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        <title type="volume" n="vol-41">Gespräche 1963</title>
        <title type="content">Interview von Georges Casalis (III)</title>
        <title type="citation_line_1">Interview von Georges Casalis (III), in: Gespräche 1963, 7. November 1963</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/41024 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Gespräche 1963, hrsg. v. Busch, Eberhard (Gesamtausgabe, Abt. IV), Zürich 2005, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Gespräche 1963</title>
          <title type="text">Interview von Georges Casalis (III)</title>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2005</date>
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        <date type="creation" when="1963-11-07">7. November 1963</date>
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          <term>conversation</term>
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            <head type="sub">22</head> 

                <head>INTERVIEW VON GEORGES CASALIS (III)</head> 
              <div type="abstract">
                <p><hi rend="italic">Zwei Tage nach dem Gespräch mit den Rheinischen Jugendpfarrern (<ref type="pub" target="41023">Nr. 21</ref>), am <date when="1963-11-06">6.11.1963</date>, fuhr <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nach <term type="Begriffe" key="639"><placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName></term>, wo er anderntags von der <orgName ref="kbga-actors-10783">Sorbonne-Universität</orgName> mit dem Dr. ès Lettres et Sciences Humaines ausgezeichnet <term type="Begriffe" key="36,5">wurde</term>. Wie er am 18.9.1963 dem Rektor der Universität <persName ref="kbga-actors-1839">Jean Roche</persName> schrieb, empfand er diese Ehrendoktorwürde darum als «<foreign xml:lang="fre">honneur extraordinaire</foreign>», weil sie von derjenigen <orgName ref="kbga-actors-10783">Sorbonne</orgName> verliehen wurde, «<foreign xml:lang="fre">à laquelle le genre de théologie, que je représente, était jadis assez étrange, et qui, à nos jours se démontre si ouverte aussi dans cette direction</foreign>» (Br. 1961-1968, <ref type="pub" target="../volume/06/p190#p190">S. 190</ref>). Zwischen der Ehrung am Morgen und einem von der Universität am Abend veranstalteten Bankett führte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> - auf dieser seiner dritten Reise nach <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName> in diesem Jahr - mit <persName ref="kbga-actors-519">Georges Casalis</persName> am <date when="1963-11-07">7.11.1963</date> ein weiteres Gespräch, das vom <term type="Begriffe" key="130">französischen</term> Fernsehen aufgezeichnet wurde (vgl. auch a.a.O., <ref type="pub" target="../volume/06/p202#p202">S. 202</ref>). Das Interview wurde am 15.12.1963 gesendet.</hi></p>
                 </div>
                 <div>
                 <head>Interview von Georges Casalis (III)</head>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Es ist einige Monate her, <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>, daß Sie uns besucht haben und daß wir uns vor den Kameras des französischen Fernsehens darüber unterhalten konnten, was die <term type="Begriffe" key="481">Theologie</term> ist.<note xml:id="n01">Am 12.5. und 22.10.1963, siehe oben <ref type="pub" target="../volume/41/p030#p030">S. 30-37</ref> und <ref type="pub" target="../volume/41/p221#p221">S. 221-230</ref>.</note> Und es ist einen Monat her, daß Sie wiedergekommen sind, um an einer Pfarrerkonferenz in <placeName ref="kbga-places-1127">Bièvres</placeName><note xml:id="n02">Am 20./21.10.1963, siehe oben <ref type="pub" target="../volume/41/p176#p176">S. 176-220</ref>.