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        <title type="volume" n="vol-41">Gespräche 1963</title>
        <title type="content">Gespräch mit rheinischen Jugendpfarrern </title>
        <title type="citation_line_1">Gespräch mit rheinischen Jugendpfarrern , in: Gespräche 1963, 3. November 1963 – 6. November 1963</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/41023 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Gespräche 1963, hrsg. v. Busch, Eberhard (Gesamtausgabe, Abt. IV), Zürich 2005, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Gespräche 1963</title>
          <title type="text">Gespräch mit rheinischen Jugendpfarrern </title>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2005</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Gespräch mit den rheinischen Jugendpfarrern auf dem Bruderholz (Tonaufnahme), 4. November 1963. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6723">KBA 9134.1</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Vorlage der Edition): , Ausschnitt aus einem Gespräch mit rheinischen Jugendpfarrern, 4. November 1963. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6734">KBA 9134.2</ref>. </bibl>
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            <head type="sub">21</head> 
            
                <head>GESPRÄCH MIT RHEINISCHEN JUGENDPFARRERN</head>
                <div type="abstract">
                 <p><hi rend="italic">Vom <date to="1963-11-06" from="1963-11-03">3. bis 6. 11. 1963</date> kamen die Jugendpfarrer der Evangelischen Kirche des Rheinlands, angeführt vom rheinischen Landesjugendpfarrer <persName ref="kbga-actors-10694">W. Posth</persName>, zu ihrer jährlichen «Synodaljugendpfarrerkonferenz» in <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term></hi> zusammen. Am Morgen und Nachmittag des 4.11. führten sie im Zusammenhang dieser Konferenz ein Gespräch mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Restaurant <term type="Begriffe" key="39,4"><placeName ref="kbga-places-579">Bruderholz</placeName></term>. Das Gespräch wird hier nach einer Tonbandaufnahme wiedergegeben. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> waren für diese Veranstaltung zuvor 15 Fragen vorgelegt worden, die von einzelnen Teilnehmern formuliert und verantwortet waren, wobei der kurzgefaßten Frage öfters noch eine «Begründung» angefügt war. Aus diesen - teils recht langen - «Begründungen» wird im folgenden (in den Anmerkungen) nur dann zitiert, wenn es für das Verständnis des Gesprächgangs erheblich ist. Sechs der vorgelegten Fragen wurden wegen Zeitmangels nicht besprochen. Ihr Wortlaut und <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> handschriftliche Notizen für eine Antwort werden im Anhang zum hier folgenden Gespräch abgedruckt. Die Personen, die sich ausdrücklich am Gespräch beteiligten, sind, soweit es sich von der Tonbandaufnahme rekonstruieren läßt: <persName ref="kbga-actors-10711">Klaus Drubel</persName>, <persName ref="kbga-actors-10708">Käthe Freiling</persName>, <persName ref="kbga-actors-10718">Friedrich Wilhelm Gensichen</persName>, <persName ref="kbga-actors-10700">Gerd Graf</persName>, <persName ref="kbga-actors-10705">Heinz Joachim Held</persName>, <persName ref="kbga-actors-10715">Rolf Heue</persName>, <persName ref="kbga-actors-10720">Fritz Heuner</persName>, <persName ref="kbga-actors-10702">Hermann Poll</persName>, <persName ref="kbga-actors-10710">Egon Reifner</persName>, Lic. <persName ref="kbga-actors-10695">Helmut Scheler</persName>, <persName ref="kbga-actors-7426">Lili Simon</persName>, <persName ref="kbga-actors-10696">Rolf Stückrath</persName>, <persName ref="kbga-actors-10712">Adalbert Turck</persName>, <persName ref="kbga-actors-10793">Ernst Ufer</persName>, <persName ref="kbga-actors-10699">Manfred Ulbrich</persName>, <persName ref="kbga-actors-10698">Hans Unfricht</persName>, <persName ref="kbga-actors-10701">Hans Martin Vetter</persName>.</p> 
            </div> 
            <div>
            <head>Gespräch mit Rheinischen Jugendpfarrern</head>
                <head type="sub"> 1. Vorbemerkung</head>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Verehrte und liebe Freunde, es ist mir eine Freude, Sie in diesem Raum zu begrüßen, in welchem sich nun seit längerer Zeit schon der Rest meiner akademischen Tätigkeit abzuspielen pflegt.<note xml:id="n01">Restaurant <placeName ref="kbga-places-579">Bruderholz</placeName> in <term type="Begriffe" key="39,4">Basel</term>.</note> Es ist wohl ein nicht ganz alltäglicher Fall, daß eine <term type="Begriffe" key="90">dogmatische</term> Sozietät in einem <hi rend="italic">Wirtshaus</hi> stattfindet. Das ist aber in <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term> nun schon seit <pb ed="pga" xml:id="p236"/> Jahr und Tag der Fall. Dieser Raum ist sonst also gefüllt mit zahlreichen jüngeren Leuten als Sie und an einem besonderen Abend auch mit <term type="Begriffe" key="8">Amerikanern,</term> wo dann englisch gesprochen wird - gutes Englisch von den Leuten und schlechtes Englisch von mir … </p>
                <p> Nun waren Sie so freundlich, mir Ihre Fragen zuzustellen; und ich will mein Bestes tun, sie zu beantworten, soweit das geht. Darf ich eine Bemerkung vorausschicken? Ich erinnere mich dunkel, in einer früheren Zeit meines <term type="Begriffe" key="36,22">Lebens</term> ein ziemlich umfangreiches Werk [geschrieben zu haben], aus etwa 12 Bänden bestehend, von denen der kleinste etwas über 500 Seiten zählt, unter dem Titel «<bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchliche <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></bibl>». Es ist lange her. Es gibt immer noch gute Seelen, die sie lesen oder wenigstens drin lesen, wenigstens gelegentlich vielleicht. Es gibt viele gute Seelen, die diese Bücher auf ihren Schränken stehen haben oder wenigstens in erreichbaren Bibliotheken kennen. Und es freut mich immer, wenn ich Zeichen davon merke, daß nicht alles ganz umsonst war bei der großen Mühe, die ich mir geben mußte, diese 9 000 Seiten zu schreiben, und [bei] der großen Mühe, die ich nun auch - aber es ist immerhin die kleinere Mühe - den Lesern zumute, diese 9 000 Seiten zu lesen. Es gibt [aber auch] andere gute Seelen - und ich habe volles Verständnis dafür -, die es vorziehen, <hi rend="italic">nicht</hi> in der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></bibl> zu lesen. Es kann ja verschiedene Gründe dafür geben: z. B. den, daß man selber so unendlich viel ohne Punkt und Komma zu reden hat, tagaus, tagein und jahraus, jahrein, daß man doch unmöglich dazu kommt, jetzt auch noch diese dicken Bücher zu lesen. Es kann auch sein, daß man irgendwo hat läuten hören, diese <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchliche <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></bibl> sei bekanntlich längst überholt; es seien unterdessen viel wichtigere und bedeutendere Sachen auf den Plan gekommen; es sei zwar ein gutes Buch, von dem manches zu sagen sei, aber es stehe heutzutage sozusagen unter Denkmalschutz. Folge, kurzum: die <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchliche <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></bibl> wird auch <hi rend="italic">nicht</hi> gelesen. Sie sehen, ich sage das ohne Gram, und ohne darüber irgendwie traurig zu sein. Das ist das <term type="Begriffe" key="421">Schicksal</term> alles Irdischen, das auch einen Theologen betrifft.</p>
                <p>Nur erwähne ich es in diesem Zusammenhang - also nicht etwa, um Sie anzupflaumen, verstehen Sie!, [aber weil] ich nun von einer ganzen Reihe von Fragen, die mir hier gestellt wurden, den Eindruck hatte: Ach, wenn der Fragesteller oder die liebe Fragestellerin in ihrem Leben doch vielleicht einen Blick oder einige Blicke getan oder  vielleicht <pb ed="pga" xml:id="p237"/> sogar ein dauerndes Hineinblicken in die <term type="Begriffe" key="603,1">«Dogmatik»</term> gepflegt hätten, so wären diese Fragen vielleicht gar nicht aufgekommen, oder sie würden dann anders gelautet haben. Es wäre dann nämlich - und ich will das nur ganz zum voraus sagen - vielleicht auch hier noch ein bißchen interessanter geworden, wenn die Fragen, die man mir gestellt hat, eingesetzt hätten jenseits dessen, was ich geschrieben habe. Da gibt es nämlich immer noch viel zu fragen. [Spannender könnte es werden, wenn der Ausgangspunkt wäre,] daß man einmal das gelesen hätte, und dann von da aus weiter! Nun aber sind so viele Fragen [vorgelegt worden, bei denen] ich sage: Ach, das führt mich ja ganz auf den Anfang, auf das Jahr 1932<note xml:id="n02">Jahr des Erscheinens des ersten Bandes der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen Dogmatik</bibl>.</note> oder vielleicht sogar noch weiter zurück! Bin ich eigentlich <term type="Begriffe" key="36,27">wieder</term> in <term type="Begriffe" key="418"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></term><note xml:id="n03">Dort war <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> 1911-1921 <term type="Begriffe" key="36,27">Pfarrer</term>.</note>, bei meinen Gedanken [in] meinem Aufbruch, und unter Leuten, die diesen Aufbruch offenbar gar nicht mitgemacht haben? Oder haben unterdessen so bedeutende weitere Aufbrüche stattgefunden, daß das weit, weit weg ist? </p>
                <p> Also bitte, verstehen Sie das alles nicht als Klage, die ich vortrage! Ich wollte nur gesagt haben: Es ist jetzt natürlich an einigen Punkten schade, daß ich Dinge, die in der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></bibl> gesagt sind, nun wiederholen muß. Und es wird dann hier wahrscheinlich nicht so klar und bestimmt und aus dem Zusammenhang heraus gesagt werden können, wie es im Buch steht, sondern ich muß jetzt mehr oder weniger improvisieren. So daß ich also (ich pflege mich ja sonst nicht selbst zu zitieren) jetzt einmal wage, Sie darauf aufmerksam zu machen - es geht besonders die fünf ersten Fragen an, habe ich so in Erinnerung -, daß die Fragenden vielleicht, vielleicht, wenn sie wieder zu Hause sind, im <placeName ref="kbga-places-914">Rheinland</placeName> und anderswo, dann noch nachschauen, wo es besser gesagt ist, als ich es jetzt sagen kann. Also, das zu meiner Entschuldigung. Ich wiederhole mich nämlich nicht gern. Ich habe das von jeher so gehabt. Es ödet mich an, wenn ich Sachen, die ich schon längst gesagt habe und [bei denen] ich denke: Ach: sie sollten’s jetzt endlich begriffen haben!, noch und noch einmal sagen muß. Aber also gut, schön! Ich will versuchen, [es] noch ein bißchen anders zu sagen, als ich es früher gesagt habe. Wir wollen sehen, mit welchem Resultate. Es ist jetzt niemand böse - oder? Keiner rausgegangen? Also es war nicht böse gemeint.</p> 
                <p> <pb ed="pga" xml:id="p238" rend="noPipe"/> Jetzt kommen wir zur Frage 1, von Herrn Pfr. Lic. <persName ref="kbga-actors-10695">Scheler</persName> … Der ist nicht da? «Er schläft vielleicht oder ist auf Reisen gegangen».<note xml:id="n04">Anspielung auf <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.18.17">1.Kön. 18,17</ref>.</note> Ich denke, Sie haben die Fragen vor sich, ich brauche sie nicht mehr vorzulesen.</p> 
                </sp>
            </div> 
            <div>
                <head type="sub"><term type="Begriffe" key="546,1"> </term> 2. Das Zeugnis der Schrift und ihre Auslegung</head>

                <sp>
                <speaker>[Frage 1 von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10695">Scheler</persName>:]</speaker> 
                <p>Wie kommen wir über die historisch-kritische Fragestellung in unserer <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> hinaus zur wirklichen Begegnung mit dem <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugnis</term> der <term type="Begriffe1" key="424">Schrift</term>?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das ist also ein ganz unendliches Gebiet. Damit könnten wir eine Woche beieinandersitzen, um alles, was dazu gehört, [auch] nur ein bißchen anzufassen. Ich will es jetzt so kurz und so einfältig, als es mir möglich ist, zu beantworten versuchen.</p>
                <p> Also, es ist da die Rede von einer Begegnung mit dem <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugnis</term> der <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term>: eine «wirkliche Begegnung mit dem Zeugnis der <term type="Begriffe1" key="424">Schrift</term>». Das Wort «wirklich» soll wohl darauf hinweisen, daß es nicht nur [darum geht]: Da ist ja die <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> - und jetzt kann man «begegnen». Das wäre noch keine wirkliche Begegnung, sondern es muß dann etwas noch dazukommen. Nun möchte ich zunächst fragen: Würden wir uns wohl nicht klarmachen: es geht ja nicht darum, daß wir dem Zeugnis der <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="424">Schrift</term></hi> begegnen, sondern daß wir <hi rend="italic">dem</hi> begegnen, der im Zeugnis der <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> <hi rend="italic">bezeugt</hi> ist!? Wir sind nicht eingeladen, dem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und dem <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> zu begegnen, obwohl das auch dazu gehört. Wir können auch dem Bezeugten nicht begegnen, ohne daß wir diesen <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugen</term> begegnen. Aber es geht um den <hi rend="italic">Bezeugten</hi>.</p>
                <p>Ja, und wie ist es nun mit diesen <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="546,1">Bezeugenden</term>,</hi> die in der <term type="Begriffe1" key="424">Schrift</term> da reden? Was heißt das nun also, ihnen als solchen begegnen? Da würde ich jetzt zweitens sagen: Es geht darum, in die <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="305,13">Gemeinschaft</term></hi> einzutreten mit denjenigen, die in der <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> <hi rend="italic">ihn</hi> <term type="Begriffe1" key="546,1">bezeugen,</term> sich sozusagen neben sie zu stellen, mit ihnen zusammen die merkwürdige Bewegung zu vollziehen, die am Anfang der <term type="Begriffe" key="341">Offenbarung</term> des <persName ref="kbga-actors-2297">Johannes</persName> beschrieben ist <term type="Bibelstellen" key="Apk. 1,12">[<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.1.12">Apk. 1,12</ref></term>]: «und ich wandte mich um, zu sehen die Stimme», heißt es, «welche zu mir sprach, und indem ich mich wand<pb ed="pga" xml:id="p239" break="no"/>te, sah ich …», und dann kommt etwas. Also, diese Wendung - da ist der <term type="Begriffe" key="546,1">Zeuge,</term> und der hat seinerzeit etwas gehört, und jetzt wendet er sich um. Was ist da los? Der Bezeugte steht ihm gegenüber, wie er dort beschrieben ist. Und nun würde es also für den, der das Zeugnis liest oder verstehen möchte, darauf ankommen, sich von dem, der da Zeugnis ablegt, einladen zu lassen, mit ihm zusammen diese Wendung zu vollziehen, um den zu sehen und zu hören, von dem er redet. Dann tritt man sozusagen in <term type="Begriffe" key="305,13">Gemeinschaft</term> mit <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> und <persName ref="kbga-actors-2297">Johannes</persName>, wie die Leute alle heißen, der Verfasser der «strohernen Epistel»<note xml:id="n05">So <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> über den Jakobusbrief, vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p126#fn_n07">S. 126­, Anm. 7</ref>.</note> auch nicht ausgeschlossen. Man ist dann in diesem Verein drin und macht mit diesen Leuten zusammen diese Bewegung.</p>
                <p> Was wird da sichtbar? Oder was wird dann gesehen und gehört? In der Frage von Herrn Lic. <persName ref="kbga-actors-10695">Scheler</persName> - das konnte nicht fehlen - taucht die <persName ref="kbga-actors-244">Lessing</persName>-Sache wieder auf, daß zufällige <term type="Begriffe" key="163">Geschichtswahrheiten</term> keine absoluten (nach meiner Erinnerung heißt es: keine ewigen) <term type="Begriffe" key="514">Vernunftswahrheiten</term> seien.<note xml:id="n06">In der Begründung zur Frage von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10695">Scheler</persName> heißt es: «Die historisch-kritische Fragestellung geht von dem <term type="Begriffe" key="90">Dogma</term> aus, daß ‹zufällige <term type="Begriffe" key="163">Geschichtswahrheiten</term> keine absoluten <term type="Begriffe" key="514">Vernunftwahrheiten</term>› sein können.» In seinem Zitat spielt er an auf <bibl corresp="kbga-bibls-3639"><persName ref="kbga-actors-244">G. E. Lessing</persName>, <hi rend="italic">Über den Beweis des Geistes und der Kraft</hi> (1777), Werke und Briefe in zwölf Bänden, Bd. 8: 1774-1779, hrsg. von A. Schilson (Bibliothek deutscher Klassiker, Bd. 45), Frankfurt a. M. 1989, S. 441</bibl>: «Zufällige <term type="Begriffe" key="163">Geschichtswahrheiten</term> können der Beweis von notwendigen <term type="Begriffe" key="514">Vernunftswahrheiten</term> nie werden.»</note><hi rend="italic"/> Nun, mit «ewigen <term type="Begriffe1" key="514">Vernunftwahrheiten</term>» bekommen wir es im <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugnis</term> der <term type="Begriffe1" key="424">Schrift</term> auf gar keinen Fall zu tun. Ewige <term type="Begriffe" key="514">Vernunftwahrheiten,</term> das sind Dinge, die uns erreichbar sind, die man kennen kann - sagen wir: die Würde des <term type="Begriffe" key="305,24">Menschen,</term> seine <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term> zum Guten, seine Bestimmung, vielleicht auch etwas, was [auf] der Linie der Gedanken der <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> und des Wesens Gottes liegt. Das sind ewige <term type="Begriffe" key="514">Vernunftwahrheiten.</term> Der Zugang zu ihnen kann eigentlich verhältnismäßig gemächlich gewonnen werden. Mit dem, der in der heiligen <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> bezeugt ist, ist es nicht so eine ganz gemächliche Sache, daß man sich einfach sagen könnte, so wie es das 18. Jahrhundert gerne getan hat: Ja, wie steht das mit diesem Wesentlichen im menschlichen Leben und im <term type="Begriffe" key="267">Kosmos</term> und mit <term type="Begriffe1" key="181">Gott</term> und so? Es gibt da nichts zu überlegen und nichts zu finden und nichts zu entdecken, gar nichts, sondern … - wenn ich jetzt fortfahren darf:</p> 
                <p> <pb ed="pga" xml:id="p240" rend="noPipe"/> Ich habe die <term type="Begriffe" key="18">Apokalypse</term> in die Hand genommen, und wenn man jetzt da weiter sieht, dann werden da sehr merkwürdige Dinge gesagt, und zum Schluß heißt es <term type="Bibelstellen" key="Apk. 1,17-19">[<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.1.17 Apk.1.19">Apk. 1,17-19</ref></term>]: «Da ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen <term>v̑w nekrów</term>, wie ein <term type="Begriffe" key="486">Toter</term>, und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht, ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich lebe <foreign xml:lang="grc">eĭw toỳw aĭṽnaw tṽn aĭv́nvn</foreign> [in alle Ewigkeit] und halte die Schlüssel des <term type="Begriffe" key="486">Todes</term> und der Unterwelt», [und] dann sagt er ihm: «schreibe!» Und jetzt schreibt dieser <term type="Begriffe" key="546,1">Zeuge,</term> der sich da umgekehrt hat.</p>
                <p>Also, mit <hi rend="italic">dem</hi> hat er es zu tun, <hi rend="italic">der</hi> ist der Bezeugte: «der Erste und der Letzte», steht da geschrieben. Das kann man von keiner sogenannten <term type="Begriffe" key="514">Vernunftwahrheit</term> sagen und von der menschlichen <term type="Begriffe1" key="122">Existenz</term> als solcher, weiß Gott, auch nicht, daß das ein Erstes und ein Letztes sei. Nein, auch wenn es die gläubige <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> wäre! Und dann eben: «Ich war tot und ich bin lebendig geworden». Ja, da hört doch alles auf! Tot, lebendig! Und wie geht es jetzt dem <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugen</term>? Er fiel um, heißt es, seinerseits wie ein Toter, wie ein <term><foreign xml:lang="grc">nekrów</foreign></term>. Und jetzt kommt der Andere, den er da in der Umwendung gesehen hat, und legt ihm die Hand auf, und dann heißt’s: <term><foreign xml:lang="grc">grácon</foreign></term>, «schreibe»! Also das ist der Vorgang, mit dem wir es zu tun haben bei dem, was wir das <term type="Begriffe" key="546,1">«Zeugnis</term> der <term type="Begriffe1" key="424">Schrift</term>» [nennen]. So kommt das Zeugnis zustande. Es kommt also ganz und gar nicht zustande von dem <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugenden</term> aus, daß der nun irgendeinen Weg gefunden hätte, eine Entdeckung gemacht hätte, ein <term type="Begriffe" key="107">Erlebnis</term> gehabt hätte, was weiß ich, was, sondern es kommt ganz von dem Bezeugten her. Und der Bezeugte hat diesen Charakter: «Der Erste und der Letzte, ich war tot und bin lebendig». Und runter mit dem Herrn da auf <placeName ref="kbga-places-1061">Patmos</placeName>! Wie ein Toter ihm zu Füßen! Und jetzt wird ihm die Hand aufgelegt: jetzt stehe auf! jetzt schreibe! Also das ist die Situation, sagen wir zum Beispiel mit diesem Seher von <placeName ref="kbga-places-1061">Patmos</placeName> oder mit den andern Leuten, die da im Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> reden. Mit denen in jene <term type="Begriffe" key="305,13">Gemeinschaft</term> zu treten, mit ihnen zusammen diese Wendung zu vollziehen, um das würde es ja gehen. Das wäre wohl, was gemeint ist in der Frage: Begegnung mit dem <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugnis.</term></p>
                <p>Aber jetzt muß ich die drei ersten Worte der Frage problematisieren. Da heißt es: «<hi rend="italic">Wie kommen wir</hi> über die historisch-kritische Fragestellung … hinaus?» Nichts zu melden! <hi rend="italic">Wir</hi> kommen nicht darüber hinaus. Es geht nicht um das, daß <hi rend="italic">wir</hi> da kommen … Sondern wenn <pb ed="pga" xml:id="p241"/> zum Beispiel (es ist ja nur ein Fall aus der <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term>) diese Sache von Apokalypse <term type="Begriffe" key="18">1</term>
                als exemplarisch genommen werden darf, dann heißt es: Er kommt - und: <hi rend="italic">Wie</hi> kommt er? Und dann ist die Antwort zunächst einfach: Es wird uns nicht gut anders gehen können, als es jenen ersten <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugen</term> dort gegangen ist: wir werden nun eben auch zu dieser Umwendung gerufen sein und uns dann in der Lage befinden, wie sie da beschrieben ist. Und das wird für uns wie für jene <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugen</term> ein Geschehen sein, das man ja nur - ja, was wollen wir hier jetzt für Worte einsetzen? -, das man nur beschreiben kann als die Aktion der freien, der schlechthin freien, schlechthin souveränen, schlechthin unverfügbaren, schlechthin unzugänglichen <term type="Begriffe" key="177">Gnade</term> des Geistes <term type="Begriffe1" key="154">Gottes.</term> Also, dieses Kommen des Bezeugten, des von den <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugen</term> Bezeugten zu uns kann dann nur eine Sache sein … - von der wir zum Beispiel in der Bibel selber in hunderten von Beispielen lesen können: so geht es zu; und wenn wir jetzt selber irgendwie dabei sein [wollen, so ist das eine Sache, um die wir] nur <hi rend="italic">bitten</hi> können, daß diese freie <term type="Begriffe" key="177">Gnade</term> des Geistes <term type="Begriffe" key="181">Gottes</term> auch uns zuteil werden möchte.</p>
                <p> Nun, wo <term type="Begriffe" key="145,1">gebetet</term> wird, da wird auch gearbeitet. Sie werden mich mit Recht fragen: «Was passiert denn von <hi rend="italic">unserer</hi> Seite? Irgend etwas muß [da] doch passieren. Man kann nicht nur beten, und dann kommt es gerauscht!» Ja, ja - es wird da schon etwas passieren müssen. Und jetzt würde ich es einmal wieder ganz einfältig so ausdrücken: Was ein <term type="Begriffe" key="305,19">Mensch</term> von sich aus tut, wenn er neben so einen Apostel oder so einen Seher von <placeName ref="kbga-places-1061">Patmos</placeName> zu stehen kommt, das ist ja schlicht - jetzt sozusagen phänomenologisch beschrieben: er hat eine Einladung gehört, nämlich die Einladung der christlichen <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> (Sie wissen, ich vermeide gern das Wort <term type="Begriffe" key="244">Kirche,</term> wenn es sein kann; [aber] wir können auch <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> sagen, wenn Sie wollen), die Einladung der christlichen <term type="Begriffe" key="244,17">Kirche,</term> und zwar der christlichen <term type="Begriffe1" key="605">Kirche</term> aller Jahrhunderte von Anfang an, die Einladung (wir können auch sagen) der <foreign xml:lang="lat">communio <term type="Begriffe" key="244,17">sanctorum</term></foreign>, der Gemeinschaft der Heiligen. Und die sagen uns - also vom zweiten Jahrhundert bis in unser zwanzigstes hinein: wir, dieses Volk - also sagen wir: die <term type="Begriffe" key="69">Christenheit,</term> zu der du ja auch irgendwie gehörst - … du bist jetzt einmal kein Hindu und kein Mohr, sondern gehörst irgendwie in diese <term type="Begriffe" key="69">Christenheit</term> hinein; du bist einmal <term type="Begriffe" key="472">getauft</term> worden (es wäre ja besser, es wäre ein bißchen anders zugegangen bei dieser <term type="Begriffe" key="472">Taufe;</term> aber immerhin, du bist auch dabei!), also wird es nicht ins <pb ed="pga" xml:id="p242"/> Leere geredet sein, wenn wir dir jetzt erzählen: Wir, die <term type="Begriffe" key="69">Christenheit</term> der Jahrhunderte und Jahrtausende, wir sind da in diesen <term type="Begriffe" key="424">Schriften</term> des <term type="Begriffe" key="424,2">Alten</term> und Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testamentes</term> dessen gewahr geworden: es gibt diese Umwendung, wo man umfällt wie ein <term type="Begriffe" key="486">Toter</term> und wo man die Hand aufgelegt bekommt. Das haben wir von Jahrhundert zu Jahrhundert konstatiert. Es waren diese <term type="Begriffe" key="424">Schriften</term> da, eben des Alten und des Neuen Testamentes. Es waren jetzt also nicht andere. Es war jetzt nicht der <persName ref="kbga-actors-322">Plato</persName> und es war nicht der <persName ref="kbga-actors-3879">Konfuzius</persName>, sondern <hi rend="italic">dort</hi> sind uns solche Leute begegnet wie dieser Seher. Und <hi rend="italic">dort</hi> fanden wir uns eingeladen, diese Wendung mitzumachen. <hi rend="italic">Dort</hi> ist uns dann auch der da Bezeugte sichtbar und hörbar geworden als der Lebendige aus den Toten. Und [nun] laden wir dich ein: Komm jetzt auch einmal [und] mach diese Bücher auf (nicht andere, sondern jetzt einmal diese Bücher)! Und wir laden dich ein, wir machen dich darauf aufmerksam: Dort gibt es etwas zu erfahren, was [es] sonst nicht zu erfahren gibt. Komm einmal her und mach du das jetzt auch! Das ist die Verbindung zwischen der <term type="Begriffe" key="69">Christenheit</term> und der <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term>. Die <term type="Begriffe1" key="69">Christenheit</term> - sie kann nicht mehr als das tun - legt die Bibel vor uns auf den Tisch und sagt: Da! kommt und seht und hört einmal, was da los ist!</p>
                <p> Und nun würde also das Geschäft des <term type="Begriffe" key="305">Menschen,</term> abgesehen vom Beten um die freie <term type="Begriffe" key="177">Gnade</term> des Geistes <term type="Begriffe1" key="181">Gottes,</term> schlicht darin bestehen, daß er sich mal diese Einladung gefallen läßt - sagen wir, als eine Hypothese. Und da wären wir nun bei dem berühmt-berüchtigten Begriff des biblischen Kanons, gelt. Es sind eben <hi rend="italic">diese</hi> Bücher! Der Kanon kann ja eigentlich nur verstanden werden, [wir] wollen einmal sagen, als eine Arbeitshypothese. Die christliche <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> hat es jetzt einmal <hi rend="italic">da</hi> zu entdecken gemeint und nicht anderswo. Und dieses «da» ist ein begrenztes «da». Der Kanon ist also nicht einfach identisch mit dem ganzen <term type="Begriffe" key="267">Kosmos,</term> dem geistigen und natürlichen … Und nun würde das, was von unserer Seite geschehen könnte - über das <term type="Begriffe" key="145">Gebet</term> hinaus, oder in und mit dem <term type="Begriffe1" key="145">Gebet,</term> sagt man besser - darin bestehen, daß wir diesen Kanon [zu uns sprechen lassen. Was er sagt, ist gewiß] nicht vom <term type="Begriffe" key="196">Himmel</term> gefallen, nein, gar nicht vom Himmel gefallen, sondern es ist ganz deutlich, das hat seine menschlichen Belange, seine geschichtlichen Beziehungen, es steht da drin. Aber [man] soll jetzt einmal da drin lesen, und zwar mit der Erwartung - man kann nicht mehr sagen, aber mit der Erwartung: da passiert es! Das <pb ed="pga" xml:id="p243"/> menschliche Tun wäre der schlichte Versuch: Wir wollen es einmal mit diesem Buch wagen, wollen einmal sehen, was dann geschieht.</p>
                <p> Jetzt nicht sofort Geschichten machen und sagen: Es gibt noch andere Bücher, es gibt noch ganz andere Stimmen, und ich weiß selber allerhand über mich und über den <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> und <term type="Begriffe1" key="181">Gott</term> und die <term type="Begriffe2" key="525">Welt</term> usf., und das ist eigentlich noch viel wichtiger, als was ich da in der <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> finde! Schön und recht, das mögen wir alles tun. Aber jetzt würde es darauf ankommen: Stellen wir das einmal beiseite, ohne es geradezu abzulehnen, aber stellen wir es einmal beiseite! Und jetzt einmal an diese Sache hin! Und jetzt macht man dieses Buch einmal auf und sucht da zu lesen - in dieser Erwartung, es könnte da um das gehen, was die <term type="Begriffe" key="69">Christenheit</term> uns sagt, daß es da[rum] gehe.</p>
                <p> Also, es geht jetzt um das Lesen der <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> mit der Frage, mit der unterscheidenden Frage, ob und inwiefern diese da vereinigten <term type="Begriffe" key="424">Schriften</term> ihn <term type="Begriffe1" key="546,1">bezeugen</term> - ihn, von dem uns die christliche <term type="Begriffe2" key="156">Gemeinde</term> in ihrer <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> geredet hat -, ob wir ihn da wiederfinden. Das Lesen der Bibel wird immer ein <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="120,1">historisch-kritisches</term></hi> Lesen sein, unter allen Umständen! Historisch, weil es sich um einen historischen Text handelt, und kritisch, weil es ja um ein Unterscheiden geht. Denn es versteht sich nicht von selber, daß einem der Bezeugte da entgegentritt. Es ist auch nicht überall gleich deutlich. Sondern das ist eine ganze Geschichte, die jeder mit seiner Bibel <term type="Begriffe" key="424,2">Alten</term> und Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testamentes</term> vor sich hat und manchmal schon hinter sich zu haben meint und dann wieder aufs neue wieder vor sich hat: diese Geschichte des Fragens nach dem Bezeugten. Ich wäre halt dafür, daß man unter historisch-kritisch <hi rend="italic">das</hi> verstehen würde und sich nicht verblüffen lasse durch irgendwelche Theorien aus dem 19. Jahrhundert: <hi rend="italic">Das</hi> heißt historisch und <hi rend="italic">das</hi> heißt kritisch, und bitteschön, jetzt mußt du unter diesem kaudinischen Joch<note xml:id="n07">Im Krieg von <term type="Begriffe" key="269,14">Caudium</term> 321 v.Chr. wurde das römische Heer von den Samnitern besiegt und mußte sich  zu seiner Schmach in das Unvermeidliche fügen, ohne Waffen durch das «Caudinische Joch», d. h. zwischen zwei Speeren, die oben mit einem dritten verbunden waren, tief gebückt hindurchzugehen.</note> durch. Nein, nehmen wir es doch ganz sachgemäß: historisch-kritisch - historisch, weil es um einen Text aus der Vergangenheit geht, und kritisch, weil es dabei um ein Unterscheiden geht, um ein fortschreitendes Unterscheiden.</p> 
                <p> <pb ed="pga" xml:id="p244" rend="noPipe"/> Nebenbei erzählt: Ich habe einmal einem der ganz großen Theologen unserer Zeit, meinem sehr verehrten Kollegen <persName ref="kbga-actors-217">Käsemann</persName>, wie er zu mir kam<note xml:id="n08">Am <date when="1960-05-19">19.5.1960</date> besuchte der <term type="Begriffe" key="495">Tübinger</term> <term type="Begriffe" key="424,22">Neutestamentler</term> <persName ref="kbga-actors-217">Ernst Käsemann</persName> (1906–1998) <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term>.</note>, gesagt: «Herr Kollege, ich möchte von Ihnen etwas wissen. Sagen Sie mir einmal: Was heißt historisch? - und zweitens sagen Sie mir: Was heißt kritisch? - und drittens sagen Sie mir: Was heißt <term type="Begriffe" key="120,1">historisch-kritisch?» </term> Er war auf die Frage nicht gefaßt und hat gesagt: «Na, das weiß man doch, nicht wahr?» Da meinte ich, nein, das wisse man eigentlich nicht. Ich hätte es gern von ihm erfahren. Wenigstens an jenem Tag habe ich es auch von ihm nicht erfahren können und habe mich dann auf meine Definition von «historisch-kritisch» zurückgezogen, die ich schon vor vierzig Jahren ungefähr so gegeben habe. (Sie können es fast wörtlich so finden in einem von den Vorwörtern zum Römerbrief.<note xml:id="n09">Römerbrief 2. Im Zusammenhang des Satzes: «Kritischer müßten mir die Historisch-Kritischen sein!» (S. X [<ref type="pub" target="../volume/47/p014#p014">S. XII</ref>]), sagt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, daß er <term type="Begriffe" key="394">«<ref type="pub" target="../volume/47/p011#p011">Recht</ref></term>» der historischen Kritik «ausdrücklich anerkenne»; und diese bestehe in «der Feststellung dessen ‹was da steht› mittelst Übertragung und Umschreibung der griechischen Wörter und Wörtergruppen in die entsprechenden <term type="Begriffe" key="80">deutschen</term>, mittelst philologisch-archäologischer Erläuterungen der so gewonnenen Ereignisse und mittelst mehr oder weniger plausibler Zusammenordnung des Einzelnen zu einem historisch-psychologischen Pragmatismus.» Kritik müsse aber weiter heißen: «das Messen aller […] Wörter und Wörterg<ref type="pub" target="../volume/47/p011#p011">ruppen an der Sache, von</ref> der sie […] offenbar reden» (S. IX.XI [S. X.XII]).</note>) Und es hat mir eigentlich niemand gesagt, warum diese Definition falsch sein solle. Also, ich würde es halt mit der probieren.</p>
                <p>Und wenn ich jetzt zu antworten habe, würde ich sagen: Es geht nicht darum, «<hi rend="italic">über</hi> die historisch-kritische Fragestellung … <hi rend="italic">hinaus</hi> [zu kommen]». Was heißt das? Man kann nur drin, <hi rend="italic">in</hi> der historisch-kritischen Fragestellung [die <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> lesen] - aber mit dieser <term type="Begriffe" key="512">Verheißung</term> im Ohr, mit dieser Einladung der <term type="Begriffe1" key="69">Christenheit,</term> in der wir leben - und zusehen, was dann passiert. Das würde ich historisch-kritische Fragestellung nennen; und über die sollen wir nicht hinaus, sondern in der sollen wir durchaus verharren. Denn da muß es passieren: <foreign xml:lang="lat">Hic Rhodus, hic salta</foreign>.<note xml:id="n10">Aus der <bibl corresp="kbga-bibls-3182">Fabel 203 «Der Prahler» von Äsop</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5999"><persName ref="kbga-actors-971">Erasmus von Rotterdam</persName>, <hi rend="italic">Adagia selecta</hi>, Ausgewählte Schriften, hrsg. von W. Welzig, Bd. 7, Darmstadt 1990, S. 562f.</bibl></note> Man kann da nicht weg vom Text und macht das <pb ed="pga" xml:id="p245"/> Buch zu: «So, jetzt weiß ich’s selber!» Sondern jene Geschichte mit der <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> geht immer weiter.</p>
                <p> Wobei es dann - ich komme zum Schluß mit diesem Punkt - entscheidend wichtig sein wird - und das kann man sich, ich möchte sagen, an der Geschichte jeder <term type="Begriffe" key="47">Prophetenberufung</term> oder an der Geschichte von der <term type="Begriffe" key="42">Bekehrung</term> des <persName ref="kbga-actors-313">Saulus</persName> <term type="Bibelstellen" key="Act. 9">[<ref type="can" subtype="bible" target="Act.9">Act. 9</ref></term>] oder also an <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.1">Apokalypse <term type="Begriffe" key="18">1</term></ref>
                [verdeutlichen], aber wo nicht? -, daß man sich klarmacht und klar behält, daß das, was man dann zu sehen und zu hören bekommt, oder der, <hi rend="italic">den</hi> man da zu sehen und zu hören bekommt, unter gar keinen Umständen gedacht werden darf als beschränkt durch irgendwelchen Apparat, den wir zum Lesen mitbringen. Und der Apparat könnte heißen: eine <term type="Begriffe" key="344">Ontologie,</term> oder könnte heißen: eine Erkenntnistheorie, oder könnte heißen: eine <term type="Begriffe" key="15,2">Anthropologie, </term> oder könnte heißen: eine Kosmologie, eine sogenannte <term type="Begriffe" key="526">Weltanschauung.</term> Es ist nicht verboten, eine <term type="Begriffe" key="344">Ontologie</term> zu haben, und sogar eine <term type="Begriffe1" key="526">Weltanschauung</term> darf man haben, das ist alles erlaubt. Die Frage ist nur, wenn es jetzt darum gehen soll, dem <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugnis</term> der <term type="Begriffe1" key="424">Schrift</term> oder also dem in der <term type="Begriffe2" key="424">Schrift</term> Bezeugten zu begegnen, daß man dann so gut sei, diese Brille einen Augenblick abzunehmen und nicht durchaus alles durch diese Voraussetzungen hindurch verstehen zu wollen, sondern damit zu rechnen: Ja, wenn es um den «Ersten und Letzten» geht, «ich war <term type="Begriffe" key="486">tot</term>, und siehe, ich bin lebendig», in welcher <term type="Begriffe" key="344">Ontologie</term> sollte das eigentlich Platz haben? Sondern jetzt muß ich mein Köpflein so ordnen, daß es sich nachordnet und unterordnet dem, was uns da begegnet, oder dem, der uns da begegnet. Es darf die <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term> des Wortes <term type="Begriffe1" key="537,2">Gottes</term> nicht durch eine Souveränität beschränkt werden, die wir an seine Bezeugung schon herantragen, sondern es muß ihm seine Souveränität gelassen werden.</p>
                <p> Das ist im einzelnen kein ganz einfacher Prozeß, gelt. Das wird immer wieder ein neues Problem sein, was sich da zu ereignen hat. Wir haben natürlich alle irgendeine <term type="Begriffe" key="344">Ontologie</term> oder <term type="Begriffe1" key="526">Weltanschauung</term> im Köpfchen. Das ist ja ganz klar, nicht wahr? Und es ist auch nicht verboten. Haben wir sie doch! Nur, wenn wir die Bibel lesen, dürfen wir nicht meinen, [unsere <term type="Begriffe" key="526">Weltanschauung</term> usf.] sei eine letzte Instanz, mit der wir es zu tun haben, sondern die hat sich schön unterzuordnen, und dann haben wir uns zu fragen: Was passiert da nach dem, was uns da gesagt wird?</p> 
                <p>  <pb ed="pga" xml:id="p246" rend="noPipe"/> Also, der langen Rede kurzer Sinn: «Wie kommen wir dazu … ?» - ich habe schon gesagt: Es geht eigentlich nicht [darum]: wie kommen <hi rend="italic">wir</hi> … ? <hi rend="italic">Er</hi> kommt zu uns! Wir haben dann auch [freilich zu fragen]: Was haben <hi rend="italic">wir</hi> zu tun? Ich würde sagen: Was wir dafür zu tun haben, ist, dafür zu sorgen, daß es bei uns schlechthin offene Türen und Fenster gibt. Nicht da so in einer Bude drin sitzen, wo es nun so schmeckt nach dem «Fleisch», und zwar auch nach dem frommen Fleisch und nach dem vernünftigen Fleisch. Vielmehr, wir <hi rend="italic">sind</hi> in dieser Bude samt und sonders. Aber jetzt: <hi rend="italic">Fenster auf! Türen auf!</hi> -, daß der Wind hereinkommen kann. Und dann wird schon das Rechte früher oder später eintreten.</p>
                <p>Das ist jetzt zunächst meine Antwort auf Frage 1. Ich habe es jetzt alles ein bißchen anders gesagt, als ich es im Buch geschrieben habe.<note xml:id="n11"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezieht sich wohl besonders auf das Kapitel «Die heilige Schrift» in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/2, S. 505-830</bibl>.</note> Ich habe es jetzt einmal so aufgezogen. Wem es nicht genügt, den verweise ich auf das Buch. Es gibt dort noch Auseinandersetzungen und was Sie wünschen mögen. … Jetzt wollen wir vielleicht gleich in eine Zwischendiskussion eintreten. Jetzt sollen Sie mir erzählen, was Sie von meinem Spruch da halten.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10696">Stückrath</persName>:</speaker>
                <p> Weil der Fragesteller [zu] Nummer 1 nicht da ist, darf ich mir erlauben, den Anwalt dieses Fragestellers zu spielen. Ich meine, daß dieser Fragesteller, [der] wegen Causalnexus und Urexistential [gefragt hat,]<note xml:id="n12">Pfr. <persName ref="kbga-actors-10695">Scheler</persName> sagte in der Begründung zu seiner Frage: «Die zufälligen <term type="Begriffe" key="163">Geschichtswahrheiten</term> ergeben sich aber für die historische Fragestellung aus dem Causalnexus von Ursache und Wirkung. Was sich in diesen Zusammenhang nicht einordnen läßt, ist historisch nicht verifizierbar <term type="Begriffe" key="235">(Jungfrauengeburt</term>, <term type="Begriffe" key="538">Wunder</term>, Auferstehung <term type="Begriffe" key="30,3">Jesu</term>). Was aber nicht verifizierbar ist, kann der <term type="Begriffe" key="514">Vernunft</term> (auch der theologischen!) nicht einleuchten. So sehr uns die historisch-kritische <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> geholfen hat, das <term type="Begriffe" key="546,1">Schriftzeugnis</term> in seinem Causalzusammenhang zu sehen, so sehr hat sie uns aber auch im Endeffekt die wirkliche, d. h. wirksame Begegnung mit dem <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugnis</term> der <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> verdeckt. Der Ausweg aus diesem Dilemma, die existentiale Interpretation, ist kein Ausweg, weil sie uns im Grunde nicht mit der Person Jesu <term type="Begriffe" key="227,6">Christi</term> konfrontiert, sondern mit anthropologischen Maßstäben. […] Wer den Causalnexus von Ursache und Wirkung zum <term type="Begriffe" key="90">Dogma</term> seines Geschichtsverständnisses erhebt, macht im Grunde ein Urexistential des menschlichen Daseins zum Ausgangspunkt der Schriftbetrachtung.»</note> meiner Meinung nach eine gewisse Furcht hat, daß, wie <pb ed="pga" xml:id="p247"/> Sie, Herr Prof. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, sagten, wir durch die existentiale Interpretation die Fenster schließen, die Türen zumachen und bei diesem vernünftigen Fleisch, will ich einmal sagen, blieben. Wogegen sich der Fragesteller eigentlich wehrt, ist, daß er die sogenannten anthropologischen Maßstäbe nicht so betont haben möchte, in dieser Art und Weise von moderner <term type="Begriffe" key="481,14">Theologie.</term> Der Fehler liegt meiner Meinung nach hier doch auch darin, daß er zwei Dinge verwechselt. Nämlich er verwechselt diesen Nexus von Ursache und Wirkung mit existentialer Interpretation. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Und ich meine, von daher wäre schon die Frage ungefähr zu beantworten, daß man nämlich, wie Sie sagten, über die <term type="Begriffe" key="120,1">historisch-kritische</term> Fragestellung nicht hinaus kann. Ich weiß gar nicht, woher das kommt, daß man die <term type="Begriffe" key="121,1">existentiale</term> Interpretation immer als diese Bude mit geschlossenen Fenstern ansieht. Soweit ich davon unterrichtet bin, ist [sie] doch gerade, weil, wie Sie sagen, wir dieses Kritische, dieses <foreign xml:lang="grc">κρίνειν</foreign> leisten sollen [und] wir ja nicht jetzt gleich mit einem Salto aus den offenen Fenstern hinausspringen können, sondern vorher immer drinsitzen -, … [ist] die existentiale Interpretation eben nicht dieser fest umrissene anthropologische Maßstab, sondern [sie] ist doch gerade der Versuch, <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> von heute diese Fenster aufzureißen.<note xml:id="n13">Schon <bibl corresp="kbga-bibls-985"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Glauben und Verstehen</hi>, Gesammelte Aufsätze, Bd. II, Tübingen 1961, S. 234</bibl>, sagte - in Kritik an einem Mißverständnis <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> - von der existentialen Interpretation: «Diese will ja die wirkliche (geschichtliche) <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> des <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term>, der nur im Lebenszusammenhang mit dem von ihm ‹Verschiedenen›, nur in Begegnungen existiert, in den Blick fassen und verstehen! Um die sachgemäße Begrifflichkeit, in der das geschehen könnte, bemüht sich ja die existentiale Analyse.» Freilich kritisierte auch <bibl corresp="kbga-bibls-6000"><persName ref="kbga-actors-129">E. Fuchs</persName>, <hi rend="italic">Zum hermeneutischen Problem in der Theologie</hi>, Gesammelte Aufsätze, Bd. 1, Tübingen 1959, S. 98</bibl>, es sehe bei <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> so aus, «als treibe die existentiale Interpretation den Ausleger in die Situation des isoliert Einzelnen».</note></p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>:</speaker> 
                <p>Danke. Wollen Sie gleich dazu … </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Also, ich habe das natürlich wohl bemerkt, daß der erste Fragesteller, obwohl die Frage nicht ganz glücklich formuliert war, (ich würde sagen:) auf der richtigen Spur war. Nun habe ich mich nicht eingelassen auf diese Sache mit dem Causalnexus. Das ist auch nicht das einzige, was da in Frage kommt. Das würde auf das Gebiet <term type="Begriffe" key="526">«Weltanschauung</term>» gehören: eine geschlossene Anschauung vom <term type="Begriffe" key="267">Kosmos</term>: und nun haben die Aussagen der <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> dort keinen Platz drin. <pb ed="pga" xml:id="p248"/> Nun möchte ich aber den Fragesteller, der also abwesend ist, gegen das, was eben gesagt ist, insofern in Schutz nehmen, als ja bei der bestimmten <term type="Begriffe" key="481">Theologie,</term> die wir jetzt im Auge haben, fortwährend zwei Dinge nebeneinander hergehen und sich dann gegenseitig ergänzen.</p>
                <p>Es wird [da] nämlich einerseits - und man weiß nicht, welches das <foreign xml:lang="lat">prius</foreign> und welches das <foreign xml:lang="lat">posterius</foreign> ist - gesagt: Die Bibel muß <term type="Begriffe" key="121,1">«<hi rend="italic">existential</hi>»</term> interpretiert werden. Der Begriff entstammt einer bestimmten <term type="Begriffe" key="15">Anthropologie.</term> Nun sagen Sie: Das heißt auch die Türen öffnen, wenn alles von diesem «Urexistential» her, wie Sie sagen oder wie der Fragesteller sagt, verstanden werden soll, wenn das nun sozusagen der Schlüssel ist. Das hört sich nicht schlecht an. Es kann ja dann auch dieses Urexistential - das ist nämlich auch schon gemacht worden - der <term type="Begriffe" key="15,1">Anthropologie</term> entnommen und vielleicht gar in eine <term type="Begriffe" key="227,6">Christologie</term> hineinverlegt und gesagt werden: Jesus <term type="Begriffe" key="227,6">Christus</term> ist das <term type="Begriffe" key="121,1">Urexistential</term>.<note xml:id="n14"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> kombiniert hier wohl das in <ref type="pub" target="#fn_n12">Anm. 12</ref> genannte Wort «Urexistential» mit bestimmten Thesen in der Diskussion der <term type="Begriffe" key="61"><persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>-Schule</term>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6000"><persName ref="kbga-actors-129">E. Fuchs</persName>, <hi rend="italic">Zum hermeneutischen Problem</hi>, a.a.O. (s. <ref type="pub" target="#fn_n13">Anm. 13</ref>), S. 91-106</bibl>; in seinem in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Doktorandenzirkel im Frühjahr 1962 gehaltenen Vortrag faßte <bibl corresp="kbga-bibls-6001"><persName ref="kbga-actors-545">J. Fangmeier</persName>, <hi rend="italic">Ernst Fuchs. Versuch einer Orientierung (Ein Referat aus <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>)</hi> (ThSt 80), Zürich 1964, S. 35</bibl>, den Sinn der Hermeneutik von Fuchs in der genannten Passage zusammen mit der Formel: «Jesus als Existential». Ferner: <bibl corresp="kbga-bibls-6002"><persName ref="kbga-actors-342">J. M. Robinson</persName>, <hi rend="italic">Kerygma und historischer Jesus</hi>, Zürich 1960, S. 160f.</bibl>: «Die existentiale Auslegung der <term type="Begriffe" key="113">Eschatologie</term> beim historischen Jesus» eruiert das «Existenzverständnis des historischen Jesus», das dann «der kritische Maßstab für die Beurteilung des [neutestamentlichen] <term type="Begriffe" key="242">Kerygmas</term>» ist. Vgl. auch  <bibl corresp="kbga-bibls-6003"><persName ref="kbga-actors-10697">H. Ott</persName>, <hi rend="italic">Die Frage nach dem historischen Jesus und die Ontologie der Geschichte</hi> (ThSt 62), Zürich 1960, S. 20-24.30–32</bibl>.</note> Solche Künste sind gemacht worden.</p>
                <p> Nur kommt nun das andere Motiv in dieser <term type="Begriffe" key="481">Theologie,</term> und das ist bei <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> die <hi rend="italic"><term type="Begriffe1" key="100">Entmythologisierung</term>.</hi><note xml:id="n15">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1275"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Neues Testament und Mythologie. Das Problem der <term type="Begriffe" key="100">Entmythologisierung</term></hi> <hi rend="italic">der neutestamentlichen Verkündigung</hi> (1941)</bibl>, wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-5641">KuM, Bd. I, Hamburg 1948, S. 15-53</bibl>. Vgl. besonders S. 27f.: «Die Forderung einer existentialen Interpretation der mythologischen Begrifflichkeit» - als Lösung der gestellten Aufgabe einer <term type="Begriffe" key="100">«Entmythologisierung</term>» dieser Begrifflichkeit (vgl. S. 23f.).</note> Es geht ja nicht nur um die Existentialisierung, sondern [auch] um die <term type="Begriffe" key="100">Entmythologisierung.</term> Und das greift mit dem anderen zusammen, daß nun nämlich - und da <pb ed="pga" xml:id="p249"/> kommt der «Causalnexus» herein - mit größter Selbstverständlichkeit gesagt wird: Die <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> redet im Rahmen eines für uns nicht mehr maßgebenden <term type="Begriffe" key="526">Weltverständnisses;</term> dieses <term type="Begriffe1" key="526">Weltverständnis</term> als solches kann nur entmythologisiert, abgebaut werden; und es wird abgebaut, indem der Text existential interpretiert wird; dann kommt man auf das, was der <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> «eigentlich» gemeint hat, zurück - was sich dann auf ein paar ganz einfache Sätze reduzieren läßt: «haben, als hätten wir nicht» usf. <term type="Bibelstellen" key="1. Kor. 7,24-31">[<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.7.24 1.Kor.7.31">1.Kor. 7,24-31</ref></term>]<note xml:id="n16"><bibl corresp="kbga-bibls-5641">A.a.O., S. 31</bibl>.</note>. Eine ganz dünne Lauge wird aus <persName ref="kbga-actors-2297">Johannes</persName> und <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und den Synoptikern entnommen - das gilt! Und alles übrige muß dann wegfallen, nicht nur darum, weil es nicht existential interpretiert werden kann, sondern auch darum, weil es eben unserem <term type="Begriffe" key="526">Weltbild</term> nicht entspricht.</p>
                <p> Und so würde ich also doch dabei bleiben müssen. Aber bitte, ich habe ja bei allem, was ich vorhin gesagt habe, den Namen <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> gar nicht genannt, wenn ich mich recht erinnere, sondern, ihr habt ihn jetzt gebracht. Ich war es nicht, der jetzt da das Schlachtfeld betreten hat, sondern ich habe von <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.1">Apokalypse <term type="Begriffe" key="18">1</term></ref> geredet usf. Also, wenn man in dieser Richtung Bedenken haben kann, so wird es das sein, daß da halt doch Fenster und Türen geschlossen werden. Es kann vielleicht, vielleicht etwas so Dünnes wie «haben, als hätten wir nicht» gerade noch hereinkommen. Vielleicht - die Scheibe ist irgendwo zerbrochen, und dann kann das noch herein. Aber es stehen noch ein paar andere Dinge bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, die vielleicht noch interessanter sind als diese Sache dort aus dem 1. Korintherbrief. Und das ist bedauerlich[, wenn man das dahinten läßt]. Oder ich würde sagen: So ist man eben nicht offen, so folgt man nicht der Einladung der <term type="Begriffe" key="69">Christenheit,</term> die uns sagt: Lest jetzt einmal, versucht jetzt einmal zu verstehen, was da steht!</p>
                <p>Ihr müßt natürlich mit eurer Brille lesen. Aber laßt eure Brille nicht die Sache meistern und färben, sondern so gut es nur irgend geht, laßt euch jetzt einmal einfach erzählen (<term><foreign xml:lang="grc">ȋstoreĩn</foreign></term>!), was da erzählt wird! Und dann mag es sich ja zeigen, was bei euch daraus wird, ob ihr das glauben wollt oder nicht glauben wollt, oder ob ihr damit etwas «anfangen» könnt oder nichts damit anfangen könnt. Vielleicht fängt es nämlich auch etwas mit euch an. Es könnte auch sein. Oder ihr seid nicht die Leute, mit denen das da etwas anfangen kann. Alles noch <pb ed="pga" xml:id="p250"/> Möglichkeiten: Aber zunächst einmal würde es einmal um das gehen: <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term>! Luft! Das hindert uns ja nicht, in unserem Gehäuse drin auch noch existentiale <term type="Begriffe" key="370">Philosophie</term> zu treiben. Will ich ja niemandem verbieten! Und sein <term type="Begriffe" key="526">Weltanschauunglein</term> mag er auch haben, mit dem «Causalnexus» und das alles. Aber das Zeug ist doch nicht so bierernst, wie man tut, nicht so schrecklich ernst. [Nun gut,] es ist jetzt unsere Situation, die sich vielleicht in diesen beiden Möglichkeiten da ausspricht, in der wir drin sind und mit der wir immer wieder zu tun haben. Aber bitte, jetzt nicht sozusagen eine zweite <term type="Begriffe" key="181,15">Gottheit</term> einführen unter dem Namen «Urexistential» und unter dem Namen «Causalnexus»! Eine <term type="Begriffe" key="181,15">Gottheit</term> mit zwei Gesichtern! Nach der einen Seite schaut sie gegen das Existential hin und nach der anderen Seite nach dem Nexus. Das nicht! Sondern: «Ihr sollt keine anderen <term type="Begriffe" key="181,14">Götter</term> neben mir <term type="Begriffe" key="146,3">haben»</term> <term type="Bibelstellen" key="Ex. 20,3">[<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.3">Ex. 20,3</ref></term>].</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10696">Stückrath</persName>:</speaker> 
                <p>Man ist, soweit ich recht unterrichtet bin, in der sogenannten <term type="Begriffe" key="61"><persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>-Schule</term> eben über die engere <term type="Begriffe1" key="100">Entmythologisierung</term> längst hinaus, und die Frage Nr. 1 ist meiner Meinung nach insofern einfach etwa 20 Jahre zu spät, als man doch gerade dieses nicht macht, daß man Urexistential oder Causalnexus zum zweiten Gott macht. Sondern im Gegenteil, man könnte versuchsweise sagen: Das Existential ist ja keine <hi rend="italic">Bedingung</hi>, der sich das <term type="Begriffe" key="242">Kerygma,</term> das sogenannte, anzupassen hat (dann wäre der zweite Gott da!), sondern das ist eine <hi rend="italic">Möglichkeit</hi>, das <term type="Begriffe1" key="242">Kerygma</term> zu <hi rend="italic">erschließen</hi>.<note xml:id="n17">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6000"><persName ref="kbga-actors-129">E. Fuchs</persName>, <hi rend="italic">Zum hermeneutischen Problem</hi>, a.a.O. (s. Anm. 13), S. 99</bibl>: «Die existentiale Interpretation läßt den Text gelten und sie läßt das Verstehen gelten, indem sie nach dem Helfer sucht, der uns auf den Weg des Textes bringt», indem er «als schon Verstehender zum Begleiter auf unserem Auslegungswege» wird. S. 97: Diese «unsere Hilfe kann nur <hi rend="italic">Jesus selber</hi> sein».</note> Das ist doch ein Unterschied. Insofern stört mich an dieser Frage Nr. 1 dieser ganze Causalnexus. Das hat mit Existential überhaupt nichts zu tun. Das sind zwei Dinge, die gehören gar nicht zusammen, auch <term type="Begriffe" key="370">philosophiegeschichtlich</term> gehören die gar nicht zusammen.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, aber in dieser <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> gehört es allerdings zusammen. Denn das Programm lautet: Existentialisierung <hi rend="italic">und</hi> <term type="Begriffe" key="100">Entmythologisierung.</term> Und auf die <term type="Begriffe1" key="100">Entmythologisierung</term> bezieht sich das, was Herr Pfr. <persName ref="kbga-actors-10695">Scheler</persName> hier [vom] Causalnexus gesagt hat. Ich würde ja die Sache ein bißchen weiter [fassen und] auf die drei Formeln für den <pb ed="pga" xml:id="p251"/> Historismus von <persName ref="kbga-actors-410">Troeltsch</persName><note xml:id="n18">Es handelt sich «um die prinzipielle Gewöhnung an historische <hi rend="italic">Kritik</hi>, um die Bedeutung der <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="10">Analogie</term> </hi>und um die zwischen allen historischen Vorgängen stattfindende <hi rend="italic">Korrelation</hi>» (<bibl corresp="kbga-bibls-4474"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName>, <hi rend="italic">Über historische und <term type="Begriffe" key="90">dogmatische</term></hi> <hi rend="italic">Methode in der Theologie</hi>, Gesammelte Schriften, Bd. II, Tübingen 1913, S. 729-753, dort S. 731</bibl>).</note> zurückgehen, wo es dann nicht nur um diesen Nexus geht. Also man könnte das reicher entfalten, als er es getan hat. Aber [jenes beides] hat schon etwas miteinander zu tun.</p>
                <p> Nun, was vorhin gesagt worden ist, das höre ich gerne, wenn es in dieser Schule jetzt weiter geht, wenn die Fenster wirklich aufgehen sollen. Umso besser, umso besser! [Nur,] ich habe noch nicht so ganz viel davon gemerkt. Zunächst ist ja die äußerste Konsequenz und Spitze dieser Schule <persName ref="kbga-actors-1493">Herbert Braun</persName>, nicht wahr? - wo nun sogar die <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> des lieben <term type="Begriffe1" key="181">Gottes</term> gewaltig ins Wackeln kommt.<note xml:id="n19"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezieht sich auf Aussagen von <bibl corresp="kbga-bibls-6004"><persName ref="kbga-actors-1493">H. Braun</persName> etwa in: <hi rend="italic">Die Problematik einer Theologie des Neuen Testaments</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Gesammelte Studien zum Neuen Testament und seiner Umwelt</hi>, Tübingen 1962, S. 325-341; z. B. S. 338</bibl>: «Gott ist also der Ausdruck für das Phänomen des gewissensmäßigen, getrosten, überzeugten Handelnkönnens.» Möglicherweise war <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Kenntnis dessen vermittelt durch die damals eben erschienene Schrift von <bibl corresp="kbga-bibls-5639"><persName ref="kbga-actors-1620">H. Gollwitzer</persName>, <hi rend="italic">Die <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term></hi> <hi rend="italic">Gottes im Bekenntnis des <term type="Begriffe" key="44,7">Glaubens</term></hi>, München 1963, S. 63-76</bibl>.</note> Und in der kindlichsten Weise kommt es jetzt heraus, was an der ganzen Sache sein könnte, in dem Buch des <term type="Begriffe" key="55">Bischofs</term> <persName ref="kbga-actors-343">Robinson von Woolwich</persName>.<note xml:id="n20"><bibl corresp="kbga-bibls-1371"><persName ref="kbga-actors-343">J. A. Th. Robinson</persName>, Bischof von Woolwich, <hi rend="italic">Honest to God</hi>, London 1963; deutsch: <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="181,3">Gott</term></hi> <hi rend="italic">ist anders. Honest to God</hi>, München 1963.</bibl></note> Auch ein Zeichen der Zeit: Dieses Buch wird jetzt im selben <orgName ref="kbga-actors-631">Verlag</orgName> deutsch erscheinen, in welchem einst der «Römerbrief» erschienen ist.<note xml:id="n21"><orgName ref="kbga-actors-631">Christian Kaiser Verlag</orgName>, München.</note> Das ist auch ein Witz der Geschichte. Es ist mit Recht gesagt worden: Hoffentlich wird auch in der <term type="Begriffe" key="80">deutschen</term> Ausgabe auf dem [Buch-]Deckel das Bild wiedergegeben werden! Ich weiß nicht, ob Sie den [englischen] Text schon gesehen haben. Da sieht man nämlich auf dem Deckel einen Kerl, der sitzt so da und schaut - man weiß nicht genau, ist er in Betrachtung der Erde oder in der Betrachtung seines Nabels begriffen?<note xml:id="n22">Abbildung der Plastik «Sitzender Jüngling» (1918) von <persName ref="kbga-actors-10689">Wilhelm Lehmbruck</persName>; sie befindet sich auf dem Buchdeckel sowohl der englischen wie auch der deutschen Ausgabe des Buches.</note> Es kann beides sein … </p> 
                </sp>
                <sp> 
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p252" rend="noPipe"/>Votant:</speaker> 
                <p>Das ist die <term type="Begriffe" key="80">deutsche</term> Ausgabe!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ah, das ist großartig - <term type="Begriffe" key="181">«Gott</term> ist anders»! … Ich erwähne das nur darum, weil <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> diesem Buch seinen Segen gegeben hat.<note xml:id="n23"><bibl corresp="kbga-bibls-1372"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Ist der <term type="Begriffe" key="174">Glaube</term></hi> <hi rend="italic">an Gott erledigt?</hi> in: Die Zeit, Nr. 19, 10.5.1963, S. 18</bibl>, wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-985">ders., <hi rend="italic">Glauben und Verstehen</hi>, Gesammelte Aufsätze, Bd. IV, Tübingen 1965, S. 107-112, vgl. auch S. 113-127</bibl>.</note> Er kann gut <term type="Begriffe" key="99">englisch</term>; er muß es gelesen haben; [es] ist ein Abgrund von Banalität, kann ich nur sagen. Da wird zusammengeschustert: <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> und <persName ref="kbga-actors-406">Tillich</persName> und <persName ref="kbga-actors-50">Bonhoeffer</persName> (darf natürlich auch nicht fehlen! Wer beruft sich heute nicht auf <persName ref="kbga-actors-50">Bonhoeffer</persName>?). Und nun hat <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> dem Buch öffentlich zugestimmt, und <persName ref="kbga-actors-406">Tillich</persName> findet es auch wunderbar, weil er auch gelobt wird in dem Buch.<note xml:id="n24">In seinem Brief vom <date when="1963-11-22">22.11.1963</date> an <persName ref="kbga-actors-406">P. Tillich</persName> faßt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> für die Begegnung der beiden am 1.12.1963 in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Haus ins Auge, dabei auch von «dem gräßlichen Buch des <persName ref="kbga-actors-343">Bischofs von Woolwich</persName>» reden zu können, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1378">Br. 1961-1968, <ref type="pub" target="../volume/06/p217#p217">S. 217</ref></bibl>. Da eine offizielle Stellungnahme <persName ref="kbga-actors-406">Tillichs</persName> zu diesem Buch nicht bekannt ist, wird <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier an die Berufung des <persName ref="kbga-actors-343">Bischofs</persName> auch auf <persName ref="kbga-actors-406">Tillich</persName> für seine Thesen denken. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mochte der Gedanke daran umso näher liegen, als die Beziehung jenes Buchs zu <persName ref="kbga-actors-406">Tillich</persName> eine größere Rolle in dem ihm damals im Manuskript schon bekannten Aufsatz eines seiner Schüler spielte: <bibl corresp="kbga-bibls-6005"><persName ref="kbga-actors-1581">Gr. Foley</persName>, <hi rend="italic">Die religiöse Religionslosigkeit des Bischofs <persName ref="kbga-actors-343">Robinson</persName></hi>, in: EvTh, Jg.24 (1964), S. 178-195, bes. S. 184-186</bibl>.</note> Der <persName ref="kbga-actors-50">Bonhoeffer</persName> kann es nicht mehr tun.</p>
                <p>Also, ganz so weit ist es, glaube ich, noch nicht mit dem Öffnen dieser Türen und Fenster. Denn da sitzt er, wie wenn es <hi rend="italic">keine</hi> offenen Türen und Fenster gäbe. Das ist nun die typische Haltung, vor der ich hier warnen wollte. Der sitzt ja da. Der kann sich natürlich nicht umkehren so [wie der Mann in <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.1">Apokalypse <term type="Begriffe" key="18">1</term></ref>], wenn er da hinunterschaut. Es ist genau gerade das Entgegengesetzte. Und darum, … ich hoffe immer von <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> das Beste, und so hoffe ich es auch für die Geschichte der <term type="Begriffe" key="481,15">Theologie</term> im 20. Jahrhundert. Das Ding kann noch anders kommen, wird auch noch anders kommen. Soweit ich sehe, gibt es da so viel Sackgassen, in die nicht die großen Herren an den Universitäten, aber die kleinen Herren, die dann [mit] dieser Voraussetzung zu <term type="Begriffe" key="378">predigen</term> haben, hineingeraten - so viel Sackgassen, daß eines Tages sich das erübrigen wird. Ich will es ganz vorsichtig sagen: Das sind noch keine letzten Worte, die der <persName ref="kbga-actors-343">Bischof von Woolwich</persName> gesprochen hat, und was dann also auch rückwärts auf diese deutschen Theologen ein etwas beschattetes Bild, ein Schattenlicht wirft.</p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p253" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>:</speaker> 
                <p>Möchte zu dieser ersten Frage noch jemand das Wort? Dann sollten wir sie jetzt abschließen.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Also gelt, was ich immer meinen Studenten sage, sage ich auch Ihnen. Sie dürfen mir tapfer widersprechen; ich habe seit Jahrzehnten eine ganz dicht gegerbte Haut; ich kann vieles ertragen. Sie dürfen offen mit mir reden. Und Sie müssen jetzt nicht auf den Pfr. <persName ref="kbga-actors-10695">Scheler</persName> hauen, wie es vorhin geschehen ist, sondern Sie müssen mich angreifen. Hier bin ich jetzt.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>:</speaker> 
                <p>Aber es scheint so, daß die Antwort gehört ist … </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das wäre eine ganz große Sache, wenn diese Antwort gehört wäre. Ich wage es fast nicht zu hoffen. Aber ich habe versucht, sie zu geben. Jetzt sehen Sie zu!</p> 
                </sp>
            </div> 
            <div>
                <head type="sub"><term type="Begriffe" key="546,1"> </term><term type="Begriffe1" key="18"> </term> 
                3. Zu <persName ref="kbga-actors-217">Käsemanns</persName> These von der Bedeutung der Apokalyptik für das neutestamentliche Zeugnis</head>

