens viel Gutes drin, was nützlich zu lesen ist<note xml:id="n40">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-113"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, WA.DB 12,2</bibl>: «Apocrypha: Das sind Bücher, so der heiligen <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> nicht gleichgehalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind».</note> - nach wie vor! Ich habe damals auch das sehr gründlich überdacht und formuliert; es ist nicht nur so hingeschmettert, sondern es war eine wohlüberlegte Sache. Also - ganz verwerfen kann ich es auch jetzt noch nicht. Immerhin würde ich sagen: es ist vielleicht nicht einer der allerglücklichsten Abschnitte in der Kirchlichen <bibl corresp="kbga-bibls-2">Dogmatik</bibl>. Das hängt nun damit zusammen, daß [man] es [hier] eben, was ja sonst in der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Dogmatik</bibl> nicht so [ist], jedenfalls nicht immer sichtbar wird, direkt mit praktischen Fragen zu tun bekommt. Und da ist es eben so, daß sich sehr leicht die Landschaft in einigen Jahrzehnten (oder jetzt sind also wenigstens 14 Jahre vergangen, seit das veröffentlicht wurde<note xml:id="n41">Der Stoff von <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4</bibl> wurde vom Wintersemester 1949/50 bis zum Wintersemester 1950/51 vorgetragen. Das Buch erschien 1951, das Vorwort ist auf Mai 1951 datiert.</note>) so verändert, daß man nachträglich sagt: Oh, ich wollte, ich hätte das noch ein bißchen anders gesagt, als es jetzt da gesagt ist!</p>
                <p> Aber ich will auch da zunächst einmal vom Positiven ausgehen: [daß] ich zu zeigen versucht habe, daß es sich im Krieg um ein Handeln des <term type="Begriffe" key="455,1">Staates</term> im Notstand handle.<note xml:id="n42"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4, S. 527</bibl>.</note> Wenn Sie den Abschnitt selber <pb ed="pga" xml:id="p066"/> jetzt noch einmal angesehen haben, wird Ihnen doch das hoffentlich Eindruck gemacht haben, daß ich ja zunächst eigentlich neunundneunzigprozentig gegen <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> und Militär geredet habe. Es ist mir schon gesagt worden, es sei eigentlich etwas vom Schärfsten, was in dieser Richtung gesagt worden sei.<note xml:id="n43">Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-5600"><persName ref="kbga-actors-10508">G. J. Heering</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth zum Problem des Krieges</hi>, in: Neue Wege. Blätter für den Kampf der Zeit, Jg.45 (1951), S. 440-454, bes. S. 442</bibl>: Es «wendet sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mit gleicher Schärfe [wie er, der Pazifist,] gegen die ‹nachkonstantinische Kriegstheologie›». Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-5601"><persName ref="kbga-actors-1929">H. Thielicke</persName>, <hi rend="italic">Die Atomwaffe als Frage an die christliche Ethik</hi>  (Sammlung gemeinverständlicher Vorträge und Schriften 219), Tübingen 1958, S. 11</bibl>: Er sieht in einer Auflistung diverser ethischer Stellungnahmen zum <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> als den kritischsten, weil «er sich gegen jeden Versuch wehrt, den <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> ‹als ein normales, ein ständiges, ein gewissermaßen notwendiges Element dessen› zu verstehen, ‹was nach christlichem Urteil den rechten <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> […] ausmacht› (<bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4, S. 522</bibl>). Denn es ist schlechterdings kein Halten mehr, wenn der <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> seinen Charakter als extremer Ausnahmefall […] verliert.»</note> - Und dann kommt: ein Prozent bleibt übrig, gelt, nur das! Man wird mir also nicht den Vorwurf machen können, das sei <term type="Begriffe" key="269,11">Kriegstheologie</term>, was ich da vorgetragen habe. Nur ist es allerdings auch nicht einfache, eindeutige Antikriegstheologie, prinzipieller <term type="Begriffe" key="363,2">Pazifismus.</term> Sondern ich habe damit gerechnet: der <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> könne in einen Notstand kommen, in welchem ihm nichts Anderes übrig bleibt, als so, wie er es nach innen häufig tun muß, nun auch nach außen <term type="Begriffe" key="169,1">Gewalt</term> zu brauchen.</p>
                <p> Ich habe [zudem] ausgeführt, daß eigentlich die ganze Entwicklung der Kriegsfrage schlechterdings darauf hinweist, daß der <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> auszuschließen ist.<note xml:id="n44"><bibl corresp="kbga-bibls-2">A.a.O., S. 515-519</bibl>.</note> Wir haben nicht mehr die Naivität, die noch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> den Kriegsmännern gegenüber haben konnte.<note xml:id="n45"><bibl corresp="kbga-bibls-1995"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können</hi> (1526), WA 19,623-662.</bibl></note> Wir wissen auch zuviel darüber, wie <term type="Begriffe" key="269">Kriege</term> entstehen, was die eigentlichen Motive zu sein pflegen, und vor allem: wir stehen zu stark unter dem Eindruck, daß heutzutage der <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> eine Angelegenheit der ganzen Völker geworden ist - aktiv und passiv - und daß der <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> in seiner Durchführung etwas so Scheußliches geworden ist, daß die Frage sich immer pointierter stellt: Geht das? Ist das noch tragbar? Gibt es da noch einen Notstand des <term type="Begriffe" key="455">Staates,</term> in welchem man sich darauf berufen kann: es muß <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> geführt werden?</p> 
                <p> <pb ed="pga" xml:id="p067" rend="noPipe"/> Ich habe damals damit gerechnet: Doch, es könnte das geben, es könnte Kriegführung gefordert sein.<note xml:id="n46"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4, S. 529.</bibl></note> Es müßte der notwendigen Erhaltung eines bestimmten <term type="Begriffe" key="455,17">Staates</term> nun eben auch um diesen Preis Rechnung getragen werden. Und es wäre in diesem Fall, in diesem einen Prozent da an der Grenze dann also von einem <foreign xml:lang="lat">bellum iustum</foreign> zu reden, von einem gerechten <term type="Begriffe" key="269,3">Krieg,</term> was dann bedeuten würde: von einem geforderten <term type="Begriffe" key="269">Krieg,</term> an dem auch der <term type="Begriffe1" key="68,4">Christ</term> sich zu beteiligen hätte - in diesem Grenzfall.</p>
                <p> Jetzt natürlich, wenn man mir kommt und sagt: ha, jetzt haben wir’s! Er rechtfertigt den <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term>! Es gibt ein <foreign xml:lang="lat">bellum iustum!</foreign> Und wenn sie dann offenbar sogar im <term type="Begriffe" key="80">deutschen</term> <orgName ref="kbga-actors-10516">Bundestag</orgName> mit diesem Buch in der Hand aufgetreten sind … - es scheint, daß das geschehen ist … </p>
                </sp>
                <sp><speaker>Zwischenruf:</speaker><p> Ja.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Wer hat es gemacht?<note xml:id="n47"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Erinnerung bezieht sich wahrscheinlich auf eine Rede von <persName ref="kbga-actors-3173">Hermann Ehlers</persName> (<orgName ref="kbga-actors-5908">CDU</orgName>). Ehlers hatte in der Bundestagsdebatte über die westdeutsche <term type="Begriffe" key="414,7">Wiederbewaffnung</term> am 8.2.1952, auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Ausführungen im 1951 erschienenen <bibl corresp="kbga-bibls-2">Band III/4 der Kirchlichen Dogmatik, S. 534</bibl>, anspielend, gesagt: «Ich habe mich gerade mit Erfolg von Karl Barth - ausgerechnet von Karl Barth - darüber belehren lassen, daß die eigentliche Form des soldatischen <term type="Begriffe" key="86">Dienstes</term> im Staat, die vor dem christlichen <term type="Begriffe" key="172">Gewissen</term> bestehen könne, nicht das Söldnersystem, sondern die allgemeine Wehrpflicht sei.» (<ref type="archival">Stenographische Berichte. Verhandlungen des Deutschen Bundestages, 1. Wahlperiode, 191. Sitzung, S. 8217C</ref>). Der <term type="Begriffe" key="650">Wilhelmshavener</term> Pastor <persName ref="kbga-actors-10509">Lothar Ahne</persName> griff Ehlers wegen dieser Rede in einem Brief vom 9.2.1952 an (vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-5602"> A. Meier, <hi rend="italic">Hermann Ehlers. Leben in Kirche und Politik</hi>, Bonn 1991, S. 503, Anm. 41</bibl>) und warf ihm Unwahrheit in der Bezugnahme auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vor. <persName ref="kbga-actors-3173">Ehlers</persName> antwortete <persName ref="kbga-actors-10509">Ahne</persName> am 14.2.1952 mit einem Brief, in dem er den ersten und den zweiten Absatz des Petitdrucks von <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4, S. 534</bibl>, vollständig zitierte (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5603"><hi rend="italic">Hermann Ehlers. Präsident des Deutschen Bundestages. Ausgewählte Reden, Aufsätze und Briefe 1950-1954</hi>, hrsg. von K. D. Erdmann, Boppard am Rhein 1991, S. 466-468</bibl>). Abschriften beider Briefe ließ Ehlers am gleichen Tag an die oldenburgischen Pfarrer und Synodalen gehen. Daraufhin wandte sich <persName ref="kbga-actors-10509">Ahne</persName> am 19.2. an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, um ihn zu einer Stellungnahme zu veranlassen, die <persName ref="kbga-actors-10509">Ahne</persName> im März auf der Synode der <term type="Begriffe" key="651">Oldenburgischen</term> <term type="Begriffe" key="244,28">Landeskirche</term>, der auch <persName ref="kbga-actors-3173">Ehlers</persName> angehörte, verlesen wollte. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ging darauf offenbar nicht ein. <persName ref="kbga-actors-10509">Ahne</persName> hatte seinem Schreiben an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seinen Brief an <persName ref="kbga-actors-3173">Ehlers</persName> und dessen Antwort beigelegt. Dadurch war <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> jedenfalls die Rede von <persName ref="kbga-actors-3173">Ehlers</persName> mit der Berufung auf ihn bekannt. Das 35 Zeilen Petit umfassende Zitat aus <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4</bibl> im Brief von <persName ref="kbga-actors-3173">Ehlers</persName> an <persName ref="kbga-actors-10509">Ahne</persName> hat möglicherweise den Eindruck hervorgerufen, daß <persName ref="kbga-actors-3173">Ehlers</persName> sich in seiner Bundestagsrede, womöglich «mit diesem Buch in der Hand», wörtlich auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Text bezogen hatte (so wie er es übrigens wenige Tage zuvor, am 4.2.1952, in einem Vortrag an der Universität <term type="Begriffe" key="608">Bonn</term> über «Wehrbeitrag und christliche <term type="Begriffe" key="507,1">Verantwortung</term>» tatsächlich getan hatte [<bibl corresp="kbga-bibls-5604"><persName ref="kbga-actors-3173">H. Ehlers</persName></bibl> Zitate aus KD III/4, S. 536]). Daß <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Bundestagsrede von  <persName ref="kbga-actors-3173">Ehlers</persName> im Sinne hatte, wird auch dadurch nahegelegt, daß d<bibl corresp="kbga-bibls-2">er Name, den er </bibl>selber nach seiner Frage: «Wer hat es gemacht?» tastend artikuliert, wie «Aders» oder «Alers» klingt.</note></p>
                </sp> 
                <sp> <pb ed="pga" xml:id="p068" rend="noPipe"/> <speaker>Zwischenruf:</speaker> 
                <p>Ein <term type="Begriffe" key="291">Lutheraner</term> natürlich.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, natürlich! Sie haben, scheint’s, im <orgName ref="kbga-actors-10516">Bundestag</orgName> daraus vorgelesen. Ich möchte nur wissen, was sie daraus vorgelesen haben? Wissen Sie es zufällig, auf was man sich da beruft? Man kann ja eigentlich nur das Faktum geltend machen: ich rechne mit der Möglichkeit eines <foreign xml:lang="lat">bellum <term type="Begriffe" key="269,3">iustum</term></foreign>. Natürlich spielt die kleingedruckte Stelle<note xml:id="n48"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4, S. 529.</bibl></note> - es sind ja nur dreieinhalb Zeilen - in der Diskussion eine große Rolle, wo ich gesagt habe: Ich für meine Person, wenn es um die <term type="Begriffe" key="428"><orgName ref="kbga-actors-8387">Schweiz</orgName></term> ginge, würde noch immer sagen: es lohnt sich, für die <term type="Begriffe" key="428">Schweiz</term> einen kleinen <term type="Begriffe" key="269,3">Krieg</term> zu führen. Und da sind sie dann gekommen, da hat, glaub’, sogar der Bundespräsident <persName ref="kbga-actors-1369">Heuss</persName> ein paarmal darauf Bezug genommen und hat gesagt: Was? was südlich von <placeName ref="kbga-places-670">Lörrach</placeName> gilt, das soll nicht auch nördlich von Lörrach gelten? Also … deutsche <term type="Begriffe" key="414,7">Wiederaufrüstung</term>!<note xml:id="n49">Aufgrund einer privaten Bemerkung entstand der Eindruck, Bundespräsident <persName ref="kbga-actors-1369">Theodor Heuss</persName> habe sich - mit Erfolg - im Herbst 1958 der Verleihung des «Friedenspreises des deutschen Buchhandels» an <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> widersetzt und seinen Widerstand dagegen mit seinem Unwillen über <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Ablehnung der westdeutschen <term type="Begriffe" key="414,7">Remilitarisierung </term> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5614"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Fürchtet euch nicht! - Zur Wiederaufrüstung in <term type="Begriffe" key="80,1">Deutschland</term></hi>, in O.Br. 1945-1968, <ref type="pub" target="../volume/15/p205#p205">S. 205-214</ref></bibl>) begründet. In einem Brief vom
                <date when="1958-12-17">17.12.1958</date> schrieb <persName ref="kbga-actors-1369">Heuss</persName> dazu: «Ich war im Parlamentarischen Rat der einzige gewesen, der die Wehrpflicht als eine Funktion der <term type="Begriffe" key="76">Demokratie</term> darzustellen versuchte, und glaube, daß ich damit weithin <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> eigene Position [scil. wie sie eben in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4</bibl> dargelegt ist] gegenüber der <term type="Begriffe" key="428">eidgenössischen</term> <term type="Begriffe" key="489">Tradition</term> und <term type="Begriffe" key="349,2">Rechtsordnung</term> getroffen habe. Aber […] es will mir nicht in den Kopf, auch theologisch nicht, daß das, was südlich <placeName ref="kbga-places-448">Riehen</placeName>, dem <term type="Begriffe" key="39">Basler</term> Grenzort zum Markgräfler Land, Tugend ist, nördlich davon Laster und Hybris sein soll.» In: <bibl corresp="kbga-bibls-5615"><hi rend="italic">Politische Verantwortung. Evangelische Stimmen</hi>, Jg.3, Nr. 1 (Januar 1959), o.S</bibl>.</note> - Ich kann nur sagen: das ist heller Unfug. Ich hätte mir <pb ed="pga" xml:id="p069"/> vielleicht diese dreieinhalb Zeilen ja auch ersparen können. [Aber] ich hielt es einfach für anständig, dem Leser mitzuteilen: Ich weiß einen Fall, wo ich sagen würde: «<foreign xml:lang="lat">bellum iustum</foreign>». Wir kamen eben dort vom <term type="Begriffe" key="527,2">Hitlerkrieg</term> her. Und da war ich allerdings für meine Person ganz entschlossen: Der <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> darf nicht in die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> hinein, was es auch sonst mit ihm sein mag. Und ich werde nun nicht nur schreiben gegen den <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName>, sondern ich nehme auch ein Gewehr in die Hand und will helfen verhindern, … - wahrscheinlich hätte ich ihn nicht verhindert; aber immerhin, ich war bereit dazu.<note xml:id="n50">Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Dienst in der <orgName ref="kbga-actors-8712"><term type="Begriffe" key="428">Schweizer</term> Armee</orgName>, zu dem er sich im April 1940 in seinem 54. Lebensjahr zur Verfügung stellte, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Lebenslauf, S. 319f.</bibl></note> Und um dazu ehrlich zu stehen, habe ich dort diese dreieinhalb Zeilen von der <term type="Begriffe" key="428">Schweiz</term> geschrieben, verstehen Sie. Und wenn das jetzt ausgewalzt wird und jetzt heißt es: also, <foreign xml:lang="lat">bellum <term type="Begriffe" key="269,3">iustum</term></foreign>, das gibt’s!, so ist das böswillig, das kann ich nur sagen. So zitiert man nicht. Denn wer diesen Abschnitt redlich gelesen hat, der muß ja doch merken, daß ich gerade noch mit letztem Atem sage: vielleicht kann und muß es dann noch einmal sein. Und die Theologen oder auch andere Leute sind dann so, nehmen eine große Walze und sagen: Also, er hat’s gesagt! Es gibt [das] eben doch! … und schon ist der Jubel da. - Aber ihr könnt mir ja dann nachher genauer erzählen, über was da eigentlich so gejubelt worden ist. Das möchte ich wohl wissen.</p>
                <p> Nun ist aber das nicht der Punkt, [der] an dem Abschnitt fatal ist und [der] mich jetzt selber nicht <term type="Begriffe" key="134">freut</term>; sondern was mich nicht freut, ist, daß da nicht drinsteht, was jetzt ganz anderswo steht: in der <bibl corresp="kbga-bibls-5599">Enzyklika «Pacem in terris»</bibl>, leider nicht in der Kirchlichen <bibl corresp="kbga-bibls-2">Dogmatik</bibl>: «Es widerstrebt in unserem <term type="Begriffe" key="541,2">Zeitalter</term>, das sich rühmt, Atomzeitalter zu sein, der <term type="Begriffe" key="514">Vernunft</term>, den <term type="Begriffe" key="269,3">Krieg</term> noch als das geeignete Mittel zur Wiederherstellung verletzter <term type="Begriffe" key="394">Rechte</term> zu betrachten».<note xml:id="n51"><bibl corresp="kbga-bibls-5616"><hi rend="italic">Die Friedensenzyklika Papst <persName ref="kbga-actors-1677">Johannes’ XXIII</persName>. Pacem in Terris</hi>, hrsg. von A.-­Fr. Utz OP, Freiburg/Basel/Wien 1963, S. 125, Art. 127</bibl>: «Darum widerstrebt es …» In der in Anm. 35 zitierten Ausgabe des Textes ist die Passage anders übersetzt.</note> Das ist der Punkt, den ich dort nicht berücksichtigt habe, <date when="1951">1951</date> - da waren freilich schon sechs Jahre seit <placeName ref="kbga-places-1453">Hiroshima</placeName><note xml:id="n52"><term type="Begriffe" key="8">Amerikanischer </term> <term type="Begriffe" key="29">Atombombenabwurf </term> auf die japanische Stadt <placeName ref="kbga-places-1453">Hiroshima</placeName> am <date when="1945-08-06">6.8.1945</date>.</note> vergangen. Ich hätte es eigentlich <pb ed="pga" xml:id="p070"/> wissen und die Überlegung schon anstellen können, die der <term type="Begriffe" key="359">Papst</term> <persName ref="kbga-actors-1677">Johannes XXIII.</persName> seligen Angedenkens angestellt hat. Das Auftauchen der <term type="Begriffe" key="414,1">Atomwaffen</term> hat nun allerdings die Situation so verändert, daß man sagen muß: jetzt ist’s genug. Man konnte über den <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> noch die Dinge sagen, die ich da so einprozentig gesagt habe, wenn man das ausschaltet, was <term type="Begriffe" key="269,2">Atomkrieg</term> heute bedeutet. Wenn es aber so ist, wie man uns ja nun von vielen Seiten sagt: <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> heißt <term type="Begriffe1" key="269,2">Atomkrieg,</term> dann bleibt allerdings wohl nichts übrig als zu sagen: dann eben nicht <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term>!</p>
