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        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">Lukas 10,38­–42</title>
        <title type="citation_line_1">Lukas 10,38­–42, 14. August 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44028 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 171.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">Lukas 10,38­–42</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">171</biblScope>
        </bibl>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: Lk 10,38-42, 14. August 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2010">KBA 1557.1</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): , Predigt: Lk 10,38-42, 14. August 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2134">KBA 1557.2</ref>. </bibl>
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          <head><idno>573</idno></head>
          <dateline>
            <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>, Sonntag,
            den <date when="1921-08-14">14. August 1921</date><note xml:id="n01">Am 7. August
              predigte <persName ref="kbga-actors-275">Georg Merz</persName> in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I,
                S. 508</bibl>). "Wir haben einen guten Sonntag mit <persName ref="kbga-actors-316">Rudi [Pestalozzi]</persName>, <persName ref="kbga-actors-246">Fritz Lieb</persName>
              und <term type="Namen" key="Merz, Georg">Merzens</term><term type="Namen" key="Merz, Karoline"> Merz, Karoline (Line)</term> hinter uns" (<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <date when="1921-08-07">7.8.1921</date>
              an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, S. 509</bibl>).</note>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.38 Lk.10.42">Lukas 10,38­–42</ref>
              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb"> [Es begab sich aber, da sie wandelten, ging er in einen
                  Markt. Da war ein Weib mit Namen <persName ref="kbga-actors-9393">Martha</persName>, die nahm ihn auf in ihr Haus. Und sie hatte eine Schwester,
                  die hieß Maria, die setzte sich zu Jesu Füßen und hörte seiner Rede zu. <persName ref="kbga-actors-9393">Martha</persName> aber machte sich viel zu schaffen, ihm
                  zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht darnach, daß mich
                  meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie es auch angreife! Jesus
                  aber antwortete und sprach zu ihr: Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe;
                  eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr
                  genommen werden.]</hi>
              </quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div type="main">
        <div>
          <head>1.</head>
          <p> Was ist das gute Teil, das <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName> erwählt
            hat und das ihr von keiner <persName ref="kbga-actors-9393">Martha</persName> genommen
            werden soll noch kann? Daß sie sich zu Jesu Füßen gesetzt hat und ihm zuhört? Ja, wir
            wollen dabei nun einmal stehen bleiben. Es war in jener Stunde, als Jesus in das Haus
            der beiden Frauen trat, sicher <hi rend="italic">das Dringendere</hi>, das Zeitgemäßere,
            das Einsichtigere, zu tun, was Maria tat. Es kamen ja gewiß noch andere Gäste in das
            Haus, denen sie nach Art guter Hausfrauen Ehre antun konnten. Jesus aber war Jesus, und
            bei ihm kam es nun gerade darauf nicht an. Diesem Gast gegenüber handelte es sich nicht
            darum, zu laufen und zu springen, und wenn es noch so gut gemeint war, sondern still zu
            sein. Nicht darum, etwas für ihn zu tun, auch nicht aus noch so großer Verehrung, Treue
            und Liebe, sondern zuzusehen, ob nicht vielleicht etwas von ihm zu empfangen wäre. Das
            hat Maria verstanden, Martha aber nicht und mußte darum von Jesus gleichsam aufgeweckt