</note> teilzunehmen und zu uns kräftig von der Bedeutung der <term type="Begriffe" key="481,19">Theologie</term> für das Leben der <term type="Begriffe1" key="275,5">Kirche</term> zu reden. Und ich erinnere mich, daß Sie am Ende unseres Gesprächs beim letzten Mal<note xml:id="n03">Beim Interview am 22.10.1963. Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p229#p229">S. 229­</ref>.</note> die Kirche mit dem Volk <term type="Begriffe" key="220,8">Israel</term> auf dem Marsch durch die Wüste zum Ziel, zum Gelobten Land verglichen. Und dann mußten wir da haltmachen, weil die Sendezeit sich ihrem Ende zuneigte. Zweifellos können wir dort wieder einsetzen. Und vielleicht können Sie uns zunächst sagen, wie wir als <term type="Begriffe" key="305">Menschen</term> und <term type="Begriffe1" key="68">Christen</term> des 20. Jahrhunderts uns das Ziel vorzustellen haben, diese <term type="Begriffe" key="512">verheißene</term> Erde, zu der wir durch die Wüste der Geschichte, wie Sie es beim letzten Mal sagten, in der Mitte des Gottesvolkes vorwärtsschreiten.</p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p335" rend="noPipe"/><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ich bin glücklich, zum dritten Mal hier zu sein. Und [nun] geben Sie sich Rechenschaft über die sonderbare Frage, die Sie mir jetzt stellen? Die Fragen sind schwer genug. Ich will mein Bestes tun. Sie haben mich eben gebeten, etwas zu sagen über das Ziel bei diesem Marsch des <term type="Begriffe" key="520,2">Gottesvolkes</term> durch die <term type="Begriffe" key="541">Zeit,</term> durch die Geschichte, durch die <term type="Begriffe" key="525">Welt.</term> Was ist das Ziel? Ich will geradeheraus sagen: Es handelt sich um ein Ziel, das nicht verwirklicht werden wird durch Ideen, noch durch die Bemühungen der <term type="Begriffe" key="69">Christenheit.</term> Sondern die <term type="Begriffe1" key="69">Christenheit</term> hofft auf ein entscheidendes, definitives, abschließendes Geschehen von seiten <term type="Begriffe" key="181,22">Gottes</term> selber her. Und das erwarten wir, wenn wir <term type="Begriffe" key="145,6">beten</term>: «Dein Name werde geheiligt. Dein <term type="Begriffe" key="399,3">Reich</term> komme. Dein <term type="Begriffe" key="181,24">Wille</term> geschehe auf Erden wie in den <term type="Begriffe" key="196">Himmeln</term>» <term type="Bibelstellen" key="Mt. 6,9f.">[<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.9 Mt.6.10">Mt. 6,9f.</ref></term>]. Nicht etwas von uns zu Vollendendes, sondern ein definitives Begegnen mit einer Tat Gottes ist das Ziel, auf das das Gottesvolk blickt, und ist die Richtung, in der es vorwärtsschreitet.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Aber warum sind die heutigen Fragen denn schwierig? Und warum haben Sie in unserem ersten Gespräch gesagt, daß die <term type="Begriffe" key="481,5">Theologie</term> ein gefährliches Abenteuer ist?<note xml:id="n04">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p036#p036">S. 35­</ref>.</note></p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Weil die Theologie, so notwendig sie auch ist, so wichtig ihre Aufgabe in der <term type="Begriffe" key="244,6">Kirche</term> ist, ein menschliches Unternehmen ist. Und alle menschlichen Unternehmungen im Blick auf die Sache Gottes sind in Gefahr, das verwirklichen zu wollen, was nur von <term type="Begriffe" key="181,16">Gott</term> verwirklicht werden kann: göttliche Gedanken oder angeblich göttliche <term type="Begriffe" key="146,4">Gebote.</term> Sobald die <term type="Begriffe1" key="481">Theologie</term> diesem Irrtum verfällt, <term type="Begriffe2" key="181,3">Gott</term> durch ihre eigenen Gedanken zu ersetzen, tritt Gefahr ein - nicht nur für sie, sondern für die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> und in der Konsequenz auch für die <term type="Begriffe1" key="525">Welt.