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        <title type="volume" n="vol-41">Gespräche 1963</title>
        <title type="content">Gespräch mit Göttinger Studenten</title>
        <title type="citation_line_1">Gespräch mit Göttinger Studenten, in: Gespräche 1963, 12. Oktober 1963</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/41018 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Gespräche 1963, hrsg. v. Busch, Eberhard (Gesamtausgabe, Abt. IV), Zürich 2005, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Gespräche 1963</title>
          <title type="text">Gespräch mit Göttinger Studenten</title>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2005</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Gespräch mit Göttinger Studenten in Basel (Tonaufnahme), 12. Oktober 1963. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/89985">KBA 9135.6</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1963-10-12">12. Oktober 1963</date>
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            <head type="sub">16</head> 
            <head>GESPRÄCH MIT GÖTTINGER STUDENTEN</head>
            <div type="abstract">
                 <p><hi rend="italic">Das  Gespräch fand am <date when="1963-10-12">12.10.1963</date> nachmittags im Restaurant ­<placeName ref="kbga-places-579">Bruderholz</placeName> in <term type="Begriffe" key="39,4">Basel</term> statt. Die Gesprächspartner <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> waren zwanzig <term type="Begriffe" key="462">Theologiestudenten,</term> angeführt von dem damaligen <term type="Begriffe" key="637">Göttinger</term> ­Repetenten <persName ref="kbga-actors-397">Hinrich Stoevesandt</persName>, unter dessen Leitung sie soeben ein ­einwöchiges Ferienseminar in der Jugendherberge <term type="Begriffe" key="685"><placeName ref="kbga-places-216">Grindelwald</placeName></term> (Kanton Bern) über <bibl corresp="kbga-bibls-5157"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> «Einführung in die evangelische Theologie», Zürich 1962</bibl>, mitgemacht hatten. Die meisten von ihnen hatten zudem im vorangegangenen Sommersemester an der <orgName ref="kbga-actors-8209">Universität Göttingen</orgName> eine Übung Stoevesandts über <bibl corresp="kbga-bibls-2"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> «Kirchliche <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term>»</bibl> besucht. Den Abschluß jenes Seminars bildete dieses vorliegende Gespräch, das sich vorwiegend an Fragen zum erstgenannten Buch anschloß. Der hier abgedruckte Text hat eine Tonbandaufnahme zur Vorlage.</hi></p>
                <p><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ließ die Anwesenden bei der Gelegenheit mit Kaffee und Kuchen bewirten, was auf dem Tonband an einigen, im Text ausgelassenen Stellen dadurch hörbar wird, daß er seine Gäste zum Zugreifen ermuntert («Trinken Sie tapfer von diesem Kaffee! Man kann nicht genug Kaffee trinken, wenn man noch jung ist!»). Die im Text auch nicht wiedergegebene, weil unvollständig konservierte Einleitung des Gesprächs befaßte sich u. a. mit dem Thema des Rauchens, das den Studenten in jener Jugendherberge untersagt war. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bemerkte dazu: Zu seiner <term type="Begriffe" key="134">Freude</term> sei es ja nunmehr sogar während des <orgName ref="kbga-actors-10461">Zweiten Vatikanischen <term type="Begriffe" key="265">Konzils</term></orgName></hi> <hi rend="italic">erlaubt, «in der <placeName ref="kbga-places-1091">Peterskirche</placeName> zu rauchen - das war gestern im <orgName ref="kbga-actors-7416">Evangelischen Pressedienst</orgName> allen Ernstes mitgeteilt</hi><note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-5900">Schweizerischer Evangelischer Pressedienst (EPD), Informations-Sonderdienst zum Konzil II, Nr. 2, Blatt 7</bibl>: «<hi rend="italic">Rauchen gestattet.</hi> Eine Freudenkunde für die Raucher bedeutete wahrscheinlich die Mitteilung, dass in der Konzilsaula das Rauchen der Pfeife gestattet sei. Hingegen bleibt Zigaretten- und Zigarren-Rauchen wegen leichter Brandgefahr verboten.»</note><hi rend="italic"> -, allerdings mit einer ernsten und sehr richtigen Einschränkung: die Konzilsväter dürfen nur <term type="Begriffe" key="36,24">Pfeife</term></hi> <hi rend="italic">rauchen, während Zigarren und Zigaretten wegen der mit ihrem Rauchen verbundenen Feuergefahr nach wie vor untersagt sind. Es muß ein wunderbar malerischer <pb ed="pga" xml:id="p122"/> Anblick sein, diese zweitausend Bischöfe mit ihren weißen Mützen vor sich zu sehen, wenn sie alle nun auch noch mit einer <term type="Begriffe" key="36,24">Pfeife</term></hi> <hi rend="italic">versehen sind. Hoffentlich ist der Tabak nicht zu schlecht, den sie rauchen! Aber wie ich das gelesen habe, habe ich mir gedacht: ‹Jetzt muß das <term type="Begriffe" key="265"><orgName ref="kbga-actors-10461">Konzil</orgName></term> gelingen!› Also, da ist die <term type="Begriffe" key="241">römisch-katholische</term></hi> <hi rend="italic">Kirche sehr viel weiter als diese traurige Jugendherberge. […] Übrigens, was dieses nebensächliche und doch gar nicht nebensächliche Thema des Rauchens betrifft - es kann Sie auch interessieren: Ich hatte neulich den Besuch eines sehr ernsthaften und guten Mannes aus <term type="Begriffe" key="130"><placeName ref="kbga-places-21">Frankreich</placeName></term></hi><hi rend="italic">, eines Heilsarmeeobersten aus <term type="Begriffe" key="686"><placeName ref="kbga-places-1540">Nîmes</placeName></term></hi><note xml:id="n02">Der Besuch des Heilsarmeeobersten <persName ref="kbga-actors-10602">Victor Dolgkis</persName> aus Nîmes fand laut <ref type="kba-objects-id" target="91490"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Kalender</ref> am 16.9.1963 statt.</note><hi rend="italic">, mit dem ich eine ausgezeichnete theologische Unterhaltung hatte. Es wird Ihnen bekannt sein, die <orgName ref="kbga-actors-9056">Heilsarmee</orgName> wie die <term type="Begriffe" key="310"><orgName ref="kbga-actors-10785">Methodisten</orgName></term> rauchen nicht. Nun kommt er in mein Studierzimmer, und [ich] habe meine <term type="Begriffe" key="36,24">Pfeife</term></hi> <hi rend="italic">angezündet. [Dann] haben wir darüber gesprochen, wie das mit dem Rauchen sei. [Da] habe ich ihm gesagt, nach meiner Lehre sei zu sagen: ‹<foreign xml:lang="fre">Le péché ne commence qu’avec la cigarette.</foreign>› Also, ich habe die Zigarre noch freundlich einbezogen, aber mit der Zigarette sei ich gar nicht einverstanden. Hingegen <term type="Begriffe" key="36,24">Pfeife</term></hi> <hi rend="italic">könne man gar nicht genug rauchen …» - Von den am Gespräch beteiligten Studierenden ließen sich folgende Namen rekonstruieren: <persName ref="kbga-actors-10603">Friedrich Eras</persName>, <persName ref="kbga-actors-10604">Traugott Giesen</persName>, <persName ref="kbga-actors-10605">Walter Klein</persName>, <persName ref="kbga-actors-10606">Rolf Schum</persName>, <persName ref="kbga-actors-10607">Horst Wandel</persName>, <persName ref="kbga-actors-10608">Heinz-Gerhard Weis</persName>, <persName ref="kbga-actors-10609">Helga Woitke</persName>.</hi></p> 
            </div>

              <div>
              <head>Gespräch mit Göttinger Studenten</head>
                <head type="sub"> 1. Das Problem eines «Kanons im Kanon»</head>
              <sp> 
                <speaker><persName ref="kbga-actors-10603">Eras</persName>:</speaker> 
                <p>Wir haben uns gefragt, wie wir am besten anfangen könnten. Unter den Fragen, die uns in der Woche wesentlich genug schienen, wenigstens einigermaßen wesentlich genug, daß wir sie hier jetzt stellen könnten, war eigentlich keine, die das Ganze des Buches als solches betrifft. Sondern es sind alles Fragen, die zu irgendwelchen einzelnen oder mehreren Kapiteln gehören. Daher müssen wir gleich mit solchen Fragen einsetzen. In unseren Gesprächen dort in <term type="Begriffe" key="685"><placeName ref="kbga-places-216">Grindelwald</placeName></term> ist es immer wieder deutlich geworden, welche zentrale Stellung in dem Buch, aber auch in Ihrer ganzen <term type="Begriffe" key="36,14">Theologie</term> das Wort <pb ed="pga" xml:id="p123"/> <term type="Begriffe" key="537">Gottes</term> hat. Und nun haben wir gemeint, wir sollten gleich <foreign xml:lang="lat">medias in res</foreign> [gehen] mit Fragen, die sich um diesen Themenkreis gruppieren. Und da soll es jetzt methodisch so sein, daß jeder die Frage, die ihm besonders am Herzen lag, Ihnen selbst vorlegt. Vielleicht wäre es, meine wenigstens ich, am günstigsten, wenn wir gleich bei dem Problem der <term type="Begriffe" key="546,1">«Primärzeugen</term>» des Kanons<note xml:id="n03"><bibl corresp="kbga-bibls-5157"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Einführung in die evangelische Theologie</hi>, Zürich 1962, S. 34</bibl>: Die Verfasser der <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> «sind die <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="546,1">Zeugen</term></hi> des Wortes, präziser zu reden: seine <hi rend="italic">primären</hi>, weil unmittelbar durch dieses selbst zu seinem Vernehmen berufene und zu seiner Bestätigung unter den anderen <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> eingesetzte <term type="Begriffe" key="545,1">Zeugen</term>». Die biblischen Verfasser sind <term type="Begriffe" key="546,1">«Zeugen</term> erster Ordnung», die im Volk <term type="Begriffe" key="520,1">Gottes</term> Versammelten sind <term type="Begriffe" key="545,1">«Zeugen</term> zweiter Ordnung» (a.a.O., S. 45).</note> einsetzen würden.</p>
                </sp>

                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-10604">Giesen</persName>:</speaker> 
                <p>Herr Professor <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, Sie unterscheiden grundsätzlich zwischen <term type="Begriffe" key="545,1">Zeugen</term> und <term type="Begriffe1" key="156">Gemeinden,</term> geben aber beiden das Prädikat: sie seien <term type="Begriffe" key="545">«Zeugen</term>», differenzieren aber die einen als <term type="Begriffe1" key="546,1">«Primärzeugen</term>», die anderen als «Sekundärzeugen». Halten Sie es für möglich, die Primärzeugen noch untereinander zu differenzieren? Denn es ist m. E. empfehlenswert zu überprüfen, wieweit im Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> selber die Abhängigkeit der einzelnen Schriftsteller - das Wort ist sicher falsch -, der einzelnen Zeugen [von dem Bezeugten] so unterschiedlich ist, daß man auch unter den Primärzeugen zwischen Primär- und <term type="Begriffe" key="546,1">Sekundärzeugen</term> unterscheiden kann. Frage an Sie, Herr Professor: [ob wir] da <term type="Begriffe" key="120">exegetisch</term> vorgehen dürfen.</p>
                </sp>

                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> Wie vorgehen?</p>
                </sp>

                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10604">Giesen</persName>:</speaker> 
                <p>… indem wir versuchen, das nichtreduzierbare Material als das primärste Zeugnis auszugeben, das dann übernommen worden ist, oder aber, wie auch Sie es tun, das, «was Christum <term type="Begriffe" key="227,26">treibet</term>»<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-2268"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Vorrhede auff die Episteln Sanct Jacobi vnnd Judas</hi> (1522), WA.DB 7,384,26f.</bibl></note>, herauszukristallisieren oder das zu betonen?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Wenn ich Sie recht verstehe, so haben Sie jetzt - also in der Sprache jetzt meiner Gedankenwelt und <term type="Begriffe" key="36,14">Theologie</term> - das Problem «<persName ref="kbga-actors-217">Käsemann</persName>» aufgeworfen.<note xml:id="n05"><persName ref="kbga-actors-217">Ernst Käsemann</persName> hat in einer Reihe von Aufsätzen dargestellt, wie sich die innere Widersprüchlichkeit zwischen den paulinischen und den «frühkatholischen» Schriften des Neuen Testaments kritisch zum Postulat eines in sich geschlossenen Kanons verhält: <bibl corresp="kbga-bibls-5913">E. Käsemann, <hi rend="italic">Eine Apologie der urchristlichen <term type="Begriffe" key="113">Eschatologie</term></hi>, in: ders., <hi rend="italic">Exegetische Versuche und Besinnungen</hi>, Bd. I, Göttingen 1960, S. 135-157</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5914">ders., <hi rend="italic">Begründet der neutestamentliche Kanon die Einheit der Kirche?</hi>, in: a.a.O., S. 214-223</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5915">ders., <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und der <term type="Begriffe" key="139">Frühkatholizismus</term></hi>, in: a.a.O., Bd. II, Göttingen 1964, S. 239-252</bibl>.</note> Bei ihm ist ja das am stärksten so hervor<pb ed="pga" xml:id="p124" break="no"/>gehoben, natürlich [tun das] auch andere. Aber ich verstehe Sie recht, wenn diese Sache, die da mit dem Namen <persName ref="kbga-actors-217">Käsemann</persName> zu bezeichnen ist, im Hintergrund Ihrer Frage steht? Ich will es beantworten in der Sprache, in der Sie mich angeredet, mich gefragt haben. Da bin ich ja froh. Man kann sich [so] vielleicht besser verständigen.</p>
                <p> Dann würde ich dies sagen: Gewiß werden sich auch zwischen den <term type="Begriffe" key="546,1">Primärzeugen</term> immer wieder Unterschiede ergeben: Unterschiede des Tones, des Akzentes, der Sprache, des Ausdrucks, der Beziehung zu ihrer Umwelt usf. Und das müßte ein merkwürdiger <term type="Begriffe" key="620">Bibelleser</term> sein, der dem Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> einfach gegenüberstehen würde wie einem monolithischen Block, wo es überall nur so donnert von <term type="Begriffe" key="341">Offenbarung,</term> [immer] in gleicher Weise, hundertprozentig! Sondern das geht uns allen so - mir auch, wahrhaftig! -, daß man hier anders, (ich will mal ohne Wertung sagen:) einfach anders angesprochen ist als dort.</p>
                <p>Ferner, es wird sich wohl für jeden Leser des Neuen Testamentes ergeben, daß er irgendwo in diesem <foreign xml:lang="lat">corpus testimonii</foreign> ein Zentrum - ich sage vorsichtig: <hi rend="italic">ein</hi> Zentrum, sagen wir einmal: <hi rend="italic">sein</hi> Zentrum - finden wird, von dem aus ihm dann das Übrige als Umgebung, als Umkreis erscheint. Und mehr oder weniger unwillkürlich und mehr oder weniger konsequent ordnet er sein Verständnis des im Neuen Testament in dieser ursprünglichen, in dieser primären Form bezeugten Wortes <term type="Begriffe" key="537">Gottes</term> zusammen von dieser Mitte aus. Das machen wir alle. Und das ist auch in der Ordnung so. Das ist in den verschiedenen Zeiten der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> und auch örtlich in den verschiedenen Bereichen der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> immer so geübt worden. Und das wird für jeden einzelnen Christen, für jeden einzelnen Theologen, dann auch wieder für jeden einzelnen Christen und Theologen in seinen verschiedenen Lebensstadien immer der Vorgang sein: Es tritt irgendwo etwas stark hervor, anderes daneben relativ zurück, und es entsteht dann diese gewisse Zentrierung des Verständnisses auch der <term type="Begriffe" key="120">Exegese.</term> Die <term type="Begriffe1" key="120">Exegese</term> folgt dann dieser Ordnung, die man da wahrzunehmen meint. Dagegen ist nicht nur nichts einzuwenden, sondern ich würde sagen: das muß so <pb ed="pga" xml:id="p125"/> sein. Alles andere Lesen im Neuen Testament, eben wo es so um ein monolithisches Monument gehen würde, wäre ein totes Lesen eines toten Buchstabens. Das war der große Irrtum der sogenannten <term type="Begriffe" key="351,1">Orthodoxie</term> - ich meine jetzt: der protestantischen <term type="Begriffe1" key="351,1">Orthodoxie</term> des 16. und 17. Jahrhunderts. Und da ist es eine gute Sache gewesen, daß man vom 18. Jahrhundert an durch die historische Betrachtung des Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testamentes</term> auch sozusagen theoretisch auf die Notwendigkeit dieses Vorgehens aufmerksam gemacht worden ist, nachdem man schon lange vorher praktisch diese Methode geübt hat. Keiner stärker als <persName ref="kbga-actors-261">Martinus Luther</persName>! <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> in seiner Weise auch, und wer nicht? Soweit, so gut. </p>
