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        <title type="volume" n="vol-45">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
        <title type="formal">Brief Nr. 159</title>
        <title type="content">Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München</title>
        <title type="citation_line_1">Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München, 2. Oktober 1934</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/45161 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935, hrsg. v. Erler, Rolf-Joachim (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2008, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
          <title type="text">Brief Nr. 159: Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Erler, Rolf-Joachim</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2008</date>
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                        Barth an v.K. in München
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                <p> Gelt, nun ist es aber allerhöchste Zeit geworden, daß ich dir einen Brief
                    schreibe! Wenn dich das allzu lange Schweigen traurig gemacht hat, so bedenke
                    nur, daß ich in den letzten Tagen jede freie Stunde an den Grupper gewendet habe und wenden mußte, damit dieses
                        Werk endlich fertig werde, was nun bis auf das Vorwort auch
                    glücklich und vollständig geschehen ist. Und bedenke, daß ich wie du im Hause
                    meiner <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName> bin und Ansprüchen zu genügen habe, die denen der deinigen
                    wenn nicht an Quantität, so doch an Intensität sicher nicht unähnlich sind.
                    Bedenke schließlich das Gewicht des familiären Ereignisses, das sich hier
                    vollzogen hat und meine Teilnahme verlangte!</p>
                <p> Davon muß ich dir wohl zuerst erzählen. Also <persName ref="kbga-actors-5802">Fränzeli</persName> hat sich vorgestern verlobt<note xml:id="n01">Am <date when="1934-09-30">30.9.1934</date> mit <persName ref="kbga-actors-438">Max Zellweger</persName>
                            <hi rend="italic">.</hi>
                        </note>. «Jetzt beginnt ein neuer
                    Lebensabschnitt!», sagte <pb xml:id="p384" ed="pga"/> sie, als sie hier vor dem Haus
                    zu <persName ref="kbga-actors-438">ihm</persName> ins Auto stieg und mit ihm davon fuhr. Vorangegangen waren in
                    der Woche zuvor mehrere lange Tag- und Nachtgespräche zwischen ihr
                    und mir, in denen ich mir Alles noch einmal angehört und auch Alles, was mir an
                    Überlegungen zu Gebote stand, zur Sprache gebracht habe. Die Sache war so
                    gelaufen, daß sich ihr die Dinge nach ihrer Rückkehr vom <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> insofern unter einem neuen Aspekt gezeigt hatten,
                    als auf einmal dieses <persName ref="kbga-actors-7561">Max</persName> gutes Herz, wie sie sagte, unzweideutig zu ihrem Herzen zu
                    sprechen begann, im Unterschied zu der größeren Interessantheit der bekannten
                    anderen männlichen Gestalten innerhalb ihres Horizontfeldes, aber auch im Vorzug
                    ihr gegenüber. Dagegen war und ist nun wohl – nachdem ich sie nochmals und nochmals zu ernstlicher Prüfung eingeladen – nicht
                    viel einzuwenden. Am Sonntag nachmittag zum Schwarzen Kaffee kam er denn solenn
                    angefahren, um auch meinem Auge noch vorgestellt zu werden. Und nun muß ich
                    sagen, daß ich einen guten, erfreulichen Eindruck gewonnen habe. Er erinnert im
                    Rohformat etwas an Herrn <persName ref="kbga-actors-9244">Landgrebe</persName>: ein schlankaufgeschossener Mensch mit dem
                    scharfgeschnittenen Gesicht älterer Familien, Hakennase, Brille, sehr
                    bescheidenen, äußerst höflichen, aufgeschlossenen und wenn nicht
                    hochintelligenten, so doch munteren und beweglichen Wesens. Was man nur so
                    nennen kann: zutrauenerweckend hinsichtlich Stetigkeit und Zuverlässigkeit
                    wahrscheinlich in allen möglichen Dimensionen. Ich brachte ihn zunächst
                    hinsichtlich der Dinge seines Fachs zum Reden: Organisation des internationalen