                <sp>
                <speaker>[Frage 2 von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10696">Stückrath</persName>:]</speaker>
                <p>Läßt sich alle überlieferte <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> in <persName ref="kbga-actors-217">Käsemanns</persName> Weise auf die <term type="Begriffe1" key="18">Apokalyptik</term> reduzieren?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, Herr Pfarrer <persName ref="kbga-actors-10696">Stückrath</persName>. Wollen Sie zu meiner Erbauung und zur Erbauung der ganzen Versammlung hier ganz kurz erklären, um was es da geht. Ich weiß es ein bißchen. Aber ich höre es gerne noch einmal.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10696">Stückrath</persName>:</speaker> 
                <p>Ich habe es […] eben gesagt und habe den [?] genannten Titel [?] mitgebracht, also <bibl corresp="kbga-bibls-5998">ZThK</bibl> 1962<note xml:id="n25"><bibl corresp="kbga-bibls-6006"><persName ref="kbga-actors-217">E. Käsemann</persName>, <hi rend="italic">Zum Thema der urchristlichen <term type="Begriffe" key="18">Apokalyptik</term></hi>, in: ZThK, Jg.59 (1962), S. 257-284</bibl>; wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-1375">ders., <hi rend="italic">Exegetische Versuche und Besinnungen</hi>, Bd. 2, Göttingen 1964, S. 105-131;</bibl> die folgenden Zitate dort S. 110f.</note>, und [will] zwei Sachen daraus verlesen; dann wird es wahrscheinlich klar werden. Es geht dabei um die Auslegungsmöglichkeiten des Ostergeschehens. Und <persName ref="kbga-actors-217">Käsemann</persName> schreibt: «So wird das <term type="Begriffe" key="352">Ostergeschehen</term> auch erst relativ spät auf Jesus selber beschränkt, ursprünglich jedoch als Anbruch der allgemeinen <term type="Begriffe" key="486,1">Totenauferweckung</term> verstanden, also apokalyptisch …» usf. In einer Anmerkung: «Meine eigene Behauptung geht dahin, daß die nachösterliche <term type="Begriffe" key="18">Apokalyptik</term> die älteste Variation und Interpretation des <term type="Begriffe" key="242">Kerygmas</term> bezeichnet. Dann kann man freilich nicht mehr <pb ed="pga" xml:id="p254"/> fragen, ob sie der Erfassung der notwendigen theologischen Aufgabe mehr dienlich gewesen sei oder ihr mehr im Wege gestanden habe. Sie hat die Aufgabe überhaupt zuerst erkannt und angegriffen» … - also die Aufgabe, <term type="Begriffe" key="352">Ostern</term> zu predigen, hat zuerst - nach <persName ref="kbga-actors-217">Käsemann</persName> - die <term type="Begriffe" key="18">Apokalyptik</term> übernommen bzw. erkannt und angegriffen. «Daß die kirchliche <term type="Begriffe" key="481,19">Theologie</term> weithin in der Überwindung der <term type="Begriffe1" key="18">Apokalyptik</term> ihre Aufgabe gesehen hat, ist nicht zu bestreiten. Sind deshalb die <term type="Begriffe" key="252">Kirchenväter</term> die ersten Theologen? Ist das Griechentum der <term type="Begriffe" key="472,24">Taufpate</term> der christlichen <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term>? Dem <term type="Begriffe" key="424,22">Neutestamentler</term> sei erlaubt zu fragen, welchen Preis wir dafür zahlen und welches Risiko wir damit eingegangen sind, daß wir als Theologen Erben des systematischen griechischen <term type="Begriffe" key="78">Denkens</term> wurden. Ganz ungestraft überwindet man die <term type="Begriffe" key="18">Apokalyptik</term> nicht.» Soweit ich das verstehe, ist das ein Hieb gegen <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Hm, hm, hm … Ja, mir ist [es] mit dieser Sache so gegangen wie mit vielen ähnlichen Hypothesen. Es ist [ja] eine typische Hypothese, nicht? Man kann ja nicht sagen: es <hi rend="italic">ist</hi> so. Sondern man <hi rend="italic">kann</hi> die ganze neutestamentliche Überlieferung <hi rend="italic">auch</hi> unter diesem Gesichtspunkt ansehen. Und nun hat <persName ref="kbga-actors-217">Käsemann</persName> das Experiment gemacht, das einmal so durchzuführen. Er hat hier in <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term> einen Vortrag gehalten, wo er es am Matthäusevangelium veranschaulicht hat.<note xml:id="n26"><bibl corresp="kbga-bibls-6007"><persName ref="kbga-actors-217">E. Käsemann</persName>, <hi rend="italic">Die Anfänge christlicher Theologie</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Exegetische Versuche und Besinnungen</hi>, Bd. 2, a.a.O., S. 82-104</bibl>, gehalten vor der Theologischen Fachschaft in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> am 18. 5. 1960.</note> Das war sehr eindrucksvoll. Und er hat mir dann im Privatgespräch gesagt: Was für das Matthäusevangelium gelte, das gelte seines Erachtens für das ganze Neue Testament.</p>
                <p> Nun, warum nicht? Alle <term type="Begriffe" key="120">Exegese</term> wird in Form von solchen Hypothesen, die der Exeget wagt, verlaufen. Wir können jetzt wohl schwerlich auf die Diskussion dieser Hypothese im einzelnen eintreten. Ich würde nur grundsätzlich bemerken: Keine solche von einem Exegeten - <term type="Begriffe" key="120">ob</term> er jetzt <persName ref="kbga-actors-217">Käsemann</persName> sei oder ein anderer - aufgestellte Hypothese kann theologisch legitim einen Kanon im Kanon begründen wollen, wo dann aufgrund dieser mehr oder weniger einleuchtenden Hypothese innerhalb des kanonischen Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testamentes</term> unterschieden wird zwischen «ursprünglichen» (wie es dann <pb ed="pga" xml:id="p255"/> heißt - aber der Terminus ist schon recht zweideutig; was heißt da «ursprünglich»? ist das zeitlich gemeint? oder ist das sachlich gemeint?) … ursprünglichen und nicht-ursprünglichen Elementen; sondern, ja, Türen und Fenster müssen nun auch angesichts einer solchen Hypothese offen bleiben. Also, wenn durch diese <term type="Begriffe" key="18">Apokalyptik-Sache</term> geradezu der heilige Apostel <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> bedroht wird, so ist das ja erstaunlich. Aber warum könnte nicht auch <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> in Frage gestellt werden? Das mag sein.</p>
                <p><hi rend="italic">Aber</hi> es darf das Interesse [am Neuen Testament nicht auf das Interesse] an einer solchen Theorie begrenzt sein. Und es ist die Brauchbarkeit einer solchen exegetischen Theorie begrenzt durch die nach wie vor stehende Einladung der <term type="Begriffe" key="69">Christenheit,</term> auch andere durch das übrige Neue Testament eröffnete Aspekte des Bezeugten zu beachten, will ich einfach einmal sagen. Daß nun nicht Türen oder Fenster wieder ins Schloß fallen im Blick darauf, daß das mit dieser <term type="Begriffe" key="18">Apokalyptik</term> vielleicht so gewesen sein möchte! Warum soll uns <persName ref="kbga-actors-217">Käsemann</persName> nicht aufmerksam machen auf die Wichtigkeit dieser Sache? Und warum soll zum Beispiel - da er es mit der Auferstehung <term type="Begriffe" key="30,3">Jesu</term> zu tun hat -, warum soll diese Unterscheidung nicht beachtet werden: Auferstehung Jesu <term type="Begriffe" key="30,3">Christi,</term> des Einen, und dann unsere <term type="Begriffe1" key="30,6">Auferstehung</term> oder eine allgemeine <term type="Begriffe" key="30,3">Auferstehung</term>? Bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, wenn ich recht sehe, ist das zusammengesehen. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat nie von der Auferstehung <term type="Begriffe" key="30,3">Christi</term> isoliert geredet und auch nicht von unserer <term type="Begriffe" key="30,6">Auferstehung</term> isoliert, sondern er hat das in der bekannten, nicht ganz leicht zugänglichen Weise versucht zusammenzusehen. Und ich würde sagen, die Aufgabe, diese zwei Momente im Begriff der <term type="Begriffe" key="30">«Auferstehung</term>» oder in der <term type="Begriffe" key="531">Wirklichkeit</term> der <term type="Begriffe1" key="30,4">Auferstehung</term> zu unterscheiden, aber dann auch wieder zusammenzusehen, die bleibt auch angesichts der Hypothese von <persName ref="kbga-actors-217">Käsemann</persName>.</p>
                <p> Also, wenn gefragt wird: «Läßt sich alle überlieferte <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> auf die <term type="Begriffe" key="18">Apokalyptik</term> <hi rend="italic">reduzieren?</hi>», dann würde ich sagen: Nein, das zweifellos nicht! Es gibt eben noch andere Elemente im neutestamentlichen <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugnis.</term> Ich bin gegen alles «Reduzieren» und gegen alles Ausschließen; sondern: lassen wir uns sagen, was uns einer unter seinem besonderen Aspekt da sagen kann! Dann aber [haben wir] wieder weiterzugehen anhand der Sache selber. - Ja, ich weiß nicht, ob Ihnen das genügt, Herr Pfarrer <persName ref="kbga-actors-10696">Stückrath</persName>? Nicht so recht, gelt?</p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p256" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-10696">Stückrath</persName>:</speaker> 
                <p>Wenn ich eine Zusatzfrage stellen darf? Sie sagten, daß [bei] <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> diese beiden <term type="Begriffe" key="30">Auferstehungen</term> sich […] nicht ausschließen, daß die <term type="Begriffe" key="30">Auferstehung</term> [ …, diese und jene,] zusammengesehen [wird]. <persName ref="kbga-actors-217">Käsemann</persName> macht nun folgendes, daß er bei seiner Unterscheidung der Synoptiker herauszufinden meint: daß zunächst die allgemeine <term type="Begriffe" key="30,8">Totenauferstehung</term> aufgrund der Geschichte der <term type="Begriffe" key="231">spätjüdischen</term> <term type="Begriffe" key="18">Apokalyptik</term> zuerst da gewesen ist, und hinten[drein], nachträglich hat man dann die <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> der Auferstehung <term type="Begriffe1" key="30,3">Christi</term> da hineingestellt, weil diese [allgemeine <term type="Begriffe" key="30">Auferstehung</term>] gewissermaßen der Bereich oder, wenn man so will, das <term type="Begriffe" key="18">apokalyptische</term> Existential [ist], um der Auferstehung Jesu oder <term type="Begriffe" key="30,3">Christi</term> einen Ort, einen Platz zu geben, fast einen anthropologischen Platz. Ob damit nicht genau das verdreht ist, was der <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt? […] <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15">1.Korinther 15</ref> ist [es] genau anders.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das würde ich auch sagen. Und schließlich sind ja nicht nur die Paulusbriefe da. Es wird wohl ein bißchen schwer sein, diese Theorie im Blick auf die abschließenden Kapitel der vier Evangelien einleuchtend zu begründen. Ist das alles auch «nachträglich»? Und ist da eine «ursprüngliche» <term type="Begriffe" key="18">Apokalyptik</term> im Spiel? Ein bißchen schwierig. Aber ich meine: Daß er von seinem Verständnis der <term type="Begriffe" key="18">Apokalyptik</term> her auf die allgemeine <term type="Begriffe" key="30">Auferstehung</term> Gewicht legt, das [tut] ja auch wieder <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, nicht wahr? Er sagt: Wenn <term type="Begriffe" key="30,3">Christus</term> auferstanden ist, so schließt das in sich die Auferstehung aller <term type="Begriffe" key="30,8">Toten</term> als unsere <term type="Begriffe" key="200">Hoffnung.</term><note xml:id="n27"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> denkt hier wohl besonders an <term type="Bibelstellen" key="1. Kor. 15,20f."><ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.20 1.Kor.15.21">1.Kor. 15,20f.</ref></term> und <ref type="can" subtype="bible" target="1.Thess.4.14">11.Thess <term type="Bibelstellen" key="1. Thess. 4,14">4,14</term></ref>.</note> Nun kann ich mir denken, daß man das Verhältnis vielleicht einmal umkehrt, daß man mal sagt: Gehen wir davon aus, daß uns die Auferstehung aller <term type="Begriffe" key="30,8">Toten</term> <term type="Begriffe1" key="512">verheißen</term> ist. Dann kommen wir aber zu der Frage zurück: <hi rend="italic">Wo</hi> und <hi rend="italic">wie</hi> ist es uns denn <term type="Begriffe" key="512">verheißen</term>? Und dann sind wir doch wieder bei der Auferstehung des einen <term type="Begriffe" key="30,3">Christus.</term><note xml:id="n28">An dieser Stelle des Gesprächs gab es eine Unterbrechung, wohl weil jemand das Fenster wegen der hereinfallenden Sonne mit einem Vorhang zugehängt hatte. Dagegen setzte sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zur Wehr: Er habe «eine kleine Phobie» vor düsteren Räumen. Denen, die offenbar weiter im Schatten sitzen wollten, sagte er: «Die können dort im Dunkel bleiben!»</note></p>
                <p>Ja, ich kann nur wiederholen: Ich sehe keinen Grund ein zu einer Exklusion oder zu einer Reduktion von dort aus, sondern ich würde sagen: Lassen wir uns auf diese Seite aufmerksam machen, die ja auch da ist! Aber dann: Steckt nicht mindestens hinter der Frage, so wie sie <pb ed="pga" xml:id="p257"/> uns jetzt gestellt wird oder wie [sie] uns aus dem Vorgelesenen entgegentrat, immer noch der alte <term type="Begriffe" key="174,1">Aberglaube,</term> daß das Älteste nicht nur im Sinn des Zeitlichen, sondern auch sachlich «ursprünglich» sei? So daß man da[raufhin] nach einem <term type="Begriffe" key="119,12">«Ur-Evangelium»</term> jagt! Was ist in den letzten 200 Jahren da alles gemacht worden! Dahinterkommen, wo es nun eigentlich angefangen haben möchte! Und dann stellt man eine Theorie auf und sagt: Das ist «das Eigentliche». Es gibt da halt unendlich viele Möglichkeiten. Ich habe einen Sohn, der auch <term type="Begriffe" key="424,22">Neutestamentler</term> ist, in <term type="Begriffe" key="8"><placeName ref="kbga-places-2">Amerika</placeName></term> drüben<note xml:id="n29"><persName ref="kbga-actors-24">Markus Barth</persName> (1915–1995), damals Professor in <term type="Begriffe" key="610">Chicago</term>.</note>, und ich will Ihnen ins Ohr sagen, der vertritt die ganz unheimliche These, daß eigentlich das Johannesevangelium die ursprünglichste Gestalt der Überlieferung sei und die Synoptiker nur ein Kommentar zum Johannesevangelium.<note xml:id="n30">Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-6008"> <persName ref="kbga-actors-24">M. Barth</persName>, <hi rend="italic">Die <term type="Begriffe" key="232">Juden</term></hi> <hi rend="italic">im Johannesevangelium. Wiedererwägungen zum Sitz im Leben, Datum und angeblichen <term type="Begriffe" key="232,10">Antijudaismus</term></hi> <hi rend="italic">im Johannesevangelium</hi>, in: <hi rend="italic">Teufelskinder oder Heilsbringer - die Juden im Johannesevangelium</hi>, hrsg. von D. Neuhaus (Arnolshainer Texte, Bd. 64), Frankfurt/M. 1990, S. 39-94</bibl>.</note> Das mache ich mir nicht zu eigen, verstehen Sie. Ich sage es Ihnen nur als ein mir naheliegendes Beispiel [dafür], was auf diesem Gebiet alles möglich ist. Ich stecke noch zu tief im 19. Jahrhundert, als daß ich da meinem Sohn ohne weiteres folgen könnte.<note xml:id="n31">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4104">Gespräche 1964-1968, <ref type="pub" target="../volume/28/p053#p053">S. 53</ref></bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> meint hier die schon in seinem <term type="Begriffe" key="36,15">Theologiestudium</term> gelernte «Zweiquellentheorie», wie sie zunächst <bibl corresp="kbga-bibls-6009"><persName ref="kbga-actors-2292">H. J. Holtzmann</persName>, <hi rend="italic">Die synoptischen Evangelien, ihr Ursprung und ihr geschichtlicher Charakter</hi>, Leipzig 1863</bibl>, aufstellte.</note> Er hat es zum Glück noch nicht drucken lassen.</p> 
                </sp>
            </div> 
            <div>
                <head type="sub"> 4. Das Problem des Primats der <term type="Begriffe" key="396,5">Rechtfertigungslehre</term> im <term type="Begriffe" key="291">Luthertum</term></head>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, jetzt kommt eine lustige Frage. Ist der Herr Pfarrer <persName ref="kbga-actors-10702">Poll</persName> da?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>[Frage 3 von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10702">Poll</persName>:]</speaker>
                <p>Was haben Sie gegen den lutherischen Ansatz, die gesamte <term type="Begriffe" key="90">Dogmatik</term> von der <term type="Begriffe1" key="396,5">Rechtfertigungslehre</term> her aufzubauen?</p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p258" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Sehen Sie, das ist nun zum Beispiel so ein Fall: Da <hi rend="italic">hätten</hi> Sie in der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></bibl> Band IV/2 ausgiebigen Aufschluß darüber<note xml:id="n32">Vgl. vor allem schon <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/1, S. 573-589</bibl>, und dann den Abschnitt <term type="Begriffe" key="396">«Rechtfertigung</term> und <term type="Begriffe" key="192">Heiligung</term>» in KD IV/2, S. 565-578.</note>.</p>
                <p> Ja,  was habe ich dagegen? Ich habe dagegen, daß ich <term type="Bibelstellen" key="1. Kor. 1,30"><ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.30">1.Kor. 1,30</ref></term> lese: «Jesus <term type="Begriffe" key="227,15">Christus</term> ist uns gemacht zur Weisheit, (dann - das heißt:) zur <term type="Begriffe" key="161">Gerechtigkeit,</term> zur <term type="Begriffe1" key="192">Heiligung</term> und zur <term type="Begriffe2" key="109">Erlösung</term>». Und das ist ein bißchen mehr als dieser Engpaß, in den die lutherische <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> unter Führung des großen <persName ref="kbga-actors-261">Martin</persName> im 16. Jahrhundert hineingekommen ist, wo alles und jedes auf den Nenner des ersten dieser Begriffe gekommen [ist]: auf den Begriff <term type="Begriffe" key="161">«Gerechtigkeit</term>» - und das dann erst noch interpretiert in einem ganz bestimmten Sinn, nämlich nun ohne weiteres gleichgesetzt mit <term type="Begriffe" key="468,20">Sündenvergebung.</term><note xml:id="n33">Vgl. die starken Sätze <persName ref="kbga-actors-261">M. Luthers</persName> in den Schmalkaldischen Artikeln von 1537 in <bibl corresp="kbga-bibls-14">BSLK 415,6-416,6</bibl>. - In <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/1, S. 668</bibl>, sagt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, es sei besser, hier nicht alles mit «Vergebung der <term type="Begriffe" key="468,20">Sünden</term>» zu sagen, damit nicht unklar werde, daß es in der <term type="Begriffe" key="396">Rechtfertigung</term> des Menschen um «seine Einsetzung in ein bestimmtes <hi rend="italic">Recht</hi>» geht, «das an die Stelle des von ihm begangenen […] Unrechts tritt.» Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-561">WA 40/I,72,20 (zu Gal. <term type="Bibelstellen" key="Gal. 1,3">1,3</term>)</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-3705">WA 25,330,8ff. (zu Jes. <term type="Bibelstellen" key="Jes. 53,5">53,5</term>)</bibl>.</note> Das war ja die große These <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, die zu seiner Zeit in bestimmten Gegensätzen wirklich ganz wichtig und richtig war. Aber das war doch verhängnisvoll, daß man nicht zunächst einmal einfach das entgegennehmen wollte: «<hi rend="italic">Jesus Christus</hi> - <hi rend="italic">ist uns gemacht zur Weisheit, zur</hi> <foreign xml:lang="el-GR">σοφία</foreign>». Also nicht die <term type="Begriffe" key="396">Rechtfertigung</term> an sich oder der <term type="Begriffe1" key="174">Glaube</term> an sich, sondern <hi rend="italic">Jesus Christus!</hi> Und dann natürlich: der <term type="Begriffe" key="174">Glaube</term> an ihn und im <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> an ihn der Empfang der <term type="Begriffe1" key="396">Rechtfertigung</term>! Aber dann nicht nur das, sondern jetzt gibt es auch den <foreign xml:lang="el-GR">ἁγιασμός</foreign> [Heiligung] und auch die <foreign xml:lang="el-GR">ἀπολύτρωσις</foreign> [Erlösung]; das gehört auch dazu. Ich habe gegen den lutherischen Ansatz, daß er mir - entschuldigen Sie, wenn ich so sagen würde - [zu] begrenzt, daß er mir etwas zu borniert ist. Dieses Starren auf den einen Punkt: Vergebung der <term type="Begriffe" key="468,20">Sünden,</term> und dann entsprechend auf den einen Punkt: <term type="Begriffe1" key="174">Glauben</term>! - wie es ja der <persName ref="kbga-actors-103">Ebeling</persName> in seinem Buch <term type="Begriffe1" key="174">«Glaube</term>»<note xml:id="n34"><bibl corresp="kbga-bibls-5531"><persName ref="kbga-actors-103">G. Ebeling</persName>, <hi rend="italic">Das Wesen des christlichen <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term></hi>, Tübingen 1959</bibl>. Gerhard <persName ref="kbga-actors-103">Ebeling</persName> (1912–2001), 1946 Professor für Kirchengeschichte in <term type="Begriffe" key="495">Tübingen</term>, 1956 für Systematische <term type="Begriffe" key="481,26">Theologie</term>, Dogmengeschichte und Symbolik in <term type="Begriffe" key="615">Zürich</term>.</note>  grandios gemacht hat; jetzt ist [das Wesent<pb ed="pga" xml:id="p259" break="no"/>liche] nur der <term type="Begriffe" key="174">Glaube.</term> Also, bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> heißt es: <term type="Begriffe" key="174">Glaube</term> und <term type="Begriffe1" key="200">Hoffnung</term> und <term type="Begriffe" key="284,6">Liebe</term> <term type="Bibelstellen" key="1. Kor. 13,13">[<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor. 13,13</ref></term>]. Und das ist noch ein bißchen mehr. Und es scheint nicht ohne weiteres identisch zu sein mit <term type="Begriffe" key="174">«Glauben</term>», was da die <term><foreign xml:lang="grc">ăgáph</foreign></term> [Liebe] heißt und die <foreign xml:lang="el-GR">ἐλπίς</foreign> [Hoffnung] ist. Das ist so eine merkwürdige Sache: Es besteht ein unterirdischer Zusammenhang nämlich zwischen dem jungen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und der ganzen <term type="Begriffe" key="61"><persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>-Schule.</term><note xml:id="n35">Vgl. <persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Zum Problem der <term type="Begriffe" key="100">Entmythologisierung</term></hi>, in: KuM, Bd. II, Hamburg 1952, S 179-208, dort S. 207: <hi rend="italic">«Die radikale <term type="Begriffe" key="100">Entmythologisierung</term> ist die Parallele zur paulinisch-lutherischen Lehre von der <term type="Begriffe" key="396">Rechtfertigung</term> […]. Oder vielmehr: sie ist ihre konsequente Durchführung für das Gebiet des <term type="Begriffe" key="78">Erkennens.»</term></hi>. Vgl. ferner: <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Rudolf <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>. Ein Versuch, ihn zu verstehen</hi> (ThSt 34), Zollikon-Zürich 1952, bes. S. 10-12.46–48.</note> Das ist also klar. Die sind alle <term type="Begriffe" key="291">«Lutheraner</term>» und bringen darum nicht umsonst auch die ganze Geschichte mit <term type="Begriffe" key="166,13">«Gesetz</term> und <term type="Begriffe1" key="119">Evangelium</term>» daher. Und dann wird alles auf diesen einen Punkt reduziert, und dann gibt es so eine abstrakte <term type="Begriffe" key="396">Rechtfertigungs</term>- und <term type="Begriffe1" key="468,20">Sündenvergebungs</term><term type="Begriffe2" key="481">-Theologie.</term> </p>
                <p> Und nun meine ich also aus dem Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> [zu hören] - natürlich: «Dir sind deine <term type="Begriffe" key="468,20">Sünden</term> vergeben» <term type="Bibelstellen" key="Mk. 2,5">[<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.5">Mk. 2,5</ref></term>] - und jetzt: auf die Füße gestellt! und «nimm dein Bett und <term type="Bibelstellen" key="Mk. 2,9"><hi rend="italic">wandle</hi>» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.9">Mk. 2,9</ref></term>]! Und das ist noch ein bißchen mehr: daß man sein Bett nimmt und wandelt. Und dann ist das noch nicht einmal genug, sondern jetzt gibt es ja auch noch - und das gehört zu diesem Wandeln - einen Auftrag des <term type="Begriffe" key="69,1">Christen</term> in der <term type="Begriffe" key="525">Welt.</term> Bei allen diesen Engführungen - bei <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> ist es auch so ein wenig eine Engführung - wird das ganz übersehen: diese Horizonte oder diese Dimensionen, die sich im Neuen Testament nach allen Seiten eröffnen - wenn man sich vor allem einmal sagen läßt, ohne gleich wieder mit einem Begriff dazwischenzufahren: «Christus ist uns gemacht zur <foreign xml:lang="el-GR">σοφία</foreign> [Weisheit]».
                Und die <foreign xml:lang="el-GR">σοφία</foreign> - das ist ja die chokma vom Alten <term type="Begriffe" key="424,2">Testament</term>, nicht wahr? Und darin ist alles enthalten: <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> und <term type="Begriffe1" key="200">Hoffnung</term> und <term type="Begriffe" key="284">Liebe.</term> Das ist eben das ganze Leben in dem [Lob der <term type="Begriffe1" key="161">Gerechtigkeit,</term> <term type="Begriffe" key="109">Erlösung</term> und <term type="Begriffe1" key="192">Heiligung,</term> zu der <term type="Begriffe2" key="227,15">Christus</term> uns gemacht ist]. So daß ich also auf die Frage eigentlich antworten müßte, Herr Pfarrer <persName ref="kbga-actors-10702">Poll</persName>: Ich habe gegen diesen lutherischen Ansatz dies, daß ich meine, daß wir in <term type="Begriffe" key="106,6">Erkenntnis</term> des lebendigen <term type="Begriffe1" key="227">Christus</term> in der Ganzheit (jetzt kommt es wieder darauf an: in der <hi rend="italic">Ganzheit!</hi>) seiner <term type="Begriffe" key="424,22">neutestamentlichen</term> Bezeugungen - zu der zum <pb ed="pga" xml:id="p260"/> Beispiel auch die «stroherne Epistel»<note xml:id="n36">Vgl. oben<ref type="pub" target="#fn_n05"> S. 239­ bei Anm. 5 </ref>und <bibl corresp="kbga-bibls-2614"><ref type="pub" target="../volume/41/p126#p126">S. 126­, Anm. 7</ref></bibl>.</note> gehört und einiges andere - …, daß wir da eingeladen werden, uns auch wieder Öffnungen gefallen zu lassen. Ich will ja nicht mehr sagen als das.</p>
                <p> Und da ist mir im Unterschied zum <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> der <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> zunächst wichtig geworden. Denn der <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> in seiner «<bibl corresp="kbga-bibls-16">Institutio</bibl>» hat nie von der <term type="Begriffe" key="396">Rechtfertigung</term> gesprochen, ohne sofort auch auf die <term type="Begriffe1" key="192">Heiligung</term> zu kommen.<note xml:id="n37"><bibl corresp="kbga-bibls-16">Institutio III 11,1</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Summa autem haec fuit, Christum nobis Dei benignitate datum, fide a nobis apprehendi ac possideri, cuius participatione duplicem potissimum gratiam recipiamus: nempe ut eius innocentia Deo reconciliati, pro iudice iam propitium habeamus in caelis Patrem: deinde ut eius Spiritu sanctificati, innocentiam puritatemque vitae meditemur.</foreign>»</note> Und [nun ist mir das] aber auch noch nicht ganz genug, sondern ich würde meinen, daß es - wenn etwas daran sein möchte an dem dreifachen Amt <term type="Begriffe" key="227,2">Christi</term> - auch ein prophetisches Amt gibt (von dem habe ich im letzten Band der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></bibl> zu reden versucht)<note xml:id="n38">Entsprechend dem dreifachen Amt <term type="Begriffe" key="227,2">Christi </term> als Priester, König und Prophet redet <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/1, IV/2, IV/3</bibl> auch von der <term type="Begriffe" key="396">Rechtfertigung</term>, <term type="Begriffe" key="192">Heiligung</term> und <term type="Begriffe" key="47">Berufung</term> des Christen.</note>, daß also [zur <term type="Begriffe" key="396">Rechtfertigung</term> und <term type="Begriffe1" key="192">Heiligung</term>] noch dazu kommt die <term type="Begriffe" key="434">Sendung</term> der <term type="Begriffe1" key="156">Gemeinde</term> und auch des Christen als <term type="Begriffe2" key="545,1">Zeugen</term> in der <term type="Begriffe" key="525">Welt.</term> Und das möchte ich mir nicht wieder nehmen lassen, bei aller tiefen Ehrfurcht und Verehrung dem großen <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luther</persName> gegenüber. Aber ich bin dann immer wieder froh, <term type="Begriffe" key="398">Reformierter</term> zu sein und also nicht unter diesem Zwang [seines einen Anliegens] zu sein. Mir kommt das <term type="Begriffe" key="291">Luthertum</term> eben immer ein bißchen wie eine Zwängerei vor: daß jetzt alles da so in diesen Kanal hinein soll. Und da bin ich für <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term> und meine, da die heilige <term type="Begriffe1" key="424">Schrift</term> auf meiner Seite zu haben. Aber gelt, in tiefem Respekt gesagt! Die Weimarer Ausgabe<note xml:id="n39">Scil. der Werke <persName ref="kbga-actors-261">M. Luthers</persName>.</note> steht in meinem Studierzimmer zugedeckt mit einem ganz schönen Teppich aus <term type="Begriffe" key="215"><placeName ref="kbga-places-785">Indonesien</placeName></term>[, einem Geschenk] von meinem jüngeren Sohn<note xml:id="n40"><persName ref="kbga-actors-19">Christoph Barth</persName> (1917–1986), damals theologischer Lehrer in <term type="Begriffe" key="628">Djakarta</term>, <term type="Begriffe" key="215">Indonesien</term>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Lebenslauf, S. 424</bibl>.</note>, was die Reproduktion eines alten Königsmantels ist. Und wenn man diesen Mantel auf die Seite zieht, dann kommt die Weimarer Ausgabe <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> hervor; sie wird in dieser Weise ausgezeichnet und zugleich ein bißchen verhüllt. Es ist ja beides am Platz, nicht wahr?</p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p261" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-10702">Poll</persName> [?]:</speaker> 
                <p>Es geht [?] natürlich noch um diesen untergründigen Zusammenhang, der bis da in die Moderne hinführt. Hat nicht <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in dieser ganzen Sache moderner gefragt, indem er vom angefochtenen <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> her fragte?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, ja, das hat er getan, jedenfalls bis, wir wollen einmal sagen: bis 1524/25, vielleicht so dort herum - man könnte es noch ein wenig weiter hinaufschieben sogar. Aber der ganze junge <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> kann meines Erachtens als Kronzeuge für die bewußte moderne <term type="Begriffe" key="481,14">Theologie</term> angeführt werden. Er kann! Ich habe einmal einen Kandidaten, der bei mir doktorieren wollte, gebeten: Er soll mir doch zusammentragen, was über die <term type="Begriffe" key="227,6">Christologie</term> des jungen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, bis zu [15]16/17/18, zu sagen sein möchte. Es ist nicht viel herauszuholen.<note xml:id="n41">Anscheinend eine Auswertung dieser Recherche findet sich in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/1, S. 586f.</bibl>, hier vorgetragen unter Berufung auf <bibl corresp="kbga-bibls-6010"><persName ref="kbga-actors-10703">A. Gyllenkrok</persName>, <hi rend="italic">Rechtfertigung und <term type="Begriffe" key="192">Heiligung</term></hi> <hi rend="italic">in der frühen evangelischen Theologie Luthers</hi>, Uppsala/Wiesbaden 1952</bibl>.</note> Dagegen hat <persName ref="kbga-actors-103">Ebeling</persName> einmal, ich glaube in der <bibl corresp="kbga-bibls-5998">ZThK</bibl>, einen schönen Artikel über den jungen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> geschrieben: über die <term type="Begriffe" key="120">Psalmenexegese</term> des jungen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName><note xml:id="n42"><bibl corresp="kbga-bibls-6011"><persName ref="kbga-actors-103">G. Ebeling</persName>, <hi rend="italic">Die Anfänge von Luthers Hermeneutik</hi>, in: ZThK, Jg.48 (1951), S. 172-230</bibl>; wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-6012">ders., <hi rend="italic">Lutherstudien</hi>, Bd. I, Tübingen 1971, S. 1-68; s. besonders S. 229f. bzw. S. 67f.</bibl></note>, und hat dann strahlend festgestellt, wie das zu der modernen <term type="Begriffe" key="15">anthropologischen</term> Konzeption passe. Denn in der Tat, der junge <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat sich immer nur bewegt in dem Dreieck: <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term> - <term type="Begriffe1" key="468">Sünde - </term> <term type="Begriffe" key="177">Gnade;</term> und <hi rend="italic">alles</hi> läuft dann <hi rend="italic">so</hi>. Das hat ihm der <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName>, notabene in der ersten Auflage seiner «Loci»<note xml:id="n43"><bibl corresp="kbga-bibls-2807"><persName ref="kbga-actors-272">Ph. Melanchthon</persName>, <hi rend="italic">Loci communes rerum theologicarum seu Hypotyposes theologicae</hi> (1521)</bibl>.</note>, getreulich nachgemacht, und darum steht dann auch in diesen Loci des <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> von [15]21 der berühmte Satz vom «<foreign xml:lang="lat">Hoc est Christum cognoscere, beneficia eius cognoscere</foreign>»<note xml:id="n44"><bibl corresp="kbga-bibls-2807">A.a.O., in: CR 21,85</bibl>.</note> … «Und wie sie schmetterte, da sangen es tausend Stimmen nach im Feld»<note xml:id="n45">Aus dem Lied von <bibl type="song" corresp="kbga-songs-163"><persName ref="kbga-actors-1362">E. Geibel</persName>, das das <hi rend="italic">Gesangbuch für die Evangelisch-reformirte Kirche der deutschen Schweiz</hi> von 1891 unter Nr. 139</bibl> (nach der Melodie «Wie groß ist des Allmächtigen Güte») als Osterlied aufführt: «Die Lerche stieg am Ostermorgen/ Empor ins klarste Luftgebiet/ Und schmettert’, hoch im Blau verborgen,/ Ein freudig <term type="Begriffe" key="30">Auferstehungslied</term>./ Und wie sie schmetterte, da klangen/ Es tausend Stimmen nach im Feld:/ Wach’ auf, das Alte ist vergangen,/ Wach’ auf, du frisch verjüngte Welt!»</note>. Das tönt durch die Jahrhunderte <pb ed="pga" xml:id="p262"/> hindurch: «<foreign xml:lang="lat">hoc est Christum cognoscere</foreign> …» Ja, es ist schon recht. Aber die «<foreign xml:lang="lat">beneficia</foreign>» sind da auch beschränkt auf dieses Dreieck: <term type="Begriffe" key="166">«Gesetz,</term> <term type="Begriffe1" key="468">Sünde,</term> <term type="Begriffe2" key="177">Gnade</term>» - Schluß! Und jetzt hat sich der lutherische Theologe und der lutherische Christ in diesem Dreieck da herumzubewegen. Der <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> selber ist ja dann bekanntlich im Alter wieder andere Wege gegangen. Es ist ihm plötzlich die Alte <term type="Begriffe" key="244,2">Kirche</term> doch wieder interessanter geworden, und [er] ist dann in der späteren Auflage der «Loci» seinen eigenen Weg weitergegangen.<note xml:id="n46"><bibl corresp="kbga-bibls-1910"><persName ref="kbga-actors-272">Ph. Melanchthon</persName>, <hi rend="italic">Loci praecipui theologici nunc denuo cura et diligentia summa recogniti multisque in locis copiose illustrati</hi> (1559)</bibl>.</note> Aber also, der Zusammenhang [zwischen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und den modernen Theologen] besteht. Das würde ich ohne weiteres sagen. Aber der Zusammenhang könnte auch eine Warnung sein.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Fragesteller:</speaker> 
                <p>Herr Professor, steht dem, was Sie eben gesagt haben, nicht die <term type="Begriffe" key="481,18">katholische</term> Interpretation <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luthers</persName> außerordentlich nahe, die etwa die «<foreign xml:lang="lat">iustificatio</foreign>» rezipiert, die aber sagt: sie sei zu einseitig und müsse in die ganze Plerophorie <term type="Begriffe" key="424,22">neutestamentlicher</term> Aussagen hineingestellt werden?<note xml:id="n47">Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-6013"><persName ref="kbga-actors-10704">J. Lortz</persName>, <hi rend="italic">Die Reformation in <term type="Begriffe" key="80">Deutschland</term></hi>, 2 Bde., Freiburg i. B. 1939f., bes. Bd. 1, S. 436</bibl>: Luther «scheitert an seiner Einseitigkeit oder, umgekehrt betrachtet, an der katholischen Synthese».</note> Zum Einzelnen - ja. Aber daß das Einzelne zum Ganzen gemacht wird, dazu wird nein gesagt. Und ist das nicht dem sehr nah verwandt, was Sie sagen?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Was heißt «nah verwandt»? Ich würde halt sagen: Die <term type="Begriffe" key="241">katholische</term> Kritik an der <term type="Begriffe1" key="397,1">Reformation,</term> <hi rend="italic">sofern</hi> sie sich auf diese Engführung bezog, also z. B. in der <term type="Begriffe" key="396,5">Rechtfertigungslehre</term> des <term type="Begriffe1" key="264"><orgName ref="kbga-actors-5203">Tridentinums</orgName>,</term> [hat etwas Richtiges gesehen]. Die haben ja offenbar nur den <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und den <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> vor Augen gehabt, und die <bibl corresp="kbga-bibls-16">«Institutio» [<persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName>]</bibl> ist wohl kaum bevorzugte Lektüre der <orgName ref="kbga-actors-5203">Konzilsväter von <term type="Begriffe" key="264">Trient</term></orgName> gewesen. Sonst hätten sie nämlich dort schon etwas merken können, hätten einiges nicht so sagen können, wie sie es sagen.<note xml:id="n48">Noch im Jahr der Verabschiedung des Rechtfertigungsdekrets am <orgName ref="kbga-actors-5203">Trienter <term type="Begriffe" key="264">Konzil</term></orgName> setzte sich <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> 1547 - als erster auf der reformatorischen Seite - kritisch damit auseinander: <bibl corresp="kbga-bibls-29">Acta Synodi <term type="Begriffe" key="264">Tridentinae</term>. Cum Antidoto, CO 7,429-473</bibl>; neue Edition mit deutscher Übersetzung in: <bibl corresp="kbga-bibls-30"><hi rend="italic">Calvin-Studienausgabe</hi>, hrsg. von E. Busch u. a. , Bd. 3: <hi rend="italic">Reformatorische Kontroversen</hi>, Neukirchen-Vluyn 1999, S. 116-207</bibl>. <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> übte an dem Konzilstext eine evangelische Kritik, obwohl und indem er erklärte: «Darüber gibt es wirklich keinen Streit, ob <term type="Begriffe" key="227">Christus</term> die heiligt oder nicht, die er rechtfertigt.» Sonst würde das <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term>, ja, <term type="Begriffe" key="227">Christus</term> selbst zerteilt (S. 151).</note></p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p263" rend="noPipe"/> Nun ist ja das an sich möglich, daß die reformatorische Interpretation des <term type="Begriffe" key="119">Evangeliums</term> auch ihre Grenze hatte und daß an diesem - oh, nicht sehr schönen - Widerspruch des <term type="Begriffe" key="264"><orgName ref="kbga-actors-5203">Tridentinums</orgName></term> etwas daran war (also, ich würde keinen der Sätze des <term type="Begriffe" key="264"><orgName ref="kbga-actors-5203">Tridentinums</orgName></term> übernehmen, wohlverstanden<note xml:id="n49">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/1, S. 697-700</bibl>. Ferner: <bibl corresp="kbga-bibls-6015">A. Gilg, <hi rend="italic">Karl Barth und das Tridentinum</hi> <hi rend="italic">(zu H. Küngs</hi> <hi rend="italic">Buch:</hi> <hi rend="italic">Rechtfertigung)</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Fragen und Wege historischer und systematischer Theologie.</hi> <hi rend="italic">Gesammelte Aufsätze</hi>, Zürich 1968, S. 198-238</bibl>.</note>; aber daß da etwas daran war!). Und nun ist doch das äußerst Merkwürdige passiert, daß mein katholischer Freund <persName ref="kbga-actors-1714">Hans Küng</persName> anhand der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></bibl> das <term type="Begriffe1" key="264"><orgName ref="kbga-actors-5203">Tridentinum</orgName></term> re-interpretiert hat; [er] versucht zu zeigen, daß das wohlverstandene reformatorische Anliegen, wie es in der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></bibl> zur Sprache kommt, identisch sei mit dem Anliegen der Väter von <term type="Begriffe" key="264"><placeName ref="kbga-places-397">Trient</placeName>.</term> Kennen Sie das Buch von <persName ref="kbga-actors-1714">Hans Küng</persName>?<note xml:id="n50"><bibl corresp="kbga-bibls-5488"><persName ref="kbga-actors-1714">H. Küng</persName>, <hi rend="italic">Rechtfertigung. Die Lehre Karl Barths und eine katholische Besinnung. Mit einem Geleitbrief von Karl Barth</hi> (Horizonte Bd. 2), Einsiedeln 1957 (1964).</bibl></note> Ja, das muß man kennen. Ein sehr merkwürdiges Buch! Ich habe im Vorwort dazu gesagt, was ich zu sagen habe.<note xml:id="n51"><bibl corresp="kbga-bibls-5488">A.a.O., S. 11-14.</bibl></note> Ich will es also nicht wiederholen … Aber also, die Sache ist komplex. Ihre Frage ist berechtigt: Die <term type="Begriffe" key="241">katholische</term> Kritik an der <term type="Begriffe" key="397,1">Reformation</term> hat <hi rend="italic">unter anderem</hi> auch eingehakt [bei dem Bedenken] gegen diesen Monofideismus der lutherischen <term type="Begriffe" key="397,1">Reformation.</term> Und den <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> haben sie nicht gekannt oder nicht verarbeitet. [Aber] ich habe mich nicht am <term type="Begriffe" key="264"><orgName ref="kbga-actors-5203">Tridentinum</orgName></term> orientiert, wenn ich über <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hinausgegangen bin, sondern an der «<bibl corresp="kbga-bibls-16">Institutio</bibl>».<note xml:id="n52">Vgl. bes. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/2, S. 569-578</bibl>, wo <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> unter Berufung auf <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> entsprechende Ausführungen im Buch III der «<bibl corresp="kbga-bibls-16">Institutio</bibl>» das Verhältnis von <term type="Begriffe" key="396">Rechtfertigung</term> und <term type="Begriffe" key="192">Heiligung</term> bestimmt.</note></p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10702">Poll</persName>:</speaker> 
                <p>[ … Ich bin immer] noch ein bißchen dagegen, daß da nur das Dreieck bestehen soll. Ist das nicht nur eine Frage des systematischen Einordnens? <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> kann doch sehr intensiv auch davon reden, daß der <term type="Begriffe" key="174">Glaube</term> vorwärtsschreitet und etwas tut. Wenn ich die <term type="Begriffe1" key="192">Heiligung</term> <pb ed="pga" xml:id="p264"/> extra ansetze, dann weiß man doch, was mit den Jahrhunderten immer wieder [daraus] geworden ist, wenn der <term type="Begriffe" key="305">Mensch</term> von seiner <term type="Begriffe1" key="192">Heiligung</term> redet. Wir haben das, glaube ich, am Niederrhein sehr kräftig vor Augen. Ist es da nicht besser, [auf <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>] zurückzugehen, als an den sicheren Punkt, den hellen Punkt. Ähnlich, wie Sie es gesagt haben im Credo<note xml:id="n53"><bibl corresp="kbga-bibls-187"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Credo. Die Hauptprobleme der <term type="Begriffe" key="90">Dogmatik</term></hi> <hi rend="italic">dargestellt im Anschluß an das Apostolische <term type="Begriffe" key="44,1">Glaubensbekenntnis</term></hi>, München 1935</bibl>. Gemeint ist aber: <bibl corresp="kbga-bibls-163">ders., <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="90">Dogmatik</term></hi> <hi rend="italic">im Grundriß. Vorlesungen, gehalten im Sommersemester 1946 an der Universität Bonn</hi>, Zollikon-Zürich 1947, S. 176 (Zürich 1977, S. 175)</bibl>: «Vielleicht kann man den Begriff der <term type="Begriffe" key="468,20">Vergebung</term>, der remissio, am besten so verdeutlichen: Es steht etwas geschrieben und das ist unser Leben, und nun wird ein großer Strich durch das Ganze gemacht. Es verdient durchgestrichen zu werden und - Gott sein Dank! - es wird durchgestrichen. Meiner <term type="Begriffe" key="468">Sünde</term> zum Trotz darf ich jetzt ein <term type="Begriffe" key="545,3">Zeugnis</term> empfangen, daß meine <term type="Begriffe" key="468">Sünde</term> mir <hi rend="italic">nicht angerechnet</hi> wird.»</note>. <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> streicht einmal unser ganzes Leben mit einem dicken roten Strich durch und sagt: Das war alles <term type="Begriffe" key="468">Sünde,</term> und [so] bist du dann auch angenommen! Es ist radikal. Aber wird nicht da, [gerade] an dem Punkt, die <term type="Begriffe" key="134">Freude</term> am <term type="Begriffe1" key="119">Evangelium</term> besonders groß? Ich streite das alles nicht ab, [das] mit der Weisheit und der <term type="Begriffe" key="192">Heiligung.</term></p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja gut, aber dann … </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10702">Poll</persName>:</speaker> 
                <p>Aber sollten wir heute nicht besser <term type="Begriffe" key="153">Gehorsam</term> [?]<note xml:id="n54">Ein ganz unverständliches Wort wurde hier gesprochen, das offenbar auch <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, nach seiner Reaktion zu schließen, nicht verstanden hat. Man könnte etwa auch «Tat» oder <term type="Begriffe" key="114">«Ethik</term>» ergänzen.</note> sagen, statt <term type="Begriffe" key="192">Heiligung,</term> damit man nicht so die Idee einer Entwicklung drin hat, auf die man vielleicht auch einmal ein Stückchen zurückblicken kann.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Aha, ein Niederrheiner! So, so, haben Sie im <placeName ref="kbga-places-914">Rheinland</placeName> so schreckliche <term type="Begriffe" key="104">Erfahrungen</term> mit der <term type="Begriffe1" key="192">Heiligung</term> gemacht? Aber ich bitte Sie, Sie haben doch im <placeName ref="kbga-places-914">Rheinland</placeName> auch einen <term type="Begriffe" key="398">reformierten</term> <term type="Begriffe" key="366">Pfarrer</term> namens <persName ref="kbga-actors-647">Kohlbrügge</persName> gehabt.<note xml:id="n55"><persName ref="kbga-actors-647">Hermann Friedrich Kohlbrügge</persName> (1803–1875) hat in der Sicht des älteren <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> «zu einem Monismus der […] <term type="Begriffe" key="396">Rechtfertigungslehre</term>» geneigt (<bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/2, S. 570</bibl>).</note> Der war eigentlich <term type="Begriffe" key="291">Lutheraner,</term> das kann man wohl sagen.</p>
                </sp> 
            </div> 
            <div>
            <pb ed="pga" xml:id="p265"/>
                <head type="sub">  5. Die evangelische Predigt der «Werke»</head>

