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        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">Sprüche 16,2 «Das große ‹Aber›»</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Sprüche 16,2 «Das große ‹Aber›», 27. Februar 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44010 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 61.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44010</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">Sprüche 16,2 «Das große ‹Aber›»</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">61</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: Spr 16,2: "Das grosse Aber", 27. Februar 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2114">KBA 1538</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1921-02-27">27. Februar 1921</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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          <head><idno> </idno>
          </head>

          <dateline>
            <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName></hi>, Sonntag,
            den <date when="1921-02-27">27. Februar 1921</date><note xml:id="n01">Barth wurde am 27.
              Februar in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> durch Pfarrhelfer S.
              Buch vertreten.</note>
          </dateline>


          <head type="header"><hi rend="italic">Das große «Aber»</hi><note xml:id="n02">Um sich in
                <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName> mit einer Predigt in der
              Reformierten Gemeinde vorzustellen - eine "Probevorlesung" zu halten hatte Barth
              abgelehnt (Bw.Th. I, S. 468f.) -, wählte er die Predigt Nr. 540 vom 17.10.1920
              (Predigten 1920, S. 349–357). Am 22.2.1921 schrieb er an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>: " Ich bin schließlich auf diese Predigt
              gestoßen als auf die zugleich neutralste und sachlichste und bin eben daran, sie noch
              mit einigen Vorsichtsmaßregeln und Palisaden gegen <persName ref="kbga-actors-393">Stange</persName> und <persName ref="kbga-actors-808">Titius</persName> zu
              versehen! Im Ganzen ist nicht viel zu ändern." (Bw.Th. I, S. 472) In der Tat enthält
              das neugeschriebene Manuskript inhaltlich nur geringe Veränderungen gegenüber der
              Vorlage. Die Predigt wurde unter der oben stehenden Überschrift 1924 in: Komm Schöpfer
              Geist!, S. 14–23, aufgenommen. Die Abweichungen des gedruckten Textes vom Manuskript
              sind in der oben S. XII beschriebenen Weise dokumentiert.</note></head>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.16.2">Sprüche 16,2</ref>

              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">Einen Jeglichen dünken seine Wege rein, aber der Herr
                  wäget die Geister.<note xml:id="n03">Barth folgt der «durchgesehenen Ausgabe» der
                    Luther-Bibel von 1892.</note></hi>
              </quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div type="main">
        <div>
          <p><hi rend="italic">Aber!</hi>
            <note n="a" type="textcritical" xml:id="na">Mskr.: <hi rend="italic">«1. <term type="Begriffe" key="25">Aber»</term></hi></note> sagt die Weisheit der Bibel. Wer
            es einmal gehört und verstanden hat, dem geht nichts<note n="b" type="textcritical" xml:id="nb">Mskr.: «nichts mehr»</note> über dieses umsichtige, bedeutungsvolle,
            inhaltsschwere, biblische Aber. Wir sind aber nie fertig damit, es zu hören und zu
            verstehen. Man kann<note n="c" type="textcritical" xml:id="nc">Mskr.: «könnte»</note>
            die Leser der Bibel einteilen in solche, die es<note n="d" type="textcritical" xml:id="nd">Mskr.: «die von diesem Aber etwas»</note> merken, und solche, die nichts
            davon merken. Nicht alle Gelehrten gehören zu den Merkenden, aber auch nicht alle
            Ungelehrten. Wir alle gehören manchmal zu den Merkenden, manchmal zu den
              Nichtmerkenden.<hi rend="italic">
              <term type="Begriffe" key="25">Aber</term></hi> bedeutet, daß noch etwas übersehen und
            vergessen ist, daß noch etwas zu berücksichtigen ist, daß noch eine andere neue
            Möglichkeit vorhanden ist.<hi rend="italic">
              <term type="Begriffe" key="25">Aber</term></hi> bedeutet, daß es mit unserem Denken
            und Reden, Sehen und Handeln um eine Ecke gehen <term type="Begriffe" key="585">muß</term>. – Ein Schiff in voller Fahrt, fröhliche oder auch traurige <pb ed="pga" xml:id="p052"/> Reisende<note n="e" type="textcritical" xml:id="ne">Mskr.:
              «Fahrgäste»</note>, vielbeschäftigte Heizer und Matrosen an Bord, immer vorwärts,
            immer gradaus.<hi rend="italic">
              <term type="Begriffe" key="25">Aber</term></hi> – da wirft<note n="f" type="textcritical" xml:id="nf">Mskr.: «reißt»</note> der Steuermann das Steuer<note n="g" type="textcritical" xml:id="ng">Mskr.: «Steuerruder»</note> herum und hat ein
            Unglück verhütet, denn es lag eine Sandbank in der Fahrtlinie. Man kann eben nicht immer
            gradaus fahren. – Eine Schar von Wanderern auf staubiger Landstraße, seufzend unter der
            Hitze, klagend über die Länge des Weges.<hi rend="italic">
              <term type="Begriffe" key="25">Aber</term></hi> – da hat sich einer gebückt und im
            Staub der Straße ein Goldstück gefunden. Es lohnt sich eben manchmal, nicht nur zu
            seufzen und zu klagen, sondern<note n="h" type="textcritical" xml:id="nh">Mskr.:
              «sondern auch»</note> die Augen offen zu halten. Es könnte<note n="i" type="textcritical" xml:id="ni">Mskr.: «könnte ja»</note> auf einmal noch etwas
            anderes da sein. |</p>
          <p> Aber das sind nur Bilder und <pb ed="A" n="15"/>
            <term type="Begriffe" key="15">Gleichnisse</term>. Das <hi rend="italic">Andere</hi>,
            auf das uns das<hi rend="italic">
              <term type="Begriffe" key="25">Aber</term></hi> der<note n="j" type="textcritical" xml:id="nj">Mskr.: «in der»</note> Bibel hinweist, ist das ganz <term type="Begriffe" key="117">Andere</term><note xml:id="n04">Zum „ganz Anderen“ vgl. R. Otto, <hi rend="italic">Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein
                Verhältnis zum Rationalen</hi> (1917), München 2004­<hi rend="sup">2</hi>, S.
