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        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">Offenbarung 21,1–7 (Neujahr)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Offenbarung 21,1–7 (Neujahr), 1. Januar 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44003 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 10.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44003</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">Offenbarung 21,1–7 (Neujahr)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">10</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: Offb 21,1-7 (Neujahr), 1. Januar 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1987">KBA 1531</ref>. </bibl>
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          <head><idno>549</idno></head>

          <dateline>
            <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi> und <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-418">Madiswil</placeName></hi><note xml:id="n01">Am Sonntag, dem <date when="1921-01-02">2. Januar</date>, predigte
                <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in der Gemeinde seines Bruders
                <persName ref="kbga-actors-27">Peter Barth</persName>. Der Ausflug nach <placeName ref="kbga-places-418">Madiswil</placeName> (Kt. <placeName ref="kbga-places-233">Bern</placeName>) war mit einem Familientreffen verbunden (<bibl corresp="kbga-bibls-931"><ref type="pub" target="../volume/03/p458#p458">Bw.Th. I, S. 458f.</ref></bibl>).</note>, den <date when="1921-01-01">1. Januar 1921</date>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.1 Apk.1.7">Offenbarung 21,1­–7</ref>

              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">[Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn
                  der erste Himmel und die erste Erde verging, und das Meer ist nicht mehr. Und ich,
                  Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel
                  herabfahren, bereitet als eine geschmückte Braut ihrem Mann. Und ich hörte eine
                  große Stimme von dem Stuhl, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den
                  Menschen! und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er
                  selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen
                  von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch
                  Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Stuhl saß,
                  sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht zu mir: Schreibe; denn diese
                  Worte sind wahrhaftig und gewiß! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin
                  das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von dem
                  Brunnen des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird es alles ererben,
                  und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.]</hi>
              </quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <div type="main">
        <div>
          <head>1.</head>
          <p> Wie <hi rend="italic">merkwürdig bedeutungsvoll</hi> ist doch die Tatsache, von der
            wir eben gesungen haben: Wir <hi rend="italic">gehn dahin und wandern</hi> von einem
            Jahr zum andern!<note xml:id="n02"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-47">Strophe 2 des Eingangsliedes</bibl>; s. unten <ref type="pub" target="../volume/44/p010#p010">S. 10</ref>.</note> Wir wollen doch ja
              <hi rend="italic">nicht zu gescheit</hi> und zu vornehm sein, um diese Tatsache ernst
            und wichtig zu nehmen. Es ist ja schnell gesagt, daß der Jahreswechsel etwas <hi rend="italic">rein Äußerliches</hi> sei, daß der Augenblick des Glockenschlages
            zwischen dem <date when="1920-12-31">31. Dezember</date> und dem <date when="1921-01-01">1. Januar</date>
            <hi rend="italic">ein Augenblick</hi> sei wie alle anderen und dergleichen mehr. Diese
              <term type="Begriffe" key="3460,2485">Weisheit</term> ist <hi rend="italic">fast zu
              billig,</hi> als daß sie viel wert sein könnte. Es müßte denn sein, daß sie die
