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        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">Römer 8,11 (Ostern)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Römer 8,11 (Ostern), 27. März 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44016 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 98.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">Römer 8,11 (Ostern)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">98</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: Röm 8,11 (Ostern), 27. März 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1998">KBA 1544</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1921-03-27">27. März 1921</date>
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          <head><idno>561</idno></head>
          <head type="event"><hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="2360">Ostern</term></hi></head>

          <dateline>
            <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>, Sonntag,
            den <date when="1921-03-27">27. März 1921</date>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.11">Römer 8,11</ref>
              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">[So nun der Geist des, der Jesum von den Toten
                  auferweckt hat, in euch wohnt, so wird auch derselbe, der Christum von den Toten
                  auferweckt hat, eure sterblichen Leiber lebendig machen um deswillen, daß sein
                  Geist in euch wohnt.]</hi>
              </quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div type="main">
        <div>
          <head>1.</head>
          <p> Die vorgelesenen Worte fangen an mit einem großen Wenn! Und dieses Wenn! hängt nicht
            irgendwie in der Luft, so daß wir mit verschränkten Armen zusehen könnten, ob und wann
            wohl das Dann!, das dazu gehört, auf irgend eine wunderbare oder natürliche Weise auf
            uns herniederfallen werde. Es heißt nicht: wenn irgend etwas Bedeutendes sich
            entschieden hat, sich entscheidet oder sich entscheiden wird irgendwo in der Nähe oder
            in der Ferne, im Lauf der Natur oder in der Geschichte der Menschheit. Sondern dieses
            Wenn zielt sofort ganz persönlich und direkt auf uns alle, bis auf den Hintersten, der
            hier in der <term type="Begriffe" key="1850,1530">Kirche</term> sitzt. Es zielt hin auf
            die Entscheidung, die hier und jetzt in diesem <term type="Begriffe" key="242">Augenblick</term> in uns allen sich ereignet. Es zielt auf das, was du und ich gerade
            hier, gerade jetzt sind und wissen und wollen und tun oder auch nicht sind, nicht
            wissen, nicht wollen, nicht tun. Es zielt aber auf die Wahrheit in dem allem, nicht auf
            das, was wir alle scheinen und meinen. «Wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten
            erweckte, in euch wohnt» – so heißt dieses Wenn. Es zielt und schießt und hat schon
            getroffen, denn daß dieser <term type="Begriffe" key="1160,430">Geist</term> in uns
            wohnt, das ist für uns alle entweder wahr oder nicht wahr. Aber damit ist es nicht
            erledigt. Denn nachdem es soeben getroffen hat, zielt es wieder. Nachdem sich soeben
            etwas in dir entschieden hat, muß es sich aufs neue entscheiden. Nachdem es soeben wahr
            gewesen ist oder auch nicht wahr, daß dieser <term type="Begriffe" key="1160,430">Geist</term> in uns wohnt, muß diese Wahrheit sofort noch einmal und immer wieder
            noch einmal gesucht und gefunden, ergründet und begründet werden. Diesem großen Wenn,
            das da zielt auf uns selbst, auf die Wahrheit in uns selbst und immer aufs neue auf die
            Wahrheit in uns selbst, diesem großen Wenn dürfen wir auf alle Fälle nicht ausweichen.
            Wir müssen diesen Schützen zielen und treffen lassen. Damit uns auch das Dann, das dem
            Wenn unmittelbar folgt und dessen wir alle bedürfen, wirklich treffen kann.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <pb ed="pga" xml:id="p093"/>
          <head>2.</head>
          <p> Laßt mich noch etwas dazu bemerken, gerade heute. Ich weiß, daß in unserer <term type="Begriffe" key="1850,1535">Gemeinde</term> ein stilles Seufzen ist unter denen,
            die fleißig hieher kommen, und wohl noch mehr unter denen, die nur gelegentlich kommen,
            wie etwa heute. Die Gedanken und die Worte, in denen hier das Christentum <term type="Begriffe" key="2470">gepredigt</term> wird, erscheinen ihnen schwer
            verständlich. Wenn ich die Lage recht verstehe, so liegt das weder an mir noch an euch.
