<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-44004">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">Matthäus 20,1–16</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 20,1–16, 9. Januar 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44004 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 20.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44004</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">Matthäus 20,1–16</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">20</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: Mt 20,1-16, 9. Januar 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1988">KBA 1532</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1921-01-09">9. Januar 1921</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
        <language ident="gre">Greek</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-10-02T07:56:08+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-10-02T07:56:08+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="sermon">
        <pb ed="pga" xml:id="p011"/>

        <div type="opener">
          <head><idno>550</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den <date when="1921-01-09">9. Januar 1921</date>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.20.1 Mt.20.16">Matthäus 20,1­–16</ref>

              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">[Das Himmelreich ist gleich einem Hausvater, der am
                  Morgen ausging, Arbeiter zu mieten in seinen Weinberg. Und da er mit den Arbeitern
                  eins ward um einen Groschen zum Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und
                  ging aus um die dritte Stunde und sah andere an dem Markte müßig stehen und sprach
                  zu ihnen: Gehet ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.
                  Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und neunte Stunde und tat
                  gleich also. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere müßig stehen und
                  sprach zu ihnen: Was stehet ihr hier den ganzen Tag müßig? Sie sprachen zu ihm: Es
                  hat uns niemand gedingt. Er sprach zu ihnen: Gehet ihr auch hin in den Weinberg,
                  und was recht sein wird, soll euch werden. Da es nun Abend ward, sprach der Herr
                  des Weinbergs zu seinem Schaffner: Rufe die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und
                  heb an an den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde gedingt
                  waren, und empfing ein jeglicher seinen Groschen. Da aber die ersten kamen,
                  meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeglicher
                  seinen Groschen. Und da sie den empfingen, murrten sie wider den Hausvater und
                  sprachen: Diese letzten haben nur <hi rend="spaced">eine</hi> Stunde gearbeitet,
                  und du hast sie uns gleich gemacht, die wir des Tages Last und die Hitze getragen
                  haben. Er antwortete aber und sagte zu einem unter ihnen: Mein Freund, ich tue dir
                  nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir eins geworden um einen Groschen? Nimm, was
                  dein ist, und gehe hin! Ich will aber diesem Letzten geben gleich wie dir. Oder
                  habe ich nicht Macht, zu tun, was ich will, mit dem Meinen? Siehst du darum
                  scheel, daß ich so gütig bin? Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten
                  die Letzten sein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.]</hi>
              </quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div type="main">
        <div>
          <head>1.</head>
          <p> Wie ist das mit diesem Hausvater, der unermüdlich von morgens 6 Uhr bis abends 5 Uhr
            auf den Markt geht, um Arbeiter für seinen Weinberg zu suchen? Denk dir, <hi rend="italic">daß du heute <term type="Begriffe" key="3040,2340">sterben</term>
              müßtest</hi>. Denn das ist doch wohl der beste Weg, wenigstens zu ahnen, um was es
            sich handelt, wenn von Gott die Rede ist. Sterben ist der Schritt in deinem Leben, der
            dich <hi rend="italic">in ein Gebiet hinüberführt</hi>, von dem du <hi rend="italic">nichts weißt</hi> als eben das, daß du nichts davon weißt, in ein Gebiet, das auf
            alle Fälle <hi rend="italic">nicht dein Leben</hi>, ganz anders als dein Leben ist. Und
            doch <hi rend="italic">gehört</hi> auch das Sterben zu deinem Leben und ist nicht davon
            zu trennen. Als völliges, undurchdringliches <hi rend="italic">Geheimnis</hi> steht es
            irgendwo in deinem <pb ed="pga" xml:id="p012"/> Leben als deines Lebens <hi rend="italic">Ende</hi>, Ausgang und <term type="Begriffe" key="1140,415">Wendepunkt</term> zu einem unbekannten anderen Leben; unvermeidlich steht dein Leben
              <hi rend="italic">im Schatten</hi> dieses <term type="Begriffe" key="1140,415">Geheimnisses</term>, oder man könnte auch sagen, <hi rend="italic">im Lichte</hi> der
            Tatsache, daß dein Leben irgendwo ein Ende, einen Ausgang, einen <term type="Begriffe" key="1140,415">Wendepunkt</term> zu einem ganz und gar anderen Leben hat. Das alles
              <hi rend="italic">ist so</hi>, ob du daran denkst oder nicht daran denkst. Aber nicht
            wahr: wenn du wüßtest, daß du heute sterben mußt, dann <hi rend="italic">würdest</hi> du
            daran denken. Es ist wenigstens möglich, daß du die paar Stunden, die dir noch bleiben,
              <hi rend="italic">in ganz anderer Weise zubringen</hi> würdest als die meisten Stunden
            deines bisherigen Lebens: einerseits sicher unter <hi rend="italic">Furcht und
              Zittern</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.12">Phil.
