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        <title type="volume" n="vol-45">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
        <title type="formal">Brief Nr. 76</title>
        <title type="content">Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München</title>
        <title type="citation_line_1">Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München, 15. September 1930</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/45078 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935, hrsg. v. Erler, Rolf-Joachim (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2008, S. 156–160.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
          <title type="text">Brief Nr. 76: Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Erler, Rolf-Joachim</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2008</date>
          <biblScope unit="page">156-160</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum, 15. September 1930. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/18097">KBA 9272.75</ref>. </bibl>
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          <persName ref="kbga-actors-223">Kirschbaum, Charlotte von</persName>
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                            Barth an v.K. in
                    München
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                        <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>, <date when="1930-09-15">15.9.1930</date>
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                    <salute>Du liebe <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName>!</salute>
                  </opener>
                
                <p> Ich habe gestern so sehr auf deinen Brief gewartet, aber dann kam er, und ich
                    bin so froh darüber. Von <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> habe ich seit dem letzten Brief keine Nachrichten mehr, und
                    ich weiß nicht, wie ich das Zeichen deuten soll. Ob sie meinen Vorschlag betr.
                    des «Schweigens» als einen neuen Unterdrückungsversuch aufgefaßt hat?
                    Meine <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName> sagte mir erst nachträglich, daß <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> in den Stunden, die sie hier
                    mit ihr verbrachte, doch wieder heftig an dem Vierteljahrsplan
                    gerüttelt und ihr sogar aufgetragen habe, mir das zu sagen. Darauf war mein
                    Brief an sie nun allerdings keine Antwort, sondern hat vielleicht aufs Neue
                    aufreizend gewirkt. Aber ich hätte ihr ja vielleicht doch nur das antworten
                    können. Daß du am Sonntag nicht gewählt hast, verstehe ich, so wie
                    die Dinge dort für dich lagen, nur zu gut. Ich wollte dir mit der Zusendung <pb xml:id="p157" ed="pga"/> der Karte ja nur die Möglichkeit geben. Das Resultat
                    finde ich übrigens katastrophal.<note xml:id="n01">
                            Nach Auflösung des
                        <orgName ref="kbga-actors-8623">Reichstages</orgName> durch Reichskanzler <persName ref="kbga-actors-929">Heinrich Brüning</persName> im Juli kam es am
                        <date when="1930-09-14">14.9.1930</date> zu Neuwahlen, bei denen die <orgName ref="kbga-actors-8272">NSDAP</orgName> mit 6,407
                        Millionen Stimmen (18,3%) ihre bisherige Mandatszahl fast verneunfachen
                        konnte (107 statt bisher 12).</note> Die Deinigen
                    werden ja auch bei den 6 Millionen gewesen sein, die nun von diesem
                    Theaterpolitiker <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> das
                    Heil ­erwarten. Was soll man zu dem allem sagen? Es wäre vielleicht doch –
                    nicht besser, aber der tatsächlichen Verfassung der Deutschen angemessener, wenn
                    die Hohenzollern und Wittelsbacher, deinem einstigen Heilruf entsprechend, noch da wären
                    und Micheln<note xml:id="n02">Anspielung auf "den deutschen Michel", der ­- seit Beginn des 19.
                        Jahrhunderts als Karikatur mit einer Zipfel- oder Nachtmütze dargestellt ­-
                        eine wenig erfreuliche Vorstellung vom Wesen des deutschen Bürgers abgab
                        (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-827">Büchmann,
                        S. 427</bibl>).</note> die Mühe und Versuchung, sich mit Politik zu befassen, in
                    der Hauptsache abnähmen.</p>
                <p> Nein, ich werde nun trotz <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName>
                    und <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName> nicht aufs
                        <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> eilen. Es ist dort
                        <hi rend="italic">mit</hi> dir so schön gewesen, daß ich es nicht darauf
                    ankommen lassen möchte, nun ohne dich zum Schluß noch weniger schöne Tage zu
                    haben. Und überdies bin ich nun hier aufs Beste beschäftigt. Denn, denk, <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName>,
                    denk, gestern abend ist, nachdem ich nun sozusagen den ganzen <persName ref="kbga-actors-9">Anselm</persName> gelesen, die
                    Ausarbeitung plötzlich in Fluß gekommen, so daß, wenn du wieder zu mir kommst (ach du, du kommst ja
                    wieder zu mir!) mindestens ein großer Teil, wenn nicht das Ganze diktatreif
                    vorliegen wird. Ich werde nun diese Woche noch möglichst intensiv ausnützen, und
                    hoffentlich kommen, besonders von <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> her, keine Aufregungen
                    dazwischen.</p>
                <p> Am Sonntag, während du den kleinen <persName ref="kbga-actors-9545">Nold</persName><note xml:id="n03">
