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        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">Matthäus 18,3</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 18,3, 10. Juli 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44025 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 152.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">Matthäus 18,3</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">152</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: Mt 18,3, 10. Juli 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2007">KBA 1554</ref>. </bibl>
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          <head><idno>570</idno></head>
          <dateline>
            <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>, Sonntag,
            den <date when="1921-07-10">10. Juli 1921</date><note xml:id="n01">Am 3. Juli ließ sich
              Barth im Gottesdienst noch einmal von Pfarrer <persName ref="kbga-actors-641">Adolf
                Kistler</persName> aus <placeName ref="kbga-places-50">Olten</placeName>
              vertreten.</note>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.3">Matthäus 18,3</ref>
              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">Wahrlich ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und
                  werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.</hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div type="main">
        <div>
          <head>1.</head>
          <p> An diesem Wort ist schon viel gesündigt worden. Weniger von denen, die etwa darüber
            lachten oder sich trotzig dagegen auflehnten, daß wir wie die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> werden sollen, als vielmehr von denen, die diesem Wort
            allzuschnell ihren Beifall gaben, ohne zu bedenken, was man damit eigentlich tut. Man
            hat im Anschluß an dieses Wort erstaunlich viel Schönes über die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> gesagt, z. B. über die kindliche Unschuld, über die kindliche
            Einfalt, über die kindliche Liebe, über den kindlichen Glauben. Man hat gesagt: so
            müssen wir auch wieder werden, wir Großen, wir <term type="Begriffe" key="815">Erwachsenen</term>, und hat es mit mehr oder weniger Glück versucht, sich diese
            Eigenschaften wieder anzueignen. Man übersieht dabei, daß diese Eigenschaften
            menschliche <term type="Begriffe" key="615,134">Eigenschaften</term> sind. Denn auch die
              <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> sind Menschen und keine Engelein, und
            wenn es noch so viel zarte Seelen gibt, die das etwa meinen, und ihre besten
            Eigenschaften sind menschliche <term type="Begriffe" key="615,134">Eigenschaften</term>.
            Man dürfte, wenn man einmal von den kindlichen Eigenschaften reden will, mindestens
            nicht vergessen, daß es neben der kindlichen Unschuld eine mindestens ebenso deutliche
            kindliche Verdorbenheit gibt, von der niemand sagen kann, wo sie herkommt, neben der
            kindlichen Einfalt eine kindliche Schlauheit, neben der kindlichen Liebe eine sehr
            ausgeprägte kindliche Selbstsucht, neben dem kindlichen Glauben oder dem, was man so
            heißt, ein ganzes kleines Moor von kindlichem Unglauben und Aberglauben. Es hat schon
            seinen guten Grund, daß Jesus überhaupt kein Wort darüber gesagt hat, in was wir denn
            wie die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> werden sollen. Er hat gewußt, daß
            man darüber wohl dies und das sagen kann, aber dann muß man ehrlicherweise auch das
            Gegenteil dazu sagen, das eben auch wahr ist, bei den Kindern wie bei uns Großen, und
            dann hebt beides einander auf, und man ist soweit wie vorher. Er hat vielmehr etwas
            Unerklärliches gesehen in <pb ed="pga" xml:id="p148"/> den <term type="Begriffe" key="1840">Kindern</term>, etwas, dem man weder diesen noch jenen menschlichen Namen
            geben kann, etwas, mit dem man keinen Götzendienst treiben kann, wie es viele Eltern und
            Erzieher mit den schönen Eigenschaften der <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> tun, mit dem man dann aber auch keine Enttäuschung erlebt, wenn die
            weniger schönen Eigenschaften an den Tag kommen, wenn es sich zeigt, daß das kleine
            Götzlein eben auch ein Mensch ist. Jesus hat das Göttliche gesehen in den <term type="Begriffe" key="1840">Kindern</term>, nicht in ihren Eigenschaften, sondern in
            den <term type="Begriffe" key="1840">Kindern</term> selbst, in der unerklärlichen
            Tatsache, daß die Kinder eben <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> sind. Oder
            besser gesagt: Jesus hat in den Kindern, wie sie eben einfach <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> sind und nichts sonst, einen Hinweis gesehen, eine
            Erinnerung, eine Erklärung, wie sich Gott zum Menschen verhält oder wie der Mensch ins
            Himmelreich kommt. Er hat es gesehen, wie er überhaupt in 100 gewöhnlichen Dingen mehr
            gesehen hat, als wir gewöhnlich zu sehen pflegen, und nun fragt er uns, ob wir es
            allenfalls auch sehen. Daß es etwas sehr Wichtiges ist, was er sieht, deutet er damit
            an, daß er sagt: So ihr nicht werdet wie die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term>, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Es geht also um Leben oder
            Tod. |</p>
          <p>Eben darum sollten wir uns nicht damit begnügen, leicht und bequem irgend etwas zu
            sehen an den <term type="Begriffe" key="1840">Kindern</term>, was uns gerade gefällt.