            werden aus dem Schlaf: <persName ref="kbga-actors-9393">Martha</persName>, Martha! |</p>
          <p><hi rend="italic">Jawohl, aus dem Schlaf</hi>, obwohl sie doch in vollem Bewußtsein, in
            höchster Aufmerksamkeit hin-­ und hersprang und wahrscheinlich viel eher gedacht hat,
            ihre Schwester Maria schlafe, als sie sie so ruhig immer noch dasitzen sah, wo doch so
            viel zu tun war. Es war aber doch so: Die Maria war wach, und die Martha mußte geweckt
            werden. Es geht uns Menschen oft so, daß wir gerade dann am tiefsten schlafen, wenn wir
            die Augen am weitesten offen haben, daß wir gerade <pb ed="pga" xml:id="p166"/> dann am
            schlimmsten am Leben vorbeileben, wenn wir am eifrigsten dabei sind, nützlich, gut,
            fröhlich zu leben, daß wir gerade darum das Nötigste versäumen, weil uns das viele,
            viele Nötige einfach keine Zeit und Ruhe dazu läßt. Es ist vielleicht <hi rend="italic">mehr als ein Mensch</hi> hier in der Kirche, der zu Tode erschrecken würde, wenn er
            sehen würde, wie sehr er eine solche Martha ist, die es vielleicht gerade jetzt bitter
            nötig hätte, sich gerade das zurufen zu lassen: Halt!, du meinst es gut, aber so geht’s
            nicht weiter! Du <term type="Begriffe" key="3420,2480">eilst</term> ja beständig und
            weißt gar nicht mehr, was Warten ist. Du willst so Vieles, du willst so stark, und
            darüber entgeht dir das, was man nur durch Nicht-­Wollen erreichen kann. Du willst dir
            Alles nehmen, darum kann dir nichts mehr gegeben werden. Du redest ja fortwährend und
            weißt gar nicht mehr, was Hören ist. Oder du hörst beständig nach allen Seiten, darum
            kommst du zu gar keinem Nachdenken. Oder du denkst viel zu viel und über viel zu Vieles
            nach, und darüber verstreicht das Leben. Aber was sage ich: <hi rend="italic">Wir sind
              alle Martha.</hi> Wir haben alle in irgend einer Beziehung einfach zuviel <term type="Begriffe" key="610">Eifer</term>, zuviel Leidenschaft, zuviel Ernst, zuviel
            Anlauf, zuviel Dampf oder Elektrizität, sausen dahin wie eine losgeschossene Kugel,
            wohin? Ins Ziel, ins Schwarze meinen wir natürlich alle und ärgern uns laut oder leise
            über jeden, der nicht mit uns saust, wie sich dort die Martha über Maria ärgerte. Es
            wäre uns allen gut, sage ich, wenn uns auch einmal so zugerufen würde: Martha, Martha!
            Es geht nicht so! Über all der <term type="Begriffe" key="2235">Mühe</term> und Sorge,
            die du dir machst, <hi rend="italic">verpassest du etwas.</hi> Über allem Gut-­Meinen
            entgeht dir etwas, was viel wichtiger ist als alles Gut-­Meinen! Steh jetzt einmal einen
            Augenblick <term type="Begriffe" key="2945">still</term>, vielleicht siehst du es dann.
            Es ist ganz nahe bei dir. Du könntest es sofort ergreifen und haben! Aber innehalten
            mußt du in deinem sausenden Lauf; dort, wohin du sausest, ist es nicht! Herr, man lobt
            dich <hi rend="italic">in der Stille</hi> zu Zion!<note xml:id="n02"><ref type="can" subtype="bible" target="Ps.65.2">Ps. 65,2</ref>; vielleicht denkt Barth dabei auch
              an das Lied von J. Rist "Man lobt dich in der Stille, du hocherhabner Zionsgott" (EG
              323).</note> heißt es, nicht in dem Lärm, den du machst, und wenn es ein noch so
            notwendiger, noch so berechtigter, noch so nützlicher Lärm wäre. Maria hat <hi rend="italic">das gute Teil erwählt!</hi> Warum? Darum, daß sie es fertig brachte,
            auch einmal nichts zu wollen, nichts zu tun, nichts zu sagen, darum, daß sie sich
            einfach setzte und zuhörte. Das fasse, wer’s fassen kann [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.12">Mt. 19,12</ref>], und ich hoffe, wir alle wissen,
            wie schwer <pb ed="pga" xml:id="p167"/> schon das zu fassen ist. Ich wenigstens weiß
            keine einzige Maria, die nicht bis in ihr innerstes Wesen auch recht sehr Martha wäre.
