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        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">Matthäus 21,28­–31</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 21,28­–31, 6. Februar 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44008 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 45.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">Matthäus 21,28­–31</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">45</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: Mt 21,28-31, 6. Februar 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1991">KBA 1536</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1921-02-06">6. Februar 1921</date>
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          <head><idno>554</idno></head>

          <dateline>
            <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>, Sonntag,
            den <date when="1921-02-06">6. Februar 1921</date>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.21.28 Mt.21.31">Matthäus 21,28­–31</ref>

              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">[Was dünkt euch aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und
                  ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, gehe hin, und arbeite heute in meinem
                  Weinberge. Er antwortete aber und sprach: Ich will’s nicht tun. Darnach reute es
                  ihn, und er ging hin. Und er ging zum andern und sprach gleichalso. Er antwortete
                  aber und sprach: Herr, ja! – und ging nicht hin. Welcher unter den zweien hat des
                  Vaters Willen getan? Sie sprachen zu ihm: Der erste. Jesus sprach zu ihnen:
                  Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren mögen wohl eher ins Himmelreich
                  kommen denn ihr.]</hi>
              </quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div type="main">
        <div>
          <head>1.</head>
          <p> Wegen solchen Worten ist Jesus <term type="Begriffe" key="1720,1400">gekreuzigt</term>
            worden. Um solcher Worte willen war er den Pflegern und Hütern des Glaubens und der
            Rechtschaffenheit verhaßt und den Hütern der öffentlichen, bürgerlichen Ordnung
            wenigstens so verdächtig, daß sie das Todesurteil, das jene über ihn aussprachen,
            bestätigten und ausführten. Um solcher Worte willen konnte Jesus nicht volkstümlich,
            nicht beliebt <term type="Begriffe" key="1720,1335">sein</term>, sondern mußte seinen
            Weg, der mit dem <term type="Begriffe" key="1720,1400">Kreuze</term> endigte, von allem
            Volk verlassen, allein gehen. Denn wir dürfen uns nicht täuschen: Wenn Jesus in solchen
            Worten scheinbar Partei ergriffen hat für die Zöllner und <term type="Begriffe" key="3675,2717">Huren</term>, für die gemeinen Menschen im schärfsten Sinn dieses
            Wortes, so hat er damit etwas getan, was auch sie im Grunde nicht verstanden. Auch sie
            hätten ihn besser verstanden, wenn er ihnen <term type="Begriffe" key="440">Buße</term>
            und Besserung gepredigt und vielleicht gleichzeitig irgend etwas Freundliches und
            Vernünftiges zur Erleichterung ihrer Lage getan hätte. Auch sie hatten ihm schließlich
            wenig Dank dafür, daß er von ihnen sagte, sie kämen vor den Anderen, vor den Pharisäern
            und Schriftgelehrten ins Reich Gottes. Auch sie konnten ihn im Grunde nur kopfschüttelnd
            gehen und machen lassen zu seinem eigenen Verderben. Also die Hohen <hi rend="italic">und</hi> die Niedrigen, die Frommen <hi rend="italic">und</hi> die Unfrommen, die
            Guten <hi rend="italic">und</hi> die Bösen standen um solcher Worte willen Jesus fremd
              <term type="Begriffe" key="1720,1335">gegenüber</term>. Waren die Ersten gegen ihn, so
            waren doch die Letzten auch nicht für ihn. Der Unterschied ist vielleicht nicht so groß
            gewesen. Um solcher Worte willen muß sich Judas <term type="Namen" key="Judas, Ischarioth">­Ischarioth</term>, dieser rätselhafteste, man könnte aber
