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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-44">Predigten 1921</title>
        <title type="content">1. Petrus 1,24–25 (Abschiedspredigt)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: 1. Petrus 1,24–25 (Abschiedspredigt), 9. Oktober 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44033 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1921 (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2007, S. 196.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/44033</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1921</title>
          <title type="text">1. Petrus 1,24–25 (Abschiedspredigt)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2007</date>
          <biblScope unit="page">196</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: 1 Petr 1,24-25 (Abschiedspredigt), 9. Oktober 1921. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2015">KBA 1562</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1921-10-09">9. Oktober 1921</date>
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      <div type="sermon">
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        <div type="opener">
          <head><idno>[578]</idno></head>
          <head type="event"><hi rend="italic">Abschiedspredigt</hi></head>
          <dateline>
            <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>, Sonntag,
            den <date when="1921-10-09">9. Oktober 1921</date><note xml:id="n01">Vor dem
              Abschieds-Gottesdienst - der Brief ist auf den 9.10. datiert, ist aber vermutlich
              einen Tag älter -, schrieb Barth an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>: "Von einem ergreifenden Abschied wird keine Rede sein, die
              Safenwiler zeigen mit verschwindenden Ausnahmen nur das <hi rend="italic">eine</hi>
              Begehren, nun bald ihre Ruhe wieder zu bekommen. Die Erinnerung an <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.14">Matth. 10,14</ref> liegt auch ohne religiösen
              Übermut nicht <hi rend="italic">ganz</hi> ferne, und es ist nicht ausgeschlossen, daß
              ich das am Sonntag ausdrücklich sage, während im Hintergrund der ‹Sau-Schießet›
              fröhlich seinen Fortgang nimmt. Der freie Schießverein, der sich das leistet,
              rekrutiert sich N.B. nicht etwa aus den Herren, sondern aus den Arbeitern." (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, S. 526</bibl>)</note>
          </dateline>


          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.1.24 1.Petr.1.25">1. Petrus
                1,24­–25</ref>
              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">[«Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit der
                  Menschen wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt und die Blume abgefallen;
                  aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit.» Das ist aber das Wort, welches unter euch
                  verkündigt ist.]</hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <div type="main">
        <div>
          <head>1.</head>
          <p> Wie unheimlich <hi rend="italic">wahr</hi> die eben gehörten Worte vom Gras und von
            der Blume, von ihrem Verdorren und Abfallen sind, das könnte uns kaum deutlicher werden,
            als wenn wir uns heute, wo ich diese <term type="Begriffe" key="1795">Kanzel</term> zum
            letzten Mal betreten habe, etwa <hi rend="italic">Betrachtungen</hi> darüber hingeben
            wollten, was uns nun die zehn Jahre, in denen ich euer <term type="Begriffe" key="2410">Pfarrer</term> war, gebracht, was wir in dieser Zeit getan und nicht getan, erreicht
            und nicht erreicht haben. Wir können es ja <hi rend="italic">nicht ganz
            unterlassen</hi>, uns solche menschlich sehr naheliegende Fragen zu stellen in dieser
            Abschiedsstunde. Was hinter uns liegt, das ist ja ein Stück menschlichen Weges und
            Werkes, das als solches eine gewisse Bedeutung für uns hat. Wie sollten wir uns nicht
            fragen können, dürfen, ja sogar müssen: Wie war der Weg? und was war das Werk? Wir
            denken unwillkürlich an jenen Haushalter im Evangelium, von dem gefordert wurde: Tu
            Rechnung von deinem Haushalt! [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.2">Lk.
              16,2</ref>]. Aber wir wollen uns doch recht <hi rend="italic">klar sein darüber</hi>,
            daß wir, wenn wir dieser Aufforderung Folge leisten, in eine Gefahr, nämlich in unser
            eigenes Gericht, hineinlaufen. Denn wo immer der Mensch sich fragt: Was habe ich getan?