            2,12</ref>], andrerseits sicher auch in einer ganz merkwürdigen, vorher nie gekannten
              <hi rend="italic">Freude</hi> und Spannung. Es würden dir auf einmal die Augen
            aufgehen, und du würdest den <hi rend="italic">Schatten</hi> sehen, der von jenem
            Geheimnis herkommt, und zugleich das <hi rend="italic">Licht</hi>, das von jenem Ende
            herkommt, das doch in irgend einer Weise auch ein Anfang ist. Es würden sich alle deine
            Gedanken in eine bestimmte <hi rend="italic">Reihe und Ordnung</hi> stellen jenem Punkt
            des Sterbens entgegen. Du würdest z. B. auch alles Mögliche tun, um deine <hi rend="sans-serif">Angehörigen sicher zu stellen</hi>, dich nach Beratern, Freunden und
            Helfern für sie <hi rend="italic">umzusehen</hi>, und das alles bereits in dem Sinn, daß
            du wüßtest: es kann und es muß nun auch <hi rend="italic">ohne mich</hi> gehen, ohne
            mich als Mittelpunkt; auch meine Nächsten können und müssen nun <hi rend="italic">frei
              und unabhängig</hi> von mir werden. Du würdest <hi rend="sans-serif">eilig noch einmal
              Alles</hi>, was dich freut und besorgt und beschäftigt, durch deinen Kopf ziehen
            lassen, auch einen letzten angestrengten Versuch machen, dir ein letztes ganz klares <hi rend="italic">Urteil</hi> darüber zu bilden, ein letztes ganz klares <hi rend="italic">Wort</hi> dazu zu sagen; du wüßtest aber auch bereits, wie wenig im Grunde auf dieses
              <term type="Begriffe" key="2235">Bemühen</term> ankommt und daß du den <hi rend="italic">eigentlichen</hi> Sinn, die <hi rend="italic">eigentliche</hi> Lösung
            nun <hi rend="italic">nicht mehr suchen</hi>, nicht mehr ergrübeln, sondern nur noch
            einfach <hi rend="italic">erwarten</hi> kannst. Du würdest <hi rend="sans-serif">tief
              erschrecken über dich selber</hi>, würdest <hi rend="italic">dich fragen</hi>, was nun
            aus deinem ganzen Leben wird, was es für eine Bedeutung, für einen Wert <term type="Begriffe" key="2860">hat</term> gegenüber der großen Wendung, die dir
            bevorsteht; du würdest aber auch bereits zurückblickend mit einer <hi rend="italic">tiefen Beruhigung wahrnehmen</hi>, wie durch diese große Wendung Alles in deinem
            Leben an seinen Platz gestellt und in Ordnung gebracht wird. <hi rend="sans-serif">Die
              anderen Menschen würden dir</hi> auf einmal <hi rend="italic">ganz fern</hi>, ganz
            klein erscheinen wie in einem umgekehrten Fernglas, wie Schat<pb ed="pga" xml:id="p013" break="no"/>ten sähest du sie sich bewegen, du würdest sehr wenig mehr nach ihrem <hi rend="italic">Urteil</hi> fragen und dich sehr wenig mehr damit beschäftigen, in
            deinen Meinungsverschiedenheiten mit ihnen <hi rend="italic">recht zu behalten</hi>,
            staunen und immer wieder <hi rend="italic">staunen müßtest du</hi> in diesen paar
            Stunden, wie es doch nur möglich ist, sich zu reiben und aufzuregen und zu plagen mit
            Dingen, die man ganz leicht in die Hand nehmen müßte wie Kinder ihr Spielzeug, mit denen
            man ganz gelöst und frei umgehen müßte, wenn man sehen würde, was du jetzt siehst – du
            würdest dich den Menschen aber auch <hi rend="italic">bereits wieder ganz nahe</hi>
            fühlen, gar nicht fremd, sondern höchst <hi rend="italic">vertraut;</hi> du würdest sie
              <hi rend="italic">besser verstehen</hi>, als sie sich selbst <term type="Begriffe" key="2845">verstehen</term><note xml:id="n01">Aus der Geschichte der hermeneutischen
              Formel, auf die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier anspielt, ist vor allem zu vergleichen: <bibl corresp="kbga-bibls-3596"><persName ref="kbga-actors-360">Fr. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Hermeneutik</hi>, neu hrsg. von H. Kimmerle (AAH, Jg. 1959, 2. Abh.), Heidelberg
                1974­<hi rend="sup">2</hi>, S. 83.87.108.138, vgl auch S. 50.56.</bibl></note>, du würdest
            deine Stellung unter ihnen als eine Art <hi rend="italic">Vorzug vor ihnen</hi>
            empfinden wie die eines älteren Bruders unter seinen Geschwistern, als eine
            Verantwortungsstellung, als einen Auftrag, den du in ihrem Namen auszuführen hättest. Es
            läge ja in diesen Stunden ihrer aller <hi rend="italic">Last auf dir</hi>, und ihrer
            aller größtes <hi rend="italic">Werk, das Sterben</hi>, müßtest du am Ende dieser
            Stunden vollbringen. Es wäre dir, du müßtest es <hi rend="italic">für Alle sagen</hi>,
            daß diese Last getragen und dieses Werk vollbracht werden muß. Du sähest gleichsam <hi rend="italic">Aller Augen auf dich</hi> gerichtet und müßtest sie erleuchten [?]: das,
            das heißt <hi rend="italic">ein Mensch sein</hi>, ein Mensch im Angesicht des <term type="Begriffe" key="3040,2340">Todes</term>. So <hi rend="italic">sind wir dran</hi>,
            und so müssen wir uns <hi rend="italic">stellen</hi> unter die überhängende <term type="Begriffe" key="3415">Wand</term><note xml:id="n02">Das Bild der «überhängenden
                <term type="Begriffe" key="3415">Wand"</term> spielt im «Römerbrief» von 1922 eine
              wichtige Rolle, s. <bibl corresp="kbga-bibls-96">Römerbrief 2, S. 140.180.285.484f. (bzw. S.