                <p>Mißlich beginnt die Sache erst dann zu werden, wenn man nun meint: «Ich hab’s!» und nun das, diese gestufte Sicht - auf das kommt es Ihnen ja an, nicht wahr? -, diese gestufte Sicht als solche kanonisiert und irgendwie meint festlegen zu können: <hi rend="italic">Das</hi> sagt das Neue Testament, nämlich das, was sich so und so um diese und diese Mitte gliedert! Das ist dieser gefährliche Weg. Er ist auch immer wieder beschritten worden. [Es ist] derselbe Weg in seiner Gefährlichkeit, wo nun die lebendige <term type="Begriffe" key="120">Exegese</term> dogmatistisch erstarrt in der Auswahl, auf die sich der Exeget und Theologe und <term type="Begriffe" key="68">Christ</term> festlegt, statt daß er ruhig weiterliest - sei es denn <hi rend="italic">in den Grenzen</hi> seiner besonderen Anschauung, aber seiner besonderen Anschauung gegenüber auch wieder <hi rend="italic">frei</hi>, [sich] weiterführen zu lassen. Und nicht zum Beispiel (aber das ist nur <hi rend="italic">ein</hi> Beispiel) polternd daher zu kommen und zu sagen: «<hi rend="italic">Das</hi> <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> steht im Galaterbrief! Was sich nicht ohne weiteres auf den Nenner des Galaterbriefes bringen läßt, das ist mindestens sekundär im Sekundären»<note xml:id="n06"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> modifiziert hier seine in <ref type="pub" target="#fn_n01">Anm. 1</ref> genannten Unterscheidungen. Das «Sekundäre» ist hier der <hi rend="italic">ganze</hi> <term type="Begriffe" key="545">Zeugenbereich</term>, der dem «Primären», dem Wort <term type="Begriffe" key="537">Gottes</term> in der <term type="Begriffe" key="341">Offenbarung</term>, gegenübersteht; und <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitiert hier die Meinung jener, die im Kanon - in dem, was <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> <term type="Begriffe" key="546,1">«Primärzeugen</term>» nennt - noch einmal unterscheiden zwischen solchem, was da «primär», und solchem, was da nur «sekundär» ist.</note> - wenn es nicht geradezu ausgeschaltet wird. Man kann ja dann noch weitergehen und sagen: ganz weg damit! Der <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> war manchmal nahe daran. Und dann kommt z. B. der schöne Brief des <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> unter die Räder. Ich brauche Ihnen nun die Äquivalente [zu dem], was <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> mit der «strohernen Epistel» gesagt <pb ed="pga" xml:id="p126"/> hat<note xml:id="n07"> <bibl corresp="kbga-bibls-5763"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Das Newe Testament Deutzsch</hi> (1522). <hi rend="italic">Vorrhede</hi>, WA.DB 6,10,9f.13.29–35:</bibl> «Aus disem allen kanstu nu recht urteylen unter allen buchern, und unterscheyd nehmen, wilchs die besten sind, […] wilche auch billich die ersten seyn sollten». «Summa, Sanct Johannis Euangeli und seyne erste Epistel, Sanct Paulus Epistel, sonderlich die zu den Romern, Galatern, Ephesern, unnd Sanct Peters erste Epistel, das sind die bucher, die dyr Christum zeygen, und alles leren, das dyr zu wissen nott und selig ist, ob du schon kein ander buch noch lere nummer sehest noch horist, Darumb ist sanct Jacobs Epistel eyn rechte stroern Epistel gegen sie, denn sie doch keyn Euangelisch art an yhr hat, Doch dauon weytter ynn andern vorrheden.»</note>, in der modernen wissenschaftlich-theologischen Sprache nicht zu nennen, was dann da kommt mit <term type="Begriffe" key="139">«Frühkatholizismus»</term> und was alles<note xml:id="n08">Vgl. <persName ref="kbga-actors-217">E. Käsemann</persName>, in den in <ref type="pub" target="#fn_n05">Anm. 5</ref> angegebenen Aufsätzen. Ferner: <bibl corresp="kbga-bibls-5916"><persName ref="kbga-actors-6053">W. Marxsen</persName>, <hi rend="italic">Der <term type="Begriffe" key="139">«Frühkatholizismus</term></hi><hi rend="italic">» im Neuen Testament</hi> (Biblische Studien 21), Neukirchen 1958</bibl>. Der Begriff <term type="Begriffe" key="139">«Frühkatholizismus</term>» geht auf <persName ref="kbga-actors-410">Ernst Troeltsch</persName> zurück; so: <bibl corresp="kbga-bibls-5917">F. Hahn, <hi rend="italic">Das Problem des <term type="Begriffe" key="139">Frühkatholizismus</term></hi>, EvTh, Jg.38 (1978), S. 343, Anm. 7</bibl>.</note>: So, jetzt meint man, über den Jakobusbrief Bescheid zu wissen und liest ihn nicht mehr ernsthaft; er ist ja [nur] in zweiter Linie [wichtig], bekanntlich gilt die erste! Und dann beginnt man womöglich, die <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> in diesem Sinn zu informieren. Es könnte ja auch andere Möglichkeiten geben. Als ich <term type="Begriffe" key="462">Theologiestudent</term> war, waren die Synoptiker in hohem Kurs<note xml:id="n09">Beispielhaft: <bibl corresp="kbga-bibls-1310"><persName ref="kbga-actors-155">A. Harnack</persName>, <hi rend="italic">Das Wesen des <term type="Begriffe" key="70">Christentums</term></hi>, Leipzig 1900</bibl>. Das «einfache <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term>» <term type="Begriffe" key="227">Jesu</term>, das für Harnack eben das Wesen des <term type="Begriffe" key="70">Christentums</term> ausmacht, wird in Vorlesung 1-8 nahezu ausschließlich aus den Synoptikern erhoben, unter ausdrücklicher Zurückstellung von <persName ref="kbga-actors-2297">Johannes</persName> (a.a.O., S. 13). Von <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> wird nur kurz in der 10. Vorlesung gehandelt: Einerseits hat er wohl «das <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term>, ohne seine wesentlichen, inneren Züge […] zu verletzen, in die universale <term type="Begriffe" key="403">Religion</term> verwandelt» (a.a.O., S. 113), andererseits wird er wegen seiner <term type="Begriffe" key="396">Rechtfertigungslehre</term> und seiner <term type="Begriffe" key="227,7">Christologie</term> als der Ursprung zweier großer «Gefahren» für das <term type="Begriffe" key="70">Christentum</term> bezeichnet, die Anlaß gaben, «die Schlichtheit des <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term>s zu verkehren» (a.a.O., S. 115).</note> - noch nicht in dem fahlen Lichte des <term type="Begriffe" key="113">Eschatologismus</term> von <persName ref="kbga-actors-1243">Albert Schweitzer</persName><note xml:id="n10"><bibl corresp="kbga-bibls-2661"><persName ref="kbga-actors-1243">A. Schweitzer</persName>, <hi rend="italic">Geschichte der Leben-Jesu-Forschung</hi>, Tübingen (1913) 1921</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> spielt auf das an, was Schweitzer selbst die «konsequente <term type="Begriffe" key="113">Eschatologie</term>» nannte (a.a.O., S. 390-443) - die Lehre, daß Jesus selbst den Anbruch des <term type="Begriffe" key="399">Gottesreichs</term> als nahe bevorstehend vermutet, sich in dieser Annahme aber geirrt habe.</note>. Damit bin ich noch nicht aufgewachsen. (Das wurde auch gelegentlich erwähnt, aber es war [damit] noch nicht so «schlimm».) Auch die <term type="Begriffe" key="163">Religionsgeschichte</term> war <pb ed="pga" xml:id="p127"/> noch nicht so in ihrer Fülle hereingebrochen. Sondern in den Synoptikern - sehr im Gegensatz zum Johannesevangelium notabene (das Evangelium des <persName ref="kbga-actors-2297">Johannes</persName> rückte dann in jene sekundär-sekundäre Linie!) -, … aber bei [?] den Synoptikern meinte man das «einfache <term type="Begriffe" key="119,6">Evangelium</term> Jesu» entdeckt zu haben. Ein Mann wie Professor <persName ref="kbga-actors-420">Paul Wernle</persName> hier in <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term> - ich habe ihn zwar nicht persönlich gehört, aber er hat damals in der <term type="Begriffe" key="428"><placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName></term> eine große Rolle gespielt, der hat immer wieder von diesem «einfachen <term type="Begriffe" key="119,6">Evangelium</term> Jesu» gemeint reden zu können<note xml:id="n11">Der Sache nach entfaltet <persName ref="kbga-actors-420">P. Wernle</persName> das in: <bibl corresp="kbga-bibls-3964"><hi rend="italic">Jesus</hi>, Tübingen 1916, bes. S. 75-82.366–368</bibl>. Speziell war das der Vorwurf gegen <bibl corresp="kbga-bibls-1497"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <hi rend="italic">Der Römerbrief</hi>, Bern 1919</bibl>: <bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">P. Wernle</persName>, <hi rend="italic">Der Römerbrief in neuer Beleuchtung</hi>, in: KBRS, Jg.34 (1919), S. 163f.167–169</bibl>. Vgl. besonders S. 168, wo Wernle Widerspruch einlegt von «meinem einfachen Glauben» her. Darauf nimmt Bezug: <bibl corresp="kbga-bibls-96">Römerbrief 2, S. VIII, XV (<ref type="pub" target="../volume/47/pr009#pr009">S. IX</ref>, <ref type="pub" target="../volume/47/pr016#pr016">XVI</ref>)</bibl>.</note>, etwa auf der Linie, wie es <bibl corresp="kbga-bibls-1310"><persName ref="kbga-actors-155">Adolf von Harnack</persName> in seinem «Wesen des <term type="Begriffe" key="70">Christentums</term>»</bibl> getan hat<note xml:id="n12"><bibl corresp="kbga-bibls-1310"><persName ref="kbga-actors-155">A. Harnack</persName>, a.a.O., S. 90</bibl>: «Das <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> ist in den Merkmalen […] erschöpft, und nichts Fremdes soll sich hineindrängen: Gott und die <term type="Begriffe" key="429">Seele</term>, die <term type="Begriffe" key="429">Seele</term> und ihr Gott. […] Diese <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> ist einfacher, als die <term type="Begriffe" key="244">Kirchen</term> es wahr haben wollen.»</note>. Da bleibt dann so etwas übrig als <term type="Begriffe" key="119">Evangelium,</term> vermeintlich den Synoptikern entnommen, von <term type="Begriffe1" key="181,25">Gott</term> dem Vater und von dem <term type="Begriffe" key="305,22">Nächsten</term> und von dem unendlichen Wert der <term type="Begriffe" key="429">Menschenseele</term> usf. - wobei ja dann unter der Hand doch schon auch innerhalb der Synoptiker <hi rend="italic">wieder</hi> eine Auswahl getroffen wurde, vom Johannesevangelium nicht zu reden!</p>
                <p>Sehen Sie, das alles sind also sozusagen die <hi rend="italic">Gefahren</hi> eines an sich nicht nur <hi rend="italic">erlaubten</hi>, sondern <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="146">gebotenen</term></hi> Verfahrens, wie ich es vorhin zu skizzieren versucht habe und was Sie offenbar [an]visiert haben in bezug auf diese Unterscheidung von Primärem und Sekundärem innerhalb des Sekundären, des <term type="Begriffe" key="546,2">Zeugnisbereiches.</term> Und jetzt würde ich denken: wenn man das einmal begriffen hat - das <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="394">Recht</term></hi> des Verfahrens und dann aber auch die gebotene <hi rend="italic">Vorsicht</hi> in seiner Anwendung, dann kann es eigentlich nicht fehlen. Man darf wohl ein bißchen <hi rend="italic">Eklektiker</hi> sein, aber bitte: ein <hi rend="italic">offener</hi> Eklektiker und nicht ein dogmatischer.</p>
                </sp>

                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10604">Giesen</persName>:</speaker> 
                <p>Herr Professor, wieweit ist Ihnen die zeitliche Nähe zur <term type="Begriffe" key="341">Offenbarung</term> oder die möglichst nahe Konfrontation [mit dem] <term type="Begriffe" key="30">Auferstehungsgeschehen</term> Kriterium für den Wert der Aussagen der einzelnen <term type="Begriffe" key="545">Zeugen</term>?</p>
                </sp> 

                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p128" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker> 
                <p>Darf ich vielleicht rasch dazu noch ergänzen: Wir kommen auf diese Frage überhaupt durch die Beobachtung, die uns ein wenig erstaunte oder wenigstens viele von uns erstaunte, daß der Begriff des <term type="Begriffe" key="545">«Zeugen</term>» in offenkundiger Anlehnung an <ref type="can" subtype="bible" target="Act.1.22">Act. 1[,22]</ref> - dort in dem Kapitel über die <term type="Begriffe" key="545">Zeugen</term> - zunächst bestimmt wird als Zeugen der <term type="Begriffe" key="30">Auferstehung,</term> und zwar ausdrücklich als Augen- und <term type="Begriffe" key="545">Ohrenzeugen.</term><note xml:id="n13"><bibl corresp="kbga-bibls-5157"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Einführung</hi>, a.a.O., S. 34.37f</bibl>.</note></p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ich bin froh, daß dieser Ausdruck <term type="Begriffe" key="545">«Zeugen</term> der <term type="Begriffe" key="30">Auferstehung</term>» nicht meine Erfindung ist. Es ist allerdings der arme <persName ref="kbga-actors-1745">Lukas</persName>, der es so gemacht hat. Nun ist das <foreign xml:lang="lat">cum grano salis</foreign> zu verstehen. Wenn es dort heißt: <term type="Begriffe" key="545">Zeugen</term> der <term>ănástasiw</term> [Auferstehung], so ist natürlich gemeint: Zeugen des als der <term type="Begriffe" key="227,20">Lebendige</term> den <term type="Begriffe" key="486">Tod</term> hinter sich lassenden <term type="Begriffe" key="227,25">Herrn</term>. Von der Begegnung mit <hi rend="italic">Ihm</hi> - nicht mit dem Ereignis der <term type="Begriffe" key="30">Auferstehung</term> als solcher (das kommt dann auch noch, kann auch noch seine Bedeutung haben; aber es geht ja nicht um die <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="30,3">Auferstehung</term></hi>, sondern um den <hi rend="italic">Auferstandenen</hi>, den lebendigen Herrn!) -, von dieser Begegnung kommen die Zeugen des Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testaments</term> her, oder, wir wollen mal sagen: als diese sind sie von der <term type="Begriffe" key="244,2">Kirche</term> des 2. Jahrhunderts anerkannt worden. Das ist der Begriff des «Apostolischen»: daß sie dieser Begegnung teilhaftig wurden.</p>
                <p> «Augen- und Ohren-Zeugen» - ja, ja, es geht schon um das. Das kann man sich wohl nicht abmarkten lassen, wobei dann zu überlegen wäre: Was heißt Augen- und Ohrenzeugen in diesem Fall? Ich erinnere mich jetzt an die Stelle nicht, [aber] ich bin jetzt eigentlich froh, daß ich es ausdrücklich gesagt habe: Augen- und Ohrenzeugen - damit da ja keine Möglichkeit zum Entrinnen eintritt, daß es vielleicht bloß eine ideale <term type="Begriffe" key="106,6">Erkenntnis</term> Jesu Christi oder irgend so etwas wäre. Ja nein, es geht um die Begegnung [mit dem], der sichtbar und hörbar als wahrer <term type="Begriffe" key="227,18">Gott</term> und wahrer <term type="Begriffe1" key="227,18">Mensch</term> in die menschliche <term type="Begriffe2" key="163,11">Geschichte</term> eingetreten ist. Und diese ersten Zeugen sind [ihm begegnet] - so oder so: das ist dann eine Frage weiterer Überlegung, die aber nun nicht pragmatisch aufgedröselt werden kann: ja, inwiefern gilt jetzt das vom Verfasser des <persName ref="kbga-actors-8998">Judas</persName>briefs usf.? Da kommt dann sofort so eine historistische Kinderei herein, wenn man die Frage so stellt. Also, wir wollen mal sagen, nach dem Urteil der <term type="Begriffe" key="244,2">Kirche</term> des 2. und 3. Jahrhunderts <pb ed="pga" xml:id="p129"/> waren diese Leute (einschließlich des Verfassers des Judasbriefs, den ich auch nicht so gern habe) in diesem Sinn «Zeugen der <term type="Begriffe" key="30">Auferstehung</term>» - ja, aber eben, gemeint ist: des Auferstandenen -, also <term type="Begriffe" key="545">Zeugen</term> in einem Sinn, wie es dann allerdings grundsätzlich die spätere <term type="Begriffe" key="244">Kirche,</term> sagen wir: die <term type="Begriffe1" key="244,2">Kirche</term> des 2. Jahrhunderts so nicht mehr sein konnte. Sondern die wird dann so angeredet, wie etwa im 1. <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>brief die Leute angeredet werden, wo es dann heißt: «Dem ihr glaubet, den ihr liebet, obwohl ihr ihn nicht gesehen habt» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.1.8">1.Petr. 1,8]</ref>. Und die, die so dran sind, das ist die spätere <term type="Begriffe" key="244">Kirche,</term> und da kommen <hi rend="italic">wir</hi> dann auf die Szene.</p>
                <p>Es haben mir nicht viele Leute abgenommen, aber ich habe auch die Thomasperikope am Ende des Johannesevangeliums immer so ausgelegt<note xml:id="n14">Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, S. 538f</bibl>.</note>, daß das «Selig sind, die nicht sehen und doch glauben» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.20.29">Joh. 20,29</ref>] nicht ein Tadel des <persName ref="kbga-actors-3001">Thomas</persName> ist; sondern der Thomas hat ganz recht, daß er da zugreifen will. Das ist nicht eine Schwachgläubigkeit. Aber nun wird über den Thomas hinaus geblickt auf die <term type="Begriffe" key="244">Kirche,</term> die nicht so dran ist wie Thomas, die nicht mehr zu diesem Betasten in der Lage ist - <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.1.1">1.<persName ref="kbga-actors-2297">Johannes</persName> 1,1</ref>: da kommt ja das Betasten auch noch zum Sehen und zum <term type="Begriffe" key="204,1">Hören</term> hinzu. Die erste Generation - das sind die, die [aber noch eben] so mit Christus zu tun hatten. Ist Ihnen das zu herb oder zu … ? Ich möchte jetzt nur nichts abschwächen.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10604">Giesen</persName>:</speaker> 
                <p>Herr Professor, dann sind Sie also nicht bereit zuzugestehen: die Deuteropaulinen sind <term type="Begriffe" key="545">Zeugen,</term> die eben nicht sehen, sondern nur glauben? Sie haben nicht gesehen, aber glauben doch - vielleicht durch die intensive Vermittlung des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ich weiß nicht, wie man dazu kommt, das zu behaupten. Das ist ja ganz nett. Das kann man sich mal so zurechtlegen, wenn man durchaus will. Aber ich finde ja die Tatsache [interessant], daß auch diese sogenannten Deuteropaulinen eben «<hi rend="italic">Paulinen</hi>» sind und sein wollen und daß sie mit ihrer ganzen, mir auch nicht immer angenehmen Ekklesiastik nun in dieser Reihe stehen. Und ich [bin dadurch] aufgefordert, früher oder später auch die ernst zu nehmen [und] auch diese Pastoralbriefe jetzt nicht so auf die Seite zu schieben. Jetzt nicht gleich sagen: «Frühkatholizismus! 2. Jahrhundert!» Sondern wenn ich es jetzt noch nicht fasse - und ich fasse es weithin noch <pb ed="pga" xml:id="p130"/> jetzt nicht, kann ich Ihnen sagen, als alter Herr -, so warte ich darauf, daß ich es vielleicht doch noch einmal fasse. Und ich würde jedenfalls niemals hingehen und der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> die Deuteropaulinen madig machen durch [solche] Diskreditierung - dadurch, daß gesagt wird: die sind [nur Schriften] zweiten Grades. Warten Sie’s doch ab! Es könnte doch sein, daß wieder eine Zeit auch der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> kommt, wo es sehr nötig ist, daß wir diese Deuteropaulinen wieder lesen. Es stehen in diesen Deuteropaulinen äußerst bemerkenswerte Sachen: im Epheserbrief, vom Kolosserbrief nicht zu reden, und dann aber auch [in den] Pastoralbriefen.</p>
                <p> Bei den Diskussionen, die da in <term type="Begriffe" key="495"><placeName ref="kbga-places-61">Tübingen</placeName></term> geführt wurden<note xml:id="n15">Vgl. hierzu <persName ref="kbga-actors-1714">Küngs</persName> Auseinandersetzung mit <persName ref="kbga-actors-217">Käsemann</persName> und <persName ref="kbga-actors-1549">Diem</persName> in: <bibl corresp="kbga-bibls-5918"><persName ref="kbga-actors-1714">H. Küng</persName>, <hi rend="italic">Der <term type="Begriffe" key="139">Frühkatholizismus</term></hi> <hi rend="italic">im Neuen Testament als kontrovers-theologisches Problem</hi>, in: Theologische Quartalschrift, Jg.142 (1962), S. 385-424</bibl>, wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-5919">E. Käsemann (Hg.), <hi rend="italic">Das Neue Testament als Kanon. Dokumentation und kritische Analyse zur gegenwärtigen Diskussion</hi>, Göttingen 1970, S. 175-204</bibl>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-5920">H. Diem, <hi rend="italic">Das Problem des Schriftkanons</hi>, in: E. Käsemann (Hg.), a.a.O., S. 159-174</bibl>. Die These, auf die sich <persName ref="kbga-actors-1714">Küng</persName> kritisch bezieht, ist vor allem die von<bibl corresp="kbga-bibls-5914"> <persName ref="kbga-actors-217">E. Käsemann</persName>, <hi rend="italic">Begründet der neutestamentliche Kanon die Einheit der Kirche?</hi>, in: E. Käsemann (Hg.), a.a.O., S. 124-133</bibl>, auch in: <bibl corresp="kbga-bibls-5914">ders., <hi rend="italic">Exegetische Versuche und Besinnungen</hi>, Bd. I, Göttingen 1960, S. 214-223</bibl>.</note>, waren ja doch <persName ref="kbga-actors-217">Käsemann</persName> und <persName ref="kbga-actors-1549">Diem</persName> dem <persName ref="kbga-actors-1714">Hans Küng</persName> gegenüber in einer etwas peinlichen Lage. Der <persName ref="kbga-actors-1714">Küng</persName> hat ihnen gesagt: «So, ihr habt doch bis jetzt immer gesagt: die <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term>! die <term type="Begriffe1" key="424">Schrift</term>! Und jetzt kommt ihr und sagt: ja, die <term type="Begriffe" key="424">Schrift,</term> aber wir meinen natürlich die paulinischen Hauptbriefe und einiges bei den Synoptikern und <persName ref="kbga-actors-2297">Johannes</persName> vielleicht auch, in bestimmter Deutung. Und dann aber kommt dieser ‹Frühkatholizismus› usf.» Und dann hat der <persName ref="kbga-actors-1714">Küng</persName> sich das angehört und gesagt: «So seht ihr das an? Nun ja, es ist ja schön von euch, daß ihr wenigstens das anerkennt. Es könnte ja sein, daß ihr nach einiger Zeit auch nachkommt und vielleicht das [andere] auch noch begreift. Jedenfalls aber haben eure Reformatoren es nicht so gemeint, wie ihr es jetzt da sagt. Und mit welchem Recht tretet ihr uns nun eigentlich gegenüber? Sind wir nicht viel mehr auf dem Boden des Schriftprinzips, als ihr es seid, wenn wir nun, ohne uns den kritischen Fragen zu verschließen - das braucht man ja nicht, die kann man sich ja stellen und stellen lassen -, … wenn wir es aber ablehnen, [ich könnte jetzt <pb ed="pga" xml:id="p131"/> diesen Begriff einführen:] einen ‹Kanon im <term type="Begriffe" key="424,19">Kanon›</term> zu erschließen?» - Ja, ist es wohl genug darüber?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Frage:</speaker> 
