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        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">Lukas 15,1–10</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Lukas 15,1–10, 2. Oktober 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44032 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 189.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44032</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">Lukas 15,1–10</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">189</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: Lk 15,1-10, 2. Oktober 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2014">KBA 1561</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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        <date type="creation" when="1921-10-02">2. Oktober 1921</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <head><idno>[577]</idno>
          </head>
          <dateline>
            <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>, den <date when="1921-10-02">2. Oktober 1921</date><note xml:id="n01">Am <date when="1921-09-27">27. September</date> schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an
                <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>: "Hier steht alles im Zeichen
              der Pfarrwahl. Eben komme ich aus der entscheidenden Versammlung». Sie «war nicht gut.
              Es wurde armsdick über den ‹Frieden in der <term type="Begriffe" key="1850,1535">Gemeinde</term>› geredet, der nun wieder hergestellt werden müsse." (<bibl corresp="kbga-bibls-931"><ref type="pub" target="../volume/03/p521#p521">Bw.Th. I,
                  S. 521</ref></bibl>) Übrigens lagen zehn Bewerbungen vor (<bibl corresp="kbga-bibls-931"><ref type="pub" target="../volume/03/p514#fn_n02">Bw.Th. I, S. 514, Anm. 2</ref></bibl>).</note>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.1 Lk.15.10">Lukas 15,1­–10</ref>
              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">[Es nahten aber zu ihm allerlei Zöllner und Sünder, daß
                  sie ihn hörten. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen:
                  Dieser nimmt die Sünder an und isset mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies
                  Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und,
                  so er der eines verliert, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und
                  hingehe nach dem verlorenen, bis daß er’s finde? Und wenn er’s gefunden hat, so
                  legt er’s auf seine Achseln mit Freuden. Und wenn er heimkommt, ruft er seine
                  Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir; denn ich habe mein
                  Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: Also wird auch Freude im Himmel
                  sein über <hi rend="spaced">einen</hi> Sünder, der Buße tut, vor neunundneunzig
                  Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Oder welches Weib ist, die zehn Groschen
                  hat, so sie der einen verliert, die nicht ein Licht anzünde und kehre das Haus und
                  suche mit Fleiß, bis daß sie ihn finde? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie
                  ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freuet euch mit mir; denn ich habe
                  meinen Groschen gefunden, den ich verloren hatte. Also auch, sage ich euch, wird
                  Freude sein vor den Engeln Gottes über <hi rend="spaced">einen</hi> Sünder, der
                  Buße tut.]</hi>
              </quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div type="main">
        <div>
          <head>1.</head>
          <p> Das <term type="Begriffe" key="860">Evangelium</term> von Jesus Christus richtet sich
            an diejenigen, in denen die Frage nach den letzten Dingen erwacht ist, die <term type="Begriffe" key="3140">Unruhe</term> des jüngsten Tages, die Angst vor dem ewigen
            Tod und die Hoffnung des ewigen <term type="Begriffe" key="1950,1640">Lebens</term>. Es
            gibt eine große Not, eine große Verlegenheit, ein großes Anliegen; eine große
            Verlegenheit – wer die hat, an den richtet sich das <term type="Begriffe" key="860">Evangelium</term> von Jesus Christus und wird ihm zur Antwort, zur Klarheit, zum Weg;
            der findet im Evangelium das, was er braucht und was ihm <term type="Begriffe" key="2130,1873">fehlt</term>. Wer diese große Verlegenheit und dieses große Anliegen
            nicht kennt, an dem geht das <term type="Begriffe" key="860">Evangelium</term> vorbei,
            ob er es merkt oder nicht. Es verurteilt ihn nicht, es bestraft ihn nicht, es klagt ihn