            wertvollste, die höchste, die <hi rend="italic">letzte Weisheit</hi> wäre; aber dann
            wäre sie nicht so billig zu haben, wie sie von denen, die so reden, meistens erworben
            ist. Daß der Jahreswechsel <hi rend="italic">nichts Besonderes</hi> sei, das dürfte der
            sagen, dem jeder Stundenwechsel, jeder Tageswechsel etwas <hi rend="italic">Besonderes</hi> ist. Wenn es uns <hi rend="italic">beständig ernst</hi> und wichtig
            ist, daß wir dahingehen und wandern vom Gestern zum Morgen, von der <term type="Begriffe" key="3230,2355">Vergangenheit</term> in die Zukunft, vom Alten zum
              <term type="Begriffe" key="2280,1980">Neu<pb ed="pga" xml:id="p004" break="no"/>en</term>, dann ist der Jahreswechsel in der Tat <hi rend="italic">nicht mehr
              besonders</hi> ernst und wichtig. Wir denken aber daran, daß wir dieses Dahingehen und
            Wandern vielmehr fast <hi rend="italic">beständig verschlafen</hi> und vergessen<note xml:id="n03">Anspielung auf <bibl type="song" corresp="kbga-songs-169">Lied 52 «Der
                Mond ist aufgegangen» von <persName ref="kbga-actors-947">M. Claudius</persName> (RG
                [1998] 599; EG 482), Str. 2: … Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen
                sollt</bibl>.</note>, und haben Grund genug, uns durch den Jahreswechsel <hi rend="italic">daran erinnern</hi> zu lassen.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div>
          <head>2.</head>
          <p> Ist’s denn wahr, daß wir Menschen wandern, Schritte tun, uns bewegen, vom Alten zum
              <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="2280,1980">Neuen</term>? <hi rend="italic">Gibt es denn</hi> das überhaupt, ein Altes und ein Neues, also eine
                <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term>? <hi rend="italic">Nein,</hi>
              sagt uns die <term type="Begriffe" key="730">Erfahrung</term> und der gesunde
              Menschenverstand. <hi rend="italic">Wir sind die Gleichen</hi> heute wie gestern. <hi rend="italic">Wir sind nicht glücklicher geworden</hi> trotz allen Glückwünschen,
              mit denen wir uns beim mitternächtlichen Glockenschlag oder heute morgen begrüßt
              haben. <hi rend="italic">Wir sind nicht heiterer geworden</hi> trotz aller lauten und
              leisen Sylvesterfreudigkeit [?], von der wir herkommen. <hi rend="italic">Wir sind
                nicht klüger geworden</hi> trotz all der Selbstbesinnung, der wir uns vielleicht auf
              eine Viertelstunde hingegeben haben. <hi rend="italic">Wir sind nicht besser
                geworden</hi> trotz der guten Vorsätze, die wir vielleicht gefaßt haben. Es ist
              offenkundig, daß wir mit den <hi rend="italic">gleichen Kräften,</hi> Tugenden und
              Hoffnungen, aber auch mit den <hi rend="italic">gleichen Schwachheiten,</hi> Fehlern
              und Sorgen unseren Weg werden weitergehen müssen, im neuen wie im alten Jahr. Kann man
              diesen unseren Weg durch die Zeit <hi rend="italic">überhaupt einen Weg</hi> nennen,
              etwa darum, weil wir <hi rend="italic">mit dem Alter</hi> allmählich ruhiger,
              gesetzter, reifer werden, wie man sagt, aber auch müder, gebrochener, enttäuschter?
              Kommt’s nicht im Grunde <hi rend="italic">auf dasselbe heraus?</hi> Und kann man etwa
              den Weg der <hi rend="italic">Menschheit</hi> durch die Jahrhunderte <hi rend="italic">einen Weg</hi> nennen? Bleibt da irgendwo tatsächlich etwas <hi rend="italic">Altes</hi> zurück, und kommt da irgendwo tatsächlich etwas <hi rend="italic">Neues?</hi> Oder besteht nicht aller sogenannter <term type="Begriffe" key="930">Fortschritt</term></hi> im Grunde darin, daß dieselbe Menge eines nicht sehr guten
            Weines fortwährend aus einem Glas in ein anderes geschüttet wird? Ist’s nicht im Grunde
            immer <hi rend="italic">das Gleiche?</hi> Oder gibt es eine <hi rend="italic">Veränderung</hi> der menschlichen Dinge? <hi rend="italic">Nein,</hi> müßten wir