                <p>Dürfen wir vielleicht annehmen, daß der Kreis derer, die wir <term type="Begriffe" key="546,1">Primärzeugen</term> nennen wollen, weniger bestimmt wird durch [ihr] für uns nachprüfbares, so weit wie möglich nachprüfbares Verhältnis zu dem, was wir als greifbare Größe, nämlich als Wort <term type="Begriffe" key="537">Gottes</term> bezeichnen, sondern vielmehr einfach durch die Entscheidung der <term type="Begriffe" key="244">Kirche,</term> hinter die wir nicht zurückkönnen und auch nicht -wollen?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> Vorsichtig! Der erste, negative, abgrenzende Satz war gut. Hingegen würde ich niemals sagen: die Entscheidung der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term>! Da wären wir bei <persName ref="kbga-actors-1714">Küng</persName>, das wäre dann <term type="Begriffe" key="241">katholisch.</term> Sondern ich würde so sagen: die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> mit ihrer Entscheidung über den Kanon lädt uns ein, in diesen Schriften - in diesen und nicht in anderen, aber in diesen allen - das primäre <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugnis</term> vom <term type="Begriffe" key="30,3">Auferstandenen</term> zu hören. Die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> kann uns ja dieses Zeugnis nicht vermitteln. Sie kann nur sagen: «Hier haben wir es gehört. Lest! Hört zu, ob ihr hier dieses <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugnis</term> nicht auch hört!» Der entscheidende Akt ist nicht unser Anschluß an die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> als solcher, sondern der entscheidende Akt ist, daß wir, in der Gemeinschaft der <term type="Begriffe" key="244,15">Kirche</term> und also allerdings unter Beachtung der <term type="Begriffe" key="244,2">Kanonsbildung</term> von damals, offen an dieses Schrifttum herantreten und sehen, was dann passiert, und [dabei ja] nicht Türen und Fenster schließen. Um das geht es: [nicht] Türen und Fenster schließen, daß vielleicht für uns oder für andere zu dieser oder zu jener Zeit der Wind - «der weht, wo er will, und du hörest sein Sausen wohl und weißt nicht, von wannen er kommt noch wohin er fährt» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.8">Joh. 3,8</ref>] -, daß dieser Wind durch diese Türen und Fenster da hineingehen könnte. Lassen wir es darauf ankommen! Und wir sind dann in dem Maß im rechten Verhältnis zu diesen <term type="Begriffe" key="545">Zeugen</term> zweiten Grades, als - ja, jetzt kommt dieser Begriff - das <foreign xml:lang="lat">testimonium Spiritus sancti</foreign><note xml:id="n16">Der Begriff «<foreign xml:lang="lat">testimonium Spiritus sancti internum</foreign>» bezeichnete in der altprotestantischen <term type="Begriffe" key="351,1">Orthodoxie</term> den im Grunde einzigen Beweis für die Göttlichkeit der heiligen <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-263"><persName ref="kbga-actors-1038">H. Heppe</persName>, <hi rend="italic">Die <term type="Begriffe" key="90">Dogmatik</term></hi> <hi rend="italic">der evangelisch-reformierten Kirche</hi>, neu hrsg. von E. Bizer, Neukirchen 1935 (1958), S. 11.21f.33</bibl>. Vgl. auch schon <bibl corresp="kbga-bibls-16">Institutio I 8,4</bibl>.</note> für uns das wahr macht, was uns die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> mit ihrem Urteil anbietet als die <term type="Begriffe" key="522">Wahrheit</term> des <term type="Begriffe1" key="119">Evangeliums.</term> Ist die Antwort so deutlich? Oder […] noch nicht ganz? Sagen Sie es nur, was Ihnen Schwierigkeit macht!</p> 
                </sp>

                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p132" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-10604">Giesen</persName>:</speaker> 
                <p>Ich verstehe klar, daß Sie einen bestimmten Kreis eingrenzen. Aber ich verstehe nicht genau das Kriterium, mit dem Sie versuchen, eine Grenze zu ziehen. Sie sagen einesteils: die Augenzeugen sind keineswegs <term type="Begriffe" key="545">Zeugen</term> in dem Sinne, daß sie Anteil gehabt hätten an dem historischen <term type="Begriffe" key="163,16">Geschehen</term> … </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker><p> … auch! auch!</p>
                </sp>
                <sp><speaker>Frage:</speaker> 
                <p>… ich meine: es ist nicht darauf eingegrenzt, sondern es geht um die Begegnung mit dem lebendigen <term type="Begriffe" key="227,5">Herrn</term>. [Aber] der konnte den <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> begegnen nicht nur zur Zeit, da er auf Erden <term type="Begriffe" key="227,19">lebte</term>. Und das heißt also, es kann durchaus jemand <term type="Begriffe" key="546,1">Primärzeuge</term> sein, der hundert Jahre später gelebt hat. Nämlich, wir müssen doch annehmen, daß dann der lebendige Herr noch begegnen kann.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Diese Annahme ist höchst interessant und hat sich in der Geschichte der <term type="Begriffe" key="605">Kirche</term> als höchst fruchtbar erwiesen - [indem] dann nämlich immer wieder gesagt wurde: «Ha, warum soll jetzt die Sache auf die zwei Deckel dieses Buches beschränkt sein?» […] Bei <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> sind alle Dinge möglich [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.26">Mt. 19,26</ref>]. Aber man sehe zu, daß man nicht auf Grund dieser <term type="Begriffe" key="522">Wahrheit</term> ein <term type="Begriffe1" key="426">Schwärmer</term> werde, der dann sagt: «Ach was, <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> und <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>! Ich bin auch ein kleiner <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>, auch ein kleiner <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, ich kann das auch usf.!» Ja, ich meine, man muß jetzt da [bei der Eingrenzung der <term type="Begriffe" key="546,1">Primärzeugen</term> zwar] nicht mit Zahlen arbeiten: 100 Jahre, und was weiß ich! Ich würde [aber allerdings] sagen: <hi rend="italic">Da</hi> und jetzt nicht anderswo haben wir es sowohl mit der Quelle wie mit der Norm unserer <term type="Begriffe" key="106">Erkenntnis</term> der evangelischen <term type="Begriffe" key="522">Wahrheit</term> zu tun - da und nicht anderswo!</p>
                </sp>

                <sp>
                <speaker>Frage:</speaker> 
                <p>[…] Ist das einfach eine Entscheidung, die man niemandem demonstrieren kann, sondern die man nur - sagen wir - in der <term type="Begriffe" key="106">Erkenntnis</term> des Heiligen <term type="Begriffe1" key="154">Geistes,</term> also dann, wenn wir in der Sache völlig drin stehen, selbst als richtig einsehen kann, [die] also nicht irgendwie faktisch durch eine Beziehung zu einer gewissen Größe oder irgend etwas anderes bestimmbar ist, sondern einfach nur von innen her sichtbar [wird]?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Das «von innen» deucht mich nicht lustig. Aber es ist schon recht. Also zu demonstrieren gibt es da gar «nix» - das ist klar. «Demonstrieren» - ja, wenn der Begriff einen Sinn haben sollte, so könnte [damit doch] nur gesagt werden: Die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> mit ihrem Urteil über den Kanon demonstriert uns ihr erstes Verhältnis zu diesem <pb ed="pga" xml:id="p133"/> Schrifttum. Das ist auch eine «Demonstration», aber natürlich nicht ein Beweis. Denn die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> kann ja das nicht beweisen, aber - ich brauche gern diesen Ausdruck - sie kann [einladen]. Und das ist es, was sie m. E. in ihrer ganzen <term type="Begriffe" key="313,1">Missionstätigkeit</term>, <term type="Begriffe" key="117">Evangelisation,</term> <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term> getan hat - es ist eine Einladung: Kommt und hört! Und nun hat die <term type="Begriffe" key="244,6">Kirche</term> <hi rend="italic">diese</hi> Einladung ergehen zu lassen, nicht eine andere.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Frage:</speaker> 
                <p>Ja, das ist richtig. Ich fragte nur nach dem Woher dieser Entscheidung … </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> … dieser Entscheidung? Also gelt, die entscheidende Entscheidung, wir wollen mal so sagen, die fällt damit, daß dasjenige <hi rend="italic">geschieht</hi>, auf was die Kirche hinweist, von dem die Kirche sagt: Es hat eine <term type="Begriffe" key="512">Verheißung,</term> wenn ihr jetzt mal auf <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> und <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> hört. Nur die <hi rend="italic">Erfüllung</hi> dieser <term type="Begriffe" key="512">Verheißung</term> ist das Kriterium, die Erfüllung! Aber das bedeutet doch nicht, daß es nicht auch eine <term type="Begriffe" key="512">Verheißung</term> gibt, und daß die <term type="Begriffe1" key="244">Kirche</term> nicht Trägerin dieser <term type="Begriffe2" key="512">Verheißung</term> zu sein hat. Und <hi rend="italic">ja</hi> nicht [tunlich ist es], etwa sich nun so wählerisch, so auswählerisch zu gebärden und [so] zu tun, wie wenn [man] es besser wüßte, und dann das zu machen - ich glaube, das steht irgendwo in dem Buch<note xml:id="n17"><bibl corresp="kbga-bibls-5157"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Einführung</hi>, a.a.O., S. 40</bibl>.</note> -, daß man den Aposteln über die Schultern zu sehen und auf die Schulter zu klopfen beginnt! - Ja, ist es relativ deutlich?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker>
                <p>Darf ich vielleicht vorschlagen [weiterzugehen]? Wir haben [noch] ziemlich viel auf der Liste … Die Frage des Kanons ist uns eine sehr zentrale Frage. Aber wenn wir uns jetzt zu sehr auf dies eine einlassen, dann kommen die anderen Dinge, die uns mindestens ebenso am Herzen liegen, zu kurz. Selbstverständlich soll hier niemandem das Wort im Keime erstickt werden - aber wenn Sie einverstanden sind, würde ich doch vorschlagen, daß wir mal weitergehen.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> Ist für den Augenblick, für den 12. Oktober nachmittags zwischen 4 und 6 Uhr - mehr kann man nicht sagen - eine gewisse Beruhigung über das Kanonsproblem in diesem Raum eingetreten? Das wäre schon ein großer Gewinn, wenn es nicht immer wieder so züngelte um diesen Kanonsbegriff herum.</p> 
                </sp>
            </div> 
            
            <div> 
              <pb ed="pga" xml:id="p134"/>
                <head type="sub">2. Einheit und Vielfalt des biblischen Zeugnisses</head>

                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10603">Eras</persName>:</speaker>
                <p> Vielleicht tritt noch weitere Klarheit ein, wenn wir weitergehen zu einer zweiten Frage, die auch gestellt worden ist und die ganz in der Nähe dessen bleibt, was bis jetzt gesagt worden ist. Sie haben zu Anfang selbst gesagt, daß für den Theologen, der sich mit der <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> beschäftigt, sich diese <term type="Begriffe1" key="424">Schrift</term> in [seinem Verständnis von] ihr sich um ein Zentrum gruppiert. Und in diesem Zusammenhang ist gefragt, inwiefern man von einer Einheit dieses Zentrums reden kann oder auch von einer Einheit der <term type="Begriffe" key="341">Offenbarung</term> - auch wieder angesichts des Tatbestandes, den man in <term type="Begriffe" key="495"><placeName ref="kbga-places-61">Tübingen</placeName></term> oder in <term type="Begriffe" key="684"><placeName ref="kbga-places-594">Mainz</placeName></term> hören kann, daß manche <term type="Begriffe" key="120">Exegeten</term> meinen, im <term type="Begriffe" key="424,19">Kanon</term> eine gewisse Disparatheit in wichtigen <foreign xml:lang="lat">Loci</foreign> feststellen zu können. Ich sage es jetzt mal ganz plump, um vielleicht klarzumachen, worauf ich hinaus will: <persName ref="kbga-actors-1493">Herbert Braun</persName> [geht] in mehreren Aufsätzen<note xml:id="n18"><bibl corresp="kbga-bibls-5921"><persName ref="kbga-actors-1493">H. Braun</persName>, <hi rend="italic">Gesammelte Studien zum Neuen Testament und seiner Umwelt</hi>, Tübingen 1962, S. 324-341</bibl>.</note> so [vor], daß er verschiedene Loci, von denen er meint, sie seien sehr wichtig in der <term type="Begriffe" key="424">Schrift,</term> herausnimmt und dann feststellt: Dazu meint <persName ref="kbga-actors-2297">Johannes</persName>, dazu meinen die Synoptiker, jeweils jeder einzelne, dazu meint <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> … Und dann heißt sein Schluß, diese Dinge seien ohne Grobheit und Gewaltsamkeit nicht unter einen Hut zu bringen. Und er zieht daraus dann seine Konsequenzen. In diesem Zusammenhang wäre eben zu fragen: Wie kommt die Einheit des <term type="Begriffe" key="620">biblischen</term> <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugnisses</term> in den Blick? <persName ref="kbga-actors-1493">Herbert Braun</persName> geht es ja bei diesen Disparatheiten nicht um periphere Dinge, sondern er nennt z. B. auch die <term type="Begriffe" key="227,6">Christologie</term>. - Ich weiß nicht, ob einer von uns die Frage noch besser stellen will?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Fragesteller:</speaker> 
                <p>An und für sich ist sie schon gut gestellt. [Ich hätte sie gern so gestellt:] Ist die Einheit des Handelns und Redens <term type="Begriffe" key="181,22">Gottes</term> eine «Regelung», d. h. für mich: eine <hi rend="italic">Prämisse</hi> des theologischen Arbeitens oder etwas, was sich <hi rend="italic">in</hi> [der theologischen] Arbeit - z. B. im Verstehen Seines Wortes - in der <term type="Begriffe" key="120">Exegese</term> ergibt?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Eine Prämisse? - schon nicht gut!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Fragesteller:</speaker> 
                <p>Dort steht: «Regelung» des theologischen <term type="Begriffe" key="78,3">Denkens</term> und Arbeitens<note xml:id="n19"><bibl corresp="kbga-bibls-5157"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Einführung</hi>, a.a.O., S. 96ff.</bibl>, zieht dem Begriff der «Methode» den der «Regelung» vor und beschreibt unter diesem Stichwort «die Art von <term type="Begriffe" key="106">Erkenntnis</term>, zu der der Theologe verpflichtet» ist; z. B. entsprechend der (reichen) Einheit ihres Gegenstandes sei sie eine «sammelnde <term type="Begriffe" key="106">Erkenntnis</term>» (S. 97.99).</note>.</p>
                </sp> 
                <sp><speaker><pb ed="pga" xml:id="p135" rend="noPipe"/><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>«Regelung»? - gut! Und nun ist also die Frage, ob man diese Regelung auf eine Prämisse zurückführen will oder - was war die Alternative?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Fragesteller:</speaker> 
                <p>… oder ein Ergebnis, das sich aus der Arbeit an dem Wort <term type="Begriffe" key="537">Gottes,</term> an dem Text in der <term type="Begriffe1" key="120">Exegese</term> ergibt?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Gut, ich möchte sagen: Sofern man unter Prämisse, was ja das Wort bedeutet, eine Voraussetzung versteht, die ich mache, da haben Sie ja wahrscheinlich die Stelle gefunden, wo ich ausdrücklich gesagt habe: Um Gottes willen keine Voraussetzungen!<note xml:id="n20"><bibl corresp="kbga-bibls-5157"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Einführung</hi>, a.a.O., S. 57-68</bibl>.</note> - also irgendwelche Sätze, die nun festgelegt sind, woher sie dann auch stammen mögen. Sondern - jetzt kämen wir auf die Alternative, die Sie meinen, und da würde ich einfach sagen: sondern das <hi rend="italic">Ereignis</hi>, in welchem sich das, was man übel als eine «Prämisse» und übel als eine «Voraussetzung» bezeichnet, faktisch durchsetzt: diese Wirklichkeit, die die <foreign xml:lang="lat">conditio sine qua non</foreign> theologischen <term type="Begriffe" key="78,3">Denkens</term> und Redens ist. Wir wären [da] wieder bei dem Begriff der Erfüllung einer <term type="Begriffe" key="512">Verheißung.</term> Und das ist ein Ereignis, das ist eine Aktion, und zwar eine von <term type="Begriffe" key="181,22">Gott</term> ausgehende und dann uns in die Teilnahme [an] Gottes Tun hineinrufende Aktion. [Hingegen] sobald man sagt: ich mache eine Voraussetzung, da geht es schon willkürlich zu, auch wenn es eine wunderbare Voraussetzung wäre.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Fragesteller:</speaker> 