            Wir haben nun einmal diese merkwürdige Einrichtung der <term type="Begriffe" key="1850">Kirche</term>, in der wir etwas von Gott zu hören, zu verstehen, zu empfangen
            erwarten; und zwar erwarten wir das als <term type="Begriffe" key="2520">Protestanten</term> von der Erklärung der <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> und von nichts Anderem. Dieses Etwas von Gott ist jenes «Dann», dessen
            wir alle bedürfen. Man könnte darüber streiten, ob nicht den Allermeisten auch von uns
              <term type="Begriffe" key="2520">Protestanten</term> besser gedient wäre, wenn die
              <term type="Begriffe" key="1850">Kirche</term> sich damit begnügen würde, dieses
            «Dann», dieses Etwas von Gott in einer feierlichen, geheimnisvollen Handlung, wie der
              <term type="Begriffe" key="1830,1475">Messe</term> der Katholiken, darzustellen und zu
            bezeugen, den Menschen eine Ahnung und Vorstellung davon zu geben. Wir wären dann mit
            dem «Wenn» einfacher dran, die <term type="Begriffe" key="1830">Katholiken</term> haben
            es leichter als wir. Aber wir sind nun einmal <term type="Begriffe" key="2520">Protestanten</term>. Die <term type="Begriffe" key="2555">Reformatoren</term> haben
            es nun einmal gewagt, die Messe, wie es im alten Heidelberger <term type="Begriffe" key="1825,1472">Katechismus</term> heißt, als einen «vermaledeiten <term type="Begriffe" key="1370">Götzendienst</term>»<note xml:id="n01"><hi rend="italic">Heidelberger <term type="Begriffe" key="1825,1472">Katechismus</term></hi>, Frage
              80: "Unnd ist also die <term type="Begriffe" key="1830,1475">Meß</term> im grund
              nichts anderst, denn ein verleugnung des einigen opffers und leidens Jesu Christi, und
              ein vermaledeyte Abgötterey." (BSRK 704, 30-32)</note> zu erklären und Alles, Alles
            allein auf die Erklärung der <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> abzustellen.
            Das bedeutet nun aber, daß uns das «Wenn», das dem «Dann» vorangeht, schwer und immer
            schwerer zu schaffen macht, je energischer und ernsthafter wir auf dem von den <term type="Begriffe" key="2555">Reformatoren</term> eingeschlagenen Weg vorwärts gehen.
            Denn wenn wir die <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> auftun und nicht mehr
            zutun, sondern zu uns reden lassen, dann begegnet uns jenes große «Wenn», und dann
            wird’s schwer, schwer zu verstehen, schwer zu glauben, schwer anzunehmen. Schon darum,
            weil dieses «Wenn» – «Wenn der Geist Gottes in euch wohnt» – uns selbst, unsere Person,
            unsere Existenz, unser Lebendiges trifft. Alles können wir bei gesunden Sinnen leicht
            verstehen, nur nicht uns <term type="Begriffe" key="2845">selbst</term>; hier wird’s
            schwer. Schon darum, weil dieses «Wenn» uns auf den Grund geht, weil es nach der
            Wahrheit unseres <term type="Begriffe" key="3410,2450">Lebens</term> fragt. Das Drum und
              <pb ed="pga" xml:id="p094"/> Dran in unserem Leben, das, was wir <term type="Begriffe" key="2667,2205">scheinen</term> und meinen, ist leicht zu fassen; leicht ist’s, von
            ihm zu reden, leicht, davon zu hören. Die Wahrheit aber, die <term type="Begriffe" key="2667,2205">Wahrheit</term> in dir und mir ist schwer zu fassen. Schon darum, weil
            dieses «Wenn» nie erledigt ist, immer neu auftaucht [?]. Was jetzt ist, gerade jetzt in
            deinem und meinem äußeren und inneren Leben, was man gleichsam photographieren könnte
            als den Zustand unserer Seele, unseres Charakters, unseres Tuns und Treibens, das ist
            leicht zu begreifen. Aber schwer zu begreifen ist das, was jetzt und jetzt und jetzt ist
            zugleich, das Bild des Vogels im Fluge<note xml:id="n02">Anspielung auf einen berühmt
              gewordenen Satz aus Barths <term type="Begriffe" key="3000">Tambacher</term> Vortrag
                (<hi rend="italic">Der Christ in der Gesellschaft</hi>, in: Anfänge I, S. 3–37, dort
              S. 9): "Denn unsere Stellung zur Lage ist tatsächlich ein Moment einer <hi rend="italic">Bewegung</hi>, dem <term type="Begriffe" key="242,61">Augenblicksbild</term> eines Vogels im Fluge vergleichbar, außer dem Zusammenhang
              der <term type="Begriffe" key="242,61">Bewegung</term> ganz und gar sinnlos,
              unverständlich und unmöglich." Vgl. Römerbrief 1, S. 384; Römerbrief 2, S. 180 (bzw.
