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        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">Matthäus 22,23­–33</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 22,23­–33, 6. März 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44011 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 67.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">Matthäus 22,23­–33</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">67</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: Mt 22,23-33, 6. März 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1993">KBA 1539</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1921-03-06">6. März 1921</date>
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          <head><idno>556</idno></head>

          <dateline>
            <placeName><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den <date when="1921-03-06">6. März 1921</date><note xml:id="n01">Am 8. März schrieb Barth an
                <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>: "Die Predigt über die
              Sadduzäerfrage entstand z.T. erst am Sonntag Morgen in Notizenform." (Bw.Th. I, S.
              473)</note>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.23 Mt.22.33">Matthäus 22,23­–33</ref>
              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">[An dem Tage traten zu ihm die Sadduzäer, die da halten,
                  es sei kein Auferstehen, und fragten ihn und sprachen: Meister, <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> hat gesagt: So einer stirbt und hat nicht
                  Kinder, so soll sein Bruder sein Weib freien und seinem Bruder Samen erwecken. Nun
                  sind bei uns gewesen sieben Brüder. Der erste freite und starb; und dieweil er
                  nicht Samen hatte, ließ er sein Weib seinem Bruder; desgleichen der andere und der
                  dritte bis an den siebenten. Zuletzt nach allen starb auch das Weib. Nun in der
                  Auferstehung, wes Weib wird sie sein unter den sieben? Sie haben sie ja alle
                  gehabt. Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ihr irret und wisset die
                  Schrift nicht noch die Kraft Gottes. In der Auferstehung werden sie weder freien
                  noch sich freien lassen, sondern sie sind gleichwie die Engel Gottes im Himmel.
                  Habt ihr aber nicht gelesen von der Toten Auferstehung, was euch gesagt ist von
                  Gott, der da spricht: «Ich bin der Gott <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> und der Gott <persName ref="kbga-actors-2198">Isaaks</persName> und der Gott <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName>»? Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der
                  Lebendigen. Und da solches das Volk hörte, entsetzten sie sich über seine
                  Lehre.]</hi>
              </quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div type="main">
        <div>
          <head>1.</head>
          <p> Das Wort <term type="Begriffe" key="220">«Auferstehung</term>» ist ein <hi rend="italic">dunkles</hi>, schwer verständliches, schwer glaubwürdiges Wort. Nicht
            erst für uns heutige Menschen. Wir hören aus unserem Text, daß es schon zur Zeit Jesu
            unter den <hi rend="italic">Juden</hi> eine Richtung gab – <term type="Begriffe" key="2645">Sadduzäer</term> nannte man sie -, die dafür hielten, es gebe keine
            Auferstehung. Wir wissen ferner aus dem 15. Kapitel des 1. Korintherbriefs, daß es auch
            unter den <hi rend="italic">Christen</hi> der ältesten Zeit solche gab, die den Gedanken
            der Auferstehung ablehnten [ <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.12">V.
              12</ref>]. Und es braucht kaum gesagt zu werden, daß jene Juden und diese Christen zu
            allen Zeiten unzählige <hi rend="italic">Gesinnungsgenossen</hi> gehabt haben. Wir
            dürfen die Menschen früherer Jahrhunderte und Jahrtausende nicht für so einfältig und
            leichtgläubig halten, wie wir es oft tun. Sie wußten im Großen Ganzen ebenso gut zu
            unterscheiden zwischen Möglichem und <term type="Begriffe" key="2205,1975">Unmöglichem</term> wie wir. Von dieser Einfalt und Leichtgläubigkeit früherer Zeiten
            ist <hi rend="italic">erstens</hi> zu sagen, daß tatsächlich, wie wir heute im Zeitalter
            des <term type="Begriffe" key="2913">Spiritismus</term> und der Anthro<pb ed="pga" xml:id="p063" break="no"/><term type="Begriffe" key="135">posophie</term><note xml:id="n02"><persName ref="kbga-actors-791">Rudolf Steiner</persName> (1861–1925)
              vertrat einen Erkenntnisweg, der jenseits der traditionellen Wissenschaften mit
              eigenen Methoden die Welt des Geistigen hinter der sichtbaren Welt erschließen soll.
