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        <title type="volume" n="vol-45">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
        <title type="formal">Brief Nr. 55</title>
        <title type="content">Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli</title>
        <title type="citation_line_1">Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli, 9. August 1929</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/45057 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935, hrsg. v. Erler, Rolf-Joachim (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2008, S. 100–103.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
          <title type="text">Brief Nr. 55: Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Erler, Rolf-Joachim</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2008</date>
          <biblScope unit="page">100-103</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum, 9. August 1929. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/16727">KBA 9272.54</ref>. </bibl>
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                    55
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                        Barth an v.K. auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName>
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                    <salute>M. l.<persName ref="kbga-actors-223">L.</persName>!</salute>
                  </opener>
                
                <p> Ich habe ja gewußt, daß es schwer werde in diesen Wochen, aber daß sich nun
                    Alles so bitter und hoffnungslos gestaltet, das ahnte ich doch nicht. Wir haben
                    gestern fast den ganzen Tag zu weiteren Gesprächen verwenden müssen, und sie brachten
                    nichts Anderes als die runde, volle, ausdrückliche Bestätigung dessen, was ich
                    dir vorgestern geschrieben. Ich habe <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> gebeten, nun wenigstens ganz
                    klar und offen und
                    ohne alle verschleiernde und täuschende Rücksichtnahme auf Gesichtspunkte, die
                    ihr ja doch nicht entscheidend seien (meine Arbeit, deine Situation etc.), sich
                    zu dem zu bekennen, was ihre eigentliche wohlüberlegte Meinung und Stellung sei.
                    Und nun wurde und wird es [es hat hier soeben ein weiteres langes Morgengespräch das
                    Schreiben unterbrochen!]<note xml:id="n01">Eckige Klammern im
                        Original.</note> immer aufs Neue ganz klar, daß <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> eigentlich und letztlich die
                    entstandene Lage (das «Dreieck», bei dem es gelten würde, in strenger Gemeinsamkeit zu
                    denken und zu handeln) nicht verstehen und nicht annehmen kann, sondern, wie sie
                    sich ausdrückt, einen «anderen Glauben»
                    hat. Was konkret
                    bedeutet, daß <pb xml:id="p101" ed="pga"/> sie mir gegenüber beim Geltendmachen ihres
                    ersten und tiefsten Anspruchs und dir gegenüber bei der anklagenden Frage stehen
                    bleiben muß. Sie sieht nun sehr genau, was die Trennung für uns, d. h. besonders
                    für mich, bedeutet, aber dieses «Mitleid», wie sie gestern in
                    einem <hi rend="italic">guten</hi> Augenblick sagte, ist in jenen «Glauben» nicht mit aufgenommen, sondern steht
                    als etwas entschieden Sekundäres daneben. Es bedeutet für sie eine ernsthafte
                        Anfechtung und Bekümmerung, zu
                    sehen, wie ich dran bin bei der Aussicht auf die Zukunft, aber
                        <hi rend="italic">nicht</hi> eine Anfechtung und Bekümmerung in jenem «Glauben». Aus diesem Mitleid heraus
                    bzw. aus dieser Anfechtung heraus erklärte sie und erklärt sie immer wieder ihre
                    Bereitschaft, den Plan deines Kommens
                    
                    <hi rend="italic">doch</hi> zu realisieren: weil sie sehe, was es bei mir für Folgen habe,
                    wenn wir es anders machten. Ich meine nun aber bestimmt, daß das <hi rend="italic">kein</hi>
                    tragfähiger Grund für dieses folgenschwere Unternehmen ist. Zu
                    unmißverständlich, eindeutig und ausdrücklich kam es heraus, daß <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> zum Mittragen
                    des <hi rend="italic">Ganzen</hi> nicht in der Lage ist, als daß ich ihr das Mittragen
                        <hi rend="italic">dieser außer</hi>ordentlichen <hi rend="italic">Einzel</hi>möglichkeit
                    verantwortlicherweise zumuten könnte. Auf Grund jener sekundären Einsichten und
                    auf dem Hintergrund jenes unerschütterten «Glaubens» könnte sie ein dauerndes Zusammensein
                    zu dritt weder innerlich,
                    noch den Kindern, noch Anderen
                    gegenüber in guter Weise aushalten und durchführen, und wir könnten es ohne sie
                    (und im Grunde gegen sie) auch nicht. Ich halte es darum für geboten, daß wir
                    diesen Plan fallen lassen. Es gehörten 
                            <hi rend="italic">drei</hi> dazu, und
                    zwar drei für das <hi rend="italic">Ganze</hi> (ohne unerschütterte Hintergründe) bereite
                    Menschen. Wir sind aber nur zwei, die Mehrheit kann hier nicht entscheiden, und
                    darum müssen und wollen wir (ich weiß mich deiner Übereinstimmung zum vornherein