</term></p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, und genau bei diesem letzten Punkt wäre es der Mühe wert, jetzt einen Augenblick stehenzubleiben. Sie haben uns beim letzten Mal gesagt, woran ich vorhin erinnert habe, daß die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> durch die Wüste der Geschichte wandert. Diese Wüste ist ein Bild, denn die Wüste der Geschichte ist ja recht bevölkert, und wir sind schließlich als <term type="Begriffe" key="68">Christen</term> mit allen <term type="Begriffe1" key="305">Menschen</term> zusammen. Was bedeutet das für die anderen, daß wir diese <term type="Begriffe" key="200,1">Hoffnung</term> und Erwartung in uns haben?</p> 
                </sp>
                <sp>
                <speaker><pb ed="pga" xml:id="p336" rend="noPipe"/> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Es geht um eine Erwartung und <term type="Begriffe" key="200,1">Hoffnung,</term> die nicht bloß den <term type="Begriffe" key="69,1">Christen</term> gegeben ist, sondern der ganzen <term type="Begriffe1" key="525">Welt.</term> Die Christen sind von anderen nur darin verschieden, daß sie etwas wissen, das die anderen noch nicht wissen oder noch nicht deutlich wissen. Die <term type="Begriffe" key="68,18">Christen</term> wissen es, und die Aufgabe der Christen, der <term type="Begriffe1" key="244,6">Kirche,</term> wenn Sie so wollen, gegenüber Gott ist die, <term type="Begriffe" key="546,2">Zeugnis</term> zu geben, was ihnen gesagt ist von Gott selbst, was sie wissen können und sollen, indem sie in dieser Beziehung Herolde sind, Herolde Gottes in der <term type="Begriffe" key="525">Welt.</term></p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, Boten Gottes in der <term type="Begriffe" key="525">Welt.</term></p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Boten, wenn Sie so wollen … </p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, genau. Und wenn wir an die Ereignisse der Weltgeschichte denken … Wir werden in einem Jahr - wir werden gleich davon reden - zugleich den 400. Jahrestag von <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> <term type="Begriffe" key="486">Tod</term>, aber auch ein anderes, bescheideneres Jubiläum feiern, den 30. Jahrestag der Theologischen <orgName ref="kbga-actors-5873">Erklärung von <term type="Begriffe" key="35">Barmen</term></orgName>, die die Erklärung der Bekennenden <term type="Begriffe" key="43">Kirche</term> in <term type="Begriffe1" key="80"><placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName></term> angesichts des <term type="Begriffe2" key="326">Nationalsozialismus</term> war. Und wir wissen, daß Sie sehr stark an der Abfassung dieser Theologischen Erklärung beteiligt waren. Warum nimmt die <term type="Begriffe" key="244,6">Kirche</term> angesichts einer Drohung, angesichts eines Systems etwa des <term type="Begriffe" key="326">Nationalsozialismus</term> oder anderer solcher Größen Stellung? Gehört das zum Wagnis des <term type="Begriffe" key="174">Glaubens,</term> zum Abenteuer der <term type="Begriffe1" key="481,5">Theologie</term>? Gehört das zur <term type="Begriffe" key="58">Botschaft,</term> die wir an die <term type="Begriffe1" key="525">Welt</term> zu richten haben? Oder ist das etwas anderes? Sind das bloße Meinungen, die wir in solchen Erklärungen kundtun?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p><term type="Begriffe" key="546,2">Zeugnis</term> geben in dem Sinn, den ich zu zeigen versucht habe, wird immer ein Abenteuer sein. <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> Leben und Werk, das 1564 mit seinem Tod endete<note xml:id="n05"><persName ref="kbga-actors-77">Johannes Calvin</persName> wurde am 10.7.1509 in <term type="Begriffe" key="719">Noyon</term> geboren und starb am 27.5.1564 in <term type="Begriffe" key="681">Genf</term>.