            nicht an. Es beschimpft ihn nicht als böse, sündig oder gottlos. Es läßt ihn durchaus
            gelten und recht <term type="Begriffe" key="2535">haben</term>. Aber es geht an ihm
            vorbei; <pb ed="pga" xml:id="p187"/> es ist nichts für ihn. Es ist so wenig für ihn wie
            Musik für einen Taubstummen oder das Licht der Sonne für einen Blinden. Es mag wohl
            sein, daß er sich in aller Aufrichtigkeit für einen <term type="Begriffe" key="470,110">Christen</term> hält und auch tatsächlich allerlei Christliches denkt, fühlt, sagt
            und tut. Aber er ist ein Christ aus Mißverständnis, aus Irrtum. Was er ist und hat, das
            ist und hat er ohne Christus. Seine Gesinnung, sein Charakter, seine ganze Richtung wäre
            genau dieselbe, auch wenn Christus nie in die Welt gekommen wäre. Wir wollen uns doch ja
            nicht verbergen, daß es auch schon vor Christus und zu allen Zeiten neben Christus und
            ohne Christus eine hohe, edle, schöne <term type="Begriffe" key="2130,1923">Menschlichkeit</term>, eine Befriedigung der höchsten menschlichen Bedürfnisse
            gegeben hat. Wenn er vielleicht nicht nur aufrichtig, sondern ganz aufrichtig, genug
            aufrichtig, unbarmherzig aufrichtig gegen sich selbst wäre, so müßte er sich
            eingestehen, daß er mit dem, was er im Sinn hat, was sein Ideal ist, wie man sagt,
            eigentlich besser täte, das <term type="Begriffe" key="490">Christentum</term> in Ruhe
            zu lassen. Wenn er ganz klar sehen würde, um was es sich im Christentum handelt, so
            müßte er dazu kommen, das <term type="Begriffe" key="490">Christentum</term> abzulehnen
            und zu hassen; denn er müßte einsehen, daß das Christentum gerade seinen tiefsten und
            höchsten Absichten zuwiderläuft. Es wäre ein großer Fortschritt in der christlichen
            Erkenntnis, ein großer Sieg des Reiches Gottes, wenn uns dieser Unterschied so klar
            würde, daß wir ihn nicht mehr vergessen können: Das <term type="Begriffe" key="860">Evangelium</term> von Jesus Christus ist die <term type="Begriffe" key="940,160">Antwort</term> für die, die die große Frage im Herzen tragen. |</p>
          <p>Für sie ist Alles bereit. Für sie ist es kinderleicht, unendlich naheliegend, fast
            selbstverständlich. Sie strecken nur die Hand danach aus und empfangen und verlangen
            dann nach nichts Anderem mehr. Sie finden die Wahrheit, indem sie sie suchen. Sie sind
            selig, weil sie verloren sind. Das Große wird ihnen gegeben, weil sie weniger als das
            Große, das ganz Große nicht nehmen wollen. Sie haben Frieden, weil sie jeden anderen
            Frieden hassen. Sie haben Trost, weil sie jeden anderen Trost entschlossen von sich
            weisen. Umgekehrt ist das <term type="Begriffe" key="860">Evangelium</term> von Jesus
            Christus keine Antwort für die, die die große Frage nicht kennen. Ihre Bedürfnisse
            werden von Christus nicht befriedigt. Die Erbauung, die Ruhe, den Frieden, den Trost,
            den sie suchen, finden sie bei Christus nicht. Christus bringt ihnen den Frieden nicht,
            nach dem sie verlangen. Christus schätzt die Ordnung nicht, die sie für wünschenswert
            halten. Christus geht an dem, was sie als das Gute <pb ed="pga" xml:id="p188"/>
            anstreben, merkwürdig gleichgiltig vorbei. Ihnen wäre mit einer edlen heidnischen <term type="Begriffe" key="1460">Religion</term> – und es gibt edle heidnische Religionen –
            besser gedient als mit dem <term type="Begriffe" key="490">Christentum</term>. Wenn sie
            eines Tages entdecken sollten, was das Evangelium eigentlich ist und will, dann müßte es
            ihnen zentnerschwer aufs Herz fallen, eine große Aufregung müßte sich ihrer bemächtigen,
            vor die furchtbare Entscheidung würden sie sich gestellt sehen, entweder sozusagen alles
            preiszugeben, was sie bis jetzt gewesen sind und gehabt haben, fahren zu lassen alles,
            aber auch alles, woran sie sich bis jetzt klammerten als an ihre Stütze und ihren
            Reichtum, oder dann entschlossen Christus den Krieg zu erklären in der Erkenntnis: wir
            wollen wohl treu und recht sein, wir wollen wohl das Gute, wir wollen wohl in den Himmel
            kommen, aber wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.14">Lk. 19,14</ref>]; denn wir sehen, daß dieser dort
            steht, dort auf uns wartet, wo wir nie sein wollen. Wir wollen alles, alles tun, was man
            vernünftigerweise von uns verlangen kann. Wir wollen so gut und fromm sein, als man nur
            wünschen kann und soweit es in unseren Kräften steht. Wir wollen die höchsten Berge
