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        <title type="volume" n="vol-45">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
        <title type="formal">Brief Nr. 61</title>
        <title type="content">Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München</title>
        <title type="citation_line_1">Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München, 6. Oktober 1929</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/45063 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935, hrsg. v. Erler, Rolf-Joachim (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2008, S. 117–119.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
          <title type="text">Brief Nr. 61: Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Erler, Rolf-Joachim</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2008</date>
          <biblScope unit="page">117-119</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum, 6. Oktober 1929. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/16927">KBA 9272.60</ref>. </bibl>
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                        Barth an v.K. in <placeName ref="kbga-places-43">München</placeName>
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                    <salute>M. <persName ref="kbga-actors-223">Schw.</persName>!</salute>
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                <p> Gelt, ich darf dir diesmal mit der Maschine schreiben, weil es mir so so viel
                    flinker und freudiger von der Hand geht. Ich möchte dir ja noch einmal
                    schreiben, bevor die große Angelegenheit von <placeName ref="kbga-places-197">Elberfeld</placeName><note xml:id="n01">Siehe oben
                                <ref type="pub" target="../volume/45/p107#fn_n15">S. 107, Anm. 15</ref>.</note>
                        
                     ihren Anfang nimmt, während der ich wohl ganz sicher nicht zum
                    Schreiben komme.</p>
                <p> Gestern abend kam dein Brief und hat mich ein wenig getröstet. Ach ja, gelt wir
                    wollen dann einander helfen und nicht beschweren. Die gewisse Gelöstheit, in der
                        <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> jetzt
                    lebt, wird ja, wenn du erst da bist, sicher wieder einer gewissen, hoffentlich
                    nicht allzu schweren Spannung Platz machen, und dann werde ich es so bitter
                    nötig haben, daß ich deiner, auch wenn ich dir momentan den Rücken kehre,
                    unbedingt sicher bin. Gelt, du wirst mich dann nicht jedesmal mit einer Traurigkeit
                    bestrafen, wenn ich vorübergehend das Bild eines Mannes der Ordnung etc. biete
                    und dir damit veranschauliche, daß wir das im Verhältnis zu dem, was wir
                    möchten, freilich ganz, ganz, ganz andere Leben gemeinsam beschlossen und
                    angetreten haben und nun jede Stunde ganz verantwortlich dazu stehen müssen.
                    Und gelt, du bist dann in dem ganz bestimmten Sinn m. Schw., daß du mit mir
                    einig bist, in der Liebe
                    zu <hi rend="italic">bleiben</hi>, auch wenn ich dir auf weiteste Strecken nicht das sagen
                    und sein kann wie auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName>. Ach
                    du, mir ist ja bei deinen beiden letzten Briefen noch einmal die ganze Schwere
                    unseres Wagnisses aufs Herz gefallen, und fast hätte ich dich, da dir eben das
                    Bleiben so schwer fällt, da dir
                    die unvermeidlichsten und harmlosesten Seiten des Aspektes, den ich dir in
                    meiner merkwürdigen Stellung bieten muß, so zu schaffen geben, noch einmal, in
                    dieser elften Stunde, wo alles Äußere schon in Ordnung ist, noch einmal gefragt,
                    ob wir’s nicht lieber unterlassen wollen, weil die immer erneute Möglichkeit
                    solcher Unterbrechungen zu qualvolle Situationen in Aussicht stellt. Aber
                    ich will diese Frage nicht stellen, weil ich doch sehe und weiß, daß du im Grund
                    und in <pb xml:id="p118" ed="pga"/> Wahrheit mit mir einig bist, und weil ich denke,
                    daß eben die ganze Drohung, unter der wir stehen, uns nun auch in dieser
                    Zwischenzeit (ich habe dir im Sommer vielleicht gar nicht genügend offen gesagt,
                    wie sehr mir jede von deinen Depressionen ein aufgehobener Finger war) noch einmal klar bewußt
                    werden mußte. Aber wir müssen uns bewußt sein, was wir tun, wenn wir diese nicht
                    ganz guten acht Tage nicht als Warnung, sondern eben als Mahnung verstehen, und
                    müssen, da wir nicht meinen, uns warnen lassen zu müssen, jedenfalls ernstlich
                    gemahnt weitergehen. Was unser wartet, ist vielleicht die schwerste Probe in
                    unser beider Leben, und es <hi rend="italic">darf</hi> nicht sein, daß wir versagen. Es
                    darf nicht sein, daß es dann an den Tag kommt, daß unsere Zusammengehörigkeit
                    nur an der Sonne des <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> allenfalls
                    gedeihen und sich bewähren konnte. Die unvermeidliche, aber auch von uns selbst
                    geschaffene Not darf uns
                    nicht undankbar und unfreudig und untüchtig machen. Das Leben ist einfach zu
                    kurz dazu, daß wir immer wieder darauf zurückkommen, immer wieder darin hängen
                    bleiben, daß und warum es wohl der liebe Gott nicht ganz anders mit uns gemacht
                    habe. |</p>
                <p>Ach du, denk doch nun nicht, ich sei hart und unbeteiligt und ein Ordnungsmann