                    sicher) zurücktreten. Ich beklage es, daß es nicht möglich war und ist, diesen
                    negativen Entschluß wenigstens einmütig, aus wirklich gemeinsamer Einsicht in
                    die wirklich gemeinsame Not zu fassen. Aber <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> hat nun einmal die
                    Voraussetzung dazu nicht und steht ihrerseits nur vor dem auch schwer genug auf
                        <hi rend="italic">ihr</hi> lastenden Dilemma: <hi rend="italic">entweder</hi> unseren wenigstens
                    in der <hi rend="italic">Linie</hi> ihrer eigentlichen Meinung liegenden Verzicht mit
                    allen etwa drohenden (sekundären) Folgen anzunehmen <hi rend="italic">oder</hi> gegen ihre
                    eigentliche Meinung ihrerseits zu verzichten und damit uns unter die Drohung der
                    allfälligen Folgen zu stellen. Sie <hi rend="italic">weiß</hi>, daß auch die erste
                    Möglichkeit, die nun gewählt ist, <pb xml:id="p102" ed="pga"/> keineswegs ein
                    Erreichen von dem bedeutet, was im Grunde ihrer Meinung entspricht; es steht
                    darum bei ihr auf der Waage, ob sie uns nicht doch lieber noch einmal die zweite
                    antragen soll. Für <hi rend="italic">uns</hi> aber kommt nach meiner bestimmten
                    Überzeugung nur die erste in Betracht. Wir <hi rend="italic">könnten</hi> die zweite nur
                    annehmen, wenn <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> ernstlich und letztlich bei der Sache wäre. Das ist nicht der
                    Fall, und nun ist es leider so, daß wir die zweite, unseren Verzicht, in einem
                    ganz anderen Sinn anbieten und durchführen, als er von Nelly angenommen wird. Gut an der
                    ganzen Situation ist nur das, daß auch dieses Letzte zwischen <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> und mir ganz
                        offen eingesehen
                    und ausgesprochen ist. Es bleibt für uns nur übrig, diese negative Lösung, von
                    der wir ja auch für Nelly nichts Gutes, sondern höchstens weniger akut Schlimmes
                    erwarten können, mit Ruhe und Würde in die Tat umzusetzen, d. h. uns mit dem
                    bitter Wenigen, was uns nun noch übrigbleibt, zufrieden zu geben. <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> hat mich mehr
                    als einmal gefragt, warum ich ihr letztliches Nein erst jetzt gehört, ob
                    ich denn nie gemerkt habe, daß sie im Grunde allen unseren Unternehmungen, von
                    der ersten an, ebenso ablehnend gegenübergestanden sei wie jetzt dieser. Ich
                    habe ihr geantwortet, daß ich ihre Abwehr bei Anlaß jener verhältnismäßig
                    geringfügigeren Fragen (Wernigerode, Weihnacht, Bergli etc.)<note xml:id="n02">
                            «<placeName ref="kbga-places-354">Wernigerode</placeName>» bezieht sich auf die
                        Sommerferien der Familie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> 1927 im Harz, an denen auch <persName ref="kbga-actors-223">von Kirschbaum</persName>
                        teilgenommen hatte (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/45/p078#fn_n05">S. 78, Anm. 5</ref>);
                        «Weihnacht» bezeichnet den Besuch <persName ref="kbga-actors-223">von Kirschbaums</persName> im Hause <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> in <placeName ref="kbga-places-44">Münster</placeName>
                        über Weihnacht/Neujahr 1928/29; «<placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName>« meint den gemeinsamen Aufenthalt von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-223">von
                        Kirschbaum</persName> vom Sommer 1929.</note> in der Tat <hi rend="italic">so</hi> ernst nicht
                    nehmen zu müssen meinte, daß aber jetzt der Moment gekommen sei, genau und
                    aufrichtig zu reden und zu hören, und daß <hi rend="italic">dieser</hi> Entscheid auf
                    keinen Fall <hi rend="italic">gegen</hi> ihre eigentliche Meinung auf Grund ihrer
                    sekundären Zustimmungsgründe zustande kommen werde. In Bezug auf die
                    übrig bleibenden Möglichkeiten für uns halte ich mich für frei. Ich
                        <hi rend="italic">werde</hi> demnächst wieder zu dir aufs <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> kommen (und zwar vermutlich nun schon
                        <hi rend="italic">vor</hi> dem 20.). Wir <hi rend="italic">werden</hi> uns weiter schreiben. Wir
                        <hi rend="italic">werden</hi> uns auch in weiterer Zukunft die wenigen Male, wo es
                    möglich sein wird, sehen. Ich muß es dann eben auf mich nehmen und
                        verantworten
                        , diese kleineren Fragen in unserem Sinn und im Widerspruch zu <persName ref="kbga-actors-26">Nellys</persName> eigentlicher
                    Meinung zu lösen. Das braucht ja dann auch nicht zu bedeuten, daß es nicht in
                    relativem <pb xml:id="p103" ed="pga"/> Frieden zwischen <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> und mir geschehen kann, wie
                    ich meinerseits mir jetzt Mühe geben möchte, die durch <persName ref="kbga-actors-26">Nellys</persName> Haltung diktierte
                    Entscheidung so friedlich als möglich hinzunehmen (oh, es
                    fällt mir schwer genug, und ich mache es <hi rend="italic">nicht</hi>
                    gut!).