                <sp>
                <speaker>Frage 4 (von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10705">Held</persName>):</speaker> 
                <p>In welchem Sinn ist eine evangelische <term type="Begriffe" key="378,7">Predigt</term> der Werke möglich?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Erste Frage: Was soll überhaupt unter <foreign xml:lang="grc">ἔργα</foreign>, unter «Werke», <foreign xml:lang="lat">opera</foreign> verstanden sein? Sind Sie einverstanden, wenn ich sage: Werke - nun, das ist der Inbegriff oder die Gesamtheit desjenigen Tuns, oder sagen wir: derjenigen <term type="Begriffe" key="122">Existenz,</term> wenn Sie gern wollen, zu der der <term type="Begriffe" key="305">Mensch</term> durch die freie <term type="Begriffe1" key="177,3">Gnade</term> Gottes, durch das <term type="Begriffe2" key="204">Hören</term> des Wortes <term type="Begriffe" key="537,8">Gottes</term> in der Kraft des Heiligen <term type="Begriffe1" key="154">Geistes</term> befreit ist? Ich sage: die <hi rend="italic">Gesamtheit</hi> des menschlichen Tuns, und würde also dabei ja nicht nur an bestimmte Dinge denken, die man für gut hält oder die man im 16. Jahrhundert für gut gehalten hat: Wallfahrten und Almosengeben und Ins-Kloster-Gehen und was weiß ich, sondern umfassend, wie es auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gelegentlich getan hat: das Tun des <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> - mit Einschluß seines <term type="Begriffe" key="174">Glaubens.</term> Der <term type="Begriffe1" key="174">Glaube</term> ist auch ein Werk. Der <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat sogar im «<bibl corresp="kbga-bibls-2061">Sermon von den guten Werken</bibl>» gesagt, der <term type="Begriffe" key="174">Glaube</term> ist der Hauptmann der guten Werke.<note xml:id="n56"><bibl corresp="kbga-bibls-2061"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Von den guten Werken</hi> (1520), WA 6,213,13f.</bibl>: «alszo auch der glaub musz werckmeister und heubtman sein in allen wercken».</note> Dann würde ich weiter sagen: Auch die <term type="Begriffe" key="106">Erkenntnis,</term> die <term type="Begriffe1" key="481,21">Theologie</term> ist auch ein menschliches Werk, total, von Anfang bis zu Ende. Das <term type="Begriffe" key="145">Gebet</term> ist auch ein menschliches Werk. Der <term type="Begriffe" key="183,4">Gottesdienst</term> der christlichen <term type="Begriffe1" key="156">Gemeinde,</term> <term type="Begriffe2" key="378">Predigt</term> und <term type="Begriffe" key="419">«Sakrament</term>», wie man gewöhnlich sagt, ist auch ein menschliches Werk, und so der <term type="Begriffe" key="546,3">Zeugendienst</term> der <term type="Begriffe1" key="156">Gemeinde</term> und des Einzelnen in ihrem Leben und in der <term type="Begriffe" key="525">Welt,</term> die <term type="Begriffe1" key="313">Mission,</term> das Leben des <term type="Begriffe2" key="275,2">Christen</term> im Alltag, im Umgang mit seinem Mitmenschen, dem gewöhnlichen und dem außergewöhnlichen. (Man begegnet nicht jeden Tag einem unter die Räuber Gefallenen wie der Samariter [vgl. <term type="Bibelstellen" key="Lk. 10,30-37"><ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.30 Lk.10.37">Lk. 10,30-37</ref></term>], aber das kommt auch vor - darum sage ich: die außerordentlichen und die ordentlichen Begegnungen mit dem Mitmenschen.) Das alles sind die Werke - die Werke, mit denen der <term type="Begriffe" key="305,15">Mensch</term> antwortet auf Gottes Wort, auf <term type="Begriffe" key="181">Gottes</term> Selbsterschließung seiner <term type="Begriffe1" key="122">Existenz</term> als <term type="Begriffe2" key="181">Gott,</term> seines Werkes als <term type="Begriffe" key="181">Gott,</term> seines Tuns als Schöpfer und Versöhner und Erlöser. Der <term type="Begriffe" key="305">Mensch</term> darf dieses Wort <term type="Begriffe1" key="537,9">Gottes</term> hören, und jetzt antwortet er [darauf] mit der Summe seiner Werke. Wenn er nicht antworten würde, und <pb ed="pga" xml:id="p266"/> zwar auf der ganzen Linie antworten, prinzipiell, - man wird nicht immer mit allem beschäftigt sein[, was auf dieser Linie in Frage kommen könnte], aber [wenn er nicht] prinzipiell mit all dem antwortet, so würde er ja Gottes Wort nicht gehört haben, würde er <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> nicht erkennen. Hat er ihn erkannt, dann lobt er <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> mit seinen Werken.</p>
                <p> Und nun würde ich doch meinen, daß der <term type="Begriffe" key="512">Verheißung</term> Gottes, in der <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> uns erklärt: «Ich will euer <term type="Begriffe1" key="181">Gott</term> und ihr sollt mein Volk sein» <term type="Bibelstellen" key="Lev. 26,12">[<ref type="can" subtype="bible" target="Lev.26.12">Lev. 26,12</ref></term>], trotzdem ihr von Kopf bis zu Fuß <term type="Begriffe" key="468">Sünder</term> seid, trotzdem bis zuletzt nicht nur einiges, sondern alles und jedes gegen euch einzuwenden sein wird, «ich will euer <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> sein und ihr mein Volk» und sollt es bleiben durch alles hindurch, - daß mit dieser <term type="Begriffe" key="512">Verheißung,</term> indem sie ergeht, zugleich ein Anruf an uns ergeht, eben das zu tun: diese Antwort zu geben. Ich würde sagen: schlecht oder recht! Es ist jetzt nicht an dem, was die Qualität dieses Werkes [betrifft]: <hi rend="italic">schön</hi> <term type="Begriffe" key="145">Beten</term> und <hi rend="italic">gute</hi> <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> produzieren und <hi rend="italic">feine</hi> <term type="Begriffe1" key="313">Mission</term> treiben und <hi rend="italic">liebevolle</hi> <term type="Begriffe" key="378,7">Werke</term> am Nächsten vollziehen - es geht [dabei] nicht um solchen Ruhm. Es geht darum, daß unsere Werke, daß wir in unseren Werken <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> antworten, in aller Bescheidenheit: «Ich auch auf der tiefsten Stufen, ich will glauben, zeugen, rufen …» usf.<note xml:id="n57"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-15">Strophe 11 des Liedes «Jesus Christus herrscht als König» von <persName ref="kbga-actors-2192">Ph. Fr. Hiller</persName>, RG 492 (EG 123 - hier statt «zeugen»</bibl>: «reden»).</note> Es geht darum, daß diese Antwort komme, daß dieses Lob <term type="Begriffe" key="287">Gottes</term> erschalle. Unter Seufzen! In aller Bescheidenheit! In schwerstem Druck! In der Gewißheit, daß fortwährend wieder zurückgelegt werden muß, was wir da hinter uns haben, daß neue Werke geschehen müssen!</p>
                <p> Aber geschehen müssen! Wir werden auf einen Weg gestellt. Und dieser Weg will begangen sein. Wir können nicht einfach dasitzen und sagen: «Jetzt habe ich Vergebung der <term type="Begriffe" key="468,20">Sünden,</term> und die werde ich morgen wieder [nötig] haben und übermorgen auch, in der Stunde meines Sterbens auch!», sondern - nein, du hast Vergebung der <term type="Begriffe" key="468,20">Sünden,</term> und das soll dir sagen: «Du bist befreit, die <term type="Begriffe" key="468">Sünde</term> ist nicht dein Herr, sondern ich bin es[, dein <term type="Begriffe" key="181">Gott</term>]. Und jetzt mach dich auf den Weg!» Und dann wird es ein Stolpern und Fallen geben auf diesem Weg. Aber dieser Aufruf ist da und ist gültig. Und dieser kräftige Aufruf - denn das ist ein kräftiger Aufruf: «Wach auf, der du schläfst!» <term type="Bibelstellen" key="Eph. 5,14">[<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.14">Eph. 5,14</ref></term>]; wir werden herausgeklopft aus unseren Betten: «Jetzt stell dich auf die <pb ed="pga" xml:id="p267"/> Füße!» -, dieser Aufruf, das ist, mit dem Fragesteller zu reden, das <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term> im prägnanten, nämlich im <term type="Begriffe" key="620">biblischen</term> Sinn<note xml:id="n58">In der Begründung zur Frage von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10705">Held</persName> heißt es: «Die evangelische <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term> kann das <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term> nicht anders als in der Gestalt der <term type="Begriffe" key="512">Verheißung</term> aufnehmen, das heißt also nicht mehr als <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term> im prägnanten Sinn.»</note>: dieser Aufruf! Aber es ist das <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term> des Geistes des Lebens, <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.2">Römer 8,2</ref><note xml:id="n59"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sagte versehentlich: «<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.1">Römer 8,1</ref>».</note>. Also nicht ein bloßes «Du sollst!», sondern es ist das <term type="Begriffe" key="166">Gesetz,</term> das die Gestalt des <term type="Begriffe" key="119">Evangeliums</term> ist.<note xml:id="n60">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-109"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term></hi> <hi rend="italic">und <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term></hi> (ThExh 32), München 1935, S. 11</bibl>: «Das <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term> ist nichts anderes als die notwendige <hi rend="italic">Form des <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term>s</hi>, dessen Inhalt die <term type="Begriffe" key="177">Gnade</term> ist.» (ders., a.a.O. [<ref type="pub" target="../volume/41/p063#fn_n36">s. S. 63f., Anm. 36</ref>], S. 89).</note> So tritt das <term type="Begriffe1" key="119">Evangelium</term> in unser Leben hinein, daß wir diesen Aufruf zu hören bekommen. Insofern würde ich sagen, daß nun in der <term type="Begriffe" key="90">Dogmatik</term> nicht nur zu reden ist von diesem Lob <term type="Begriffe1" key="287">Gottes</term> durch unsere Werke, sondern … in der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></bibl> gibt es einen ganzen Abschnitt unter dem Titel «Das Lob der Werke»<note xml:id="n61"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/2, S. 660-676.</bibl></note>; und das ist doppelsinnig gemeint: die Werke loben <term type="Begriffe" key="181">Gott,</term> und es besteht Anlaß in der <term type="Begriffe" key="481">Theologie,</term> auch die Werke zu loben - nicht weil sie so fein sind, aber weil sie geboten sind und weil wir das <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> ja gar nicht hören können, ohne daß wir sofort auch gerufen werden, ja, gerufen zu «guten Werken» <term type="Bibelstellen" key="Mt. 5,16">[<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.16">Mt. 5,16</ref></term>; <term type="Bibelstellen" key="2. Kor. 5,8"><ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.8">2.Kor. 5,8</ref></term>; <term type="Bibelstellen" key="Eph. 2,10"><ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.10">Eph. 2,10</ref></term>; <term type="Bibelstellen" key="1. Petr. 2,12"><ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.2.12">1.Petr. 2,12</ref></term>].</p>
                <p> Und  jetzt komme ich auf die vorangehende Frage zurück: In dieser Hinsicht ist mir, um jetzt einmal nicht von der «<bibl corresp="kbga-bibls-16">Institutio</bibl>» zu reden, etwa der Heidelberger <term type="Begriffe" key="239,2">Katechismus</term> ein Stück tiefer als der lutherische <term type="Begriffe" key="239,2">[Katechismus</term>] und als die lutherische Anweisung. Im Heidelberger <term type="Begriffe" key="239,2">Katechismus</term> [meine ich] dieses Verhältnis von des Menschen <term type="Begriffe" key="109">Erlösung</term> und des Menschen <term type="Begriffe1" key="74">Dankbarkeit.</term><note xml:id="n62">Der zweite Hauptteil des Heidelberger <term type="Begriffe" key="239,2">Katechismus</term> handelt «Von des <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> <term type="Begriffe" key="109">Erlösung</term>», von der nach dem <term type="Begriffe" key="44,1">Apostolikum</term> geredet wird, und darauf folgt im dritten Teil «Von der <term type="Begriffe" key="74">Dankbarkeit</term>», wo u. a. das <term type="Begriffe" key="166,8">Gesetz</term> (die 10 <term type="Begriffe" key="146,4">Gebote</term>) und das <term type="Begriffe" key="145">Gebet</term> behandelt werden.</note> <term type="Begriffe2" key="74">«Dankbarkeit</term>»: da kommt alles, was ja zu sagen ist über die 10 <term type="Begriffe" key="146,3">Gebote</term> und über das Unservater usf. Das, finde ich, ist instruktiver und ist eben dem <term type="Begriffe" key="546,1">Zeugnis</term> der heiligen <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> und insofern dem in ihr Bezeugten näher als … - Ja, da habe ich immer wieder Schwierigkeit mit dem <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>. Ich weiß genau, daß er auch immer wieder von den Werken redet. <pb ed="pga" xml:id="p268"/> Natürlich sagt er:  <term type="Begriffe" key="174">«Glaube</term> <hi rend="italic">und</hi> die <term type="Begriffe1" key="284">Liebe</term> usf.» Aber ich habe, wenn ich <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> lese - oh, das wissen die noch, die bei mir studiert haben, ich habe es sicher schon damals gesagt<note xml:id="n63">So z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-33"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Die Theologie Calvins</hi> (1922), hrsg. von H. Scholl (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1993, <ref type="pub" target="../volume/23/p102#p102">S. 102</ref></bibl>.</note> - … [ich] habe beim <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> immer den Eindruck von einer Echternacher Springprozession, wo man, ich glaub’, zwei Schritte vorspringt und dann [einen] wieder zurück.  </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Zwischenruf:</speaker> 
                <p>Drei vor und zwei zurück!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Drei vor und zwei zurück? Das ist noch toller. Ja, und so läuft es doch also bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>. Bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> darf man nie einmal ruhig sagen: «So, jetzt Hand angelegt! Jetzt wird etwas getan!» Oder auch: «Jetzt wird etwas gedacht, mit dem Köpflein, und ein Buch geschrieben. Und jetzt nicht fortwährend gejammert über die Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit unseres Tuns, sondern - in unserer Unvollkommenheit und Sündigkeit, aber jetzt wird einmal etwas gemacht!» Sondern kaum hat der <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gesagt: «Das Werk der <term type="Begriffe" key="284">Liebe</term> für den Nächsten!» usf., dann kommt wieder herein: Ja, aber, aber … - nicht wahr? Und dann gewinnt es doch wieder die <term type="Begriffe" key="396">Rechtfertigung</term> und wird wieder das einzige. Und ich würde in dieser Sache jetzt lieber ruhig mit dem linken Bein und mit dem rechten Bein vorwärtsgehen. Es muß eben beides sein, in seinem Zusammenhang.</p>
                <p> Denn - jetzt komme ich noch einmal auf die vordere Frage zurück - ich kann einfach nicht finden, daß der <term type="Begriffe" key="227,31">Christus</term> der drei Evangelien oder der <term type="Begriffe" key="227">Christus</term> des Johannesevangeliums, daß seine <term type="Begriffe1" key="58">Botschaft</term> oder Er als die <term type="Begriffe" key="58">Botschaft</term> Gottes, als der <foreign xml:lang="el-GR">λόγος</foreign> [Wort] Gottes sich «reduzieren» läßt auf die <term type="Begriffe" key="396,5">Rechtfertigungslehre.</term> [Das ist] auch wieder zu dünn. Und da möchte ich einfach die lutherischen Brüder einladen, sich an diejenigen Worte <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> zu halten, wo er dann auch das Fenster ein bißchen aufgemacht hat in Richtung der Werke und wo dann nicht wieder die zwei Schritte rückwärts gemacht wurden, wo dann alles wieder in Frage gestellt wird.<note xml:id="n64">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-33">a.a.O., <ref type="pub" target="../volume/23/p106#p106">S. 106f</ref>.<ref type="pub" target="../volume/23/p110#p110">110–114</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/1, S. 585f.</bibl></note></p>
                <p> Ja, Herr Pfarrer <persName ref="kbga-actors-10705">Held</persName>, sind Sie befriedigt? Nur würde ich nicht sagen, es handele sich da nicht um das <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term> im prägnanten Sinn<note xml:id="n65">Vgl. <ref type="pub" target="#fn_n58">Anm. 58</ref>.</note>, sondern ich würde sagen: Gerade das ist das <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term> im prägnanten, <pb ed="pga" xml:id="p269"/> biblischen Sinne … <note xml:id="n66">Hier ist auf dem Tonband ein wohl etwas längerer Tonausfall. Das in Klammern Gesetzte ist eine Rekonstruktion, um die Fortsetzung verstehen zu können.</note> [Das Erste ist natürlich nicht unser Tun des <term type="Begriffe" key="166">Gesetzes,</term> sondern das Erste ist das <term type="Begriffe1" key="119">Evangelium,</term> daß wir durch ihn] und durch sein Wort und durch den Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geist</term> die Seinigen werden und sind. Und <hi rend="italic">dann</hi> kommt es. Ich würde das unterscheiden, aber nicht trennen, sondern unterscheiden, aber wieder nicht abstrahieren. Es kommt dann im Leben eines <term type="Begriffe" key="305">Menschen,</term> wie Sie sagen: «durch den Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geist</term>»<note xml:id="n67">In der Begründung der Frage von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10705">Held</persName> heißt es: «Ein Beispiel für solche evangelische <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term> der Werke unter der Kategorie der <term type="Begriffe" key="512">Verheißung</term>, unter dem Gesichtspunkt des schenkenden Gottes, finde ich in <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.8 2.Kor.9"><term type="Bibelstellen" key="2. Kor. 8-9">2.Kor. 8-9</term>.</ref> Sie kann m. E. nur erfolgen, wenn man die göttliche Person des Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geistes</term> theologisch stärker berücksichtigt in der Lehre und gläubiger mit ihm rechnet bei der Vorbereitung und Ausführung der <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term>, vgl. <term type="Bibelstellen" key="Röm. 8,4"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.4">Röm. 8,4</ref></term>; <term type="Bibelstellen" key="Gal. 5,22-25"><ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.22 Gal.5.25">Gal. 5,22-25</ref></term> und <term type="Bibelstellen" key="Joh. 14,15-21"><ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.15 Joh.14.21">Joh. 14,15-21</ref></term>, wo das Halten der <term type="Begriffe" key="146">Gebote</term> und die Wirklichkeit des Geistes eng verknüpft werden.»</note>, auch [zu einem Tun]. Immer im Blick auf den Einen, verstehen Sie?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10705">Held</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, ja.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>… ganz und gar im Blick auf den Einen, nicht im Blick auf uns! Und ich meine, da haben die rheinischen und die anderen <term type="Begriffe" key="371">Pietisten</term> oft gefehlt, wenn die dann auch - wie der [Mann auf dem Buch von Bischof <persName ref="kbga-actors-343">Robinson</persName><note xml:id="n68">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p120#fn_n13">S. 120­, Anm. 13</ref>, und <ref type="pub" target="../volume/41/p233#fn_n06">S. 233­, Anm. 6</ref>.</note>] - diese Bewegung gemacht und versucht haben, in ihr Leben hineinzugucken und da wunderbare Spuren des Geistes zu entdecken und festzustellen.<note xml:id="n69">Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/2, S. 275-280</bibl> über die im <term type="Begriffe" key="247,1">Kirchenlied</term> feststellbare entsprechende Wendung; zu <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> besonders S. 277f.</note> Das geht natürlich nicht. Aber im Blick auf <term type="Begriffe" key="227,30">Christus</term>, in der Gemeinschaft mit ihm, in diesem «<foreign xml:lang="lat">coalescere cum Christo</foreign>»<note xml:id="n70">Calvinischer Ausdruck - z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-16">Institutio III 1,1</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">[…] nihil ad nos […], quaecunque possidet [scil. Christus], donec cum ipso in unum coalescimus</foreign>».</note>, zu dem wir Christen aufgerufen, in das wir hineingerufen sind, da kommt es zweifellos, wie es der <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt, zu einem <hi rend="italic">Tun</hi>, ja, zu einem Tun des <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="166">Gesetzes</term>.</hi> Aber bitte, «im Geist», sagt er: «die ihr im Geiste wandelt» <term type="Bibelstellen" key="Röm. 8,1">[<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.1">Röm. 8,1</ref></term>; <term type="Bibelstellen" key="Gal. 5,16.25"><ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.16">Gal. 5,16</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.25">25</ref></term>]. Und der Geist ist wieder der Geist <term type="Begriffe" key="154,5">Christi</term> <term type="Bibelstellen" key="Röm. 8,9">[<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.9">Röm. 8,9</ref></term>]. Und dann kann also gar keine Rede davon sein, daß für uns daraus irgend so etwas Verfügbares würde oder - der <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt: ein <foreign xml:lang="el-GR">καύχημα</foreign>, ein Ruhm <pb ed="pga" xml:id="p270"/> [vgl. <term type="Bibelstellen" key="Röm. 3,23"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.23">Röm. 3,23</ref></term>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.27">27</ref>], sondern es wird dann jeder Schritt, den wir tun, in tiefster <term type="Begriffe" key="77">Demut</term> getan werden, in <term type="Begriffe1" key="106">Erkenntnis</term> [unserer] gänzlichen Unvollkommenheit, mit der Bitte: «<foreign xml:lang="lat">Quod vixi tege, quod vivam rege</foreign>»<note xml:id="n71"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitiert öfters dieses spätmittelalterliche <term type="Begriffe" key="145">Gebet</term>: z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-929">W.G.Th., S. 61</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, S. 653.665.667</bibl>; KD IV/1, S. 668.</note> selbstverständlich. Aber nun nicht - und nur dagegen wende ich mich - eine Abrogation des <term type="Begriffe" key="166">Gesetzes</term><note xml:id="n72">Eigentlich <foreign xml:lang="lat">terminus technicus</foreign> aus der Föderaltheologie eines <persName ref="kbga-actors-948">J. Coccejus</persName>, laut der der im Urstand auf dem Grund des <term type="Begriffe" key="166">Gesetzes</term> geschlossene Werkbund Gottes mit dem <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> in der <term type="Begriffe" key="163,2">Geschichte</term> von Sündenfall und Gnadenbund «abrogiert» wird. Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/1, S. 57-70</bibl>.</note>, sondern ein rechtes Verständnis des <term type="Begriffe" key="166">Gesetzes.</term> Und vielleicht haben Sie jetzt eben aus Ihrer lutherischen Welt heraus wenigstens für einen Tag nach <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term> kommen müssen, um diese Trompete zu hören.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10705">Held</persName>:</speaker> 
                <p>[Es kam mir] jetzt gar nicht auf eine Abstraktion [an]. Aber ich meine, wenn man das hört: «Du brauchst nichts zu tun, <term type="Begriffe" key="227,4">Christus</term> hat alles für dich getan», dann klingt es nach einer solchen Abstraktion, wie man es oft in <term type="Begriffe" key="302">Meditationen</term> zu <term type="Begriffe1" key="378">Predigten</term> oder sonst in Abhandlungen lesen kann. Und dagegen[, meine ich,] wehrt sich irgendwie doch das Neue <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term>. Das ist doch nicht das Einzige, was gesagt werden kann.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> Natürlich, natürlich! Sehen Sie, das ist ja immer eine tolle Sache: die Abstraktionen! Die Abstraktionen sind immer die <term type="Begriffe" key="149">Gefängnisse</term> des Wortes <term type="Begriffe1" key="537">Gottes.</term> Wie ich seinerzeit vor vierzig Jahren angetreten und mit <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> als dem «ganz Anderen» und mit dem «Abgrund» gekommen bin<note xml:id="n73">Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-929">W.G.Th., S. 15</bibl>: «Er steht unserem Willen gegenüber als ein gänzlich anderer» (1916). S. 113: Die <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> führt «auch den Erschrockensten, Gedemütigsten, Verzweifelndsten noch einmal an den Rand eines Abgrundes […], von dem er nichts ahnte» (1922).</note> - ja, das war wohl nötig, daß man es damals so gesagt hat. [Aber] flugs ist eine Abstraktion daraus gemacht worden. Und dann ist dieser «ganz Andere» da von vielen, vielen Kanzeln <term type="Begriffe" key="513">verkündigt</term> worden. Und da kam mit Recht der Einwand: Ja, halt einmal, - <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> «der ganz Andere»? Ja, aber dieser <term type="Begriffe1" key="181">Gott</term> ist in <term type="Begriffe2" key="227,18">Christus</term> ein <term type="Begriffe" key="305">Mensch</term> geworden.<note xml:id="n74">Dies ein häufiger Einwand gegen die <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term>, wie sie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinem <ref type="pub" target="../texts?facet-volume=47"><bibl corresp="kbga-bibls-96">Römerbrief 2</bibl></ref> vertrat. Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-2601"><persName ref="kbga-actors-1092">A. Köberle</persName>, <hi rend="italic">Rechtfertigung und <term type="Begriffe" key="192">Heiligung</term></hi>, Leipzig (1929) 1930, S. 132</bibl>: «Bei Gott sein wollen, ohne daß Gott gesprochen hat, ist ebenso anmaßend und ungehorsam, wie Gottes Gegenwart leugnen, <hi rend="italic">nachdem</hi> Gott gesprochen hat.» Oder: <bibl corresp="kbga-bibls-6016"><persName ref="kbga-actors-10707">W. Knappe</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth und der Pietismus</hi>, in: Licht und Leben, Gladbeck 1927, S. 500</bibl>: «Der Gott, der […] in dieser <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> [<persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>] mit uns redet, ist der Gott vom Sinai, der Gott eines Mose […], aber nicht der <term type="Begriffe" key="181,25">Vater</term> unseres Herrn Jesu <term type="Begriffe" key="227,25">Christi</term>». Oder: <bibl corresp="kbga-bibls-6017"><persName ref="kbga-actors-3513">H. W. Schmidt</persName>, <hi rend="italic">Zeit und Ewigkeit. Die letzten Voraussetzungen der dialektischen Theologie</hi>, Gütersloh 1927, S. 32f.</bibl>: «Wenn <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auf Gott hinweisen will, führt er uns nicht zuerst vor die konkrete geschichtliche Person Jesu von <term type="Begriffe" key="227,19">Nazareth</term>, der von dem <term type="Begriffe" key="181,9">Gott</term> der erbarmenden <term type="Begriffe" key="284">Liebe</term> geredet hat.» Oder <bibl corresp="kbga-bibls-6018"><persName ref="kbga-actors-959">B. Dörries</persName>, <hi rend="italic">Der ferne und der nahe Gott. Eine Auseinandersetzung mit der Theologie Karl Barths</hi>, Gotha 1927, S. 54</bibl>: «<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> verkündet den <hi rend="italic">fernen</hi> Gott […]. Wir glauben an den <hi rend="italic">nahen</hi> Gott». Usw.</note> Nun bleibt es ja nicht dabei, bei dieser alleinigen <pb ed="pga" xml:id="p271"/> <term type="Begriffe" key="491">Transzendenz;</term> da kommt der <term type="Begriffe1" key="305">Mensch</term> dazu. Und es ist im Grunde hier [bei dem, was Sie jetzt sagen,] nochmals das gleiche Problem, nicht? Daß das nun so kommen kann, daß die Frage wieder so gestellt wird, wie Sie das sagen, daß man das so hört: <term type="Begriffe" key="227">«Christus</term> allein hat für uns genug getan», ja, da sind wir wieder im finstersten 17. Jahrhundert, wo die <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term> dann oft so getönt hat: «Ach was, wir sind und bleiben ja <term type="Begriffe" key="468">Sünder;</term> es gibt da nichts zu bestellen, aber gottlob! die <term type="Begriffe1" key="425,1">Schuld</term> ist abgetan!» … Wir sollten jetzt eigentlich ein bißchen weiter gekommen sein. Wir haben inzwischen den <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term> durchgemacht. Der <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term> war die Reaktion gegen dieses orthodoxe <term type="Begriffe1" key="291">Luthertum.</term> Und dann kam auch die Aufklärung. Und die Aufklärung mit ihrem <term type="Begriffe" key="318">Moralismus</term> war nämlich auch eine an sich berechtigte Reaktion, die da stattgefunden hat. Und dann kam der <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> und kam alles[, was ihm folgte]. Jetzt sollten wir allmählich gelernt haben, von den Abstraktionen nach der einen oder nach der anderen Seite Abstand zu nehmen, sondern vom Zentrum aus zu denken und zu reden.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10708">Freiling</persName>:</speaker> 
                <p>Ich weiß nicht, ob ich Bruder <persName ref="kbga-actors-10705">Held</persName> richtig interpretiere. Vielleicht wäre es einfach eine Fortsetzung der Frage, wenn es nicht seine Frage ist. Ich habe sie eigentlich mehr so verstanden, daß wir vielleicht nicht so hilflos sind in der rechten <hi rend="italic">Lehre</hi> von den Werken, auch in der <term type="Begriffe" key="378,7">Predigt</term> [davon], sondern daß wir so traurig darüber sind, daß unser auch rechtes Predigen keine Wirkung hat, daß sich in unseren <term type="Begriffe" key="156">Gemeinden</term> vom Innersten bis zum Äußersten nichts bewegt und daß dadurch die Prediger so müde werden, und [daß] eine Frage dahinter steht, ob wir denn doch vielleicht an dieser Stelle verkehrt predigen. Ich erinnere mich noch gut an das Ende der dreißiger Jahre. <pb ed="pga" xml:id="p272"/> Da kam einmal dieser Vortrag von <persName ref="kbga-actors-1672">Iwand</persName>: «Die Predigt des <term type="Begriffe" key="166,6">Gesetzes</term>»<note xml:id="n75"><bibl corresp="kbga-bibls-6019"><persName ref="kbga-actors-1672">H. J. Iwand</persName>, <hi rend="italic">Die Predigt des <term type="Begriffe" key="166,6">Gesetzes</term></hi>, in: EvTh, Jg.1 (1934), S. 55-78</bibl>; wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-6020">ders., <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="161,3">Glaubensgerechtigkeit</term></hi>, Gesammelte Aufsätze, Bd. II, hrsg. von G. Sauter (ThB 64), München 1980, S. 145-170</bibl>.</note>. Kurz darauf hat damals Theo H.<note xml:id="n76">Der Name ist unverständlich ausgesprochen. Vielleicht <persName ref="kbga-actors-10709">Theodor Hesse</persName>.</note> zu mir gesagt: «Wenn ich eine große Kollekte habe, habe ich immer Angst, daß ich verkehrt gepredigt habe; dann habe ich sicher <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term> gepredigt.» Und jetzt sind wir allmählich an dem anderen Punkt, daß wir sagen: Wenn wir doch einmal eine große Kollekte hätten, nicht in Form von <term type="Begriffe" key="155">Geld,</term> sondern von einiger Bewegung in der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde,</term> dann wären wir vielleicht froh; wir hätten das <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> wieder richtiger gepredigt. Also, ich weiß nicht, ob diese praktische Frage auch dahinter steht?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10705">Held</persName>:</speaker> 
                <p>Auch! Ich meine, das steht ohne Zweifel dahinter.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Man soll weder den <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> predigen noch die <term type="Begriffe" key="378,7">Werke</term>, sondern man soll halt <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="227">Christus</term></hi> predigen. Dann kommt es nämlich schon recht. Und was nun das betrifft, [was Sie sagen,] Fräulein <persName ref="kbga-actors-10708">Freiling</persName>: Wir wollen doch nicht so jammern über unsere schlecht zuhörenden und ungenügende Kollekten gebenden <term type="Begriffe" key="156">Gemeinden.</term> Das ist nie gut. Sehen Sie, ich könnte auch jammern, Fräulein <persName ref="kbga-actors-10708">Freiling</persName>, über die vielen hundert <term type="Begriffe" key="461">Studenten,</term> die bei mir gehört haben und die dann wie ein Bergsturz alle in die wüsteste Reaktion wieder zurückgefallen, ins 19. Jahrhundert zurückgegangen sind und die «ollen Kamellen» wieder gebracht haben. Da könnte ich auch seufzen und sagen: Hab’ ich’s nicht recht gemacht? Sicher habe ich es nicht recht gemacht, sicher! Ich nehme mich immer an der Nase, wenn ich so einen <persName ref="kbga-actors-1493">Herbert Braun</persName> lese oder den <persName ref="kbga-actors-343">Bischof von Woolwich</persName>, und sage: Nachdem du es jetzt 40, bald 50 Jahre lang, so gut du es konntest, so gemacht hast, und hast dich nicht versteift, bist immer weiter gegangen, hast versucht, es jetzt so zu sagen und jetzt so, und das Resultat ist - der <persName ref="kbga-actors-343">Bischof von Woolwich</persName>. Das ist ja furchtbar! Und was Sie da beschreiben mit der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde,</term> das ist nichts anderes.</p>
                <p> Wir sind ja aber gar nicht aufgefordert, sozusagen unsere <term type="Begriffe" key="396">Rechtfertigung</term> nun doch wieder durch unsere Werke zu suchen. Sondern wir sind in <term type="Begriffe" key="227,7">Christus</term> gerechtfertigt, aber auch geheiligt; also müssen Werke geschehen. Aber unsere <term type="Begriffe" key="396">Rechtfertigung</term> vor <term type="Begriffe1" key="181">Gott</term> wird nie unser Werk sein und wird nie ein herrlicher oder nur halbwegs oder <pb ed="pga" xml:id="p273"/> viertelsherrlicher Zustand in unseren <term type="Begriffe" key="156">Gemeinden</term> sein. Wenn wir selber mit unseren Leben - wenigstens ich - so wenig fertig werden, wie sollen wir es denn von den <term type="Begriffe" key="156,15">Gemeinden</term> verlangen, diesen armen Tröpfen, daß die jetzt unsere herrliche Predigt so aufnehmen, wie es gemeint ist und wie es eigentlich sein sollte? Sondern - das ist jetzt eben das Volk <term type="Begriffe" key="220,1">Israel</term> in der Wüste, Fräulein <persName ref="kbga-actors-10708">Freiling</persName>. Wir sind in der Wüste. Aber die Wolkensäule am Tag und die Feuersäule des Nachts geht uns voran <term type="Bibelstellen" key="Ex. 13,21">[<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.13.21">Ex. 13,21</ref></term>]. Und jetzt also: Marsch durch die Wüste! dem gelobten Land entgegen! Und dann wird es einmal herauskommen, was Gold und Silber und Edelsteine waren und [was] Heu, Stroh und Stoppeln <term type="Bibelstellen" key="1. Kor. 3,12">[<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.21">1.Kor. 3,12</ref></term>]. Es wird einmal herauskommen. Wir müssen dann alle vor den Richterstuhl <term type="Begriffe" key="227,24">Christi</term> treten <term type="Bibelstellen" key="2. Kor. 5,10">[<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.10">2.Kor. 5,10</ref></term>]. Dann kommt das alles ins Feuer <term type="Bibelstellen" key="1. Kor. 3,13">[<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.3.13">1.Kor. 3,13</ref></term>], und da werden wir erstaunen. Aber schließlich wird uns <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> ja [schon heute] nicht ganz verlassen haben, und man muß dann da glauben, auch ohne zu schauen [vgl. <term type="Bibelstellen" key="Joh. 20,29"><ref type="can" subtype="bible" target="Joh.20.29">Joh. 20,29</ref></term>; <term type="Bibelstellen" key="2. Kor. 5,7"><ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.7">2.Kor. 5,7</ref></term>]. Sie sind gar nicht aufgefordert, über den Stand der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinden</term> zu urteilen. Man hat da so Eindrücke, und die können einen beschweren. Aber dann ist man ja eingeladen, mit der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> zusammen auf den zu blicken, der der Herr und das Haupt der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> ist. Und dann geht es wieder - wir wollen einmal bescheiden sagen: eine halbe Stunde weiter, gelt. Es geht wieder eine halbe Stunde weiter für die nächste Bibelstunde, oder bei mir war es dann jeweilen so ein nächster Paragraph von dieser unendlichen <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik.</term> Und dann ist man nicht verlassen, sondern dann heißt es … - Sie haben ein paarmal das Wort «müde» gebraucht. Nun ja, es ist wahr, wir sind alle müde. Ich bin auch müde, sehr müde. Aber dann halte ich mich wieder an das, daß es doch da irgendwo heißt: «Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug den Unvermögenden» <term type="Bibelstellen" key="Jes. 40,29">[<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.40.29">Jes. 40,29</ref></term>]. Wollen wir uns doch daran halten und dann damit leben! Aber nicht so ein trauriges Gesicht machen, Fräulein <persName ref="kbga-actors-10708">Freiling</persName>!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>:</speaker> 
                <p>Darf ich noch selbst mal eben die Frage von Bruder <persName ref="kbga-actors-10705">Held</persName>, so wie ich sie verstanden habe, an einer Stelle [konkretisieren]? Nämlich unmittelbar im Blick auf die <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term> im <term type="Begriffe" key="183">Gottesdienst</term>, wo ja bis auf diesen Tag ungezählte <term type="Begriffe" key="378">Predigten</term> der Versuch einer guten <term type="Begriffe1" key="120">Exegese</term> und <term type="Begriffe" key="302">Meditation</term> sind, wo [man aber] dann an einer Stelle, wo man vielleicht darauf warten würde, daß es etwas übersetzt wird, erlebt, daß gesagt wird: «An dieser Stelle kann ich euch nun kein Rezept geben, kann ich <pb ed="pga" xml:id="p274"/> nicht sagen, was das für euch praktisch bedeutet. Das muß jetzt jeder selbst wissen.» In dieser Richtung wird bei uns ja laufend gepredigt. Und die [gestellte] Frage habe ich so verstanden: Wo gibt es nun eigentlich den Ansatz in der <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term> und wie ist es da möglich, daß wir hier ein Stück weiterkommen? Ist es erlaubt, ist es recht, ist es gut, in der <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term> auch zu sagen, dieses könnte jetzt für euch praktisch folgendes bedeuten - erstens, zweitens, drittens!?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Gut! Zum Beispiel: «Wählt nicht <orgName ref="kbga-actors-5908">CDU</orgName>!» … Sicher, nicht wahr, so ganz konkrete Sachen können ja dann nur in konkreter Situation gesagt werden. Das wird manchmal direkt, manchmal eher ein bißchen indirekt geschehen. Aber das wäre eine traurige <term type="Begriffe" key="378">Predigt,</term> die fortwährend nur sagen würde: «Also, gelt, ihr möchtet eigentlich gern selig werden und in den <term type="Begriffe" key="196">Himmel</term> kommen. Ihr seid arme <term type="Begriffe1" key="468">Sünder.</term> Aber es gibt eine <term type="Begriffe" key="468,20">Vergebung</term> für euch. <term type="Begriffe1" key="227,8">Christus</term> ist für euch gestorben …» Nein, sondern wenn das wirklich gut gesagt wird, dann ist das ein Appell in das Leben hinein, und der <term type="Begriffe" key="9,3">Pfarrer,</term> ja, er muß jetzt schon etwas wagen und in direkter oder indirekter Rede irgendwie sagen: «Also, es muß jetzt da etwas anders werden. Es wird in dieser <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> zuviel gesoffen. Das geht nicht so. Jetzt gibt es <orgName ref="kbga-actors-8613">Blaukreuz</orgName>!» So etwas, nicht wahr? Sonst ist es nicht ernst mit der Befreiung. Und vielleicht auch Dinge über das Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer bestimmten Region oder <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde.</term> Natürlich muß das angefaßt werden. Aber das kann man ja nun nicht dem Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> entnehmen, <hi rend="italic">was</hi> da gesagt werden soll. Man kann dem Neuen Testament nur entnehmen: es wird <hi rend="italic">konkret</hi> geredet werden.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10710">Reifner</persName>:</speaker> 
                <p>Eben hat ein Pfarrbruder hier im Hinblick auf den <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term> am Niederrhein ein Wort gesagt, und Sie, Herr Professor, haben das verlängert, indem Sie sagten: die saßen eben auch, wie die Skulptur, mit dem Gesicht nach unten. Es ist bei uns im <placeName ref="kbga-places-914">Rheinland</placeName> bei vielen Pfarrern eine Manie geworden, wenn das Wort <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term> auftaucht, dann abfällig davon zu sprechen. Es ist für mich sehr interessant, daß ich immer wieder auf die Werke im <placeName ref="kbga-places-914">Rheinland</placeName> stoße, die ihre Wurzel im <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term> haben, und daß ich, wenn ich Beter suche für irgend etwas, alte Pietisten suchen [muß], die noch leben. Denn die tun das ja noch. Und wenn [einer] über den <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term> redet und vielleicht nur das Negative [sieht], dann müßte ich diesen Pfarrer fragen: Was ist denn bei dir in der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> heute los? Denn damals [gab es] <pb ed="pga" xml:id="p275"/> ja doch zumindestens Bewegung - ob sie den Kopf [dabei] nach unten oder nach oben hatten, ob die Türen weit auf waren oder auch zu, irgendwas passierte jedenfalls! Was ich nur sagen wollte: ich habe nämlich auch schon einmal gehört, Herr Prof. <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> [wäre] auch nicht so sehr für <term type="Begriffe" key="371">Pietismus.</term> Ich wollte gerne dazu auch einmal ein Wort [hören]. Entschuldigen Sie, wenn ich es mal so vorgebracht habe. Ich sage einfach: Es ist nicht wahr[, als hätten wir mit dem <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term>] nur das <term type="Begriffe" key="57">Böse</term> erlebt, sondern wir leben im <placeName ref="kbga-places-914">Rheinland</placeName> noch vom <term type="Begriffe1" key="371">Pietismus,</term> wenn ich es einmal so kraß formulieren [darf], und wenn es nur eine halbe Stunde Wegstrecke wäre, Herr Professor, wie Sie es eben sagten.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Wenn es das wirklich jetzt noch gibt, jüngere oder ältere Pfarrer, die dauernd gegen den <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term> donnern, dann würde ich sagen: Die sind nun wirklich nicht auf der Höhe der Zeit, sondern das sind nun richtige - <term type="Begriffe" key="37">«Barthianer».</term> Das will sagen, sie haben den <bibl corresp="kbga-bibls-96">«<ref type="pub" target="../texts?facet-volume=47">Römerbrief</ref>», zweite Auflage</bibl>, gelesen, haben dort eine Reihe von scharfen Bemerkungen gegen den <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term> zur Kenntnis genommen<note xml:id="n77">Der eigentlich scharfe Angriff <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> auf den <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term> ist in der ersten Auslegung, <bibl corresp="kbga-bibls-1497">Römerbrief 1, S. 276-294</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-96"><ref type="pub" target="../volume/16/p204#p204">S. 204-217</ref></bibl>), zu lesen, vgl. hierzu: <bibl corresp="kbga-bibls-3095"><persName ref="kbga-actors-1513">E. Busch</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth und die Pietisten. Die Pietismuskritik des jungen Karl Barth und ihre Erwiderung</hi> (BEvTh 82), München 1978, S. 50-63.</bibl> Die «schärfsten» Äußerungen in der zweiten Auslegung, Römerbrief 2, sind: «Es könnte als Triumph des <term type="Begriffe" key="655">Pharisäismus</term> der <hi rend="italic">neue</hi> Pharisäismus, fürchterlicher als jeder frühere, auftreten, der es fertig bringt, nicht einmal ‹selbstgerecht›, sondern zu allem auch noch demütig zu sein! <term type="Begriffe" key="161,5">Menschengerechtigkeit</term> ist ja zu allem fähig, auch zur Selbstaufhebung und -auslöschung, wenn es sein muß (Buddhismus, <term type="Begriffe" key="320">Mystik</term>, <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term>). Man hüte sich vor diesem Mißverständnis mehr als vor allen andern; es hat schon so manchen, der unmittelbar vor den Toren der <term type="Begriffe" key="161,2">Gerechtigkeit</term> Gottes stand, im letzten Augenblick noch ‹ausgeschlossen›» (S. 86 [S. 84]). Gerade der Kritiker an der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> solle «lieber mit der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> … in der <term type="Begriffe" key="202">Hölle</term> sein, als mit den Pietisten niederer oder höherer Ordnung, älterer oder modernerer Observanz in einem <term type="Begriffe" key="196">Himmel</term> - den es nicht gibt» (S. 323 [S. 321]). Vgl. ebenfalls <persName ref="kbga-actors-1513">E. Busch</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth und die Pietisten</hi>, a.a.O., S. 98-116.</note>, vielleicht dazu übrigens auch <persName ref="kbga-actors-647">Kohlbrügge</persName><note xml:id="n78">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p264#fn_n55">S. 264­, Anm. 55</ref>; ferner das Kapitel <bibl corresp="kbga-bibls-6021">«Der Fromme ein Gegner der Frommen» in: <persName ref="kbga-actors-1045">H. Kl. Hesse</persName>, <hi rend="italic">Hermann Friedrich Kohlbrügge</hi>, Wuppertal-Barmen 1935, S. 167-203</bibl>.</note>, der ja dort im <placeName ref="kbga-places-914">Rheinland</placeName> noch näher liegt. Und nun reden sie unentwegt weiter. Da ist auch <pb ed="pga" xml:id="p276"/> wieder eine Türe zugegangen. Es sind im «Römerbrief» überhaupt einige Türen zugegangen, die nicht hätten zugehen sollen. Zum Glück hat der liebe <term type="Begriffe" key="181,20">Gott</term> mir erlaubt, noch ein bißchen länger zu leben und einiges wieder zurechtzustellen. Und nun kann ich Ihnen beiläufig sagen, ich habe mit den Pietisten längst meinen Frieden geschlossen, längst.<note xml:id="n79">Die vielleicht früheste Äußerung <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> dazu an der <orgName ref="kbga-actors-5873">Freien Reformierten <term type="Begriffe" key="471,1">Synode</term></orgName> 1934 in Barmen: <bibl corresp="kbga-bibls-6022">«Die Front gegen den <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term> gehört nun zu den veralteten Fronten», in: <hi rend="italic">Freie reformierte Synode, 3./4. Januar 1934</hi>, hrsg. von K. Immer, o. O. [Wuppertal] 1934, S. 27</bibl>.</note> Ich bin nicht Pietist geworden, aber - ich habe sogar in diesem Hause, unten in einem anderen Raum, schon eine Konferenz mit den deutschen Gemeinschaftspredigern gehabt.<note xml:id="n80">Am <date when="1959-10-06">6.10.1959</date>, s. <bibl corresp="kbga-bibls-3174">Gespräche 1959-1962, <ref type="pub" target="../volume/25/p013#p013">S. 13-41</ref></bibl>.</note> Die kamen zu mir und sagten: Sie wollten mal mit mir über den <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term> zu Boden reden. Hab’ ich gesagt: «Gut, über’s Jahr kommt ihr, nachdem ihr alle den <bibl corresp="kbga-bibls-2">Band [KD] IV/2</bibl> gelesen habt - über die <term type="Begriffe" key="192">Heiligung,</term> nicht wahr -, denn ich will dann nicht Sachen hören, die ich dort bereits gesagt habe.» Das haben diese Gemeinschaftsprediger getan, und dann sind sie gekommen und haben mir noch ihre übrigbleibenden Fragen gestellt, und wir haben uns einen ganzen Tag lang ausgezeichnet unterhalten und verständigt. Das geht.</p>
                <p> Also, das hat gar keinen Sinn, sich da [auf ein Nein] festzulegen. Man braucht ja nicht selber gleich Pietist zu werden. [Aber man darf doch auch für sein Anliegen offen sein -,] daß man dann in der Tat auch geschichtlich den reformierten, den spezifisch niederdeutschen, niederrheinischen <term type="Begriffe" key="371">Pietismus,</term> der ja merkwürdigerweise <term type="Begriffe" key="320">mystisch</term> [aus]gerichtet war, und den hallischen <term type="Begriffe" key="371">Pietismus,</term> der merkwürdigerweise moralisch [aus]gerichtet war - da sind nämlich die Konfessionen überkreuz gegangen<note xml:id="n81"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> meint: Der <hi rend="italic">reformierte</hi> <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term> sei ein Korrektiv gegenüber einem aktivistischen Calvinismus, der hallisch-<hi rend="italic">lutherische</hi> <term type="Begriffe" key="371">Pietismus</term> ein Korrektiv gegenüber einem quietistischen Luthertum gewesen.</note> -, daß man das nachträglich zu würdigen weiß und nun nicht fortwährend wieder schießt gegen diese Pietisten.</p>
                <p>  Ich habe ebenfalls - das ist ja nun ein bißchen etwas anderes - ausgezeichnete Beziehungen zur <term type="Begriffe" key="156">Brüdergemeine.</term> Mein <persName ref="kbga-actors-438">Schwiegersohn</persName> und meine <persName ref="kbga-actors-5802">Tochter</persName><note xml:id="n82"><persName ref="kbga-actors-438">Max</persName> und <persName ref="kbga-actors-5802">Franziska Zellweger-Barth</persName>.</note> gehören zur <term type="Begriffe" key="156">Brüdergemeine.</term> Hier in <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>,</term> <pb ed="pga" xml:id="p277"/> im Zinzendorf-Haus, habe ich auch schon einen ganzen Tag mit  <term type="Begriffe" key="156">Brüdergemeine-Pfarrern</term> zugebracht.<note xml:id="n83">Am <date when="1960-10-12">12.10.1960</date>, s. <bibl corresp="kbga-bibls-3174">Gespräche 1959-1962, <ref type="pub" target="../volume/25/p124#p124">S. 124-157</ref></bibl>.</note> Und das ging auch. Also, es soll jetzt niemand sozusagen ein antipietistisches Lineal verschluckt haben. Oder wenn Sie es verschluckt haben, so ziehen Sie es wieder heraus! Pietisten sind auch <term type="Begriffe" key="305">Menschen.</term></p>
                <p>Aber sehen Sie, da haben Sie jetzt wieder einen Fall, daß ich so gefragt werden konnte, wie zuletzt die Frage lautete: Was sagt der Professor <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dazu? Ja, er hat längst, längst, das nicht erst seit gestern, vor aller Augen seine Hefte revidiert und gesagt: «Ich muß die Akzente jetzt ein bißchen anders setzen.»<note xml:id="n84">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/2, S. VIIf.</bibl></note> Und nun wäre es furchtbar nett gewesen, man hätte mich vielleicht auf diesem Weg ein bißchen besser begleitet. Dann wäre vielleicht auch allerhand Unglück nicht geschehen. Es ist, ganz beiläufig gesagt, halt doch schade, wenn die <term type="Begriffe" key="9,3">Pfarrer </term> so viel zu tun haben oder sich so viel zu tun geben oder geben lassen. Was ja dann hauptsächlich darin besteht, daß sie reden, reden, reden müssen - wie ich es am Anfang gesagt habe: ohne Punkt und Komma -, Vorträge und <term type="Begriffe" key="378">Predigten</term> und Bibelstunden ausspucken und Männerabende und Frauenabende und was noch. Es ist schade: ein Zuviel nach dieser Seite. Gerade wenn Sie aus einem Werk wie Ihrer Jugendarbeit kommen, müssen Sie sich das ein bißchen hinters Ohr schreiben: Es sollte halt doch der <term type="Begriffe" key="305">Mensch</term> fortfahren, <term type="Begriffe1" key="481">Theologie</term> zu treiben. Und das heißt dann: gewissenhaft Bücher zu lesen und nicht nur aus einigen Sachen, die man vor 20 oder 30 Jahren oder noch länger [zurück] aufgeschnappt hat, … sondern sich zu unterrichten. Die <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> gehört auch zum Leben der <term type="Begriffe1" key="275,5">Gemeinde.</term> [Ich] werde später noch darauf zu reden kommen. Aber das nur am Rande wieder gesagt.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10711">Drubel</persName>:</speaker> 
                <p>Herr Professor, gehört [in] das Dilemma [beim] Kapitel der guten Werke nicht vielleicht ein Stück weit auch [der] Heidelberger <term type="Begriffe" key="239,2">Katechismus</term>? Das ist ja zwar sehr richtig, wenn das Oberwort von der <term type="Begriffe" key="74">Dankbarkeit</term> gesagt wird. Aber der <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> bringt das meines Erachtens noch ein bißchen handfester, indem er mehr von der <hi rend="italic">Verpflichtung</hi> des <term type="Begriffe" key="68,4">Christen</term> redet. Ich meine, <term type="Begriffe1" key="74">Dankbarkeit</term> - sicherlich, wenn man es theologisch richtig deutet - ist auch ein Stück Verpflich<pb ed="pga" xml:id="p278" break="no"/>tung. Aber der <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> macht es handfester und sagt: Nun marschiert! Und nun tut das! und [das haltet ihr so!].</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, ja, aber er sagt halt: «Alles ist euer, ihr aber seid Christi» <term type="Bibelstellen" key="1. Kor. 3,22f.">[<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.3.22 1.Kor.3.23">1.Kor. 3,22f.</ref></term>]. Das ist die umfassende Formel für die Werke. Jetzt handelt als solche, die zu <term type="Begriffe" key="227,5">Christus</term> gehören! Ich meine aber nicht, bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zu sehen, daß er irgendwo aus dem Zusammenhang mit <term type="Begriffe" key="227,5">Christus</term> herausfällt. Und was kann es dann für einen anderen Zusammenhang geben als den zwischen der <foreign xml:lang="el-GR">χάρις</foreign>, [der] <term type="Begriffe" key="177">Gnade,</term> und <foreign xml:lang="el-GR">εὐχαριστία</foreign> [Dankbarkeit], in welcher der <term type="Begriffe" key="305,15">Mensch</term> der <foreign xml:lang="el-GR">χάρις</foreign> begegnet?! Aber ich hänge nicht an dem Wort <term type="Begriffe" key="74">«Dankbarkeit</term>». Wenn es nur in der Sache klar bleibt, daß <foreign xml:lang="el-GR">χάρις</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">εὐχαριστία</foreign> halt zusammengehören, das Wort und die Antwort.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>:</speaker> 
                <p>Vielleicht sollten wir an dieser Stelle diese Frage abschließen.</p>
                </sp>