            Viel besser, wenn wir vielleicht zunächst gar nichts sehen als eben nur das
            Unerklärliche, das Namenlose, das Rätselhafte, daß die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> Kinder sind: was für ein <term type="Begriffe" key="3535">Widerspruch</term> das eigentlich ist: die sorgenvolle, geschäftige Mutter oder
            Großmutter und daneben das Kind, der ganz in seine Arbeit in der Werkstatt oder auf dem
            Felde oder im Bureau oder hinter seinen Büchern vertiefte Mann und daneben das <term type="Begriffe" key="1840">Kind</term>, eine Trauerfamilie und mitten drin die Kinder,
            der <term type="Begriffe" key="2410">Pfarrer</term> mit seinen biblischen Geschichten
            von <term type="Namen" key="Abraham">Abraham</term> und <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName> und vom Herrn Jesus und vor ihm die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term>, der Lehrer mit seinem Lehrplan und Lehrgang und Lehrziel und
            Lehrmittel und wie diese Wunder [?] alle heißen und vor ihm die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term>, auf der Straße ein Unglücksfall, eine Heilsarmeeversammlung,
            ein Betrunkener, ein Maifeierumzug oder eine andere Sehenswürdigkeit und darum herum
            versammelt die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term>. Ich meine bei dem allem
            nicht die braven oder bösen, die intelligenten oder beschränkten, die wohlerzogenen oder
            unerzogenen, die glücklichen, sonnigen, kindlichen <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> und die anderen, die vielen, vielen, die schon mit drei Jahren aussehen
            wie alte Leute, weil <pb ed="pga" xml:id="p149"/> sie schon so viel von den Schatten des
            Lebens gesehen haben, sondern einfach die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term>
            als Kinder mit ihren weit offenen, erstaunten Augen, denen das alles, was sich da
            abspielt, fabelhaft neu<note xml:id="n02">Der Ausspruch des Verlegers <term type="Namen" key="Lempp, Albert">A. Lempp</term> "Des ischt mir alles fabelhaft neu" (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I,
              S. 368</bibl>) wurde bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <term type="Namen" key="Thurneysen, Eduard">Thurneysen</term> zu einer gern gebrauchten Redewendung.</note> und fremdartig
            vorkommt, die irgendwie aus einer anderen Welt zu kommen scheinen, wo alles das, was sie
            uns <term type="Begriffe" key="815">Erwachsene</term> tun sehen, jedenfalls nicht
            vorkommt. Welches menschliche Tun, das nicht [in] ein ganz seltsames Licht oder vielmehr
            in den Schatten eines großen Fragezeichens käme einfach damit, daß ein <term type="Begriffe" key="1840">Kind</term> dabei ist. Du, sieh einmal einen Augenblick auf
            von deiner ernsten Arbeit, sei einmal einen Augenblick <term type="Begriffe" key="2945">still</term> in einem wichtigen Gespräch, stell die Maschine einmal ab, auch die
            Gedankenmaschine ­- es ist ein <term type="Begriffe" key="1840">Kind</term> da, das dich
            sieht. Siehst du auch etwas? Kannst du etwa sagen, begründen, erklären, verantworten,
            was du jetzt eben gesagt oder getan hast, du großer Mensch, nicht vor dir selbst, nicht
            vor deinem ebenso großen Mitmenschen, sondern vor diesem <term type="Begriffe" key="1840">Kinde</term>? Wer bist du mit deinem ganzen Tun, und wenn das Heil der
            Menschheit davon abhinge, wenn dieses <term type="Begriffe" key="1840">Kind</term>
            daneben steht und dich ansieht, wie eben <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term>
            die <term type="Begriffe" key="815">Erwachsenen</term> ansehen? So hat ja Jesus ein
              <term type="Begriffe" key="1840">Kind</term> mitten unter seine <term type="Begriffe" key="1770">Jünger</term> gestellt, als sie darüber stritten, wer der Größte sei im
            Himmelreich [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.1 Mt.18.2">Mt. 18,1f.</ref>]. Ich glaube, diejenigen, die über sein Wort vom Werden wie die
              <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> lachen oder sich ärgern, haben es
            vielleicht ganz gut verstanden. Sie merken, wenn Jesus in dieser Weise auf das <term type="Begriffe" key="1840">Kind</term> zeigt, dann zeigt er auf das Unerklärliche, auf
            das Unmögliche in unserem Leben, auf das, was uns allen in ganz unerhörter Weise Halt!