            auch sagen: dieser natürlichste Mensch im ganzen Neuen Testament zuerst innerlich von
              <pb ed="pga" xml:id="p038"/> Jesus abgewandt haben, bis er ihn dann auch äußerlich
            verriet, Judas <term type="Namen" key="Judas Ischarioth">Ischarioth</term>, der etwas
            getan hat, was doch wenigstens in der Seele auch aller anderen Jünger <term type="Begriffe" key="1770">Jesu</term> nichts Unmögliches war, auch wenn sie es nicht
            getan haben; denn als Jesus mit ihnen über diese Tat redete, da fragten sie alle, ohne
            Ausnahme: Herr, bin ich’s? Meinst du mich? [Mt. 26,22 par.]. Es ist offenbar allen
            Menschen in Jesus etwas Fernes, Unbegreifliches, <term type="Begriffe" key="1720,1335">Anstößiges</term> erschienen, und in solchen Worten wie den vorgelesenen ahnen wir
            es, was das gewesen sein mag. Jenseits von dem, was alle Menschen meinten, suchten und
            wollten, lag das, was er meinte, suchte und wollte. <term type="Begriffe" key="1720,1300">Einsam</term> und verlassen mußte der seinen Weg gehen, der solches
            sagen konnte. Es blieb den Anderen einfach nichts übrig, als ihn zu <term type="Begriffe" key="1720,1400">kreuzigen</term>: er hatte keinen Platz neben ihnen,
            oder sie hatten keinen Platz neben ihm. Die Einen haben das Nötige dazu getan, die
            Anderen haben es schweigend und erschrocken geschehen lassen. Der Unterschied dürfte
            auch hier so groß nicht sein.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>2.</head>
          <p> Und das ist sicher: wenn heute, in unserer Zeit, das wieder herauskäme, was in solchen
            Worten Jesu steckt, wenn es wieder ausgesprochen und gehört würde, das, was Jesus da
            gesagt hat: die Zöllner und <term type="Begriffe" key="3675,2717">Huren</term> kommen
            vor euch ins <term type="Begriffe" key="2560,2080">Himmelreich</term>, wenn heute
            irgendwo, auf einer Kanzel, in einer Zeitung, in einem Privatgespräch, in einem Buch,
            diese Posaune des jüngsten <term type="Begriffe" key="2465">Gerichts</term> [vgl. Mt.
            24,31 u. ö.] wirklich geblasen würde, dann müßte und würde sich die ganze menschliche
            Gesellschaft wie ein Mann dagegen auflehnen, einstimmig müßte und würde die Antwort
            ertönen: das nicht! das wollen wir nicht!, und es würde dem, der solches wagen würde,
            wohl auch nicht viel Anderes übrig bleiben, als sich kreuzigen zu lassen, denn für das
            ist in der Welt kein Platz, es wäre denn das Umgekehrte, daß die Welt daneben keinen
            Platz mehr hat. Wenn dieser einmütige Protest gegen das <term type="Begriffe" key="490,115">Christentum</term> heute nicht erfolgt, so kommt das nur davon her, weil
            das heutige <term type="Begriffe" key="490,115">Christentum</term> und Jesus sehr
            zweierlei ist, weil im heutigen Christentum die Posaune des jüngsten <term type="Begriffe" key="2465">Gerichts</term> durchaus nicht geblasen wird. Würde Jesus
            selbst wieder erscheinen in dem, was man heute Christentum <term type="Begriffe" key="490,120">nennt</term>, dann müßte und würde sich auch dieser Protest wieder
            erheben. |</p>
          <p>Halt! müßten dann auf einmal alle diejenigen rufen, die heute das Christentum
            vertreten, verbreiten und verteidigen, alle offiziellen <pb ed="pga" xml:id="p039"/>
            <term type="Begriffe" key="1850">Kirchen</term>, alle christlichen Gemeinschaften,
            Parteien und Missionen: Halt, so haben wir’s nicht gemeint. Das ist vielmehr das
            Gegenteil von dem, was wir meinen. Das greift vielmehr dem, was wir meinen, an die
            Lebenswurzel. In das Reich Gottes, in das die Zöllner und <term type="Begriffe" key="3675,2717">Huren</term> vor uns eingehen, vor uns, den Ernsten, Überzeugten,
            schon Bekehrten und Belehrten, vor uns mit unserem guten Willen und unserer besseren
            Einsicht, in dieses Reich Gottes wollen wir gar nicht <term type="Begriffe" key="2560,2080">eingehen</term>. Damit haben wir nichts zu schaffen. Kreuzige ihn!
