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        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">Matthäus 12,46­–50</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 12,46­–50, 24. Juli 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44026 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 158.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">Matthäus 12,46­–50</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">158</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: Mt 12,46-50, 27. Juli 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2008">KBA 1555</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1921-07-24">24. Juli 1921</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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          <head><idno>571</idno></head>
          <dateline>
            <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>, Sonntag,
            den <date when="1921-07-24">24. Juli 1921</date><note xml:id="n01">In der Woche vom
              11.-16. Juli war Barth in Begleitung von <persName ref="kbga-actors-316">R.
                Pestalozzi</persName> in <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName> zum
              Kennenlernen der künftigen Kollegen und zum Hauskauf. Wer am 17. Juli in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>
              predigte, ist nicht bekannt.</note>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.46 Mt.12.50">Matthäus 12,46­–50</ref>

              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">[Da er noch also zu dem Volk redete, siehe, da standen
                  seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden. Da sprach einer
                  zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir
                  reden. Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine
                  Mutter, und wer sind meine Brüder? Und reckte die Hand aus über seine Jünger und
                  sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen tut
                  meines Vaters im Himmel, der ist mein Bruder, Schwester und Mutter.]</hi>
              </quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div type="main">
        <div>
          <head>1.</head>
          <p> Was sollen wir sagen zu diesen Worten <term type="Begriffe" key="1720,1405">Jesu</term>? Wir fühlen wohl alle, daß da auf jeden Fall etwas sehr Ungewohntes,
            Fremdartiges zu uns redet. Man müßte schon ein sehr leichtfertiger Mensch sein oder aber
            ein Mensch, der auf Grund schwerer Erfahrungen schon sehr tief ins Leben hineingesehen
            hat, wenn man da ohne weiteres zustimmen und sich zufrieden geben könnte. Wer weiß, wenn
            diese Worte nicht in der <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> stünden und sogar
            Worte <term type="Begriffe" key="1720,1405">Jesu</term> wären, wir würden sie vielmehr
            ohne weiteres mißbilligen und zurückweisen. Wer ist meine Mutter, und wer sind meine
            Brüder?, fragt Jesus und läßt sie, die ihn aufgesucht haben, draußen stehen und warten.
            Diese Frage und diese Haltung hat etwas Beklemmendes, Beunruhigendes. Wenn es irgendwo
            keine solche Frage, keinen solchen kühlen Abstand geben dürfte, dann zwischen Sohn und
            Mutter, Bruder und Bruder. Es kann ja sein, daß es auch unter uns vorkommt, daß ein Sohn
            und Bruder sich so oder ähnlich zu den Seinigen stellt, aber dann haben wir nicht mit
            Unrecht die Empfindung, daß da eine der natürlichsten, grundlegendsten <term type="Begriffe" key="2350,2010">Lebensordnungen</term> erschüttert ist, und wenden uns
            mit Bedauern ab von einem solchen Vorgang. Wenn es zwischen Sohn und Mutter, Bruder und
            Bruder eine solche Frage, ein solches Halt!, eine solche Entfernung und innere Lösung
            geben kann, wo dann nicht? Wenn man fragen kann: Wer sind die Meinigen? Wer ist meine
            Familie?, dann kann man offenbar auch weiterfragen: Wer sind meine Freunde? Welches ist