                <p> <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> ist nie etwas Schönes gewesen. Wir haben hier in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> merkwürdige Diskussionen gehabt - auch um die <term type="Begriffe" key="29">Atombomben-Frage</term> herum, und dann ist sogar argumentiert worden mit der <term type="Begriffe" key="653">Schlacht</term> bei <term type="Begriffe" key="269,12"><placeName ref="kbga-places-740">Sempach</placeName></term> im Jahre <date when="1386">1386</date><note xml:id="n53">Vgl. allgemein zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Beteiligung an der westdeutschen und <term type="Begriffe" key="428">schweizerischen</term> Debatte um eine atomare <term type="Begriffe" key="414,1">Aufrüstung</term> in der Zeit 1957-1959: <bibl corresp="kbga-bibls-134">Lebenslauf, S. 446f.</bibl> Auch als Mitglied der <orgName ref="kbga-actors-10510">Theologischen Kommission des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes</orgName>, die mit der Erarbeitung eines Gutachtens zu dieser Frage beauftragt war und die sich am 14.6. und 20.9.1958 zu diesbezüglichen Beratungen in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> traf, beteiligte sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an der Debatte. Vgl. seinen Brief an zwei seiner Kinder vom 28.7.1958 (<ref type="kba-objects-id" target="65249">KBA 9258.146</ref>): «Mit der <term type="Begriffe" key="428">Schweizer</term> <term type="Begriffe" key="29">Atombombe </term> ist nun übrigens auch unsre brave theol. Kommission des Kirchenbundes beschäftigt, in der ich mich mit dem tüchtigen <persName ref="kbga-actors-5631">J. J. Stamm</persName> zusammen schmählich in der Minderheit befinde. Auf der Gegenseite u. A. (wie sollte es von <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> aus anders möglich sein?) <persName ref="kbga-actors-379">Edu[ard] Schweizer</persName> und als Wortführer <persName ref="kbga-actors-787">Ernst Staehelin</persName>, der es für unmöglich hält, angesichts der ohnehin zerbrochenen <term type="Begriffe" key="423">Schöpfung</term> (die Schlacht bei <placeName ref="kbga-places-740">Sempach</placeName> sei ja auch keine schöne Sache gewesen!) nun gerade der <term type="Begriffe" key="29">Atombombe </term> ein spezielles Nein zuzuwenden. Das ist übrigens auch <hi rend="italic">das</hi> große Argument in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>.» Jene Kommission gab Ende 1958 zwei Gutachten heraus: eines der Majorität, das sich gegen einen «Atompazifismus» <term type="Begriffe" key="363">verwahrte</term>, und ein «Minoritätsgutachten zur <term type="Begriffe" key="428">schweizerischen</term> Atombewaffnung», das diese unbedingt ablehnte und das von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> verfaßt war. Protokolle der genannten Kommissions-Sitzungen und Texte der Gutachten maschinenschriftlich beim <orgName ref="kbga-actors-8035"><term type="Begriffe" key="428">Schweizerischen</term> Kirchenbund in Bern</orgName>; Abdruck der Thesen mit einem Bericht über deren Diskussion anläßlich der außerordentlichen Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes in: <bibl corresp="kbga-bibls-5617">Mitteilungen des Schweizerischen evangelischen Pressedienstes vom 28.11.1958, Nr. 48, S. 1-7</bibl>. Wiederabdruck der Gutachten:<bibl corresp="kbga-bibls-328"> JK, Jg.20 (1959), S. 52f.</bibl>, und unter dem Titel <bibl corresp="kbga-bibls-5618"><hi rend="italic">Thesen der Theologischen Kommission zur Frage der nuklearen Ausrüstung der Schweizerischen Armee</hi>, in: RKZ, Jg.99 (1958), Sp. 525f.529f.</bibl> Das Mehrheitsgutachten war unterschrieben von <persName ref="kbga-actors-5427">Ph. Daulte</persName>, <persName ref="kbga-actors-2863">K. Guggisberg</persName>, <persName ref="kbga-actors-5536">V. Maag</persName>, <persName ref="kbga-actors-5548">Ph. Menoud</persName>, <persName ref="kbga-actors-379">E. Schweizer</persName>, <persName ref="kbga-actors-787">E. Staehelin</persName>, das Minderheitsgutachten von <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <persName ref="kbga-actors-5424">J. Courvoisier</persName>, <persName ref="kbga-actors-5473">E. Grin</persName>, <persName ref="kbga-actors-5631">J. J. Stamm</persName>.</note>, und [es] wurde gesagt: Da ha<pb ed="pga" xml:id="p071" break="no"/>ben die alten Eidgenossen diesen <term type="Begriffe" key="353">österreichischen</term> Rittern mit großen Morgensternen und Hellebarden die Schädel eingeschlagen. Das war auch nicht schön. Nein, natürlich war das nicht schön. Und viel Anderes war auch nicht schön, was überhaupt in <term type="Begriffe" key="428">schweizerischen</term> und anderen <term type="Begriffe" key="269">Kriegen</term> geschehen ist. Aber nun wurde argumentiert - und ich nehme an, das wird auch in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> wohl so gemacht werden, daß man sagt: Wenn schon, denn schon! Mit dem <persName ref="kbga-actors-3688">Kain</persName>, der wahrscheinlich einen Stein genommen hat, um seinen Bruder umzubringen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.4.8">Gen. 4,8</ref>], fängt es an, und dann geht es weiter, und schließlich kommt auch noch die <term type="Begriffe" key="29">Atombombe.</term> Es ist ja konsequent. Es wird immer ärger, und immer energischer werden die Waffen. - Und da würde ich sagen: da ist ein Trugschluß in dieser Konsequenz.</p>
                <p>Mir ist sogar auch einmal in einer Diskussion von neun Theologieprofessoren, wo wir uns mit der Frage zu befassen hatten, entgegengehalten worden<note xml:id="n54">Diese Diskussion war eben die in jener <orgName ref="kbga-actors-10510">Theologischen Kommission des <term type="Begriffe" key="428">schweizerischen</term> Kirchenbundes</orgName>. Nach mündlicher Mitteilung <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an den Herausgeber war der Mann, der ihm das folgende entgegenhielt, wieder der Basler Kirchengeschichtler <persName ref="kbga-actors-787">Ernst Staehelin</persName> (1889–1980).</note>: die Sache aus dem Krieg der <term type="Begriffe" key="99">Engländer</term> gegen die <term type="Begriffe" key="130">Franzosen</term> im 15. Jahrhundert, in der Zeit von <persName ref="kbga-actors-10494">Jeanne d’Arc</persName> usf. Dort haben nämlich die Engländer zum ersten Mal als etwas ganz Neues ganze Regimenter und Divisionen von Bogenschützen eingeführt. Und gegen diese Bogenschützen war die französische Ritterschaft ohnmächtig. Die haben die einfach abgeschossen; die haben Wolken von Pfeilen verschossen, und da waren die Franzosen so entsetzt, daß sie an den <term type="Begriffe" key="359">Papst</term> gelangt sind und vom Papst verlangt haben: er müsse diese <term type="Begriffe" key="478">teuflische</term> Waffe verbieten; das sei keine Kriegführung mehr.<note xml:id="n55"><persName ref="kbga-actors-10511">Eduard III.</persName> (1327–1377) begann den über hundertjährigen <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term>; überrascht schien man auf französischer Seite, da die Engländer eine neue Kampfweise einführten. Deren Kampfweise bestand im Aufmarsch von Rittern als «Fußsoldaten, die von gewaltigen, stählernen Bögen mit größter Schnelligkeit meterlange Pfeile, denen keine Rüstung widerstand, versandten und die französischen Ritter von ihren Pferden schossen, ehe sie nur zum Schlagen kommen konnten». So vermochte <persName ref="kbga-actors-10511">Eduard III.</persName> <date when="1346">1346</date> bei <placeName ref="kbga-places-1502">Crécy</placeName> in <term type="Begriffe" key="130">Nordfrankreich</term> ein doppelt so starkes französisches Heer zu besiegen <bibl corresp="kbga-bibls-5619"><persName ref="kbga-actors-6346">(W. Oechsli</persName>, <hi rend="italic">Bilder aus der Weltgeschichte. Ein Lehr- und Lesebuch</hi>, 2./3. Teil [I. Hälfte]: <hi rend="italic">Mittlere und neuere Geschichte</hi>, Winterthur 1913, S. 98f.</bibl>). - Vor dem ersten <term type="Begriffe" key="527,1">Weltkrieg</term> gab es in der <term type="Begriffe" key="428">schweizerischen</term> <orgName ref="kbga-actors-6132">SP</orgName> einen analogen Streit über die Frage eines Verbots, Flugzeuge militärisch zu verwenden. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat sich damals gegen die offizielle Haltung der SP gewandt mit dem Gedanken, daß man, wenn man schon für den <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> sei, dann für ihn mit allen vorhandenen Mitteln und <term type="Begriffe" key="315">Möglichkeiten</term> sein müsse - <term type="Begriffe" key="269">«Krieg</term> ist <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term>»: <bibl corresp="kbga-bibls-5620"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Gegenrede betreffend Militärflugzeuge</hi> (1913), in: ders., <hi rend="italic">Vorträge und kleinere Arbeiten 1909-1914</hi>, hrsg. von H.-­A. Drewes und H. Stoevesandt (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 1993, S. <ref type="pub" target="../volume/22/p485#p485">485-493</ref></bibl>.</note> <pb ed="pga" xml:id="p072"/> Und nun ist mir das in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> entgegengehalten worden, ob ich jetzt eigentlich auch dieser Meinung sei: [die] sei bekanntlich auch [schon] vorgekommen, [habe sich aber als unrealistisch erwiesen, denn] nachher ist einiges noch Schlimme[re] geschehen. Und warum man jetzt also bei der <term type="Begriffe" key="29">Atombombe</term> haltmachen will?</p>
                <p> Nun, ich denke, wir brauchen hier jetzt nicht über die <term type="Begriffe" key="29">Atombombe</term> und den <term type="Begriffe" key="269,2">Atomkrieg</term> usf. zu reden. Wir dürften heutzutage alle darüber Bescheid wissen: <term type="Begriffe" key="269,2">Atom-Krieg</term> ist eigentlich vom ersten Augenblick an das Ende aller Dinge! Da verliert die Kriegführung selber als solche jeden Sinn. Atom-Kriegführung heißt: totale Zerstörung, eben nicht nur Zerstörung in der Abwehr von gewissen <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term>, sondern Zerstörung, die sich ja dann auch gegen die richtet, welche diese Atom-Waffen brauchen … Wenn einmal eine von diesen vielen Atom-Bomben und Wasserstoffbomben, die jetzt in der Welt herumliegen, losgeht - und wir sind alle nicht gesichert davor, daß einmal plötzlich durch irgendeinen Narren, der auf den falschen Hebel drückt, eine losgeht -, dann ist eben Schluß. Und nun also damit spielen oder das noch in Rechnung ziehen als Kriegsinstrument, das ist Unsinn. Und dieser Punkt fehlt hier in meiner Darlegung. Ich hätte [das] sagen müssen, im Anschluß an den Begriff des «<foreign xml:lang="lat">bellum iustum</foreign>», des gerechten <term type="Begriffe" key="269,3">Krieges.</term> Da habe ich einfach etwas versäumt. Denn sogar die alten Theologen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, wenn sie auf die Sache kamen, haben Erwägungen über das <foreign xml:lang="lat">bellum iustum</foreign> angestellt und gesagt: es gibt bestimmte Regeln, die nicht überschritten werden dürfen; das und das darf auch im <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> nicht geschehen, z. B. Gefangene töten oder Frauen und Kinder usf.<note xml:id="n56">Etwa<bibl corresp="kbga-bibls-5621"> J. Gerhard, <hi rend="italic">Loci theologici</hi>, Bd. VI, Berlin 1868</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Tertium justi belli requisitum est <hi rend="italic">modus belli legitimus.</hi> Non enim sufficit, bellum a magistratu ex causa necessaria et justa suscipi, sed oportet etiam legitimo modo illud geri</foreign>» (S. 512). «<foreign xml:lang="lat">Quando enim Johannes dicit, <hi rend="italic">neminem concutiatis</hi>, prohibet injurias, quae a militibus aperta violentia personis inferuntur</foreign>» (S. 514).</note> Also, die haben Grenzen gesehen <pb ed="pga" xml:id="p073"/> in diesem Begriff. Und dem hätte ich auch nachgehen sollen: <foreign xml:lang="lat">bellum <term type="Begriffe" key="269,3">iustum</term></foreign> nicht nur im Blick auf die Ursache oder den Sinn des Krieges, sondern bellum iustum auch im Blick auf seine Durchführung.<note xml:id="n57">Tatsächlich redet <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in dem Passus <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4</bibl> nicht von diesem Problem, berührt es jedoch implizit in seiner Ausführung über die Frage der Dienstverweigerung (S. 534-538), bei der er etwa sagt: «<hi rend="italic">Gebotene</hi> und also <hi rend="italic">rechte</hi> Dienstverweigerung» gebe es in einer Situation, in der <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> erkennen, «daß die Sache, um die es ihrem auf den <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> rüstenden oder <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> führenden <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> geht, konkret eine üble Sache ist» (S. 536).</note> Und dann hätte ich ja darauf kommen müssen: <term type="Begriffe" key="269,2">Atom-Krieg</term> kann als solcher nicht <foreign xml:lang="lat">bellum iustum</foreign> sein. Wenn das unvermeidlich ist, dann gibt es überhaupt nur ein <foreign xml:lang="lat">bellum iniustum</foreign>, und dann wird konkret eigentlich nichts übrig bleiben für die <term type="Begriffe" key="69,1">Christen</term> - jetzt kommt’s! - als Dienstverweigerung. Denn das kann nun in keinem Sinn mehr verstanden werden als <term type="Begriffe" key="86">Dienst</term> am <term type="Begriffe1" key="455">Staate</term> oder im <term type="Begriffe2" key="455">Staate</term> oder im Namen dieser göttlichen Anordnung, sondern das hebt ja das alles auf. Also, hier wird nein zu sagen sein.</p>
                <p> Ich rede hier von einer in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> jetzt sehr aktuell werdenden Frage. Stellen Sie sich einmal vor, mußte man nicht letzte Woche in den Zeitungen lesen, daß sie in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> <term type="Begriffe" key="29">Atom-Bomben</term> <term type="Begriffe" key="414,1">herstellen</term> wollen!<note xml:id="n58">In der <bibl corresp="kbga-bibls-5622">Basler National-­Zeitung, 121. Jg., Nr. 312, Abendblatt vom 10.7.1963, war ein Kommentar, gezeichnet mit «Skorpion», erschienen, der sich unter dem Titel <hi rend="italic">Force de frappe - made in Switzerland?</hi></bibl> gegen die u. a. in den Artikeln von <persName ref="kbga-actors-3102">E. Bieri</persName> und <persName ref="kbga-actors-10449">W. Mark</persName> (s. <ref type="pub" target="#fn_n59">Anm. 59</ref>) befürwortete Entwicklung schweizerischer Atomwaffen richtete. «Aber gar weit wird die Zeit nicht mehr entfernt sein, wo jeder Schweizer, der sich gegen dieses unsinnige Spiel einiger Obersten wehrt, schlicht zum <term type="Begriffe" key="258">Kommunisten</term> und Landesverräter gestempelt wird».</note> Ha! man kann sich nur an den Kopf greifen und sagen: seid ihr wahnsinnig geworden! Aber wahrhaftig, sie haben es im Sinn. Und wer ist an der Spitze? Ein Doktor der Theologie, der Redaktor an der «<orgName ref="kbga-actors-4868">Neuen Zürcher Zeitung»</orgName> ist und den schönen Namen <persName ref="kbga-actors-3102">Bieri</persName> trägt. Und dieser Herr <persName ref="kbga-actors-3102">Bieri</persName> war der Erste, der nach den letzten Abstimmungen, die wir hatten, hervorgetreten ist und gesagt hat: Wir können in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> auch <term type="Begriffe" key="29">Atom-Bomben</term> herstel<pb ed="pga" xml:id="p074" break="no"/>len.<note xml:id="n59">In einer ersten Volksabstimmung vom <date when="1962-04-01">1.4.1962</date> war das Volksbegehren für ein Atomwaffenverbot in der Schweizer Bundesverfassung gescheitert. Am <date when="1963-05-26">26.5.1963</date> verwarfen die Stimmbürger in einer eidgenössischen Volksabstimmung (62,24% Nein, 37,76% Ja) eine zweite Initiative der <orgName ref="kbga-actors-6132">SPS</orgName> für einen Vorbehalt des Entscheidungsrechtes des Volkes über <term type="Begriffe" key="414,1">Atomwaffenausrüstung </term> (Obligatorisches Referendum). Am 27.5.1963 schrieb <bibl corresp="kbga-bibls-4331"><persName ref="kbga-actors-3102">Ernst Bieri</persName> in der Abendausgabe der Neuen Zürcher Zeitung, Jg.184, Nr. 2159</bibl>: «Nach Aussagen von Fachleuten wäre es mit einer Anlaufzeit von zehn Jahren und einer Produktionszeit von weiteren zehn Jahren technisch möglich, bei einem durchschnittlichen jährlichen Aufwand von 140 Millionen Franken insgesamt 30 bis 40 kleinere Atomgeschosse herzustellen. Die beiden hinter uns liegenden Abstimmungen haben die <hi rend="italic">politische Lösbarkeit</hi> der Atomwaffenfrage bewiesen. Die zivilen und die militärischen Experten sollen nun die <hi rend="italic">technische Lösbarkeit</hi> abklären, damit Regierung und Parlament dereinst ihren politischen Entscheid fällen können.» Zum weiteren Diskussionsverlauf vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5624"><hi rend="italic">Heiße Fragen in heißer Zeit. Atomwaffen für die Schweiz?</hi>, in: Aargauer Tagblatt, Jg.117, Nr. 167, 20.7.1963</bibl>, auch: <bibl corresp="kbga-bibls-5625"><hi rend="italic">Unsere Landesverteidigung. Zu Bundesrat Chaudets Rede am Eidgenössischen Schützenfest</hi>, in: Neue Zürcher Zeitung, Jg.184, 26.7.1963</bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-5475"><persName ref="kbga-actors-10449">W. Mark</persName>, <hi rend="italic">Atomwaffen für die Schweizer Armee - Können oder Wollen?</hi>, in: Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift, Jg.129 (1963), S. 445–450</bibl>, der die Möglichkeit des Atomwaffenbaus und dessen Realisierung für die Schweiz begründet und begrüßt. Im Laufe des Jahres 1964 nahm die <term type="Begriffe" key="617">Berner</term> Regierung indes Abschied von ihren Atomrüstungs-Plänen. Erst nach Veröffentlichung von Geheim-Protokollen 1995 stellte sich heraus, wie zielstrebig Schweizer Militärs und Mitglieder der Bundesregierung seit 1946 die atomare <term type="Begriffe" key="414,1">Aufrüstung</term> der <orgName ref="kbga-actors-8712">Schweizer Armee</orgName> angestrebt hatten, freilich ohne zu bedenken, wie die Presse nun kritisierte, daß sich damit die engbesiedelte Schweiz gar nicht verteidigen ließ. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5626"><hi rend="italic">Die Grenzen schützen und Menschen opfern?</hi>, in: Tages-Anzeiger, Zürich, Jg.103, 4.4.1995, S. 3</bibl>, und: <bibl corresp="kbga-bibls-5627"><hi rend="italic">Schweizer Atommacht-Träume verstaubten in den Archiven</hi>, in: Aargauer Tagblatt, Jg.149, 7.4.1995, S. 3</bibl>.</note> Und es scheint etwas  dran zu sein. Wir haben genug Uranium, um das zu machen. Es wird zwar schweres Geld <term type="Begriffe" key="414,1">kosten</term>. Es wird noch ziemlich lange dauern - ich glaube, bis 1980 -, bis es da ist. Ich werde es vermutlich nicht mehr erleben. Aber solchen Unsinn gibt es sogar in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, um von anderen Ländern nicht zu reden. Also, es ist kein Anlaß irgendwie zu einem <term type="Begriffe" key="428">schweizerischen</term> <term type="Begriffe" key="655">Pharisäismus</term>. Und wenn das ernst würde - vorläufig ist es erst ein Geschwätz von gewissen hohen Leuten bei uns -, aber wenn das käme, dann würde die Frage der Dienstverweigerung auch in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> sehr aktuell werden. Aber ich würde sagen: dann! Dann ist es näm<pb ed="pga" xml:id="p075" break="no"/>lich eine konkrete Sache und nicht eine  abstrakte, eine allgemeine, prinzipielle Ablehnung, sondern dann weiß man, was man tut, wenn man nein sagt. </p>
                <p>Aber jetzt können Sie noch weiter nach mir stechen. Es könnte ja sein, daß ich in diesem Abschnitt noch mehr gesündigt habe.</p>
                </sp>
                <sp><speaker>(*<persName ref="kbga-actors-10492">Rücker</persName>:</speaker> 
                <p>In Ihrer <bibl corresp="kbga-bibls-2">Dogmatik</bibl> macht mir der Satz zu schaffen: Es kann sein, «daß mit dem Eigenleben eines <term type="Begriffe" key="455,6">Staatsvolks</term> die Verantwortlichkeit des ganzen physisch-seelisch-geistigen <term type="Begriffe" key="275">Lebens</term> der in ihm zusammengeschlossenen <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> und damit auch ihr geistliches Verhältnis zu <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> auf dem Spiel steht. Es kann sein, daß den <term type="Begriffe1" key="305">Menschen</term> eines Volkes in und mit dessen Eigenleben etwas anvertraut ist, das […] preiszugeben ihnen also nicht erlaubt sein kann» (<bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4, S. 529</bibl>). Damit begründen Sie den äußersten Notfall, das eine Prozent. Kann in diesem Satz nicht die Begründung des <term type="Begriffe" key="657">Kreuzzuggedankens</term> gefunden werden? In <placeName ref="kbga-places-358">Württemberg</placeName> wurde der <term type="Begriffe" key="258,2">Antikommunismus</term> mit dem Begriff des <term type="Begriffe" key="429">«Seelenmordes</term>» begründet!<note xml:id="n60">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5590"><persName ref="kbga-actors-12">H. Asmussen</persName>, <hi rend="italic">Verleugnung der drei Glaubensartikel. Eine Antwort an die Kirchlichen Bruderschaften</hi>, München 1958, S. 15</bibl>: «Wer uns verführen will, in irgendeinem Sinne mit dem <orgName ref="kbga-actors-8745">Bolschewismus</orgName> zu paktieren, leistet der Ertötung der <term type="Begriffe" key="429">Seelen</term> Vorschub […]. Schon der Aufbau des bolschewistischen <term type="Begriffe" key="394">Rechts</term> ist <term type="Begriffe" key="429">Seelenmord</term>.» Vgl. auch:<bibl corresp="kbga-bibls-5593"> E. Wolf (Hg.), <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="44,6">Christusbekenntnis</term></hi> <hi rend="italic">im Atomzeitalter?</hi> (ThExh NF 70), München 1959, S. 67</bibl>.</note>*)</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Aha! aha! Ich habe natürlich da unter dem «geistlichen Verhältnis zu Gott» ein bißchen etwas anderes verstanden als die Bedrohung des <term type="Begriffe" key="503,2">Religionsunterrichts</term> in den Schulen und solche Dinge, sondern da habe ich, wie ich es dann nachher in den dreieinhalb Zeilen angedeutet habe, sehr konkret daran gedacht, wie das jetzt wäre, wenn wir hier in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> nachgeben würden.<note xml:id="n61">Nämlich dem Druck des <term type="Begriffe" key="326">Hitlerstaates</term> in der Zeit des zweiten <term type="Begriffe" key="527,2">Weltkrieges</term>. Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Parole vom Juni 1941: «Entweder nachgeben oder widerstehen», in: <bibl corresp="kbga-bibls-5628"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Eine Schweizer Stimme 1938-1945</hi>, Zollikon-Zürich 1945, S. 218</bibl>. Zur damaligen Bedrohung der <term type="Begriffe" key="428">Schweiz</term> von außen vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5629">Kl. Urner, «<hi rend="italic">Die Schweiz muß geschluckt werden!» Hitlers Aktionspläne gegen die Schweiz</hi>, Zürich 1990</bibl>.</note> Es gab nämlich Leute in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, die nachgeben wollten. Es gab sogar <term type="Begriffe1" key="428">schweizerische</term> <term type="Begriffe" key="326,2">Nationalsozialisten.