                            <persName ref="kbga-actors-9545">Karl Nold</persName> (1903–1942), Student bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in
                        <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName>, neben <persName ref="kbga-actors-5384">H. Zeltner</persName> und <persName ref="kbga-actors-1935">W. Trillhaas</persName> einer der von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> «besonders geliebten Bayern»
                            (<bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 145</bibl>), die
                        er in einem Rundbrief vom <date when="1925-06-07">7.6.1925</date>  als «mein  Stolz und meine Krone»                     bezeichnete (<bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II., <ref type="pub-" target="../volume/04/p329#p329">S. 329</ref></bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3198">W. von Loewenich, <hi rend="italic">Erlebte
                            Theologie. Begegnungen. Erfahrungen. Erwägungen</hi>, München 1979,
                        S. 47</bibl>), war damals Stadtvikar an der St. Matthäus-Kirche in München, ab 1931
                        Pfarrer in Nördlingen, ab 1936 in München.</note> hörtest (wie mag
                    nachmittags dein Vetter<note xml:id="n04">Nicht ermittelt.</note>
                    gewesen sein?), war ich in der <placeName ref="kbga-places-1408">Friedenskirche</placeName> bei <persName ref="kbga-actors-7083">Hubacher</persName><note xml:id="n05">
                            <persName ref="kbga-actors-7083">Ernst
                            Hubacher</persName> (1888–1963),
                        Schüler von L. Ragaz, 1912-1922 Pfarrer in Grenchen (Kt. Solothurn),
                        1922-1952 in Bern, 1919 Eintritt in die <orgName ref="kbga-actors-6132">SPS</orgName>.</note> und nachher beim Abendmahl. Er hat eine sehr gedie<pb xml:id="p158" ed="pga" break="no"/>gene und kluge, wenn auch mehr lebensnahe als
                    bibelmäßige Predigt gehalten,
                    entschieden besser als das, was ich am vorigen Sonntag bei <persName ref="kbga-actors-757">Schädelin</persName> hörte. Heute abend bin ich übrigens
                    bei <persName ref="kbga-actors-7083">Hubacher</persName> zum Nachtessen,
                    morgen abend mit den Altkatholiken <persName ref="kbga-actors-569">Gilg</persName> und <persName ref="kbga-actors-3216">Gaugler</persName> bei <persName ref="kbga-actors-669">Lindts</persName>.</p>
                <p>
                    <persName ref="kbga-actors-669">Kari</persName> hielt gestern abend
                    einen Vortrag im hiesigen Pfarrverein über <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName>. Ich wollte auch hingehen, habe
                    es dann aber unterlassen, weil eben der Geist der Produktion über mich selbst gekommen war.
                    Dafür ist der wiederum eingetroffene <persName ref="kbga-actors-27">Peter</persName> hingegangen. Mit ihm habe ich nachher bis um 2 Uhr ein
                    Nachtgespräch über «uns» gehabt. Er sprach mit guter
                    Teilnahme, aber mit einem etwas naiv erklärten Willen zur «Neutralität» und
                    z. T. in etwas primitiven Kategorien. Anfangs zeigte er viel Neigung, für das
                    innere und höhere Recht von <persName ref="kbga-actors-26">Nellys</persName> Wiedereroberungsversuchen
                    einzutreten. Er war dabei sichtlich und auch ausgesprochen zum guten Teil das
                    Sprachrohr von Frau <persName ref="kbga-actors-5803">Lenchen</persName>, und aus
                    deren mir mitgeteilten Gedanken ging deutlich hervor, daß sie nicht zum
                    Wenigsten aus der natürlichen Solidarität der barthischen – besonders auch
                    meiner <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName> gegenüber kritischen und von ihr kritisierten –
                    Schwiegertöchter heraus denkt und argumentiert. Zwischen <placeName ref="kbga-places-418">Madiswil</placeName> und der Schwarztorstraße<note xml:id="n06">Wohnsitz der <rs type="person" ref="kbga-actors-669 kbga-actors-668">Familie Lindt</rs> in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>.</note> herrscht ja auch nicht eitel
                    Einvernehmen, sondern allerlei stille, aber saftige Spannungen, und so sehen die
                    Madiswiler nun auch so etwas wie einen zwischen meiner <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName>, <persName ref="kbga-actors-669">Lindts</persName>, mir und den
                    Freunden bestehenden Ring, dem gegenüber sie sich instinktiv auf <persName ref="kbga-actors-26">Nellys</persName> Seite
                    stellen. Es kommt dazu, daß <persName ref="kbga-actors-5803">Lenchen</persName> und ich nie
                    gerade übermäßig viel für einander übrig hatten. So ertönten also zunächst Töne, die <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> überaus
                    wohlgetan und dann sicher nicht zum Guten gewirkt hätten, wenn sie sie gehört
                    hätte. Vielleicht kann es ihr ja gelegentlich in ungefährlicher Weise zum Trost
                    werden, wenn sie gewahr wird, daß sie doch auch in unserer Familie so etwas wie
                    eine «Partei» hat, wie sie es sich ja wünscht. Immerhin, <persName ref="kbga-actors-27">Peter</persName> ist doch zu gescheit, als daß er dann nicht
                    auch hingehört hätte, als ich ihm die andere Seite der Sache und vor Allem den
                    Ernst der ganzen Situation – den sie sich wohl in <placeName ref="kbga-places-418">Madiswil</placeName> in ihrem Frakturdenken nicht klar gemacht
                    hatten – vor Augen stellte. Sie hatten wohl bisher ein bißchen Alles im Licht
                    der <pb xml:id="p159" ed="pga"/> berühmten «edlen Freundschaft» gesehen und
                    insbesondere <hi rend="italic">deine</hi>
                    Bedrängnis bzw.