                    Handelsverkehrs in Chemikalien, speziell Farben, ist seine Spezialität und
                    Leitung eines entsprechenden Kartellbureaus seine Funktion. Na ja, das ließ ich
                    mir also etwas beschreiben und hatte schon den Eindruck, daß er etwas davon
                    versteht. Nachher kam man dann auf <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName> zu reden, den er hoch verehrt, dann auf noch Anderes,
                    endlich und zuletzt, als er mich einen Augenblick allein hatte, erklärte er mir
                    rührend unbeholfen, es sei ihm «sehr wertvoll» gewesen, meine Tochter
                    kennenzulernen und ob ich etwas gegen den weiteren Bestand dieser «Freundschaft»
                    einzuwenden habe? Nein, sagte ich, aber er solle ihr auf alle Fälle Zeit lassen,
                    denn nach meinen Lebenserfahrungen – ich kam mir ungemein alt und reif vor, wie
                    ich das sagte – dürfe man sich nur heiraten, wenn man sich in ganz entscheidender Weise lieb habe. Nun
                    ja, unterdessen hatte wohl mein <persName ref="kbga-actors-5802">Fränzeli</persName> seinen letzten Entschluß schon dahin gefaßt, <pb xml:id="p385" ed="pga"/> daß dies der Fall sei und daß man ihm nicht weiter Zeit
                    zu lassen brauche. Es kam zu jener Abfahrt, und am nächsten Morgen hatte ich
                    schon das Telephon, daß es nun so weit sei. Die nächste Folge ist nun die, daß ich morgen nach <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> fahre, um gefaßten
                    Herzens so etwas wie ein feierliches Mittagessen oder Nachtessen bei Frau <persName ref="kbga-actors-7750">Zellweger</persName><note xml:id="n02">
                            <persName ref="kbga-actors-7750">Elisabeth Zellweger-Preiswerk</persName> (1867–1949), Mutter von <persName ref="kbga-actors-438">Max Zellweger-Barth</persName>.</note> und einen entsprechenden Anlaß bei <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> mitzumachen. Das
                    muß nun eben hoffentlich ohne allzu beschwerliche Übergriffe auf Grund des
                    Landesgebrauchs abrollen. Alles in Allem bin ich der Überzeugung, daß es für
                        <persName ref="kbga-actors-5802">Fränzeli</persName> – und darauf kommt es ja jetzt allein an – ziemlich genau
                    das Richtige ist und daß es keinen Sinn gehabt hätte, weitere Hemmungen
                    einzuschalten. Ich will dir dann später berichten, in welchem Grade mir die
                    dabei im Hintergrunde stehende Baslerei
                    bedrohlich erscheint. Es wird auf alle Fälle das Vernünftigste sein, ihr zum
                    vornherein mit Freiheit und Humor entgegenzutreten. Sie werden es ja schon auch
                    im schlimmsten Fall erleben, daß «dä lieb Bappe»<note xml:id="n03">= der liebe Papa.</note> sich nicht so ohne Weiteres einordnen läßt.
                    Vorläufig werde ich, umgeben von einer großen Respektswolke, dort meinen Einzug
                    halten.</p>
                <p> Am Donnerstag fahre ich dann noch für ein paar Stunden nach <placeName ref="kbga-places-418">Madiswil</placeName>, um nach – wie es
                    scheint – vier Jahren<note xml:id="n04">Siehe oben
                        <ref type="pub" target="../volume/45/p172#p172">S. 172</ref>.</note> die dortige Familie wieder
                    einmal zu begrüßen und auch um von <persName ref="kbga-actors-24">Markus</persName> und <persName ref="kbga-actors-19">Stöffeli</persName> Abschied<note xml:id="n05">Anlaß zu diesem Abschied war das von <persName ref="kbga-actors-24">Markus Barth</persName> bereits in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>
                        aufgenommene Theologiestudium und der Wechsel von <persName ref="kbga-actors-19">Christoph Barth</persName> auf das
                        «<orgName ref="kbga-actors-9032">Freie Gymnasium</orgName>» in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>.</note> zu nehmen, die sich z. Z. dort
                    befinden.</p>
                <p> Von den Ereignissen der vorigen Woche ist noch Folgendes zu berichten: Ich habe
                    nun auch den von <persName ref="kbga-actors-5802">Fränzeli</persName> so hoch verehrten <persName ref="kbga-actors-1894">Serkin</persName> nicht nur spielen gehört ­- <persName ref="kbga-actors-488">Beethovens</persName> Appassionata