</term><note xml:id="n62">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5370">W. Rings, <hi rend="italic">Schweiz im Krieg (1933–1945). Ein Bericht</hi>, Zürich 1974, S. 21f.61.99f.</bibl> Vgl. dazu auch <bibl corresp="kbga-bibls-5628"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Eine Schweizer Stimme</hi>, a.a.O., S. 78f</bibl>.</note> Und es gab weise Leute, die im <pb ed="pga" xml:id="p076"/> Sommer 1940<note xml:id="n63">Am 25.6.1940 kapitulierte <term type="Begriffe" key="130">Frankreich</term> vor dem eingedrungenen deutschen Heer. Die <term type="Begriffe" key="428">Schweiz</term> war nun ganz zur «Insel» geworden.</note>  gesagt haben: Ach was, wir wollen gescheit sein; wir wollen uns in das neue <term type="Begriffe" key="116">Europa</term> einfügen und jetzt keine Geschichten machen. Wozu auch? Denk einmal, wenn die schöne Stadt <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> bombardiert würde! Das darf doch nicht sein. Und überhaupt, wer weiß, es könnte doch etwas dran sein an diesem <term type="Begriffe" key="326,2">Nationalsozialismus</term>? Wer weiß, es bricht da eine neue <term type="Begriffe" key="541,6">Zeit</term> an?<note xml:id="n64">Am selben 25.6.1940 hielt der <orgName ref="kbga-actors-7798">Schweizer Bundesrat</orgName> <persName ref="kbga-actors-5751">M. Pilet-Golaz</persName> eine Rede am Rundfunk, in der er u. a.  sagte: Der Waffenstillstand bedeute «für uns <term type="Begriffe" key="428">Schweizer</term> eine große Erleichterung» «außerhalb veralteter Fronten» finde <term type="Begriffe" key="116">Europa</term> nun «ein neues Gleichgewicht» der <term type="Begriffe" key="428">Schweizer</term> sei dadurch herausgefordert zu einer «Anpassung an die neuen Verhältnisse». «Der Zeitpunkt der inneren Wiedergeburt ist gekommen. Jeder von uns muß den alten <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> ablegen.» Nach <bibl corresp="kbga-bibls-5370">W. Rings, <hi rend="italic">Schweiz im Krieg</hi>, a.a.O., S. 176</bibl>.</note> Wunderbare Töne wurden da laut. Und dort war es mir nun klar: Halt, das ist nicht nur eine politische Frage, sondern das ist - mit Verlaub zu sagen - eine Lumperei! Wenn wir hier in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> das, was wir da haben, jetzt einfach preisgeben und wenn wir jetzt anfangen, mit den Wölfen zu heulen - das darf um Gottes <term type="Begriffe" key="181,24">willen</term> nicht geschehen! Damit würden wir eine gute <term type="Begriffe" key="143,1">Gabe</term> Gottes, die uns gegeben ist, verleugnen und mit Füßen treten. Und darum: <term type="Begriffe" key="528">Widerstand</term>!<note xml:id="n65">Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> im November 1940 gehaltenen Vortrag <bibl corresp="kbga-bibls-5631"><hi rend="italic">Unsere Kirche und die Schweiz in der heutigen Zeit</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Eine Schweizer Stimme</hi>, a.a.O., S. 157–178</bibl>.</note> Das hat mit [Rettung des «christlichen Abendlandes» vor] <term type="Begriffe" key="258">kommunistischer</term> Gottlosenpropaganda usf. gar nichts zu tun, mit <term type="Begriffe" key="657">Kreuzzug</term> auch nicht, sondern ganz schlicht mit einer Situation, die ich dort sehr existentiell miterlebt habe. Bitte, bedenken Sie, ich kam aus <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> zurück<note xml:id="n66">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/41/p031#p031">S. 31f.</ref>­</note> und habe dort die Anfänge des <orgName ref="kbga-actors-8323">Dritten Reichs</orgName> noch miterlebt und komme jetzt in die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> und stoße [hier] wahrhaftig auf Leute, die meinen, man könne [mit <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName>] paktieren. Und da sage ich hundert Prozent nein! Also das nicht! Das war jetzt eine konkrete Entscheidung, sehen Sie, und es waren nicht gerade Viele, die so ganz bestimmt dachten wie ich und die dieses letzte Motiv auch geltend machten. Oh, es hat gewackelt bei uns! Ich weiß nicht, was passiert wäre, [wenn …,] aber jedenfalls ich habe gemeint: Das darf unter gar <pb ed="pga" xml:id="p077"/> keinen Umständen sein. Und einen solchen Fall habe ich dort bei diesem Satz im Auge gehabt. Ich weiß nun nicht - nein, ich glaube es eigentlich nicht, daß man jetzt also z. B. in  einem Feldzug der <orgName ref="kbga-actors-8772">Bundesrepublik</orgName> gegen die <orgName ref="kbga-actors-8773">DDR</orgName> das sagen könnte, nein! </p>
                </sp>
                <sp><speaker>(*<persName ref="kbga-actors-10487">Dieterich</persName>:</speaker> 
                <p>Es geht aber doch vielen so, die etwa in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> an der <placeName ref="kbga-places-1489">Mauer</placeName><note xml:id="n67">Nach dem Anschwellen einer Fluchtwelle in die <orgName ref="kbga-actors-8772">BRD</orgName> riegelte die <orgName ref="kbga-actors-8773">DDR</orgName> am <date when="1961-08-13">13.8.1961</date> diesen Fluchtweg durch die Errichtung der «<placeName ref="kbga-places-1489">Berliner Mauer</placeName>» zwischen Ost- und Westberlin ab.</note> standen oder in der <orgName ref="kbga-actors-8773">DDR</orgName> waren, daß sie dann auch sagen, dazu kann man nur hundert Prozent nein sagen - ebenfalls als existentielles <term type="Begriffe" key="107">Erlebnis.</term>*)</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Hm! darüber wäre dann mit ihnen zu reden, ob es wirklich so ernst ist. Da wäre über die Mauer zu sprechen und über das Verhältnis der <orgName ref="kbga-actors-8772">Bundesrepublik</orgName> zur <orgName ref="kbga-actors-8773">DDR</orgName>. Über Vieles wäre dann zu reden. Und nun hat sich die Situation ja wirklich verändert. Bitte, jetzt kommt die <term type="Begriffe" key="29">Atombombe</term> ins Spiel. Ich würde jetzt auch nicht sagen: Die <term type="Begriffe" key="428">Schweiz</term> muß um Gottes willen mit der <term type="Begriffe1" key="29">Atombombe</term> verteidigt werden. Ich würde sagen: Das ist Wahnsinn; das kann man nicht! Mag es damit stehen, wie es will, aber damit hebe ich ja das, was ich verteidigen will, selber auf. Da wird aus Sinn Unsinn. Also, das nicht! Und das würde ja wohl im Fall der <placeName ref="kbga-places-1489">Berliner Mauer</placeName>, wenn jemand dort ein «existentielles <term type="Begriffe" key="107">Erlebnis</term>» hat, auch in Frage.</p>
                </sp>
            </div> 
            <div>
                <head type="sub"> 5. Politische Entscheidung in der Situation der Bundesrepublik</head>
                <sp><speaker>(*Frage:</speaker> 
                <p>Bei den letzten Bundestagswahlen<note xml:id="n68">Bei der Bundestagswahl am 17.9.1961 erhielt die <orgName ref="kbga-actors-5908">CDU</orgName> 45,3% der Stimmen (1957: 49,8%), die <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> 36,2% (1957: 31,8%).</note> wurde erneut und mit besonderer Heftigkeit die Frage lebendig, wie weit die Ziele einer Partei dem <term type="Begriffe" key="546,2">Zeugnis</term> unserer <term type="Begriffe1" key="378">Predigt</term> entsprechen müßten, um sie wählen zu können. Es gab Brüder, die meinten, eine Partei, die nicht die <term type="Begriffe" key="414,3">Aufrüstung</term> überhaupt oder doch wenigstens die atomare <term type="Begriffe1" key="414,1">Aufrüstung</term> ablehne, könne von ihnen nicht gewählt werden, wenn sie nicht ihren <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> verleugnen und ihre <term type="Begriffe1" key="378">Predigt</term> unglaubwürdig machen wollten. Es gab andere Brüder, die meinten, es gebe keine Partei, die in ihren Zielen und Praktiken unserer <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> entspräche. Die <pb ed="pga" xml:id="p078"/> rechte Entscheidung könne nur so getroffen werden, daß gefragt werde, mit welcher Partei wir ein Stückchen - und sei es noch so bescheiden - der Erfüllung des Willens <term type="Begriffe" key="181,24">Gottes</term> in dieser <term type="Begriffe" key="541,2">Zeit</term> näher kämen. Welche Rolle hat nach Ihrer Meinung unser christliches <term type="Begriffe" key="546,2">Zeugnis</term> bei unseren politischen Entscheidungen (Wahlen) zu spielen?*)</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10486">Schlenker</persName>:</speaker> 
                <p>Es gab bei der letzten Wahl unter uns Brüder und Schwestern, die meinten, ein Bruderschaftler könne nichts anderes als <orgName ref="kbga-actors-10495">DFU</orgName><note xml:id="n69">Die <orgName ref="kbga-actors-10495">DFU</orgName> (Deutsche Friedensunion) lehnte eine atomare <term type="Begriffe" key="414,1">Bewaffnung</term> ab und trat für eine militärische Neutralisierung <term type="Begriffe" key="80">Deutschlands</term> und eine Entspannung im Verhältnis zum Osten ein. Vgl. Gründungsaufruf vom Dezember 1960, bei <bibl corresp="kbga-bibls-5632">O. Flechtheim (Hg.), <hi rend="italic">Dokumente zur parteipolitischen Entwicklung in <term type="Begriffe" key="80">Deutschland</term></hi> <hi rend="italic">seit 1945</hi>, Bd. III, Berlin 1963, S. 502ff</bibl>.</note> wählen, wenn er nicht alles verraten wollte, was er jahrelang vertreten und z. T. <term type="Begriffe" key="378">gepredigt</term> hätte. Und es gab Leute, die meinten, die <orgName ref="kbga-actors-10495">DFU</orgName> habe aus vielen Gründen in unserer Situation keinerlei <term type="Begriffe" key="512">Verheißung</term>. Sie sei ein vielgestaltiges, in wesentlichen Dingen undurchsichtiges Gebilde. Die Wahl der <orgName ref="kbga-actors-10495">DFU</orgName> habe auch keinerlei zeichenhaften Charakter oder Protestcharakter, wie es vielleicht einmal bei der Wahl der <orgName ref="kbga-actors-10496">GVP</orgName><note xml:id="n70">Die <orgName ref="kbga-actors-10496">GVP</orgName> (Gesamtdeutsche Volkspartei), in der <persName ref="kbga-actors-3266">Gustav Heinemann</persName> der führende Kopf war und in der ein Drittel des Vorstands aus Gliedern der Bekennenden <term type="Begriffe" key="244,7">Kirche</term> bestand, wurde am 29./30.11.1952 in Frankfurt gegründet, erreichte aber bei der Bundestagswahl am 6.9.1953 nur 1,16% der Stimmen. Ihr Ziel war eine ausgesprochene <term type="Begriffe" key="374">Friedenspolitik</term>, die Neutralisierung und Wiedervereinigung <term type="Begriffe" key="80,5">Deutschlands</term>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5633">D. Koch, <hi rend="italic">Heinemann und die Deutschlandfrage</hi>, München 1972, S. 374ff.</bibl></note> der Fall war. In unserer Situation bliebe nur die Wahl zwischen <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-5908">CDU</orgName>, und da  müsse man die dunkelgraue <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> der schwarzen <orgName ref="kbga-actors-5908">CDU</orgName> vorziehen, um wenigstens innenpolitisch einen Rest von <term type="Begriffe" key="76">Demokratie</term> zu erhalten. Es gab dann schließlich auch Brüder, die aus Protest schon gar nicht mehr zur Wahl gingen. Wahlrecht sei keine Wahlpflicht, wenn man nur zu wählen hätte zwischen einem faulen Apfel und einer faulen Birne (ein Bild, das <persName ref="kbga-actors-300">Niemöller</persName> einmal verwendet hat<note xml:id="n71">Konnte in seinen gedruckten Reden nicht nachgewiesen werden. Der Sache nach vertrat <persName ref="kbga-actors-300">M. Niemöller</persName> dasselbe noch in seinem Aufsatz <bibl corresp="kbga-bibls-5634"><hi rend="italic">Aufgaben der Politik 1965</hi>, in: Stimme der Gemeinde, Jg.17 (1.1.1965), S. 8-12</bibl>.</note>). Hinter dieser Frage steht nun theologisch doch wohl die Frage nach der konkreten Weisung des Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geistes</term> in den politischen Entscheidungen. <persName ref="kbga-actors-2151">Sie</persName>, verehrter Herr Professor, haben in Ihrer <pb ed="pga" xml:id="p079"/> <bibl corresp="kbga-bibls-2">Dogmatik</bibl> immer wieder großen Wert auf die Direktheit und Konkretheit der Weisung des Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geistes</term> gelegt. Zum Beispiel in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/2, S. 416</bibl>: Was der <term type="Begriffe" key="305">Mensch</term> in der <term type="Begriffe" key="503">Unterweisung</term> durch den Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geist</term> empfängt, «das sind eben nicht nur so etwas wie allgemeine Grundsätze und Richtlinien, in deren Interpretation er dann im Einzelnen - wie wenn nicht gerade auf das Einzelne Alles ankäme! - immer noch Dieses oder auch Jenes wählen und ergreifen könnte. Sondern er zeigt ihm genau gerade die eine, einzelne gute Möglichkeit, die sich gerade für ihn, gerade jetzt und hier aus der <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term> seiner Ausgangssituation ergibt, die er also nicht nur vielleicht, sondern unter allen Umständen zu wählen und zu ergreifen hat. Dem Unterweisen des Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geistes</term> gegenüber gibt es nur konkretesten <term type="Begriffe" key="153">Gehorsam</term>». Wenn ich das noch sagen darf: Wir wollten die Frage wesentlich als kurze Frage hier gestellt wissen. Es geht uns da nicht so sehr ums Parteipolitische.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, Sie möchten jetzt also wissen, was der Heilige <term type="Begriffe" key="154">Geist</term> haben will, das man wählt … - Ich habe diese Frage mit Bewegung und Teilnahme gelesen. Ich habe mir die Worte angestrichen: «Es gab Brüder» und dann wieder «Es gab andere Brüder»! Und in der [nächsten] Frage kehrt ja das wieder. Dort heißt es auch «es gibt Brüder», «es gibt andere Brüder» und «es gibt drittens Brüder». Das spiegelt unsere ganze Verlegenheit in der <term type="Begriffe" key="69,2">Christenheit</term> [wider], nicht wahr? Wenn wir noch einfach [sagen könnten]: Da sind die Brüder und das sind die anderen <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term>! Aber daß es so verschiedene Brüder gibt und daß man dann so verschiedener Meinung sein kann!</p>
                <p> Sind wir uns einig darüber: es gibt keine Partei, die in ihren Zielen und Praktiken unserer <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> entspräche? Das gibt es nicht, das hat es nicht gegeben, das wird es bis zur <term type="Begriffe" key="227,23">Wiederkunft</term> nicht geben. Und zwar ist das eine Erscheinung, die gar nicht nur auf <term type="Begriffe" key="361">Parteien</term> zutrifft, sondern setzen Sie einmal statt «Partei» ein - vielleicht das Wort «Pfarrfamilie». Gibt es eine <term type="Begriffe" key="366,3">Pfarrfamilie</term>, «die in ihren Zielen und Praktiken unserer <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> entspräche»? Ich glaub’s nicht. Und folglich könnte man gar nicht Leiter einer Pfarrfamilie sein, nicht wahr? Denn wer und was entspricht denn unserer <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung?</term> Unsere <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung,</term> die eilt immer weit dem voran, was wir sind, und erst recht dem voran,  was die armen Tröpfe um uns her im <term type="Begriffe" key="244">kirchlichen</term> und im politischen Raum sind. Also das ist kein Kriterium, <pb ed="pga" xml:id="p080"/> würde ich sagen. Denn das trifft schlechterdings auf alle zu, daß wir dem nicht entsprechen.</p>
                <p> Und nun sagen Sie, daß bei den Wahlen die atomare <term type="Begriffe" key="414,1">Aufrüstung</term> ein gewisses Kriterium bildet, und leider finden Sie außer der <orgName ref="kbga-actors-10495">DFU</orgName> keine Partei, die da eine ordentliche Haltung einnimmt. Das tut die <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> nicht, und das tut die <orgName ref="kbga-actors-5908">CDU</orgName> erst recht nicht, nicht wahr, so daß also dann nur übrigbleiben würde, <orgName ref="kbga-actors-10495">DFU</orgName> zu wählen oder zu Hause zu bleiben - wenn das das schlechthinnige Kriterium für Wahlen ist. Wir haben heute morgen<note xml:id="n72">Das Gespräch mit der Bruderschaft wurde in einer Vormittags- und einer Nachmittagssitzung durchgeführt. Hier wird Bezug genommen auf Abschnitt 4: Das Problem des gerechten <term type="Begriffe" key="269,3">Krieges</term>, s. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p065#p065">S. 65-77</ref>.</note> von der Stellungnahme zum <term type="Begriffe" key="269">Kriegsproblem</term> geredet. Jetzt, würde ich aber sagen, ist ja schließlich die Frage der atomaren <term type="Begriffe" key="414,1">Aufrüstung</term> - eine sehr wichtige Frage, aber immerhin eine Frage unter anderen. Es dreht sich nicht die ganze <term type="Begriffe" key="374">Politik</term> nur um die Frage der atomaren <term type="Begriffe" key="414,1">Aufrüstung.</term> Es gibt schließlich auch noch andere Fragen, so daß als Kriterium zum Wählen vielleicht doch auch noch die Haltung der verschiedenen <term type="Begriffe" key="361">Parteien</term> in anderen Fragen in Betracht kommen könnte.</p>
                <p> Und nun würde ich also, wäre ich <term type="Begriffe" key="80">Deutscher</term> gewesen, sicher nicht <orgName ref="kbga-actors-10495">DFU</orgName> gewählt haben. Warum nicht? Weil eigentlich deren ganzes Programm nur zugespitzt war eben auf die <term type="Begriffe" key="135">Friedensfrage</term>. Und eine politische Partei sollte m. E. ein Programm in einem weiteren Rahmen anzubieten haben, wenn sie wirklich hilfreich sein will. So daß ich mich eigentlich nicht wundere, daß diese sicher achtenswerte und liebenswerte kleine Partei nun fortwährend über diese 5%-­Grenze<note xml:id="n73">Nach bundesrepublikanischem Wahlrecht ziehen nur <term type="Begriffe" key="361">Parteien</term> ins Parlament ein, die von mindestens 5% der Wähler Stimmen oder drei Direktmandate erhalten haben.</note> nicht herauskommt, sondern daß da nichts daraus wird! Also, ich würde, weil <term type="Begriffe" key="374">Politik</term> eine umfassende Frage ist, in der auch die Militärfrage nur eine bestimmte Rolle spielt, nicht<orgName ref="kbga-actors-10495">DFU</orgName> gewählt haben.</p>
                <p> Jetzt: <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> oder <orgName ref="kbga-actors-5908">CDU</orgName>? Ja, wie hieß das: «ein fauler Apfel oder eine faule Birne»? Ja, so kann man sagen. Dann kommt es also darauf an, ob man Birnen oder Äpfel vorzieht - beide faul?! Ich meinerseits habe lieber Birnen als Äpfel - und würde [darum] wahrscheinlich in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> halt doch - mit einem tiefen Seufzer - <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> gewählt <pb ed="pga" xml:id="p081"/> haben. Ich sage: mit einem ganz tiefen Seufzer, beinahe auch so als Grenzfall! Die <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> hat immerhin noch eine glorreiche Vergangenheit, die ich noch sehr lebhaft miterlebt habe, nicht in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>, aber immerhin von der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> aus.<note xml:id="n74">Von Anfang seiner Tätigkeit als Safenwiler Pfarrer an (1911–1921) beteiligte sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am dortigen <term type="Begriffe" key="446">sozialistischen</term> «<orgName ref="kbga-actors-9909">Arbeiterverein</orgName>» und wurde am <date when="1915-01-26">26.1.1915</date> Mitglied der <orgName ref="kbga-actors-6132"><term type="Begriffe" key="443">sozialdemokratischen</term> Partei</orgName>.</note> Ich habe doch immerhin noch um <persName ref="kbga-actors-2153">August Bebel</persName> gewußt und um <persName ref="kbga-actors-1117">Liebknecht</persName>, den alten Liebknecht.<note xml:id="n75"><persName ref="kbga-actors-2153">August Bebel</persName> (1840–1913); <persName ref="kbga-actors-1117">Karl Liebknecht</persName> (1871–1919), beide <term type="Begriffe" key="443">sozialdemokratische</term> Reichstagsabgeordnete. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> würdigte 1913 in einer Predigt Bebels Leben und Wirken als «eine solche Gottesstimme, der man im Grunde nicht widersprechen kann»: <bibl corresp="kbga-bibls-2337"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Predigten 1913</hi>, hrsg. von N. Barth / G. Sauter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1976, <ref type="pub" target="../volume/08/p434#p434">S. 434</ref>, vgl. <ref type="pub" target="../volume/08/p470#p470">S. 470</ref></bibl>.</note> Es kam dann der große <term type="Begriffe" key="468,16">Sündenfall</term> dieser Partei vom <date when="1914-08">August 1914</date>.<note xml:id="n76">Gemeint ist das Einschwenken der <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> auf die Kriegspolitik <persName ref="kbga-actors-839">Wilhelms II.</persName> bei Ausbruch des ersten Weltkrieges am <date when="1914-08-01">1.8.1914</date>. Vgl. dazu auch <bibl corresp="kbga-bibls-2034"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Predigten 1914</hi>, hrsg. von U. und J. Fähler  (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1974, <ref type="pub" target="../volume/05/p526#p526">S. 526f</ref>.</bibl>: «Es gibt für den Augenblick keine <term type="Begriffe" key="446">Sozialisten</term> mehr in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>, die den <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> hassen, sondern nur noch Deutsche, die die Franzosen und Russen hassen. Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!»
