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        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">Psalm 104,2[a]</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Psalm 104,2[a], 10. April 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44018 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 111.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">Psalm 104,2[a]</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">111</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: Ps 104,2, 10. April 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2000">KBA 1546</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1921-04-10">10. April 1921</date>
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          <head><idno>563</idno></head>

          <dateline>
            <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>, Sonntag,
            den <date when="1921-04-10">10. April 1921</date>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.104.2">Psalm 104,2[a]</ref>
              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">Licht ist dein Kleid, das du anhast!</hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <div type="main">
        <div>
          <head>1.</head>
          <p> In dem gleichen Psalm wie unser Textwort heißt es an einer späteren Stelle: Du machst
            Finsternis …; da regen sich alle wilden Tiere [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.104.20">V. 20</ref>] … Wenn aber die Sonne aufgehet… So gehet<note xml:id="n01">Die Formen "aufgehet", "gehet" zeigen an, daß Barth die Luther-Bibel in
              der Ausgabe von 1892 vor sich liegen hatte.</note> dann der Mensch aus [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.104.22 Ps.104.23">V. 22f.</ref>]. Das ist ein
            tiefsinniger Hinweis darauf, daß der Mensch im Unterschied von den wilden Tieren, im
            Unterschied also von all dem Grausigen, Wüsten, Wilden, das freilich auch in der Welt
            ist, das ihn auch umgibt und sogar erfüllt, mit dem er fortwährend auch rechnen muß, dem
              <term type="Begriffe" key="2020">Lichte</term> zugewendet ist und angehört, daß sein
            Leben von Haus [aus] ein Leben im Licht ist und nicht in der Finsternis. Menschenleben
            im eigentlichen Sinn ist das wache Leben des Tages, während die Nacht, die Dunkelheit,
            der Schlaf, denen wir immer wieder ausgeliefert sind, uns schon äußerlich an das
            erinnert, was nicht unser Leben ist, an den <term type="Begriffe" key="3040">Tod</term>.
            Das Reich der Finsternis ist das Reich des wilden Tieres. In der <term type="Begriffe" key="2020,1780">Finsternis</term> hört der Mensch in gewissem Sinn auf, Mensch zu
            sein. Es hat darum seinen guten Grund, wenn die Menschen fast zu allen Zeiten und in
            allen Ländern das <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term> als ein gottähnliches
            Wesen betrachtet haben. Es gibt ganze große Religionslehren und Philosophien, in denen
            das <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term>, das Licht der <term type="Begriffe" key="2875">Sonne</term> vor allem und die <term type="Begriffe" key="2875">Sonne</term> als seine Quelle direkt Gott genannt wird, in denen das ganze
            Menschenleben, ja das ganze Weltall aufgefaßt wird als ein großer Kampf des Lichtes
            gegen die <term type="Begriffe" key="2020,1780">Finsternis</term>.<note xml:id="n02">Vgl. <persName ref="kbga-actors-10231">K.-W. Tröger</persName>, Art. "Licht und
              Finsternis", I. Religionswissenschaftlich, in: RGG<hi rend="sup">4</hi> 5, Sp. 329f.;
                <term type="Namen" key="Mohn, Jürgen">J. Mohn</term>, Art. "Sonne", I.
              Religionswissenschaftlich, in: RGG<hi rend="sup">4</hi> 7, Sp. 1439f.</note> Darum war
            das größte Fest unserer heidnischen Vorfahren das Fest der Wintersonnenwende im
            Dezember, wo der Tag wieder anfängt länger zu werden<note xml:id="n03">Vgl. <term type="Namen" key="Schier, Kurt">K. Schier</term>, Art."Germanen», I.
              Religionsgeschichte, in: LThK<hi rend="sup">3</hi> 4, Sp. 526–528, dort Sp. 528: "Eine
              winterl. Festperiode mit Namen <hi rend="italic">jul, jól</hi> usw. kann sowohl für
              den Norden als auch für südl. G[ermanen]-Stämme schon in vorchr. Zeit erschlossen
              werden, aber das Fehlen älterer Zeugnisse macht es beinahe unmöglich, Zeitpunkt u.