              28–37.</note>, das in unserem Leben auf uns wartet, das uns entgegenkommt, das auf
            einmal da sein könnte, um uns zu sagen, daß es immer da gewesen ist, immer<note n="k" type="textcritical" xml:id="nk">Mskr.: «und immer»</note> da sein wird. Vielleicht
            erschrecken wir dann, vielleicht freuen wir uns, es kommt nicht soviel darauf an. Wohl
            den Knechten, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet [vgl. Lk. 12,37], darauf kommt
            es an. Das <hi rend="italic">Aber</hi> in der Bibel ist das große Aber, das die Ursache
            ist von den vielen kleinen und kleinsten<note n="l" type="textcritical" xml:id="nl">Mskr.: «kleineren und kleinen»</note> Aber, die es in unserem Leben und in der Welt
            gibt. Es ist der Grund in<note n="m" type="textcritical" xml:id="nm">Mskr.: «von»</note>
            allen Gründen, weshalb es bei uns Menschen so oft um die Ecke gehen muß, warum wir<note n="n" type="textcritical" xml:id="nn">Mskr.: «wir es»</note> immer ˹und
            immer˺ wieder lernen müssen, anderes zu sehen, anderes zu denken, anderes zu
              reden<note n="o" type="textcritical" xml:id="no">Mskr.: «anders zu sehen, anders zu
              denken, anders zu reden»</note>. Es erinnert uns an das Größte, was übersehen und
            vergessen wird und<note n="p" type="textcritical" xml:id="np">Mskr.: «wird, was»</note>
            zu be<pb ed="pga" xml:id="p053" break="no"/>rücksichtigen wäre, aber nicht nur das
            Größte, sondern eigentlich das Eine und Einzige. Denn nur, weil wir dieses Eine
            übersehen, übersehen wir so vieles. Und wenn dieses Eine berücksichtigt wird, ist alles
            berücksichtigt. Das Aber der Bibel erinnert uns an den Sinn Gottes, der vor und hinter
            und über und doch immer auch <hi rend="italic">in</hi> dem Sinn und Unsinn<note n="q" type="textcritical" xml:id="nq">Mskr.: «Un-Sinn»</note> der Menschen ist. Das ist die
            in jedem Augenblick allerneueste, die in jedem Augenblick ganz andere <term type="Begriffe" key="2205">Möglichkeit</term>: <hi rend="italic">Gott!</hi> Wollen wir
            uns davor entsetzen? Wollen wir darüber jubeln? Es ist beides möglich, manchmal auch
            beides miteinander. Viel wichtiger ist die Frage, ob wir<note n="r" type="textcritical" xml:id="nr">Mskr.: «wirs»</note> merken wollen. Die <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> kann uns Auge und Ohr sein, um zu sehen, was <hi rend="italic">ist</hi>
            in unserem Leben. <hi rend="italic">Gott</hi> ist! sagen die biblischen Menschen. Und
            sie fragen uns: wer sieht? wer hört? wer glaubt unsere Predigt, und wem wird der Arm des
            Herrn offenbar? [Jes. 53,1]. Das ist ihr <term type="Begriffe" key="25">Aber</term>.</p>
          <p><hi rend="italic">Aber<note n="s" type="textcritical" xml:id="ns">Mskr.: <hi rend="italic">«2.</hi> Aber»</note> der Herr wäget die Geister</hi>, heißt es in
            unserem Text. Man kann es auch so sagen, das, was die ganze <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> sagen<note n="t" type="textcritical" xml:id="nt">Mskr.: «uns
              sagen»</note> will. Denn die Bibel sagt zwar nie das <pb ed="A" n="16"/> Gleiche, aber
            sie sagt immer das <term type="Begriffe" key="117">Eine</term>. Aber der Herr wäget die
            Geister. Das ist<note n="u" type="textcritical" xml:id="nu">Mskr.: «ist also»</note>
            dasselbe, wie wenn es auf anderen Blättern der Bibel heißt: <hi rend="italic">Aber</hi>
            der im Himmel wohnt, lacht ihrer, und der Herr spottet ihrer! [Ps. 2,4] … <hi rend="italic">Aber meine</hi> Worte werden nicht vergehen [Mt. 24,35 par.] … <hi rend="italic">Aber</hi> er ist um ihrer<note n="v" type="textcritical" xml:id="nv">Mskr.: «unserer»</note> Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen
            zerschlagen [Jes. 53,5] … <hi rend="italic">Aber</hi> Christus ist auferstanden von den
            Toten und ein Erstling worden unter denen, die da schlafen [1. Kor. 15,20] … Das
              biblische<hi rend="italic">
              <term type="Begriffe" key="25">Aber</term></hi> verkündigt uns das <term type="Begriffe" key="1390,700">Dasein</term> und die Taten <term type="Begriffe" key="1390,1020">Gottes</term>. Wer ist Gott? <hi rend="italic">Der</hi>, der immer
            wieder unvergleichlich, überraschend, unvorhergesehen vor uns steht als Herr<note n="w" type="textcritical" xml:id="nw">Mskr.: «der Herr»</note>, als der, der da alles