              S. 178).</note>, die Wahrheit des Menschen in seiner Bewegung und doch losgelöst von
            den einzelnen Augenblicken dieser <term type="Begriffe" key="242,61">Bewegung</term>.
            Und gerade dieses schwer begreifliche «Wenn» springt uns nun in der <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> entgegen, wo immer wir sie auftun. Und nur in
            und mit diesem «Wenn» dann auch das «Dann», das Etwas von Gott, das wir hier in der
              <term type="Begriffe" key="1850">Kirche</term> erwarten. Ich möchte mit dem allem
            sagen, daß ich euch verstehe, wenn ihr nicht versteht, was ich hier sage. Ich habe es
            selber schwer, zu verstehen, was ich hier sagen soll, wenn ich euch wirklich die <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> erklären soll und nichts Anderes. Eure
            Verlegenheit ist auch die meinige. Ich möchte euch aber auch bitten, einzusehen, daß wir
            diese Verlegenheit nicht los werden können; es wäre denn, wir würden uns entschließen,
            auf einem kleinen Umweg wieder dorthin zurückzukehren, von wo unsere <term type="Begriffe" key="2555">Vorfahren</term> vielleicht allzu kühn vor 400 Jahren
            ausgegangen sind. Solange wir uns dazu nicht entschließen können und solange uns
            trotzdem etwas daran gelegen ist, in der <term type="Begriffe" key="1850">Kirche</term>
            etwas von Gott zu vernehmen und zu empfangen, dürfen wir dem biblischen «Wenn», das uns
            den Zugang zum «Dann» so schwer macht, nicht ausweichen.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>3.</head>
          <p> Doch wir wollen wieder zur Sache kommen. «Wenn der Geist dessen, der Jesus von den
            Toten erweckte, in euch wohnt», sagt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>.
            Seht, da haben wir nun gleich das Schwere. Kennen wir denn überhaupt diesen <term type="Begriffe" key="1160,430">Geist</term>? Ist’s überhaupt möglich, daß wir ihn
            kennen? <pb ed="pga" xml:id="p095"/> Und wenn wir ihn kennen, können wir’s wissen und
            sagen, ob er in uns wohnt; und wenn wir’s könnten, wollen wir es wissen und sagen? Denn
            das spüren wir doch wohl deutlich, daß diese Frage uns in einer Tiefe unseres Wesens
            anfaßt, in der wir nicht gern aufgedeckt und <term type="Begriffe" key="3140">beunruhigt</term> sind, daß sie uns zwingt, über etwas nachzudenken, das wir immer
            wieder lieber unbedacht sein ließen, wie es ist. Wir spüren, daß wir hier an den Rand
            eines <term type="Begriffe" key="45">Abgrunds</term> gedrängt werden, und nun müssen wir
            uns entweder halten an einer Hand, die über dem Abgrund ist, oder stürzen ins Bodenlose.
            Entweder – <term type="Begriffe" key="695">Oder</term>. Sein oder Nicht-­Sein, das ist
            hier die Frage.<note xml:id="n03"><persName ref="kbga-actors-382">W.
                Shakespeare</persName>, <hi rend="italic">Hamlet, Prinz von Dänemark</hi>, III,1
              (Übersetzung von A. W. von Schlegel).</note> Und gerade diesem Entweder ­- <term type="Begriffe" key="695">Oder</term> möchten wir ausweichen, um so mehr, je mehr wir
            merken, daß es immer wieder da sein wird. Viele <term type="Begriffe" key="1160,448">Geister</term> wohnen ja in uns, gute und böse, niedere und höhere, über die wir
            leicht und gern Auskunft geben würden. Aber der Geist <term type="Begriffe" key="1160,430">Gottes</term>? Wie steht’s mit mir, wenn ich antworte: Ja, dieser Geist
            wohnt in mir? Und wie steht’s mit mir, wenn ich antworte: Nein, dieser Geist wohnt nicht
            in mir? Ist’s nicht gleich unmöglich, beides zu sagen? Der Geist <term type="Begriffe" key="1160,430">Gottes</term> ist in der Tat der Geist, von dem wir Menschen unmöglich
            sagen können, daß wir ihn haben oder nicht haben. Die Wörtlein Ich und Mein, das
            menschliche Ja und das menschliche Nein hören in der Tat auf, wenn dieser <term type="Begriffe" key="1160,430">Geist</term> in Betracht kommt. Wenn wir das einsehen,
            wenn wir einsehen, daß wir hier schweigen müssen, dann sind wir nahe daran, zu wissen,
            was das für ein <term type="Begriffe" key="1160,430">Geist</term> ist. Nicht umsonst
            nennt ihn <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> den Geist dessen, der Jesus
            von den Toten erweckte. <term type="Begriffe" key="2360">Ostern</term>! Auferstehung der
            Toten! Gott – das Wort <term type="Begriffe" key="1390,1095">Gott</term> erklärt durch
            das Wort <term type="Begriffe" key="220">Auferstehung</term>!<note xml:id="n04">Vgl.