                    Die uns <hi rend="italic">jetzt</hi> beschäftigende Frage aber, die deines Kommens nach
                        <placeName ref="kbga-places-44">Münster</placeName>, kann sicher im Blick auf <persName ref="kbga-actors-26">Nellys</persName> Haltung nur <hi rend="italic">so</hi>
                    gelöst werden.</p>
                <p>
                    <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> ist vorhin
                    auch darauf noch einmal zurückgekommen, ob du nun nicht doch noch hieher kommen möchtest. Ich dachte
                    wiederum im Einverständnis mit dir zu sein, wenn ich abwehrte. Ich weiß, wie
                    ungern du bei Sachen dabei bist, die offener und freundlicher aussehen, als sie
                    gemeint sind, und eine solche Sache wäre nach meiner Einsicht dein Hiersein.
                        <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> möchte
                    dich dann im September noch irgendwo sprechen. Vielleicht schreibt sie dir
                    auch noch, und das wird zu dem Zweck, Alles auch noch von ihr selber, in ihrer
                    eigenen Sprache zu hören, völlig genügen. Hier könnten wir uns zu
                    dritt (und in der Einsicht der Unmöglichkeit dieses «zu dritt») nur noch mehr
                    quälen, als wir es ohnehin sind<note xml:id="n03">= als wir ohnehin
                        gequält sind.</note>.</p>
                <p> Ich dachte einen Augenblick daran, noch heute oder morgen aufs <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> zurückzukehren. Aber nicht wahr,
                    das wäre keine Tat guten Willens
                    <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> gegenüber,
                    und ich mag es auch den guten Kindern nicht antun, die nun ohnehin einen reichlich stillen und
                    betrübten Papa an mir haben.
                    Was das Verrinnen der Tage nun bedeutet, weiß ich wohl. Aber warte noch ein
                    wenig. Ich komme dann vielleicht plötzlich, wenn die Wolken hier ein wenig
                    weniger tief hängen und wenn es keine Tat der Auflehnung mehr sein wird.</p>
                

                <closer>
                    <salute>Alles Liebe! Das Papier ist nur das Papier.</salute>
                    <salute>Dein</salute> <signed>
                        <persName ref="kbga-actors-2151">K.</persName>
                    </signed>
                  </closer>
                <postscript>
                    <p>
                        <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> hat
                        diesen Brief 
                            <hi rend="italic">gelesen</hi>. Eben kam <hi rend="italic">dein</hi> zweiter
                        Brief. Ja, das ist nun alles überholt – und ich werde morgen nicht zum
                        Bahnhof gehen.<note xml:id="n04">
                            Am
                            <date when="1929-08-10">10.8.1929</date> fuhr <persName ref="kbga-actors-223">von Kirschbaum</persName> dennoch mit <persName ref="kbga-actors-316">R. Pestalozzi</persName> vom
                                <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> aus auf den <placeName ref="kbga-places-449">Beatenberg</placeName> (Eintrag in ihrem
                            <ref type="kba-objects-id" target="91491">Taschenkalender</ref>).</note> Dank für deine zwei lieben Briefe. Ich bin
                            <hi rend="italic">so froh</hi>, daß wenigstens du eine gute Zeit hattest. Grüße
                        Alle von mir!</p>
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