            Was habe <pb ed="pga" xml:id="p191"/> ich erreicht?, da wartet das<hi rend="italic">
              <term type="Begriffe" key="1250">Gericht</term></hi> auf ihn, da saust nach kurzem
            Bemühen, sich selbst darzustellen, emporzuheben und zu <term type="Begriffe" key="2825">rechtfertigen</term>, das <hi rend="italic">Fallbeil</hi> hernieder, das Alles
            abschneidet: Alles Fleisch, alles Menschliche ist wie Gras, und alle Herrlichkeit, alle
            Gerechtigkeit, aller Erfolg, aller Ertrag menschlichen Wollens und Tuns ist wie des
            Grases Blume. Das Gras ist verdorrt, und die Blume ist abgefallen. Er darf und kann und
            muß diese Frage offenbar <hi rend="italic">nur dazu stellen</hi>, um zu erkennen, daß er
            sie besser nicht stellen sollte. Er lebt davon, daß über der unheimlich wahren <term type="Begriffe" key="940,160">Antwort</term>, die zu dieser Frage gehört, noch <hi rend="italic">etwas Anderes wahr</hi> ist, das mit seinem Wollen und Tun, mit seinem
            Weg und Werk direkt nichts zu tun hat, nämlich das, was es am Schluß unseres Textes
            heißt: Aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit! <hi rend="italic">Darin</hi> ist Trost
            und Hilfe. <hi rend="italic">Daran</hi> kann man sich halten, sonst an nichts. Der
            Gedanke an unser <hi rend="italic">eigenes</hi> Wollen und Tun aber ist ein Rohr, das
            uns durch die Hand ginge, wenn wir uns etwa darauf stützen wollten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kön.18.21">2.Kön. 18,21</ref>]. Und wenn das <hi rend="italic">überall gilt</hi>, wenn man jedem Menschen in jeder Lage nicht dringend
            genug zurufen kann: Ja, tu <term type="Begriffe" key="2525">Rechnung</term> von deinem
            Haushalt! Ja, erkenne dich <term type="Begriffe" key="2845">selbst</term>!<note xml:id="n02">Vgl. die Inschrift am Apollotempel in <term type="Begriffe" key="535">Delphi</term>: <foreign xml:lang="el-GR">Γνῶθι σεαυτόν</foreign> (Erkenne dich
              selbst!). Näheres bei <bibl corresp="kbga-bibls-827">Büchmann, S. 305</bibl>.</note>
            Aber sieh wohl zu, was du da tust! Sieh vor Allem wohl zu, daß du nicht nur danach
            fragest! Sieh wohl zu, daß du mit dieser Frage verloren bist!, so gilt das ganz
            besonders für das <hi rend="italic">seltsame Verhältnis</hi> eines <term type="Begriffe" key="2410">Pfarrers</term> zu seiner Gemeinde, einer <term type="Begriffe" key="1170">Gemeinde</term> zu ihrem Pfarrer. Laßt uns überlegen, wohin uns das führt, wenn wir
            diesen unseren gemeinsam hinter uns liegenden Weg, dieses gemeinsam vollbrachte
            menschliche <term type="Begriffe" key="2135">Werk</term> als solches betrachten
            wollen.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>2.</head>
          <p> Dann würde ich jetzt anheben und sagen: Ich habe mich <hi rend="italic">zehn Jahre
              lang bemüht</hi>, euch das <hi rend="italic">Wort <term type="Begriffe" key="3600">Gottes</term></hi> zu <term type="Begriffe" key="2470">verkündigen</term>, so gut
            ich es in immer erneutem Überlegen vor allem der Gedanken der Bibel zu verstehen meinte.
            Ich wollte euch Sonntag für Sonntag die <hi rend="italic">Augen öffnen</hi> für die
            Tatsache, daß das menschliche Leben nicht so <term type="Begriffe" key="617">einfach</term> ist, wie wir es uns zu machen pflegen, und auch wieder unendlich viel
            einfacher, als wir es uns machen – wenn wir es nämlich von Gott aus betrachten. Ich
            wollte euch zurufen, <hi rend="italic">daß Gott <term type="Begriffe" key="1390,910">lebt</term></hi>, daß es eine rich<pb ed="pga" xml:id="p192" break="no"/>tende und
            versöhnende Wahrheit gibt über uns allen, daß es eine Hoffnung gibt in unserer
            Verlegenheit, eine <term type="Begriffe" key="3240">Vergebung</term> für unsere Sünde,
            eine Erlösung aus unserer Not, ein Leben im Tode. Ich wollte euch <hi rend="italic">auffordern</hi>, euch in Furcht und <term type="Begriffe" key="1050,330">Zittern</term> aus großer Liebe mit mir zu beugen vor diesem Gott, ihm die Ehre zu
            geben und euch durch die Wahrheit frei machen zu lassen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.32">Joh. 8,32</ref>]. Aber nicht wahr, da könntet ihr
            mir nun <hi rend="italic">antworten:</hi> Ja, das magst du wohl gewollt haben, aber bei
            diesem ganzen Willen bist <hi rend="italic">auch du ein Mensch</hi> gewesen, und wo
            tritt uns das Menschliche störender in den Weg als bei einem <term type="Begriffe" key="2410">Pfarrer</term>, bei einem Menschen, der das Wort <term type="Begriffe" key="3600">Gottes</term> reden will? Ihr könntet mich fragen, woher ich denn
            eigentlich mehr denn irgend ein Mensch <hi rend="italic">das Recht nahm</hi>, Anderen
            das Wort <term type="Begriffe" key="3600">Gottes</term> zu <term type="Begriffe" key="2470">verkündigen</term> mit dem Anspruch, daß man gerade auf ihn hören müsse.