                    in einer schon atemberaubenden Weise, aber auch <persName ref="kbga-actors-455">Bach</persName> und <persName ref="kbga-actors-281">Mozart</persName>
                        
                     -, sondern auch persönlich kennen gelernt. Er ist ein ganz junger, sehr
                    schlichter Mensch, offenbar komm[unistisch] gerichtet!!, der mich irgendwie als eine Säule der deutschen
                    Freiheit zu betrachten und zu schätzen scheint. Würde dir wahrscheinlich sehr
                    einleuchten! An einem ande<pb xml:id="p386" ed="pga" break="no"/>ren Abend hörte ich dann bei
                        <rs ref="kbga-actors-668 kbga-actors-669" type="person">Lindts</rs> auch Fränzeli vorspielen und konnte ihre Art jedenfalls billigen. Wieder
                    an einem anderen Abend hörte ich mit Fränzeli – ich war ihr eben in diesen Tagen sehr zugewandt – das
                        Buschquartett<note xml:id="n06"><persName ref="kbga-actors-9315">Adolf Busch</persName> (1891–1952), Violinist, 1918-1926
                        Professor in Berlin, 1926-1939 in Basel, 1939 Emigration in die USA. Busch
                        gründete das nach ihm benannte Quartett 1919. Sein Schwiegersohn <persName ref="kbga-actors-1894">R. Serkin</persName> war sein Partner
                        am Klavier.</note>. Noch an einem anderen Abend war ich bei Lindts mit <persName ref="kbga-actors-569">Gilg</persName>, <persName ref="kbga-actors-715">Oettli</persName>, <persName ref="kbga-actors-757">Schädelin</persName> samt ihren Frauen zusammen und
                    mußte viel erzählen.  Und gestern Montag endlich
                    habe ich am Vormittag und Nachmittag bei der bernischen «Arbeitsgemeinschaft»<note xml:id="n07"> Siehe zur
                        «Theologischen Arbeitsgemeinschaft des Kantons Bern» oben
    <ref type="pub" target="../volume/45/p355#fn_n09">S. 355, Anm. 9</ref>.</note> mitgetan, am
                    Vormittag als Hörer und Hauptdiskussionsredner bei einem Vortrag von Prof. <persName ref="kbga-actors-613">Hoffmann</persName><note xml:id="n08">

                            <persName ref="kbga-actors-613"> Heinrich Hoffmann</persName> (1874–1951), 1912-1944 Professor für Kirchengeschichte
                        in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>. Sein Vortrag hatte das Thema: «Humanitätsidee und Christentum» (s.
                        dazu die Mitteilung in: <bibl corresp="kbga-bibls-6316 ">ThBl, Jg. 13 [1934], Sp. 360</bibl>).</note>, der in
                    rührender Weise das «Humanitätsideal» in empfehlende Erinnerung bringen wollte, am
                    Nachmittag selber vortragend<note xml:id="n09"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/45/p381#fn_n04">S. 381, Anm. 4</ref>.</note>, wonach ich mich

                    umgekehrt mit Hoffmann und
                    neben einigen Anderen besonders mit dem alten religiös-sozialen Vorkämpfer von
                        <persName ref="kbga-actors-580">Greyerz</persName><note xml:id="n10">
                            <persName ref="kbga-actors-580">Karl von Greyerz</persName> (1870–1949), 1894-1902 Pfarrer in
                        Bürglen bei Biel (Kt. Bern), 1902-1912 in Winterthur (Kt. Zürich), 1912-1918
                        in Kandergrund, 1918-1935 in der Johannesgemeinde in Bern (Kt. Bern); 1925
                        wurde unter seiner Initiative die «Soziale Studienkommission» gegründet, um
                        «unsere Kirchen im Geist des Evangeliums zur gründlichen Erkenntnis der
                        sozialen Zustände anzuleiten» und «zu praktischer Stellungnahme zu
                        veranlassen»; Tätigkeit in der «Schweizerischen Vereinigung
                        antimilitaristischer Pfarrer», ab 1937/38 Leiter des «Kirchlichen
                        Friedensbundes der Schweiz» (KFB) (vgl. das <bibl corresp="kbga-bibls-1638"><hi rend="italic">Handbuch der reformierten
                            Schweiz</hi>, hrsg. vom Schweizerischen Protestantischen Volksbund,
                        Zürich 1962, S. 423.454</bibl>).</note> auseinanderzusetzen hatte. Die Studenten
                    hätten nachher gesagt, ich sei «in Hochform» gewesen, berichtete <persName ref="kbga-actors-24">Markus</persName>, der auch dabei war.