              Inhalt des alten Julfestes zu bestimmen."</note>, darum pflegten sie die <term type="Begriffe" key="2875">Sonnen</term>-­ und Mondfinsternisse mit einem <pb ed="pga" xml:id="p104"/> ungeheuren Geschrei und Lärm auf allerlei Instrumenten zu begleiten,
            um dem Licht zu helfen, die <term type="Begriffe" key="2020,1780">Finsternis</term> zu
              vertreiben<note xml:id="n04">Vgl. <term type="Namen" key="Paus, Ansgar">A.
              Paus</term>, Art. "Sonne», I. Religionsgeschichtlich, in: LThK<hi rend="sup">3</hi> 9,
              Sp. 721–723, dort Sp. 722: "S[onnen]-Finsternisse galten ähnlich wie die des Mondes
              stets als bes. gefährl. Zeiten. Winter- u. Sommersonnenwenden (‹Solstitien›) werden
              bis in die Ggw. mit religiös-mag. Ritualhandlungen unter besonderer Verwendung des
              Feuers freudig u. ängstlich begleitet." Vgl. <term type="Namen" key="Grimm, Jacob Ludwig Carl">J. Grimm</term>, <hi rend="italic">Deutsche
                Mythologie</hi>, II. Bd., Berlin 1875<hi rend="sup">4</hi>, Unveränderter Nachdruck
              Basel 1953, S. 588–590.</note>, darum gingen sie an einem bestimmten Tag im Frühling,
            wenn die <term type="Begriffe" key="2875">Sonne</term> gesiegt hat, frühmorgens auf
            einen Berg oder Hügel, um dort das aufgehende Gestirn des Tages feierlich zu
              begrüßen<note xml:id="n05"><term type="Namen" key="Grimm, Jacob Ludwig Carl">Grimm</term>, a.a.O., S. 601, zitiert als Beispiel <term type="Namen" key="Prokop">Prokop</term>, der beschreibt, «wie nach ihren 35 tagen nacht [scil. des
              winterlichen solstitium] die Thuliten berggipfel erklimmen und die <hi rend="italic">nahende sonne</hi> erspähen. dann feiern sie ihr heiligstes fest».</note>. Noch ein
            so freidenkender Mann wie <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> hat einmal gesagt, daß es ihm durchaus natürlich wäre, die <term type="Begriffe" key="2875">Sonne</term> anzubeten.<note xml:id="n06">Im letzten
              Gespräch mit <persName ref="kbga-actors-1559">Eckermann</persName> am
              11.3.1832: «Fragt man mich: ob es in meiner Natur sei, die Sonne zu verehren? so sage
              ich abermals: Durchaus! Denn sie ist gleichfalls eine Offenbarung des Höchsten, und
              zwar die mächtigste, die uns Erdenkindern wahrzunehmen vergönnt ist.» <term type="Namen" key="Eckermann, Johann Peter">(J. P. Eckermann</term>, <hi rend="italic">Gespräche mit <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> in den letzten Jahren seines Lebens</hi>, hrsg. von Chr. Michel
                [<persName ref="kbga-actors-136">J. W. Goethe</persName>, <hi rend="italic">Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche</hi>, Bd. 39], Frankfurt am Main
              1999, S. 747, Z. 32-36).</note> |</p>
          <p> Das <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term> ist aber für uns Menschen ein
            Geheimnis, das mit den tiefsten Rätseln der Welt und unserer eigenen Existenz, mit
            unseren größten Nöten und Hoffnungen irgendwie aufs innigste verbunden ist. Die neueste
              <term type="Begriffe" key="3580">Naturwissenschaft</term> ist dieser Auffassung eher
            wieder näher gekommen. Wenn die Entdeckungen, die ein junger Gelehrter namens <persName ref="kbga-actors-967">Einstein</persName> in den letzten Jahren gemacht
              hat<note xml:id="n07">In der von Albert <term type="Namen" key="Einstein, Albert">Einstein</term> ausgearbeiteten Relativitätstheorie spielt das Licht und seine
              konstante Geschwindigkeit als Bedingung der physikalischen Theoriebildung und der
              Umformung des Verständnisses von Raum und Zeit in die Vorstellung einer Raumzeit eine
              entscheidende Rolle.</note>, sich auch nur einigermaßen bewähren, dann müßte man das
              <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term> als eine Tatsache denken, die eigentlich
            gar nicht mehr als Tatsache, sondern vielmehr als Erkenntnis, als Geist, als Wahrheit zu
            begreifen ist, die irgendwie <pb ed="pga" xml:id="p105"/> den Übergang zu bilden scheint
            zu einer anderen Welt jenseits des Raumes und der Zeit, in denen wir leben und
            denken.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>2.</head>
          <p> Damit ist nun freilich nicht gesagt, daß dieses merkwürdige Andere, Höhere,