              1913 gründete er die «Anthroposophische <term type="Begriffe" key="135">Gesellschaft</term>». Zentrum wurde das <placeName ref="kbga-places-1383">Goetheanum</placeName> in Dornach bei Basel. Vgl. <persName ref="kbga-actors-9699">K. Baral</persName>, Art. <term type="Begriffe" key="135">«Anthroposophie</term>»,
              in: RGG<hi rend="sup">4</hi> 1, Sp. 529f. Zum als Gegenbewegung gegen den
              weltanschaulichen Materialismus des 19. Jahrhunderts erstarkten <term type="Begriffe" key="2913">Spiritismus</term> vgl. <term type="Namen" key="Bergunder, Michael">M.
                Bergunder</term>, Art. «Spiritismus», in: RGG<hi rend="sup">4</hi> 7, Sp. 1583f.
              Barth hatte seine Genfer <term type="Begriffe" key="1880">Konfirmanden</term> gewarnt:
              «Das Jenseits (des Todes) kann u. darf <hi rend="italic">nicht Gegenstand unsrer
                Neugierde</hi> u. Nachforschung sein. […] <term type="Begriffe" key="2913">(Spiritismus</term> wissenschaftlich unmöglich, religiös sicher gleichgiltig)»
              (Konfirmandenunterricht 1909-1921, S. 41).</note> wieder wissen, sehr viel mehr Dinge
            möglich sind, als man noch vor etwa 30 Jahren glaubte, so daß jene Menschen klüger und
            einsichtiger waren als wir und nicht umgekehrt, wenn sie an allerlei <term type="Begriffe" key="3610">Wunder</term> glaubten. Sie wußten eben, daß <term type="Begriffe" key="2205,1975">es </term>mögliche <term type="Begriffe" key="3610">Wunder</term> gibt. Es ist aber <hi rend="italic">zweitens </hi>zu sagen, daß auch
            dieser <term type="Begriffe" key="3610,2618">Wunderglaube</term> früherer Zeiten seine
            ganz bestimmten Grenzen hatte. Es gab zu allen Zeiten einen Punkt, da hörten die
            Menschen in der Regel auf zu glauben. Sie hielten mit Recht oder Unrecht mehr Dinge für
            möglich als wir, aber wenn sie durch das Gebiet des für sie Möglichen hindurchgegangen
            und bis an den Punkt gekommen waren, wo das Mögliche an das <term type="Begriffe" key="2205,1975">Unmögliche</term> grenzt, dann kehrten schon vor 1000 und 6000 Jahren
            die allermeisten um und gingen traurig davon wie der reiche Jüngling, als Jesus zu ihm
            sagte: Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.19.21">Mk. 10,21</ref> par.]. Dieser <hi rend="italic">Punkt ist
              derselbe</hi>, vor dem auch wir kopfschüttelnd Halt zu machen pflegen. Bis hieher und
            nicht weiter [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.38.11">Hiob
            38,11</ref>]. Heute ist dieser Punkt wieder weiter hinausgeschoben als noch vor 30
            Jahren. Wir werden uns damit abfinden müssen, daß es allerhand mögliche <term type="Begriffe" key="3610">Wunder</term> gibt. Aber die Grenze des Möglichen ist heute
            wie vor 30, wie vor 2000 Jahren das <term type="Begriffe" key="2205,1975">Unmögliche</term>. Wer wagt es, da zu glauben? Da, wo der <term type="Begriffe" key="3610,2618">Glaube</term>, was man gewöhnlich so nennt, entweder aufhört oder
            etwas ganz und gar Neues und <term type="Begriffe" key="117">Anderes</term> werden müßte
            als das, was man gewöhnlich so nennt? An diesem Punkt steht das Wort <term type="Begriffe" key="220">«Auferstehung»</term>. Es ist ein dunkles, ein schwer
            verständliches, ein schwer glaubwürdiges Wort.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <pb ed="pga" xml:id="p064"/>
          <head>2.</head>
          <p> Und nun ist gerade dieses dunkle Wort die entscheidende, die gründliche, die einzige
            Erklärung für ein anderes Wort, das uns in der Regel nicht so dunkel scheint: für das
