<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-44023">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">Apostelgeschichte 2,1­–11; Jesaja 55,8­–11 (Pfingsten)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Apostelgeschichte 2,1­–11; Jesaja 55,8­–11 (Pfingsten), 15. Mai 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44023 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 140.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44023</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">Apostelgeschichte 2,1­–11; Jesaja 55,8­–11 (Pfingsten)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">140</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: Apg 2,1-11 und Jes 55,8-11 (Pfingsten), 15. Mai 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2005">KBA 1552</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1921-05-15">15. Mai 1921</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-10-02T07:56:09+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-10-02T07:56:09+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="sermon">
        <pb ed="pga" xml:id="p133"/>
        <div type="opener">
          <head><idno>568</idno></head>
          <head type="event"><hi rend="italic">
              <term type="Begriffe" key="2420">Pfingsten</term></hi></head>
          <dateline>
            <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>, Sonntag,
            den <date when="1921-05-15">15. Mai 1921</date><note xml:id="n01">Am Sonntag, dem 8.
              Mai, predigte <persName ref="kbga-actors-246">Fritz Lieb</persName> in Safenwil. Barth
              konnte ihn nicht hören, weil er für den erkrankten Kollegen <persName ref="kbga-actors-763">Schild</persName> in <placeName ref="kbga-places-382">Uerkheim</placeName> einspringen mußte. Er kam alsbald zurück, um nach der von
                <persName ref="kbga-actors-246">Lieb</persName> gehaltenen Kinderlehre sein und
                <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> Barths viertes Kind, <persName ref="kbga-actors-25">Robert Matthias</persName>, sowie Nellys Nichte Bethli <term type="Namen" key="Schuler, Bethli">Schuler</term> zu taufen (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, S. 485f.</bibl>;
              vgl. dazu Busch, S. 131). Die Taufansprache s. unten S. 197f.</note>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Apg.2.1 Apg.2.11">Apostelgeschichte
                2,1­–11</ref>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.55.8 Jes.55.11">; Jesaja 55,8­–11</ref>

              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">[Als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle
                  einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines
                  gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen
                  ihnen Zungen, zerteilt, wie vom Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen
                  unter ihnen; und sie wurden alle voll des heiligen Geistes und fingen an, zu
                  predigen mit andern Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen. Es waren
                  aber Juden zu Jerusalem wohnend, die waren gottesfürchtige Männer aus allerlei
                  Volk, das unter dem Himmel ist. Da nun diese Stimme geschah, kam die Menge
                  zusammen und wurden bestürzt; denn es hörte ein jeglicher, daß sie mit seiner
                  Sprache redeten. Sie entsetzten sich aber alle, verwunderten sich und sprachen
                  untereinander: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören
                  wir denn ein jeglicher seine Sprache, darin wir geboren sind? Parther und Meder
                  und Elamiter, und die wir wohnen in Mesopotamien und in Judäa und Kappadozien,
                  Pontus und Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und an den Enden von Libyen bei
                  Kyrene und Ausländer von Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir
                  hören sie mit unsern Zungen die großen Taten Gottes reden. <lb/>Denn meine
                  Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht
                  der Herr; sondern soviel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine
                  Wege höher denn eure Wege und meine Gedanken denn eure Gedanken. Denn gleichwie
                  der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahinkommt, sondern
                  feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und wachsend, daß sie gibt Samen, zu
