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        <title type="volume" n="vol-45">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
        <title type="formal">Brief Nr. 98</title>
        <title type="content">Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern</title>
        <title type="citation_line_1">Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern, 20. März 1932</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/45100 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935, hrsg. v. Erler, Rolf-Joachim (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2008, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
          <title type="text">Brief Nr. 98: Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern</title>
          <author ref="kbga-actors-223">Kirschbaum, Charlotte von</author>
          <editor>Erler, Rolf-Joachim</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2008</date>
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      <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName>, Palmsonntag <date when="1932-03-20">[20.3.] 1932</date> </dateline>
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      <p>Du <hi rend="italic">lieber</hi> <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>, weil es doch Palmsonntag ist und weil ich Sehnsucht habe, muß ich noch ein wenig zu dir
     kommen. Es war ein bißchen traurig, daß ich nun tagelang mit dem Brieflein von dir leben mußte,
     das mich doch nicht ganz froh an dich denken läßt. Aber du siehst, ich schreibe schon: es
      <hi rend="italic">war</hi> – so stark hoffe ich, daß morgen früh ein zweites eintrifft. – Wie magst du
     heute diesen schönen, sonntäglichen Vorfrühlingstag verbracht haben? Lebst du auch ein bißchen
     entspannter, ein bißchen geruhsamer als im Bonner Getümmel? Sind auch nicht von dort Nachrichten eingetroffen, die wieder zu allen
     möglichen sorgenvollen Erwägungen Anlaß geben? Ich hoffe so sehr, daß du auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName>, wenn dann der Vortrag getippt sein wird, noch ein wenig <hi rend="italic">ganz richtige Ferien</hi> machen kannst. Du hast es so nötig. Ich freue mich ja
     so schrecklich darauf, und als ich heute morgen mit <persName ref="kbga-actors-315">Gerty</persName> vor die Stadt hinauszog und die schönen
     Wiesen und Wälder und Höhen des <placeName ref="kbga-places-362">Zürichsees</placeName> (nun einmal von der <hi rend="italic">anderen</hi> Seite aus)
     sah, da hab ich immer wieder im Stillen daran gedacht, daß wir in zehn Tagen gemeinsam uns an
     dem allen freuen dürfen. Ach, gelt, du freust dich auch ein bißchen, und ach, gelt, du
      <hi rend="italic">kommst??</hi> – Hier geht es mir anhaltend <hi rend="italic">gut</hi>, und ich wüßte keinen Ort,
     wo ich gelöster und sinnvoller Ferien machen dürfte als hier bei <persName ref="kbga-actors-316">Ruedi</persName> und <persName ref="kbga-actors-315">Gerty</persName>. – Die Tage mit Gerty allein sind in wohltuender Harmonie
     verlaufen. Am Freitag abend besuchten wir den Vortrag des Leiters der anthroposophischen Schule hier, eines in seiner Weise
     einleuchtenden Menschen, darum einleuchtend, weil er jung und lebendig und an seine
     pädagogische Aufgabe hingegeben ist, methodisch gewiß sehr <hi rend="italic">gute</hi> Einsichten hat,
      <pb xml:id="p222" ed="pga"/> so wenig ich natürlich die Hintergründe, die aber kaum gestreift
