<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-45164">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-45">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
        <title type="formal">Brief Nr. 162</title>
        <title type="content">Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern</title>
        <title type="citation_line_1">Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern, 4. Oktober 1934</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/45164 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935, hrsg. v. Erler, Rolf-Joachim (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2008, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/45164</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
          <title type="text">Brief Nr. 162: Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern</title>
          <author ref="kbga-actors-223">Kirschbaum, Charlotte von</author>
          <editor>Erler, Rolf-Joachim</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2008</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">45164</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth, 4. Oktober 1934. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/24635">KBA 9372.32</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1934-10-04">4. Oktober 1934</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>letter</term>
        </keywords>
      </textClass>
      <correspDesc>
        <correspAction type="sent">
          <persName ref="kbga-actors-223">Kirschbaum, Charlotte von</persName>
          <placeName ref="kbga-places-43">München</placeName>
          <date when="1934-10-04">4. Oktober 1934</date>
        </correspAction>
        <correspAction type="received">
          <persName ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</persName>
          <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>
        </correspAction>
        <correspContext>
          <ref type="previous" target="kbga-texts-45163"/>
          <ref type="next" target="kbga-texts-34207"/>
          <ref type="previous-in-corresp" target="kbga-texts-45163"/>
          <ref type="next-in-corresp" target="kbga-texts-45165"/>
        </correspContext>
      </correspDesc>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-10-02T07:56:13+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-10-02T07:56:13+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
        <body>
            <div type="letter">
                <pb xml:id="p392" ed="pga"/>
                <head>
                    162
                </head>
                
                    <dateline rend="sender">
                        von Kirschbaum an  B. in Bern
                    </dateline>

                        <opener>
                    <dateline> [<placeName ref="kbga-places-43">München</placeName>] <date when="1934-10-04">4.10.1934</date> [II] </dateline>
                    <salute>Lieber <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>!</salute>
                </opener>
                