            [Mk. 15,13 par.] |</p>
          <p>Halt! müßten aber auch alle die sagen, die heute das Christentum wenigstens dulden,
            anerkennen, verstehen als eine nicht ganz unnützliche und verkehrte Sache, alle ruhig,
            praktisch, erzieherisch, politisch, wissenschaftlich Denkenden. Halt! müßten sie sagen:
            die Zöllner und <term type="Begriffe" key="3675,2717">Huren</term> gehen vor den
            Gerechten ins Reich <term type="Begriffe" key="2560,2080">Gottes</term>, die Bösen vor
            den Guten, die Leichtsinnigen vor den Ernsten, halt, das geht zu weit, da hört Alles
            auf, das ist gefährlich. Da muß man dagegen sein, auch wenn man nicht einseitig religiös
            ist. Ans Kreuz mit ihm! |</p>
          <p>Ja, und wenn nun Jesus heute wie damals scheinbar Partei ergreifen würde für die
            Zöllner und <term type="Begriffe" key="3675,2717">Huren</term>, sagen wir also: für die
            blutbefleckten <term type="Begriffe" key="400">Bolschewiki</term>, vor denen uns Gott
            behüte, für die Reichen, die es sich, ohne mit der Wimper zu zucken, bei ihrem mit
            Unrecht erworbenen Gut wohl sein lassen – denn solche Reichen sind die <term type="Begriffe" key="3675">Zöllner</term> gewesen -, für die Armen, die immer wieder
            arm sein werden, weil sie nicht hauszuhalten und zu sparen wissen, weil sie so
            unbegreiflich in den Tag hinein leben, für das leichtsinnige <term type="Begriffe" key="905">Fastnachtspublikum</term>, das eben in diesen Tagen<note xml:id="n01">Der
              Predigtsonntag war der Sonntag vor der <term type="Begriffe" key="905">Fastnacht</term>. Barth denkt wohl auch an Basel, wo sie traditionell eine Woche
              später begangen wird.</note> Millionen zum Fenster hinauswirft und nicht nur
            Millionen, sondern Ehre, Anstand, Menschenwürde und gutes Gewissen, für all die
            Unzähligen hoch und niedrig, über deren Glauben oder vielmehr Unglauben und Leben oder
            vielmehr Nicht-­Leben man ganz unbedingt nur den Kopf schütteln kann, wenn Jesus heute
            auftreten und sagen würde, diese würden <hi rend="italic">vor</hi> euch ins Reich Gottes
              <term type="Begriffe" key="2560,2080">eingehen</term>, vor dir, dem christlichen <term type="Begriffe" key="2410">Pfarrer</term> auf der <term type="Begriffe" key="1795">Kanzel</term>, und vor euch, diesem christlichen Publikum, und vor all den Anderen,
            die wahrhaftig eine bessere, höhere, reinere, edlere Lebensauffassung und Lebenshaltung
            haben als diese – warum steht jetzt niemand auf und <pb ed="pga" xml:id="p040"/> geht
            zornig hinaus, wenn ich auch nur diese Möglichkeit erwähne, daß Jesus heute das wieder
            tun könnte, was er damals tatsächlich getan <term type="Begriffe" key="1720,1335">hat?</term> – aber nicht wahr, davon sind wir alle überzeugt, auch diese Menschen,
            die heute den damaligen Zöllnern und <term type="Begriffe" key="3675,2717">Huren</term>
            entsprechen, würden ihn heute wie damals wohl freundlich einen Augenblick anhören,
            erstaunt darüber, einmal keine <term type="Begriffe" key="440">Bußpredigt</term> zu
            hören, erstaunt, daß sie auf einmal die Rechten seien; sie würden wohl im Stillen ein
            wenig lächeln: wenn der eine Ahnung hätte, wer wir eigentlich sind! ­- sie würden aber
            im Grunde ebenso befremdet sein über solche Worte wie die christlich und moralisch