              ist<note n="x" type="textcritical" xml:id="nx">Mskr.: «als der, der alles das
              ist»</note> und hat, wo wir nichts<note n="y" type="textcritical" xml:id="ny">Mskr.:
              «was wir nicht»</note> sind und haben, und von dem wir gerade darum mit unserem Sein
            und Haben leben wie der Schatten vom Licht. Was tut Gott? <hi rend="italic">Er wägt die
                <pb ed="pga" xml:id="p054"/>
              <term type="Begriffe" key="1390,980">Geister.</term></hi> Die Geister sind die <term type="Begriffe" key="1160,445">Menschengeister</term>. Also wir sind auf seiner Waage,
            von ihm eingesehen, von ihm beurteilt, von ihm auf die Probe gestellt, wie viel oder wie
            wenig wir vor ihm wert sind. Das ist unsere Lebenslage, von Gott aus, vom <term type="Begriffe" key="1390,700">Dasein</term> und von den <term type="Begriffe" key="1390,1020">Taten</term> Gottes aus betrachtet.</p>
          <p>Wir werden gewogen, das ist zunächst die Hauptsache. Wir wägen und erwägen ja auch
            selber, wir urteilen über Gut und Böse, wahr und unwahr<note n="z" type="textcritical" xml:id="nz">Mskr.: «unwahr, schön und häßlich»</note>, wir unterscheiden in unseren
              <term type="Begriffe" key="730">Erfahrungen</term>, in den Zuständen und Ereignissen,
            die uns begegnen, in den Worten und Handlungen der Menschen und wohl auch<note n="aa" type="textcritical" xml:id="naa">Mskr.: «auch wohl»</note> in unseren eigenen zwischen
            Wert und Unwert. Gleichsam mit einer Waagschale in der Hand gehen wir mehr oder weniger
              aufmerksam<note n="ab" type="textcritical" xml:id="nab">Mskr.: «aufmerksam und
              sorgfältig»</note> prüfend von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr durch unser Dasein. Aber –
            woher haben wir diese Waagschale? Woher wissen wir, was wir doch eigentlich nicht <term type="Begriffe" key="3575">wissen</term> können?<note n="ac" type="textcritical" xml:id="nac">Im Mskr. hier zusätzlich: «Warum können wir nicht aufhören zu wägen, und
              wenn wir uns noch so oft geirrt und getäuscht haben bei unserem Wägen?»</note> Das ist
            das Neue: Mit unserer kleinen Waagschale in der Hand sind wir selbst in der<note n="ad" type="textcritical" xml:id="nad">Mskr.: «einer»</note> großen Waagschale. Wir
            unterscheiden nicht nur, sondern wir werden unterschieden. Wir urteilen nicht <pb ed="A" n="17"/> nur, sondern wir werden <term type="Begriffe" key="1390,980">beurteilt</term>. Wir erkennen nicht nur, sondern wir sind erkannt. Ein Auge, das mich
            sieht, ein Ohr, das mich hört, ein Meister, der mich prüft, ein Richter, der über mich
            entscheidet, ein König, der mich wählt oder auch nicht wählt [vgl. Jes. 33,22] – <hi rend="italic">das</hi> ist die letzte, tiefste Wahrheit meines <term type="Begriffe" key="3410,2450">Lebens</term> und nicht ˹nur˺ mein eigenes Sehen, Hören,
            Prüfen, Entscheiden und Wählen. |</p>
          <p>Wir Menschen sind imstande, sehr lange und sehr unbekümmert an dieser letzten Wahrheit
            vorüberzugehen. Darum sind wir so laut und lebhaft, besonders in unserem Klagen und
            Anklagen, aber auch in unserem Rühmen und Behaupten<note n="ae" type="textcritical" xml:id="nae">Mskr.: «Behaupten und Rühmen»</note>. Wir übersehen, daß wir das, was wir
            selbst sagen, nie so ganz wirklich ernst nehmen dürften, auch wenn es uns noch so ernst
            ist. Ganz wichtig ist nicht das, was wir sagen, sondern das, was zu uns gesagt wird und
            gesagt ist. Darum sind wir im allgemeinen uneinig in unseren Erwägungen, widersprechen
              <pb ed="pga" xml:id="p055"/> uns gegenseitig in dem, was wir sagen, legen<note n="af" type="textcritical" xml:id="naf">Mskr.: «und legen»</note> Wert darauf, uns zu
            widersprechen ˹und˺ bekommen Streit miteinander<note n="ag" type="textcritical" xml:id="nag">Mskr.: «untereinander»</note>. Wüßten wir, daß wir
            alle <term type="Begriffe" key="1250">gerichtet</term> sind, so müßten und so könnten
            wir uns untereinander nur noch mit größter Zurückhaltung richten und zuletzt gar nicht
            mehr. Darum ist auch soviel Falsches in unseren<note n="ah" type="textcritical" xml:id="nah">Mskr.: «allen unseren»</note> Urteilen und Entscheidungen. Wahr können
            unsere Meinungen nur dann sein, wenn sie hervorgehen aus dem, was Gott von uns meint.