                </note> Aber immerhin - ich habe über der deutschen <term type="Begriffe" key="443">Sozialdemokratie</term> noch eine <term type="Begriffe" key="384">prophetische</term> Wolke schweben gesehen, die sich dann merklich entfernt hat, und am Ende des  <term type="Begriffe" key="527,1">Krieges</term> ist die dann gänzlich bei den <orgName ref="kbga-actors-9755">Spartakus</orgName>-Leuten und der damaligen Linken stehengeblieben und hat sich dann noch weiter nach links verzogen. Und nun könnte ich ja nur sagen: Es ist nicht schlechterdings unmöglich, daß die <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> sich in einer künftigen Situation vielleicht von ihrer Krankheit [erholt], unter der sie auch in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> leidet ( - die gleiche Partei! furchtbar, die <orgName ref="kbga-actors-6132">schweizerische Sozialdemokratie</orgName>! es ist nicht zu beschreiben! Die hat sich in der <term type="Begriffe" key="414,1">Atomsache</term> auch ganz miserabel schlecht verhalten.<note xml:id="n77">Die in den 50er Jahren innerhalb der <orgName ref="kbga-actors-6132">SPS</orgName> ausgetragene Kontroverse bezüglich der Frage nach Einführung von Atomwaffen durch die <orgName ref="kbga-actors-8712"><term type="Begriffe" key="428">schweizerische</term> Armee</orgName> sollte nach Ansicht des Präsidenten der SPS, Nationalrat <persName ref="kbga-actors-10513">Walter Bringolf</persName>, auf dem von ihm so bezeichneten «Atom-Parteitag» 1958 in <placeName ref="kbga-places-435">Luzern</placeName> zu keiner für die Partei verbindlichen Erklärung führen: «Ich wollte die Partei an dieser Frage nicht auseinandermanövrieren; ich wollte sie nicht vor die Entscheidung für Atomwaffen oder gegen Atomwaffen stellen, da ein solcher Entscheid völlig ins Leere gegangen wäre» (<bibl corresp="kbga-bibls-5635"><persName ref="kbga-actors-10513">W. Bringolf</persName>, <hi rend="italic">Mein Leben. Weg und Umweg eines Schweizer Sozialdemokraten</hi>, Bern/München/Wien 1965, S. 475</bibl>). Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5636"><hi rend="italic">Schweiz. Differenzen in der sozialdemokratischen Partei in der Frage der Atombewaffnung</hi>, in: Archiv der Gegenwart, Jg.28, 11.Juni 1958 (Bonn/Wien/Zürich), S. 7120</bibl>.</note> Also, <pb ed="pga" xml:id="p082"/> das ist überall das gleiche). Immerhin - das  ist ja doch schön: <term type="Begriffe" key="443">sozial-demokratisch</term>, ha! das läßt sich hören, das Programm, das darin liegt! Es ist [daher] nicht ausgeschlossen, daß diese Partei sich vielleicht noch einmal erholt. Und manches [an ihr] ist ja recht. Es sind da auch gewisse <term type="Begriffe" key="282">liberale</term> <term type="Begriffe" key="489">Traditionen</term> noch erhalten. Sie hat auch das Verdienst, daß sie mindestens ein bißchen Opposition gegen die <orgName ref="kbga-actors-5908">CDU</orgName> macht. Also, ich würde ihr meine bescheidene Stimme gönnen, mit einem Wort.</p>
                <p> Nicht so der <orgName ref="kbga-actors-5908">CDU</orgName>! Wenn es irgendwie einen ernsten Grund gäbe, nun vielleicht doch, geradezu in bezug auf die <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung,</term> einen Protest einzulegen, dann wäre es bei der <orgName ref="kbga-actors-5908">CDU</orgName> wegen des «C». Denn das ist nun unerträglich, daß eine politische Partei auftritt und «christlich» sein will, christlich-demokratisch und (in <placeName ref="kbga-places-166">Bayern</placeName> heißen sie, ich glaub’) christlich-sozial, <orgName ref="kbga-actors-10497">CSU</orgName>. Wobei man [aber] zusehen muß, was sie nun [praktisch] machen [und] wie sich das [zu ihrem christlichen Titel] verhält. Dieser Mantel des <term type="Begriffe" key="657">Kreuzfahrers</term>, das ist unerträglich. Und dann … - wir haben ja heutzutage zum Katholizismus ein bißchen ein freundlicheres Verhältnis als früher auch schon, auch wir hoffentlich, aber immerhin, es wäre doch gut, wenn <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> jetzt nicht einfach geradezu <term type="Begriffe" key="241">katholisch</term> würde - und und das droht bei der <orgName ref="kbga-actors-5908">CDU</orgName> -, daß nun diese <term type="Begriffe" key="374">Schulpolitik,</term> die da gemacht wird, diese <term type="Begriffe" key="374">Familienpolitik</term> usf. so ins Kraut schießt. Und nun sind auch die ausgesprochen protestantischen Vertreter dieser Partei - ich will jetzt keinen Namen nennen - nicht gerade die vertrauenswürdigsten Gestalten (was da so mit <persName ref="kbga-actors-1608">G.</persName><note xml:id="n78"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> meint den damaligen Bundestagspräsidenten <persName ref="kbga-actors-1608">Eugen Gerstenmaier</persName> (1906–1986).</note> anfängt etwa und so). Also, das könnte ich nicht machen, <orgName ref="kbga-actors-5908">CDU</orgName> wählen. Dann bleibt mir noch <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> übrig, nicht wahr?</p>
                <p> Und jetzt habe ich Ihnen [meine Ansicht dazu vorgetragen, aber -] bitte, das war jetzt nicht die Stimme des Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geistes</term>! Das ist ja auch in der schönen Stelle, die Sie da vorgelesen haben<note xml:id="n79"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/2, S. 416.</bibl></note>, nicht so gemeint. Ich hoffe, niemand hat das so verstanden: daß da irgendein braver Mann oder eine tüchtige Frau sitzt und lauscht, und schscht! kommt der Heilige <term type="Begriffe" key="154">Geist</term> und verlangt schlechthinnigen <pb ed="pga" xml:id="p083"/> konkreten <term type="Begriffe" key="153">Gehorsam;</term> und den hat man jetzt zu leisten. Sondern: ja,  der Heilige  <term type="Begriffe" key="154">Geist</term>! - natürlich, es geht schlechterdings nicht ohne den. Aber um den muß wohl <term type="Begriffe" key="145">gebetet</term> sein, und wenn man um ihn betet, dann muß - auch in dieser Sache - , wie ich heute morgen sagte<note xml:id="n80">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/41/p060#p060">S. 60­</ref>.</note>, gearbeitet sein. Und das Arbeiten besteht in diesem Fall darin, daß man so politische Reflexionen anstellt, wo man sich ganz nüchtern die Dinge gegeneinanderstellt und sagt: so und so und so! und sich sehr bewußt ist: wir befinden uns nicht im <term type="Begriffe" key="196">Himmel,</term> sondern auf der Erde, «in der noch unerlösten <term type="Begriffe" key="525,6">Welt</term>», auch mit diesem ganzen Parteiwesen. Aber wir sind auch da nicht ganz und gar verlassen. Es könnte auch da so ein Flüstern des Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geistes</term> geben, dem <term type="Begriffe1" key="153">gehorsam</term> wir dann unsere Schritte tun, jetzt nach links, jetzt nach rechts, in dem Bewußtsein dessen, daß es nicht etwas Vollkommenes sein wird, aber etwas, was wir verantworten können. Es kann ja nur um das gehen in der <term type="Begriffe" key="374">Politik.</term></p>
                <p>Jetzt weiß ich nicht, ob ich mit dieser Antwort «den einen Brüdern» und «den anderen Brüdern» Genüge geleistet habe. Sie können mich ja noch weiter fragen. Holen Sie’s aus mir heraus, was noch fehlt!</p>
                </sp>
                <sp><speaker>(*Frage:</speaker> 
                <p>Ist es nicht so: eine <term type="Begriffe" key="374">Politik,</term> die die <term type="Begriffe1" key="29">Atombombe</term> einkalkuliert, fordert doch das <term type="Begriffe" key="44,8">Bekenntnis</term> heraus, so daß bei einer Wahl einfach der <foreign xml:lang="lat">status confessionis</foreign> gegeben ist, der im Fall der Bundestagswahl für einen Christen nur noch die Wahl der <orgName ref="kbga-actors-10495">DFU</orgName> offengelassen hat?*)</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-10493">Weitbrecht</persName>:</speaker> 
                <p><foreign xml:lang="lat">Status confessionis</foreign> bedeutet, daß wir eben auch in Randfragen nichts tun dürften, was unser Nein zur <term type="Begriffe" key="414,1">Atomfrage</term> verdunkeln könnte und fraglich machen würde, und daß nun ein Ja zur <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName>, welche in der Atomfrage umgefallen ist - das müßte man ganz klar sehen -</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> … die <term type="Begriffe" key="428">Schweizer</term> auch!</p>
                </sp>
                <sp><speaker> <persName ref="kbga-actors-10493">Weitbrecht:</persName></speaker>
                <p> - dann also in diesem Fall, wo wir in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> in der Bruderschaft den <foreign xml:lang="lat">status confessionis</foreign><note xml:id="n81">Zum Begriff «<foreign xml:lang="lat">status confessionis</foreign>» vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4, S. 81.86f.</bibl> Der <foreign xml:lang="lat">status confessionis</foreign> war faktisch ausgerufen in der 10. der - auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> selbst zurückgehenden - zehn Thesen der Kirchlichen Bruderschaften zur <term type="Begriffe" key="414,1">Atomrüstung</term>, daß «ein gegenteiliger Standpunkt oder Neutralität dieser Frage gegenüber […] die Verleugnung aller drei Artikel des christlichen <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term>» bedeute, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-312">O.Br. 1945-1968, <ref type="pub" target="../volume/15/p444#p444">S. 444</ref></bibl>.</note> als gegeben gesehen haben, ein Verlassen eben dieser «<foreign xml:lang="lat">confessio</foreign>» wäre.</p>
                </sp> 
                <sp> <pb ed="pga" xml:id="p084" rend="noPipe"/> <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> Ich sehe.</p>
                </sp>
             <sp>   <speaker><persName ref="kbga-actors-10493">Weitbrecht</persName>: </speaker>
                <p>Und dagegen wurde nun von der anderen Seite, von Bruder <persName ref="kbga-actors-10498">Werner</persName><note xml:id="n82">Pfarrer Dr. <persName ref="kbga-actors-10498">Herbert Werner</persName>, einer der Gründer der Kirchlichen Bruderschaft in <placeName ref="kbga-places-52">Württemberg</placeName>.</note>, eingewandt: wir müssen unterscheiden zwischen links und rechts, zwischen christlichem <term type="Begriffe" key="546,2">Zeugnis</term> und politischer Entscheidung. Und da ist eben mir die Frage, ob wir da nicht schon wieder in ein <term type="Begriffe" key="555">Zwei-Reiche-Denken</term> hineingekommen sind.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, also das Letztere darf auf keinen Fall sein, nicht wahr, sondern man wird sich ja auch [bei seinem] Denken im Rahmen politischen Ermessens, wo die Unterschiede nur relativ sind, doch leiten lassen von dem, was man als <term type="Begriffe" key="68">Christ</term> vom <term type="Begriffe1" key="119">Evangelium</term> her weiß.</p>
                </sp>
                <sp><speaker>Zwischenruf:</speaker> 
                <p>Unbedingt! </p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Das wird aber dann in der praktischen Entscheidung nicht direkt sichtbar werden können, sondern nur indirekt, daß ich nun so denke. Das [bedeutet], daß ich auf der einen Seite kein <term type="Begriffe" key="426">Schwärmer</term> bin und nicht meine: ich kann mit meinem bißchen politischen Tun den <term type="Begriffe" key="196">Himmel</term> auf die Erde bringen, auf der anderen Seite aber, daß ich gar nicht unempfindlich bin, sondern allergisch reagiere, wenn es so schmeckt, wie es da bei der <orgName ref="kbga-actors-5908">CDU</orgName> schmeckt, [und wieder] auf [einer] Seite, daß ich dann auch ein bißchen geduldig sein kann, wenn ich jetzt - ich will mal sagen: diese <term type="Begriffe" key="443">sozialdemokratischen</term> Brüder (es gibt ja auch ein paar Brüder dort) anschaue und sage: Ach ja! ach ja! viel, viel <term type="Begriffe" key="468">Sünde,</term> aber ganz verwerfen will ich das jetzt nicht.</p>
                <p> Und jetzt möchte ich etwas sagen zum «<foreign xml:lang="lat">status confessionis</foreign>Machen Sie nicht zu heftigen Gebrauch von diesem Begriff! nicht zu oft! Gelegentlich kann das einmal auftauchen, daß man sagt: So, jetzt bin ich im sta<foreign xml:lang="lat">tus confessionis, j</foreign>etzt gibt es nur das und das! Aber das wird etwas relativ Seltenes sein, verstehen Sie, daß sich [etwas] so schlechterdings gegenübersteht, daß ich sagen [muß]: hundertprozentig so oder gar nichts! Also, [Ihr] Fall war jetzt der, man dürfte nicht <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> wählen, weil man damit die <term type="Begriffe" key="414,1">Atomaufrüstung</term> bejahen würde. Ja, sehen Sie, ich weiß z. B. nicht, wie der Wirt drunten<note xml:id="n83">Das Gespräch fand in einem oberen Saal des Restaurants <placeName ref="kbga-places-579">Bruderholz</placeName> in Basel statt.</note> wählt oder wie der jetzt bei den Abstimmungen, die wir zur Atomsache gehabt haben<note xml:id="n84">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p074#fn_n59">S. 74­, Anm. 59</ref>.</note>, gestimmt hat, ob er überhaupt gegangen ist oder ob …, ich weiß <pb ed="pga" xml:id="p085"/> es nicht. Aber wenn ich jetzt sagen würde: wenn das nicht geklärt ist, dann betrete ich diese Wirtschaft nicht, geschweige daß ich 70 Württemberger noch dahin führe - die stehen nämlich alle im <foreign xml:lang="lat">«status confessionis»</foreign> und bevor das ganz sauber heraus ist, ob du da drunten [und] wie du gestimmt hast vor 14 Tagen, können wir nicht einkehren in dein Haus … - das würde ja nicht gehen. Die Zugehörigkeit zu einer Partei [und] das Wählen ist natürlich noch wichtiger als die Frage, ob man in eine Wirtschaft geht oder nicht geht - aber immerhin, es ist auf der gleichen Ebene. Es ist wichtiger, aber es gehört auch zu den menschlichen Entscheidungen, die man nun eben vollzieht, so oder so. Ich würde also sagen: Wir wollen vielleicht nicht allzu fanatisch sein mit unserm status <term type="Begriffe" key="44,8">confessionis</term> und uns den vielleicht vorbehalten für Situationen, wo uns nun wirklich die Pistole auf die Brust gesetzt wird! Denn sonst könnte es uns nämlich widerfahren, wissen Sie, daß man so Rückfragen an uns richtet: Ja, lieber Herr <term type="Begriffe" key="9,3">Pfarrer,</term><term type="Begriffe" key="366"> </term>wird in der und der praktischen Frage, in der Sie in Stadt oder Dorf mit den Leuten verkehren, oder [sonst] in [Ihrem] Geschäft oder vielleicht auch [in dem], was Ihre Frau macht, der status confessionis auch gewahrt? Wird die Frage überhaupt aufgeworfen? Und wenn nicht, warum nicht? Ich meine nur, es könnte einem dann passieren, daß plötzlich die Sache mit dem Splitter und dem Balken [vgl. Mt.<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.3 Mt.7.5"> 7,3-5</ref>anz heftig auf einen zukommt. Es kann nicht darum gehen [zu sagen], daß man die Frage nicht stellen soll. Ich würde nur sagen: Vorsichtig umgehen mit diesem Instrument! Das ist nämlich der status confessionis. Das ist sozusagen eine geistliche <term type="Begriffe" key="29">Atombombe</term>, und man kann fürchterliche Verheerungen damit anrichten … Ah! das <term type="Begriffe" key="176">Gleichnis</term> hinkt, aber also, ich würde raten, Achtung  zu geben. - Meinen Sie, das genüge für [den Moment]?</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10486">Gesprächsleiter</persName>:</speaker> 
                <p>Wohl schon. Aber wenn «andere Brüder» vielleicht noch etwas Durchdringendes zu sagen haben, dann würde ich doch bitten.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10490">Mörike</persName>:</speaker> 
                <p>Ich würde so herum fragen: Wenn eine Partei in ihrem Parteiprogramm erklären würde, daß bei ihr das <term type="Begriffe" key="146,3">7. Gebot</term> «Du sollst nicht stehlen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.15">Ex. 20,15</ref>] oder das 6. Gebot «Du sollst nicht ehebrechen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.14">Ex. 20,14</ref>] aufgehoben sei, ist damit dann nicht gegeben, daß wir einer solchen Partei unsere Stimme versagen müßten? Und so könnten wir etwa denken, daß wir, wenn die <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> überwechselt von <pb ed="pga" xml:id="p086"/> «Kampf dem <term type="Begriffe" key="486,2">Atomtod</term>» zur Bejahung der <term type="Begriffe" key="414,1"> Atomaufrüstung</term><note xml:id="n85">Der am <date when="1958-02-22">22.2.1958</date> in <placeName ref="kbga-places-1503">Bad Godesberg</placeName> von führenden Vertretern der <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName>, der <orgName ref="kbga-actors-5957">FDP</orgName> und der Gewerkschaften sowie von Intellektuellen und renommierten Angehörigen der <term type="Begriffe" key="244,25">Kirchen</term> gegründete Ausschuß «Kampf dem Atomtod» trat am <date when="1958-03-23">23.3.1958</date> mit einer Großkundgebung in der <placeName ref="kbga-places-1504">Frankfurter Kongreßhalle</placeName> erstmals an die Öffentlichkeit. Im Lauf des Jahres 1958 fanden in zahlreichen Städten der Bundesrepublik mehr als 90 Kundgebungen unter der Parole «Kampf dem Atomtod» statt. Nachdem das <orgName ref="kbga-actors-10515">Bundesverfassungsgericht</orgName> Ende Juli 1958 eine von den <term type="Begriffe" key="443">sozialdemokratisch</term> regierten Bundesländern geplante Volksbefragung zur <term type="Begriffe" key="414,1">Atombewaffnung</term> der <orgName ref="kbga-actors-10514">Bundeswehr</orgName> verboten hatte, begann sich die <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> allmählich aus der Bewegung zurückzuziehen, die daraufhin rasch an Einfluß verlor. Als entscheidendes Dokument der Wende in der rüstungspolitischen Orientierung der Partei gilt die Rede <persName ref="kbga-actors-1954">Herbert Wehners</persName> am 30.6.1960 im <orgName ref="kbga-actors-10516">Deutschen Bundestag</orgName>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5637">Der Spiegel, 6.7.1960, Nr. 28, S. 11f.</bibl>; ferner <bibl corresp="kbga-bibls-5638">H. von Siegler (Hg.), <hi rend="italic">Dokumentation zur Deutschlandfrage</hi>, Bd. 2, Bonn/Wien/Zürich 1961, S. 456f.</bibl></note>, sagen [müssen]: Das ist die Aufhebung eines <term type="Begriffe" key="146,3">Gebotes,</term> an das zu rühren einem <term type="Begriffe" key="68">Christen</term> nicht erlaubt ist; und darum scheidet für uns eine solche Partei aus.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Also Entschuldigung, wenn ich jetzt so munter Ihnen antworte: Es kommt mir vor, der Fall, den Sie da setzen, daß eine Partei plötzlich sagen könnte: Du sollst stehlen! oder: Du darfst stehlen! Du sollst und du darfst ehebrechen usf.! und dann also offenbar: Du sollst und du darfst töten! (nicht wahr, das wäre dann das Dritte) - Entschuldigung, wenn ich’s so sage -, das ist jetzt richtig so <term type="Begriffe" key="366">Pfarrer-Phantasie</term>. Das kommt ja im wirklichen Leben nicht vor. Jede Partei wird sagen, sie wolle die Zehn <term type="Begriffe" key="146,3">Gebote</term> haben.</p>
                <p> Es ist mir unvergeßlich, wie ich nach dem Krieg im Jahre 1946 das erste Mal nach <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> gekommen bin.<note xml:id="n86"><date to="1946-07-18" from="1946-07-16">16.-18.7.1946.</date></note> Ich bin in <placeName ref="kbga-places-142">Ost-Berlin</placeName> - es gab damals noch keine <placeName ref="kbga-places-1489">Mauer</placeName> - in eine Art Volkshaus eingeladen worden, wo unten drin furchtbar große Bilder von <persName ref="kbga-actors-267">Marx</persName>, <persName ref="kbga-actors-5630">Stalin</persName> [und <persName ref="kbga-actors-243">Lenin</persName> hingen]. Und da wurde ich in einen Saal geführt, und da saßen an einem langen Tisch - und ich einsam ihnen gegenüber - <persName ref="kbga-actors-1817">Pieck</persName>, <persName ref="kbga-actors-3241">Grotewohl</persName> und bereits <persName ref="kbga-actors-1936">Ulbricht</persName> (der war auch schon da mit seinem Bärtchen), [auch] ein Herr Zimmermann und ich weiß nicht, was noch für andere Größen.<note xml:id="n87">In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <ref type="kba-objects-id" target="91490">Kalender</ref> (im <orgName ref="kbga-actors-8253">Karl Barth-Archiv</orgName> Basel) ist unter dem <date when="1946-07-17">17.7.1946</date> für den Nachmittag verzeichnet: «15<hi rend="sup">h</hi> Ins Parteigebäude der <orgName ref="kbga-actors-10517">SED</orgName> am <placeName ref="kbga-places-1505">Prenzlauer Tor</placeName>. <persName ref="kbga-actors-1817">Pieck</persName>, <persName ref="kbga-actors-1936">Ulbricht</persName>, <persName ref="kbga-actors-10519">Ackermann</persName>, <persName ref="kbga-actors-10518">Meyer</persName>, <persName ref="kbga-actors-3241">Grotewohl</persName> […]». <persName ref="kbga-actors-1817">Wilhelm Pieck</persName> (1876–1960) wurde am 11.10.1949 zum Präsidenten der <orgName ref="kbga-actors-8773">DDR</orgName> gewählt und <persName ref="kbga-actors-3241">Otto Grotewohl</persName> (1894–1964) am 12.10.1949 zum ersten Ministerpräsidenten der <orgName ref="kbga-actors-8773">DDR</orgName>, beide waren seit dem Vereinigungsparteitag <orgName ref="kbga-actors-8624">KPD</orgName>/<orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> (21./22.4.1946) paritätische Vorsitzende der <orgName ref="kbga-actors-10517">SED</orgName>; <persName ref="kbga-actors-1936">Walter Ulbricht</persName> (1893–1973) und <persName ref="kbga-actors-10519">Anton Ackermann</persName> (1905–1973), dessen Namen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> 1963 wohl mit «Zimmermann» verwechselte, waren Mitglieder des Zentralsekretariats des Parteivorstandes der SED, ebenso <persName ref="kbga-actors-10518">Otto Meier</persName> (1889–1962), der mit dem Eintrag «Meyer» gemeint sein <term type="Begriffe" key="446">könnte.</term></note> Denen hatte man irgendwie zugeflüstert, ich sei ein <pb ed="pga" xml:id="p087"/> wichtiger Mann, ich sollte mit ihnen sprechen dort … Schon rein ­visuell war es eine merkwürdige Begegnung: dieser lange Tisch, an dem sie mir gegenüber saßen. Es hat mich so ans <term type="Begriffe" key="1">«Abendmahl»</term> von <persName ref="kbga-actors-4818">Leonardo da Vinci</persName><note xml:id="n88">Um 1497 in der Kirche S. Maria delle Grazie in <placeName ref="kbga-places-103">Mailand</placeName> gemaltes Wandbild von <persName ref="kbga-actors-4818">Leonardo da Vinci</persName> (1452–1519).</note> erinnert. Und in der Mitte saß der gute Vater <persName ref="kbga-actors-1817">Pieck</persName>. Zwei Dinge sind mir  unvergeßlich [von dem], was <persName ref="kbga-actors-1817">Pieck</persName> mir dann gesagt hat. [Einmal]: «Herr Professor, was wir in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> nötig haben, das sind die Zehn <term type="Begriffe" key="146,3">Gebote</term>!» Da habe ich gesagt: «Ja, Herr Präsident, insbesondere auch das erste!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.2 Ex.20.3">Ex. 20,2f.</ref>]. Ich sage das nur als Beispiel. Also, dieser <term type="Namen" key="Pieck, Wilhelm">Kommunisten-Häuptling</term> hat, in jener Stunde jedenfalls (es war die Zeit der großen Auflösung nach dem <term type="Begriffe" key="527,2">Krieg</term>), gesagt: Die Zehn <term type="Begriffe" key="146,3">Gebote</term> haben wir nötig. Die zweite merkwürdige Sache, [die] er mir dann gesagt hat, war: «Herr Professor, Sie werden sehen, in zwei Jahren werden wir hier im <orgName ref="kbga-actors-8773">Osten</orgName>» - man hat damals noch gesagt: Sowjet-Zone - «solche Verhältnisse haben, daß das ganze <orgName ref="kbga-actors-8772">Westdeutschland</orgName> begierig uns zuströmen wird, um bei uns Anschluß zu suchen, weil es da so herrlich zugeht». Da habe ich gesagt: «Wollen wir mal sehen, ob sich das so erfüllt.» - Aber die erste Antwort ist jetzt [in unserem Zusammenhang] wichtig … </p>