</note>, waren gewiß ein Abenteuer. Es war eine andere Zeit. Er war den Problemen seiner Zeit begegnet, die gefährlich war, als die <term type="Begriffe" key="525">Welt</term> sich wandelte vom Mittelalter zur Neuzeit. Nun, er tat sein Bestes, und das war ein Abenteuer, weil er selbst schließlich nur seine <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> hatte und dann sein Verständnis der Bibel. Und er hat versucht, den rechten Weg diesem <term type="Begriffe" key="681">Genfer</term> Volk und dann <term type="Begriffe" key="130"><orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName></term> und ein bißchen der ganzen <term type="Begriffe" key="525">Welt</term> zu zeigen. Nicht nur ein Abenteuer! Er hatte Schwachheiten, er hatte sogar Fehler, die er beging. Jenes <pb ed="pga" xml:id="p337"/> <term type="Begriffe" key="283">Licht,</term> von dem man so oft in <term type="Begriffe" key="681"><placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName></term> gesprochen hat - <foreign xml:lang="lat">post tenebras lux</foreign><note xml:id="n06">«Nach der Finsternis das Licht» - Inschrift am Reformationsdenkmal in <term type="Begriffe" key="681"><placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName></term>, eine Variation des mittelalterlichen Sprichworts: <foreign xml:lang="lat">Post nubila Phoebus</foreign>, nach <ref type="can" subtype="bible" target="Tob.3.23">Tob. 3,23</ref>.</note> -, ist nach einiger Zeit schwach geworden oder öfters sogar ausgelöscht worden. Sie haben diese Theologische Erklärung von <term type="Begriffe" key="35">Barmen</term> in unserem Jahrhundert erwähnt - es ist schon lange her -, an der ich in der Tat mitgearbeitet habe.<note xml:id="n07">Mit der einmütigen Annahme dieser Erklärung am <date when="1934-05-31">31.5.1934</date> durch die <term type="Begriffe" key="471,1">Bekenntnissynode</term> konstituierte sich die <orgName ref="kbga-actors-7774">Bekennende <term type="Begriffe" key="43">Kirche</term></orgName>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3284"><persName ref="kbga-actors-19">Chr. Barth</persName>, <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="44">Bekenntnis</term></hi> <hi rend="italic">im Werden. Neue Quellen zur Entstehung der Barmer <term type="Begriffe" key="35">Erklärung</term></hi>, Neukirchen-Vluyn 1979</bibl>, und<bibl corresp="kbga-bibls-3283"> C. Nicolaisen, <hi rend="italic">Der Weg nach Barmen. Die Entstehungsgeschichte der Theologischen Erklärung von 1934</hi>, Neukirchen-Vluyn 1985</bibl>.</note> Nun, der Augenblick war gekommen, etwas zu sagen angesichts eines Glanzes, einer Verführung, angesichts einer verkehrten Auffassung nicht nur des menschlichen Lebens, sondern des <term type="Begriffe" key="70">Christentums.</term> Also, es mußte etwas gesagt werden, und zum Glück fanden sich <term type="Begriffe" key="305">Menschen,</term> die in das Abenteuer hineinzugehen wagten, diese sechs Thesen von Barmen auszusprechen. Das war wieder ein Abenteuer.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Das Ihnen übrigens teuer zu stehen gekommen ist, weil Sie dafür mit einer Menge Ärger bezahlen mußten; und schließlich wurden Sie aufgrund dessen aus <term type="Begriffe" key="80"><placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName></term> vertrieben.<note xml:id="n08">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Lebenslauf, S. 276-284</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4104">Gespräche 1964-1968, <ref type="pub" target="../volume/28/p447#fn_n01">S. 447-450, Anm. 1-12</ref></bibl>; vgl. ferner: <bibl corresp="kbga-bibls-106">H. Prolingheuer, <hi rend="italic">Der Fall Karl Barth 1934-1935. Chronographie einer Vertreibung</hi>, Neukirchen-Vluyn 1984</bibl>.</note></p>