            Wenn wir aber unsere Häuser so bauen, daß die Spitze des Daches den Boden bilden soll,
            müssen wir erleben, daß sie uns umfallen. Es braucht immer wieder eine kräftige,
            bedächtige Besinnung dazu, und vielleicht sind sehr bittere <term type="Begriffe" key="730">Erfahrungen</term> nötig, um uns zu dieser Besinnung zu verhelfen, bis wir
            einigermaßen still werden und einsehen, daß wir gewogen <term type="Begriffe" key="1390,980">sind</term>, bevor wir gewogen haben, daß wir in einem großen Licht
            stehen, bevor wir unsere kleinen Lichter leuchten lassen können.</p>
          <p>Der Herr wägt die <hi rend="italic">Geister</hi>, heißt es. Wir Menschen <pb ed="A" n="18"/> wägen brutto, wie man sagt. Was ist das <term type="Begriffe" key="1950">Leben</term>? Der Gang des Menschen durch die ihm zugemessene Zeit, sein Jungsein und
            Altwerden, die Glücksfälle und Unglücksfälle, die ihm zustoßen, sein Gesicht, das
            allmählich immer bestimmtere schärfere Züge bekommt, bis es in den Zügen des auf dem
            Totenbett Liegenden endgültig anschaulich geworden ist, was er gewesen ist; die
            angenehmen und unangenehmen Eindrücke, die er erweckt, sein Wort, aus dem wir
            gewohnheitsmäßig auf seine Gedanken schließen, seine Leistungen, aus denen wir meinen
            entnehmen zu können, was er kann und nicht kann, der Einfluß, der von ihm ausgeht, der
            Erfolg, den er hat oder<note n="ai" type="textcritical" xml:id="nai">Mskr.: «oder
              auch»</note> nicht hat. Im Blick auf das alles nennen wir einen Menschen oder
            vielleicht auch uns selbst einen glücklichen oder unglücklichen, einen guten oder bösen,
            einen bedeutenden oder unbedeutenden Menschen. Im Blick auf das alles achten oder
            verachten, lieben oder hassen wir. Was ist das <term type="Begriffe" key="1950">Leben</term>? Der Gang der Menschheit durch die Zeiten, die Geschichte der
            verschiedenen Epochen oder Kulturkreise, die Mannigfaltigkeit der Menschen, wie sie
            arbeiten, sich nähren und kleiden, sich bilden, in Krieg <pb ed="pga" xml:id="p056"/>
            und Frieden sich miteinander auseinandersetzen, ihre großen Männer, ihre Erfindungen und
            Entdeckungen, ihre gewonnenen und verlorenen Schlachten, ihre Kunstwerke, ihre
            Königreiche und Freistaaten, ihre Kunst<note n="aj" type="textcritical" xml:id="naj">Mskr.: «Torheit»</note> und Wissenschaft, die unendliche Möglichkeit ihres Glaubens
            endlich, ihre Götter und Götzen<note n="ak" type="textcritical" xml:id="nak">Mskr.:
              «ihre Götzen»</note>. Im Blick auf das alles reden wir von <term type="Begriffe" key="3480">Weltgeschichte</term>, von <term type="Begriffe" key="930">Fortschritt</term> und Entwicklung, von herrlicher <term type="Begriffe" key="3230,2355">Vergangenheit</term>, trüber Gegenwart und dunkler Zukunft. Aber der
            Herr wäget<note n="al" type="textcritical" xml:id="nal">Mskr.: «wägt»</note> die
            Geister. Ist denn das alles das <term type="Begriffe" key="1950">Leben</term>? Oder was
            ist denn das Leben in dem allem? Irren wir uns nicht, wenn wir so brutto wägen? |</p>
          <p> Der Herr <term type="Begriffe" key="1390,980">wägt</term> das eigentliche Gewicht, den
            Inhalt. Dieser Inhalt steckt<note n="am" type="textcritical" xml:id="nam">Mskr.: «steckt
              wohl»</note> in allerlei Hüllen, aber was sind die Hüllen ohne Inhalt<note n="an" type="textcritical" xml:id="nan">Mskr.: «ohne den Inhalt»</note>? Die Hüllen werden