     wurden, anerkennen kann. Im Anschluß daran hatte ich ein erstes Gesprächlein mit Gerty, dem gestern ein zweites
     bis spät in die Nacht hinein folgte. Es beschäftigt sie die Frage der theologischen Diskussion und gerade auch der von Laien
     auszuübenden. Von da kamen wir natürlich bald auf sehr zentrale Fragen und stießen schließlich
     bis zur Prädestination vor, ein Begriff, der
     von ihr leidenschaftlich abgelehnt wird. Ich fürchte, ich war auch nicht im Geringsten
     ermächtigt, ihr hier ein Licht anzuzünden. Gerty wirkt in ihrem Sosein ja so notwendig und
     überzeugend auf mich, daß sie mich wie kaum Jemand aus dem Sattel heben kann, besonders wenn
     der «Sattel» wie in diesem Fall ein fast nicht zu diskutierendes Problem ist. Aber ich muß dir
     dann mündlich doch noch ein paar Fragen stellen, die mich im Anschluß daran dann noch eine
     ganze Weile im Bett wachhielten. – Gestern nachmittag war ich mit den 
                            Zwillingen<note xml:id="n01">
                            <persName ref="kbga-actors-7298">Ursula</persName> und <persName ref="kbga-actors-7290">Franziska Pestalozzi</persName>.</note> auf dem <placeName ref="kbga-places-1285">Zürichberg</placeName>, sah
     Krähbühl und all die mir dem Namen nach bekannten Stätten. Wir spielten oben auf einem sonnigen
     Waldfleck ein Ballspiel, und ich ergötzte mich an dem urwüchsigen Humor, den besonders
      <persName ref="kbga-actors-7298">Urseli</persName> aufzuweisen hatte. Heimwärts
     stieß ich dann auf einen ganz müden Wanderburschen, der ein ganzes Stück Wegs mit uns ging, ein
     arbeitsloser Zimmermann, der viel herumkam und <hi rend="italic">trübste</hi> Zukunftserwartungen hat für
     <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName>. Es war mir bewegend bei ihm, wie er sein Einzelschicksal fast nicht mehr wichtig nahm,
     nur irgendwie müde, namenlos müde war vom Arbeitsuchen und nicht Finden. – Heute war <persName ref="kbga-actors-316">Ruedis</persName> und <persName ref="kbga-actors-315">Gertys</persName> Hochzeitstag, der damit
     begann, daß wir um ½11 Uhr (!) in Ruedis sonnendurchstrahltem Zimmer den Morgentee tranken –
      <persName ref="kbga-actors-316">Ruedi</persName> etwas müde und
     mit Migräne aus <placeName ref="kbga-places-548">Lugano</placeName> heimgekehrt – und dann Gerty mit mir drei Stunden
     loszog eben auf jene schon erwähnten Höhen über zum
     Teil noch verschneite und vereiste Wege (die schwierigste Strecke legte ich wider Willen und in
     großer Eile auf einem Körperteil zurück, auf dem man sonst nicht zu <hi rend="italic">gehen</hi>
     pflegt!), heimwärts über das reizende Kirchlein von <placeName ref="kbga-places-1159">Wytikon</placeName><note xml:id="n02">Heute <placeName ref="kbga-places-1159">Witikon</placeName>, seit 1798, nach dem Einmarsch der
      Franzosen, selbständige Gemeinde «Wytikon», seit 1934 Stadtteil von <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName>.</note>, in dem sie
     damals getraut wurden<note xml:id="n03">Die Trauung am 20.3.1914 wurde von <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName> vollzogen (Trautext: <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.107.1">Ps. 107,1</ref>).</note>. Wir haben uns beide
     gefreut an der schö<pb xml:id="p223" ed="pga" break="no"/>nen Luft und der noch schöneren
     Vorfrühlingslandschaft und sind – ein wenig zu Ruedis Verdruß – erst um 2 Uhr heimgekehrt.