                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Vorläufig, gelt.</p> 
                </sp>
            </div> 
            <div>
                <head type="sub"> 6. Was heißt: «ein guter Lebenswandel»?</head>

                <sp>
                <speaker>Frage 5 (von Pfarrer <persName ref="kbga-actors-10701">Vetter</persName>):</speaker> 
                <p>Wo liegen in der Praxis die Grenzen zwischen <term type="Begriffe" key="316">Moral</term> und christlicher <term type="Begriffe1" key="114">Ethik</term>?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das ist jetzt auch wieder so eine Verdächtigung - schon in dem Wort <term type="Begriffe" key="316">«Moral</term>». Es könnte auch heißen: «… zwischen nichtchristlicher und christlicher <term type="Begriffe" key="316">Moral</term>». Denn <term type="Begriffe1" key="114">Ethik</term> ist nichts anderes als eben <term type="Begriffe" key="316">«Moral</term>». Aber das nur beiläufig zum Sprachlichen. </p>
                <p> Nun wird [zu Ihrer Frage] dann thetisch gesagt: «Viele Menschen meinen, einen [guten] Lebenswandel zu führen[, der sich mit vielen Aussagen der <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> deckt].<note xml:id="n85">Das in diesem Zitat in Klammern Gesetzte gehört mit zur Begründung der Frage von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10701">Vetter</persName>, wurde aber von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> beim Vorlesen übersprungen.</note> Sie haben nicht unrecht, aber es fehlt ihnen dennoch die Bindung an Gottes <term type="Begriffe" key="537,9">Wort</term>. Gilt hier: Wenn zwei das gleiche tun, so ist es doch nicht das gleiche?»<note xml:id="n86"><foreign xml:lang="lat">Duo cum faciunt idem, non est idem</foreign> - nach <bibl corresp="kbga-bibls-6023"><persName ref="kbga-actors-2126">Publius Terentius Afer</persName>, <hi rend="italic">Adelphi</hi> V, 3,37</bibl>.</note> </p>
                <p>Ich habe da allerhand Bedenken. Ich würde halt sagen: Ohne «Bindung an Gottes Wort» tun diese Menschen mit ihrem «guten Lebenswandel» <hi rend="italic">nicht</hi> «das gleiche» - wie es da am Schluß heißt: «Wenn zwei <pb ed="pga" xml:id="p279"/> das gleiche tun …» Nein, sie tun nicht das gleiche. Sondern sie tun wie die <term type="Begriffe" key="655">Pharisäer</term> des Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testaments</term>, die auch gute Leute waren  und einen «guten Lebenswandel» geführt haben - sie waren keine Alkoholiker und keine <term type="Begriffe" key="436,1">Homosexuellen</term> und keine Scheck-Fälscher und so, sondern das waren feine Leute, die <term type="Begriffe" key="655">Pharisäer</term>. Das muß man sich sagen lassen vom heutigen <term type="Begriffe" key="232">Judentum</term><note xml:id="n87"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> stand etwa <persName ref="kbga-actors-934">Martin Buber</persName> als «der neupharisäische Jude» vor Augen (<bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/2, S. 779</bibl>), und er verweist dabei auf <bibl corresp="kbga-bibls-6024"><persName ref="kbga-actors-3216">E. Gaugler</persName>, <hi rend="italic">Der Mensch und die Religion</hi>, Bern 1942</bibl>. In KD II/2, S. 779f., sieht <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> das Problem der Pharisäer in ihrer Abstrahierung von der messianischen Erfüllung des <term type="Begriffe" key="166">Gesetzes</term> in dem Bergprediger Jesus.</note> - wenn man es nicht sonst schon gemerkt hat. <hi rend="italic">Aber</hi> - sie lebten nicht in der «Bindung an Gottes <term type="Begriffe" key="537,9">Wort</term>». Und da[rum] war das, was sie taten in ihrem guten Lebenswandel, nicht das gleiche, was zu tun war in der <hi rend="italic">Bindung</hi> an Gottes Wort, sondern sie taten bzw. sie tun - alles, was auf der Linie des Pharisäismus liegt - in Eigensinn und in Eigenwilligkeit und im Streben nach eigener <term type="Begriffe" key="161">Gerechtigkeit</term> [vgl. <term type="Bibelstellen" key="Röm. 11,7"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.7">Röm. 11,7</ref></term>] und also in Eigensucht das <hi rend="italic">Gegenteil</hi> des von <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> <term type="Begriffe1" key="146,4">Gebotenen.</term> Also eben nicht das gleiche, sondern das Gegenteil! Und «Bindung an Gottes Wort» heißt: Bindung an Gottes freie <term type="Begriffe" key="177">Gnade,</term> Bindung an Jesus <term type="Begriffe1" key="227,5">Christus,</term> Bindung an die Weisung seines Heiligen <term type="Begriffe" key="154">Geistes.</term> Und das ist etwas anderes als ein «guter Lebenswandel» - und wäre er noch so gut, und wäre er etwa der Lebenswandel, der von der Moralischen <term type="Begriffe" key="317">Aufrüstung</term> in Caux mit ihren vier Absoluten vorgeschlagen wird.<note xml:id="n88">Die 1938 durch <persName ref="kbga-actors-2637">Frank Buchman</persName> formierte Bewegung Moral <term type="Begriffe" key="317">Re-armement</term> (MRA) (vgl. oben S. <ref type="pub" target="../volume/41/p149#fn_n46">149­, Anm 46</ref>) fordert unbedingte Ehrlichkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit und <term type="Begriffe" key="284">Liebe</term>.</note> [Beides ist] total verschieden. Caux, die Moralische <term type="Begriffe" key="317">Aufrüstung</term> - das ist in klassischer Form der neue, der christliche Pharisäismus. Natürlich sind wir alle, mehr oder weniger, davon bedroht, da hineinzufallen. [Aber] das sollte unterschieden und nicht gleichgesetzt werden: das Leben aus dem <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term> des Geistes und der <term type="Begriffe1" key="132">Freiheit</term> - <term type="Begriffe2" key="166">«Gesetz</term> der <term type="Begriffe1" key="132">Freiheit</term>», das steht im <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.27">Jakobusbrief [1,27]</ref>, <term type="Begriffe" key="166">«Gesetz</term> des Geistes und des Lebens», das steht im <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.27">Römerbrief [8,2]</ref> (das wird wohl dasselbe sein) -, dieses <term type="Begriffe" key="166">Gesetz</term> ist ein ganz anderes Gesetz als das, das <term type="Begriffe" key="305">Menschen,</term> wenn auch unter Berufung auf <term type="Begriffe" key="620">Bibeltexte</term>, sich selber auferlegen, [indem sie] nun selber da ihre Entwürfe machen und das für gut halten, was - ja, was <hi rend="italic">sie</hi> nun <pb ed="pga" xml:id="p280"/> eben als gut ansehen, statt sich klar zu machen: Was gut ist, das muß ihnen immer aufs neue gesagt werden.</p>
                <p> Und nun könnte ich darüber hinaus nur eines hinzufügen: Wo die Bindung an Gottes Wort vorliegt oder nicht vorliegt, darüber haben wir nicht zu entscheiden. Es könnte sein, daß eine Bindung an Gottes Wort in Bereichen vorliegt, wo wir nur staunen könnten und wo dann das Wort in Kraft tritt, daß die Kinder dieser <term type="Begriffe" key="525">Welt</term> klüger sind in ihrem Bereich als die Kinder des Lichts <term type="Bibelstellen" key="Lk. 16,8">[<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.8">Lk. 16,8</ref></term>]. Das kommt vor. Eine «Bindung durch Gottes Wort» - ja, wie sollte das nicht [auch dort draußen] vorkommen, da die ganze <term type="Begriffe" key="525">Welt,</term> nicht nur die ganze christliche <term type="Begriffe" key="70,14">Welt,</term> sondern auch die <term type="Begriffe1" key="525">Welt</term> <foreign xml:lang="lat">extra muros ecclesiae</foreign> [von Ihm regiert wird]? Wenn diese <term type="Begriffe" key="525">Welt</term> nach dem, was am Anfang des <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.3">Johannesevangeliums [1,3]</ref> zu lesen ist: <foreign xml:lang="el-GR">τὰ πάντα ἐγένετο δι’ αὐτοῦ</foreign> [alles ist durch ihn geworden], durch ihn: den, von dem das Johannesevangelium redet, - und wenn es so ist, wie der Kolosserbrief
                am Anfang sagt: «Alles und alle, <foreign xml:lang="el-GR">τὰ πάντα</foreign>, wurden durch ihn geschaffen, sind durch ihn zusammengehalten» [<ref type="can" subtype="bible" target="Kol.1.16 Kol.1.17">1,16f.</ref>], ja, wenn das so ist, was wissen wir dann darüber, ob es nicht <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> gefallen kann, [daß er] nun also nicht durch unsere <term type="Begriffe1" key="378">Predigt</term> und <term type="Begriffe" key="120">Bibelauslegung</term> usf., sondern auf Wegen, die er kennt und die wir ihm nicht versperren können, <term type="Begriffe" key="305,15">Menschen</term> erreicht und daß es dann ernstlich zu einem guten Lebenswandel kommt, vielleicht ohne daß sie es wissen, wo sie es herhaben, aber sie haben es, und sie führen ihn. Und dann wird man zusehen müssen, daß man nun nicht diese Bindung an Gottes Wort identifiziert etwa mit der Bindung an die von uns für richtig gehaltene, vielleicht «christozentrische» <term type="Begriffe" key="481,10">Theologie.</term> Sondern bitte, erlauben Sie es dem lieben Gott, daß vielleicht - man muß das nicht systematisieren, verstehen Sie - …, daß es ihm vielleicht auch gefallen kann, da draußen auf der Straße die Seinigen zu finden, uns zur Beschämung, [so] daß die diesen «guten Lebenswandel» faktisch führen.</p>
                <p> Und dann wird man auch wieder ein bißchen <term type="Begriffe" key="148">geduldig</term> und ein bißchen offen, auch im Blick auf die Geschichte. Und ich bin [zum Beispiel] immer dafür, im 18. Jahrhundert nicht nur die <term type="Begriffe" key="371,5">Pietisten</term> gelten zu lassen, wie ich vorhin gesagt habe: die auch, sondern auch die Rationalisten und Aufklärer. Wissen Sie, vielleicht so ein Mann wie der gute <persName ref="kbga-actors-1000">Gellert</persName> mit seinen Liedern<note xml:id="n89"><persName ref="kbga-actors-1000">Christian Fürchtegott Gellert</persName> (1715–1769) war mit elf Liedern im Schweizer Kirchengesangbuch von 1952 (GERS) vertreten. Seine Lieder sind gesammelt in: <bibl corresp="kbga-bibls-6025"><hi rend="italic">Chr. F. Gellerts sämmtliche Schriften</hi>, Zweyter Theil, Neue verb. Aufl., Wien 1789</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> kannte eine Reihe dieser Oden und Lieder auswendig.</note>, die ich eigentlich nicht ungern <pb ed="pga" xml:id="p281"/> lese - man hat den Eindruck, der habe einen «guten Lebenswandel» geführt, und vielleicht noch hunderte und tausende auch in seinem Jahrhundert ebenfalls, umgeben von einer schlechten <term type="Begriffe" key="391">rationalistischen</term> <term type="Begriffe" key="481">Theologie.</term> Aber immerhin, auch in dieser rationalistischen <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> des 18. Jahrhundert und des 19. war ja immer auch noch ein bißchen etwas von <term type="Begriffe" key="119">Evangelium,</term> so irgendwie, und hat die Leute erreicht. Man muß, wissen Sie, mit dieser <term type="Begriffe" key="420">Säkularisierung</term> des modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen</term> nicht zuviel Geschrei machen. «Säkular» waren die Menschen immer, samt und sonders, und die <term type="Begriffe" key="68">Christen</term> selber auch. (Wir kommen ja an einem anderen Punkt noch darauf zu reden.<note xml:id="n90">Die Frage wurde wegen Zeitknappheit nicht mehr behandelt, aber siehe im Anhang <ref type="pub" target="../volume/41/p330#p330">S. 330f.</ref> zu Frage 8!</note>) Aber durch alle <term type="Begriffe" key="420">Säkularität</term> des Menschen hindurch hat die Divinität <term type="Begriffe1" key="181,21">Gottes</term> ihren Weg zu Menschen von allerlei Volk von jeher zu finden gewußt. Also, verstehen Sie, ich möchte nicht etwa einfach das mitmachen, was heute gemacht wird: daß man gewisse Aussagen des späteren oder des letzten <persName ref="kbga-actors-50">Bonhoeffer</persName> systematisiert und dann einfach alle Grenzen aufhebt zwischen der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> und der <term type="Begriffe1" key="525">Welt.</term><note xml:id="n91"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezieht sich wohl auf Gedanken bei <bibl corresp="kbga-bibls-1358"><persName ref="kbga-actors-50">D. Bonhoeffer</persName>, <hi rend="italic">Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft</hi>, hrsg. von Chr. Gremmels u. a., Werke, hrsg. von E. Bethge u. a., Bd. 8, Gütersloh 1998</bibl>, wo Bonhoeffer «die Mündigkeit der <term type="Begriffe" key="525,3">Welt</term>» (S. 478.482.511), so versteht: «Und wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, daß wir in der <term type="Begriffe" key="525">Welt</term> leben müssen - ‹<foreign xml:lang="lat">etsi deus non daretur</foreign>› […], ohne die Arbeitshypothese Gott» (S. 533f.). Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p148#fn_n44">S. 148, Anm. 44</ref>. - <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zielt hier in seiner Weise auch auf den Gedanken eines «anonymen <term type="Begriffe" key="70,1">Christentums»</term> in der nichtkirchlichen <term type="Begriffe" key="525">Welt</term>. Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-6026">D. Sölle, <hi rend="italic">Die Wahrheit ist konkret</hi>, Olten/Freiburg i. B. 1967, S. 120</bibl>. Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> differenzierter Stellungnahme zu dem Problem vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/3, S. 122-153</bibl>.</note> Nein, nein, so einfach ist es auch wieder nicht. Aber man darf auch nicht die <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term> Gottes in Frage stellen, auch außerhalb dieser Grenzen sein Werk zu tun - und ich wiederhole: oft genug zu unserer Beschämung zu tun, und [wo er es tut, da hat man] sich dann daran zu halten.</p>
                <p>Es war leider so - um das noch zu sagen -, daß in vielen Punkten, was den «guten Lebenswandel» betrifft, je und je die sogenannten Ungläubigen oder Nichtgläubigen oder Halbgläubigen oder Falsch<pb ed="pga" xml:id="p282" break="no"/>­gläubigen der Sache besser auf der Spur waren als die Gläubigen. Es war  einfach so. Die Verbesserung der modernen Justiz, die Abschaffung der Sklaverei, die <term type="Begriffe" key="21">Arbeiterbewegung,</term> [die] <term type="Begriffe" key="135,4">Friedensbewegung </term>- ja, die <term type="Begriffe" key="68">Christen</term> sind dann auch gekommen. So hundert Schritt hinterher haben sie sich jeweilen dann auch aufgemacht und ist man dann so erwacht, Mitte des 19. Jahrhunderts - ja, <persName ref="kbga-actors-1321">Wichern</persName>: «Ah, ja, es könnte etwas daran sein [an dem], was diese <term type="Begriffe" key="299">Marxisten</term> da vortragen …»<note xml:id="n92"><persName ref="kbga-actors-1321">Johann Hinrich Wichern</persName> (1808–1881) machte mit seiner Rede auf dem <term type="Begriffe" key="710">Wittenberger</term> Kirchentag 1848, abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-6027"><persName ref="kbga-actors-1321">J. H. Wichern</persName>, <hi rend="italic">Sämtliche Werke</hi>, Bd. 1, hrsg. von P. Meinhold, Berlin/Hamburg 1962, S. 155-171</bibl>, und in seiner Schrift <bibl corresp="kbga-bibls-6028"><hi rend="italic">Die innere Mission der deutschen evangelischen Kirche</hi>, Hamburg 1849, wiedergegeben a.a.O., S. 175-366</bibl>, die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> aufmerksam auf die «socialen Gebrechen», wußte aber gegen sie in der Hauptsache nur den Rat der Liebestätigkeit der «inneren <term type="Begriffe" key="313,1">Mission</term>».</note> Aber sie kamen hinterher. Das ist ein bemühendes Schauspiel. Und das <hi rend="italic">gehört</hi> ja zum guten Lebenswandel, daß eigentlich die <term type="Begriffe" key="68,6">Christen</term> da die ersten hätten sein sollen. Ich könnte auch die Frauenbewegung übrigens in diesem Zusammenhang erwähnen. Wie kurios, daß die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> weithin so die feste Burg des Männertums ist! Jawohl, [da] wäre einiges zu lernen daraus. [Und] es wären noch viele [solche] Punkte.</p> 
                </sp>
            </div> 
            <div>
                <head type="sub"><term type="Begriffe" key="132"> </term> 7. Göttliche und menschliche Freiheit<note xml:id="n93">Der folgende Teil des Gesprächs fand nach der Mittagspause statt.</note></head>