            Gesunden auf der anderen Seite der Gesellschaft, sie würden Jesus kaum danken dafür, daß
            er sich auf ihre Seite stellt, und sie würden, wenn sein Weg dann wieder mit dem Kreuze
            endigte, vielleicht etwas bedauernd und gerührt, aber im letzten Grunde doch unbeteiligt
            und verständnislos dem seltsamen Schwärmer nachsehen, der sie nicht verurteilt, sondern
            merkwürdigerweise ihnen, gerade ihnen eine besondere Stufe des Gottesreiches
            zugesprochen hatte. |</p>
          <p>Es würden aber weiter auch alle wirklichen Jünger Jesu, alle <term type="Begriffe" key="610,132">die </term>Geweckten [?], Begeisterten, Eifrigen, Wartenden, all die
            heute nicht ganz Seltenen, die sich Jesus und Jesus allein! zur Parole gemacht, die es
            sich zum Ziel gesetzt haben, Christus und seinen Geist der Liebe, der Gerechtigkeit, des
            Friedens hineinzutragen in ihr persönliches Leben und in das Leben der Gesellschaft, in
            die politischen und wirtschaftlichen Zustände, die mit Freude und Ernst sein Licht in
            sich aufnehmen und leuchten lassen möchten vor den Leuten [vgl. Mt. 5,16], ich denke an
            die christliche Bewegung, die sich heute unter allerlei Formen unter der Jugend unserer
            großen Städte bemerkbar macht, es müßten und würden auch alle derartigen <term type="Begriffe" key="610,132">Menschen</term> jenes Halt! hören, das damals die Jünger
              <term type="Begriffe" key="1770">Jesu</term> offenbar gehört haben, als sie alle
            (alle!) ihn verließen und flohen, als <term type="Namen" key="Simon Petrus">Petrus</term> ihn verleugnete [Mk. 14,68­-72 par.] und <term type="Namen" key="Judas Ischarioth">Judas</term> ihn verriet [Mk. 14,43f. par.] – wenn sie von
            Jesus hören müßten: Die Zöllner und Dirnen werden vor euch in das Reich Gottes gehen!
            Denn wenn Jesus das meint, was wird dann aus der ganzen Bewegung, wie kann man dann sich
            daran noch beteiligen, arbeiten, kämpfen? Dann sind ja die die Erwachten, die wir
            Schlafende nennen möchten, dann haben ja die recht, die wir bekämpfen möchten, dann ist
            ja denen schon geholfen, denen wir helfen <pb ed="pga" xml:id="p041"/> möchten, dann
            wissen ja die viel mehr als wir, die wir mit allem <term type="Begriffe" key="610,132">Eifer</term> aufklären und gewinnen möchten. Dann geht ja offenbar Christus an uns,
            die wir doch so voll <term type="Begriffe" key="1160,445">Christusgeist</term> sind,
            vorbei mit seiner Sache, oder aber wir müssen uns sagen, wie <term type="Namen" key="Judas Ischarioth">Judas</term> es sich offenbar gesagt hat: Wenn das deine Sache
            ist, Christus, dann haben wir uns geirrt in dir, es tut uns leid: wir sind voll Glut,
            voll Liebe und Vertrauen, voll Erwartung zu dir gekommen, du aber hast uns Steine statt
            Brot gegeben [vgl. Mt. 7,9]; wir sind enttäuscht, von jetzt an, Christus, werden wir an
            dir vorbei unsere eigenen Wege gehen.</p>
          <p>Liebe Freunde, meint ihr, daß Jesus unter uns auch nur um ein Haar weniger <term type="Begriffe" key="1720,1300">einsam</term> und verlassen (von allen Seiten
            verlassen) sein würde als unter den damaligen Menschen? Hat er’s nicht selbst gesagt:
            Wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinst du, daß er auch Glauben finden werde auf
            Erden? [Lk. 18,8]. Er müßte unter uns sterben, an uns sterben, so gut wie er an den