            wahrhaftig antworten. <hi rend="italic">Nur Schein</hi> ist unser Wandern, nur <hi rend="italic">Einbildung</hi> unser Schritte-­Tun, auf ei<pb ed="pga" xml:id="p005" break="no"/>ner <hi rend="italic">Sinnestäuschung</hi> beruht es, wenn wir meinen, daß
            wir uns bewegen, daß es so etwas wie ein Altes und ein Neues gebe.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div>
          <head>3.</head>
          <p> Und nun antworten wir Menschen, in einem merkwürdigen, geheimnisvollen <term type="Begriffe" key="3535,2595">Widerspruch</term>, <hi rend="italic">wahrhaftig mit
              Ja.</hi> Ja, es gibt eine <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term>. Ja, wir
            wandern. <hi rend="sans-serif italic">Wir unterscheiden</hi>, sehr klar und bestimmt
            sogar, zwischen dem, was hinter uns, und dem, was vor uns liegt. Wir <hi rend="italic">sagen: Jetzt!,</hi> wir reden von einer Gegenwart und blicken von da aus nach
            rückwärts und vorwärts, wo es doch gar kein solches Jetzt! gibt, auf das wir uns stellen
            könnten, um zu unterscheiden, sondern immer nur den einen Strom vergangener oder
            zukünftiger <term type="Begriffe" key="242">Augenblicke</term>. <hi rend="italic">Wir
              wenden ein Maß an,</hi> mit dem wir das <term type="Begriffe" key="3230,2355">Vergangene</term> vom Zukünftigen trennen, als ob uns ein solches Maß zur Verfügung
            stünde. <hi rend="italic">Wir ziehen die Zeitgrenzen</hi> zwischen den Stunden, Tagen
            und Jahren, als ob wir im Stande wären, solche Grenzen zu ziehen. <hi rend="italic">Wir
              sagen Ende und Anfang,</hi> wo doch weder vom Ende noch vom Anfang irgend etwas
            wahrzunehmen ist. Und das alles ist nun nicht <hi rend="sans-serif">etwa bloß eine
              Rechnungsgewohnheit</hi> der Uhr und des Kalenders, der sich unser Leben nur
            allmählich <hi rend="italic">angepaßt hätte.</hi> Sondern umgekehrt: unsere
            Rechnungsgewohnheit kommt davon her, daß <hi rend="italic">unser Leben
              merkwürdigerweise</hi> dem widerspricht, daß Alles immer im Gleichen bliebe. Wir leben
            davon, daß wir uns vom <hi rend="italic">Gestern ab-­ und dem Morgen zu</hi>wenden, wir
            leben von dieser <hi rend="italic">Bewegung,</hi> und wenn es uns noch so klar wäre, daß
            es eine solche Bewegung nicht gibt, daß Gestern und Morgen eins sind. Wir sind <hi rend="italic">froh oder auch traurig</hi> darüber, daß das Vergangene vergangen <term type="Begriffe" key="3230,2355">ist</term>, und wir <hi rend="italic">erhoffen oder
              ersorgen</hi> die Zukunft, und wenn uns die <term type="Begriffe" key="730">Erfahrung</term> tausendmal sagte, daß nichts Altes wirklich vergeht und nichts <term type="Begriffe" key="2280,1980">Neues</term> wirklich wird. <hi rend="italic">Wir
              drehen uns</hi> jubelnd oder seufzend, leidend oder kämpfend auf dem merkwürdigen
            Standpunkt der Gegenwart, auf dem man doch gar nicht stehen kann, von der Vergangenheit
            zur Zukunft, dort wie Einer, der eine schwere Last ablegen darf, oder auch wie Einer,
            der von Vielem<note xml:id="n04">Könnte vielleicht auch "vom Sterben" heißen.</note>
            ausgegliedert wird, hier wie Einer, der zum allerersten Mal eine schwere Arbeit
            übernehmen muß, oder auch wie Einer, dem ganz unerwartet ein reiches Geschenk gemacht
            wird. Und in dieser <hi rend="italic">Drehung,</hi> bei der wir eigentlich in der Luft
              <pb ed="pga" xml:id="p006"/> stehen, in diesem <hi rend="italic">Sich-­Abwenden oder
              Sich-­Zuwenden,</hi> das uns immer wieder etwas ganz <hi rend="italic">Neues,</hi>
            etwas höchst Lebendiges ist, in diesem <hi rend="italic">Umschlagen der Seiten</hi>
            unseres Lebenslaufes leben wir. Wir leben <hi rend="italic">in der Veränderung,</hi> wir