                    und irgendwie (das fürchte ich am meisten) anders dran als du. Schau, ich
                    glaube, es ist nun der Augenblick da, wo du alle solche Vorbehalte gänzlich
                    fallen lassen, mir einfach glauben, zu mir und mit mir kommen solltest, wie du
                    es doch im Grunde selber auch meinst und willst. Ich mag ja <hi rend="italic">die</hi>
                    <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName>, die sagt: Ich mag nicht, Karl! wirklich auch gern, und sie darf und soll
                    wirklich auch kommen, aber eben wirklich <hi rend="italic">kommen</hi> unter gänzlichem
                    Verbot, abzuspringen und anderwärts als ganz bei der Sache zu sein. Geht das
                    nicht? Doch, das geht freilich, und du weißt schon, wie ich das alles meine, und
                    wirst mir keinen neuen kleinen Strick daraus drehen, daß ich dir in diesem
                    vermutlich vorletzten Brief noch einmal so eindringlich gepredigt habe. Bitte,
                    bitte, bitte, hör auf diese Predigt, <hi rend="italic">habe</hi> mich nicht nur lieb,
                    sondern <hi rend="italic">sei</hi> jetzt auch so lieb, wie du es in Wahrheit bist und
                    jeden Augenblick sein kannst, wenn du dazu «aufgerufen» bist. Du <hi rend="italic">bist</hi> jetzt dazu
                    aufgerufen, und ich bin ja so froh, daß ich dich habe, einen Menschen, den ich
                    aus solcher Nähe und in solcher Gewißheit, verstanden zu werden, aufrufen
                    kann.</p>
                <p> Die Examina liegen nun hinter
                    mir. Denk, am letzten Tage, gestern, geschah das Unglück, daß ich mich des
                    Morgens (nachdem ich bis <pb xml:id="p119" ed="pga"/> nachts 1 Uhr an … dich
                    geschrieben – hast du den eingeschriebenen Brief mit den 50 Mark bekommen?)
                    einfach verschlief und noch
                    schlief, als vom Konsistorium ein Telephon kam, ob man mich nicht erwarten
                    dürfe!! Eine <hi rend="italic">Viertel</hi>stunde später war ich mittelst Auto schon dort
                    und legte los!|</p>
                <p> Am Abend war Fakultätssitzung. Es liegen schon dicke Spannungen in der Luft,
                    wegen der Nachfolgefrage. <persName ref="kbga-actors-392">Stählin</persName> will <persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName> durchaus nicht wegen des Persönlichen. Der unglückliche
                        <persName ref="kbga-actors-364">Schmidt</persName><note xml:id="n02">
                            <persName ref="kbga-actors-364">Friedrich Wilhelm Schmidt</persName> (1893–1945), seit 1920
                        Privatdozent, 1926 a. o. Professor für Systematische Theologie in Halle,
                        seit 1927 in Münster, ab 1934 o. Professor für Dogmatik in Münster, ab
                        1939 in Berlin.</note> meint, daß er mein planmäßiges Ordinariat bekomme,
                    und bekommt es sicher nicht, sollte auch als Dekan umgangen werden. Gegen mich
                    schwebte die Angst, ich möchte als Dekan<note xml:id="n03"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> war im Wintersemester
                        1929/30 Dekan der
                        Evangelisch-theologischen Fakultät in <placeName ref="kbga-places-44">Münster</placeName>. Er gab dieses Amt offiziell
                        am <date when="1930-04-15">15.4.1930</date> an <persName ref="kbga-actors-364">Fr. W. Schmidt</persName> ab.</note> in der Nachfolgefrage vielleicht doch
                    nicht in der geeigneten Weise wirken. Schließlich entschlossen sie sich doch
                    (ich ging samt <persName ref="kbga-actors-364">Schmidt</persName> weislich auf eine Viertelstunde hinaus!), mich zu bitten,
                        <hi rend="italic">nicht</hi> zurückzutreten, d. h. das Dekanat diesen Winter zu führen. Es war viel
                    Verwirrung, Hin und Her und Unausgesprochenes im Spiel, von dem ich dir dann
                    erzählen werde. Den späteren Abend verbrachte ich bei <persName ref="kbga-actors-1194">Rosenmöllers</persName>. Du findest Einiges darüber
                    in dem Briefe an <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName>.<note xml:id="n04">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II,
                        <ref type="pub-" target="../volume/04/p677#p677">S. 677–680</ref></bibl>.</note>
                    </p>
                <p> Schluß für diesmal. Ich habe meine Hochzeitspredigt<note xml:id="n05">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/45/p120#fn_n01">S. 120, Anm. 1</ref>.</note> noch
                    gar nicht für morgen, und auch am Vortrag<note xml:id="n06">Siehe oben
                                <ref type="pub" target="../volume/45/p107#fn_n15">S. 107, Anm. 15</ref>.</note> sollte noch dies
                    und das korrigiert sein. Magst du mir nicht einmal schreiben diese Woche? Ich
                    bin bis Donnerstags früh erreichbar bei Herrn <persName ref="kbga-actors-6464">H. Putsch</persName>, <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-1587">Kohlfurterbrücke</placeName></hi>,
                    <placeName ref="kbga-places-914">Rheinland</placeName> und würde mich so sehr über ein Lebenszeichen von dir freuen.</p>
                <p> Grüße <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName> und teile ihm alles
                    Wissenswerte mit. Ich komme nicht mehr dazu, ihm selber zu schreiben.</p>
                <p>Ach <hi rend="italic">du</hi> ….</p>

                <closer>
                    <salute>Dein</salute> <signed>
                        <persName ref="kbga-actors-2151">K.</persName>
                    </signed>
                  </closer>
                
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