            Wort <term type="Begriffe" key="1390,1095"><hi rend="italic">«Gott».</hi></term> Wenn
            wir dieses Wort <term type="Begriffe" key="1390,1095">«Gott»</term> etwa <hi rend="italic">vergessen</hi> haben sollten – und wir vergessen es alle Tage -, dann
            ertönt dieses andere dunkle Wort wie eine Weckuhr: <term type="Begriffe" key="220">Auferstehung</term>! Kann man Gott vergessen, wenn es sich darum handelt? Wenn uns
            etwa <term type="Begriffe" key="1390,1095">«Gott»</term> ein allzu <hi rend="italic">gewohntes</hi> und darum gleichgiltiges Wort geworden ist wie ein altes, verblaßtes
            Bild in einem schönen goldenen Rahmen, seht, da bekommt das Bild auf einmal Farbe und
            Gestalt: <term type="Begriffe" key="220">"Auferstehung</term>!" heißt’s, wer wird da den
            Rahmen auch nur noch ansehen, der vorher das einzige war, das wir sahen, wem sollte Gott
            etwas Gewohntes und Gleichgiltiges sein, wenn es sich darum handelt? Wenn es sein
            sollte, daß wir an Gott<hi rend="italic">
              <term type="Begriffe" key="3730">zweifeln</term></hi> – und wer von uns zweifelt nicht
            an Gott? ­-, seht, dann erklärt uns das Wort <term type="Begriffe" key="220">«Auferstehung</term>», warum wir eigentlich an Gott <term type="Begriffe" key="3730">zweifeln</term>; denn das wissen wir gewöhnlich nicht. Ist das gemeint, dann können
            wir merken, daß wir allen Grund haben zu zweifeln, dann wird unser Zweifel aus einer
            bloßen Laune, aus einem bloßen Mißverständnis ein ernster, großer Zweifel, so groß, daß
            er schon beinahe wieder Glaube ist. Und wenn es sein sollte, daß wir Gott<hi rend="italic">
              <term type="Begriffe" key="2030,1830">lieben</term></hi> – und es ist keines unter
            uns, das nicht auch etwas von solcher Liebe zu <term type="Begriffe" key="2030,1830">Gott</term> in sich trüge -, dann springt das Wort <term type="Begriffe" key="220">«Auferstehung</term>» auf und mag uns sagen, was das für etwas Ungeheures ist, daß
            wir kleinen Menschen Gott lieben dürfen und können, so groß, daß wir zugleich auch an
            uns selbst zweifeln und uns sagen müssen: es ist ganz unmöglich, daß wir selbst es sind,
            die das tun. Seht, so wird das Wort <term type="Begriffe" key="1390,1095">«Gott»</term>
            <hi rend="italic">erklärt</hi> durch das Wort <term type="Begriffe" key="220">«Auferstehung»</term>, wie das Wort <term type="Begriffe" key="605">«Eidgenossenschaft»</term> erklärt wird durch das Wort <term type="Begriffe" key="2740">«Schweiz»</term>, wie das Wort <term type="Begriffe" key="2910">«Sozialismus»</term> erklärt wird durch das Wort «Aufhebung der <term type="Begriffe" key="1865">Klassenunterschiede»</term>, wie das Wort <term type="Begriffe" key="3360">«Völkerbund</term>» erklärt wird durch das Wort «Friedensvertrag von <term type="Begriffe" key="3280,2395">Versailles</term>». Das Wort <term type="Begriffe" key="220">«Auferstehung</term>» zeigt auf das Wort <term type="Begriffe" key="1390,1095">«Gott»</term> und sagt uns: An mich sollt ihr denken bei diesem Wort,
            ich bin seine wahre Meinung, sein Inhalt, sein Sinn, seine Bedeutung, seine Kraft und
            nichts Anderes neben mir. In dem Wort <term type="Begriffe" key="220">«Auferstehung</term>» ist’s ausgesprochen, daß Gott Gott <term type="Begriffe" key="1390,790">ist</term>, das Göttliche an Gott, das, was Gott von allem Anderen
            unterscheidet. An diesem Wort kann man den rechten <term type="Begriffe" key="1340,660">Glauben</term> ken<pb ed="pga" xml:id="p065" break="no"/>nen oder auch den rechten
              <term type="Begriffe" key="1340,660">Unglauben</term>. An diesem Wort können [wir die]