                  säen, und Brot, zu essen: also soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch
                  sein. Es soll nicht wieder zu mir leer kommen, sondern tun, was mir gefällt, und
                  soll ihm gelingen, dazu ich’s sende.]</hi>
              </quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div type="main">
        <div>
          <pb ed="pga" xml:id="p134"/>
          <head>1.</head>
          <p> Das Erste, was wir gehört haben, war die <term type="Begriffe" key="2420,2053">Pfingstgeschichte</term>. Aber was heißt, was bedeutet das alles? Wer ist das, <hi rend="italic">der Geist</hi>, der da als etwas ganz Neues, <term type="Begriffe" key="117">Anderes</term>, Fremdartiges auf diese Menschen <term type="Begriffe" key="247">fiel</term> unter Brausen vom Himmel und Erscheinung feuriger Zungen? Was
            ist das für <hi rend="italic">ein Ereignis</hi>, wenn das wieder an Menschen geschieht,
            wie es an diesen Menschen geschehen ist? Was sind das für <hi rend="italic">Menschen</hi>, die von solchem Ereignis herkommen, von denen es nun also heißen kann
            und heißen muß, daß sie voll heiligen Geistes sind? Nicht wahr, <hi rend="italic">diese
                <term type="Begriffe" key="940">Fragen</term></hi> kommen uns alle Jahre wieder, und
            wir sind nie fertig damit. Wer auch nur ein wenig über das Pfingstfest und die <term type="Begriffe" key="2420,2053">Pfingstgeschichte</term>
            <hi rend="italic">nachdenkt</hi>, dem muß das alles immer wieder neu und rätselhaft
            vorkommen, der merkt, daß das alles eine ganz große Verheißung, aber auch eine ganz
            große Verlegenheit ist für uns. Denn die <term type="Begriffe" key="2420,2053">Pfingstgeschichte</term> ist eine <hi rend="italic">Geschichte von Menschen:</hi> Wir
            können uns gerade hier nicht etwa davon entfernen, daß wir sagen: Ja, das war eben Jesus
            Christus, das ist etwas Anderes. Nein, zu unserem Trost und um uns Hoffnung zu machen,
            hören wir da von Menschen, von Menschen wie wir, auf die der heilige Geist <term type="Begriffe" key="247">fiel</term>, aber vielleicht auch zu unserer großen
            Beunruhigung: denn wenn wir das hören, dann müssen wir uns offenbar fragen, wie es denn
            mit dem heiligen Geist bei uns steht? ob wir ihn kennen? ob wir etwas wissen von solcher
            Ausgießung? ob wir Menschen sind, die dieses Ereignis hinter sich oder erst in
            unbestimmter Ferne vor uns haben? <hi rend="italic">Die christliche <term type="Begriffe" key="1850">Kirche</term> stellt ja</hi> damit, daß sie die
            Erinnerung an die <term type="Begriffe" key="2420,2053">Pfingstgeschichte</term> als
            einen besonderen Festtag feiert, ausdrücklich die Behauptung auf, daß der heilige Geist
            und seine <term type="Begriffe" key="247">Ausgießung</term> und sein Besitz nicht nur
            jene Menschen anging, sondern alle Menschen, alle Zeiten, alle Völker, die ganze Welt.
            Das ist zunächst eine Behauptung wie eine andere. <hi rend="italic">Wenn sie recht
              hätte</hi>, was für eine Verheißung! Dann geht die <term type="Begriffe" key="2420,2053">Pfingstgeschichte</term> also weiter, dann ist die ganze
            Weltgeschichte in gewissem Sinn immer auch eine Fortsetzung und Erneuerung der <term type="Begriffe" key="2420,2053">Pfingstgeschichte</term>, dann ist unsere eigene
            Lebensgeschichte in gewissem Sinn mitten drin in der <term type="Begriffe" key="2420,2053">Pfingstgeschichte</term>. Aber <hi rend="italic">wenn es nun nicht so
              wäre?</hi> Ach, die christliche <term type="Begriffe" key="1850">Kirche</term>
            behauptet mit ihrer <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> in der Hand gar
            mancherlei, was ja doch niemand so recht glaubt, was die <term type="Begriffe" key="2410">Pfarrer</term> und die anderen sogenannten <term type="Begriffe" key="470,110">Christen</term> selbst nicht so recht glauben. Zweifelnd blicken wir uns
            um und fragen: ja, wo ist er denn, der heilige Geist, wo und <pb ed="pga" xml:id="p135"/> wann und wie wird er denn <term type="Begriffe" key="247">ausgegossen</term>, wer von
            uns hat ihn denn, etwa du, etwa ich? <term type="Begriffe" key="1920,1620">Weltkrieg</term> und <term type="Begriffe" key="2580">Revolution</term> und
            Versailler <term type="Begriffe" key="3280,2395">Friede</term>, das sind Tatsachen.
              Zollpolitik<note xml:id="n02">Vgl. <term type="Namen" key="Fischer, Eduard">E.