              138.178.283.482f.)</bibl>.</note>. Du würdest es dir <hi rend="sans-serif">von Herzen
              angelegen sein lassen</hi>, womöglich noch <hi rend="italic">Frieden</hi> zu schließen
            mit denen, mit denen du jetzt nicht rechten <term type="Begriffe" key="1010,276">Frieden</term> hast, womöglich noch einige <hi rend="italic">Mißverständnisse</hi>
            aufzuheben, womöglich dem oder jenem noch zu <hi rend="italic">erklären</hi>, wie du es
            gemeint hast; du wüßtest aber auch bereits <hi rend="italic">um den Frieden</hi>, der
            höher ist [als] alle Vernunft [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.7">Phil.
              4,7</ref>], den wir nicht machen können, sondern der schon da ist zwischen uns, auch
            wenn der <term type="Begriffe" key="1010,300">Streit</term> noch hin und her geht; du
            wüßtest bereits, daß wir Menschen <hi rend="italic">verstanden sind</hi>, auch wenn wir
            uns nicht verstehen, und daß dieses Verstandensein unendlich viel wichtiger ist als
            alles Sich-­<pb ed="pga" xml:id="p014"/><term type="Begriffe" key="2845">Verstehen-­Wollen</term>. <hi rend="sans-serif">So würdest du leben</hi> in diesen
            letzten Stunden vor deinem <term type="Begriffe" key="3040,2340">Sterben</term>, bewegt,
            ja schon bis aufs tiefste, bis zum Wahnsinn bewegt durch das <term type="Begriffe" key="1140">Geheimnis</term>, dem du entgegengehst, und doch nicht ohne eine letzte,
            innerste <hi rend="italic">Ruhe</hi>, die ebenfalls von diesem <term type="Begriffe" key="1140">Geheimnis</term> ausgeht, <hi rend="italic">wartend</hi>, im tiefsten
            Inneren gelassen, mit gefalteten Händen dem Großen, dem Ungeheuren, dem Übermächtigen
            entgegensehend, und doch <hi rend="italic">eilend</hi><note xml:id="n03">Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.12">2. Petr.
              3,12</ref>. Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-1654"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Vergangenheit und Zukunft. Friedrich
                Naumann und Christoph Blumhardt</hi>, in: Neuer freier Aargauer, Jg. 14 (1919), Nr.
              204 und 205, 3. und 4.9.1919</bibl>, wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-3518">Anfänge I, S. 37–49</bibl>. «<persName ref="kbga-actors-47">Blumhardts</persName> Geheimnis war seine immerwährende
              Bewegung zwischen Eilen und <term type="Begriffe" key="3420,2480">Warten</term>,
              zwischen dem frischen Zugreifen mitten hinein in die Fülle dessen, was <hi rend="italic">ist</hi>, und dem staunenden innerlichen Lauschen auf das, was <hi rend="italic">werden</hi> will durch die Kraft aus der Höhe» (S. 48).</note>, keine
            Minute verlierend, jeden Nerv, jeden Gedanken angestrengt, um noch zu erkennen, zu
            verstehen, zu sagen, zu tun, fertig zu machen, was möglich ist. So etwa <hi rend="italic">würde es auf dich wirken</hi>, wenn du wüßtest, bei gesundem Sinn
            wüßtest, daß du heute sterben <term type="Begriffe" key="3040,2340">mußt</term>.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>2.</head>
          <p> Seht, so ist es mit dem Hausvater, der Kräfte sucht für seinen Weinberg. Und <hi rend="italic">von dieser Art ist der Ruf <term type="Begriffe" key="320">Gottes</term>
              an uns</hi> Menschen. Ich sage: <hi rend="italic">von dieser Art.</hi> Denn der Ruf
            des <term type="Begriffe" key="3040">Todes</term> ist nicht der Ruf <term type="Begriffe" key="320">Gottes</term>. Möglicherweise könnte die Nähe des Todes
            diese Wirkung ausüben, möglicherweise aber auch nicht. Man hat von Sterbenden gehört,
            von zum Tode <term type="Begriffe" key="3040,2340">Verurteilten</term>, die ihre letzte
            Stunde ganz anders zugebracht haben als so. Nicht jeder, der den Ruf des <term type="Begriffe" key="3040">Todes</term> hört, hört darin auch den Ruf <term type="Begriffe" key="320">Gottes</term>. Wer aber den Ruf <term type="Begriffe" key="320">Gottes</term> hört, der hat <hi rend="italic">keine andere Möglichkeit.</hi>
            Die Nähe Gottes hat auf den Menschen <hi rend="italic">die Wirkung, die die Nähe des