              <term type="Begriffe" key="600">Ehrfurcht</term> lernen, die wir Gott schuldig sind,
            oder dann also den Haß, mit dem wir ihn hassen müssen, wenn wir ihm die <term type="Begriffe" key="600">Ehrfurcht</term> verweigern wollen. An diesem Wort geht
            jedenfalls alles das zu Grunde, was in der Mitte ist, die <term type="Begriffe" key="1370">Götzen</term>, der Halb-­ und Halbglaube, alles <term type="Begriffe" key="1945">Laue</term>, alles Sowohl-­als-­auch. Mächtig bricht es hervor aus Gott: Ja
            oder Nein, Entweder – <term type="Begriffe" key="695">Oder</term>! Angezogen oder
            abgestoßen sind wir von Gott, erwählt oder verworfen, gerechtfertigt oder verdammt,
            lebendig gemacht oder getötet. Ein Drittes aber gibt es nicht!</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>3.</head>
          <p> Die <term type="Begriffe" key="2645">Sadduzäer</term> hätten nicht so schnell sagen
            dürfen: wir glauben nicht an die Auferstehung! Denn damit sagten sie eigentlich: wir
            glauben nicht an <term type="Begriffe" key="1340,660">Gott</term>. Und das wollten und
            durften sie doch nicht sagen. Wenn sie mit ihren Gegnern, den <term type="Begriffe" key="2440">Pharisäern</term>, stritten über die Frage, ob es eine Auferstehung gebe
            oder nicht, dann war von Gott nicht weiter die Rede. Niemand war bei diesem Streit
            tiefer <term type="Begriffe" key="3140">beunruhigt</term>, niemand vor ein <term type="Begriffe" key="695">Entweder-­Oder</term> gestellt, niemand vor den brennenden
            Busch des <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> [Ex. 3,2]; niemandem wurde
            die Pistole auf die Brust gesetzt. Man zankte für und gegen mit besseren oder
            schlechteren Gründen. Man marktete miteinander, ob man ein bißchen mehr oder ein bißchen
            weniger glauben wolle. Die <term type="Begriffe" key="2645">Sadduzäer</term> sagten: an
            die Auferstehung zu glauben, das geht uns zu weit! Die <term type="Begriffe" key="2440">Pharisäer</term> antworteten: wir aber gehen so weit, sogar an die Auferstehung zu
            glauben. Es war kein ernsthafter Streit. Es wurde nicht scharf geschossen. Es merkte
            niemand, daß es nicht bloß um verschiedene Meinungen, sondern um das Eins und Alles
            ging. Das Ja und das Nein in diesem Streit war ungefähr gleich viel wert, ungefähr wie
            in dem Streit zwischen der <term type="Begriffe" key="1342">gläubigen</term> und der
              <term type="Begriffe" key="980">freisinnigen</term> Richtung<note xml:id="n03">Die
              theologischen Richtungen, die in Deutschland "orthodox" und "liberal" genannt wurden,
              hießen in der Schweiz "positiv" und <term type="Begriffe" key="980">"freisinnig</term>". Die Bezeichnung <term type="Begriffe" key="1342">"gläubig</term>" entstammt der Polemik.</note> in der christlichen Kirche. Denn auch
            die Pharisäer hätten nicht so schnell sagen dürfen: Wir glauben an die <term type="Begriffe" key="220">Auferstehung</term>. Damit sagten sie ja: wir glauben an
              <term type="Begriffe" key="1340,660">Gott</term>. Und das wollten und durften sie im
            Grunde nicht sagen. Denn das Wort <term type="Begriffe" key="220">«Auferstehung»</term>
            allein tut’s natürlich nicht und der Glaube daran auch nicht. Wer darf denn sagen: ich
            glaube nicht an Gott!, und <pb ed="pga" xml:id="p066"/> wer darf denn sagen: ich glaube
            an Gott?<note xml:id="n04">Vgl. <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von
                Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V. 3432-3437 (Marthens Garten): <quote>