                </sp>
                <sp><speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, das war nicht so schlimm, für meine Person. Ich war <term type="Begriffe" key="428">Schweizer</term> und konnte <term type="Begriffe1" key="80"><placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName></term> <term type="Begriffe" key="36,13">verlassen</term>. Man hat mich gehen lassen. Ich war nicht in einem <term type="Begriffe" key="263">Konzentrationslager.</term> Ich war nicht ernstlich ein <term type="Begriffe" key="297">Märtyrer.</term> Ich denke nicht <hi rend="italic">daran</hi>, wenn ich von Abenteuer rede. Ich denke an das <hi rend="italic">geistliche</hi> Abenteuer, die Dinge zu sagen, die wir in diesen Thesen sagten: über das einzige Fundament der <term type="Begriffe" key="244">Kirche,</term> das Jesus <term type="Begriffe1" key="227,5">Christus</term> selbst ist, wie er bezeugt ist durch die heilige <term type="Begriffe" key="424">Schrift.</term><note xml:id="n09">Sinngemäß These 1 der Barmer Theologischen <term type="Begriffe" key="35">Erklärung</term>. Vielfach abgedruckt, z. B. in: <bibl corresp="kbga-bibls-4932"><hi rend="italic">Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche</hi>, in: <hi rend="italic">Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen <term type="Begriffe" key="44,7">Kirche</term></hi>. <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-162">Barmen</placeName> 1934. Vorträge und Entschließungen</hi>, hrsg. von K. Immer, Wuppertal-<placeName ref="kbga-places-162">Barmen</placeName> 1934, S. 8-11</bibl>; ferner in: <bibl corresp="kbga-bibls-5563"><hi rend="italic">Die Barmer Theologische <term type="Begriffe" key="35">Erklärung</term></hi>. <hi rend="italic">Einführung und Dokumentation</hi>, hrsg. von A. Burgsmüller/ R. Weth, Neukirchen-Vluyn 1984, S. 34</bibl>.</note> Nun, 400 Jahre nach der <term type="Begriffe1" key="397,1">Reformation</term> diese <term type="Begriffe2" key="522">Wahrheit</term> zu wie<pb ed="pga" xml:id="p338" break="no"/>derholen, das war ein Abenteuer. Das Risiko eines möglichen Zusammenstoßes mit der <orgName ref="kbga-actors-8298">Gestapo</orgName> etc. [stand uns da nicht so unmittelbar vor Augen]. Verstehen Sie, das Geistliche ist von größerem Gewicht.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Schließlich handelt es sich, wie Sie uns sagten<note xml:id="n10">Nämlich in dem Teil des Gespräches, das nicht auf Tonband erhalten ist.</note>, in allen Epochen der <term type="Begriffe" key="605">Kirchengeschichte</term> und der Weltgeschichte, die ein und dieselbe Geschichte sind, darum, zu erfahren zu suchen, was <term type="Begriffe" key="621">Weihnachten</term> für das Heute bedeutet: die Gegenwart Gottes, die Gegenwart <term type="Begriffe" key="227,5">Christi</term> in der <term type="Begriffe1" key="163">Geschichte</term> der <term type="Begriffe2" key="305">Menschen.</term></p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Im Grunde genommen ist das <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> eine ganz einfache Sache. Das <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> ist kein System dieser oder jener <term type="Begriffe" key="522">Wahrheit,</term> keine Theorie über das <term type="Begriffe1" key="275">Leben</term> in Zeit und Ewigkeit, keine <term type="Begriffe" key="309">Metaphysik</term> oder dergleichen, sondern schlicht die Anzeige, daß Gott die <term type="Begriffe" key="525">Welt</term> gesegnet hat: diese arme <term type="Begriffe1" key="525">Welt,</term> in der wir leben, mit all ihren Schwierigkeiten, mit all ihrem Elend, mit diesem ganzen Ozean von <term type="Begriffe" key="486">Tod.