            meine <term type="Begriffe" key="1520">Heimat</term>, mein <term type="Begriffe" key="3180">Vaterland</term>? Was ist mein Beruf, meine <pb ed="pga" xml:id="p154"/>
            Pflicht? Was ist das Rechte im Kampf der Meinungen und Parteien? Was ist Erziehung? Was
            ist <term type="Begriffe" key="1850">Kirche</term>? Könnte man, wenn man einmal anfängt
            zu fragen: Wer ist meine Mutter?, nicht gleich weiterfahren bis zu der Frage: Wer ist
              <term type="Begriffe" key="940,170">Gott</term>? Denn wenn jenes nicht sicher ist, wie
            sollte es dieses sein? Ist es uns nicht, als ob wir hier aus dem Munde Jesu die Frage
            des Zweiflers <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> hörten: Was ist
            Wahrheit? <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.18.38">[Joh. 18,38</ref>]. Das ist
            sicher, daß wir in dieser Frage etwas hören von dem unterirdischen Rollen und Grollen
            eines nahenden Erdbebens. Es fragt <term type="Begriffe" key="945">sich</term>, ob auch
            das Sicherste und Festeste, das wir kennen, im nächsten <term type="Begriffe" key="242">Augenblick</term> noch stehen wird. Es fragt <term type="Begriffe" key="945">sich</term>, ob wir auch das Eigenste und Gewisseste, das wir besitzen, im nächsten
              <term type="Begriffe" key="242">Augenblick</term> noch unser nennen können. Es fragt
              <term type="Begriffe" key="945">sich</term>, ob wir auch unser Liebstes, unser
            Wertvollstes, unser Heiligstes im nächsten Augenblick noch aufrecht erhalten können. Es
            ist an dieser Frage etwas wie ein Wirbel in einem Fluß, der alles, was in seine Nähe
            kommt, und das ist in diesem Fall alles, was steht und gilt und geordnet ist unter uns
            Menschen, erfassen und in sich hineinziehen will. Es fragt <term type="Begriffe" key="945">sich</term>! Und nun ist es kein Zweifler, Pröbler<note xml:id="n02">=
              einer, der sich nicht leicht zufrieden gibt.</note>, kein menschlicher Nörgler,
            Unruhestifter und Aufrührer, mit dem wir fertig werden könnten, wie man eben mit solchen
            Menschen fertig wird, sondern Jesus, der Sohn Gottes, der so redet. Was sollen wir dazu
            sagen?</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>2.</head>
          <p> Wir wollen vor Allem das Eine feststellen, daß Jesus gegenüber all den <term type="Begriffe" key="2350,2010">Ordnungen</term> und Verhältnissen, in denen wir
            Menschen leben, gegenüber all dem, was wir sicher zu wissen, sicher zu haben, sicher zu
            sein meinen, nicht mehr gesagt hat als eben: Es fragt <term type="Begriffe" key="945">sich!</term> Er hat also nicht gesagt: Es ist nichts damit! Hätte ihm Einer das
            gesagt: Es ist nichts damit!, so würde er ihm geantwortet haben: Woher nimmst du deine
            Sicherheit? Es fragt <term type="Begriffe" key="945">sich</term>, es fragt sich auch
            das, ob es nichts damit ist! Jesus hat nicht gesagt: Die da draußen sind nicht meine
            Mutter, nicht meine Brüder! Er hat das Gebot: Ehre Vater und Mutter! [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.12">Ex. 20,12</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.5.16">Dtn.
            5,16</ref>] nicht aufgehoben und nicht <term type="Begriffe" key="660">verletzt!</term>
            <hi rend="sup">3</hi>Er hat nur gesagt: <hi rend="italic">Wer</hi> ist meine Mutter? <hi rend="italic">Wer</hi> sind meine Brüder? und darauf selber die Antwort gegeben: Die
            den Willen tun meines Vaters im Himmel. Auch die da draußen können ihn tun. Jesus hat
            sie nicht <pb ed="pga" xml:id="p155"/> ausgeschlossen, er hat nicht an ihnen gezweifelt,
            er hat nicht Nein zu ihnen gesagt, er hat nicht revoluzzt gegen seine <term type="Begriffe" key="880">Familie</term>. Er hat nur gefragt: Wer ist meine
              Familie?<note xml:id="n03">-­<hi rend="sup">3</hi>Ein Einschub, durch * an diese