            Maria</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>2.</head>
          <p>Aber wir müssen einen Schritt weitergehen. <hi rend="italic">Jesus war es</hi>, der in
            das Haus der beiden Frauen kam. Zu Jesu Füßen setzte sich Maria nieder, um ihm
            zuzuhören. Jesus dienen wollte auch Martha in ihrem geschäftigen Eifer. Was bedeutet
            das? Das bedeutet, daß die beiden Frauen, die in ihrer Art so weit auseinander sind, im
            Recht die Eine, im Unrecht die Andere, verständig diese, unverständig jene, auch wieder
            recht nahe <term type="Begriffe" key="1347,663">beieinander</term> sind. Es bedeutet,
            daß das, was die beiden getan und nicht getan haben, an sich auch wieder nicht so
            wichtig war, sondern nur das <term type="Begriffe" key="15,5">Gleichnis</term>, nur der
            Spiegel sozusagen für etwas viel Größeres. Wir müssen, um das zu verstehen, etwas
            genauer auf die Worte achten, die Jesus geredet hat. <hi rend="italic">Maria</hi> hat
            das gute Teil erwählt!, sagt er zuletzt. Absitzen<note xml:id="n03">= Sich
              Hinsetzen.</note> und Zuhören ist in diesem Fall wirklich besser als Herumlaufen und
            Arbeiten. An Maria war jetzt das Bessere, das Gute zu sehen. Wie man etwa des Nachts bei
            einem Gewitter an eine Stelle des Himmels zeigen und sagen könnte: Dort war jetzt soeben
            ein <term type="Begriffe" key="385">Blitz</term> zu sehen. War! Denn jetzt sieht man
            wieder nichts Anderes als den dunklen Himmel auch dort. Maria ist also nur gleichsam die
            Stelle, wo es blitzt; sie wird nicht gerühmt, sie bekommt kein gutes Zeugnis, es wird
            nur festgestellt: sie hat das gute Teil erwählt. <hi rend="italic">Martha</hi> auf der
            anderen Seite wird nicht getadelt, nicht gescholten. Dort hat es eben nicht <term type="Begriffe" key="385">geblitzt</term>. Du hast viel Sorge und Mühe!, sagt Jesus zu
            ihr, aber auch das ganz ruhig, gerade wie wenn er sagen würde: dort ist’s dunkel
            geblieben am Himmel. <hi rend="italic">Eins ist not!</hi>, hat Jesus gesagt. Es ist zu
            beachten, daß Jesus nicht gesagt hat: es ist nötig, zu sitzen und zuzuhören, nichts zu
            tun, nichts zu wollen, nichts zu sagen, obwohl er sich doch gerade deswegen über Maria
            gefreut und ihr recht gegeben hat. Er hat also nicht gesagt: Maria hat oder ist oder tut
            dieses Eine. Und er hat nicht gesagt: Martha hat es oder ist es oder tut es nicht. Über
            den beiden steht dieses: Eins ist not!, als etwas Eigenes, Neues, Besonderes, wie der
              <term type="Begriffe" key="385">Blitz</term> etwas Eigenes, Neues, Besonderes ist
            gegenüber dem ganzen Himmel, obwohl er an der einen Stelle leuchtet und an der anderen
            nicht. Eins ist not! Seht, gegenüber die<pb ed="pga" xml:id="p168" break="no"/>sem Eins!
            schrumpft der Unterschied der beiden Frauen <term type="Begriffe" key="1347,663">zusammen</term>, kommt es wirklich fast aufs Gleiche heraus, ob Maria zu seinen Füßen
            saß oder Martha im Haus herumlief. Wie es etwa vom <term type="Begriffe" key="2213">Mond</term> aus gesehen auch fast aufs Gleiche herauskommt, ob Eines von uns auf dem
              <term type="Begriffe" key="2217">Montblanc</term> steht oder auf d em <term type="Begriffe" key="675">Engelberg</term><note xml:id="n04">Der Engelberg ist eine
              zum Jura gehörende 702 m hohe Erhebung südöstlich von Olten. Sie wird im Süden durch
              die Safenwiler Talsenke und das untere Wiggertal, im Norden durch die Aare begrenzt.
              Von der Erhöhung, auf der die Kirche von Safenwil steht, wird sie als etwa gleich hoch
              wahrgenommen.</note>. Der Montblanc bedeutet: ein paar tausend Meter höher als der
              <term type="Begriffe" key="675">Engelberg</term>, und für unsere Verhältnisse auf der
            Erde ist er es auch, aber dem <term type="Begriffe" key="2213">Mond</term> gegenüber
            kommt es wirklich fast auf dasselbe <term type="Begriffe" key="1347,663">heraus</term>.
