<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-44019">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">1. Korinther 13,12[b]</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: 1. Korinther 13,12[b], 17. April 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44019 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 117.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44019</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">1. Korinther 13,12[b]</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">117</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: 1 Kor 13,12, 17. April 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2001">KBA 1547</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1921-04-17">17. April 1921</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-10-02T07:56:08+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-10-02T07:56:08+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="sermon">
        <pb ed="pga" xml:id="p112"/>
        <div type="opener">
          <head><idno>564</idno>
          </head>

          <dateline>
            <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>, Sonntag,
            den <date when="1921-04-17">17. April 1921</date>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.12">1. Korinther 13,12[b]</ref>
              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich
                  erkennen, gleichwie ich erkannt bin.</hi><note xml:id="n01">Der Vers war
                  Schlußsatz der Predigt vom vorangehenden Sonntag. Barth änderte nachträglich hier
                  im Predigttext in der von ihm übernommenen Luther-Übersetzung das «ich’s» in
                  «ich».</note></quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div type="main">
        <div>
          <head>1.</head>
          <p> Was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hier <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term> nennt, ist nicht etwa eine hohe, schöne Wissenschaft oder
            Gelehrsamkeit, die man getrost denen überlassen kann, die gebildet sind oder sonst gute
            Köpfe haben, wie man etwa das Turnen den Turnern überläßt oder die Frömmigkeit den
            frommen <term type="Begriffe" key="2130,1895">Leuten</term>. Man kann es nicht ohne
            Erkenntnis machen. Vielleicht machen wir es tatsächlich ohne Erkenntnis, aber dann haben
            wir an der Stelle, wo Erkenntnis sein müßte, einen <term type="Begriffe" key="740,144">Mangel</term>, und zwar einen ganz wesentlichen, wichtigen Mangel, wichtiger als der
            Mangel eines Menschen, der nicht turnen kann oder nicht fromm ist. Wenn der Mensch ohne
            Erkenntnis ist, dann hat er gerade an der Stelle einen Mangel, ein <term type="Begriffe" key="2055">Loch</term>, wo das sein müßte, was ihn zum Menschen macht. Wenn unser
            Leben ohne Erkenntnis ist, dann hat dieses Leben gerade dort ein <term type="Begriffe" key="2055">Loch</term>, wo das Lebendige im Leben sein müßte. Wenn vielleicht die
            ganze Welt ohne Erkenntnis ist, dann hat die Welt dort ein <term type="Begriffe" key="2055">Loch</term>, wo das sein müßte, was die Welt zusammenhalten müßte, was den
            Unterschied bilden müßte zwischen der Welt und einem verwirrten Garnknäuel oder einem
            Haufen von zerbrochenem Geschirr. Denn Erkennen heißt Begreifen, Begreifen, was der
            Mensch <term type="Begriffe" key="2845">ist</term> und das Leben und die Welt. Und nicht
            nur begreifen, so daß man etwas darüber weiß und sagen kann, sondern angreifen, in die
            Hand nehmen, etwas damit anfangen können. Und nicht nur irgend etwas, sondern das
            Richtige. Erkennen heißt nicht nur dasein, sondern als Mensch dasein, als ein lebendiger
            Mensch dasein, als lebendiger Mensch in einer sinnreichen und geordneten Welt da sein.
            Erkennen heißt ein Ziel sehen und einen Weg, und das nicht nur für sich, sondern so, daß
            man ihn auch Anderen mit gutem Gewissen, mit Rat und Tat zeigen kann. Erkenntnis heißt
            Licht, Klarheit, Bestimmtheit. Es mag wohl sein, <pb ed="pga" xml:id="p113"/> daß der
            Mensch, das Leben, die Welt tatsächlich dort, wo <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term> sein müßte, ein <term type="Begriffe" key="2055">Loch</term> hat.
            Dann müssen wir über dieses <term type="Begriffe" key="2055">Loch</term> nachdenken.