                Fischer</term>, <hi rend="italic">Illustriertes Lehrbuch der
                Schweizergeschichte</hi>, Solothurn 1927, S. 423: "Schwergeprüft trat unser Staat in
              die schlimme <hi rend="italic">Krise der</hi>
              <hi rend="italic">Nachkriegszeit</hi> ein. […] die ostschweizerische Stickerei erholte
              sich wegen der hohen Zölle, welche die Nachbarstaaten auf ihre Fabrikate legten, nicht
              mehr. […] auch die Landwirtschaft geriet […] in eine missliche Lage, welche der Bund
              z.B. […] durch Beschränkung der Schlachtvieheinfuhr und Zollmassnahmen etwas zu
              verbessern trachtete."</note>, <term type="Begriffe" key="1860">Klassenkampf</term>
            und <term type="Begriffe" key="3570">Arbeitslosigkeit</term><note xml:id="n03">Vgl.
              ebd.: Die Krise "bewirkte, dass unsere Industrie durch Absatzmangel lahmgelegt wurde
              und eine <hi rend="italic">Arbeitslosigkeit</hi> in bisher nie gekanntem Umfange
              eintrat. Zur Zeit ihrer grössten Ausdehnung erfasste sie 100,000 Arbeiter, d.h. einen
              Fünftel der Industriebevölkerung. Gemeinden, Kantone und Bund sahen sich gezwungen,
              der verdienstlosen Arbeiterschaft während der schweren Zeit Unterstützungsgelder
              auszurichten oder sie bei Notstandsarbeiten zu beschäftigen."</note>, menschliche
            Leidenschaft und menschliche Schwachheiten, dein und mein Leben, wie es ist, wenn man
            uns von Nahem kennt, so wie wir selber uns kennen, das sind Tatsachen. Aber <term type="Begriffe" key="2420">Pfingsten</term>? Da haben wir die Verlegenheit.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>2.</head>
          <p> Seht, ich könnte es ja nun versuchen, auf jene Fragen eine von jenen Antworten zu
            geben, die man da gewöhnlich gibt und die ihr gewiß auch schon gehört habt. Ich könnte
              <hi rend="italic">vom heiligen <term type="Begriffe" key="1160,440">Geist</term></hi>
            sagen, er sei das höhere Leben im Menschen, das Reinere, Bessere, Edlere, das
            Menschliche in ihm, vielleicht auch das Göttliche in ihm, sein Glaube, seine Liebe,
            seine Hoffnung, das Tiefste, das in uns allen verborgen ist und das wie ein geheimer
            Strom auch durch die ganze Menschheit geht. Das könntet ihr alle verstehen, und ich
            würde es auch verstehen, und dann würden wir uns gemeinsam darüber freuen, daß es
            tatsächlich ein solches höheres <term type="Begriffe" key="2130,1923">Leben</term> in
            uns und in der ganzen Menschheit gibt. Und nur Eines wäre merkwürdig, daß man so davon
            reden und hören kann wie von etwas Bekanntem, und vielleicht würden wir uns im Stillen
            fragen, warum denn in der <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> von einer so
            bekannten Sache in so seltsamer Weise die Rede sei wie gerade in der <term type="Begriffe" key="2420,2053">Pfingstgeschichte</term>. |</p>

          <p>
            <pb ed="pga" xml:id="p136" rend="noPipe"/> Ich könnte <hi rend="italic">von der
              Ausgießung des heiligen <term type="Begriffe" key="247">Geistes</term></hi> sagen, das
            sei nun eben der Durchbruch dieses höheren <term type="Begriffe" key="2130,1923">Lebens</term>. Wenn man ein Erlebnis, eine Erfahrung davon hat, wenn es zu einer
              <term type="Begriffe" key="310">Bekehrung</term> des Menschen kommt oder im großen
            Kreise von Menschen zu einer <term type="Begriffe" key="830">Erweckung</term>, das alles
            könnten wir wiederum verstehen. Wenn ich ein großer Prediger wäre, so könnte ich dann
            sogar so davon reden, daß sich tatsächlich der Eine oder Andere bekehrte, und wenn ich
            ein ganz gewaltiger Prediger wäre, so dürften wir vielleicht <term type="Begriffe" key="2420">Pfingsten</term> damit feiern, daß geschähe, worauf ja Einige schon lange
            warten, daß eine <term type="Begriffe" key="830">Erweckungsbewegung</term>, ein
            Seelenfrühling durch unsere <term type="Begriffe" key="1850,1535">Gemeinde</term> ginge.