              <hi rend="italic">So bedeutet</hi> die Maria mit ihrem Sitzen und Zuhören das bessere
            Teil, Martha mit ihrem Herumlaufen und Arbeiten das weniger gute, aber wahrhaftig ihnen
            beiden gegenüber heißt es in unendlicher Höhe: Eins ist not! Beide können eigentlich nur
              <term type="Begriffe" key="15,5">abbilden</term>, wie der Mensch Gott gegenüber dran
            ist, die eine zu ihrem Vorteil, die andere zu ihrem Nachteil. Keine soll und kann der
            anderen etwas vorhalten. Sie gehören zusammen wie Licht und <term type="Begriffe" key="2020,1780">Schatten</term>. Wir wollen das wohl bedenken: auch wenn wir wirklich
            tun, was Maria tat, können wir nur abbilden die viel größere Wahrheit, daß es nicht an
            jemandes Wollen und <term type="Begriffe" key="2235">Laufen</term> liegt, sondern an
            Gottes Erbarmen [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.16">Röm. 9,16</ref>]. Nur
            weil sie das so recht abbilden durfte mit ihrem Sitzen und Zuhören, hat Maria das gute
            Teil erwählt. Im übrigen war auch sie ganz und gar eine Martha wie wir alle.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>3.</head>
          <p>Ich will das noch etwas zu erklären versuchen. Jesus! Was bedeutet dieses Wort? Es
            bedeutet, daß wir <hi rend="italic">vor Gott gestellt werden</hi>, daß wir gefragt
            werden: Was tust du, Mensch? Wie füllst du deine Zeit aus? Was erstrebst und was
            erreichst du? Tue <term type="Begriffe" key="2525">Rechenschaft</term> von deinem
            Haushalt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.2">Lk. 16,2</ref>] und
            verantworte dich vor <hi rend="italic">Gott.</hi> Was wollen wir darauf sagen? <hi rend="italic">Wir werden <term type="Begriffe" key="2825">sagen:</term></hi> ich tue,
            was ich muß und was ich kann. Es muß ja offenbar gegessen und getrunken und gelebt und
            darum muß offenbar gearbeitet und gesorgt sein. Ich lebe nun einmal in der Mitte von
            soundso viel Menschen, und das gibt nun einmal viel zu denken und zu reden. Ich habe nun
            einmal meine Anlagen, meine Bedürfnisse, meine Sehnsüchte und Wünsche, und darum bin ich
            nun <pb ed="pga" xml:id="p169"/> einmal unterwegs, ihnen Befriedigung zu verschaffen.
            Ich habe diese und jene Pflicht, und darum habe ich dies und das zu tun. Ich bin umgeben
            von 1000 großen und kleinen Fragen, und die suche ich nun zu beantworten. Und dabei
            glaube ich, daß ich es im Ganzen gut meine, und suche meine Sache gut zu machen. Ich
            möchte es wenigstens. Nicht wahr, so etwa? Seht, das ist Martha. Man kann eigentlich
            nichts dagegen sagen. <hi rend="italic">Nur Eins ist dagegen</hi>, die Frage: was Gott
            dazu sagt? ob wir uns etwa vor Gott <term type="Begriffe" key="2825">rechtfertigen</term> können? ob es etwa vor Gott das gibt, was wir «gut meinen» und
            «gut machen» nennen? Das ist die Frage, die Jesus uns stellt. Das ist sein «Eins ist
            not!» Wir hören es manchmal. Wir hören manchmal die Stimme, die noch viel tiefer ist als
            etwa die Stimme des Gewissens, die uns sagt, daß uns in dem allem etwas <term type="Begriffe" key="2130,1873">fehlt</term>. Vielleicht daß wir bei irgend einem
            Anlaß plötzlich über uns selbst erschrecken, ohne daß wir uns direkt etwas vorwerfen
            könnten. Vielleicht daß ein anderer Mensch uns anklagt, wir widersprechen ihm, wir geben
            ihm nicht recht, und es bleibt doch ein Stachel sitzen von seinen Worten: mir fehlt
              <term type="Begriffe" key="2130,1873">etwas</term>. Vielleicht merken wir dann früher
            oder später, daß wir dieses Fehlende nicht erlaufen und erjagen können, daß es uns
            irgendwie geschenkt werden müßte. Wir lernen es vielleicht, still zu <term type="Begriffe" key="2945">werden</term> und zu hören. Dann werden wir Maria. |</p>
          <p>Ja, aber <hi rend="italic">auch Maria ist ein Mensch.</hi> Auch sie kann nur tun, was
            Menschen tun können. Was soll nun geschehen? Ist denn nun wirklich <term type="Begriffe" key="2945">still</term> sein besser als laut sein, <hi rend="italic">schweigen
              besser</hi> als reden, warten besser als <term type="Begriffe" key="3420,2480">eilen</term>, nichts tun besser als etwas tun, sich um nichts kümmern besser als
