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        <title type="volume" n="vol-41">Gespräche 1963</title>
        <title type="content">Interview von Johannes Kuhn </title>
        <title type="citation_line_1">Interview von Johannes Kuhn , in: Gespräche 1963, 22. Dezember 1963</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/41026 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Gespräche 1963, hrsg. v. Busch, Eberhard (Gesamtausgabe, Abt. IV), Zürich 2005, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Gespräche 1963</title>
          <title type="text">Interview von Johannes Kuhn </title>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2005</date>
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            <head type="sub">24</head>
<head>INTERVIEW VON JOHANNES KUHN</head> 
<div type="abstract">
<p><hi rend="italic">Am <date when="1963-12-22">22.12.1963</date> führte <persName ref="kbga-actors-10760">Johannes Kuhn</persName>, Evangelischer Landespfarrer für Rundfunk und Fernsehen in <placeName ref="kbga-places-358">Württemberg</placeName>, ein Gespräch mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in dessen <term type="Begriffe" key="39">Basler</term> Wohnung über die Bedeutung der Barmer «Theologischen Erklärung» vom <date when="1934-05-31">31.5.1934</date>. Dieses Gespräch wurde dann am 30. Jahrestag der Barmer Erklärung, am 31.5.1964, im <orgName ref="kbga-actors-8797">Süddeutschen Rundfunk</orgName> gesendet - und zwar in der Sendereihe <term type="Begriffe" key="70">«Christentum</term></hi> <hi rend="italic">und Gegenwart», unter dem Titel: «Wende oder Episode? Ein Gespräch mit Professor Karl Barth zum 30. Jahrestag der Barmer Erklärung». Das Gespräch ist schon abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-3285"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, Texte zur Barmer Theologischen Erklärung, hrsg. von M. Rohkrämer, Zürich 2004, S. 213-218</bibl>.</hi></p> <!-- leerzeile -->
</div>
<div>
<head>Interview von Johannes Kuhn</head>
<sp>
<speaker> <persName ref="kbga-actors-10760">Kuhn</persName>:</speaker> 
<p>Zweimal in einer Generation, meine Hörer, hat sich die evangelische <term type="Begriffe" key="69">Christenheit</term> in <term type="Begriffe1" key="80"><placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName></term> gegenüber staatlichen Eingriffen in das kirchliche <term type="Begriffe" key="275,5">Leben</term> abgrenzen müssen. Wie vor einem Jahr die <term type="Begriffe" key="244,25">Kirchen</term> der <term type="Begriffe" key="80,2"><orgName ref="kbga-actors-8773">DDR</orgName></term> in den «Zehn Artikeln über <term type="Begriffe1" key="132">Freiheit</term> und <term type="Begriffe2" key="86">Dienst</term> der Kirche»<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-6057"><hi rend="italic">Zehn Artikel über Freiheit und Dienst der Kirche</hi>, beschlossen von der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der <orgName ref="kbga-actors-8773">DDR</orgName> (1963); abgedruckt in: JK, Jg.24 (1963), S. 329-334</bibl>. Vgl. dazu: <bibl corresp="kbga-bibls-6058"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Theologisches Gutachten zu den Zehn Artikeln über Freiheit und Dienst in der Kirche</hi>, in: EvTh, Jg.23 (1963), S. 505-510</bibl>.</note> ihren Gemeindegliedern eine an <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> und <term type="Begriffe1" key="44">Bekenntnis</term> gebundene Wegweisung gaben, so hat schon vor 30 Jahren, im Mai 1934, die <orgName ref="kbga-actors-7774">Bekennende <term type="Begriffe" key="43">Kirche</term></orgName> in der «Theologischen Erklärung» von <term type="Begriffe" key="35">Barmen</term><note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-4932"><hi rend="italic">Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche</hi> vom 31.5.1934; zeitgenössischer Abdruck u. a. in: <hi rend="italic">Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche. Barmen 1934. Vorträge und Entschließungen</hi>, hrsg. von K. Immer, Wuppertal-Barmen 1934, S. 8-11</bibl>; wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-5580"><hi rend="italic">Die Barmer Theologische <term type="Begriffe" key="35">Erklärung.