                <p>Darf ich es mal [so] formulieren, um nachzuprüfen, ob ich es verstanden habe: Diese Einheit können wir nach außen nicht demonstrieren, nicht zeigen, sondern wir werden sie, wenn wir [da] hineingenommen sind als die Glaubenden, <hi rend="italic">erleben</hi> als die faktische Einheit?</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Wie schön, daß jetzt das Wort «Erleben» wieder zu Ehren kommt! Das Wort «Erleben» war das große Wort meiner theologischen Jugendzeit in <term type="Begriffe" key="663"><placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName></term> - noch nicht im Marburg von <persName ref="kbga-actors-129">Ernst Fuchs</persName>, aber im alten Marburg von <persName ref="kbga-actors-181">Wilhelm Herrmann</persName>. Da gab es kein heiligeres Wort als das Wort «Erleben».<note xml:id="n21">Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-1793"><persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Der Verkehr des Christen mit Gott</hi>, Tübingen (1886) 1921, S. 62</bibl>: «Dies, worauf alles ankommt, geschieht […] durch das allein, was wir selbst erleben.» <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> studierte 1908/09 bei Wilhelm Herrmann (1846–1922, seit 1879 Professor für Systematische <term type="Begriffe" key="481,26">Theologie</term> in <term type="Begriffe" key="663">Marburg</term>).</note> Und ich habe mich dann von <pb ed="pga" xml:id="p136"/> diesem Wort sehr losgestrampelt und habe gesagt: nein! nein! bitte, es geht nicht um ein Erleben!<note xml:id="n22">So z. B. in <bibl corresp="kbga-bibls-48">Römerbrief 2, S. 84 </bibl>(S. 82), wo <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich abgrenzt gegen <term type="Begriffe" key="107">«Erlebnisse</term> […], die <hi rend="italic">an sich</hi>, ohne sich unter das Gericht <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="181,12">Gottes</term></hi> zu beugen, […] wichtig, groß und in irgendeinem Sinn göttlich zu sein begehren und behaupten, Vermischungen von <term type="Begriffe" key="541">Zeit</term> und Ewigkeit, angebliches dingliches Hereinragen […] der Gotteswelt in <hi rend="italic">dieser</hi> <term type="Begriffe" key="525">Welt</term> […], also Jenseitigkeiten, die doch nur verbesserte Diesseitigkeiten sind».</note> Aber warum sollen wir [das Wort] nicht brauchen? Man muß nicht so fanatisch sein, wie ich es gegenüber gewissen Wörtern manchmal auch gewesen bin. So nennen wir es einmal «Erleben»! Vorausgesetzt, gelt, daß dieses Erleben nicht in den Kategorien der «Reden über die <term type="Begriffe" key="403">Religion</term>» von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName><note xml:id="n23"><bibl corresp="kbga-bibls-936"><persName ref="kbga-actors-360">Fr. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern</hi>, Berlin 1799, neu hrsg. von <persName ref="kbga-actors-311">R. Otto</persName>, Göttingen 1967<hi rend="sup">6</hi>, besonders S. 49-66</bibl>: Das «Wesen» der <term type="Begriffe" key="403">Religion</term> ist «Anschauung und <term type="Begriffe" key="150,1">Gefühl</term>» (S. 49).</note> oder so beschrieben wird, sondern so, daß man dann bei <term type="Begriffe" key="275">«Leben</term>» an die <foreign>ζωή</foreign> [im] Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> denkt, an <hi rend="italic">das</hi> <term type="Begriffe" key="275">Leben,</term> [von dem] es <term type="Begriffe" key="227,4">heißt</term>: «Ich bin der Weg, die <term type="Begriffe" key="522">Wahrheit</term> und - das <term type="Begriffe" key="275">Leben</term>» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.6">Joh. 14,6</ref>]! Dieses Wort «Erleben» kann man übrigens ja so nur im <term type="Begriffe" key="80">Deutschen</term> brauchen. Es ist mir nicht bekannt, daß die <term type="Begriffe" key="130">Franzosen</term> oder die <term type="Begriffe" key="99">englisch</term> sprechenden Leute ein Äquivalent dafür haben. </p>
                </sp>
                <sp><speaker> <persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker> 
                <p>Aber die Holländer.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Die <term type="Begriffe" key="201">Holländer</term>? Natürlich! Wie sagen denn die?</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker>
                <p><foreign xml:lang="nld">Beleven</foreign>!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> «<foreign xml:lang="nld">Beleven</foreign>», gut! schön! Also, wenn das einen Sinn haben könnte, dieses «beleven» oder «Erleben», so würde das doch heißen: Es ereignet sich das Unerhörte, das schlechthin Unbegreifliche, Unableitbare, Undemonstrierbare, daß der, der der Weg, die Wahrheit und das <term type="Begriffe" key="275">Leben</term> ist, in seiner <term type="Begriffe1" key="156">Gemeinde</term> und dann auch für deren Glieder und also auch für uns Wirklichkeit wird, die wir ernst nehmen müssen, und zwar ernster als alles andere, - so daß er nun schlechterdings die Nummer 1 ist, schlechterdings die Grundlage alles weiteren, schlechterdings der Ausgangspunkt: Wir denken von da aus, von diesem <term type="Begriffe" key="275">Leben</term> und dann also insofern von unserem «Erleben». Das ist das <foreign xml:lang="lat">principium essendi</foreign> und das <foreign xml:lang="lat">principium cognoscendi</foreign>, von daher wird man und von daher ist man dann Theologe.</p>
                </sp> 
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p137" rend="noPipe"/> Fragesteller:</speaker> 
                <p>Dürfen wir dann vielleicht sagen, daß derjenige, dem bei seiner <term type="Begriffe" key="120">exegetischen</term> Arbeit, bei seiner Bemühung, beim Lesen des Textes eine Disparatheit ganz hart aufstößt und begegnet, aus dem <term type="Begriffe" key="275">Leben</term> irgendwie schon hinausgenommen ist? Nämlich, wenn er in dem <term type="Begriffe" key="275">Leben</term> wäre, würde er ja wohl die Einheit sehen?!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> Ach, wir wollen auch nicht zu streng sein! Warum soll uns das nicht passieren, daß uns diese «Disparatheit hart aufstößt»? Da kann man ja gar nichts dagegen sagen: Es gibt natürlich ganz verschiedene <term type="Begriffe" key="227,6">Christologien</term> im Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term>. Und es ist dann an diese Verschiedenheiten, diese Disparatheiten im Neuen Testament in sehr verschiedener Weise angeknüpft worden. Wenn jemand sich jetzt auf <hi rend="italic">eine</hi> Christologie festlegte und die anderen nicht im Auge haben wollte, dann gab es eine Ketzerei. Also davor wird man sich in acht nehmen müssen. Hingegen - damit komme ich ja eigentlich auf die Sache zum ersten Punkt zurück -, es ist erlaubt und in Ordnung, daß man sieht: Es sind da disparate Christologien. Und wenn jetzt der <persName ref="kbga-actors-1493">Herbert Braun</persName> dahergelärmt kommt und sagt: «Ohne Gewaltsamkeit und Unehrlichkeit kann man das nicht auf einen Nenner bringen», dann würde ich sagen: Das ist auch gar nicht unsere Sache, das auf einen Nenner zu bringen. Sondern er soll es einmal ganz ruhig gelten lassen in seinen verschiedenen Gestalten, wie das da ist. Das Eine ist nicht ein «Eines», ein <term type="Begriffe" key="383">Prinzip</term> oder … ja, «der Nenner» - was ist das da? Wie kommt da dieser mathematische Begriff herein? <hi rend="italic">Der</hi> <term type="Begriffe" key="227,26">Eine</term>! <hi rend="italic">Er</hi> ist die Einheit im Neuen Testament, Er, auf den alle diese Christologien zielen, der in ihnen allen gemeint ist, auf den sie alle in ihrer Weise hinweisen oder hinzuweisen scheinen - aber <hi rend="italic">Er</hi> und Er <hi rend="italic">selber</hi>, und nicht eine theologische, und sei es denn christologische Abstraktion! Das ist das Schreckliche, daß wir immer wieder Christologie und <term type="Begriffe" key="227,14">Christus</term> verwechseln.</p>
                <p> Ich erinnere mich, daß ich vor … - oh, wann mag das gewesen sein? -, vor etwa zehn Jahren [in dieser Frage] sogar meinem lieben und in wichtiger Beziehung hoch über mir stehenden, verewigten Freund <persName ref="kbga-actors-1672">Hans Iwand</persName> entgegentreten mußte. Er hat uns einen Vortrag gehalten - ich glaube, in <term type="Begriffe" key="667"><placeName ref="kbga-places-872">Bielefeld</placeName></term> … </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker> 
                <p>In <term type="Begriffe" key="687"><placeName ref="kbga-places-88">Wuppertal</placeName></term> war es.<note xml:id="n24">Auf der Tagung der «<orgName ref="kbga-actors-10787">Gesellschaft für evangelische Theologie</orgName>» in Wuppertal-Barmen (6.-9.3.1956) hielt <persName ref="kbga-actors-1672">Hans Joachim Iwand</persName> (1899–1960), damals Professor für Systematische Theologie in Bonn, den Vortrag <hi rend="italic">Vom Primat der Christologie</hi>, veröffentlicht in: <bibl corresp="kbga-bibls-3794"><hi rend="italic">Antwort. Karl Barth zum siebzigsten Geburtstag am 10.Mai 1956</hi>, Zollikon-­Zürich 1956, S.172-189</bibl>. - Im Herbst 1954 hatte dieselbe Gesellschaft in <term type="Begriffe" key="667">Bielefeld</term> getagt.</note></p>
                </sp> 
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p138" rend="noPipe"/><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>War es in <term type="Begriffe" key="687"><placeName ref="kbga-places-88">Wuppertal</placeName></term>? Und dort hat er nun mit großer Wucht, wie er das konnte, gesagt: <term type="Begriffe" key="227,9">christologische</term> Konzentrierung der ganzen <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term>! Fast so schön - oder sicher noch schöner sogar, als es <term type="Begriffe" key="359">Papst</term> <persName ref="kbga-actors-3435">Paul VI.</persName> jetzt bekanntlich gesagt hat. Haben Sie seine Eröffnungsrede<note xml:id="n25">Die Rede am 29.9.1963 bei Beginn der zweiten Session des <orgName ref="kbga-actors-10461">Zweiten Vatikanischen <term type="Begriffe" key="265">Konzils</term></orgName> findet sich unter dem Titel <bibl corresp="kbga-bibls-5923"><hi rend="italic">Paolo VI inaugura la seconda sessione del concilio ecumenico</hi> in: L’Osservatore Romano, Jg.103, Nr. 226 (30.9./1.10.1963), S. 1</bibl>; deutsch in: <bibl corresp="kbga-bibls-5924">Herder-Korrespondenz, Jg.18 (1963/64), S. 76-83</bibl>.</note> gelesen in <term type="Begriffe" key="685"><placeName ref="kbga-places-216">Grindelwald</placeName></term>?</p>
                <p><hi rend="italic">Zwischenrufe:</hi> Nein.</p>
                </sp>
                <sp><speaker> <persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker> 
                <p>Nein, wir haben völlig abseits der <term type="Begriffe" key="163">Weltgeschichte</term> gelebt.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Oh, Sie sind abseits der Welt- und <term type="Begriffe" key="605">Kirchengeschichte</term> … - Das war eine große Sache. Es wurde jetzt vom <orgName ref="kbga-actors-8736">Stuhle Petri</orgName> geredet, wie wenn der Mann, der dort sitzt, die <hi rend="italic">Kirchliche <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></hi> gelesen hätte. Verstehen Sie, christologische Konzentration in höchster Gestalt! Und jetzt ist es der <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-3435">Papst</persName></hi>, der es sagt! Da staunt man nur so. Und also nun, der <persName ref="kbga-actors-1672">Iwand</persName> hat es dort auch gesagt. Und ich saß dabei und wurde aufgefordert, mich zu äußern, und dann habe ich gesagt, mir sei manchmal bei dem Wort «Christologie» nicht wohl. Denn es geht ja nicht um Christologie, es geht auch nicht um Christozentrik und christologische Orientierung, sondern es geht um <hi rend="italic">Ihn selber</hi>. Und alle Beschäftigung mit Christologie - und ich habe mich auch ein bißchen damit beschäftigt - kann doch nur kritische Hilfsarbeit sein, um zu dem Punkt vorzudringen, wo es dann sein mag, ja, daß es heißt wie bei den Jüngern auf dem Berg der <term type="Begriffe" key="227,32">Verklärung</term>: «Sie sahen niemand denn Jesum allein» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.17.8">Mt. 17,8</ref>]. <hi rend="italic">Das</hi> ist dann der Grund der <term type="Begriffe" key="481">Theologie.</term> Und ich fürchte manchmal, es könnte unserer Generation geschehen, vielleicht gerade den Besten, daß ihnen der Weg zu diesem Punkt versperrt wird durch zuviel Christologie. Es ist ein bißchen paradox gesagt.</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p139" rend="noPipe"/> Insofern mag der Herr <persName ref="kbga-actors-1493">Braun</persName> seine Sprüche nur sagen. Nur kommt es mir vor, er redet ein bißchen wie der Blinde von den Farben. Denn was nun da herauskommt, das ist doch ein bißchen arg ohnmächtig. Die sind alle noch so halbwegs. Es kann vielleicht noch etwas draus werden. … Wie alt ist der Mann eigentlich?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker> 
                <p>An die 60 mag er auch schon sein.<note xml:id="n26"><persName ref="kbga-actors-1493">Herbert Braun</persName> (1903–1991), seit 1953 Professor für Neues <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> in <term type="Begriffe" key="684">Mainz</term>.</note></p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Tatsächlich, tatsächlich? So alt schon? Also, wenn es gegen die 60 geht, dann sollte es allmählich Tag werden. Wie dem auch sei, es gibt auch <term type="Begriffe" key="42">Spätbekehrungen.</term></p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10608">Weis</persName>:</speaker> 
                <p>Wie wird es denn dann, wenn wir das Neue <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> nach einem anderen Gegenstand befragen, der nicht direkt mit <term type="Begriffe" key="227">Christus</term> zusammenhängt, z. B. nach der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> im Neuen Testament, und [dann] hier zu disparaten Aussagen kommen?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, gelt, dort kommt man natürlich erst recht zu disparaten Aussagen. Das ist klar. Aber nun wird in einer neutestamentlichen <term type="Begriffe" key="481,27">Theologie,</term> wo dann auch von solchen Gegenständen die Rede ist, alles darauf ankommen, daß die Sache wirklich von der <hi rend="italic">Mitte</hi> aus gesehen und verstanden wird. [Also, was Ihr Beispiel betrifft, käme es darauf an, daß] auch, was <term type="Begriffe" key="156">«Gemeinde</term>» in den verschiedenen Beleuchtungen ist, also, sagen wir: was als <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> in der synoptischen Tradition erst von weitem auftritt und was dann in den Pastoralbriefen schon ziemlich massiv daherkommt … -, daß das von dort aus verstanden wird.</p>
                <p>Und gelt, wir sind [uns] einig darüber, daß dieses [Fundamentale] - ich habe es jetzt auch das «Zentrum» genannt oder die «Mitte» - nicht identisch ist mit dem, was ich in der ersten Antwort Mitte genannt habe. Es ist dasselbe Wort. Dort haben wir geredet von der Mitte <hi rend="italic">unseres Lesens und Verstehens</hi>, von diesem gewissen Auswählen unter den <term type="Begriffe" key="545">Zeugen,</term> [bei dem] jeder seine «Mitte» hat. Es gibt aber jenseits alles dessen eine Mitte <hi rend="italic">der Sache selber</hi>. [Es] ist ja wohl im ganzen Neuen Testament nicht zu übersehen, daß es [überall] irgendwie um dieses <foreign xml:lang="el-GR">Ἰησοῦς Χριστὸς κύριος</foreign> [Jesus Christus der <term type="Begriffe" key="227,5">Herr</term>] geht, mehr oder weniger deutlich, aber eigentlich unverkennbar auf der ganzen Linie, und daß die übrigen <foreign xml:lang="lat">Topoi</foreign> und <foreign xml:lang="lat">Loci</foreign> der neutestamentlichen <pb ed="pga" xml:id="p140"/> <term type="Begriffe" key="481,27">Theologie</term> von da aus zu verstehen sind und ja nicht nun plötzlich sozusagen von «disparaten», sachfremden Gesichtspunkten aus.</p>
                </sp>
            </div> 
           
            <div>
                <head type="sub"><term type="Begriffe" key="174"> </term> 3. Glaube und Rationalität</head>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10603">Eras</persName>:</speaker> 
                <p>Wir sind bei der Besprechung jetzt mehr eines formalen Problems darauf gekommen, daß sich im <term type="Begriffe" key="90">dogmatischen</term> <term type="Begriffe" key="78">Denken</term> von dieser Mitte her eine innere Folgerichtigkeit ergibt. Wir haben da «<persName ref="kbga-actors-9">Anselm</persName>»<note xml:id="n27">Gemeint ist <bibl corresp="kbga-bibls-1496"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barths</persName> Buch <hi rend="italic">Fides quaerens intellectum. Anselms Beweis der <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> Gottes im Zusammenhang seines theologischen Programms</hi>, München 1931, Zollikon 1958</bibl>; neu hrsg. <bibl corresp="kbga-bibls-46"><ref type="pub" target="../texts?facet-volume=13">von E. Jüngel und I. U. Dalferth</ref> (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2002<hi rend="sup">3</hi></bibl>.</note> etwas beigezogen.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p>Ah, ja?!</p>
                </sp>
                <sp><speaker> <persName ref="kbga-actors-10603">Eras</persName>:</speaker> 
                <p>[Aber] wir haben uns dann doch nicht ganz zusammenreimen können, inwiefern Sie es in [KD] I/1<note xml:id="n28"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/1, S. 7</bibl>.</note> auch bei methodischen Fragen ablehnen, daß die <term type="Begriffe" key="481,5">Theologie</term> als <term type="Begriffe1" key="534">Wissenschaft</term> [sich dem] Postulat der Widerspruchslosigkeit im formal-rationalen Sinn [unterwerfen] müsse.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Aha, [es] ging dort um diese Postulatenreihe von <persName ref="kbga-actors-374">Scholz</persName><note xml:id="n29"><bibl corresp="kbga-bibls-464"><persName ref="kbga-actors-374">H. Scholz</persName>, <hi rend="italic">Wie ist eine evangelische Theologie als Wissenschaft möglich?</hi>, in: ZZ, Jg.9 (1931), S. 8-53.</bibl></note>?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, die haben wir beiläufig hinzugezogen. Ich glaube im Zusammenhang mit der Vorlesung über die «Verpflichtung»<note xml:id="n30"><bibl corresp="kbga-bibls-5157"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Einführung</hi>, a.a.O., S. 95-97.100–103</bibl></note> [fiel] wohl das Stichwort, das uns dazu angeleitet hat. Da haben wir dann eine Zeitlang ein wenig über Ihr Anselm-Buch<note xml:id="n31">Siehe <ref type="pub" target="#fn_n27">Anm. 27</ref>.</note> referiert. Ich glaube, es war kein Zufall, daß wir von dieser <hi rend="italic">Einführung</hi> aus auf jenes Anselm-Buch zu sprechen kamen, weil es dort zweifellos sehr enge sachliche Berührungen gibt. Und nun haben wir versucht, [das,] was Sie dort in Ihrer <term type="Begriffe" key="120">Exegese</term> des <persName ref="kbga-actors-9">Anselm von Canterbury</persName> herausgestellt haben, uns unter dem Stichwort <term type="Begriffe" key="391">«Rationalität»</term> klarzumachen, und zwar nun in der Übersetzung (ich weiß gar nicht, ob sie da steht, aber mindestens schien es uns nahezuliegen, daß das gemeint sei): Ratio<pb ed="pga" xml:id="p141" break="no"/>nalität des Glaubensgegenstandes als seine aufweisbare Folgerichtigkeit. Und wir haben versucht, uns die Tragweite dieses Begriffs klarzumachen, und stießen dann eben auf diese Auseinandersetzung mit <persName ref="kbga-actors-374">Scholz</persName>. Und da blieb dann einiges etwas undeutlich.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Aha! Warten Sie, wo soll ich jetzt anfangen? Sie werden sich erinnern, daß in dem Anselm-Buch sozusagen von einer <term type="Begriffe" key="391">Rationalität</term> <term type="Begriffe" key="181,23">Gottes</term> selbst die Rede ist und dann von einer entsprechenden Rationalität unserer <term type="Begriffe" key="106,3">Erkenntnis</term> Gottes - oder, ich glaube, ich habe es genannt: eine ontische und eine noetische Rationalität<note xml:id="n32"><bibl corresp="kbga-bibls-1496"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Fides quaerens</hi>, a.a.O. (<choice><sic ed="pga">1981</sic><corr type="misprint" resp="sm">1931</corr></choice>), S. 45f.</bibl></note> […] . Ja, man kann es einmal so nennen, nicht wahr? Und nun ist klar, wenn [man] von dieser «noetischen Rationalität» redet, daß es sich da ja - und darüber hat sich der <persName ref="kbga-actors-9">Anselm</persName> keinen Täuschungen hingegeben - nur um einen <hi rend="italic">Versuch</hi> handeln kann, dieser Rationalität des - [ich will] das schreckliche Wort jetzt brauchen - des Gegenstandes, also <term type="Begriffe" key="181">Gottes</term> selbst zu folgen. Nicht umsonst muß er dauernd beten. Also, die Sache scheint nicht einfach ohne weiteres demonstrabel zu sein. Man wird nicht damit fertig. Sondern <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> ist ein Akt, in welchem diese noetische Rationalität nun gesucht wird entsprechend der des Gegenstandes selber.</p>