            Gottähnliche des <term type="Begriffe" key="2020">Lichtes</term>, dem wir Menschen als
            Menschen von Haus aus gleichsam zugekehrt sind, in dem uns irgendwie die Quelle, das
            Geheimnis, das Wesen, die Wahrheit unseres <term type="Begriffe" key="3410,2450">Lebens</term> zu begegnen scheint, daß das nun etwa Gott sei. Es ist gut, daß die
            Gelehrten und Forscher heutzutage nicht mehr so schnell von Gott reden, sondern ruhig
            und vorsichtig weiterforschen und weiterdenken, auch wenn sie auf die größten <term type="Begriffe" key="1140">Geheimnisse</term> stoßen. Die <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> sagt auch nicht: Das Licht ist Gott!, sondern: <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term> ist dein Kleid, das du anhast! Sie sagt auch
            nicht, was heutzutage viele Unvorsichtige viel zu schnell sagen: Das Leben ist Gott,
            nämlich das in uns Menschen und in der ganzen Welt quellende, anhebende, ursprüngliche
            Leben. Sie sagt auch nicht, wie man früher oft sagen hörte: Die <term type="Begriffe" key="2260">Natur</term> ist Gott! Sie sagt auch nicht: Der Geist, der denkende und
            wollende Geist des <term type="Begriffe" key="1160,445">Menschen</term>, wie er sich
            allmählich aus der <term type="Begriffe" key="2260">Natur</term> heraus entwickelt hat
            und weiter entwickelt, ist Gott. Sie macht überall einen weisen Abstand zwischen den
            Geheimnissen, zwischen den gottähnlichen Wesenheiten, auf die wir da in der Tat überall
            stoßen, und Gott selbst; sie weist uns überall darauf hin, daß der Weg, der uns zu Gott
            führt und Gott zu uns, hinter all diesen Geheimnissen und Wesenheiten auf einmal scharf
            ums <term type="Begriffe" key="585">Eck</term> geht. Darum heißt es auch hier: Licht ist
            dein Kleid, das du anhast!, und nicht mehr als das. Aber das heißt es! Laßt uns einmal
            darüber nachdenken!</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>3.</head>
          <p> Also, wenn die Nacht vorbei und wieder einmal ein lieber neuer Tag angebrochen ist mit
            seinem Licht, dann dürfen wir an das Kleid Gottes denken, das mit diesem kommenden <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term> gleichsam an uns vorüberstreift, wie um uns zu
            mahnen, zu erinnern an den, der der Träger dieses wunderbaren Kleides ist. Und wenn der
            helle Mittag da ist und die Sonne scheint und sagt uns ganz laut, daß wir wirklich
            leben, als Menschen leben, dann soll uns das Meer von <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term>, in das sie uns eintaucht, vorkommen wie der weite Mantel eines Leibes,
            unter dem wir [wie] die Kindlein ganz geborgen sind. Und wenn es Nacht ist und der <term type="Begriffe" key="2020">Lichtstrahl</term> eines einzigen Sternes kommt in unser
            Zimmer <pb ed="pga" xml:id="p106"/> und wir denken vielleicht daran, wie unendlich fern
            dieser Stern ist und daß dieser <term type="Begriffe" key="2020">Lichtstrahl</term> bei
            einer Geschwindigkeit, die größer ist als alle Geschwindigkeiten, die wir kennen,
            vielleicht tausend und tausende von Jahren gebraucht hat, um eben in diesem Augenblick
            zu uns zu kommen, dann können wir daran denken, daß der, der das Kleid des Lichtes
            trägt, nicht schläft noch schlummert [Ps. 121,4] und daß es vor ihm und für ihn keine
            Nacht, keine Finsternis gibt [Ps. 139,12], auch wenn wir von seinem Kleid nichts oder
            fast gar nichts sehen. Und wenn wir Menschen unsere eigenen <term type="Begriffe" key="2020">Lichter</term> anzünden in der Dunkelheit, Licht machen, wie wir sagen, und
            dabei doch nichts Anderes tun als schöpfen aus der großen, unerschöpflichen Quelle des
              <term type="Begriffe" key="2020">Lichts</term>, ohne die all unsere Kunst nichts wäre,
            dann wollen wir daran denken, wie merkwürdig das ist, daß wir dieses Verlangen und diese
            Möglichkeit haben, von uns aus das Kleid Gottes anzurühren, wie das ja überhaupt an
            diesem Geheimnis des <term type="Begriffe" key="2020">Lichtes</term> etwas vom <term type="Begriffe" key="1140">Geheimnisvollsten</term> ist, daß wir Menschen so mit