     Der Nachmittag verlief still – ich las Werthers Leiden<note xml:id="n04">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2694">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von
       Goethe</persName>, <hi rend="italic">Die Leiden des
       jungen Werthers</hi> (1774; 2. Fassung 1787)</bibl>.</note> (!) –, sämtliche Kinder waren
     eingeladen, und wir genossen die Ruhe. Eben wurde ein gemütliches Abendessen beendet, bei dem
     was? besprochen wurde? Die Reise nach <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName><note xml:id="n05">Siehe zur gemeinsamen Reise nach <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> unten
       <ref type="pub" target="../volume/45/p231#fn_n05">S. 231, Anm. 5.</ref>
                        </note>!! Ich hatte gar nie gewagt anzufragen, und
     nun fing <persName ref="kbga-actors-316">Ruedi</persName> ganz
     unvermutet davon zu sprechen an, und zwar unter der selbstverständlichen Voraussetzung,
      <hi rend="italic">daß</hi> wir fahren. Es stand nur noch die Tageseinteilung zur Diskussion, die für
      Ruedis darum nicht
     leicht ist, weil viele Menschen dort auf sie warten. <persName ref="kbga-actors-316">Ruedi</persName> läßt dir sagen, du sollest doch nicht
     im Hospiz wohnen, sondern mit uns in einem nahegelegenen Hotel, und dich bei Prof. <persName ref="kbga-actors-4462">Richter</persName><note xml:id="n06">
                            <persName ref="kbga-actors-4462">Julius
       Richter</persName> (1862–1940), 1914 a. o. Professor
      und 1920-1930 o. Professor für Missions- und Religionswissenschaft in Berlin. Aufgrund seiner
      leitenden Funktionen im Deutschen Evangelischen Missionsausschuß unterhielt er viele
      ökumenische Kontakte (s. auch Abbildung 27 bei <bibl corresp="kbga-bibls-134">
                                Busch, S. 108</bibl>).</note> einfach erst zum Sonntag nachmittag bei ihm anmelden. Geht das
     wohl? Wir würden am Samstag nachmittag hier abfahren und Sonntag morgen in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> sein «unter glücklichen Umständen». Was meinst du?
     Ich habe <persName ref="kbga-actors-316">Ruedi</persName> gesagt,
     daß du wahrscheinlich volle Bewegungsfreiheit haben mußt für die Missionsleute, aber umso schöner wäre es, wenn man am Abend noch ein
     wenig beisammen sein dürfte. Aber du mußt das ganz entscheiden, wie es dich möglich und gut
     dünkt.</p>
    <p> Eben trifft <persName ref="kbga-actors-9267">Emmy Bloch</persName><note xml:id="n07">
                            <persName ref="kbga-actors-9267">Emmy Bloch</persName> (1887–1978), arbeitete
      nach ihrer Ausbildung u. a. in der Töchterschule Zürich von 1911-1916 als
      Tuberkulose-Fürsorgerin, gründete 1921 die Schweizerische Zentralstelle für Frauenberufe sowie
      den Berufsverein für Sozialarbeitende Zürich, dem sie bis 1932 als Präsidentin vorstand; seit
      1933 publizistische Tätigkeiten u. a. in der «<orgName ref="kbga-actors-4868">Neuen Zürcher Zeitung</orgName>», 1934-1944 Chefredaktorin
      des «<orgName ref="kbga-actors-9268">Schweizer Frauenblattes</orgName>».</note> ein. Gute Nacht, <hi rend="italic">lieber</hi> <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>. Morgen früh
     kommt hoffentlich dein Brief, ich warte sehr auf ihn. ­-</p>
    <!-- leerzeile -->
    <p>
                        <hi rend="italic">Montag früh</hi>. Der Brief ist <hi rend="italic">nicht</hi> gekommen, und ich bin traurig und
     unruhig. Liegt etwas Besonderes vor, oder magst du mir einfach nicht schreiben? – Nun will ich
      <persName ref="kbga-actors-315">Gerty</persName> packen helfen,
     morgen am <date when="1932-03-22">22. März</date> <pb xml:id="p224" ed="pga"/> (ausgerechnet am Todestage <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName>!!) geht es aufs <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName>. – Bist du sehr bedrängt vom Missionsvortrag<note xml:id="n08"> Siehe oben