            Ihr könntet mich fragen, ob ich nicht wisse, wie oft ich an dieser Stelle durchaus nicht
            Gottes Wort, sondern <hi rend="italic">mein eigenes Wort</hi> geredet habe, ob ich etwa
            meine, auch nur ein einziges Mal wirklich rein und lauter Gottes Wort verkündigt zu
            haben. Ihr könntet mich fragen, ob denn <hi rend="italic">mein Leben etwa</hi> dem, was
            ich als Gottes Wort verkündigte, entsprochen oder ob ich nicht vielmehr durch meine
            Person das <term type="Begriffe" key="1380,680">Göttliche</term>, das ich vertreten
            wollte, völlig verleugnet und zugedeckt habe. Was wollte ich auf das alles antworten?
            Ich könnte kein Wort darauf antworten. Ich könnte nur antworten: Ja, da haben wir’s.
            Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit der Menschen wie des Grases Blume.
            Alles Menschenwerk ist eben<hi rend="italic">
              <term type="Begriffe" key="2135">Menschenwerk</term></hi> und das eines Pfarrers mehr
            als alles andere. Und wenn wir alles getan hätten, was wir zu tun schuldig sind (wir
            haben es aber nicht getan), so können wir nur sprechen: Wir sind <hi rend="italic">unnütze Knechte</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lu.17.10">Lk.
              17,10</ref>]!</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>3.</head>
          <p> Und nun könnten wir ja auch die <hi rend="italic">Gegenrechnung</hi> aufstellen, und
            ich könnte euch fragen: Was habt denn ihr, liebe Safenwiler, in diesen zehn Jahren
            gewollt und getan? Und <hi rend="italic">wenn ihr</hi> mir dann antworten würdet: <hi rend="italic">Wir suchten</hi> bei dir Erbauung und Belehrung und Wegweisung! Wir
            wollten an dir einen<hi rend="italic">
              <term type="Begriffe" key="2770">Seelsorger</term></hi> haben! Wir wollten uns durch
            dich <hi rend="italic">erinnern</hi> lassen daran, daß es etwas ganz Anderes gibt über
            den Sorgen und Sünden unseres Alltags, über der Welt des Todes, in der wir alle gefangen
            liegen, ja, wir wollten von dir <hi rend="italic">von Gott hören</hi>, denn zu Gott hin
            sind wir geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis <pb ed="pga" xml:id="p193"/> daß es
            ruht in ihm!<note xml:id="n03">Vgl. <term type="Namen" key="Augustinus, Aurelius">A.
