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        <title type="volume" n="vol-45">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
        <title type="formal">Brief Nr. 150</title>
        <title type="content">Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München</title>
        <title type="citation_line_1">Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München, 22. September 1934</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/45152 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935, hrsg. v. Erler, Rolf-Joachim (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2008, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
          <title type="text">Brief Nr. 150: Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Erler, Rolf-Joachim</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2008</date>
          <!--position within a volume-->
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum, 22. September 1934. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/24566">KBA 9272.127</ref>. </bibl>
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                    150
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                        Barth an v.K. in München
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                    <salute>D. l. <persName ref="kbga-actors-223">L.</persName>!</salute>
                  </opener>
                
                <p> Der gestrige Tag war so inhaltsreich und erhebend, daß ich dir rasch einen Gruß
                    schicken muß, bevor ich mein Morgengeschäft in Sachen «Grupper»<note xml:id="n01">
                            «Grupper»
                        ist eine Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-63">Brunners</persName> Mitwirkung in der «<orgName ref="kbga-actors-10644">Oxfordgruppenbewegung</orgName>». Siehe
                        <bibl corresp="kbga-bibls-485"><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, <hi rend="italic">Meine Begegnung mit der Oxforder Gruppenbewegung</hi>
                        (1932), in: ders., <hi rend="italic">Ein offenes Wort. Vorträge und Aufsätze
                            1917-1962</hi>, eingeführt und ausgewählt von R. Wehrli, Bd. 1, Zürich
                        1981, S. 268-288</bibl>; ders., <bibl corresp="kbga-bibls-226"><hi rend="italic">Die Kirchen, die Gruppenbewegung und die
                            Kirche Jesu Christi</hi>, Berlin 1936</bibl>. – <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Bedenken gegenüber der
                        «Oxfordbewegung» ist fixiert in seinem Aufsatz <bibl corresp="kbga-bibls-697"><hi rend="italic"><ref type="pub" target="55017">Kirche oder Gruppe?</ref></hi>, in: EvTh, Jg. 3 (1936), S. 205-213</bibl>. – Siehe
                            zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> «Morgengeschäft» oben <ref type="pub" target="../volume/45/p362#fn_n03">S. 362,
                        Anm. 3</ref>.</note>
                    antrete. Wir haben gestern Folgendes geleistet:</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">1.</hi> Die faschistische Ausstellung<note xml:id="n02">Die «Mostra della
                        Rivoluzione Fascista», die im «Palazzo delle Esposizioni» in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> von 1932
                        bis 1934 zu sehen war, zeigte die Entwicklung Italiens von 1914 bis zur
                        faschistischen Machtübernahme mit dem «Marsch auf Rom» 1922.</note> besucht:
                    eine Schreckenskammer, in der man mit Gefühlen nach D[eutschland] denkt, die du
                    dir vorstellen kannst, aber wirklich <hi rend="italic">sehr</hi> instruktiv und
                    interessant für die gänzliche unkomplizierte Roheit, in die Europa offenbar zu
                    versinken im Begriff steht.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">2.</hi> Das Nationalmuseum besehen: <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName>, eine ganz herrliche Sache, die wir
                    uns damals unmöglich hätten entgehen lassen dürfen. Wegen dieses Museums allein
                    und schließlich wegen einiger weniger Stücke dieses Museums, ich hätte fast
                    gesagt: allein wegen der Venus
                    von Cyrene hätte es sich schon gelohnt, nochmals hieher zu fahren, und <pb xml:id="p366" ed="pga"/> wird es sich lohnen, daß du mit mir auch nochmals
                    herkommst. Denk, ich habe gestern angesichts dieser Dinge (von denen ich dir
                    einige Proben beilege – nicht kann ich leider beilegen, was ich an farbigen
                    Glassplittern von einer ganz fabelhaften Ausführung und Wirkung gesehen habe!!)