            Vielleicht fängt die Erkenntnis damit an, daß wir merken, daß da, wo Erkenntnis sein
            müßte, bei uns ein <term type="Begriffe" key="2055">Loch</term> ist, und daß wir merken,
            wie wichtig, wie wesentlich das ist, was uns da <term type="Begriffe" key="740,144">mangelt</term>. Wer das merkt, der ist vielleicht schon nicht mehr ganz ohne <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term>.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>2.</head>
          <p> «Jetzt erkenne ich stückweise», sagt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>. Er will damit nicht sagen: ich erkenne Einiges, aber Vieles nicht.
            Oder: ich erkenne Vieles, aber nicht Alles! Oder: ich erkenne dies und das, und dies und
            das erkenne ich nicht. Denn <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term> ist
            entweder da <term type="Begriffe" key="695">oder</term> nicht da. Sie ist eine Tür, die
            entweder offen <term type="Begriffe" key="695">oder</term> geschlossen ist. Sie ist ein
              <term type="Begriffe" key="385">Blitz</term>, der entweder getroffen hat oder nicht.
            Eine mittlere Möglichkeit gibt es da nicht, so wenig wie zwischen Tod und Leben. <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term> ist ein Einziges, ein Ganzes, das wir
            entweder haben oder nicht haben. |</p>
          <p>
            <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt: ich erkenne stückweise. Er will
            damit sagen: ich habe allerlei Stücke, die alle zur <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term> gehören, die alle auf Erkenntnis hinweisen, wie etwa behauene
            Steine und Hölzer auf einem Bauplatz darauf hinweisen, daß da irgendwo in der Tasche des
            Architekten ein Plan vorhanden sein muß, in dem sie bereits ihre bestimmte Stelle haben,
            Stücke, die, wenn sie zusammengefügt wären, zusammen Erkenntnis wären, aus denen also
            Erkenntnis entstehen könnte, mit denen es eigentlich möglich sein müßte, den Menschen,
            das Leben und die Welt zu begreifen, richtig zu begreifen und anzuwenden, mit denen es
            möglich sein müßte, das Ziel und den Weg zu sehen – wenn, ja wenn es nicht bloß Stücke
            wären, die nicht zueinander passen, die einander widersprechen, die jedes doch wieder in
            eine andere Richtung weisen, die jedes doch wieder etwas für sich sind, wenn eben nicht
            das Ganze fehlte, die Einheit, der Plan, der gemeinsame Sinn dieser einzelnen Stücke.
            |</p>
          <p> Wenn wir den <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> fragen: Hast du
            Erkenntnis oder nicht? So würde er uns also antworten: Nein, ich habe sie nicht, denn
            mein stückweises Erkennen ist nicht Erkenntnis. Er würde dann freilich sofort
            hinzufügen: Aber vielleicht ist das eben meine Erkenntnis, daß ich erkenne, daß ich
            keine Erkenntnis habe. Habt ihr diese <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term>
            auch? Erkennt ihr auch, daß ihr nur stückweise erkennt und daß das keine Erkenntnis ist?
            Er würde uns fragen, ob wir schon so weit sind, <pb ed="pga" xml:id="p114"/> einzusehen,
            daß wir zu dem großen Zweck, das Richtige zu treffen, zu verstehen und zu tun, wohl
            allerlei Stücke, allerlei Bausteine, allerlei Material haben, daß wir das Zeug dazu
            haben, könnte man auch sagen, daß aber irgendwie ganz in der Mitte des Menschen, des
            Lebens und der Welt tatsächlich ein <term type="Begriffe" key="2055">Loch</term> ist wie
            in der Mitte eines Wagenrades<note xml:id="n02">Anspielung auf einen Spruch <persName ref="kbga-actors-1109">Lao-Tses</persName> (<hi rend="italic">Tao-Tê-King</hi>, Kap.