</term></hi> <hi rend="italic">Einführung und Dokumentation</hi>, hrsg. von A. Burgsmüller / R. Weth, Neukirchen 1984, S. 30-40</bibl>.</note> allen Versuchen des <term type="Begriffe1" key="455">Staates,</term> die <term type="Begriffe2" key="244">Kirche</term> gleichzuschalten, widerstanden. Die Erklärung war für die ganze evangelische <term type="Begriffe" key="69">Christenheit</term> damals so etwas wie eine Wegbestimmung. Ob «Barmen» eine Wendemarke für die jüngste <term type="Begriffe" key="605">Kirchengeschichte</term> bedeutet hat? <pb ed="pga" xml:id="p346"/>Nun, wir haben einen der Initiatoren der Theologischen Erklärung, den <term type="Begriffe" key="428">Schweizer</term> Professor <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>, heute Senior der evangelisch-theologischen <term type="Begriffe" key="534">Wissenschaft</term>, gefragt.</p>
</sp>
<sp>
<speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
<p>Das kann ich eigentlich nicht sagen, daß ich <term type="Begriffe" key="35">«Barmen</term>» für das wichtigste kirchengeschichtliche Ereignis der Neuzeit halten könnte. Und zwar aus drei Gründen.</p>
<p>Sie [die Theologische Erklärung] könnte dieses Ereignis gewesen sein, wenn sie zunächst einmal damals wirklich zu einer <hi rend="italic">Einigung</hi> der in der Deutschen Evangelischen <term type="Begriffe" key="244,23">Kirche</term> vereinigten <term type="Begriffe" key="45">Bekenntniskirchen</term> geführt hätte - ich will nicht das Wort «Union» brauchen, aber «Einigung»! -, so daß das konfessionelle Wesen durch diese Barmer Erklärung ernstlich relativiert worden wäre. Anstelle dessen haben wir - schon während des <term type="Begriffe" key="527,2">Krieges</term> und nachher erst recht - ein neues Erwachen der konfessionellen Gegensätze gehabt.<note xml:id="n03">Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-6059"><persName ref="kbga-actors-1795">W. Niemöller</persName>, <hi rend="italic">Kampf und Zeugnis der Bekennenden Kirche</hi>, Bielefeld 1948, S. 325-338, bes. S. 325</bibl>: «Ohne jeden Zweifel hat die Kampfkraft der Bekennenden <term type="Begriffe" key="43">Kirch</term>e dadurch schwere Einbuße erlitten, daß die <term type="Begriffe" key="259">Konfessionalisten</term> aller Schattierungen ihr mißtrauten und sich von ihr distanzierten.»</note> Insbesondere ist ja das <term type="Begriffe" key="291">Luthertum</term> wieder sehr stark auf seine <term type="Begriffe1" key="44">Bekenntnisse</term> des 16. Jahrhunderts zurückgegangen. «Barmen» hat also in dieser Hinsicht nicht geleistet, was es vielleicht hätte leisten können und was es dann zu einem wirklich bedeutenden Ereignis in der <term type="Begriffe" key="605">Kirchengeschichte</term> gemacht hätte.</p>
<p> Zweiter Punkt: Wenn insbesondere die erste These von <term type="Begriffe" key="35">Barmen</term> - «Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> bezeugt wird, ist das eine Wort <term type="Begriffe" key="537,5">Gottes,</term> das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> als Quelle ihrer <term type="Begriffe1" key="513">Verkündigung</term> außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes <term type="Begriffe" key="341">Offenbarung</term> anerkennen»<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-4932"><hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="35">Bekenntnissynode</term></hi>, a.a.O., S. 9</bibl>; bei <bibl corresp="kbga-bibls-5563">Burgsmüller/Weth, <hi rend="italic">Die Barmer Theologische <term type="Begriffe" key="35">Erklärung</term>,</hi> a.a.O., S. 34</bibl>.