            unseren Augen daran teilnehmen können, daß in unseren Augen etwas ist, das der <term type="Begriffe" key="2875">Sonne</term> und den Sternen entspricht<note xml:id="n08">Vgl. <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, "Zahme Xenien III",
              V.158–161: <quote>
                <lg>
                  <l>Wär nicht das Auge sonnenhaft,</l>
                  <l>Die Sonne könnt es nie erblicken;</l>
                  <l>Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,</l>
                  <l>Wie könnt uns Göttliches entzücken?</l>
                </lg>
              </quote></note>, etwas, das ihr <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term> sieht,
            sich ihm entgegenwendet, sich nach ihm sehnt, und wenn wir Blinde wären, die dieses
              <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term> nie selbst gesehen haben. Das alles ist
            eigentlich eine große Aufforderung an uns Menschen. Gott ist uns nicht fern, wenn uns
            sein Kleid, das <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term>, beständig so nahe ist.
            Wir können als die da beständig von seinem Kleid gestreift, ja umgeben sind, die
            fortwährend selber dieses Kleid brauchen, nicht so träge sein, nicht so kleinlich, nicht
            so traurig, nicht so ganz <term type="Begriffe" key="2130,1915">gottlos</term>, wie wir
            oft sind. Wir müßten auch in der tiefsten Finsternis greifen nach dem <term type="Begriffe" key="2020,1780">Licht</term>, im Gedanken an den, dessen Kleid das
            Licht ist, wie jene kranke Frau nach dem Kleide des Heilands, wenn es schon [?] nur sein
            Kleid war, gegriffen hat, um gesund zu werden [Mk. 5,25­-34 par.]. Glaubet an das Licht,
            dieweil ihr es habt – auf daß ihr seid, was ihr seid: Kinder des Lichtes [Joh.
            12,36]!</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <pb ed="pga" xml:id="p107"/>
          <head>4.</head>
          <p> Wir wollen noch etwas weiterdenken: Es gibt nicht nur ein äußeres <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term>, das unseren Augen leuchtet, sondern auch ein
            inneres <term type="Begriffe" key="2020,1785">Licht</term>, das in den Köpfen, in den
            Herzen, in den Seelen, in den Geistern, oder wie man immer will, den Menschen leuchtet.
            Wahrscheinlich sind das äußere und das innere <term type="Begriffe" key="2020,1785">Licht</term> gar nicht zweierlei Licht, sondern nur verschiedene Strahlen von einem
            Licht. Wenn es wahr ist, was die Menschen immer geahnt und gefühlt haben, daß das
            Menschliche als solches das für das Licht bestimmte Leben ist, dann muß alles das, was
            geeignet ist, dieses Leben wirklich zum Menschenleben zu machen, alles Wahre, Gute,
            Schöne und Liebe <term type="Begriffe" key="2020,1785">Licht</term> sein, unsichtbare
            oder vielmehr nur mit dem inneren Auge sichtbare <term type="Begriffe" key="2875">Sonnenstrahlen</term> und vielleicht auch Sternstrahlen gleichsam. Wenn wir nach
            irgend einer langen Täuschung oder Verwirrung zu uns selbst kommen und ein bißchen
            weitersehen, dann sagen wir mit Recht: es geht mir ein Licht auf! Und wenn es unter uns
            Menschen da und dort einmal im Großen ein wenig vorwärtsgeht mit der Einsicht, mit dem
            guten Willen, mit dem Glauben, dann sagen wir: es tagt!, und es ist wahr: da tagt es. Es
            gibt einen Tag der <term type="Begriffe" key="2990,2287">Wahrheit</term> für uns
            Menschen, auf den warten wir alle, und diesem Tag geht seine Dämmerung voraus, und von
            dieser Dämmerung ist manchmal da und dort etwas zu merken, und da kann man dann mit
            Recht sagen: es tagt. Dieses innere <term type="Begriffe" key="2020,1785">Licht</term>
            der Wahrheit, das in unserer Betrübnis leuchten möchte und in unserem Unverstand und in
            unserer Härte, dieses Licht, das uns Wege zeigen möchte, wo wir jetzt Alles vermauert
            sehen, dieses <term type="Begriffe" key="2020,1785">Licht</term>, das das Licht unseres
            Lebens sein möchte, das uns lehren möchte, Menschen zu sein, aber eben Menschen, nicht
            wilde Tiere, dieses Licht ist auch Gottes Kleid. Nicht umsonst ist in der <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> soviel vom Licht die Rede, das von Gott