              11 [§25]); vgl. Römerbrief 2, S. 238 (bzw. S. 236).</note>, und da ist nicht Licht,
            nicht Klarheit, nicht Bestimmtheit, da fehlt uns zu dem großen Zweck, das Richtige zu
            treffen, immer gerade das Letzte, das Entscheidende, das, worauf Alles ankäme, und darum
            gelingt es uns wirklich nicht: Es gelingt uns nicht, menschliche Wesen zu sein, ein
            lebendiges Leben zu leben, eine Welt zu bauen, die etwas Anderes wäre als ein Garnknäuel
            oder ein Scherbenhaufen. Ob wir das auch wissen, würde uns <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> fragen. Vielleicht sei nämlich gerade das
              <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term>, das zu wissen.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>3.</head>
          <p> Ich will euch dieses stückweise Erkennen an einigen Beispielen zu erklären suchen. Ein
            Stück, das zur Erkenntnis gehört, ein sehr wichtiges Stück sogar ist die Einsicht, <hi rend="italic">daß der Mensch eine Vernunft und ein <term type="Begriffe" key="1330">Gewissen</term> hat</hi>, die ihm sagen können, was recht ist, wenn er nur auf sie
            hören will. Hört er wirklich auf sie, aber wirklich, immer wieder, dann muß dieser
            Mensch Schritt für Schritt in eine immer [?] unheimlichere, immer steilere [?] Strenge
            gegen sich selbst und die Mitmenschen hinein kommen. Immer mehr muß er von sich selbst
            und von ihnen verlangen. Immer mehr Opfer muß er bringen. In immer schärferen Kampf muß
            er sich verwickeln. Er wird zuletzt im fürchterlichsten Krieg mit der ganzen Welt und
            mit sich selbst stehen, oder er wird in eine Wüste fliehen müssen. Es gibt keine andere
            Möglichkeit, wenn er wirklich auf seine Vernunft und auf sein Gewissen hören will. Wer
            schon vorher mit der Unvernunft und mit der Gewissenlosigkeit Frieden geschlossen hat,
            der mag es leicht haben, er soll aber auf jene keine Steine werfen. Dahin kommt man mit
            diesem Stück. Aber daß das nun Erkenntnis, daß das nun das Richtige sei, was jener tut,
            wer wollte das behaupten? |</p>
          <p>Darum steht neben diesem Stück ein anderes Stück. Das mag etwa in der Einsicht
            bestehen, <hi rend="italic">daß der Mensch Gott muß walten lassen.</hi>
            <pb ed="pga" xml:id="p115"/> Auch das ist ein wichtiges und gutes Stück zur <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term>. Er überläßt sich dann, ohne aber scharf
            nachzudenken, was er will und tut, ohne von sich selbst oder Anderen etwas Besonderes zu
            verlangen, einer gewissen <term type="Begriffe" key="300">Führung</term>. Aber was heißt
            das? Könnte man nicht auch sagen: einem gewissen Zufall? Heißt das nicht, daß er sich im
            Grunde treiben und gehen läßt, wie es eben kommt? Man kann das in sehr freundlicher,
            sehr anständiger, sehr frommer Weise tun: man ist beschaulich und zufrieden, man
            überläßt die Welt sich selbst, man beobachtet mehr, als man redet, man denkt mehr, als
            man sagt, man ist ein stiller Zuschauer auf dem Kampfplatz, den die Anderen, die
            Vernunfts-­ und Gewissensleute mit ihrem mehr oder weniger großen Lärm erfüllen. Man
            nimmt nichts tragisch, sondern freut sich an dem Gedanken, daß Gott oder auch das
            Schicksal seinen <term type="Begriffe" key="1390,1090">Willen</term> haben müsse und daß
            man dagegen doch nichts tun könne. Hat man wirklich damit angefangen und fährt man damit
            weiter, daß man Gott müsse walten lassen, so ist offenbar auch hier keine andere
            Möglichkeit. Wer kein solches blindes, volles [?] Gottvertrauen hat, der soll auf den,
            der es nicht<note xml:id="n03">Diese zweite Negation scheint irrtümlich gesetzt.</note>
            hat, auch keine Steine werfen. Aber eine andere Frage ist die, ob das eine <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term>, ob das nun das Richtige ist? |</p>
          <p><hi rend="italic">Halt, sagst du, wer zwingt mich denn</hi>, eines von diesen Stücken,
            nur eines zu wählen und so oder so ein solch extremer Mensch zu sein? Kann ich nicht von
            beiden etwas nehmen, also ein wenig meine Vernunft zu brauchen und ein wenig Gott walten
            zu lassen, und so schön in der Mitte durchkommen? Ganz recht, die meisten Menschen
            werden in der Tat versuchen, zwischen diesen beiden <term type="Begriffe" key="3125">Unmöglichkeiten</term> in der Mitte durchzukommen. Aber weißt du, was das bedeutet?