              Todes</hi> wahrhaftig, wenn der Tod verstanden wird, auf ihn haben <term type="Begriffe" key="3040,2340">muß</term>. Redet Gott mit dem Menschen, dann wird ihm
            das gewaltige <hi rend="italic">Bild des nahen Todes unmißverständlich.</hi> Redet Gott
            mit dem Menschen, dann wird ihm der <hi rend="italic">Tod lebendig</hi>, kräftig,
            wirksam, sein Leben kommt dann eben <hi rend="italic">in diesen Schatten und in dieses
              Licht</hi> des Todes, von dem wir gehört haben. <hi rend="italic">Es tritt alles,
              alles das ein</hi>, was wir uns eben vorgestellt haben. Es kommt in unser Leben hinein
              <hi rend="italic">das unermeßliche Geheimnis</hi> und der entscheidende <term type="Begriffe" key="1140,415">Wendepunkt</term>, und wir müssen diesen Punkt sehen,
            und Alles muß sich in Reih und Glied stellen diesem Punkt entgegen. |</p>

          <p>
            <pb ed="pga" xml:id="p015" rend="noPipe"/> Es kommt in unser Leben hinein jenes tiefste
              <hi rend="italic">Entsetzen</hi> und Zurückscheuen und jene höchste <hi rend="italic">Freude</hi> und Spannung. Es kommt in unser Leben hinein jener große, merkwürdige
              <term type="Begriffe" key="3535,2595">Widerspruch</term>, daß wir ganz <hi rend="italic">gebunden</hi> sind an dieses Leben, ja fast mehr als je beschäftigt,
            interessiert, umgetrieben von all den großen und kleinen Dingen, die unser Leben
            ausmachen. Alle Farben leuchten stärker, alle Töne schallen lauter, Alles müssen wir
            ernsthafter, aufmerksamer in die Hand nehmen und sind doch zugleich schon <hi rend="italic">ganz gelöst</hi> von dem allem, ganz frei, ganz überlegen. Denn <hi rend="italic">weil das Ende</hi> aller <term type="Begriffe" key="665">Dinge</term> da
            ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.4.7">1. Petr. 4,7</ref>],
            darum, nur darum sind sie so wichtig, so ernst. Sie sind wichtig, weil sie nicht wichtig
            sind. Sie sind ernst, weil sie nicht ernst sind. Sie leuchten als Widerschein. Sie tönen
            als Widerhall. Unser Leben, das wir kennen, ist darum etwas Heiliges, Tiefes,
            Lebendiges, weil es so ganz und gar <hi rend="italic">über sich selbst hinaus</hi>zeigt
            auf ein anderes <term type="Begriffe" key="1950,1710">Leben</term>, das wir nicht
            kennen. |</p>
          <p>Es kommt, wenn Gott mit uns redet, in unser Leben hinein jener merkwürdige <term type="Begriffe" key="3535,2595">Widerspruch</term>, daß wir wissen: wir sind <hi rend="italic">gerichtet</hi> und uns ist <term type="Begriffe" key="3240">vergeben</term>! Die Menschen alle sind uns gänzlich <hi rend="italic">ferne</hi> und
            fremd, und wir sind doch ganz nahe mit ihnen verbunden, tragen die Last, die jeder
            Mensch tragen, und tun das Werk, das jeder Mensch tun muß! Wir müssen <hi rend="italic">Alles tun</hi> und können doch nichts tun. Wir müssen <hi rend="italic">lieben</hi>
            und können doch nur darin Frieden finden, daß wir wissen, daß wir mit all unseren
            Mitmenschen zuerst <term type="Begriffe" key="1390,930">geliebt</term> sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.19">1.Joh. 4,19</ref>]. Wir müssen <hi rend="italic">eilen</hi> und können doch nur <term type="Begriffe" key="3420,2480">warten</term>! Wir müssen uns aufs Höchste <hi rend="italic">bewegen</hi>, und wir
            sind doch erfüllt und getragen von einer tiefsten <term type="Begriffe" key="2620">Ruhe</term>. So wird <hi rend="italic">das Leben eines Menschen, der von Gott <term type="Begriffe" key="320">berufen</term> ist</hi> in seinen Weinberg, und eben <hi rend="italic">dieser Zustand ist die Arbeit</hi> im Weinberg des <term type="Begriffe" key="150,55">Herrn</term>, und eine andere gibt es nicht. Arbeiten im Weinberg des
              <term type="Begriffe" key="150,55">Herrn</term> heißt <hi rend="italic">bedenken, daß
              wir sterben müssen</hi> und dadurch <term type="Begriffe" key="3460">klug</term>
            werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.90.12">Ps. 90,12</ref>].