            nicht mit<pb ed="A" n="19" break="no"/>gewogen. Die Geister sind das eigentliche
            Gewicht. Die Geister sind der Inhalt. Die Geister, die <term type="Begriffe" key="1160,445">Menschengeister</term> sind das <term type="Begriffe" key="1950">Leben</term>, das im Guten wie im Bösen Treibende, Bewegende, Schöpferische in dem,
            was wir das Leben heißen. Die Geister sind die <term type="Begriffe" key="1035">Früchte</term>, von denen es heißt: an ihnen sollt ihr sie erkennen [Mt. 7,16 par.],
            die Früchte, die in die ewigen Scheunen Gottes gesammelt, oder auch das Unkraut, das mit
            ewigem Feuer verbrannt wird [Mt. 3,12 u. ö.]. Die Geister wohnen hinter allerlei
            Gesichtern, und durchaus nicht immer entspricht das Gesicht dem Geist, der dahinter
            wohnt. Die Geister reden in mancherlei Sprachen, und nicht immer spricht aus den größten
            Leistungen der größte, aus den kleinsten Leistungen der kleinste Geist. Nicht alles
            Böse, das geschieht, kommt aus einem bösen und nicht alles Gute, das geschieht, aus
            einem guten <term type="Begriffe" key="2130,1905">Geist</term>. Die Geister wohnen auf
            den höchsten und auf den tiefsten Stufen der <term type="Begriffe" key="2140">Menschheit</term>, und daran, wo sie wohnen, sind sie nicht zu erkennen. Der<note xml:id="n05">Von hier an ist der Text nicht mehr mit Tinte, sondern - möglicherweise
              schon auf der Fahrt nach <term type="Begriffe" key="1385">Göttingen</term> - mit einem
              Kopierstift geschrieben.</note> Geist ist der <term type="Begriffe" key="1160,445">Mensch</term> selbst, aber nicht der Mensch, den wir kennen, sondern der Mensch, wie
            ihn nur Gott kennt. Der <pb ed="pga" xml:id="p057"/> Mensch, wie er durchschaut,
            aufgehoben, nackt vor Gott steht, offen oder verschlossen für Gott, ehrlich oder
            unaufrichtig, treu oder untreu, erwählt oder verworfen.<note n="ao" type="textcritical" xml:id="nao">Im Mskr. folgt ein nicht weitergeführter Satzanfang: «Und der Geist ists,
              der»</note> Der Geist des <term type="Begriffe" key="1160,445">Menschen</term> ist in
            der Waagschale Gottes. Das ist das Neue: unsere <term type="Begriffe" key="2960">Sünde</term> kann uns nicht verderben, unsere <term type="Begriffe" key="1240,490">Gerechtigkeit</term> kann uns nicht erretten, der <hi rend="italic">Geist</hi> ist’s,
            der ins <term type="Begriffe" key="1250">Gericht</term> kommt. Der Geist als Wurzel<note n="ap" type="textcritical" xml:id="nap">Mskr.: «die Wurzel»</note> des Menschen in der
            Ewigkeit, der Geist als sein offenes Fenster gegen Jerusalem [vgl. Dan. 6,11], der Geist
            als die Frage voller Antwort: wie kann ich einen <term type="Begriffe" key="1360">gnädigen</term> Gott kriegen?<note xml:id="n06">Im zweiten Teil seiner Predigten "Von
              der heiligen Taufe" (1534) berichtet <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>
              im Rückblick auf die Zeit seines Mönchtums, er habe damals immer gedacht: "O wenn will
              tu einmal from werden und gnug thun, das du einen gnedigen Gott kriegest?" (WA
              37,661,23f.). Vgl. auch <persName ref="kbga-actors-1798">H. Oberman</persName>, <hi rend="italic">Luther. Mensch zwischen Gott und Teufel</hi>, Berlin 1982, S.
              135f.</note>, der Geist als das <term type="Begriffe" key="2850">Seufzen</term> [vgl.