            leben davon, daß uns das Alte alt und das Neue neu ist, und darum <hi rend="italic">geben wir beidem ein Datum,</hi> einen Namen: <date when="1920-12-31">Freitag</date> und <date when="1921-01-01">Samstag</date>, 1920 und 1921<note xml:id="n05">Der <date when="1920-12-31">31.12.1920</date> war ein Freitag, der <date when="1921-01-01">1.1.1921</date> ein Samstag.</note>. <hi rend="sans-serif">Gerade
              als ob das nicht Einbildung</hi>, nicht <term type="Begriffe" key="2667,2205">Schein</term> wäre, gerade als ob das die wirkliche <term type="Begriffe" key="3410,2450">Wahrheit</term> wäre: <hi rend="italic">dieses Schreiten, dieser Weg,
              dieses Vorwärts: gegen</hi> die <term type="Begriffe" key="730">Erfahrung</term>, <hi rend="italic">gegen</hi> den gesunden Menschenverstand, <hi rend="italic">gegen</hi>
            die Zeitung, <hi rend="italic">gegen</hi> die <term type="Begriffe" key="3580">Naturwissenschaft</term> und <hi rend="italic">gegen</hi> die Weltgeschichte, die uns
            sagen, daß es keine <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term> gibt, daß im
            wesentlichen Alles im Gleichen bleibt. Gerade als ob wir <hi rend="italic">etwas
              wüßten,</hi> was wir doch durchaus nicht wissen und nicht <term type="Begriffe" key="3575">wissen</term> können. Gerade als ob wir <hi rend="italic">etwas gehört</hi>
            hätten von jener Stimme vom Thron her, von der es in unserem Text heißt, daß sie sprach:
            Das Erste ist vergangen! Und abermals sprach: Siehe, ich mache Alles neu!</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div>
          <head>4.</head>
          <p> Ja, meine Freunde. <hi rend="italic">Wenn wir nun tatsächlich</hi> wüßten, was wir
            nicht <term type="Begriffe" key="3575">wissen</term> können! Wenn wir nun tatsächlich
            jene Stimme vom <term type="Begriffe" key="2947,2252">Thron</term> her hörten! Wenn nun
            tatsächlich gerade der tiefe <term type="Begriffe" key="3535,2595">Widerspruch</term> zu
            allem <term type="Begriffe" key="2667,2205">Augenschein</term>, in dem wir uns offenbar
            befinden, der tiefste, der eigentliche <term type="Begriffe" key="2860">Sinn</term>
            unseres Daseins sein sollte? <hi rend="italic">Täuschen wir uns nicht darüber:</hi> Wir
              <hi rend="italic">dürfen nicht erwarten, daß jenes harte: Nein,</hi> es gibt keine
            Veränderung! jemals aufgehoben werde. Wir werden im Gegenteil immer wieder erfahren, daß
            wir ihm gegenüber <hi rend="italic">machtlos,</hi> mit leeren Händen dastehen. Wir
            werden immer wieder erfahren, daß der Augenschein und was uns der <term type="Begriffe" key="2667,2205">Augenschein</term> sagt, in seiner Weise <hi rend="italic">recht
              hat</hi> und daß wir uns mit unserer Rechnungsgewohnheit und mit unserem ganzen Leben,
            das wir uns ohne <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term> gar nicht denken
            können, im <hi rend="italic">Widerspruch</hi> zum <term type="Begriffe" key="2667,2205">Augenschein</term> befinden. Wir werden immer wieder erfahren, daß wir in einem
            kleinen Kreis herumgehen, <hi rend="italic">nicht vorwärts,</hi> daß der Mensch im Laufe
            seiner Jahre und die Menschheit im Lauf ihrer Jahrhunderte immer <hi rend="italic">im
              Wesentlichen die Gleichen</hi> sind. Wir werden immer wieder erfahren, daß Gestern und
            Morgen, <term type="Begriffe" key="3230,2355">Vergangenheit</term> und Zukunft sich <hi rend="italic">überraschend ähnlich</hi> se<pb ed="pga" xml:id="p007" break="no"/>hen,
            daß das, was wir für alt und vergangen halten, sich <hi rend="italic">überraschend
              vollständig</hi> auch im <term type="Begriffe" key="2280,1980">Neuen</term> und
            Zukünftigen wiederfindet. Wenn es in unserem Text heißt: Ich sah einen neuen Himmel und
            eine neue Erde! Ich sah das neue Jerusalem von Gott aus dem Himmel herabfahren!, so <hi rend="italic">heißt das wahrhaftig nicht:</hi> Ich sah den Menschen <hi rend="italic">auf einer höheren Stufe</hi> seiner Entwicklung, <hi rend="italic">ich sah einen
              besseren,</hi> glücklichen, frommen, gereinigten, geheiligten, erleuchteten Menschen.