                <lg>
                  <l>Wer darf ihn nennen?</l>
                  <l>Und wer bekennen:</l>
                  <l>Ich glaub’ ihn?</l>
                  <l>Wer empfinden</l>
                  <l>Und sich unterwinden,</l>
                  <l>Zu sagen: ich glaub’ ihn nicht?</l>
                </lg></quote></note> Kann man noch zanken, kann man noch Ja oder Nein sagen, gibt es
            ein Mehr oder Weniger, wenn man merkt, daß es sich um Gott handelt? Beide Teile merkten
            es nicht. Beide Teile redeten, wie wir Menschen miteinander zu reden pflegen, von ihren
            Meinungen und Standpunkten und Lehren. Beide Teile wußten nicht, was sie sagten. Die
            Antwort, die Jesus den <term type="Begriffe" key="2645">Sadduzäern</term> gab, war wie
            ein <term type="Begriffe" key="385">Blitz</term>, der auf einmal klar machte, um was es
            ging. Sie deckte den Zusammenhang auf, daß das Wort <term type="Begriffe" key="220">«Auferstehung»</term> nur die Erklärung ist für das Wort <term type="Begriffe" key="1390,1095">«Gott»</term>. Sie machte dem ganzen Zank, allem Ja und Nein, allem
            Glauben und Unglauben ein Ende. Sie brachte beide Parteien zum Schweigen. Wenn <term type="Begriffe" key="220">Auferstehung</term> das ist, was Jesus darunter verstand,
            dann sind <term type="Begriffe" key="2440">Pharisäer</term> und <term type="Begriffe" key="2645">Sadduzäer</term>, <term type="Begriffe" key="1342">Gläubige</term> und
              <term type="Begriffe" key="980">Freisinnige</term>, Jasager und Neinsager nahe
            beieinander. Über das, was möglich und <term type="Begriffe" key="2205,1975">unmöglich</term> ist, kann man verschiedener Meinung sein. Wenn das, was unmöglich
            ist, ins Spiel kommt, dann kommen alle noch so verschiedenen menschlichen Meinungen auf
            einen Haufen, dann fängt eine ganz neue Frage an: <hi rend="italic">das</hi> Ja oder
            Nein, das aus Gott hervorbricht. Und eben das hat Jesus unter <term type="Begriffe" key="220">Auferstehung</term> verstanden: das, was dem Menschen, allen Menschen <term type="Begriffe" key="2205,1975">unmöglich</term> ist, Gott. Und darum entsetzte sich
            das Volk über <hi rend="italic">seine</hi>
            <term type="Begriffe" key="1720,1405">Lehre</term>.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>4.</head>
          <p> Die Frage, die die Sadduzäer an Jesus gerichtet haben, war sinnreich: Wem gehört in
            der Auferstehung die Frau, die in diesem Leben sieben Männer gehabt hat? Der Fall ist
            unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Hätten sie statt sieben gesagt zwei, wie es noch
            jetzt alle Tage vorkommt, die Frage wäre nicht leichter gewesen. Sie wollten offenbar
            sagen: ein Leben nach dem Tod, das geht nicht. Die <hi rend="italic">Ordnungen und
              Verhältnisse dieses Lebens</hi> machen ein anderes Leben unmöglich, sie schließen es
            aus. Die Frau gehörte in diesem Leben <hi rend="italic">meh<pb ed="pga" xml:id="p067" break="no"/>reren Männern</hi> nacheinander, also kann es kein anderes Leben geben,
            in dem sie allen miteinander gehören müßte. Ungefähr so, wie ich dieser Tage in den
            Lebenserinnerungen des deutschen Generals <persName ref="kbga-actors-673">Ludendorff</persName> gelesen habe: in der Menschheit zählt nun einmal <hi rend="italic">das Recht der Starken;</hi> also ist es ein Wahn, an einen Zustand zu
            glauben, in dem man mit der Friedenspalme gegen das Schwert <term type="Begriffe" key="1920">kämpfen</term> könnte<note xml:id="n05"><persName ref="kbga-actors-673">E.