              oben S. 64f.</note> Was soll da unser menschliches Ja oder Nein? Wo bleibt da die
            Sicherheit menschlichen Glaubens oder Unglaubens und die Unsicherheit menschlichen
            Zweifels, der zwischen beiden hin und her schwankt? Wer darf da sagen: möglich oder
              <term type="Begriffe" key="2205,1975">unmöglich</term>? Und wer darf da sagen: Der
            Geist dieses <term type="Begriffe" key="1160,430">Gottes</term> ist in mir oder nicht in
            mir? Hier gibt es offenbar nur Eines: Schweigen. Haltmachen. Anbeten. Hier stehen wir an
            der Grenze des <term type="Begriffe" key="2130,1878">Menschen</term>. Und seht, gerade
            danach sind wir nun gefragt: ob wir etwas wissen von dieser Grenze? ob wir etwas <pb ed="pga" xml:id="p096"/> wissen von dem Schweigen, Haltmachen und Anbeten, das an
            dieser <term type="Begriffe" key="2130,1878">Grenze</term> am Platze ist? Ob wir wissen,
            daß wir selbst, sofern wir diesseits dieser <term type="Begriffe" key="2130,1878">Grenze</term> sind und leben samt all den <term type="Begriffe" key="1160,448">Geistern</term>, die in uns wohnen, sind, aber [?] als die Toten? Und ob wir wissen,
            daß wir selbst, sofern wir von dieser Grenze <term type="Begriffe" key="2130,1878">begrenzt</term> sind, umgeben sind von einem Reich des Lebens, nur wie durch einen
            dünnen Schleier, dessen Zerreißen wir erwarten, davon getrennt? Ob wir wissen, daß das
            die Wahrheit unseres <term type="Begriffe" key="3410,2450">Lebens</term> ist, daß wir
            auf dieser Grenze stehen, an einem Ende und an einem Anfang, in einem Sterben und in
            einem Neuwerden, als die Gerichteten und als die <term type="Begriffe" key="1360,670">Begnadigten</term>? Ach, wer darf da antworten: ich weiß? Aber nicht das ist die
            Frage: ob ich weiß? Sondern ob ein Wissen davon in uns ist, ob etwas in uns ist, das da
            weiß: das ist <term type="Begriffe" key="740,142">Gott</term>, dieses mein Ziel und
            dieser mein Ursprung, der, vor dem ich vergehen muß, und der, in dem ich von neuem
            geboren <term type="Begriffe" key="3545">werde</term>. Das ist mein Leben. Das ist der,
            den ich lieb haben muß. Das ist der, an den ich mich halte. Das ist der, mit dem und
            durch den und zu dem hin [vgl. Röm. 11,36] ich, ob ich glaube oder nicht glaube, lebe,
            und ohne ihn lebe ich nicht. Seht, dieses Wissen in uns ist der Geist <term type="Begriffe" key="1160,430">Gottes</term>. Nicht ich bin’s, der das weiß, nicht
            mein Geist ist dieser Geist. Ein anderes Ich ist’s, welches das weiß. Ein neuer <term type="Begriffe" key="2130,1931">Mensch</term> ist’s, der diesen Geist hat. Durch
            Gottes Gnade bin ich, was ich bin [1.Kor. 15,10], wenn sein Geist in mir wohnt.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>4.</head>
          <p> Dann aber – wenn ich <hi rend="italic">dieses</hi> Ich bin, wenn <hi rend="italic">das</hi> der Mensch ist, der den Geist, der dieses Wissen hat, dann kann es nicht