              Stelle verwiesen.</note> Jesus ist nicht bei den Zweiflern, den Neinsagern, den <term type="Begriffe" key="2580">Revoluzzern</term>. Er ist vielleicht bei ihnen, solange
            einfach die Frage in ihnen steckt gegenüber diesem oder jenem, wo man eben wirklich
            fragen muß: z. B. wer sind meine Feinde? was ist Recht? was ist meine <term type="Begriffe" key="1520">Heimat</term>?, vielleicht dann auch einmal: wer ist
            eigentlich meine <term type="Begriffe" key="880">Familie?</term> wer sind meine
            Nächsten?, und zuletzt und zuhöchst vielleicht sogar einmal: wer ist eigentlich <term type="Begriffe" key="940,170">Gott?</term> Er ist wegen dieser <term type="Begriffe" key="940">Fragen</term> vielleicht immer noch bei ihnen. Aber nur wegen dieser Fragen,
            nicht aber deswegen, weil sie nun wahrscheinlich bald losbrechen, die Neinsager, und
            dort Krach schlagen und hier sich trennen und hier einen Angriff machen. Bei diesen
            Losbrechern, die wir so sehr lieben, ist Jesus nicht dabei, sondern tritt einen Schritt
            zurück und läßt uns allein, und wenn wir noch so recht haben. Die Reihe, gefragt zu
            werden, kommt dann sofort an uns: wer bist denn du, du Losbrecher, du Neinsager? |</p>
          <p> Jesus <term type="Begriffe" key="1720,1405">selbst</term> ist nie eigentlich
            losgebrochen: weder gegen den <term type="Begriffe" key="2920">Staat</term> noch gegen
            die <term type="Begriffe" key="1850">Kirche</term>. Er hat niemand geheißen, seine <term type="Begriffe" key="880">Familie</term> nicht liebzuhaben, seinen Beruf nicht ernst
            zu nehmen, kein Weib zu nehmen und keine Kinder zu haben, das <term type="Begriffe" key="2100">Geld</term> nicht anzurühren, was er als recht erkannt, nicht zu tun. Er
            ist so wenig losgebrochen gegen das, was unter uns Menschen steht und gilt, daß er nicht
            einmal Vorschläge gebracht hat, wie man dies und das besser machen könnte, obwohl er
            doch sicher nicht blind war gegen all das Verkehrte, das unserem menschlichen Tun und
            Treiben anhaftet. Er hat vielmehr dieses ganze menschliche Tun und Treiben mit einer
            ganz merkwürdigen Ruhe angesehen, als ob das alles auch von Gott aus gesehen ungefähr so
            sein und geschehen <term type="Begriffe" key="1720,1405">müsse.</term> Er hat in seinen
              <term type="Begriffe" key="15">Gleichnissen</term> von allem Möglichen, was die
            Menschen tun, gesagt: Das Himmelreich sei dem gleich, gleich einem Bauern, der sein Land
            besät [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.3">Mk. 4,3</ref> par.], gleich einem Weib, das einen Teig macht [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.33">Mt. 13,33</ref>], gleich einem
            Vater und seinen zwei Söhnen [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.11">Lk. 15,11</ref>], gleich einem Kaufmann, der Perlen sucht [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.45 Mt.13.46">Mt.
            13,45f.</ref>], als ob er nicht gesehen hätte, wie ungleich das alles dem <term type="Begriffe" key="2560">Himmelreich</term> ist. Er sieht also das ganze
            Menschenleben sich <pb ed="pga" xml:id="p156"/> ausbreiten und bewegen in seinen Licht-­
            und Schattenseiten und sieht, indem er überall fragt (nur fragt!), Gott dahinterstehen
            mit seinem Leben, mit seiner <term type="Begriffe" key="2350,2000">Ordnung</term>, mit
            seinem <term type="Begriffe" key="2560">Reich</term>. Hätte ihm jemand sagen wollen:
            aber da und da steht doch nicht Gott dahinter, zu sehr betrübt, ärgert und empört mich
            das, zu deutlich sehe ich da ein Unrecht, Irren [?] und Verbohrtheit [?], er würde ihm
            geantwortet haben: Warum nicht? Woher weißt du das so sicher? Könnte das Menschenleben
            nicht auch da durchsichtig sein wie Glas? Könnte nicht auch da zu sehen sein, was