                <p> Verstehen Sie, ich glaube, das wird ja jeder sagen - Sie könnten fragen, wen Sie wollen - : «Ja, die Zehn <term type="Begriffe" key="146,3">Gebote</term> gelten natürlich!» Und schwierig wird es sicher immer nur beim ersten <term type="Begriffe" key="146,2">Gebot</term> - ganz schwierig, [während] die anderen Dinge auch [abgesehen davon] gelten. Und nun ist es ja so, daß die Auslegung des «Du sollst nicht töten» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.13">Ex. 20,13</ref>] sogar unter Christen und Theologen eben strittig ist, so daß man nicht ohne weiteres einfach mit dem <term type="Begriffe" key="146">Gebot</term> kommen kann: «Du sollst nicht …». Es geht ja nicht um diese Formel. So daß ich also nicht glaube, daß man von da aus ein Kriterium für die Wahl gewinnen könnte.</p> 
                </sp>
                <sp> <pb ed="pga" xml:id="p088" rend="noPipe"/>  <speaker><persName ref="kbga-actors-10490">Mörike</persName>:</speaker> <p>Eben zu den Zehn <term type="Begriffe" key="146,3">Geboten</term>: Es war im <orgName ref="kbga-actors-8323">Dritten Reich</orgName> so, daß die Zehn <term type="Begriffe" key="146,3">Gebote</term> da ausdrücklich als <term type="Begriffe1" key="232,1">Judengebote</term> bezeichnet und für der Abschaffung wert erklärt wurden. Da hat man sich gar nicht mehr besonnen, hier ganz eindeutig gegen die Zehn <term type="Begriffe" key="146,3">Gebote</term> öffentlich Stellung zu nehmen.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ah, da sieht man, wie viel besser die <term type="Begriffe" key="258">Kommunisten</term> sind als die <term type="Begriffe" key="326">Nationalsozialisten.</term></p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10490">Mörike</persName>:</speaker> 
                <p>Das lasse ich mal dahingestellt. Nun haben Sie vorhin von der <term type="Begriffe" key="384">prophetischen</term> Wolke über der <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> gesprochen [und] vom <term type="Begriffe" key="468,16">Sündenfall</term> anno 1914. Es kann [eben] doch so gehen, wie <persName ref="kbga-actors-300">Niemöller</persName> es statuiert, daß aus diesem Sündenfall und aus diesem Entweichen der «prophetischen Wolke» schließlich die «faule Birne» wird. [Und dann] ist es ja egal, ob eine faule Birne oder ein fauler Apfel … - sie sind beide ungenießbar. Also, Sie können hier nicht wählen.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Wenn Sie nichts anderes zum Essen haben, dann müssen Sie eine von den faulen Früchten haben.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10490">Mörike</persName>:</speaker> 
                <p>Deswegen glaube ich eben doch, daß der Punkt bei einer Partei eintreten kann, wo wir - und zwar gerade im Blick auf diese Entwicklung, die ich an den Zehn <term type="Begriffe" key="146,3">Geboten</term> demonstriert haben wollte - nicht mehr mitgehen können. Und darüber haben wir eigentlich wohl gestritten: ob dieser Punkt, der vorhin der <foreign xml:lang="lat">status <term type="Begriffe" key="44,8">confessionis</term></foreign> genannt wurde, an den Zehn <term type="Begriffe" key="146,3">Geboten</term> erreicht ist? [Tritt hier nicht] wiederum der Grenzfall ein, wo ich erklären muß: Die Sache ist jetzt allmählich zu faul geworden, als daß ich hier noch meine Stimme dafür geben könnte? Auch wenn ich genau weiß - da haben Sie völlig recht, da werden wir alle  zustimmen -, daß nicht alles faul ist! Aber wo doch nun einmal der Wurm so drinsitzt, daß man auch die atomare <term type="Begriffe" key="414,1">Aufrüstung</term> in Kauf nimmt, wird von innen heraus schließlich auch das andere so faul werden, daß wir [alles] nicht mehr [genießen] können. Und da ist Ihre <term type="Begriffe" key="200">Hoffnung</term> eine etwas andere. Sie meinen, daß wir uns dieser Partei gegenüber nicht fanatisch und hoffnungslos erweisen [?] sollten. Ich glaube, das sind die verschiedenen Haltungen, die wir da einnehmen.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> Ja. Ich würde sagen: die <orgName ref="kbga-actors-5908">CDU</orgName> ist aus Bosheit für die Atombombe und die <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> aus Schwachheit.</p>
                </sp>
                <sp><speaker>Zwischenruf:</speaker> 
                <p>Das gebe ich zu.</p> 
                </sp>
                <sp> <pb ed="pga" xml:id="p089" rend="noPipe"/> <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Das macht einen Unterschied aus. Es ist nicht ganz das gleiche. Womit ich nicht gesagt haben will, daß es nicht auch sehr fatal ist, wenn man schwach ist. Man soll auch nicht schwach sein! Irgendwo in der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Dogmatik</bibl> steht ja auch der Satz: Dummheit ist auch <term type="Begriffe1" key="468">Sünde</term> und <term type="Begriffe" key="468">Sünde</term> ist auch Dummheit.<note xml:id="n89"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/2, S. 462</bibl>: <term type="Begriffe" key="468">«Sünde</term> ist auch <hi rend="italic">Dummheit</hi> und Dummheit ist <hi rend="italic">auch</hi> <term type="Begriffe" key="468">Sünde</term>.»</note> Also bitte, das gilt schon auch.</p>
                </sp> 
            </div> 
            <div>
                <head type="sub"> 6. Verantwortlichkeitstaufe</head>
                <sp><speaker>(*Frage:</speaker> 
                <p>Das <term type="Begriffe" key="472,22">Tauf-</term> und <term type="Begriffe" key="260">Konfirmationsproblem</term> wird für uns in der Praxis unseres <term type="Begriffe" key="244">kirchlichen</term> Handelns immer bedrängender. Es gibt Brüder, die meinen, dieses Problem könne nur durch ein zuchtvolles Handeln bei der <term type="Begriffe" key="472,14">Kindertaufe</term> gelöst werden. Es gibt andere Brüder, die meinen, daß, nachdem die <term type="Begriffe" key="472">Taufe</term> durch die Praxis der <term type="Begriffe1" key="472,14">Kindertaufe</term> bis ins Unkenntliche hinein verdunkelt worden sei, die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> grundsätzlich zur <term type="Begriffe" key="472,8">Erwachsenentaufe</term> zurückkehren müsse. Es gibt drittens Brüder, die meinen, durch eine Verlegung der <term type="Begriffe" key="260">Konfirmation</term> in ein späteres Lebensalter und durch einen völlig anderen Aufbau des <term type="Begriffe" key="503,1">Konfirmandenunterrichtes</term> wäre dem Übel auf lange Sicht beizukommen. Welchen Rat können Sie uns geben?*)</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Also, ich will vielleicht zunächst einfach meine Meinung zu dem dreifachen Angebot dieser dreierlei «Brüder» sagen. Da würde ich sagen: Ich halte es grundsätzlich mit den Brüdern II: «Es gibt andere Brüder, die meinen …». Wobei nun [zu beachten ist] (es ist [hier] so formuliert: daß «die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term>» grundsätzlich zur <term type="Begriffe" key="472,8">«Erwachsenentaufe</term> zurückkehren müsse»): Ich habe nicht gern den Ausdruck <term type="Begriffe" key="472,8">«Erwachsenentaufe</term>». Es geht um die Frage der <term type="Begriffe" key="472,22">Verantwortlichkeit</term> sowohl der taufenden <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> wie der zu <term type="Begriffe1" key="472">taufenden</term> künftigen <term type="Begriffe" key="68,9">Christen - </term> [darum,] daß beides[, <term type="Begriffe1" key="472">Taufen</term> und Getauftwerden,] in Verantwortlichkeit gemacht wird und nicht sozusagen unbesehen. [Es dürfte nicht geschehen,] daß die <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> einfach sagt: Da sind die Eltern; die haben ein Kind; die Eltern gehören zur <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde;</term> also gehört das Kind auch dazu. Und das Kind wird gar nicht erst gefragt, und dann ist die ganze Frage der Verantwortlichkeit bei der <term type="Begriffe" key="472">Taufe</term> ausgelöscht. Das geht so nicht.</p> 
                <p> <pb ed="pga" xml:id="p090" rend="noPipe"/> Wie man nun auch <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.3 Röm.6.4">Römer 6[,3f.]</ref> usf. auslege, aber nach allem, was wir im Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> über <term type="Begriffe" key="472,3">Taufhandlungen</term> lesen, angefangen vor allem mit der <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>taufe am <placeName ref="kbga-places-926">Jordan</placeName> [bis hin zu den] verschiedenen Taufvorgängen in der Apostelgeschichte<note xml:id="n90"><ref type="can" subtype="bible" target="Act.2.37 Act.2.41">Act. 2,37-41</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Act.8.26 Act.8.40">8,26-40</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.17 Act.9.19">9,17-19</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Act.10.44">10,44</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Act.10.48">48</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Act.16.31 Act.16.31">16,31-34</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Act.19.1 Act.19.7">19,1-7</ref>.</note> - überall ist deutlich erkennbar, daß sowohl die Taufenden wie die Getauften wissen, was sie tun. Es wird nicht einfach drauflosgetauft. Man läßt sich nicht einfach nur so über seinen eigenen Kopf weg taufen, sondern es wird [vom Täufling nach der <term type="Begriffe" key="472,17">Taufe</term>] gefragt. Es wird das <term type="Begriffe1" key="119">Evangelium</term> <term type="Begriffe2" key="513">verkündigt;</term> es heißt, daß da Leute sind, die glauben - ja, was mag das wohl heißen? -, aber die dann sagen: «Was hindert’s, daß ich getauft werde?»<note xml:id="n91">Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.8.36">Act. 8,36</ref>.</note>, und dann heißt es: Ja, gut! Daraufhin werden sie getauft.</p>
                <p> Dieses Verständnis scheint mir das einzig mögliche, wenn die <term type="Begriffe" key="472">Taufe</term> nicht durch weitere Jahrhunderte hindurch verwildern soll - wobei es nun nicht darauf ankommt, ob der Täufling ein Erwachsener oder ob er vielleicht 10 oder 12 Jahre alt ist, sondern es kommt darauf an, daß der Täufling getauft werden möchte, und zwar weil er sagt und zwar von sich aus sagt: Ich glaube, und also möchte ich zur <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> gehören! - [und] daß das dann von seiten der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> anerkannt wird; und jetzt tauft sie ihn daraufhin. [Es kommt darauf an,] daß dieses gemeinsame Tun - denn die <term type="Begriffe" key="472">Taufe</term> ist ein gemeinsames Tun: von <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> und Täufling - auf den Boden eines freien Bedenkens und Handelns erhoben wird - heraus aus dieser düsteren, dunklen Atmosphäre, wo niemand so recht weiß, was eigentlich passiert. Der Täufling weiß es einmal sicher nicht. Und ich glaube, der Pfarrer weiß es auch nicht, und die Paten wissen es nicht, und die <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde,</term> die da herum steht und Lieder singt, weiß es auch nicht. In dieser - ich will nicht mal sagen: mystischen, aber mehr doch halbwegs magischen Stimmung wird da etwas gemacht, und dann wird gelesen: «Lasset die Kindlein zu mir kommen …» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.14">Mk. 10,14</ref>], obwohl das gar nichts mit <term type="Begriffe" key="472">Taufe</term> zu tun hat und die berühmte Stelle aus <ref type="can" subtype="bible" target="Act.2.39">Acta 2[,39]</ref> auch nicht: «Euer und eurer Kinder ist diese <term type="Begriffe" key="512">Verheißung</term>». Und jetzt wird einfach weitergemacht und gemacht, und die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> wird wirklich verwässert, buchstäblich verwässert - vertaufwässert! Und dann beklagt man sich nachher darüber, daß die <term type="Begriffe" key="244,24">Volkskirche</term> so eine traurige Angele<pb ed="pga" xml:id="p091" break="no"/>genheit sei, wo die Leute zwar dabei seien, und doch wollen sie gar nicht bekennen - von «<foreign xml:lang="lat">status <term type="Begriffe" key="44,8">confessionis»</term></foreign> gar nicht zu reden! Und die armen Tröpfe, wie soll man das von ihnen erwarten können, wo man sie ja gar nicht gefragt hat, als man sie da einfach in diesen Verein hereinholte oder hineintrug: hübsch in einem weißen Kleidchen, und hier die Patin und hier der Pate und nachher das schöne Essen, das man zusammen einnimmt - und der Herr <term type="Begriffe" key="366">Pfarrer</term>, der sich so freundlich über das Kindlein beugt und Wasser tröpfelt. Das ist ja alles schön und gut, aber das ist im Grunde - wir reden jetzt nicht von den <term type="Begriffe" key="241">Katholiken</term> - auch bei uns anderen, <term type="Begriffe" key="291">Lutheranern</term> und <term type="Begriffe1" key="398">Reformierten,</term> ein Stück stehengebliebener Magie, was wir da machen. Aus der Atmosphäre muß die Sache heraus. Und darum würde ich es also mit den Brüdern II halten.</p>
                </sp>
                <sp><speaker>Zwischenruf:</speaker> 
                <p>Grundsätzlich oder mit 99 Prozent?</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Grundsätzlich! Ja, das ist jetzt eine Frage der <term type="Begriffe" key="120">Exegese,</term> gelt. Ich kann natürlich meine <term type="Begriffe" key="120">Exegese</term> auch nur anbieten und sagen: Bitte, laßt uns miteinander das Neue <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> lesen! Wo findet ihr im Neuen Testament die Anleitung zu dem, was wir heute als <term type="Begriffe" key="472,14">Taufpraxis</term> haben? Also, vom <term type="Begriffe" key="196">Himmel</term> herunter kann ich das nicht sagen, nicht wahr. Insofern würde ich sagen: auf bessere Belehrung! Aber ich appelliere einfach an die <term type="Begriffe" key="424,3">Schrift</term> und an die <term type="Begriffe1" key="305">Menschen,</term> die die Schrift lesen wollen und respektieren und sich daran halten: kann man es denn eigentlich anders ansehen?</p>
                <p> Dann fängt das an, was man heutzutage das <term type="Begriffe" key="472,23">«Taufgespräch»</term> nennt, das ja kein Ende nehmen will - dieses furchtbare Taufgespräch, wo im Grunde alles immer wieder darauf herauskommt: wir wollen halt doch die <term type="Begriffe" key="472,14">Kindertaufe,</term> und wo man sich gar nicht klarmacht, daß diese <term type="Begriffe" key="472,14">Kindertauferei</term> eine Sache wirklich von Jahrtausenden ist. Es gibt kaum eine so tiefsitzende Gewohnheit und <term type="Begriffe" key="489">Tradition</term> wie das. Sie dürfen wahrscheinlich auch in <placeName ref="kbga-places-358">Württemberg</placeName> - von der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> nicht zu reden - ein arger Ketzer in bezug auf die heilige <term type="Begriffe" key="493">Trinität</term> sein. Sie dürfen <term type="Begriffe" key="415">Sabellianer</term> und <term type="Begriffe" key="661">Arianer</term> sein. (*Sie können mit dem <term type="Begriffe" key="662">Chalcedonense</term> umspringen, wie Sie wollen. Sie dürfen entmythologisieren, Sie dürfen existentialisieren.*) Was dürfen Sie nicht [alles]! Aber eines dürfen Sie nicht: Sie dürfen nicht gegen die <term type="Begriffe" key="472,14">Kindertaufe</term> sein. Denn das sitzt so fest, und sie wollen auch gar nicht [von ihr lassen]. Haben Sie schon bemerkt: haben Sie je schon aus den Reihen der <term type="Begriffe" key="61"><persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>ianer</term> <pb ed="pga" xml:id="p092"/> einen Protest gegen die <term type="Begriffe" key="472,14">Kindertaufe</term> gehört? Jemals? Fällt ihnen gar nicht ein! Es wird alles entmythologisiert, aber das nicht! (*Warum nicht? Weil das viel fester sitzt als die <term type="Begriffe" key="30,3">Auferstehung</term> Christi! Das ist gar keine Frage. Denn bei der <term type="Begriffe" key="30,3">Auferstehung</term> Christi braucht es den Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geist</term> und den <term type="Begriffe1" key="174,16">Glauben,</term> während*) die Einrichtung der <term type="Begriffe" key="472,14">Kindertaufe</term> einfach da ist, und zwar gewaltiger als die <placeName ref="kbga-places-1489">Berliner Mauer</placeName> oder als der <placeName ref="kbga-places-1492">Kölner Dom</placeName>. Das steht einfach in der Landschaft. Und davon sich auch nur in Gedanken freimachen oder auch nur ein Fragezeichen dazu setzen, da braucht es schon einen großen Heldenmut! - (*Das ist nur angedeutet.</p>
                </sp>
                <sp><speaker>Frage:</speaker> 
                <p>Wieweit sind die <term type="Begriffe" key="419">Sakramente</term> und die sogenannten Kasualien <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> und also voraussetzungslos jedem anzubieten, zuzuwenden und zu gewähren, und wieweit gehören sie zur Antwort des Glaubenden und zur Anwendung des <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term>? Wieweit sind sie also Gestalt und <term type="Begriffe" key="166">Gesetz,</term> auf das hin der <term type="Begriffe1" key="153">Gehorsam</term> des Glaubenden anzusprechen und zu behaften ist? Sprengen die rechte Sakramentsverwaltung und der legitime Kasualiendienst die <term type="Begriffe" key="244,24">volkskirchliche</term> Form?*)</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ich muß etwas sagen zur Zusatzfrage. Ich bin nämlich nicht ganz einig mit der Art, wie da die Frage gestellt wird: «Wieweit sind die <term type="Begriffe" key="419">Sakramente</term> und die sogenannten Kasualien <term type="Begriffe1" key="513">Verkündigung</term> und also voraussetzungslos jedem anzubieten, zuzuwenden und zu gewähren, und wieweit gehören sie zur Antwort des Glaubenden und zur Anwendung des <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term> … ?» Ich würde darauf antworten: Sie gehören ganz und gar zur Antwort. Aber natürlich [ist die <term type="Begriffe" key="472">Taufe</term>] Antwort nicht nur des Täuflings, sondern Antwort der [ganzen] <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde.</term> Was in der <term type="Begriffe1" key="472,10">Taufe</term> geschieht, was im <term type="Begriffe2" key="1">Abendmahl</term> geschieht, - aber jetzt würde ich sofort hinzufügen: auch was in der <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> geschieht, das alles ist Antwort. Das sind auch noch so merkwürdige Reste (heute morgen habe ich angespielt auf die Sache mit der: «<foreign xml:lang="lat">Praedicatio verbi divini est verbum divinum</foreign>»<note xml:id="n92">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/41/p045#fn_n02">S. 45­, Anm. 2</ref>.</note>), daß wir uns [immer] noch vorstellen: Wir könnten mit dem, was wir machen - ob es jetzt <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> oder <term type="Begriffe1" key="419">Sakrament</term> ist -, quasi die göttliche Anrede ins Werk setzen. Das können wir in keinster Weise. Und dann noch hinterdreinlaufen und die Leute dabei «behaften», wie es heute morgen <pb ed="pga" xml:id="p093"/> hieß, das gibt es gar nicht, sondern wir können gerade nur als <term type="Begriffe" key="545,1">Zeugen</term> dabei sein, wie Gott spricht. Und <term type="Begriffe1" key="545,1">Zeugen</term> sein, heißt dann allerdings: Antwort geben. Die ganze <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> der <term type="Begriffe1" key="244">Kirche</term> von oben bis unten ist eine einzige Antwort auf das Wort <term type="Begriffe" key="537,9">Gottes</term> - unter der <term type="Begriffe1" key="512">Verheißung</term> und in der <term type="Begriffe" key="200">Hoffnung,</term> daß (ob es jetzt <term type="Begriffe1" key="378">Predigt</term> ist oder <term type="Begriffe2" key="419">Sakrament</term> oder, was noch sonst in Frage kommt, <term type="Begriffe" key="503">Unterricht</term> usf.) …, daß in dieser Antwort als dem Echo auf das Wort <term type="Begriffe" key="537">Gottes</term> das Wort Gottes selber hörbar werde. Aber das ist nicht unsere Aufgabe, sozusagen dieses [Geschehen, auf das das] Echo [reagiert,] zu produzieren. [Das] können wir auch gar nicht. Das ist viel zu hoch gegriffen, sondern: ganz bescheiden Antwort geben! </p>