            Merkwürdig wäre dabei wiederum nur das Eine, daß man von solchen Durchbrüchen des
            höheren <term type="Begriffe" key="2130,1923">Lebens</term> reden und hören kann, daß
            sie tatsächlich geschehen wie andere Ereignisse auch, und vielleicht werden dem Einen
            oder Anderen das Brausen vom Himmel und die feurigen Zungen einfallen, die die
            Ausgießung des heiligen <term type="Begriffe" key="247">Geistes</term> begleiteten,
            während man auch von den aufrichtigsten <term type="Begriffe" key="310">Bekehrungen</term>, von den größten <term type="Begriffe" key="830">Erweckungsbewegungen</term> dergleichen nicht gehört hat. |</p>
          <p>Und ich könnte weiter versuchen, <hi rend="italic">die Geistesmenschen</hi>,
            diejenigen, die voll heiligen Geistes sind, wie es da heißt, zu beschreiben, wie sie
            Gott fürchten und ihre Nächsten lieben, wie sie einen Sinn haben für das Ewige und ein
            immer waches Gewissen und immer bereite Hände zum Beten sowohl wie zum Arbeiten, wie sie
            Frieden haben im Leben und im Sterben. Ich könnte zeigen, wie das das Ziel ist unserer
            Lebensgeschichte und schließlich auch das Ziel der Weltgeschichte, daß wir aus
            gewöhnlichen Menschen solche Geistesmenschen werden. Das könnten wir wiederum wohl
            verstehen. Wir würden dann vielleicht an diesen oder jenen solcher Geistesmenschen
            denken, den wir kennen, und würden im Stillen ermessen, wie weit wir selber wohl schon
            sind auf diesem Wege, sagen wir’s einfach, gute Menschen zu werden. Merkwürdig dabei
            wäre auch da wieder nur das Eine, daß man das alles so sagen kann und daß es solche
            Menschen tatsächlich gibt, und etwas erstaunt müßten wir eigentlich dann fragen, wieso
            denn bei den Geistesmenschen der <term type="Begriffe" key="2420,2053">Pfingstgeschichte</term> noch etwas geschah, was bei den besten Menschen, die wir
            kennen, nicht zu geschehen pflegt: daß alle die Fremden sie reden hörten in ihrer <term type="Begriffe" key="2917">Sprache</term>, daß man sich entsetzte und irre wurde,
            indem man sie hörte, daß man auf den Gedanken kommen konnte, sie seien betrunken [Act.
            2,12f.].</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <pb ed="pga" xml:id="p137"/>
          <head>3.</head>
          <p> Seht, ich kann das alles nicht mehr sagen. Nicht darum, weil das nicht alles sehr
            schöne und große Dinge wären, die wir uns nur aus ganzer Seele wünschen können. Aber
            weil es nicht wahr ist, daß das nun der heilige Geist sei und die Ausgießung des <term type="Begriffe" key="247">Geistes</term> und das Erfülltsein vom Geist. Wie einen <hi rend="italic">ersten großen Riegel</hi> vor dieser Tür sehe ich das furchtbar klare
            Wort: Meine Gedanken [sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege].