            gebietet oder auch Vorwärts! Darüber kann man schon lachen. Darüber kann man sich schon
            ärgern. Besser das, als wenn man gar nicht merkt, um was es da geht.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>2.</head>
          <p> Jesus sagt nicht, die Großen müßten <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term>
            werden. Sondern wie die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term>. Das ist nicht
            ganz das Gleiche. Wir empfinden wohl alle, daß Jesus uns in diesem Worte etwas ganz
            Schönes und Großes zeigt. Aber doch wohl ebenso deutlich, daß dieses Schöne und Große
            uns irgendwie unzugänglich, unerreichbar ist. Wir sind nun einmal keine <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> mehr, und wir werden es niemals mehr sein.
            Auch die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term>, <pb ed="pga" xml:id="p150"/>
            aus deren Augen uns heute das Geheimnis des <term type="Begriffe" key="1140,400">Lebens</term> fragend und verheißungsvoll anblickt, werden in ein paar Jahren keine
              <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> mehr sein. Auch sie sind und haben in
            ihrer Kindlichkeit etwas, was <hi rend="italic">sie</hi> eigentlich nicht sind und
            haben, sondern was grüßend an ihnen vorüberschreitet, ein Licht, das über sie
            hinweggleitet. Sie sind ja schon jetzt nicht darum <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term>, weil sie fünf oder zehn oder fünfzehn Jahre alt sind, sondern weil es
            eine Kindheit gibt, an der sie Anteil haben wie die Ostseite unserer Häuser an der
            Morgensonne. Nachher tritt sie in den Schatten. Des Lebens Lenz blüht einmal [und] nicht
              wieder!<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1343">Fr. von Schiller, «Resignation»</bibl>: <quote>
                <lg>
                  <l>Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder;</l>
                  <l>Mir hat er abgeblüht.</l>
                </lg>
              </quote></note> Nachher gewöhnen sie sich an das, was die Menschen sagen und tun.