                Augustinus</term>, <hi rend="italic">Confessiones</hi> I,1, CSEL 33, S. 1, Z. 8f.:
              "[…] <foreign xml:lang="lat">fecisti nos ad te, et inquietum est cor nostrum, donec
                requiescat in te</foreign>."</note> – so könnte ich euch antworten: Ja, <hi rend="italic">ist's denn wahr</hi>, daß ihr das wolltet? Wann und wie habt ihr es mich
            denn <hi rend="italic">merken lassen</hi>, daß ihr das wolltet? Habt ihr denn wirklich
              <hi rend="italic">etwas gesucht</hi> bei mir, oder seid ihr mir nicht immer wieder
            gegenübergetreten als Leute, die nichts von mir erwarteten, als daß ich ihnen bestätigen
            sollte, was sie selber ohnehin wußten und dachten? Wolltet ihr denn wirklich <hi rend="italic">etwas Anderes</hi> von mir hören, oder seid ihr nicht gerade dann am
            meisten vor mir zurückgewichen, habt ihr mich nicht gerade dann am meisten allein
            gelassen, wenn ich mich am meisten bemühte, euch wirklich von dem <term type="Begriffe" key="117">Anderen</term> zu reden, das in der <term type="Begriffe" key="370">Bibel</term> zu uns Menschen reden will? Wolltet ihr denn wirklich <hi rend="italic">von Gott hören</hi> durch mich, oder wißt ihr nicht, daß ihr mir bis in die letzten
            Wochen den Eindruck gemacht habt, daß ihr wohl irgend etwas Schönes, aber von Gott
            lieber nichts hören möchtet, daß ich in diesen zehn Jahren oft auf den <hi rend="italic">bitteren Gedanken</hi> kommen mußte: Ja, wenn ich euch irgend ein frommes,
            moralisches, patriotisches, sentimentales Geschwätz vorbringen, wenn ich euch vom
            Frieden reden würde, von dem ihr so gern hört, beileibe nicht vom Frieden Gottes,
            sondern vom Frieden in Safenwil, dann, ja dann wäre ich euer Mann gewesen. Wunderbar,
            wunderbar!, hättet ihr dann gerufen, und als ein allgemein beliebter und verehrter
            Pfarrer könnte ich dann heute den Schauplatz verlassen. Könnte ich euch nicht so
            antworten, und hätte ich nicht auch Recht mit dieser meiner Gegenrechnung? Und kommt
            dann nicht <hi rend="italic">auch ihr unter das <term type="Begriffe" key="1250">Gericht</term> des Wortes:</hi> Alles Fleisch ist wie Gras! <term type="Begriffe" key="2135">Menschenwerk</term> ist auch das, was ihr in diesen zehn Jahren getan und
            nicht getan habt. Und wenn ich selbst ein besseres Gewissen hätte, so dürfte und müßte
            ich heute von euch scheiden mit dem Gedanken an jene Anweisung, die Jesus seinen <term type="Begriffe" key="1770">Jüngern</term> gegeben hat: Wo euch jemand <hi rend="italic">nicht annehmen</hi> wird noch eure Rede hören, so geht heraus aus
            demselben Hause oder Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.14">Mt. 10,14</ref>]!</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>4.</head>
          <p> Ich glaube, mit der Erinnerung an das <term type="Begriffe" key="1250">Gericht</term>,
            unter dem alle Menschenwege und <term type="Begriffe" key="2135">Menschenwerke</term>
            als solche stehen, ist eigentlich <pb ed="pga" xml:id="p194"/>
            <hi rend="italic">alles das erledigt</hi>, was in dieser Stunde unausgesprochen zwischen
            uns in der Luft liegt. Ihr könntet nun sagen, daß ich mich in diesen zehn Jahren <hi rend="italic">stark verändert</hi> habe, daß meine <term type="Begriffe" key="2470">Verkündigung</term> nicht einheitlich gewesen sei, sondern euch in ermüdender Weise
            immer wieder um eine <term type="Begriffe" key="585">Ecke</term> geführt habe. Und ich
            müßte euch zugeben: Ja, ich bin ein Mensch gewesen und ein Mensch [sein] heißt Kämpfer
              sein<note xml:id="n04">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2761">J. W. von <term type="Namen" key="Goethe, Johann Wolfgang von">Goethe</term>, <hi rend="italic">Westöstlicher Diwan</hi>, «Einlaß»</bibl>: <quote>
                <lg>
                  <l>Denn ich bin ein Mensch gewesen,</l>
                  <l>Und das heißt ein Kämpfer sein.</l>
                </lg>
              </quote></note>, und das stimmt wenig zu der Wahrheit und Klarheit Gottes; aber ich
            müßte sofort die Frage hinzufügen: warum ihr nicht lieber <hi rend="italic">mit mir
              gekämpft</hi> und gerungen habt um die Wahrheit, statt so oft bloß den Kopf zu
            schütteln zu meinen Entwicklungen, ob ihr gar nicht gemerkt habt, daß der Weg trotz