                <p> Und jetzt würde ich sagen: <term type="Begriffe" key="419">"Sakrament</term>" - ich mag das Wort nicht mehr; ich brauche es nicht mehr, wenn ich ernsthaft rede (das ist auch so merkwürdig eingedrungen in die christliche Sprache; dazu gehört auch eine tüchtige <term type="Begriffe" key="100">Entmythologisierung</term>), aber sagen wir jetzt der Kürze halber: "das <term type="Begriffe" key="419">Sakrament</term>"! -, der ganze Bereich kann sicher erst gesund werden, wenn wir uns darüber klar sind, daß von oben bis unten, von A bis Z die <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> und in der <term type="Begriffe1" key="156">Gemeinde</term> die Einzelnen, die zu der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> Hinzukommenden, die in der <term type="Begriffe1" key="156">Gemeinde</term> Lebenden da Antwort geben. Das tun sie unter der <term type="Begriffe" key="512">Verheißung</term>: "Wo zwei oder drei versammelt sind [in meinem Namen], da bin ich mitten unter ihnen" [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.20">Mt. 18,20</ref>]. Und an diese <term type="Begriffe" key="512">Verheißung</term> halten sie sich, - aber "da bin ich mitten unter ihnen": Er! Und alles kommt darauf an, daß sie strikte an Ihn denken, auf Ihn blicken, von Ihm <term type="Begriffe" key="545,1">zeugen,</term> Ihm die Ehre geben.</p>
                <p> Und dann ist das, was da getan wird[, dies]: «Ich taufe dich auf den Namen des <term type="Begriffe" key="181,25">Vaters</term> und des <term type="Begriffe" key="227,17">Sohnes</term> und des Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geistes</term>» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.28.19">Mt. 28,19</ref>]. Und der Name, das ist ja in der <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> die <term type="Begriffe" key="341">Offenbarung.</term> Jetzt sage ich dir das: Ich taufe dich … - im <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> an <term type="Begriffe1" key="181">Gott</term> den Vater, den Sohn und den Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geist</term> spreche ich dir das zu, als ein <term type="Begriffe" key="545,3">Zeugnis.</term> Und der andere, der Täufling, darf das hören und entgegennehmen, wiederum als <term type="Begriffe" key="512">Verheißung.</term> Und sein Entgegennehmen ist selbst ein Stück Antwort - nicht auf das, was der <term type="Begriffe" key="366">Pfarrer</term> da sagt, sondern auf das, was <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> sagt und was nun auch der Pfarrer und nun auch er gehört hat.</p>
                <p> (*Und dann im <term type="Begriffe" key="1">Abendmahl</term>: «Das ist mein Leib und das ist mein Blut» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.26">Mt. 26,26</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.28">28</ref>]. Was? Dieses Zusammensein der Christen im <pb ed="pga" xml:id="p094"/> <term type="Begriffe" key="1">Abendmahl,</term> wo sie miteinander essen und trinken, eingeladen von Ihm - das nun als Spitze christlichen <term type="Begriffe" key="183">Gottesdienstes</term> -, diese Handlung, dieses gemeinsame Essen und Trinken, dieses intime nicht nur Beieinander-, sondern Miteinandersein, «das ist mein Leib, das ist mein Blut».</p>
                <p> Es geht nicht darum, die <term type="Begriffe" key="472">Taufe</term> und das <term type="Begriffe1" key="1">Abendmahl</term> zu entleeren, sondern sie in der rechten Weise zu füllen - und gerade zu füllen, indem man auf das Handeln der <term type="Begriffe" key="156,15">Gemeinde</term> und der einzelnen Christen blickt. Ich würde jetzt nicht so viel Gewicht legen auf den <term type="Begriffe" key="174">Glauben.</term> Ich habe das Wort <term type="Begriffe1" key="174">Glauben</term> jetzt gar nicht ausgesprochen, weil wir gegenwärtig einen so gräßlichen Unfug mit dem Wort <term type="Begriffe" key="174">«Glauben</term>» [erleben]<note xml:id="n93"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat hier etwa die <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> <persName ref="kbga-actors-103">G. Ebelings</persName> vor Augen, wie sie zum Ausdruck kommt in dessen Buch: <bibl corresp="kbga-bibls-5531"><hi rend="italic">Das Wesen des christlichen <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term></hi>, Tübingen 1959</bibl>. Vgl. dort S. 16: «Das Entscheidende am <term type="Begriffe" key="70">Christentum</term> ist der <term type="Begriffe" key="174">Glaube</term>». In einem Brief an <persName ref="kbga-actors-103">Ebeling</persName> schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am 29.7.1959 (<ref type="kba-objects-id" target="66716">KBA 9259.118</ref>): «Im Rahmen einer isolierten Lehre vom <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> läßt sich, was <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> wollte, nicht besser machen.» «Ihrem <term type="Begriffe" key="174">‹Glauben</term>› <hi rend="italic">fehlt</hi> - ich habe mich überall vergeblich danach umgesehen - der <hi rend="italic">Gegen-Stand</hi> eines persönlichen Gegenübers. Daß er wesenhaft keinen solchen haben dürfte, finde ich zwar überall vorausgesetzt und öfters behauptet, aber nirgends begründet. Von der Voraussetzung her, daß der chr[istliche] <term type="Begriffe" key="174">Glaube</term> es nicht mit einem armen, sondern mit einem reichen Gott zu tun hat, könnte ich übrigens nicht einmal das zugeben, daß er jedenfalls keine ‹Gegenstände› haben dürfte. Da Jesus <term type="Begriffe" key="227">Christus</term>, <term type="Begriffe" key="181">Gott</term>, sein <term type="Begriffe" key="537">Wort</term>, der Hl. <term type="Begriffe" key="154">Geist</term> usw. nach Ihnen gerade nur als Prädikate oder Exponenten des <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term> in Betracht zu ziehen sind, erscheint dieser in Ihrer Darstellung als eine sich selbst hervorbringende u[nd] genügende <hi rend="italic">Hypostase.</hi> Er ist nicht nur - um jenen übermütigen Ausdruck <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> zu brauchen [vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5531">G. Ebeling, a.a.O., S. 234</bibl>] - <foreign xml:lang="lat">creatrix divinitatis</foreign>, sondern, wie sollte es anders sein?, selber die wesende <foreign xml:lang="lat">divinitas</foreign>. Darum kann und muß er sich denn auch so totalitär geben, wie er es in Ihrer Darstellung tut: <term type="Begriffe" key="423">Schöpfung</term>, <term type="Begriffe" key="516">Versöhnung</term>, <term type="Begriffe" key="109">Erlösung</term>, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem Nu in sich verschlucken - kann und darf er weder eine frei waltende und sich offenbarende <term type="Begriffe" key="177">Gnade</term> <hi rend="italic">über</hi> sich, noch auch nur die <term type="Begriffe" key="284">Liebe</term> und die <term type="Begriffe" key="200">Hoffnung</term> <hi rend="italic">neben</hi> sich dulden.» Vgl. außerdem:<bibl corresp="kbga-bibls-1709"> <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Das christliche Leben. Die Kirchliche <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></hi> <hi rend="italic">IV/4, Fragmente aus dem Nachlaß. Vorlesungen 1959-1961</hi> (Gesamtausgabe, Abt. II), hrsg. von H.-­A. Drewes und E. Jüngel, Zürich 1999, <ref type="pub" target="../volume/07/p059#fn_n20">S. 59-61, Anm. 20</ref></bibl>.</note>. Es ist ja furchtbar, was sie mit dem <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> alles machen! Natürlich, der <term type="Begriffe" key="174">Glaube</term> gehört auch dazu, aber ich würde [hier] den Nachdruck auf das Handeln der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> und der Chri<pb ed="pga" xml:id="p095" break="no"/>sten legen,  was dann auch ein <term type="Begriffe" key="156,15">Handeln</term> im Wort ist und natürlich auch ein Handeln im <term type="Begriffe" key="174">Glauben,</term> in der <term type="Begriffe1" key="284">Liebe</term> und in der <term type="Begriffe2" key="200">Hoffnung.</term> Dieses Handeln ist die Antwort. Und wenn es <term type="Begriffe" key="512">Verheißung</term> hat, ist es keine leere Sache und geht es da nicht einfach so um «Symbole», sondern um Realität, aber um eine Realität, die der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> zukommt, nicht so eine halb-göttliche oder gar voll-göttliche Realität. Da fängt immer die Dunkelheit an, wenn wir den lieben <term type="Begriffe" key="181,20">Gott</term> spielen wollen, sei es auf der Kanzel oder am <term type="Begriffe" key="1">Abendmahlstisch</term>  oder am Taufstein. Wir haben nicht den lieben Gott zu spielen, sondern wir haben als <term type="Begriffe1" key="305,15">Menschen,</term> als die Gerufenen zu antworten und <term type="Begriffe" key="153">gehorsam</term> zu sein. Und dann ist dieser <term type="Begriffe" key="153">Gehorsamsakt</term> die Realität des Lebens der <term type="Begriffe1" key="275,5">Kirche.</term> </p>
                <p> Allerdings kommt alles darauf an, daß man versteht: es ist da einer, der ruft, und es ist da einer, dem wir zu gehorchen und zu antworten haben. Da bin ich nun so froh über das Buch von <persName ref="kbga-actors-1620">Helmut Gollwitzer</persName> «Die <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> <term type="Begriffe" key="181,22">Gottes</term> im <term type="Begriffe2" key="44,3">Bekenntnis</term> des <term type="Begriffe1" key="174">Glaubens</term>»<note xml:id="n94"><bibl corresp="kbga-bibls-5639"><persName ref="kbga-actors-1620">H. Gollwitzer</persName>, <hi rend="italic">Die <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term></hi> <hi rend="italic">Gottes im <term type="Begriffe" key="44,4">Bekenntnis</term></hi> <hi rend="italic">des <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term></hi> (BEvTh 34), München 1963.</bibl></note>, daß er das diesem ganzen Verein gegenüber herausgearbeitet hat. Da hören wir fortwährend das Argument, man müsse Schluß machen mit dem <term type="Begriffe" key="464">Subjekt-Objekt-Schema.</term><note xml:id="n95">Die Überwindung des in der <term type="Begriffe" key="422">Scholastik</term> entstandenen und durch <persName ref="kbga-actors-2710">Descartes</persName> neu interpretierten «Schemas» (vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-5640">H. Noack, Art. «Subjektivismus und Objektivismus», in: EKL III, Sp. 1187–1189</bibl>) wurde in der <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> der neueren <term type="Begriffe" key="541,6">Zeit</term> in verschiedenem Sinn gesucht: durch <bibl corresp="kbga-bibls-5342"><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, <hi rend="italic">Wahrheit als Begegnung</hi>, Berlin 1938</bibl>, durch <persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmanns</persName> Verwahrung gegen die Objektivierbarkeit der Glaubensaussagen (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5641"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Neues Testament und <term type="Begriffe" key="321">Mythologie</term></hi> (1941), in: <hi rend="italic">KuM I</hi>, hrsg. von H.-­W. Bartsch, Hamburg 1948, S. 15-53</bibl>), durch <bibl corresp="kbga-bibls-5642"><persName ref="kbga-actors-934">M. Buber</persName>, <hi rend="italic">Die</hi> <hi rend="italic">Schriften</hi> <hi rend="italic">über</hi> <hi rend="italic">das</hi> <hi rend="italic">Dialogische <term type="Begriffe" key="383">Prinzip</term></hi>, Heidelberg 1954 (1961)</bibl>, durch <bibl corresp="kbga-bibls-1589"><persName ref="kbga-actors-76">Fr. Buri</persName>, <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="90">Dogmatik</term></hi> <hi rend="italic">als Selbstverständnis des christlichen <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term></hi>, Bern/Tübingen Bd. I: 1956, Bd. II: 1962, Bd. III: 1978</bibl>, durch <bibl corresp="kbga-bibls-5643"><persName ref="kbga-actors-695">J. Moltmann</persName>, <hi rend="italic">Theologie der <term type="Begriffe" key="200,1">Hoffnung</term></hi>, München 1964</bibl>, usw.</note> Dummes Zeug! Es geht [gar] nicht um «Subjekt» und «Objekt», aber es geht um Gott und den <term type="Begriffe1" key="305,15">Menschen</term> in ihrer Begegnung, um die <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> Gottes, um die Wirklichkeit <term type="Begriffe2" key="181,26">Gottes</term> in seinem Reden und Tun. Ich bin nicht wegen der <term type="Begriffe" key="100">Entmythologisierung</term> so wütend auf diese ganze Rotte <persName ref="kbga-actors-3693">Korah</persName><note xml:id="n96"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezeichnete damit öfters - in Anspielung auf <ref type="can" subtype="bible" target="Num.16">Num. 16</ref> - die Vertreter der <term type="Begriffe" key="121,1">existentialistischen</term> <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term>, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1378">Br. 1961-1968, <ref type="pub" target="../volume/06/p157#p157">S. 157</ref>.<ref type="pub" target="../volume/06/p222#p222">222</ref>.<ref type="pub" target="../volume/06/p254#p254">254</ref>.<ref type="pub" target="../volume/06/p297#p297">297</ref></bibl>.</note>, sondern weil sie das Sub<pb ed="pga" xml:id="p096" break="no"/>jekt<note xml:id="n97"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>  bezeichnet <term type="Begriffe" key="181,22">Gott</term> hier also nicht als «Objekt». Wenn er zwar den <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> versteht als «Öffnung der menschlichen <term type="Begriffe" key="305,15">Subjektivität</term> <hi rend="italic">durch</hi> die Objektivität des göttlichen Er und <hi rend="italic">für</hi> diese Objektivität» (<bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/1, S. 13</bibl>), so betont er jedoch: «Wir haben <term type="Begriffe" key="181,22">Gott</term> wohl als Gegenstand; wir haben ihn aber nicht so, wie wir andere Gegenstände haben», über die wir verfügen können (a.a.O., S. 21); denn <term type="Begriffe" key="106,3">«Erkenntnis</term> Gottes ist […] nicht die Beziehung eines schon zuvor vorhandenen <term type="Begriffe" key="464">Subjektes</term> zu einem in seinen Bereich tretenden und damit den Gesetzen dieses Bereiches unterworfenen Objekt» (a.a.O., S. 22). Insofern kann <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auch sagen: <term type="Begriffe" key="181,22">Gott</term> ist das «Subjekt der Offenbarung» und wird «nie zum Prädikat oder Objekt unseres Seins und Handelns» (KD I/2, S. 1). </note> wegnehmen wollen - die Person Gottes, die «<foreign xml:lang="lat">Dei loquentis persona</foreign>», wie <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> gesagt hat<note xml:id="n98"><bibl corresp="kbga-bibls-16">Institutio I 7,4</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Summa Scripturae probatio passim a Dei loquentis persona sumitur</foreign>.»</note> -, [so] daß diese verdampft und dann aufgeht im <term type="Begriffe" key="174">Glauben;</term> und schließlich werden wir aufgefordert, an unseren <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> zu glauben.<note xml:id="n99"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> kann zwar auch sagen: «Wie wir das Wort <term type="Begriffe" key="537">Gottes</term> selbst glauben dürfen und müssen, […] so auch unseren <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> an das Wort» (<bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/1, S. 256</bibl>); aber er sagt es in Abgrenzung gegen den Versuch, «das Bewußtsein unseres bekannten Ich auf seinen Gehalt an Wort <term type="Begriffe" key="537">Gottes</term> zu untersuchen» (ebd.), und also zur Unterstreichung der gänzlichen Abhängigkeit des <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term> vom Wort <term type="Begriffe" key="537">Gottes</term>.</note> Das ist heller Unfug.</p>
                <p> Jetzt bin ich selbst auf diese Fragen gekommen, aber sie gehören hierher zum <term type="Begriffe" key="419">Sakrament</term> und zur <term type="Begriffe1" key="513">Verkündigung.</term> Es ist wichtig, daß man <term type="Begriffe" key="419">Sakrament</term> und <term type="Begriffe1" key="513">Verkündigung</term> [auf dem Nenner der «Antwort»] zusammensieht, und zwar darum, weil wir ein Gegenüber haben: «Siehe, da bin ich mitten unter ihnen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.20">Mt. 18,20</ref>; vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.28.20">28,20</ref>] - Ich, nicht irgendwie eine Hypostase des <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term>!*)</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-6104">Röhm</persName>:</speaker> 
                <p>Herr Professor, ich bin Ihnen sehr dankbar, gerade auch für diese letzten Worte, und ich bin, schon von früheren Äußerungen von Ihnen her, Ihnen dankbar für das, was Sie zur <term type="Begriffe" key="472">Taufe</term> gesagt haben. Darum erlauben Sie mir eine kurze Bemerkung noch zum letzteren. Es geschehen ja auch da Zeichen und <term type="Begriffe" key="538">Wunder,</term> würde ich einmal sagen, daß selbst in diesem Dampf noch, von dem Sie sprachen, so etwas wie <term type="Begriffe" key="120">exegetische</term> Entdeckung möglich ist. Sie haben sich sehr ausführlich erkundigt nach der Landschaft in <placeName ref="kbga-places-358">Württemberg</placeName> … Nun, ich kenne in <placeName ref="kbga-places-358">Württemberg</placeName> einige junge <term type="Begriffe" key="366">Pfarrer</term>, die jetzt bereits begonnen haben, ihre Kinder nicht als Säuglinge taufen zu lassen. Und es ist mir dabei aufgefallen, daß einige von ihnen, will ich einmal sagen, <term type="Begriffe" key="39">Basler</term> Schüler sind, andere - etwa 50 %, das verteilt sich gerade - <term type="Begriffe" key="663">Marburger</term> Schüler.</p>
                </sp>

                <sp> <pb ed="pga" xml:id="p097" rend="noPipe"/> <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ah ja!</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-6104">Röhm</persName>:</speaker>
                <p> … sehr eindeutig. Und man muß einmal sehen, daß hier an diesem Punkt erfreulicherweise ein gemeinsames Ziehen an einem Strang ist, von wenigen freilich. Ich möchte da vielleicht auf eine Sache hinweisen: Die <orgName ref="kbga-actors-8276">Tübinger Fakultät</orgName> hat im Jahr 1950 einmal für unsere <term type="Begriffe" key="244,28">Landeskirche</term> ein Gutachten ausarbeiten müssen, und in diesem Gutachten zur Tauffrage kommen immerhin Sätze vor, die durchaus auch in der Kirchlichen <bibl corresp="kbga-bibls-2">Dogmatik</bibl> stehen könnten; und das wurde nachher in der «<orgName ref="kbga-actors-4524">Zeitschrift für Theologie und Kirche</orgName>» veröffentlicht<note xml:id="n100"><bibl corresp="kbga-bibls-5644"><hi rend="italic">Gutachten der Evang.-theol. Fakultät der Universität Tübingen über Fragen der Taufordnung</hi>, in: ZThK, Jg.47 (1950), S. 265-275.</bibl> - Vgl. dazu auch schon <bibl corresp="kbga-bibls-985"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Kirche und Lehre im Neuen Testament</hi>, in: <hi rend="italic">Glauben und Verstehen</hi>, Ges. Aufsätze, Bd. I, Tübingen 1964, S. 153-187, dort S. 167f.</bibl>: «Als Akt des <term type="Begriffe" key="153">Gehorsams</term> ist das <term type="Begriffe" key="419">Sakrament</term> zum Heile wirksam.» «Denn für den Empfang der <term type="Begriffe" key="472">Taufe</term> ist der <term type="Begriffe" key="174">Glaube</term> die Voraussetzung, dieser aber ist <term type="Begriffe" key="44">Bekenntnis</term>». «Dies in der Taufe vollzogene <term type="Begriffe" key="44,9">Bekenntnis</term> zum Herrn bzw. zur Heilstatsache ist ein Akt des <term type="Begriffe" key="153">Gehorsams</term>; der <term type="Begriffe" key="174">Glaube</term> ist <term type="Begriffe" key="153">Gehorsam</term>.»</note>. Der Hauptredaktor dieser Arbeit damals war - nun, ich muß den Namen jetzt aussprechen, Professor <persName ref="kbga-actors-103">Ebeling</persName>. </p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> Ah ja! ah ja!</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-6104">Röhm</persName>:</speaker> 