</note> -, jetzt sage ich: wenn diese erste These den Theologen und den Kirchenmännern und der <term type="Begriffe" key="69">Christenheit</term> in <term type="Begriffe1" key="80"><placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName></term> in Fleisch und Blut übergegangen wäre, dann hätte <term type="Begriffe" key="35">«Barmen</term>» eine kirchengeschichtliche und theologiegeschichtliche, aber auch praktisch-christliche Wendung bedeuten können, weit hinaus über das, was es <pb ed="pga" xml:id="p347"/>damals im Streit gegen die <orgName ref="kbga-actors-10458">Deutschen <term type="Begriffe" key="79">Christen</term></orgName> bedeutete.<note xml:id="n05">Vgl. die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> verfaßte <hi rend="italic">Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen <term type="Begriffe" key="44,7">Bekenntnisse</term></hi> <hi rend="italic">in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart</hi> anläßlich der Freien Reformierten <term type="Begriffe" key="471">Synode</term> am 3./4.1.1934 in Barmen: «Angesichts der kirchlichen <term type="Begriffe" key="43">Ereignisse</term> des Jahres 1933 gebietet uns das Wort <term type="Begriffe" key="537">Gottes</term>, Buße zu tun und umzukehren. Denn in diesen Ereignissen ist ein die evangelische <term type="Begriffe" key="244,23">Kirche</term> seit Jahrhunderten verwüstender Irrtum reif und sichtbar geworden.» Siehe <bibl corresp="kbga-bibls-4671"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Gottes Wille und unsere Wünsche</hi> (ThExh 7), München 1934, S. 9</bibl>. Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/1, S. 194-200</bibl>.</note> Es hätte nämlich bedeutet: eine radikale Konzentration der ganzen <term type="Begriffe" key="513">Verkündigung</term> - wie es in diesem Satz nun heißt - auf Jesus <term type="Begriffe1" key="227,9">Christus</term> allein. Das hätte einen Rückgriff bedeutet, ja also über das 19. und 18. Jahrhundert, aber auch über das Jahrhundert der <term type="Begriffe" key="351,1">Orthodoxie</term> zurück auf die ursprünglichsten Intentionen <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> und <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> und vielleicht sogar noch darüber hinaus, eine <hi rend="italic">Sammlung</hi> unerhörter Art. Diese Sammlung ist nicht eingetreten. Dieser erste Satz ist zwar oft genug feierlich <term type="Begriffe" key="513">verkündigt</term> worden. Aber weder die <term type="Begriffe" key="80">deutsche</term> <term type="Begriffe1" key="481">Theologie,</term> noch die deutsche <term type="Begriffe" key="244,25">Kirche,</term> noch - soweit ich das sagen und sehen kann - die deutsche <term type="Begriffe" key="79">Christenheit</term> hat in dieser Konzentration, wie sie da angedeutet war, leben können und wollen.</p>
<p> Der dritte Punkt: Sehen Sie, «Barmen» <term type="Begriffe" key="35">war</term> ja damals faktisch und praktisch nicht nur eine kirchliche Angelegenheit, sondern auch - mitten in dem aufsteigenden <term type="Begriffe" key="326">Nationalsozialismus</term> - ein <hi rend="italic">Politikum</hi>.<note xml:id="n06"><persName ref="kbga-actors-12">H. Asmussen</persName> erklärte freilich auf der Barmer <term type="Begriffe" key="35">Synode</term>: Wir «protestieren […] nicht als Staatsbürger gegen den neuen Staat […], sondern wir erheben Protest gegen dieselbe Erscheinung, die seit mehr als 200 Jahren die Verwüstung der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> schon langsam vorbereitet hat» (<bibl corresp="kbga-bibls-4932"><hi rend="italic">Bekenntnissynode</hi></bibl>; bei<bibl corresp="kbga-bibls-5563"> Burgsmüller/Weth, <hi rend="italic">Die Barmer Theologische <term type="Begriffe" key="35">Erklärung</term>,</hi> a.a.O., S. 48</bibl>). <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> erklärte 1938 in seinem Vortrag <bibl corresp="kbga-bibls-5850"><hi rend="italic">Die Kirche und die politische Frage von heute</hi> (in: <hi rend="italic">Eine Schweizer Stimme 1938-1945</hi>, Zollikon-Zürich 1945, S. 