            damaligen Menschen gestorben <term type="Begriffe" key="1720,1400">ist</term> ­- er, der
            wirkliche Jesus nämlich, der Jesus, der z. B. das Wort von den Zöllnern und Huren
            gesprochen hat.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>3.</head>
          <p> Was sollen wir sagen zu diesem unerhörten Wort? Es gibt nur eine Erklärung dafür, und
            diese Erklärung ist keine Erklärung. Sie erklärt uns nur, wie unerklärlich es ist. Diese
            Erklärung ist das <term type="Begriffe" key="1720,1400">Kreuz</term>. Der Mann, der
            dieses Wort gesprochen hat, ist im Unterschied zu uns allen ein Sterbender. Was er
            meint, sucht und will, liegt in der Tat jenseits dessen, was wir alle meinen, suchen und
            wollen. Er verkündigt weder dies noch das, was Menschen tun können, er <term type="Begriffe" key="1720,1405">verkündigt</term> den Anfang, der dort stattfindet, wo
            alles, was Menschen tun, zu Ende ist. Er rechtfertigt weder die Guten um ihrer
            Gerechtigkeit willen, noch die Bösen um ihrer Ungerechtigkeit willen, er rechtfertigt
            Gott, der der Gott der Guten und der Bösen ist [vgl. Mt. 5,45]. Er zeigt nicht auf etwas
            Mögliches, sondern auf etwas Unmögliches, er geht an allen Lebenserscheinungen vorbei,
            um den Tod zu erleiden, und als ob er ihn schon erlitten hätte, blickt er zurück auf all
            die verschiedenen Lebenserscheinungen und sieht sie sehr nahe beieinander. Er ergreift
            also wirklich auch in dem Gleichnis von den zwei Söhnen und in dem Wort von den Zöllnern
            und Huren nur scheinbar Partei für die einen gegen die anderen. Nur scheinbar sieht es
            so aus, als ob Jesus da einfach das oberste zuunterst kehre, wie man es früher mit den
            Sanduhren mach<pb ed="pga" xml:id="p042" break="no"/>te, als ob er in einer merkwürdigen
            Einfalt plötzlich die Guten die Bösen und die Bösen die Guten nenne. Das wäre ein sehr
            bequemer und etwas leichtsinniger Einfall, den Andere auch schon gehabt haben. Daß Jesus
            es nicht so gemeint hat, daß er viel weiter sah, sehen wir schon daran, daß es dem
            gemeinen Volk gar nicht einfiel, für ihn Partei zu nehmen, sich um ihn zu scharen, ihm
            im Ernst Gehör zu schenken, sie so wenig wie die, gegen die er da scheinbar auftrat. Er
            ging in Wahrheit mitten durch sie alle hinweg, durch die Pharisäer und Schriftgelehrten
              <hi rend="italic">und</hi> durch die Zöllner und Huren [vgl. Lk. 4,30]. |</p>
          <p> Das Gleichnis von den zwei Söhnen ist ein <term type="Begriffe" key="15,5">Gleichnis</term>, nicht eine Gleichung, ein Hinweis auf eine <term type="Begriffe" key="2350,2000">Gottesordnung</term>, nicht eine Abbildung der menschlichen <term type="Begriffe" key="15,5">Wirklichkeit</term>. Sein Sinn und Inhalt ist wirklich
            nicht der, daß zuletzt dann doch wieder Einer dasteht als gerühmt und der andere als
            getadelt, der eine im Recht und der andere im Unrecht, der eine hoch und der andere
            niedrig. Jesus hat es mit seinem «Was dünkt euch aber …, welcher von den zweien hat des
            Vaters Willen getan?» den Pharisäern überlassen, auf ihre Weise diesen Schluß daraus zu
            ziehen. «Der Erste» – ja natürlich, das war leicht zu erraten. Nein, dieses Gleichnis
            und auch das Wort von den Zöllnern und Huren fängt die <term type="Begriffe" key="3480">Weltgeschichte</term>, die ewige Weltgeschichte von den Unterschieden zwischen uns