                <p>Und deswegen <term type="Begriffe" key="134">freue</term> ich mich so, daß ich heute hier Dinge höre, die beide in der Konsequenz durchaus gemeinsam sagen könnten … </p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, ja, ich verstehe. - Sie haben jetzt also da eine praktische Frage angerührt: wegen dem <term type="Begriffe" key="472,14">Taufen</term> von <term type="Begriffe" key="366,3">Pfarrerskindern</term>. Das ist ja an verschiedenen Orten, nicht nur in <placeName ref="kbga-places-358">Württemberg</placeName>, schon praktiziert worden, daß da und dort ein Pfarrer gesagt hat: Ich fange jetzt einmal mit meinen eigenen Kindern an[, sie nicht mehr als Säuglinge zu <term type="Begriffe" key="472,14">taufen</term>]. Ich weiß noch [solche] Fälle in <placeName ref="kbga-places-697">Westfalen</placeName>, die dort vorgekommen sind oder im Gang sind. Da ist es mir passiert, daß einmal hintereinander - zuerst so ein Pfarrer [bei mir] war, der nicht mehr taufen wollte, und 14 Tage später kam der Herr Präses <persName ref="kbga-actors-1965">Wilm</persName><note xml:id="n101">Im Januar 1963 besuchten nacheinander Pfarrer <persName ref="kbga-actors-1862">Dieter Schellong</persName>, der sein viertes Kind nicht mehr als Säugling taufen wollte, und Präses <persName ref="kbga-actors-1965">Ernst Wilm</persName> <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> in seiner Wohnung. <persName ref="kbga-actors-1965">Ernst Wilm</persName>, 1949-1968 Präses der westfälischen <term type="Begriffe" key="244,28">Landeskirche</term>, wurde während des Krieges verhaftet und in das <placeName ref="kbga-places-830">KZ Dachau</placeName> eingeliefert: «So kam meine Verhaftung durch die <orgName ref="kbga-actors-8298">Gestapo</orgName> am 23. Januar 1942 wegen meiner Stellungnahme zu der Tötung der Geisteskranken und die Verbringung erst ins <term type="Begriffe" key="667">Bielefelder</term> Polizeigefängnis und dann ins <term type="Begriffe" key="263">Konzentrationslager</term> <term type="Begriffe" key="666">Dachau</term>.» (<bibl corresp="kbga-bibls-5645"><persName ref="kbga-actors-1965">E. Wilm</persName></bibl>).</note>, tief klagend <pb ed="pga" xml:id="p098"/> über diesen Pfarrer, der sich also nicht an die <term type="Begriffe" key="248">Kirchenordnung</term> halten wollte; und [er] fragte mich nun, was auch da geschehen könnte, und zeigte sich ziemlich entschlossen, diesen Pfarrer rauszuschieben … Leider! Leider! Ich war eigentlich erschrocken, daß Präses <persName ref="kbga-actors-1965">Wilm</persName> … Aber das ist öfters vorgekommen, daß ehemalige <term type="Begriffe" key="297">Märtyrer,</term> wenn sie [nachher in ein höheres] <term type="Begriffe" key="9,6">Amt</term> kommen, besonders scharf werden. Das kann geschehen.</p>
                <p> Nun also, was ist dazu zu sagen? Ich habe das auch aus nächster Nähe in meiner <term type="Begriffe" key="38,28">Familie</term> erlebt - das ist jetzt schon lange her -, [als] meine Großkinder so nach und nach auf die Welt kamen: da draußen in <placeName ref="kbga-places-721">Bubendorf</placeName>, wo mein Sohn <persName ref="kbga-actors-24">Markus</persName> damals residierte, der jetzt in <placeName ref="kbga-places-98">Chicago</placeName> ist und jetzt nach <placeName ref="kbga-places-1494">Pittsburgh</placeName> geht.<note xml:id="n102"><persName ref="kbga-actors-24">Markus Barth</persName> (1915–1995), war von 1940-1953 Pfarrer in <placeName ref="kbga-places-721">Bubendorf</placeName> (Baselland), dann Professor für Neues <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> in <term type="Begriffe" key="668">Dubuque</term> (Iowa) von 1953-1956, in Chicago von 1956 bis 1963, in <placeName ref="kbga-places-1494">Pittsburgh</placeName> von 1963 bis 1973, seither lehrte er an der Universität <term type="Begriffe" key="39,2">Basel</term>.</note> Und da sind die zwei ersten Kinder auf die Welt gekommen (das sind jetzt schon große Menschen, beide über 20), und obwohl auch der <persName ref="kbga-actors-24">Markus</persName> wußte, wie ich zur <term type="Begriffe" key="472">Taufe</term> stehe<note xml:id="n103"><bibl corresp="kbga-bibls-5646"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Die kirchliche Lehre von der Taufe</hi> (ThSt 14), Zollikon-Zürich 1943.</bibl> Darin bestreitet <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> das theologische <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> der <term type="Begriffe" key="472,14">Säuglingstaufe</term>.</note>, hat er dann doch gesagt: «Ach Papa, willst du nicht an dem Sonntag in <placeName ref="kbga-places-721">Bubendorf</placeName> predigen und dann vielleicht diese Kinder taufen?» Und dann habe ich das Kind 1 und das Kind 2 meines Sohnes getauft. Unterdessen ist die theologische Entwicklung meines Sohnes weitergeschritten.<note xml:id="n104"><bibl corresp="kbga-bibls-5647"><persName ref="kbga-actors-24">M. Barth</persName>, <hi rend="italic">Die Taufe - ein Sakrament?</hi>, Zollikon-Zürich 1951.</bibl> Darin geht er insofern über die Tauflehre des Vaters von 1943 (vgl. <ref type="pub" target="#fn_n103">Anm. 103</ref>) hinaus, als er auch das Verständnis der <term type="Begriffe" key="472">Taufe</term> als eines <term type="Begriffe" key="419">Sakramentes</term> bestreitet.</note> Und wie dann das dritte Kind fällig war, hat er zu mir gesagt: «Das geht doch eigentlich so nicht weiter! Also, du bist gegen die <term type="Begriffe" key="472,14">Kindertaufe,</term> ich und meine <persName ref="kbga-actors-1456">Frau</persName>» - also meine Schwiegertochter - «sind auch gegen die <term type="Begriffe" key="472,14">Kindertaufe.</term> Und das Kind wird doch getauft. Und du taufst es noch! Das geht ja so nicht weiter.» Also wurde beim dritten Kind haltgemacht, so daß jetzt dort von fünf Kindern zwei getauft und drei ungetauft sind. Und ich glaube, an mehreren Orten ist ganz Ähnliches geschehen, daß auch mitten in der Reihe der Abbruch erfolgt ist.</p> 
                <p> <pb ed="pga" xml:id="p099" rend="noPipe"/> Nun fragt es sich, ob das eigentlich der Weg ist. Ich habe natürlich mit meinem <persName ref="kbga-actors-24">Sohn</persName> damals geredet und habe ihm gesagt: «Ja, wenn du es so formulierst, so muß ich dir ja wohl recht geben.» Aber man könnte sich ja fragen, ob es nicht besser wäre, sozusagen auf die <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> zu warten mit solchen Schritten und nun nicht im Pfarrhaus eine neue <term type="Begriffe" key="349,2">Ordnung</term> einzuführen, sondern <term type="Begriffe1" key="148">geduldig</term> an die <term type="Begriffe2" key="503,3">Unterrichtung</term> der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> damit zu gehen, wobei man es vielleicht nicht erlebt, daß man damit durchdringt - wahrscheinlich nicht. Aber irgendwo muß das anfangen: ein <term type="Begriffe" key="148">geduldiger</term> Unterricht der <term type="Begriffe2" key="156">Gemeinde</term> auf der Basis, die ich vorhin versucht habe anzudeuten, [so] daß dann langsam diese ungeheuer mächtige <term type="Begriffe" key="489">Tradition</term> unterhöhlt wird und aus der <term type="Begriffe1" key="156">Gemeinde</term> heraus die Frage kommt: Geht das eigentlich weiter mit [dem <term type="Begriffe" key="472">Taufen</term> von] diesen Wickelkindern? Das Beispiel des Pfarrers [hingegen] ändert gewöhnlich nichts an der Sache. Mein <persName ref="kbga-actors-24">Sohn</persName> dort in <placeName ref="kbga-places-721">Bubendorf</placeName> hat natürlich gemeint, wenn er jetzt vorangehe, dann werden vielleicht andere auch tun, was er tat, und hat immer den <term type="Begriffe" key="503,3">Taufunterricht</term> sehr ernst genommen und hat den Eltern die Lage erklärt und hat ihnen gesagt: «Also, es ist <term type="Begriffe" key="248">Kirchenordnung,</term> daß das Kind getauft <term type="Begriffe" key="472,14">wird</term>. Ich werde es auch taufen. Aber ich möchte euch zu bedenken geben, ob es nicht besser wäre, wenn ihr es vorläufig nicht tätet.» Es ist kein einziges Kind in <placeName ref="kbga-places-721">Bubendorf</placeName> nicht getauft worden, trotz des sicher vortrefflichen <term type="Begriffe" key="503">Taufunterrichts,</term> den mein <persName ref="kbga-actors-24">Sohn</persName> ihnen dort gegeben hat. Warum? Man kann nicht eine so gewaltige <term type="Begriffe" key="489">Tradition</term> innerhalb von ein paar Jahren angreifen und umstürzen. Und [darum] ist dieses Unternehmen, im Pfarrhaus jetzt die neue Situation zu schaffen, vielleicht ein bißchen abenteuerlich, vielleicht ein bißchen ein Vorstoß, der besser nicht gemacht werden würde.</p>
                <p>Ich möchte damit jetzt aber nicht den Geist gedämpft haben. Wenn irgendwelche unter Ihnen sind, die sich vielleicht schon im Stillen gesagt haben: «Ich mach’s nicht mehr, bei meinen Kindern jedenfalls nicht!», dann würde ich sagen: «Ja also, wenn du es nicht kannst (wie es bei meinem <persName ref="kbga-actors-24">Sohn</persName> der Fall war), dann mußt du es auch nicht tun - man soll nichts gegen sein <term type="Begriffe" key="172">Gewissen</term> tun -, dann laß es! Aber meine nicht, daß damit die ganze Tauffrage ins Rollen gebracht würde, daß du jetzt das tust! Du mußt vielleicht jetzt isoliert deinen Weg gehen.» - Das habe ich auch dem Pfarrer aus <placeName ref="kbga-places-697">Westfalen</placeName> gesagt. Und dann habe ich auch dem Präses <persName ref="kbga-actors-1965">Wilm</persName>, wie er mich verlassen hat, noch auf der <pb ed="pga" xml:id="p100"/> Treppe vor meinem Haus nachgerufen: «Dämpfet den Geist nicht!» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Thess.5.19">1.Thess. 5,19</ref>]. Denn ich habe den Eindruck gehabt, er wollte den Geist dämpfen, allen Ernstes. Das darf nicht geschehen. Und wenn man je den Geist dämpfen wollte, der vielleicht nun die einen oder anderen in diese Richtung treibt, dann müssen Sie sich wehren, dann müssen Sie zur Sache stehen und müssen Sie es tun, - aber vielleicht auch das nicht allzu programmatisch. Sie sehen, ich bin auf der ganzen Linie gegen das Programmatische - und also auch in dieser Sache.</p> 
                <p> Aber das habe ich alles nur gesagt, weil Sie diese praktische Frage aufgerollt haben, wobei es mich sehr interessiert hat, daß es da schon so eine genaue Statistik gibt, daß man das also schon unterscheiden kann: Pfarrer, die aus <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> kommen, und Pfarrer, die aus <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> kommen, und daß sie sich fifty-fifty in dieser Sache verhalten. Es freut mich bei diesem Anlaß zu hören, daß immerhin auch von <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> aus dieses Bedenken eine Rolle spielt. Es ist mir nur im Blick auf die Literatur aufgefallen: da wird zwar flott entmythologisiert, aber in dieser Sache habe ich in «Kerygma und Mythos»<note xml:id="n105">Titel einer von <persName ref="kbga-actors-28">H.-­W. Bartsch</persName> herausgegebenen Schriftenreihe zur Diskussion von <bibl corresp="kbga-bibls-1492"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmanns</persName> <term type="Begriffe" key="100">Entmythologisierungsprogramm</term>: <hi rend="italic">Kerygma und Mythos</hi>, Hamburg I:1948, II:1952, III:1954, IV:1955, V:1955 usw.</bibl></note> noch nie etwas gelesen.</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10492">Rücker</persName>:</speaker> 
                <p>Würden Sie sagen, daß es dann wohl dabei sein Bewenden haben muß, daß wir etwa von unserer Kirchenleitung eine Änderung der <term type="Begriffe" key="248">[Kirchen-]Ordnung</term> erbitten, [so daß] hier eine größere Freizügigkeit gewährt wird?</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, ja, das könnte man ruhig verlangen. Man könnte sagen: Bitte, es gibt schon ganze <term type="Begriffe" key="244">Kirchen,</term> wie die in <placeName ref="kbga-places-21">Frankreich</placeName>, wo mindestens die Möglichkeit besteht nebeneinander <term type="Begriffe" key="472,14">Kindertaufe</term> oder <term type="Begriffe" key="472,22">Verantwortlichkeitstaufe</term> [durchzuführen]<note xml:id="n106">Beschluß XVI (zur Frage der Taufe) der <term type="Begriffe" key="471">44. Nationalsynode</term> der Reformierten <term type="Begriffe" key="244,23">Kirche</term> von <term type="Begriffe" key="130">Frankreich</term> in <term type="Begriffe" key="669">Chambon-sur-Lignon</term>, 19.-21.5.1951, abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-5648">D. Schellong (Hg.), <hi rend="italic">Warum Christen ihre Kinder nicht mehr taufen lassen</hi>, Frankfurt a. M. 1969, S. 190-192.</bibl></note>. Das könnte man verlangen. Das finde ich auch. Aber nur damit Sie keine Enttäuschungen erleben - sogar wenn das Kirchenregiment so frei ist, wie es das württembergische sicher ist, Ihnen das zu konzedieren -, erwarten Sie nicht, daß die Veränderung dann schnell kommen werde! Sondern es ist dann <pb ed="pga" xml:id="p101"/> [nur erst] eine offene Tür, eine Möglichkeit [für solche Veränderung da]. Wissen Sie, wenn ich das Kirchenregiment wäre und für die <term type="Begriffe" key="472,14">Kindertaufe</term> wäre, dann - das ist ein bißchen mephistophelisch oder ein bißchen machiavellisch fast - dann würde ich sagen: «Ha! ich will ihnen das einmal bewilligen. Sie werden schon sehen, sie kommen nicht so weit!» Es ist möglich, daß gelegentlich in den Kreisen von Kirchenräten solche Erwägungen mitspielen, [so] daß sie sagen: «Wir wollen diese Aufregungen von diesen jüngeren <term type="Begriffe" key="366">Pfarrern</term> mal loswerden, und jetzt bewilligen wir ihnen das mal. Dann mögen sie es haben. Sie werden dann schon sehen!» Denn die eigentlichen Mauern sind ja nicht die kirchenregimentlichen Verordnungen und Aufstellungen, sondern sind einfach in der <term type="Begriffe" key="489">Tradition</term> in den <term type="Begriffe1" key="156">Gemeinden</term> drin; und da kann man sich noch viele Zähne ausbeißen, bis es anders [ … <note xml:id="n107">Löschung oder Tonstörung auf dem Tonband. Man ergänze den abgebrochenen Satz sinngemäß etwa: «… kommt.»</note>].</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10488">Gugel</persName>:</speaker> 
                <p>Wenn nun jemand zu einem Pfarrer kommt und sagt: «Ich möchte zwar mein Kind taufen lassen, aber was ihr da so erzählt von <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> und <term type="Begriffe1" key="227">Christus,</term> das halten wir sowieso für Mumpitz!», was sollen dann die Pfarrer tun?</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das ist dann ein offenkundiger Unfug. Also da würde ich sagen: Nein, das Kind wird nicht getauft. (* Das ist auch innerhalb der Kindertaufordnung der Grenzfall, wenn es solche Eltern gibt, die geradezu sagen, das ist Mumpitz. Aber das wird ja nicht so gräßlich oft vorkommen. Es gibt wenige, die das so munter drauflospraddeln. Es gibt viel mehr, die es nur im Stillen denken. Aber in einem solchen Fall würde ich sagen: das Kind wird nicht getauft.*) Das ist ja keine Strafe. Sie werden ja nicht bestraft, sondern es wird ihnen nur gesagt: Ihr wollt das Kind nur wegen des Brauches taufen. Ihr verbindet gar keinen ernsten Willen, keine Absicht, keinen <term type="Begriffe" key="174,11">Glauben</term> damit, also, laßt es doch! Wir wollen doch dem armen Kind jetzt nicht so eine Mütze einfach über den Kopf ziehen, ohne es zu fragen. Lassen wir es! Wir wollen dann mal sehen, was aus diesem Kind später wird. Nämlich, es ist oft genug geschehen, daß Kinder aus solchen ungläubigen Familien dann plötzlich Pfarrer wurden. Nicht wahr, auf der Basis, auf der wir jetzt stehen, darf man natürlich die Fragen [an die Eltern] nicht zu scharf stellen und nun nicht plötzlich von so armen Tröpfen <pb ed="pga" xml:id="p102"/> von Eltern verlangen, daß sie <term type="Begriffe" key="44">bekennende</term> Eltern sein sollen. (*Allzu tiefe <term type="Begriffe" key="172">Gewissenserforschung</term> kann man da nicht treiben.*) Das ist zu viel verlangt. Das würde vielleicht einmal zu verlangen sein in einer viel späteren Entwicklung, aber jetzt ist das ausgeschlossen. So daß vielleicht das Kirchenregiment relativ im <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> ist - immer auf dem Boden der jetzigen <term type="Begriffe" key="349,2">Ordnung</term> -, wenn es sagt: macht jetzt da nicht so Geschichten! Etwas ganz anderes ist der Fall, wenn jemand einfach kommt und geradezu plagiert<note xml:id="n108">= angibt, aufschneidet.</note> und ins Land hinaus ruft: ich glaube gar nichts. Das ist doch zweierlei.</p> 
                </sp>
            </div> 
            <div>
                <head type="sub"> 7. Von der theologischen Begründung des Rechts</head>
                <sp> <speaker>(*Frage:</speaker><p> Wie weit hat der <term type="Begriffe" key="299">Marxismus</term> mit seiner Behauptung recht, das jeweils geltende <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> sei nichts anderes als ein Stück des <term type="Begriffe" key="210">ideologischen</term> Überbaus der jeweils herrschenden Klasse, die mit dem von ihr zum <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> erhobenen Unrecht die ihr genehme <term type="Begriffe" key="349,2">Gesellschaftsordnung</term> etabliere und aufrechterhalte? Ist auch das sogenannte <term type="Begriffe" key="394,8">Naturrecht</term> nicht mehr als eine solche menschliche Erfindung? In welcher Weise könnte am ehesten praktisch deutlich gemacht werden, daß es sich mit dem <term type="Begriffe" key="394,2">Gottesrecht</term> (Recht Jesu <term type="Begriffe" key="227,24">Christi</term>) grundsätzlich anders verhält?*)</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10486">Schlenker</persName>:</speaker> 
                <p>Aus [dem zweiten Teil] der Frage möchte ich einige konkrete Fragen herausgreifen, um dann nach den Maßstäben und nach der Grundrichtung zu fragen, mit denen Sie, etwa im Gegensatz zur <term type="Begriffe" key="481,18">katholischen</term> <term type="Begriffe1" key="329">Naturrechtslehre,</term> folgende Rechtsfragen beurteilen würden: Ist es recht, Contergan-Kinder zu töten? Ist es recht, die <term type="Begriffe" key="436,1">Homosexuellen</term> zu bestrafen? Ist es recht, Frauen, die sich sterilisieren lassen, weil sie keine Kinder mehr wollen, zu bestrafen? - Wir haben wohl nicht Zeit, auf die einzelnen Fragen einzugehen. Wichtiger wäre … </p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Wovon reden Sie jetzt? Kirchliches <term type="Begriffe" key="394,9">Recht</term> oder staatliches <term type="Begriffe" key="394,10">Recht</term>?</p>
                </sp>
                <sp> <speaker><persName ref="kbga-actors-10486">Schlenker</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, staatliches <term type="Begriffe" key="394">Recht.</term> [Vielmehr,] es ging um die Ableitung [konkreter Einzelfragen] vom <term type="Begriffe" key="394,2">Gottesrecht</term>: Gibt es <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> auf <pb ed="pga" xml:id="p103"/> Eigentum? Gibt es ein göttliches <term type="Begriffe" key="394,2">Recht</term> auf Heimat? Gibt es ein göttliches <term type="Begriffe" key="394,2">Recht</term> auf Selbstbestimmung? … Also, wir würden hier nur nach den Kriterien zur Beurteilung solcher konkreter Rechtsfragen fragen: wie Sie das angehen würden von Ihrem Verständnis der theologischen <term type="Begriffe" key="394,11">Begründung</term> des Rechts [her]? Vielleicht, wenn Sie - Recht auf Eigentum oder göttliches <term type="Begriffe" key="394,2">Recht</term> auf Heimat - an einem solchen Beispiel [dazu] etwas sagen könnten. Obwohl es natürlich jetzt in zehn Minuten ein bißchen problematisch ist.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, ja, das ist ein bißchen viel verlangt. Also, Sie haben vor Augen das dicke Buch <bibl corresp="kbga-bibls-2">[KD] III/4</bibl>, <term type="Begriffe" key="603,1">was</term> dort z. B. zu dem ganzen Komplex <term type="Begriffe" key="275">«Leben</term>» gesagt ist.<note xml:id="n109"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4, § 55 <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term> zum Leben, S. 366-647</bibl>.</note> Nun wird man als <term type="Begriffe1" key="68">Christ</term> - es muß immer um das gehen! - auf der ganzen Linie für ein solches <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> eintreten, welches diesem <term type="Begriffe" key="146">Gebot</term> zum <term type="Begriffe1" key="275">Leben,</term> das auch eine Erlaubnis ist, entspricht und nicht widerspricht. Das wäre die allgemeine Grundregel. Also, es muß dieser <term type="Begriffe" key="106,3">Erkenntnis</term> «Wir sind frei» (ich glaube, so heißt der Titel dort: <term type="Begriffe" key="132,2">«Freiheit</term> zum <term type="Begriffe1" key="275">Leben</term>») in der Gestaltung auch des <term type="Begriffe" key="394">Rechtes</term> Rücksicht getragen werden - jetzt so oder so, gelt. Was das im einzelnen bedeutet, darüber muß geredet werden, aber es gibt da schon von dort aus ein christliches Rechtsdenken.</p>
                <p> Ich weiß ja nicht, ob der Begriff der <term type="Begriffe" key="10">«Analogie</term>» unerläßlich ist, den ich in der Schrift «Christengemeinde und <term type="Begriffe" key="156,2">Bürgergemeinde</term>» gebraucht habe<note xml:id="n110"><bibl corresp="kbga-bibls-554"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Christengemeinde und <term type="Begriffe" key="156,2">Bürgergemeinde</term></hi> (ThSt 20), Zollikon-Zürich 1946, z. B. S. 23</bibl>: «Die <term type="Begriffe" key="161">Gerechtigkeit</term> des <term type="Begriffe" key="455">Staates</term> in christlicher Sicht ist seine <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> als ein <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="176">Gleichnis</term></hi>, eine Entsprechung, ein Analogon zu dem in der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> geglaubten und von der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> <term type="Begriffe" key="513">verkündigten</term> Reich <term type="Begriffe" key="399">Gottes</term>.» (<bibl corresp="kbga-bibls-866">Ders., <hi rend="italic">Rechtfertigung und Recht</hi> - <hi rend="italic">Christengemeinde und</hi> <hi rend="italic">Bürgergemeinde</hi> - <hi rend="italic">Evangelium und Gesetz</hi>, Zürich 1998, S. 63</bibl>).</note> (der hat ja viel Verwirrung angerichtet und Diskussionen erregt<note xml:id="n111">Vgl. z. B. die kritische Auseinandersetzung mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> These bei <bibl corresp="kbga-bibls-5650"><term type="Namen" key="Schrey, Heinz-Horst">H. H. Schrey</term>, <hi rend="italic">Die Wiedergeburt des <term type="Begriffe" key="329">Naturrechts</term></hi>, in: Theologische <term type="Namen" key="Theologische Rundschau">Rundschau</term>, Jg.19 (1951), S. 51-75. 174-186. 193-221, dort S. 193-207</bibl>. Zum grundsätzlichen Problem vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3794"><term type="Namen" key="Kreck, Walter">W. Kreck</term>, <hi rend="italic">Analogia <term type="Begriffe" key="10,2">fidei</term> </hi> <hi rend="italic">oder analogia <term type="Begriffe" key="10,1">entis</term></hi><hi rend="italic">?</hi>, in: <hi rend="italic">Antwort. Karl Barth zum siebzigsten Geburtstag am 10.Mai 1956</hi>, Zollikon-­Zürich 1956, S. 272-286</bibl>.</note> usf.). Man kann es ja auch deutsch sagen: statt <term type="Begriffe" key="10">Analogie</term> «Entsprechung» - es ist nämlich ganz das gleiche. Aber also, auf dem Gebiet des <term type="Begriffe" key="394,2">Rechts</term> wird der <term type="Begriffe1" key="69">Christ</term> immer eintreten für Entsprechun<pb ed="pga" xml:id="p104"/>gen zu dem, was er als göttliche Rechtssetzung, wie sie in <term type="Begriffe1" key="227,24">Christus</term> vollzogen ist, erkennt. Entsprechungen natürlich! Er kann nicht das Reich <term type="Begriffe" key="399">Gottes</term> ins <term type="Begriffe1" key="166,13">Staatsgesetz</term> einführen wollen. Wohl aber kann er auf der ganzen Linie fordern, daß das <term type="Begriffe" key="166,13">Staatsgesetz</term> ein Reflex des Gesetzes <term type="Begriffe" key="166,9">Gottes</term> wird. Wobei es jetzt zu überlegen ist, was im einzelnen zu tun ist.</p>