                    Was will man mehr?|
                    </p>
                <p> Im Übrigen habe ich dem Direktor des <orgName ref="kbga-actors-9032">Freien Gymnasiums</orgName><note xml:id="n11"><persName ref="kbga-actors-9572">Dr. Friedrich Schweingruber</persName> (1894–1974), Direktor des <orgName ref="kbga-actors-9032">Freien
    Gymnasiums</orgName> von 1928 bis 1961. Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/45/p126#fn_n06">S. 126, Anm. 6</ref>.</note> einen Besuch
                    gemacht und konnte vernehmen, daß man mit <persName ref="kbga-actors-19">Stöffeli</persName> sehr zufrieden und daß
                    er definitiv in die Sekunda aufgenommen sei. Fer<pb xml:id="p387" ed="pga" break="no"/>ner war
                    ich bei Dr. <persName ref="kbga-actors-9314">Bäschlins</persName><note xml:id="n12">
                            Bei <persName ref="kbga-actors-9314">Dr. Conrad Bäschlin</persName> (1878–1951),
                        Bruder von <persName ref="kbga-actors-9491">Hans Bäschlin</persName>, von 1907-1928 Lehrer an der Neuen Mädchenschule in
                        Bern, 1928-1948 deren Direktor, wohnte <persName ref="kbga-actors-19">Christoph Barth</persName> während seiner Berner
                        Schulzeit.</note> zum Mittagessen, gute, ruhige Leute, die eben im Begriff
                    waren, mit Freunden im Auto nach <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> zu reisen, und gerne meine Berichte und
                    Ratschläge entgegennahmen. Dies dürfte wohl in der Hauptsache Alles sein. Es
                    genügt wohl, wie ich befürchte, dir den Eindruck zu erwecken, daß ich allzusehr
                    in dem dir so wenig sympathischen Leben unserer Talschaft und Familie auf- und
                    untergegangen sei. Ich kann dir aber nur sagen, daß ich durch dies alles
                    hindurchwandle, wie man eben als Erdenpilger durch die verschiedensten Gegenden
                    kommt und doch nirgends zu Hause ist. Es hat keinen Sinn, sich über die
                    Fragwürdigkeiten dieses und jenes Ortes jeweilen noch im Besonderen aufzuregen.
                    Am Samstag werde ich dann noch im selben Sinn die bewußte Klassenzusammenkunft mitmachen und
                    nachsehen, was aus den alten Genossen geworden ist. Du kannst dir denken, daß
                    ich meine Zeit gut zusammenhalten mußte, um inmitten von alledem auch noch die
                    Sache mit Grupper<note xml:id="n13">Die Anfang Oktober 1934
                        erschienene Schrift von <bibl corresp="kbga-bibls-3279">
                                <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic"><ref type="pub" target="52023">Nein! Antwort an Emil Brunner</ref>
                                    </hi> (ThExh 14), München 1934.</bibl> Vgl. oben
                        <ref type="pub" target="45152#fn_n01">S. 365, Anm. 1</ref>.</note>

                    
                        
                     gut und ordentlich zu machen. Aber ich glaube, daß sie jetzt im
                        Blei<note xml:id="n14">= im Lot, d. h. in Ordnung.</note> ist.