                    plötzlich das «Altertum»
                    entdeckt – das, was <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> so umschmiß<note xml:id="n03">Vgl. z. B. aus
                            <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName>
                        Briefen aus <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> an <persName ref="kbga-actors-9584">Charlotte von Stein</persName>: «Es dringt zu eine große Masse
                        Existenz auf einen zu, man muß eine Umwandlung sein selbst geschehen lassen,
                        man kann an seinen vorigen Ideen nicht mehr kleben bleiben und doch nicht
                        einzeln sagen, worin die Aufklärung besteht.» (17.1.1787) «Komm ich
                        leiblich und geistlich davon, überwältigt meine Natur, mein Geist, mein
                        Glück diese Krise […]» (20.1.1787). <hi rend="italic">Italienische Reise</hi>, Rom,
                        21.2.1787, zum «Vorwurf, daß ich mir in meinen Briefen widerspreche»: es
                        ist mir «selbst sehr wahrscheinlich, denn ich werde von ungeheuern Mächten
                        hin und wider geworfen, und da ist es wohl natürlich, daß ich nicht immer
                        weiß, wo ich stehe».</note>, und was <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName> in den «Göttern Griechenlands»
                    besungen hat<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-3275"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, «Die Götter
                        Griechenlands»</bibl> (1788 verfaßte Elegie auf ein verklärtes griechisches
                        Altertum).</note>. Es <hi rend="italic">ist</hi> Alles so, und ich bin froh, daß sich
                    mir diese Perspektive endlich auch noch geöffnet hat. Ich hätte gestern wohl
                    heulen können über den ganzen halb versunkenen und zerschlagenen Reichtum, der
                    mich da auf einmal anschaute, und mein Vorsatz ist fest, dich auch wieder hieher
                    zu bringen, wo man eben wirklich (<persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> hatte auch darin recht!) an
                    der Quelle ist<note xml:id="n05">
                            <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> spricht in einem
                        verwandten Bild von «dem großen Ozean», aus dem er vor seiner Abreise aus
                        <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> «noch einige Schalen» «geschlürft» haben werde, «und mein dringendstes
                        Bedürfnis wird befriedigt sein» (Brief an den Freundeskreis in Weimar vom
                        6.1.1787).</note>. An diese Quelle müssen und werden wir uns in naher oder
                    ferner Zeit (aber lieber in naher!) <hi rend="italic">gemeinsam</hi> setzen.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">3.</hi> In den Katakomben und an der Appischen Straße gewesen. Das
                    Christliche dort drunten leuchtete mir aber sehr viel weniger ein als das
                    Heidnische am Morgen und droben in der Campagna! Wir sind in zwei lustigen
                        <hi rend="italic">Pferde</hi>fuhrwerken dort hinausgefahren, und ich habe mir
                    vorgenommen, bei diesem späteren Rombesuch mit dir ebenfalls in einem solchen
                    Wägelein in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> herumzufahren. Das Auto ist hier kitschig, und zu Fuß wird man,
                    wie wir es nun ausprobiert haben, bald sehr müde.</p>
               
                        <p> <pb xml:id="p367" ed="pga" rend="noPipe"/><hi rend="italic">4.</hi> In den Thermen des <persName ref="kbga-actors-4619">Caracalla</persName> gewesen.
                    Alles genau, gründlich und gedankenvoll besehen und bestaunt. Wie merkwürdig,
                    sowohl die Erbauer als auch diejenigen, die das alles so systematisch kaputt
                    geschlagen haben und doch nicht ganz kaputt machen konnten.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">5.</hi> Im Kino den 
                            <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-9583">Garibaldi</persName></hi> und
                    seine Leute von 1860 gesehen<note xml:id="n06">Schwarzweißfilm
                        <bibl corresp="kbga-bibls-3276">"1860" von Alessandro Blasetti aus dem Jahre 1934</bibl>. – <persName ref="kbga-actors-9583">Giuseppe Garibaldi</persName> (1807–1882), italienischer
                        Nationalheld; kämpfte seit 1848 für die Einigung Italiens; führte 1860 den
                        «Zug der Tausend» an, eroberte Sizilien und Neapel. Seine Versuche, Rom für
                        Italien zu erobern, schlugen jedoch fehl.</note> und so von dem
                    italienischen Risorgimento einen lebhaften Eindruck bekommen.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">6.</hi> In einem Ristorante an der Fontana Trevi mit ihrem mächtigen
                    Wasserrauschen zu Nacht gegessen und vielen weißen Frascati getrunken. Dazu ein intensives Gespräch
                    über die Jungfrauengeburt<note xml:id="n07">Vgl. dazu «Das
                        Wunder der Weihnacht» (§ 15,3) in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/2, S. 187-221</bibl>.