            Menschen nicht wieder von vorne an, nur daß jetzt zur Abwechslung die Braven schlimm und
            die Schlimmen brav dastehen. Dieses <term type="Begriffe" key="15,5">Gleichnis</term>
            sagt, daß die <term type="Begriffe" key="3480">Weltgeschichte</term>, diese
            Weltgeschichte aus ist. |</p>
          <p>Da stehen die Menschen alle mit ihren so ganz verschieden gerichteten Leben. Das Leben
            der Einen ist gleichsam ein lautes, mächtiges, ehernes [?] Ja, wohlverstanden nicht nur
            ihre Worte und Gedanken, sondern ihr Leben, ihr ganzes Dasein, die Richtung ihres
            Herzens und Wollens. Sie sind im <term type="Begriffe" key="780">Ernst</term>, in allem
            menschlichen Ernst auf Gott gerichtet. Wir müssen, wenn wir von den Pharisäern und <term type="Begriffe" key="2440,2057">Schriftgelehrten</term> reden, an die besten, <term type="Begriffe" key="2130,1895">frömmsten</term>, aufrichtigsten Menschen denken, die
            wir kennen, und an unsere eigenen besten Augenblicke. Das Leben der Anderen ist
            gleichsam ein lautes, wüstes, häßliches Nein, wie es nur das Nein eines trotzigen,
            ungehorsamen Sohnes sein kann. Wohlverstanden nicht nur äußerlich, sondern innerlich,
            bis in die Seele hinein: Nein! Nicht Liebe, nicht Gerechtigkeit, nicht Friede. Nicht
            irgend etwas, auch nicht zu allerhinterst im Menschen, was <pb ed="pga" xml:id="p043"/>
            vertrauens-­ und rühmenswert wäre. Nicht irgend eine schöne Regung in einer dunklen
            Seele. Es gibt solche, aber Jesus meint nicht das. Er meint wirklich, daß es Menschen
            gibt, die im Großen Ganzen entschieden Nein sagen. Aus diesem Ja und Nein der Menschen
            setzt sich die <term type="Begriffe" key="3480">Weltgeschichte</term> zusammen. Die
            Guten sind gut und werden immer besser, die Bösen sind bös und werden immer <term type="Begriffe" key="2130,1905">schlechter</term>. Das ist unsere Wirklichkeit, unsere
            ganze, große menschliche Herrlichkeit, dieses Unterscheiden. Stolz und zufrieden sehen
            die Einen auf ihr Ja und meinen, das sei nun etwas <term type="Begriffe" key="2130,1923">Höchstes</term> und Letztes, daß sie solche Ja-­ Menschen sind. Und stolz und
            zufrieden sind Manche auch in ihrem Nein und halten es ihrerseits für etwas Großes, daß
            sie Nein-­Menschen sind. Das ist eben das Menschliche, daß wir das Ja und Nein der
            Menschen für das Leben halten. |</p>
          <p> Und nun sagt uns Jesus das <term type="Begriffe" key="1380,680">Göttliche</term>, daß
            es noch eine ganz andere Frage gibt, nämlich die, welcher von den zwei Söhnen den Willen
            des Vaters tut, nicht nur Ja oder Nein sagt, sondern tut. Ja, was heißt das: den Willen
              <term type="Begriffe" key="3550,2605">Gottes</term> tun, wenn es auch bei dem
            höchsten, besten, frömmsten <term type="Begriffe" key="2130,1895">Leben</term>, dem
            stärksten Ja-­Leben immer noch die Frage sein soll, ob denn nun der Wille Gottes getan
            ist? Und wenn es auch bei dem wüstesten, bösesten Leben, bei dem stärksten Nein-­Leben
            immer noch die Frage sein soll, ob da nicht der Wille Gottes tatsächlich getan ist? Was
            heißt das, den Willen <term type="Begriffe" key="3550,2605">Gottes</term> tun, wenn das
            eine Frage ist, die so gleichmäßig an die Ja-­ und an die Nein-­Menschen gestellt ist?