</term> Aber in dieser <term type="Begriffe1" key="525">Welt</term> wagen wir zu leben im Wissen, daß <term type="Begriffe2" key="181,20">Gott</term> uns liebt, aber nicht bloß uns <term type="Begriffe" key="68">Christen,</term> die, welche glauben, daß <term type="Begriffe1" key="181,20">Gott</term> die ganze <term type="Begriffe" key="525">Welt</term> liebt [vgl. <term type="Bibelstellen" key="Joh. 3,16"><ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.16">Joh. 3,16</ref></term>]. Ein jeder, selbst der Elendeste, selbst der Böseste, ist geliebt von <term type="Begriffe" key="181,20">Gott.</term> Das ist der Vorzug, als <term type="Begriffe1" key="68,4">Christ</term> beauftragt und befähigt zu sein, das zu verkünden.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Als wir Ihre Studenten in <term type="Begriffe" key="39"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term> waren, haben Sie uns nach dem geistlichen Abenteuer von <term type="Begriffe" key="35"><placeName ref="kbga-places-162">Barmen</placeName></term>, wofür Sie und einige andere auch mit einem sehr menschlichen Abenteuer zu zahlen hatten, gesagt, daß es eben nicht genügt, die <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> zu kennen und eine theologische Bildung zu haben, sondern daß es auch nötig ist zu verstehen, z. B. die <term type="Begriffe" key="542">Zeitung</term> zu lesen. Ich entsinne mich, daß Sie zum großen Erstaunen einer großen Zahl von uns 1938 die Entscheidung trafen, einmal im Monat die theologische Abenddiskussion, die wir mit Ihnen jede Woche hatten, aufzugeben - jene Abendveranstaltung, wo wir alle die Fragen vorbrachten, auf die Sie dann antworteten -, um sie durch eine Art Veranstaltung zur Lektüre der Tagesfragen zu ersetzen.<note xml:id="n11">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Lebenslauf, S. 299</bibl>.</note> Setzen Sie das fort mit Ihren Studenten?</p>
                </sp> 
                <sp><speaker><pb ed="pga" xml:id="p339" rend="noPipe"/><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Oh, das [findet heute] nicht in der von Ihnen erwähnten Weise [statt]. Aber [der Sache nach] ist das einfach notwendig. Ein junger <term type="Begriffe" key="305">Mensch</term> kann nicht einfach <term type="Begriffe1" key="481">Theologie</term> studieren und dabei in die Wolken blicken. Sondern man muß in das Leben blicken, wie es ist. Eben, z. B. in die <term type="Begriffe" key="542,1">Zeitung</term>! Und also: hier die <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term>, hier die Zeitung - das geht notwendig miteinander her. Nicht die Zeitung ohne die Bibel lesen, aber auch nicht die Bibel ohne die <term type="Begriffe" key="542,1">Zeitung</term> lesen. Das Kino [gehört] vielleicht auch [dazu], die ganze Wirklichkeit, wie sie ist!</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Das ist sehr wichtig, weil ich meine, daß das für eine Menge von uns eine Präzisierung war, eine Beleuchtung, an der es uns fehlt. - Ich möchte Ihnen noch eine andere Frage stellen - wohl leider bald die letzte. Alles in allem war die Theologische <orgName ref="kbga-actors-5873">Erklärung von Barmen</orgName> <term type="Begriffe" key="35">1934</term> eine dem Anschein nach negative Erklärung. Ich meine, in Wirklichkeit war sie sehr positiv. Und ich denke an andere seitherige Erklärungen, die zweifellos weniger berühmt sind, die vielleicht nicht dieselbe Resonanz haben - man kann es noch nicht abschätzen. Aber z. B. die Erklärung des Zentralkomitees des <orgName ref="kbga-actors-6077">Ökumenischen Rats</orgName> von <term type="Begriffe" key="716"><placeName ref="kbga-places-1548">Rochester</placeName></term> in diesem Sommer<note xml:id="n12">Vom 26.8. bis 2.9.1963 tagte in <term type="Begriffe" key="716"><placeName ref="kbga-places-1548">Rochester</placeName></term>/N.Y., <term type="Begriffe" key="8">USA</term>, der Zentralausschuß des <orgName ref="kbga-actors-6077">Ökumenischen Rates</orgName> der <term type="Begriffe" key="604">Kirchen</term>. Die von <persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName> angesprochene Erklärung trägt den Titel <bibl corresp="kbga-bibls-6055"><hi rend="italic">Der Vertrag zum Kernwaffenversuchsverbot und die nächsten Schritte</hi>, deutsch in: Zeichen der Zeit, Jg.17 (1963), S. 423f</bibl>.