            Ich sah die Menschheit <hi rend="italic">besser und gerechter geordnet</hi> leben, als
            sie heute lebt. Ich sah diese dunkle Erde <hi rend="italic">auf dem Wege, ein
              Paradies,</hi> ein Gottesgarten, ein Friedensreich zu werden. Nun, dergleichen
            Entwicklungen und höhere <term type="Begriffe" key="2130,1923">Stufen</term>
            <hi rend="italic">müssen kommen,</hi> sie müssen <hi rend="italic">mit allem Ernst
              erstrebt</hi> werden, und das Streben danach ist das unumgänglich <hi rend="italic">notwendige Zeichen</hi> davon, daß es uns ernst ist mit unserem <term type="Begriffe" key="3535,2595">Widerspruch</term>, mit jenem eigentümlichen Leben in der <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term>, in dem wir alle stehen. Aber auch wenn
              <hi rend="italic">nur das gemeint wäre,</hi> dann müßten wir doch ehrlicherweise
            antworten: Dergleichen haben wir <hi rend="italic">auch schon gesehen,</hi> wenigstens
            in allerlei Anfängen und Anläufen und bemerkenswerten Versuchen. Wir haben aber auch
            gesehen, wie auch ein solches <hi rend="italic">Morgen immer wieder zum Gestern</hi>
            wurde, wie rasch Alles immer <hi rend="italic">wieder ins Gleiche</hi> kam, wie ähnlich,
            wie erschreckend <hi rend="italic">ähnlich alles damalige Neue dem Alten</hi> war. Wenn
            uns die Stimme vom <term type="Begriffe" key="2947,2252">Thron</term> nur das zu sagen
            hätte, daß es ja doch noch einmal, etwa im Herbst, oder im Jahre 1925 oder 2000, <hi rend="italic">anders mit uns kommen könnte,</hi> sollte und werde, dann wäre sie zwar
            gewiß eine sehr schöne, ermutigende und tröstliche Stimme, aber eben doch <hi rend="italic">nicht die Stimme vom Thron,</hi> sondern irgendwie sicher unsere <hi rend="italic">eigene Stimme,</hi> deren Verheißungen der <term type="Begriffe" key="2667,2205">Augenschein</term> immer gleich gewaltig gegenüberstehen wird.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div>
          <head>5.</head>
          <p> Es könnte aber auch sein, daß dieses «Ich sah» <hi rend="italic">ganz anders gemeint
              ist.</hi> Es könnte sein, daß wir uns selbst noch ganz anders <hi rend="italic">verstehen lernen müssen.</hi> Es könnte sein, daß unsere merkwürdige unmögliche
            Rechnungsgewohnheit, unser Unterscheiden und Trennen von Gestern und Morgen, Alt und
              <term type="Begriffe" key="2280,1980">Neu</term>, unser Leben in einer <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term>, die es doch gar nicht gibt, eine <hi rend="italic">Erinnerung</hi> wäre, ein <hi rend="italic">Abbild,</hi> ein <hi rend="italic">Zeugnis</hi> von einem <hi rend="italic">wirklichen</hi> Gestern und
            Morgen, von einem wirklichen Alt und <term type="Begriffe" key="2280,1980">Neu</term>,
            von einer wirklichen <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term>. Es könnte
            sein, daß wir tatsächlich wissen, was wir nicht <term type="Begriffe" key="3575">wissen</term> und nie wissen werden, daß wir tatsächlich die Stimme vom <term type="Begriffe" key="2947,2252">Thron</term> hören. |</p>

          <p>
            <pb ed="pga" xml:id="p008" rend="noPipe"/>
            <hi rend="italic">Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde</hi>. Vielleicht müssen
            wir <hi rend="italic">darum so tief im Widerspruch</hi> stehen zu allem, was uns unter
            diesem Himmel und auf dieser Erde der <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="2667,2205">Augenschein</term> lehrt, damit wir doch ja <hi rend="italic">darauf
                aufmerksam würden:</hi> unser <term type="Begriffe" key="3535,2595">Widerspruch</term> hat einen tieferen Grund und ein höheres Ziel,</hi> als wir
            denken; <hi rend="italic">um einen neuen Augenschein,</hi> um einen neuen Himmel und
            eine neue <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="1580,1220">Erde</term> handelt es
              sich; darum müssen wir uns <hi rend="italic">sozusagen in die Luft stellen,</hi> um