                <sp>
                <speaker>Frage 6 (von Pfarrer <persName ref="kbga-actors-10699">Ulbrich</persName>):</speaker> 
                <p>Warum hat der <term type="Begriffe" key="305,14">Mensch</term> an sich und als solcher nicht in seiner geschöpflichen <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term> die <term type="Begriffe1" key="292">Macht,</term> seinerseits «zu verwerfen, was Gott in seiner göttlichen <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term> <term type="Begriffe1" key="518">verwirft</term>» (<bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/2, S. 131</bibl>)?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, ganz kurz beantwortet: darum, weil er eben der <term type="Begriffe" key="305,15">Mensch</term> und nicht <term type="Begriffe1" key="181,10">Gott</term> ist. Wir könnten uns ja einen Menschen vorstellen, der diese <term type="Begriffe" key="292">Macht</term> hätte: die <term type="Begriffe1" key="292">Macht</term> der <term type="Begriffe2" key="132,12">Freiheit</term> Gottes, «zu verwerfen, was Gott in seiner göttlichen <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term> <term type="Begriffe1" key="518">verwirft</term>». Dann würde der Mensch eben seinerseits <term type="Begriffe1" key="181,10">Gott</term> sein. Nun ist aber das Verhältnis von <term type="Begriffe" key="181,10">Gott</term> und <term type="Begriffe" key="305,15">Mensch</term> in der heiligen <term type="Begriffe2" key="424">Schrift</term> unverwechselbar und unumkehrbar das Verhältnis von Schöpfer und <term type="Begriffe" key="305,14">Geschöpf</term> und <pb ed="pga" xml:id="p283"/> also ein Verhältnis zwischen zwei Ungleichen. Man könnte sich ja vorstellen, daß, wenn die <term type="Begriffe" key="423">Schöpfung</term> in unsere Hand gelegt worden wäre, wir doch einen viel feineren Menschen geschaffen hätten - nämlich eben einen sozusagen gottgleichen Menschen. Das würde aber grundsätzlich bedeutet haben, daß die ganze Geschichte zwischen <term type="Begriffe" key="181,3">Gott</term> und <term type="Begriffe1" key="305,14">Mensch,</term> in der <term type="Begriffe2" key="181,20">Gott</term> seine <term type="Begriffe1" key="284">Liebe</term> betätigt und offenbart und in seiner <term type="Begriffe" key="284">Liebe</term> sich selbst, gar nicht hätte anheben können; sondern dann wäre einfach ein zeitloses und geschichtsloses Verhältnis zwischen <term type="Begriffe" key="181,3">Gott</term> und <term type="Begriffe1" key="305">Mensch</term> das Ganze gewesen. Sie müssen sich selber überlegen, ob dieser Entwurf des Verhältnisses eine Verbesserung des Planes Gottes, wie er nun offenbar gewesen ist - ich habe ihn nicht zu verantworten, sondern <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> hat ihn zu verantworten -, gewesen wäre. Gottes <term type="Begriffe" key="423,7">Schöpfung</term> des <term type="Begriffe1" key="305">Menschen</term> hebt eben den Unterschied zwischen ihm und dem Menschen als seinem Geschöpf nicht auf, sondern bestätigt ihn. Und nun kann eine <term type="Begriffe" key="163,11">Geschichte</term> zwischen ihm und dem <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> stattfinden. Und offenbar wollte <term type="Begriffe1" key="181,20">Gott,</term> wenn man es so sagen darf, über das hinaus, daß er in sich selbst die <term type="Begriffe" key="284">Liebe</term> ist - die <term type="Begriffe" key="181,20">Liebe</term> des Vaters zum <term type="Begriffe" key="227,17">Sohn</term> und des Sohnes zum Vater -, eine <term type="Begriffe" key="163">Geschichte</term> seiner <term type="Begriffe1" key="284">Liebe</term> zwischen sich als <term type="Begriffe2" key="181">Gott</term> und einem von ihm als <term type="Begriffe" key="181,3">Gott</term> verschiedenen Wirklichen. Das wollte er haben. Das sollte geschehen. Und in dieser <term type="Begriffe" key="163,11">Geschichte</term> lebt nun Gott, und in dieser <term type="Begriffe" key="163,11">Geschichte</term> darf der <term type="Begriffe1" key="305">Mensch</term> mit ihm leben - und das heißt aber: nicht in einer ihm eigenen, sondern in einer ihm von <term type="Begriffe" key="181,7">Gott</term> immer neu zu schenkenden und darum vom <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> immer neu zu erbittenden <term type="Begriffe" key="132,14">Freiheit,</term> die eben die <term type="Begriffe1" key="132">Freiheit</term> ist, die der Herr Fragesteller hier in Frage stellen möchte, d. h. an deren Stelle er eine «schönere» <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term> sozusagen setzen möchte, wo die ganze Geschichte von <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Genesis 3</ref> ab ein anderes Gesicht bekommen hätte. </p>
                <p> Der Herr Pfarrer <persName ref="kbga-actors-10699">Ulbrich</persName> ist nicht da, höre ich. Will sein Stellvertreter - wenn man das Wort «Stellvertreter» noch gebrauchen darf<note xml:id="n94">Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-5513"><persName ref="kbga-actors-5994">R. Hochhuths</persName> Schauspiel <hi rend="italic">Der Stellvertreter</hi>, Reinbek bei Hamburg 1963</bibl>, das soeben, im Oktober 1963, in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> unter Unruhen aufgeführt worden war. Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p110#p110">S. 110-114</ref>.</note> - etwas dazu sagen? Ob ich wohl die Meinung von Herrn <persName ref="kbga-actors-10699">Ulbrich</persName> getroffen habe? Also, es ist halt oft so, daß ich in meinen Antworten schon die Fragen ein bißchen verstellen und korrigieren <pb ed="pga" xml:id="p284"/> muß. Ich habe es vielleicht nicht ganz genau getroffen, aber ich meine, gerade so sollte es eine Antwort sein. </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Votant:</speaker> 
                <p>Vielleicht steckt hinter dieser Frage ein Einwand, den man oft in der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde,</term> von Gemeindegliedern hören kann: Warum denn <term type="Begriffe" key="181,19">Gott</term> nicht den <term type="Begriffe1" key="305">Menschen</term> von vornherein so geschaffen hat, daß er die <term type="Begriffe" key="468">Sünde</term> hätte vermeiden können? Warum er denn notwendig in den <term type="Begriffe" key="468">Sündenfall</term> gefallen wäre? Und auf diese Frage ist ja nicht ganz leicht zu antworten, weil man doch schließlich von dem faktischen Menschsein ausgehen muß, das durch die Antwort: «Warum hätte Gott nicht … ?» aufgehoben würde. Nicht wahr, man würde [da] doch [von] dem faktischen Menschsein abstrahieren?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das ist nie gut, wenn man das tut. Also, wenn jemand aus der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> - aber offenbar passiert es nicht nur in der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde,</term> sondern gelegentlich [auch] beim Pfarrer - solche Fragen sich selber oder anderen stellt, [so] wäre ich dafür, ihn ein bißchen fröhlich anzulachen. Es gibt ja so kuriose Warum-Fragen. Die ganz entsprechende zu dieser Frage ist die: Warum ist nicht in der Auferstehung Jesu <term type="Begriffe" key="30,3">Christi</term> gleich der jüngste Tag angebrochen? Die Situation wäre doch dafür reif gewesen. Die <term type="Begriffe" key="525">Welt</term> ist <term type="Begriffe1" key="516">versöhnt</term> mit Gott. Und warum jetzt noch die bald 2000 Jahre, die da weitergehen? Und ich kann darauf dann auch immer nur die Antwort geben: Ja, es wäre offenbar doch schade um uns alle, wenn wir nicht mehr hätten dabei sein dürfen! Und er wollte offenbar - wenn man überhaupt da so spekulieren kann - ein Volk haben, das jetzt - herkommend von der <term type="Begriffe" key="30,4">Auferstehung,</term> die ja der Anbruch schon der letzten Parusie ist - schon [im] Anheben davon in dieser <term type="Begriffe" key="541">Zeit</term> zwischen <term type="Begriffe1" key="352">Ostern</term> und dem Abschluß der Parusie <term type="Begriffe" key="227,23">Christi</term> [an seinem Werk auch noch] teilnehmen und Buße tun und Gott loben und ihm dienen und sein Wort <term type="Begriffe" key="513">verkündigen</term> dürfe. Und da wollen wir doch froh sein, daß es nun eben so ist - obwohl wir auch da wieder vielleicht, anstelle des lieben Gottes, die Sache viel «feiner» gemacht hätten! Aber verstehen Sie, wenn man alle diese Warum-Fragen so im Sinn der Fragenden beantwortet, dann läuft es ein bißchen auf etwas Langweiliges hinaus.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Frage:</speaker> 
                <p>In der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> wird ja die Frage dann noch ein wenig anders gestellt, und ich spüre diese Gemeindefrage hier in der Begründung<note xml:id="n95">In der Begründung zur Frage von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10699">Ulbrich</persName> heißt es: «Wenn wir davon ausgehen, daß Gott <term type="Begriffe" key="181,15">vollkommen</term> ist, müßte doch der <term type="Begriffe" key="305">Mensch</term> entsprechend dem Urteil Gottes (‹siehe da, es war sehr gut›) die <term type="Begriffe" key="315">Möglichkeit</term> bzw. die Macht haben, die Versuchung abzuwehren und das gute <term type="Begriffe" key="305,17">Geschöpf</term> Gottes zu bleiben. Ist dem nicht so, muß nicht dann der Grund dafür nicht nur im <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> gesucht werden, sondern in dem Willen <term type="Begriffe" key="181,24">Gottes</term>, der sein Geschöpf als solches nicht anders im Unterschied zu sich selbst zu installieren wußte oder wollte, als daß dieser Unterschied im Ergreifen der an sich unmöglichen <term type="Begriffe" key="315">Möglichkeit</term> zutage tritt.»</note>, nämlich [es wird da] etwa so gefragt: Hätte der <term type="Begriffe" key="305">Mensch</term> die Möglichkeit gehabt, der Versuchung zu widerstehen?</p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p285" rend="noPipe"/><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>«Hätte der <term type="Begriffe" key="305">Mensch</term> die Möglichkeit gehabt?»? Ja, aber «Möglichkeit» ist ja nur ein anderes Wort für <term type="Begriffe1" key="132">«Freiheit</term>». Klar, frei [von] der Versuchung ist <term type="Begriffe" key="181">Gott</term> selber. Aber sogar indem <term type="Begriffe1" key="181,5">Gott</term> in seinem Sohn Fleisch wird, übernimmt er ja die Versuchlichkeit des <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> - das ist die Funktion der Versuchungsgeschichten in den Evangelien, uns das zu zeigen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.1 Mt.4.11">Mt. 4,1-11</ref> <term type="Bibelstellen" key="Mt. 4,1-11 par.">par.</term>]. <term type="Begriffe" key="181,21">Gott</term> in sich selber ist unversuchlich, das ist klar. Aber <hi rend="italic">wir</hi> sind es eben, versuchlich - was nun eben nicht bedeuten muß, daß wir der Versuchung verfallen <hi rend="italic">müssen</hi>. Das ist kein Zwang. Und offenbar laut <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Genesis 3</ref> und einigen anderen Dingen, die seither passiert sind, <hi rend="italic">ist</hi> es so, daß wir sichtlich nicht <hi rend="italic">die</hi> <term type="Begriffe" key="132">Freiheit</term> haben, die Gott hat, gelt?</p>
                <p> Wollen wir weitergehen? … Man hat mir gesagt, ich soll in meinen Voten ein bißchen kürzer sein. Ich rede zuviel. Wenn Sie genug haben, können Sie mir abwinken. - Also Frage 7: da geht es jetzt um die Entfremdung zwischen der glaubenden <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> und der theologischen Forschung.</p> 
                </sp>
            </div> 
            <div>
                <head type="sub"> 8. Über die Entfremdung zwischen Theologie und Gemeinde</head>