            geschaffen sei [Gen. 1,3], das uns Menschen geschenkt sei, das wir hüten und pflegen wie
            jene zehn Jungfrauen ihre Lampen, als der Bräutigam kam [Mt. 25,1­-13], dem wir glauben
            und gehorchen müssen. Wenn wir Menschen solches <term type="Begriffe" key="2020,1785">Licht</term>, solches Wahrheitslicht haben, vielleicht in großer Freude oder auch in
            einem großen Schmerz, vielleicht mühsam erobert in vielen schmerzlichen Kämpfen,
            vielleicht wirklich wie ein Geschenk plötzlich gefunden, vielleicht ein Lichtlein ganz
            für uns persönlich, vielleicht ein großes Licht, das wir sofort auch für andere müssen
            leuchten lassen [vgl. Mt. 5,16] – dann ist auch dieses Licht das Kleid Gottes, das uns
            streift. Dann ist auch das eine <pb ed="pga" xml:id="p108"/> große Aufforderung an uns:
            Nimm’s ernst! Laß es gelten! Sei nun hell! Blick auf, mein Geist, in jenes Leben, zu
            welchem du geschaffen bist<note xml:id="n09">Vgl. Strophe 3 des Liedes Nr. 16 "Wie groß
              ist des Allmächt’gen Güte" von <persName ref="kbga-actors-1000">Chr. F.
                Gellert</persName> (GERS [1952] 61): <quote>
                <lg>
                  <l>Schau, o mein Geist, in jenes Leben,</l>
                  <l>Zu welchem du erschaffen bist …</l>
                </lg>
              </quote></note>. Wir müssen dann wiederum, und wenn wir in der größten Finsternis
            wären, nur tapfer zugreifen. Das Licht scheint in der <term type="Begriffe" key="2020,1780">Finsternis</term> [Joh. 1,5]. Wie lange wollen wir warten, um auch
            licht zu werden?</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>5.</head>
          <p> Aber nur Gottes Kleid ist das <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term>, nicht
            Gott selbst. Das Kleid umschließt die ganze Gestalt eines Menschen und zeichnet sie
            wenigstens in den wichtigsten Zügen ab, es verrät uns auch manchmal durch seine Art
            etwas von der inneren Gestalt des Menschen, der es trägt. So können wir, wenn wir auf
            das <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term> achten, das äußere und das <term type="Begriffe" key="2020,1785">innere</term>, das wir haben, etwas begreifen von der
            Gestalt <term type="Begriffe" key="740,142">Gottes</term>, etwas davon, wie wir ihn zu
            sehen haben und wie nicht, wer er ist und wer er nicht ist. Wir haben, wenn wir auf das
              <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term> achten, Anlaß, sozusagen im Großen
            Ganzen Gott dankbar und gehorsam zu sein. Wir können uns wenigstens scheinbar in sehr
            vielen Beziehungen und während langer Strecken unseres Lebensweges damit begnügen, das
              <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term>, das Kleid Gottes zu haben. Wir sind
            dann sicher nicht ohne Gott, wenn auch nicht eigentlich mit ihm. Aber nicht wahr: Das
            Kleid ist ja nicht der Mensch, der es trägt, sondern, und wenn es noch so schön wäre und
            wenn es noch so gut zu ihm paßte, etwas ganz und gar, etwas unendlich Anderes. Und so
            kann es uns vielleicht einmal aufgehen, daß das Licht nicht Gott ist, auch das größte,
            das strahlendste Licht nicht, auch nicht das <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term> der <term type="Begriffe" key="2875">Sonne</term>, auch nicht das Licht
            der <term type="Begriffe" key="235">Aufklärung</term>, auch nicht das Licht des
            christlichen <term type="Begriffe" key="1340">Glaubens</term>, auch nicht das Licht des
              <term type="Begriffe" key="2910">Sozialismus</term> oder welches Licht uns immer [als]
            das größte erscheinen mag. Gott ist auch vom höchsten, reinsten Licht so verschieden,
            wie der Mensch verschieden ist von seinem Kleid. Denke dir, um es ganz deutlich zu
            machen, deinen Rock, meinetwegen deinen schönsten Sonntagsrock, wie er ausgezogen heute
            abend im Schrank hängen wird, mit leeren Ärmeln, ohne Kopf, schlaff und leer, ein
            trauriges Bild. Nicht wahr, das bist nicht du? Nicht wahr, du bist etwas Anderes? Sieh,
            so ist Gott etwas Anderes als das höchste Licht, das uns leuchten mag. |</p>

          <p>
            <pb ed="pga" xml:id="p109" rend="noPipe"/> Das ist uns freilich schwer zu begreifen.