      <ref type="pub" target="../volume/45/p213#fn_n01">S. 213, Anm. 1.</ref>
                        </note>? Schreib mir doch nur ein paar Zeilen, aber
     nein, wenn es dir nicht drum ist, auch nicht. Wir wollen uns nicht quälen. –</p>
    <!-- leerzeile -->
    <p>
                        <hi rend="italic">Auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName></hi>, Mittwoch, <date when="1932-03-23">23. März
     1932</date>. – Ich sitze vor dem Häuschen in der Sonne in einen warmen Mantel gehüllt, den Heizteppich
     unter den Füßen. Und es ist <hi rend="italic">schön</hi>, <hi rend="italic">schön</hi>, schön, der Wald und der
     See, der Grasweg, das Mäuerchen, Alles, was man lieb hat und was einem vertraut ist. Gestern
     sind wir heraufgezogen. Es war ein trotz allem Herumstehen, Frieren und Hungern (wir aßen um 5
     h nachmittags zu Mittag!) fröhlicher Tag. <persName ref="kbga-actors-315">Gerty</persName> ist in solchen Situationen schlechthin
     einzigartig. Wir frühstückten des Morgens ganz gemütlich mit <persName ref="kbga-actors-10985">Verdi</persName>-Musik, und es war höchstens so, als ob im <hi rend="italic">Nachbar</hi>haus Umzug wäre – trotzdem
     sie doch Alles nahezu allein bewältigt! Keine auch nur <hi rend="italic">etwas</hi> nervöse Geste, kein
     unruhiges Wort, trotzdem der unvermutete Schneeregen eine völlige Umänderung des geplanten
     Transportes nötig machte. Ich erlebte staunend und bewundernd diese Beherrschung einer
     Situation mit, die unablässig Anlaß geboten hätte, sie zu verlieren. Als dann Alles hier
     ausgeladen war, vereinigten wir uns mit den drei Packern, Frau Landherr<note xml:id="n09"> Haushaltshilfe bei Familie
       <persName ref="kbga-actors-316">Pestalozzi</persName>.</note>
     und Herrn Weibel<note xml:id="n10">Gärtner auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName>.</note> zu einem fröhlichen Mahl: Berner Platte mit Sauerkraut und
     Neufchâteler und einem starken guten Kaffee, und Alle waren fröhlich, und sogar Herr Weibel
     erzählte einige nicht schlechte Witzlein. Ja, Gerty
     <hi rend="italic">kann</hi> leben. Als ich ihr heute morgen meine Bewunderung aussprach, zitierte sie mit
     leisem Spott dich: «Ja, gelt, immer was mir gut tut»!! Ich konnte nicht umhin zu sagen: «Ja,
     nur daß das auch den <hi rend="italic">Anderen</hi> gut tut.» – – Und nun wohne ich also im «<placeName ref="kbga-places-1265">Törli</placeName>» – in der Birnbaumstube und habe diese erste
     Nacht schandbar gefroren. Es ist sehr kalt hier und im <placeName ref="kbga-places-1265">Törli</placeName> noch ganz besonders. Aber wir
     wollen es schon warm bekommen!! – Es ist ja so schön, daß du am Montag kommen willst. <persName ref="kbga-actors-316">Ruedi</persName> und <persName ref="kbga-actors-315">Gerty</persName> haben sich beide so
     gefreut, als ich ihnen das mitteilte. Und es wird sicher, sicher schön sein. Mit Ruedis
      lebe ich ganz einfach und pro<pb xml:id="p225" ed="pga" break="no"/>blemlos gut und nah. Ich hätte
     nie gedacht, daß ich mit Gerty je wieder so würde dran sein können, so selbstverständlich und gesprächslos. Wir
     sind gestern abend im Mondschein – hu, es war kalt!! – noch ein Stück zum Wald hinauf gewandert, so unbeschwert freudig uns an «unserem
      <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName>» freuend. Donnerstag, Freitag, Samstag,
     Sonntag und dann…</p>
    <p> Hat mein Telefongespräch deine <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName> nicht unangenehm berührt? Ich mußte
     wissen, wie es dir geht. Und denk, dein Brief kam mir erst gestern spät abend durch <persName ref="kbga-actors-316">Ruedi</persName> zu. – Hoffentlich hast
