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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">1. Petrus 3,19­–20</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: 1. Petrus 3,19­–20, 3. April 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44017 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 102.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44017</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">1. Petrus 3,19­–20</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">102</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: 1 Petr 3,19-20 (Ostern), 3. April 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1999">KBA 1545</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1921-04-03">3. April 1921</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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          <head><idno>562</idno></head>

          <dateline>
            <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>, Sonntag,
            den <date when="1921-04-03">3. April 1921</date>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.3.19 1.Petr.3.20">1.Petrus
                3,19­–20</ref>
              <quote><hi rend="italic">Im Geist ist Christus auch zu den Geistern im Gefängnis
                  gegangen und predigte ihnen, ihnen, die ungehorsam waren zur Zeit, da die Geduld
                  Gottes wartete.</hi><note xml:id="n01">Eigene Übersetzung Barths, der sich
                  1907/1908 in seiner "Acceßarbeit" zum 1. theologischen Examen "Die Vorstellung vom
                  Descensus Christi ad inferos in der kirchlichen Literatur bis Origenes"
                  ausführlich mit 1. Petr. 3,18-20 beschäftigt hatte: V.u.kl.A. 1905-1909, S.
                  244–312, bes. S. 259–272.</note>
              </quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <div type="main">
        <div>
          <head>1.</head>
          <p> «Den Geistern im <term type="Begriffe" key="1164,455">Gefängnis</term>», das scheint
            auf den ersten Blick ein merkwürdiger Gedanke, weitab liegend jedenfalls vom hellen
            Licht unseres eigenen täglichen Lebens, das wir sehen und verstehen. Aber ich sage euch:
            diese Geister im <term type="Begriffe" key="1164,455">Gefängnis</term> sind uns näher,
            als wir denken. Ihr wißt, daß es in unserer Gemeinde einige Flure gibt, auf denen der
            Pflug des Landmanns noch jetzt gelegentlich auf die Fundamente von Gebäuden stößt, die
            einst, in der Römerzeit dort gestanden haben.<note xml:id="n02">Spätere Ausgrabungen -
              1923 im benachbarten Kölliken, in 1970-er Jahren in Safenwil - belegten, daß es sich
              wohl tatsächlich um Reste aus römischer Zeit handelte.</note> So nahe ist manchmal
            uralte <term type="Begriffe" key="1260,515">Geschichte</term> dem Geschehen unseres
            Alltags. So nahe sind uns auch die Geister im <term type="Begriffe" key="1164,455">Gefängnis</term>. Und diese Geister gehen uns näher an als die paar alten Steine aus
            der Römerzeit. Sie gehen uns näher an als alles, was uns in unserem werktäglichen oder
            sonntäglichen Leben erfüllt und beschäftigt, näher als die schwere Arbeitslast, die wir
            zu tragen haben, näher als das, was wir am meisten fürchten, und näher als das, was wir
            am meisten erhoffen, näher auch als die Menschen, Dinge und Verhältnisse, die wir mit
            größter Liebe lieben oder mit größtem Haß hassen. Wir könnten nicht tiefer in unser
            eigenes tägliches Leben hineingreifen, als indem wir von den Geistern im <term type="Begriffe" key="1164,455">Gefängnis</term> reden und hören.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>2.</head>
          <p> Denn diese Geister im <term type="Begriffe" key="1164,455">Gefängnis</term>, das ist
            ja das Verborgene, das Geheimnisvolle, das Lebendige in uns Menschen selbst. Du, du
            selbst, das, was du eben jetzt in diesem Augenblick in deinem Innersten bist, das ist so
            ein <term type="Begriffe" key="1160,445">Geist</term>. Ist das nicht unendlich viel
            naheliegender und <pb ed="pga" xml:id="p100"/> wichtiger als alles, was du daneben
            vielleicht in diesem Augenblick denkst und willst und fühlst, naheliegender und
            wichtiger als alles, was du gestern getan oder erlitten hast und morgen tun und erleiden
            wirst? Wer lebt denn dein tägliches Leben mit seinen Sorgen und Freuden, mit seinen
            Leidenschaften und <term type="Begriffe" key="2670">Schicksalen</term>? Du, du selbst,
            nur du, du, entblößt von allem Anderen. Und was alles Andere ist und wird, das hängt
            davon ab, was du selbst bist. Das gleiche tägliche Leben wäre ein ganz und gar anderes
            Leben, wenn du nicht du, sondern ein ganz anderes Du wärest. Du bist aber du, du bist du
            selbst. Sieh, das ist so ein <term type="Begriffe" key="1160,445">Geist</term>. Nur
            einer! Es gibt unzählige <term type="Begriffe" key="1160,445">Geister</term>. Es gibt so
            viele Geister, als es Menschen gab, gibt und geben wird. Aber nein, es gibt unendlich
            viel mehr. Denn wer sagt uns, daß auf einen Menschen nur ein <term type="Begriffe" key="1160,445">Geist</term> kommt? Was wissen wir Menschen eigentlich von dem Geist in
            uns, von dem Ich, das immer das gleiche <term type="Begriffe" key="2845">bleibt</term>?