            Alles, wovon wir geredet haben, sind <term type="Begriffe" key="2132">Menschengedanken</term> und Menschenwege. Gute, hohe, heilige, fast göttliche
            Menschengedanken und Menschenwege, aber <term type="Begriffe" key="2132">Menschengedanken</term> und Menschenwege. Den <hi rend="italic">zweiten großen
              Riegel</hi> vor dieser Tür sehe [ich] in der <term type="Begriffe" key="2420,2053">Pfingstgeschichte</term>, wie sie in der <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term>
            steht. Ich komme nicht darüber hinweg: das, wovon da die Rede ist, ist auf alle Fälle
            nicht etwas Bekanntes. Es ist nicht etwas, was man nur so sagen kann, wie man etwas
            Anderes sagt. Es ist nicht etwas, was etwa einmal vorgekommen ist und etwa einmal wieder
            vorkommt. Es ist nicht etwas, was ich verstehen kann und was ihr verstehen könnt. Den
              <hi rend="italic">dritten großen Riegel</hi> sehe ich nicht in der Bibel, sondern in
            einer Frage, die in uns allen ist. Die Frage heißt: Und <term type="Begriffe" key="3105">dann?</term> Und <term type="Begriffe" key="3105">dann</term>, wenn denn jenes hohe
              <term type="Begriffe" key="2130,1923">Leben</term> lebt in uns allen und in Einigen
            zum Durchbruch gekommen ist und an Einigen sich zeigt? Und <term type="Begriffe" key="3105">dann</term>, wenn nun da etwas ist in uns Menschen, geschehen ist und
            vorhanden ist? Und <term type="Begriffe" key="3105">dann?</term> Ist dann etwas anders
            geworden? Sind die Rätsel und Nöte unseres Lebens etwa weniger schwer, darum weil wir
            lernen können, sie zu ertragen? Ist die Sünde etwa weniger stark, darum weil wir dazu
            kommen können, sie zu bekämpfen? Ist die Zeit etwa nicht mehr Zeit, immer nur
            Vergangenheit und immer nur Zukunft, nie Gegenwart, nie Ewigkeit, darum weil wir
            angefangen haben, der Ewigkeit zu gedenken? Ist Gott etwa weniger geheimnisvoll, darum
            weil ich seinen Namen kenne und ihn anbete? Ist etwa Alles gut, darum weil ich gut bin,
            was wir Menschen so gut heißen? |</p>
          <p><hi rend="italic">Ich sage euch: Gerade diejenigen</hi> unter uns Menschen, die in
            jenen hohen, guten, heiligen, fast göttlichen <term type="Begriffe" key="2132">Menschengedanken</term> und Menschenwegen am weitesten gekommen sind, waren fast
            verbrannt von der Frage: Und <term type="Begriffe" key="3105">dann?</term>, fast
            verbrannt an der Einsicht, daß unsere eigentliche Not und unsere eigentliche Hoffnung
            dort anfängt, wo unsere besten Antworten aufhören, daß der <term type="Begriffe" key="1160,440">Geist</term> nicht etwas ist, was wir kennen, verstehen und sagen
            können, sondern eben wirklich der <pb ed="pga" xml:id="p138"/> heilige <term type="Begriffe" key="1160,440">Geist</term>, daß Gottes Wege höher sind als unsere
            Wege und Gottes <term type="Begriffe" key="1390,760">Gedanken</term> höher denn unsere
            Gedanken, soviel höher, wie der Himmel höher ist als die Erde. <hi rend="italic">Vor
              dieser brennenden Frage:</hi> Und <term type="Begriffe" key="3105">dann?</term> und
            dann, wenn das, was wir Menschen kennen, verstehen und sagen können, einigermaßen in
            Ordnung ist, was dann? – vor dieser Frage standen jedenfalls auch die <term type="Begriffe" key="1770">Jünger</term>, als der Tag der <term type="Begriffe" key="2420">Pfingsten</term> erfüllt war. Sie hatten damals wahrhaftig das <term type="Begriffe" key="2130,1923">Höchste</term>, was menschlich erreichbar ist, schon
            hinter sich: sie hatten etwas gehört und gesehen von jenem hohen Leben, das durch die
            Menschheit geht, sie waren <term type="Begriffe" key="830">erweckt</term> und sie hatten
            sich <term type="Begriffe" key="310">bekehrt</term>, sie waren gute Menschen geworden.
            Sie kamen ja von Jesus her. Wenn das höchste menschlich Erreichbare der heilige Geist
            wäre, dann hätten sie ihn nicht erst zu empfangen brauchen, sie hätten ihn schon. Wo der
            heilige <term type="Begriffe" key="1160,440">Geist</term> ist, da hört die Frage: Und
              <term type="Begriffe" key="3105">dann</term>? auf, da fehlt dem Menschen nichts mehr,
            gar nichts. Den Jüngern vor den <term type="Begriffe" key="2420">Pfingsten</term> fehlte
            aber noch <term type="Begriffe" key="2130,1873">etwas</term>.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>4.</head>
          <p> Die drei Riegel, die diese Tür verschließen, könnten sie offenbar auch öffnen. Ich
            denke, ihr habt gemerkt, daß es sich immer wieder um das Gleiche handelt: in dem, was
            wir zuletzt sagten: den <term type="Begriffe" key="1770">Jüngern</term> vor den <term type="Begriffe" key="2420">Pfingsten</term>
            <term type="Begriffe" key="2130,1873">fehlte</term> noch etwas!, ist Alles enthalten.