     du dich nicht beschweren lassen durch meine Mitteilungen über <persName ref="kbga-actors-26">Nellys</persName> und <persName ref="kbga-actors-24">Markus</persName>’ Brief. Ich habe Nelly sofort wieder geschrieben, ziemlich ausführlich
     erzählt, und will Markus heute
     antworten[*]. Man kann ihn jetzt ja nur auf <hi rend="italic">sich</hi> verweisen, was er übrigens auch
     selber weiß. Ich kann mir ja so gut vorstellen, wie die Mahlzeiten laufen, wenn Nelly-<persName ref="kbga-actors-5802">Fränzeli</persName>-Gespräche das Feld beherrschen. Aber er muß da nun durch und hat es ja <hi rend="italic">gut</hi>, daß ihm das
     nicht als Lebenskonflikt aufgelegt ist, sondern als etwas, von dem er sich frei machen kann,
     muß und darf. Es ist für ihn sicher nur ein Durchgang von der infantilen zur selbständigen
      Haltung dem Leben und der Familie
     gegenüber, ein notwendiger und trotz Allem hoffnungsvoller. – Daß er mir soviel Vertrauen
     schenkt, das ist mir eine Freude, wenn auch eine etwas unverdiente. Ich muß ihn und seine
     Brüder ja noch ganz anders in mein Leben hereinlassen, als ich bislang gewillt war. – <persName ref="kbga-actors-19">Stöffeli</persName> ist ja sicher viel
     bedenklicher dran als Markus, viel
     verborgener und in sich gerollter. Aber auch er muß seinen Weg machen, ganz zu schweigen von
     unserem <persName ref="kbga-actors-25">Matthislein</persName>. Gelt,
     es ist gut, daß er nun doch versetzt wird? –</p>
    <p> Wie steht’s wohl mit deinem Vortrag? Wenn du dann mit deinen Büchern hier bist, dann will ich gern auch noch etwas
     Einblick nehmen in das Denken dieser Missionsleute.
     Oh, wir werden es so still und ungestört hier haben. – Ein wenig sind wir dran (d. h. noch ohne
      <persName ref="kbga-actors-316">Ruedi</persName>!), ob wir dich
     am Montag mit dem Auto holen und auch deine <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName> über Mittag irgendwohin mitnehmen
     sollen! Meinst du, sie würde das tun? Ich würde sie sehr gern sehen. Aber es hängt noch von
      Ruedis Lust oder
     Unlust zum Autofahren ab, selbst wenn es von deiner Mutter gebilligt würde. – Den Besuch bei
     der Schwester <persName ref="kbga-actors-769">Anni</persName><note xml:id="n11">
                            <persName ref="kbga-actors-26">Nelly Barths</persName> Schwester <persName ref="kbga-actors-769">Anny Schuler</persName>, geb. Hoffmann (1889–1964).</note>
     <pb xml:id="p226" ed="pga"/> hab ich zunächst verlegt. Ich weiß nicht, ob nicht <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> mir das sehr verübeln würde,
     und weiß nicht, ob es überhaupt Sinn hätte. Auch diese Leutlein haben ihr Horoskop und müssen es leben. – –</p>
    <p>Behüt dich Gott, <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>. Hab <hi rend="italic">gute</hi> Ostertage. Die Predigt wäre jetzt wirklich zu
     viel für dich, so schön es wäre. Grüße deine Mutter.[**]</p>
    <!-- leerzeile -->
    <p> Kaum war mein Brief geschlossen, da brachte <persName ref="kbga-actors-316">Ruedi</persName> diesen von <persName ref="kbga-actors-87">Dehn</persName> an dich<note xml:id="n12">
                            Brief von <persName ref="kbga-actors-87">G. Dehn</persName> an
      <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <date when="1932-03-21">21.3.1932</date>. Im Hintergrund steht der sogenannte «Fall Dehn»: Dehn hatte am
      <date when="1928-11-06">6.11.1928</date> in der Magdeburger Ulrichskirche über das Thema «Kirche und Völkerversöhnung»
      gesprochen. Dieser Vortrag bildete den Anlaß für die später gegen Dehn erhobenen Vorwürfe und
      Anklagen, in deren Folge Dehn 1933 seine Professur in Halle verlor. Vgl. 
                                <bibl corresp="kbga-bibls-1158"><persName ref="kbga-actors-87">G. Dehn</persName>, <hi rend="italic">Kirche
       und Völkerversöhnung. Dokumente zum Halleschen Universitätskonflikt</hi>, Berlin o. J.