                    ihre Vitalität nicht so recht in Rechnung gestellt, sondern nur das gesehen, daß
                    da <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> in die
                    Ecke gedrückt werde. Nun, ich habe dann auch lange geredet und hoffe schon, daß
                    sie wenigstens noch weiter über Alles nachdenken und einsehen, daß «Neutralität»
                    vielleicht weder die tiefsinnigste noch die praktischste Formel ist für die in
                    der Tat offene und freundliche Teilnahme, mit der sie uns begleiten wollen.
                        <persName ref="kbga-actors-669">K. Lindt</persName> hielt es
                    übrigens im Blick auf drohende Folgen der ertönten Posaunenstimme der Frau <persName ref="kbga-actors-1732">Lieb</persName> für richtig,
                    mit <persName ref="kbga-actors-757">Schädelin</persName> über «uns» zu
                    reden. <persName ref="kbga-actors-757">Sch.</persName>, der mich ja
                    auch instinktiv von jeher nicht so recht mochte, jedenfalls mehr bewunderte als
                    liebte, soll zuerst auch ein ergrimmtes: Aha, da hat man’s! von sich gegeben haben, dann
                    aber seinerseits still geworden sein. <persName ref="kbga-actors-27">Peter</persName> legt übrigens großes Gewicht auf den
                    im Fall einer Scheidung in der theologischen Welt drohenden immensen Skandal. Ich sagte ihm, daß wir das
                    auch bedächten und dieser Form der Entscheidung aus allen Kräften aus dem Weg
                    gehen wollten, daß wir aber in diesen fünf Jahren genug durchgemacht hätten, um
                    über die verschiedenen Eventualitäten bei allem Ernst ruhiger zu denken und
                    Weltuntergänge nicht ins Auge zu fassen. – Ja, <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName>, so zerbrechen sich mit der
                    Zeit immer mehr Leute den Kopf über uns. Es wird ja Alles seine Zeit haben, aber
                    vorläufig werden wir uns das gefallen lassen müssen.</p>
                <p> Ich verreise also am Montag von hier und werde wohl schon am Dienstag abend in
                        <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> eintreffen, weil <persName ref="kbga-actors-23">Heiner</persName> am Samstag
                    hier eintrifft und ich also in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> nur mit <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName> zusammen sein werde. Nimm du dir den
                    Freitag als Reisetag vor. So wird es ungefähr recht sein.</p>
                <p> Schreib mir doch bald wieder. Ich habe es ja gut hier und bin doch oft so
                    traurig und trostbedürftig. Schreibe mir auch, wie es deinen Zähnlein und deinem
                        B…lein weiter geht. Es ist in der Ferne noch beunruhigender als in
                    der Nähe, dich leidend zu wissen, und ich habe oft so Angst, es könnte eines
                    Tages plötzlich eine schwere schleichende Krankheit bei dir zum Ausbruch kommen
                    und dich mir wegnehmen. Gelt, du trägst Sorge zu dir und tust Alles, was du
                    vernünftiger Weise tun mußt, um, trotz aller Schwierigkeit des Lebens, deinen
                    ferneren regelmäßigen Aufbau sicherzustellen, d. h. auch für Reserven zu sorgen.
                    Ach du, was machst du mir auch für Kummer!</p>
                
                <p><pb xml:id="p160" ed="pga" rend="noPipe"/>Aber doch noch viel mehr Freude. Ich will lieber aufhören. Man kann das doch
                    nicht so tippen, was jetzt noch zu sagen wäre. Gelt, du hast meinem letzten
                    Brief gar nicht angemerkt und merkst es auch diesem nicht an, wie l…?</p>
                <p> «Ja – so is es!<note xml:id="n07">Eine von <persName ref="kbga-actors-1261">Gertrud Staewen</persName> gern gebrauchte
                        Wendung, die mit der mundartlich-unvollständigen Verbform eine Redensart
                        <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> und <persName ref="kbga-actors-223">von Kirschbaums</persName> wurde.</note>»</p>

                <closer>
                    <salute>Dein</salute> <signed>
                        <persName ref="kbga-actors-2151">K.</persName>
                    </signed>
                  </closer>
                <postscript>
                    <p> Es wäre doch gut, wenn du in nicht zu ferner Zeit meiner <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName> einmal schreiben würdest.
                    </p>
                </postscript>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