            edler <term type="Begriffe" key="2130,1923">Menschlichkeit</term> erklimmen. Aber wir
            wollen nicht Buße tun. Wir wollen von Gott <hi rend="italic">nicht</hi> hören, an
              Gott<hi rend="italic"> nicht</hi> glauben, Gott <hi rend="italic">nicht</hi> gehorsam
            werden. Seht, das ist die Erklärung dessen, was wir gehört haben: Es nahten zu ihm …
            Christus ist unter den <term type="Begriffe" key="2970">Sündern</term>.<note xml:id="n02">Vgl. unten <ref type="pub" target="../volume/44/p196#fn_n02">S. 196, Anm. 2</ref>.</note> Die Sünder sind die, die die <term type="Begriffe" key="940,160">Frage</term> im Herzen tragen, auf die das Evangelium
            die Antwort ist. Darum ist Christus unter ihnen. Alle anderen Menschen können über
            Christus nur <term type="Begriffe" key="1720,1335">murren</term>. Sie können Christus
            nicht verstehen. Sie verstehen ihn dann am wenigsten, wenn sie meinen, ihn verstanden zu
            haben. Die Pharisäer und <term type="Begriffe" key="2440,2057">Schriftgelehrten</term>
            waren darum weiter in der christlichen Erkenntnis, näher dem Reich Gottes, weil sie
            offen murrten gegen ihn, weil sie es offen eingestanden, daß sie ihn nicht
            verstanden.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>2.</head>
          <p> Aber wer ist nun ein <term type="Begriffe" key="2970">Sünder</term>? Und wer ist nun
            ein Gerechter, der der Buße nicht bedarf? Wer gehört nun zu denen, die die große Frage
            kennen, und wer zu den Anderen, die sie nicht kennen? Sind das nun [?] etwa zwei
            Gruppen, in die man die Menschen einteilen könnte: du gehörst dahin und du dahin? Immer
            nur einen Augenblick lang, <pb ed="pga" xml:id="p189"/> dann kann Alles schon wieder
            ganz anders sein. Denn die Frage nach <term type="Begriffe" key="940,170">Gott</term>,
            auf die Christus die Antwort ist, ist immer wieder neu wie Gott selber. Die große Frage,
            die große <term type="Begriffe" key="3140">Unruhe</term>, die große Angst und Hoffnung
            ist wie der <term type="Begriffe" key="385">Blitz</term>, der am Himmel leuchtet, aber
            nicht bleibt. Niemand kann sie haben, besitzen, als sein Eigentum in Anspruch nehmen.
            Niemand kann sich dabei beruhigen: ich bin ja ein <term type="Begriffe" key="2970">Sünder</term>, ein Fragender, ein Bittender, Suchender, Anklopfender [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.7">Mt. 7,7</ref>]. Niemand kann sagen: ich
            habe ja gefunden. Und umgekehrt ist niemand ausgeschlossen, braucht niemand sich dabei
            zu verhärten [?]: ich kann nicht, ich verstehe nicht, ich will nicht. Es geht mich
            nichts an. Der jetzt ein <term type="Begriffe" key="2970">Sünder</term> ist, kann jetzt
            ein <term type="Begriffe" key="2440">Pharisäer</term> sein, und der jetzt ein Pharisäer
            ist, kann jetzt ein Sünder sein. Der jetzt mit leeren Händen hungrig und dürstend nach
            Christus greift, kann jetzt ein Satter und Zufriedener sein, für den Christus nicht[s]
            mehr bedeutet. Und der jetzt mit vollen Händen dasteht und mit Christus offen gestanden
            nichts anfangen kann, kann jetzt Alles fahren lassen und nach dem Einen greifen, was not
            tut [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lu.10.42">Lk. 10,42</ref>]. Christus
            ist die ewige <term type="Begriffe" key="940,160">Frage</term> und die ewige Antwort für
            jeden Menschen. Er ist der Herr, reich über Alle, die ihn anrufen [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.12">Röm. 10,12</ref>]. Aber freilich: Die enge Pforte
            der Zöllner und <term type="Begriffe" key="3675,2717">Sünder</term> ist nicht zu
            umgehen. Als <term type="Begriffe" key="2440">Pharisäer</term> kommt keiner herein. Ohne
              <term type="Begriffe" key="440">Buße</term> kann niemand Gott schauen. Es bleibt
            dabei: Christus ist nicht für Alle da: nicht für die Sicheren [?], nicht für die
            Zufriedenen, nicht für die, die schon wissen und haben, nicht für die, die etwas Anderes
            suchen als Gott, und wenn es das Höchste wäre. Christus ist nur für die Sünder da. Ob
            wir <term type="Begriffe" key="2970">Sünder</term> sein wollen, das ist die Frage, die
            immer wieder unerbittlich an uns alle gestellt wird.<note xml:id="n03">Das Manuskript
              bricht hier ab. Liedangaben fehlen.</note></p>
        </div>
        </div>


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