            dahinter steht? Wo der Wille meines <term type="Begriffe" key="3550,2605">Vaters</term>
            im Himmel getan wird, da <hi rend="italic">ist</hi> meine Mutter, da <hi rend="italic">sind</hi> meine Brüder, da <hi rend="italic">ist</hi> mein Beruf, da <hi rend="italic">ist</hi> meine <term type="Begriffe" key="1520">Heimat</term>. Woher
            weißt du, daß er nicht gerade da getan wird, getan werden kann, vielleicht gerade von
            denen, gerade an der Stelle, wo du jetzt losbrechen und Nein sagen möchtest? Also wir
            dürfen das Erdbeben, das wir in der Frage Jesu hören, nicht verwechseln mit den kleinen
            Stürmen und <term type="Begriffe" key="2580">Revolutionen</term>, die wir etwa gegen die
            Ordnungen des <term type="Begriffe" key="2350,2010">Lebens</term> zu veranstalten
            pflegen, weder mit den berechtigten noch mit den unberechtigten. Jesus zerbricht sie
            nicht, er fragt ja nur, wie es mit diesen <term type="Begriffe" key="2350,2010">Ordnungen</term> eigentlich stehe.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>3.</head>
          <p> Aber er fragt. Es bleibt dabei. Und vor seiner Frage ist in der Tat nichts sicher. Als
            seine Mutter und seine Brüder ihn aufsuchten, da hat er in der Tat nicht gesagt: Ach ja,
            willkommen, natürlich gehöre ich sowieso zu euch und ihr zu mir; denn der Mensch gehört
            doch vor allem in seine Familie, und wer sollte mir näher stehen als ihr? Sondern er hat
            gesagt: Wer tut den Willen meines Vaters im <term type="Begriffe" key="3550,2605">Himmel</term>?, er hat zum Zeichen, daß das nichts Selbstverständliches sei, seine
            Hand ausgestreckt über seine Jünger und gesagt: Dies ist meine Mutter und meine Brüder!
            Jesus ist auch nicht bei den Ruhigen, den Jasagern, bei denen, die einfach das
            Bestehende pflegen und erhalten, das, was die Menschen ohnehin sind und tun, bestätigen
            und rechtfertigen wollen, und wenn es das Schönste wäre. Er ist vielleicht auch bei
            ihnen, solange sie dabei auch eine <term type="Begriffe" key="940">Frage</term> in sich
            tragen, solange sie wissen, daß alles, was wir Menschen sind, haben und tun, nur Bild
            und <term type="Begriffe" key="15">Gleichnis</term> ist, nur ein durchsichtiges Glas,
            und dahinter muß Gott stehen, muß sein <term type="Begriffe" key="3550,2605">Wille</term> getan werden, und da gibt es nichts Schönes, Gutes und Wahres, das etwa
            schön, gut und wahr wäre, ohne daß Gott dahinter steht. Im Augenblick, wo sie das
            vergessen, wo etwa die Familie oder <pb ed="pga" xml:id="p157"/> der Beruf oder das
              <term type="Begriffe" key="3180">Vaterland</term> oder auch hohe Dinge schön, gut und
            wahr sein wollen an sich selber und ohne <term type="Begriffe" key="2130,1915">Gott</term>, tritt Jesus auch von ihnen einen Schritt zurück und läßt sie allein. In
            dem Augenblick, wo wir das <term type="Begriffe" key="940">Fragen</term> vergessen, wo
            wir nicht mehr daran denken, daß auf das Tun des Willens <term type="Begriffe" key="3550,2605">Gottes</term> Alles ankommt, müssen wir es uns gefallen lassen, daß er
            uns fragt: Ja, wer bist du denn? Was hast du denn? Was tust du denn? Sind sie denn so
            wunderbar, die Dinge, die dir so lieb und wichtig sind? Siehst du nicht, wie bedenklich
            das alles ist, wenn man es für sich nimmt: eine Familie z. B. mit ihrem Zusammenhalten,
            mit ihrer Eitelkeit, mit ihrer gemeinsamen Selbstsucht, mit all der Kleinlichkeit und
            Beschränktheit, die es in jedem Familienleben gibt? Oder eine <term type="Begriffe" key="1005">Freundschaft</term> mit ihrer Ausschließlichkeit, mit der gegenseitigen
            Täuschung der Menschen, die da immer stattfindet, mit dem Schaden, den man sich selber
            und dem anderen zufügt, wenn man so aneinander glaubt, wie Freunde es gewöhnlich tun?