            anders sein, als daß Gott Jesus von den Toten <term type="Begriffe" key="1720,1260">erweckte</term>. Das ist ja die Geschichte, der im [?] gepredigten [?] Gedächtnis der
            heutige <term type="Begriffe" key="2360">Tag</term> geweiht ist. Ich gestehe frei und
            offen, daß ich diese Geschichte nicht verstehe. Ich kann nicht sagen, ob sie möglich
            oder <term type="Begriffe" key="2205,1975">unmöglich</term> ist. Denn sie handelt vom
            Siege des Lebens über den <term type="Begriffe" key="3040,2300">Tod</term>, und diesen
            Sieg verstehe ich nicht, so wenig, daß ich weder Ja noch Nein dazu sagen kann. Ich sehe
            ein, daß das eine Geschichte ist, ganz und gar anders als alle <term type="Begriffe" key="117">anderen</term> Geschichten, auch als alle anderen Geschichten in der <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> und im Leben <term type="Begriffe" key="1720,1403">Jesu</term> selbst. Ich sehe ein, daß ich, um davon zu reden, Worte
            haben müßte, die mir fehlen. Ich sehe ein, daß ich, um an diese Geschichte vom Sieg des
            Lebens über den <term type="Begriffe" key="3040,2300">Tod</term> zu glauben, einen
            Glauben haben müßte, der Berge versetzt [vgl. Mk. 11,23 par.], ich müßte Gott <pb ed="pga" xml:id="p097"/> selbst sein – und um sie nicht zu glauben, also zu glauben,
            daß der Tod über das Leben <term type="Begriffe" key="3040,2300">siegt</term>, müßte ich
            einen Unglauben haben, der Berge versetzt, wie ihn der <term type="Begriffe" key="3030">Teufel</term> haben mag. Ich sehe nur das, daß alle anderen Geschichten der <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> und des Lebens <term type="Begriffe" key="1720,1403">Jesu</term> auf diese Geschichte hinweisen und hindrängen, in ihr
            irgendwie ihren Sinn und ihre Spitze haben. Ich sehe nur das, daß alles, was uns die
              <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> von Gott sagt, schließlich das bedeutet,
            was in dieser Geschichte geschieht. Aber ich verstehe diese Geschichte nicht. «Das ist
            mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann es nicht begreifen», wie es in einem Psalm heißt
            [139,6].</p>
          <p> Der Geist <term type="Begriffe" key="1160,430">Gottes</term> aber, der in mir wohnt,
            versteht sie. Der neue <term type="Begriffe" key="2130,1931">Mensch</term>, der ich
            nicht bin, versteht sie. Durch Gottes Gnade verstehe ich sie. Als «Sterbender und siehe,
            ich lebe» [vgl. 2.Kor. 6,9], muß ich sie verstehen. Sie ist meine eigene Geschichte. Ist
            der Geist die <term type="Begriffe" key="3410,2450">Wahrheit</term> meines Lebens, jenes
            Schweigen, Haltmachen und Anbeten, jener Schritt über die Grenze, dann ist Gott diese
            meine Wahrheit; ist’s Gott, so ist’s das Leben, ist’s das Leben, so ist’s der Tod nicht.