                    <p>Endlich einmal eine Stunde <hi rend="italic">allein</hi> zu Hause, die erste in
                        dieser ganzen Zeit. Ich habe dir zwar nichts Besonderes zu sagen, aber doch
                        so sehr das Bedürfnis nach Gemeinschaft mit dir, daß ich eben komme. – Heute
                        morgen war ich mit <persName ref="kbga-actors-7165">Emmy</persName> bei
                        ihrer jungen Schwägerin, der Frau meines Zahnarztes <persName ref="kbga-actors-7167">Kurt</persName>
                        <note xml:id="n01">Dr. <persName ref="kbga-actors-7167">Kurt Wilhelm Lentrodt</persName>, praktischer
                            Arzt und Zahnarzt.</note>. Da lief ein herziges Bürschlein von zwei
                        Jahren umher, ein anderes von fünf Monaten lag im Wagen, träumte mit großen
                        blauen Augen vor sich hin, lächelte und spielte mit seinen Händchen und den
                        ganz braungebrannten Füßlein. Ach du, das wird doch bis ans Ende der Tage
                        wehtuend sein, daß <hi rend="italic">unser</hi> Kindlein nie da sein wird. –
                        Aber ich will’s wieder vergessen. –</p>
                    <p>Heute bist du in <placeName ref="kbga-places-418">Madiswil</placeName> bei
                            <hi rend="italic">deinen</hi> und ich hier in München bei <hi rend="italic">meinen</hi>
                        Verwandten. Alles ein
                        bißchen sinnlos – –-. Nein, nein, ein <pb xml:id="p393" ed="pga"/> Besuch
                        bei meiner <persName ref="kbga-actors-7118">Mutter</persName> ist
                        aussichtsloser als je. Sie ist diesmal gar nicht sehr gut zu mir, und ich
                        bin eigentlich in Gedanken dran, auch diesen kleinen Rest von
                        «Familienpflege» vielleicht einmal längere Zeit zu suspendieren. Ich erreiche sie zu wenig, um
                        ihr <hi rend="italic">helfen</hi> zu können, und mich an ihr müde zu reiben, ist
                        etwas sinnlos. – Sehr schön war es gestern bei meiner alten <persName ref="kbga-actors-9251">Tante</persName>. Ich erzähle dir davon. Ich habe
                        leider sehr weinen müssen bei ihr, und zwar darum, weil sie mein Ringlein –
                            <hi rend="italic">dein</hi> Ringlein –,in die Hand nahm: «Wer hat dir den
                        gegeben?» Und als ich sagte «der <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>» – da schwieg sie lange, und dann
                        sagte sie (sie spricht schon ganz langsam und schwer): «Wie nett!» Das ist
                        das <hi rend="italic">erste</hi>
                        <hi rend="italic">freundliche</hi> Wort, das von meiner ganzen Familie «dazu»
                        fiel, und darum mußte ich wohl weinen. Und dann fuhr sie fort:
                        «Sag deinem <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>, ich sei vorbereitet – auf den Tod nämlich» und dann ganz
                        ängstlich: «Wenn Gott es annimmt.» – Ich werde sie kaum je wiedersehen.
                        -</p>
                    <p>Ich habe gedacht, daß du wohl nicht länger als den Dienstag<note xml:id="n02">
                            <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> kam von <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> her am Montag, dem <date when="1934-10-08">8.10.1934</date>, in <placeName ref="kbga-places-43">München</placeName> an und fuhr am Mittwoch,
                            dem <date when="1934-10-10">10.10.</date>, nach <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> zurück.</note>
                        hier sein wirst? Wenn
                        du nun im Hospiz wohnst – ich will mit <persName ref="kbga-actors-662">Lempp</persName> noch darüber sprechen – , fahre ich dir vielleicht <hi rend="italic">nicht</hi> entgegen, denn dann können wir den Montag abend ja
                        gut ganz oder teilweise <hi rend="italic">allein</hi> haben. Bis <placeName ref="kbga-places-1163">Lindau</placeName> ist es
                        eben doch teuer. Am Dienstag abend wird sich dann der Kreis versammeln,
                        vielleicht nebst <persName ref="kbga-actors-6092">Putz</persName><note xml:id="n03">
                            <persName ref="kbga-actors-6092">Eduard Putz</persName> (1907–1990),
                            1933 theologischer Hilfsreferent im Landeskirchenrat München; 1934 zur vorübergehenden
                            Dienstleistung bei der <orgName ref="kbga-actors-8355">1. VKL</orgName> nach Berlin abgestellt, 1935-1954 Pfarrer in Fürth, seit 1954 Dekan in
                                Erlangen. Mitglied der
                                <orgName ref="kbga-actors-8272">NSDAP</orgName> seit 1923, gründete
                            1927 den <orgName ref="kbga-actors-8363">NS-Studentenbund</orgName>
                            Tübingen; ordentliches
                            Mitglied der 1. Bekenntnissynode der <orgName ref="kbga-actors-8262">DEK</orgName> in Wuppertal-Barmen, als Mitglied der theologischen
                            Kommission Mitunterzeichner der Synodalvorlage der Barmer «Theologischen
                            Erklärung» (<bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 249 – 251</bibl> vgl.
                                <bibl corresp="kbga-bibls-2811"><persName ref="kbga-actors-6092">E. Putz</persName>, <hi rend="italic">Warum
                                    Bekenntnisgemeinschaft?</hi>, in: JK, Jg. 2 [1934],
                                S. 834-847</bibl>).</note> und
                            <persName ref="kbga-actors-6928">Ellwein</persName>. Und am Mittag
                        würdest du wohl – und vielleicht darf ich auch – bei <persName ref="kbga-actors-662">Lempp</persName> essen und alles Nötige mit ihm
                        besprechen. Ob du <persName ref="kbga-actors-7361">Sammetreuther</persName>
                        auch sehen willst (und <persName ref="kbga-actors-271">Meiser</persName>??),
                        steht dir dann ja frei. Und <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName>
                        ebenfalls. – In der Kirchensache scheint mir im Moment ein fauler Friede näher zu
                        liegen als Katzenhagel. Aber ich kann mich irren. –</p>
                    <p><pb xml:id="p394" ed="pga" rend="noPipe"/> Von einem schönen <persName ref="kbga-actors-382">Shakespeare</persName>
                        kann ich dir noch erzählen: «<bibl corresp="kbga-bibls-7491 ">Viel Lärm um nichts</bibl>». Ich war mit <persName ref="kbga-actors-7165">Emmy</persName>
                        dort, und es war die heiterste
                        Stunde dieser Zeit hier. – Mit <persName ref="kbga-actors-7188">Hertha</persName> hatte ich auch einen freundlichen Nachmittag, an dem
                        ich ihr versuchte die Aktualität der Offenbarung zu erklären. – Morgen
                        wollen <persName ref="kbga-actors-7165">Emmy</persName>, sie und ich uns
                        noch einmal vereinigen. Und an dem Abend mit dir wird sie auch zugegen
                        sein.</p>
                    <p>Guter lieber <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>, ich bin nicht mutlos. Nur so ein bißchen <hi rend="italic">traurig</hi>
                        allein. – Aber
                        dem Winter mit dir gehe ich trotz Allem <hi rend="italic">getrost</hi> entgegen.
                        Und auf den Anti-Grupper
                        <hi rend="italic">freue</hi> ich mich sogar. Ist
                            <persName ref="kbga-actors-63">Br[unner]</persName> nicht ein bißchen
                        schwach, daß er nun der Antwort so vorbeugen will? Fast kann er einen
                        dauern. –</p>
                    <p> Grüße deine <persName ref="kbga-actors-1037">Schwester</persName>.
                        Vielleicht habe ich mich geirrt in ihrem Verstehen, aber ich habe das
                        Gespräch auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> mit ihr
                        in guter und in dankbarer Erinnerung. Wenigstens hat sie mich einmal
                        liebevoll angehört. –</p>
                    <p>Deine schönen Karten freuen mich den ganzen Tag. Und dein Brief. <hi rend="italic">Lieber</hi> <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName>. Ich war so froh, daß du «<placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>» in<hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-403">Eduards</persName></hi> Haus bestehen
                        durftest. Dann bist du doch nicht allein.</p>
                    <p>Behüt dich Gott.</p>
                <closer>
                    <salute>Deine</salute>
                    <signed>
                        <persName ref="kbga-actors-223">L.</persName>
                    </signed>
                </closer>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