69-107)</bibl> dazu: Es sei in der Zeit von «Barmen» nötig gewesen, die Kirche «zunächst […] zur Wahrung ihrer eigenen Substanz» anzuhalten (S. 81), in der Meinung, daß die politische Frage damals «bestimmt nicht ‹nur› eine politische Frage» war, sondern «uns vor die Gottesfrage» stellte (S. 84). Doch müsse - wie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinem <bibl corresp="kbga-bibls-6060"><hi rend="italic">Vorwort zu einem in England gehaltenen Vortrag über den deutschen Kirchenkampf</hi> (a.a.O., S. 60-62)</bibl> in der gleichen Zeit erklärte - «im totalitären <term type="Begriffe" key="455,13">Staat</term> jede echte Auslegung des ersten <term type="Begriffe" key="146,2">Gebots</term>, jede Geltendmachung der <term type="Begriffe" key="132,4">Freiheit</term> und Souveränität des <term type="Begriffe" key="119">Evangeliums</term>, jede Betätigung eines wirklichen Eigenlebens der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> notwendig den Charakter ‹politischer Auflehnung› bekommen» (S. 61).</note> <pb ed="pga" xml:id="p348"/>Denken Sie daran, wie in den Jahren [19]33 und [19]34 in <term type="Begriffe" key="80"><placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName></term> alles umgefallen ist: die <term type="Begriffe" key="229">Presse</term> und das Theater und die <term type="Begriffe1" key="236">Jurisprudenz</term> und die Armee! Welcher Bereich im deutschen Leben ist damals nicht gleichgeschaltet worden? Die Barmer <term type="Begriffe" key="35">Erklärung</term> stand da und enthielt nun, ohne daß gegen <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> usf. protestiert wurde, faktisch einen Protest, in dem angemeldet wurde: Die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> kennt als Gottes <term type="Begriffe" key="341">Offenbarung</term> keine «anderen Ereignisse, Mächte, Gestalten und Wahrheiten»<note xml:id="n07">Vgl. bei <ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4.</ref></note> neben Jesus <term type="Begriffe" key="227,9">Christus.</term> Jedenfalls ist es also von da aus [aber] nun nicht etwa zu einem ernsten, auch nur inneren <term type="Begriffe" key="528,3">Widerstand</term> des deutschen Christenvolkes und Theologenvolkes gegen das herrschende System gekommen. Wenn das geschehen wäre, wenn man also vielleicht - aber das ist wohl fast zu kühn - eine Linie ziehen dürfte von «Barmen» zum <date when="1944-07-20">20. Juli</date><note xml:id="n08">Putschversuch gegen das NS-Regime am 20.7.1944, der wegen des mißglückten Attentats auf <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> scheiterte.</note>, so könnte man sagen: ja, ein merkwürdiges Ereignis, daß ein <term type="Begriffe" key="44,4">Glaubensbekenntnis</term> (wir wollen es jetzt einmal so erklären<note xml:id="n09">Zur Bezeichnung der «Erklärung» als <term type="Begriffe" key="44,4">«Glaubensbekenntnis</term>» vgl. <ref type="pub" target="#fn_n11">Anm 11</ref>.</note>) zugleich eben ein Politikum ist! Aber es wollte niemand dazu stehen. Man hat sich dessen geschämt. Man hat sich wohl gehütet, es so auslegen zu lassen. Man hat wohl gemunkelt: «Ja, der Mann da aus der <term type="Begriffe" key="428"><placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>,</term> dieser <term type="Begriffe" key="36,13">Demokrat</term>, könnte es vielleicht so gemeint haben, aber <hi rend="italic">wir nicht!»</hi><note xml:id="n10">Zu diesen Vorwürfen vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-106">H. Prolingheuer, <hi rend="italic">Der Fall Karl Barth 1934-1935. Chronographie einer Vertreibung</hi>, Neukirchen 1984, S. 39.298.354</bibl>.</note> Und dann hat also «Barmen» diese dritte Bedeutung auch nicht bekommen.</p>