              <term type="Begriffe" key="2880">sorgen</term>? Es hat Menschen gegeben, und es gibt
            immer wieder solche, die meinten: Ja, das ist besser! Sie flohen in die <term type="Begriffe" key="643">Einsamkeit</term>, in die Natur, sie stiegen auf eine alte
            Säule in der Wüste, oder sie hielten sich wenigstens sonst abseits, lebten so
            zurückgezogen als <term type="Begriffe" key="647">möglich</term>, hielten sich die Ohren
            zu und legten wohl gar die Hände in den Schoß, um auf diese Weise ganz und gar Maria zu
            sein. Aber ist denn das nun wirklich besser, vor Gott besser? Hat Jesus das gemeint? Und
              <hi rend="italic">wo ist denn etwa</hi> der Mensch, der wirklich ganz Maria ist, der
            nur noch still säße und hörte? Kann das ein Mensch überhaupt? Ist nicht gesorgt dafür,
            daß auch der grimmigste <term type="Begriffe" key="647">Einsiedler</term>, die frömmste
            Seele essen und trinken und, wie es sich gehört, darum sorgen und also eine Martha sein
            muß? Und sind wir nicht vielleicht <hi rend="italic">gerade dann am ärgsten <pb ed="pga" xml:id="p170"/> Martha</hi>, wenn wir am <term type="Begriffe" key="610">eifrigsten</term> schweigen, still sein, nachdenken, warten, sitzen und hören wollen?
            Ist’s nicht am Ende so, daß auch das Marialeben eines Menschen nur eine Fortsetzung
            seines Marthalebens ist, gar nicht so anders als jenes? Müßte man es nicht laut
            hineinrufen in so manches vermeintliche Marialeben: Martha, Martha, du hast, auch du
            hast viel Sorge und <term type="Begriffe" key="2235">Mühe</term>, <hi rend="italic">eins</hi> aber ist not! Ist es nicht am Ende so, daß wir alle erst dann aufhören,
            Martha zu sein, wenn wir im Grabe liegen? Aber dann sind wir ja nie Maria gewesen! </p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
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          <head>4.</head>

          <p>Seht, nun sind wir auf der rechten Spur. <hi rend="italic">Der ganze Mensch</hi> mit
            all seinem eiligen Wollen, Tun und Reden, mit all seinem Dahinsausen, aber auch mit all
            seinem Stillwerden, Nachdenken, Ruhe-­und-­Frieden-­Liebhaben, der ganze Mensch von den
            Fingernägeln bis zum andächtigsten Gedanken seines Herzens, der ganze Mensch ist Martha.
            Und nun <term type="Begriffe" key="385">blitzt</term> es an diesem dunklen Himmel, wenn
            Jesus zu uns kommt: <hi rend="italic">Eins ist not!</hi> Was ist not? <term type="Begriffe" key="2945">Still</term> werden? Ja, aber vor <hi rend="italic">Gott</hi> still werden! Hören? Ja, aber <hi rend="italic">Gott</hi> hören! Nichts
            wollen? Ja, nichts als den <term type="Begriffe" key="3550,2605">Willen</term>
            <hi rend="italic">Gottes!</hi> Nichts sagen? Ja, um <hi rend="italic">Gott</hi> reden zu
            lassen! Warten? Ja, auf <hi rend="italic">Gott</hi> warten! <term type="Begriffe" key="643">Einsam</term> sein? Ja, einsam mit <hi rend="italic">Gott!</hi> Aber wie
            wird uns, wenn Gott in diesem Marientun die Hauptsache ist? Wer kann dann sagen: ich
            tue, was Maria tat? Ich glaube, erst dann verstehen wir, was die Hauptsache ist an
            diesem Tun der Maria: daß es <hi rend="italic">kein Tun</hi> des Menschen gibt, das vor
            Gott gerechtfertigt ist, und auch das Umgekehrte, daß <hi rend="italic">alles Tun</hi>
            des Menschen vor Gott gerechtfertigt sein kann: das Schweigen <hi rend="italic">und</hi>
            das Reden, das Warten <hi rend="italic">und</hi> das <term type="Begriffe" key="3420,2480">Eilen</term><note xml:id="n05">Vgl. oben S. 14, Anm. 3.</note>, das
            stille Lauschen <hi rend="italic">und</hi> das rasche, geschäftige Leben [?]. <hi rend="italic">Es hat Menschen gegeben</hi>, die mußten laut werden, weil sie vor Gott
            schwiegen. Es hat Menschen gegeben, die mußten kräftig handeln, weil sie so Gott machen
            [?] ließen. Es hat Menschen gegeben, die mußten kämpfen, weil sie so tiefen Frieden mit
            Gott hatten. Es gibt ein Marienleben mitten in der Haushaltung, in voller Arbeit, im
            lebhaftesten Gespräch. Und es hat <hi rend="italic">andere Menschen gegeben</hi>, die
            saßen und schwiegen und taten nichts, weil sie nicht vor Gott Maria waren, weil sie in
            Wahrheit viel Sorge und <term type="Begriffe" key="2235">Mühe</term> hatten wie Martha.