            Röm. 8,26] voll Erhörung: es komme dein Reich [Mt. 6,10 par.]! Was bedeutet alles
            andere, was bedeutet der ganze Lebenslauf und alles, was du sagst und tust, was bedeutet
            der <term type="Begriffe" key="930">Fortschritt</term> und Rückschritt in der <term type="Begriffe" key="3480">Weltgeschichte</term> neben diesem Einen? Wie steht’s mit
            diesem Einen? Da<note n="aq" type="textcritical" xml:id="naq">Im Mskr. ist über «diesem
              Einen: Da» zwischen den Zeilen eingefügt: «Wurzel …». Vermutlich wollte Barth einen
              Passus aus der Predigt Nr. 540 (Predigten 1920, S. 353) einfügen: «… wie steht’s mit
              diesem Einen: mit der Wurzel, mit dem Fenster, mit der Frage, mit dem Seufzen des
              Geistes?»</note> wird das Leben zur <pb ed="A" n="20"/> brennenden <term type="Begriffe" key="940,170">Frage</term>, da entscheidet es sich über Leben und Tod,
            da ist der Finger, der an die Wand schreibt: gezählt<note n="ar" type="textcritical" xml:id="nar">Mskr.: «Gezählt, gezählt»</note>, gewogen und – vielleicht – zu leicht
            erfunden [Dan. 5,25].</p>
          <p>Und der <hi rend="italic">Herr</hi> ist’s, der die Geister <term type="Begriffe" key="1390,980">wägt</term>. Gott ist der <term type="Begriffe" key="1160,430">Geist</term> aller Geister und darum ihr Richter. Gottes <term type="Begriffe" key="3600">Wort</term> ist das lebendige, kräftige, scharfe, zweischneidige Schwert
            [Hebr. 4,12], Gott ist die Wahrheit unseres Lebens, alles Lebens. Wir können nicht
            ehrfürchtig genug sein, nicht weit genug zurücktreten, nicht ˹tief˺ genug
            Abstand nehmen, um auch nur ein wenig zu ahnen, was das heißt, daß Gott die Geister
            wägt. |</p>
          <p>Wir möchten ja wohl<note n="as" type="textcritical" xml:id="nas">Mskr.: «ja
              doch»</note>, indem wir das Wort <term type="Begriffe" key="1390,1095">«Gott»</term>
            aussprechen, immer wieder an irgend etwas Hohes, Großes und Schönes denken, <pb ed="pga" xml:id="p058"/> das wir selbst uns als Ziel, als Ideal aufgestellt haben. Aber dann
            würden wir im Grunde uns doch wieder selber wägen<note n="at" type="textcritical" xml:id="nat">Mskr.: «Und dann würden wir also im Grunde doch wieder selber uns
              wägen»</note>, als unsere eigenen Richter selber uns freisprechen oder verurteilen.
            Gott aber wohnt in einem Lichte, da niemand zu kann [1.Tim. 6,16]. Auch das Höchste, was
            wir von ihm denken können, ist, an ihm selbst gemessen, immer noch <term type="Begriffe" key="3015">Täuschung</term>. Nur er selbst ist Gott. Nur er selbst kennt uns. Nur er
            selbst nimmt uns an oder verwirft uns. Er selbst, er allein. Wo der Mensch vor Gott
              <term type="Begriffe" key="2927">steht</term>, da ist ihm ein Halt! geboten, über das
            er nicht hinaus kann<note n="au" type="textcritical" xml:id="nau">Mskr.: «hinweg
              kommt»</note>, ein Halt, das sich nur mit dem <term type="Begriffe" key="3040">Tode</term> vergleichen läßt. Was noch von uns ist in unserem Leben, das ist noch
            nicht von Gott. Und was schon von<note n="av" type="textcritical" xml:id="nav">Mskr.:
              «aus»</note> Gott ist, das ist nicht mehr aus uns. Indem wir in die Waagschale <term type="Begriffe" key="1390,980">Gottes</term> gelegt werden, entsteht in unserem Leben
            eine <term type="Begriffe" key="3045">Todeslinie</term><note xml:id="n07">Vgl. zum
              Begriff "Todeslinie" Römerbrief 2, S. 142.147.176.188 (bzw. S. 140.145.174.186). Vgl.
              dazu auch <persName ref="kbga-actors-5818">H. Genest</persName>, <hi rend="italic">Karl Barth und die Predigt</hi>, Neukirchen-Vluyn 1995, S. 100f.</note>, eine
            Gerichtslinie, und was diesseits dieser Linie ist, das muß vergehen. |</p>
          <p> Aber das Ende, an dem wir stehen, wo wir vor <term type="Begriffe" key="2927">Gott</term> stehen, ist auch ein Anfang, das Halt!, das uns geboten wird, ist auch
            ein Vorwärts! Die <term type="Begriffe" key="2927">Todeslinie</term> in unserem Dasein
            ist auch die Lebenslinie, die <term type="Begriffe" key="1360">Gnadenlinie</term>. Der
            scharfe Schnitt, der uns trennt von Gott, ist auch die Grenze, durch die wir an seinem
            unsichtbaren, unvergänglichen Wesen [vgl. 1.Tim. 1,17] teilhaben<note n="aw" type="textcritical" xml:id="naw">Mskr.: «teilnehmen»</note>. Gerade die <pb ed="A" n="21"/><hi rend="italic">Frage</hi> nach <term type="Begriffe" key="940,170">Gott</term> kann nicht abreißen, nicht aufhören, nicht erledigt werden, sie ist als
            Frage schon die Antwort. Das ist das Neue: wir stehen im Lichte des <term type="Begriffe" key="1720,1400">Kreuzes</term> und der Auferstehung <term type="Begriffe" key="1720,1260">Jesu</term>, von Gott <term type="Begriffe" key="1390,980">gewogen</term>, sterben wir sein Sterben und leben wir sein Leben.