                    Das Vorwort wird mit einem bekannten Wort von dir anfangen<note xml:id="n15">Siehe <bibl corresp="kbga-bibls-3279">
                                <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Nein!</hi>, a.a.O., S. 4</bibl>: «Ich bin von
                        Natur ein sanftes Wesen und allen unnötigen Streitigkeiten gänzlich
                        abgeneigt.»</note>, das allen unseren Freunden an dieser Stelle Freude
                    bereiten wird.</p>
                <p> Aus <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> kam ein Brief von <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName>, der zu zeigen scheint, daß
                    auch dort Alles soweit in Ordnung geht. Nur daß <persName ref="kbga-actors-25">Matthis</persName> offenbar in der Schule zunächst wieder bummelt und daß <persName ref="kbga-actors-135">Goeters</persName> gekommen sei
                    mit dem Rat, ich solle noch so lange als möglich in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> bleiben. Den zu
                    befolgen habe ich nun aber nicht im Sinn. Es ist gar nicht abzusehen, warum ich
                    nun nicht am nächsten Montag zunächst nach <placeName ref="kbga-places-43">München</placeName> zu meiner lb. <persName ref="kbga-actors-223">L.</persName> und dann mit ihr
                    an meinen Ort zurückkehren sollte.  Es fällt uns
                    hier auf, daß seit etwa drei oder vier Tagen alle Zeitungsnachrichten über die
                    deutsche Kirchenfrage
                    ausbleiben. Bedeutet das wohl, daß es dort in besonderer Weise Katzen zu hageln
                    begonnen hat<note xml:id="n16">= ein schweres Unwetter begonnen
                        hat.</note>? In diesem Fall müßte ich natürlich erst recht endlich wieder
                    dabei sein.
                    </p>
                <p><pb xml:id="p388" ed="pga" rend="noPipe"/> Denk, von Grupper
                     kam gestern ein ziemlich kläglicher Brief<note xml:id="n17">Der Brief ist abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-76">Bw.Br., <ref type="pub-" target="../volume/33/p252#p252">S. 252-256</ref></bibl>.</note>. Er hat
                    offenbar gehört, daß ich am Laden der Kanonen sei, und schreibt nun, aus einer
                    Kollegnachschrift sehe er, daß ich ihn mißverstanden habe, und ich solle nach
                        <placeName ref="kbga-places-50">Olten</placeName><note xml:id="n18">
                            <persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName> schlug in Wirklichkeit als
                        Treffpunkt <placeName ref="kbga-places-1">Aarau</placeName> vor und bot zugleich an, für alle Reisekosten aufzukommen
                        (<bibl corresp="kbga-bibls-76">Bw.Br., <ref type="pub-" target="../volume/33/p254#p254">S. 254</ref></bibl>).</note> kommen, um seine Erklärungen<note xml:id="n19">Vgl. die nach dem Erscheinen der Streitschrift <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> in der
                        «zweiten, stark erweiterten Auflage» von <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> hinzugefügten
                        «Erläuterungen»: <bibl corresp="kbga-bibls-141">
                                <hi rend="italic">Natur und Gnade. Zum Gespräch mit Karl Barth</hi>,
                        Tübingen 1935<hi rend="sup">2</hi>, S. 45-60</bibl>
                            <hi rend="italic">.</hi>
                        </note>
                    entgegenzunehmen. Dies habe ich nun aber abgelehnt.<note xml:id="n20">Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="24608">1.10.1934</ref> (<bibl corresp="kbga-bibls-76">Bw.Br., <ref type="pub-" target="../volume/33/p256#p256">S. 256-261</ref></bibl>).</note> «Natur u.
                        Gnade» liege auf
                    dem Tisch des Hauses und müsse zunächst tel quel beantwortet werden. Überhaupt
                    sei ich im Augenblick als Familienvater beschäftigt und unabkömmlich.</p>
                <p> Du hast noch gar nichts davon gehört, wie gut es mir in <placeName ref="kbga-places-1142">Florenz</placeName>
                        
                     gefallen hat. Es war schon ein großes Loch, daß wir damals die Uffizien
                    nicht sehen konnten.<note xml:id="n21">Während der Italienreise
                        1929 (s. oben <ref type="pub" target="../volume/45/p104#fn_n01">S. 104, Anm. 1</ref>) reichte es auf der
                        Heimreise nur zu einem kurzen Aufenthalt in <placeName ref="kbga-places-1142">Florenz</placeName> am <date when="1929-06-23">23.6.1929</date>.</note>
                    Ich habe sie jetzt mit größter Erbauung nachgeholt und lege dir hier bei, was
                    mir am besten gefallen hat. Besonders <persName ref="kbga-actors-56">Botticelli</persName> hat wohl durchgehend Lollo
                    gemeint. Die mediceische Venus
                    lege ich zum Vergleich mit der cyrenäischen bei. Sie ist viel weniger gut als
                    jene, aber doch auch beachtlich und jedenfalls besser als die von Milo in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName>.