                        Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/45/p180#fn_n04">S. 180, Anm. 4</ref>.</note> mit <persName ref="kbga-actors-27">Peter</persName> und <persName ref="kbga-actors-431">Wölflein</persName>, welch letzterer auch ganz
                    munter wurde, kleine Äuglein bekam und geneigt ist, das Leben und die Welt mit
                    mir sehr schön zu finden.</p>
                <p> Nun bricht ein neuer Tag an. <persName ref="kbga-actors-27">Peter</persName> hat die teils üble, teils vorteilhafte Gewohnheit, am Morgen
                    in aller Frühe (6 Uhr) schon zu ­erwachen und mich mit zu wecken. Dem «Grupper» kommt das
                    jedenfalls zu Gute. – <hi rend="italic">Wir</hi> sollten einmal zusammen etwa zwei Monate
                    mindestens hier leben; ich bin hier aufnahme- und vielleicht auch
                    leistungsfähiger als sonst, und Alles spricht dafür, daß <hi rend="italic">wir</hi> hier
                    existieren sollten. Zu meinen Füßen sehe ich die Spanische Treppe und dort
                    drüben den <placeName ref="kbga-places-1314">Janiculus</placeName> und <placeName ref="kbga-places-1091">St. Peter</placeName>. Daß es ein <orgName ref="kbga-actors-8323">drittes R[eich]</orgName> gibt, kann man von hier aus kaum fassen!</p>
                <p>Für heute steht auf dem Programm: der <placeName ref="kbga-places-1639">Lateran</placeName> und am Nachmittag eine Fahrt nach
                    <placeName ref="kbga-places-1316">Ostia</placeName>.</p>
                <p><foreign xml:lang="lat">Vale! Vivere non necesse est, Romae una cum Lolone mea vivere necesse est.</foreign><note xml:id="n08">Abwandlung der lateinischen Sentenz «<foreign xml:lang="lat">Navigare
                        necesse est, vivere non est necesse</foreign>» («Schiffahrt zu treiben ist notwendig,
                        zu leben ist nicht notwendig»), die auf die Worte zurückgeht, mit denen
                            <persName ref="kbga-actors-8561">Pompejus</persName> seinen
                        wegen eines schweren Sturms zaudernden Seeleuten den Befehl zum Auslaufen
                        gab (s. <bibl corresp="kbga-bibls-827">Büchmann,
                        S. 385</bibl>).</note>
                    </p>
               
                <p> <pb xml:id="p368" ed="pga" rend="noPipe"/> Ich weiß eine Figur, die im Unterschied zu der Venus von Cyrene auch noch ein herziges
                    kluges Köpflein hat und die mir darum doch <hi rend="italic">noch</hi> besser gefällt.</p>
                <p>Mit einem tiefen Seufzer der Wehmut, der Freude und der Sehnsucht</p>
                <closer>
                    <salute>Dein</salute> <signed><persName ref="kbga-actors-2151">K.</persName></signed>
                </closer>
                <postscript>
                    <p> Gestern kam deine Karte! Dank! Aber <persName ref="kbga-actors-27">Peter</persName> bekommt <hi rend="italic">jeden Tag</hi> einen Brief. <lb/>Ich habe
                        nur von mir geschrieben. Wie, wie, wie magst du «dran sein»?! Heute fährst
                        du nach <placeName ref="kbga-places-43">München</placeName> …!
                        Grüße alle guten Menschen!</p>
                </postscript>
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