            Kommen aus Gott nie heraus<note n="ax" type="textcritical" xml:id="nax">Mskr.: «Kommen
              an Gott nie heran»</note> und sind doch von Gott nie losgelassen. Können nie fertig
            werden mit ihm und können es doch nicht lassen, immer neu mit ihm anzufangen. Fleisch
            und Blut kann das Reich Gottes nicht ererben – und dieses Vergängliche muß anziehen die
            Unvergänglichkeit und dieses Sterb<pb ed="pga" xml:id="p059" break="no"/>liche die
            Unsterblichkeit [vgl. 1.Kor. 15,50­-53]. Geschaffene Wesen sind wir, aber von Gott
            geschaffen. Staub und <term type="Begriffe" key="2923">Asche</term> vor ihm, aber nie
            ohne Erwartung der Erlösung, der Herrlichkeit. Wanderer zwischen zwei Welten<note xml:id="n08">Vgl. die autobiographische Erzählung von <persName ref="kbga-actors-3845">Walter Flex</persName>, <hi rend="italic">Der Wanderer zwischen beiden Welten. Ein
                Kriegserlebnis</hi>, München 1917.</note>, gehend von hier nach dort, aber indem wir
            gehen, dem Dort näher als dem Hier. Denn der Herr, in dessen Hand wir sind, ist der Herr
            des Lebens, indem er der Herr des Todes <term type="Begriffe" key="1390,845">ist</term>.</p>
          <p>Und<note n="ay" type="textcritical" xml:id="nay">Mskr.: <hi rend="italic">«3.</hi>
              Und»</note> nun: <hi rend="italic">Einen Jeglichen dünken seine Wege rein.</hi> Da
            sind wir wieder mitten in dem, was wir nur zu gut verstehen. Da leben wir alle in den
            Pflichten und Aufgaben, in den Sorgen und Freuden unseres großen oder kleinen
            Lebenskreises. Da leben wir und wägen selbst, jeder mit seinem besonderen Charakter,
            jeder mit seinem besonderen <term type="Begriffe" key="2670">Schicksal</term>, jeder mit
            seinem besonderen Licht oder auch mit seiner besonderen<note n="az" type="textcritical" xml:id="naz">Mskr.: «mit dem besonderen Licht und auch mit der besonderen»</note>
            Finsternis, die ihm beschieden sind. Da leben wir und vergleichen uns unwillkürlich doch
            mit anderen, die es besser oder schlechter haben, besser oder schlechter machen als wir.
            Da lebt auch die <term type="Begriffe" key="2140">Menschheit</term> im Ganzen in der
            eigentümlichen Dämmerung der jetzigen Stunde, wo man nicht weiß: will es Tag werden oder
            erst recht Nacht [vgl. Jes. 21,11f.]: Die Völker, die Parteien, die Stände, alle mit
            ihren besonderen Notwendigkeiten und Wahrheiten, die vielen Einzelnen auch, die heute
            mit ihren Gedanken, mit ihren Bestrebungen, mit dem, was sie vertreten und ver<pb ed="A" n="22" break="no"/>kündigen möchten, einsame Wege gehen. Und einen Jeglichen dünken
            seine Wege rein. Ein jeder hält dafür, daß er in seinem Seufzen und in seiner Freude, in
            seinem Wollen und in seinem Tun, in seiner Liebe und in seinem Haß <term type="Begriffe" key="2825">gerechtfertigt</term> sei und gerade den Weg gehen müsse, den er geht. Man
            kann miteinander streiten über das, was uns<note n="ba" type="textcritical" xml:id="nba">Mskr.: «uns da»</note> dünkt. Man kann zueinander sagen: du meinst es nicht gut, oder
            du machst es jedenfalls nicht gut. Du hast nicht recht, hier zu weinen und dort zu
            lachen, so zu reden und so zu handeln. Sieh da, was mich dünkt, sieh da meinen Weg, wie
            rein er ist. Man kann auch die Lust verlieren, über das zu streiten, was andere gut und
            rein dünkt<note n="bb" type="textcritical" xml:id="nbb">Mskr.: «verlieren, mit Anderen
              zu streiten über das, was sie gut oder rein dünkt»</note><term type="Begriffe" key="2130,1933">. </term>Aber was ist dann rein, <pb ed="pga" xml:id="p060"/> wenn
            vielleicht ein jeder seinen Weg für rein halten darf? Ist’s dann nicht fast dasselbe,
            wie wenn wir sagen würden<note n="bc" type="textcritical" xml:id="nbc">Mskr.: «wie wenn