                    Unser Gruppenbild<note xml:id="n22">Abbildung 49 bei <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 252</bibl>, s. oben
    <ref type="pub" target="../volume/45/p376#fn_n02">S. 376, Anm. 2</ref>.</note> von jenem letzten

                    italienischen Nachmittag habe ich im Gedanken an dich ein zweites Mal machen
                    lassen. Leider ist der kühne Turm der Signoria nicht mit auf den Hintergrund
                    gekommen. Diese Reise war wirklich eine gute Sache, von der noch viel zu
                    erzählen sein wird. Ich fühlte mich nachher ordentlich aufgebügelt. Ist der
                    Engel auf der Madonna von <persName ref="kbga-actors-1739">Lippi</persName><note xml:id="n23">
                            <persName ref="kbga-actors-1739">Fra Filippo Lippi</persName> (um 1406-1469),
                        «Madonna mit Kind und zwei Engeln» (<placeName ref="kbga-places-1142">Florenz</placeName>, Uffizien).</note> nicht ein
                    rechter Lausbub?</p>
                <p> Aber nun habe ich seitenlang von mir und von hier erzählt. Denke ja nicht, daß
                    ich bei dem allem die drohende deutsche Wolkenwand auch nur einen Augenblick
                    vergessen habe und
                    noch viel weniger <pb xml:id="p389" ed="pga"/> mein Figürlein, das sich  teils als <persName ref="kbga-actors-2841">Eva</persName>, teils als <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName><note xml:id="n24">Siehe oben
    <ref type="pub" target="../volume/45/p215#p215">S. 215</ref>
                             und
        <ref type="pub" target="../volume/45/p220#p220">S. 220</ref>.</note>, aber immer leuchtend davon
                    abhebt und das endlich wiederzusehen ich mich doch so freue. Ich bin zu allem
                    bereit, wozu man mich in <placeName ref="kbga-places-43">München</placeName> haben will. Ach du, wenn du mich doch «irgendwie» so
                    empfangen könntest, wie etwa in <placeName ref="kbga-places-1175">Lichtenfels</placeName><note xml:id="n25">Siehe oben
    <ref type="pub" target="../volume/45/p244#fn_n25">S. 244f., Anm. 25</ref>.</note> oder in <placeName ref="kbga-places-645">Augsburg</placeName><note xml:id="n26">Am 9. und 10.3. des Jahres 1929 waren
                        <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-223">von Kirschbaum</persName> zusammen in <placeName ref="kbga-places-645">Augsburg</placeName>. Vgl. dazu oben
    <ref type="pub" target="../volume/45/p082#p082">S. 82</ref>.</note> in längst vergangenen
                    Jahren. Aber ich werde auch so kommen wie ein vom Bogen abgeschossener Pfeil,
                    wenn nur erst hier Alles hinter mir liegt. Und dann wird das so inhaltsreiche,
                    wenn auch etwas gefährliche Leben in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> wieder beginnen, dem wir
                    gemeinsam in aller Ruhe entgegengehen wollen. Es wird schon Form annehmen in
                    irgend einer Möglichkeit.</p>
                <p> Deine beiden Briefe haben mich erreicht und waren mir sehr lieb. Wenn du mir auf
                    das Ende der Woche noch einmal ausführlich schreiben könntest, auch um mich aus
                    eigener Sicht auf Alles vorzubereiten, so wäre das sehr schön. Aber du mußt dich
                    auf keinen Fall plagen. Laß nichts zu nahe an dich herankommen. Du wirst deine
                    Nervenvorräte noch brauchen können diesen Winter. Nun, wenn wir erst wieder
                    beieinander sind, wird fürs Erste Alles gut sein. Ich schreibe dir dann noch den
                    Zug, mit dem ich in <placeName ref="kbga-places-43">München</placeName> eintreffe. Willst du es übernehmen, mich bei <persName ref="kbga-actors-662">Lempps</persName> anzukündigen und ihm
                    zugleich zu sagen, daß ich mit seinen Vorschlägen für den Inseratenteil, die er
                    mir dieser Tage machte<note xml:id="n27">