            Nachher werden sie selbst ernste, erfahrene, beschäftigte, sorgliche Menschen, wie wir
            alle <term type="Begriffe" key="815">sind.</term> Nachher staunen sie nicht mehr,
            sondern reden, wie jedermann redet, und tun, was jedermann tut. Man kann diese
            Entwicklung nicht aufhalten. Man kann das Rad der Zeit nicht rückwärts drehen. Es ist
            nicht gut, künstliche Versuche zu machen, um jung zu bleiben, äußerlich nicht und
            innerlich erst recht nicht. Und es ist grausam und verständnislos, einem Menschen, der
            unter der Not und Sorge und Arbeit, unter der namenlosen Schwierigkeit und
            Kompliziertheit des Lebens Mühe hat, seinen Weg zu finden und zu gehen, den Rat zu
            geben, er sollte doch etwas kindlicher sein. Wir alle sind keine Kinder <term type="Begriffe" key="815">mehr</term> und diejenigen, die es etwa zu sein meinen, am
            allerwenigsten. Ich möchte sogar noch weiter gehen und sagen: wir alle wissen nicht
            einmal mehr, was das heißt, ein <term type="Begriffe" key="1840">Kind</term> sein. Wir
            alle befinden uns auf einer langen Wanderung an irgend einem bestimmten Punkt und müssen
            an diesem Punkt Schritt für Schritt tun, vorwärts, nicht zurück. Wir alle müssen uns
            damit abfinden, 30-­, 50-­, 70-­jährig zu sein mit allem Innerlichen und Äußerlichen,
            was dazu gehört, und nichts Anderes. |</p>
          <p> Es kann aber sein, daß wir werden wie die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term>. Ich darf nicht zuviel darüber sagen. Wir wollen daran denken, daß das
            das Verhältnis Gottes zum Menschen ist und des Menschen Eintritt ins <term type="Begriffe" key="2560,2080">Himmelreich</term>. Ihr müßt bedenken, daß das
            Menschliche, das ich darüber sagen kann, das <term type="Begriffe" key="1380,680">Göttliche</term> bedeutet, das niemand sagen kann. Frei und <pb ed="pga" xml:id="p151"/> fremd und erstaunt steht das <term type="Begriffe" key="1840">Kind</term> unserem Leben gegenüber, mit einer großen Frage und Erwartung. Und dann
            lernt es das Leben kennen und hört eben damit auf, ein <term type="Begriffe" key="1840">Kind</term> zu sein, denn nun ist das Staunen und Fragen vorbei. Aber halt, ist denn
            das wahr? Können wir denn das vergessen, daß wir alle einmal so gestaunt und gefragt
            haben? Können wir denn vergessen, daß die Rechnung des Lebens nie ganz aufgeht, sondern
            daß wir uns nur daran gewöhnt haben, daß sie nicht aufgeht? Können wir vergessen, wie
            fremd und seltsam uns eigentlich unser ganzes Leben, unser eigenes Reden und Tun ist und
            wie der Mensch, der Mensch selbst, eigentlich immer außerhalb seiner Sorge und Freude,
            seines Eifers und seines Ernstes steht – wie damals, als wir noch <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> waren? Können wir vergessen, daß unser eigenes Tun und
            Treiben samt all dem, was sich eins<note xml:id="n04">= da, einmal, bei bestimmten
              Gelegenheiten.</note> [?] um uns her abspielt, uns eigentlich noch ebenso fabelhaft
            neu ist wie am ersten Tag, nur daß dieses Neue unterdessen ein bißchen älter geworden
            ist? Ich meine, wir können es nicht vergessen, sondern das Leben selbst ist eigentlich
            ganz dazu angetan, es uns jeden Tag wieder in Erinnerung zu rufen. Nein, der Anteil an
            der Kindheit, den wir Alten haben, erlischt nicht damit, daß wir älter werden, wie man
            sagt. Im Gegenteil: Nimm’s nur ganz ernst mit dem Älterwerden, geh nur ganz gründlich
            hinein in die Erfahrung, in die Arbeit, ins Nachdenken, sei du nur ganz bewußt ein
            solcher erwachsener <term type="Begriffe" key="815">Mensch</term>, der einfach Schritt
            für Schritt seinen Weg geht, gerade dann merkst du immer deutlicher, viel deutlicher
            noch, als du es als <term type="Begriffe" key="1840">Kind</term> merktest, wie fremd uns
            eigentlich dieses Ganze des Lebens ist, wie sehr wir eigentlich anderswoher kommen, wie
            sehr der Mensch eigentlich in dem allem drin und doch drüber steht. Du bist der Alternde
            [?], der Müde, Geplagte, Irrende, Fehlende oder auch der Ernste, Förmliche [?],
            Geschäftige, Mächtige, Triumphierende ­- aber nein, du bist ja eben das alles nicht,
            oder siehst du nicht, wie dir das alles immer wieder aus den Händen fällt, wie du immer
            wieder nicht weißt: Was bin <term type="Begriffe" key="2845">ich</term>? Was tue ich?