                <p> Nun denke ich aber, daß dieses Postulat von meinem verewigten Freund <persName ref="kbga-actors-374">Heinrich Scholz</persName><note xml:id="n33"><persName ref="kbga-actors-374">Heinrich Scholz</persName> (1884–1956), ursprünglich Theologe, später Professor für <term type="Begriffe" key="370">Philosophie</term> in <term type="Begriffe" key="641">Münster</term>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> kannte ihn seit einem gemeinsamen Studiensemester in <term type="Begriffe" key="607">Berlin</term> (1906/07), trat aber erst am Ende seiner <term type="Begriffe" key="641">Münsteraner</term> Zeit (1925–1930) in nähere Beziehung zu ihm und blieb ihm dann bis zu dessen <term type="Begriffe" key="486">Tod</term> freundschaftlich verbunden.</note>, gegen das ich mich dort in <bibl corresp="kbga-bibls-2">[KD] <term type="Begriffe" key="603,1">I/1</term></bibl> wandte, noch ein bißchen etwas anderes war. Er war ja nicht nur ein Logiker, sondern ein Logistiker - und verstand unter Widerspruchslosigkeit etwas ganz Bestimmtes, nun wirklich in sich selbst Klares und Aufweisbares, nämlich [eine] von der mathematischen Physik her oder von der physikalischen Mathematik her (ich weiß nicht mehr, wie er es dort macht in seiner Logistik) aufweisbare Folgerichtigkeit. Sein großes Programm in seiner Logistik war eigentlich eine Neuaufnahme des Programms von <persName ref="kbga-actors-1114">Leibniz</persName> mit seiner Universalsprache<note xml:id="n34">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5925"><persName ref="kbga-actors-374">H. Scholz</persName>, <hi rend="italic">Metaphysik als strenge Wissenschaft</hi>, Köln 1941</bibl>. <persName ref="kbga-actors-1114">Leibniz</persName> war schon als 20jähriger mit der Frage befaßt in seiner Schrift <bibl corresp="kbga-bibls-5926"><hi rend="italic">Ars combinatoria </hi> (1666)</bibl>.</note>. Das hat ja am Anfang des 18. Jahrhunderts die Leute heftig <pb ed="pga" xml:id="p142"/> geplagt - (schon damals) die Konfusion der Sprachen -, und [es] sind die verschiedensten Versuche gemacht worden, ob es nicht sozusagen ein wissenschaftliches Volapük oder Esperanto geben könnte. Ja, und so etwas wie ein <term type="Begriffe" key="534">wissenschaftliches</term> Esperanto hat mein Freund <persName ref="kbga-actors-374">Scholz</persName> gesucht. Und zu diesem Esperanto gehört auch eine ganz bestimmte Widerspruchslosigkeit. Wohl nicht ganz dasselbe [wie das], was bei <persName ref="kbga-actors-9">Anselm</persName> gemeint ist! Er hat sich nämlich dauernd an dem <persName ref="kbga-actors-9">Anselm</persName> gerieben. Er hat also nicht etwa den <persName ref="kbga-actors-9">Anselm</persName> in seinem Sinn umgedeutet, sondern er hat gesagt: <persName ref="kbga-actors-9">«Anselm</persName> kennt das nicht, was [mir] da vorschwebt, diese <persName ref="kbga-actors-1114">Leibnizische</persName> Einheit des Noetischen.» Leider, leider hat er sein Buch nie geschrieben, das eigentlich eine Kritik von <persName ref="kbga-actors-9">Anselm</persName>, die dann auch auf mein unwürdiges Haupt gefallen wäre, dargestellt hätte. Aber das hat er eigentlich im Sinn gehabt.<note xml:id="n35">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3794"><persName ref="kbga-actors-374">H. Scholz</persName>, <hi rend="italic">Warum ich mich zu Karl Barth bekenne. Ein Beitrag zu einer Studie über Treue gegen Linientreue</hi>, in: <hi rend="italic">Antwort</hi>, a.a.O. (s. <ref type="pub" target="#fn_n24">Anm. 24</ref>), S. 865-869, bes. S. 865:</bibl> «Was ich Karl immer noch schuldig bin, ist eine Studie zum Anselmischen Argument […]. Sie würde zwar erkennbar ausgehen von ihm; sie würde aber zu ihm nicht zurückkehren können.»</note></p>
                <p> Also, es wird wohl zweierlei sein. Und ich hatte mich dort in <bibl corresp="kbga-bibls-2">[KD] <term type="Begriffe" key="603,1">I/1</term></bibl> gegen die Zumutung zu wehren, mit der er uns gekommen war. Er wollte uns doch so eine Kappe von <term type="Begriffe" key="534">Wissenschaftlichkeit</term> über den Kopf ziehen - mit ganz bestimmten Postulaten: So und so sieht wahre <term type="Begriffe" key="534">Wissenschaft</term> aus. Dort hieß es nun wirklich: «Vogel, friß oder stirb!»<note xml:id="n36"><persName ref="kbga-actors-50">D. Bonhoeffer</persName> hat mit dieser sprichwörtlichen Wendung den bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vermuteten <term type="Begriffe" key="342">«Offenbarungspositivismus</term>» gekennzeichnet: <bibl corresp="kbga-bibls-5927"><persName ref="kbga-actors-50">D. Bonhoeffer</persName>, <hi rend="italic">Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft</hi>, hrsg. von Chr. Gremmels u. a., Werke, hrsg. von E. Bethge u. a., Bd. 8, Gütersloh 1998, S. 414-416</bibl>.</note>. Und da mußte ich ihm ebenso freundlich wie offen sagen: «Wir können keines von diesen Postulaten schlucken. So geht es nicht.» - Aber das war ein <hi rend="italic">interessantes</hi> Gespräch zwischen ihm und mir.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker> 
                <p>Möchte dazu jemand eine ergänzende Frage stellen? Wir haben uns darüber an einem der Nachmittage auch ziemlich erhitzt. Ich weiß nicht, ob die Hitze ganz und gar abgekühlt ist.</p>
                </sp> 
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p143" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-10607">Wandel</persName>:</speaker> 
                <p>[ … Heißt dies,] daß also die <term type="Begriffe" key="481,20">Theologie</term> auf keinen Fall das Postulat der Widerspruchslosigkeit erheben kann, d. h. daß sie durchaus Sätze sagen kann, die sich logisch widersprechen?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, aber nun nicht, daß sie sich dabei beruhigen darf und kann, gelt. Sondern sie kann nur sagen: De facto ist es wohl so - jetzt rede ich mit meinem <term type="Begriffe" key="607">Berliner</term> Freund <persName ref="kbga-actors-414">Heinrich Vogel</persName> -, wir können nur in Paradoxen reden.<note xml:id="n37"><bibl corresp="kbga-bibls-5928"><persName ref="kbga-actors-414">H. Vogel</persName>, <hi rend="italic">Christologie</hi>, Bd. I, München 1949, S. 164-218</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> äußert sich kritisch zu Vogels Betonung des «Paradoxes» in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/3, S. 199.201.203</bibl>.</note> Oder wenigstens an bestimmten Punkten kommen wir über die Paradoxe nicht hinaus. Oder - er liebt den Ausdruck: Wir können in unserem theologischen <term type="Begriffe" key="78,3">Denken</term> immer nur «scheitern». Er hat jetzt ein Buch geschrieben über das <term type="Begriffe" key="44,10">Nicaenum</term>. Und dort spielt der Begriff des «Scheiterns» eine ganz große Rolle.<note xml:id="n38"><bibl corresp="kbga-bibls-5929"><persName ref="kbga-actors-414">H. Vogel</persName>, <hi rend="italic">Das nicaenische <term type="Begriffe" key="44,4">Glaubensbekenntnis</term></hi>. <hi rend="italic">Eine Doxologie</hi>, Berlin / Stuttgart 1963, besonders S.71f.</bibl></note> Und nun habe ich gegen den <persName ref="kbga-actors-414">Heinrich Vogel</persName>, daß für ihn das Paradox als solches der Aufweis guter <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> ist: Es <hi rend="italic">darf</hi> nicht anders sein, es <hi rend="italic">muß</hi> «gescheitert» werden. Und dann kommt er da mit dem «Kreuz» herein. Das spielt eine ganz große Rolle: <foreign xml:lang="lat">theologia <term type="Begriffe" key="481,28">crucis</term></foreign>.<note xml:id="n39"><bibl corresp="kbga-bibls-108"><persName ref="kbga-actors-414">H. Vogel</persName>, <hi rend="italic">Freundschaft mit Karl Barth</hi>, Zürich 1973, S. 55</bibl>, faßt sein Anliegen gegenüber <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> so zusammen: «Demgegenüber verfocht ich die paradoxale Versiegelung unserer gescheiterten und gedemütigten <term type="Begriffe" key="106">Erkenntnis</term> mit der Berufung auf das Kreuz und die eschatologische <term type="Begriffe" key="113">Krisis</term> aller unserer Aussagen und Denkbemühungen.»</note> Das bedeutet dann, daß der Theologe nur so [behauptet]: So! so! so! und so! Und nun würde ich sagen: Das kann nur eine faktische Konstatierung sein, daß es weithin so zugeht. Es gibt wohl ein «Postulat der Widerspruchslosigkeit». Das würde ich auch sagen. Das würde aber bedeuten, es ist das Postulat der Übereinstimmung <hi rend="italic">unserer</hi> <term type="Begriffe" key="391">Rationalität</term> mit der Rationalität <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="181,1">Gottes</term>.</hi> Das wäre die <term type="Begriffe" key="481,20">Widerspruchslosigkeit</term>. Aber nun erinnern Sie sich in dem Buch, wo ich auf diese merkwürdigen Unterscheidungen zwischen der «<foreign xml:lang="lat">theologia paradisiaca</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">[theologia] terrestris</foreign>» usf. hingewiesen habe.<note xml:id="n40"><bibl corresp="kbga-bibls-5157"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Einführung</hi>, a.a.O., S. 125-127.</bibl></note> Also, die widerspruchslose <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> - das ist ein eschatologischer <term type="Begriffe1" key="113">Begriff.</term> Darauf <term type="Begriffe" key="200">hoffen</term> wir. Dem sehen wir entgegen. Aber wenn [das] nun ehrlich [geschieht] und wenn wir das nun einbeziehen auch in das <term type="Begriffe" key="145">Gebet</term>: «Dein <term type="Begriffe" key="399,3">Reich</term> komme!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>] - denn da muß die <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> auch <pb ed="pga" xml:id="p144"/> einbezogen sein -, dann können wir uns nicht beruhigen mit den Paradoxen, sondern dann muß es schon auf <term type="Begriffe" key="525,6">Erden</term>, schon in der <term type="Begriffe" key="541">Zeit</term> [so zugehen] - wie der <persName ref="kbga-actors-9529">Nelson</persName> den Leuten in der <term type="Begriffe" key="269,13">Schlacht</term> bei <placeName ref="kbga-places-1349">Trafalgar</placeName> zugerufen hat: «<foreign xml:lang="eng">Every man [will] do his duty, <term type="Begriffe" key="99">England</term></foreign> expects it!»<note xml:id="n41">Tagesbefehl von Admiral <persName ref="kbga-actors-9529">Horatio Nelson</persName> (1758–1805) in der Schlacht von <term type="Begriffe" key="269,13"><placeName ref="kbga-places-1349">Trafalgar</placeName></term> am 21.10.1805: <term type="Begriffe" key="99">«<foreign xml:lang="eng">England</foreign></term>»</note> Also, wir sind jetzt in der Seeschlacht, und jetzt gilt es aber auch alles zu tun, nicht stecken zu bleiben in unnötigen …, eben in diesen Paradoxen da, sondern es muß alles in Bewegung sein. Und dann machen wir wohl die <term type="Begriffe" key="104">Erfahrung</term>: Wir erreichen es nicht, jetzt und hier. Aber [es muß] in der <hi rend="italic">Bewegung</hi> auf den Punkt hin [sein] - jetzt [mit] <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.12">1. Korinther 13[,12]</ref> -, wo wir erkennen werden, wie wir erkannt sind. <hi rend="italic">Das</hi> ist die göttliche und die menschliche Rationalität.</p> 
                </sp>
            <div>
                <head type="sub"><term type="Begriffe" key="132"> </term><term type="Begriffe1" key="174,18"> </term> <term type="Begriffe" key="174,18">4. Freiheit</term> des Glaubens - <term type="Begriffe" key="132,2">Unfreiheit</term> des Unglaubens</head>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10603">Eras</persName>:</speaker> 
                <p>Inhaltlich kann man die [eben behandelte] Frage jetzt füllen durch eine Sache, die uns schwer umgetrieben hat - innerhalb und außerhalb unserer Sitzungen -, über die ich Sie auch schon öfters habe sprechen hören in diesem Haus, und zwar - ich sage nur das Stichwort - die Frage des <term type="Begriffe" key="174,23">Unglaubens</term>, oder als Frage: Ist der Ungläubige für seinen Unglauben verantwortlich? Und noch einige Stichworte, die da ständig bei uns fielen - wie beispielsweise Trotz oder <term type="Begriffe" key="517">Verstockung</term> und dergleichen.</p>
                </sp>
                <sp><speaker> Votant:</speaker> 
                <p><term type="Begriffe" key="517">Verstockung</term> gegen den Heiligen <term type="Begriffe1" key="154">Geist.</term></p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Die <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="468">Sünde</term></hi> gegen den Heiligen <term type="Begriffe1" key="154">Geist</term> [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.31">Mt. 12,31</ref>] oder … ?</p>
                </sp>
                <sp><speaker> Votant:</speaker> 
                <p>Wenn Sie sagen, daß der <term type="Begriffe" key="174">Glaube</term> allein ein Werk des Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geistes</term> ist<note xml:id="n42"><bibl corresp="kbga-bibls-5157"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Einführung</hi>, a.a.O., S. 112</bibl>: «Im Ereignis des <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term> geht es […] darum, daß das Wort <term type="Begriffe" key="537">Gottes</term> in der ihm als solchem eigenen lebendigen <term type="Begriffe" key="292">Macht</term> des <term type="Begriffe" key="154">Geistes</term> […] einen <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> unter Vielen dazu befreit, […] dieses Wort […] zu bejahen.»</note>, daß wir also nur durch den Geist überhaupt von der <term type="Begriffe" key="341">Offenbarung</term> wissen können, von der objektiv geschehenen <term type="Begriffe" key="341,6">Offenbarung</term> in Jesus <term type="Begriffe1" key="227,26">Christus,</term> und daß, indem wir das sagen, damit auch bereits entschieden ist, daß wir nicht anders als durch den Heiligen <pb ed="pga" xml:id="p145"/> <term type="Begriffe" key="154,3">Geist</term> überhaupt zum <term type="Begriffe1" key="174,14">Glauben</term> kommen [und daß] der Heilige Geist allein [?] christliches <term type="Begriffe" key="275,2">Leben</term> begründet, inwiefern ist dann der <term type="Begriffe" key="174,23">Ungläubige</term> für seinen Unglauben <term type="Begriffe" key="507,1">verantwortlich</term> zu machen?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Der Heilige Geist begründet den <term type="Begriffe1" key="174">Glauben,</term> begründet unsere <term type="Begriffe" key="106,3">Erkenntnis</term> Gottes, begründet aber auch unsere <term type="Begriffe" key="106,13">Selbsterkenntnis</term> - das geht miteinander, gelt: <term type="Begriffe" key="106,3">Gotteserkenntnis</term> und Selbsterkenntnis -; und <hi rend="italic">in</hi> der durch den Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geist</term> begründeten <term type="Begriffe" key="106">Glaubenserkenntnis,</term> die dann also auch Selbsterkenntnis in sich schließt, ist eingeschlossen: Du bist verantwortlich für deinen Unglauben. Jetzt gehen dir die Augen auf. Jetzt fängst du an zu merken - ja, was? Kannst du jetzt nachträglich sagen: «Ha, ich armer Tropf! vorher war es mir nicht möglich [zu glauben]»? Nein, jetzt <hi rend="italic">in</hi> dieser <term type="Begriffe" key="106">Erkenntnis</term> muß ich mich erkennen als <term type="Begriffe" key="181">Gottes</term> für <hi rend="italic">ihn</hi> bestimmtes, auf <hi rend="italic">ihn</hi> ausgerichtetes <term type="Begriffe" key="305,14">Geschöpf</term>. Und indem ich mich als das erkennen darf - im <term type="Begriffe" key="174">Glauben,</term> also angenommen von ihm als sein <term type="Begriffe" key="305,15">Kind</term>! -, ist [darin] eingeschlossen: «An dir allein habe ich <term type="Begriffe" key="468,3">gesündigt</term>» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.51.6">Ps. 51,6</ref>], [und da] wird mir mein Zustand außerhalb des <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term> aufgedeckt als meine Übertretung. Denn bitte, die <term type="Begriffe" key="143,2">Gabe</term> des Heiligen <term type="Begriffe1" key="154">Geistes</term> kommt nicht nur so auf uns herunter gerauscht, und jetzt ist das da, und da kann man nun nichts dagegen machen oder nichts dazu machen, daß es kommt. Ja nein, das ist ja doch die <term type="Begriffe" key="143">Gabe</term> der <hi rend="italic"><term type="Begriffe1" key="132">Freiheit</term>,</hi> der <hi rend="italic">Befreiung.</hi> Und in dieser Befreiung kann es nicht anders sein, als daß wir uns selber erkennen als Gefangene. Das haben wir vorher nicht gewußt, daß wir Gefangene sind, nicht zugegeben, aber jetzt [tun wir es]. Und indem [die Gabe des Geistes] nun eine Befreiung ist, wird [unser <term type="Begriffe" key="174">Glaube</term>] auch für die Zukunft eine verantwortliche Sache. Wir sind durch Gottes <term type="Begriffe" key="537,9">Wort</term> angeredet und aufgerufen [und damit] in den Stand gesetzt, ihm zu <hi rend="italic">antworten</hi>. Und das ist die <term type="Begriffe" key="507,1">Verantwortlichkeit</term>. Wobei wir uns darüber klar sein müssen, das ist jetzt nicht einfach etwas ganz Neues, sondern wir <hi rend="italic">waren</hi> schon verantwortlich, weil wir <term type="Begriffe" key="181,19">Gottes</term> <term type="Begriffe" key="305,17">Geschöpfe</term> sind. Na gut, das wußten wir nicht. Das haben wir nicht realisiert. Aber es ist <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="425">Schuld</term>,</hi> daß wir es nicht realisiert haben, <term type="Begriffe1" key="425">Schuld,</term> daß wir nicht richtig geantwortet haben, und es wird immer <term type="Begriffe" key="425">Schuld</term> sein. Denn die Gabe des Heiligen <term type="Begriffe" key="154,4">Geistes</term> ist unsere <hi rend="italic"><term type="Begriffe1" key="132">Freiheit</term></hi> zum <term type="Begriffe2" key="174">Glauben</term> - und nicht so ein Guß, der da kommt: so, jetzt glaube ich! Nein, nein, <hi rend="italic">ich</hi> habe zu glauben. Es ist nicht der liebe Gott, der in mir glaubt, sondern <hi rend="italic">ich</hi> habe jetzt so freundlich zu sein und zu glauben und damit ein bißchen ernst <pb ed="pga" xml:id="p146"/> zu machen. Und dann tun wir es immer wieder nicht. Und dann ist dafür gesorgt, daß wir uns als verantwortlich erkennen müssen. - Ist das zu kompliziert?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10603">Eras</persName>:</speaker>