                            <persName ref="kbga-actors-662">A. Lempp</persName> hatte am <date when="1934-09-27">27.9.1934</date> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> um dessen
                        Einverständnis gebeten (<ref type="kba-objects-id" target="24590">KBA 9334.919</ref>).</note>, völlig einverstanden sei,
                    nicht dagegen mit der Streichung, die er einem meiner Vorworte angedeihen lassen
                        wollte<note xml:id="n28">Den Streichungsvorschlag hatte <persName ref="kbga-actors-662">Lempp</persName>
                        anscheinend der Sendung der Korrekturabzüge beigefügt, die nicht erhalten
                        sind.</note>.</p>
                <p> Und nun grüße alle guten Menschen – ob ich deiner <persName ref="kbga-actors-7118">Mutter</persName> diesmal
                    nicht ungefragt doch einen Besuch mache? ich wäre eigentlich in der Stimmung
                    dazu!! – und laß vor Allem, vor Allem, vor Allem dich selbst in der
                    umfassendsten und intensivsten Weise gegrüßt sein!</p>
                <closer>
                    <salute>Dein</salute> <signed>
                        <persName ref="kbga-actors-2151">K.</persName>
                    </signed> 
                </closer>
                <postscript>
                    <p><pb xml:id="p390" ed="pga" rend="noPipe"/>
                        <hi rend="italic">Wer</hi> wird in ein paar Minuten bei uns zum Mittagessen
                        eintreffen? Dein alter Freund und Seelsorger <persName ref="kbga-actors-1098">Kroeker</persName><note xml:id="n29">
                            <persName ref="kbga-actors-1098">Jakob
                                Kroeker</persName>
                            (1872–1948), mennonitischer Prediger, seit 1910 wohnhaft in
                            Wernigerode/Harz; zahlreiche Reisen nach Rußland bis zum Ausbruch des 1.
                            Weltkrieges. Während des 1. Weltkrieges Vertiefung in Studien zum Alten
                            Testament und der hebräischen Sprache. 1918-1920 hielt Kroeker in
                            Kriegsgefangenenlagern Bibelkurse für russische Soldaten. Diese
                            Erfahrung veranlaßte ihn, 1920 den Missionsbund «Licht dem Osten»
                            (später «Licht im Osten») zu gründen. Ab 1921 fanden in <placeName ref="kbga-places-1266">Nöschenrode</placeName>
                            jährliche Glaubens- und Missionskonferenzen statt. 1931/1932 reiste
                            Kroeker durch <placeName ref="kbga-places-871">Palästina</placeName>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erzählte dem Studenten <persName ref="kbga-actors-9573">Fr. Gehring</persName>, seinem
                            Hausgenossen im Wintersemester 1946/47, daß <persName ref="kbga-actors-223">von Kirschbaum</persName> in jungen
                            Jahren bei Kroeker eine alttestamentliche Bibelarbeit gehört und danach
                            gemeinsam mit ihm auf Knien gebetet habe. Kroeker oder ein anderer
                            Pfarrer habe sie dann gefragt, ob sie mit ihm nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> gehen
                            wolle. Im Sommer 1927 hatte <persName ref="kbga-actors-223">von Kirschbaum</persName> gemeinsam mit der Familie
                            Barth die Ferien in <placeName ref="kbga-places-1266">Nöschenrode</placeName> verbracht und Kroeker dort mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
                            besucht (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II,<ref type="pub-" target="../volume/04/p515#p515"> S. 515f</ref>.</bibl>).</note>, der hier eine «Licht im
                        Osten»-Konferenz hatte und diese Einladung unvermeidlich zu machen wußte.
                        Ich weiß wirklich nicht recht, was ich mit ihm anfangen soll.</p>
                </postscript>
            
        </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