            Eins ist not! Was? <hi rend="italic">Gott selber.</hi> Gott ist die Gnade. Gott ist das
            Wunder. Gott ist das Erbarmen. Gott <pb ed="pga" xml:id="p171"/> ist <term type="Begriffe" key="1390,790">Gott</term>. Da hilft nichts. Da hilft nur <term type="Begriffe" key="113">Anbetung</term>, da hilft nur tiefstes, letztes,
            ehrfürchtiges, liebendes Begreifen: Meine Gedanken [sind nicht eure Gedanken, und eure
            Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr; sondern soviel der Himmel höher ist denn
            die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege und meine Gedanken denn eure
            Gedanken (<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.55.8 Jes.55.9">Jes.
            55,8f.</ref>)]. Da hilft nur Gott selber. Das ist das <hi rend="italic">Marialeben.</hi>
            Denn das ist’s, was Maria hat <term type="Begriffe" key="15,5">abbilden</term> dürfen
            mit ihrem Sitzen und Zuhören. Seht, dazu müssen wir alle, Marthas, die wir alle sind,
            immer wieder <hi rend="italic">aufgeweckt</hi> werden. In diese <term type="Begriffe" key="113">Anbetung</term>, in dieses Begreifen, in dieses «Gott selber» reißt Jesus
            uns mächtig hinein, wenn er zu uns kommt und mit uns redet. <hi rend="italic">Vielleicht</hi> mußt du heute <term type="Begriffe" key="2945">still</term>, ganz
            still werden, um ihm gehorsam zu werden. <hi rend="italic">Vielleicht</hi> mußt du
            umgekehrt heute heraus aus deiner Stille, mußt reden, mußt etwas tun, mußt geschäftig
            sein. Maria-­Sein heißt: ob du dies oder das tust, <hi rend="italic">Gott</hi> die Ehre
            geben. Der barmherzige Samariter mußte im Gegensatz zum Priester und Leviten etwas <hi rend="italic">tun</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.33 Lk.10.34">Lk.
              10,33f.</ref>]. Maria mußte im Gegensatz zu Martha <hi rend="italic">nichts tun.</hi>
            Merkst du, daß beides das <hi rend="italic">Gleiche</hi> ist, daß in diesem Ja und Nein
            unseres Lebens die mächtige <hi rend="italic">Verkündigung</hi> verborgen ist: Ich, ich
            will es tun, ich will helfen, tragen und erretten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.46.4">Jes. 46,4</ref> ]?!</p>
        </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-36">Nr. 25 «Großer Gott, wir loben dich» von
                I. Franz, Strophen 1.7.9 (RG [1998] 247,1.9.11; EG 331,1.9.11; jeweils mit
                Textabweichungen in Str. 7)</bibl>
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-68">Nr. 241 «Ich will dich lieben, meine
                Stärke» von J. Scheffler, Strophen 1.4.5 (RG [1998] 682,1.4.5; EG 400,1.4.5; jeweils
                mit geringen Textabweichungen)</bibl>
          </listBibl>
        </div>

      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