</note>, die sehr stark dem Vertrag von <placeName ref="kbga-places-42">Moskau</placeName><note xml:id="n13">Am 25.7.1963 einigten sich die Vereinigten Staaten, die <term type="Begriffe" key="442">Sowjetunion</term> und Großbritannien in <term type="Begriffe" key="673"><placeName ref="kbga-places-42">Moskau</placeName></term> über die Einstellung von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser (mit Ausnahme unterirdischer Tests); die drei Außenminister unterzeichneten den Vertrag am <date when="1963-08-05">5.8.1963</date>.</note> zustimmte, der Übereinkunft über den Stop der <term type="Begriffe" key="414,1">Atomwaffenversuche</term>. Damals im Jahre 1934 hat man vor allem Nein gesagt, im Jahre 1963 in einer anderen Gelegenheit sehr standhaft Ja. Und ich denke, es ist wichtig, daß Sie uns sagen, wie man Ja sagen kann, weil man recht oft <term type="Begriffe" key="68">Christen</term> den Vorwurf macht, und zweifellos mit vollem Recht, daß sie nur Neinsager gegenüber dieser <term type="Begriffe" key="525">Welt</term> sind.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Ja, was uns <term type="Begriffe" key="68">Christen</term> angeht, nicht wahr, sind wir nicht bloß Neinsager. Man könnte auch sagen: Was uns <term type="Begriffe" key="68">Christen</term> angeht, da sind wir nur Jasager. Es gibt ein Ja <term type="Begriffe" key="181,19">Gottes,</term> das ein Nein in sich schließt, und also muß dieses nicht ausdrücklich gesagt werden. Andererseits gibt es zweifellos ein Nein <term type="Begriffe" key="181,19">Gottes,</term> was die Bibel das Gericht <term type="Begriffe1" key="181,12">Gottes</term> <pb ed="pga" xml:id="p340"/> nennt. Aber es ist das Gericht seiner <term type="Begriffe" key="177">Gnade,</term> und also ist in diesem Nein ein Ja eingeschlossen. Und das große Problem für die <term type="Begriffe" key="378">Predigt,</term> auch für die Unterweisung der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> ist, [daß es darum geht,] immer strikt so wie die <term type="Begriffe" key="620">Bibel</term> zu sprechen: dieses Ja anzuzeigen, das das Nein einschließt, und dieses Nein, das das Ja einschließt.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Und jetzt der Vertrag von <term type="Begriffe" key="673"><placeName ref="kbga-places-42">Moskau</placeName></term>?</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Der Vertrag von <placeName ref="kbga-places-42">Moskau</placeName>? Hoffen <term type="Begriffe" key="200">wir</term>! Ich glaube, daß die Leute in dieser ihrer Geste Vernunft bewiesen haben. Ich sage auch Ja zu dieser Geschichte. Offensichtlich geht es da um relative Jaworte und Neinworte. Man kann sie nicht im Namen Gottes sprechen, selbst in <term type="Begriffe" key="716"><placeName ref="kbga-places-1548">Rochester</placeName></term>. Es gab [dort zwar] berühmte Christen. Haben sie nicht in Gottes Namen geredet, so haben sie [doch] in ihrem eigenen Namen gesprochen. Aber es ist respektabel, daß sie zu all den Christen, die solche Angst haben, zu sagen gewagt haben: «Hier ist eine Sache, die ein Hoffnungszeichen ist!»</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker> <persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Anders gesagt, hoffen und warten auf diesen Akt <term type="Begriffe" key="181,1">Gottes</term>, der alles vollenden wird, wovon wir zu Beginn gesprochen haben, das heißt auch, in der Geschichte dieser <term type="Begriffe" key="525">Welt,</term> außerhalb dessen, was wir <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> nennen, die Zeichen der Hoffnung zu erkennen, die positiven Ereignisse, ohne zu zögern, daran teilzunehmen, sie zu unterstützen, sie vorzubereiten.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