<p> Also, ich wiederhole: weder hat «Barmen» die <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> geeinigt, noch hat «Barmen» diese Wende sichtbar gemacht, diese radikale Wendung und Konzentration, noch ist «Barmen» dann als Politikum wichtig geworden. Das spricht nicht gegen alles Gute, was von «Barmen» zu sagen ist und zu dem ich mich nach wie vor bekennen würde, aber es spricht dagegen, daß man <term type="Begriffe" key="35">«Barmen</term>» als wichtigstes kirchengeschichtliches Ereignis ausgeben dürfte. Es gibt genau genommen kein Barmer <term type="Begriffe" key="35">Bekenntnis,</term> und besonders die <term type="Begriffe1" key="291">Lutheraner</term> würden es gar nicht gern hören, wenn man von einem <term type="Begriffe" key="44">Bekenntnis</term> sprechen würde. Sie haben schon damals sich dringend dagegen verwahrt: es solle hier <pb ed="pga" xml:id="p349"/>kein neues <term type="Begriffe" key="44">Bekenntnis</term> aufgestellt werden<note xml:id="n11">Nach <bibl corresp="kbga-bibls-3284"><persName ref="kbga-actors-19">Chr. Barth</persName>, <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="44">Bekenntnis</term></hi> <hi rend="italic">im Werden. Neue Quellen zur Entstehung der Barmer <term type="Begriffe" key="35">Erklärung</term></hi>, Neukirchen-Vluyn 1979, S. 22</bibl>, widersprach schon bei der Vorbereitung der Erklärung in <placeName ref="kbga-places-20">Frankfurt</placeName> (15./16.5.1934) der Lutheraner <persName ref="kbga-actors-1494">Th. Breit</persName> einer Bezeichnung des Dokuments als <term type="Begriffe" key="44">«Bekenntnis</term>». Doch nannte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> selber die «Erklärung» in einem Brief am <date when="1934-05-20">20.5.1934</date> an <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName> ein «kleines <term type="Begriffe" key="44">Bekenntnis</term>» (<bibl corresp="kbga-bibls-6">Bw.Th. III, <ref type="pub" target="../volume/34/p643#p643">S. 643</ref></bibl>).</note>; sondern der Sinn der Sache sollte eine «Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage in der Deutschen Evangelischen <term type="Begriffe" key="35">Kirche</term>»<note xml:id="n12">So der volle Titel der «Erklärung», vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4932"><hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="35">Bekenntnissynode</term></hi>, a.a.O., S. 8</bibl> (dort ohne «in»).</note> sein - eine theologische Erklärung, deren Sinn sein sollte, die <term type="Begriffe" key="44">Bekenntnisse</term> des 16. Jahrhunderts, also entscheidend die <bibl corresp="kbga-bibls-1785">Katechismen</bibl> <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> und den <bibl corresp="kbga-bibls-439">Heidelberger <term type="Begriffe" key="239,2">Katechismus,</term></bibl> zu kommentieren im Blick auf die besondere Frage: Was einigt uns und was fordert uns zum <term type="Begriffe" key="528,3">Widerstand</term> auf im Blick auf diese <orgName ref="kbga-actors-10458">Deutschen <term type="Begriffe" key="79">Christen.</term></orgName><note xml:id="n13">Die «Erklärung» beginnt mit der Berufung auf Art. 1 der Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche vom 13.7.1933: «Die unantastbare Grundlage der Deutschen Evangelischen Kirche ist das <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> von Jesus Christus, wie es uns in der Heiligen <term type="Begriffe" key="424">Schrift</term> bezeugt und in den <term type="Begriffe" key="44,7">Bekenntnissen</term> der <term type="Begriffe" key="397,1">Reformation</term> neu ans Licht getreten ist.» Und es heißt dann weiter: «Gerade weil wir unseren verschiedenen <term type="Begriffe" key="44">Bekenntnissen</term> treu sein und bleiben wollen, dürfen wir nicht schweigen, da wir glauben, daß uns in einer Zeit gemeinsamer Not und <term type="Begriffe" key="11">Anfechtung </term> ein gemeinsames Wort in den Mund gelegt ist.» <bibl corresp="kbga-bibls-4932"><hi rend="italic">Bekenntnissynode</hi>, a.a.O., S. 8f</bibl>.; bei <bibl corresp="kbga-bibls-5563">Burgsmüller/Weth, <hi rend="italic">Die Barmer Theologische <term type="Begriffe" key="35">Erklärung</term></hi>, a.a.O., S. 30-33.</bibl></note> Also, genau genommen ist dieses Barmer Schriftstück ein Kommentar zu dem, was als <term type="Begriffe" key="44">«Bekenntnisse</term>» (im strengen Sinn) in der evangelischen <term type="Begriffe" key="244,23">Kirche</term> damals vorhanden war.</p>