            Arbeiten im Weinberg des Herrn heißt in <hi rend="italic">Bereitschaft</hi>, in
            Erwartung sein, <hi rend="italic">ganz</hi> in Bereitschaft, <hi rend="italic">ganz</hi>
            in Erwartung, und eben darum gebunden und doch frei, tätig und doch gelassen, unabhängig
            von den Menschen und doch in tiefster Gemeinschaft mit ihnen, sorgend, wachend, dankend
            für unsere Nächsten und doch nicht als ihr Mittelpunkt, sondern als einer, der weiß, daß
            es auch ohne ihn geht. Arbeiten im Weinberg des <term type="Begriffe" key="150,55">Herrn</term> heißt <hi rend="italic">leben</hi>
            <hi rend="italic">in diesem Leben</hi>, mit ganzem Ernst, mit ganzer Leidenschaft, mit
            jedem Nerv und <pb ed="pga" xml:id="p016"/> Gedanken, und das im Hinblick auf das Ende
            dieses und den Anfang eines ganz anderen <term type="Begriffe" key="1950,1710">Lebens</term>. Gott ist <hi rend="italic">das Ende und der Anfang</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.1.8">Apk. 1,8</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.6">21,6</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.22.13">22,13</ref>], noch ganz anders als der Tod.
            Gott ist das <term type="Begriffe" key="1390,775"><hi rend="italic">Geheimnis</hi></term>
            <hi rend="italic">und der <term type="Begriffe" key="1140,415">Wendepunkt</term></hi>,
            noch ganz anders als der Tod. Gott ist die himmelhoch <hi rend="italic">überhängende
              Wand</hi>, unter der sich unser kleines Leben abspielt, noch ganz anders als der Tod.
            Wer Gott <hi rend="italic">sucht</hi> wie Einer, der den nahen Tod sehen <term type="Begriffe" key="3040,2340">würde</term> [?], und <hi rend="italic">lebt</hi> von
            dem, was er da sucht, der ist ein Arbeiter im Weinberg des <term type="Begriffe" key="150,55">Herrn</term>.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>3.</head>
          <p> Und nun sagen wir uns wohl alle, daß <hi rend="italic">wir solche <term type="Begriffe" key="150,55">Arbeiter</term> offenbar nicht</hi> sind. Bei Anderen,
            bei einigen wenigen Erleuchteten mag das so sein, daß sie so auf Gott gesehen haben wie
            auf den nahen Tod. Aber wir? Es ist wohl uns allen noch nie in den Sinn gekommen, zu
            leben, <hi rend="italic">als ob wir heute <term type="Begriffe" key="3040,2340">sterben</term></hi> müßten. Wir leben im besten Fall mit dem Gedanken, daß wir in
            10 oder 30 Jahren einmal sterben könnten. Es ist aber offenkundig, daß das nicht ganz
            aufs Gleiche herauskommt. Und so fern und blaß <hi rend="italic">das Bild des Todes</hi>
            vor uns steht, so undeutlich und verschwommen ist es vor unseren Augen, <hi rend="italic">wer Gott ist und was er von uns will</hi>. Und dementsprechend hat denn
            auch unser Leben eine sehr <hi rend="italic">entfernte Ähnlichkeit</hi> mit der Arbeit
            im Weinberg des <term type="Begriffe" key="150,55">Herrn</term>. Es ist uns nicht allzu
            lebendig, daß es ein <hi rend="italic">Geheimnis</hi> gibt in unserem Leben, und es ist
            uns erst recht nicht sehr lebendig, daß dieses Geheimnis zugleich sein <term type="Begriffe" key="1140,415">Wendepunkt</term> ist. Wir <hi rend="italic">leben
              nicht sehr stark</hi>, sehr aufmerksam, sehr eifrig, und wir sind auch nicht recht
            gelöst und frei von den Dingen. Wir merken wenig davon, daß wir <hi rend="italic">gerichtet</hi> [sind], und wenig davon, daß uns <term type="Begriffe" key="3240">vergeben</term> ist. Wir sind <hi rend="italic">nicht sehr unabhängig</hi> von
            einander, und wir haben uns auch nicht allzu lieb. Wir<hi rend="italic">
              <term type="Begriffe" key="3420,2480">eilen</term> nicht allzusehr</hi>, und wir
            wissen auch nicht allzu gut, was <term type="Begriffe" key="3420,2480">Warten</term>
            heißt. Wir sind nicht <hi rend="italic">sehr bewegt</hi>, und wir sind auch nicht sehr
            beruhigt. Wir <hi rend="italic">leben nicht recht</hi>, und wir sterben nicht recht. <hi rend="italic">Etwas von dem</hi> allem ist ja schon auch bei uns da, aber eben <hi rend="italic">nur soviel</hi>, wie es bei Menschen zu erwarten ist, die erst in 10
            oder 30 Jahren zu sterben beabsichtigen, <hi rend="italic">nur soviel</hi>, wie es zu
            erwarten ist bei Menschen, die sich den lieben <term type="Begriffe" key="1390,940">Gott</term> immer so weit vom Leib halten, daß das, was er ist und will, nie ganz
            scharf und klar, sondern immer nur wie die Figuren auf einer verblaßten und verdorbenen
            [?] Photographie hervortreten kann.|</p>

          <p>
            <pb ed="pga" xml:id="p017" rend="noPipe"/> Wir können jetzt mit dem Gleichnis fortfahren
            und sagen: Es geschieht in unserem Leben von der Arbeit im Weinberg des <term type="Begriffe" key="150,55">Herrn</term>
            <hi rend="italic">nur soviel</hi>, wie es zu erwarten ist von Arbeitern, die erst in der
            neunten oder <hi rend="italic">elften Stunde</hi> in den Weinberg gerufen worden sind.