                <p>Sicher, was Sie sagen wollen, ist identisch mit jenem praktischen, realistischen Leben des <term type="Begriffe" key="275,2">Christen</term> in der <term type="Begriffe1" key="525">Welt.</term> Er befindet sich gewiß in Gefahren und auch gewissen Hoffnungen gegenüber, und es ist an ihm, sich da zu Wort zu melden. Recht verstanden, bemüht er sich darum, nicht den Propheten zu spielen. Ich denke nicht, daß die Leute von <placeName ref="kbga-places-1548">Rochester</placeName> als <term type="Begriffe" key="384">Propheten</term> geredet haben. Aber richtig ist, daß es immer notwendig sein wird, derlei Dinge zu sagen.</p>
                </sp>
                <sp>
                <speaker><persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName>:</speaker> 
                <p>Ich danke Ihnen vielmals, weil ich meine, daß Sie uns helfen, eben solche Art von Erklärung ganz ernst zu nehmen - nicht nur diese Art von Erklärung, sondern - in einer mehr allgemeinen Weise - das Ganze unserer christlichen <term type="Begriffe" key="507">Verantwortung</term> angesichts der <term type="Begriffe1" key="525">Welt,</term> in der wir sind, mit all den <term type="Begriffe" key="305">Menschen,</term> auf dem Weg zum kommenden <term type="Begriffe" key="399,3">Reich</term>. Und ich möchte Ihnen vielmals danken für die Gespräche, die wir nun hatten. Ich denke, sehen Sie, daß das nicht ganz zufällig ist, wenn am vergangenen 7. November die Faculté des Lettres der <orgName ref="kbga-actors-10783">Sorbonne</orgName> Ihnen den <term type="Begriffe" key="36,5">Titel</term> eines Ehrendoktors der <term type="Begriffe" key="639">Pariser</term> <pb ed="pga" xml:id="p341"/> Universität  zuerkannt hat.<note xml:id="n14">Vgl. die Einleitung zu diesem Gespräch und: <bibl corresp="kbga-bibls-134">Lebenslauf, S. 485</bibl>. <persName ref="kbga-actors-519">Casalis</persName> spricht im Blick auf die spätere Ausstrahlung der Sendung rückblickend, aber der Ehrendoktor wurde am selben Tag überreicht, an dem auch das Interview aufgenommen wurde.</note> Das ist in der Geschichte das erste Mal, daß ein solcher Titel einem <term type="Begriffe" key="36,5">Theologen</term> zuerkannt wurde, und zwar nun einem protestantischen Theologen. Ich war sehr überrascht, in der Laudatio, die bei dieser Gelegenheit auf Sie gehalten wurde<note xml:id="n15">Die Laudatio des Dekans <persName ref="kbga-actors-10758">André Aymard</persName> fußte auf Bemerkungen zu Werk und Bedeutung <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barths</persName>, die <persName ref="kbga-actors-10759">Paul Ricoeur</persName> zur Verfügung gestellt hatte.</note>, und auch dann in dem außerordentlichen Beifall, der von den anwesenden Studenten kam, die die Verleihung Ihres Doktorgrades begrüßten, festzustellen: Was alle überraschte, war [die öffentliche Anerkennung im Blick auf] die ungewöhnliche Einheit des <term type="Begriffe" key="78">Denkens</term> und Lebens in der Person dieses einen <term type="Begriffe" key="305">Menschen,</term> die Einheit des <term type="Begriffe1" key="78">Denkens</term> und Lebens, die Sie uns in Ihrer <term type="Begriffe" key="122">Existenz</term> gezeigt haben und die Sie uns nun erläutert haben in den drei Gesprächen, für die wir Ihnen nochmals sehr danken.</p> 
                </sp>
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