            Oder doch nicht so schwer? Nicht wahr, manchmal haben wir wenigstens Augenblicke, wo uns
            das Licht, das äußere und das <term type="Begriffe" key="2020,1785">innere</term>,
            allein nicht genügt. Wo wir ganz merkwürdig unersättlich, nicht befriedigt sind von dem
            Meer von <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term>, das uns umgibt. Wo wir uns nicht
            so ganz von Herzen daran freuen können, auch wenn uns wieder einmal ein Licht
            aufgegangen ist, auch wenn es wieder einmal ein wenig tagt unter den Menschen. Wo wir
            mit einer gewissen Ungeduld noch auf etwas Anderes, ganz <term type="Begriffe" key="117">Anderes</term> warten. Von dem gleichen <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>, der gesagt hat, es wäre ihm durchaus natürlich, die <term type="Begriffe" key="2875">Sonne</term> anzubeten, wurde lange erzählt, er sei
            gestorben mit dem Seufzer: Mehr Licht! Und wenn es auch in Wahrheit nicht ganz das
            gewesen ist, so ist es doch merkwürdig genug, daß man dazu kam, das von ihm zu
              erzählen.<note xml:id="n10">Vgl. dazu den Bericht bei Büchmann, S. 440.</note> Der
            Mensch verlangt nach mehr Licht, nach einem anderen <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term>. Er ist im letzten Grund bei allem Licht, das er hat und sogar selber
            machen kann, <term type="Begriffe" key="3140">unruhig</term>. Denn alles Licht, das wir
            kennen und das wir uns überhaupt denken können, hat auch noch <term type="Begriffe" key="2020,1780">Schatten</term> neben sich. Das Licht scheint in der Finsternis, und
            die Finsternis hat es nicht begriffen [Joh. 1,5], die Finsternis bleibt <term type="Begriffe" key="2020,1780">Finsternis</term>. Das Licht ist nicht reines Licht,
            nicht bleibendes Licht. Daran erinnert uns schon das Auf-­ und Niedergehen der <term type="Begriffe" key="2875">Sonne</term> und aller Gestirne, das Kommen und Gehen des
            Frühlings. Und wenn das uns nicht belehren kann, der beständige Wechsel unseres inneren
            Lichtes: wir wissen ja, wie es da beständig tagt und nachtet, wie uns da fortwährend
            Lichter auf-­ und wieder untergehen, wie wir da in ewiger Folge reich und arm, selig und
            elend, oben und unten sind. Das Kleid Gottes streift uns, und dann verläßt es uns
            wieder. Und wenn uns das auch nicht belehren kann, dann ist noch der Tod da, und der ist
            ganz gewiß die <term type="Begriffe" key="2020,1780">Finsternis</term> gegenüber dem
            Licht des Lebens, die wir nicht übersehen können, da mag uns dann wohl die Frage kommen,
            ob eigentlich unser Leben mehr ist als ein kurzer und nicht einmal ungetrübter
            Lichtblick zwischen zwei unendlichen <term type="Begriffe" key="2020,1780">Finsternissen</term>. Aus der einen gehen wir hervor, wenn wir geboren werden, in die
            andere gehen wir hinein, wenn wir sterben. Das ist das <term type="Begriffe" key="3140">Beunruhigende</term>, daß wir eigentlich auf diese Frage kommen müssen, und wenn
            unser Leben noch so voll Licht wäre, noch so sehr berührt und gestreift von Gottes
            Kleid. |</p>

          <p>
            <pb ed="pga" xml:id="p110" rend="noPipe"/> Wenn diese <term type="Begriffe" key="3140">Beunruhigung</term> da ist, dann kann auch die Frage nach <term type="Begriffe" key="940,170">Gott</term> da sein, nach Gott selbst, nicht nur nach seinem Kleid. Wir
            verstehen dann vielleicht, daß Gott und sein Kleid wirklich nicht dasselbe sind. Wir
            verstehen dann vielleicht Worte der <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> wie