            Was ist das, was Jesus da an uns Menschen alle heranbringt, indem er von dem
            Nein-­Menschen sagt, daß er des Vaters <term type="Begriffe" key="3550,2605">Willen</term> tat, und ihn also heraufhebt aus seiner sündigen Tiefe, und von dem
            Ja-­Menschen, daß er des Vaters Willen nicht tat, und ihn also herunterholt von seiner
            gerechten Höhe? Was ist das, was da so übermächtig auf uns eindringt, wenn Jesus die
            natürliche, die gewohnte Reihenfolge wie im Spiel umkehrt und sagt, daß die Zöllner und
              <term type="Begriffe" key="3675,2717">Huren</term> vor den Pharisäern und <term type="Begriffe" key="2440,2057">Schriftgelehrten</term> ins Reich Gottes gehen <term type="Begriffe" key="2560,2080">werden</term>? Warum hat er die Letzten so furchtbar
            gekränkt, und warum sind offenbar auch die Ersten davor zurückgeprallt und haben sich
            gar nicht so verhalten, als ob Jesus nun etwa ihnen recht gegeben hätte? Offenbar darum,
            weil da die Menschen vor die Erkenntnis gestellt werden, daß das Tun des Willens <term type="Begriffe" key="3550,2605">Gottes</term> das <term type="Begriffe" key="3125">Unmögliche</term> ist, daß da alle Reihenfolge aufhört, daß man da ebensogut AB als
            BA sagen kann; offenbar darum, weil da <pb ed="pga" xml:id="p044"/> wirklich die Posaune
            des jüngsten <term type="Begriffe" key="2465">Gerichts</term> geblasen wurde, die den
            Menschen sagt, daß der Mensch mit seiner Herrlichkeit etwas ist, das überwunden werden
              muß<note xml:id="n02">Vgl. Fr. <term type="Namen" key="Nietzsche, Friedrich">Nietzsche</term>, <hi rend="italic">Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und
                Keinen</hi>, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G.
              Colli und M. Montinari, Bd. 4, München / Berlin / New York 1980, S. 14: «<hi rend="italic">Ich lehre euch den Übermenschen.</hi> Der Mensch ist Etwas, das
              überwunden werden soll.» S. 332: «Ich liebe die grossen Verachtenden. Der Mensch aber
              ist Etwas, das überwunden werden muss.»</note>, offenbar darum, weil da die Menschen
            alle vor Gott gestellt werden, und vor Gott muß der Mensch sterben. Denn wenn ich nicht
            mehr stolz und zufrieden sein kann in meinem Ja oder Nein, wenn die <term type="Begriffe" key="940,175">Lebensfrage</term> nicht damit erledigt ist, daß ich für
            mein Ja belobt und für mein Nein getadelt werde, wenn das alles, was ich bin und was im
            Guten oder Bösen meine Herrlichkeit ist, auf die Seite gewischt wird, wenn die Frage an
            mich gerichtet wird: Ja, tust du denn Gottes <term type="Begriffe" key="3550,2605">Willen</term>? Ja, was sagt denn Gott dazu, was du bist?, dann muß ich mich entweder
            ganz furchtbar wehren gegen diese höchst beunruhigende Frage, oder aber es fängt ein
            großes <term type="Begriffe" key="3040,2289">Sterben</term> an, ein Sterben meines
            Selbstbewußtseins und Selbstvertrauens, ein Sterben meiner Sicherheit und Zuversicht,
            ein Sterben des Glanzes, den wir alle festhalten möchten bei jedem auch nur in Gedanken
            ausgesprochenen Sätzchen, das mit «ich» anfängt. |</p>
          <p>Es ist klar, daß es die Nein-­Menschen dann insofern leichter haben, als sie weniger zu
            verlieren haben, und darum hat Jesus nicht nur im Spiel, sondern im Ernst gesagt: die
            Zöllner und <term type="Begriffe" key="3675,2717">Huren</term> werden vor euch in das
            Reich Gottes <term type="Begriffe" key="2560,2080">gehen</term>. Es ist bei denen, die
            schon unter und in einem Nein stehen, leichter, wahrscheinlicher, daß sie sich unter das
            große göttliche Nein beugen, als bei denen, die schon unter und in einem menschlichen Ja
            stehen. Es ist bei ihnen wahrscheinlich Alles gelöster, lockerer, reifer zum