            Was <hi rend="italic">die noch verrichten</hi> werden daselbst, ist mehr als fragwürdig.
            Wenn wir uns das ehrlich und demütig eingestehen, daß wir offenbar zu den <term type="Begriffe" key="150,55">Arbeitern </term>gehören, an denen der Hausvater am
            Vormittag kopfschüttelnd <hi rend="italic">vorüberging</hi>, weil sie ihm nicht
            gefielen, und die er erst am späten Nachmittag noch nachholte, um den Fleißigen, die den
            ganzen Tag geschafft, <hi rend="italic">zu helfen, fertig zu machen</hi>, zum <hi rend="italic">Landsturm 2. Klasse</hi> gleichsam, zu den <term type="Begriffe" key="2160">Staatskrüppeln</term><note xml:id="n04">D.h. zu den bei der Aushebung für
              den <term type="Begriffe" key="2160">Militärdienst</term> aus gesundheitlichen Gründen
              für untauglich Erklärten. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte selber 1905 zu ihnen gehört und war zum
              «Landsturm» eingeteilt worden (s. <bibl corresp="kbga-bibls-215">Vortr. u. kl. Arb. 1909-1914, S. 488, Anm.
              5</bibl>).</note>, die man im Kriege nur dann aufbietet, wenn alle Stricke reißen, dann haben
            wir schon Anlaß, zu den Menschen <hi rend="italic">hinüberzusehen</hi>, die, anders als
            wir, <hi rend="italic">den Tod und Gott und das Leben richtig, tief und lebendig</hi>
            verstanden haben. Es ist beschämend, daß Gott uns offenbar nur eben so <hi rend="italic">ein bißchen brauchen</hi> kann, und wir könnten uns mit Recht fragen, ob sich das
            bißchen Arbeit in seinem <term type="Begriffe" key="150,55">Weinberg</term>, das
            allenfalls noch wir verrichten, <hi rend="italic">eigentlich lohnt</hi> oder ob wir
            nicht besser auch das würden bleiben lassen, um zu leben, als ob wir von Tod und Gott
            und Leben <hi rend="italic">gar nichts wüßten.</hi></p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>4.</head>
          <p rend="align(left)"> Aber nun führt uns der Weg unseres Gleichnisses noch einmal um eine
              <term type="Begriffe" key="585">Ecke</term>. <hi rend="italic">Doch, doch, ruft uns
              Jesus zu:</hi> etwas wissen von den letzten Dingen ist <hi rend="italic">besser als
              gar nichts</hi> wissen! Es lohnt sich, <hi rend="italic">das bißchen Arbeit</hi> im
            Weinberg des <term type="Begriffe" key="150,55">Herrn</term>, das wir allenfalls
            verrichten können, recht zu tun! Es lohnt sich, diesen großen Krieg <hi rend="italic">wenigstens im Landsturm</hi> mitzumachen. Es lohnt sich, wenigstens als die letzten
            in der Reihe doch in der Reihe zu stehen derer, die von Gott <term type="Begriffe" key="320">berufen</term> sind. Es lohnt sich, sich von Gott nur <hi rend="italic">ein
              bißchen brauchen</hi> zu lassen, wenn er uns nur überhaupt brauchen kann. Denn hört,
            was der Hausvater zu einem der zuerst Gekommenen sagt: Ich will <hi rend="italic">diesem
              Letzten</hi>
            <hi rend="italic">geben gleich viel wie dir!</hi> Wir spüren es, nicht wahr, in diesem
            «Ich will» dieses merkwürdigen Arbeitgebers, da fällt <hi rend="italic">etwas um</hi>,
            etwas Gewohntes, Menschliches, da bekommt die sonst so wohlverständliche Ge<pb ed="pga" xml:id="p018" break="no"/>schichte ein unverständliches <hi rend="italic">Loch</hi>,
            da fängt etwas <hi rend="italic">Neues an.</hi> Was heißt das, daß da Alle <hi rend="italic">den gleichen Lohn</hi> bekommen trotz ihrer ganz verschiedenen Leistung?