              jene Wendung und Drehung vom Alten zum <term type="Begriffe" key="2280,1980">Neuen</term> zu vollziehen, die wir doch täglich vollziehen, weil wir da
              tatsächlich auf eine <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term> hinblicken,
              die ganz und gar anders ist</hi> als alle <term type="Begriffe" key="3200">Veränderungen</term>, die uns die <term type="Begriffe" key="3230,2355">Vergangenheit</term> gebracht hat und die uns die Zukunft bringen kann. Von dieser
              <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term> Himmels und der Erde, von dieser
              <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term>, die darin besteht, daß das Ganze,
            das uns jetzt immer als das <term type="Begriffe" key="1347,665">Gleiche</term>
            begegnet, <hi rend="italic">neu wird,</hi>
            <hi rend="italic">leben wir</hi> in unserem tiefen <term type="Begriffe" key="3535,2595">Widerspruch</term>. |</p>
          <p><hi rend="italic">Ich sah das neue Jerusalem herabfahren von Gott aus dem Himmel.</hi>
            Vielleicht ist <hi rend="italic">darum in unserem Menschenjerusalem</hi> auf Erden, in
            der sehr unheiligen Stadt unserer menschlichen Gesellschaft nie Ruhe und Frieden, immer
              <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term>, und doch keine wirkliche <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term> zu erreichen, damit wir <hi rend="italic">doch ja nicht vergessen,</hi>
            <hi rend="italic">wohin unsere Augen eigentlich gerichtet</hi> sind, damit wir doch ja
            nie verwechseln, was wir erstreben und erreichen können und <hi rend="italic">was wir
              eigentlich meinen und suchen,</hi> damit [wir] doch ja nie, ob wir nun mehr Leidende
            oder mehr Kämpfende sind, in eine Ruhe, in einen <term type="Begriffe" key="1010,265">Frieden</term> versinken können, die noch nicht <hi rend="italic">die des neuen
              Jerusalems</hi> wären, auf das wir eigentlich warten. |</p>
          <p><hi rend="italic">Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron</hi>, die sprach: Siehe
            da, eine Hütte Gottes bei den Menschen, und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden
            sein Volk sein, und er selbst, Gott, wird mit ihnen sein. Und Gott wird abwischen alle
            Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch
            Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Vielleicht braucht es <hi rend="italic">darum so viel Aufmerksamkeit, Tapferkeit und Ausdauer</hi> dazu, täglich
            zu verharren in der <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term>, in der
            Bewegung, im Zurücklegen des Alten und Ergreifen des <term type="Begriffe" key="2280,1980">Neuen</term>, ganz klein scheinbar, ganz erfolglos offenbar, weil wir
              <hi rend="italic">nur ja wach bleiben sollen,</hi> die <hi rend="italic">Augen offen
              behalten</hi> sollen für jene <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term> und
            Bewegung, für jenes Vergehen und <pb ed="pga" xml:id="p009"/> Neuwerden, von dem alles,
            was bei uns geschieht, nur ein schwaches <hi rend="italic">Anzeichen</hi> ist. <hi rend="italic">Gott</hi> wird mit ihnen sein. Der <hi rend="italic">Tod</hi> wird nicht
            mehr sein… <hi rend="italic">Verstehen wir uns selbst?</hi> Verstehen wir unser <hi rend="italic">Seufzen</hi> und unsere <hi rend="italic">Freude,</hi> unsere <hi rend="italic">Bedrängnis</hi> und unsere <hi rend="italic">Kraft?</hi> Verstehen wir,
            daß wir immer wieder <hi rend="italic">wagen müssen,</hi> was wir doch gar nicht wagen
            können? Wir sind im <hi rend="italic">Widerschein</hi> ewigen <term type="Begriffe" key="1360,670">Gerichts</term> und ewiger <term type="Begriffe" key="750">Erlösung</term>, <hi rend="italic">darum</hi> kommen wir nicht los von unserem <term type="Begriffe" key="3535,2595">Widerspruch</term>. |</p>
          <p>Und er sprach zu mir: <hi rend="italic">Es ist geschehen, ich bin das A und das O, der