            Allem vorwärts führte. Und schließlich müßten wir uns <hi rend="italic">gegenseitig</hi>
            eingestehen: Ja, alles Fleisch ist wie Gras. |</p>
          <p>Ihr könntet mir sagen, ich sei ein <hi rend="italic">allzu <term type="Begriffe" key="643">einsamer</term> Mann</hi> gewesen, ich sei zu wenig in die Häuser und
            unter die Leute gegangen. Ihr könntet mir zurufen, was ja in einer Zeitung gestanden
            hat: Er verstand seine <term type="Begriffe" key="1850,1535">Gemeindegenossen</term>
            nicht, und sie verstanden ihn nicht.<note xml:id="n05">Mit der Spitzmarke "Safenwil"
              erschien in der "Neuen Aargauer Zeitung", Jg. 9, Nr. 186 vom 11.8.1921, S. 3, ein
              "Korrespondenz"-Artikel, in dem es über Barth und die Safenwiler heißt: "Die
              Kirchgenossen verstanden ihn nicht und er verstand sie nicht." In dem Auszug aus
              diesem Artikel, den das "Aargauer Volksblatt", Jg. 10, Nr. 187 vom 14.8.1921, S. 2,
              mit der Spitzmarke "Vom Pfarrer zum Professor" abdruckte, ist als Schlußsatz
              hinzugefügt: "Beiden Teilen ist nun geholfen."</note> Und ich müßte euch zugeben: ja,
            daran ist etwas, und ich weiß, daß es nicht so hätte sein sollen. Aber was hat mich denn
            in die<hi rend="italic">
              <term type="Begriffe" key="643">Einsamkeit</term> getrieben?</hi> Wer hat mir denn
            etwa das <hi rend="italic">abgenommen</hi>, was ich sagen wollte? Wer hat, mich denn <hi rend="italic">verstehen wollen</hi>, auch dann, wenn ich mir alle <term type="Begriffe" key="2235">Mühe</term> gab, ihn zu verstehen? Und wieder würden wir
            wahrscheinlich quitt und könnten nur sagen: Alles Fleisch ist wie Gras. |</p>
          <p>Ihr könntet mir sagen, ich sei eben <hi rend="italic">ein <term type="Begriffe" key="2910">Sozialist</term> und Parteimann</hi> gewesen; ihr könntet mir noch einmal
            das Sprüchlein vorhalten, von dem mir in den letzten Wochen fast die Ohren gedröhnt
            haben, ein <term type="Begriffe" key="2410">Pfarrer</term> sollte eben über den Parteien
              <term type="Begriffe" key="2380">stehen</term> und für Alle da sein. Und wieder müßte
            ich euch zugeben, daß das in der Tat <hi rend="italic">etwas sehr Menschliches</hi> ist,
            wenn ein Pfarrer einfach wie jedermann eine poli<pb ed="pga" xml:id="p195" break="no"/>tische Farbe hat und kein weißer Engel ist; ich müßte auch zugeben, daß das <hi rend="italic">sehr bedauerlich</hi> ist, wenn so wenig politische Farbe, wie ich sie
            tatsächlich hatte, schon genügt, um ihm so viele Herzen und Köpfe ohne weiteres und
            endgiltig zu verschließen, wie es hier geschehen ist. Ich möchte aber auch hier fragen,
            ob man sich mir nicht <hi rend="italic">allzu schnell</hi> verschlossen hat aus diesen
            Gründen, ob man nicht aus einer <hi rend="italic">Mücke einen Elefanten</hi> gemacht, ob
            nicht viele geradezu <hi rend="italic">froh waren</hi>
            <hi rend="italic">darüber</hi>, mich aus diesen Gründen ablehnen zu können, wie sie
            einen anderen Pfarrer aus einem anderen Grunde ablehnen würden und werden, ob nicht
            wenigstens Einige von den Freunden eines sogenannten neutralen Pfarrers etwas gemerkt
            haben davon, daß ich mit meiner <term type="Begriffe" key="2380">Parteistellung</term>
            in Safenwil <hi rend="italic">etwas gesagt habe</hi>, was ich mit den besten <term type="Begriffe" key="2470">Predigten</term> nicht hätte sagen können, was aber gerade
            in Safenwil durchaus einmal gesagt werden mußte. Ich glaube, wir könnten wiederum <hi rend="italic">Halt machen</hi> und uns eingestehen, daß wir uns wenig vorzuhalten
            haben, sondern besser täten, uns einzugestehen, daß auch in dieser Sache nur unsere
            gemeinsame Not zum Ausbruch gekommen ist.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>5.</head>
          <p> Und nicht anders würden wir dran sein, wenn wir uns nun endlich fragen wollten: <hi rend="italic">Ja, und nun?</hi> Und nun der Ertrag, das Ergebnis, die Frucht <term type="Begriffe" key="1035">dieser</term> zehn Jahre? Auf was soll ich hinweisen, was
            ich euch gegeben, was ich unter euch erreicht habe? Ich habe in diesen letzten Wochen
            oft gedacht, es sei wohl noch selten ein <term type="Begriffe" key="2410">Pfarrer</term>
            mit so <hi rend="italic">leeren Händen</hi> am Ende seiner Tätigkeit gestanden wie ich.