                <sp>
                <speaker>Frage 7 (von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10712">Turck</persName>)<note xml:id="n96">Diese Frage, die den Gesprächsteilnehmern schriftlich vorlag, wurde beim Gespräch nicht verlesen.</note>:</speaker> 
                <p>Im Wissen darum, daß <term type="Begriffe" key="481,31">Theologie</term> eine Funktion des Leibes <term type="Begriffe" key="481,19">Christi</term> ist, müssen wir die Entfremdung zwischen der glaubenden Gemeinde und der theologischen Forschung als eine <term type="Begriffe" key="268">Krankheitserscheinung</term> am Leibe <term type="Begriffe1" key="481,19">Christi</term> beklagen, welche die Theologie wie die Gemeinde gleichermaßen gefährdet. Wie können wir genesen und die Vollmachtslosigkeit der <term type="Begriffe" key="378,1">Predigt</term> heute überwinden?</p>
                </sp> 
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p286" rend="noPipe"/><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Wissen Sie, die Sache hat irgendwo eine ganz tiefe Wurzel. Ich habe [hier in diesem Kreis] schon ein paarmal, noch jetzt gerade vorhin, die Wendung gehört: «In der Gemeinde wird gesagt», «aus der Gemeinde kommt uns die Frage entgegen», «die Gemeinde denkt so und so». Und dann ist stillschweigend vorausgesetzt: Natürlich, «wir»! wir sind da fein heraus! Theoretisch gehören wir zwar auch zur Gemeinde. Aber «wir» haben <term type="Begriffe1" key="481,31">Theologie</term> studiert und wissen Bescheid. Und jetzt ist es eigentlich bloß noch das Problem: Wie können wir klugen Theologen diesen etwas beschränkteren Wesen «in der Gemeinde» die Sache erklären? Ich möchte schon zum vornherein vor diesem Dualismus warnen, daß man sagt: «Ja wir - aber die Gemeinde». Es geht nicht <term type="Begriffe" key="244,33">so</term>. Wir sind samt und sonders die Gemeinde. Und die Glieder der Gemeinde gehören auch zu uns. Also, ich wäre für eine vollkommen durchgeführte <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="439">Solidarität</term></hi> zwischen Theologen und den anderen Gemeindegliedern. Wir können auch nichts besseres sein als Gemeindeglieder. Ich fürchte, in diesem Reden von [dem], was da aus der Gemeinde kommt und in der Gemeinde gilt [?], steckt noch ein Rest, ein unausgetilgter Rest von dem alten lutherischen <term type="Begriffe" key="9">Amtsbewußtsein,</term> das dann wunderliche Formen annehmen kann. Rotten Sie das aus! Mit Feuer und Schwert! Das soll es gar nicht so geben. Sondern die Funktion, die wir als Theologen haben, ist ja doch nur eine Funktion unter anderen.</p>
                <p> Da bin ich jetzt schon bei der Antwort. Also, die Frage lautet: «Wie können wir genesen und die Vollmachtslosigkeit der <term type="Begriffe" key="378,1">Predigt</term> heute überwinden?» Nun, das mit der «Vollmachtslosigkeit der Predigt» ist ja noch ein bißchen etwas anderes. Aber ich will einmal [etwas zu der Frage nach dem] «Genesen» von dieser Entfremdung sagen. Es braucht zwei dazu. Natürlich, an zwei Orten muß die richtige Antwort gegeben werden. Die Theologie, ganz gleichgültig, ob sie die Theologie von den Herren ordentlichen und außerordentlichen Professoren an den Fakultäten ist (ein Stand, den wohl jeder Pfarrer so ganz leise ein bißchen beneidet: Ach, wär’ ich dort, ach wär’ ich schon … <note xml:id="n97">Anspielung auf <bibl type="song" corresp="kbga-songs-228">Strophe 10 des Liedes «Geh aus, mein Herz, und suche Freud» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (1656), RG 537, EG 503</bibl>: «O wär ich da, o stünd ich schon …»</note>! … ich bin jetzt [freilich] froh, daß ich zwar noch Professor <pb ed="pga" xml:id="p287"/> heiße,  aber daß ich mit diesem Geschäft nicht mehr direkt behelligt bin!)<note xml:id="n98">Am Ende des Sommersemesters 1961 war <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> 75jährig emeritiert worden, verwaltete den vakanten Lehrstuhl indes noch einmal im Wintersemester 1961/62.</note> […], bis hin, sagen wir: zu dem schlichten <term type="Begriffe" key="82">Diakon</term> oder dergleichen, der aber immerhin vielleicht Bibelstunden hält - also diese Vertreter von <term type="Begriffe" key="481,31">Theologie</term> im engeren Sinne des Wortes, die Leute, die darin tätig sind, dürfen und müssen ihre Sache, ihre <term type="Begriffe" key="106">Erkenntnis</term>-Aufgabe, die wissenschaftliche Aufgabe (die Theologie ist ja eine <term type="Begriffe1" key="534">Wissenschaft</term>!) verstehen als einen <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="86">Dienst</term></hi> in der <term type="Begriffe1" key="156">Gemeinde</term> und an der <term type="Begriffe2" key="156">Gemeinde</term>: ein <term type="Begriffe" key="86">Dienst,</term> der an sich und als solcher nicht besser und nicht schlechter ist als alles, was es da auch gibt. Ich will es ganz kraß sagen: Was ein ordentlicher Theologieprofessor an seinem Ort macht, mit oder ohne dicke Bücher und große <term type="Begriffe" key="461">Studentenzahlen</term> und so, ist an sich nicht höher und nicht besser als das, was der Mann macht, der am Sonntagmorgen die Glocke läutet. Theologie ist auch eine Art Glo­­ckenläuten. Und das Glockenläuten hat auch etwas mit Theologie zu tun.</p>
                <p> Also, [das] gehört einfach in die <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> hinein. Man müßte an <term type="Bibelstellen" key="1. Kor. 14"><ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.14">1.Kor. 14</ref></term> denken und an <term type="Bibelstellen" key="1. Kor. 12"><ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12">1.Kor. 12</ref></term> an diese Sache mit den <term type="Begriffe" key="143">Gaben.</term> Theologie ist auch eine solche <term type="Begriffe1" key="143,2">Gabe</term> des Heiligen <term type="Begriffe2" key="154">Geistes,</term> welche der <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term></hi> gegeben ist. [Sie] ist zu verwalten von bestimmten Personen - aber nur zu verwalten! -, weil jetzt eben nicht alle gerade damit beschäftigt sind. Aber [sie ist] eine Funktion der <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term>,</hi> also nicht ein Sonderunternehmen von einigen, die so in irgendeiner Höhe oder auch vielleicht abseits, so in einer Zelle brüten und Fremdworte durch ihre Köpfe rauschen lassen: <term type="Begriffe" key="193">«Hermeneutik</term>» und <term type="Begriffe1" key="113">«Eschatologie</term>» und <term type="Begriffe" key="15,2">«Anthropologie</term>» und wie alle diese feierlichen Dinge lauten. Und die arme <term type="Begriffe" key="82">Diakonisse</term> der <term type="Begriffe1" key="156">«Gemeinde</term>» gesteht [?]: «Oh, der Herr <term type="Begriffe" key="366,1">Pfarrer</term> ist aber gelehrt: der weiß, was <term type="Begriffe" key="193">‹Hermeneutik</term>› ist, ei!» Nein, die <term type="Begriffe" key="82">Diakonisse</term> und der Herr Pfarrer, der von etwas wie <term type="Begriffe1" key="193">Hermeneutik</term> träumt [?], gehören ganz zusammen. Und in gewissen Situationen ist die kleine <term type="Begriffe" key="82">Diakonisse</term> hundertmal wichtiger als der Pfarrer mit seiner <term type="Begriffe" key="193">«Hermeneutik</term>». Das muß man sich klarmachen. Es gibt dann auch Augenblicke, wo der Pfarrer ein bißchen wichtiger ist. Aber das ist ja alles in Bewegung. Sie müssen sich die <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> als eine lebendige <pb ed="pga" xml:id="p288"/> Realität mit ganz vielen Funktionen vorstellen. Und da ist die Theologie eine [davon].</p>
                <p> Und wenn man es so sieht, dann wird man als Theologe bescheiden. Und dann kann es eigentlich gar nicht eine «Entfremdung» geben. Das heißt ja <term type="Begriffe" key="268">«Krankheitserscheinung</term>». Ich würde es sogar noch stärker sagen: eine «Entfremdung zwischen Gemeinde und theologischer Forschung» - da ist der <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="486">Tod</term></hi> im Topf [vgl. <term type="Bibelstellen" key="2. Kön. 4,40"><ref type="can" subtype="bible" target="2.Kön.4.40">2.Kön. 4,40</ref></term>], wenn es dazu kommt! Aber da soll man nicht immer an andere Leute denken und sagen: «Ja, unsere Theologen! Der Professor soundso an der und der Universität, der treibt es nun doch ein bißchen zu arg mit dieser Theologasterei!» Oder dann: «Ja, die Gemeinde! die sind furchtbar eng und schrecklich!» Und dann regt man sich fortwährend über andere Leute auf, statt daß man sich selber benimmt als ein Theologe, der eine <foreign xml:lang="el-GR">διακονία</foreign> [Dienst] zu vollziehen hat. Das ist die [eine Seite der Sache].</p>
                <p> Und die andere ist: daß die Gemeinde nun ihrerseits - und das muß man ein bißchen den Leuten, ja, das muß man sich selber klarmachen und darf es dann auch einmal vielleicht so beiläufig [den Leuten] erklären - …, daß die Gemeinde verstehen lernt (auch wenn sie jetzt nicht in gleicher Weise theologisch beschäftigt ist wie die Pfarrer usf., diese besonderen Chargen oder Gabenträger da): daß die <term type="Begriffe" key="481,31">Theologie</term> eine Angelegenheit der Gemeinde ist. Denn schließlich soll doch in der Gemeinde das Wort <term type="Begriffe1" key="537">Gottes</term> <term type="Begriffe2" key="513">verkündigt</term> und gehört werden. Das <term type="Begriffe" key="204">Hören,</term> Verstehen, <term type="Begriffe1" key="513">Verkündigen,</term> das hat etwas zu tun mit <term type="Begriffe2" key="106">Erkenntnis</term> und mit <term type="Begriffe" key="44">Bekenntnis,</term> hat etwas zu tun mit der Sprache. Nun hat die <term type="Begriffe" key="481,31">Theologie</term> in der Gemeinde diese besondere Aufgabe: zu wachen über dem rechten <term type="Begriffe" key="78">Denken</term> und über dem rechten Reden in der von der Gemeinde im ganzen und im einzelnen zu gebenden Antwort. Diese Antwort, die zu geben ist - <hi rend="italic">jeder</hi> hat sie zu geben, aber die <hi rend="italic">ganze</hi> Gemeinde hat sie auch zu geben! -, diese Antwort liegt nie einfach auf der Hand. Da irrt sich natürlich die ganze Gemeinde, wahrscheinlich mit Einschluß ihrer Theologen, wenn sie meint, daß diese Antwort irgendwo so bereit liege. Das wäre ja der <term type="Begriffe" key="140">Fundamentalismus</term> oder die sogenannte, viel verdächtigte <term type="Begriffe" key="351">«Orthodoxie</term>», daß man so [behauptet], daß man ja bekanntlich weiß, um was es geht. Und das kann die Gemeinde dann auch [meinen, schon zu] wissen - und Bescheid [ … zu wissen] so, wie in den alten reformierten <term type="Begriffe" key="244,23">Kirchen.</term> Da saßen die <term type="Begriffe" key="379">Presbyter</term> auf ihren Bänken und hatten große <term type="Begriffe" key="620">Bibeln</term> vor sich. Und wenn <pb ed="pga" xml:id="p289"/> der Pfarrer predigte, haben die Ältesten, die <term type="Begriffe" key="379">Presbyter</term> da nach[geprüft], ob auch der Pfarrer die Sache recht auslegt. Sie, die <term type="Begriffe" key="379">Presbyter</term> wissen es nämlich schon, was das Rechte ist. Und dann handelt es sich nur darum, daß das sozusagen nach dem rechten Ritus, in der rechten, reinen Lehre vollzogen wird. So einfach ist es nicht. Es braucht Forschung dazu. Und diese Forschung soll von der ganzen Gemeinde als eine nötige Aufgabe, als ihre eigene Aufgabe verstanden werden. Das würde ich also verstehen unter der «Genesung» von dem Dualismus zwischen Theologie und <term type="Begriffe" key="481,31">Gemeinde</term>. </p>
                <p> Ich könnte es jetzt [auch mit dem] Wort von <term type="Bibelstellen" key="1. Kor. 1,30"><ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.30">1.Kor. 1,30</ref></term> [sagen, das] ich heute morgen zitiert habe. Ich würde sagen: die Theologen - aber es ist ja jedes Gemeindeglied irgendwo auch Theologe, es gibt gar keine Gemeindeglieder, die nicht auch ein bißchen theologisieren, gut oder schlecht, manchmal besser als die eigentlichen Theologen, manchmal auch schlechter -, … also die Theologie soll sich daran halten - jetzt betonen wir: «<hi rend="italic">Jesus <term type="Begriffe" key="227,34">Christus</term></hi> ist uns gemacht zur Weisheit» - Er! Das ist die große Versuchung alles Theologisierens, des berufsmäßigen wie des gewöhnlichen, daß man sich eine andere Weisheit [aussucht], irgendeine Anthropo-Sophia in irgendeiner Form - ob es jetzt kantisch oder heideggerisch orientiert ist, kommt vollständig aufs gleiche heraus -, [daß] man anstelle von <term type="Begriffe" key="227,15">Christus</term> solch eine andere Sophié (Sóphie hätte ich bald gesagt) sich erwählt und nun meint: Das ist die Weisheit! Nein, nein, «<hi rend="italic">Jesus <term type="Begriffe" key="227,15">Christus</term></hi> ist uns gemacht zur Weisheit». Er! Es ist auch für das Erkennen und Bekennen in keinem anderen <term type="Begriffe" key="190,4">Heil</term> als in Ihm <term type="Bibelstellen" key="Act. 4,12">[<ref type="can" subtype="bible" target="Act.4.12">Act. 4,12</ref></term>]. Soviel für die theologisch Lehrenden, Denkenden, Handelnden!</p>
                <p> Und nun die anderen! Es ist [hier] ja immer ein Verhältnis [von zwei Seiten], nicht wahr? In <foreign xml:lang="lat">actu</foreign> ist [es] immer so, daß einer redet und die anderen hören. Nun die anderen, die sollen sich nun wirklich sagen: Aber «Jesus <term type="Begriffe" key="227,15">Christus</term> ist uns gemacht zur <hi rend="italic">Weisheit</hi>». Und die Weisheit in der <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> ist eine große und lebendige Sache. Das ist <term type="Begriffe" key="106">Erkenntnis.</term> Das ist Lebensweisheit und in allen ihren Dimensionen etwas Ernstzunehmendes. Und da darf dann niemand kommen und sagen: «Ach was! die sollen das unter sich ausmachen. Die mögen das jetzt ausknobeln, ob man in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName><note xml:id="n100">An der dortigen Universität unterrichtete <persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName> von 1921-1951.</note> mehr recht hat oder in <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term> <pb ed="pga" xml:id="p290"/> oder wie das ist. Das ist für uns einfache <term type="Begriffe" key="68">Christen</term> nicht so wichtig. Schließen wir uns die Ohren zu vor diesen Händeln der Gelehrten!» Das ist kein gutes Reden. Das darf sich diese <term type="Begriffe" key="82">Diakonisse</term> auch nicht erlauben. Das ist nämlich auch wieder <term type="Begriffe" key="199">Hochmut.</term> Es gibt auch einen <term type="Begriffe" key="199">Hochmut</term> der <term type="Begriffe1" key="77">Demut.</term> Und diese bescheidenen, ganz bescheidenen <term type="Begriffe" key="68">Christen,</term> die sagen: «Ach, ich kann da nicht folgen; das ist für mich zu hoch und zu schwer …» usf. -, die können dann in Wirklichkeit sehr scharfe Zähne haben und unter Umständen eine noch schärfere Zunge und sind gar nicht so harmlos - weil sie nicht verstehen wollen: «Jesus <term type="Begriffe" key="227,15">Christus</term> ist uns zur <hi rend="italic">Weisheit</hi> gemacht». Und da er uns zur Weisheit gemacht ist, haben wir diese Weisheit zu gewinnen. Und das ist jetzt die Funktion der <term type="Begriffe" key="481,31">Theologie</term> in der Gemeinde, sich um diese Weisheit zu mühen. - So, das ist meine Antwort zur Frage 7.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10712">Turck</persName>:</speaker> 
                <p>Ich darf [?] offen dazu doch noch einiges sagen. Zunächst einmal, sicherlich weiß ich um die <term type="Begriffe" key="439">Solidarität</term> als Theologe mit dieser glaubenden Gemeinde. Das steht fest. Aber dahinter steht die ganz große Not, die ich auch persönlich durchleide an meinem Teil, daß es heute zu dieser Entfremdung zwischen der sogenannten maßgeblichen <term type="Begriffe" key="481,31">Theologie</term> bei uns und der glaubenden, bibellesenden Gemeinde gekommen ist. Ich will es etwa daran einmal exemplifizieren, daß Eltern ihre Söhne und Töchter auf die Universität geben, sich <term type="Begriffe" key="134">freuen</term>, daß sie Theologie studieren wollen und studieren, und [daß die] dann zurückkommen und einfach nicht fertig werden mit dem, was ihnen da vorgesetzt wird, und in eine Krise hineingeraten, die in die größte Not hineinführt. Und hier liegt bei uns soviel Not, daß es für mich heute beglückend ist, Sie, sehr geehrter Herr Professor, wieder zu hören wie vor Jahren. Aber ich möchte Sie jetzt einmal fragen: Glauben Sie wirklich, daß das, was Sie [mit den] heute uns gegebenen Antworten gesagt haben, in <hi rend="italic">der</hi> Formulierung, der <hi rend="italic">biblisch</hi> <term type="Begriffe" key="620">fundierten</term> Formulierung mit der Sprache der Väter -, daß das noch ankommt, daß das der moderne <term type="Begriffe" key="305,23">Mensch</term> faßt? Die jungen theologischen Studenten sagen ja: «Das kommt ja nicht mehr an! Wir müssen ja diese Dinge in die Form von heute gießen. Wir müssen ja <term type="Begriffe" key="100">entmythologisieren</term>. Wir beteiligen uns ja alle so oder so daran.» Es wäre mir sehr lieb, wenn aus unserer Mitte jüngere Theologen, die durch das Kreuzfeuer der <term type="Begriffe" key="61"><persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>schen</term> <term type="Begriffe1" key="481,14">Theologie</term> gegangen sind oder noch drin sind, einfach fragen würden: Können wir denn noch so reden, wie Sie heute mit uns <pb ed="pga" xml:id="p291"/> gesprochen haben, wie das vor 20, 30 Jahren war, wie wir [Älteren] das heute beglückend wieder empfinden? Sie sind dabei geblieben, [während] wir - und ich beziehe mich mit ein - anfällig werden [und] einfach in der Gefahr stehen, uns der <term type="Begriffe" key="61">Bultmannschen</term> <term type="Begriffe1" key="481,14">Theologie</term> zu öffnen. Dann kommen wir aber auch in das Gespräch mit der gläubigen <term type="Begriffe" key="481,31">Gemeinde,</term> und dann kommt solch ein einfacher[, gläubiger] Christ und sagt: «In meiner <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> steht es aber so!» Ich meine, es steckt dahinter wirklich eine echte Not.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, ja.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-10712">Turck</persName>:</speaker> 
                <p>Vor 20, 30 Jahren durfte ich in einem Studentenkreis, von <term type="Begriffe" key="495"><placeName ref="kbga-places-61">Tübingen</placeName></term> kommend<note xml:id="n101">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6029">M. Wischnath, <hi rend="italic">Eine theologische Baselfahrt im Jahre 1937. Die Tübinger Bekenntnis-Studenten und ihr Besuch bei Karl Barth</hi>, in: <hi rend="italic">Bausteine zur Tübinger Universitätsgeschichte</hi>, Folge 8, hrsg. von V. Schäfer, Tübingen 1997, S. 131-212</bibl>.</note>, die Frage des <term type="Begriffe" key="371">Pietisten</term> an Sie stellen. Und da ging es recht [?] heiß her. Aber ich kann ja bestätigen, daß unsere pietistischen Gemeinschaftskreise im Bergischen Land und im rheinischen und westfälischen Raum ihr Ohr immer mehr Ihrer <term type="Begriffe" key="58">Botschaft</term> haben öffnen können, daß es diesen Leute eine Hilfe ist, wenn immer [wir ihnen] in einer Sprache, die sie verstehen, deutlich machen: Was trennt sie von <term type="Begriffe" key="181,3">Gott</term>? Wo müssen wir wirklich ein Zeichen aufrichten? So können wir die Gemeinde nicht mehr allein lassen. Denn sie fühlt sich [sonst] über[fordert]. Und hier warten wir auch auf ein […] Wort. Ich bin sogar von einigen beauftragt, danach zu fragen, was Sie sagen würden zu dieser Frage: Wieweit dürfen wir uns <term type="Begriffe" key="120,1">historisch-kritischen</term> theologischen Forschungsergebnissen eines <persName ref="kbga-actors-512">Bultmanns</persName> und seiner Schüler überhaupt öffnen, um nicht einmal ganz Schiffbruch zu erleiden?</p>
                </sp>
             </div> 
             <div>
                <head type="sub"> 9. Das Exempel: Streit zwischen «moderner» Theologie und «glaubender» Gemeinde</head>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, [da] sind wir natürlich im Grunde jetzt noch einmal ganz im Bereich der Frage 1, nicht wahr? Um gleich an Ihren letzten Satz anzuknüpfen, gelt, wir wollen doch den <term type="Begriffe" key="208">Humor</term> haben, uns klarzumachen: Es ist immer ein bißchen Übermut, wenn jemand von hi<pb ed="pga" xml:id="p292" break="no"/>storisch-kritischen «Ergebnissen» redet. Was heißt «Ergebnis»? Das sind so Hypothesen, wie heute morgen die <persName ref="kbga-actors-217">Käsemann</persName>-Hypothese.<note xml:id="n102">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p244#fn_n08">S. 244­, Anm. 8</ref>.</note> Ich finde schon das eine Mythologisierung der Wichtigkeit und der Rolle der theologischen Funktion, wenn sie sich selbst so ernst nimmt, daß sie sagt: Das sind «Ergebnisse». Bitteschön, nein! Da hat jetzt also wieder einer seinen Doktor gemacht oder als reifer Mann ein Buch geschrieben und hat etwas aufgestellt. Das ist jetzt noch lang kein «Ergebnis». Sondern er ist dem da nachgegangen und, wie es dann so [geht]: Wenn ein Huhn ein Ei gelegt hat, dann läuft es herum und gackert überlaut, daß jedermann die <term type="Begriffe" key="134">Freude</term> teilen soll an dem, was jetzt da an den Tag gekommen ist. Diese Freude kann man dem Huhn lassen, und die kann man auch dem jungen Herrn Doktor oder auch dem alten Herrn Professor, der jetzt wieder so etwas ausgesonnen hat, lassen und kann es ja ganz ernst nehmen. Aber nicht als Ergebnis, gelt, sondern als ein Experiment, als eine Arbeitshypothese, die er aufgestellt hat!</p>
                <p>Nun beschreiben Sie mir diese Situation - ich habe das öfters schon gehört: Der junge Theologe kommt von der Universität und wird jetzt Vikar, sträubt womöglich schon alle Federn seiner Kirchenbehörde gegenüber, im Examen und anderswo, und sagt: «So habe ich’s gelernt, so ist es! Diese alten Weihnachtsmänner da, die noch bei <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> gehört haben, die verstehen das natürlich nicht mehr. Aber <hi rend="italic">wir!</hi> Wir sind eben aufgeschlossen, wir sind moderne <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen,</term> und wir möchten zu modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen</term> reden, wir haben es auch gelernt, wie man das tun muß». Und dann ist das so eine fröhliche Kampfstimmung, die diese jungen Leute haben; und das ist ja wieder nett, nicht wahr?</p>
                <p> Ich bin seinerzeit als Student auch so in das Amt hineingerauscht, als Vikar und nachher als junger <term type="Begriffe" key="36,15">Pfarrer</term>. Ich kam auch <term type="Begriffe" key="663">von</term> <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> - aber das war noch das alte <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName>, das <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> von <persName ref="kbga-actors-181">Wilhelm Herrmann</persName> und von <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName> und <persName ref="kbga-actors-175">Heitmüller</persName> usf.<note xml:id="n103"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> <term type="Begriffe" key="36,15">studierte</term> 1908/09 in <term type="Begriffe" key="663"><placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName></term> bei dem systematischen <term type="Begriffe" key="481,26">Theologen</term> <persName ref="kbga-actors-181">Wilhelm Herrmann</persName> (1846–1922) und den <term type="Begriffe" key="424,22">Neutestamentlern</term> <persName ref="kbga-actors-210">Adolf Jülicher</persName> (1857–1938) und <persName ref="kbga-actors-175">Wilhelm Heitmüller</persName> (1869–1926).</note> - und habe nun auch gemeint: Jetzt fängt die <term type="Begriffe" key="605">Kirchengeschichte</term> eigentlich [erst] an. «Wahrlich, <hi rend="italic">ich</hi> sage euch»! Nun würde ich nicht so traurig widersprechen, <pb ed="pga" xml:id="p293"/> mit diesem Klang von Traurigkeit, mit der Sie von diesen jungen Leuten geredet haben. Also, ich weiß nicht, wie das vor 20 Jahren war, als <hi rend="italic">Sie</hi> ins Amt kamen. Ob Sie nicht auch etwas von diesem Hochgefühl gehabt haben, daß man [meinte]: Jetzt geht’s los? «<foreign xml:lang="fre">Le jour de gloire est arrivé</foreign>»<note xml:id="n104">Aus der <term type="Begriffe" key="130">französischen</term> Nationalhymne «<foreign xml:lang="fre">Allons enfants de la patrie</foreign>».</note>!? Also, das ist schließlich menschlich, und das würde ich als solches diesen Theologen, diesen kleinen, nicht übelnehmen. Und natürlich kann man es auch den übrigen Gemeindegliedern [nicht übelnehmen, wenn auch sie sich sträuben]. Du liebe Zeit! Jetzt kommt man ihnen mit <term type="Begriffe" key="100">Entmythologisierung,</term> ah!, und sagt ihnen, der moderne <term type="Begriffe" key="305,23">Mensch</term> verstehe das nicht mehr, [was sie sagen,] und damit ist impliziert, sie seien gar keine modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen.</term> Und wer möchte denn nicht ein moderner <term type="Begriffe" key="305,23">Mensch</term> sein? Das ist ja furchtbar! Halb schämen sie sich dann, halb ärgern sie sich, halb sind sie entrüstet über die Sachen, die da negiert werden, und dann entsteht so diese Spannung.</p>
                <p> Nun [fragen] Sie: Was sagen wir ein bißchen Älteren zu dieser Situation? Da würde ich sagen: Vor allen Dingen wiederum <term type="Begriffe" key="439">Solidarität</term>! <term type="Begriffe" key="439">Solidarität</term> mit dieser <term type="Begriffe1" key="156">Gemeinde,</term> die sich da mit Recht durch diese jungen gackernden Hühnchen und Hähnchen, die da kommen, aufgescheucht fühlt. Ja, das ist wirklich beunruhigend. Und dann aber auch ein bißchen <term type="Begriffe" key="439">Solidarität</term> mit diesen jungen Brüdern! In Erinnerung [daran], wie man selber seinerzeit auch gekräht hat! Und jetzt nur einen Fehler nicht begehen! Nämlich, die Frage ist mir in früheren Jahren auch schon, ich glaub, vom Rheinland aus vorgelegt worden, [oder] vom Siegerland aus kam es - es ist lange, lange her -, und da wollten sie eine <term type="Begriffe" key="471">Synode</term> machen, in freier Nachahmung von Barmen, und wollten ein <term type="Begriffe" key="44">Anti-<persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>-Bekenntnis</term> herausstellen … </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Zwischenruf:</speaker> 
                <p><term type="Begriffe" key="711">Siegen</term>!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Das war in <placeName ref="kbga-places-883">Siegen</placeName><note xml:id="n105">Pfarrer <persName ref="kbga-actors-10713">Heinrich Jochums</persName>, Vorsitzender des Bruderrats der Bekennenden <term type="Begriffe" key="244,7">Kirche</term> im Siegerland, sandte <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> am 20.12.1951 den Entwurf für eine Erklärung des Bruderrats an die <term type="Begriffe" key="158">Gemeinden</term>, in der die Theologie <persName ref="kbga-actors-512">Bultmanns</persName> verworfen wurde, verbunden mit der Bitte um <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Stellungnahme zu der Erklärung. Dieser antwortete am <date when="1951-12-24">24.12.1951</date>: «Was ich von dieser ‹Erklärung› halte? Lieber Herr Pastor, ich kann Sie und den Bruderrat nur <hi rend="italic">aufs Dringlichste</hi> bitten, diesen Text <hi rend="italic">unter gar keinen Umständen</hi> zu veröffentlichen. Sie wissen, wo und wie ich stehe […]. Aber so, wie Sie in dieser Erklärung gegen ihn antreten wollen, geht <hi rend="italic">es auf keinen Fall.</hi>» (<ref type="kba-objects-id" target="54509">KBA 9251.222</ref>) <persName ref="kbga-actors-10713">Jochums</persName> antwortete namens des Bruderrats am 12.1.1952: «Wir haben Ihrem Wunsch entsprechend die Erklärung nicht veröffentlicht.»</note>. Und [sie] haben mich dann gefragt, ob das nicht eine feine Sache wäre. Da habe ich ihnen gesagt: Nur ums <pb ed="pga" xml:id="p294"/> Himmelswillen das nicht! Diese gackernden jungen Hühnchen warten nur darauf, martyrisiert zu werden. Das ist ja genau das Bild, das sie von kirchlicher Obrigkeit haben: Das sind die Leute, die im Namen dieser «glaubenden <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term>», die uns ohnehin mulmig ist, uns jetzt noch den Mund verbieten wollen. Und nun warten sie darauf, verfolgt zu werden. Und diese <term type="Begriffe" key="134">Freude</term> sollt ihr den <term type="Begriffe" key="61">Bultmannianern</term> nicht machen, daß ihr ihnen irgendwie in solcher Weise entgegentretet: mit Synodalbeschlüssen oder gar damit, was weiß ich, daß Leute vom <term type="Begriffe" key="9">Amt</term> ausgeschlossen werden oder so etwas. Tut’s nicht! Tut’s nicht! Sonst stärkt ihr sie nämlich. Sie warten darauf. Sie denken: «Das Blut der <term type="Begriffe" key="297">Märtyrer</term> ist der Same der <term type="Begriffe1" key="244">Kirche.</term>»<note xml:id="n106"><bibl corresp="kbga-bibls-2479"><persName ref="kbga-actors-798">Tertullian</persName>, <hi rend="italic">Apologeticum</hi>, 50,13</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">semen est sanguis Christianorum</foreign>.»</note> Und dieses Gaudium muß man ihnen nehmen. Denn viel von dem ganzen Impetus der <term type="Begriffe" key="100">Entmythologisierung</term> und der Existentialisierung lebt davon: Ah, das will man unterdrücken, und jetzt erst recht! Also das nicht machen!</p>
                <p> Jetzt, was denn machen? Ich würde halt sagen, wenn es in einer <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> zu diesem Schauspiel kommt von [solchem] Auseinanderklaffen [zwischen] einer bestimmten, jetzt gerade en vogue befindlichen <term type="Begriffe" key="481,31">Theologie</term> und gewissen Kreisen der Gemeinde, die nun sagen: «Wir sind die glaubende Gemeinde» - natürlich, da stimmt etwas nicht, und zwar vielleicht auf beiden Seiten nicht. Nämlich, da muß eben eine bessere Theologie her, nicht ein Verbot der anderen - ich würde sagen: ein Beweis des Geistes und der Kraft<note xml:id="n107">Nach <term type="Bibelstellen" key="1. Kor. 2,4"><ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.4">1.Kor. 2,4</ref></term>. Vgl. den Titel der <ref type="pub" target="../volume/41/p239#fn_n06">S. 239­, Anm. 6</ref>, genannten Schrift von <persName ref="kbga-actors-244">G. E. Lessing</persName>.</note>. Ich habe das heute morgen schon angedeutet: Als diese ganze <term type="Begriffe" key="61"><persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>-Woge</term> kam, habe ich mich auch an der eigenen Nase gezogen und habe gesagt: Offenbar habe ich es nicht so gesagt, daß es diesen jungen «Hähnen und Hühnern» zwingend einleuchten konnte, sondern - ich meine eigentlich, auch ein moderner <term type="Begriffe" key="305,23">Mensch</term> zu sein, aber so, wie ich rede, das kommt ihnen offenbar schon vorsintflutlich vor - ich muß mir offenbar noch mehr Mühe geben. Wenn ich jetzt nochmal anfangen könnte - ich weiß nicht, was ich tun würde, aber ich würde mir noch mehr Mühe <pb ed="pga" xml:id="p295"/> geben, wirklich zu reden als <term type="Begriffe" key="305">Mensch</term> von heute, der aber als <term type="Begriffe1" key="305">Mensch</term> von heute in der heiligen <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> das Wort <term type="Begriffe1" key="537,9">Gottes</term> gehört hat und jetzt <hi rend="italic">davon</hi> reden muß. Stellen wir doch etwas Besseres auf den Plan, statt entweder mit gefalteten Händen dazusitzen und zu sagen: «Lieber Gott, beseitige du diese Rotte Korah, wie du es getan hast, als die Erde sich öffnete» - und ein großer Schlund entsteht, und dann fahren sie alle herunter [vgl. <term type="Bibelstellen" key="Num. 16">Num. 16</term>]. Nein, das geht nicht, geschweige denn, daß wir jetzt die Faust machen und dreinschlagen. Aber es gibt vielleicht etwas anderes. Es gibt vielleicht <term type="Begriffe" key="145,1">das</term> «<foreign xml:lang="lat">ora et labora</foreign>»<note xml:id="n108">Nach der benediktinischen Ordensregel.</note>, in dem man versucht, nun etwas Besseres auf den Plan zu stellen und dann auch die Gemeinde heranzuziehen.</p>
                <p> Denn der Fehler kann auch bei der Gemeinde liegen, daß sie nicht sehen wollte. Sie wollte einfach, was sie für den rechten <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> hält, wiederholt hören, statt daß sie vielleicht anhand von diesen rebellischen Vikaren zur Kenntnis nehmen müßte: Die Weltgeschichte und die <term type="Begriffe" key="605">Kirchengeschichte</term> dazu geht weiter, und die glaubende Gemeinde, diese sogenannte, die soll so freundlich sein und mitkommen. Und wenn das miteinander zusammentreffen würde: eine wache Gemeinde und eine immer noch sich verbessernde <term type="Begriffe1" key="481,31">Theologie</term> (eine Theologie nicht nur <foreign xml:lang="lat">reformata</foreign>, sondern <foreign xml:lang="lat">semper reformanda</foreign><note xml:id="n109">Zu dieser Wendung vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p173#fn_n08">S. 173­, Anm. 8</ref>.</note>), dann brauchen wir, glaub’, nicht so schrecklich Angst zu haben.</p>
                <p>Es hat mich, entschuldigen Sie, leise belustigt oder auch erfreut - in Erinnerung an meine alten Zeiten am Rhein<note xml:id="n110"><term type="Begriffe" key="36,15"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName></term> lehrte von 1930 bis 1934 in <term type="Begriffe" key="608"><placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName></term>.</note> -, daß ich auch von Ihnen jetzt das Wort «Not» so häufig habe aussprechen hören. Das Wort «Not» habe ich noch nie in meinem Leben und nie wieder nachher so betont und so feierlich aussprechen hören, wie es im <placeName ref="kbga-places-914">Rheinland</placeName> der Fall ist. Ich kann es nicht nachahmen, es hat einen ganz eigentümlichen rheinischen Klang. Ich habe das Wort nie von einem <term type="Begriffe" key="607">Berliner</term> oder Württemberger so gehört. Nun, es ist etwas Ernsthaftes, was Sie meinen. Aber ich glaube, man kann darüber hinauskommen.</p>
                <p> Der Kern der Sache ist ja immer das mit dem modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen,</term> dessen Sprache man sprechen müsse. Und nun warte ich schon lange darauf, daß mir jemand einmal eine glaubwürdige Definition des mo<pb ed="pga" xml:id="p296" break="no"/>dernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen</term> gibt, was das eigentlich für eine Kreatur ist. Denn das wird immer so vorausgesetzt, und dann unterschiebt man ihm - der <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> hat es in geradezu rührender Weise getan<note xml:id="n111"><bibl corresp="kbga-bibls-5641"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Neues Testament und Mythologie</hi>, a.a.O. (s. <ref type="pub" target="../volume/41/p248#fn_n15">S. 248, Anm. 15</ref>), S. 18</bibl>: «Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in <term type="Begriffe" key="268">Krankheitsfällen</term> moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und <term type="Begriffe" key="538">Wunderwelt</term> des Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testaments</term> glauben.»</note> -: Der moderne <term type="Begriffe" key="305,23">Mensch</term> telephoniert, der moderne <term type="Begriffe1" key="305,23">Mensch</term> bedient sich des <term type="Begriffe" key="127">Fernsehens.</term> Was macht er noch? Er fährt Auto usf. … Das ist also ein Aspekt: [die] <term type="Begriffe" key="475">Technik.</term> Man könnte wahrscheinlich noch anderes sagen. Man könnte vom modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen</term> auch sagen: Er beteiligt sich in gewissen Quartieren ganz heftig an der Anthroposophie, er ist auch am Spiritismus interessiert, oder er ist <term type="Begriffe" key="258">Kommunist</term> oder … - das <term type="Begriffe" key="432">Sektenwesen</term> hat ja nicht aufgehört in der Mitte des modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen,</term> sondern es hat noch gewaltig zugenommen. Ja, und wie ist es mit dem ganzen Bereich des <term type="Begriffe" key="241">Katholizismus</term>? Ist der Papst <persName ref="kbga-actors-3435">Paul VI.</persName> kein moderner <term type="Begriffe" key="305,23">Mensch</term>? In seiner Weise sicher auch, nicht wahr? Also, man sollte nicht so eindeutig mit diesem «modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen</term>» arbeiten, wie wenn man wüßte, wer das eigentlich ist. Ja, was heißt modern? Das heißt eben heutig, und das kann die verschiedensten Vorzeichen bekommen. Und da muß man sich also nicht imponieren lassen, wenn jemand daherkommt und sagt: «Ich rede im Namen <hi rend="italic">des</hi> modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen,</term> des telephonierenden und des im Weltraum herumfliegenden - das ist der moderne <term type="Begriffe" key="305,23">Mensch.</term>» Da würde ich wieder dafür sein, daß man sich in einer gewissen Heiterkeit und Friedlichkeit die Sache anhört. Und vielleicht, wenn Ihnen so ein Vikar über den Weg läuft, der Ihnen besonders Sorge macht, dann würde ich ihn heranziehen und ihm sagen: «So, jetzt halten Sie uns einmal mindestens drei Vorträge über den modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen.</term> Jetzt wollen wir gar nichts hören von der <term type="Begriffe" key="100">Entmythologisierung,</term> aber der moderne <term type="Begriffe" key="305,23">Mensch</term> soll mal …» Und dann könnten Sie etwas erleben, was für ein Mythologumen käme … </p>
                <p>Ja, sind Sie befriedigt, so ungefähr? Also, ich möchte nicht so mit schwerer Hand an diese Sache herangehen, sondern ein bißchen mit leichter Hand … </p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p297" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-10712">Turck</persName> [?]:</speaker> 
                <p>Ich darf vielleicht noch eines dazu sagen, daß jetzt gerade in großer Auflage ein Offener Brief verteilt wird.<note xml:id="n112"><bibl corresp="kbga-bibls-6030"><persName ref="kbga-actors-10714">P. Tegtmeyer</persName>, <hi rend="italic">Laß doch Dein Licht auslöschen nicht - Ein Brief an die <term type="Begriffe" key="156,6">Gemeinde</term></hi> <hi rend="italic">Jesu zur Lage!</hi>, vom Aussaat-Verlag, Wuppertal-Barmen, im Juni 1963</bibl> in 70 000 Exemplaren verbreitet, dazu in zahlreichen <term type="Begriffe" key="371">pietistischen</term> Blättern nachgedruckt. Vgl. dazu: <bibl corresp="kbga-bibls-6031"><persName ref="kbga-actors-3559">H. Stratmann</persName>, <hi rend="italic">Kein anderes <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term></hi>. <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="154">Geist</term></hi> <hi rend="italic"> und Geschichte der neuen <term type="Begriffe" key="44">Bekenntnisbewegung</term></hi>, Hamburg 1970, bes. S. 51-54</bibl>.</note> Da steht drin, daß die Krise, in der wir uns befinden, viel schlimmer und gefährlicher ist als 1933 [beim Auftreten der] «<orgName ref="kbga-actors-10458">Deutschen <term type="Begriffe" key="79">Christen</term></orgName>». So wird das von <persName ref="kbga-actors-10714">Tegtmeyer</persName> und anderen gesehen, und so kommt das dann in der sogenannten glaubenden Gemeinde an: Es wird [in der modernen <term type="Begriffe" key="481,31">Theologie</term>] alles auf den Kopf gestellt. Wenn wir nicht mehr glauben können, daß Jesus <term type="Begriffe" key="227,18">Christus</term> Gottes Sohn ist, dann ist uns alles genommen. Sie können - entschuldigen Sie, wenn ich das sage - als ein Exponent der theologischen Forscherwelt mit einer Harmlosigkeit sondergleichen von Jesus <term type="Begriffe" key="227">Christus</term> reden und von dem Heiligen <term type="Begriffe1" key="154">Geist</term> und von dem <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> und von dem, «was da steht», wo wir schon beinahe alle infiziert sind und bei jedem Satz dahinter sagen möchten: «Aber wenn das nun gar nicht wahr ist, wenn das nur <term type="Begriffe" key="242">‹Kerygma</term>› ist, oder wenn das, wer weiß wann, [hinzugefügt worden] ist!» Verstehen Sie, so stehen wir in der ständigen Auseinandersetzung mit diesen Leuten. Und wenigstens für mich persönlich [ist dies] ein wohltuender Tag, ein Geschenk, daß wir noch einmal aus Ihrem Mund das <hi rend="italic">so</hi> hören dürfen. Das bestätigt mich darin: Ich darf weiter auch so predigen in dieser Harmlosigkeit: «Es <hi rend="italic">steht</hi> geschrieben!»</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja,  aber unter der Voraussetzung, gelt, daß Sie (ich will jetzt auch das Wort brauchen) diese ganze «Not» - ich glaube übrigens, [sie] war [19]33/34 doch noch ein bißchen anders - auf sich nehmen, m. a. W., daß Sie die Fragen, von denen die Leute jetzt da umgetrieben sind und auf die sie ihre etwas mutwilligen und kindischen Antworten geben, mindestens auch kennen. Sie können ihnen natürlich nicht einfach nur entgegentreten: Da bin ich! und sagen: «Es steht geschrieben!» Ja, ich mache es auch so. Aber immerhin, man muß es so tun, daß sie merken, sie sind <hi rend="italic">verstanden</hi> in ihren Anliegen. </p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p298" rend="noPipe"/> Sehen Sie, ich habe gerade in diesem gleichen Raum, wo wir sitzen, seit Jahren [meine Sozietäten]. Da kommen die <term type="Begriffe" key="461">Studenten</term> - <term type="Begriffe" key="39">Basler</term> Studenten, <term type="Begriffe" key="615">Zürcher</term> Studenten, sie kommen manchmal sogar von <term type="Begriffe" key="495"><placeName ref="kbga-places-61">Tübingen</placeName></term> herüber und von <term type="Begriffe" key="712"><placeName ref="kbga-places-31">Heidelberg</placeName></term>. Sie sind natürlich alle auch irgendwie «infiziert» von dieser Sache. Und in den ersten zwei, drei Sitzungen machen sie mir so Gesichter und schauen mich an: Aha, das ist jetzt das denkmalschutzwürdige Subjekt, das man zwar respektieren muß, aber wo man natürlich nicht mitgehen kann. Und nun mache ich, ich kann Ihnen sagen, jedes Semester die gleiche Erfahrung, daß dann, wenn man dann ruhig mit ihnen redet[, eine Verständigung gar nicht so schwer ist]. Wir behandeln immer ein Stück aus der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik,</term></bibl> etwa 30 Seiten. Dann müssen sie einmal diese 30 Seiten gelesen haben. Um das kommen sie nicht herum. Sie müssen auch darüber referieren können und es nicht nur so ein bißchen gelesen haben, [damit dazu dann nicht bloß wieder] gesagt [wird]: «Das ist <term type="Begriffe" key="351">Orthodoxie</term>!» Ich bin hier am gleichen Platz, und neben mir sitzt der Student und referiert. Nachher darf er mir seine Fragen stellen. Dann geht es los, und alle sitzen da und blicken mich an. Und dann erfüllt sich, was «geschrieben steht», aber nicht in der <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term>, sondern bei <persName ref="kbga-actors-1833">Rilke</persName>: «sie lächelten und wurden langsam froh».<note xml:id="n113">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6032"><persName ref="kbga-actors-1833">R. M. Rilke</persName>, <hi rend="italic">Die frühen Gedichte</hi>, Leipzig 1918, S. 6</bibl>: 
                <q rend="block">
                    <lg>
                    <l>Die armen Worte, die im Alltag darben,</l>
                    <l>die unscheinbaren Worte, lieb ich so.</l> 
                    <l>Aus meinen Festen schenk ich ihnen Farben,</l> 
                    <l>da lächeln sie und werden langsam froh.</l>
                    </lg></q></note> Langsam merken sie dann: «Du liebe Zeit, es ist ja alles ganz anders.» Und dann habe ich schon Genesungen erlebt. Und Sie müssen den Leuten auch ein bißchen Genesungen bereiten, statt sie so schrecklich feierlich ernst zu nehmen.</p>
                <p> Ich weiß nicht[, aber ich frage mich] - ich habe es heute morgen ja schon angedeutet -, ob diese Woge, unter der wir jetzt stehen, nicht einmal verrauscht, ob da nicht zu viele Sackgassen sind, wo die Leute sich verlieren? Es sind schon andere merkwürdige Sachen in der evangelischen <term type="Begriffe" key="244,23">Kirche</term> unterwegs gewesen. Soweit ich sehe, wenn man einmal so phänomenologisch reden will, war das <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> im 18. Jahrhundert viel bedrohter als in <term type="Begriffe" key="541,2">unserer</term> Zeit - und zwar von beiden Seiten: von einem schwärmerischen <term type="Begriffe1" key="371">Pietismus</term> und von einer ratio<pb ed="pga" xml:id="p299" break="no"/><term type="Begriffe" key="391">nalistischen</term> <term type="Begriffe" key="613">Aufklärung</term> her. Es ist in der heutigen Zeit, auch in der heutigen <term type="Begriffe" key="244">Kirche,</term> doch manches auch sehr <term type="Begriffe" key="200">hoffnungsvoll</term>. Das muß man doch auch sehen. Ich weiß nicht, ob ich es noch erlebe[, daß jene Woge vorübergeht]. Aber wenn ich jetzt die <term type="Begriffe" key="481,15">Theologiegeschichte</term> der letzten zwanzig Jahre so ansehe, wie der <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> auftrat mit seiner berühmten Broschüre<note xml:id="n114">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p248#fn_n15">S. 248­, Anm. 15</ref>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> denkt hier wohl besonders an die Zusammenstellung der Theologie von <persName ref="kbga-actors-512">Rudolf Bultmann</persName> (1884–1976), <persName ref="kbga-actors-406">Paul Tillich</persName> (1886–1965) und <persName ref="kbga-actors-50">Dietrich Bonhoeffer</persName> (1906–1945) in der <ref type="pub" target="../volume/41/p251#fn_n20">S. 251­, Anm. 20</ref>, genannten Schrift von <persName ref="kbga-actors-343">J. A. Th. Robinson</persName>.</note> - und alle, alle redeten es ihm nach, und dann [kam] noch der <persName ref="kbga-actors-406">Tillich</persName> herüber und sagt[e] etwas Ähnliches, und dann [wurde es] noch mit <persName ref="kbga-actors-50">Bonhoeffer</persName> abgestützt … - ich habe den Eindruck, es wird den Leuten schon [jetzt] ein bißchen madig im Munde, weil es auch zu langweilig ist, weil es zu dünn ist … </p>
                <p> Benützen Sie die Zeit, die Sie noch haben, nicht zu Kämpfen und Bekämpfungen, sondern zur Aufstellung, Aufrichtung besserer, haltbarerer Positionen - in <term type="Begriffe" key="439">Solidarität</term> mit der «glaubenden <term type="Begriffe1" key="156">Gemeinde</term>» (ich höre das Wort nicht so furchtbar gern!) und dann mit diesen Springinsfelden da! Ja, du liebe Zeit, wissen Sie, die haben auch noch ihre Jugendkomplexe. Die kommen erst aus der Pubertät heraus, und das geht dann da in die <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> hinein. Das muß man doch alles auch ein bißchen menschlich verstehen und würdigen und dann ein bißchen lieb und - ich hätte bald gesagt - ein bißchen lustig mit ihnen sein. Und den Vergleich mit [19]33/34 würde ich ihnen nicht erlauben. Da würde ich sagen: Kindlein, ihr seid damals noch gar nicht auf der Welt gewesen oder kaum erst. Ich will euch was erzählen, das war ein wenig anders. Es gibt bis jetzt mindestens noch keine Bultmannsche <orgName ref="kbga-actors-8298">Gestapo</orgName> und <term type="Begriffe" key="263">KZ-Lager.</term> Die Bedrohung war damals ein bißchen intensiver. Sondern schaut einmal, wie schön ihr es habt, ihr dürft ja einfach reden und dürft eure Sätze sagen. Wir nehmen es euch nicht ab; aber sagt es jetzt einmal, bis es genug gesagt ist! So in dem Stil würde ich vielleicht versuchen[, mit ihnen umzugehen]. Ich glaube nämlich, das ist der größere Ernst, als wenn man sich sofort in die <term type="Begriffe" key="44,8">Bekenntnishaltung</term> stürzt, in den <foreign xml:lang="lat">status confessionis</foreign>. Stellen Sie sich ruhig in den <foreign xml:lang="lat">status <hi rend="italic">theologiae</hi></foreign>, einer guten <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> - [es] braucht nicht meine zu sein, aber eine gute <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term>! -, und dann brauchen Sie keine Angst zu haben … und keine «Not».</p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p300" rend="noPipe"/>  <persName ref="kbga-actors-10715">Heue</persName>:</speaker> 
                <p>Ich möchte nur in aller Einfachheit vorschlagen, daß wir die für alle Seiten peinliche und beschämende Diskussion beenden. Wir sind sicherlich so höflich, Herr Professor, wir, die durch die <term type="Begriffe" key="61"><persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>-Schule</term> gegangen sind, daß wir Ihre Darstellung der «Infizierten» hinnehmen. Aber ich glaube nicht, daß ich bereit bin oder einer der anderen, Ihnen zu widersprechen oder das Gespräch an dieser Stelle aufzunehmen. Ich bitte also sehr darum, daß wir vielleicht an diesem Punkte den Faden fallen lassen und weitergehen. </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Beschämend? Warum soll jetzt das beschämend gewesen sein, lieber Herr <persName ref="kbga-actors-10715">Sowieso</persName>? Es ist [von einem unter Ihnen] etwas ausgesprochen worden, was ich dutzend Male schon gelesen habe. Das ist tatsächlich eine Ansicht, und die anderen haben eben auch ihre Ansicht. Ich sehe nicht ein, was da beschämend sein soll. Haben Sie [das], was <hi rend="italic">ich</hi> gesagt habe, beschämend gefunden oder was der Herr … ?</p>
                </sp>
                <sp>
               <speaker> <persName ref="kbga-actors-10715">Heue</persName>:</speaker> 
               <p>Beschämend ist die Art und Weise, wie Sie diejenigen, die durch die Theologie <term type="Begriffe1" key="61"><persName ref="kbga-actors-512">Bultmanns</persName></term> gegangen sind, zurechtrücken und in eine ganz gewisse Position bringen, die von vorne bis hinten nicht stimmt.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Aha.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10715">Heue</persName>:</speaker> 
                <p>Wie kann man von einer Infektion reden [bei einer Sache], die mit den Begriffen, mit denen Sie sie fassen wollen, überhaupt gar nicht zu beschreiben ist? [Nehmen Sie zur Kenntnis,] daß wir uns in dem Gehäuse, das Sie der Kirche und der <term type="Begriffe" key="36,14">Theologie</term> gebaut haben, das wirklich ein sehr weiträumiges Gehäuse war, einfach nicht mehr zu Hause fühlen können. Das ist die ganze Sache. Die Gesprächslage ist nicht die, daß wir uns innerhalb des von Ihnen gezogenen Gehäuses unterhalten könnten, sondern daß wir die Frage stellen müssen, ob es überhaupt noch möglich ist, in der Begrifflichkeit, mit der Sie den Durchbruch gewagt haben, heute noch zu reden. Sehen Sie, deswegen meine ich, daß wir vielleicht an dieser Stelle das Gespräch fallen lassen sollen, weil es uns nur zu einer spannungsgeladenen Atmosphäre führen wird, die der Sache, die wir hier heute jedenfalls zu vertreten haben, gar nicht angemessen ist.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>So, das tut mir furchtbar leid! Dann wäre ich eigentlich schuld, daß jetzt eine spannungsreiche Situation entstanden [ist]. Ich wollte heute morgen schon und jetzt zur Entspannung beitragen. Ich meinte, nach beiden Seiten dazu zu helfen. Herr Fragesteller, Sie fanden es doch nicht so beschämend, was ich gesagt habe?</p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p301" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-10712">Turck</persName>:</speaker> 
                <p>Ich bin dankbar, daß das jetzt ausgesprochen ist. Denn das ist die beste Illustration zu meiner Frage. Wir wollen doch nicht so tun, als könnten wir hier das Gespräch abbrechen. Wir sind ja gerade hierher gekommen, um diese Dinge eben hier vorzutragen. Ich meine, ich hätte auch diese Tagung so verstanden, daß wir gerade zu diesen Dingen in Ruhe anhören sollten, was Herr Professor <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> uns hier noch mit auf den Weg zu geben hat. […] Daß das beschämend ist, ich bitte, das dürfte eigentlich nicht so im Raum stehen bleiben. Ich bin froh, daß durch meine Frage aber das herausgekommen ist - ich muß es noch einmal sagen -, was uns alle in die Krise hineinführt. Denn das ist unter uns noch nicht ausgemacht. Wir sind ja nicht eine einheitlich denkende Schar. Das wird hier deutlich.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, ich weiß nicht, was wir jetzt machen sollen. Es ist mir besonders aufgefallen, daß - wie ist der Name von dem <persName ref="kbga-actors-10715">Herrn</persName> dort drüben? …</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Zwischenruf:</speaker> 
                <p><persName ref="kbga-actors-10715">Heue</persName></p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>… Herr <persName ref="kbga-actors-10715">Heue</persName>, daß er da gesprochen hat von einem «Gehäuse», das ich aufgebaut habe: er hat, glaub, sogar gesagt: das Gehäuse der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> … </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Zwischenruf:</speaker>
                <p> … der systematischen Darstellung des christlichen <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term>!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja - ein <term type="Begriffe" key="36,14">Gehäuse</term>! Und er will überhaupt aus diesem Gehäuse heraus, wenn ich ihn recht verstanden habe.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Zwischenruf:</speaker> 
                <p>Er ist nicht drin.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Er ist nicht drin? Jetzt wäre zu klären: ist das[, was ich wollte,] überhaupt ein <hi rend="italic">Gehäuse?</hi> Ich habe es nie als ein Gehäuse verstanden, sondern ich habe die ganze <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchliche <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></bibl> verstanden als Anleitung zu einem <hi rend="italic">Weg</hi>, der zu gehen ist, als eine Bewegung, als eine Sache, die überhaupt nur in dynamischen Begriffen beschrieben werden kann und nicht in statischen. Denn ein Gehäuse ist eine statische Angelegenheit. Also, da [er]kenne <hi rend="italic">ich</hi> mich jetzt nicht recht wieder, verstehen Sie, wenn Sie mich so begrüßen. Aber nun wäre offenbar die Frage, die jetzt mit einiger Lebhaftigkeit [ent]standen ist - ich finde das ganz in Ordnung -, die Frage [wäre]: Was ist denn da so Furchtbares los, daß der Herr <persName ref="kbga-actors-10715">Heue</persName> und andere offenbar einfach erklären müssen: Damit haben wir gar nichts zu tun, ob es ein Gehäuse ist oder ein Weg, wir sind ganz, ganz anderswo, und es ist uns furcht<pb ed="pga" xml:id="p302" break="no"/>bar ernst damit!? Ja, er müßte uns jetzt halt doch in ein paar Worten etwas sagen und z. B. den modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen</term> beschreiben und dann den modernen <term type="Begriffe" key="481,14">Theologen</term>, was der nun eigentlich will. Aber das könnte allerdings sehr weit führen. Da können wir eigentlich den Rest unseres Nachmittags damit zubringen.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Zwischenruf:</speaker> 
                <p>Das wäre gut so. Weitermachen!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>:</speaker> 
                <p>Ich glaube, daß wir ruhig noch Zeit darauf verwenden sollten! Ich darf vielleicht einmal von mir aus sagen: Was Bruder <persName ref="kbga-actors-10715">Heue</persName> und den einen oder anderen bewegt, ist vielleicht dies, daß [das], was Sie, Herr Professor, eben gesagt haben - und darauf münzt es, glaube ich, insgesamt gesehen -, manch einem erscheint, als würde hier ein ganz <hi rend="italic">bestimmter</hi> Weg gezeichnet und als würde alles, was nicht auf diesem Weg ist, angesehen als etwas, was zu überwinden wäre, was sowieso vorübergeht, was man mit <term type="Begriffe" key="208">Heiterkeit</term> ertragen könnte. Und vielleicht haben die Formulierungen etwas dazu beigetragen: von den Hühnchen und den Hähnen, die gackern und ihre Eier rezensieren usw. [Das hat anscheinend so gewirkt,] als sei hier etwas dargestellt, was den anderen, mit unserer Sprache jetzt gesagt, ein wenig fertig macht. Diesen Eindruck haben vielleicht einige, und es ist, glaube ich, ganz gut, wenn das auch noch ein bißchen ausgesprochen und wenn, wo es möglich ist, gezeigt wird, wie wir aus dieser Geschichte herauskommen und vielleicht miteinander noch ein Stückchen weiter kommen.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10710">Reifner</persName>:</speaker> 
                <p>Ich wollte nur zwei Sätze sagen. Zunächst bin ich wirklich dankbar, daß das einmal gesagt wurde. Mich hat es hierbei gefreut, daß Sie mir persönlich zu einer gewissen Entkrampfung verhelfen, gerade gegenüber den Hühnchen, jetzt nicht im negativen Sinn gemeint, sondern daß wir sagen: Laß sie doch, diese <term type="Begriffe" key="57">«Bösen</term>» (wie sie da auch deklariert werden), laß sie doch uns mal erklären, was sie eigentlich wollen usw.! Ich stehe also völlig auf der Gegenseite und bin doch dankbar, daß Sie sagen: Wir wollen darüber sprechen können. Es ist für Sie, Herr Professor, sicher wichtig zu hören, wie weit das bei uns geht. Ich glaube, daß das, was bei uns an der Front unten geschieht, oft oben nicht ankommt. Dann könnte es auch nicht passieren, daß unsere Kirchenleitungen sich derartig wenig autorisiert fühlen, einigen Professoren etwa zu einem anderen Stuhl zu verhelfen. Warum sie das nicht tun, wird mir ewig unbegreiflich bleiben. Und das alles spielt ja mit hinein.</p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p303" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>:</speaker> 
                <p>Das ist jetzt die Gegenseite, ebenso extrem … </p>
                </sp>
                <p>[Stimmengewirr]</p>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10696">Stückrath</persName>:</speaker> 
                <p>Das letzte Votum - in Klammern: ich wollte anders anfangen, aber es tut mir schrecklich leid -, das letzte Votum würde das genau bestätigen, was Bruder <persName ref="kbga-actors-10715">Heue</persName> gesagt hat, daß man auf diese Art und Weise wahrscheinlich darüber nicht sprechen kann. Was den Herrn <persName ref="kbga-actors-10715">Heue</persName> gestört hat, ist meiner Meinung nach dieses, daß von Ihnen, Herr Professor - Sie werden entschuldigen - die Geschichte etwas <term type="Begriffe" key="386">entwicklungspsychologisch</term> abgeschoben worden ist. Wenn man sagt, wie heißt es so schön: «<foreign xml:lang="lat">Nubicula est, transibit</foreign>» (es ist ein Wölkchen, es wird vorübergehen)<note xml:id="n115">Nach <bibl corresp="kbga-bibls-6033"><persName ref="kbga-actors-6691">Tyrannius Rufinus</persName>, <hi rend="italic">Historia Ecclesiastica</hi> X, 34 (35)</bibl>, sagte Bischof <persName ref="kbga-actors-874">Athanasius</persName> von Alexandrien etwa 362 bei einer der gewaltsamen Vertreibungen von seinem Bischofssitz: «<foreign xml:lang="lat">Nolite, o filii, conturbari, quia nubicula est et cito pertransit</foreign>.»</note>, dann würde ich auf der einen Seite sagen, daß wir uns, wenn wir so herrlich dazu aufgefordert werden: «Sie sollen ruhig weitermachen», an dem Vergleich der Wolke nicht stören, wir aber keinesfalls deswegen weitermachen, weil uns das so gesagt wird: Ihr dürft [das]. Und auf der anderen Seite kann niemand von einem Professor der <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> erwarten, daß er in seiner Weisheit so etwas Ähnliches wie einen Richterspruch darüber fällt, inwiefern das nun theologisch und auf der anderen Seite (natürlich uns etwas unangenehm) entwicklungspsychologisch [zu beurteilen] ist.</p>
                <p> Nur meine ich folgendes: Wir dürfen das, wenn wir darüber reden sollten, nicht in dieser Einflächigkeit tun. Zumal der moderne <term type="Begriffe" key="305,23">Mensch,</term> wenn der hier hervorgeholt wird, ja wohl wir selber sind. Und das schon insofern, als wir diesen Jesus <term type="Begriffe" key="227">Christus,</term> von dem Sie, Bruder <persName ref="kbga-actors-10712">Turck</persName>, in dieser etwas einfacheren Art gesprochen haben, ja also nun wahrhaftig nicht reinsten Wassers haben, sondern, um es etwas streng zu formulieren, nur tatsächlich doch innerhalb einer gewissen <term type="Begriffe" key="344">Ontologie,</term> soweit wir hier nachdenkende Leute sind. Und das ist meine Frage, ob wir das jetzt so weitermachen können, um von dem Eindruck wegzukommen? Ich meine, ich bin gern ein Hähnchen, das macht mir nichts aus. Aber wenn schon Hähnchen, dann würde ich es nicht nur auf einen harmlosen <term type="Begriffe" key="269">Krieg</term> ankommen lassen, wie zwischen <persName ref="kbga-actors-2658">Kennedy</persName> und <persName ref="kbga-actors-10716">Schröder</persName><note xml:id="n116">Die Namen des damaligen Präsidenten der USA und des deutschen Außenministers sind auf der Tonbandwiedergabe nicht klar zu erkennen. 1963 kam es zwischen den <term type="Begriffe" key="8">USA</term> und den Staaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) zu Auseinandersetzungen über die Zölle auf US-amerikanisches Gefriergeflügel. Im August 1963 beschloß die US-Regierung, als Retorsionsmaßnahme ihrerseits die Zölle für eine Reihe von EWG-Importen zu erhöhen. Ein Schritt zur Entspannung in diesem damals so genannten <term type="Begriffe" key="269,9">«Hähnchenkrieg</term>» bedeutete im September 1963 die Entscheidung der deutschen Bundesregierung, die Abschöpfungspreise für Gefriergeflügel aus den USA zu senken.</note>, sondern dann würde ich jetzt <pb ed="pga" xml:id="p304"/> wirklich einen Hahnenkampf führen, in einer [strengen] <term type="Begriffe" key="417">Sachlichkeit,</term> um den modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen,</term> angefangen von <persName ref="kbga-actors-10717">Ingmar Bergman</persName> bis zu <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> und wieder zurück.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10718">Gensichen</persName>:</speaker>
                <p>Ich wollte nur noch mal sagen, daß Bruder <persName ref="kbga-actors-10715">Heues</persName> Bemerkung: «beschämend» sicher nicht ganz so gemeint war, wie das viele aufgefaßt haben. Bloß, es ist doch einfach so, Herr Professor, wir sind in einer ganz anderen Situation. Es ist einfach, sagen wir mal, der Generationenunterschied, der uns trennt. Wir hören das, was Sie sagen, bestimmt mit einer großen Achtung, einfach weil es die Weisheit eines Älteren und Großen ist. Entschuldigen Sie, ich kann das jetzt nicht anders ausdrücken. Aber, verstehen Sie, wir warten ja auf eine sachliche Klärung, und die Sache ist vielleicht bis jetzt noch etwas zu kurz gekommen. Bruder <persName ref="kbga-actors-10696">Stückrath</persName> hat das eben mit dem Wort «entwicklungspsychologisch» ausgedrückt. <term type="Begriffe" key="439">Solidarität,</term> um da noch mal anzuknüpfen, das hieße vielleicht doch nicht zuerst: mit einem fröhlichen Blick und dem echten Verlangen, dem anderen <term type="Begriffe" key="319">Mut</term> zuzusprechen, an die Sache heranzugehen, sondern [hieße] - so wie wir das heute sehr viel tun und die jungen <term type="Begriffe" key="305">Menschen,</term> mit denen wir in den <term type="Begriffe" key="156">Gemeinden</term> zu tun haben, auch tun -: sachlich! Ich brauche jetzt gar nicht zu sagen, daß das das Zeichen des modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen</term> ist, aber einfach irgendwie das Zeichen des jungen <term type="Begriffe" key="305">Menschen,</term> daß er ungeheuer nüchtern und sachlich rangeht. So nüchtern und sachlich, daß er sich tatsächlich unter Umständen bisweilen nicht mehr in diesem zitierten Gebäude drin findet. Der typisch moderne <term type="Begriffe" key="305,23">Mensch</term> steht da, wo <persName ref="kbga-actors-10717">Ingmar Bergman</persName> mit seinem Film «Abendmahlsgäste»<note xml:id="n117">Der Film des schwedischen Regisseurs <bibl corresp="kbga-bibls-6034"><persName ref="kbga-actors-10717">Ingmar Bergman</persName> (geb. 1918) «Nattvardsgästerna» (1962) lief damals in <term type="Begriffe" key="80">Deutschland</term> unter dem Titel «Licht im Winter»</bibl>.</note> steht … <term type="Begriffe" key="439">Solidarität</term> müßte zunächst heißen: sachliches Ernstnehmen. Das tun <pb ed="pga" xml:id="p305"/> Sie ganz gewiß, aber vielleicht hat uns einfach die Art [Ihres Redens] gestört. Wir haben die gute Absicht gespürt, bloß, ich bin nicht weiter gekommen.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, die «Art», wie ich jetzt geredet habe, war zugespitzt auf diese [mir gestellte] <hi rend="italic">Frage</hi>. Ihnen glaube ich so antworten zu müssen: Seid ein bißchen <term type="Begriffe" key="148">geduldig</term> und ein bißchen heiter und, bitte, seid nicht so erschrocken vor dem Phänomen dieser theologischen Jugend, die da auftritt! Jetzt ist die theologische Jugend selber zu Wort gekommen, und die will nicht so geschützt sein, wie ich sie schützen wollte. Sondern die möchte jetzt ernst genommen sein.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Zwischenruf:</speaker> 
                <p>Es klang etwas nach Narrenfreiheit.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Nein, nein, das war nicht so gemeint. Ich bin durchaus bereit[, diese Jugend «sachlich ernst zu nehmen»]. Aber: sachlich! Ja, aber was würde jetzt eigentlich <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="417">Sachlichkeit</term></hi> heißen, sachliche Diskussion? Wir können sie nicht heute Nachmittag führen. Aber wenn wir jetzt auf die Sache kommen wollten - das mit dem <term type="Begriffe" key="386">Entwicklungspsychologischen</term> habe ich so beiläufig gesagt, gelt, das hat keine konstitutive Bedeutung - aber [wenn wir jetzt auf] das <hi rend="italic">Sachliche</hi> [zu reden kommen würden], ich fürchte, und das geht mir leicht so mit den <term type="Begriffe" key="61">Bultmannianern,</term> daß dann eine Diskussion über die <hi rend="italic">Methode</hi> anfängt, nicht wahr? Man öffnet nicht die <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> und liest, sondern man redet endlos <hi rend="italic">über</hi> die Bibel, <hi rend="italic">über</hi> den Kanon, <hi rend="italic">über</hi> die rechte Auslegung, <term type="Begriffe" key="193">Hermeneutik</term> usf. - und die Bibel bleibt immer geschlossen und kommt nicht zu Wort. Nun würde für mich die <term type="Begriffe" key="417">Sachlichkeit</term> eigentlich damit beginnen, daß man die Bibel <hi rend="italic">auftut</hi>, irgendwo, und [daß man] anfängt, miteinander darin zu lesen. Und wenn die jüngeren Herren und Brüder hier noch meine <term type="Begriffe" key="461">Studenten</term> wären, dann würde ich sie einladen, mit mir zusammen sei es ein bestimmtes Lehrstück aus der <term type="Begriffe" key="90">Dogmatik,</term> sei es bestimmte Texte durchzugehen - ich habe mich zum Beispiel ja auch schon mit <term type="Begriffe" key="120">Exegese</term> betätigt - und dann das zu vergleichen und zu sehen: Wo sind jetzt da die Grenzen, wo ist es so furchtbar, daß man aus diesem Gehäuse, wie Sie es nennen, oder [von] diesem Weg durchaus weg muß? Aber [das] jetzt nicht in Form von einer Methodendiskussion, sondern: <hi rend="italic">zur Sache!</hi></p>
                <p> Ich will Ihnen zwischenhinaus etwas erzählen, was Ihnen vielleicht allen interessant sein kann: Mein Weg und der meines Freundes <persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName> haben sich - das ist nicht allgemein bekannt - schon im Jahr <pb ed="pga" xml:id="p306"/> [19]22 geschieden. Er kam nach <term type="Begriffe" key="637"><placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName></term>, wo ich gerade als ganz frischgebackener <term type="Begriffe" key="36,15">Honorarprofessor</term> mein erstes Semester hielt oder «zelebrierte»: eine zweistündige Vorlesung über den Heidelberger <term type="Begriffe" key="239,2">Katechismus</term> und in meiner mir jetzt unbegreiflichen Kühnheit eine einstündige Vorlesung über den Epheserbrief.<note xml:id="n118"><persName ref="kbga-actors-137">Friedrich Gogarten</persName> (1887–1967), damals Pfarrer in <term type="Begriffe" key="713">Stelzendorf</term>/Thüringen, kam im Februar 1922 zum Besuch <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> nach <term type="Begriffe" key="637"><placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName></term>. Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> frühesten Bericht darüber in: <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub" target="../volume/04/p046#p045">S. 46f.</ref></bibl> Vgl. dazu ferner den Bericht <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> darüber in seinem <bibl corresp="kbga-bibls-4104">Gespräch mit <term type="Begriffe" key="495">Tübinger</term> Studenten, Gespräche 1964-1968, <ref type="pub" target="../volume/28/p031#p031">S. 31-129</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/28/p117#p117">S. 117f</ref></bibl>.</note> Und der <persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName> kam herüber - er war damals noch auf dem Dorf - und hörte das an. Und ich höre ihn noch heute, wie er mir nachher zu Hause gesagt hat: «Weißt du, <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>, das ist ja alles schön und recht mit dem Heidelberger <term type="Begriffe" key="239,2">Katechismus</term> und mit dem Epheserbrief. Aber das können wir heute noch nicht machen. Wir müssen zuerst wissen, was überhaupt <term type="Begriffe" key="163">‹Geschichte</term>› ist …» - und [er] meinte damals [eine] Auseinandersetzung mit <persName ref="kbga-actors-410">Troeltsch</persName> und mit <persName ref="kbga-actors-96">Dilthey</persName><note xml:id="n119">Das hat dann <persName ref="kbga-actors-137">Fr. Gogarten</persName> besonders versucht in seinem Buch <bibl corresp="kbga-bibls-1060"><hi rend="italic">Ich glaube an den dreieinigen Gott. Eine Untersuchung über <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term></hi> <hi rend="italic">und Geschichte</hi>, Jena 1926</bibl>, worauf schon der Untertitel hinweist und was besonders im einleitenden Kapitel <term type="Begriffe" key="174">«Glaube</term> und Geschichte» ausgeführt wird. - <persName ref="kbga-actors-410">Ernst Troeltsch</persName> (1865–1923), seit 1915 Professor für Kultur-, Geschichts-, <term type="Begriffe" key="165">Gesellschafts</term>- und Religionsphilosophie und christliche Religionsgeschichte in <term type="Begriffe" key="607">Berlin</term>; <persName ref="kbga-actors-96">Wilhelm Dilthey</persName> (1833–1911), Geschichtsphilosoph, seit 1883 an der Universität Berlin.</note> (das waren damals die großen Zeiten dieser <term type="Begriffe" key="370">Philosophie</term>). Und nun sind seine Wege und meine daran grundsätzlich auseinandergegangen, daß ich fortgefahren habe, Bücher zu öffnen: die <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> und dann auch in der Tat den <persName ref="kbga-actors-1038">Heppe</persName><note xml:id="n120"><bibl corresp="kbga-bibls-263"><persName ref="kbga-actors-1038">H. Heppe</persName>, <hi rend="italic">Die Dogmatik der evangelisch-reformierten Kirche</hi>, neu hrsg. von E. Bizer, Neukirchen 1935 (1958), mit einem Geleitwort von K. Barth</bibl>.</note> und andere derartige Bücher, und habe darin gelesen und habe versucht, mich damit auseinanderzusetzen und das wiederzugeben und zu verstehen usf. Und er hat, soweit ich sehe, bis auf diesen Tag eigentlich nichts gesagt, sondern immer nur darüber geredet, was man sagen sollte.</p>
                <p> Und  das ist also für mich die Not mit den <term type="Begriffe" key="61">Bultmannianern,</term> daß ich [sie] nicht hinwegkomme[n sehe] über diese Methodendiskussionen. Mit den Jungen aus dieser Schule, soweit ich sie hier noch habe, komme ich nach einiger Zeit ganz nett zurecht, sobald man nun <pb ed="pga" xml:id="p307"/> wirklich auf die <hi rend="italic">Sache</hi> kommt, d. h. auf die Texte. Aber sehen Sie, es geht doch nicht so, wie es <persName ref="kbga-actors-103">Ebeling</persName> im letzten Winter gemacht hat.<note xml:id="n121">Das Seminar von <persName ref="kbga-actors-103">G. Ebeling</persName> hatte im Wintersemester 1962/63 das Thema: «Die Anfänge der dialektischen <term type="Begriffe" key="481,32">Theologie</term>».</note> Der hat ja  jetzt in <term type="Begriffe" key="644"><placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName></term> sogar ein Hermeneutisches Institut aufgebaut. Und da ist ein kluger Amerikaner<note xml:id="n122"><persName ref="kbga-actors-1581">Grover Foley</persName>.</note> <term type="Begriffe" key="8">,</term> der hier vier Jahre studiert hat, (ich habe ihn nicht geschickt!) hinübergegangen, um sich einmal anzuhören, was in dem Institut passiert. Wissen Sie, was dort passiert ist? Da haben sie ein ganzes Semester zugebracht mit der Lektüre und <term type="Begriffe" key="120">Exegese</term> der verschiedenen Vorworte, die ich zu meinem <ref type="pub" target="../texts?facet-volume=47">Römerbrief</ref>-Buch geschrieben habe<note xml:id="n123">Vorwort zur <ref type="pub" target="47003">1. Aufl. (1919) vom August 1918</ref>, zur <ref type="pub" target="47004">2. Aufl. (1922) vom September 1921</ref>, zur <ref type="pub" target="47005">3. Aufl. (1923) vom Juli 1922</ref>, zur <ref type="pub" target="47006">4. Aufl. (1924) vom Februar 1924</ref>, zur <ref type="pub" target="47007">5. Aufl. (1926) vom Februar 1926</ref>. Das Vorwort zur 6. Aufl. (1928) fehlt in einem Teil der noch späteren Auflagen. Dazu Vorwort zur englischen Ausgabe in: <bibl corresp="kbga-bibls-6035">ZZ, Jg.10 (1932), S. 285-294</bibl>.</note>. Zwei ganze Sitzungen sind dem ersten Vorwort gewidmet gewesen, welches kaum viel stärker als eine halbe Seite ist, und dann können Sie [sich] denken, wie erst das viel längere zweite Vorwort sie beschäftigt hat! Und dann haben sie also unter dem Titel <term type="Begriffe" key="193">Hermeneutik</term> meine Vorworte gelesen und jeden Satz untersucht und diskutiert. Und da würde ich sagen: das ist grundsätzlich kein gutes Verfahren. Wenn sie mir schon die Ehre antun wollten, sich mit mir zu beschäftigen und meinem Römerbrief, so sollten sie einmal, sagen wir Römer 4 oder Römer 7 aufschlagen: «Jetzt wollen wir einmal sehen, was der Kerl daraus gemacht hat, a) in der ersten Auflage, b) in der zweiten Auflage! Und dann wollen wir feststellen: Ist das historisch-kritisch, oder wie man es nennen will, haltbare, gute <term type="Begriffe" key="120,1">Exegese</term> oder nicht?» Aber bitte, man diskutiert doch nicht Vorworte! Und was ich gegen sie habe, ist diese <term type="Begriffe" key="481">Vorwort-Theologie,</term> wo man immer eben nicht zur Sache kommt. Und wenn das dann gar noch in <term type="Begriffe" key="378">Predigten</term> übersetzt wird, wenn jetzt in den <term type="Begriffe" key="378">Predigten</term> auch Vorworte gemacht und entfaltet werden, [wenn man,] statt daß man schlicht den Text einmal auslegt, dann über Auslegung redet und ihnen allerhand <term type="Begriffe" key="424,22">neutestamentliche</term> Wissenschaft bringt, da geht es natürlich schief. Also - weil Sie das Wort <term type="Begriffe" key="417">Sachlichkeit</term> gesagt haben, da würde für mich die <term type="Begriffe" key="417">Sachlichkeit</term> anfangen: daß man zu den <hi rend="italic">Texten</hi> kommt. </p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p308" rend="noPipe"/> Zwischenruf:</speaker> 
                <p>[…] Das gibt es auch, was Sie eben gesagt haben, aber nicht nur.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, aber denken Sie, ein Meister wie <persName ref="kbga-actors-103">Ebeling</persName> - das ist doch ein Meister vom Stuhl geradezu, und um ihn herum haben die <term type="Begriffe" key="615">Zürcher</term> ein ganzes Institut gebaut, mit allem Zubehör - und jetzt passiert in diesem Institut das!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Zwischenruf:</speaker> 
                <p>Aber Ihre Vorworte werden ja nun nicht gerade unwesentlich sein.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ach, wissen Sie, diese Vorworte! Die habe ich jeweilen geschrieben, wenn das Buch fertig war. Da habe ich mich noch hingesetzt mit einem gewissen Vergnügen und habe dann noch ein Vorwort dazu geschrieben. Aber das ist doch Marginalwerk. Es gibt ja Leute, die ganz besonders meine Vorworte gern lesen, auch die in der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik.</term></bibl> Aber bitte, das ist doch Beiwerk. Das leiste ich mir auf drei, vier oder vielleicht auch mal zehn Seiten, aber das ist nun nicht die Sache, sondern das ist Vorwort.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>:</speaker> 
                <p>Wenn ich mich an dieser Stelle noch mal einschalte, dann glaube ich, daß wir hier an einem ganz bestimmten Punkt sind, der von heute morgen bis in den Nachmittag hineinreicht, der durch diese Diskussion eigentlich jetzt ziemlich klar ans Licht gerückt ist. Wenn ich die Dinge recht sehe, dann habe ich den Eindruck, daß alles, was Sie, Herr Professor, uns heute und eben im besonderen gesagt haben, eigentlich nicht Streit herbeiführen sollte über verschiedene Methoden und verschiedenartige Wege, sondern daß alles - auch zum Teil in der Karikierung verschiedener Wege - dem einen Ziel dienen sollte, uns deutlich zu machen: Es kann in der <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> nur weitergehen, wenn man an der ganz bestimmten Sache des Wortes arbeitet und an der Sache sich gegenseitig ständig überprüft und von daher ins Gespräch hineinkommt. Das würde praktisch zur Folge haben, daß wir uns fast noch einmal bei Ihnen einladen müßten, um zu sagen: Nun wollen wir einmal nicht Fragen stellen und Antwort auf diese Fragen hören, sondern nun möchten wir gerne an bestimmten Texten der <term type="Begriffe" key="90">Dogmatik</term> oder des Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testaments</term> oder auch des <term type="Begriffe" key="424,2">Alten</term> arbeiten, um uns an diesen Sachvorlagen ein Stückchen weiterhelfen zu lassen.</p>
                <p>Ich möchte doch noch einmal zur Diskussion sagen: Ich bitte, keinen Augenblick zu vergessen, daß wir es hier mit Fragestellungen in einer ganz bestimmten Richtung zu tun haben und daß hier Antwor<pb ed="pga" xml:id="p309" break="no"/>ten auf diese speziellen Fragen gegeben worden sind, Antworten, die dem Fragesteller selbst helfen sollten. Natürlich ergeben sich aus der Antwort an den Fragesteller wiederum neue Fragen für andere Fragesteller, die aber hier vorher nicht vorgemerkt waren und die ganz neue Konzeptionen vor uns hinbringen. Ich will nur an einem Beispiel klar machen, wie mich das beschäftigt. Hier steht in der Begründung der Frage 7 das Wort von der Vollmachtslosigkeit der <term type="Begriffe" key="378,1">Predigt.</term><note xml:id="n124">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/41/p285#p285">S. 285</ref>­ die Frage zu Anfang von Abschnitt 8.</note> Das wäre für mich eine Sachfrage, um es nur an dieser einen Stelle einmal zu sagen. Mir ist bei der Beschäftigung mit dem Worte <foreign xml:lang="el-GR">ἐξουσία</foreign> [Macht, Vollmacht] im Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> aufgefallen, daß dieses Wort dort eigentlich nur zweifach gebraucht wird: einmal im Blick auf die <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term> Jesu selbst und zum anderen im Blick auf die <foreign xml:lang="el-GR">ἐξουσία</foreign>, <term type="Begriffe" key="478">Teufel</term> auszutreiben und Kranke zu heilen. Das Wort wird meines Wissens nie von der <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term> der Jünger gebraucht, sondern nur vom Herrn und im Blick auf die Krankenheilung usf. Das ist jetzt eine Sachfrage, die am Neuen Testament geprüft werden müßte: Hat das eine besondere Bedeutung? Ist das etwas, was für unsere <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> von Bedeutung ist? Ist das etwas, was ein solches Wort wie «Vollmachtslosigkeit unserer <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term>» an sich unmöglich macht - oder vielleicht sogar unmöglich macht, von der vollmächtigen <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term> zu reden? Ich will das jetzt nur an diesem einen Beispiel darstellen.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Votant:</speaker> 
                <p>So, sind das keine Randfragen wie das, was Sie jetzt da reinbringen … ?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>:</speaker> 
                <p>Moment, Moment! Ich will an diesem einen Beispiel klar machen: Nicht um Randfragen geht es, sondern um Antworten auf gestellte Fragen, und aus den Antworten auf gestellte Fragen ergeben sich neue Fragen. Diese neuen Fragen können wir unmöglich alle behandeln. Nur um das für unseren Diskussionsverlauf deutlich zu machen, daß wir jetzt nicht aus einer Antwort an einen Fragesteller herauslesen, als seien hier sofort alle Umfänge dieser Frage erfaßt.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-7426">Simon</persName>:</speaker> 
                <p>[Ich  weiß] zwar weder, ob Professor <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> einverstanden ist, noch, ob Herr Pastor <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName> einverstanden ist. Aber ich würde meinen, es müßte hier, wo viele von unseren jungen Mitarbeitern auf theologischem Gebiet von <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> oder seiner <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> sehr stark Positives für ihre Arbeit glauben empfangen zu haben, doch die Mög<pb ed="pga" xml:id="p310" break="no"/>lichkeit geben, daß vielleicht zum Beispiel Bruder <persName ref="kbga-actors-10715">Heue</persName> aus <term type="Begriffe" key="714">Saarbrücken</term> kurz ein exegetisches Beispiel nennt. Ob vielleicht Herr Professor <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> einstimmen würde, eine Antwort von seinem <term type="Begriffe" key="120">exegetischen</term> [?] Standort aus zu geben, damit wir uns an einem exegetischen Beispiel immerhin weiter unterhalten könnten, ohne Beschämung, ohne Peinlichkeit, aber sachlich und auf die Zukunft unserer Arbeit hin.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ich weiß nicht, ob das praktikabel ist. Das würde sehr weit führen. Der Herr <persName ref="kbga-actors-10715">Heue</persName> müßte sehr gut vorbereitet sein. Und ich müßte auch vorbereitet sein, um eine sinnvolle und lehrreiche Antwort geben zu können. Es ist ja nun eine merkwürdige Sache, eben, wenn man in diesem Sinn an die Sache herankommt. Mit meinen <term type="Begriffe" key="461">Studenten,</term> die zum großen Teil auch zu dieser Jugend gehören, erlebe ich immer wieder folgendes: Sie haben einen Abschnitt aus der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></bibl> zu bearbeiten und zu lesen, 30 bis 40 Seiten. Auf diesen Seiten steht sehr wahrscheinlich auch irgendein größeres Stück neu- oder alttestamentliche <term type="Begriffe" key="120">Exegese.</term> Wenn ich die Diskussion hier jeweilen eröffne, nachdem der [Referent] 20 Minuten gesprochen hat, ist immer meine erste Frage - noch am letzten Donnerstag war es so: «So, Herr Sowieso, vor allen Dingen möchte ich hören, in was für einem Verhältnis stehen Sie zu den in diesem Text formulierten <term type="Begriffe" key="120">Exegesen</term>?» Denn diese <term type="Begriffe" key="120">Exegesen</term> sind eigentlich der notwendige Hintergrund für das, was in den großen Buchstaben in der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></bibl> gesagt ist. Und merkwürdigerweise stoße ich dann immer, fast immer auf eine gewisse Verlegenheit oder [darauf], daß der Betreffende mir sagt: «Ach nein, die <term type="Begriffe" key="120">Exegese</term> …, ja doch, darüber wird sich reden lassen!» Aber ich bin noch nie - und die waren dann vorbereitet! - auf eine klare Auseinandersetzung mit einer bestimmten <term type="Begriffe" key="120">Exegese,</term> die ich da vorgetragen habe, gestoßen. Und es sind doch sehr viele in der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik.</term></bibl> [Eine solche Auseinandersetzung] können wir hier jetzt nicht in Eile machen, wo wir unvorbereitet sind. Das würde kaum gehen. Aber daran würde es sich eigentlich entscheiden - auch das mit dem «Gehäuse» da. Also man zeige es mir an einer bestimmten Stelle[, was da so nicht geht]! Natürlich dann nicht nur so, wie etwa <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> mein Christus-und-Adam-Büchlein in Grund und Boden rezensiert hat<note xml:id="n125"><bibl corresp="kbga-bibls-6036"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>,  <hi rend="italic">Christus und Adam nach Römer 5</hi> (ThSt 35), Zollikon-Zürich 1952</bibl>. Dazu:  <bibl corresp="kbga-bibls-6037"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Adam und Christus nach Römer 5</hi>, in: ZNW, Jg.50 (1959), S. 145-165</bibl>, abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-958">ders., <hi rend="italic">Exegetica</hi>, Tübingen 1967, S. 424-444</bibl>.</note> - ich würde nun sagen: unter sachfremden <pb ed="pga" xml:id="p311"/> Gesichtspunkten. Sondern es müßte auf gleicher Ebene versucht werden, eine bessere Auslegung von Römer 5 zu zeigen, die aber mindestens in dieselbe Richtung blickt. Der «Beweis des Geistes und der Kraft»<note xml:id="n126">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p294#fn_n107">S. 294­, Anm. 107</ref>.</note> kann von beiden Seiten nur geliefert werden in Form von vollzogenen, besseren <term type="Begriffe" key="120">Exegesen</term> und nicht von, ja, eben von Methodengesprächen. Die habe ich satt bis da hinauf.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10718">Gensichen</persName>:</speaker> 
                <p>Wenn wir exegesieren würden, würden wir meines Erachtens zwangsläufig auf die <term type="Begriffe" key="120,3">Methodenfragen</term> kommen, und das ist, glaube ich, einfach der Unterschied in der Bewertung der Methodenfrage.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja gut, aber es nimmt mich wunder, wenn ich jetzt mit Ihnen arbeiten könnte; wir können das jetzt nicht … Das läßt sich ja doch nicht so trennen - [Auslegung und Methode]. Natürlich, natürlich, in der Auslegung [kommt man auf die Methodenfrage]. Aber ich suche meine Auslegungsmethode aus dem Text selber zu gewinnen, verstehen Sie. Ich bringe sie nicht an den Text heran, sondern ich lasse mich durch den Text leiten, und dann gibt es eine <foreign xml:lang="grc">μέθοδος</foreign>, einen Weg, der sich eröffnet. Aber das kann sich ja nur in actu entscheiden, welches diesem Text gegenüber der rechte Weg ist. Aber das Apriori der Methodenfrage könnte ich allerdings nicht zugeben. Und ich glaube, das werden Sie auf die Länge auch nicht tun können. Ich glaube, Sie werden von diesem allzu hohen Piedestal der Methoden-Diskussionen, den mir mein Freund <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> schon im Jahre 1922 in aller Deutlichkeit vorgeführt hat<note xml:id="n127">Vielleicht verspricht sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier und meint <persName ref="kbga-actors-137">Fr. Gogarten</persName>, bezieht sich also zurück auf das oben Gesagte über die 1922 zwischen ihnen erstmals aufgetauchte Differenz. Oder sonst hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> <persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmanns</persName> Rezension im Auge: <bibl corresp="kbga-bibls-913"><hi rend="italic">Karl Barths «Römerbrief»</hi> <hi rend="italic">in zweiter Auflage</hi>, in: CW, Jg.36 (1922), S. 320ff.330ff.358ff.369ff.</bibl>, wieder abgedruckt in:<bibl corresp="kbga-bibls-914"> <hi rend="italic">Anfänge der dialektischen Theologie</hi>, Teil I, hrsg. von J. Moltmann (ThB 17/I), München 1962, S. 119-142</bibl>.</note>, noch heruntersteigen, und dann nach fünf oder zehn Jahren ehrlicher Predigtvorbereitung und <term type="Begriffe" key="239">Katechismusvorbereitung</term> werden Sie mich vielleicht besser verstehen. Dann sagen Sie: «Ja, ja, da hat uns der in <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term> einmal so etwas erzählt; wir sind jetzt eigentlich auch dort angekommen.» Das kommt nämlich vor!</p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p312" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>:</speaker> 
                <p>Ich habe zwischendurch auf die Uhr geschaut und ich glaube, wir … </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>[vermutlich] <persName ref="kbga-actors-10696">Stückrath</persName>:</speaker>
                <p> Kommen Sie! Um der <term type="Begriffe" key="161">Gerechtigkeit</term> willen, müßte aber noch einiges gesagt werden. Also, so einfach geht das dann doch nicht. Entschuldigen Sie, Bruder <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>, aber so kann man nicht abschließen. Sonst können wir Bier trinken. Das können wir genau so zu Hause. Wenn man von uns erwartet, daß wir jetzt zur <term type="Begriffe" key="417">Sachlichkeit</term> etwas sagen, und [wenn wir] zur <term type="Begriffe1" key="417">Sachlichkeit</term> gerufen werden, dann bedeutet das doch - was auch im alten Rechtsgrundsatz der Römer [steht]: <foreign xml:lang="lat">audiatur et altera pars</foreign><note xml:id="n128">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3014"><persName ref="kbga-actors-1406">L. A. Seneca</persName> d. J., <hi rend="italic">Medea</hi>, 199f</bibl>.</note> -, daß wir von Ihnen, Herr Professor, ja auch diese <term type="Begriffe" key="417">Sachlichkeit</term> erwarten dürfen. Und ich darf so in meiner persönlichen Stimmung - die ganze Geschichte ist jetzt so ein klein bißchen vibrierend geworden - doch sagen: Was Sie uns jetzt gesagt haben, das waren historische Rückblicke. Wenn es um historische Rückblicke geht, dann ist es doch so: die sogenannte <term type="Begriffe" key="481,33">Vorwort-Theologie,</term> die Sie apostrophiert haben, die habe ich selber persönlich eben nicht in den Vorworten kennengelernt, sondern das, was wir in der sogenannten <term type="Begriffe" key="193">hermeneutischen</term> Schule getrieben haben, war die <term type="Begriffe" key="120">Exegese;</term> und nur einzig und allein über die <term type="Begriffe1" key="120">Exegese</term> und nicht aus systematischen, vorwortähnlichen, hermeneutischen, methodischen und was weiß ich für propädeutischen Dingen [sind wir dazu] gekommen. Und es ist doch nicht so, würde ich sagen - man kann mich korrigieren -, als ob in dieser <term type="Begriffe" key="481">Theologie,</term> die wir jetzt so sehr herbeiholen, keine <term type="Begriffe" key="120">Exegese</term> geliefert würde. Mein Nachbar hat dieses heute morgen erwähnte Heft der <bibl corresp="kbga-bibls-5998">ZThK</bibl>, wo eine <term type="Begriffe" key="120">Exegese</term> von <persName ref="kbga-actors-129">Fuchs</persName> drin steht<note xml:id="n129"><bibl corresp="kbga-bibls-6038"><persName ref="kbga-actors-129">E. Fuchs</persName>, <hi rend="italic">Existentiale Interpretation von Römer 7,7-12 und 21-23</hi>, in: ZThK, Jg. 59 (1962), S. 285-314</bibl>. Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p253#fn_n25">S. 253 bei Anm. 25</ref>.</note>, eine regelrechte <term type="Begriffe" key="120">Exegese.</term> Es ist doch nicht so, als ob da keine Auslegungsarbeit getrieben, sondern erst das sogenannte Apriori festgelegt würde. Ich habe bei <persName ref="kbga-actors-129">Fuchs</persName> ein Seminar mitgemacht und wir haben uns da freilich - vielleicht ist das auch nicht richtig gewesen - über ein einziges <term type="Begriffe" key="176">Gleichnis</term> ein ganzes Semester unterhalten. Aber man kann ja nicht behaupten, daß das <term type="Begriffe" key="481">Vorwort-Theologie</term> ist, sondern [muß sagen], daß das harte Arbeit am Text ist und daß am Text die Methode hervorgekommen ist und man nicht erst die Methode erörtert hat.</p> 
                <p> <pb ed="pga" xml:id="p313" rend="noPipe"/> [Das geschieht] meinetwegen bei diesem großen <term type="Begriffe" key="193">Hermeneutischen</term> Institut, obwohl ich da auch noch sagen würde: Das, was <persName ref="kbga-actors-103">Ebeling</persName> in seinem «Wesen des christlichen <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term>»<note xml:id="n130">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p258#fn_n34">S. 258­, Anm. 34</ref>.</note> gemacht hat, ist ja wohl auch keine <term type="Begriffe" key="481">Vorwort-Theologie,</term> sondern ist genau das, was uns in etwa ansatzweise so vorschwebt, wie man da zu reden hat hinsichtlich des modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen.</term> Von dem kann man ja auch nicht nur die Definition geben, daß er telephoniert, Auto fährt und ähnliches. Daß hier die ganzen Mythologumene wieder auftauchen (siehe <persName ref="kbga-actors-10717">Ingmar Bergman</persName>!), das ist ja gerade das Problem. Deswegen sagt doch etwa <persName ref="kbga-actors-129">Fuchs</persName>, daß es nicht um <term type="Begriffe" key="100">Entmythologisierung</term> geht, sondern um eine Ummythologisierung.<note xml:id="n131">Das Wort «Ummythologisierung» ist, wie es scheint, 1961 von <persName ref="kbga-actors-10719">R. Pannikar</persName> bei einem Kolloquium zum Problem der Entmythologisierung in Rom geprägt worden <bibl corresp="kbga-bibls-6039"><hi rend="italic">(Die Ummythologisierung in der Begegnung des Christentums mit dem Hinduismus</hi>, in: KuM, Bd. VI-1, Hamburg 1963, S. 211-235</bibl>). <persName ref="kbga-actors-129">E. Fuchs</persName> hat das Wort in seinen gedruckten Texten anscheinend nicht aufgenommen, möglicherweise aber mündlich im Seminar oder in der Vorlesung.</note> Wir sind doch zwanzig Jahre weiter und nicht bei der Schrift, die <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> 1943 (oder wann das war) hervorgebracht hat<note xml:id="n132">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p248#fn_n15">S. 248­, Anm. 15</ref>.</note>. Sie werden entschuldigen, daß ich mich jetzt dazwischen geworfen habe, aber so geht es doch nicht ganz, daß jetzt von dieser <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> <term type="Begriffe1" key="120">Exegese</term> erwartet wird und gesagt [wird]: Die haben noch nicht ganz richtig exegesiert, die verlaufen sich noch in ihrer exegetischen Propädeutik. Sondern das tun sie doch längst, längst.</p> 
                </sp>
            </div> 
            <div>
                <head type="sub"> 10. Ist Barth überholt?</head>