                <p> … Handelt es sich aber dabei nicht dann doch - ja, soll man es Paradox nennen? - jedenfalls um etwas, dessen Auflösung erst noch im <term type="Begriffe" key="113">Eschaton</term> zu erwarten ist?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Es ist ganz vieles da noch zu erwarten. Aber was meinen Sie besonders?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10603">Eras</persName>:</speaker> 
                <p>[ … Eine Auflösung insofern,] als es einerseits so ist, daß der Glaubende sich nicht anders denn als für seine <term type="Begriffe" key="425">Schuld</term> verantwortlich erkennen kann, während er doch auf der anderen Seite - ja, das wird der Glaubende nicht tun - diese <term type="Begriffe" key="507">Verantwortung</term> abwälzen könnte auf <term type="Begriffe" key="181">Gott,</term> der ihm den Heiligen <term type="Begriffe1" key="154">Geist</term> nicht geschenkt hat oder entzogen hat.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ha, das wäre ein schöner Glaubender! Statt daß er dankbar erkennt: Mir Unwürdigem ist die Erlaubnis und das <term type="Begriffe" key="146">Gebot</term> gegeben, daß ich glauben soll und darf, und [statt daß er] jetzt rückbli­­ckend oder [zur] Seite auf seinen Unglauben blickend bittet «Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.9.24">Mk. 9,24</ref>] - [statt dessen] sagt er: Für diesen Unglauben dahinten und für den, den ich immer noch habe, will ich jetzt die Verantwortlichkeit auf <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> abwälzen. Das wäre mir ein schöner <term type="Begriffe" key="174">Glaube.</term> Da glaubt er ja gar nicht. Denn im <term type="Begriffe1" key="174,19">Glauben</term> [gilt]: «Zur <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term> hat euch <term type="Begriffe1" key="227,4">Christus</term> berufen» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.1">Gal. 5,1</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.13">13</ref>]. Wie käme man da zu diesem Abwälzen? Das wäre jetzt <hi rend="italic">noch</hi> schöner.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10603">Eras</persName>:</speaker> 
                <p>Und wenn er bewußt der <term type="Begriffe" key="174,23">Unglaubende</term> sein will? Wenn er es von sich stoßen will?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Da kann man nur sagen: Das soll er eben nicht tun! Das ist ja absurd, dieses «wenn». Also, das ist [eine] Sache, die man ebensowenig theoretisieren soll [wie] dann womöglich noch demonstrieren oder auch nur konstatieren bei sich oder anderen: «Ich will nicht». Es kann einer meinetwegen sagen: Ich will nicht in die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> gehen - oder: Ich will diese und diese <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> nicht annehmen - oder: Ich lese nicht gern in der <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term>, und was für Zeug! Das geht also noch herein. Aber der Satz: Ich will nicht dem Heiligen <term type="Begriffe" key="154,7">Geist</term> folgen, das ist ein in sich unmöglicher Satz. Der Vorgang ist ausgeschlossen. Das wird ja dann wohl das sein, was man im Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> «die <term type="Begriffe" key="468,7">Sünde</term> <pb ed="pga" xml:id="p147"/> gegen den Heiligen Geist» nennt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.31">Mt. 12,31</ref>]. Das ist diese absolute Randmöglichkeit, das Ausgeschlossene.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Fragesteller:</speaker> 
                <p>Ich wollte da einhaken: Wenn Sie sagen, daß der Glaubende für seinen Nichtglauben verantwortlich ist, dann besteht aber doch diese - würden Sie sagen? - «unmögliche Möglichkeit»<note xml:id="n43">Eine Wortprägung <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>, die in seinem Buch <bibl corresp="kbga-bibls-48">Römerbrief 2, z. B. S. 188 (S. 186)</bibl>, das <term type="Begriffe" key="538">Wunder</term> der <term type="Begriffe" key="341">Offenbarung</term>, der <term type="Begriffe" key="177">Gnade</term>, die dann aber in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/3 (z. B. S. 405; vgl. KD IV/3, S. 203f.)</bibl> umgekehrt die «Wirklichkeit» des <term type="Begriffe" key="57">Bösen</term> und in KD IV/1 (sinngemäß etwa auf S. 835) die des Unglaubens bezeichnet.</note>. Die besteht aber doch?! Und … </p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Niemals so, daß man sie verrechnen könnte, verstehen Sie?</p>
                </sp>
                <sp><speaker>Fragesteller:</speaker> 
                <p>Ja.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Sondern man kann nur sagen: Dieser nur in «unmöglicher Möglichkeit» realisierbaren Tat mache ich mich fort und fort schuldig. Aber damit habe ich [sie] ja dann nicht einbezogen[, als würde ich sagen:] Es gibt da ein besonderes Feld, auf dem ich mir das leisten kann. Sondern das ist eben der Abgrund.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Fragesteller:</speaker> 
                <p>Ja, und genau da wollte ich fragen: Wie verhält sich das aber dann zur <term type="Begriffe" key="516">Versöhnung,</term> die ja für alle geschehen ist … </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das ist das Große!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Fragesteller:</speaker> 
                <p>… auch für die, die diese «unmögliche Möglichkeit» in unmöglicher Weise für sich realisieren?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>… zu denen wir alle gehören, gelt!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Fragesteller:</speaker>
                <p> Ja, auch.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Samt und sonders! [Und für] solche <term type="Begriffe" key="305,14">Geschöpfe</term>, die sich dieser unmöglichen Sache fort und fort schuldig machen und dafür verantwortlich sind, - für solche Geschöpfe ist <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> selbst in Jesus <term type="Begriffe" key="227,4">Christus</term> eingetreten. Solcher Geschöpfe hat er sich angenommen. Zu solchen Geschöpfen, zu uns hat er <term type="Begriffe" key="181,19">Ja</term> gesagt. Und das ist das <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term>: zu solchen! zu <term type="Begriffe1" key="468">Sündern</term>! zu solchen <term type="Begriffe2" key="468">Sündern</term> und Zöllnern übelster Art! Und jetzt könnte es eigentlich daneben wirklich nur das Tun und Treiben des <term type="Begriffe" key="655">Pharisäers</term> geben, der das nicht wahrhaben wollte.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10606">Schum</persName>:</speaker> 
                <p>Ich wollte auch einfach von diesem Unglauben, der von seinem Unglauben her noch gar nicht von dieser Befreiung, von dieser <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term> wissen kann, also noch in seiner ganzen Knechtschaft lebt, ausgehen und fragen: Wie verhält es sich mit dem? Die <term type="Begriffe" key="516">Versöhnung</term> <pb ed="pga" xml:id="p148"/> mit ihm ist geschehen, aber er weiß nicht davon, und er will nicht davon wissen?!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Und Sie sind dazu da, ihm das zu erzählen, wie es mit ihm steht.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10606">Schum</persName>:</speaker> 
                <p>Und wenn er dazu vielleicht irgendwie sagt: Das glaube ich <term type="Begriffe" key="174,23">nicht</term>, oder: Das ist mir überhaupt egal? Er kann ja z. B. überhaupt <term type="Begriffe" key="181">Gottes</term> <term type="Begriffe1" key="122">Existenz</term> leugnen.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Kommt vor, nicht wahr? Und dann sagen Sie es ihm noch einmal und sagen es ihm ein drittes Mal, und «siebzigmal siebenmal» müssen Sie es ihm wieder sagen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.22">Mt. 18,22</ref>] - und dabei dann, wenn er immer nicht hören will, vielleicht ein gutes Teil der <term type="Begriffe" key="507">Verantwortung</term> auf sich selber nehmen, daß Sie es ihm offenbar nicht richtig sagen. Und <hi rend="italic">ja</hi> nicht operieren mit dem Gedanken: Der ist jetzt endgültig draußen! Sondern Sie wollen ihm ja gerade sagen: «Auch du, elender Tropf, mit deinem <term type="Begriffe" key="28">Atheismus,</term> mit deiner mündigen <term type="Begriffe" key="525,3">Weltlichkeit</term><note xml:id="n44">Zu der unter Berufung auf <persName ref="kbga-actors-50">D. Bonhoeffer</persName> damals verbreiteten Vorstellung, daß das Leben des modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen</term> «<foreign xml:lang="lat">etsi deus non daretur</foreign>» als seine Mündigkeit theologisch zu bejahen sei, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5927"><persName ref="kbga-actors-50">D. Bonhoeffer</persName>, <hi rend="italic">Widerstand und Ergebung</hi>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="#fn_n36">Anm. 36</ref>), S. 476-482.503f.529–535</bibl>; ferner die Buchreihe: <bibl corresp="kbga-bibls-5930"><hi rend="italic">Die mündige Welt</hi>, Bd. I-IV, München 1955-1963</bibl>.</note> da und mit dem ganzen Zauber, auch du bist von Ewigkeit her geliebt, und dich liebt <term type="Begriffe" key="181,20">Gott,</term> und dich wird Gott lieben.» Und in irgendeiner Sprache haben Sie ihm das zu sagen. Das ist die einzig mögliche Art, wie man überhaupt über die <term type="Begriffe" key="174,23">Ungläubigen</term> <term type="Begriffe" key="78,2">nachdenken</term> kann. Denn so denkt ja der liebe <term type="Begriffe" key="181,20">Gott</term> auch über uns sogenannte Gläubige nach, und auch wir können über uns selbst nur so nachdenken. Wir müssen uns mit den Ungläubigen zusammensetzen aufs <term type="Begriffe" key="468,15">Sünderbänkchen</term>, und dann können wir auch mit ihnen reden, sind wir in der gleichen Verlegenheit, haben aber auch die gleiche <term type="Begriffe" key="200">Hoffnung</term>.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10606">Schum</persName>:</speaker> 
                <p>Darf ich ihm nicht sagen, Ihrer Meinung nach, daß <term type="Begriffe" key="181,19">Gott</term> ihn ruft und daß Gott von ihm auch einen <term type="Begriffe1" key="153,2">Gehorsam</term> erwartet und für diesen Gehorsam Rechenschaft fordern wird?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, ja. Aber machen Sie ihm vor allen Dingen diesen Ruf Gottes, diesen Ruf der <term type="Begriffe" key="181,6">Barmherzigkeit</term> und Liebe <term type="Begriffe" key="181,20">Gottes</term> als solchen vernehmbar. Und dann können Sie ihm auch sagen: Das ist eine ernsthafte Sache!, es wäre jetzt an der Zeit aufzupassen! In der Tat, es ist dann eine <term type="Begriffe" key="153">Gehorsamsfrage.</term> Aber nicht so wie der <persName ref="kbga-actors-1624">Billy Graham</persName> - <pb ed="pga" xml:id="p149"/> haben Sie den auch schon gehört? -, der nun so mit der Pistole in der Hand auf die Leute losgeht und sagt: «Ihr müßt von neuem geboren werden!» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.3">Joh. 3,3</ref>].<note xml:id="n45">Im August 1960 im <placeName ref="kbga-places-1351">Wallis</placeName> und in <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term> und im Frühling 1962 während seiner <term type="Begriffe" key="505">USA</term><term type="Begriffe" key="36,26">-Reise</term> hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> persönliche Gespräche mit dem <term type="Begriffe" key="8">amerikanischen </term> Evangelisten <persName ref="kbga-actors-1624">William Franklin (Billy) Graham</persName> (geb. 1918), den er am 30.8.1960 auch bei einer <term type="Begriffe" key="117">Großevangelisation</term> in Basel hörte.</note> Geschweige denn wie diese Kerle von <placeName ref="kbga-places-723">Caux</placeName> [von] der <term type="Begriffe" key="317">Moralischen</term> <term type="Begriffe1" key="414,3">Aufrüstung</term>!<note xml:id="n46">Die von <persName ref="kbga-actors-2637">Frank N. D. Buchman</persName> (1878–1961) ins Leben gerufene internationale Bewegung des <term type="Begriffe" key="317">«Moral</term> Re-Armement» (MRA = Moralische Aufrüstung) hatte ihr Hauptausbildungszentrum in <placeName ref="kbga-places-723">Caux</placeName> bei <term type="Begriffe" key="688">Montreux</term>.</note> Also nicht so! Sondern jetzt wirklich das <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term></hi>!</p>
                </sp>
                <sp>
                  <speaker>Fragesteller:</speaker> 
                  <p>Ich frage mich, gerade wenn wir die Nichtglaubenden nicht hinausstoßen wollen, sondern mit hereinnehmen: Wenn die <term type="Begriffe" key="516">Versöhnung</term> effektiv geschehen ist, wozu ist es dann überhaupt nötig, die <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> noch aus[zurichten]?</p>
                  </sp>
               
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das ist doch gräßlich! Wenn die <term type="Begriffe" key="516">Versöhnung</term> wirklich geschehen ist - und da laufen wir alle, die Gläubigen und die Ungläubigen, herum, wie wenn sie nicht geschehen wäre, weithin auch <hi rend="italic">wir</hi>. Und da ist es doch wahrhaftig nötig, daß die Trompete geblasen wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.14.8">1.Kor. 14,8</ref>] und die <term type="Begriffe" key="306">Menschheit,</term> und zwar die christliche und die unchristliche, zu hören bekommt, was wirklich ist. Sonst lebt ja der ganze Verein in der dicksten Lüge drin. Wenn es irgend etwas gibt, was nötig ist, so ist es die <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> des <term type="Begriffe1" key="119">Evangeliums,</term> gerade <hi rend="italic">weil</hi> es so ist, gerade <hi rend="italic">weil, weil</hi> die <term type="Begriffe" key="516">Versöhnung</term> geschehen ist, weil das die Luft ist, in der wir atmen. Und jetzt sitzen wir wie ein ganzer Verein da, und statt zu atmen, halten wir den Atem an. Bitte, hört doch auf! Fangt jetzt an zu schnaufen! Es ist ja Luft da! Man könnte es mit vielen solchen Bildern beschreiben.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10606">Schum</persName>:</speaker> 
                <p>Sie werden sicher energisch widersprechen, wenn ich die Ansicht formuliere, daß das ein bißchen ähnlich klingt, wenigstens für mich, wie der <term type="Begriffe" key="240">Katholik,</term> der kurz vor seinem <term type="Begriffe1" key="486">Tod</term> in den Schoß der Mutter <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> zurückkehrt, so auch hier: [Der <term type="Begriffe" key="174,23">Ungläubige</term>,] der sich sein Leben lang, sagen wir es einmal provozierend, den <term type="Begriffe" key="134">Freuden</term> dieser Welt hingibt und ihnen nacheilt - meinetwegen mit angehaltenem Atem -, und dann zum Schluß kommt doch alles auf dasselbe heraus[, ob einer geglaubt hat oder nicht].</p>
                </sp> 
                <sp>
                  <speaker><pb ed="pga" xml:id="p150" rend="noPipe"/><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                  <p>Aber dann hat er - wir wollen einmal diesen extremsten Fall vornehmen, den Sie jetzt beschreiben - … dann hat er sein ganzes Leben in der Lüge zugebracht und hat nicht gemerkt, was <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> für ihn ist und getan hat, und hat nicht davon gelebt, sondern [hat gelebt] - ja, in «Lust und <term type="Begriffe" key="134">Freuden</term>» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.19">Lk. 16,19</ref>], oder auch in Dreck und Schande und was da alles ist: <term type="Begriffe" key="29">Atombomben</term> und <term type="Begriffe1" key="327">Nato</term> … - furchtbar! Das ist doch eine verkehrte <term type="Begriffe" key="525,2">Welt</term>! Und nun dieser Welt <term type="Begriffe" key="513">verkündigen</term>: Es gibt etwas anderes - was dann also auch jetzt schon gilt -, wo es dann heißen dürfte: «Hebet eure Häupter, denn eure <term type="Begriffe" key="109">Erlösung</term> ist nahe» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.21.28">Lk. 21,28</ref>]. Da wäre [es] doch fast Blasphemie, wenn man sagen würde: Es kommt auf dasselbe heraus. Nein, es kommt nicht auf dasselbe heraus. [Es] soll auf dieser Erde keine <term type="Begriffe" key="202">Hölle</term> sein. Sondern wenn wir wirklich um dieses Letzte beten: «Dein Name werde geheiligt, dein <term type="Begriffe" key="399,3">Reich</term> komme, dein <term type="Begriffe" key="181,24">Wille</term> geschehe auf Erden wie im <term type="Begriffe" key="196">Himmel</term>» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.6 Mt.6.7">Mt. 6,6f.</ref>] -, wenn wir wirklich darum <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="145,6">beten</term>,</hi> dann sind wir doch damit aufgerufen, auch das Entsprechende zu <hi rend="italic">tun</hi>. Sonst beten wir eben auch nicht darum. Und diese Lumperei da - Sie denken wahrscheinlich an den <persName ref="kbga-actors-2218">Konstantin</persName><note xml:id="n47">Der römische Kaiser Flavius Valerius Constantinus, «<persName ref="kbga-actors-2218">Konstantin der Große</persName>» (um 280-337), dessen Sieg am 28.10.312 an der milvischen Brücke vor <term type="Begriffe" key="619"><placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName></term> mit seiner bald legendarisch verklärten Wendung zum <term type="Begriffe" key="70">Christentum</term> verbunden wird, starb Pfingsten 337 kurz nach seiner <term type="Begriffe" key="472,7">Taufe</term>, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5931"><persName ref="kbga-actors-10617">J. Vogt</persName>, Art. «Konstantin», RAC, Bd. 3, 1957, S. 306-379</bibl>.</note>, ich glaube, der hat sich so spät noch taufen lassen; in der Tat, es gibt so extreme Möglichkeiten -, das geht natürlich nicht. Man muß nicht immer an die absurdesten Möglichkeiten denken!</p>
                  </sp>
                <sp>
                <speaker>Fragesteller:</speaker> 