            In Wirklichkeit würde es wohl bei jedem <term type="Begriffe" key="2410">Pfarrer</term>
            das Gleiche sein, auch wenn er sich etwa einbildet, volle Hände zu haben. Und auf was
            wolltet ihr etwa hinweisen, was ihr bei mir gelernt und gefunden hättet?<note xml:id="n06">Von hier an gibt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nur
              noch eine Skizze des Gedankengangs.</note> Kaum etwas zu nennen. Wir sind
              Bettler.<note xml:id="n07"><persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>
              letzte Aufzeichnung vom <date when="1546-02-16">16. Februar 1546</date> schließt mit
              dem Satz: « Wir sind Bettler, <foreign xml:lang="lat">Hoc est verum</foreign>» (WA.TR
              5,168,35; vgl. WA 48,241).</note></p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->
        <div>
          <head>6.</head>
          <p>
            <hi rend="italic">Gerade so soll es sein.</hi> An die <term type="Begriffe" key="1428">Grenze</term> treten. Der Mensch ist der Mensch. <hi rend="italic">Gott</hi> will
            recht haben. Auf <hi rend="italic">Gott</hi> müssen wir rechnen. Um <hi rend="italic">Gott</hi> hat es sich gehandelt. <hi rend="italic">Gott</hi> will gut machen und
            weiter helfen. ­- <pb ed="pga" xml:id="p196"/>
            <hi rend="italic">Wer entschuldigt?</hi> Nein, wer beschuldigt? Wir sind <term type="Begriffe" key="2970">Sünder</term>, Verlorene, Sterbende. <hi rend="italic">Christus wohnt</hi> nur unter <term type="Begriffe" key="2970">Sündern</term>.<note xml:id="n08">Vgl. aus <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Brief an
                <persName ref="kbga-actors-2507">Georg Spenlein</persName> vom <date when="1516-04-08">8. April 1516</date>: «<foreign xml:lang="lat">Christus enim non
                nisi in peccatoribus habitat. Ideo enim descendit de coelo, ubi habitabat in iustis,
                ut etiam habitaret in peccatoribus</foreign>.» (WA.B 1,35,29-31)</note> Christus
            redet nur zu solchen, die nicht haben. Sein Zeichen ist das Zeichen des <term type="Begriffe" key="1720,1400">Kreuzes</term>. Er gibt uns Alles, indem er uns Alles
            nimmt: Seine Botschaft ist die <term type="Begriffe" key="220">Auferstehung</term> des
            Fleisches. Seine Hoffnung eine ewige Hoffnung. Er fragt uns, ob wir Suchende, Bittende …
            sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.7">Mt. 7,7</ref>], Arme,
            Leidtragende, Hungernde und Dürstende [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3 Mt.5.6">Mt. 5,3­-6</ref>]. In dem Augenblick: Alles Fleisch wie Gras …
            Verloren geben … Gott suchen [?] wir in der Art des Zöllners [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lu.18.13">Lk. 18,13</ref>] und erhalten uns damit [?]. Er
            mache uns zu Knechten, die ihres Herrn warten [vgl. <term type="Bibelstelle"><ref type="can" subtype="bible" target="Lu.12.36">Lk. 12,36</ref> par.</term>].</p>
        </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-20">Nr. 3 «Sollt ich meinem Gott nicht
                singen» von P. Gerhardt, Strophen 1.2.11 (RG [1998] 724,1.2.10; EG 325,1.2.10;
                jeweils mit Textabweichungen)</bibl>
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-132">Nr. 327 «Kommt, Brüder, laßt uns gehen»
                von G. Tersteegen, Strophen 1.2.4 («Kommt, Kinder …»: GERS [1952] 325, Str. 1.2.4;
                EG 393,1.2.6; jeweils mit Textabweichungen)</bibl>
          </listBibl>
        </div>


      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