            Da heißt offenbar: bei dieser Arbeit soll’s ganz und gar <hi rend="italic">nicht
              darauf</hi> ankommen, wieviel einer leistet, nur <hi rend="italic">daß</hi> er
            leistet. Ein kleines <hi rend="italic">Tröpflein</hi> von diesem Wasser ist soviel wie
            ein ganzes Meer. Ein <hi rend="italic">Fünklein</hi> von diesem Feuer ist soviel wie ein
            ganzer Scheiterhaufen. Ahnen wir wohl, <hi rend="italic">wie groß diese Arbeit</hi> sein
            muß, daß auf die Größe unseres Anteils daran gar nichts ankommen soll, sondern nur
            darauf, daß wir Anteil daran haben? |</p>
          <p>Ja seht, <hi rend="italic">so himmelhoch ist die überhängende <term type="Begriffe" key="3415">Wand</term> Gottes</hi>, unter der wir leben, daß wir gar nicht gefragt
            werden: wie viel oder wie wenig siehst du davon? – denn es können doch auch die, die am
            meisten davon sehen, nur einen kleinsten Teil davon sehen, und der Unterschied zwischen
            ihnen und denen, die wie wir noch weniger davon sehen, ist nicht so groß. <hi rend="italic">Gott ist so sehr das Ende</hi> unseres und der Anfang eines neuen <term type="Begriffe" key="1950,1680">Lebens</term>, daß wir gar nicht danach gefragt
            werden: bist du stark erschrocken und erfreut oder nicht so stark, sehr bewegt und
            beruhigt oder nicht so sehr, eilst und <term type="Begriffe" key="3420,2480">wartest</term> du recht oder nur so ein wenig? – denn was heißt «stark», «sehr»,
            «recht», wenn es sich um Gott handelt? <hi rend="italic">Gott ist so sehr das
              Geheimnis</hi> und der <term type="Begriffe" key="1140,415">Wendepunkt</term> unseres
            Lebens, daß wir gar nicht danach gefragt werden, wie lebendig das Bewußtsein davon in
            unserer Seele ist, denn was müßte das für eine Lebendigkeit sein, mit der wir diesem
              <term type="Begriffe" key="1140,415">Geheimnis</term> und diesem <term type="Begriffe" key="1140,415">Wendepunkt</term> entgegengehen müßten! Ein ganzes Meer, ein ganzer
            lodernder Scheiterhaufen von Glaube, Liebe und Hoffnung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor. 13,13</ref>] <hi rend="italic">würde nicht
              genügen</hi>, und <hi rend="italic">nun genügt</hi> ein Tröpflein, ein Fünklein, es
            genügt nun <hi rend="italic">die eine letzte Stunde</hi> Arbeit auch dem, der erst in
            elfter Stunde <term type="Begriffe" key="320">berufen</term> wurde. |</p>
          <p><hi rend="italic">«Ich will!», sagt der Hausvater</hi>, und das ganze schöne <hi rend="italic">Akkordsystem</hi>, von dem die Fleißigen offenbar geträumt hatten, fällt
            zusammen. Ist ihnen Unrecht geschehen? Nein, sie bekommen, was ihnen gehört, was
            ausgemacht war und was sie verdient hatten. Und «Ich will!», sagt Gott, und es fällt
            zusammen <hi rend="italic">das ganze System</hi> von großem und kleinem Glauben, mehr
            oder weniger Erkenntnis, heiligem und weniger heiligem Wandel, ein bißchen mehr oder ein
            bißchen weniger Bekehrt-­Sein. Was will das alles sagen vor Gott? Vor Gott gibt es doch
            nur Eines: <hi rend="italic">daß er uns berufen</hi> hat aus der Finsternis zu seinem
              wun<pb ed="pga" xml:id="p019" break="no"/>derbaren Lichte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.2.9">1. Petr. 2,9</ref>] und dann <hi rend="italic">als
              Antwort seine Gnade.</hi>
            <hi rend="italic">Niemand kann mehr haben</hi> als seine <term type="Begriffe" key="1360">Gnade</term>, niemand mehr finden, niemand mehr sich wünschen. Aber <hi rend="italic">weniger als <term type="Begriffe" key="1360">Gnade</term> gibt es auch
              nicht</hi>, <term type="Begriffe" key="1360">Gnade</term> kennt keine Abzüge, kein
            Weniger. <term type="Begriffe" key="1360">Gnade</term> ist ein Volles, Ganzes für jeden,
            der sie empfängt. <term type="Begriffe" key="1360">Gnade</term> ist Gottes Antwort auf
            unsere Arbeit im <term type="Begriffe" key="150,55">Weinberg</term>, auf die große und
            auf die kleine. Und <term type="Begriffe" key="1360">Gnade</term> genügt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.12.9">2. Kor. 12,9</ref>], <term type="Begriffe" key="1360">Gnade</term> heißt, daß Gott <hi rend="italic">sich finden
              läßt</hi> von denen, die ihn suchen [vgl. <ref target="Jer.29.13. Jer.29.14">Jer. 29,13f.</ref>]. <term type="Begriffe" key="1360">Gnade</term> heißt, daß das <hi rend="italic">Ewige denen leuchtet</hi>, die danach
            fragen. <term type="Begriffe" key="1360">Gnade</term> heißt, daß <hi rend="italic">jede
              Stufe auf diesem Weg</hi> auch das Ziel ist. Unser Suchen ist vielleicht schwach,
            unser Fragen ist vielleicht nachlässig, unsere Stufe ist vielleicht niedrig, aber das
            eben ist <term type="Begriffe" key="1360">Gnade</term>, daß <hi rend="italic">Gott
              keinen Unterschied macht</hi>, wenn wir nur suchen, nur fragen, wenn wir nur auf
            diesem Wege sind. Und <hi rend="italic">sind wir nicht darauf?</hi> Stehen wir nicht im
            Schatten und <term type="Begriffe" key="2020,1780">Licht</term> des Todes? Ist’s nicht
            eben doch ein bißchen, <hi rend="italic">ein ganz klein bißchen wahr</hi> auch bei uns,
            diese ganze <term type="Begriffe" key="3200">Veränderung</term>, die dadurch in unser
            Leben hineinkommt, daß Gott mit uns redet? Seht, wenn es auch nur ein ganz klein bißchen
            wahr ist, dann hat jedes auch von uns einen <hi rend="italic">direkten Zugang zu
              Gott</hi> und seiner ganzen Herrlichkeit und ein ganz persönliches Recht, diesen <term type="Begriffe" key="3695">Zugang</term> zu benutzen. Wir <hi rend="italic">brauchen
              uns nicht zu vergleichen</hi> mit Anderen, weder hochmütig noch wehmütig [?]. <hi rend="italic">Sei das, was du bist</hi><note xml:id="n05">Den Spruch «Sei, was du
              bist!» hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> möglicherweise in <placeName ref="kbga-places-158">Bad <term type="Begriffe" key="250">Boll</term></placeName>
              kennen gelernt, bezeichnet er ihn doch 1915 als <persName ref="kbga-actors-47">«Blumhardts</persName> Rat» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, S. 110</bibl>). Das Wort hat aber eine lange
              Geschichte, begegnet in der Schweiz bei <persName ref="kbga-actors-658">J. C.