              Anfang und das Ende</hi>. Vielleicht müssen wir <hi rend="italic">darum so ringen</hi>
            um das, was doch nicht geschehen kann: ein Ende zu machen, <hi rend="italic">ein
              Ende</hi> mit aller Sünde, allem Leid, allem Unheil, und einen Anfang zu suchen, <hi rend="italic">einen Anfang</hi> neuen Willens, neuen Mutes, neuer Freiheit, weil wir
              <hi rend="italic">doch nur ja hören sollen: Bei Gott</hi> und durch Gott und mit Gott
            geschieht das, was geschehen muß, <hi rend="italic">es ist</hi> schon geschehen, <hi rend="italic">er ist</hi> das A und das O, der Anfang und das Ende. <hi rend="italic">Bei ihm zu suchen,</hi> was ihm gehört – <hi rend="italic">bei ihm zu suchen,</hi>
            was er geschaffen – <hi rend="italic">bei ihm zu empfangen,</hi> was er schenken will,
            darum, darum handelt es sich für uns.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div>
          <head>6.</head>
          <p> Und nun wenden wir uns noch einmal zurück und sehen uns selbst zwischen den Jahren,
            zwischen Vergangenheit und <term type="Begriffe" key="3230,2355">Zukunft</term>. Ist es
            nicht <hi rend="italic">merkwürdig und bedeutungsvoll, was wir da tun,</hi> wenn wir
            wissen, was wir tun? Wir <hi rend="italic">wandern,</hi> wir schreiten, wir bewegen uns,
            vielleicht mit <hi rend="italic">wenig Kraft,</hi> mit wenig Mut, mit wenig Ernst – aber
            wir tun es alle irgendwie. Und indem wir es tun, indem wir es <hi rend="italic">wagen,</hi> diesen großen <term type="Begriffe" key="3535,2595">Widerspruch</term>
            auf uns zu nehmen, leuchtet in unsere Zeit das <hi rend="italic">Licht der
              Ewigkeit.</hi> Es leuchtet in unsere Kraft und in unsere Schwachheit, in unser Steigen
            und in unser Fallen, in unser Siegen und in unser Unterliegen. Wir sind in dem allem <hi rend="italic">einander viel näher</hi> und Gott ist in dem allem <hi rend="italic">uns
              allen viel näher,</hi> als wir denken. Er ist das <hi rend="italic">Einfachste</hi>
            und zugleich das <hi rend="italic">Gewaltigste,</hi> was es gibt; unser Wandern,
            Schreiten und Bewegen [hat] mit Gott zu tun. Das Einfachste, wie es heißt: <hi rend="italic">Ich will dem Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers
              umsonst!</hi> Denn es ist ja schon <hi rend="italic">in Gott getan,</hi> was
            wirkliches ernsthaftes Ringen, Suchen und Streben des Menschen ist, der es wagt, dem
            Alten den Rücken und dem <term type="Begriffe" key="2280,1980">Neuen</term> das Gesicht
            zuzuwenden. Aber auch das Gewaltigste, wie es heißt: <hi rend="italic">Wer überwindet,
              der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn
              sein.</hi>
            <pb ed="pga" xml:id="p010"/> Denn es <hi rend="italic">bleibt ein Kampf,</hi> ein heißes
            Streben und Überwinden, wenn es wahrhaft in Gott getan sein soll. Es ist uns <hi rend="italic">beides nahegelegt:</hi> das Einfache und das Gewaltige, das
            Umsonst-­Trinken vom Brunnen des lebendigen Wassers und das heiße, mühselige Überwinden.
            So gewiß wir in <hi rend="italic">Bedrängnis</hi> stehen und doch in der <term type="Begriffe" key="1630">Hoffnung</term>, in der <hi rend="italic">Gefangenschaft</hi> und doch in der <term type="Begriffe" key="970,220">Freiheit</term>, in der <hi rend="italic">Zeit</hi> und gerade darum im Lichte der
              <term type="Begriffe" key="3630,2660">Ewigkeit</term>.</p>
        </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs" rend="simple">
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-47">Nr. 67 «Nun laßt uns gehn und treten»
                von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1.2.5.6.8 (RG
                [1998] 548,1.2.7.8.11; EG 58,1.2.7.8.11)</bibl>
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-338">Nr. 69 «Wir treten in das neue Jahr»
                von <persName ref="kbga-actors-736">S. Preiswerk</persName>, Strophen 1­-3 (RG
                [1998] 552,1.­-. 2)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