                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10720">Heuner</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, ich möchte das wohl noch mal vielleicht so erklären. Ich bin ganz gewiß nicht hier hingekommen, um einen Streit vom Zaun zu brechen, sondern Sie müssen verstehen, Herr Professor, für uns sind Sie ein Stück <term type="Begriffe" key="163">Geschichte</term> …, Theologiegeschichte. Es ist vielleicht [?] Ihre Schuld, daß Sie nicht begreifen, was <term type="Begriffe" key="163,15">«Geschichte</term>» ist. Deswegen analysieren wir Ihre Vorworte: nicht, weil Sie ein bestimmtes Bewußtsein dabei gehabt haben, sondern weil Sie <term type="Begriffe" key="163">Geschichte</term> gemacht haben.</p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Bravo!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <pb ed="pga" xml:id="p314" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-10720">Heuner</persName>:</speaker> 
                <p>Sehen sie, nun könnte es ja doch einfach sein, daß ein Gespräch zwischen uns gar nicht mehr möglich ist. Das kann doch einfach sein, und das kann man doch einfach auch stehen lassen. Muß doch nicht sein, daß es zwischen uns geschieht. Es könnte doch [eine Aufgabe für] eine neue Generation sein, die nach Ihnen aufkommt und nach uns kommt. Sehen Sie, deswegen ist es ganz einfach so, daß wir uns dagegen wehren, daß Sie [zu] uns offenbar inadäquat von <hi rend="italic">unserer</hi> Sache reden, was uns immer aufgegangen ist, von der Schrift angefangen: «<bibl corresp="kbga-bibls-1273">Ein Versuch, Bultmann zu verstehen</bibl>».<note xml:id="n133"><bibl corresp="kbga-bibls-1273"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Rudolf <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>. Ein Versuch, ihn zu verstehen</hi> (ThSt 34), Zollikon-Zürich 1952</bibl>.</note> Das war schon das Erste, was uns damals klargemacht hat, daß es nicht mehr geht zwischen uns. Und es muß doch auch nicht gehen. Können wir [nicht] vielleicht zu dieser Feststellung kommen, daß wir derart verschieden engagiert sind an der gleichen Sache, daß es zu einer Verständigung nicht mehr zu kommen braucht? Alle Begrifflichkeiten, mit denen Sie die Position dieser Theologie jetzt zu erklären versuchten, die sind alle im Grunde für uns inakzeptabel - alle! Bis hin zu dem merkwürdigen Unverständnis, das Sie dem entgegenbringen, daß <hi rend="italic">wir</hi> versuchen, Ihre <term type="Begriffe" key="163">Geschichte,</term> auch die Geschichte Ihrer Vorworte, die ja die Geschichte der Wirkungen dieser Vorworte in der <term type="Begriffe" key="481,33">Theologie</term> und in der <term type="Begriffe1" key="244">Kirche</term> gewesen ist, zu analysieren und zu verstehen. Sehen Sie, die Vorworte sind im Grunde von Ihnen längst verselbständigt. Sie sind mit einer bestimmten Geschichte beladen.</p>
                <p> Und so, mit einer selben Geschichte, sehen wir auch das Neue <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> beladen. Und deswegen ist wiederum auch die Methodenfrage bei der <term type="Begriffe" key="120,3">Exegese</term> gestellt. Natürlich hat <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> eine ganz bestimmte Methode zu exegesieren, eine ganz bestimmte Voraussetzung. Und über diese Voraussetzung gilt es eben zu reden. Denn diese Voraussetzung liegt schon in der Sache selber. Und deswegen kann man nicht Methoden gegen die Sache ausspielen. Deswegen ist von daher schon wieder die Gesprächssituation verbaut. Und ich meine, wir sollten doch in aller Freundschaft scheiden. Eine ganze theologische Generation verdankt Ihnen ihre <term type="Begriffe" key="122">Existenz.</term> Wir kommen aus dem <placeName ref="kbga-places-914">Rheinland</placeName> und können gar nicht anders sagen, als daß die Väter <pb ed="pga" xml:id="p315"/> unserer <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> in der jüngsten Vergangenheit ihre <term type="Begriffe1" key="122">Existenz</term> Ihnen verdanken. Aber nun bedenken Sie, daß wir anders engagiert sind, daß wir zu neuen Ufern aufgebrochen sind.<note xml:id="n134">Dieser Satz hat den alten <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vielfach beschäftigt: vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4104">Gespräche 1964-1968, <ref type="pub" target="../volume/28/p128#p128">S. 128f</ref>.</bibl>; ferner: <bibl corresp="kbga-bibls-4407"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Letzte Zeugnisse</hi>, Zürich 1969, S. 65.</bibl></note> Ich möchte ganz gerne, daß das, was Sie getan haben, stehen bleibt als Rüstzeug der <term type="Begriffe" key="244">Kirche,</term> auf das man immer wieder zurückgreifen kann. Aber ich glaube nicht, daß eine sachliche Diskussion noch möglich ist.</p>
                </sp>
                <p>[Großes Stimmengewirr]</p>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Das war nun ein interessantes Votum. Das hat mich interessiert. Also, so habe ich es noch nicht formuliert gehört. Ich glaube, ich muß mich damit auseinandersetzen: Aha, ich bin <term type="Begriffe" key="163,15">«Geschichte</term> geworden»! So, so, so. Das ist sehr <term type="Begriffe" key="36,22">ehrenwert</term>. Immerhin, ich bin noch da - in Lebensgröße. Und nun müssen <hi rend="italic">Sie</hi> entschuldigen, Herr <persName ref="kbga-actors-10720">Heuner</persName>, solange ich noch lebe auf dieser Erden, fühle ich mich selber noch beteiligt, sozusagen als Mitglied der <foreign xml:lang="lat">communio <term type="Begriffe" key="244,17">sanctorum.</term></foreign> Ich bin immer dagegen gewesen, daß man jemanden aus der communio sanctorum ausschließt. Ich habe ausdrücklich gesagt und geschrieben, der <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> gehört für mich auch hinein<note xml:id="n135">Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-34"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert. Ihre Vorgeschichte und ihre Geschichte</hi>, Zürich 1994<hi rend="sup">6</hi>, S. 382</bibl>: «Man muß, wie schwerwiegende Fragen man auch zu stellen habe, ohne Vorbehalt damit rechnen, daß <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> jedenfalls <hi rend="italic">auch</hi> christlicher Theologe gewesen ist.» S. 386: «Daß wir es auch <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> letztlich nur glauben können, daß er christlicher Theologe gewesen ist, das hat er […] mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> und (nicht zu vergessen!) auf der unteren Ebene schließlich mit uns Allen gemein.»</note> und der <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> übrigens auch. Das steht außer Frage.</p>
                <p> Nun aber glaube ich doch, das ist nicht ein fruchtbares Verfahren, daß man mir jetzt einfach anzeigt: Wir sind eine andere Generation, und wir befinden [uns] ganz anderswo; wir machen zwar eine höfliche Verbeugung vor dem, wie ich auch schon genannt wurde: «der große alte Mann in <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term>»<note xml:id="n136">Als «der große alte Mann aus <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term>» wird <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> in dem Bericht des <orgName ref="kbga-actors-10721">Evangelischen Pressedienstes (epd)</orgName> über <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Vortrag <bibl corresp="kbga-bibls-6040">«Mozarts Freiheit» am <date when="1956-03-08">8.3.1956</date> in <term type="Begriffe" key="687">Wuppertal</term> bezeichnet, der in dem Karl Barth zum 70. Geburtstag gewidmeten Bezirksbruderbrief (Landessuperintendent <persName ref="kbga-actors-1652">D. W. Herrenbrück</persName>) Nr. 38, Leer, im April 1956, S. 18f.</bibl>, wiedergegeben ist.</note>, und nehmen das zur Kenntnis und hoffen, daß das zum Schatz der guten Werke der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> gehört, daß das auch <pb ed="pga" xml:id="p316"/> einmal passiert ist usf. Ja nein, solange wir noch miteinander reden können, müssen wir doch miteinander reden. Ich würde nicht sagen: Das braucht nicht zu sein. Denn sehen Sie, mit diesem Votum, Herr <persName ref="kbga-actors-10720">Heuner</persName>, das ich also durchaus würdige - gerade in seiner Klarheit, aber vielleicht auch ein bißchen in seiner typischen Unbesonnenheit -, damit arbeiten Sie ja denen in die Hände, die auf der anderen Seite in der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> sagen: «Da gibt es keine Diskussion mehr, wenn einer solche Dinge sagt, wie der sagt, der ist Anathema! draußen!» Denn das heißt: sich anathematisieren. Das kann also auch in großer Feierlichkeit und mit großen Verbeugungen geschehen. Aber das wollen wir doch nicht tun. Ich möchte [das] sagen [zu der] Spannung - oder ich möchte auch sagen, [zu dem] Kampf, der jetzt da aufgetaucht ist, zwischen einer «glaubenden <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term>», als deren Haupt ich jetzt merkwürdigerweise erscheine - das habe ich mir nie gedacht, daß ich noch zu dieser Ehre komme! -, und dann also einer neuen Generation, die uns aber ihr Votum eigentlich erst schuldig ist. Denn das ist noch nicht heraus.</p>
                <p> Jetzt ist also bereits auch die Schrift von <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> von [19]41, höre ich, zur «Geschichte geworden». Ja, und «was ist denn jetzt los?», möchte ich fragen. Ich blicke um mich und suche <persName ref="kbga-actors-129">Fuchs</persName> zu verstehen, seine Zungenrede, und versuche <persName ref="kbga-actors-103">Ebeling</persName> zu verstehen, sein Buch über den <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term><note xml:id="n137"><bibl corresp="kbga-bibls-5531"><persName ref="kbga-actors-103">G. Ebeling</persName>, <hi rend="italic">Das Wesen des christlichen <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term></hi>, Tübingen 1959.</bibl></note>, das mich sehr bewegt hat, und höre <persName ref="kbga-actors-217">Käsemann</persName> und höre die anderen und höre die jungen Brüder, die da zu mir kommen usf. Aber eine klare Position, eine klare Umschreibung des Ortes, wo diese sich jetzt anmeldende junge Generation sich befindet, die sind sie uns noch schuldig. Sie können sich nicht mit dem begnügen: «Wir sind eine junge, eine neue Generation, und wir haben ein Anliegen, das da nicht zur Befriedigung kommt!» Interessant wird die Sache immer erst, wenn es zur <hi rend="italic">Ausführung</hi> eines Programms kommt. Interessant (das werde ich natürlich nicht mehr erleben) wird es erst werden, wenn mir einer - ich rede jetzt kühnlich - das nachmacht, seine Position als einer der Zeugen auf den untersten Stufen<note xml:id="n138">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/41/p266#fn_n57">S. 266­, Anm. 57</ref>.</note> in zwölf dicken Bänden zu entfalten, zusammenhängend, widerspruchlos zu entfalten, daß das wenigstens in sich eine klare Sache ist.</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p317" rend="noPipe"/> Ich kann aber nicht sagen, daß die Produktionen der <term type="Begriffe" key="61"><persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>-Schule,</term> die ja jetzt auffallend an jenes Haus erinnert, das in sich uneinig ist [vgl. <term type="Bibelstellen" key="Mt. 12,25"><ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.25">Mt. 12,25</ref></term>], bis jetzt irgend etwas hervorgebracht haben, wo man sagen [kann]: <hi rend="italic">Da</hi> sind sie, <hi rend="italic">das</hi> ist gemeint. Sondern es sind lauter Anzeigen - und [sie] erinnern mich merkwürdig an meine theologische <term type="Begriffe" key="36,15">Jugendzeit</term>, wo der große <persName ref="kbga-actors-410">Ernst Troeltsch</persName> das Wort führte und unser Gesprächspartner war. Und der <persName ref="kbga-actors-410">Troeltsch</persName> hat fortwährend auch immer eigentlich nur in Programmen gearbeitet: Voranzeigen, fast eschatologischer <term type="Begriffe" key="113">Art,</term> von einer Philosophie und <term type="Begriffe1" key="370,6">Theologie,</term> <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> und <term type="Begriffe1" key="370,6">Philosophie,</term> die erst irgendwie kommen sollte; und dafür hat er gewisse Richtlinien angegeben.<note xml:id="n139"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> denkt wohl an <bibl corresp="kbga-bibls-6041"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltschs</persName> <hi rend="italic">Gesammelte Schriften</hi>, Bd. I-IV, Tübingen 1912-1925</bibl>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-215">V. u. kl. A. 1909-1914, <ref type="pub" target="../volume/22/p333#p333">S. 333</ref></bibl>: Im Vorblick auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Vortrag «<foreign xml:lang="fre">La réapparition de la métaphysique dans la théologie</foreign>» (1911) schreibt ihm <persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName> am 28.5.1911: «Behauptet man nun, durch <term type="Begriffe" key="309">Metaphysik</term> könne ein <term type="Begriffe" key="534">wissenschaftlich</term> faßbarer Grund dieser Zuversicht [zu Gott] erwiesen werden, so hat man die Pflicht, uns das vorzumachen. Solange man sich aber, wie <persName ref="kbga-actors-410">Tr[oeltsch]</persName>, damit begnügt, nur das Programm zu publizieren und mit der Vorstellung nicht anzufangen, bereitet man eine Katastrophe der schwersten Enttäuschung vor.» <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> macht sich diese Auffassung in dem Vortrag, a.a.O., <ref type="pub" target="../volume/22/p359#p359">S. 359</ref>, zu eigen.</note> Und als er dann selber zur <term type="Begriffe" key="90">Dogmatik</term> schritt, da hat er jene Vorlesung gehalten, die dann von der <persName ref="kbga-actors-10722">Gertrud von le Fort</persName> herausgegeben worden [ist], ohne ihn.<note xml:id="n140"><bibl corresp="kbga-bibls-6042"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName>, <hi rend="italic">Glaubenslehre. Nach Heidelberger Vorlesungen aus den Jahren 1911 und 1912</hi> (aufgezeichnet von <persName ref="kbga-actors-10722">Freiin Gertrud von le Fort</persName>), München/ Leipzig 1925.</bibl> Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/1, S. 423-427</bibl>.</note> Wenn ich nun diese <term type="Begriffe" key="90">Dogmatik</term> von <persName ref="kbga-actors-410">Troeltsch</persName> nehmen sollte als «Ergebnis» - ich glaube, er hat es auch selber nicht so aufgefaßt. Aber wie es [auch] war, da muß ich nun sagen, das war nicht gerade eine stattliche Gegenposition.</p>
                <p> Bringen Sie das hervor! Ich wollte eigentlich zu diesem Zweck noch länger leben dürfen, Herr <persName ref="kbga-actors-10720">Heuner</persName>, um dann zu vernehmen, was Sie denn eigentlich wollen, positiv, unter der gleichen Voraussetzung wie ich auch: wir befinden uns in der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde,</term> und wir wollen in der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> miteinander die <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> lesen, und jetzt: wie? und was? Was kommt dabei heraus? Erzählen Sie es uns explizit, und dann wird es sich ja zeigen, was herauskommt. Ich habe nie gemeint, mit der <bibl corresp="kbga-bibls-2">Kirchlichen <term type="Begriffe" key="603,1">Dogmatik</term></bibl> das letzte Wort gesprochen zu haben. Es ist mir sehr <pb ed="pga" xml:id="p318"/> klar, auf jeder Seite könnte die Sache anders und besser gemacht werden. Ich habe jetzt bald ein halbes Leben lang gewartet … - ich habe meinen <term type="Begriffe" key="201">holländischen</term> Freund <persName ref="kbga-actors-1142">Miskotte</persName> hier in diesem Haus unten einmal furchtbar erzürnt<note xml:id="n141"><persName ref="kbga-actors-1142">Kornelis Heiko Miskotte</persName> (1894–1976), von 1945 bis 1959 Professor für Systematische <term type="Begriffe" key="481,26">Theologie</term> in <term type="Begriffe" key="715">Leiden</term>. Näheres zur oben genannten Szene: <bibl corresp="kbga-bibls-1378">Br. 1961-1968, <ref type="pub" target="../volume/06/p003#p003">S. 3-6</ref>.<ref type="pub" target="../volume/06/p545#p545">545–550</ref></bibl>; ferner: <bibl corresp="kbga-bibls-6043"><hi rend="italic">Karl Barth und Kornelis Heiko Miskotte. Briefwechsel 1924-1960</hi>, hrsg. von H. Stoevesandt, Zürich 1991, S. 138-148.</bibl></note>, indem ich gesagt hatte: «Ich warte auf einen <hi rend="italic">Gegner</hi>, aber einen Gegner, der mir auf dem <hi rend="italic">gleichen</hi> Boden, im gleichen Umfang entgegentritt und mich überholt.» Denn ich sei [mir] der Vergänglichkeit meines Werkes völlig bewußt. Aber das müßte <hi rend="italic">geschehen</hi> und nicht nur <hi rend="italic">angezeigt</hi> werden.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Votant:</speaker> 
                <p>Ich möchte fragen: Ist das notwendig? Ist das wirklich notwendig, daß auf der anderen Seite Ihnen dieser systematische Wurf gegenübergestellt wird, den Sie erwarten? Das wird ja keiner von uns oder auch, sagen wir, von denen, die Sie im Blick haben, behaupten, daß das bereits da wäre.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> Nein!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Votant:</speaker> 
                <p>Aber es kann doch gut sein, daß nun eben an den einzelnen Fragen, die wir schlecht überspringen können, weitergearbeitet wird und vielleicht in der Tat Ihr Gesamtentwurf erst mal für lange Zeit noch allein dastehen bleibt.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, aber es muß dazu kommen. Ich wollte nur das sagen: Machen Sie sich an die Arbeit in der gleichen Weise, wie ich mich vor fünfzig Jahren an die Arbeit gemacht habe, und habe mich dann nicht immer nur abgegrenzt: Ja, so geht es nicht mehr, so können wir nicht mehr, da muß es anders werden! usf. - und [habe] mich so als Vertreter einer jungen Generation gefühlt, sondern ich habe gesagt: «Ich will jetzt vorlegen, was ich meine, anders sagen zu müssen, als dies <persName ref="kbga-actors-410">Troeltsch</persName>, <persName ref="kbga-actors-181">Herrmann</persName> und <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName><note xml:id="n142">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p292#fn_n103">S. 292­, Anm. 103</ref>; <ref type="pub" target="../volume/41/p317#fn_n139">S. 317­, Anm. 139</ref>.</note> usf. getan haben.» Und das müssen Sie jetzt mir gegenüber machen. Und dann geht die Theologiegeschichte weiter. Aber nicht immer nur Programmerklärung!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Votant:</speaker> 
                <p>Aber ist denn z. B. - jetzt muß ich einfach ein Beispiel nennen: ist denn <persName ref="kbga-actors-103">Ebelings</persName> Versuch nur eine Programmerklärung? Natürlich ist das keine Enzyklopädie, kein Gesamtwurf …, sagen wir mal: keine 12 Bände, aber es ist doch ein kleiner Versuch, nur ein kleiner bescheidener Versuch, … </p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p319" rend="noPipE"/><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja gut, jetzt würde ich aber sagen - also, wenn Sie <persName ref="kbga-actors-103">Ebeling</persName> nennen, [und,] ich will mal sagen, Sie würden auf seiner Linie weitergehen -, jetzt müßte sein merkwürdiger Glaubensbegriff, in den alles hineingepackt wird (Christologie und <term type="Begriffe" key="441">Soteriologie</term> und Lehre von der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> und <term type="Begriffe1" key="113">Eschatologie</term> und alles kommt auf den Nenner <term type="Begriffe2" key="174">«Glauben</term>» zu stehen!), … das müßte nun nicht nur in einem Buch von 120 oder 200 Seiten<note xml:id="n143">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p258#fn_n34">S. 258­, Anm. 34</ref>, und <ref type="pub" target="../volume/41/p094#fn_n93">S. 94­ mit Anm. 93</ref>.</note>, sondern müßte in der gleichen Explizitheit, in Auseinandersetzung mit der alten <term type="Begriffe" key="244,2">Kirche</term>, mit der mittelalterlichen Kirche, mit der <term type="Begriffe" key="397,1">Reformation,</term> mit der <term type="Begriffe1" key="351,1">Orthodoxie,</term> mit <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> usf. durchgeführt werden. Ich würde allerdings sagen, das Buch über den <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> von <persName ref="kbga-actors-103">Ebeling</persName> ist auch noch bloß eine Programmerklärung. Denn er hat es ja nicht ausgeführt. Ich kann immerhin, ob schlecht oder recht, für mich in Anspruch nehmen, daß ich etwas ausgeführt habe. Und ich kann nur durch eine bessere Ausführung dann also wirklich mit Ehren zum alten Eisen gelegt werden. Was mir sicher einmal widerfahren wird, sicher!</p>
                <p> Aber das muß ich mir nun verbitten, daß man mir jetzt so feierlich und freundlich, wie Sie es ja wollen, sagt: «Sie sind für uns Geschichte, aber wir sind anderswo und gehen weiter.» Da [?] sage ich: Nein, liebe Brüder, wir sind beieinander, wir gehören auch zueinander, und wir müssen fortfahren, miteinander zu reden. Sonst fällt nämlich die <term type="Begriffe" key="244,1">Kirche</term> auseinander. Das wollen wir doch nicht. Und das wäre kläglich, [wenn] in dem Augenblick, wo die <term type="Begriffe" key="241,1">römisch-katholische</term> Kirche in vollem Zug ist<note xml:id="n144">Anspielung auf das <orgName ref="kbga-actors-10461">Zweite Vatikanische <term type="Begriffe" key="265">Konzil</term></orgName>, erste Sitzungsperiode vom 11.10.1962 bis zum 8.12.1962; zweite Sitzungsperiode vom 29.9.1963 bis zum 4.12.1963. Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p225#fn_n06">S. 225­, Anm. 6</ref>.</note> - die lassen sich nämlich nicht los, die Radikalen dort und die <term type="Begriffe" key="262">Konservativen,</term> sondern die ringen miteinander und wissen, es geht um die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> als Ganzes<note xml:id="n145">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6044">K. Rahner / H. Vorgrimler, <hi rend="italic">Kleines Konzilskompendium. Alle Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen des Zweiten Vaticanums in der bischöflich beauftragten Übersetzung</hi> (Herder-Bücherei 270-273), Freiburg i. B. 1966, bes. S. 19-21</bibl>.</note> … -, ich sage, es wäre beschämend, wenn nun im gleichen Augenblick der <term type="Begriffe" key="385">Protestantismus</term> in «Generationen» auseinanderfallen würde. Das wäre das Gericht. Und dann hätten wir es verdient, daß wir zusammenpacken könnten mit unserer <pb ed="pga" xml:id="p320"/> ganzen <term type="Begriffe" key="397">Reformation,</term> und [müßten] sagen: wir haben uns offenbar auf einem ganz falschen Weg befunden. Und das soll uns doch nicht passieren. <foreign xml:lang="lat">Communio <term type="Begriffe" key="244,17">sanctorum</term></foreign>!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>:</speaker> 
                <p>Wobei man, glaube ich, das Wort von den Generationen auch ein wenig <term type="Begriffe" key="100">entmythologisieren</term> müßte. Ich glaube nicht, daß [unser Problem der] Generationenunterschied ist. Ich glaube, daß es [?] hier quer durch alle Lager hindurch geht. Und wenn ich mir das Bild dieser Diskussion ansehe, der Redenden und der Zuhörenden, der Nickenden, Klopfenden oder Kopfschüttelnden, dann ist das auch ein Bild, das das aufhebt, als sei es ein reiner Generationenunterschied. Ich würde mich, wenn wir von Generationen reden, zu der Mittelgeneration rechnen, muß aber sagen, ich habe auch etliche Semester in <term type="Begriffe" key="663"><placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName></term> bei <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> gehört und gearbeitet und könnte das nicht von mir wegtun, und [das] will ich auch nicht von mir wegtun. Aber ich würde das jetzt nicht auf diesen Karren schieben und sagen, das sei nun das Zeichen einer ganz bestimmten Generation, sondern ich würde dem zustimmen, daß wir hier an dieser Stelle gefordert sind, miteinander zu arbeiten, was wir ja auch praktisch immer wieder tun. Es ist ja gar nicht so, daß wir uns in zwei verschiedene Räume setzen, und jeder arbeitet für sich und sagt: «Sei du deines Weges gewiß, ich bin meines auch gewiß!», und dann geht man auseinander. Sondern es ist doch praktisch so, daß wir an den Sachfragen versuchen miteinander zu arbeiten. Und wenn ich das Bild unserer Konferenzen in den letzten Jahren betrachte, dann ist das doch der ständige Versuch, dieses Miteinanderarbeiten zu bewerkstelligen. Und die Tatsache, daß wir heute nach <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term> gekommen sind und mit Ihnen reden und Sie gefragt haben und Antworten von Ihnen erbeten haben, ist ja auch [ein Glied] in [der] Kette von Arbeit, die wir in den letzten Jahren in unserer Konferenz gehabt haben; und ich glaube, die, die das durch die Jahre hindurch schon miterlebt haben, möchten das nicht missen, auch wenn dabei nun wirklich immer wieder Unterschiede, auch theologischer Art, an den Tag getreten sind. Aber eigentlich das Tischtuch zerschnitten hat bis heute noch niemand und [hat] eigentlich auch niemand gewollt. Denn davon leben wir doch!</p>
                <p>Ich muß aber nun doch an dieser Stelle sehr energisch den Blick auf die Uhr richten und feststellen, wir haben uns an dieser Frage - und ich glaube, mit Recht! - etwas länger aufgehalten und [haben] fest<pb ed="pga" xml:id="p321" break="no"/>gestellt, wir sind mit dieser Frage keineswegs fertig. Es ist mir die wichtige Frage, ob wir noch eine der anderen Fragen - wir können keineswegs alle mehr haben - herausgreifen.</p>
                </sp> 
            </div> 
            <div>
                <head type="sub"> 11. Das Zweite Vatikanum und seine Bedeutung als Frage an die evangelische Kirche</head>