            Ich weiß nicht, ob wir das fassen können und fassen wollen, daß <hi rend="italic">Gottes
              Wege höher sind als unsere Wege</hi> und seine <term type="Begriffe" key="1390,760">Gedanken</term> höher denn unsere Gedanken, soviel höher, als der Himmel höher ist
            als die Erde. Ein starker Anspruch wird da an uns gestellt, um so stärker, je höher
            vielleicht unsere eigenen <term type="Begriffe" key="2132">Gedanken</term> und Wege
            sind. Wer getraut sich, von der Höhe aus, auf der wir doch eigentlich alle ein wenig
            stehen, aufzublicken: höher, noch einmal höher, ganz anders höher, bis es für uns nichts
            mehr zu blicken gibt, weil wir uns selbst dabei so klein geworden sind, daß wir einsehen
            müssen, daß es da für uns endgiltig nichts zu erblicken gibt. Wer ist mutig und demütig
            genug, sich das zu getrauen? Seht, wenn wir uns, ich weiß nicht durch welche Erfahrungen
            belehrt, getrauen müssen, von unseren <term type="Begriffe" key="2132">Gedanken</term>
            und Wegen aufzublicken höher und höher und dann einsehen müssen, daß es da für uns nicht
            einmal etwas aufzublicken gibt, dann fehlt uns das, was den <term type="Begriffe" key="1770">Jüngern</term> vor den <term type="Begriffe" key="2420">Pfingsten</term>
            <term type="Begriffe" key="2130,1873">fehlte</term>. Dann steht uns aber auch das
            unmittelbar gegenüber, was den <term type="Begriffe" key="1770">Jüngern</term> am
            Pfingsttag unmittelbar gegenüberstand: der heilige <term type="Begriffe" key="1160,440">Geist</term>. |</p>

          <p>
            <pb ed="pga" xml:id="p139" rend="noPipe"/> Ich bin weiter nicht sicher, ob wir willig
            sind zuzugeben, <hi rend="italic">daß einmal etwas ganz Unbekanntes</hi>,
            Unverständliches, Unsagbares in unser Leben hineintreten könnte, nicht eins von den
            Geheimnissen, die uns dann später einmal kein Geheimnis mehr sind, sondern das <term type="Begriffe" key="1140">Geheimnis</term>, das immer Geheimnis ist und bleibt, das
            gar nichts Anderes sein kann für uns als eben das Geheimnis, und daß wir dann, [wenn
            wir] dieses Unbekannte sehen, immer daran denken, ganz von ihm beherrscht sein müßten.
            Seht, wenn wir da antworten müssen: ich glaube zu ahnen, was du meinst, ich kenne das
            auch, aber ich wehre mich dagegen; ich will davon, gerade davon nichts wissen, ich weiß
            doch, was höheres Leben ist, ich bin doch ein erweckter und bekehrter Mensch, ich bin
            doch gut, nur ich will nicht, daß das in mein Leben hineintritt! – dann fehlt uns das,
            was den <term type="Begriffe" key="1770">Jüngern</term> vor <term type="Begriffe" key="2420">Pfingsten</term>
            <term type="Begriffe" key="2130,1873">fehlte</term>. Dann steht uns aber auch
            unmittelbar bevor, was den <term type="Begriffe" key="1770">Jüngern</term> am Pfingsttag
            unmittelbar bevorstand, was sie nicht erwartet, nicht erwünscht, nicht erbetet haben,
            wogegen sie sich, wenn sie es hätten kommen sehen, gewehrt hätten wie gegen einen
            eindringenden Räuber: die Ausgießung des heiligen <term type="Begriffe" key="247">Geistes</term>. |</p>
          <p>Aber das weiß ich: <hi rend="italic">daß jene Frage:</hi> Und <term type="Begriffe" key="3105">dann?</term> irgendwo und irgendwie in uns allen ist. Sie schlummert
            vielleicht, zugedeckt von allerlei persönlicher, bürgerlicher oder christlicher
            Gerechtigkeit und Sicherheit, zugedeckt vielleicht auch von allerlei freundlicher
            Gemütsruhe, von allerlei anerkennenswerter Charakterstärke, von allerlei tiefem
            Geistesschwung, aber sie ist da. Und <term type="Begriffe" key="3105">dann?</term>, wenn
            wir das alles haben, was wir in unseren höchsten Träumen haben möchten? Und <term type="Begriffe" key="3105">dann</term>, wenn wir das alles sind, was wir in unseren