      (1931)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-597">ders., <hi rend="italic">Die alte Zeit – die vorigen Jahre</hi>, München 1962, S. 247-285</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1163">
                                <persName ref="kbga-actors-44">E. Bizer</persName>, <hi rend="italic">Der «Fall Dehn»</hi>, in:
       <hi rend="italic">Festschrift für Günther Dehn zum 75. Geburtstag am 18.4.1957 dargebracht von der
       Evangelisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich Wilhelms-Universität zu
       Bonn</hi>, hrsg. von W. Schneemelcher, Neukirchen 1957, S. 239-261</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-966">
                                Chr. Schwöbel (Hrsg.),
       <hi rend="italic">K. Barth – Martin Rade. Ein
       Briefwechsel</hi>, Gütersloh 1981, S. 250-263</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2033">Bw.B.<hi rend="sup">2</hi>, <ref type="pub" target="../volume/01/p128#p128">S. 128–132</ref></bibl>;
      <bibl corresp="kbga-bibls-179">Offene Briefe 1909-1935, <ref type="pub" target="../volume/35/p170#p170">S. 170–207</ref></bibl>. Dehn teilte in seinem Brief mit, daß in Halle «weiter
      Unheil gebrütet» werde und man mit der (unzutreffenden) «alten Beschuldigung» zum
      Ausgangspunkt zurückgekommen sei, er «hätte die Gefallenen Mörder genannt». Er bittet um
      <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Meinung (<ref type="kba-objects-id" target="20059">KBA 9332.139</ref>).</note>. – Der gute Dehn, gelt? Läßt er sich nicht auch da
     wieder zu weit ein? Das ist doch eine <hi rend="italic">Frechheit</hi>, dieser Plan mit dem
      «Ehrengericht»<note xml:id="n13">
                            <persName ref="kbga-actors-87">Dehn</persName> erwähnt einen möglichen Plan seiner Fakultät, er solle sich «einem aus hiesigen
      Professoren gebildeten ‹Ehrengericht› unterwerfen, das den Fall noch einmal untersuchen und
      dann ein Urteil abgeben soll. Fällt das ungünstig aus, dann wäre ich allerdings wohl
      erledigt.» Dehn erklärte später, wenngleich mit Bedenken, seine Bereitschaft dazu.</note>? Und
      <hi rend="italic">wenn</hi> er «Mörder» gesagt hätte, so hätten sie kein Recht, einen
      <hi rend="italic">theologischen</hi> Gedankengang mit solchen Kriterien zu messen. – Ich schrieb eben
     einen langen Brief an <persName ref="kbga-actors-24">Markus</persName>, ging gar
     nicht auf <persName ref="kbga-actors-26">N.</persName> ein, sondern
     versuchte nur, ihm zu sagen, daß das so sei und so sein müsse, daß man «<hi rend="italic">unter
      Schmerzen</hi>» selbständig wird. Und daß er jetzt eben im Begriff stehe, das zu werden. – Über die Karte von N. war ich froh, trotz des hilflosen
     Schwankens von Stimmung zu Stimmung. Ich bin ja auch manchmal so dran, und offensichtlich sucht sie doch im Moment
     dem <hi rend="italic">Frieden</hi> zu dienen.</p>
   
    <!-- leerzeile -->
    <p>  <pb xml:id="p227" ed="pga" rend="noPipe"/>Eben kam diese Karte von <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName>!</p>
    <!-- leerzeile -->
    <p> [*] Ich habe <persName ref="kbga-actors-24">Markus</persName> schöne
     Abrüstungsmarken und <persName ref="kbga-actors-22">Joggeli</persName> Ostereier geschickt.</p>
    <p> [**] Ich schreibe jetzt vielleicht nicht mehr. Aber du meldest dich an, gelt? Wenn unser
     Plan, dich abzuholen, etwas würde, so würde <persName ref="kbga-actors-316">Ruedi</persName> dir am Sonntag sicher telefonieren.
     Aber was machst du mit <placeName ref="kbga-places-418">Madiswil</placeName> und <persName ref="kbga-actors-763">Schilds</persName>?</p>
  </div>
  </body>
 </text>
</TEI>