            Das bedeutet, daß sie links und rechts vom Stück ein Stücklein abschlagen, ein bißchen
            dies und ein bißchen das tun, aber nichts ganz. Das ist sehr angenehm, denn dabei wird
            man in der Tat nicht ein Mensch, bei dem sich’s deutlich zeigte, wie unmöglich sein Tun
            ist; man kann nicht auf ihn zeigen und sagen: seht da, wie häßlich dieser Kämpfer,
            dieser einseitige Trotzkopf, der mit dem Kopf durch die Wand will! – oder: seht da den
            Nichtswoller und Nichtstuer, der nur auf Gott vertraut! Aber ist das nun etwa besser,
            wenn man <term type="Begriffe" key="1945">lau</term> ist statt heiß oder kalt [vgl. Apk.
            3,15f.]? Ist das nun etwa das Richtige, ist das <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term>? Wie <pb ed="pga" xml:id="p116"/> vereinigst du deine zwei
            Stücklein; das ist die Frage! O wie wäre die Welt so voll von <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term>, wenn jeder Mittelmäßige mit seinen zwei Stücklein in der
            Hand deshalb [?] <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term> hätte. Nein, wie
            stückweis unser <term type="Begriffe" key="740">Erkennen</term> ist, das zeigt sich im
            Grund nur noch deutlicher an den Unzähligen, die statt [mit] einem großen, groben Stück
            mit zwei oder drei Stücklein herumlaufen. |</p>
          <p> Ich könnte noch weiter erinnern an das Stück, das zur <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term> gehört, das in der Lebensauffassung besteht, wonach <hi rend="italic">Alles im Grunde zum Besten bestellt</hi>
            <term type="Begriffe" key="2340">wäre</term>: der Mensch ist gut, und die Welt ist gut,
            und das Leben ist sehr schön, wenn man’s nur richtig auffaßt. Alle Tage
              Sonnenschein<note xml:id="n04">Aus dem Kehrreim des Liedes "Laßt die Herzen immer
              fröhlich" von <persName ref="kbga-actors-5848">J. A. Reitz</persName>, Reichs-Lieder
              229.</note>, wenn man nur den Fensterladen nicht verschließt. Das gibt dann jene ewig
            Lächelnden, ewig Heiteren, ewig Strahlenden, die gleichsam tänzelnd an allen
            Dunkelheiten, allen Schwierigkeiten vorüberkommen und uns zuzurufen scheinen: Seht da,
            warum macht ihr’s nicht wie ich? Ihr könntet auch glücklich sein! Ist das etwa das
            Richtige? Ist das etwa <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term>? |</p>
          <p>Dem gegenüber als anderes Stück die Lebensauffassung, wonach <hi rend="italic">im
              Grunde Alles verpfuscht und schlecht</hi>
            <term type="Begriffe" key="2400">ist</term>. Die Menschen sind schlecht. Das Leben ist
            schwer. Die Welt ist dunkel. Einmal müssen wir alle sterben. Das gibt dann jene
            gerunzelten Stirnen, jene trüben Augen, jene gesenkte Kopfhaltung, jene ewig
            bedenklichen, ewig mißtrauischen, ewig grämlichen Wesen. Pessimisten gegen <term type="Begriffe" key="2340">Optimisten</term>, Traurige gegen Fröhliche, Geknickte
            gegen Aufrechte – ist’s das nun etwa? Ist das nun das Richtige? Ist das Erkenntnis?