                <p> Ich würde sagen: in diesem Fall, den Sie da zuerst angeführt haben, diesen Prozeß in <placeName ref="kbga-places-167">Belgien</placeName>: dort war ich gar nicht zufrieden mit dem Entscheid des Gerichts<note xml:id="n112">Es handelt sich um den Prozeß wegen <term type="Begriffe" key="486">Tötung</term> eines Säuglings; <persName ref="kbga-actors-10520">Suzanne Vandeput</persName>, die Mutter eines belgischen Thalidomid-Kindes, brachte ihr mit schweren Mißbildungen geborenes Kind um und wurde von einem <term type="Begriffe" key="672">Lütticher</term> Gericht vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Vgl. den Bericht in: <bibl corresp="kbga-bibls-5637">Der Spiegel, Jg.16, Nr. 49, 5.12.1962, S. 72ff</bibl>.</note>. Ich würde gesagt haben: Nein, das war nun eindeutig Mord, was dort getan [worden] ist. Ich war da nicht im Einverständnis mit meinem Kollegen <persName ref="kbga-actors-1807">van Oyen</persName> hier; der hat nämlich gesagt, das sei in Ordnung oder das durfte [?] geschehen<note xml:id="n113"><bibl corresp="kbga-bibls-5651"><persName ref="kbga-actors-1807">H. van Oyen</persName>, <hi rend="italic">Nochmals: Der Prozeß in Lüttich</hi>, in: KBRS, Jg.118 (1962), S. 391f</bibl>.</note>. Das würde ich so nicht sagen. Nun, wie ich über <term type="Begriffe" key="671">Euthanasie</term> denke, das wissen Sie, oder [über das,] was da kommt<note xml:id="n114"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4, S. 483-488.</bibl></note>: irgendwo kommt auch die <term type="Begriffe" key="269">Kriegsfrage</term> da wieder herein, was ja auch letztlich eine Rechtsfrage ist. Also, ich glaube, ohne irgendwelche Anleitung sind wir nicht, sondern das gibt es schon … - Aber wie ist das mit dieser zweiten Frage? Also wegen dem <term type="Begriffe" key="299">Marxismus,</term> was wollten Sie da?</p>
                </sp>
              <sp><speaker> <persName ref="kbga-actors-10486">Schlenker</persName>: </speaker>
                <p>Ja, es ging an sich schon um die Frage nach der theologischen Begründung des <term type="Begriffe" key="394,11">Rechts</term> im Gegenüber zu den <term type="Begriffe1" key="481,18">katholischen</term> Ableitungen vom schwammigen <term type="Begriffe" key="329">Naturrecht</term> und von dem Verständnis des Rechts im <term type="Begriffe1" key="299">Marxismus.</term> Es war die Frage, die Sie mit den «Entsprechungen» angedeutet haben und die also etwa auch in den Diskussionen jetzt um das Heimatrecht<note xml:id="n115"><bibl corresp="kbga-bibls-5652"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> hat sich dazu geäußert: <hi rend="italic">Brief. Zur Diskussion um das Heimatrecht</hi>, in: Der Remter, Jg.6 (Stuttgart 1960), S. 284f.</bibl>, wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-312">O.Br. 1945-1968, <ref type="pub" target="../volume/15/p488#p488">S. 488-490</ref></bibl>.</note> und Recht auf Selbstbestimmung sehr problematisch - weil alles politisch und geschichtlich verquickt ist - auf uns zukommt.</p> 
                </sp>
                <sp> <pb ed="pga" xml:id="p105" rend="noPipe"/> <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja also, wenn Menschen <term type="Begriffe" key="394,3">Recht</term> setzen - ich meine jetzt staatliches <term type="Begriffe" key="394,10">Recht,</term> <term type="Begriffe1" key="375">Polizeirecht,</term> <term type="Begriffe2" key="349,2">Ordnungsrecht</term> usf. -, dann ist das in sich selbst immer <term type="Begriffe" key="329">Naturrecht,</term> d. h. <term type="Begriffe1" key="394">Recht,</term> wie es der <term type="Begriffe2" key="305">Mensch,</term> der ja kein Tier ist, sondern ein <term type="Begriffe" key="514">vernünftiges</term> Wesen, als <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> zu erkennen meint - insofern <term type="Begriffe" key="329">Naturrecht.</term> Auch im besten Fall, verstehen Sie, wird es das sein. Wenn nun die <term type="Begriffe" key="299">Marxisten</term> sagen, das jeweils geltende <term type="Begriffe1" key="394">Recht</term> sei nichts anderes als ein Stück des <term type="Begriffe" key="210">ideologischen</term> Überbaus der jeweils herrschenden Klasse - ah! dann würde ich sagen: das ist zuviel gesagt: «nichts anderes!» Es ist zum Glück nicht nur das, sondern - ob es jetzt der Hammurabi war oder chinesisches <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> oder was - es ist überall zum Glück auch noch etwas anderes immer dabei gewesen. Aber immerhin, es ist wahr, die Rechtssetzung steht überall in Gefahr, in der Tat ein ideologischer Überbau zugunsten der herrschenden Klasse zu sein. Die marxistische Rechtssetzung auch! Ich meine, da hat der <persName ref="kbga-actors-267">Marx</persName> sehr fein «den Splitter in des Bruders Auge» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.5">Mt. 7,5</ref>] entdeckt und hat nicht gemerkt: Was er nun als <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> erklärt, das ist ja auch wieder das <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> einer Klasse, nun eben der anderen Klasse, der emporsteigenden Klasse.</p>
                <p> Und jetzt haben wir ja in diesen Tagen und Wochen das interessante Schauspiel, daß es zweierlei verschiedenes marxistisches Recht zu geben scheint: <term type="Begriffe" key="67">chinesisches</term> und russisches. Das ist also offenbar nicht einmal so einfach, was dort nun <term type="Begriffe" key="329">«Naturrecht</term>» ist. Die können sich ja ganz furchtbar, geradezu wunderbar beschimpfen, nicht wahr. Die Chinesen scheinen, aus ihrer Lage heraus, ja viel radikalere Dinge für <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> zu halten als die <term type="Begriffe1" key="413">Russen.</term> So daß sich jetzt der <persName ref="kbga-actors-1523">Chruschtschow</persName> schon fast wie ein westlicher Konservativer ausnimmt neben dem <persName ref="kbga-actors-1750">Mao Tse</persName>!<note xml:id="n116">Im Sommer 1963 berichteten die Medien ausführlich über das ideologische Zerwürfnis zwischen der <orgName ref="kbga-actors-8562">Sowjetunion</orgName> und der <orgName ref="kbga-actors-10521">Volksrepublik China</orgName>, welches mit dem Beginn der Gespräche zwischen den chinesischen und den sowjetischen <term type="Begriffe" key="258">Kommunisten</term> am <date when="1963-07-07">7.7.1963</date> in <placeName ref="kbga-places-42">Moskau</placeName> einen Höhepunkt erreichte. In der <bibl corresp="kbga-bibls-5653">Wochenend-Ausgabe vom 6./7. Juli 1963 schrieb die <term type="Begriffe" key="39">Basler</term> «National-Zeitung» (121. Jg., Nr. 306, S. 1) unter dem Titel «Akute Krise im Weltkommunismus» (Zwischenüberschrift: «Die Verdammung der Ketzer»)</bibl>: «Im 25 Punkte-Programm des <orgName ref="kbga-actors-10522">chinesischen ZK</orgName> enthält Punkt 24 die klare Verdammung der von <persName ref="kbga-actors-1523">Chruschtschow</persName> geführten <orgName ref="kbga-actors-10523">KPdSU</orgName> als einer der Haeresie verfallenen Partei.»</note> Und wir fahren noch immer fort, gegen <term type="Begriffe" key="673">Moskau</term> zu donnern usf., während das längst schon überholt ist.</p> 
                <p> <pb ed="pga" xml:id="p106" rend="noPipe"/> Also, [menschliches <term type="Begriffe" key="394,3">Recht</term>] ist auf der ganzen Linie <term type="Begriffe1" key="329">Naturrecht,</term> es ist immer auch auf der ganzen Linie Klassenrecht. Das ist sozusagen immer die Gefahr aller Rechtssetzung. Aber es gibt da nun auch immer - und das wird sich auch bei diesen östlichen und noch östlicheren Rechtssetzern bewähren - noch ein Gegenspiel, wo[durch] dann das <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> nicht reines <term type="Begriffe1" key="329">Naturrecht</term> ist, [in welchem] einfach der <term type="Begriffe" key="305">Mensch</term> nun nach Gutfinden … und dann also wahrscheinlich sehr seinen Interessen entsprechend <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> aufsetzt, sondern daß da noch etwas anderes mitredet. Nach der klassischen <term type="Begriffe" key="329">Naturrechtslehre</term> wäre das die «<foreign xml:lang="lat">innata lex in homine</foreign>»<note xml:id="n117">Die Formel faßt die <term type="Begriffe" key="329">Naturrechtslehre</term> der klassischen Antike zusammen, wie sie namentlich die <term type="Begriffe" key="674">Stoa</term> vertreten hat. Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3025"><persName ref="kbga-actors-1525">M. Tullius Cicero</persName>, <hi rend="italic"> De legibus</hi>, I 6,18</bibl>: <foreign xml:lang="lat"><hi rend="italic">«Lex</hi> est ratio summa, insita in natura, quae iubet ea, quae facienda sunt, prohibetque contraria. Eadem ratio quum est in hominis mente confirmata et confecta lex est.</foreign>» Diese Lehre wurde in der <term type="Begriffe" key="613">Aufklärung</term> wieder aufgegriffen. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5654"><persName ref="kbga-actors-1970">E. Wolf</persName>, <hi rend="italic">Große Rechtsdenker der deutschen Geistesgeschichte. Ein Entwicklungsbild unserer Rechtsanschauung</hi>, Tübingen 1939, S. 199-359</bibl>. Immerhin kannte auch <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> in seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem <term type="Begriffe" key="206">Humanismus</term> diese Lehre. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-16">Institutio II 2,22</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">opus legis scriptum in cordibus</foreign>» II 8,1: «<foreign xml:lang="lat">lex interior, quam omnium cordibus inscripta … est</foreign>» IV 20,16: «<foreign xml:lang="lat">naturalis <term type="Begriffe" key="329">lex</term> … animis a deo insculpta</foreign>». Vgl. auch die Vulgata-Übersetzung zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.15">Röm. 2,15</ref>: «<foreign xml:lang="lat">qui ostendunt opus legis scriptum in cordibus suis …</foreign>».</note>. Ich würde etwas ganz anderes sagen. Ich würde sagen, wenn dem so ist, wenn es also auch neben all dem sogenannten <term type="Begriffe" key="394">Recht</term> und sogenannten <term type="Begriffe1" key="329">Naturrecht,</term> hineingemischt und mitredend, auch noch Spuren echten <term type="Begriffe" key="394">Rechtes</term> gibt, die es schon beim Hammurabi<note xml:id="n118">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5655"><persName ref="kbga-actors-2440">J. Kohler</persName>/<persName ref="kbga-actors-10524">F. E. Peiser</persName>/ <persName ref="kbga-actors-10525">A. Ungnad</persName>, <hi rend="italic">Hammurabis Gesetz</hi>, 6 Bde., Leipzig 1904-1923</bibl>.</note> gegeben hat, würde ich sagen: das sind die Spuren nicht von einer ursprünglichen Güte und Begabung des <term type="Begriffe" key="305">Menschen,</term> sondern das sind die Spuren - ja, der Königsherrschaft <term type="Begriffe" key="227,25">Christi,</term> der der Herr über alles ist, auch über die Leute, die ihn nicht kennen, und auch über die Leute, die nichts vom sogenannten <term type="Begriffe" key="70">Christentum</term> wissen wollen, auch über die, die das Christentum sogar bekämpfen. Er ist eben noch stärker, und er setzt sich durch. Und darum, würde ich sagen, ist der <term type="Begriffe" key="68">Christ,</term> der nun Jesus <term type="Begriffe1" key="227,5">Christus</term> erkennen darf und weiß, wer der ist: der <term>pantokrátvr</term> [Pantokrator, Allherrscher; vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.1.8">Apk. 1,8</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.4.8">4,8</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.22">21,22</ref> u. ö.] über die ganze <term type="Begriffe" key="525">Welt,</term> dazu berufen, an der Rechtsbildung teilzunehmen. Er kennt die Quelle, er kennt das <term type="Begriffe" key="283">Licht,</term> das nun aufge<pb ed="pga" xml:id="p107" break="no"/>gangen ist. Und die anderen sind auch nicht unberührt von dem <term type="Begriffe" key="283">Licht.</term> Es scheint auch für sie. Es scheint jedem <term type="Begriffe1" key="305">Menschen.</term> Aber der <term type="Begriffe" key="68">Christ</term> darf es wissen. Und darum ist dann der <term type="Begriffe1" key="68">Christ</term> auch zum <term type="Begriffe" key="545,1">Zeugen</term> für ein <term type="Begriffe1" key="394">Recht</term> berufen, welches mehr ist als nur sogenanntes <term type="Begriffe" key="329">Naturrecht.</term> - Ist das in sich verständlich? Es sind alles so Andeutungen … </p> 
                </sp>
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                <head type="sub"> 8. Schlußworte<note xml:id="n119">Gesprochen, nachdem <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> von den Teilnehmern des Gesprächs ein - nicht dokumentiertes - Dankeswort vernommen und ein Geschenk bekommen hatte.</note></head>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ich möchte doch ein paar Worte darauf antworten. Liebe Freunde, es ist an mir zu danken: einmal [dafür], daß Sie, was ich heute morgen am Anfang gesagt habe, von so weit her angerollt sind, um mir da zuzuhören. Das Bild mit dem <placeName ref="kbga-places-1495">Monte Scherbellino</placeName> und dem <placeName ref="kbga-places-1496">Montblanc</placeName><note xml:id="n120">Der Dankesredner hatte offenbar die Reise der württembergischen Bruderschaft nach <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> als eine Reise gleichsam vom Schuttberg der <term type="Begriffe" key="675">Stuttgarter</term> Kriegstrümmer, dort im Volksmund «<placeName ref="kbga-places-1495">Monte Scherbellino</placeName>» genannt, zum <placeName ref="kbga-places-1496">Montblanc</placeName> bezeichnet.</note> stimmt nicht. Alles was recht ist, das wollen wir nicht sagen. Sie haben ja bemerkt, wie ich dran bin. Ich habe über die Sachen nachgedacht - jetzt viele Jahre lang, seit dem Beginn dort im Jahr 1919, wo der erste «<bibl corresp="kbga-bibls-1497">Römerbrief</bibl>» erschienen ist, der jetzt übrigens wieder gedruckt zu haben ist<note xml:id="n121"><bibl corresp="kbga-bibls-1497"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Der Römerbrief</hi>, Bern 1919</bibl>; unveränderter <ref type="pub" target="../texts?facet-volume=16">Nachdruck der ersten Auflage</ref> von <bibl corresp="kbga-bibls-119">1919, Zürich 1963; neu hrsg. von H. Schmidt (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1985</bibl>.</note>. Wissen Sie das? Das ist noch ein Buch!</p>
                </sp>
                <sp><speaker>Zwischenruf:</speaker> 
                <p><foreign xml:lang="lat">Invariata</foreign>?<note xml:id="n122">Anspielung auf die Bezeichnung der<bibl corresp="kbga-bibls-13"> Confessio <term type="Begriffe" key="676">Augustana</term> von 1530</bibl> als CA invariata im Gegensatz zur <bibl corresp="kbga-bibls-2909">CA variata</bibl>, die eine 1540 von <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> vorgenommene veränderte - und gemilderte - Neufassung der CA von 1530 darstellt. Eingang in den in der <bibl corresp="kbga-bibls-3130">Formula <term type="Begriffe" key="677">Concordiae</term> (1577)</bibl> festgelegten <term type="Begriffe" key="44">Bekenntniskanon</term> fand nur die CA-invariata.</note></p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p><foreign xml:lang="lat">Invariata</foreign>! Ja, das ist jetzt wieder zu haben. Das ist jetzt mehr als 40 Jahre her. [Seither] habe ich einen weiten Weg zurückgelegt durch allerhand Landschaften - Täler und Höhen - hindurch. Und jetzt bin [ich] so in der Abendröte und muß es schätzen und muß <pb ed="pga" xml:id="p108"/> wirklich dankbar sein, wenn ich immer noch und immer wieder <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> begegne, die mir Fragen stellen und mir dann zuhören wollen, wie Sie es heute getan haben. Ich habe heute in der Hauptsache, Sie werden das gemerkt haben, ins Unreine geredet: das war also alles nicht <term>dogmatikṽw</term> [als feste Lehrmeinung], sondern <term>gymnastikṽw</term> [probeweise vorgetragen]. Aber wenn Ihnen dies und das hilfreich hat sein können, so freue ich mich darüber.</p>
                <p> Und jetzt danke ich für diese Gaben. Die sehen ja ganz verlockend aus. Es sieht nach Flaschen aus … es wird sich zeigen! Die Flaschen erinnern mich [an eine Begegnung] im vergangenen Frühjahr oder Winter hier in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>. Ich werde jetzt öfters eingeladen zu solchen Aussprachen - von den verschiedensten Kreisen: ich bin schon mit Gemeinschaftspredigern, mit <term type="Begriffe" key="310">Methodisten,</term> mit <term type="Begriffe1" key="194">Brüdergemeine</term>-Leuten zusammen gewesen.<note xml:id="n123">Gespräch mit Gemeinschaftsleuten am <date when="1959-10-06">6.10.1959</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-3174">Gespräche 1959-1962, <ref type="pub" target="../volume/25/p013#p013">S. 13-41</ref></bibl>); mit <term type="Begriffe" key="310">Methodisten</term> am <date when="1961-05-16">16.5.1961</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-3174">a.a.O., <ref type="pub" target="../volume/25/p169#p169">S. 169-205</ref></bibl>); mit <orgName ref="kbga-actors-5483">Herrnhutern</orgName> am <date when="1960-10-12">12.10.1960</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-3174">a.a.O., <ref type="pub" target="../volume/25/p124#p124">S. 124-157</ref></bibl>).</note> Und dann in diesem Winter waren es Agenten des <orgName ref="kbga-actors-8613">Blauen Kreuzes</orgName> in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, die mich eingeladen haben, ich möchte auch mit ihnen einmal eine Unterhaltung haben; sie hätten mir auch Fragen zu stellen.<note xml:id="n124">Gespräch mit Vertretern des <orgName ref="kbga-actors-8613">Blauen Kreuzes</orgName> am <date when="1962-11-26">26.11.1962</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-3174">Gespräche 1959-1962, <ref type="pub" target="../volume/25/p417#p417">S. 417f.</ref></bibl>).</note> Und dann haben sie mich gefragt. Evangelische <term type="Begriffe" key="132,4">Freiheit</term> - das war so das Thema. Und ich habe sie dann ermuntert: «Ja gut! in evangelischer <term type="Begriffe" key="132,4">Freiheit</term> dürft und sollt ihr euren Weg gehen mit dem <orgName ref="kbga-actors-8613">Blauen Kreuz</orgName>. Das ist eine rechte und notwendige Sache. Geniert euch nicht damit! Macht das, so gut ihr könnt! Ich bin auch einmal ein Blaukreuzler gewesen, in früherer Zeit!»<note xml:id="n125">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-215"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Vorträge und kleinere Arbeiten 1909-1914</hi> (Gesamtausgabe, Abt. III), hrsg. von H.-­A. Drewes und H. Stoevesandt, Zürich 1993, <ref type="pub" target="../volume/22/p562#p562">S. 555-562</ref>.<ref type="pub" target="../volume/22/p710#p710">710f.</ref></bibl></note> Und dann wurde das Gespräch kritisch, weil die Frage auftauchte, so direkt und indirekt: warum bist du es nicht mehr? Und dort ist mir das böse Wort gesagt worden, was sie unter sich [gebrauchen für] solche <term type="Begriffe" key="366">Pfarrer</term>, die früher einmal <term type="Begriffe" key="7">Abstinente</term> waren und es dann nicht mehr sind - und das sind in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> sehr viele. Es hat in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> eine Zeit gegeben, wo fast die Hälfte aller Pfarrer <term type="Begriffe" key="7">abstinent</term> war. Das ist wahrscheinlich in <placeName ref="kbga-places-358">Württemberg</placeName> nie so gewesen, aber in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> war es so … </p> 
                </sp>
                <sp> <pb ed="pga" xml:id="p109" rend="noPipe"/> <speaker>Zwischenruf:</speaker> 
                <p>[In <placeName ref="kbga-places-358">Württemberg</placeName>] waren auch viele.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>So? Also unerhört viele! Und wenn sie unter sich sind (aber sie haben es mir dann auch gesagt), nennen sie solche Theologen, die nun nicht mehr abstinent sind, - Wiedersäufer! Und das ist mir jetzt unwillkürlich beim Anblick dieser Flaschen in den Sinn gekommen. Aber ich werde mit großer evangelischer <term type="Begriffe" key="132,4">Freiheit</term> … davon Gebrauch machen und danke Ihnen jetzt.</p>  
                </sp>
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</TEI>