            Was wird daraus? wie du immer wieder dich selbst nicht verstehst? Das <term type="Begriffe" key="1840">Kind</term> steht daneben, sieht zu, staunt und fragt. Halt
            dich daran: Das Kind hat recht. Das Kind, das staunende, fragende Kind ist die Wahrheit
            des ganzen Lebens, auch wenn du längst kein Kind mehr bist und auch keines <pb ed="pga" xml:id="p152"/> mehr sein sollst. Das <term type="Begriffe" key="1840">Kind</term>,
            das recht hat, ist sogar sehr oft dann da, wenn du selbst der <term type="Begriffe" key="815">Erwachsene</term>, der Große bist, dem das <term type="Begriffe" key="1840">Kind</term> zusieht.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>3.</head>
          <p> Also ein Leben in der Freiheit, in der Erinnerung, im Fragen und Staunen, immer auf
            der anderen Seite von sich selbst, immer vom Berg herabsteigend in die Niederung – das
            wäre das Leben wie die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term>, von dem Jesus
            redet. Und dieses Leben wie die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> wäre das
            Leben in der Gemeinschaft <term type="Begriffe" key="1190,470">Gottes</term>. Aber wir
            wollen keinen Augenblick übersehen, daß Jesus nicht gesagt hat: Werdet wie die Kinder!,
            sondern: so ihr nicht werdet wie die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term>, so
            werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen!, und das ist noch einmal nicht ganz das
            Gleiche. Der Unterschied besteht darin, daß Jesus niemandem befohlen, niemandem auch nur
            geraten hat: Werde du wie ein <term type="Begriffe" key="1840">Kind</term>! Er hat
            dieses «Werden wie die Kinder» nicht dargestellt als ein Werk, das der Mensch tun kann,
            gleichsam als den letzten höchsten Flug, den der Mensch nehmen müsse. Befehlen und raten
            kann man dem Menschen immer nur das Unkindliche: Gib dir <term type="Begriffe" key="2235">Mühe</term>! Sei tapfer! Nimm das Leben, wie es ist! Vertiefe dich ganz in
            die Fragen, die dir gestellt sind, und nimm’s ganz ernst mit der Aufgabe, die du vor dir
            hast! Wer als <term type="Begriffe" key="815">Erwachsener</term> bloß spielen will mit
            dem Leben, der wird nicht wie ein Kind. Aber freilich: wer nicht umkehrt und wird wie
            ein Kind, der kommt nicht ins <term type="Begriffe" key="2560,2080">Himmelreich</term>.
            Wie dieses <term type="Begriffe" key="3100">Umkehren</term> geschieht, das ist das
            Wunder <term type="Begriffe" key="3610">Gottes</term>. Viele Menschen sehen es schon in
            ihrer Jugend, andere müssen sehr alt werden, um wie die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> zu werden. Wieder bei Anderen wird nie etwas davon bemerkbar. Das
            Werden wie die <term type="Begriffe" key="1840">Kinder</term> ist das große Rätsel und
            auch die große Offenbarung, die direkt zwischen Gott und den Menschen geschieht. Es
            geschieht aber. Irgendwo muß jeder Mensch so ernst, so eifrig werden, so schwer leiden
            oder so tiefe Freude erfahren, daß er um die <term type="Begriffe" key="585">Ecke</term>
            sieht. Die Ecke ist das Kreuz <term type="Begriffe" key="1720,1400">Christi</term>. Dort
            wird’s deutlich, daß unser Leben das Alte ist und daß das <term type="Begriffe" key="1950,1680">Neue</term> anfängt.</p>
        </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-94">Nr. 39 «Aus meines Herzens Grunde» von G. Niege, Strophen 1­-3 (RG [1998]
              564,1.2.4; EG 443,1.2.6; jeweils mit Textabweichungen)</bibl>
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-132">Nr. 327 «Kommt, Brüder, laßt uns gehen» von G. Tersteegen, Strophen 1.2.4 («Kommt,
              Kinder …»: GERS [1952] 325,1.2.4; EG 393, 1.2.6; jeweils mit Textabweichung)</bibl>
          </listBibl>
        </div>


      </div>
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  </text>
</TEI>