                <p>Würden Sie dann sagen, Herr Professor, daß der <term type="Begriffe" key="174,11">Glaube</term> eine zwingende Folgerung aus der <term type="Begriffe1" key="516">Versöhnungstat</term> <term type="Begriffe" key="181,19">Gottes</term> ist oder ein Akt der <term type="Begriffe" key="74">Dankbarkeit</term> des <term type="Begriffe" key="305,15">Menschen</term>? Oder wie würden Sie das umschreiben? Denn an der <term type="Begriffe" key="516">Versöhnungstatsache</term> selber ändert sich ja durch den <term type="Begriffe" key="174,3">Glauben</term> oder <term type="Begriffe" key="174,23">Unglauben</term> des Menschen eigentlich nichts.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Es ändert sich das, daß ihm das Gute, das ihm von <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> zugesagt ist und das auf ihn wartet, vor Augen tritt, daß er es erkennt, daß er damit leben darf. Und das ist sozusagen vom <term type="Begriffe" key="196">Himmel</term> aus gesehen nicht gleichgültig - von Gott aus gesehen - , daß so ein armer Tropf, wie wir alle es sind, es jetzt merkt und sich jetzt getrauen darf, <pb ed="pga" xml:id="p151"/> ein bißchen damit zu leben, ein bißchen, ein bißchen zu glauben und zu <term type="Begriffe" key="284,5">lieben</term> und zu <term type="Begriffe" key="200,1">hoffen</term>. Da freuen sich bekanntlich die ganzen <term type="Begriffe" key="98">Engel</term> des Himmels «über einen <term type="Begriffe" key="468">Sünder,</term> der <term type="Begriffe" key="63">Buße</term> tut» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.10">Lk. 15,10</ref>]. Also, das macht schon eine Veränderung [aus]. Aber nicht so, wie es sich nun gewisse gräßliche Theologen vorstellen<note xml:id="n48"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat hier offensichtlich diejenigen zeitgenössischen Theologen und deren Positionen vor Augen, gegen die sich <bibl corresp="kbga-bibls-5639"><persName ref="kbga-actors-1620">Gollwitzer</persName> wendet, in: H. Gollwitzer, <hi rend="italic">Die <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term></hi> <hi rend="italic">Gottes im <term type="Begriffe" key="44,4">Bekenntnis</term></hi> <hi rend="italic">des <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term></hi> (BEvTh 34), München 1963</bibl>. Nach <persName ref="kbga-actors-1620">Gollwitzers</persName> These wird durch die oben genannte Vorstellung <term type="Begriffe" key="181,23">Gott</term> zum «Mythologoumenon» menschlicher Selbstverwirklichung (S. 39), zum bloßen Ausdruck für ein humanes Phänomen (S. 73).</note>, daß erst damit, daß wir glauben, diese Sache wahr und wirklich wird.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Fragesteller:</speaker> 
                <p>Ich wollte noch eine Frage stellen: Warum ist es, von <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> aus gesehen, nicht gleichgültig? [Das] ist etwas unklar. [Sie sagten:] Es ist, von <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> aus gesehen, nicht gleichgültig, ob der <term type="Begriffe1" key="305">Mensch</term> glaubt oder nicht.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Gar nicht, natürlich.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Fragesteller:</speaker> 
                <p>Und warum nicht?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Warum nicht? Weil er ihn <term type="Begriffe" key="181,20">liebt</term>, weil er sein Bestes will und weil er nicht will, daß jemand verloren gehe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.9">2.Petr. 3,9</ref>], und weil er nicht will, daß einer als ein Verlorener lebt, wo ihm doch zugesagt ist: Da ist die Rettung! Er wäre nicht <term type="Begriffe" key="181">Gott,</term> wenn ihm das gleichgültig wäre.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker> 
                <p>[Es] hat sich Fräulein <persName ref="kbga-actors-10609">Woitke</persName> gemeldet. Ich lege doch Wert darauf, daß auch die Damen zu Wort kommen. Sie haben in <term type="Begriffe" key="685"><placeName ref="kbga-places-216">Grindelwald</placeName></term> eine wesentliche Rolle zur Belebung der Sache gespielt.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Das freut mich zu hören. Merkwürdigerweise ging es mir eben auch durch den Kopf. Ich würde es vielleicht in der nächsten Minute gesagt haben: Wo bleiben die Damen?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10609">Woitke</persName>:</speaker> 
                <p>Ich weiß nicht, das ist an sich nur noch etwas Erklärendes dazu. Bei dieser ganzen Debatte hier hat es den Anschein, als ob das <term type="Begriffe" key="174,23">Nichtglauben</term> ein gesundes, ungebrochenes <term type="Begriffe" key="189">Heidentum</term> ist, sozusagen ein menschliches Ideal: so ungebrochen, gesund daherzuleben, heiter und fröhlich. Und das <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> bedeutet eine gewisse Gebrochenheit. Und dann stören sich die Leute daran, daß zum Schluß doch alle so ihr Teilchen bekommen und daß die, die sich hier abgerackert haben, nicht mehr bekommen. Ich glaube, daß diese ganze Diskussion auf die <pb ed="pga" xml:id="p152"/> Ebene gehoben werden muß: daß eben, was wirkliches <term type="Begriffe" key="275">Leben</term> ist, [gerade nicht] dieses gesunde, heitere Dahinleben [ist, sondern daß dieses schon] im Kern faul ist. Kann man das so sagen?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das ist schön, ein guter Beitrag. Also eben <hi rend="italic">ja</hi> nicht, wie es jetzt auch so üblich wird, fast so mit einer gewissen Verliebtheit von der mündigen <term type="Begriffe" key="525,3">Welt</term> reden und von den <term type="Begriffe" key="28">Atheisten</term>! Es gibt jetzt schon Theologen, die förmlich liebäugeln mit dem Atheismus und mit dieser kuriosen <term type="Begriffe" key="525,3">Weltlichkeit</term> usf.<note xml:id="n49">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p148#fn_n44">S. 148­, Anm. 44</ref>.</note> Da gibt es nichts zu liebäugeln. Das ist schlimm. Das soll dahinten bleiben, nicht weitergehen.</p> 
                </sp>
            </div> 
            
            <div>
                <head type="sub"><term type="Begriffe" key="181,12"> </term> 5. Vom <term type="Begriffe" key="113,3">Eschaton</term> und von Gottes Gericht</head>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10609">Woitke</persName>:</speaker> 
                <p>Ich weiß nicht, ob man, wenn man dann vom Endgericht sprechen will, [sagen kann,] was Sie<note xml:id="n50">Gemeint ist <persName ref="kbga-actors-397">Hinrich Stoevesandt</persName>.</note>, glaube ich, sagten: daß die Leute, die nicht glaubten, dort eine tiefe Beschämung [erfahren]?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das ist immer etwas schwierig, was Sie<note xml:id="n51">Gemeint ist <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>.</note> sind und was ich bin. Ich mußte mich dort notgedrungen zu Ihrem Mund machen und habe im Blick auf das Endgericht den Begriff der Beschämung gebraucht … </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10609">Woitke</persName>:</speaker> 
                <p>… daß wir also nicht [sagen], daß die Leute, die jetzt, sagen wir einmal, für unsere Augen (was wir natürlich auch nicht immer entscheiden können) draußen stehen, [weil sie] nicht glauben, … - daß wir nicht sagen: Denen ist die <term type="Begriffe" key="202">Hölle</term> zugesprochen. Ihre <term type="Begriffe" key="460,4">Bestrafung</term> liegt nicht in einer jenseitigen Welt, wo sie in der <term type="Begriffe" key="202">Hölle</term> schmoren, sondern darin, daß sie eben im <term type="Begriffe" key="87">Diesseits</term> am Leben vorbeigegangen sind und daß das ihre einzige [?] Strafe ist. Und das[, was] nachher [kommt,] wissen wir sowieso nicht.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Also mich interessiert die Bestrafung dieser «Draußenstehenden» viel weniger als <hi rend="italic">meine</hi> Bestrafung, die auf mich wartet. Und die besteht doch sicher darin, daß dann herauskommen wird: der Kontrast zwischen dem unermeßlichen Angebot, das uns allen [gemacht ist] - ob wir es nun bemerken oder halb bemerken, ob wir es <pb ed="pga" xml:id="p153"/> annehmen oder verwerfen, ob wir als <term type="Begriffe" key="68">Christen</term> ja dazu <term type="Begriffe" key="174,5">sagen</term> oder als Nichtchristen nein oder ihm gegenüber gleichgültig [sind] usf. - [zwischen dem] ungeheuren …, ja, «Angebot» ist ein zu schwaches Wort, [vielmehr] dieser Wirklichkeit des <term type="Begriffe" key="190,6">Heils</term> und des <term type="Begriffe" key="275,4">Lebens</term>, das [uns erworben] ist, und - <hi rend="italic">wie</hi> wenig haben wir davon Gebrauch gemacht, haben das zu Ehren gebracht! wie beschämend gering ist unsere <term type="Begriffe" key="74">Dankbarkeit</term> gewesen - es geht um <term type="Begriffe1" key="74">Dankbarkeit</term> (Sie haben den Begriff eingeführt) -, und wie undankbar ist die ganze <term type="Begriffe" key="306">Menschheit</term> mit Einschluß der <term type="Begriffe" key="69">Christenheit</term>! Und es ist immer am gesündesten, man denkt da in erster Linie an sich selber und ermißt dann von da aus, was es bedeuten möchte, wenn dieser ganzen undankbaren <term type="Begriffe" key="306">Menschheit</term> und <term type="Begriffe" key="69">Christenheit</term> nun <term type="Begriffe1" key="181,9">Gottes</term> Erbarmen zugewendet ist und wenn das dann sichtbar werden wird: das große Trotzdem <term type="Begriffe" key="181,19">Gottes.</term> Denn das wird das Gericht sein: das Trotzdem Gottes, des gnädigen <term type="Begriffe1" key="177,4">Gottes.</term> Da sind wir mit unserem Ozean von Undankbarkeit. Und Gott wird und will sagen: Dich habe ich <term type="Begriffe" key="181,20">geliebt</term>! Und dann haben wir uns alle zu schämen, ja wirklich zu schämen. Und das wird dann wirklich eine ewige Strafe sein, daß wir uns so schämen müssen - aber bitte, schämen angesichts des Überreichtums der <term type="Begriffe" key="177">Gnade</term> Gottes: daß wir als die Verlorenen gerettet sein werden. «Als die Verlorenen» - das bedeutet das Gericht und die Beschämung; und «gerettet» - das bedeutet, daß uns dann wohl erst samt und sonders, uns und den <term type="Begriffe" key="28">Atheisten</term> und allen, die Augen aufgehen werden, wieviel Anlaß wir haben, dankbar zu sein, und daß wir es dann vielleicht auch werden.</p>
                <p> Ich stelle mir halt das ganze <term type="Begriffe" key="113,3">Eschaton</term>, wenn ich das so sagen darf, als eine umfassende <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="341">Offenbarung</term></hi> vor - eine <term type="Begriffe1" key="341">Offenbarung</term> dessen, was gewesen ist, also unseres jetzigen Lebens, dieses irdischen Wesens, dieser <term type="Begriffe" key="163">Weltgeschichte</term> und <term type="Begriffe1" key="605">Kirchengeschichte</term> mit ihrer ganzen Glorie und mit ihrer ganzen Schande: daß das offenbar werden wird, aber offenbar vor dem Richterstuhl <term type="Begriffe" key="227,24">Christi</term> [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.10">2.Kor. 5,10</ref>] - nicht [vor] so ein[em] abstrakten Weltenrichter, sondern vor dem Richterstuhl <hi rend="italic">Christi</hi>, der für uns <term type="Begriffe" key="227,21">gestorben</term> und <term type="Begriffe" key="30,3">auferstanden</term> ist.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Fragesteller:</speaker> 
                <p>Wird dann diese <term type="Begriffe" key="341">Offenbarung</term> so sein wie fast nach einem Film, wo der Vorhang dann zugeht, nachdem wir es jetzt alle wissen, oder dürfen wir da noch auf Weiteres hoffen?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Nein, nein, der Vorhang geht nicht zu. Sondern dann geht er ja eben erst auf, nicht wahr. Dann geht er auf. Mit der Zeit kann man <pb ed="pga" xml:id="p154"/> ja dann nicht mehr rechnen, das wird das sein, was die mittelalterliche <term type="Begriffe" key="481,29">Theologie</term> die «<foreign xml:lang="lat">visio Dei</foreign>» genannt hat<note xml:id="n52">Vgl. die bei den mittelalterlichen <term type="Begriffe" key="422">Scholastikern</term> gebräuchliche Formulierung auch in der <bibl corresp="kbga-bibls-5933">Constit. «Benedictus Deus» vom 29.1.1336 von <term type="Begriffe" key="359">Papst</term> <persName ref="kbga-actors-2270">Benedikt XII.</persName>, DH 1000</bibl>: «[…] <foreign xml:lang="lat">vident divinam essentiam visione intuitiva et etiam faciali, nulla mediante creatura in ratione obiecti visi se habente, sed divina essentia immediate se nude, clare et aperte eis ostendente</foreign> […]»</note>: die Anschauung <term type="Begriffe" key="106,3">Gottes</term> in seiner Gottheit - aber in seiner <hi rend="italic">wahren</hi> Gottheit, die seine wahre <term type="Begriffe" key="306">Menschheit</term> in sich schließt, das Erbarmen Gottes. Und das anschauen von Ewigkeit zu Ewigkeit, damit werden wir gar nicht fertig werden, gar nicht fertig. Nicht einmal mit [der <term type="Begriffe" key="106">Erkenntnis</term> seines Erbarmens über] unserem eigenen <term type="Begriffe" key="275">Leben.</term> Aber es wird ja noch viel mehr sein. Denn wir werden dann Gott schauen, wie es heißt, «von Angesicht zu Angesicht» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.12">1.Kor. 13,12</ref>], also so, «wie er [ist]» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.2">1. Joh. 3,2</ref>], und eben, ihn «erkennen, wie wir erkannt sind» [nach <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.12">1.Kor. 13,12</ref>]. Und dann wird … - ja, ich habe noch nicht hinter den Vorhang geschaut, wie das sein wird; aber ich kann es mir nicht anders denken, als daß dann alles und jedes, was war[, offenbar wird] - eingeschlossen eben die <term type="Begriffe" key="605">Kirchengeschichte,</term> eingeschlossen sogar die <term type="Begriffe1" key="481,15">Theologiegeschichte,</term> was vielleicht eine der finstersten Ecken sein wird, die da zu erleuchten sein wird, eingeschlossen die ganze Naturgeschichte mit diesen versunkenen Wäldern und allen diesen Tierlein, die einmal gelebt haben und jetzt längst weg sind. Das alles wird <hi rend="italic">da</hi> sein. Nichts wird verloren sein, gar nichts.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker> 
                <p>Wir haben uns genau das - wenn ich Ihnen eben ins Wort fallen darf - sehr anschaulich vor Augen geführt an den Katzen, von denen es nicht weniger als drei in [der Jugendherberge] <term type="Begriffe" key="685"><placeName ref="kbga-places-216">Grindelwald</placeName></term> gab und die manchmal aktiv an den Auseinandersetzungen teilgenommen haben.</p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>So?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker> 
                <p>Ich habe sie dann eingeführt zur Veranschaulichung dieser <term type="Begriffe" key="113">Eschatologie.</term></p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Sehen Sie, sehen Sie! - das [ist] die «seufzende Kreatur» von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.19 Röm.8.22">Römer 8 [,19-22]</ref>. Das ist klar, das wird nämlich alles auch dabei sein.</p>
                </sp> 
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p155" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-10606">Schum</persName>:</speaker> 
                <p>Ich glaube, jetzt Ihre Gesamtschau ziemlich zu verstehen. Nur gibt es einige Stellen im Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term>, die ich mir dann nicht mehr richtig erklären kann, wenn ich z. B. denke an <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.31 Mt.25.46">Mt. 25[, 31-46]</ref> - die Scheidung [der Schafe von den] Böcken, die ins Feuer geworfen werden - oder wenn <term type="Begriffe" key="227,26">Jesus</term> spricht von dem Perlen-vor-die-Säue-Werfen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.6">Mt. 7,6</ref>].</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das ist das, was wir fortwährend machen. [Wir] sind zugleich die, die Perlen vor die Säue werfen, und sind auch die Säue, die sie zertreten. Zum <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> gehört dieser strenge Ton. Und <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25">Mt. 25</ref> gehört auch dazu. Wobei ich nur bitten möchte, zur <term type="Begriffe" key="120">Exegese</term> von <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25">Mt. 25</ref>
                doch ja zu beachten, daß die Pointe der Stelle ja nun nicht das ist, woran das Interesse gewöhnlich haftet, nämlich diese Scheidung in Schafe und Böcke als solche, sondern das <hi rend="italic">Kriterium</hi> [für diese Scheidung] - daß nämlich dort gesagt wird: «Eure Stellung zu <hi rend="italic">mir</hi> kann nur in der Stellung zu eurem <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="305,22">Nächsten</term></hi> realisiert werden - und zwar zu eurem nackten und hungernden und dürstenden und gefangenen usf. Nächsten. <hi rend="italic">Dort</hi> bin ich zu finden. Und wer mich dort nicht gesucht und gefunden hat, hat mich überhaupt nicht gefunden.» Das <term type="Begriffe" key="176">Gleichnis</term> ist die Angabe eines Kriteriums und sollte so wenig wie die Geschichte vom reichen Mann und armen <persName ref="kbga-actors-2307">Lazarus</persName> [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.19 Lk.16.31">Lk. 16,19-31</ref>] zur Entfaltung einer <term type="Begriffe" key="113">Eschatologie</term> gebraucht werden. Da würde ich jetzt ruhig sagen: der Apparat auch von <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25">Mt. 25</ref>
                  usf. - und in der Lazarus-Geschichte diese ganze Schilderung des Jenseits, das, kann man ruhig sagen, das ist die Sprache jener Zeit vom Jenseits. Und beides sind ja <term type="Begriffe" key="176">Gleichnisse.</term> Und jetzt nimmt Jesus in der Sprache dieser <term type="Begriffe" key="231">spätjüdischen</term> <term type="Begriffe" key="113">Eschatologie</term> die Sache auf, die <hi rend="italic">er</hi> sagen will. Die zwei Sachen - <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16">Lukas [16]</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25">Matthäus [25]</ref> - gehören ja sehr nahe zusammen. Eine saubere <term type="Begriffe" key="120">Exegese</term> dieser beiden Kapitel wird nicht einhaken bei dem, was gerade nur Gleichnisstoff ist, <term type="Begriffe" key="176">Gleichnis</term> als solches, sondern hören: <hi rend="italic">was</hi> wird da gesagt?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10606">Schum</persName>:</speaker> 
                <p>Sie haben vorhin gesagt: Ich soll «siebenmal siebzigmal» meinem <term type="Begriffe" key="305,22">Nächsten</term> die <term type="Begriffe" key="177">Gnade</term> Gottes, die <term type="Begriffe1" key="516">Versöhnung</term> <term type="Begriffe2" key="513">verkündigen</term> und ihm erzählen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.21 Mt.18.22">Mt. 18,21f.</ref>]. Ergibt sich da nicht eine gewisse Gefahr … ?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Wenn Sie Pfarrer werden, müssen Sie es viel mehr als «siebzigmal sieben» sagen … </p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p156" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-10606">Schum</persName>:</speaker> 