            |</p>
          <p>Oder <hi rend="italic">wollen wir auch da wieder mischen</hi>, vermitteln, von jedem
            Stück ein Stücklein nehmen, ein bißchen weltselig und ein bißchen weltschmerzlich sein,
            heute eine rote und morgen eine schwarze Brille tragen, heute Glücks-­ und morgen
            Unglückspropheten sein? Ja, so machen es freilich die Meisten von uns, aber wie
            vereinigen sie diese beiden Stücklein? Wie sollte das <term type="Begriffe" key="740">Erkenntnis</term> sein, ein bißchen von diesem und ein bißchen von jenem Unrichtigen
            zu haben und mit beidem ein richtiger Halber zu sein? |</p>
          <p>Und so könnte ich noch weiter erinnern an den Streit derer, die Alles aus dem <term type="Begriffe" key="1160">Geist</term> erklären wollen, mit denen, die Alles auf
              <term type="Begriffe" key="2260">Natur</term>
            <pb ed="pga" xml:id="p117"/> zurückführen, oder an den Streit derer, die grundsätzlich
            immer für den sogenannte <term type="Begriffe" key="930">Fortschritt</term>, für das
            Neue sind, mit denen, die ebenso grundsätzlich für das sogenannte gute Alte eintreten,
            ach, und an wie so manchen anderen Streit! Es ist ja immer dasselbe: ein Stück hier, und
            siehe, gerade wenn man’s ganz ernst nimmt damit, ist’s keine Erkenntnis, ist’s nicht das
            Richtige, und ein Stück dort, und siehe, wenn man[’s] ernst nimmt, ist[’s] auch nicht
            das Richtige, und wenn man beide nicht ernst nimmt und einen Mittelweg geht, so ist’s
            erst recht nicht und noch viel weniger das Richtige. Versteht ihr’s jetzt, daß das ein
              <term type="Begriffe" key="2850">Seufzer</term> ist, ein Schrei aus tief gequälter
            Brust, ein Schrei des Entsetzens über die Lage der Menschen, wenn <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt: jetzt erkenne ich’s stückweise? Was ist
            doch der Mensch, was ist doch das Leben, was ist doch die Welt, wenn es wirklich keine
            Erkenntnis gibt, sondern immer nur Stücke, Bruchstücke, von denen keines das Ganze ist
            und die sich nicht zusammenreimen <term type="Begriffe" key="740,144">lassen?</term></p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>4. <note xml:id="n05">Der fragmentarische Absatz 4 wird buchstabengetreu
              wiedergegeben.</note></head>
          <p>Jetzt – dann aber! <hi rend="italic">Jetzt:</hi> Scharfe Grenzen, von denen wir umgeben
            sind. So sind wir dran. Weiter kommen wir nicht. Das ist’s, was uns möglich ist: solche
            Stücke! <hi rend="italic">Dann aber</hi> – kommt das <term type="Begriffe" key="2205,1975">Unmögliche</term>. Weil er die <term type="Begriffe" key="1428">Grenzen</term> scharf sieht, sieht er hinüber. Dort ist Gott, <term type="Begriffe" key="220">Auferstehung</term>, ewiges Leben. Was heißt das? Etwas Menschen <term type="Begriffe" key="2205,1975">mögliches</term>. Nein, wir haben unsere
            M[enschen]möglichkeiten geendet [?], auch [?] wäre [?] da nichts zu tun! Aber die
            Möglichkeit Gottes! Vielleicht wenn wir einsehen: damit geht’s nicht, begreifen wir
            diese Möglichkeit. Für P[au]l[us] die Wirklichkeit: <hi rend="italic">ich bin
              erkannt.</hi> Im Tode <term type="Begriffe" key="1720,1400">Xi</term> [= Christi] das
            Ende dieses M., der Anfang eines <term type="Begriffe" key="2130,1931">neuen</term>.
            Warum greift der M. bald nach diesem, bald nach jenem Stück? Warum suchen die meisten zu
            vermitteln? Sie sehen alle das Ganze. Sie müssen es sehen. Sie können es sehen, ohne es
            zu kennen. Wie ich erkannt bin, so werde ich erkennen.</p>
        </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder<note xml:id="n06">Bei den Liedern finden sich keine
            Strophenangaben.</note>:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-222">Nr. 4 «Ich singe dir mit Herz und Mund» von P. Gerhardt (RG [1998] 723; EG
              324)</bibl>
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-103">Nr. 352 «Ich hab von ferne, Herr, deinen Thron erblickt» von J. T. Hermes (FEG
              [1907] 491)</bibl>
          </listBibl>
        </div>


      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