            Wir wissen doch offenbar nur das Gegenteil, daß wir selber uns nie ganz gleich <term type="Begriffe" key="3200">sind</term>. Bist du etwa der gleiche Mensch, der heute vor
            acht Tagen oder heute vor einem Jahr hier saß oder über die Straße ging, und sollte der
            Unterschied nur der sein, daß du jetzt ein paar Tage oder ein Jahr älter geworden bist?
            Bist du der gleiche Mensch, der vor 20 oder 30 Jahren hier auf diesen Bänken saß, um
              <term type="Begriffe" key="1880">konfirmiert</term> zu werden, und der dann mutig oder
            vielleicht auch übermütig ins Leben hinausging, und sollte der Unterschied nur der sein,
            daß du unterdessen ein bißchen erfahrener geworden bist, wie man sagt? Wirst du in einer
            Stunde, wenn du mit dem Nachbarn nach Hause gehst, der gleiche Mensch sein wie jetzt, wo
            du hier sitzest und versuchst, in dich aufzunehmen, was du hörst, und werde ich der
            gleiche sein heute nachmittag oder heute abend wie jetzt, wo ich predigend auf der <term type="Begriffe" key="1795">Kanzel</term> stehe? Ist das betende, das arbeitende, das
            jubilierende, das jammernde, das redende, das schweigende Du oder Ich etwa immer wieder
            dasselbe? Nein, nicht wahr, wir wissen alle, daß wir unterwegs sind, und wenn wir auch
            langsam weiterkommen, so kommen wir doch unaufhaltsam weiter, und wenn es auch scheint,
            wir seien immer dieselben, so sind wir doch nie ganz <term type="Begriffe" key="3200">dieselben</term>, so ist’s doch immer wieder ein neues Ich und Du, ein neues
            Geheimnisvolles, Verborgenes, Lebendiges, ein neuer Geist in uns, gut oder <term type="Begriffe" key="1160,420">böse</term>. Vielleicht darf man sagen, daß es in jedem
            einzelnen Menschenleben so viele Geister gibt, als dieses Menschenleben <term type="Begriffe" key="242">Augenblicke</term> hat. Geist bedeutet ja eigentlich: ein
              Luft<pb ed="pga" xml:id="p101" break="no"/>hauch, ein Duft, ein Klang, eine Feuerlohe.
            Das alles deutet uns auf etwas Augenblickliches hin. Einmal gewesen, ist es nicht mehr,
            und ein Neues tritt an seine Stelle. Stimmt das nicht ganz merkwürdig überein mit dem,
            was wir von uns selbst wissen, von dem Heer der Geister, das da in unendlicher Reihe,
            bald fein und leise, bald in Sturm und Drang, bald himmlisch, bald höllisch, bald als
            edler Menschengeist, bald als gemeiner Tiergeist wie die wilde Jagd, von der unsere
            Vorfahren sich erzählten<note xml:id="n03">Die «Wilde Jagd» bzw. das «Wilde Heer»
              bezeichnete im alten Volksglauben deutschsprachiger Länder ein Geister- bzw.