                Ludendorff</persName>, <hi rend="italic">Meine Kriegserinnerungen 1914-1918</hi>,
              Berlin 1919, S. 5: "Die oberste Heeresleitung vertrat die Ansicht, erst solle die
              Menschheit sich ändern, dann könnten wir auch die Waffen niederlegen und an
              Verständigung denken; sonst sei mit Sicherheit vorauszusehen, daß wir Schaden leiden
              würden. Die Friedenspalme ist keine Wehr gegen das Schwert. Solange die Menschen und
              namentlich unsere Feinde so blieben, wie die Menschheit bisher war, hieß es für
              Deutschland, […] das Schwert festzuhalten und immer wieder zu <term type="Begriffe" key="1920">schärfen</term>." Barth berichtete Thurneysen am 8. März von der Lektüre
              dieses Buches (Bw.Th. I, S. 473).</note>. Und wir könnten fortfahren: Die Menschen
            sind nun einmal <hi rend="italic">verschieden begabt</hi>, also ist es Narrheit, einen
            Zustand zu erstreben, in dem Allen gleiches Recht wird. Die Menschen sind nun einmal <hi rend="italic">leichtsinnig und genußsüchtig</hi>, also ist es verkehrt, daran zu
            denken, alle Menschen nüchtern und ernst machen zu wollen. Die Menschen können nun
            einmal nicht leben ohne den <hi rend="italic">Unterschied von Mein und Dein</hi>, also
            ist es Wahnwitz, diesen Unterschied aufheben zu wollen. Der Mensch <hi rend="italic">verschläft und verträumt</hi> nun einmal mindestens ein Drittel seines Lebens und
            verbringt den übrigen Teil mit notwendigen Nichtigkeiten, die nicht viel besser sind als
            Schlafen; also ist es ein Unsinn, daran auch nur zu denken, daß sein ganzes Leben einen
              <term type="Begriffe" key="2860">Sinn</term> haben solle. Auf das alles konnten die
            Pharisäer damals und kann man heute nur mit Seufzern [?], Predigten und Ermahnungen
              antworten:<note xml:id="n06">Das Manuskript bricht hier ab.</note></p>
        </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl>Nr. 18<note xml:id="n07">Die Tinte ist verwischt, statt Nr. 18 könnte auch 15 zu
                lesen sein. Das wäre dann "Die Himmel erheben des Ewigen Ehre" von Chr. F. Gellert
                (RG [1998] 12 mit Textabweichungen).</note> «Herr! dir ist niemand zu vergleichen»
              nach J. A. Cramer, Strophen 1.2</bibl>
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-26">Nr. 132 «Jesus lebt, mit ihm auch ich» von Chr. F. Gellert, Strophen 1.2.6 (RG
              [1998] 482,1.2.4; EG 115,1.2.6)</bibl>
          </listBibl>

        </div>


      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