            das, daß Gott in einem Lichte wohne, da niemand zukomme [1.Tim. 6,16], oder das andere,
            wo er der Vater des Lichts genannt wird, in welchem kein Wechsel des Lichts und der
            Finsternis ist [Jak. 1,17], oder das andere, wo er das Licht heißt, in dem keine
            Finsternis ist [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.1.5">1.Joh. 1,5</ref>]. Wir verstehen dann vielleicht, daß es von <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> erzählt wird, er habe sich in einer Felskluft
            verbergen müssen, als der Herr an ihm vorüberging [Ex. 34,21f.], und von <persName ref="kbga-actors-313">Saulus</persName>, daß er zuerst erblindete, als Jesus im
            himmlischen Lichte zu ihm geredet hatte [Act. 9,3­-9]. Wir verstehen dann vielleicht,
            daß beim Tode <term type="Begriffe" key="1720,1400">Christi</term> zunächst eine <term type="Begriffe" key="2020,1780">Finsternis</term> das ganze Land bedeckte [Mk. 15,33
            par.]. Seht, so scharf geht der Weg um die <term type="Begriffe" key="585">Ecke</term>
            von Gottes Kleid zu Gott selbst. Der Morgenglanz der Ewigkeit, das Licht vom
            ungeschaffnen Lichte<note xml:id="n11"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-57">Lied Nr. 43 "Morgenglanz der Ewigkeit" von
                <persName ref="kbga-actors-2060">Chr. Knorr von Rosenroth</persName> (RG [1998] 572;
              EG 450)</bibl>.</note>, was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz
            gekommen ist [1.Kor. 2,9], weder als äußeres noch als inneres Licht, Gott selbst ohne
            Kleid, ohne Bild und Gleichnis – das ist <term type="Begriffe" key="2360">Ostern</term>,
            das ist die <term type="Begriffe" key="220">Auferstehung</term>. Wir könnten dieses
            Licht nicht ertragen. Wir würden wie <persName ref="kbga-actors-313">Saulus</persName>
            oder wie die Kriegsknechte am <term type="Begriffe" key="1425,1115">Grabe</term> [Mt.
            28,2­-4] erblindet zu Boden stürzen, wenn wir jetzt dieses Licht sehen müßten. Aber nach
            diesem <term type="Begriffe" key="2020">Licht</term> sehnen wir uns in unserer <term type="Begriffe" key="3140">Unruhe</term>. Dieses Licht ist die Antwort auf unsere
            tiefsten <term type="Begriffe" key="940,160">Fragen</term>. Gottlob, daß diese Antwort
            gegeben ist, daß Gott dieses <term type="Begriffe" key="1390,920">Licht</term> ist. Wir
            wollen treu sein, wir wollen uns nicht beruhigen, nicht zufrieden stellen lassen. Wir
            wollen mit der Hoffnung auf dieses Licht noch treuer umgehen als mit dem Licht, das wir
            eben haben. Und wir schließen nun mit dem Wort 1. Korinther 13,9­-12[: Unser Wissen ist
            Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so
            wird das Stückwerk aufhören. Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und war
            klug wie ein Kind und hatte kindische Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab,
            was kindisch war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber
            von Angesicht zu Ange<pb ed="pga" xml:id="p111" break="no"/>sicht. Jetzt erkenne ich’s
            stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.]</p>
        </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-67">Nr. 9 «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von J. J. Schütz, Strophen 1­-3 (RG
              [1998] 240; EG 326)</bibl>
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-104">Nr. 225 «Ist Gott für mich, so trete» von P. Gerhardt, Strophen 6.7.9 (RG [1998]
              656,7.8.11; EG 351,9.10.13; jeweils mit Textabweichungen)</bibl>
          </listBibl>
        </div>


      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