                Lavater</persName> und geht zurück auf den griechischen Dichter <persName ref="kbga-actors-3710">Pindar</persName> (522 oder 518-445 v. Chr.). Es lautet im
              Urtext <foreign xml:lang="el-GR">γένοι’, ο^%?(ιος ἐσσί</foreign> (2. Pyth. Ode, V.
              72): <persName ref="kbga-actors-3710">Pindar</persName>, <hi rend="italic">Siegeslieder. Griechisch - deutsch</hi>, hrsg., übersetzt und mit einer Einführung
              versehen von D. Bremer, München 1992, S. 124.</note> im Angesicht des <term type="Begriffe" key="3040,2340">Todes</term>, im Angesicht Gottes, dann ist dir
            geholfen.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>5.</head>
          <p rend="align(left)"> Es ist ganz unmöglich, daß <hi rend="italic">diese Einsicht</hi>,
            die uns Jesus Christus gibt, nicht nur in diesem Gleichnis, sondern in seinem ganzen
              <term type="Begriffe" key="1720,1403">Leben</term>, Sterben und Auferstehen, daß uns
              <hi rend="italic">dieser Blick</hi> auf die Majestät Gottes, die so <term type="Begriffe" key="1390,810">groß</term> ist, daß die Kleinsten und die Größten vor
            ihm gleich werden, daß uns diese große <hi rend="italic">Erinnerung an die
              Vergebung</hi>, die uns alle trägt und hält und bewegt, etwa <hi rend="italic">faul
              und gleichgiltig machen <pb ed="pga" xml:id="p020"/> könnte.</hi> Im Gegenteil: es
            gibt ja <hi rend="italic">keine deutlichere, schärfere Erklärung</hi>, wer Gott ist, was
            er will, als diese, die uns sagt, daß die Letzten nun die Ersten und die Ersten nun die
            Letzten sein werden. <hi rend="italic">Wer es versteht, daß Gott</hi> so <hi rend="italic">groß ist</hi>, der kann, ob er zu den Ersten oder zu den Letzten gehört,
            nicht denken: so kann ich schlafen, so kommt es auf mich nicht an, so brauche ich nicht
            zu sehen und zu hören, zu eilen und zu <term type="Begriffe" key="3420,2480">warten</term>. Nein, wenn es ein scharfes <hi rend="italic">Schwert [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.49.2">Jes. 49,2</ref>] und ein blendendes
              Licht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.16">1.Tim. 6,16</ref>] und
              ein verzehrendes Feuer</hi> Gottes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.4.24">Dtn. 4,24</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.12.29">Hebr. 12,29</ref>] gibt, das uns vorwärts treibt, bis wir Gott so ernst nehmen, als
            ob wir heute sterben <term type="Begriffe" key="3040,2340">müßten</term>, dann ist es
            diese <term type="Begriffe" key="740,142">Erkenntnis</term>. Denn Gott <hi rend="italic">ist nie gewaltiger</hi>, nie angreifender, nie erschütternder, als wenn wir erkennen:
              <term type="Begriffe" key="1390,690">Barmherzig</term> und gnädig ist der Herr [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.103.8">Ps. 103,8</ref> u. ö.]!</p>
        </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs" rend="simple">
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-4">Nr. 2 «Nun danket alle Gott» von <persName ref="kbga-actors-1393">M. Rinckart</persName>, Strophen 1­-3 (RG [1998] 233, 1­-3;
              EG 321,1­-3)</bibl>
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-48">Nr. 237 «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von <persName ref="kbga-actors-4872">Ph. Nicolai</persName>, Strophen 3.4.5
              (RG [1998] 653,3.4.5; EG 70,3.4.5; jeweils mit Textabweichungen)</bibl>
          </listBibl>
        </div>


      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