              wir uns sagen müßten»</note>, daß unser aller Wege unrein <term type="Begriffe" key="2130,1933">sind?</term> Seht, das ist unser Leben vor dem <term type="Begriffe" key="25">Aber!</term> der Bibel. Vor dem <term type="Begriffe" key="25">Aber!</term>
            ist im Menschenleben <hi rend="italic">alles</hi> rein und nichts ist rein. <hi rend="italic">Alles</hi> Ja und <hi rend="italic">alles</hi> Nein. Wem es in diesem
            Zwielicht und Nebel von Übermut und Verzweiflung wohl ist, der hört an diesem <term type="Begriffe" key="25">Aber</term> vorbei. Wer es in diesem Zwielicht nicht mehr
            aushält, der hört und merkt und versteht. Der stellt sich in das unzweideutige <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term>, das von daher auf unser Leben fällt. |</p>
          <p>Aber der Herr wäget<note n="bd" type="textcritical" xml:id="nbd">Mskr.: «wägt»</note>
            die Geister. Sind sie rein oder unrein, unsere Wege, haben wir recht oder unrecht in
            unserem Tun und Lassen, Denken und Reden, wenn der Herr die Geister <term type="Begriffe" key="1390,980">wägt</term>? <hi rend="italic">Nein</hi> müssen wir
            sagen, wir haben nicht recht. Wer könnte recht haben im Gerichte <term type="Begriffe" key="1250">Gottes</term>? Wer könnte ruhig<note n="be" type="textcritical" xml:id="nbe">Mskr.: «sicher, ruhig»</note> und zuversichtlich bleiben, wenn er in die
            Waagschale Gottes kommt? Wer könnte vor ihm bestehen wollen? Nein, vor ihm können wir
              <hi rend="italic">nur</hi> erschrecken, nur demütig werden, vor ihm hat aller Streit
            über das, was uns rein dünkt, endgültig ein Ende<note n="bf" type="textcritical" xml:id="nbf">Mskr.: «vor ihm hört aller Streit … endgiltig auf»</note>, vor ihm wird
            alles zerschlagen und weich gemacht, was stehen und hart sein will. Und <hi rend="italic">Ja</hi> müssen wir sagen, denn wer hatte nicht <pb ed="A" n="23"/>
            recht, wer könnte nicht recht bekommen in der Gnade <term type="Begriffe" key="1360,670">Gottes</term>? Wer dürfte nicht sicher, ruhig<note n="bg" type="textcritical" xml:id="nbg">Mskr.: «und ruhig»</note> und zuversichtlich werden, wenn er in Gottes
            Waagschale kommt? Wer sollte nicht bestehen in der Kraft der <term type="Begriffe" key="3240">Vergebung</term>? Sind wir nicht die Seinen, erkannt von ihm, berührt von
            ihm? Geht die <term type="Begriffe" key="3045">Todeslinie</term>, die die Lebenslinie
            ist, nicht mitten durch unser Leben<note n="bh" type="textcritical" xml:id="nbh">Mskr.:
              «Dasein»</note>? Wie sollten unsere Wege nicht rein sein vor<note n="bi" type="textcritical" xml:id="nbi">Mskr.: «in»</note> ihm?</p>
          <p><hi rend="italic">Nein und Ja</hi> heißt<note n="bj" type="textcritical" xml:id="nbj">Mskr.: «heißts»</note> es über uns, Nein <hi rend="italic">und</hi> Ja ist die
            Wahrheit unseres Lebens. In <hi rend="italic">Gott</hi> ist<note n="bk" type="textcritical" xml:id="nbk">Mskr.: «ists»</note> kein Widerspruch. In Gott halten
            wir’s aus, denn in Gott ist<note n="bl" type="textcritical" xml:id="nbl">Mskr.:
              «ists»</note> Bewegung, Lebendigkeit, Hoffnung. In Gott ist <pb ed="pga" xml:id="p061"/> lauter Ja und Nein nur um des Ja willen [vgl. 2.Kor. 1,19f.]. Menschen, die das <term type="Begriffe" key="25">Aber!</term> gehört haben, wundern sich nicht mehr über das
            Nein und das Ja, sie wandern, sie arbeiten, sie beten vom einen zum anderen, sie tragen
            als die Gefangenen etwas in sich von der Freiheit der zukünftigen <term type="Begriffe" key="3470,2580">Welt</term>. Erschrocken und gewiß im Geist, sind sie jetzt schon
            Gottes Zeugen und Wegbereiter. Niemand sage: ich kann es nicht hören. Jesus hat es
            gesprochen, auch in unser Leben hinein: Ich bin die Auferstehung und das Leben [Joh.
              11,25]!<note xml:id="n09">Zu dieser Predigt gibt es weder Liedangaben noch briefliche
              Mitteilungen über den Verlauf des Gottesdienstes.</note></p>
        </div>
        </div>

      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