                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10700">Graf</persName>:</speaker> 
                <p>Frage 10 möchte ich sehr gerne beantwortet haben, weil ich meine, daß diese Frage aktuell sei.<note xml:id="n146">Die Formulierung dieser Frage folgt erst unten nach der Zusatzfrage.</note> Und Bruder <persName ref="kbga-actors-10698">Unfricht</persName> hat heute mittag gesagt, daß er [dazu] eine Zusatzfrage [an] Herrn Professor bereits gestellt habe.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>:</speaker> 
                <p>Darf ich diese Zusatzfrage vorlesen.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Frage:</speaker> 
                <p>In seinem soeben erschienenen Aufsatz: «Überlegungen zum <orgName ref="kbga-actors-10461">Zweiten Vatikanischen <term type="Begriffe" key="265">Konzil</term></orgName>»<note xml:id="n147"><bibl corresp="kbga-bibls-6045"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Überlegungen zum Zweiten Vatikanischen Konzil</hi>, in: <hi rend="italic">Zwischenstation. Festschrift für Karl Kupisch zum 60. Geburtstag</hi>, München 1963, S. 9-18</bibl>; auch in: <bibl corresp="kbga-bibls-6046">JK, Jg.24 (1963), S. 569-575</bibl>; auch in: <bibl corresp="kbga-bibls-6047"><hi rend="italic">Ende der <term type="Begriffe" key="151">Gegenreformation</term></hi><hi rend="italic">? Das Konzil, Dokumente und Deutung</hi>, hrsg. von J. Chr. <persName ref="kbga-actors-1636">Hampe</persName>, Stuttgart/Berlin/Mainz 1964, S. 406-415</bibl>.</note> stellt Professor <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> fest, daß es in der römisch-katholischen Kirche zu Wandlungen gekommen ist, die man unter gewissen Voraussetzungen vorsichtig als geistliche Erneuerungsbewegung unter <term type="Begriffe" key="241,1">römisch-katholischem</term> Vorzeichen bezeichnen kann. <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> vermißt, daß wir nicht-römisch-katholischen Christen dieses bemerkenswerte Ereignis hinreichend zur Kenntnis genommen haben, und ist lebhaft von der Sorge bewegt, daß wir von dieser Erneuerung aus Wort und Geist eines Tages überflügelt werden und dieser Lebendigkeit nichts Gleichwertiges, sondern nur die «bittere Misere unseres ganzen kirchlichen Wesens»<note xml:id="n148"><bibl corresp="kbga-bibls-6045">A.a.O., S. 18.</bibl></note> zur Seite zu stellen haben. Frage und Bitte an Herrn <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>: Worin erblickt er die Erneuerung der <term type="Begriffe" key="241,1">katholischen</term> Kirche? Wie beurteilt er sie im einzelnen? Was müßte geistlich und theologisch wesentlich in <hi rend="italic">unserer</hi> <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> geschehen? Speziell: was ist unter der von ihm geforderten Grundlagenkrisis<note xml:id="n149"><bibl corresp="kbga-bibls-6045">A.a.O., S. 14</bibl>: «Denken, reden und handeln wir im Blick auf die gewiß unvollkommene Bewegung da drüben in einer in aller Unvollkommenheit ähnlichen <hi rend="italic">uns eigenen</hi> Bewegung, die nicht nur in der Bewahrung des vielberufenen ‹Erbes der <term type="Begriffe" key="397,1">Reformation</term>›, nicht nur in der Pflege unserer eigenen Konventionen und <term type="Begriffe" key="489">Traditionen</term>, nicht nur - als wäre auf unserer Seite im Grunde alles in Ordnung! - in allerlei zeitgemäßen Auseinandersetzungen, Geschäftigkeiten, Korrekturen, Neuansätzen, sondern in der <term type="Begriffe" key="104">Erfahrung</term> und im Fruchtbarwerden einer Grundlagenkrisis bestehen würde?»</note> zu verstehen?</p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p322" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>:</speaker> 
                <p>Und daran würde sich die andere[, vorhin genannte Frage anschließen].</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker>Frage (von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10700">Graf</persName>):</speaker> 
                <p>Wo müßte ein Grundlagengespräch mit der <term type="Begriffe" key="241">katholischen</term> Kirche ansetzen, um dem Ziel der Einheit der <term type="Begriffe1" key="244,1">Kirche</term> näher zu kommen?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ich möchte doch mit der Frage 10 von Herrn Pfarrer <persName ref="kbga-actors-10700">Graf</persName> anfangen und dann zu der Frage von Herrn Pfarrer <persName ref="kbga-actors-10698">Unfricht</persName> kommen. Also er fragt: Wo müßte ein Grundlagengespräch mit der <term type="Begriffe" key="241">katholischen</term> Kirche ansetzen, um dem Ziel der Einheit der <term type="Begriffe1" key="244">Kirche</term> näher zu kommen? Ich würde darauf antworten: Worauf es jetzt ankäme, hüben und drüben, das wäre eine gemeinsame, hüben und drüben, aber in der gleichen Richtung zu vollziehende <hi rend="italic">Konzentration</hi> auf die <hi rend="italic">Identität</hi> des schon gekommenen und noch bevorstehenden, noch zu offenbarenden <hi rend="italic">Reiches Gottes</hi> mit - <term type="Begriffe" key="68,2">ja</term>, ich brauche jetzt die alten Ausdrücke -, mit der Person und mit dem Werk <hi rend="italic">Jesu <term type="Begriffe" key="227,26">Christi</term>,</hi> mit Ihm, dem Lebendigen. Und ich würde sagen: Alle Vorstöße zu anderweitiger Einheit, alle weiteren Grundlagengespräche etwa über das <term type="Begriffe" key="419">Sakraments-Problem</term> oder über die <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName> oder über die <term type="Begriffe1" key="33">Autorität</term> der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> usf. können sinnvoll nur im Zusammenhang des Vollzugs dieser Konzentration vollzogen werden.</p>
                <p> Und jetzt bin ich bei der Frage von Herrn Pfarrer <persName ref="kbga-actors-10698">Unfricht</persName>. Man muß ja da vorsichtig sein. Ich bin kein <term type="Begriffe" key="384">Prophet</term>, auch nicht im Blick auf die <term type="Begriffe" key="241">katholische</term> Kirche. Ich meine nur zu sehen, daß da drüben etwas von dieser Konzentration auf die Identität zwischen Gottes Reich und Herrschaft <hi rend="italic">und</hi> Jesus <term type="Begriffe" key="227">Christus</term> im Gang ist. Vorsichtig gesagt! Ich will nichts überwerten, ich will nichts überbetonen. Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß unter den vielen Stimmen, die von drüben zu uns kommen - die letzte in dieser Hinsicht wichtige war die Eröffnungsrede von Papst <persName ref="kbga-actors-3435">Paul VI.</persName> an der zweiten Session des <orgName ref="kbga-actors-10461">Konzils</orgName><note xml:id="n150">Am 29.9.1963. Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p138#fn_n25">S. 138­, Anm. 25</ref>.</note> -, diese Konzentration sichtbar wurde, zusam<pb ed="pga" xml:id="p323" break="no"/>men mit einer - ja, vielleicht einfach mit einer neuen Bewegung «aus dem <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> und im <term type="Begriffe1" key="174">Glauben</term>» <term type="Bibelstellen" key="Röm. 1,17">[<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.17">Röm. 1,17</ref></term>]. Wir Protestanten meinen ja so leicht, den <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> für uns monopolisiert zu haben: «die Kirche des <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term> und des Wortes <term type="Begriffe1" key="537">Gottes</term>»! Und da frage ich mich manchmal, ob sie nicht drüben, in ihrer ganz anderen Weise, ernstlicher und zuversichtlicher und besonders auch fröhlicher zu glauben im Begriff stehen, als es bei uns der Fall ist.</p>
                <p> Ich bin jetzt öfters in der Lage, statt in die Kirche zu gehen, mich an den Radioapparat zu setzen und <term type="Begriffe" key="378">Predigten</term> zu hören. Dann höre ich gerne nacheinander eine protestantische und eine <term type="Begriffe" key="241">katholische</term> Predigt.<note xml:id="n151">Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-6048"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Katholische und evangelische Predigten am Radio</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Letzte Zeugnisse</hi>, Zürich 1969, S. 49-59</bibl>.</note> Und da bin ich schon oft bemüht gewesen durch den Eindruck, daß die <term type="Begriffe" key="241">katholische</term> Predigt, schlicht gesagt, besser war, einfach besser, weil sie zuversichtlicher und freudiger und konzentrierter, gesammelter war, daß da faktisch weniger moralisiert wurde. Ich habe dann auch schon <term type="Begriffe" key="241">katholische</term> <term type="Begriffe" key="318">Moralisierungs-Predigten</term> gehört. Ich will also nicht notwendig auf diesem Vergleich bestehen.</p>
                <p> Ich konstatiere nur: ich meine zu sehen, daß dort ein Erwachen stattgefunden hat, wo dann, im Zusammenhang damit, die <term type="Begriffe" key="244">Kirche,</term> wie es doch jetzt in diesem Schema «<foreign xml:lang="lat">De ecclesia</foreign>» explizit geschehen ist<note xml:id="n152">In der Constitutio «Lumen gentium» wird in Kap. II die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> als Volk <term type="Begriffe" key="520,1">Gottes</term> verstanden; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6049"><hi rend="italic">Constitutio dogmatica de Ecclesia «Lumen gentium»</hi>, II, Art. 9, LThK, Das Zweite Vatikanische Konzil, Teil I, S. 176-181</bibl>.</note>, auch drüben wieder ganz neu verstanden wird als das <hi rend="italic">Volk <term type="Begriffe" key="520,1">Gottes</term>.</hi> Ja, das Volk <term type="Begriffe1" key=",520,1">Gottes</term> natürlich nicht unter Streichung, aber unter Zurückstellung des Begriffs der Hierarchie! Das <hi rend="italic">ganze</hi> Volk <term type="Begriffe" key="520,1">Gottes</term> - in dem die Hierarchie dann eine wichtige Rolle spielt -, aber um <hi rend="italic">das</hi> geht es! Und wie oft haben wir uns gerühmt, <hi rend="italic">wir</hi> seien die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> des wandernden Volkes Gottes! Ja, sie scheinen das jetzt auch gemerkt zu haben.</p>
                <p>Und dann weiter, ich sehe oder meine zu sehen: eine eigentümliche Konzentration auch auf das <hi rend="italic">Wort</hi>. Wir haben uns so gewöhnt, die <term type="Begriffe" key="241">katholische</term> Kirche als die <term type="Begriffe1" key="419">Sakraments-Kirche</term> zu definieren. Ja, die <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term> und, als Voraussetzung der <term type="Begriffe1" key="378">Predigt,</term> die Bibellektüre, das Bibelstudium spielt in der <term type="Begriffe" key="241">katholischen</term> Kirche eine wachsende Rolle. Mein guter Freund <persName ref="kbga-actors-1714">Hans Küng</persName><note xml:id="n153">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p012#fn_n04">S. 12­, Anm. 4</ref>.</note> war vorher Vikar in <term type="Begriffe" key="679"><placeName ref="kbga-places-435">Luzern</placeName></term> und hat <pb ed="pga" xml:id="p324"/> mir dann einmal erzählt: «In unserer <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> (das ist die frühere Jesuitenkirche in <term type="Begriffe" key="79">Luzern</term>; dort war er Vikar) wird jeden Sonntag viermal gepredigt, am Morgen zweimal, am Nachmittag einmal und am Abend noch einmal. In der reformierten <term type="Begriffe" key="244,23">Kirche</term> in Luzern wird von morgens 9 bis 10 Uhr gepredigt, und dann wird die Kirche wieder verschlossen. Wo ist nun eigentlich die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> des Wortes?», hat er mich gefragt. Ich war ein bißchen verblüfft. Und zwar <term type="Begriffe" key="378">Predigt</term> als <term type="Begriffe" key="120">Bibelauslegung</term>! Ich konstatiere nur: Sie sind dabei[, sich um das Wort zu sammeln].</p>
                <p>Und sind auch dabei - das wird ja jetzt erst herauskommen am <orgName ref="kbga-actors-10461">Konzil</orgName>, wie das gemeint ist<note xml:id="n154">Die Constitutio «Gaudium et spes» wurde erst 1964 beraten und dann am vorletzten Konzilstag, am 7.12.1965, angenommen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6050"><hi rend="italic">Constitutio pastoralis de Ecclesia in mundo huius temporis «Gaudium et spes»</hi>, LThK, Das Zweite Vatikanische Konzil, Teil III, S. 280-591</bibl>.</note> -, die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> zu verstehen als das Volk <term type="Begriffe" key="520,1">Gottes</term> <hi rend="italic">für die <term type="Begriffe1" key="525">Welt</term></hi> in seiner <hi rend="italic"><term type="Begriffe2" key="58">Botschaft</term></hi> [für sie]. Und es ist ja wahrscheinlich nicht nur äußerlich und zufällig zu verstehen, daß dieses <orgName ref="kbga-actors-10461">Konzil</orgName> jetzt so eine Aufmerksamkeit erregt und der Tod <persName ref="kbga-actors-1677">Johannes’ XXIII</persName>.<note xml:id="n155">3.6.1963.</note> ein Echo gefunden hat bis hin in die liberalsten Schweizer-Zeitungen und bis hin nach <term type="Begriffe" key="673">Moskau</term> zum <placeName ref="kbga-places-1019">Kreml</placeName> sogar. Plötzlich ist da ein Papst, der merkwürdigerweise sogar der Welt ein gutes Stück weit eingeleuchtet hat. Ich habe noch nie so davon gehört, daß einer unserer Theologen, mich selber eingeschlossen, oder wer vielleicht da besonders in Betracht kommen würde, der Bischof <persName ref="kbga-actors-249">Lilje</persName> oder der Bischof <persName ref="kbga-actors-92">Dibelius</persName><note xml:id="n156"><persName ref="kbga-actors-249">Hanns Lilje</persName> (1899–1977), 1934 Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, 1947-1971 Bischof der Evangelisch-Lutherischen <term type="Begriffe" key="244,28">Landeskirche</term> <term type="Begriffe" key="648">Hannover</term>, 1952-1957 Präsident des Lutherischen Weltbundes, 1968-1975 einer der Präsidenten des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). - <persName ref="kbga-actors-92">Otto Dibelius</persName> (1880–1967), seit 1925 Generalsuperintendent der Kurmark, seit 1945 Bischof der Evangelischen Kirche in Brandenburg, 1949-1961 Ratsvorsitzender der EKD, 1954-1961 einer der Präsidenten des ÖRK.</note>, der Welt einen solchen Eindruck gemacht hätte wie dieser merkwürdig strukturierte Papst <persName ref="kbga-actors-1677">Johannes XXIII</persName>. Also, das alles gibt mir zu denken. Es scheint so etwas - ich will ganz vorsichtig sein - wie eine Erneuerung drüben im Gang zu sein. Wir wissen nicht, wie weit sie führen wird. Wir wissen nicht, wie tief es ist. Wir [wissen] nicht, zu welchen Resultaten es am <orgName ref="kbga-actors-10461">Konzil</orgName> führen wird. Aber es ist da etwas im Gang. Ich kann [darauf] jetzt nicht weiter eingehen.</p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p325" rend="noPipe"/> «Wie beurteilt er sie im einzelnen?» Ja, es wären allerhand Einzelheiten zu nennen. Also eben, mein guter <persName ref="kbga-actors-1714">Hans Küng</persName> ist mir ja da ein merkwürdiges Exempel, wie er immer wieder zu mir kommt, und dann beraten wir wieder diese ganzen Angelegenheiten; und dann hat er dieses merkwürdige Buch geschrieben über mich<note xml:id="n157">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p263#fn_n50">S. 263­, Anm. 50</ref>.</note> und das Buch über das Konzil<note xml:id="n158"><bibl corresp="kbga-bibls-5489"><persName ref="kbga-actors-1714">H. Küng</persName>, <hi rend="italic">Konzil und Wiedervereinigung. Erneuerung als Ruf in die Einheit</hi>, Wien/Freiburg/Basel 1960 (1964).</bibl></note>, 
                wo er nun förmlich aufgenommen hat: «<foreign xml:lang="lat">Ecclesia reformata semper reformanda!</foreign>»<note xml:id="n159"><bibl corresp="kbga-bibls-5489">A.a.O., S. 51</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Ecclesia reformanda!» «Ecclesia semper reformanda!</foreign>» Zu dieser Formel vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p173#fn_n08">S. 173­, Anm. 8.</ref></note> <foreign xml:lang="lat">Semper reformanda, holla</foreign>! - und hat dabei drei Kardinäle hinter sich, und einer von diesen ist jetzt <persName ref="kbga-actors-3435">Papst</persName> geworden (das ist der <persName ref="kbga-actors-10723">Montini</persName><note xml:id="n160"><persName ref="kbga-actors-10723">Giovanni Battista Montini</persName>, wurde am 21.6.1963 Papst <persName ref="kbga-actors-3435">Paul VI.</persName></note>, guter Freund von <persName ref="kbga-actors-1714">Küng</persName> und Protektor seiner <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term>). Wohin wird das noch führen?</p>
                <p>Und nun fragen Sie weiter: «Was müßte geistlich und theologisch wesentlich in <hi rend="italic">unserer</hi> <term type="Begriffe" key="244,6">Kirche</term> geschehen?» Ja, was müßte geschehen? Ganz grundsätzlich gesagt: Einfach, es müßte auf unserer Seite halt <hi rend="italic">geglaubt</hi> werden, und jetzt nicht in irgendeinem blöden <term type="Begriffe" key="351">orthodoxen</term> Sinn, aber einfach <hi rend="italic">geglaubt</hi> werden: daß wir ganz schlicht auf dem Boden der Psalmen und des Römerbriefs und des Johannesevangeliums eben wieder glauben. Und der <term type="Begriffe" key="86">Dienst,</term> den wir alle in der evangelischen <term type="Begriffe" key="244,23">Kirche</term> zu verrichten haben, muß auf <hi rend="italic">das</hi> zielen -, daß wir nicht etwa plötzlich überholt werden von den anderen und daß es dann heißt: «Die Ersten werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein» [vgl. <term type="Bibelstellen" key="Mt. 19,30"><ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.30">Mt. 19,30</ref></term>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.20.16">20,16</ref>]! Diese Gefahr scheint mir zu drohen, daß sie dort glauben - und wir stehen da und haben so merkwürdige Diskussionen wie unsere jetzt von heute Nachmittag. Ich würde es nicht «beschämend» nennen, aber ein bißchen bekümmernd - ich habe es vorhin schon gesagt -, daß wir schließlich auf solche Parolen herauskommen: «Es ist jetzt eben eine andere Generation da!» Ach, wie kümmerlich! ach, wie dünn! ach, wie mager! Was ist jetzt das? «Eine neue Generation»! - das ist doch kein ernsthaftes Problem. Natürlich, wenn wir uns so verbröseln mit solchen Definitionen und Stellungnahmen, dann kann es nicht gut kommen, dann überholen die uns eines Tages, und dann sehen wir vielleicht auch ein, es wäre vielleicht besser … </p> 
                <p><pb ed="pga" xml:id="p326" rend="noPipe"/> Und nun würde ich im einzelnen sagen: Was es brauchte in unsrer <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term>? Ich kann es auf ein paar Punkte bringen, immer von dem Zentralbegriff des <term type="Begriffe" key="174">Glaubens</term> aus, wenn Sie wollen. Ich würde sagen, ein <hi rend="italic">Mündigwerden</hi>, ein Mündigwerden der <term type="Begriffe" key="244,29">Kirche</term> in ihrem Verhältnis zum <term type="Begriffe" key="455">Staat,</term> zur <term type="Begriffe1" key="165">Gesellschaft,</term> zur <term type="Begriffe2" key="534">Wissenschaft,</term> zur <term type="Begriffe1" key="370">Philosophie</term> - daß die <term type="Begriffe" key="68">Christen</term> und die <term type="Begriffe1" key="69">Christenheit</term> es wagt, sich im <term type="Begriffe2" key="174">Glauben</term> auf ihre eigenen Füße zu stellen! daß die protestantische <term type="Begriffe" key="244,23">Kirche</term> (die ja schon vom 16. Jahrhundert an darunter gelitten hat, daß sie Staats-Kirche, <term type="Begriffe" key="244,24">Volks-Kirche,</term> <term type="Begriffe" key="244,28">Landes-Kirche</term> war - was hat das für Folgen gehabt!) …, daß sie aus dieser Abhängigkeit herauskäme! Daß die Kirche nicht die Kirche einer bestimmten <term type="Begriffe2" key="165">Gesellschaft</term> oder Gesellschaftsschicht ist! Eine Entbürgerlichung der evangelischen <term type="Begriffe" key="244,23">Kirche</term>! Und dann also ein Mündigwerden - ja, eben solchen mythischen Gestalten wie dem modernen <term type="Begriffe" key="305,23">Menschen,</term> dem sogenannten, gegenüber! Daß man in aller Ruhe sagt: Wie die alte <term type="Begriffe" key="244,2">Kirche</term> [gegenüber] den <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> der alten Zeit, so haben wir als die neue oder moderne <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> dem modernen <term type="Begriffe1" key="305,23">Menschen</term> gegenüber unsere eigene bestimmte Sache zu vertreten, und [zwar] mutig und kindlich und fröhlich zu vertreten! Das müßte anders werden bei uns.</p>
                <p> Und dann im Zusammenhang damit - das ist nun nicht in Richtung der <term type="Begriffe" key="241,1">katholischen</term> Bewegung, oder es ist eine eigentümliche Kompensation dazu -, was wir brauchen, ist eine energische (nicht <term type="Begriffe" key="100">Entmythologisierung,</term> aber) <hi rend="italic">Entsakramentalisierung</hi> der Kirche. Wir stecken doch immer noch bis über die Ohren - heute morgen sprachen wir davon - in diesem <term type="Begriffe" key="9">Amtsbegriff</term> drin. Merkwürdigerweise nun gerade die protestantische <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> figuriert in der <term type="Begriffe1" key="165">Gesellschaft</term> als die <term type="Begriffe2" key="244">Kirche,</term> welche <term type="Begriffe" key="472">Taufe</term> und <term type="Begriffe1" key="260">Konfirmation</term> und Trauung und <term type="Begriffe2" key="40">Beerdigung</term> usf. veranstaltet.</p>
                <p> Ja, und jetzt komme ich auf meinen Spezialpunkt: Wenn es bei uns nicht einen Ruck gibt, aber einen energischen, zu einer besseren Beantwortung der Tauffrage, wenn das weitergeht mit diesem <term type="Begriffe" key="472,14">Säuglingstaufen</term> bei uns, dann ist mir auch angst, ob wir unsere Position werden halten können. Das müßte anders werden! Jetzt komme ich auf unsere Diskussion von vorher zurück. Ich habe noch nie gehört, daß [in] dem sogenannten <term type="Begriffe" key="61"><persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>-Lager</term> dort [an diesem Punkt] etwas geschehen wäre, sondern sogar in der berühmten Schrift von [19]41 redet <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> ganz fromm-orthodox von «Wort und <term type="Begriffe" key="419,2">Sakrament</term>» <pb ed="pga" xml:id="p327"/> usf.<note xml:id="n161"><bibl corresp="kbga-bibls-5641">A.a.O. (s. <ref type="pub" target="../volume/41/p248#fn_n15">S. 248­, Anm. 15</ref>), S. 46</bibl>: Das Kreuz «als Heilsgeschehen» ist «Gegenwart […] <hi rend="italic">in den Sakramenten</hi>»; S. 50f.: <term type="Begriffe" key="227">Christus</term> <hi rend="italic">«begegnet uns im Worte der <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term></hi>, nirgends anders» - es «gehört selbst zum eschatologischen <term type="Begriffe" key="113">Heilsgeschehen</term>».</note> - wie wenn es da nichts zu fragen gäbe. Also, wir  müßten ganz anders verstehen lernen, daß unser <term type="Begriffe" key="78">Denken</term> und Reden und Handeln, auch unser kultisches Handeln mit Inbegriff von <term type="Begriffe" key="472">Taufe</term> und <term type="Begriffe" key="1">Abendmahl,</term> <hi rend="italic">menschliche Antwort auf Gottes Wort</hi> ist - und nicht so ein merkwürdiges Gemisch von <term type="Begriffe" key="185">Göttlichem</term> und <term type="Begriffe" key="305,15">Menschlichem</term>. Sondern [wir müßten lernen], daß wir uns bescheiden an unseren Platz stellen: <hi rend="italic">Da</hi> sind wir, nicht selber wieder Götter oder Halbgötter, sondern <term type="Begriffe" key="181,3">Gott</term> <hi rend="italic">gegenüber</hi>, aber nun <hi rend="italic">verantwortlich</hi> gegenüber. Und dann müßten gewisse Schleier über dem Verhalten der protestantischen Kirche verschwinden - gerade in Richtung des ganzen gefährlichen und unguten Begriffs <term type="Begriffe" key="419">«Sakrament</term>». Oh, wenn wir dieses Wort los werden könnten! Es ist unheimlich. Das ist mir viel unheimlicher als alles andere da mit der <term type="Begriffe" key="235">«Jungfrauengeburt</term>» und was euch da so schrecklich ist. Denn das ist nun von innen heraus etwas Falsches, und da hätten wir dann auch im Gespräch mit der <term type="Begriffe" key="241">katholischen</term> Kirche etwas zu sagen - während jetzt die protestantische <term type="Begriffe" key="244,23">Kirche</term> eigentlich nur eine schwächere Ausgabe der <term type="Begriffe" key="241">katholischen</term> ist. Und auf dieser Ebene werden wir keine Lorbeeren zu holen haben.</p>
                <p> Ja, und nun würde ich schon sagen, wenn Sie das alles zusammennehmen: Das würde dann auf unserer Seite eine «Grundlagenkrisis» sein, mit der aber eigentlich ja niemand rechnet, daß das im Ernst kommen könnte, dieses Mündigwerden und diese Entsakramentalisierung und dieses Leben aus dem <term type="Begriffe" key="174">Glauben.</term> Das ist für uns so ein Eschaton geworden, daß man sagt: Ja, das wäre ja wunderschön …, aber! Daß das erwachte als eine Bewegung in unserer Kirche drin, das würde eine Grundlagenkrisis geben. Stellen Sie sich einmal vor: eine protestantische <term type="Begriffe" key="244,23">Kirche</term> ohne die <term type="Begriffe1" key="472,14">Kindertaufe</term>! Das würde «Grundlagenkrisis» in jedem Sinn geben. Und man weiß darum ganz gut, [warum] man von der äußersten Rechten in unserer Kirche bis zur äußersten Linken hin dort ganz fest ist. Ich glaube, da würde sogar der <persName ref="kbga-actors-343">Bischof Woolwich</persName><note xml:id="n162">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p251#fn_n20">S. 251­, Anm. 20</ref>.</note> sagen: Um Himmels willen, an das wird nicht gerührt! An die <term type="Begriffe" key="493">Trinität</term> und an diesen «Gott da droben», wie er <pb ed="pga" xml:id="p328"/> sagt<note xml:id="n163"><bibl corresp="kbga-bibls-1371">J. A. Th. Robinson, a.a.O. (s. <ref type="pub" target="../volume/41/p251#fn_n20">S. 251­, Anm. 20</ref>), S. 21.25.</bibl></note>, kann man fröhlich rühren, aber an die <term type="Begriffe" key="472,14">Kindertaufe</term> nicht. Das ist tabu. Und einige andere Sachen noch dazu.</p>
                <p> Und das kommt von dieser Unmündigkeit der <term type="Begriffe" key="244,29">Kirche</term> in der <term type="Begriffe" key="165">Gesellschaft</term> drin, in die sie sich, ja, seit <date when="0313">313</date> - das ist eine von den Fragen, die wir jetzt übergehen<note xml:id="n164">Siehe dazu Anhang <ref type="pub" target="../volume/41/p330#p330">S. 330f.</ref> Frage 8. Das sogenannte <term type="Begriffe" key="660,1">Mailänder</term> Edikt <persName ref="kbga-actors-2218">Konstantins des Großen</persName> 313 brachte mit der <term type="Begriffe" key="487">Tolerierung</term> der zuvor verfolgten christlichen <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> die Wende zu ihrem Vordringen als Staatskirche. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1">KD IV/3, S. 602-604</bibl>; KD IV/4 (Fragment), S. 185f.</note> - hineinbegeben hat. Das schlimme Resultat von 313 war die schleichende <term type="Begriffe" key="420">Säkularisierung</term> der Kirche, die dort angefangen hat, indem die Kirche es sich gefallen ließ, nun in einem sozusagen christianisierten <term type="Begriffe" key="455">Staat</term> existieren zu wollen. Also, das wäre meine Antwort wegen der Grundlagenkrisis.</p>
                <p> Wobei ich beanstanden muß, Herr Pfarrer <persName ref="kbga-actors-10698">Unfricht</persName><note xml:id="n165"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sagte hier wörtlich «Ulbricht» und verwechselte dabei den auch anwesenden Pfr. <persName ref="kbga-actors-10699">Ulbrich</persName> mit dem Fragesteller Pfr. <persName ref="kbga-actors-10698">Unfricht</persName>.</note>, daß Sie sagen: die «von ihm <hi rend="italic">geforderte</hi> Grundlagenkrisis». Fällt mir gar nicht ein, sie zu fordern! Das kann man nicht fordern. Das kann nur <hi rend="italic">kommen</hi>. Das kann nur <hi rend="italic">geschehen</hi>. Und mit diesem Votum zu dieser Sache wollte ich nur Ihre Aufmerksamkeit darauf richten: es gibt, weiß Gott, wichtigere und brennendere Fragen als die <term type="Begriffe" key="100">Entmythologisierung</term> und die Existentialisierung der Kirche. Mir kommt das [Interesse daran merkwürdig vor], gemessen an dem Ernst, dem bitteren Ernst der heutigen Situation, in der wir leben: mit unserer <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> mit der <term type="Begriffe" key="29">Atombombe,</term> während nicht einmal wir untereinander einig darüber sind, ob man ja oder nein dazu zu sagen habe<note xml:id="n166">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p070#fn_n53">S. 70f.­, Anm. 53</ref>, und z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-312">O.Br. 1945-1968, <ref type="pub" target="../volume/15/p440#p440">S. 440-444</ref></bibl>.</note> - das kommt mir viel unheimlicher vor als die Dinge, die die sogenannte «junge Generation» jetzt so aufregen und die uns Ältere dann gelegentlich so furchtbar erschrecken können. Wir sollten an ganz anderen Orten erschrecken und dann ausschauen, aber aktiv ausschauen, tätig ausschauen nach neuen Wegen in einer neuen <term type="Begriffe" key="200">Hoffnung</term>, auch in einer neuen <term type="Begriffe" key="284">Liebe</term> und dann auch in einem neuen <term type="Begriffe" key="174">Glauben.</term> - Damit will ich jetzt, glaub’, aufhören. Genug gesagt! Sonst könnte es leicht wieder «beschämend» werden … </p> 
                </sp>
            </div> 
            <div>
            <pb ed="pga" xml:id="p329"/> 
                <head type="sub">  12. Schlußworte</head>

                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-10694">Posth</persName>:</speaker>
                <p> … <note xml:id="n167">Der folgende Passus ist leicht gekürzt, weil er auf dem Tonband teilweise unverständlich ist.</note> Es hat sich so ergeben, daß nicht auf alle Fragen eine Antwort gegeben wurde. Das war bei der Fülle der Fragen wahrscheinlich auch von vornherein kaum so zu erwarten, wenn wir uns nicht mit irgendwelchen Patentantworten zufrieden geben, sondern den Dingen etwas nachgehen [?] wollten. Ich möchte aber am Ende dieses Zusammenseins mit Herrn Professor <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nun doch mit aller Deutlichkeit aussprechen: Ich glaube, daß wir alle - das beweist ja die Tatsache unseres Hierseins - mit großer <term type="Begriffe" key="134">Freude</term> und mit großer Erwartung nach <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term> gekommen sind und diesen Tag als etwas Besonderes gedacht haben. Und ich glaube, daß in dem, was wir gehört haben, uns vieles gesagt worden ist, was uns wichtig und auch hilfreich erschien. Ich darf das vielleicht so sagen, daß ich es von mir selbst sage: daß mir an diesem Tag an manchen Stellen auch persönlich ein Stück Hilfe, Antwort gegeben worden ist. Und wenn ich selbst eben auch einmal von der Frage, die in der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> auf uns zukommt, gesprochen habe, dann glaube ich, daß in dieser Formulierung der fragenden <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde,</term> die dann durch uns vorgetragen wird, in Wirklichkeit nichts anderes versteckt ist als unsere eigene Frage, auf die wir oft genug keine Antwort wissen und [in der] wir durchaus mit der <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> <term type="Begriffe1" key="439">solidarisch</term> sind.</p>
                <p> Ich bin sehr dankbar für das, was wir heute gehört haben. Ich muß gestehen, daß ich auch dankbar bin für das Gespräch an dieser einen Frage, die uns ein wenig erregt hat: daß diese Dinge hier auf den Tisch des Hauses kamen - bis hin in Formulierungen, die scharf und fast trennend klangen. Ich glaube, daß wir nichts Wichtigeres zu tun haben, als daß wir solche Dinge vor uns aussprechen [?], [so] daß wir wissen, woran wir sind und woran wir zu arbeiten haben. Ich glaube, daß wir bei den nächsten Konferenzen sehr viel stärker, als wir das zuletzt getan haben, uns einmal um <term type="Begriffe" key="120">Exegese</term> bemühen werden. Wahrscheinlich wird es dann geschehen [?], daß wir uns an manchem ein Stück auseinanderreden; aber sicher wird es auch geschehen, daß solche Texte etwas von ihrer eigenen Kraft erweisen, von der Kraft, die <pb ed="pga" xml:id="p330"/> dem Text innewohnt und die durch Gottes <term type="Begriffe" key="154,5">Geist</term> unter uns lebendig werden darf.</p>
                <p> Ich möchte Ihnen, Herr Professor, sehr herzlich danken, daß Sie diesen Tag über [bei uns waren]. Ich möchte Ihnen vor allem auch dafür danken - und davon hätte ich mir gern ein paar Scheiben abgeschnitten -, wie Sie unsere Fragen, unsere Angriffe aufgenommen und beantwortet haben. Ich möchte mir von Gott einen Schuß dieser <term type="Begriffe" key="36,23">Heiterkeit</term>, dieser Würde (ich darf das mal so sagen) und auch dieser Gelassenheit erbitten. Ich glaube, daß wir sie alle miteinander gut vertragen könnten und daß sie uns im Gespräch eine Menge helfen können, wenn wir manche Dinge, die uns selbst todernst erscheinen und die uns - um das Wort zu gebrauchen - «Not» machen, so sehen, daß wir merken: Auf der anderen Seite gibt es Brüder, die das anders sehen, darüber getrost und fröhlich sind und auch in dieser gelassenen Art versuchen, darauf zu antworten. Es gehört vielleicht zu den besonderen Geschenken Gottes, die man sich erbitten, um die man auch ringen, an denen man arbeiten kann: daß man so hören, so miteinander reden und so auch den anderen in heiterer Weise (wobei ich das Wort <hi rend="italic">Heiterkeit</hi> ganz <hi rend="italic">ernst</hi> zu nehmen bitte) … <note xml:id="n168">Das folgende ging im Gelächter unter. Es folgte noch das Wort eines weiteren, der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> statt des von ihm ausgeschlagenen Honorars Zigarren überreichte und bemerkte, beim Vorbereitungsgespräch im Sommer für diesen Tag habe <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> - im Zusammenhang eines zum Fotografieren vorbeikommenden Japaners - erklärt, es sei für einen (theologischen) Besucher <placeName ref="kbga-places-5">Basels</placeName> dreierlei sehenswürdig: die Basler Holbeinsammlung, der Zoo und endlich dann doch auch <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>. «Damit wäre unser Basel-Besuch komplett», schloß der Redner.</note> [annehmen kann].</p> 
                </sp>
            </div> 
            <div>
                <head type="sub"> Anhang</head>

                <head type="sub"> Die nicht mehr behandelten Fragen der rheinischen Jugendpfarrer mit Notizen <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName></head>

                <sp>
                <speaker>Frage 8  (von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10700">Graf</persName>):</speaker> 
                <p>Ist die Entscheidung von <date when="0313">313</date><note xml:id="n169">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/41/p328#fn_n164">S. 328­, Anm. 164</ref>.</note> im Bezug auf das Verhältnis <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> - <term type="Begriffe1" key="455">Staat</term> revidierbar? Ist eine Revision <pb ed="pga" xml:id="p331"/> überhaupt  nötig? Ist nicht die Situation durch die <term type="Begriffe" key="420">Säkularisierung</term> wie von selbst revidiert, so daß die <term type="Begriffe" key="156">Gemeinde</term> dem Neuen <term type="Begriffe" key="424,22">Testament</term> «näher» lebt als bisher?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>1. Christianisierung des <term type="Begriffe" key="455">Staates</term> schloß <term type="Begriffe1" key="420">Säkularisation</term> der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> schon in sich.</p>
                <p>2. J[esus] C[hristus] <hi rend="italic">ist</hi> <term type="Begriffe" key="227,25">Herr</term> auch des <term type="Begriffe" key="455,4">Staates.</term> <term type="Begriffe1" key="244,20">Kirche</term> J[esu] C[hristi] <hi rend="italic">ist</hi> <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> für die <term type="Begriffe1" key="525">Welt.</term></p>
                <p>3. <date when="0313">313</date>: Experiment in dieser Richtung, aber in gefährlich[er] Antizipation des Eschaton.</p>
                <p> 4. Gefährlichkeit (für köst[liche] Perle <term type="Bibelstellen" key="Mt. 13,45">[<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.45">Mt. 13,45</ref></term>]!) trat in der Neuzeit zu Tage.</p>
                <p>5. Neuer Ansatz heute? Nicht 2 Reiche, aber beiderseitige und gegenseitige Anerkennung ihr[er] verschiedenen Funktion von K[irche] u[nd] St[aat] in dem <hi rend="italic">einen</hi> [,] beiden überlege[nen] Reich J[esu] C[hristi].</p>
                <p> 6. <term type="Begriffe" key="455">Staat</term>: Schutz von <term type="Begriffe" key="135">Fried[e] </term>, <term type="Begriffe1" key="394">Recht,</term> <term type="Begriffe2" key="132">Freiheit.</term></p>
                <p> <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term>: Bezeugung d[er] <term type="Begriffe1" key="512">Verheißung</term> u[nd] d[es] Anspruchs J[esu] C[hristi] in ihrem <hi rend="italic">eigenen und</hi> im Bereich d[es] <term type="Begriffe" key="455">Staates.</term></p>
                <p>7. Im <hi rend="italic">Eschaton</hi> <term type="Begriffe" key="341">Offenbarung</term> der <hi rend="italic">Identität</hi> beid[er] Aufgab[en].</p> 
                <p rend="margin-top"><hi rend="italic">Frage 9 (von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10700">Graf</persName>):</hi> Die Möglichkeit eines «gerechten <term type="Begriffe" key="269,3">Krieges</term>» wird unter dem Aspekt der Massenvernichtungsmittel im allgemeinen verneint. Dieses Nein läßt aber zurückfragen, ob es je einen «gerechten <term type="Begriffe" key="269,3">Krieg»,</term> weil vor <term type="Begriffe1" key="181,12">Gott</term> zu rechtfertigenden <term type="Begriffe2" key="269,3">Krieg,</term> gegeben hat. Führt die Ablehnung des Krieges heute unter dem Zeichen der nuklearen <term type="Begriffe" key="339">Waffen</term> nun doch zu einer Ablehnung des Krieges überhaupt und damit zum radikalen <term type="Begriffe" key="363,2">Pazifismus</term>? Wie ist dann das Schwertamt in <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.4">Römer <term type="Bibelstellen" key="Römer 13[,4]">13[,4]</term></ref> zu verstehen? Wie kann in der <term type="Begriffe" key="430">Seelsorge</term> ein gemeinsames <term type="Begriffe" key="546,2">Zeugnis</term> der <term type="Begriffe1" key="244">Kirchen</term> gefunden werden, das den einzelnen in seiner Entscheidung trägt und nicht nur eines «Beistandes» der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> versichert?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Rückfrage berechtigt, <hi rend="italic">kann</hi> zur Ablehnung des Krieges überhaupt (<hi rend="italic">kein</hi> <foreign xml:lang="lat">bellum iustum</foreign>) führen. 3. Reich Ende der Superiorität des Christentum[s] (<persName ref="kbga-actors-1436">James Baldwin</persName>)<note xml:id="n170">Dieser Satz ist von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erst nachträglich mit Bleistift eingeschoben worden. Er nimmt Bezug auf: <bibl corresp="kbga-bibls-6051"><persName ref="kbga-actors-1436">J. Baldwin</persName>, <hi rend="italic">The Fire Next Time</hi>, New York 1963, S. 66</bibl>: «<foreign xml:lang="eng">From my own point of view, the fact of the Third Reich alone makes obsolete forever any question of Christian superiority, except in technological terms</foreign>.»</note>. <term type="Begriffe" key="363">Pazifismus</term>? <hi rend="italic">Bevor</hi> Er<pb ed="pga" xml:id="p332" break="no"/><term type="Begriffe" key="106">kenntnis</term> sich in d[er] <term type="Begriffe1" key="244">Kirche</term> allgemein durchsetzt, doch wohl nur «Beistand». [Das Wort «Schwertamt» in der Frage ist von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> unterstrichen und mit der Anmerkung versehen:] Hat auch andere Funktion[,] als Krieg [zu] führen.</p>
                </sp> 
                <p rend="margin-top"><hi rend="italic">Frage 11 (von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10701">Vetter</persName>):</hi> Wie weit ist das Verhalten eines <term type="Begriffe" key="9,3">Pfarrers</term> in seiner <term type="Begriffe1" key="156">Gemeinde</term> von missionarischem Einfluß?</p>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p><term type="Begriffe" key="9,3">Pfarrer</term> ist in der Totalität s[einer] <term type="Begriffe1" key="122">Existenz</term> zum <term type="Begriffe2" key="545,1">Zeugen</term> berufen. Vgl. Frage 4!<note xml:id="n171">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/41/p265#p265">S. 265­ff. Abschnitt 5</ref>.</note></p> 
                </sp>
                
                <p> </p>
                <sp>
                <speaker>Frage 12 (von Pfr. Meier):</speaker> 
                <p>Welcher Zusammenhang besteht zwischen der <term type="Begriffe" key="134">«Freude</term> am Herrn» <term type="Bibelstellen" key="Neh. 8,10">[<ref type="can" subtype="bible" target="Neh.8.10">Neh. 8,10</ref></term>] und der Äußerung der <term type="Begriffe" key="134">Freude</term> überhaupt? [Dazu aus der Begründung der Frage:]<note xml:id="n172">Pfr. Meier beruft sich in der Begründung zu seiner Frage auf <bibl corresp="kbga-bibls-1">KD III/4, S. 426ff.</bibl>, wozu <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an den Rand schrieb: «Die Kinder, sie hören es gerne!»</note> Im Umgang mit jungen <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> geht es im offenen oder geheimen immer um die <term type="Begriffe" key="531">Wirklichkeit</term> der von uns <term type="Begriffe1" key="513">verkündigten</term> <term type="Begriffe2" key="134">Freude.</term> […] Müssen wir unser theologisches Gesicht bei jedem Tanzschritt junger <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> in sorgenvolle Falten legen?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker>
                <p> Aber: <term type="Begriffe" key="134">Freude</term> am Herrn</p>
                <p>ist <hi rend="italic">bestimmt</hi> als <term type="Begriffe" key="134">Freude</term> des <hi rend="italic">ganzen</hi> <term type="Begriffe1" key="305">Menschen</term> (nicht Flucht in die Leiblichkeit!),</p>
                <p>ist <hi rend="italic">charakterisiert</hi> als durchhaltend <hi rend="italic">auch</hi> (und gerade) in <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="279">Leid</term></hi> (nicht «Last»),</p>
                <p>ist <hi rend="italic">begrenzt</hi> durch Sympathie u[nd] Verantwortlichkeit gegenüb[er] dem <term type="Begriffe" key="279">Leid</term> des Mitmenschen u[nd] d[er] <term type="Begriffe1" key="525">Welt.</term></p>
                <p>Wer so tanzt, der tanzt wohl!</p> 
                </sp>
                <p> </p>
                <sp>
                <speaker>Frage 13 (von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10793">Ufer</persName>):</speaker> 
                <p>In Ihrem Buch <bibl corresp="kbga-bibls-5157">«Einführung in die Evangelische Theologie»[, Zürich 1962,] S. 136</bibl>, schreiben Sie von einer besonderen Art des <term type="Begriffe" key="553">Zweifels</term> an der <term type="Begriffe1" key="122">Existenz</term> Gottes und nennen diesen <term type="Begriffe" key="553">Zweifel</term> eine Modekrankheit unter den Gebildeten des frühen 18. Jahrhunderts. Ich möchte fragen, ob diese auch heute wieder um <pb ed="pga" xml:id="p333"/> sich greifende Epidemie unter den Gebildeten auch als eine Art «Modekrankheit» zu bezeichnen ist und wie dieser mit einer gebotenen <term type="Begriffe" key="303">Medizin</term> ernsthaft, mit dem gebotenen <term type="Begriffe" key="208">Humor</term> überlegen zu begegnen wäre.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Im 18. J[ahr]h[undert] blutiger Ernst. Heute (in <term type="Begriffe" key="525">Welt</term> u[nd] <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term>) eher ein Kokettieren.</p> 
                </sp>
                <p> </p>
                <sp>
                <speaker>Frage 14 (von Pfr. <persName ref="kbga-actors-10793">Ufer</persName>):</speaker> 
                <p>Ich las von einem Gespräch, das Sie mit dem <term type="Begriffe" key="118">Evangelisten</term> <persName ref="kbga-actors-1624">Billy Graham</persName> gehabt haben und in dem Sie die <term type="Begriffe" key="58,1">Botschaft</term> des <term type="Begriffe1" key="118">Evangelisten</term> anerkannt, seinen Ruf zur Entscheidung aber abgelehnt haben.<note xml:id="n173">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p148#p148">S. 148f.</ref> und <bibl corresp="kbga-bibls-3174">Gespräche 1959-1962, <ref type="pub" target="../volume/25/p180#p180">S. 180-182</ref></bibl>.</note> <persName ref="kbga-actors-63">Emil Brunner</persName> soll umgekehrt geurteilt haben: er halte in der <term type="Begriffe" key="58">Botschaft</term> nicht alles für recht, dennoch müsse auf das Gehörte verbindlich geantwortet werden.<note xml:id="n174">Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-6052"> <persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="90">Dogmatik</term></hi>, Bd. III: <hi rend="italic">Die christliche Lehre von der Kirche, vom <term type="Begriffe" key="174">Glauben</term> und von der Vollendung</hi>, Zürich 1960, S. 123, Anm. 1</bibl>. Vgl. weiter <bibl corresp="kbga-bibls-6053">B. Graham, <hi rend="italic">Just as I am: the autobiography of Billy Graham</hi>, San Francisco/ Grand Rapids 1997, S. 694</bibl>.</note> Dem wie Buridans Esel zwischen zwei Krippen unentschieden schwankenden <term type="Begriffe" key="118">Evangelisten</term> sollen Sie geantwortet haben: «Nicht aufhören, weitermachen». Aber wie?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>a) durch vertiefte bibl[ische] <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="106,2">Erkenntnis</term>.</hi></p>
                <p>b) durch Bewährung in konkret[em] <term type="Begriffe" key="86">Dienst</term> in d[er] Sammlung, Auferbauung, <term type="Begriffe" key="434">Sendung</term> d[er] <hi rend="italic"><term type="Begriffe1" key="156">Gemeinde</term>.</hi></p> 
                </sp>
            </div> 

        </div>
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    </text>
</TEI>