            Zusammenbruch, reifer für das Ende des Menschen. Aber sterben müssen auch sie. Der große
            Sprung, die große Schwierigkeit bleibt auch ihnen nicht erspart. Ein Vorrecht haben also
            auch sie nicht. Alle Menschen stehen, wenn sie mit Jesus zu tun bekommen, vor der
            unerhörten Notwendigkeit, daß nicht nur ihre Sünde, ihr Böses, Weltliches, Gemeines und
            auch nicht nur ihr Stolz und ihre Sicherheit, sondern schließlich sie selbst <term type="Begriffe" key="3040,2289">sterben</term> müssen, um zu leben. Diese
            Notwendigkeit ist das Unerhörte in dem Wort von <pb ed="pga" xml:id="p045"/> den
            Zöllnern und Huren, das Ferne, Fremde, <term type="Begriffe" key="1720,1335">Anstoßerregende</term> an Jesus überhaupt. Entweder wir lernen es zu <term type="Begriffe" key="3040,2289">sterben</term>, oder dann heißt es heute wie damals:
            Kreuzige <hi rend="italic">ihn!</hi></p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>4.</head>
          <p> Sterben ist ein hartes, schreckliches Wort. Aber, meine Freunde, das eigentlich Harte
            und Schreckliche ist nicht das Sterben, sondern das Leben, das da sterben sollte, das
            Leben mit seinem scheinbaren Ja und Nein, mit dem wir doch den Willen <term type="Begriffe" key="3550,2605">Gottes</term> nicht tun, das Leben mit seinen
            scheinbaren Gegensätzen, wo wir bald im Guten, bald im Bösen vergessen, daß wir [vor]
            Gott <term type="Begriffe" key="2927">stehen</term>, und damit bald im Guten, bald im
            Bösen ohne Gott <term type="Begriffe" key="2130,1915">leben</term><note xml:id="n03">«Von der Gottlosigkeit des <term type="Begriffe" key="2130,1915">Menschen</term> im
              Bösen» und «Die Gottlosigkeit des <term type="Begriffe" key="2130,1915">Menschen</term> im Guten» heißen die Überschriften der Erklärungen zu Röm. 1,19ff.
              und Röm. 2,1ff. in: <term type="Namen" key="Kutter, Hermann">H. Kutter</term>, <hi rend="italic">Das Bilderbuch Gottes für Groß und Klein, I. Römerbrief Kapitel
                1-4</hi>, Basel 1917. Die beiden Kapitel wurden 1918 unter diesen Titeln auch
              separat als «Sonderdrucke» herausgebracht.</note>, das Leben mit seiner Herrlichkeit,
            die bald <term type="Begriffe" key="2440,2057">Pharisäerherrlichkeit</term> ist und bald
              <term type="Begriffe" key="905">Fastnachtsherrlichkeit</term>, nur nie Herrlichkeit
            Gottes. Sterben ist nur darum so hart und schrecklich, weil unser Leben so hart und
            schrecklich ist. <term type="Begriffe" key="3040,2289">Sterben</term> selbst ist der
            Ausgang und Übergang zum wirklichen Leben. <term type="Begriffe" key="3040,2289">Sterben</term> ist Überwindung dieses Lebens, die <term type="Begriffe" key="750">Erlösung</term>, die Versöhnung, der Anfang des Reiches Gottes. Ahnen wir, warum
            Jesus sterben <term type="Begriffe" key="1720,1400">mußte</term>, sterben wollte? Ahnen
            wir, was für eine Last er mit unserem Sterben auf sich genommen, getragen,
            hinweggetragen hat? Ahnen wir, daß er mit seinem <term type="Begriffe" key="1720,1400">Sterben</term> den großen Schritt getan hat für uns alle, für die Pharisäer und für
            die Zöllner und Huren, den Schritt aus der Welt zu Gott, durch den es hell werden soll
            in unserem Herzen: Also hat Gott die Welt geliebet … [Joh. 3,16].</p>
        </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-67">Nr. 9 «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von J. J. Schütz, Strophen 1­-3 (RG
              [1998] 240,1­-3; EG 326,1­-3)</bibl>
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-75">Nr. 117 «O Lamm Gottes, unschuldig», Strophen 1­-3, von N. Decius (Str. 1) und
              «nach Dresden 1736» (Str. 2.3) (RG [1998] 437 mit Textabweichungen in Str. 2.3; EG
              190.1 Str. 1.-.-) </bibl>
          </listBibl>

        </div>

      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