<p> Es wurde zur Vorbereitung dieser Barmer Erklärung ein kleiner Ausschuß [ein]gesetzt, der dann in <term type="Begriffe" key="658"><placeName ref="kbga-places-20">Frankfurt</placeName></term> zusammengetreten ist - Kirchenrat <persName ref="kbga-actors-1494">Thomas Breit</persName>, Pfarrer <persName ref="kbga-actors-12">Hans Asmussen</persName> und ich selber -, und wir sind einen Tag zusammengesessen und haben daran gearbeitet.<note xml:id="n14">Der Ausschuß tagte an <hi rend="italic">zwei</hi> Tagen: 15./16.Mai 1934. Näheres in der in <ref type="pub" target="#fn_n11">Anm. 11</ref> angegebenen Schrift von <bibl corresp="kbga-bibls-3284"><persName ref="kbga-actors-19">Chr. Barth</persName>, <hi rend="italic">Bekenntnis im Werden</hi>, S. 19</bibl>, und bei <bibl corresp="kbga-bibls-3283">C. Nicolaisen, <hi rend="italic">Der Weg nach Barmen. Die Entstehungsgeschichte der Theologischen Erklärung von 1934</hi>, Neukirchen-Vluyn 1985, S. 28</bibl>.</note> Es hat sich dann aus gewissen Umständen ergeben, daß der Text im großen und ganzen von mir verfaßt wurde und die anderen ihm dann zugestimmt haben; aber das ist wohl nicht wichtig. Von der Beteiligung der drei Personen, die dort waren, ist in Barmen nicht <pb ed="pga" xml:id="p350"/>mehr die Rede gewesen, sondern es hat ja dann Asmussen
     den erklärenden Vortrag gehalten<note xml:id="n15"><bibl corresp="kbga-bibls-4932"><hi rend="italic">Bekenntnissynode</hi>, a.a.O., S. 11-24</bibl>; bei <bibl corresp="kbga-bibls-5580">Burgsmüller/ Weth, <hi rend="italic">Barmer Theologische <term type="Begriffe" key="35">Erklärung</term></hi>, a.a.O., S. 41-58</bibl>.</note>, und in der Schlußerklärung hieß es: Die <term type="Begriffe" key="471">«Synode</term> erkennt die Theologische Erklärung […] im Zusammenhang mit dem Vortrag von Pastor Asmussen als christliches, biblisch-reformatorisches <term type="Begriffe" key="546,2">Zeugnis</term> an».<note xml:id="n16"><bibl corresp="kbga-bibls-4932"><hi rend="italic">Bekenntnissynode</hi>, a.a.O., S. 27</bibl>; bei <bibl corresp="kbga-bibls-5580">Burgsmüller/Weth, <hi rend="italic">Barmer Theologische <term type="Begriffe" key="35">Erklärung</term></hi>, a.a.O., S. 58</bibl>.</note></p>
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<speaker> <persName ref="kbga-actors-10760">Kuhn</persName>:</speaker> 
<p>Gibt es eine Parallele zwischen der Barmer Erklärung und den «Zehn Artikeln» der Kirchenleitung der <term type="Begriffe" key="80,2"><orgName ref="kbga-actors-8773">DDR</orgName></term>?<note xml:id="n17">Vgl. oben <ref type="pub" target="#fn_n01">Anm. 1.</ref></note></p>
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<speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
<p>Ja, also das Gemeinsame ist ja sicher, daß diese beiden Dokumente in einer mehr oder weniger deutlich gesehenen und mehr oder weniger einheitlich verstandenen <hi rend="italic">Notlage</hi> der <term type="Begriffe" key="244">Kirche</term> verfaßt sind. Beide Dokumente wollten eine Sammlung vollziehen, sozusagen auf bestimmte christliche Grundsätze [hin]. Der Unterschied ist vielleicht mehr formaler Art - aber es ist wohl nicht zufällig, daß das Formale eben auch seine Rolle spielt -, sofern «Barmen» ja nun eigentlich - wenn Sie sich den Text ansehen - mehr den Charakter von dogmatischen Definitionen hatte. «Barmen» wollte sozusagen im Stil der alten, <term type="Begriffe" key="244,2">altkirchlichen</term> <term type="Begriffe1" key="266">Konzilien</term> und im Stil des 16. Jahrhunderts sagen: <foreign xml:lang="lat">credimus et confitemur</foreign><note xml:id="n18">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-14"><hi rend="italic">Formula Concordiae</hi> (1579/80), <hi rend="italic">Epitome, Von dem summarischen Begriff</hi>, in: BSLK 767,14f.