            Oder das, was du für Recht hältst, mit dem Irrtum und der Übertreibung, die da ganz
            sicher mit unterlaufen? Oder die <term type="Begriffe" key="1520">Heimat</term>, die
            eben doch auch ein Winkel ist, und jede <term type="Begriffe" key="1520">Heimat</term>,
            auch die schönste, ist ein solcher Winkel? Oder der <term type="Begriffe" key="2920">Staat</term> mit seiner Gewalt oder das <term type="Begriffe" key="2100">Geld</term>,
            mit dem sich der Mensch notwendig betrügt, oder die <term type="Begriffe" key="1850">Kirche</term> mit ihrem Anspruch, das Wort <term type="Begriffe" key="3600">Gottes</term> zu haben, das doch kein Mensch haben kann, oder die Parteien, die schon
            darum unrecht haben, weil sie Parteien sind? Meine Mutter, meine Brüder, nimm, was du
            willst, nimm das Größte und Beste von dem, was Menschen sind und tun und denken können –
            was von Allem ist denn wirklich groß und gut, wenn nicht der Wille <term type="Begriffe" key="3550,2605">Gottes</term> getan wird? Was kannst du denn halten und verteidigen
            und rechtfertigen an deinem, an unserem ganzen Tun und Wesen, wenn es nicht durchsichtig
            ist, wenn Gott nicht dahinter steht, wenn er es nicht hält und rechtfertigt? Wenn das
            aber geschieht, dann geschieht es aus Gnade. Jesus ist nicht dazu da, die Ordnungen
            unseres <term type="Begriffe" key="2350,2010">Lebens</term> zu erhalten. Er fragt
            vielmehr, er fragt sehr eindringlich, wie es denn eigentlich mit ihnen stehe.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>4.</head>
          <p> Jesus, der Sohn Gottes fragt. Er sagt nicht Nein, und er sagt nicht Ja. Er zerbricht
            nicht, und er erhält nicht. Er greift uns Menschen nicht an, und er läßt uns nicht
            gelten. Er <term type="Begriffe" key="940">fragt</term>. Wir können das wunderlich
            finden. Wir können daran vorübergehen und fortfahren, ent<pb ed="pga" xml:id="p158" break="no"/>weder loszubrechen oder es uns wohl sein zu lassen, Nein zu sagen oder Ja
            zu sagen. Aber eines werden wir uns nicht verhehlen können, daß Jesus uns gerade die
            Frage stellt, die einmal in unserem Leben, nämlich im Augenblick unseres <term type="Begriffe" key="3040">Sterbens</term> an uns gerichtet sein wird. <hi rend="italic">Wer</hi> ist jetzt meine Mutter und meine Brüder, <hi rend="italic">wer</hi> mein Freund, <hi rend="italic">was</hi> mein Besitz, <hi rend="italic">was</hi> meine Überzeugung, mein Recht, mein Gott, meine Heimat – wird es dann auch
            heißen. Wir werden dann froh sein, wenn wir uns an diese <term type="Begriffe" key="940">Frage</term> gewöhnt, wenn wir uns nirgends verbissen und angeklammert und angeklebt
            haben, wenn wir frei sind, frei, das Große und Gute dort und nur dort zu sehen, wo
            Gottes <term type="Begriffe" key="3550,2605">Wille</term> getan wird. Der Wille <term type="Begriffe" key="3550,2605">Gottes</term> kann dann auch in unserem <term type="Begriffe" key="3040">Sterben</term> getan werden, das sonst nur eine Frage ist
            und nichts als das. Das Sterben ist dann Leben. Darin zeigt es sich, daß Jesus der Sohn
            Gottes ist, daß er uns das fragt, was nun die letzte, entscheidende Frage ist für
            uns.</p>
        </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-67">Nr. 9 «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von J. J. Schütz, Strophen 1­-3 (RG
              [1998] 240,1­-3; EG 326,1­-3; jeweils mit Textabweichungen in Str. 2)</bibl>
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-123">Nr. 251 «Wenn Christus, der Herr, zum Menschen sich neigt» von Nikolaus Kaiser
              (1734­-1808), Strophen 1­-3</bibl>
          </listBibl>
        </div>


      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