            besten Augenblicken beinahe sind, was haben wir dann? was sind wir dann? Soll das nun
            eine Antwort sein, eine Lösung, eine Beruhigung? Ist damit nun das Rätsel eröffnet, das
            Rätsel von Leben und Tod, Zeit und Ewigkeit, Mensch und Gott? Ist das nun Alles? Seht,
            indem wir so fragen müssen, jenseits aller Antworten - jawohl wir müssen, wir Menschen
            der heutigen Zeit alle miteinander mehr als je -, damit fehlt uns das, was den <term type="Begriffe" key="1770">Jüngern</term> vor den <term type="Begriffe" key="2420">Pfingsten</term>
            <term type="Begriffe" key="2130,1873">fehlte</term>. Und damit, daß wir so fragen
            müssen, steht uns auch das unmittelbar bereit, was für die <term type="Begriffe" key="1770">Jünger</term> am Pfingsttag unmittelbar bereit stand, der Besitz des
            heiligen Geistes. ­- Seht ihr, wie die Riegel, die diese Tür verschließen, wirklich auch
            die Riegel sind, die sie öffnen können?</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->

        <div>
          <pb ed="pga" xml:id="p140"/>
          <head>5.</head>
          <p> Und nun nehmt noch einmal Alles zusammen: die <term type="Begriffe" key="1390,760">Gedanken</term> und Wege Gottes, die höher als unsere Gedanken und Wege sind, das
              <term type="Begriffe" key="1140">Geheimnis</term>, das in unser Leben hineintreten
            möchte, die Frage: Und <term type="Begriffe" key="3105">dann?</term>, die an der Wurzel
            unseres Lebens sitzt, und denkt an das, was uns da jedesmal gegenübersteht, bevorsteht,
            bereitsteht auf der anderen Seite. Und nun hört da noch einmal die zweite Hälfte unseres
            Jesajatextes: Denn gleichwie der Regen [und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder
            dahinkommt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und wachsend, daß sie gibt
            Samen, zu säen, und Brot, zu essen: also soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch
            sein. Es soll nicht wieder zu mir leer kommen, sondern tun, was mir gefällt, und soll

            ihm gelingen, dazu ich’s sende.] Das Wort <term type="Begriffe" key="3600">Gottes</term>. Wir haben nicht Menschenwort, sondern das Wort Gottes gehört, wenn wir
            von dem Riegel gehört haben, der die Türe schließen und öffnen kann. Und das Wort Gottes
            hört man nicht umsonst. Es arbeitet. Es kämpft. Es siegt. Es hat schon gesiegt. Und das
            Wort ist der <term type="Begriffe" key="1160">Geist</term>. Wir brauchen nicht zu sagen,
            ob wir den Geist haben oder nicht. Wir haben ihn alle nicht und wir haben ihn alle.
            Nicht wir haben ihn, sondern er hat uns, durch das Wort, das leibhaftig zu uns kommt und
            mit uns redet. Es ist töricht zu fragen: wo ist der Geist? wo ist er Tatsache? wo sind
            seine Spuren? Der Geist ist nicht hier und dort. Er ist keine Tatsache. Er hinterläßt
            keine Spuren. Er ist der Geist, er ist es durch das Wort, das wahrhaftig deutlich genug
            zu uns allen, zu der ganzen Welt redet. Wer hier zagt und zittert, der darf hoffen. Wer
            hier verlegen wird, der hört die Verheißung. Wer hier blind ist, der wird das Brausen
            vom Himmel hören und die feurigen Zungen sehen. Wer hier unerfahren mit leeren Händen
            dasteht, der wird es erfahren und seine Hände werden die Fülle nicht fassen können: Ich
            will meinen Geist <term type="Begriffe" key="247">ausgießen</term> über alles Fleisch
            [Act. 2,17]!</p>
        </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-142">Nr. 147 «O heiliger Geist, o heiliger Gott» von A. E. Fröhlich, Strophen 1.2.3 (RG
              [1998] 507,1.2.-)</bibl>
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-126">Nr. 190 «Walte, walte nah und fern» von J. Fr. Bahnmaier, Strophen 1­-5 (RG [1998]
              257,1­-5 mit Textabweichung in Str. 2)</bibl>
          </listBibl>
        </div>

      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