</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Credimus, confitemur et docemus unicam regulam et normam</foreign>» ferner der Beginn der <bibl corresp="kbga-bibls-17"><hi rend="italic">Confessio helvetica posterior</hi> (1562), in: <hi rend="italic">Die <term type="Begriffe" key="44,7">Bekenntnisschriften</term></hi> <hi rend="italic">der reformierten Kirchen</hi>, hrsg. von E. Fr. K. Müller, Leipzig 1903, S. 170,26</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Credimus et confitemur</foreign>».</note>, während die Zehn Artikel in der <orgName ref="kbga-actors-8773">DDR</orgName> - so, wie ich sie lese und verstehe - den Charakter einer Instruktion haben, die den Pfarrern und den <term type="Begriffe" key="156">Gemeinden</term> gegeben werden soll, wie sie sich vom <term type="Begriffe" key="119">Evangelium</term> her auseinandersetzen sollen. Die Zehn Artikel - das kann ihre Stärke sein, aber vielleicht auch ihre Schwäche - sind sehr stark in der Defensive geschrieben und nicht im Angriff. Ich hätte ihnen ja einen viel <term type="Begriffe" key="134">freudigeren</term> Charakter gewünscht, einen viel positiveren Charakter. Es geht ein gewisser Zug von ängstlicher Abwehr durch diesen Text hindurch, den «Barmen» so nicht hatte. In <placeName ref="kbga-places-162">Barmen</placeName> haben wir <hi rend="italic">getrotzt</hi> und zwar mit einer gewissen <hi rend="italic">Freudigkeit</hi> getrotzt. Und ich würde denken, daß man den <pb ed="pga" xml:id="p351"/>Pfarrern und den <term type="Begriffe" key="156">Gemeinden</term> in der <orgName ref="kbga-actors-8773">DDR</orgName> noch einen besseren <term type="Begriffe1" key="86">Dienst</term> geleistet haben würde, wenn man sie auch zu solchem freudigen und dann aber auch friedlichen Trotzen angeleitet hätte.</p>
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<speaker> <persName ref="kbga-actors-10760">Kuhn</persName>:</speaker> 
<p>Könnte es nicht sein, Herr Professor, daß jetzt innerhalb der <term type="Begriffe" key="343">Ökumene</term> plötzlich an einer ganz anderen Stelle «Barmen» wieder eine Bedeutung gewinnt, die dann von den jungen <term type="Begriffe" key="244,26">Kirchen</term> mit ihren Auseinandersetzungen ihrer Umwelt gegenüber rückwirkt auch auf unsere, die sogenannten Mutterkirchen?</p>
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<speaker><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</speaker> 
<p>Hoffen wir’s, daß sie’s tun! Aber das ist zunächst eine <term type="Begriffe" key="200">Hoffnung.</term> Die Möglichkeit könnte eben sein, daß diese sogenannten jungen <term type="Begriffe" key="244,26">Kirchen</term> ganz ähnliche Wege und Irrwege antreten, wie es die alten <term type="Begriffe" key="244">Kirchen</term> auch getan haben - an <term type="Begriffe1" key="35">«Barmen</term>» vorbei. Es ist mir bis jetzt nicht bekannt, daß in den jungen <term type="Begriffe" key="244,26">Kirchen</term> «Barmen» irgendeine wichtige Rolle gespielt habe. Ich würde dann viel eher sagen: Wie merkwürdig die Rede von Papst <persName ref="kbga-actors-3435">Paul VI.</persName> an der Eröffnung der 2. Session des <term type="Begriffe" key="265"><orgName ref="kbga-actors-10461">Konzils</orgName></term>, wo jedenfalls die christologische Konzentration eine ganz erhebliche Rolle gespielt hat!<note xml:id="n19">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p226#fn_n09">S. 226­, Anm. 9</ref>.</note> Er hat dort ein paar Sätze gesagt, die ganz merkwürdig an Barmen I<note xml:id="n20">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/41/p346#fn_n04">S. 346­ bei Anm. 4.</ref></note> erinnerten. Müssen wir uns vielleicht noch eines Tages vom Papst erzählen lassen, was die Bedeutung von Barmen gewesen sein könnte? <pb ed="pga" xml:id="p352"/> <pb ed="pga" xml:id="p353"/> </p>
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