                <p>Aber wie steht es dann mit dieser Mahnung, [nicht] Perlen vor die Säue zu werfen? Ist das einfach etwas, [worüber] ich [kein] Urteil [zu fällen] habe, [sondern] höchstens in meinem Bitten um Bewahrung davor [reden] kann? Oder wie verstehen Sie das?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Wissen Sie, das ist ja nun eine schwierige Frage, wie das eigentlich mit diesen Perlen und diesen Säuen gemeint ist. Ich neige stark dazu, in diesen Perlen ein <term type="Begriffe" key="70,16">positives</term> Christentum<note xml:id="n53">In dem die reformierten <term type="Begriffe" key="244,23">Kirchen</term> der <term type="Begriffe" key="428,1">Schweiz</term> seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestimmenden «Richtungswesen» vertreten die «Positiven» ein <term type="Begriffe" key="262">«konservatives</term>», «rechtgläubiges», «bibelgläubiges» <term type="Begriffe" key="70">Christentum</term>.</note> zu sehen, wo alles in Ordnung ist: gute <term type="Begriffe" key="227,6">Christologie</term> und Heilslehre und «Gesetz und <term type="Begriffe" key="119,5">Evangelium</term>» und «Wort und <term type="Begriffe1" key="419,2">Sakrament</term>» - das alles ist da. Und der Herr <term type="Begriffe" key="9,3">Pfarrer</term> steigt auf die Kanzel und trägt jetzt diesen Block von christlicher <term type="Begriffe" key="522">Wahrheit</term> vor, wirft [ihn] den Leuten an den Kopf oder vielmehr vor die Füße. Und das sind sie ja gewohnt, daß in der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> von diesen Dingen die Rede ist. Und sie haben es gern in etwas massiver, deutlicher Form. Es könnte aber auch in liberalen Abwandlungen geschehen. (In der <term type="Begriffe" key="428">Schweiz</term> haben wir doch unsere Reformer gehabt<note xml:id="n54">In dem in <ref type="pub" target="#fn_n53">Anm. 53</ref> genannten «Richtungswesen» sind die «Reformer» die kirchlich-theologisch <term type="Begriffe" key="282,2">Liberalen</term>.</note>, die es dann auch freundlicher zu sagen wußten.) Aber wie dem auch sei, wo aus dem <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> so ein Fraß für eine handliche <term type="Begriffe" key="138">Frömmigkeit</term> eines populären oder gebildeten Publikums [gemacht wird], ein richtiger Fraß,[den] sie am Sonntag [haben wollen]: Man möchte doch etwas Höheres empfangen, nicht wahr, und hat es dann gern, und jetzt singt man, und jetzt wird <term type="Begriffe" key="145">gebetet,</term> und der Herr <term type="Begriffe" key="9,3">Pfarrer</term> <term type="Begriffe" key="378">predigt</term>  und so … - <hi rend="italic">das</hi> heißt: «Perlen vor die Säue werfen»! Und dann soll man zusehen, daß sie nicht «sich wenden und euch zerreißen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.6">Mt. 7,6</ref>] - nämlich daß nach einiger Zeit diese christliche und unchristliche <term type="Begriffe" key="525">Welt,</term> die das anhört, sagt: «Wir haben genug von diesen <term type="Begriffe" key="9,3">Pfarrern</term> mit ihrem Sums<note xml:id="n55">= Gerede.</note>, den sie uns da Sonntag für Sonntag vortragen! Das mögen wir nicht mehr.» Und dann meint man, man sei bereits im Stande der Verfolgung, und ist selbst schuld, weil man die Perlen vor die Säue geworfen hat. Also, ich glaube, daß das Wort dort in der <term type="Begriffe" key="46">Bergpredigt</term> irgendwie in diese Richtung weist: eine bequeme <term type="Begriffe" key="403">Religion,</term> eine bequeme Anleitung zur <term type="Begriffe1" key="138">Frömmigkeit</term> und zur Erbau<pb ed="pga" xml:id="p157" break="no"/>ung und Beschäftigung mit allerhand <term type="Begriffe" key="309">Metaphysik,</term> die da hergegeben wird [als etwas], was die Leute gerne fressen; dann wird man damit selber gefressen.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10606">Schum</persName>:</speaker> 
                <p>Darf ich Ihnen noch eine letzte Frage vorlegen oder vielleicht eine Formulierung zur Korrektur vorlegen? Sie haben in der Vorlesung über den <term type="Begriffe" key="174">«Glauben</term>» geschrieben<note xml:id="n56"><bibl corresp="kbga-bibls-5157">K. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <hi rend="italic">Einführung</hi>, a.a.O., S. 116.</bibl></note>: Wenn jemand sich gestatte, gewisse <term type="Begriffe" key="89">Dogmen</term> der Kirche, z. B. die <term type="Begriffe1" key="235">Jungfrauengeburt,</term> nicht voll zu akzeptieren oder sie einfach in Frage zu stellen, daß er sich dann sehr genau überlegen muß, ob er da wirklich noch vom <term type="Begriffe" key="181,26">Gott</term> des <term type="Begriffe" key="119">Evangeliums</term> spricht. Und zweifelsohne haben Sie sich diese Frage auch überlegt, die Sie da anderen stellen. Jetzt, von dem her, was Sie heute gesagt haben, würde ich vielleicht eine Antwort so formulieren, daß Sie diese <term type="Begriffe" key="181,12">Gerichtsperikopen</term>, die im Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> vorkommen und die die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> so verstanden hat, daß sie an eine <term type="Begriffe1" key="202">Hölle</term> und ein Jüngstes Gericht geglaubt hat - …, daß Sie die in ihrer Zeit verstehen würden: daß das einfach die damaligen Vorstellungen sind, in denen Jesus zwar auch gesprochen hat, daß sie darum aber für uns nicht absolut zu nehmen seien?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Achtung, man kann ja wieder Form und Inhalt nicht in dieser Weise scheiden. Das will ich nicht. Ich möchte den armen Mann im Schoße <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> und den anderen, der da im Feuer ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.22 Lk.16.23">Lk. 16,22f.</ref>], nicht missen. Und ich möchte auch diese Böcke und Schafe [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.32 Mt.25.33">Mt. 25,32f.</ref>] nach wie vor geschieden wissen. Ich habe mich jetzt nur dafür eingesetzt, daß man gerade bei diesen <term type="Begriffe" key="176">Gleichnissen</term> nun nicht Gewicht legt auf das, was im Text selber Material ist zur Aussage, sondern die Aussage selber hört, die nun allerdings in Gestalt dieses Materials gemacht wird. Wissen Sie, wenn Sie dann einfach sagen: [Weg da mit dem] «Feuer» und [dem] «Wurm», der «nicht stirbt» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.9.44">Mk. 9,44</ref>] usf. - Sie dürfen nicht von der <term type="Begriffe" key="378,1">Kanzel</term> herunter diese [wegwerfende] Bewegung machen, sondern Sie müssen sehr deutlich machen, wie dieser Wurm frißt und wie dieses Feuer nicht stirbt, und den Unterschied zwischen dem Schoß <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> und dem Ort, wo der andere ist, und wie der gerne möchte, daß man seinen Verwandten zu Hilfe komme … usf. Bitte, nicht zu schnell <term type="Begriffe" key="100">entmythologisieren</term>! Das ist immer schade. Sondern reden Sie fröhlich ein<pb ed="pga" xml:id="p158" break="no"/>mal ein bißchen mythologisch weiter! Aber sagen Sie die <hi rend="italic">Sache</hi>, die in diesem Text steht! Wenn dann jemand Sie fragt: «Wie ist es [damit]?» - [so sagen Sie ruhig:] «Ja bitte, es muß jetzt so gesagt werden. Es ist dort so gesagt, und jetzt wollen wir es auch so sagen.» Aber verstehen Sie, es hängt nicht daran, daß es in Gestalt dieses Materials gesagt wird. Aber sagen Sie es einmal auch in dieser Gestalt!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Fragesteller:</speaker> 
                <p>Im Alten <term type="Begriffe" key="424,2">Testament</term> gibt es ja nicht nur eine Menge Berichte über geschehene <term type="Begriffe" key="181,12">Gerichte</term> Jahwes über <term type="Begriffe" key="220,1">Israel,</term> sondern auch eine Menge Gerichtsankündigungen. Und meine Frage ist nun die, inwieweit angesichts der <term type="Begriffe" key="424,22">neutestamentlichen</term> <term type="Begriffe" key="58,1">Botschaft</term> diese Gerichtsankündigungen oder auch Gerichtstaten Jahwes, die Berichte über den rächenden und harten Jahwe heute in der <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> auch noch wirksam gemacht werden können.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p><hi rend="italic">Sie</hi> können sie nicht wirksam machen. Aber sie <hi rend="italic">sind</hi> ja faktisch wirksam. Werden uns nicht, fast von Woche zu Woche, die Gerichte Gottes sozusagen vor Augen gestellt und unter die Nase gerieben? - [so daß] man plötzlich sehen muß: So, so geht es! Im <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> wird man da nun nicht ein Gericht über diese und jene, sondern wird man das reinigende Gericht <term type="Begriffe" key="181,12">Gottes</term> über sein Volk darin erkennen und das dann nicht abschwächen.</p>
                <p> Nur ein Beispiel! Sie sind ein <term type="Begriffe" key="428">Schweizer</term> Ihrer Sprache nach. Ja, sehen Sie, was wir nur in diesem einen Jahr in der <term type="Begriffe" key="428"><placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName></term> erlebt haben! Wir <term type="Begriffe" key="428">Schweizer</term> sind nämlich ein gutes Volk, gelt: <term type="Begriffe" key="76">demokratisch</term> und frei und wohlgeeignet zu Schulmeistern von ganz <term type="Begriffe" key="116">Europa,</term> vorbildlich in mehr als einer Hinsicht. Wir haben uns z. B. gewaltig der <term type="Begriffe" key="428">schweizerischen</term> Reinlichkeit gerühmt. Und das ist eine schöne Sache. Es ist wahr, so [etwas wie] ein <term type="Begriffe" key="428">schweizerisches</term> Wirtshaus kann man weithin suchen: diese Sauberkeit! Und das mögen wir. Und dann haben wir diese Schweinerei in <term type="Begriffe" key="689"><placeName ref="kbga-places-1541">Zermatt</placeName></term> erlebt. Sie werden wissen, was ich meine: diese Typhusepidemie, wo es dann herauskam, wie diese Hotellerie dort droben gewirtschaftet hat.<note xml:id="n57">Vgl. z. B. die Berichterstattung in der <bibl corresp="kbga-bibls-5934">Basler National-Zeitung, Jg.121, Nr. 125 (16./17.3.1963), Nr. 126 (18.3.1963), Nr. 129 (19.3.1963, Abendblatt), Nr. 133 (21.3.1963, Abendblatt), Nr. 137 (23./24.3.1963), Nr. 175 (18.4.1963)</bibl>. Allerdings wird in dieser Berichterstattung in erster Linie die Möglichkeit diskutiert, daß die Epidemie durch «ausländische Saisonarbeiter eingeschleppt wurde».</note> Und plötzlich wurde un<pb ed="pga" xml:id="p159" break="no"/>sere Schande aufgedeckt. «Unsere <term type="Begriffe" key="161">Gerechtigkeit</term>» stand da «wie ein beflecktes Kleid» [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.64.5">Jes. 64,5</ref>]. Und dann, wie waren wir auch so sicher [im Blick auf] unsere <term type="Begriffe" key="475">Technik</term>! In der <orgName ref="kbga-actors-10786">Swissair</orgName> hat es seit 30 Jahren keinen Unfall mehr gegeben. Ha! - <term type="Begriffe" key="690"><placeName ref="kbga-places-442">Dürrenäsch</placeName></term>! [der Absturz] mit diesen 80 Toten!<note xml:id="n58">Absturz eines Verkehrsflugzeugs bei <placeName ref="kbga-places-442">Dürrenäsch</placeName> (Kt. Aargau) am 4.9.1963. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erwähnt diesen Absturz auch in seiner Predigt vom 24.12.1963 in der Strafanstalt <term type="Begriffe" key="39,6">Basel</term>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1359">Pr. 1954-1967, <ref type="pub" target="../volume/12/p242#p242">S. 242-251</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/12/p245#p245">S. 245</ref></bibl>.</note> Und dann sind wir auch so stolz auf unsere <term type="Begriffe" key="428">schweizerische</term> Eintracht. Das sei doch wunderbar: so ein Volk mit vier Sprachen und zwei Konfessionen und 25 Kantonen. «Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern»<note xml:id="n59"><bibl corresp="kbga-bibls-846"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>, 2. Akt, 2. Szene</bibl>.</note>. Und plötzlich haben wir diesen Krach im <placeName ref="kbga-places-230">Jura</placeName>, [wo] die da auseinander[gehen] und einen eigenen Kanton haben wollen. Eine wüste Geschichte!<note xml:id="n60">Die stark emotionsgeladenen, von Gewalttätigkeiten begleiteten <term type="Begriffe" key="435">Separationsbestrebungen</term> des <term type="Begriffe" key="130">französischsprachigen</term>, überwiegend <term type="Begriffe" key="241">katholischen</term>, im <term type="Begriffe" key="428">Schweizer</term> <placeName ref="kbga-places-230">Jura</placeName> gelegenen Teils des Kantons <term type="Begriffe" key="617"><placeName ref="kbga-places-233">Bern</placeName></term>, die dann 1978 zur Gründung des neuen Kantons «Jura» führten.</note></p>
                <p>Das sind Gerichte. Ich will jetzt nicht von Gerichten über andere Völker reden. Man tut da immer am besten, sich bei der eigenen Nase zu nehmen. Aber da ist man nahe beim Alten Testament, verstehen Sie, wenn man da so in die Gegenwart blickt. Und dann ist es nicht an dem, daß wir erst den alttestamentlichen Gerichtsverheißungen sozusagen ein Gewicht «beilegen» müssen, sondern die <hi rend="italic">haben</hi> ein Gewicht. Diese Gerichtsankündigungen gelten und wirken sich aus, bis in unsere Tage hinein. Und plötzlich stehen wir <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> in unserer ganzen Herrlichkeit rätselhaft betroffen vor so einem Ereignis, wie wir das jetzt wieder da in <term type="Begriffe" key="616"><placeName ref="kbga-places-1026">Norditalien</placeName></term> mit diesen tausenden und tausenden von <term type="Begriffe" key="486">Toten</term> [erlebt haben]<note xml:id="n61">Ein Erdrutsch im Oberetschgebiet verursachte in der Nacht vom 9. zum 10.10.1963 eine Überflutung des Staudamms von <placeName ref="kbga-places-1032">Vaiant</placeName>, wodurch sieben Dörfer zerstört und rund 2500 <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> getötet wurden. Die Meldung, daß der Staudamm gebrochen sei, erwies sich später als Irrtum. Vgl. auch hier <bibl corresp="kbga-bibls-1359">Pr. 1954-1967, <ref type="pub" target="../volume/12/p246#p246">S. 246</ref></bibl>.</note> - Opfer dieser wunderbaren <term type="Begriffe" key="475">Technik.</term> Ja, und unsere Straßen mit diesen Autofahrern sind doch ein Schlachtfeld geworden. Wir brauchen also noch gar nicht an die zwei <term type="Begriffe" key="527">Weltkriege</term> und an den eventuellen dritten zu denken, sondern nur an das, was jetzt mitten im <term type="Begriffe" key="135,3">Frieden</term> da so passiert, dann sieht man schon <pb ed="pga" xml:id="p160"/> die Präsenz des Gerichtes, und man ahnt etwas vom Zorne <term type="Begriffe" key="181,27">Gottes</term>. Aber zum Glück, zum Glück wissen wir, wer Gott ist. Und dann wird man eben nicht [vom] <term type="Begriffe" key="421">«Schicksal</term>» <term type="Begriffe" key="378">predigen</term>.</p>
                <p> Aber Herr Vorsitzender, Herr Lehrer dieser <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde,</term> ich glaube, es ist genug für heute.</p> 
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                <head type="sub"> 6. Schlußworte</head>
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                <speaker> <persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker> 
                <p>Ich glaube auch. Wir sitzen jetzt geschlagene zwei Stunden oder vielleicht schon etwas länger dabei. Es ist zwar, an unseren <term type="Begriffe" key="685">Grindelwalder</term> Dimensionen gemessen, noch nichts geradezu Außergewöhnliches. Aber es ist zweifellos genug für heute. Im Augenblick liegt mir [noch eines] am Herzen. Und ich meine, das in unser aller Namen sagen zu sollen und zu müssen: nämlich einen ganz besonders herzlichen Dank. Es ist gar kein Zweifel, daß dieser Nachmittag nicht nur ein, sondern <hi rend="italic">der</hi> Höhepunkt unserer ganzen Veranstaltung gewesen ist, obwohl wir inzwischen um viele, viele Meter wieder zu Tal gefahren sind. Wir haben eine Woche [lang] nun schlecht und recht dieses Buch zu verstehen versucht. Wir sind nicht einmal bis zum Ende vorgestoßen, sondern ausgerechnet beim Zweifel<note xml:id="n62">Gemeint ist das so betitelte Kap. 11 in: <bibl corresp="kbga-bibls-5157"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Einführung</hi>, a.a.O., S. 133-145</bibl>.</note> stecken geblieben, weil da die Zeit abgelaufen war. Hätten wir beispielsweise einen Text von <persName ref="kbga-actors-14">Augustinus</persName> traktiert statt dieses Buches, so hätten wir nicht die Gelegenheit gehabt, nach Hippo<note xml:id="n63">Wirkungsstätte des Kirchenvaters <persName ref="kbga-actors-14">Aurelius Augustinus</persName> (354–430) in seiner Zeit als <term type="Begriffe" key="55">Bischof</term>.</note> zu fahren und uns den Verfasser der Schrift noch zwei Stunden in unsere Mitte zu bitten.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Unzusammengezählt, gelt, unzusammengezählt!</p>
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                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-397">Stoevesandt</persName>:</speaker> 
                <p>Unzusammengezählt, sicher. Diese Gelegenheit hatten wir, diese einzigartige Gelegenheit. Es kommt ein zweites hinzu, nämlich daß wir auch hinsichtlich unseres leiblichen Wohles heute Nachmittag auch noch Gäste des Verfassers waren und Gäste unseres Lehrers. Also, wir danken herzlich. Es ist gar kein Zweifel, daß dies für uns alle ein denkwürdiger Tag bleiben wird. Ich nehme an, viele <pb ed="pga" xml:id="p161"/> von uns werden sich jahrelang oder länger daran zurückerinnern. Nun, daß dieses Gedenken beiderseitig sein möchte, das können wir in keiner Weise erwarten. Aber damit wenigstens eine kurzlebige Erinnerung auch bei Ihnen bleibt, möchten wir ein kleines Zeichen unseres Dankes hier vor Ihnen aufbauen. Die Kurzlebigkeit der Erinnerung hängt mit dem Charakter der Sache zusammen … </p>
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                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Nun, jetzt kommt das Danken an mich. Erstens [dafür], daß Sie überhaupt hierher gekommen sind und daß Sie mir jetzt so lange zugehört haben. Und jetzt das: das sieht so ein bißchen nach Alkohol aus … Ja, [und nun] bleibt mir nur [noch] übrig, Ihnen auch gute Heimkehr in Ihr Land zu wünschen und eine glückliche Vollendung Ihres theologischen Studiums, welche Vollendung aber erst auf das Ende Ihrer irdischen Tage überhaupt zu erwarten ist.</p>  
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</TEI>