              Totenheer, das nachts mit Jagdrufen und Hundegebell durch die Luft braust.</note>,
            durch unser Leben zieht? Denk nur nicht, daß ich dir da eine fremdartige, hohe
            Geschichte erzähle. Ich rede von etwas ganz Gewöhnlichem, Alltäglichem, von dir, von dir
            selbst. Du, wie du [?] der hier bist, bist ein solcher wandernder, bewegter, ruheloser
              <term type="Begriffe" key="1160,445">Geist</term>. Und morgen schon, heute noch wird
            ein anderer solcher Geist deinen Namen tragen, dein Leben leben, wie es ein anderer
            Geist war, der gestern deinen Namen trug und dein Leben lebte.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>3.</head>
          <p> «Geister im Gefängnis» nennt unser Text diese <term type="Begriffe" key="1164,455">Geister</term>. Warum im Gefängnis? Vielleicht gerade auch darum, weil wir so ruhelos
            sind, so gar nicht sein und bleiben können, was wir sind, sondern immer wieder uns
            wandeln <term type="Begriffe" key="3200">müssen</term>. Unwillkürlich denkt man doch an
            ein Raubtier, das, ohne einen Augenblick anzuhalten, rastlos in seinem Käfig auf und
            nieder rennt. Wer offene Augen hat, der sieht es manchmal, wie diese gefangenen Geister
            sehnsüchtig durch die engen, kleinen Fenster ihrer Gefängnisse in die Ferne blicken. Wer
            offene Ohren hat, der hört manchmal ihr lautes <term type="Begriffe" key="2850">Seufzen</term>. Und wer ein feines, offenes Herz hat, der spürt es, wie manchmal die
            Erde zittert und dröhnt von all den Ketten, die da in Verzweiflung geschüttelt werden
            und doch nicht abfallen wollen. Wer das tägliche Leben nimmt, wie es ist, der versteht
            seine Mitmenschen: er ahnt überall die gefangenen <term type="Begriffe" key="1164,455">Geister</term>, die etwas anderes sein möchten, als sie jetzt sind und sein können.
            Und wer aufrichtig ist, der versteht wie Alle auch sich selbst als einen gefangenen
              <term type="Begriffe" key="1164,455">Geist</term>, der sich nach seiner Heimat, nach
            der Freiheit sehnt, gestern, heute, morgen, immer wieder, immer wieder ein Geist im
              <term type="Begriffe" key="1164,455">Gefängnis</term>, das bin ich. Vielleicht scheint
            es uns hart und grausam, <pb ed="pga" xml:id="p102"/> das Leben so aufzufassen;
            vielleicht möchten wir uns Augen und Ohren verstopfen, um nichts mehr wahrnehmen zu
            müssen von all der Gefangenschaft um uns her und von der <term type="Begriffe" key="1110">Gefangenschaft</term>, in der wir selbst uns befinden. Vielleicht spüren
            wir aber auch umgekehrt, daß das die wahrhaft barmherzige Auffassung des Lebens ist. Sie
            bedeutet <term type="Begriffe" key="260">Barmherzigkeit</term> für unsere Mitmenschen,
            denn wenn wir einsehen, daß sie <term type="Begriffe" key="1110">Gefangene</term> sind,
            dann hört das Verurteilen auf und fängt das Begreifen an. Sie bedeutet aber auch <term type="Begriffe" key="260">Barmherzigkeit</term> für uns selbst: oder ist’s nicht so?
            Wir möchten doch alle von Allen verstanden sein; und was heißt das?, verstanden, daß wir
            in einer Verlegenheit sind, in einer Not, verstanden, daß etwas in uns ist, das nicht
            reden und sich nicht bewegen kann, verstanden, daß wir anders möchten und doch nicht
            anders können, verstanden, daß wir <term type="Begriffe" key="1110">gefangen</term>
            sind, nicht wahr? Sieh da, du bist verstanden. Du bist ein Geist im <term type="Begriffe" key="1164,455">Gefängnis</term>. Wenn du das rücksichtslos und ohne
            beleidigt zu sein und ohne dich rechtfertigen zu wollen zugeben kannst, dann hast du den
            wichtigsten Teil von dem, was Christus den Geistern im <term type="Begriffe" key="1164,455">Gefängnis</term> gepredigt hat, schon gehört: Er hat ihnen gesagt, daß
            sie von Gott verstanden sind, daß Gott weiß, daß sie Gefangene sind. Er ist zu ihnen
            gegangen mit Gottes <term type="Begriffe" key="1390,690">Barmherzigkeit</term>.<note xml:id="n04">Das Manuskript bricht hier ab. Am 7. April schrieb Barth an Thurneysen:
              "Was wurde aus deiner Predigt über die Höllenfahrt? Die meinige verunglückte wieder
              ganz, resp. sie zerfloß mir irgendwie unter den Händen zu einer Reihe von Mitteilungen
              (‹es steht da so etwas›), die diesmal nur den Vorzug der Gemeinverständlichkeit gehabt
              haben sollen." (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, S. 482</bibl>)</note></p>
        </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder<note xml:id="n05">Bei den Liedern finden sich keine
            Strophenangaben.</note>:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-11">Nr. 174 «Gott ist gegenwärtig» von G. Tersteegen (RG [1998] 162; EG 165)</bibl>
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-60">Nr. 297 «O Durchbrecher aller Bande» von G. Arnold (GERS [1952] 306; EG
              388)</bibl>
          </listBibl>
        </div>


      </div>
    </body>
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