            Der Tod ist verschlungen in den <term type="Begriffe" key="3040,2300">Sieg</term>
            [1.Kor. 15,55]. Auch der Tod dieses meines sterblichen und sterbenden Leibes. Alles in
            mir, alles, was ich bin und was mein ist, ist ja leiblich, vom Niedrigsten bis zum
            Höchsten, und darum auch <term type="Begriffe" key="2130,1938">sterblich</term>. Wohnt
            aber der Geist <term type="Begriffe" key="1160,430">Gottes</term> in mir, so ist auch
            Alles begrenzt und umgeben vom Leben, nur wie durch einen dünnen Schleier getrennt
            davon. Es wartet auf die <term type="Begriffe" key="220">Auferstehung</term>! Es wartet
            darauf, Geist und Leben zu sein. O warum muß es immer noch warten? Warum müssen wir
            immer noch sterben, ehe wir leben? Warum bin ich nicht ein neuer <term type="Begriffe" key="2130,1931">Mensch</term>, der ich doch in Wahrheit, in Gott bin? Warum zerreißt
            der dünne Schleier nicht? O wie gut verstehe ich, daß er einmal zerreißen müßte [?]. Wie
            gut verstehe ich, was die Jünger Jesu gesehen haben! Wie gut verstehe ich die
            Ostergeschichte. Was sagt sie denn etwa [?] anderes als: An der Grenze des Menschen
            steht Gott, selber lebendig und lebendig machend. Nicht ein Gott der Toten, sondern der
            Lebendigen [Mk. 12,27 par]. Seine Wahrheit ist im Leben Jesu. Und seine Wahrheit mußte
            er zum Sieg führen. Seinen Jesus kann er dem Tode nicht lassen [vgl. Act. 2,27]. Sein
            Leben kann nicht sterben. Was unser Gott geschaffen hat, das will er auch erhalten
              …<note xml:id="n05">Anfang der 3. Strophe des Liedes Nr. 9 "Sei Lob und Ehr dem
              höchsten Gut" von <persName ref="kbga-actors-1404">J. J. Schütz</persName> (RG [1998]
              240; EG 326).</note> Das ist’s, was die Jünger <term type="Begriffe" key="1770">Jesu</term> gesehen haben am offenen <term type="Begriffe" key="1425,1115">Grabe</term>. <pb ed="pga" xml:id="p098"/> Der Geist <term type="Begriffe" key="1160,430">Gottes</term> in ihnen sah. Aber dieser Geist öffnete ihnen die Augen,
            daß sie auch sahen. Ich verstehe es so gut, daß sie sahen, möchte ich noch einmal sagen,
            aber eben: ich verstehe, doch nun nicht ich, nicht wir. Wir – wenn der Geist <term type="Begriffe" key="1160,430">Gottes</term> in uns wohnt.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>5.</head>
          <p> Das ist die erste Hälfte des göttlichen Dann! Sie führt die zweite sofort mit sich.
            Wenn dieser Geist in uns wohnt, dann sehen wir in der <term type="Begriffe" key="2360,2040">Ostergeschichte</term> wirklich nur die Vollendung unserer eigenen
            Geschichte. Das, was in unserer eigenen Geschichte noch <term type="Begriffe" key="2130,1873">aussteht</term>, was aber notwendig kommen muß. Weil es so notwendig
            kommen muß, darum verstehen wir die <term type="Begriffe" key="2360,2040">Ostergeschichte</term>. Bei uns ist’s ja eben noch unvollendet. Der Schleier ist noch
              <term type="Begriffe" key="2295">nicht</term> zerrissen, der unser sterbliches Leben
            vom ewigen <term type="Begriffe" key="1950,1640">Leben</term> trennt. Wir sind noch
              <term type="Begriffe" key="2295">nicht</term> eins, sondern immer noch <term type="Begriffe" key="2130,1873">zwei</term>: der Geist und ich, der neue und der alte
            Mensch, das, was für mich möglich oder unmöglich ist, und die Grenze, der Ursprung, die
            Wahrheit selbst. In dieser Entzweiung <term type="Begriffe" key="2850">seufzen</term>
            wir, sie ist die Not unseres Lebens, aus ihr steigt unsere Frage nach <term type="Begriffe" key="940,170">Gott</term> empor als eine Frage, immer wieder als eine
            Frage.</p>
          <p> Wenn der Geist <term type="Begriffe" key="1160,430">Gottes</term> in uns wohnt, dann
            seufzen wir, aber nicht ohne Hoffnung [vgl. Röm. 8,26], wir leiden, aber nicht ohne
            Trost [vgl. 2.Kor. 1,5], wir fragen, aber nicht ohne Antwort. Wir warten, aber wir
            warten der Auferstehung. Wir glauben, ohne zu sehen [vgl. Joh. 20,29], aber wir glauben
            an Gott. Wir wandern im finstern Tal [vgl. Ps. 23,4], aber wir wandern dem Licht
            entgegen. Haben wir durch den <term type="Begriffe" key="1160,430">Geist</term> Anteil
            an Gott, so haben wir auch Anteil an seiner Treue, mit der er Jesus von den Toten
            erweckte.</p>
        </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-10">Nr. 129 «Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin» von L. Lorenzen, Strophen 1.5.6
              (RG [1998] 483,1.5.6­-7; EG 114,1.6.7­-8; jeweils mit Textabweichungen)</bibl>
            <bibl>Nr. 351 «Auferstehn, ja auferstehn wirst du» von Fr. G. Klopstock, Strophen 1.2.5
              (FEG [1907] 489,1.2.5)</bibl>
          </listBibl>
        </div>


      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
